← Table of contents
Soll und Haben, Bd. 1 (2)

Erstes Buch. (continued 3)

Reading edition

So verging der Winter, und Anton merkte an untrüglichen Zeichen, daß der Frühling und der Sommer über das Land daherzogen. Die Fuhrleute brachten nicht mehr Schneeflocken in's Comtoir, sondern Regentropfen und braune Fußtapfen, zuweilen wagte sich ein Mädchen mit Veilchensträußen in die Nähe der unermüdlichen Wanduhr, dann schien die Sonne Herrn Liebold kriegslustig auf seine Fensterecke, dann kamen die Mäkler und erzählten von der gelben Blüthe der Oelfrucht draußen im Freien, und endlich erschien Herr Braun und trug die erste Rose in der Hand. Ein Jahr war vergangen, seit Anton mit den Schwänen über den See gefahren war. Er hatte das ganze Jahr hindurch an die Fahrt gedacht.

VIII.

Noch immer besaß Veitel Itzig seine Schlafstube in der stillen Caravanserei, wo er sich am Tage seiner Ankunft einquartiert hatte. Wenn nach den Behauptungen der Polizei jeder Mensch irgendwo zu Hause sein muß und nach der Ansicht aller verständigen Frauen vorzugsweise da zu Hause ist, wo sein Bett steht, so war Veitel merkwürdig wenig zu Hause. So oft er aus dem Geschäft des Herrn Ehrenthal entschlüpfen konnte, trieb er sich auf den Straßen umher, sah lauersam auf jeden jungen Herrn, welcher ihm geneigt schien, etwas zu kaufen oder zu verkaufen, und wußte aus der Haltung des Vorübergehenden genau zu erkennen, ob derselbe für die Reize eines kleinen Handels empfänglich sei oder nicht. Stets hatte er einige Paradethaler in der Tasche, mit welchen er in anmuthiger Nachlässigkeit so lockend zu klappern verstand, daß nur ein fühlloser Mensch gleichgültig gegen diese Zahlungsfähigkeit sein konnte. Er wußte mit einem einzigen schnellen Blick die geheimsten Fehler eines Rockes oder einer Weste zu erkennen, er hatte für seine Kunden eine bezaubernde Fülle von verbindlichen Redensarten, er sprach aus Grundsatz zu keinem halbwüchsigen Primaner anders, als: »Wenn der gnädige Herr mir allergnädigst erlauben,« er verstand, was ewig für das Höchste in diesem Geschäft gelten wird, seiner Unterthänigkeit einen scurrilen Anstrich zu geben und war Meister darin, die allerabgeschmacktesten Bücklinge zu machen. Er besaß die Wissenschaft, altes Messing durch Katzensilber blendend zu machen und altem Silber den allerhöchsten Glanz zu geben; er war stets bereit, abgelegte schwarze Fracke zu kaufen, — was von allen Eingeweihten als Symptom einer kühnen und waghalsigen Natur betrachtet wird, — er wußte das fasrige Tuch derselben durch einen eigenthümlichen Bürstenstrich mit einem Schein von Neuheit zu überziehen, der gerade lange genug dauerte, um seine Käufer zu verblenden, welche er in armen Schulmeistern, hoch aufgeschossenen Confirmanden und freigesprochenen Lehrlingen zu finden bemüht war. Mit jedem Gange, welchen er für Herrn Ehrenthal that, suchte er einen andern zu seinem eigenen Nutzen zu verbinden und erwarb dadurch schnell eine Kundschaft, welche den Neid graubärtiger Trödler erregte. Er beschränkte sein Geschäft aber nicht auf gebrauchte Gegenstände, obgleich er hierin seine ersten und zahlreichsten Erfolge durchgesetzt hatte. Er wurde Agent von Pferdehändlern, trat in Verbindung mit verschwiegenen Geldverleihern und trieb solchen Ehrenmännern Kunden zu; ja er lieh sein eigenes Geld aus und hatte das ungewöhnliche Zartgefühl, nie mehr als fünfzig vom Hundert zu nehmen; er lieh aber nur auf kurze Fristen und nahm am Zahlungstermin statt des baaren Geldes mit großer Bereitwilligkeit jede Art von verkäuflichen Dingen zu einer Taxe, welche er als Sachverständiger am besten selbst machte. Dabei hatte er die Tugend, nie zu ermüden, er war den ganzen Tag auf den Beinen, lief um wenige Groschen zehnmal denselben Weg, freute sich wie ein König um einen eroberten Thaler, schüttelte jedes rauhe Wort — und er mußte oft welche hören — ab, wie der Pudel seine Schläge. Er gönnte sich selbst keine Stunde des Genusses, seine einzige Erquickung war, an den Fingern die Geschäfte abzählen, welche er gerade im Gange hatte, und seinen Gewinn berechnen. Es war merkwürdig, wie wenig er brauchte, er aß am Abend ein Stück Brod, welches er zu Mittag aus Ehrenthals Küche in seine Tasche practicirt hatte; ein Glas Dünnbier gönnte er sich im ersten Jahre nur einmal, und zwar an einem heißen Tage, wo er einem Gutsbesitzer behülflich gewesen war, einen Wagen zu verkaufen, und durch eine Thätigkeit von zwei Stunden eben so viel Thaler verdient hatte. Seine Kleider gewährte ihm sein Geschäft. Sommer und Winter ging er deßhalb in schwarzem Frack und den entsprechenden Pantalons; ja er fand es nützlich, über einer schwarzen Sammtweste eine vergoldete Kette zu tragen, und erschien stets als Gentleman unter seines Gleichen, weil er mit Recht behauptete, jeder Geschäftsmann müsse so auftreten, daß sich kein Mensch zu schämen brauche, mit ihm ein Geschäft zu machen. Aus allen diesen Gründen genoß er schon nach Ablauf des ersten Jahres die Freude, seine sechs Ducaten um das Dreißigfache vermehrt zu sehen.

Im Geschäft des Herrn Ehrenthal war er schnell ein unentbehrliches Mitglied geworden, seinem Scharfsinn entging keine Person, kein Pferd, kein Getreidewagen; jedes Gesicht, das er einmal gesehen, erkannte er wieder, jeden Tag wußte er den Courszettel der Börse auswendig, als ob er selbst vereideter Sensal gewesen wäre. Noch bekleidete er die mehr nützliche als erhabene Stelle eines Laufburschen, noch putzte er Bernhards Stiefeln und aß vor der Küchenthür; aber es war ersichtlich, daß ihm ein Schreibepult und ein Lederstuhl in dem kleinen Comtoir, welches Herr Ehrenthal der Form wegen hielt, nicht fehlen würden. Dieser Stuhl war das Ziel seiner Sehnsucht, es war für ihn ein Sitz im Paradiese. Denn noch war er nicht eingeweiht in die Tiefen des Geschäftes, noch wurde er weggeschickt, so oft irgend ein wichtiger Kunde mit Herrn Ehrenthal verhandelte. Sehr bald sah er ein, daß ihm selbst noch Einiges fehle, um dies Glück zu verdienen; er gebrauchte die deutsche Sprache mit vieler Fertigkeit, aber es war ein östlicher Hauch darin, mehr Kehlkopf als höhere Grammatik; er schrieb wohl auch Geschäftsbriefe und Rechnungen, aber es war keine Glätte, kein Strich dabei, die Buchstaben waren so zu sagen widerhaarig, und die Perioden waren löchrig und geflickt; und was vollends die Geheimnisse der Buchhaltung betraf, so war er darin wie ein unschuldiges Kind. Dieser Mangel drückte ihn sehr.

In seiner Herberge war er unterdeß ein angesehener Mann geworden, selbst Löbel Pinkus behandelte ihn mit ungewöhnlicher Vertraulichkeit. Dies schöne Verhältniß verdankte Veitel seinem Scharfblick. Jene Bretterwand in der Gaststube und der hohle Klang des Holzes hatten ihn seit dem Tage seines Einzugs beunruhigt, wochenlang hatte er auf eine Gelegenheit gewartet, seine Untersuchungen fortzusetzen. Endlich an einem Sonnabend schützte er Unwohlsein vor und blieb zu Hause, als der Hauswirth und seine Gäste mit würdigem Schritt nach der Synagoge zogen. Da endlich glückte ihm, einen Ritz in der Hinterwand seines Schrankes zu erweitern und etwas zu erblicken, was ihn auf's Höchste überraschte. Er sah in eine große, schmutzige Stube, welche ganz angefüllt war mit Koffern und Kisten und einem Chaos begehrenswerther Artikel. Herren- und Damenkleider, Betten, Wäsche, Stoffe, bunte Vorhänge lagen in großen Haufen durcheinander, auch metallene Geräthe, ein Crucifix, Kelche, Kronleuchter glänzten in dem Halbdunkel und noch andere lockende Speculationen, welche auch sein scharfes Auge nicht erkennen konnte. Als Aladdin den ersten Schritt in die Zauberhöhle that, gerieth er schwerlich in so große Aufregung, als Junker Itzig bei seiner Entdeckung. Er lief immer wieder zu dem Ritz zurück und starrte in das staubige Dämmerlicht der geheimnißvollen Niederlage, bis die Gäste aus der Synagoge nach Hause kamen. Er behielt die Entdeckung für sich, aber er lag seit dem Tage auf der Lauer, wie das Wiesel vor einem Mauseloch. Einigemal hörte er bei Nacht Geräusch in der geheimnißvollen Stube des Nebenhauses; einmal gelang es ihm, ein Geflüster zu vernehmen, bei welchem die tiefe Stimme des würdigen Pinkus unverkennbar war; einst, als er spät nach Hause kam, sah er am Nachbarhause Fässer, Kisten und Bündel in eine kleine Britschka laden, welche schamhaft mit weißer Leinwand verhüllt war, eine Maßregel, welche schon Sulamith im hohen Liede Salomonis als nützlich empfiehlt, damit man nicht von den Wächtern des Königs in den Weinbergen angehalten werde. In derselben Nacht verschwanden zwei schweigsame Gäste seines Herbergvaters, welche offenbar aus Polen stammten, und kamen nicht wieder. Aus alledem zog er den Schluß, daß sein Wirth eine Art Commissions- und Speditionsgeschäft von allerlei merkwürdigen Waaren hielt, welche er aus guten Gründen lieber am Abend, als bei Tage fortschaffte. — Wie ein Licht ging es unserm Veitel auf. Die Waaren gingen nach dem Osten, wurden über die Grenze geschmuggelt und verbreiteten sich bis tief in das russische Reich, bis an die asiatische Grenze, wo zuletzt der strebsame Kirgise die Hemden und Schnürröcke aufträgt, welche vom deutschen Schneider genäht sind. Alles nach dem Grundsatz, was in Deutschland defect wird, fällt den Russen zu. Veitel benutzte seine Entdeckung mit der Mäßigung eines Geschäftsmannes und machte seinem Hauswirth gerade nur so viel Andeutungen, daß Pinkus sich bewogen fühlte, ihn mit besonderer Rücksicht zu behandeln.

Nach einem thatenreichen Tage schritt Veitel nachdenkend in seine Herberge zurück und betrat mit dem üblichen Gruß die Gaststube. Er setzte sich still in eine Ecke und suchte in seinen Gedanken nach einem Schriftgelehrten, welcher geeignet war, ihn in die Geheimnisse eines guten Styls und der Buchführung einzuweihen, gegen möglichst geringes Honorar, ja vielleicht gegen einen schwarzen Frack, den er durchaus nicht los werden konnte, weil die Schöße desselben — er hatte einem riesigen Leichenbitter gehört — bis auf den Boden hingen, wie die Aeste einer Trauerweide. Als Veitel nach fruchtlosem Ueberlegen aufsah, erblickte er am Tische einen fremden Gast, welcher eine Feder in der Hand hielt und diese zuweilen in ein Tintenfaß tauchte; der Mann sprach leise mit einem Händler und beugte sich von Zeit zu Zeit auf das Papier, wahrscheinlich um die Beschlüsse der geheimen Unterhaltung zu verewigen. Veitel sah sich den Schreiber ahnungsvoll an. Es war klar, daß die Großväter dieses Mannes nicht unter Moses durch das rothe Meer gezogen waren. Der Herr war stark und klein, er hatte eine röthliche aufgeregte Nase und ein rundes ältliches Gesicht, verworrenes Haar und eine alte Stahlbrille, die er zuweilen an den Ohren festdrückte, weil es ihr trotz ihrer langen Dienstzeit ganz unmöglich war, auf der Stumpfnase Schluß zu gewinnen. Veitel bemerkte, daß dieser Mann mit der Brille einen ungewöhnlich schlechten Rock anhatte und zuweilen aus einer Zinndose schnupfte, wobei er jedesmal den Händler mit einem eigenthümlichen Schielblick ansah, mit einer Art von inquisitorischem Blinzeln, welches seinem Gesicht einen gutmüthigen Ausdruck geben sollte, dies aber nicht that. Offenbar war der Mann ein Schriftgelehrter, und Veitel beschloß, abzuwarten, ob er an ihn kommen könne. Endlich war die Verhandlung geschlossen, der Händler empfing ein Papier und legte dafür ein Geldstück, vor Veitels Adleraugen ein Achtgroschenstück, auf den Tisch, welches von dem Herrn mit der Brille nachlässig in die Tasche des Beinkleides versenkt wurde. Der Händler entfernte sich, der Fremde blieb, wie es schien, in gemüthlicher Stimmung sitzen und goß sich aus einer kleinen Flasche Branntwein den letzten Rest in das Glas. Veitel trat auf ihn zu, der kleine Herr blickte mißtrauisch auf, aber als er die verbindliche Stellung Veitels sah, fuhr ein vertrauliches Lächeln über sein rothes Gesicht, und eine scharfe Stimme sprach: »Nur näher, mein junger Freund, Sie wollen mich consultiren, ich stehe zu Diensten.«

Veitel begann zögernd: »Wenn der Herr bekannt ist am Orte, so wollte ich ihn wohl ersuchen um etwas.«

»Immer heraus, mein Sohn,« ermunterte der Andere, indem er sein Glas austrank und Veitel mit seinem gutmüthigen Blick ansah.

