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Soll und Haben, Bd. 1 (2)

Zweites Buch. (continued 2)

Reading edition

Er selbst war nicht zufrieden mit sich und suchte selbstquälerische Anklagen gegen sich zusammen. Er war ein Anderer geworden. Er war nicht gerade nachlässig in den Arbeitsstunden, aber seine Thätigkeit machte ihm wenig Freude, sie war ihm oft eine Last. Es war ihm begegnet, daß er in seinen Briefen Wichtiges vergessen hatte, ja er hatte sich ein paar Mal sogar in den Preisen verschrieben, und Jordan hatte ihm mit einer kurzen Bemerkung die Briefe zurückgegeben. Es fiel ihm ein, daß der Prinzipal sich in der letzten Zeit gar nicht um ihn gekümmert, und daß Sabine ihn vor einigen Tagen auf der Treppe kälter gegrüßt hatte, als gewöhnlich. Und neulich, als die Tante über Störung ihrer Nachtruhe klagte, weil Jemand so spät und geräuschvoll die Hausthür geöffnet, da hatten alle Collegen vorwurfsvoll auf ihn gesehen. Sogar der treue Karl hatte ihn vor der letzten Tanzstunde, wie Anton jetzt meinte, ironisch gefragt, ob er auch seinen Hausschlüssel bei sich habe. In solcher Stimmung ging Anton an seinen Schreibtisch und fing an, sein kleines Cassenbuch durchzusehen. Er hatte in den letzten Wochen keine Ausgaben eingeschrieben, ängstlich faßte er die Feder und suchte Rechnungen und Erinnerungen zusammen, um das Versäumte nachzuholen. Mit Schrecken entdeckte er, daß seine Schulden zusammen eine Summe ausmachten, welche er nicht tilgen konnte, ohne die kleine Hinterlassenschaft seiner Eltern anzugreifen. Er fühlte sich sehr unglücklich. Hohe Töne hatten lange Zeit in ihm geklungen. Das Schicksal hatte auf einer Saite die feinste Melodie gespielt, jetzt schnurrte die andere. Der Mißton sollte noch größer werden.

An demselben Abend kam der Kaufmann verstimmt aus der Ressource nach Hause, er beantwortete kurz Sabinens Gruß und ging mit starken Schritten im Zimmer auf und ab.

»Was hast du, Traugott?« frug die Schwester.

Der Bruder trat an ihren Stuhl. »Willst du wissen, wie Fink seinen Schützling bei Frau von Baldereck eingeführt hat? Du warst so bereit, dich über seine Freundschaft zu freuen. Er hat ein System von Lügen gesponnen und hat den unerfahrenen Wohlfart zu einem ruchlosen Abenteurer gemacht.« Er erzählte darauf, daß ihn ein älterer Offizier nach den Verhältnissen Antons gefragt hatte, und was dabei zu Tage gekommen war.

»Ist denn auch gewiß, daß Fink diese abgeschmackten Mährchen erfunden, und daß Wohlfart darum gewußt hat?« frug Sabine schüchtern.

»An Finks Betheiligung ist kein Zweifel. Der Streich sieht ihm zu ähnlich. Das ist der leichtsinnige frevelhafte Sinn, der nichts achtet, nicht einmal den Ruf des Freundes.«

Sabine lehnte sich an den Stuhl und nickte mechanisch mit dem Haupt. Ja, so war er. Wieder einmal empörte sich ihr Herz gegen ihn. »O wie traurig!« sagte sie vor sich hin. »Aber Wohlfart ist unschuldig, Traugott, das weiß ich bestimmt. Eine solche Lüge ist nicht in seinem Wesen.«

»Ich werde es morgen erfahren,« sagte der Kaufmann. »Um seinetwillen wünsche ich, daß du Recht hast.«

Am folgenden Morgen ging der Prinzipal durch das vordere Comtoir und rief Anton zu sich in die kleine Hinterstube. Da dies selten geschah, so folgte Anton mit der Ahnung, daß irgend etwas Unheimliches heranziehe. Der Prinzipal schloß hinter ihm die Thür, setzte sich recht ernsthaft vor ihm auf den Lederstuhl und begann mit strenger Miene: »Lieber Wohlfart, ich halte es für meine Pflicht, mit Ihnen über einige Gerüchte zu sprechen, die sich in der Stadt verbreitet haben. Man hält Sie für einen reichen jungen Mann von geheimnißvoller Herkunft, erzählt sich, daß Sie große Besitzungen in Amerika haben und daß vornehme Personen sich im Stillen lebhaft für Sie interessiren. Ich setze voraus, daß auch Ihnen diese Gerüchte zu Ohren gekommen sind, und wünsche zu wissen, was Sie gethan haben, dieselben zu widerlegen.«

Anton erwiederte erstaunt, aber mit Entschlossenheit: »Ich weiß nichts von einem solchen Gerücht, ich habe einige Male von Fremden sonderbare Anspielungen auf mein Vermögen gehört, ich habe stets widersprochen.«

»Haben Sie mit der nöthigen Entschiedenheit widersprochen?« frug der Kaufmann streng.

»Ich glaube, ja,« antwortete Anton ehrlich.

»Es wäre an dem müßigen Geschwätz wenig gelegen,« fuhr der Prinzipal fort, »wenn nicht Ihr eigener Charakter dadurch verdächtigt würde. Denn die Welt wird geneigt sein, anzunehmen, daß Sie selbst aus irgend einem Grunde bei der Verbreitung dieses Gerüchts thätig gewesen sind; für das Renommée eines Kaufmanns aber giebt es keinen schlimmeren Argwohn, als den, daß er durch niedrige Mittel sich einen Credit geben will, den zu beanspruchen er kein Recht hat.«

Anton stand starr.

Der Kaufmann fuhr fort: »Außerdem wird durch dieses Geschwätz auch der gute Ruf Ihrer Eltern angegriffen, denn man will wissen, daß Sie der heimliche Sohn eines sehr vornehmen Mannes sind.«

»O meine Mutter!« rief Anton, rang die Hände und die Thränen rollten aus seinen Augen. Er war so ergriffen, daß ihm der Prinzipal Zeit lassen mußte, sich zu beruhigen, und endlich begütigend sagte: »Fassen Sie sich, lieber Wohlfart, Sie haben jetzt die Aufgabe, die Unwahrheit dieser Erzählungen nachzuweisen. Sie werden Ruhe und männliche Haltung dazu brauchen.«

»Am schrecklichsten ist für mich der Gedanke,« rief Anton noch immer außer sich, »daß Sie selbst vielleicht glauben, ich hätte diese Unwahrheiten hervorgerufen, oder ich hätte sie mir gefallen lassen, um mich wichtig zu machen. Ich bitte Sie, mir zu glauben, ich habe bis zu dieser Stunde nichts davon gewußt.«

»Ich glaube Ihnen gern,« sagte der Kaufmann freundlicher, »aber Sie haben doch Manches gethan, um solchen Erzählungen Raum zu geben. Sie sind fortwährend in einem Kreise gesehen worden, welcher sich sonst gegen junge Männer in Ihrer Stellung sehr spröde verhält. Sie haben hier und da Ausgaben gemacht, welche Ihre Mittel offenbar übersteigen und jedenfalls unpassend für Sie waren.«

Anton hatte die dunkle Empfindung, daß er sich im Mittelpunkt der Erde viel behaglicher befinden würde, als auf der Oberfläche. »Ja,« sagte er endlich verzweifelnd, »Sie haben Recht, ich habe sehr Unrecht gethan, über meine Verhältnisse hinauszugehen, ich habe das während der ganzen Zeit empfunden; seit einigen Tagen, wo ich Casse gemacht habe und gesehen, daß ich in Schulden gekommen bin« — hier lächelte der Kaufmann fast unmerklich — »ist's mir klar geworden, daß ich auf unrechtem Wege bin, ich habe nur nicht gewußt, wie ich zurück soll. Jetzt werde ich nicht mehr zaudern,« fuhr er sehr traurig fort, »und Sie mögen die Güte haben, zu entscheiden, ob ich mich jetzt verständig benehme.«

»Nicht wahr, Fink hat Sie in die Gesellschaft der Frau von Baldereck eingeführt? Ich dachte es,« sagte der Prinzipal lächelnd, »vielleicht weiß er auch mehr von den Gerüchten, welche Sie gegenwärtig so beunruhigen.«

»Erlauben Sie, daß ich in Ihrer Gegenwart sein Zeugniß fordere, daß ich nichts von allen diesen Nachreden gewußt habe, und daß ich selbst wohl leichtsinnig gewesen bin, aber nicht niedrig. Fink ist mein Freund und kennt mein ganzes Verhalten.«

»Wenn es Sie beruhigt,« sagte der Prinzipal und ließ Herrn von Fink rufen.

Fink sah im Eintreten verwundert auf den aufgeregten Anton und frug, ohne die Gegenwart des Prinzipals sonderlich zu beachten: »Was Teufel, du hast geweint?«

»Ueber Verleumdungen,« sprach der Kaufmann ernst, »welche seine Solidität als Geschäftsmann und die Respectabilität seiner Familie angegriffen haben.« Darauf sagte er kurz, worum es sich handle.

Fink lachte und rief: »Er ist ein Kind; wozu sich um das müßige Geschwätz der Leute kümmern?«

»Er hat kein Recht, dies Geschwätz zu verachten, denn er hat es durch seinen Verkehr in den Kreisen, in die Sie ihn einführten, genährt.«

»Vor Allem bitte ich dich, mir hier vor Herrn Schröter zu bezeugen, daß ich keine Ahnung von alledem gehabt habe; du kennst mich genug, um zu wissen, daß ich keinen Fuß in die Gesellschaft der Frau von Baldereck gesetzt hätte, wenn ich für möglich gehalten, daß so etwas von mir gesagt werden kann.«

»Er ist ganz unschuldig,« sagte Fink mit überzeugender Gutmüthigkeit zum Prinzipal. »Unschuldig und harmlos wie das Veilchen, das still im Verborgenen blüht; wenn irgend Jemand Schuld hat bei dieser lächerlichen Geschichte, so bin ich es und außerdem die thörichten Menschen, welche so etwas verbreitet haben. Gieb dich zufrieden, Anton, wenn dir die Sache leid ist, so wollen wir sie bald wieder in Ordnung bringen.«

»Ich werde noch einmal zu Frau von Baldereck gehen und ihr mittheilen, daß ich die Tanzstunden nicht mehr besuchen kann.«

»Auch ich halte das für das beste Mittel,« sagte der Kaufmann.

»Ich fürchte, es wird nicht viel helfen,« bemerkte Fink weise.

»Dann habe ich wenigstens das Meinige gethan,« rief Anton.

»Wie du willst,« sagte Fink. »Tanzen hast du doch gelernt und deinen Hut verstehst du auch mit Anstand zu bewegen.«

Gegen Mittag sagte der Kaufmann zu seiner Schwester: »Du hast Recht gehabt, Wohlfart war in der Hauptsache unschuldig, Fink hat in seinem Uebermuth die ganze Intrigue angezettelt.«

»Ich wußte es,« rief Sabine und fuhr heftig mit der Nadel in ihre Stickerei. — »Wenn es möglich ist, Traugott, so verhüte jetzt eine neue Unbesonnenheit.«

»Sie müssen die Geschichte selbst abmachen,« antwortete der Kaufmann, »ich bin neugierig, wie sie das zu Stande bringen werden.«

Anton arbeitete den Tag über wie Einer, der sich betäuben will, sprach nur das Nöthige und ging am Abend trotzig die drei Treppen hinauf, sich anzukleiden, als ein Mann, der seinen Entschluß gefaßt hat.

Fink sah ihn den Tag über mißtrauisch an und frug sich selbst: »Was hat der Junge vor? Er geberdet sich, als sollte er das erste Duell abmachen.« Und hätte er in Antons Seele sehen können, vielleicht hätte auch ihn erschüttert, den Schmerz zu erkennen, der in dem jungen Herzen fraß. Es war nicht verletzter Stolz allein, nicht die Scham, wie ein Abenteurer und Betrüger zu erscheinen, denn diese beiden Empfindungen gingen unter in einem größeren Weh, in dem Gedanken an den Abschied von seiner geliebten Tänzerin.

Fink sprang die drei Treppen hinauf in Antons Zimmer, den er bereits angekleidet fand, sah das bleiche Gesicht des Freundes, das heute um ein Paar Jahre älter aussah, als gewöhnlich, und frug, seine Hand ergreifend: »Bist du böse auf mich?«

»Nicht auf dich und auf keinen Andern,« sagte Anton aufgeregt. »Höre mich an; wie das Gerücht entstanden ist, will ich nicht wissen. Es ist möglich, daß du dir einen Scherz mit mir und den Leuten gemacht hast.«

»Mit dir nicht, mein Kind,« sagte Fink.

»Jedenfalls hast du um das Geschwätz gewußt und mir nichts davon gesagt, das war nicht recht von dir, ich sage dir das jetzt und werde dir's nicht nachtragen, und wir wollen mit einander über diese Geschichte niemals wieder reden.«

»Höre,« sagte Fink, »ich habe die Notion, du nimmst das Geschwätz viel zu tragisch.«

»Laß mich,« fuhr Anton fort, »nur heut in meiner Weise handeln.«

»Was willst du denn thun?«

»Frage mich nicht, ich empfinde sehr deutlich, was ich thun muß. Laß uns gehen.«

»So thu', was du nicht lassen kannst,« sagte Fink gutmüthig, »aber vergiß nur Eines nicht, daß jede Art von Scene, die du vor den Leuten aufführst, sie nur amüsiren wird, um so mehr, je aufgeregter du dich zeigst.«

»Vertraue mir,« sagte Anton, »ich werde ruhig sein.«

Es war große Gesellschaft in den erleuchteten Zimmern, kleine Balltoilette, viel Lichterglanz, sämmtliche Familienmütter und mehrere Väter; einige eingeübte Tänze sollten zum Besten gegeben werden. Im Eintreten blickte Fink besorgt auf seinen Freund, Anton sah verstört aus, aber er schritt mit großer Energie vorwärts. Er machte sich von Fink los und trat sogleich zu Lenore, mit der er sich zum ersten Tanz bereits engagirt hatte. Das Fräulein sah heut so reizend aus, als möglich, sie hatte ihr erstes Ballkleid an, und die großen Augen strahlten vor Lust; sie kam ihrem Tänzer einige Schritte entgegen und sagte ihm mit freundlichem Vorwurf: »Sie kommen so spät, der Ball wird gleich anfangen, und ich hatte gehofft, mit Ihnen vorher noch eine Weile zu plaudern. Papa ist auch hier. Ich werde Sie ihm vorstellen. — Aber was haben Sie? — Sie sehen ja so feierlich aus!«

»Gnädiges Fräulein,« erwiederte Anton mit einer Verbeugung, »mir ist heut sehr traurig zu Muthe, ich kann nicht die Ehre haben, den nächsten Tanz mit Ihnen zu tanzen.«

»Und warum nicht?« frug die junge Dame erschrocken.