»Ich wollte Sie fragen, ob Sie vielleicht Jemand wüßten, der gegen eine billige Vergütung einem Manne von meiner Bekanntschaft Unterricht geben würde im Schreiben und in den Aufsätzen, wie man sie braucht zum Geschäft.«

»So?« frug der schäbige Herr, »wie man sie braucht zum Geschäft? — und dieser Mann von Ihrer Bekanntschaft sind Sie selbst, mein Sohn?«

»Was soll ich daraus machen ein Geheimniß?« antwortete Veitel aufrichtig, »ja, ich bin es selbst; aber ich bin noch ein Anfänger und bin nicht im Stande, mehr zu geben als wenig.«

»Wer wenig giebt, erhält wenig, mein Lieber — wie war doch der Name?« frug der Alte gleichgültig dazwischen und drehte die Dose.

»Veitel Itzig heiße ich.«

»Also lieber Itzig,« fuhr der Alte fort, »guter Unterricht kostet gutes Geld. Und was treiben Sie für ein Geschäft?« forschte er mit väterlicher Miene weiter.

»Ich bin im Comtoir bei Hirsch Ehrenthal,« erklärte Veitel mit Selbstgefühl.

Der Fremde wurde aufmerksam. »Herr Ehrenthal ist ein reicher Mann, ein kluger Mann, ich habe seiner Zeit viel mit ihm zu thun gehabt, er hat eine schöne Gesetzkenntniß. Wenn Sie den Geschäftsstyl erlernen wollen und bei Herrn Ehrenthal sind,« fuhr er überlegend fort, »vielleicht kann da Rath werden. Welches Honorar würden Sie zahlen, wenn sich Jemand fände?«

Veitel fand es gewissenlos, etwas zu bieten, er bemerkte zurückhaltend: »Ich weiß doch noch nicht, was er fordern wird für solchen Unterricht.«

»So will ich's Euch gerade heraussagen,« erklärte der Herr mit der Brille. »Ich selbst könnte Euch vielleicht den Unterricht geben, vielleicht auch nicht; man giebt solche Anweisung nicht Jedem, ich müßte mich erst näher nach Euch erkundigen. Wenn ich Euch aber den Gefallen thue, so will ich Euch den Unterricht ertheilen in Erwägung, daß Ihr ein Anfänger seid, in Erwägung, daß Ihr arm seid, und in Erwägung, daß ich jetzt gerade einige freie Zeit habe und aufgelegt bin, mehr Theorie als Praxis zu treiben, wenn Ihr mir funfzig Thaler zahlt; fünfundzwanzig Thaler vor der ersten Lection und fünfundzwanzig Thaler in einem Schuldschein, den ich selbst Euch schreiben werde, binnen vier Wochen.«

»Funfzig Thaler!« rief Veitel entsetzt und sank wie vom Schlag gerührt auf einen Schemel, »funfzig Thaler!« wiederholten mechanisch seine Lippen, als das Räderwerk seines Geistes bereits in's Stocken gerathen war.

»Ist Euch das zu viel,« frug der Herr mit der Brille in scharfem Ton, »so laßt Euch sagen, junger Itzig: Erstens, daß ich mit keinem Gelbschnabel handle, zweitens, daß ich meine Hülfe Andern noch nie so billig gegönnt habe, und drittens, daß ich mich den Teufel mit Euch befassen würde, wenn ich nicht große Lust hätte, einige Wochen in dieser Stube zu verweilen.«

»Funfzig Thalerstücke!« rief Itzig außer sich, »ich habe geglaubt, es würde nicht kosten mehr als zwei, drei Thaler, wenn ich noch vielleicht wollte zugeben eine Weste und ein Paar gute Stiefeln.« Der alte Herr fuhr heftig nach seiner Brille — »und einen Hut, der noch ist wie neu,« fügte Veitel schnell hinzu, weil er einen Sturm herannahen sah und bemerkt hatte, daß der Hut auf dem Tische sehr schadhaft war.

»Scher' dich zum Henker, du Dummkopf,« fuhr ihn der Alte mit einer Ueberlegenheit an, welche Veitel nur von jungen Herren mit großen dänischen Doggen zu ertragen gewohnt war. »Suche dir einen Schulmeister bei der Armenschule.«

»So ist der Herr kein Schreiber?« frug Itzig gedrückt, aber beharrlich.

»Nein, du Narr,« brummte der Alte. »Wie konnte ich denken, daß der Ehrenthal in seinem Geschäft einen solchen Strohkopf hat,« fügte er in lautem Monologe hinzu. »Er hält mich für einen Schreiblehrer.«

»Was sind Sie denn sonst?« frug Itzig gekränkt.

»Etwas, das dich nichts angeht,« sprach der fremde Herr entschieden, stand mit einem durchbohrenden Blick auf den armen Veitel von seinem Platz auf und begab sich auf den Söller des Hauses. Dort drückte er sich in eine Ecke, wo er aussah wie ein Kleiderbündel, zog ein Actenstück aus der großen Rocktasche und las eifrig darin.

Veitel stand noch einen Augenblick verdutzt in dem einsamen Zimmer und faßte endlich den Entschluß, sich bei Pinkus Auskunft über den fremden Mann zu holen. Er trat unter einem Vorwande in den Branntweinladen und frug den Wirth mit möglichster Unbefangenheit nach Namen und Geschäft des kleinen Herrn.

»Ihr kennt ihn nicht?« sprach Pinkus mit ironischem Lächeln, von dem Veitel nicht recht wußte, ob es ihm oder dem Fremden galt. »Nehmt Euch in Acht, daß Ihr diesen Mann nicht mit Schaden kennen lernt. Nach dem Namen fragt ihn selbst, er wird ihn besser wissen als ich.«

»Wenn Sie mir auch kein Vertrauen schenken, so will ich es doch haben zu Ihnen,« antwortete Veitel und erzählte ihm seine Unterredung mit dem Fremden.

»Also er hat Euch Unterricht geben wollen?« sagte Pinkus erstaunt und schüttelte seinen dicken Kopf. »Funfzig Thaler sind viel Geld, aber mancher reiche Mann würde geben hundertmal so viel, wenn er wüßte, was der weiß, das will ich Euch sagen. Uebrigens geht's mich nichts an, ob Ihr was lernt und bei wem,« schloß Pinkus grob und ging zu seinen Liqueurflaschen.

Veitel ging noch verwirrter hinauf, als er herunter gekommen war, und setzte sich wieder grübelnd in seine Ecke, indem er nachdachte, wie man für eine so gewöhnliche Sache, als der Geschäftsstyl ist, so ungewöhnliches Geld fordern könne. Unterdeß war der Wirth heraufgekommen, hatte das Licht auf den Tisch gesetzt und eine einfache Abendkost für den Fremden mitgebracht. Ganz gegen seine Natur war er diesem gegenüber von großer Leutseligkeit, ließ sich von ihm auf den Altan führen und hatte dort im Finstern eine kurze Unterredung, deren Gegenstand, wie Veitel merkte, seine Person war.

Als Pinkus mit dem Fremden wieder in die Stube trat, sagte er zu Veitel: »Dieser Herr wird einige Wochen hier wohnen und will nicht, daß man darüber spricht. Ihr werdet gegen Niemanden sagen, daß er hier ist, wer Euch auch deswegen ausfragen mag.«

»Weiß ich doch gar nicht, wer der Herr ist,« sprach Veitel, »wie kann ich Jemandem sagen, daß er hier wohnt?«

»Sie können sich auf den jungen Menschen verlassen,« bemerkte Pinkus gegen den Fremden, worauf dieser gleichgültig mit dem Kopfe nickte. Der Wirth ließ diesmal das Licht brennend in der Stube zurück und schied mit einem Nachtgruß. Der Herr setzte sich behaglich nieder, aß mit unangenehmem Schmatzen die Abendkost und sah dabei von Zeit zu Zeit auf Veitel, ungefähr wie ein alter Rabe auf das gelbe Küchlein sieht, welches sich mit dem Leichtsinn der Jugend in seine Nähe gewagt hat.

Während der Alte zwinkernd auf seine Beute sah, fuhr dem jungen Itzig plötzlich der Gedanke durch den Kopf, diese geheimnißvolle Person mit den ungeheuren Forderungen ist vielleicht einer von den Auserwählten, ein Besitzer der Recepte, durch welche ein armer Handelsmann unfehlbar Glück, Gold und alle Güter der Erde erwerben kann. Ihm wurde glühend heiß bei dem Gedanken. Zwar sah der Fremde durchaus nicht reich und glücklich aus, aber war es nicht möglich, daß er den alten Rock nur incognito trug, oder daß er übermäßig geizig war, oder daß er selbst aus irgend einem Grunde von den Recepten keinen Gebrauch machen durfte? Vielleicht waren die funfzig Thaler der Preis für das Geheimniß. Veitel hatte jetzt Weltbildung genug, um einzusehen, daß weder durch eine Salbe, noch durch einen Zauberstein solche Wirkungen hervorgebracht werden, sondern daß Wissenschaft dazu nöthig sei. Er merkte, daß es darauf ankomme, schlauer zu sein als andere Leute, und daß solche Schlauheit auch für den Inhaber nicht ohne Bedenken sei; ja es kam ihm allerdings so vor, als ob man durch die Benutzung derselben in Gefahr gerathe, sich dem Satan zu verschreiben. Aber seine Begier, etwas Näheres zu erfahren, war übermächtig. Seine Hände zitterten wie im Fieber, und sein bleiches Gesicht glühte, als er aus seiner Ecke wieder zu dem Fremden trat und mit großem Eifer sagte: »Ich wollte mir noch erlauben eine Frage zu thun an den Herrn. Ich habe gehört, daß man kann lernen die Kunst, wodurch man Glück hat in allen Geschäften, womit man kann machen jede Art von Kauf und Verkauf zu dem besten Preise. Wenn es giebt eine solche Kunst, wie mich hat versichert einer von unsern Leuten, so wollte ich den Herrn nur fragen, ob das dieselbe Wissenschaft ist, die der Herr mich könnte lehren, wenn er wollte.«

Der Alte schob den Teller von sich und sah mit außerordentlichem Augenzwinkern auf den Burschen. »Du bist der merkwürdigste Mensch, der mir in praxi vorgekommen. Du bist entweder sehr dumm, oder der abgefeimteste Schauspieler, den ich je gesehen habe.«

»Nein, ich bin nur dumm, aber ich möchte werden klug,« sagte Veitel Itzig.

»Ein merkwürdiger Kerl,« bemerkte der alte Herr rücksichtslos und rückte an seiner Brille, um Veitel genau anzusehen, dem bei dem kalten Glanz der Brillengläser sehr unheimlich wurde. Nach langer Prüfung sprach der Alte, indem er eine Gönnermiene annahm: »Was du Kunst nennst, mein Sohn, ist weiter nichts, als die Gesetzkenntniß und die Weisheit, das Gesetz zum eignen Vortheil zu benutzen. Wer das versteht, der wird auf Erden ein großer Mann; es hindert ihn nichts daran, denn er kann nicht gehangen werden.« Bei diesen Worten lachte der Alte in einer Weise, die selbst unserm Veitel einen bänglichen Eindruck machte, obgleich dieser auf die mechanischen Bewegungen der Gesichtsmuskeln sonst nicht viel gab.

»Diese Kunst, mit den Gesetzen umzugehen,« fuhr der kleine Herr fort, »ist nicht leicht zu lernen, mein Sohn, es gehört lange Uebung dazu und ein anschlägiger Kopf und Entschlossenheit im richtigen Augenblick und vor Allem das, was die Gelehrten Charakter nennen.« Dabei lächelte er wieder.

Veitel merkte, daß er bei einem wichtigen Punkt seines Lebens angelangt sei, er fuhr mit der Hand in die Jacke nach seiner alten Brieftasche und hielt sie einen Augenblick in der bebenden Hand. Was in diesem Moment durch seine arme Seele fuhr, — und es war nur ein Moment — das waren wilde und schmerzhafte Empfindungen. Schnell wie Blitze zuckten sie durcheinander. Er dachte in diesem Augenblick an seine alte Mutter in Ostrau, ein ehrliches Weib, wie sie ihre goldene Kette verkauft hatte, um ihm die sechs Ducaten in die Ledertasche zu nähen; er sah sie vor sich, wie sie ihn beim Abschiede mit Thränen gebenscht hatte und zu ihm gesagt: »Veitel, es ist eine arge Welt, verdiene dir ehrlich dein Brod, Veitel!« — Er sah seinen grauen Vater vor sich auf dem Todtenbett liegen, wie ihm der weiße Bart herunterhing über den magern Leib — und tief holte er Athem. Auch an die funfzig Thaler dachte er, wie viel Mühe es ihm gekostet hatte, sie im Schacher zu erwerben, wie oft er darum gelaufen war, wie oft man ihn geschmäht, ja als Ueberlästigen mit Schlägen bedroht hatte. Als ihm der letzte Gedanke durch die Seele flog, riß er heftig die Brieftasche aus der Jacke, warf sie auf den Tisch, setzte die geballte Faust darauf und rief mit blitzenden Augen: »Hier ist Geld!« — und während er das aussprach, fieberhaft erregt, in leidenschaftlicher Hast, selbst in diesem Augenblick, fühlte er deutlich, daß er daran sei, etwas Böses zu thun, und er fühlte, wie eine Last sich unsichtbar auf seine Brust senkte. Aber er war entschlossen. Schwerlich hatten die jungen Herren, welche den zudringlichen Judenknaben die Treppe herunterwiesen, daran gedacht, daß ihre höhnenden Worte in der armen verwilderten Menschenseele einen Dämon erwecken würden, der ihnen selbst in spätern Jahren Elend und Verderben heraufbeschwören sollte.

Nach einigen Stunden war das Licht tief herabgebrannt und bei dem rothen Schein saß in dem wüsten Raume noch immer Veitel mit offenem Munde, glänzenden Augen und gerötheten Wangen dem Vortrage des alten Mannes lauschend. Und der Alte sprach doch über Dinge, von denen zu hören den meisten Sterblichen sehr langweilig ist, über gewöhnliche Schuldverschreibungen.

Das Licht war verloschen, der kleine Herr hatte die neugefüllte Branntweinflasche geleert und war ermüdet vom langen Sprechen auf seinem Strohsack eingeschlafen, und noch immer saß Veitel auf dem Schemel. Heute dachte er nicht an seine Kunden, nicht an sein gezahltes Geld, sondern er schrieb Schuldscheine an die schwarzen Wände, in denen sich der Aussteller mit vielen Worten zu so wenig als möglich verpflichtete, und schrieb Empfangscheine über geliehenes Geld, in denen er durch unscheinbare Zusätze die Rückzahlung der Summe von seinem Belieben abhängig machte. So saß er lange in bleischwarzer Finsterniß, und große Schweißtropfen rannen von seinen Schläfen. Dann öffnete er die Thür zur hölzernen Galerie, lehnte sich auf das Geländer und sah durch das Dämmerlicht hinunter in das Wasser, welches wie ein riesiger Strom von Tinte vorbeifluthete. Und wieder schrieb er Schuldscheine in die schwarzen Schatten der gegenüberliegenden Häuser und schrieb Quittungen auf die dunkle Wasserfläche, bis sein müder Leib erschöpft zusammenbrach und er in einer Ecke einschlief, das heiße Haupt an die Holzwand gelehnt. In kaltem Zuge fuhr der Nachtwind über das Wasser und unten gurgelte die Fluth klagend an den Holzpfählen und Vorsprüngen der alten Häuser. Was er in die Schatten gezeichnet, das verrückte sich, und was er auf das Wasser geschrieben, das zerrann, und doch hatte seine Seele einen Schuldschein ausgestellt in dieser Nacht, der einst von ihm eingefordert werden sollte mit Zins und Zinseszins. Der Wind heulte, und der Sturm klagte, wilde Mahner an die Schuld, rächende Boten des Gerichts.

Seit dieser Nacht eilte Veitel alle Abende mit schnellem Schritt nach seiner Herberge, der Unterricht im Geschäftsstyl wurde regelmäßig fortgesetzt. Der Herr mit der Brille war ein gründlicher Lehrer, die tiefsten Geheimnisse des Wechselrechts und der Hypothekenordnung waren ihm offenbar, er kannte jeden Schlupfwinkel, welchen das Gesetz dem gewandten Mann offen läßt, er war mit jedem Schleichwege vertraut, auf welchem man eine gesetzliche Verpflichtung umgehen kann. Seine Methode des Unterrichts war vortrefflich. Er ging bei allen auszustellenden Urkunden und bei jeder geschäftlichen Verpflichtung von der gewöhnlichen Form aus, lehrte seinen Schüler die betreffenden Gesetze kennen und machte seine Lehre durch Beispiele deutlich und angenehm. Dann erst gab er bei jedem Gesetz, bei jedem einzelnen Fall, die kleinen Hülfsmittel an, durch welche man gegenüber der Verpflichtung einen freien Standpunkt gewinnen konnte. Jeden Abend nahm Veitel einige kostbare Recepte in seine Brieftasche auf, Formulare zu Documenten, welche zu nichts verpflichteten, und wieder solche, welche zu weit mehr verpflichteten, als sie den Anschein hatten. Zuweilen schrieb der Alte selbst ein solches Kunstwerk vor, und ließ es den Schüler abschreiben, worauf er seine eigene Handschrift sorgfältig am Licht verbrannte. Wenn fremde Gäste in der Herberge waren, zogen sich Lehrer und Schüler in eine Ecke zurück und verhandelten in einem Flüsterton, welcher von den Anwesenden mit vieler Achtung angehört wurde, denn Veitel pflegte dann zu erklären, daß er von dem Herrn Unterricht in der Buchführung und andern nützlichen Dingen erhalte.

Was Veitel nach und nach über die Person seines Lehrers erfuhr, Namen und Schicksal, sei hier in Kürze berichtet. Herr Hippus hatte bessere Tage gesehen. Er war einst ein vielgesuchter Rechtsanwalt der Hauptstadt gewesen, der es durchgesetzt hatte, in wenig Jahren eine ausgebreitete Praxis zu erwerben. Bei dem Geschäfte treibenden Publicum einer großen Stadt erhält jeder Advocat sehr bald einen bestimmten Ruf, einen Ruf, welcher eben so unsicher sein mag, als der Ruhm einer Sängerin oder Tänzerin, der aber auch durch eine große Classe von Menschen als anziehender Stoff der Unterhaltung benutzt wird. Bei dieser Classe galt Herr Hippus für sehr gewandt und zuvorkommend im Verkehr mit den Parteien und für den entschiedensten und kühnsten Mann, um ein mißliches Recht in ein gutes Recht zu verwandeln. Im Anfang hatte er so wenig, wie der gewissenhafteste Staatsanwalt, den Trieb, seine Carriere dadurch zu machen, daß er Unrecht in Recht verdrehte. Auch er hatte ein peinliches Gefühl von Unsicherheit, wenn er eine Partei vertrat, deren Sache er für schlecht hielt, er war von den ehrenwerthesten seiner Collegen nur sehr wenig verschieden, er hatte einige kleine Scrupel weniger und trank etwas zu gern guten Rothwein. Diese letzte so löbliche Eigenschaft wurde bald eine Schwäche. Er war ein Mann, der mit Geschmack zu frühstücken wußte, ein Herr von kaustischem Witz und ein vortrefflicher Gesellschafter bei der Tafel. Er hatte einen subtilen Geist, freute sich über geistreiche Paradoxien und liebte es die Haare zu spalten, die er seinen Gegnern ausriß. Mit Hülfe des Rothweins erlangte er die Fertigkeit, viel Geld auszugeben, und gerieth in die Lage, viel einnehmen zu müssen. Die eitle Freude an Spitzfindigkeiten verlockte ihn einigemal, die ganze Energie seines glänzenden Geistes einer schlechten Sache dienstbar zu machen und diese zum Siege zu führen. So erlebte er den Fluch, der häufig Advocaten trifft, welche Glück in verzweifelten Processen gehabt haben, es liefen ihm Alle zu, welche eine schlechte Sache zu vertheidigen hatten. Lange Zeit ärgerte er sich darüber, und es fehlte ihm nur ein klein wenig Kraft, um diese Spitzbubenpraxis, wie er selbst sie nannte, los zu werden; allmälig, ganz allmälig wurde er durch die schlechten Sachen, an denen er sein nicht gemeines Talent geltend zu machen suchte, selbst schlecht. Immer größer wurden seine Bedürfnisse, immer lockender die Verführung, immer kleiner sein Gewissen. So war er schon lange von innen ausgehöhlt und mit Giftstaub gefüllt, wie ein Bovist, von außen sah er noch stattlich und glänzend aus, und oft wurde ihm prophezeit, daß er mit der größten Praxis in der Stadt als einer der reichsten Männer seine Laufbahn beschließen werde. Da begegnete ihm, dem Schlauen, dem Gesetzkundigen das Unglück, daß er in eine Untersuchung gerieth, weil er bei einer Sache, welche nur durch verzweifelte Mittel zu halten war, dem Gesetz eine Blöße gegeben hatte. Er wurde verurtheilt, mit Schimpf cassirt und verschwand als ein gefallener Stern aus dem Kreise seiner Amtsgenossen. Was er noch von Bedenken und Rücksichten gehabt hatte, ging seit der Zeit mit reißender Schnelligkeit verloren. Er hatte in Wirklichkeit wenig Vermögen gesammelt, fast nur schlechte Ansprüche an den Besitz Anderer, verzweifelte Schuldverschreibungen und hoffnungslose Documente, deren Erwerb ihm allerdings sehr wenig gekostet hatte. Die Beitreibung derselben machte er jetzt zur Aufgabe seines Lebens, denn noch immer hatte er das Bedürfniß, viel auszugeben. Deßhalb war er durch mehrere Jahre als ewiger Kläger und Quereler eine den Gerichtshöfen wohlbekannte Person. Was er durch Prozessiren erwarb, vergeudete er mit roher Sinnlichkeit in schlechter Gesellschaft, er wurde ein Trunkenbold, ein lüderlicher Schlemmer. Aber auch diese unsicheren Einnahmen hörten endlich auf, sein Name verschwand allmälig aus den Prozeßacten, und seine Person ward auch in den Restaurationen untergeordneten Ranges nicht mehr gesehen. Aber seine Thätigkeit hörte nicht auf. Er sank zum Besucher von Branntweinstuben und zum Winkelconsulenten herab, der andere Leute zu Prozessen aufstachelte und Schwindlern und Gaunern gute Rathschläge ertheilte. In dieser stillen Thätigkeit verlebte er einige Jahre und stiftete so viel Unheil, als nöthig war, um seinen Grimm gegen nicht gefallene irdische Größen und seinen Durst, der sehr gemeiner Natur wurde, zu befriedigen. Leider glückte ihm noch nicht, ganz aus dem Auge des Gesetzes zu verschwinden. Gerade jetzt wurde ihm wegen unbefugter Praxis nachgestellt, und er fand für nöthig, unter dem Vorwand einer längeren Reise auf einige Zeit unsichtbar zu werden. Deßhalb hatte er sich bei Herrn Pinkus, dessen Kunde und Rechtsbeistand er zuweilen gewesen war, einquartiert und so Muße gewonnen, den jungen Itzig seine Receptirkunst zu lehren.

Uebrigens verfuhr Herr Hippus nicht ohne Vorsicht. So oft er seinem Schüler irgend eine Schurkerei beibrachte, welche wie eine Arabeske an die gewöhnliche gerade Linie des Geschäftsstyls angehängt wurde, verfehlte er nie mit einem häßlichen Lächeln zu bemerken: »Dies Alles sage ich dir nur, damit du dich in Acht nimmst.« Diese Phrase wurde stehend und eine anmuthige Quelle der Heiterkeit für Lehrer und Schüler, auch nachdem Veitel einen ungewöhnlichen Scharfsinn gezeigt hatte und alle Erfordernisse des Charakters, welche für einen Apostel dieser Geheimlehre nöthig waren.