»Hören Sie mich an, Fräulein, ich werde nicht lange in dieser Gesellschaft bleiben und komme heut nur, mich bei Ihnen und der Dame vom Hause wegen meines Weggehens zu entschuldigen.«

»Aber Herr Wohlfart,« rief Lenore die Hände zusammenschlagend.

»Viel mehr als an der Meinung der Uebrigen liegt mir an Ihrer guten Meinung,« sagte Anton erröthend, »und vor Ihnen will ich mich zuerst rechtfertigen.«

»Sie sollen sich aber nicht rechtfertigen, ich verstehe Sie nicht,« rief die junge Dame.

Anton aber erzählte ihr mit fliegenden Worten, was er heute von seinem Prinzipal gehört, und versicherte sie eifrig, daß er von dem Gerücht nichts gewußt habe. »Das glaube ich Ihnen gern,« sagte Lenore vertrauensvoll, »Papa hat auch gesagt, daß es wahrscheinlich ein müßiges Geschwätz sei.« — Sie hielt inne, denn sie dachte in dem Augenblick daran, daß ihr Vater zugesetzt hatte, dieser Herr Wohlfart möge ein recht guter Mann sein, aber er passe doch nicht in die Gesellschaft. »Und weil Sie erfahren haben, was man sich über Sie erzählt, wollen Sie ganz aus der Tanzstunde ausscheiden?«

»Ja, ich will,« sagte Anton, »denn wenn ich hier bliebe, würde ich mich der Gefahr aussetzen, für einen Eindringling oder gar für einen Betrüger gehalten zu werden.«

Lenore warf das Köpfchen zurück und sagte gekränkt und heftig: »So gehen Sie, mein Herr!«

Dies war das beste Mittel, das Gehen unsers Anton zu verhindern, er blieb stehen und sah seine Tänzerin flehend an.

»Warum gehen Sie nicht?« frug das Fräulein noch heftiger.

Anton wurde sehr bleich; er sah mit tiefem Schmerz in das Gesicht seiner zornigen Dame und sagte mit zitternder Stimme: »Sagen Sie mir wenigstens, daß Sie nicht schlecht von mir denken wollen.«

»Ich werde gar nicht an Sie denken,« rief Lenore mit schneidender Kälte und wandte sich ab.

Der arme Anton stand einen Augenblick wie vernichtet, es war ein bitterer Schmerz, der seine unerfahrene Seele durchbebte. Wäre er zehn Jahre älter gewesen, so hätte er sich diesen heftigen Zorn vielleicht günstiger ausgelegt. Der Gedanke, daß er noch nicht fertig war, gab ihm seine Kraft wieder, er ging aufgerichtet, ja mit stolzem Schritt zu dem Kreise, in welchem Frau von Baldereck die Honneurs machte. Da waren alle die auserwähltesten Damen der Gesellschaft; die lange hagere Gräfin eine Tasse Thee trinkend, Eugeniens Mutter und neben ihr eine große Männergestalt; Anton wußte, ohne daß es ihm Jemand gesagt hatte, daß der stattliche Herr Lenorens Vater sein müsse. In dem Augenblick, wo er vor die Frau vom Hause trat, seine Verbeugung zu machen, flog sein Blick über die ganze Gesellschaft. Noch viele Jahre nachher lebte der Augenblick in seinem Gedächtniß, noch viele Jahre nachher wußte er die Farbe von jedem Kleide, er konnte noch die Blumen aufzählen, welche in dem Strauß der Baronin Rothsattel waren, ja, er erinnerte sich noch an das Bild der gemalten Tasse, aus welcher die Gräfin trank. Die Hausfrau empfing die Verbeugung unsers Helden mit herablassendem Lächeln und war im Begriff, ihm etwas Freundliches zu sagen, als Anton sie unterbrach und mit einer Stimme, die vor Bewegung zitterte, aber laut durch den ganzen Saal tönte, seine Rede begann, so daß nach den ersten Worten eine allgemeine Stille entstand: »Gnädige Frau, ich habe heut erfahren, daß in der Stadt erzählt wird, ich sei reich, ich besitze Güter in Amerika, und vornehme Herrschaften nehmen im Geheimen ein Interesse an mir. Ich erkläre dies Alles für Unwahrheit, ich bin der Sohn des verstorbenen Calculator Wohlfart aus Ostrau; ich habe von meinen Eltern fast nichts geerbt, als einen ehrlichen, unbescholtenen Namen. Ich bin dem Andenken an meine guten Eltern und mir selbst schuldig, das hier öffentlich zu erklären. Sie, gnädige Frau, haben die hohe Güte gehabt, einen fremden und unbedeutenden Menschen so freundlich in Ihrem Hause aufzunehmen und mich zur Theilnahme an den Tanzstunden dieses Winters aufzufordern. Ich darf nach dem, was ich heut gehört habe, nicht mehr daran Theil nehmen, weil mein fernerer Besuch der Tanzstunde den Unwahrheiten, welche man über mich verbreitet hat, Nahrung geben würde, und weil ich gar in den Verdacht kommen könnte, ein Betrüger zu sein, welcher die Gastfreundschaft Ihres Hauses mißbraucht. Deßhalb sage ich Ihnen meinen innigen Dank für Ihre Güte und bitte Sie, mir ein freundliches Gedächtniß zu bewahren.«

Die Rede war etwas zu pathetisch für den Kreis, in welchem sie wirken sollte, aber sie wirkte doch. Es entstand für einige Augenblicke tiefes Stillschweigen; die Gräfin hielt wie erstarrt ihre Tasse in der Luft zwischen Schooß und Mund, und die Frau vom Hause sah verlegen vor sich nieder.

Anton machte eine tiefe Verbeugung und ging zur Thür.

Da eilte aus der starren Gruppe mit beflügeltem Schritte eine helle Gestalt dem Scheidenden nach, faßte mit ihren Händen seine beiden Hände; Anton sah in Lenorens weinende Augen und hörte noch, wie sie mit weicher Stimme unter Thränen zu ihm sagte: »Leben Sie wohl!« Dann schloß sich die Thür hinter ihm, und Alles war vorbei.

Anton ging langsam nach Hause. Es war so ruhig und still in seiner Seele, als wäre er nie in dem Hause hinter ihm gewesen, er sah auf die großen Schneeflocken, welche vor ihm herunterfielen, und freute sich über die Spur, welche die Fußgänger in den weichen Schnee gedrückt hatten. Wenn er Schmerzen fühlte, so waren sie doch ohne Bitterkeit. Er trug sein Haupt stolz und dachte an alles Mögliche, woran ein unbefangener Spaziergänger denkt, an seine Eltern, an die Briefe, die er im Geschäft geschrieben hatte, an seinen Prinzipal und auch an den närrischen Tinkeles, den Fink heut wieder zum Comtoir hinausgewiesen. Aber in seinem Ohr klang fortwährend eine Melodie, die neben allen Gedanken forttönte, es waren die Worte Lenorens: »Leben Sie wohl!«

In dem Salon der gnädigen Frau kehrte das Leben zurück, als er das Zimmer verlassen hatte. Das erste Wort, welches gehört wurde, war der strafende Ruf der Mutter, die ihre Tochter zu sich forderte, welche in der vergangenen Scene eine so auffallende Rolle improvisirt hatte. »Lenore, du hast dich vergessen!« sagte die Mutter leise und bekümmert.

»Laß sie,« sagte der Freiherr mit Geistesgegenwart laut, »die Tochter hat gethan, was der Vater hätte thun sollen, der junge Mann hat sich brav gehalten, und wir werden ihm unsere Achtung nicht versagen.«

Unter den übrigen Gruppen aber erhob sich ein Gemurmel, die Einleitung zu lebhafter Unterhaltung. »Das war ja eine wahre Theaterscene,« sagte die Dame vom Hause mit nicht ganz natürlichem Lächeln; — »aber, wer hat uns denn gesagt —«

»Ja, wer hat denn gesagt? —« fiel Herr von Tönnchen ein.

Aller Augen richteten sich auf Fink.

»Sie sagten ja doch, Herr von Fink,« — fing Frau von Baldereck wieder an, sich majestätisch erhebend.

»Ja wohl,« fiel Herr von Zernitz ein, »und es ist doch etwas an dem Gerücht, mein Wort darauf! Ich selbst habe bei einem notariellen Act als Zeuge gedient,« fuhr er unvorsichtig heraus. »Erklären Sie doch, Fink.«

»Auch ich muß um Erklärung bitten, Herr von Fink,« fuhr die Hausfrau gereizt fort.

»Mich? gnädige Frau,« sagte Fink mit der Ruhe eines Gerechten, dem ein Unrecht geschieht. »Was soll ich von diesem Gerücht wissen? Ich selbst habe ihm widersprochen, so viel ich nur konnte.«

»Ja, das haben Sie,« ließen einzelne Stimmen sich hören, »aber Sie ließen merken —«

»Sie sagten doch —« fiel Frau von Baldereck ein.

»Was? gnädige Frau,« frug kalt der unerschütterliche Fink.

— »daß dieser Herr Wohlfart auf geheimnißvolle Weise mit dem — dem Kaiser — in Verbindung stehe.«

»Das ist unmöglich,« antwortete Fink mit größtem Ernst. »Das ist ein arges Mißverständniß! Ich habe Ihnen die Person des Herrn beschrieben, der Ihnen damals noch unbekannt war; es ist möglich, daß ich dabei eine zufällige Aehnlichkeit erwähnt habe.«

»Aber was ist das mit den Gütern?« fiel Herr von Tönnchen ein, »Sie selbst haben ja die Herrschaft an ihn cedirt, und dieser Verkauf war von auffallenden Umständen begleitet. Sie forderten von uns, die Sache als tiefes Geheimniß zu bewahren.«

»Da Sie mein Geheimniß so gut bewahrt haben, daß Sie es überall und jetzt hier vor der ganzen Gesellschaft erzählen,« entgegnete Fink lachend, »so tragen Sie und Zernitz offenbar die Schuld, wenn sich dies thörichte Gerücht verbreitet hat. Merken Sie auf, meine theuren Herren. Mein Freund Wohlfart hatte einmal in fröhlicher Stimmung geäußert, er wünsche wohl, Grundbesitz in Amerika zu haben. Ich machte mir einen Scherz und schenkte ihm zu Weihnachten eine Besitzung, die ich auf Long-Island bei Newyork hatte. Diese Besitzung, meine Herren, besteht in einer Sandgrube, welche mit Gesträuch bewachsen ist und in welcher eine breterne Vogelhütte zum Schießen von Strandvögeln steht. Wenn ich Sie gebeten habe, nicht davon zu sprechen, so war das ganz in Ordnung; daß Sie aber aus dieser Kleinigkeit ein Tau gesponnen haben, welches einen liebenswürdigen Mann von unserer Gesellschaft scheiden soll, thut mir sehr leid.« Ein kalter Hohn legte sich auf sein Gesicht, als er fortfuhr: »Mit Freuden sehe ich, wie sehr Sie alle dies Bedauern theilen, und wie stark Sie den gemeinen Bedientensinn verachten, welcher einen Mann deßwegen für salonfähig hält, weil irgend ein fremder Potentat sich um ihn gekümmert haben soll. Da wir aber den heutigen Ball mit Erklärungen angefangen haben, so will auch ich die Erklärung abgeben, daß Herr Anton Wohlfart legitimer Sohn des verstorbenen Herrn Calculator Wohlfart in Ostrau ist, und daß ich jede fernere Erwähnung dieser Mißverständnisse für eine Beleidigung meines nächsten Freundes halten werde. — Und jetzt, gnädige Frau, schenken Sie mir auf's Neue Ihre Huld, ich bin mit Fräulein Eugenie zur ersten Quadrille engagirt und fühle mich außer Stande, länger zu warten.«

In Frau von Baldereck kämpfte eine Weile verletztes Selbstgefühl und mütterliche Sorgfalt, endlich siegte, wie bei einer guten Natur zu erwarten war, die letztere; sie sagte, Fink vorwurfsvoll anblickend, leise: »Ich fürchte, Sie haben Ihr Spiel mit uns getrieben!« — Fink aber schüttelte den Kopf und erwiederte mit großer Aufrichtigkeit: »Man spielt nicht, wo man fühlt.« Darauf führte er Fräulein Eugenie zum Tanze.

Beim Antreten sagte ihm Lieutnant von Zernitz: »Sie haben Ihr Spiel mit uns getrieben, Fink, ich bedaure, darüber noch eine Erklärung von Ihnen fordern zu müssen.«

»Seien Sie verständig und fordern Sie nichts,« entgegnete Fink, »wir haben so oft mit einander um die Wette geschossen, daß es sehr thöricht wäre, wenn wir einer auf den andern zielen wollten.«

Da Fink bei weitem der beste Schütz in der Gesellschaft war, so sah Herr von Zernitz doch zuletzt ein, daß Fink Recht hatte. Und eine kleine Spannung von einigen Wochen abgerechnet, welche an einem stillen Abend bei der zweiten Flasche Burgunder durch Händeschütteln ausgeglichen wurde, hatte die Sache keine weitern Folgen. — Doch erkaltete seit dem Abgange Antons das Interesse, welches Fink an der Tanzstunde genommen, und weder Theone Lara noch Lenore hatten Ursache, seine Anspielungen zu fürchten, denn wenn er im Salon erschien, so begnügte er sich, der Tochter vom Hause und einigen erfahrenen Frauen seine Huldigung darzubringen, um die aufstrebende Jugend kümmerte er sich nicht mehr.

Anton aber war wie ein erlöschender Stern aus der Gesellschaft geschieden. Er wurde nicht wieder darin gesehen. Frau von Baldereck erkannte etwas spät, daß es passend sei, den jungen Mann, der doch einmal in ihrem Hause aufgenommen war, gelegentlich wieder einzuladen, um ihm und Andern zu zeigen, daß man seine Gegenwart nicht bloß deßhalb für anständig halte, weil er — sondern auch um seiner selbst willen. — Und einige andere Familien des Landadels dachten ebenso; da aber, wie bemerkt, alle diese Einladungen etwas spät kamen, und Anton sein Nichterscheinen entschuldigte, so geschah ihm in Kurzem, was viel bedeutenderen Größen der Gesellschaft zu begegnen pflegt, er wurde vergessen. Die früheren Eideshelfer bei der großen Urkunde, Herr von Zernitz und Herr von Tönnchen, redeten ihn noch eine Weile auf der Straße an, wenn er ihnen begegnete, dann grüßten sie ihn noch ein Jahr, und endlich kannten auch sie ihn nicht mehr.

Unserm Anton kam wenig darauf an. Er stürzte sich jetzt mit Leidenschaft in die Arbeiten des Geschäfts. Gleich am andern Morgen klopfte er an die Thür des kleinen Comtoirs und trat in das Allerheiligste des Prinzipals ein. Er erzählte ihm, was er gestern zu Frau von Baldereck gesagt habe, und fügte hinzu: »Ich werde nicht mehr in die Gesellschaft gehen und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, wenn ich in der letzten Zeit meine Pflicht nicht vollständig gethan habe, ich werde von heut an sorgfältiger sein.«

»Ich habe keinen Grund, über Sie zu klagen,« erwiederte der Kaufmann freundlich; »geben Sie mir die Summe an, welche Sie bedürfen, um Ihre Verhältnisse in Ordnung zu bringen.« Anton zog einen Zettel aus der Tasche, auf dem er gewissenhaft sein Debet aufgezeichnet hatte, Herr Schröter rief den Cassirer, ließ die Summe an Anton zahlen und diesem zur Last schreiben, und auch das war abgemacht.