Der Unterricht wurde für den alten Mann sehr bald ein Bedürfniß des Herzens. Ja, seines Herzens. Denn er war allerdings ein schlechter Mensch geworden, an dem etwas Gutes nur schwer aufzufinden gewesen wäre, aber die schwarze Schlacke, welche er statt eines warmblütigen Menschenherzens in der Brust trug, war doch noch nicht ganz ausgeglüht; er hatte sehr das Bedürfniß, zu hassen, aber eben so sehr das Bedürfniß, anerkannt zu werden. Nach vielen Jahren fand er jetzt Gelegenheit, sein Wissen in längerer Rede zu entwickeln, Geist zu zeigen und einem andern Menschen eine Art von Verehrung einzuflößen. Einst war er ein gebildeter und scharfsinniger Jurist gewesen; das Gebäude seines Wissens war bei dem wüsten Leben sehr zerfallen, aber es war noch genug vorhanden, was dem jungen Wilden imponiren konnte; und mit einer melancholischen Freude, dem edelsten Gefühl, das der verworfene Mann seit Jahren gehabt hatte, öffnete er vor dem Jünglinge die verschütteten Thüren seines Geistes. Die Aufmerksamkeit Veitels schmeichelte ihm sehr, er fing an, ihn für sein Geschöpf zu halten, und faßte allmälig eine Zuneigung zu dem Judenknaben, über die er selbst cynische Witze machte. Und doch war sie ein Schatz für den Elenden. Denn die Güte der menschlichen Natur ist unzerstörbar, und die größte Corruption eines Menschen vermag nicht Alles in ihm zu verderben. Immer sucht seine Lebenskraft die Stellen, wo sie sich gesund und zum Guten entwickeln kann, aber der Fluch einer verderbten Seele ist, daß auch ein gutes menschliches Empfinden sich ihr zu Unheil und Sünde verkehrt.

Schnell wurde dem alten Mann sein Schüler wichtiger, als irgend eine andere Person auf Erden. Mit Ungeduld wartete er auf die Abendstunde, in welcher der geschäftige Bocher zur Vorlesung kam; ja es begegnete ihm, daß er von seiner Abendkost und seinem Branntwein einige Reste für Veitel übrig ließ, und wenn das Judenkind bei dem trüben Lichte vor ihm saß und mit großem Appetit das kalte Fleisch verzehrte, so konnte der Alte ihn schweigend ansehen und sich darüber freuen. Und einst als Veitel sich bei rauher Witterung verkältet hatte und fiebernd unter dünner Decke auf dem Strohsack lag, da ereignete sich das Unglaubliche, daß der Alte ein Federbett, welches er als privilegirte Person durch den Wirth erhalten hatte, von seinem eigenen Lager trug und über den Burschen breitete; und als Veitel ihn dankbar anlachte, freute sich das alte Geschöpf wieder.

Veitel verdiente diese Funken von Freundschaft, welche in dem Alten aufstiegen, denn er bezeigte ihm eine Verehrung, wie sie nur irgend ein Schüler gegen seinen berühmten Lehrer gefühlt hat. Er erbot sich, ihm eine neue Garderobe zum Einkaufspreise zu besorgen, und handelte stierköpfig um einen passenden Oberrock, weil er ihn dem alten Mann so billig als möglich verschaffen wollte; er war stets zu der Verschwendung bereit, die Branntweinflasche zu füllen, weil er wußte, daß dies die Schwäche seines würdigen Lehrers war; er machte ihn zum Vertrauten seiner kleinen Geschäfte, ja er brachte ihm zuweilen am Abend Geschenke mit und lief nach einem glücklichen Geschäftstage sogar in einen Fleischladen, um für Herrn Hippus eine verhaßte Zungenwurst einzukaufen. Allerdings war auch diese Herzensfreundschaft nicht ohne kleine Stacheln. Der Alte konnte es nicht lassen, seine gallige Laune an dem Schüler zu üben, und Itzig nannte den Alten, wenn dieser dem Branntwein zu viel einräumte, mit höchst unzierlichen Namen, welche bewiesen, daß das Gefühl der Hochachtung in ihm nicht unerschütterlich war. Im Ganzen aber stimmten die beiden Ehrenmänner doch vortrefflich zusammen und wurden einander unentbehrlich.

Veitel lernte in den Monaten, welche der Alte in seinem Versteck zubrachte, auch noch Anderes als schlechte Handwerkskniffe; er lernte das Deutsche richtiger sprechen und schreiben; ja er las zuweilen in den Büchern, welche er für Hippus aus einer kleinen Leihbibliothek holen mußte, er las mit Vergnügen Abenteuer zu Wasser und zu Lande, die Eroberung Amerikas und andere aufregende Unternehmungen, an welche seine Phantasie allerlei Geschäfte knüpfen konnte. Durch seinen Lehrer erhielt er viele Aufschlüsse über das Leben der Menschen und Völker, auch über den Staat, in dem er selbst existirte und von dem er bis dahin sehr wenig gewußt hatte. So machte er in wenigen Monaten Veränderungen durch, welche dem Blick des Herrn Ehrenthal nicht entgingen.

Dieser bemerkte nach und nach, daß Veitel weniger grotesk aussah, daß er richtiger sprach und schrieb, und vor Allem, daß er in Geschäften unwillkürlich eine Sicherheit und juristische Kenntniß entwickelte, die an einem Lehrling seiner Art sehr ungewöhnlich waren. Herr Ehrenthal besprach diese Veränderung in seiner Familie ungefähr so, wie ein Landwirth das viel versprechende Aussehen eines Zuchtstiers lobt, und kündigte am Ende des Vierteljahrs dem Burschen freiwillig an, daß das Stiefelputzen und das Essen vor der Thür aufhören solle, und daß er bereit sei, ihm einen Platz im Geschäftslocal und außer dem Kostgelde einen kleinen Gehalt zu bewilligen.

Veitel empfing die Ankündigung, auf die er so lange gewartet hatte, mit großer Selbstbeherrschung, er dankte demüthig und versprach alles Mögliche für die Gegenwart und Zukunft: »Noch eine Bitte habe ich an den Herrn, eine große Bitte, die Sie nicht ungünstig aufnehmen möchten. Wenn ich die Ehre haben könnte, einmal in der Woche am Tisch des Herrn Ehrenthal zu essen. Da Sie mir so viele Güte erweisen, so haben Sie auch diese Rücksicht auf mich, damit ich kann sehen in guter Gesellschaft, wie man sich benimmt, wenn man ißt mit vornehmen Leuten. Sie können mir's abrechnen von meinem Kostgeld, das Sie mir geben wollen.«

Ehrenthal schüttelte den Kopf und sagte erstaunt über dies Verlangen: »Zuerst muß ich sprechen mit meiner Frau, ob's ihr wird recht sein, daß du dich bildest in meinem Hause. Du kannst warten, bis ich gesprochen habe.« Er ging zu seiner Frau und trug ihr Veitels Wunsch vor, mit einem kühlen Wesen, welches andeuten sollte, daß ihm als einem Mann von Welt die Forderung ungehörig erscheine. Im Innern freilich wünschte er, daß Itzigs Wunsch zu gewähren sei, denn er hielt es für wichtig, den anstelligen Mann seinem Geschäft zu erhalten. Aber er wagte nicht seiner Hausfrau gegenüber diesen Wunsch zu äußern, denn Madame Ehrenthal hatte noch viel mehr Welt und Bildung, als er selbst, und war ihm in allen Dingen, welche vornehmes Wesen betrafen, eine große Autorität. Sie war die Tochter eines großen Schnittwaarengeschäftes aus der Residenz und hatte Geschmack für das Neueste und einen sehr energischen Willen in Theetrinken, Stutzuhren, Möbelstoffen und anderen Eigenschaften, durch welche sich ein gebildeter Mensch von einem ungebildeten unterscheidet. Wider Erwarten nahm Madame Ehrenthal Veitels Wunsch ohne Ueberraschung auf. Diese Ueberraschung wäre auch unnatürlich gewesen, da Veitel durch wahrhaft unmäßigen Diensteifer, durch Verschwiegenheit in einzelnen kleinen Fällen und durch die größte Höflichkeit das Wohlwollen der vornehmen Dame zu erwerben gewußt hatte: »Wenn der junge Mann sich bilden will in unserer Familie, so kann er keinen bessern Ort finden. Da er brauchbar ist im Geschäft, wie du sagst, so wird es dir von Nutzen sein, wenn er auch zu essen und zu reden weiß mit den Leuten.«

Nach dieser Entscheidung wurde Veitel am nächsten Sonntage, dem Tage einer gebratenen Gans, aufgefordert, in der Familie zu erscheinen. Und als er zu dem gedeckten Tische trat, angethan mit dem besten unter den sechs Leibröcken, welche er auf seinem Lager hatte, einen neuen weißen Hut in der Hand und ein baumwollenes Hemd mit stehendem Kragen unter der ausgeschnittenen Weste, da wurde er von Herrn Ehrenthal mit den würdigen Worten eingeführt: »Der junge Itzig ist aufgenommen in mein Geschäft als Buchhalter. Es ist nicht mehr anständig für ihn, in der Wirthschaft zu helfen, und es wird jetzt anständig sein, daß wir ihn als einen gebildeten Menschen behandeln. Sie können Platz nehmen dort unten am Tisch, lieber Itzig.«

IX.

An einem warmen Sommerabend sprach Fink nach dem Schluß des Comtoirs zu Anton: »Wollen Sie mich heut begleiten? Ich will auf dem Fluß ein Boot probiren, das ich hier habe bauen lassen.« Anton war bereit. Die Jünglinge sprangen in einen Wagen und fuhren an den Fluß oberhalb der Stadt, wo eine Colonie von Schiffern und Fischern in ärmlichen Hütten wohnte. Fink wies auf ein rundes Fahrzeug, welches auf dem Wasser schwamm, wie eine große Kürbisschale, und sagte melancholisch: »Da liegt das Gefäß, es ist ein Scheusal! Ich selbst habe dem Kahnbauer das Modell geschnitzt, denn ein Kielboot bauen, ist hier zu Lande etwas Unerhörtes; ich habe dem Strohkopf alle Verhältnisse angegeben, und er hat ein solches Mövenei zur Welt gebracht.«

»Es ist sehr klein,« erwiederte Anton mit trüben Ahnungen.

»Ich sage Euch,« rief Fink strafend dem Kahnbauer zu, welcher herantrat und respectvoll die Mütze abnahm, »daß unsere Seelen auf Euer Gewissen kommen, wir werden in dem Dinge da unfehlbar ertrinken, und Euer Mangel an Witz wird Schuld sein.«

»Herr,« sagte der Kahnbauer kopfschüttelnd, »ich habe das Boot ganz nach Ihrer Anweisung gemacht.«

»Den Teufel habt Ihr,« schalt Fink, »zur Strafe sollt Ihr mitfahren. Ihr werdet einsehen, daß es billig ist, wenn Ihr mit uns ertrinkt.«

»Nein, das thue ich nicht, lieber Herr,« antwortete der Mann entschieden, »bei dem Winde will ich's nicht wagen.«

»So bleibt am Lande und kocht Euren Kindern Brei von Hobelspänen. Gebt Mast und Segel her.« Fink setzte den kleinen Mast ein, sah nach, ob die Schoten der Segel glatt durch die Löcher liefen und ob das Geitau anzog. Sämmtliche nautische Erfindungen erwiesen sich als befriedigend. Dann hob er Mast und Segel wieder aus, legte sie der Länge nach in das Boot, warf einige Eisenstücke als Ballast auf den Boden, hakte das Steuer ein, ergriff zwei lange Streichruder und wies unserm Helden seinen Platz an. Darauf legte er die Ruder aus und fuhr mit der Kraft eines Matrosen im Doppelschlag vom Ufer ab. Er ließ den Kürbis auf der Wasserfläche tanzen zur großen Belustigung des Zimmermanns und sämmtlicher Nachbarn am Ufer, und äußerte seine Zufriedenheit, daß Anton ihm so zuversichtlich gegenüber saß. »Es ist möglich, in einem Kielboot gegen den Strom zu kommen,« sagte er, »das war's, was ich diesen Nachtmützen beweisen wollte.« Darauf setzte er den Mast wieder ein, löste die Segel, gab seinem Schüler die Schote des Klüvers in die Hand und unterrichtete ihn, wie er anziehen und loslassen sollte. Der Wind blies in unregelmäßigen Stößen, bald blähten sich die kleinen Segel und neigten den Rand des Bootes dem Wasser zu, bald schlugen sie unthätig und rathlos an den Mast. »Es ist ein elender Seelenverkäufer,« rief Fink ärgerlich, »wir treiben unvermeidlich ab und werden nächstens umwerfen.«

»Wenn das ist, so schlage ich vor, umzukehren,« sagte Anton mit erheuchelter Leichtigkeit.

»Es thut nichts,« versetzte Fink kaltblütig, »ich werde uns schon wieder an's Land bringen, so oder so. Sie können doch schwimmen?«

»Wie Blei,« antwortete Anton; »wenn wir umwerfen, gehe ich sicher auf den Grund, Sie werden Mühe haben, mich herauszuziehen.«

»Fassen Sie nur in keinem Falle nach meinem Körper, wenn Sie im Wasser liegen,« belehrte ihn Fink, »das wäre das beste Mittel, uns Beide unten festzuhalten; warten Sie ruhig ab, bis ich Sie in die Höhe hebe. Uebrigens wird es nicht schaden, wenn Sie sich Rock und Stiefeln ausziehen, es ist gemüthlicher im Wasser, wenn man im Negligé ist.« Anton that willig, wie ihm befohlen war.

»So ist's recht,« sprach Fink. »Im Grunde ist's ein erbärmliches Vergnügen, hier herum zu fahren. Keine Wellen, kein Wind, und zuletzt auch kein Wasser. — Da sitzen wir wieder auf dem Grund. Stoßen Sie ab. — He, Bootsmaat, was werden Sie sagen, wenn dies garstige Ufer plötzlich versinkt, und wir auf einem anständigen Meer schaukeln, Wasser bis an den Horizont, Wellen wie der Baum dort und ein herzhafter Wind, der die Ohren abbläst und die Nase schräg an die Backen legt.«

»Ich kann nicht sagen, daß ich es angenehm fände,« erwiederte Anton besorgt.

»Je nachdem,« sagte Fink, »es giebt wenig Lagen, die nicht noch viel schlechter sein könnten. Bedenken Sie, es wäre auch in diesem Fall immer noch ein glückliches Loos, daß wir diese nichtsnutzigen Faßdauben zwischen uns und dem Wasser haben. Wie aber, wenn wir selbst mit unserm Leibe in der Fluth lägen, ohne Kahn, ohne Ufer, zwischen haushohen Wellen?«

»Wenigstens ich wäre verloren,« rief Anton mit aufrichtigem Entsetzen.

»Ich sage Euch aber, ich habe einen Freund, einen guten Freund, auf den ich mich in einer Krisis gern verlasse, dem ist so etwas begegnet. Der Mann schlendert am Strande der See an einem glorreichen Abend, er beschließt zu baden, wirft seine Kleider ab und geht in's Wasser. Lustig schwimmt er in die See hinein. Die Wellen heben ihn und werfen ihn zu Thal, das Wasser ist wohlig warm, um ihn glitzert in der Abendsonne die Fluth von zehntausend bunten Farben, und über ihm lodert das goldene Licht des alten Himmels. Der Mann jauchzt vor Vergnügen.«

»Und Sie selbst waren der Mann?« frug Anton.

»Meinetwegen ja. — So schwamm ich eine Weile fort, bis ich an dem matten Schein des Himmels merkte, daß es Zeit war, mich aus der Wasserschaukel an's Land zu versetzen. Ich wandte mich um und hielt auf das Land zu, und was meint Ihr, Master Wohlfart, das ich sah?«

»Ein Schiff,« rief Anton, »einen Fisch.«

»Nein,« sagte Fink, »nichts sah ich, das Land war verschwunden. Ich spähte nach allen Seiten in die Dämmerung hinein, ich hob mich aus den Wellen, so hoch ich konnte; nichts war zu erblicken, als Wasser und Himmel. Die Strömung, die vom Lande abwärts zog, hatte mich heimtückisch fortgeführt, ich trieb in der hohen See. Ich lag im atlantischen Ocean zwischen Amerika und England. Insofern wußte ich, wo ich war, aber diese geographische Kunde erwies sich in meiner Lage als unbefriedigend. Es wurde dunkler am Himmel, die Thäler der Wellen füllten sich mit schwarzen ungemüthlichen Schatten, die Wasserberge hoben sich höher, ein kalter Luftzug fuhr über mein Haupt. Und nichts war zu sehen, als das röthliche Grau des Himmels und die wilde rollende Fluth.«

»Das war schrecklich!« rief Anton.

»Es war ein Augenblick, wo kein Pfaff einer armen Seele verwehren kann, den Teufel um Hülfe zu bitten. Wo das Land zulag, erkannte ich natürlich am Himmel. Jetzt entstand die Frage, wer stärker war, die Strömung des Meeres, oder mein Arm. Ein mörderisches Ringen mit dem perfiden Schurken von Wassergott begann. Durch die Stöße Eurer Schwimmschule wäre ich nicht weit gekommen, ich rollte wie die Seekälber und die Wilden und griff Hand um Hand vorwärts. So konnte ich's im Nothfall ein Paar Stunden aushalten. Und jetzt arbeitete ich. Es war ein harter Kampf, der mächtigste meines Lebens. Unterdeß wurde es finster, die smaragdgrünen Wellen verwandelten sich in eine Fluth von schwarzem flüssigem Pech, nur ihre Häupter schimmerten noch von weißem Gischt; wie Todtenschädel stiegen sie um mich auf und spuckten mich an. Der Himmel hing bleigrau über mir, zuweilen blinzte ein einzelner Stern hinter dem Wolkenrauch, das war mein einziger Trost. So schwamm ich zwischen Schwarz und Grau in's Endlose hinein, noch immer kein Land zu sehen. Ich wurde matt und die teuflische Schwärze um mich herum gab mir zuweilen den Gedanken ein, die unnütze Arbeit aufzugeben. Die Wolkenbank stieg höher, die Sterne verschwanden, die Richtung wurde zweifelhaft und meine Stellung durchaus unhaltbar. Ich merkte, daß die Sache zum Ende kam; meine Brust keuchte, vor meinen Augen tanzten unzählige Funken, wie Leuchtkäfer auf dem Wege zur Hölle. Da, mein Junge, als ich halb besinnungslos mit einer Welle hinabgeglitten war, da fühlte ich mit dem Fuße etwas, was nicht mehr Wasser war.«

»Es war Grund,« rief Anton.

»Ja,« nickte Fink, »es war fester Sand. Ich kam eine Meile nördlich von meinen Kleidern an's Ufer und fiel dort hin wie eine erschlagene Robbe.« Er brach ab und sah prüfend auf Anton. »Und jetzt macht Ihr Euch fertig, Maat,« rief er, »nehmt Eure Beine unter der Bank hervor, ich werde einen Schlag machen und zum Ufer wenden. Nur ruhig!«

In diesem Augenblick fuhr ein starker Windstoß über die Wasserfläche, der Mast knarrte, das Boot neigte sich auf die Seite und hörte mit der Schwenkung nicht eher auf, bis sein Kiel in die Höhe stand, wie die Rückenflosse eines Fisches. Anton sank seinem Versprechen getreu ohne weitere Bemerkungen in die Tiefe. Blitzschnell tauchte Fink in die Strömung, stieß ebenfalls, wie er versprochen hatte, seinen Gefährten über sich nach der Oberfläche des Wassers und schob ihn mit großer Anstrengung auf eine seichte Stelle, wo es möglich war, watend das Ufer zu erreichen. »Zum Henker, fassen Sie doch meinen Arm!« rief Fink keuchend.

Anton aber, der gegen die Abrede eine ziemliche Masse Wasser verschluckt hatte, besaß nicht mehr allzu viel Besinnung und machte nur eine abwehrende Bewegung mit der Hand.

»Ich glaube, er will noch einmal hinunter,« rief Fink ärgerlich, faßte den Kraftlosen um den Leib und schleppte ihn an's Ufer.

Eine Menge Menschen hatte sich hier versammelt und stürzte jetzt an den Rand des Wassers, wo Fink den jungen Matrosen im Arme hielt und ihm lebhaft zuredete, doch wieder zu sich zu kommen. Endlich öffnete Anton die Augen und bezeugte dadurch und durch einige andere Bewegungen die Absicht, seine Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft noch nicht aufzugeben. »Wie geht's, Wohlfart?« sagte Fink und sah ihm besorgt in das bleiche Antlitz. »Sie haben sich die Sache sehr zu Herzen genommen! Poncho y Ponche!« rief er heftig den Leuten zu, »einen Mantel und ein Glas Rum für den Herrn. Das wird Sie am schnellsten curiren.«

Ein Leiermann zog bereitwillig seinen alten Soldatenmantel vom Leibe, unser Held wurde hineingewickelt und wie ein verwundeter Krieger nach dem Hause des Zimmermanns geführt. Dort setzte man ihn auf einen Lehnstuhl.

»Da geht der Kürbis hin, Segel, Streichruder und Alles,« sagte Fink im Abgehen strafend zum Schiffszimmermann, »und unsere Röcke obendrein. Habe ich's Euch nicht gesagt, daß das Ding nichts taugte?«

Eine Stunde lang pflegte Fink sein Opfer mit der größten Zärtlichkeit, er rührte ihm eigenhändig den Zucker in einem Glas Grog und drückte ihm zuweilen die kalte Hand. Es war bereits dunkel, als Anton so weit hergestellt war, daß er nach Hause gehen konnte. Sie vervollständigten ihre Toilette durch Kleider und Schuhe des Kahnbauers und lachten auf dem Rückwege über ihre Ausrüstung. Fink hatte wieder sein gewöhnliches kühles Wesen angenommen, und unser Held stolperte bleich, aber lustig in hohen Thranstiefeln neben ihm her. »Hören Sie, Fink,« sagte er ermahnend, »wenn Sie mich das nächste Mal zu einer Partie auffordern, so möchte ich Ihnen andeuten, daß ich manches Andere lieber trinke, als dies lehmige Wasser. Ich bin noch voll davon.«

»Wie konnte ich denken,« antwortete Fink, »daß Sie mit solcher Vehemenz den halben Fluß einschlucken würden, Sie Unschuld! Ich habe in meinem Leben noch keinen Menschen mit solcher Kindlichkeit auf den Grund gehen sehen. Sie sind ein mährchenhafter Kerl!«

Der nächste Tag war ein Sonntag und der Geburtstag des Prinzipals. An diesem wichtigen Tage blieben die Herren nach dem Diner einige Stunden in den Zimmern des ersten Stockes, der Bediente präsentirte dann Kaffe und Cigarren. Als man sich zu Tisch setzte, sagte die Tante zu Fink: »Die ganze Stadt ist voll davon, daß Sie und Herr Wohlfart gestern in einer schrecklichen Gefahr gewesen sind.«

»Es war nicht der Rede werth, gnädige Frau,« antwortete Fink leichtsinnig, »ich wollte nur untersuchen, wie sich Master Wohlfart beim Ertrinken benehmen würde. Ich warf ihn in's Wasser, und er wäre um ein Haar auf dem Grunde liegen geblieben, weil er es für indiscret hielt, mich durch seine Rettung zu belästigen. Einer solchen höflichen Resignation ist nur ein Deutscher fähig.«

»Aber Herr von Fink,« rief die Tante erschrocken, »das heißt ja das Schicksal herausfordern! Es ist schauderhaft, nur daran zu denken.«

»Schauderhaft war nur die Unsauberkeit dieser Lehmrinne, die man hier Fluß nennt. Es müssen sehr schmutzige Nixen sein, die auf dem Grunde dieses Wassers leben. Aber Wohlfart ließ sich durch ihren Lehm nicht stören. Er fiel ihnen begeistert in die Arme, gerade wie es in dem berühmten Liede Sr. Excellenz heißt: »Halb zogen sie ihn, halb sank er hin.« Er warf beide Beine über den Rand des Kahns, noch bevor es nöthig war.«

»Sie hatten mich's so gelehrt, Sir!« rief Anton zu seiner Entschuldigung von unten dazwischen.

»Ja,« fuhr Fink gegen die Tante fort, »ich habe als Freund an ihm gehandelt. Ich trage keine Schuld, wenn er so viel Wasser geschluckt hat, daß der Wasserstand heut unerhört niedrig ist, und die Zinkkähne der Handlung oben im Flusse auf einer Sandbank liegen bleiben. Ich habe ihm vorher noch jede Art von gutem Rath gegeben. Ich habe ihm eine lange Geschichte erzählt, wie man sich im Wasser zu benehmen hat, ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, welche Toilette man braucht, um mit Anstand in's Wasser zu fallen. Man kann gegen einen Bruder nicht sorgsamer sein. Aber es half Alles nichts. Er fuhr wie aus einer Pistole geschossen auf den Grund und bohrte sich dort mit der Behendigkeit eines Karpfens ein. Ich versichere Sie, es war eine mühsame Arbeit, ihn im Schlamm wieder aufzufinden. Ich glaube, er war bereits in zärtlicher Unterhaltung mit einigen Wassergeschöpfen, als ich ihn auffand, denn er winkte mir unwillig mit der Hand, als wollte er sagen: Störe mich nicht, ich gehe hier meinem stillen Vergnügen nach.«

»Der arme Herr Wohlfart,« rief die Tante verwundert. »Aber Ihre Röcke! Heute früh begegnete ich im Hause einem Polizeidiener, der das nasse Bündel auf dem Arm trug, von ihm erfuhr ich zuerst das Unglück.«

»Die Röcke sind heute früh unterhalb der Stadt aufgefischt worden,« sagte Fink, »Karl zweifelt daran, sie je wieder zu trocknen. Unterdeß machen Wohlfarts Stiefeln eine Vergnügungsreise nach dem Weltmeer.«

Anton erröthete vor Aerger über die Weise des Freundes und sah verstohlen nach dem oberen Ende des Tisches. Der Kaufmann blickte finster auf den gemüthlichen Fink, und Sabine saß bleich mit gesenkten Augen, nur die Tante war wortreich in aufrichtigem Bedauern der durchnäßten Röcke.