Fink sagte am nächsten Tage zu Anton: »Du bist mit einem Knalleffect ausgetreten und hast von den ältern Herren der Gesellschaft das Zeugniß bekommen, daß du dich angemessen benommen hast.«

»Wer hat das gesagt?« Fink erzählte ihm die Aeußerungen des Freiherrn von Rothsattel und that, als bemerke er nicht, daß Antons Gesicht eine tiefe Röthe überflog. »Indeß wäre doch klüger gewesen,« fuhr Fink fort, »wenn du die Angelegenheit nicht so auf die Spitze getrieben hättest. Wozu die ganze Gesellschaft meiden, in der doch Einige sind, die dich persönlich lieb gewonnen haben?«

»Ich habe gehandelt,« sprach Anton, »wie mir mein Gefühl eingab, ein Anderer, der älter ist und mehr Welt hat, wird es vielleicht geschickter anfangen. Du kannst mir nicht zürnen, daß ich in dieser Sache nicht deinem Rath gefolgt bin.«

»Es ist merkwürdig,« dachte Fink, die Treppe hinuntersteigend, »bei welchen Gelegenheiten die verschiedenen Menschen lernen, den eigenen Willen zu gebrauchen. Dieser Knabe ist über Nacht selbstständig geworden, und was ihm das Schicksal jetzt von größeren Dingen bringt, er wird sicher Alles anständig durchmachen.«

Für Anton sowohl, als seinen Freund, war ein gutes Zeichen, daß ihr Verhältniß durch diese Scene nicht gestört wurde. Ja, es gewann an innerem Werth. Fink behandelte seinen jüngern Freund mit größerer Achtung, und Anton bewegte sich mit mehr Freiheit und gewöhnte sich, auch Fink gegenüber einen eigenen Willen zu haben. Und das richtige Urtheil des Jüngern trug allmälig dazu bei, den Aelteren von manchem losen Streich abzuhalten und seinen Uebermuth zu bändigen. Anton erfüllte seine Pflichten im Comtoir mit der größten Pünktlichkeit, sein Diensteifer war unendlich, und seine Zuvorkommenheit gegen die Collegen größer als jemals. Fink gewöhnte sich dadurch, ohne daß er es selbst merkte, auch seinerseits regelmäßiger im Geschäft zu erscheinen und die Arbeitsstunden besser auszuhalten. Nur einen Gegenstand gab es, über den er mit seinem Freunde nie sprach, obgleich er wußte, daß Anton immer an ihn dachte, das war die junge Dame der Tanzstunde, welche so viel Herz und Muth gezeigt hatte.

IV.

Nie hatten die Blumen so reichlich geblüht und nie die Vögel so lustig gesungen, als in diesem Sommer auf dem Gut des Freiherrn. Die Wintersaison hatte die Familie mit einem großen Theil des Landadels verbunden, und die Bekanntschaften des Theetisches und Ballsaales spannen sich jetzt unter dem blauen Himmel weiter. Fast immer war Besuch auf dem Schloß. Aus der Stadt kam Frau von Baldereck mit Eugenie, zuweilen auch der Laubfrosch, Zernitz und Benno Tönnchen, von ihrem Gut Frau von Werner mit einem Sohn und vier Töchtern. Theone und Hildegard waren wochenlang die Gäste Lenorens, sie hatten kein Mittel gefunden, ihren Schwur zu halten, und trafen jetzt wenigstens auf befreundetem Gebiet wieder zusammen. Das Haus schien manchmal zu klein, die Gäste zu fassen. In allen Zimmern des Schlosses und auf dem runden Rasenplatz tummelten sich die zierlichen Gestalten der Mädchen. Sie lasen Theaterstücke mit vertheilten Rollen, sie fühlten mit einander die zartesten und höchsten Gefühle durch, sie tanzten, sie schlugen den Dritten ab, oder ließen sich vom wilden Mann jagen. Und wenn die jungen Herren ja einmal langweilig wurden und die Stimmung der Mädchen nicht verstanden, so bestiegen diese den Kahn, ergriffen die Streichruder und zogen sich vom Festlande zurück in eine unangreifbare Stellung mitten auf dem Wasser. Wie süß wurde dort geschwärmt, wenn das Ruder leise in der Fluth plätscherte und der Mond über den Bäumen des Parks heraufzog. Um den Kahn hoben die Seerosen ihr weißes Haupt aus dem Wasser, erfreut, daß ihre Feinde, die Schwäne, zur Ruhe gegangen waren, das Bild des Mondes zitterte auf dem Kamm kleiner Kreiswellen, die Nachtigall schmetterte im Busch und ein warmer Windeshauch trieb den Duft blühender Sträucher über den See. Dann sangen Theone und Hildegard zweistimmige Lieder, oder Hulda Werner gestand eine holde Erinnerung aus der Residenz, oder Eugenie machte spöttische Bemerkungen über die unglücklichen Herren, welche am Uferrand auf- und abliefen und vergeblich durch List und Gewalt in den Besitz des Kahnes zu kommen suchten.

Aber die prächtigsten Stunden waren am Sonntag Abend; dann wurde das Winterkränzchen fortgesetzt, der Reihe nach im Schloß der Rothsattel, bei Werners, bei Balderecks. Wenn man nicht tanzte, trieb man schelmische Possen. Man verkleidete sich. Mit Mänteln, Shawls und Tüchern drapirte sich die junge Gesellschaft in der lächerlichsten Weise, dann stellte Zernitz, der in solchen Dingen ein Meister war, schnell ein Tableau, und die Väter und Mütter mußten als Publikum zusehen. Oder man führte Charaden in dramatischen Scenen auf, entweder aus dem Stegreif oder so, daß die Rollen der Einzelnen auf kleine Zettel geschrieben wurden, die man während der Aufführung in der Hand hielt. Die ganze Woche hindurch dachten die Mädchen auf hübsche Wörter, und wie man sie darstellen könnte. Classische Wörter wurden dort aufgeführt, zum Beispiel: »Referendarius,« als Reh, als Fee, als Wettrennen und als König Darius, wo Benno Tönnchen als todter Darius auf dem Boden lag, und die schöne Hulda Werner als Alexander der Große mit gerungenen Händen hinter ihm stand, worauf Lenore als Ganzes mit einer Brille auf der Nase und Acten unter dem Arm erschien und über den Laubfrosch, welcher ein Verbrechen begangen hatte, ihr Protokoll aufnahm. —

Und erst als das treffliche Wort Parthenia dargestellt wurde! Zuerst ein feierliches Ehepaar aus der alten Zeit; dann ein langweiliger Thee, dann ein schüchterner Liebhaber, welcher täglich seiner Dame einen Liebesantrag machen will und niemals damit zu Stande kommt, sondern immer sitzen bleibt, so daß die Dame zuletzt mit einem Seufzer die Erklärung ausrufen kann, »nie, nie!« und dann eine andere Brautwerbung, bei der ein verschämtes Bauermädchen ihrem Liebhaber, dem Otto Tronka, zuletzt ein leises Ja zuflüstern muß. — Theone Lara war als Bauermädchen bezaubernd, nur das Ja sprach sie nicht aus, sie schämte sich. — Und am Schluß erschien Lenore wieder als Ganzes, als eine griechische Jungfrau, und der Laubfrosch, der Nußknacker und der kleine Lanzau saßen als Wilde in schwarzhaarigen Schlittendecken um sie herum, und wurden von ihr ach! so schlecht behandelt.

Wie glücklich war Lenore in dieser Zeit! Zwar ein wenig Original war sie geblieben, und die Mutter schüttelte zuweilen den Kopf über einen kecken Einfall oder einen kräftigen Ausruf, der den Lippen des schönen Mädchens entschlüpfte. Natürlich tanzte Lenore immer als Herr, so oft es an Herren fehlte; sie war die Anführerin bei einigen entschlossenen Thaten, welche die Mädchen verübten, sie trieb ihre ganze Gesellschaft einmal wohl eine Meile weit auf einen Punkt, wo eine gute Aussicht sein sollte, sie zwang sie dann, in die Schenke des nächsten Dorfes einzukehren und Milch und Schwarzbrod als Abendkost zu genießen, und brachte die Todtmüden am späten Abend auf einem Leiterwagen zurück, den sie gemiethet hatte und auf dem sie stand und selbst kutschirte. Sie behandelte die jüngeren Herren fortwährend gönnerhaft, wie kleine Jungen, die ein Butterbrod in der Hand halten, sie ließ sich von ihnen Pferdegeschichten erzählen, und trat bei einer dramatischen Scene zum Schrecken der Mutter sogar selbst als Herr auf, mit einer Reitpeitsche und einem kleinen Bart von Wolle, den sie allerliebst zu drehen wußte. Dabei sah sie aber so wunderhübsch aus, daß die Baronin nicht im Ernst zürnen konnte.

Wenn jemand auf dem Gut mit dem neuen Leben der Familie nicht ganz zufrieden war, so war's die Baronin. Ueber ihren Gemahl war Zerstreuung und Geschäftigkeit gekommen, die wolkenlose ruhige Heiterkeit früherer Jahre schien aus seiner Seele verschwunden. Auch jetzt im Sommer fuhr er oft nach der Stadt, manchen Abend brachte er in der Ressource zu, und lustige Regimentskameraden, welche eine Frau zu nehmen vermieden hatten, zogen ihn häufig aus den Zimmern der Hausfrau in ihre Rauchstuben. Er verhandelte mit Ehrenthal und gefiel sich in lauter Gesellschaft, von der er sonst wenig gehalten hatte. Es war eine sehr geringe Veränderung des Freiherrn, nur für das Auge der Gattin erkennbar. Und auch die Baronin sah ein, daß sie Unrecht thue, über diese Veränderung zu trauern.

Aber auch ihr wurde in dieser Zeit große Freude. Eugen bestand sein Offizierexamen und kündigte seinen Besuch an, um die Schnüre auf seinen Achseln zu zeigen. Die Mutter ließ ihm sein Zimmer neu einrichten, und der Vater stellte einen Gewehrschrank und eine neue Jagdausrüstung hinein, die er ihm zum Geschenk bestimmte. Als die Stunde kam, wo Eugen eintreffen sollte, konnte der Freiherr die Ankunft gar nicht erwarten, er ließ satteln und ritt dem Sohn bis zum nächsten Dorf entgegen. Und als eine kleine Staubwolke auf der Landstraße das Nahen des Reiters verkündete und der Vater die schlanke Gestalt des Husarenlieutnants vor sich erblickte, das Gesicht, welches der geliebten Frau so ähnlich sah, da sprang er wie ein Jüngling vom Pferde, der Sohn that im Nu dasselbe, und es war ein guter Anblick, als die beiden ritterlichen Gestalten einander auf der Heerstraße umarmten. Und stattlich anzusehen war's, als sie neben einander dem Schlosse zutrabten.

»Ich bringe dir auch gute Nachricht vom Regiment,« begann Eugen nach dem ersten Austausch freudiger Fragen und Antworten. »Zuerst läßt dich der Oberst grüßen.«

»Er war seiner Zeit ein toller Junge,« sagte der Vater.

»Jetzt ist er ein Brummbär,« sagte der Sohn. — »Unser Avancement wird magnifique. Waldorf wird ausscheiden müssen, weil seine Brust immer schlechter wird; Balduin Tronka will sich versetzen lassen, er hat mit dem Rittmeister einen famosen Streit gehabt, die Geschichte muß ich dir noch erzählen, und Stallinger bekommt das Majorat seines Onkels, der auf dem Tode liegt. Er wird ein fanatisch reicher Kerl. Man sagt, Zwanzigtausend Revenüen.«

»Das ist sehr übertrieben,« sagte der Vater, »das Majorat ist wenig größer, als unser Gut.«

»Jedenfalls wird er seinen Walach dem Wachtmeister schenken,« sagte der Sohn. »Er hat dem Tisch einen süperben Satz versprochen. Wie gefällt dir mein Brauner, Vater?« Sie hielten vor dem Hofe an, der Lieutnant ritt das Pferd vor. Der Freiherr untersuchte als Kenner und sprach im Allgemeinen seine Billigung aus. Vor dem Pferdestall hielten sie noch einmal an. »Wir wollen die Frauen überraschen,« sagte der Freiherr. Als der Reitknecht die Pferde abnahm, konnten Vater und Sohn sich nicht enthalten, auf einen Augenblick in den Stall zu treten. Zuerst prüften sie die Reitpferde des Freiherrn, dann gingen sie die Reihe der Ackergäule durch. Mit Gönnermiene schlug der Lieutnant das eine oder andere, einen persönlichen Bekannten an den Hals und sprach zur Freude des Vaters mit militärischer Kürze entschiedene Urtheile über die Tüchtigkeit aus. Die Knechte standen ehrerbietig herum, Vater und Sohn geriethen in Eifer und theilten einander nicht aufzuschiebende Sportanekdoten mit, der Freiherr mit der Ruhe eines alten Roßbändigers, der Lieutnant mit jugendlichem Feuer, seelenvergnügt, vor der erprobten Weisheit des Vaters auch seine lustig grünende Wissenschaft zu zeigen. Bei Lenorens Pony erinnerten sich Vater und Sohn zu gleicher Zeit an die Frauen des Hauses und eilten schnell aus dem Stall nach dem Schlosse.

In der Rosenlaube hielt die Baronin ihren Sohn umschlungen, während Lenore ihm liebkosend auf die Schultern klopfte. — Jetzt erst begann die rechte Freude auf dem Schloß. — Die Augen der Eltern glänzten, so oft sie auf die hohe Gestalt des Reiters sahen. Wenn einzelne seiner Ausdrücke und Geberden noch an die Reitbahn erinnerten, so ertrug auch die Baronin das mit freundlichem Lächeln. Denn seit alter Zeit ist der Stall die Vorhalle, durch welche der Cavalier zu den gefälligen Formen des Salons hinaufsteigt. Im Kreise der Mädchen eroberte sich Eugen sofort die Herrschaft, wenigstens in allen lustigen Stunden wurde er ihr bevorzugter Gefährte. Er machte seine Besuche in der Umgegend, man lud ein und wurde geladen, ein fröhliches Fest folgte dem andern.