Das Mittagessen war noch feierlicher als gewöhnlich. Nach dem Braten erhob sich Herr Liebold und verrichtete das schwere Stück Arbeit, wozu er durch seine hohe Stellung verpflichtet war, er brachte die Gesundheit des Prinzipals aus. Er gab sich redlich Mühe, die entschiedenen Wünsche des Vordersatzes nicht durch einen schüchternen Nachsatz zurückzunehmen. Aber selbst sein Toast vermochte nicht, eine gewisse Spannung in den oberen Regionen des Tisches zu beseitigen.

Nach aufgehobener Tafel standen die Herren Kaffe trinkend in Gruppen um den Prinzipal herum, wobei kühne Naturen, wie Herr Pix, auch eine Cigarre anzubrennen wagten. Unterdeß trieb Anton in größter Muße durch die geöffnete Zimmerreihe, bewunderte die Bilder an der Wand, blätterte in einem Album und hielt sich durch solche Thätigkeit die drohende Langeweile tapfer vom Halse. Er beobachtete gerade das Muster eines Teppichs und hoffte im Stillen, daß sich hier oder da ein keckes Fünfeck von dem Zwange des Musters losmachen und eigenwillig an einer unpassenden Stelle erscheinen könnte. So war er an den Eingang des letzten Zimmers gelangt und blieb betroffen stehen. Wenige Schritte vor ihm stand Sabine an einem Blumentisch und hielt sich mit beiden Händen an der Tischplatte fest, während große Thränentropfen aus ihren Augen auf die Blumen herunterfielen. Es war ein lautloses Schluchzen; wie von innerm Kampf wurde die schlanke Gestalt erschüttert; sie bekämpfte den Ausbruch eines tiefen, lange unterdrückten Schmerzes mit einer Energie, welche ihn doppelt rührend machte. Anton war bestürzt über den Zufall, der ihm einen solchen Anblick gestattete, und fühlte doch wieder eine so warme Theilnahme, daß er darüber vergaß, sich zurückzuziehen. Als er sich umwandte, blickte Sabine nach dem Geräusch hin. Sich schnell fassend, drückte sie das Tuch an die Augen und kehrte sich sogleich zu Anton. »Hüten Sie sich, Herr Wohlfart,« sagte sie herzlich, »daß die Tollkühnheit Ihres Freundes Sie nicht in neue Gefahren bringt; meinem Bruder würde es sehr leid thun, wenn der Verkehr mit Herrn von Fink Ihnen Nachtheil brächte.«

»Fräulein Sabine,« erwiederte Anton und sah der Dame mit inniger Hochachtung in die feuchten Augen, »Fink ist eben so edel als rücksichtslos. Er hat mich mit eigener Gefahr aus dem Wasser herausgeholt.«

»O ja,« rief Sabine mit einem Ausdruck, den Anton nicht ganz verstand, »Herr von Fink liebt es, mit Allem zu spielen, was anderen Menschen heilig ist.«

In diesem Augenblicke eilte Herr Jordan herzu und bat das Fräulein, an den Flügel zu kommen. So rauschte sie an Anton vorüber.

Anton war in mächtiger Aufregung. Sabine Schröter stand bei den Herren des Comtoirs in einem Ansehen, welches sie über den Bereich der gewöhnlichen Discussion stellte und in die glückliche Lage brachte, daß im Hinterhaus nur selten von ihr gesprochen ward. Die meisten der Jüngeren waren, wie sich aus den Neckereien ihrer Collegen und gelegentlichen Geständnissen merken ließ, während der ersten Monate ihres Aufenthalts leidenschaftlich in das Fräulein des Hauses verliebt gewesen. Und als die Flamme aus Mangel an Nahrung nach und nach heruntergebrannt war, hatte Jeder ein Häuflein glühender Kohlen vor den Spöttereien der Collegen in den geheimsten Winkel seines Herzens geschoben, wo die Kohlen noch lagen und fortglimmten. Sämmtliche Herren waren bereit, für die Tochter ihres Hauses gegen jeden Feind loszurennen. Allen galt sie für eine kalte Heilige, deren Herz einer leidenschaftlichen Schwäche unzugänglich war. Aber ihre ruhige Haltung that Allen sehr wohl, und wenn Herr Pix sie stolz nannte, so verfehlte er nie, dazuzusetzen: »Aber sie hat ein gutes Herz, sie ist eine tüchtige Wirthin.«

Ob Sabine ganz so war, wie das Comtoir einstimmig annahm, darüber hatte auch Anton kein Urtheil. Auch ihm war die junge Herrin bekannt, und doch fern, wie der Mond, den wir immer nur von einer Seite sehen. Alle Tage saß er ihr gegenüber und sah aus der Ferne auf das feine Oval ihres Gesichts, auf das dunkle Haar und den tiefen Glanz ihrer schönen Augen, täglich hörte er ihre Stimme in dem gleichförmigen Tischgespräch, weiter kannte er nichts von ihr. Jetzt merkte er plötzlich, daß die Heilige nicht so ruhig und so gefühllos lebte, als das Hinterhaus annahm; durch einen Zufall war er Vertrauter ihres stillen Wehes geworden. Ihr Schmerz, so lautlos und so schön getragen, steigerte seine Theilnahme zu leidenschaftlicher Höhe. Er hatte nie eine Schwester gehabt, und sich wohl zuweilen danach gesehnt; heut empfand er eine wahrhaft brüderliche Zärtlichkeit für die Trauernde; er hätte sein Leben hingeben können, um sie von diesem Schmerz zu befreien; er hätte es für das höchste Glück gehalten, ihre Hand zu ergreifen, ihren Kopf an seine Brust zu legen und ihr die weinenden Augen zu küssen. Es wurde ihm auf einmal deutlich, daß ihr Kummer mit Fink in irgend einer Verbindung stand, es war ihm schon lange unzweifelhaft gewesen, daß diese beiden Gestalten zu einander in einer geheimnißvollen Beziehung stehen mußten, und oft hatte er prüfend nach Sabinens Gesicht hingesehen, wenn Fink bei Tisch etwas Liebenswürdiges erzählte. Er hatte nie etwas Anderes entdeckt, als daß ihr Auge den Platz vermied, an welchem Fink saß, und daß sie den Jokei vielleicht noch seltener anredete, als einen der anderen Herren. Jetzt ahnete er allerlei Schmerzliches für die Gebieterin des ersten Stocks, er sah im Geist wilde Leidenschaften über den ruhigen Glanz des Hauses T. O. Schröter heraufstürmen. Wohl empfand er für Fink die hingebende Neigung, welche eine unverdorbene Jugend so gern dem kühnen und erfahrenen Genossen weiht, aber in diesem Falle nahm seine Seele entschiedene Partei gegen den Freund, er beschloß, Fink genau zu beobachten und dem Fräulein irgend etwas zu werden, ein brüderlicher Schutz, ein Vertrauter, Alles, was dazu helfen konnte, sie von einem Schmerz zu befreien, der ihn mit Rührung und heißem Mitgefühl erfüllte.

Einige Stunden darauf saß Sabine in der Fensternische. Die Hände über das Knie gefaltet, sah sie still vor sich hin. Das röthliche Abendlicht goß über ihr Antlitz einen Schimmer von froher Laune, die in ihrem Herzen nicht war. Der Bruder hatte die Zeitung weggelegt und blickte von seinem Armstuhl sorgenvoll auf die Regungslose, endlich trat er leise zu ihr und legte seine Hand auf ihr Haupt. Sabine erhob sich und umschlang den Bruder fest mit beiden Armen. So standen die Geschwister eines an das andere gelehnt, zwei Freunde, welche sich so in einander hineingelebt haben, daß jeder ohne Worte versteht, was den andern bewegt. Der Kaufmann strich zärtlich die Locken seiner Schwester zurecht und sagte bekümmert: »Du weißt, wie groß die geschäftlichen Verpflichtungen sind, welche wir gegen den Vater Finks haben.«

»Ich weiß,« erwiederte Sabine aufblickend, »daß du mit dem Sohne nicht zufrieden bist.«

»Ich konnte nicht vermeiden, die fremdartige Gestalt in unsern Kreis aufzunehmen, aber ich bereue die Stunde, wo dies geschah.«

»Sei nicht hart gegen ihn,« bat die Schwester und küßte die Hand des Kaufmanns. »Denke auch daran, wie viel Edles in seinem Wesen liegt.«

»Ich thue ihm nicht Unrecht. Aber ob sein Leben zum Heil für Andere werden wird, oder zum Unheil, das steht noch dahin. Sein Selbstgefühl, die großen Anlagen, die trotzige Kraft seines Egoismus, das zusammen ist Stoff genug, um einen großen Charakter zu bilden. Aber wozu wird er seine Kraft gebrauchen? Ungeordnet, in wilden Thorheiten hat er bis jetzt seine Tage verbracht, der Zwang unsers Hauses empört ihn innerlich. Noch ist wahrscheinlich, daß ein schlechter Aristokrat aus ihm wird, der seine Lebenskraft in raffinirtem Genuß vergeudet, oder auch ein wucherischer Geldmann, wie sein Verwandter in Amerika, der zum letzten aufregenden Spielzeug das Geld erwählt und mit frevelhaftem Witz die Schwächen Anderer benutzt, um aus den Trümmern ihres Glücks seine Paläste zu bauen.«

»Er ist nicht herzlos,« murmelte Sabine, »auch sein Verhältniß zu Wohlfart beweist das.«

»Er spielt mit ihm, er wirft ihn in's Wasser und zieht ihn wieder heraus.«

»Nein,« rief Sabine, »er achtet den verständigen Sinn Wohlfarts, er fühlt, daß dieser trotz seinem Mangel an Erfahrung ein reicheres Gemüth hat, als er selbst.«

»Täusche dich und mich nicht,« entgegnete der Kaufmann finster, »ich weiß, wie es gekommen ist, wie seine Sicherheit, die Gabe, schön zu sprechen und sich in leichtem Scherz über seine Umgebung zu erheben, dich gefesselt haben. Nicht ohne brüderliche Eifersucht erkannte ich den Zauber, den der fremde Mann auf dich ausübte. Ich schwieg, denn ich konnte dir vertrauen. War ich doch selbst hingerissen von Manchem, was an ihm ungewöhnlich ist. Auch als ich seine Härten unangenehm empfand, schwieg ich, denn ich bemerkte, wie du dich von ihm zurückzogst. Jetzt aber, wo ich sehe, wie sehr seine Art dich noch immer aufregt, ja unglücklich macht, jetzt muß ich seine Entfernung für wünschenswerth halten. Er soll fort aus unserm Hause, fort auch aus deiner Nähe.«

»O mein Gott!« rief Sabine, die Hände ringend. — »Nein, Traugott, das soll, das darf nicht geschehen. Um meinetwillen soll ein Verhältniß nicht gelöst werden, welches zu seinem Nutzen beschlossen wurde. Wenn es ein Mittel giebt, ihn vor den Gefahren zu behüten, die seine Vergangenheit über ihn bringt, so ist es das Leben in deiner Nähe. Deine rastlose Thätigkeit, die hohe Ehre deines Geschäfts, die zu sehen, daran sich zu gewöhnen, das ist Heilung für seine Seele. Ja, Traugott,« fuhr sie fort und faßte seine Hand, »ich habe kein Geheimniß vor dir! Du hast eine thörichte Schwäche meines Gefühls vielleicht eher erkannt, als ich selbst. Aber ich verspreche dir, dies Gefühl soll sein, wie die Erinnerung an ein Buch, das ich gelesen habe. Durch keine Miene, durch kein Wort will ich verrathen, daß ich schwach war. O, zürne ihm nicht, löse ihn nicht aus deinem Kreise, nicht im Zorn, und nicht um meinetwillen.«

»Und darf ich zugeben, daß seine Nähe dich zu einem aufreibenden Kampf verurtheilt?« frug der Bruder. »Unser Verhältniß zu ihm ist ohnedies schwer genug. Er gilt für eine glänzende Partie in jedem Sinne des Wortes. Es ist wahrscheinlich, daß sein Vater bestimmte Pläne mit ihm hat; es ist sicher, daß er selbst für weit hinaus phantastisch über seine Zukunft geträumt hat. Mir hat sein Vater die Aufsicht über ihn, den schwer zu Lenkenden, gegeben, weil er vertraut, daß ich in seinem Sinn handeln werde. Es wäre ein Verrath gegen den Vater, wenn ich eine Annäherung zwischen euch Beiden auch nur durch Stillschweigen zuließe. Leicht wird man uns auch die harmlose Zuvorkommenheit so auslegen, als hätten wir einen Wunsch, den reichen Erben an uns zu fesseln. Und er selbst, der Uebermüthige, an leichte Siege Gewöhnte, er wird zuerst einem solchen Gedanken Raum geben und geneigt sein, über das zu triumphiren, was er deine Schwäche und meine Berechnung nennen mag. Ich höre ihn darüber lachen und witzeln, und sieh, Sabine, dagegen empört sich mein Stolz.«

»Traugott,« rief Sabine mit gerötheten Wangen, »vergiß nicht, daß ich deine Schwester bin. Ich bin ein Bürgerkind, und er wird nie ganz zu uns gehören. Ich bin so stolz wie du. Immer habe ich das Gefühl, daß zwischen ihm und mir eine Kluft liegt, so weit und tief, daß alle Liebe sie nicht auszufüllen vermöchte. Vertraue mir,« bat sie unter Thränen, »ich werde dich nicht mehr durch meine Mienen betrüben. Und gegen ihn, den du nicht liebst, sei gütiger. Ertrage auch du das Lästige in seinem Wesen. Bedenke, wie sein Schicksal war. In der Welt herumgeschleudert, in Lagen, welche jedem Gelüst schmeichelten, immer unter Fremden, ohne Liebe und ohne Heimath, so ist er aufgewachsen, in Manchem verdorben, aber im Grunde seiner Seele hochsinnig und ein Feind jeder Gemeinheit.« Wieder schlang sie den Arm um den Hals ihres Bruders und sah bittend zu ihm auf. »Vertraue mir und gegen ihn sei gütiger.«

»Er soll hier bleiben,« sagte der Kaufmann und blickte gerührt in die feuchten Augen der Schwester. »Aber außer meinem Liebling ist noch Jemand in unserm Hause, der sich vor dem Einfluß seines Wesens zu bewahren hat.«

»Wohlfart,« rief Sabine heiter. »Für den bürge ich.«

»Du übernimmst viel, du Vormund unserer Herren. Also auch er ist ein Günstling?«

»Er ist zartfühlend und ehrlich, er hängt mit ganzer Seele an dir. Wie treuherzig sah er heut darein, als der Andere so ruchlos scherzte. Und er hat Muth! Verlaß dich darauf, er wird auch mit Fink fertig. Zufällig sah ich ihn damals, als ihn Fink so gekränkt hatte. Er sah ordentlich rührend aus. Seit der Zeit habe ich ihn in's Herz geschlossen.«

»Was hat Alles in diesem Herzen Raum!« rief der Kaufmann scherzend. »Zuerst und vor Allem die große Vorrathsstube, die Nußbaumschränke der Großmutter und viele Schock weiße Leinwand. Dann in bescheidener Seitenkammer der gestrenge Bruder, dann« —

»Dann im Vorzimmer alles Uebrige,« unterbrach ihn Sabine.

»Ja, und jetzt finde ich sogar unsern Lehrling dort einquartiert,« fuhr der Bruder fort.

Sabine nickte. »Er ist ja auch mein Lehrling, er ist ja schon von seinem Vater her ein Kind unsrer Handlung. Jetzt wünscht er sich ein Dutzend feiner Oberhemden, Karl hat mir's zugetragen. Die Tante und ich wollen sie besorgen, du mußt sie ihm bei erster Gelegenheit durch die Post senden. Er ist von Haus aus an solche Ueberraschungen gewöhnt. Die Tante soll ihm einen geheimnißvollen Brief dazu schreiben.« Sie lachte herzlich bei dem Gedanken an den Brief der Tante, zog an der Theeserviette und rückte die Tassen zurecht, bis alle drei in einer Reihe standen.

»So ist's recht,« rief der Kaufmann, »jetzt bist du wieder du selbst. Die Linie ist untadelhaft und die Symmetrie der Serviettenzipfel ist außerordentlich.«

»Man muß doch seine Freude haben,« sagte Sabine. »Ihr Männer thut ohnehin nichts Anderes, als uns ängstigen.«

Zu derselben Zeit trat Fink in Antons Zimmer, ein Lied trällernd, ohne eine Ahnung des Unwetters im Vorderhause, und, die Wahrheit zu gestehen, ziemlich unbekümmert um die Gefühle, welche er dort erregte. »Ich bin um Ihretwillen in Ungnade gefallen, mein Sohn,« rief er lustig, »der Souverain hat mich heut mit haarsträubender Gleichgültigkeit behandelt, und der Schwarzkopf hat mir den ganzen Tag keinen Blick gegönnt. Respectable Leute, aber bis zur Verzweiflung hausbacken! Diese Sabine hat im Grunde Feuer, Stolz, gute Qualitäten, aber auch sie verkümmert in dem ewigen Einerlei. Wenn eine Fliege sich im Kopfe kraut, so erregt das Erstaunen, und erregt Scrupel, ob es ihr anständig sei, mit dem rechten oder mit dem linken Beine zu kratzen. — Glück zu, Wohlfart, Sie sind auf dem besten Wege, der Mignon dieses Comtoirs zu werden, und mich betrachtet man als Ihren bösen Genius. Thut nichts! Morgen gehen wir zusammen in die Schwimmschule.«

Und so geschah es. Seit dieser Zeit fand Fink ein Vergnügen darin, den jüngern Freund in seine Künste einzuweihen. Er selbst lehrte ihn schwimmen, er bestand darauf, daß Anton zuweilen ein Pferd bestieg, und zwang ihn durch brüderliche Ermahnungen, auf dem Miethgaul Reitkünste zu üben. Ja, er ging in seiner Freundschaft so weit, daß er sich selbst auf einen Miethklepper setzte, — wogegen er großen Abscheu hatte — und den Lehrling zur Uebung auf seinem eigenen feurigen Pferde reiten ließ. Er schoß mit Anton nach der Scheibe, und drohte sogar, ihm eine Einladung zur Jagd zu verschaffen, wogegen aber Anton auf das Aeußerste protestirte.

Anton lohnte seinem Freunde durch die größte Anhänglichkeit; er war glücklich, einen Genossen zu haben, an dem er so Vieles verehren und bewundern konnte, und es that seinem Selbstgefühl unendlich wohl, daß er als Vertrauter vor vielen Andern ausgezeichnet wurde. Fink gewann vielleicht nicht weniger dabei; was zuerst eine Laune gewesen war, wurde ihm schnell Bedürfniß. Es waren glückliche Abende für Beide, wenn sie im Schatten der großen Condorflügel oder in dem bescheidenen Quartiere der gelblackirten Katze zusammensaßen in seligem Geplauder über die Eindrücke des Tages, über den Weltlauf, oder über nichts; dann erzählte Fink oder trieb Possen, übermüthig, wie ein kleiner Knabe, und Anton folgte mit Entzücken den kräftigen Gedanken und dem kühnen Ausdruck des vielerfahrenen Gefährten; dann klang bei offenem Fenster ihr Lachen bis tief hinab in das Dunkel des Hofes, so daß der alte zottige Pluto, der sich als Vogt des Hauses betrachtete und von Jedermann als ein angesehener Associé der Firma betrachtet wurde, aus seinem leisen Schlummer aufwachte und durch ermunterndes Bellen seine Billigung ihrer guten Laune ausdrückte. Es war eine glückliche Zeit für Beide; aus ihrer Vertraulichkeit blühte, zum ersten Mal für Beide, eine herzliche Jugendfreundschaft auf.

Und doch hörte Anton nicht auf, Fink und das Fräulein mit einer leisen Unruhe zu beobachten, nie sprach er mit seinem Freunde über das, was er ahnend voraussetzte, immer aber erwartete er, daß sich im Vorderhause etwas ereignen würde, eine Verlobung, oder ein Bruch zwischen Fink und dem Kaufmann, oder etwas anderes Außerordentliches. Aber es kam nichts dergleichen, unverändert verliefen die feierlichen Mahlzeiten an der langen Tafel, unverändert blieb das Antlitz und das Benehmen Sabinens gegen den Freund und gegen ihn. Es schien, als wenn die ernste und emsige Thätigkeit des Geschäftes jedes ungewöhnliche Familienereigniß, jede Leidenschaft, jede schnelle Veränderung fern hielte von dem Leben der Hausgenossen. Verstimmung und Hader, Genuß und Schwärmerei, Alles wurde niedergehalten durch den unablässigen gleichmäßigen Fluß der Arbeit.

X.

Wieder war ein Jahr vergangen, das zweite seit dem Eintritt des Lehrlings, und wieder blühten die Rosen. Anton hatte beim Schluß des Comtoirs einen großen Strauß rother Centifolien gekauft und klopfte an die Thür von Herrn Jordan, um diesem, der ein Gefühl für Blumen hatte, den Salon zu schmücken. Mit Ueberraschung sah er, grade wie am ersten Tage seiner Lehrzeit, alle Collegen in dem Zimmer versammelt und erkannte auf den ersten Blick, daß bei seinem Eintreten eine exclusive Feierlichkeit, welche ihn zurückwies, in den Mienen Aller sichtbar wurde. Jordan eilte ihm mit einer leisen Verlegenheit entgegen und bat, er möge auf eine Stunde die Versammlung sich selbst überlassen, es sei etwas Wichtiges zu besprechen, was er als Lehrling nicht hören dürfe. Die gutherzigen Männer hatten ihn bis dahin nur selten empfinden lassen, daß er ihnen an Würden nicht gleichstand, deßhalb demüthigte ihn die Verbannung doch ein wenig. Er trug den Strauß in das eigene Zimmer und stellte ihn resignirt auf den Tisch, ergriff ein Buch und sah zuweilen darüber hinweg auf das Büschel Rosen, welches sogleich eifrig bemüht war, seinen rosigen Schein bis in die Winkel der kleinen Stube auszubreiten.

Unterdeß wurde im Salon feierliche Sitzung gehalten. Der Herr des Salons pochte mit einem Lineal auf den Tisch und eröffnete die Verhandlung: »Wie Sie Alle wissen, hat einer der Collegen das Geschäft verlassen. Herr Schröter hat mir deßhalb heut eröffnet, daß er nicht abgeneigt ist, an Stelle desselben unsern Wohlfart als Correspondenten in das Provinzialgeschäft aufzunehmen. Da aber die herkömmliche Lehrzeit Wohlfarts erst in einem, oder nach dem Uso unserer Handlung sogar erst in zwei Jahren zu Ende geht, so will er eine solche außerordentliche Abweichung von der Ordnung nicht eintreten lassen ohne die Beistimmung des Comtoirs. Deßhalb frage ich Sie, wollen Sie die Rechte, welche Sie an Wohlfart als unsern Lehrling haben, zu seinen Gunsten schon jetzt aufgeben und wollen Sie ihn als Collegen in unser Geschäft aufnehmen? Ich ersuche Sie sämmtlich, mir Ihre Meinung mitzutheilen. Noch fühle ich mich verpflichtet zu bemerken, daß Herr Schröter selbst unsern Wohlfart für vollkommen geeignet hält, die neue Stellung auszufüllen; auch halte ich es für sehr gentil vom Prinzipal, daß er uns die letzte Entscheidung überläßt.«

Nach diesen Worten des Herrn Jordan entstand die imposante Stille, welche jeder Debatte vorhergeht. Nur Herr Pix erhob sich von der Sophalehne, an welcher er gehangen hatte, und sprach: »Vor Allem stimme ich dafür, daß wir ein Glas Grog machen, hole ein Anderer für die Theetrinker den Kessel her, den Grog braue ich.« Nach dieser Erklärung zog sich der Sprecher wieder in seine reitende Stellung zurück und brannte eine Manilla an, eine Art von Cigarren, welche er in stetem Kampf gegen seine Collegen begünstigte.

Die anderen Herren verharrten in genußreichem Schweigen und sahen feierlich der Bereitung des Thees zu, Jeder fühlte die Wichtigkeit seiner bürgerlichen Stellung und seine Würde als Mensch und College.

Als die Spiritusflamme um den Kessel leckte und noch Niemand das Wort ergriff, erkannte der Vorsitzende die Nothwendigkeit, die Debatte auf irgend eine Weise zu fördern, und frug: »Wie wollen wir abstimmen? Wünschen Sie von unten nach oben oder von oben herab?«

»Bei der englischen Marine wird, so viel ich weiß, der Jüngste zuerst gehört,« bemerkte Herr Baumann.

»Wie bei der englischen Marine!« entschied Herr Pix.

Specht war der jüngste der anwesenden Collegen. »Ich muß vor Allem bemerken, daß Herr von Fink nicht anwesend ist,« sprach er und sah sich aufgeregt um.

Ein allgemeines Gemurmel entstand: »Er ist nicht zu Hause! er ist Volontair.«

»Er gehört nicht zu uns,« sagte Herr Pix.