Das Behagen an diesem bunten Treiben wurde dem Freiherrn durch einen Umstand beeinträchtigt: er konnte durchaus nicht mehr mit seinem Gelde auskommen. Was zwanzig Jahre hindurch möglich gewesen war, erwies sich jetzt als völlig unmöglich. Das Winterquartier in der Stadt, die größere Ausdehnung seiner gesellschaftlichen Verbindungen, die Epauletten seines Sohnes, die Florkleider und Spitzen Lenorens, sogar die Zuschüsse, welche er zu den jährlichen Zinsen seiner Pfandbriefe machen mußte, um die Interessen an die Landschaft zu zahlen, das Alles zusammen wurde ihm unbequem. Die Erträge des Gutes wurden zuweilen ungeduldig erwartet und schnell in Anspruch genommen, sie wurden dadurch nicht größer und nicht sicherer; und mancher verständige Vorsatz früherer Zeiten blieb unausgeführt. Der Freiherr hatte den Plan gefaßt, eine sterile Sandfläche an der Grenze seines Gutes mit Kiefern zu besäen, sogar die unbedeutenden Kosten dieser Verbesserung wurden ihm lästig, und der gelbe Sand glänzte ungefurcht das ganze Jahr in der Sonne. Wieder war er mehr als ein Mal in die Lage gekommen, die zierliche Cassette, welche seine geliebten Pfandbriefe beherbergte, zu öffnen und einzelne Nummern des schönen Pergaments herauszunehmen; wieder umwölkte sich seine Stirn, und wieder durchfuhr eine fliegende Unruhe sein in der Regel so würdig gehaltenes Wesen. Aber es war nicht mehr die quälende Angst einer früheren Zeit, er hatte bereits eine kleine Praxis in Geschäften erworben und sah die Sache ein wenig kaltblütiger an. Es mußte einen Weg geben, aus diesen Verlegenheiten herauszukommen, im schlimmsten Falle lebte er noch einen, höchstens zwei Winter in der Stadt, bis Lenorens Erziehung vollendet war, und zog sich dann mit Energie in seine Landwirthschaft zurück. Er fühlte, daß ihn das kein großes Opfer kosten würde. Und dann führte er seine industriellen Projecte aus, als guter Wirth nur auf die Zukunft der Kinder bedacht. Unterdeß beschloß er, sich gelegentlich bei Ehrenthal Rath zu holen. Der Mann war im Ganzen doch wohl ein ehrlicher Mann, soweit ein Negociant einem Edelmann gegenüber so etwas sein kann; und was die Hauptsache war, er kannte die Verhältnisse des Freiherrn ziemlich genau, und der Herr fühlte ihm gegenüber nicht die Scheu, welche ihn abhalten mußte, einem Fremden Bekenntnisse zu machen.

Wie immer, erschien auch diesmal der Händler zu rechter Zeit. Seine diamantene Busennadel blitzte, seine unterwürfigen Complimente gegen die Baronin waren lächerlicher als je, und seine Bewunderung des Gutes zeigte sich wahrhaft grenzenlos. Der Freiherr führte ihn in guter Laune durch die Wirthschaft und sagte endlich: »Sie sollen mir einen guten Rath geben, Ehrenthal.«

Ehrenthal zuckte mit den Augen und sah den Freiherrn schlau an.

Es waren nur wenige Jahre vergangen, seit sie einen ähnlichen Gang durch die Gebäude des Hofes gemacht hatten, und sehr hatten sich die Zeiten geändert! Damals mußte der Händler seinen guten Rath dem stolzen Baron so vorsichtig und in Süßigkeiten eingehüllt anbieten, wie man dem unartigen Kinde eine Arznei einflößt, und jetzt kam derselbe Herr bereits Hülfe suchend zu ihm.

Der Freiherr fuhr mit möglichst leichtem Tone fort: »Ich habe in diesem Jahr größere Ausgaben gehabt, als früher, selbst die Pfandbriefe verlangen Zuschüsse, ich muß darauf denken, meine Einnahmen zu vermehren. Was ist nach Ihrer Meinung für diesen Zweck am besten zu thun?«

Die Augen des Händlers glänzten, aber er erwiederte mit gebührender Demuth: »Was zu thun ist, werden der Herr Baron besser wissen, als ich.«

»Nur keins von Ihren Geschäften, Ehrenthal,« warf der Freiherr vorsichtig ein. »Ich werde mit Ihnen nicht wieder in Compagnie treten.«

Kopfschüttelnd antwortete Ehrenthal: »Es ist auch nicht immer zu machen ein solches Geschäft, welches ich mit gutem Gewissen dem Herrn Baron empfehlen kann. Der gnädige Herr hat fünfundvierzigtausend Thaler liegen in Pfandbriefen. Wozu sich halten die Pfandbriefe, welche so wenig Zinsen geben? Wenn Sie dafür kaufen eine sichere Hypothek zu fünf Procent, so werden Sie davon zahlen vier Procent an die Landschaft und ein Thaler vom Hundert bleibt Ihnen als Vortheil, ein jährlicher Vortheil von vierhundertfünfzig Thalern für Ihre Casse. Und Sie können dabei haben noch einen größeren Vortheil. Manche sichere Hypothek zu fünf Procent wird angeboten zum Kauf mit großem Profit für den Käufer, welcher baar Geld bezahlen kann. Sie werden vielleicht vierzigtausend Thaler zahlen, vielleicht noch weniger, und eine gute Hypothek erhalten, welche Ihnen bringt fünf Procent Zinsen von fünfundvierzigtausend Thalern.«

Der Freiherr antwortete: »So war auch mein Gedanke, aber mit der Sicherheit solcher Hypotheken, welche auf dem Markt in den Händen von Euch Händlern sind, sieht es schlecht aus, und ich kann mich darauf nicht einlassen.«

Ehrenthal wälzte durch eine Handbewegung jeden Bruchtheil dieses Vorwurfs, welcher ihn persönlich hätte treffen können, von sich ab und sagte ärgerlich über den unsoliden Schacher mit solchen Instrumenten: »Ich mache nicht gern Geschäfte mit Hypotheken; was so ist auf dem Markt in den Händen der Händler, das ist nichts für den Herrn Baron; Sie müssen sich wenden an einen zuverlässigen Mann. Sie haben einen Rechtsanwalt, welcher gute Geschäftskenntniß hat, vielleicht kann der Ihnen schaffen eine sichere Hypothek.«

»Sie wissen also keine?« frug der Freiherr prüfend und doch mit dem stillen Wunsche, daß Ehrenthal ihm die Mühe erleichtern möchte.

»Ich weiß keine,« sagte der Händler mit größter Entschiedenheit. »Aber wenn Sie wünschen, will ich mich erkundigen unter der Hand; es sind immer welche zu haben. Auch Ihr Rechtsanwalt wird Ihnen sagen, was er für sicher hält. Solche Herren geben sich nur keine Mühe bei den Verhandlungen vor dem Kauf, und Sie werden beim Rechtsanwalt voll einzahlen müssen die ganze Summe für dieselbe Hypothek, welche Sie durch einen Geschäftsmann können erhalten mit einem Vortheil von einigen Tausend.«

Da in der Seele des Freiherrn dieser Vortheil bereits die größte Wichtigkeit erlangt hatte, so faßte er in der Stille seinen Entschluß. Er wollte sehr vorsichtig sein, aber wo möglich lieber eine bereits vorhandene Hypothek kaufen, als durch seinen Rechtsfreund das Geld anlegen lassen. Und dem Händler sagte er: »Es eilt nicht; falls Sie etwas Passendes finden, benachrichtigen Sie mich.«

»Ich will mir Mühe geben,« sprach der Händler mit Zurückhaltung, »aber es wird am besten sein, wenn auch der Herr Baron bei diesem Geschäft Erkundigungen einziehen, denn ich mache sonst keine Geschäfte mit Hypotheken.«

Wenn diese Aeußerung auch nicht wahrhaftig war, so erfüllte sie doch ihren Zweck, denn die kühle Unschuld des Händlers steigerte das Zutrauen des Freiherrn zu ihm um ein Bedeutendes. Ehrenthal aber suchte eilig von dem Gute wegzukommen; er vernachlässigte diesmal die feinwolligen Sprungböcke, übersah das runde Aussehen der Sperlinge auf dem Dache und grollte seinem Kutscher, weil dieser zu langsam fuhr. »Wenn ich einer Schnecke binde die Zügel an ihre Hörner, so wird sie mich schneller fahren als Ihr,« zankte er ärgerlich und rückte auf seinem Sitze hin und her.

Der Kutscher peitschte verdrießlich die Pferde und warf grob über die Schultern zurück: »Wenn Sie Ihren Pferden mehr Hafer geben, werden sie mehr sein wie die Schnecken. Zwei Metzen Hafer, und er verlangt Galopp auf steinigem Wege!«

Der Freiherr fuhr am nächsten Tage nach der Stadt und ersuchte seinen Rechtsfreund, die nöthigen Anstalten zur Erwerbung einer Hypothek zu machen. Er verbarg ihm nicht, daß er dieselbe gern mit einigem Vortheil erhalten würde.

Der verständige Jurist rieth ihm dringend, auf solchen Vortheil zu verzichten, weil keine Aussicht sei, daß er eine sichere Anlage um weniger als den Nennwerth bewirken werde. Grade dieser Rath machte den Freiherrn nur noch mehr geneigt, sich beim Erwerb der Hypothek seinem eigenen Urtheil zu überlassen.

Einige Tage darauf meldete sich beim Baron ein starker großer Mann mit röthlichem, glänzendem Gesicht, ein Herr Pinkus aus der Hauptstadt. Der würdige Herbergsvater wurde in das Arbeitszimmer des Barons geführt und beeilte sich, sein Erscheinen zu entschuldigen. Er hatte gehört, daß der gnädige Herr Geld anzulegen wünschte, und wußte eine ausgezeichnet sichere, höchst empfehlenswerthe Hypothek von vierzigtausend Thalern auf eine große Herrschaft in der benachbarten Provinz, Eigenthum des reichen Grafen Zaminsky, der im Auslande lebte. Die Güter, auf welchen die Hypothek haftete, hatten alle möglichen Vortheile; es waren drei, vier Güter, es war eine Waldfläche dabei von mehr als zweitausend Morgen, und reiner Urwald war das nach den Schwüren des Berichterstatters. Vier Dörfer waren zu Spann- und Handarbeit verpflichtet, hundert Stellen in vier Dörfern hatten baares Geld an die Herrschaft zu zahlen, kurz es war eine Besitzung, welche dem größten Fürsten keine Schande gemacht hätte. Und diese Hypothek von vierzigtausend Thalern stand mit ihrem Pfandrecht gleich hinter den ersten hunderttausend Thalern. Hinter ihr waren noch fünf oder sechs kleinere, aber immerhin ansehnliche Capitalien eingetragen. Die Hypothek war gegenwärtig im Besitz des Grafen Zaminsky selbst. Er hatte dieselbe seinem Geschäftsträger zum Verkaufe cedirt. Und dieses vortreffliche Instrument war, wie Pinkus geheimnißvoll andeutete, möglicherweise für neunzig Procent, also für sechsunddreißig tausend Thaler zu haben. Es war unbequem, daß die Herrschaft in einer benachbarten Provinz lag, in welcher die Landwirthschaft noch viele alterthümliche Eigenheiten hatte. Aber die Grenze war höchstens zwei Meilen entfernt, die nächste Kreisstadt war durch die Chaussee mit der Welt verbunden, kurz es gab nichts, was nicht bei unbefangener Betrachtung an der Hypothek einnehmend erschienen wäre, und Pinkus würde sich nie entschlossen haben, einen solchen Schatz irgend einem fremden Käufer zu gönnen, wenn dieser nicht in so ausgezeichneter Weise alle Tugenden in seiner Person vereinigte, wie der Freiherr.

Der Gutsherr verhielt sich gegenüber diesen Anpreisungen würdig, wie einem Mann von Erfahrung geziemte. Vor seinem Abgange zog Pinkus ein dickes Actenbündel, welches das Document selbst vorstellte, aus einer Ledertasche hervor und legte dasselbe vertrauensvoll vor dem Freiherrn auf den Tisch, damit dieser mit Muße die Richtigkeit aller Angaben prüfen könne.

Am andern Morgen fuhr der Freiherr mit dem Document zu seinem Rechtsfreund, ersuchte ihn, dasselbe durchzusehen und die nöthigen Ermittelungen anzustellen. Er selbst stieg die schwarze Treppe zur weißlackirten Pforte des Herrn Ehrenthal hinauf.

Ehrenthal war entzückt über das Glück, welches ihm widerfuhr, er warf seinen Schlafrock mit Blitzeseile ab und bestand darauf, der Herr Baron möge ihm die unendliche Ehre erweisen, bei ihm zu frühstücken. Der Freiherr war human genug, das nicht ganz auszuschlagen; er wurde in das distinguirte Putzzimmer des Hauses geführt und sah mit innerer Heiterkeit über die auffallenden Farben der bunten Vorhänge, den rothen Plüsch des Sophas, den unsaubern Fußboden und die zahlreichen schlechten Oelbilder an den Wänden, dicke Farbenmassen, welche wahrscheinlich auf dem Trödel gekauft waren und schwärzlichen Baumschlag aus irgend einem unreinlichen Welttheil darstellten. Die schöne Rosalie trat nach einer Weile selbst herein mit rabenschwarzen Hängelocken, in rauschendem Seidenkleid, machte eine tiefe Verbeugung und besetzte den Frühstückstisch. Es war dem Freiherrn eine stille Unterhaltung, zu beobachten, wie die gezierte Haltung der Tochter mit dem kriechenden Wesen des Vaters contrastirte, und der gute Herr freute sich schon darauf, wie er auf den Abend beim Theetisch der Baronin und seiner Lenore dies wunderliche Gemisch von Luxus und Unbehülflichkeit schildern würde. So saß er auf dem Sopha und sah mit freundlichem Lächeln auf den Händler. Herr Ehrenthal saß ihm gegenüber und freute sich auch und auch sein Mund lächelte verbindlich. Endlich sagte der Freiherr, nachdem er der schönen Tochter des Hauses einige artige Worte gegönnt hatte: »Kennen Sie einen Herrn Pinkus, lieber Ehrenthal?«

Die Tochter verschwand bei diesen geschäftlichen Andeutungen, der Vater rückte sich auf seinem Stuhle zurecht. »Ja, ich kenne ihn,« sagte er kühl, »er ist ein kleiner Geschäftsmann; ich glaube auch, daß er ist ein ehrlicher Mann. Er ist nicht von Bedeutung, er macht seine Geschäfte nach Polen zu.«

»Haben Sie diesem Herrn etwas von meinem Wunsche gesagt, eine Hypothek zu kaufen?« frug der Freiherr weiter.

»Was sollte ich es ihm sagen?« antwortete Ehrenthal; »ist er gewesen bei Ihnen wegen einer Hypothek,« fuhr er kopfschüttelnd fort, »so hat er es erfahren von einem andern Geschäftsmann, mit dem ich darüber gesprochen. Der Pinkus ist ein kleiner Mann, was kann er bringen eine Hypothek für Sie?« Hier deutete Herr Ehrenthal durch eine Handbewegung an, wie klein Pinkus sei, und hob die Augen in die Höhe, gleichsam um die unermeßliche Höhe des Barons anzudeuten.

Der Baron erzählte ihm darauf, welche Hypothek der Unterhändler ihm angeboten habe, und frug nach den Gütern und Verhältnissen des Grafen.

Herr Ehrenthal wußte nichts Näheres, besann sich aber, daß ein respectabler Geschäftsmann aus jener Gegend in der Stadt sei, und erbot sich, diesen Mann aufsuchen zu lassen und in die Wohnung des Freiherrn zu senden.

Das nahm der Freiherr an und erhob sich. Ehrenthal begleitete ihn die Treppe hinunter bis in den Hausflur und sagte beim Abschiede: »Seien Sie vorsichtig mit der Hypothek, Herr Baron, es ist schönes Geld, und es giebt viele schlechte Hypotheken, aber es giebt auch gute Hypotheken, und es wird viel geschwatzt von manchen Geschäftsleuten zur Empfehlung ihrer Sachen. Und was den Löbel Pinkus betrifft, so ist er nur ein kleiner Mann, er wird nicht viel haben vom Geschäft, aber er ist, so weit ich ihn kenne, ein ehrlicher Mann. Was Sie mir von der Hypothek sagen, scheint gut, aber doch bitte ich unterthänig, Herr Baron, seien Sie vorsichtig.«

Da der Freiherr durch diese wortreiche Rede um nichts klüger geworden war, so ging er in seine Wohnung und erwartete mit Ungeduld die Ankunft des fremden Geschäftsmanns. Dieser ließ nicht lange auf sich warten. Diesmal war es ein Herr Löwenberg, in seiner Erscheinung ein Seitenstück zu Ehrenthal und Pinkus. Nur war er etwas hagerer und trug als Mann aus der Provinz ein schweres spanisches Rohr und in der Hand eine Mütze. Er gab sich als Weinkaufmann zu erkennen und zeigte sich über die betreffenden Güter und die Verhältnisse des Grafen sehr gut unterrichtet. Er erzählte, daß der gegenwärtige Besitzer noch jung sei und im Auslande lebe, daß der verstorbene Vater desselben etwas bunt gewirthschaftet habe, dagegen sei jetzt bessere Ordnung eingeführt, man erzähle Gutes von dem Erben, und wenn auch Capitalien auf den Gütern ständen, so habe die Familie doch so viele Mittel, daß an eine Gefährdung ihres Besitzes gar nicht zu denken sei. Die Güter seien noch nicht auf hoher Culturstufe, jedenfalls sei aber viel daraus zu machen, und er hoffe, der junge Graf werde der Mann dazu sein. Alles, was er sagte, war nicht übertrieben, es klang recht nüchtern und verständig. Das Ganze war entschieden günstig, und als der Fremde den Baron verließ, war dieser fest entschlossen, das Geschäft zu machen. Um nichts zu versäumen, ging er noch zu einem seiner Bekannten und zog Erkundigungen ein. Was er erfuhr, war nicht viel, aber auch nicht ungünstig. Die Hauptsache war, daß die Familie eine sehr alte und in ihrer Provinz angesehene Familie war, und daß der verstorbene Graf Zaminsky wild gewirthschaftet hatte. Bevor er nach Hause fuhr, erhielt er einen Gegenbesuch des Herrn Ehrenthal, welcher ihn benachrichtigte, daß die Wolle der Schafe auf diesen Gütern allerdings nicht fein sei, und dagegen vom Freiherrn erfuhr, daß er vor Allem noch das Gutachten seines Rechtsfreundes abwarten wolle, bevor er sich entschließe.

Das kleine Comtoir Ehrenthals lag im Wohnhaus zu ebener Erde und hatte seinen einzigen Eingang von dem Hausflur. Es war gegen Abend, als Herr Ehrenthal in das Comtoir trat, wo Itzig gelangweilt vor einem Buch weißen Briefpapiers saß und die Ankunft seines Meisters erwartete. Ehrenthal war in großer Aufregung, er legte seinen Stock auf den Tisch, vergaß aber seinen Hut abzunehmen und schritt unruhig in dem Raume auf und ab.

Itzig dachte: »Was thut der Mann? Was hat er, daß er so in Sorgen ist?« Da trat Ehrenthal vor Itzig und sagte mit Eifer: »Itzig, heut werden Sie zeigen, ob Sie verdienen, daß Sie Brod bei mir haben und den Mittagstisch, den ich Ihnen gebe wegen Ihrer Bildung.«

»Was soll ich thun?« sprach Veitel und erhob sich von seinem Sitz.

»Erst werden Sie mir rufen den Löbel Pinkus, dann werden Sie mir bestellen eine Flasche Wein und zwei Gläser, und dann gehen Sie fort, ich brauche Sie heut nicht mehr. Sie sollen mir aber gehen und herausbringen, an wen der Justizrath Horn, welcher wohnt am Markte, heut geschrieben hat nach Rosmin, außerhalb der Provinz, und wenn er heut nicht geschrieben hat, an wen er morgen schreibt. Ich werde Ihnen geben fünf Thalerstücke, damit Sie das können erfahren. Wenn Sie mir heut Abend noch Antwort bringen, so sollen Sie außerdem haben einen Ducaten.«

Veitel erglühte innerlich, entgegnete aber mit dem Schein von Kälte: »Ich kenne keinen von den Schreibern des Justizraths und brauche Zeit, bis ich machen kann ihre Bekanntschaft. Morgen Abend sollen Sie Antwort haben, Sie können mir aufheben den Ducaten auf morgen.«

»Wenn Sie Bescheid bringen, kommen Sie zu jeder Zeit, und wenn es wäre nach Mitternacht,« rief ihm Ehrenthal nach.

Itzig sprang die Treppe hinauf, bestellte in der Küche eine Flasche Wein und lief dann als Spürhund auf die Straßen.

Unterdeß schritt Herr Ehrenthal, den Hut auf dem Kopfe, die Hände auf dem Rücken, immer noch in dem Comtoir auf und ab, und nickte dabei mit dem Haupt wie eine Pagode. So sah er in dem Halbdunkel des Zimmers aus wie ein dickes schwarzes Gespenst, das seinen abgeschlagenen Kopf nicht fest auf den Schultern halten kann.

Veitel führte auf seinem Gange lebhafte Unterhaltung mit sich selbst. »Was ist los?« frug er, »es muß ein großes Geschäft sein und soll mir bleiben ein Geheimniß. Ich soll den Pinkus holen. Der Pinkus ist gewesen vor einigen Tagen beim Ehrenthal, und den Tag darauf ist er gefahren auf's Land zum Baron Rothsattel. Das Geschäft ist also über den Baron. Und der Ehrenthal will Einem vorsetzen ein Glas Wein, der Pinkus bekommt keinen Wein, es muß sein ein Anderer, es wird nicht sein der Baron selbst, denn den Edelmann führt er nicht auf's Comtoir, der muß oben hinauf zum rothen Plüsch. — Wenn der Pinkus zu thun hat bei dem Geschäft mit dem Baron, so kann er nur haben gestellt das Sprenkel für den Rothschwanz, und der jetzt Abends kommt, den ich nicht sehen soll, der muß sein der Treiber, — und der Ehrenthal selber? Als er heut herunter ging mit dem Baron, habe ich gehört, wie er sagte. »Seien Sie vorsichtig!« Folglich ist der Alte der Scheucher. Wenn der Ehrenthal scheucht, so muß es sein ein großes und ein delicates Geschäft.« Bei diesem Punkte seines Monologs war Veitel vor der Herberge angekommen, er bestellte seinen Wirth, der eilig aus dem Laden in seine Stube lief, sich einen besseren Rock anzuziehen, und ging dann im Selbstgespräch weiter. »Wenn der Schreiber, der die Briefe aus dem Geschäft des Justizraths trägt, um sieben Uhr zur Post geht, und ich die Adresse von den Briefen lesen könnte, so würde ich mir ersparen die fünf Thaler,« überlegte er weiter. »Es geht nicht,« setzte er bekömmert hinzu, »er giebt die Briefe in einem Haufen in das Postloch hinein, der Postmann ist zu schnell, ich werde nicht lesen können die verkehrten Adressen. — Vielleicht kann ich's doch möglich machen; der die Briefe auf die Post trägt, ist gewöhnlich ein junger Mensch, vielleicht kann ich über ihn kommen. Und geht's nicht so, so geht's anders, ich kenne einen Schreiber von einem Justizmann, welcher schon manchen Groschen von mir verdient hat. Die Schreiber kennen einander alle. Wenn ich ihm zwei Thaler gebe, besorgt er mir das Verzeichniß der Briefe von seinem Collegen, drei Thaler will ich sparen.«

Nachdem Veitel diesen Entschluß gefaßt hatte, ging er in das Haus des Rechtsanwalts und stellte sich, wie Jemand erwartend, so auf, daß er das Amtslocal im Auge hatte; es war kurz vor dem Schluß der Sprechstunde; mehrere Menschen, welche den vielbesuchten Notar consultirt hatten, kamen die Treppe herab. Endlich polterte ein eiliger Schritt, ein junger Mann stürzte mit einem Packet Briefe zum Hause hinaus. Veitel setzte ihm in langen Schritten nach, machte an der nächsten Ecke eine Schwenkung und stand vor dem Schreiber. Er berührte seinen Hut: »Sie sind aus dem Geschäft des Justizrath Horn?« — »Ja,« sagte der Schreiber eilig und wollte weiter gehen.

»Ich bin aus der Provinz und warte seit drei Tagen auf einen dringenden Brief vom Herrn Justizrath, ich bin heut gekommen, um ihn zu sprechen, vielleicht haben Sie selbst einen Brief an mich aufzugeben auf der Post.«

Mißtrauisch sah der Schreiber ihn an und frug: »Wie heißen Sie?« Veitel griff in die Tasche, holte schnell ein Achtgroschenstück hervor und sagte: »Ich will nichts Unrechtes von Ihnen, junger Mann, ich will nur, daß Sie die Gefälligkeit haben und mich lassen nachsehen, ob ein Brief für mich da ist.«

»Ich kann Ihr Geld nicht nehmen,« erwiederte der Schreiber kurz, im Begriff, weiter zu gehen. »Wie heißen Sie denn?«

»Bernhard Magdeburg aus Ostrau,« sagte Veitel schnell, »es kann aber der Brief auch sein an meinen Onkel.«

»Es ist kein Brief für Sie darunter,« antwortete der Schreiber, flüchtig die Adressen auseinanderhaltend.

Veitels Augen starrten auf die Briefe, als wollten sie das Papier durchbrennen, es war ihm aber nicht möglich, mit den Augen der Handbewegung des Schreibers zu folgen. Er faßte daher mit schnellem Griff das Bündel Briefe, und während der erzürnte Schreiber ihn von der andern Seite packte und rief: »Was fällt Ihnen ein, Herr, wie können Sie sich unterstehen!« las er mit fliegender Eile die Aufschriften, gab die Briefe in einer verzweifelten Ruhe zurück und sagte, an den Hut greifend: »Ich danke Ihnen, es ist nichts für mich darunter.« Der empörte Schreiber wollte ihn halten: »Herr, wie können Sie diese Unverschämtheit haben! —«

»Versäumen Sie nicht die Post,« sagte Veitel gutmüthig, »ich gehe jetzt selbst zum Herrn Justizrath.« Damit drehte er sich schnell auf das Haus zu und entkam dem Schreiber, welcher einen Augenblick ganz erstarrt über die Frechheit dastand und endlich nach der Post stürzte, die versäumte Zeit nachzuholen.

Veitel hatte nur wenig Adressen in seinem Gedächtniß behalten trotz seiner schnellen Beobachtungsgabe. »Vielleicht ist damit der Ducaten verdient,« sagte er; »wo nicht, so schadet's auch nichts.« Er schlich langsam auf Umwegen nach seinem Comtoir zurück, stellte sich an die Thür und horchte. Der würdige Pinkus sprach, aber es wurde leise geredet, und Veitel konnte nur wenig verstehen. Endlich wurden die Stimmen lauter und es klang wie Zank zwischen den beiden Herren.

»Wie können Sie fordern eine so große Summe für den einen Weg?« rief Ehrenthal zornig; »ich habe mich in Ihnen getäuscht, wenn ich Sie habe gehalten für einen zuverlässigen Mann.«

»Ich will zuverlässig sein,« klang die Stimme des Pinkus dazwischen, »aber ich muß vierhundert Thaler haben, oder es wird nichts aus dem Geschäft.«

»Wie können Sie sagen, daß nichts aus dem Geschäft wird? Was wissen Sie von dem ganzen Geschäft? Wer sind Sie, daß Sie etwas davon wissen können?«

»Ich weiß so viel, daß ich mir kann die vierhundert Thaler geben lassen von dem Baron, wenn ich zu ihm gehe und ihm sage, was ich weiß,« schrie Pinkus mit lauter Stimme.

»Sie sind ein schlechter Mensch,« rief Ehrenthal im Zorn. »Sie sind mir verächtlich wie eine Maus, welche piept in ihrem Loch. Wissen Sie, wen Sie so behandeln? Mich behandeln Sie so,« fuhr er immer zorniger fort. »Ich kann Ihnen nehmen Ihren Credit und werde Sie bekannt machen als ein schlechtes Subject bei allen Geschäftsleuten.«

»Und ich will Sie bekannt machen dem Baron, was Sie sind für ein schlechter Mann,« rief seinerseits Pinkus erzürnt.

Bei diesen Worten öffnete sich die Thür, Veitel tauchte mit einem Sprung in den Schatten der Treppe.

»Ich will Ihnen Zeit lassen zur Ueberlegung bis morgen früh,« schrie der abgehende Pinkus in's Comtoir zurück und rannte hinaus.

Veitel trat mit der größten Unbefangenheit in das Comtoir und wurde von seinem Patron, der in dem kleinen Raume auf und ab stürmte, wie ein wildes Thier im Käfig, gar nicht gesehen. »Gerechter Gott, daß dieser Löbel sein kann ein solcher Verräther! Er wird Alles ausschwatzen auf dem Markte, er wird mich ruiniren,« jammerte Herr Ehrenthal und schlug die Hände zusammen.

»Wozu soll er Sie ruiniren?« frug Veitel und warf seinen Hut auf das Pult.

»Was wollen Sie hier? Was haben Sie gehört?« schrie ihn Ehrenthal zornig an.

»Alles habe ich gehört,« sagte Veitel kaltblütig, »Sie haben ja Beide geschrieen, daß man es hören mußte in dem Hausflur. Warum haben Sie mir ein Geheimniß gemacht aus dem Geschäft? Wenn Sie mir gesagt hätten, was Sie vorhaben, ich hätte Ihnen den Löbel billiger verschafft.«

Herr Ehrenthal sah starr auf den kecken Burschen und konnte nichts hervorbringen, als die Worte: »Was ist das?«

»Ich kenne den Pinkus,« fuhr Veitel fort, entschlossen, sich zum Mitspieler in dem Stück zu machen, welches jetzt aufgeführt wurde. »Wenn Sie ihm geben hundert Thaler, so wird er Ihnen als treuer Mann verkaufen eine gute Hypothek an den Baron.«

»Was wissen Sie von der Hypothek?« fuhr Herr Ehrenthal bestürzt heraus.

»Ich weiß genug, um Ihnen dabei zu helfen, wenn ich helfen will,« antwortete Veitel. »Und ich will Ihnen helfen, wenn Sie haben Vertrauen zu mir.«

Herr Ehrenthal starrte immer noch verwundert in das Gesicht seines Buchhalters, es dämmerte ihm die Ansicht, daß sein Gehülfe mehr kaltes Blut und Entschlossenheit haben könnte, als er selbst. Endlich rief er zwischen Freude und Sorge: »Sie sind ein braver Mensch, Veitel, schaffen Sie mir den Pinkus zurück, er soll haben die hundert Thaler.«

»Ich habe auch gelesen die Aufschrift von den Briefen, welche der Justizrath zur Post gegeben hat. Es ist ein Brief darunter an den Justizcommissarius Walther in Rosmin.«

»Ich hab's gedacht,« rief Herr Ehrenthal erfreut; »es ist gut, Itzig, schaffen Sie mir den Löbel.«

»Dem Schreiber des Justizraths habe ich zu zahlen fünf Thaler und ich soll bekommen einen Ducaten, macht acht Thaler 5½,« fuhr Veitel fort, ohne sich von der Stelle zu rühren.

»Es ist schon gut,« beschied ihn Ehrenthal durch eine nachlässige Handbewegung; »Sie sollen haben das Geld, aber vor Allem muß ich haben den Pinkus.«

Veitel eilte hinüber in die Herberge und suchte nach dem entflohenen Geschäftsmann. Dieser hatte sich in seine Stube zurückgezogen, in welcher auch er aufgeregt auf und ab lief und alle Anzüglichkeiten, die ihm Ehrenthal vorgeworfen hatte, mit Ingrimm verarbeitete.

Veitel öffnete die Thür und sagte mit Energie: »Pinkus, ich komme vom Ehrenthal, ich will, daß Sie nehmen hundert Thaler und helfen meinem Rebb; ich will, daß Sie nicht als schlechter Mensch an ihm handeln. Wenn Sie etwas von ihm wissen, was ihm schaden kann bei dem Baron, so weiß ich etwas von Ihnen, was Ihnen schaden wird bei der Polizei.«

Der Pinkus stand still und unterdrückte einen Fluch, den er gegen Veitel auf seinen Lippen hatte. »Ich bin ein ehrlicher Mann,« rief er trotzig, »und brauche mich vor der Polizei nicht zu fürchten.«

»Sie wird fragen, was Sie für ein Waarenlager halten in dem Hause daneben, und von welchen Leuten Sie gekauft haben Ihre Waaren. Ich will Sie aber nicht zu Schaden bringen; Ehrenthal soll Ihnen geben hundert Thaler, und Sie werden mir geben von jetzt ab in Ihrem Hause eine Stube und ein Bett gegen billige Miethe, und werden mich nicht mehr behandeln als Bocher, sondern als Geschäftsmann, welcher so gut ist wie Sie.«

Pinkus war überrascht, besiegt, gefangen; er sprudelte noch eine Weile auf, focht mit Händen und Füßen gegen eine feindliche Luft, welche ihm keinen Widerstand leistete; er beschwor häufig seine Ehrlichkeit und mischte starke Klagen gegen Ehrenthal hinein, bis die Wellen seiner sittlichen Entrüstung allmälig kleiner und kürzer wurden, und zuletzt in seiner Seele ein anmuthiges Wellengekräusel entstand, als Zeichen, daß sie brauchbar geworden für alle guten Werke des Friedens.

Veitel hatte, an den Ofen gelehnt, diese Umwandlung ruhig abgewartet und führte jetzt den Versöhnten im Triumph zu Ehrenthal zurück. Hier maßen die beiden würdigen Männer einander zuerst mit feindseligen Blicken, dann schüttelten sie einander die Hände und versicherten sich gegenseitig ihrer Hochachtung, während Veitel wieder als Genius des Friedens daneben stand und Beide mit einem Gefühl betrachtete, welches der entschiedenste Gegensatz von Hochachtung war. Pinkus steckte ein Cassenbillet von hundert Thalern ein und empfahl sich, da seine Hülfe bei der großen Operation nicht mehr nöthig schien, und Veitel öffnete kurz darauf die Thür für Herrn Löwenberg, den Geschäftsmann aus der Provinz, und lächelte innerlich, als Ehrenthal fast bittend sagte: »Lieber Itzig, Sie können jetzt gehen.« Er ging diesmal, ohne am Schlüsselloch zu horchen, zufrieden nach Hause und bezog noch denselben Abend ein kleines Zimmer im ersten Stock des Pinkus, trank das Glas Liqueur und aß das Bratenstück, welches Frau Pinkus ihm vorsetzte.

Unterdeß sagte Herr Ehrenthal zu Löwenberg, als Beide bei einem Glas Wein gemüthlich einander gegenüber saßen: »Ich habe erfahren, daß der Justizrath Horn sich Auskunft holt über die Hypothek bei dem Justizcommissarius Walther in Ihrem Orte. Ist etwas zu machen mit diesem Mann?«

»Es ist nichts zu machen mit Geld,« erwiederte der Mann aus der Provinz nachdenklich, »aber es wird etwas zu machen sein auf andere Weise. Er weiß nicht, daß ich selbst von dem Bevollmächtigten des Grafen den Auftrag habe, zu verkaufen diese Hypothek. Ich werde hingehen zu ihm in meinen Geschäften und werde mir einen Vorwand nehmen, ihm zu loben das Gut und die Verhältnisse des Grafen; vielleicht sage ich ihm sogar, daß ich Lust habe zu kaufen diese Hypothek.«

Kopfschüttelnd sagte Ehrenthal: »Wenn er kennt den Grafen und sein Gut, so wird Ihr Lob noch nicht helfen, daß er einen günstigen Brief hierher schreibt.«

»Es hilft doch, diese Justizcommissarien müssen bei uns Erkundigungen einziehen über die Verhältnisse: sie können selbst nicht so gut wissen wie wir, wie es steht mit dem Kauf und Verkauf der Wolle und des Getreides. Wir müssen thun, was wir können, und ich glaube, es wird helfen für das Geschäft.«

Ehrenthal stützte schwermüthig den Kopf auf die Hand und sagte mit einem Seufzer: »Sie können glauben, Löwenberg, es macht mir schwere Sorge.«

»Es wird auch sein ein schöner Vortheil,« tröstete der Andere. »Neunzig Procent zahlt der Käufer, den Sie haben, und dem Grafen werden geschickt nach Paris siebenzig Procent: von den zwanzig Procent Differenz zahlen Sie fünf an den Bevollmächtigten des Grafen, und fünf an mich für meine Bemühung, und zehn Procent bleiben Ihnen. Viertausend Thaler sind ein schöner Gewinn bei einem Geschäft, zu dem man braucht kein Capital.«

»Aber es macht Sorge,« sprach Herr Ehrenthal gebeugt; »glauben Sie mir, Löwenberg, ich bin so aufgeregt von dem Nachdenken, ich habe keine Nacht, wo ich schlafen kann, wenn ich liege in meinem Bett. Und wenn meine Frau mich frägt: Schläfst du, Ehrenthal? so muß ich ihr immer sagen: Ich kann nicht schlafen, Sidonie, ich muß denken an die Geschäfte.«

Eine halbe Stunde darauf fuhr eine Extrapost zum Thore hinaus. Am nächsten Morgen erhielt der Justizcommissarius Walther einen Geschäftsbesuch des Herrn Löwenberg und wurde durch die kühle und überzeugende Weise dieses Herrn allerdings zu der Ansicht gebracht, daß die Verhältnisse des Grafen Zaminsky doch nicht so zerrüttet waren, als man in der Umgegend erzählte.

Acht Tage darauf empfing der Freiherr von Rothsattel einen Brief seines Rechtsfreundes und darin die Copie eines Schreibens vom Justizcommissarius Walther. Das Gutachten beider Rechtsverständigen stellte den Kauf der Hypothek als ein Geschäft dar, von dem wenigstens nicht unbedingt abzurathen war. Und als den Tag darauf Ehrenthal auf dem Gut seinen Besuch machte, hatte der Freiherr seinen Entschluß gefaßt, die Hypothek zu nehmen. Was ihn lockte, fortwährend, unwiderstehlich, das war der schnelle Gewinn von einigen tausend Thalern. Es war ein Segen der Praxis, die er in dem früheren Geschäft mit Ehrenthal erworben hatte. Er wollte die Hypothek gut finden, und hätte sie vielleicht genommen, auch wenn sein Rechtsfreund ihm entschieden abgerathen hätte.

Ehrenthal erbot sich mit großer Uneigennützigkeit, da er doch eine Geschäftsreise in jene Gegend vorhabe, Vollmacht von dem Freiherrn anzunehmen und für ihn den Kauf mit dem Bevollmächtigten abzuschließen. Der Freiherr war gern damit zufrieden, denn sein Zartgefühl sträubte sich dagegen, daß er in eigener Person eine Zahlung machen sollte, deren Betrag geringer war, als die Summe, welche er durch das Hypothekeninstrument dafür kaufte.

Acht Tage später war er im Besitz einer Hypothek von vierzigtausend Thalern, für welche er nur sechsunddreißigtausend Thaler gezahlt hatte, und Ehrenthal und seine Freunde hatten obendrein ein schönes Geschäft gemacht, das beste von Allen Itzig, denn er hatte ein Uebergewicht über seinen Meister erhalten und war Rathgeber und Vertrauter geworden bei den geheimnißvollsten Unternehmungen. Alle Parteien waren zufrieden. Der Freiherr holte seine reich ausgelegte Cassette hervor und legte an die Stelle der schönen weißen Pergamente das dicke, gelbliche, durch viele Hände abgerissene Actenbündel, welches von jetzt ab sein Vermögen vorstellte. — Er sah nicht mehr mit der frohen Aufmerksamkeit hinein, welche er früher den Pfandbriefen gegönnt hatte, er warf den Deckel des Kästchens schnell zu und schob es in den Secretär, ganz wie ein alter ermüdeter Geschäftsmann, wie Einer, der froh ist, eine Arbeit hinter sich zu haben. Er eilte in die Zimmer der Damen und beschrieb dort mit Laune die Glückwünsche und Bücklinge Ehrenthals.

»Ich mag ihn nicht dulden,« sagte Lenore, »er sieht aus wie ein kleiner fauchender Hamster.«

»Diesmal wenigstens hat er sich in seiner Weise uneigennützig gezeigt,« antwortete der Vater. »Es ist wahr, alle diese Geschäftsleute haben etwas Karrikirtes, und es ist bei aller Gutmüthigkeit für unser Einen nicht immer möglich, bei ihren Bücklingen das Lachen zu unterdrücken.«

An demselben Abende ging Herr Ehrenthal bei seiner Frau Sidonie im langen Schlafrocke vergnügt auf und ab, er versuchte ein kleines Lied zu singen, klopfte seine Tochter Rosalie auf den weißen Nacken und warf seiner Frau von Zeit zu Zeit einen schlauen und zärtlichen Blick zu, so daß ihn Madame Ehrenthal endlich frug: »Du hast abgemacht dein Geschäft mit dem Baron?«

»Ja,« rief Ehrenthal lustig.

»Er ist ein schöner Mann, der Baron,« bemerkte die Tochter.

»Er ist ein guter Mann,« sagte Ehrenthal, »aber er hat seine Schwächen. Er ist einer von den Menschen, welche verlangen tiefe Bücklinge und unterthänige Reden und welche Geld bezahlen, damit Andere für sie denken. Er würde lieber verlieren Eins vom Hundert, wenn man nur zu ihm spricht mit gebogenem Rücken, den Hut in der Hand. Es sind auch solche Leute nöthig in der Welt, was sollte sonst werden aus unserm Geschäft? —«

Und an demselben Abend saß auch Veitel in seiner Stube, und der Advocat neben ihm, und Veitel berichtete in der Kunstsprache über das abgeschlossene Geschäft und sagte: »So ist der Rothschwanz gefangen in dem Sprenkel, und der Ehrenthal hat dabei gewonnen viertausend Thaler.«

Hippus hatte seine Brille abgenommen und sah in dem viereckigen Holzkasten, welchen Frau Pinkus ein Sopha nannte, gerade aus wie ein weißer ältlicher Affe, der den Weltlauf verachtet und seinen Wärter in die Beine beißt. Er hörte mit kritischem Ernst auf den Bericht seines Schülers, schüttelte hin und wieder den Kopf, oder lächelte, wenn etwas nach seinem Geschmack war.

Als Veitel seinen Bericht mit den Worten schloß: »Der Ehrenthal hat keine Courage, er verliert den Kopf bei großen Geschäften,« da rief Herr Hippus verächtlich: »Der Ehrenthal ist ein Gimpel. Er setzt nichts Großes durch, er ist ein kleinlicher Mann. Es ist ihm immer so gegangen; wo es darauf ankam, hat er gezaudert und ist stecken geblieben. Wenn er den Edelmann durch Trinkgelder kirren will, die er ihm zukommen läßt, so wird ihn der Freiherr zuletzt die Treppe hinunter werfen.«

»Was soll er aber mit ihm thun?« frug Veitel.

»Sorgen muß er ihm machen,« sprach Hippus im Eifer aufstehend, »Sorgen durch Arbeit. Große Arbeit, immerwährende Unruhe, tägliche Sorgen, die nicht aufhören, das ist das Einzige, was der Freiherr nicht aushalten kann. Diese Leute sind gewöhnt, wenig Arbeit zu haben und viel Vergnügen, Alles wird ihnen zu leicht gemacht im Leben von Klein auf. Es giebt Wenige, die den Kopf nicht verlieren, wenn eine große Sorge das ganze Jahr in ihrem Schädel herum bohrt. Das ruinirt sie. Ist so Einer höchstens zwei Mal im Tage durch seine Wirthschaft gelaufen, so denkt er, er hat gearbeitet, während der Amtmann das Beste thut und manchmal noch die Dummheiten des Herrn ausbessern muß. — Will der Ehrenthal den Baron unter sich bringen, so muß er ihn in große Geschäfte verwickeln, er muß selbst etwas wagen, und dazu hat er keine Entschlossenheit und keinen Verstand, er ist nur ein Gimpel, der sein gelerntes Stückchen pfeift und hinterher mit dickem Kopfe dasitzt.«

So lehrte der Advocat, und Veitel verstand die klugen Worte und sah mit einer Mischung von Achtung und Scheu auf den kleinen häßlichen Teufel, welcher heftig vor ihm gesticulirte. Endlich ergriff Herr Hippus die Branntweinflasche, stampfte sie auf den Tisch und rief: »Heut noch eine Füllung extra! Was ich dir jetzt gesagt habe, du junger Galgenvogel, ist mehr als eine Flasche Doppelten werth.«

V.

»Ich bin heut achtzehn Jahr,« sagte Karl zu seinem Vater, der an einem Sonntag zufrieden in seiner Stube saß und nicht müde wurde, den stattlichen Jüngling anzusehen.

»Das ist richtig,« erwiederte der Vater, »achtzehn Lichter stehen auf dem Kuchen.«

»Also, Vater,« fuhr Karl fort, »es ist Zeit, daß ich etwas werde.«

»Du?« frug der Vater verwundert, »was willst du denn noch anders werden, als du bist? Ein Knirps bist du und wirst in deinem Leben nichts Anderes.«

»Sei jetzt einmal still mit deinem ewigen Knirps,« entgegnete Karl. »Ich will Auflader werden.«

»Ei so hört doch,« rief der Alte, »also Auflader! warum nicht lieber gar Bürgermeister, oder König oder so etwas?«

»Ich habe Kräfte genug,« fuhr Karl entschlossen fort. »Ich will mir etwas verdienen. Ich will ein ordentlicher Mann werden. Herr Wohlfart ist jetzt schon seit einem Jahre frei geworden und ich bin noch immer ein Junge.«

»Du willst etwas verdienen?« wiederholte der Alte und sah mit immer größerem Erstaunen auf seinen Sohn. »Verdiene ich nicht genug und mehr, als wir brauchen? Wozu willst du als Geizhals an uns handeln?«

»Ich kann doch nicht immer an deiner Lederschürze hängen,« sagte Karl, »und wenn du tausend Thaler verdientest, würde ich dadurch ein ordentlicher Mensch? und wenn ich dich einmal verlieren sollte, was soll dann aus mir werden?«

»Du wirst mich verlieren, Junge,« sagte der Riese mit dem Kopf nickend, »das versteht sich, in einigen Jahren«, setzte er hinzu, »nachher kannst du werden, was du willst, nur nicht Auflader.«

»Aber warum soll ich nicht werden, was du bist? Sei doch nicht so hartnäckig.«

»Das verstehst du nicht. Komm mir nicht mit deinem Ehrgeiz, ehrgeizige Leute kann ich nicht vertragen.«

»Und wenn ich nicht Auflader werden soll,« rief Karl wieder, »so muß ich etwas Anderes lernen, sieh das doch ein, Vater.«

»Du willst nichts gelernt haben?« rief der Alte bekümmert. »Ach, du armes Kind, was haben sie dir nicht Alles in deinen kleinen Kopf hineingetrieben! Da war die Klippschule, zwei Klassen, und die Stadtschule, vier Klassen, und die Gewerbeschule, zwei Klassen, acht Klassen hast du gelernt und kennst alle Waaren so gut wie ein Commis, ist das nichts? Du bist ein nimmersatter Junge!«

»Ja, ich muß doch aber etwas Bestimmtes wissen für einen Beruf,« versetzte Karl, »Schuster, Schneider, Kaufmann oder Mechanikus.«

»Darum mache dir keine Sorge,« sagte der Vater mit Ueberlegenheit, »dafür habe ich bei deiner Erziehung gesorgt, du bist praktisch — und ehrlich,« fügte er hinzu.

»Das denke ich,« sagte Karl, »aber kann ich ein Paar Stiefeln machen? kann ich einen Rock zuschneiden?«

»Du kannst's,« erwiederte der Alte ruhig, »versuch's und du wirst's können.«

»Na, warte, du Brummbär, morgen kaufe ich Leder und nähe dir ein Paar Stiefeln, du sollst fühlen, wie sie drücken.«

»Weißt du was,« entgegnete der Vater, »ich werde diese Stiefeln nicht anziehen, ich werde vielleicht auch die zweiten nicht anziehen, ich werde warten, bis du das dritte Paar gemacht hast, die werden nicht drücken.«

»Mit dir wird man nicht fertig,« sagte Karl ärgerlich, »ich weiß schon, wo ich mir Rath erhole. So kann's mit mir nicht bleiben; ich werde dir Jemand auf den Hals schicken, der dir dasselbe sagen soll.«

»Sei nur nicht ehrgeizig, Karl,« sagte der Alte kopfschüttelnd, »und verdirb mir den heutigen Tag nicht. Jetzt gieb mir die Bierkanne her und sei ein guter Junge.«

Karl setzte die große Kanne vor den Vater, nahm bald darauf seine Mütze und verließ das Zimmer. Der Vater blieb bei seinem Bier sitzen, aber sein Behagen war gestört, er sah immer wieder nach der Thür, zu welcher Karl hinausgegangen war, er sah sich in der Stube um, die ohne das fröhliche Gesicht seines Sohnes so einsam war. Endlich ging er in die Kammer nebenan, setzte sich dröhnend auf dem Bette nieder und zog unter der Bettstelle einen schweren eisernen Kasten hervor. Er öffnete ihn mit einem Schlüssel, den er aus der Westentasche zog, nahm einen Beutel Geld nach dem andern heraus und stellte eine Kopfrechnung an, dann schob er den Kasten wieder unter das Bett und setzte sich beruhigt zu dem Haustrunk.

Unterdeß ging Karl in seinem Sonntagsstaat mit eiligen Schritten in die Stadt und trat in Antons Zimmer. »Guten Morgen, Karl,« rief ihm Anton entgegen, »was bringst du?«

Karl begann feierlich: »Ich komme, Sie um Rath zu fragen, was aus mir werden soll. Mit meinem Vater ist darüber nicht zu reden. Ich will Auflader werden, und der Alte will's nicht leiden; ich will etwas Anderes werden, und er vertröstet mich auf die Zeit, wo er nicht mehr leben wird. Ein schöner Trost! Er ist gerade wieder ein rechter Goliath. Ich bin heut achtzehn Jahr, und das Ding muß mit mir anders werden, ich greife hier im Hause überall mit an, aber das ist nirgends etwas Ordentliches.«

»Du hast Recht,« sagte Anton verständig. »Vor Allem aber gratulire ich dir zu deinem Geburtstage, und warte, hier ist ein Buch für dich, das nimm zum Angebinde, ich werde dir meinen Namen hineinschreiben.«

»Seinem getreuen Karl, Anton Wohlfart,« las der erfreute Karl. »Ich danke Ihnen, Herr Wohlfart, ich habe schon fünfundsechzig Bücher. Jetzt wird die zweite Reihe voll.«

»Und so setze dich her zu mir und laß uns Rath halten. Vor Allem sage, was kann ich dir helfen? Ist's nicht besser, wenn du mit Herrn Schröter selbst sprichst? Er ist ja dein Pathe.«

»Das wird mir zu groß,« entgegnete Karl ernsthaft, »der Vater könnte denken, ich wollte ihn verklagen. Bei Ihnen ist das freundschaftlicher.«

»Gut,« stimmte Anton bei.

»Und so wollte ich Sie bitten, daß Sie gelegentlich mit meinem Vater über mich sprechen. Er hat zu Ihnen ein großes Zutrauen und er weiß, daß Sie's mit mir gut meinen.«

»Das will ich gern,« sagte Anton, »aber was gedenkst du zu werden?«

»Das ist mir gleich,« erwiederte Karl, »nur etwas Ordentliches.«

Am nächsten Sonntage ging Anton nach dem Hause des Vaters Sturm.

Die Wohnung des obersten Aufladers war ein kleines Haus am Flusse, unweit des Packhofes; es war sein Eigenthum und zeichnete sich durch die Rosafarbe seines Anstrichs vor den Nachbarhäusern schon von Weitem aus. Anton öffnete die niedrige Thür und wunderte sich, wie dem Riesen überhaupt möglich sei, sich in einen so kleinen Bau einzupacken. Und als der alte Sturm aufstand, ihn zu begrüßen, da wurde ihm klar, daß eine unaufhörliche Geduld des mächtigen Mannes nöthig war, um diese Wohnung zu ertragen. Denn wenn er sich mit aller Kraft ausstreckte, so mußte er unfehlbar Decke und Wände zerreißen und mit Kopf und beiden Fäusten in die freie Luft hineinragen. Der riesige Mann stand vergnügt über den Besuch ohne Rock und Weste vor ihm und hielt ihm grüßend seine Hand entgegen, welche wohl im Stande war, einen Kürbis von mäßiger Größe zu umspannen.

»Ich freue mich sehr, Sie in meinem Hause zu sehen, Herr Wohlfart,« sagte Sturm und faßte so zierlich, als es ihm möglich war, Antons Hand.

»Es ist etwas klein für Sie, Herr Sturm,« antwortete Anton lachend, »Sie sind mir noch nie so groß vorgekommen, als in diesem Zimmer.«

»Mein Vater war noch größer,« antwortete Sturm wohlgefällig und richtete sich hoch auf, so daß sein Kinn auf dem obern Rande des Ofens ruhte, »so groß war mein Vater,« sagte er und wies auf den bunten Farbensaum längs der Decke, an welchem mehrere Marken mit Bleistift gezeichnet waren. »So groß war er und noch breiter. Er war Aeltester der Auflader und der stärkste Mann am Orte, und doch hat ihn ein Faß, nicht halb so hoch als Sie, zu Tode gebracht. Hier nehmen Sie Platz, Herr Wohlfart.« Er rückte ihm einen Stuhl von Eichenholz hin, der so schwer war, daß Anton Mühe hatte, ihn von der Stelle zu heben, und setzte sich mit Geräusch auf eine Bank. »Mein Karl hat mir gesagt, daß er Sie besucht hat, und daß Sie sehr freundlich gegen ihn waren. Er ist ein guter Junge und ich habe meine Freude an ihm, aber er ist doch aus der Art geschlagen. Seine Mutter war eine kleine Frau,« setzte Herr Sturm traurig hinzu und griff nach einem Glase Bier, welches mehr als ein Quart faßte, setzte das Glas an und nicht eher wieder auf den Tisch, bis der letzte Tropfen daraus verschwunden war.

»Es ist Faßbier,« sagte er entschuldigend, »darf ich Ihnen ein Glas anbieten? Es ist Herkommen bei unserm Geschäft, kein anderes zu trinken; dies freilich trinkt man den ganzen Tag, denn unsere Arbeit macht warm.«

»Ihr Sohn hat, wie ich höre, Lust, in Ihre Corporation zu treten,« lenkte Anton ein.

»Unter die Auflader?« frug der Riese. »Nein, dies wird er nicht, niemals.« Er legte seine Hand vertraulich auf Antons Knie. »Er wird es nicht, meine Selige hat mich auf dem Todtenbette darum gebeten. Warum? Darum! Unsere Arbeit ist respectabel, Sie wissen das selbst am besten, Herr Wohlfart. Wir sind Männer, welche ein Vertrauen haben, wie wenig andere. Es ist eine Ehre, Auflader der Kaufmannschaft zu werden, um die sich Hunderte bei mir bewerben, und nicht Einen lassen wir zu. Es giebt Wenige, welche die Kraft haben, und noch Wenigere, welche etwas Anderes haben.«

»Die Ehrlichkeit,« sagte Anton.

»Ganz recht,« nickte Sturm, »daran fehlt's auch den Starken. Alle Tage jede Art Waare in Tonnen und Kisten in größter Quantität vor sich zu haben und darum zu hantieren, wie um eigenthümliche Sachen, und niemals die Hand hineinzustecken, das ist leider nicht Jedermanns Gewohnheit. Also Sie wissen, wir halten auf uns. Und die Einnahmen sind nicht schlecht, ja, sie sind gut. Meine Selige hielt noch auf Sparbüchsen und Strümpfe und solches Zeug. Als sie starb, fand ich den ganzen Grund ihres Kastens mit zugebundenen Strümpfen zugestopft, die neben einander standen, wie die fetten Lerchensteiße in der Schachtel. Alles für unsern Karl, und es war nicht nur Silber, es war auch Gold dabei. Sie war eine sparsame Frau und hob Alles auf. Das ist nun meine Art nicht. Denn warum? — Wer praktisch ist, braucht um das Geld nicht zu sorgen, und der Karl wird ein praktischer Mensch. Aber nicht als Auflader,« fügte er kopfschüttelnd hinzu, »meine Selige wollte das nicht haben, und sie hat Recht.«

»Ihre Arbeit ist sehr anstrengend,« stimmte Anton bei.

»Anstrengend?« lachte Sturm, »sie mag wohl anstrengend sein für Einen, der nicht die Kraft hat, so anstrengend, daß ihm der Rücken darüber zerbrechen kann; aber es ist nicht die Anstrengung, es ist noch etwas Anderes. Dies ist es!« bei diesen Worten holte er einen großen Krug aus der Ecke und goß sein Glas voll. »Das Faßbier ist es.«

Anton lächelte. »Ich weiß, Sie und Ihre Collegen trinken viel von dem dünnen Getränk.«

»Viel,« sagte Sturm mit Selbstgefühl, »es ist bei uns Geschäftsbrauch, es ist Herkommen, es ist von je bei den Aufladern so gehalten worden; sie müssen Kräfte haben, sie müssen treue Männer sein und sie müssen Faßbier trinken. Es ist Bedürfniß bei unserer Arbeit, wer's nicht thut, hält's nicht aus; Wasser trinken macht uns schwach, und Wein und Branntwein gleichfalls, nur Faßbier thut's, dies und Provenceröl. Sehen Sie, Herr Anton, so: —« Der Riese streckte den Arm aus und holte ein kleines Glas von dem Gestell, füllte es zur Hälfte mit feinem Baumöl, zur andern Hälfte mit Bier, that eine Menge Zucker in die Mischung und trank zu Antons Schrecken die widerwärtige Flüssigkeit aus. »Das macht stark,« sagte er, »es ist ein Geheimniß unserer Zunft, es erhält die Kraft und macht solche Arme,« er legte stolz seinen Arm auf den Tisch und versuchte ihn mit seiner Hand vergebens zu umspannen. »Aber es ist ein Haken dabei,« fügte er leiser hinzu. »Es wird Keiner von uns über fünfzig Jahre alt. Haben Sie schon einen alten Auflader gesehen? Sie haben keinen gesehen, denn es giebt keinen. Funfzig Jahre ist das Höchste, was einer erreicht, länger duldet's der Biergeist nicht. Mein Vater war funfzig, als er starb; der, den wir neulich begraben haben, — Herr Schröter war mit beim Begräbniß, — der war neunundvierzig. Ich habe noch ein paar Jahre bis dahin,« setzte er wie zur Beruhigung hinzu.

Anton blickte besorgt in das ehrliche Gesicht des Aufladers. »Aber Sturm, wenn Sie das wissen, warum sind Sie nicht mäßiger?«

»Mäßig?« frug Sturm verwundert, »was ist mäßig? Es steigt Keinem von uns in den Kopf. Vierzig Halbe in einem Tag ist nicht viel, wenn man's nicht merkt.«

Anton sah den Auflader ungläubig an.

»So viel trinke ich,« sagte Sturm. »Der, den wir neulich begraben haben, konnte noch mehr vertragen; er hatte aber auch Wochen, wo er noch stärker war, als ich. Sehen Sie, Herr Wohlfart, deßhalb aber soll mein Karl nach dem Willen der Seligen lieber etwas Anderes werden. Es ist, unter uns Männern gesagt, mit dem ganzen Alter nur dummes Zeug. Auch von den Menschen, welche keine Auflader sind, werden die wenigsten älter als funfzig. Sie sterben an allen möglichen Krankheiten von den Windeln an fortwährend dahin, und an lauter Krankheiten, die wir Auflader nicht kennen. Aber meine Selige hat's einmal so gewollt, und so mag's drum sein.«

»Und haben Sie an etwas Anderes gedacht?« frug Anton weiter. »Karl ist zwar im Geschäft sehr nützlich und wir Alle werden ihn vermissen, wenn er im Hause fehlen sollte.«

»Das gerade ist es,« unterbrach ihn der Auflader, »das war das Richtige, was Sie gesagt haben. Sie werden ihn vermissen, ich auch. Ich bin allein im Hause, seit meine Selige todt ist; wenn ich die rothen Backen meines Kleinen in diesen Wänden sehe, so bin ich zufrieden: wenn ich in Ihrem Hause seinen kleinen Hammer höre, so fühle ich die Lustigkeit in meinem Herzen. Wenn er weggeht von mir, und ich einsam in dieser Stube sitze, ich weiß nicht, wie ich's ertragen soll.«

Die Züge des Mannes zuckten vor innerer Bewegung. »Aber muß er sich denn ganz von Ihnen trennen?« frug Anton endlich, »vielleicht kann er noch Jahre lang hier wohnen.«

Sturm schüttelte bedeutungsvoll den Kopf. »Ich kenne ihn, er kann's nicht; wenn er erst einmal etwas anfängt, so ist er hinterher, wie ein Teufel, dann denkt er an nichts, als an das eine Ding. Aber ich habe mir's überlegt in den letzten Tagen. Ich will Ihnen sagen,« fuhr er vertraulich fort, »ich habe Unrecht, wenn ich an mich denke. Der Junge hat nicht für mich seinen Kopf in die Welt gesteckt, sondern für sich selber. Er soll etwas werden. Und nun frage ich, was meine Selige sich für den Jungen wünschen würde, wenn sie noch lebte. Diese Frau hatte einen Bruder, welcher mein Schwager ist, und dieser Schwager ist auf dem Lande. Ein Freigut, dort oben, wo das hohe Wasser herkommt; ein gesetzter Mann, er tauscht nicht mit manchem Rittergut. Der besucht mich alle Jahre, wenn sie ihre Wolle geschoren haben. Der kennt mich und kennt den Karl, dem möchte ich meinen Kleinen übergeben, wenn ich ihn nicht behalten soll. Er ist weit von hier,« schloß er traurig, »aber es ist Verwandtschaft.«

»Das ist ein guter Gedanke, Herr Sturm,« sagte Anton, erfreut, auf so wenig Hindernisse zu stoßen, »aber ich habe immer gehört, daß der Landwirth auf eine selbstständige Thätigkeit in der Regel nur dann hoffen kann, wenn er nicht ganz ohne Vermögen ist.«

»Das paßt,« sagte der Riese seinen Finger erhebend geheimnißvoll, »er ist nicht ganz ohne Vermögen. Von seiner Mutter her, und auch etwas von seinem Vater. Er weiß aber von gar nichts, denn ich wollte, er sollte praktisch werden. Und sagen Sie ihm auch nichts.«

»Da Sie so väterlich für Ihren Sohn sorgen,« rief Anton, »so lassen Sie ihn nicht länger in Unsicherheit; es ist brav von ihm, daß er das Ungenügende seiner jetzigen Arbeit empfindet.«

»Er kann es sogleich hören,« sagte der Alte aufstehend, »er steckt im Garten. Sie sollen dabei sein.« Sturm trat in das Haus und rief mit seiner mächtigen Stimme in den Garten. Karl eilte herbei, begrüßte Anton und sah erwartungsvoll bald auf diesen, bald auf den Vater. Der Alte hatte sich wieder ruhig hingesetzt und frug in seinem gewöhnlichen Ton: »Kleiner Knirps, willst du ein Oekonom werden?«

»Landwirth?« rief Karl, »daran habe ich noch gar nicht gedacht. Dann müßte ich ja fort von dir, Vater.«

»Er denkt auch daran,« sagte der Alte, Anton zunickend.

»Ist denn dein Wille, daß ich von dir soll?« frug Karl erschrocken.

»Allerdings, mein Kleiner,« sagte der Vater. »Widerrede nutzt nichts, die Sache ist abgemacht, natürlich vorausgesetzt, daß dich der Onkel haben will. Du sollst Oekonom werden, du sollst etwas Ordentliches lernen, du sollst deinen Vater verlassen.«

»Vater,« sagte Karl niedergeschlagen, »wenn ich von dir weg gehen soll, so ist mir's nicht recht.«

»Es soll dir aber recht sein, du ehrgeiziger Knirps,« rief der Alte.

»Dann komm mit auf's Land,« sagte der Sohn.

»Ich soll auf's Land kommen? ho ho.« Sturm lachte, daß die Stubenthür zitterte. »Mein Knirps will mich in die Tasche stecken und mit sich auf dem Lande herumtragen.« Er lachte so lange, bis er mit der Hand über die Augen fuhr. »Komm her, mein Karl,« sagte er endlich, zog den Sohn an sich und hielt den Kopf desselben lange zwischen seinen großen Händen. »Du bist mein guter Junge, und Trennung muß sein auf Erden, wenn nicht jetzt, dann in ein paar Jahren.«

So schied Karl aus der Handlung. Vergeblich versuchte er in den letzten Tagen seine Bewegung hinter leisem Pfeifen zu verstecken. Er streichelte zärtlich Freund Pluto und die Katze, welche er in das Haus gebracht hatte, er verrichtete seine kleinen Arbeiten mit maßlosem Eifer und hielt sich dabei so viel wie möglich in der Nähe seines Vaters; auch dieser sah den Tag hindurch immer wieder auf seinen Sohn und verließ manchmal seine Tonnen, um langsam auf ihn zuzugehen und ihm die Hand schweigend auf den Kopf zu legen.

»Es ist nicht schwer bei der Landwirtschaft?« sagte Vater Sturm vor der großen Waage zu Anton und blickte ihm fragend in's Gesicht.

»Leicht ist es nicht,« erwiederte Anton, »es ist vielleicht noch mehr dabei zu lernen, als bei unserm Geschäft.«

»Lernen!« rief der Alte, »je mehr er lernen muß, desto lieber ist es ihm, das thut nichts; nur ob es sehr schwer ist?«

»Nein,« sagte Herr Pix, der die Sprache des Riesen besser verstand. »Schwer ist dort nichts: das Schwerste ist der Sack Weizen, hundertundachtzig Pfund, und Bohnen, zweihundert Pfund. Und das braucht er nicht zu heben, das thun die Knechte.«

»Wenn das bei der Landwirtschaft so ist,« rief Sturm verächtlich und richtete sich hoch auf, »so ist mir ganz egal, ob er das hebt. Zweihundert Pfund trägt auch mein Zwerg.«

VI.

Anton war jetzt der pflichtgetreueste Correspondent seines Comtoirs. Gegen die ritterlichen Künste seines Freundes verhielt er sich kühl. Nur selten vermochte ihn Fink, des Sonntags sein Begleiter zu Pferde oder am Pistolenstand zu werden. Dagegen benutzte Anton Finks Bücherschrank mehr als dieser selbst. Es war ihm nach langem Bemühen gelungen, in die Mysterien der englischen Aussprache einzudringen, und eifrig suchte er die Gelegenheit, sein Sprechtalent an Fink zu üben. Da aber dieser den Uebelstand hatte, ein sehr unregelmäßiger und gewissenloser Lehrer zu sein, gab Anton seine Zunge in die Zucht eines gebildeten Engländers.

Einst sah er von seinem Platze im Comtoir auf, als sich die Thür öffnete, und erkannte mit der größten Verwunderung in dem Eintretenden Veitel Itzig, den Genossen aus der Bürgerschule von Ostrau. Er war bisher nur selten mit ihm zusammengetroffen. Das freche Wesen des Burschen und die Furcht vor dem vertraulichen Du, mit dem dieser ihn leicht anreden mochte, hatten sein Auge auf allerlei andere Gegenstände gelenkt, so oft er Veitels Nasenspitze im Gedränge der Straße erkannte. Noch mehr erstaunte er, als Veitel auf die Frage des Herrn Specht: »Was steht zu Ihren Diensten?« artig erwiederte, er wünsche Herrn Wohlfart zu sprechen.

Anton stieg von seinem Sitze in den freien Raum des Comtoirs, und Veitel redete ihn an: »Sie werden mich doch noch kennen, obgleich Sie oft an mir vorbeigegangen sind, ohne mich zu grüßen.«

»Wie geht es Ihnen, Itzig?« frug Anton mit Kälte.

»Schlecht,« antwortete Itzig, die Achsel zuckend; »es ist kein Verdienst im Geschäft. — Ich soll Ihnen diesen Brief vom Sohn des Ehrenthal übergeben und Sie fragen, zu welcher Zeit Ihnen der Bernhard seinen Besuch machen kann.«

»Mir?« frug Anton und nahm eine Karte und einen Brief aus Veitels Händen. Der Brief war von Antons Sprachlehrer, er enthielt die Anfrage, ob Anton an einer Lehrstunde Theil nehmen wolle, in welcher Herr Ehrenthal ältere englische Schriftsteller in einer literar-historischen Reihenfolge durchzunehmen beabsichtige.

»Wo wohnt Herr Bernhard Ehrenthal?« frug Anton.

»Im Hause bei seinem Vater,« erwiederte Veitel und verzog das Gesicht. »Er sitzt den ganzen Tag auf seiner Stube.«

»Ich werde den Herrn selbst aufsuchen,« sagte Anton. — »Guten Morgen, Herr Anton!« — »Guten Morgen, Itzig.«

Anton empfand keine große Neigung, auf den Antrag des Lehrers einzugehen. Der Name Ehrenthal hatte in seinem Comtoir keinen guten Klang, und das Erscheinen Itzigs trug nicht dazu bei, ihm das Anerbieten annehmlicher zu machen. Doch die ironische Art, in welcher Itzig vom Sohne seines Brodherrn sprach, und Einzelnes, was er auf seine Erkundigungen von Bernhard hörte, bewog ihn, die Sache wenigstens in Erwägung zu ziehen. So suchte er einige Tage darauf nach dem Schluß des Comtoirs das Haus Ehrenthals auf, entschlossen, sich durch den Eindruck, den der Sohn auf ihn mache, bestimmen zu lassen.

Er trat an die weißlackirte Thüre, zog den dicken Porcellangriff und wurde durch eine struppige Köchin ohne weitläufige Anmeldung in die Stube des jungen Ehrenthal geführt. Es war ein langes schmales Zimmer mit alten Möbeln und schmucklosen Büchergerüsten, auf welchen eine Menge großer und kleiner Bücher unordentlich durcheinander lag. Bernhard saß tief über seine Arbeit gebeugt am Schreibtisch und sah erst auf, als Anton bereits im Zimmer stand. Eilig knöpfte er den Hausrock über seinem Hemd zusammen und trat dem Fremden mit der Unsicherheit entgegen, welche Herren mit kurzem Gesicht bei der Begrüßung Eintretender eigen ist. Neugierig sah Anton auf den Sohn des Händlers. Es waren feine Züge und ein zarter Körper, kastanienbraunes krauses Haar und zwei graue Augen von freundlichem Ausdruck. Bernhard nöthigte seinen Gast auf ein kleines Sopha. Anton erwähnte den Zweck seines Besuches, und Bernhard antwortete schüchtern, daß er sich in Allem nach den Wünschen seines Besuches richten wolle. Und als Anton nach dem Preise der Stunden frug, erstaunte er, daß der Sohn Ehrenthals mit einiger Verlegenheit sagte: »Ich weiß es wirklich in diesem Augenblick nicht, wenn Sie aber darauf bestehen, auch den Lehrer zu bezahlen, so will ich mich sogleich darnach erkundigen.« Darauf konnte sich Anton nicht enthalten zu fragen: »Sind Sie nicht im Geschäft Ihres Herrn Vaters?«

»Ach nein,« erwiederte Bernhard, diesen Uebelstand entschuldigend, »ich habe studirt, und da einem jungen Mann von meiner Confession die Anstellung im Staate nicht leicht wird, und ich in meiner Familie leben kann, so beschäftige ich mich mit diesen Büchern.« Dabei warf er einen Blick voll Liebe auf sein Büchergerüst, stand auf und trat in ihre Nähe, als wollte er sie seinem Gast vorstellen. Anton las einige goldene Titel und sagte mit einer Verbeugung: »Das ist für mich zu gelehrt.« Es waren Ausgaben orientalischer Werke.

Bernhard lächelte: »Durch das Hebräische bin ich zu den andern asiatischen Sprachen gekommen. Es ist viel fremdartige Schönheit in dem Leben dieser Sprachen und in den Gedichten der alten Zeit. Ich habe auch Handschriften, wenn es Sie interessirt, diese zu sehen.«

Er schloß einen Schub auf und holte ein Bündel seltsam aussehender Manuscripte heraus. Mit glänzenden Augen öffnete er das oberste, im Einband von grünem Seidenstoff, der mit Goldfaden fremdartig durchwirkt war; er ließ Anton die Schrift betrachten und war vergnügt, als dieser erklärte, er könne nicht einmal angeben, welcher Sprache die Schriftzüge angehörten.

»Es ist arabisch, aber freilich ist gerade diese Handschrift sehr schwer zu lesen. — Und hier ist mein Lieblingsdichter, der Perser Firdusi, ich habe aber nur ein kleines Bruchstück seines Gedichtes in der Handschrift.«

Anton sagte ihm: »Es muß viel Gelehrsamkeit dazu gehören, das Alles zu verstehen.«

»Nur etwas Geduld,« antwortete Bernhard bescheiden, »wer ein Herz hat für das Schöne, der findet es bald überall heraus, auch unter dem fremdartigen Kleide, welches die Sänger aus dem Morgenlande tragen. Ich arbeite an einer Uebersetzung persischer Gedichte; wenn Sie später einmal Muße haben, und Sie so etwas nicht langweilt, möchte ich Sie um Erlaubniß bitten, Ihnen eine kurze Probe vorzulesen.«

Anton hatte die Höflichkeit, sogleich darum zu bitten, der junge Ehrenthal griff nach einem Papier auf seinem Schreibtisch und las schnell und etwas ungelenk ein kleines Liebesgedicht vor. Es war eins von den zahllosen Gedichten, in denen ein weiser Trinker seine Geliebte mit allerlei hübschen Dingen vergleicht, mit Thieren, Pflanzen, der Sonne und andern Weltkörpern, und daneben einem zelotischen Pfaffen Nasenstüber giebt. Dem ehrlichen Anton imponirte die verschlungene Form und der zugespitzte Ausdruck sehr, aber es war ihm doch komisch, als der Vorleser ausrief: »Nicht wahr, das ist schön? Der Gedanke, meine ich; denn die Schönheit der Sprache im Deutschen wiederzugeben, bin ich zu schwach.« Bei diesen Worten sah er begeistert vor sich, wie ein Mann, der alle Tage fünf bis sechs Flaschen Schiraswein trinkt und alle Abend seine Suleika küßt.

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