»Er selbst wird es ablehnen, mitzustimmen,« sagte Herr Jordan, »da er keiner von den Engagirten der Handlung ist.«

»In diesem Falle bin ich der Meinung,« fuhr Herr Specht fort, etwas herabgestimmt durch die allgemeine Opposition, welche seine erste Bemerkung erfahren hatte, »daß Wohlfart die Verpflichtung hat, vier Jahre Lehrling zu bleiben, wie ich selbst, oder doch drei Jahre, wie unser Baumann bei C. W. Strumpf und Kniesohl. Da er aber ein guter Kerl und nach Aller Ansicht im Geschäft brauchbar ist, so bin ich auch der Meinung, daß wir einmal eine Ausnahme machen und ihn schon jetzt als Collegen anerkennen. Doch bitte ich Sie, dabei vorsichtig zu sein und ihm bemerklich zu machen, daß er eigentlich noch Lehrling sein sollte. Deßhalb schlage ich vor, daß er verpflichtet wird, uns noch ein Jahr hindurch den Thee zu machen, wie er bis jetzt als Lehrling gethan. Außerdem halte ich für schicklich, daß er zur Erinnerung an seinen früheren Stand jedem der Collegen alle Quartale eine Feder schneidet.«

»Narrheiten,« brummte Herr Pix; »Sie haben immer überspannte Einfälle.«

»Wie können Sie meine Einfälle überspannt nennen,« rief Herr Specht entrüstet, »Sie wissen, daß ich mir von Ihnen nichts gefallen lasse.«

»Ich muß um Ruhe bitten,« sagte Herr Jordan.

Die nächsten Collegen gaben in runder Weise ihre Einwilligung, Herr Baumann mit vieler Wärme. Endlich griff Herr Pix nach dem Hahn des Theekessels und sprach: »Meine Herren, was soll das lange Reden, seine Waarenkenntniß ist nicht schlecht, wenn man berücksichtigt, daß er noch ein junger Kauz ist, sein Benehmen ist coulant, die Hausknechte haben Respect vor ihm, gegen meine Kunden ist er noch zu zartfühlend und umständlich, aber es ist nicht allen Leuten gegeben, andere Leute zu behandeln. Solo spielt er schlecht und sein Punschtrinken ist unbedeutend. So steht es mit ihm. Da diese letztern Qualitäten aber nicht den Ausschlag geben dürfen, so sehe ich nicht ein, weßhalb er nicht vom heutigen Dato ab College werden soll.«

Der Cassirer sprach: »Es ist nicht in der Ordnung, daß Einer mit zwei Jahren seine Lehrzeit abmacht, da es aber der Prinzipal wünscht, so werde ich nicht widersprechen, denn sein Wille muß zuletzt doch respectirt werden.«

Alle sahen auf Herrn Liebold, den diese allgemeine Aufmerksamkeit sehr beunruhigte, weil sie ihn an die Verantwortlichkeit seines Votums erinnerte. Natürlich wollte er beistimmen, aber wenn er nicht beistimmte? wenn er jetzt widerspräche, welcher Scandal würde daraus entstehen? wie würde ihn Wohlfart ansehen, und die Collegen und der Prinzipal selbst? So zog er an seinem Halskragen, lächelte verbindlich nach beiden Seiten und räusperte sich wie vor dem Ausbruch einer kräftigen Rede, worauf er verwirrt durch den Gedanken an die möglichen Folgen seines Veto zurücksank und sich mit Allem einverstanden erklärte, was seine Collegen beschließen würden.

»Abgemacht!« sagte Herr Jordan, »auch ich stimme bei und habe noch den Grund anzuführen, daß Wohlfart bei seinem Eintritt älter war, als ein Anderer von uns, und daß er an Jahren und Bildung nichts zu wünschen übrig läßt. Deßhalb freue ich mich über unsere Einstimmigkeit. Herr Schröter hat mir erlaubt, im Falle unserer Einwilligung den Lehrling vorläufig davon zu benachrichtigen. Ich schlage vor, daß dies auf der Stelle geschieht. Wir wollen ihn herunterrufen.«

»Ja, ja, gut, das wollen wir!« riefen Alle, und Baumann schickte sich an, hinaufzugehen.

Da aber sprang Herr Specht auf und vertrat dem Collegen Baumann den Weg. »Wir sind keine Ferkel,« rief er und streckte die Hand abwehrend an der Thür aus, »wir sind keine wilden Thiere, daß wir so ohne Ordnung durcheinander laufen und einen neuen Collegen aufnehmen, wie ein Stück von einer Heerde. Ich bitte Sie dringend, denken Sie an die Ehre des Geschäfts. Es ist nothwendig, daß zwei von uns als Deputation hinaufgehen, es muß wenigstens ein Punsch gemacht werden, und Jordan muß ihn mit einer Rede begrüßen.«

Dieser Vorschlag fand Beifall, Herr Liebold und Herr Pix wurden erwählt, den Neuling herunterzuführen. Herr Specht aber fuhr mit glänzenden Augen in der Stube umher, er rückte den Tisch zurecht, ordnete die Stühle im Halbkreis zu beiden Seiten, schleppte Gläser und Flaschen herzu und setzte einen grünen Ritter aus Papiermaché, der ein vergoldetes Schwert trug, auf einen Tabakskasten in die Mitte des Tisches. Dann holte er einen Teppich herzu und legte ihn zwischen die Thür und die Versammlung, damit Wohlfart darauf stehe, wie eine Braut vor dem Altare. Darauf erschöpfte er seine ganze Beredtsamkeit, um die Lichter und Lampen aus den Zimmern seiner Collegen auf einen Haufen zu versammeln. Endlich ließ er die Rouleaux herunter, schloß die bunten Gardinen und brachte zunächst eine künstliche Dämmerung und darauf einen ungewöhnlichen Lichterglanz und heftigen Lampengeruch zu Stande. So bewirkte er mit Hülfe der Andern, welche ihm zuerst zusahen und bald, durch seinen Eifer fortgerissen, thätig beistanden, daß der Salon in der That ein fremdartiges und mysteriöses Aussehen erhielt. Jetzt erst ließ er die Deputation hinaufgehen, und da ihm eine dunkle Erinnerung durch den Kopf fuhr von dem imponirenden Aussehen des römischen Senates, welcher lautlos auf Stühlen saß, als die grimmigen Feinde in Rom einzogen, so beschwor er leidenschaftlich alle Zurückgebliebenen, sich stumm und unbeweglich auf den Stühlen in der Runde festzusetzen. Als sich aber die Thür öffnete und der erstaunte Wohlfart, der noch nichts ahnte, in der Mitte seiner beiden Führer erschien, von denen Herr Pix in practischer Umsicht die Zuckerbüchse Antons, Herr Liebold feierlich das große Rosenbouquet getragen brachten, da verblich in der Phantasie des Herrn Specht der römische Senat, und die heiligen drei Könige, welche mit Büchsen und Gaben eintreten, Weihnachtsbescheerung und christliche Feierlichkeit wurden in ihm mächtig. Er sprang in Ekstase von seinem Sitze auf und rief: »Alle müssen stehen!«

Durch diese veränderte Anordnung störte er leider sich selbst die Wirkung, denn nur ein Theil der Herren folgte seinem Beispiel, der Rest blieb sitzen, bis Herr Jordan vor Anton trat und ihm mit aufrichtiger Herzlichkeit sagte: »Lieber Wohlfart, Sie haben zwei Jahre mit uns gearbeitet, Sie haben sich Mühe gegeben, das Geschäft kennen zu lernen, wir Alle haben Sie in dieser Zeit liebgewonnen. Es ist der Wille des Prinzipals und unser Aller Wunsch, daß die herkömmliche Lehrzeit bei Ihnen ausnahmsweise abgekürzt werde. Herr Schröter beabsichtigt, Sie morgen als Comtoiristen aufzunehmen, wir haben die Freude, Ihnen dies schon heute mitzutheilen. Wir wünschen Ihnen von Herzen Glück und bitten Sie, uns dieselbe ehrliche Freundschaft als College zu bewahren, die Sie uns bis jetzt bewiesen haben.« So sprach der gute Herr Jordan und hielt seinem Zöglinge die Hand hin.

Anton stand einen Augenblick starr, dann faßte er mit beiden Händen die dargebotene Rechte und fiel glücklich und gerührt Herrn Jordan um den Hals. Die Collegen drängten sich um ihn, und es entstand ein Händedrücken und Umarmen, welches in der Geschichte des Salons beispiellos war. Immer wieder ging Anton von dem einen zum andern und faßte ihn mit nassen Augen beim Arm. Specht sah ohne Betrübniß sein Ceremoniell durch die lebhafte Empfindung des Aufgenommenen ruinirt, Baumann saß, die Hände über das Knie geschlungen, vergnügt in der Ecke, und Pix bot unserm Helden binnen fünf Minuten zweimal seine Cigarren an und hielt ihm sogar das Licht, als Wohlfart endlich eine davon ansteckte. Alles war in bester Laune, die Collegen freuten sich, weil sie mit Selbstgefühl etwas Bedeutendes schenken konnten, und Anton war selig, so viel Freundlichkeit zu empfangen. Verklärt saß er in einem gepolsterten Sessel, zu dem ihn Freund Specht genöthigt hatte, vor ihm stand der Ritter und salutirte mit seinem goldenen Schwert aus dem Rosenbusch heraus, und um ihn lagerten seine Genossen, heut alle bemüht, ihm Fröhliches zu sagen. Wie ein Heros erhob sich Herr Pix und brachte die Gesundheit Antons aus. Er schilderte mit einer Beredtsamkeit, wie sie vorher und nachher nie wieder an ihm wahrgenommen wurde, daß Anton gewissermaßen als ein Säugling zu ihnen gekommen sei, dem der Unterschied zwischen Pennal und Kanehl eben so unbekannt war, als einem Zeisig das Kaffekochen, und wie mit Hülfe der großen Waage, die als seine Wiege betrachtet werden müsse, und der Auflader, welche Ammendienste an ihm verrichtet hätten, und unter Mitwirkung einiger anderer Personen, die der Sprecher aus Bescheidenheit nicht nenne, in so kurzer Zeit ein so auffallendes Wachsthum des Unmündigen hervorgebracht worden sei. Darauf erhob sich Anton und brachte die Gesundheit seiner Collegen aus. Er erzählte, wie bange ihm damals gewesen war, als er zum ersten Male die Thür des Comtoirs geöffnet hatte. Er erinnerte Herrn Pix an den schwarzen Pinsel, mit welchem er ihm den Weg gewiesen, Herrn Specht an seine stehende Frage: Was steht zu Ihren Diensten? und Herrn Jordan an den Ueberziehärmel, den er damals eingepackt, um den Neuling in sein Zimmer zu führen. Diese Anspielung auf die berühmten Attribute der drei Herren fand den höchsten Beifall. Und jetzt folgte ein Toast auf den andern, und es ergab sich zum allgemeinen Erstaunen, daß der stille Herr Birnbaum, der Zollcommis, von der Natur die außerordentliche Begabung erhalten hatte, nach dem dritten Glas zwei, ja sogar vier Zeilen in Versen zu sprechen. Immer fröhlicher wurde die Gesellschaft, immer festlicher glänzten die Lichter, immer röther leuchteten die Wangen und die Rosen auf dem Tische.

Erst spät trennten sich die Collegen. Anton wollte nicht zu Bett gehen, bevor er seinem Freunde Fink das Glück berichtet hatte. Er eilte dem Ankommenden entgegen und erzählte ihm im Mondenschein auf der Treppe das große Ereigniß. Fink schrieb mit seiner Reitpeitsche eine lustige Achte in die Luft und sagte: »Es ist brav, daß das Vorderhaus auf den Einfall gekommen ist, ich hätte einen solchen Exceß unserm Despoten nicht zugetraut. Jetzt kommst du ein Jahr eher über's Wasser in die große Welt.«

Am nächsten Morgen rief der Prinzipal den neuen Commis in das kleine Zimmer hinter dem letzten Comtoir, in das Allerheiligste des Geschäfts, und hörte lächelnd die Dankesworte Antons an. »Ich habe so gehandelt,« sagte er, »weil Sie tüchtig sind, und weil der Brief, den Sie mir bei Ihrem Eintritt in das Geschäft überbrachten, Ihnen ein Credit bei mir eröffnet hat. Es wird Ihnen Freude machen, daß Sie von jetzt ab durch Ihre eigene Thätigkeit Ihr Leben zu erhalten vermögen. Sie treten von heut in die Stellung, also auch in den Gehalt des Ausgeschiedenen ein.«

Zuletzt bei der Mittagstafel gratulirten auch die Damen dem neuen Geschäftsmann, Sabine kam sogar bis zum untern Ende des Tisches, wo Anton hinter seinem Stuhle stand, und begrüßte ihn dort mit herzlichen Worten, der Bediente setzte jedem der Herren eine Flasche Wein vor das Couvert, und der Kaufmann erhob das Glas und dem glücklichen Anton zuwinkend, sagte er mit gütigem Ernst: »Lieber Wohlfart, dies dem Andenken an Ihren guten Vater!«

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings