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Soll und Haben, Bd. 1 (2)

Zweites Buch. (continued 3)

Reading edition

»Muß man denn aber trinken, um recht lieben zu können?« sprach Anton, »das ist bei uns doch auch ohne Wein möglich.«

»Bei uns,« erwiederte Bernhard, »ist das Leben sehr nüchtern,« dabei legte er das Blatt ernsthaft auf den Tisch.

»Ich denke, es ist nicht so,« erwiederte Anton eifrig; »ich kenne noch wenig vom Leben, aber ich sehe doch, auch wir haben Sonnenschein und Rosen, die Freude am Dasein, große Leidenschaften und merkwürdige Schicksale, welche von den Dichtern besungen werden.«

»Unsere Gegenwart,« erwiederte Bernhard weise, »ist zu kalt und einförmig.«

»Ich habe das schon einige Male in Büchern gelesen, aber ich kann nicht verstehen, warum, und ich glaube es auch gar nicht. Ich meine, wer mit unserm Leben unzufrieden ist, der wird es mit dem Leben in Teheran oder in Calcutta noch mehr sein, wenn er längere Zeit dort lebt. Es muß dort viel einförmiger und langweiliger sein, als bei uns. Ich lese das auch aus Reisebeschreibungen heraus. Was den Reisenden reizt, ist das Neue; wenn das Fremde alltäglich geworden ist, sieht es gewiß ganz anders aus.«

»Wie arm an großen Eindrücken unser civilisirtes Treiben ist,« entgegnete Bernhard, »das müssen Sie selbst in Ihrem Geschäft manchmal empfinden, es ist so prosaisch, was Sie thun müssen.«

»Da widerspreche ich,« erwiderte Anton eifrig, »ich weiß mir gar nichts, was so interessant ist, als das Geschäft. Wir leben mitten unter einem bunten Gewebe von zahllosen Fäden, die sich von einem Menschen zu dem andern, über Land und Meer aus einem Welttheil in den andern spinnen. Sie hängen sich an jeden Einzelnen und verbinden ihn mit der ganzen Welt. Alles, was wir am Leibe tragen, und Alles, was uns umgiebt, führt uns die merkwürdigsten Begebenheiten aller fremden Länder und jede menschliche Thätigkeit vor die Augen; dadurch wird Alles anziehend. Und da ich das Gefühl habe, daß auch ich mithelfe, und so wenig ich auch vermag, doch dazu beitrage, daß jeder Mensch mit jedem andern Menschen in fortwährender Verbindung erhalten wird, so kann ich wohl vergnügt über meine Thätigkeit sein. Wenn ich einen Sack mit Kaffe auf die Waage setze, so knüpfe ich einen unsichtbaren Faden zwischen der Colonistentochter in Brasilien, welche die Bohnen abgepflückt hat, und dem jungen Bauerburschen, der sie zum Frühstück trinkt, und wenn ich einen Zimmtstengel in die Hand nehme, so sehe ich auf der einen Seite den Malayen kauern, der ihn zubereitet und einpackt, und auf der andern Seite ein altes Mütterchen aus unserer Vorstadt, das ihn über den Reisbrei reibt.«

»Sie haben eine lebhafte Einbildungskraft und sind glücklich, weil Sie Ihre Arbeit als nützlich empfinden. Aber was der höchste Stoff für die Poesie ist, ein Leben reich an mächtigen Gefühlen und Thaten, das ist bei uns doch sehr selten zu finden. Da muß man wie der englische Dichter aus den civilisirten Ländern hinaus unter Seeräuber gehen.«

»Nein,« versetzte Anton hartnäckig, »der Kaufmann bei uns erlebt ebenso viel Großes, Empfindungen und Thaten, als irgend ein Reiter unter Arabern oder Indern. — Je ausgebreiteter sein Geschäft ist, desto mehr Menschen hat er, deren Glück oder Unglück er mit fühlen muß, und desto öfter ist er selbst in der Lage, sich zu freuen oder Schmerzen zu empfinden. — Neulich hat hier ein großes Haus Bankerott gemacht.«

»Ich weiß es,« sagte Bernhard, »es war ein trauriger Fall.«

»Wenn Sie die Gewitterschwüle empfunden hätten, welche auf dem Geschäft lag, bevor es fiel, die furchtbare Verzweiflung des Mannes, den Schmerz der Familie, die Hochherzigkeit seiner Frau, welche ihr eigenes Vermögen bis zum letzten Thaler in die Masse warf, um die Ehre ihres Mannes zu retten, Sie würden nicht sagen, daß unser Geschäft arm an Leidenschaften und großen Gefühlen ist.«

»Sie sind mit ganzer Seele Kaufmann,« sagte Bernhard freundlich, »ich möchte Sie beneiden um die reine Freude, die Sie über Ihre Arbeit haben.«

»Ja,« entgegnete Anton. »Auch der Kaufmann hat trübe Erfahrungen in Menge zu machen. Der kleine Aerger fehlt ihm nicht, und vieles Schlechte muß er erleben, aber der ganze Handel ist doch so sehr auf die Redlichkeit Anderer und auf die Güte der menschlichen Natur berechnet, daß ich bei meinem Eintritt in diese Thätigkeit erstaunt war. Wer ein ehrliches Geschäft hat, kann von unserm Leben nicht schlecht denken, er wird immer Gelegenheit haben, Schönes und Großartiges darin zu finden.«

Bernhard hatte mit gesenkten Augen zugehört, jetzt blickte er schweigend zum Fenster hinaus; und Anton bemerkte, daß er verlegen und bekümmert aussah. Endlich wandte sich Bernhard um und sagte, das Gespräch abbrechend, mit bittender Stimme: »Wenn es Ihnen recht ist, Herr Wohlfart, so möchte ich mit Ihnen sogleich zum Sprachlehrer gehen. Es ist ein weiter Weg, wir sprechen im Freien mehr mit einander.«

Wie alte Bekannte traten die beiden Jünglinge aus dem finstern Haus in die warme Abendluft. Und als sie nach einer Stunde von einander schieden, sagte Bernhard angelegentlich: »Ist Ihnen der Verkehr mit mir nicht zu uninteressant, Herr Wohlfart, so besuchen Sie mich doch manchmal in Ihren Freistunden.« Anton versprach das. Beide hatten Behagen an einander gefunden. Anton wunderte sich noch immer, daß ein Sohn Ehrenthals so wenig Geschäftsmann sein konnte, und Bernhard war glücklich, einen Menschen zu treffen, mit dem er über Vieles reden konnte, was er sonst schweigend mit sich herumtrug.

Bernhard trat am Abend vergnügt in die Familienstube und stellte sich hinter den Rücken der Schwester, welche auf einem kostbaren Flügel ein neues Modestück einübte und dabei eine große Fingerfertigkeit entwickelte. Der Bruder küßte sie leise an das Ohr, sie drehte sich schnell um und rief: »Laß mich in Ruh, Bernhard, ich muß das Stück einüben, denn auf den Sonntag ist große Soirée, und sie werden mich auffordern, zu spielen.«

»Ich weiß, daß sie dich auffordern werden,« sagte die Mutter, als Bernhard sich schweigend auf das Sopha niedersetzte und ein aufgeschlagenes Buch in die Hand nahm. »Es ist keine Gesellschaft, wo man nicht das Verlangen hat, die Rosalie zu hören. Wenn du nur einmal dich entschließen könntest, mitzukommen, Bernhard, du bist ein Mann von so viel Geist, du bist gelehrter als Alle aus der ganzen Bekanntschaft. Neulich hat der Professor Starke von der Universität mit großer Hochachtung über dich gesprochen und hat gesagt, du würdest ein Stolz werden für die Wissenschaft. Es ist erfreulich für eine Mutter, wenn sie stolz sein kann auf ihre Kinder. Warum kommst du nicht in die Gesellschaft, sie wird so auserlesen sein, wie sie in unserer Stadt nur sein kann.«

»Du weißt, Mutter, ich gehe nicht gern zu fremden Leuten,« sagte der Sohn.

»Und ich will, daß mein Sohn Bernhard hat seinen eigenen Willen,« rief der Vater aus einer Nebenstube, wo er die letzten Worte Bernhards gehört hatte, da in diesem Augenblicke Rosalie von ihren schweren Passagen ausruhte. Herr Ehrenthal trat in seinem verschossenen Schlafrocke zu der Familie: »Unser Bernhard ist nicht, wie andere Leute, und der Weg, den er geht, wird immer sein ein guter Weg. Du siehst aus so bleich,« sagte er zum Sohne und strich mit der Hand über seine braunen Locken. »Du studirst zu viel, mein Sohn. Denke auf deine Gesundheit, der Doctor hat gesagt, daß dir Bewegung nöthig ist, und hat dir gerathen zu nehmen ein Pferd und darauf zu reiten. Warum willst du nicht nehmen ein Pferd? Ich kann es haben, daß mein Sohn Bernhard auf dem theuersten Pferde reitet, das in der Stadt zu haben ist; thu, was der Arzt sagt, mein Bernhard, ich will dir kaufen ein Pferd.«

»Ich danke dir, lieber Vater,« erwiederte Bernhard, »es würde mir keine Freude machen, und wie ich fürchte, deßhalb nicht viel helfen.« Er drückte dankbar die Hand des Vaters, der ihm wehmüthig in das faltige Gesicht sah.

»Gebt Ihr dem Bernhard auch immer zu essen, was er gern hat? Laß ihm Pfirsichen holen, Sidonie, es sind neue Pfirsichen angekommen beim Fruchthändler, das Stück kostet zwei gute Groschen; oder willst du haben irgend etwas Anderes, so sag's. Du sollst haben, was du gern hast; du bist mein guter Sohn Bernhard, und ich habe meine Freude an dir.«

»Er will ja nie etwas annehmen,« sprach die Mutter dazwischen, »er hat keine andere Freude, als an seinen Büchern; nach Rosalie und mir frägt er manchmal den ganzen Tag nicht.«

»Liebe Mutter,« warf Bernhard bittend ein.

»Er liest zu viel in den Büchern und kümmert sich nicht um die Menschen,« fuhr die erfahrene Frau fort, »deßhalb sieht er aus so bleich und verfallen, wie ein Mann von sechzig Jahren. Warum will er nicht gehen auf den Sonntag in die Soirée?«

»Ich werde mitkommen, wenn du es wünschest,« sagte Bernhard traurig und setzte nach einer Weile hinzu: »Ist Euch ein junger Mann bekannt, ein Herr Wohlfart, der in Schröters Geschäft ist?«

»Den kenne ich nicht,« sprach der Vater mit bestimmten Kopfschütteln.

»Vielleicht du, Rosalie? Er ist ein hübscher Mann von gentilem Aussehen. Er scheint mir ein guter Tänzer und Gesellschafter zu sein. Bist du nicht irgendwo ihm begegnet? Ich glaube, er müßte dir aufgefallen sein.«

»Ist er blond?« frug die Schwester, indem sie ihr Haar vor einem kleinen Handspiegel zurecht strich.

»Er hat dunkles Haar und blaue Augen.«

»Wenn er aus einem Comtoir ist, werde ich ihn wohl schwerlich kennen,« sagte Rosalie, das Haupt zurückwerfend.

»Unsere Rosalie tanzt meist mit Offizieren und Künstlern,« schaltete die Mutter erklärend ein.

»Er ist ein tüchtiger und liebenswürdiger Mensch,« fuhr Bernhard fort; »ich will mit ihm zusammen Englisch treiben und freue mich sehr, daß ich seine Bekanntschaft gemacht habe.«

»Er soll eingeladen werden zu uns,« decretirte Herr Ehrenthal vom Sopha aufstehend; »wenn er unserem Bernhard gefällt, so soll er willkommen sein in meinem Hause. Laß einen guten Braten machen auf den Sonntag, Sidonie, und laß mir einladen Herrn Wohlfart zum Mittagessen, nicht um ein Uhr, sondern um zwei Uhr! Er soll von jetzt gebeten werden zu allen Gesellschaften, die wir geben; wenn er ein Freund ist von Bernhard, so soll er auch ein Freund sein von unserem Hause.«

»Er hat ja noch nicht seinen Besuch gemacht,« sagte die Mutter wieder, »wir müssen doch abwarten, bis er sein Entrée macht bei der Familie?«

»Wozu Entrée,« fuhr der Vater auf, »wenn er bekannt ist mit unserem Bernhard, wozu soll er erst Entrée machen bei uns?« —

»Ich will noch in dieser Woche zu ihm gehen, und wenn du erlaubst, liebe Mutter, ihn auffordern, auf den Sonntag bei uns zu essen.«

Die Mutter gab ihre Einwilligung, und Rosalie setzte sich jetzt zum Bruder und frug ihn mit größerem Interesse über Person und Wesen des neuen Bekannten aus.

Bernhard schilderte mit Wärme den angenehmen Eindruck, den Anton auf ihn gemacht hatte, so daß die Mutter daran dachte, auf den Sonntag die große Silbervase herauszugeben und aufputzen zu lassen. Rosalie überlegte, in welchem Kleide und durch welche Seite ihrer Bildung sie auf den Fremden Eindruck machen wolle, und der Vater erklärte wiederholt, daß er Herrn Wohlfart zu jeder Tageszeit und bei jedem ausgezeichneten Bratenstück in seinem Hause zu sehen wünsche.

Wie kam es doch, daß Bernhard seiner Familie nicht den Inhalt des Gesprächs mittheilte, welches ihm den neuen Bekannten so lieb gemacht hatte? Wie kam es doch, daß er kurz darauf wieder in trübes Schweigen verfiel und in sein Arbeitszimmer zurückging? daß er dort seinen Kopf über eine alte Handschrift lehnte und lange auf die krausen Züge hinstarrte, bis ihm große Thränen herabfielen, welche die Tusche der Buchstaben, auf die er so viel hielt, auflösten und verdarben, ohne daß er's merkte? Wie kam es doch, daß der junge Mann, auf den die Mutter so gern stolz sein wollte, und den der Vater so sehr verehrte, allein in seiner Stube saß, und die bittersten Thränen vergoß, die ein guter Mensch weinen kann? Und woher kam es, daß er endlich mit rothgeweinten Augen am späten Abend sich zusammenfaßte und eifrig den Kopf in seine Bücher senkte, während seine schöne Schwester in der andern Ecke der Wohnung noch immer mit ihren runden Fingern über die Tasten fuhr und das schwere Stück einübte, welches bestimmt war, bei der nächsten Soirée zu wirken?

Mit diesem Tage begann für Anton und Bernhard ein Verhältniß, welches für Beide Werth erhielt. Bei der Unterhaltung über das Schöne, welches die Kraft eines fremden Volkes geschaffen hatte, genossen sie die Freude, auch das Gute lieb zu gewinnen, das Jeder in dem Andern fand. Bernhards Sprachkenntnisse waren größer, und sein Gefühl für das Reizende in fremder Poesie bis zum Uebermaß fein, in Antons Seele war Alles geordnet und sicher. Wenn Bernhard für Byron kämpfte, so vertrat Anton die ruhige Klarheit Walter Scotts, und Beide waren glücklich, als ihre Begeisterung sich vor dem größten dramatischen Dichter vereinigte.

Anton schilderte die ungewöhnliche Bildung Bernhards dem gleichgültigen Fink. Er freute sich darauf, Beide mit einander bekannt zu machen, und als er einst Bernhard zu sich geladen hatte, bat er auch Fink, heraufzukommen.

»Wenn dir's Spaß macht, Tony,« sagte Fink achselzuckend, »so will ich kommen. Ich sage dir aber im Voraus, daß ich unter allen Creaturen Büchereulen am wenigsten leiden kann. Es giebt kein Volk, welches selbstgefälliger über alles Mögliche aburtheilt, und keines, das sich thörichter benimmt, wenn es selbst etwas thun soll. Und vollends ein Sohn des würdigen Ehrenthal! Nimm mir's nicht übel, wenn ich Euch bald entlaufe.«

Bernhard saß erwartungsvoll auf dem Sopha Antons und sah mit Befangenheit der Ankunft des berühmten Mannes entgegen, über welchen manche Sage sogar in seine stille Studirstube gedrungen war. Als Fink eintrat und die tiefe Verbeugung Bernhards mit einem leichten Kopfnicken beantwortete, sich einen Stuhl zum Tisch zog und den schwachen Thee, den Bernhard so erbeten hatte, durch allerlei Zuthaten trinkbar zu machen suchte, da empfand Anton mit Betrübniß, daß diese Beiden schwerlich zu einander passen würden. Kein größerer Gegensatz war möglich, als ihr Wesen. Die magere durchsichtige Hand Bernhards und der kräftige Fleischton in den Muskeln Finks, die gedrückte Haltung des Einen, die elastische Kraft des Andern, dort ein faltiges Gesicht mit träumerischen Augen, hier stolze Züge mit einem Blick, der dem eines Adlers glich: das paßte nimmermehr zusammen. Doch ging es besser, als Anton gedacht hatte. Bernhard hörte mit Achtung zu, was der Jokei erzählte, und da Anton eifrig bemüht war, das Gespräch auf ein Gebiet zu bringen, wo auch Bernhard Theil nehmen konnte, blieb die Unterhaltung in Fluß.

»Fink hat auch Indianer gesehen,« sagte Anton zu Bernhard.

»Haben Sie etwas von ihren Liedern gehört?« frug der Gelehrte.

»Ich habe sie einige Male gehört. Möglich, daß klügere Leute etwas Erbauliches in ihrem Gesange finden, mir ist er nie anders vorgekommen, als kläglich. Schlagen Sie auf ein altes Buch und singen Sie dazu durch die Nase mit allerlei Nebentönen: »Tum, tum, te — ticke, ticke te, — Och, och, tum, tum, te,« so haben Sie ihren Gesang, der auf Deutsch ungefähr bedeuten würde: »Guter Geist, gieb Büffel, Büffel, Büffel. Dicke Büffel gieb uns, guter Geist.« — Seine Zuhörer lachten. — »Und wozu sollen diese Geschöpfe kunstvolle Lieder machen? Entweder sind sie auf der Jagd, oder sie suchen Scalpe, oder sie essen und schlafen, oder sie halten Parlamentsreden, wozu sie allerdings große Neigung haben.«

»Aber die Frauen?« frug Bernhard lächelnd.

»Wie es bei den mit der Poesie steht, weiß ich nicht, mir rochen sie immer zu sehr nach Fett. Freilich, wenn man nichts Anderes hat, gewöhnt man sich auch daran. Doch ist mit den Männern noch besser zu verkehren. So ein nackter Bursch auf seinem halbwilden Pferde ist kein übler Anblick.«

»Die erste Begegnung muß doch sehr imponiren, ihre auffallende Tracht und ihr stolzes Wesen,« warf Bernhard ein.

»Das kann ich nicht sagen,« versetzte Fink. »Vor Jahren machte ich mit meinem Onkel eine Reise nach der Agentur einer Pelzwaaren-Compagnie, bei der er betheiligt war. Als wir aus dem Dampfer an's Ufer stiegen, fanden wir am Landungsplatz eine Gesellschaft der röthlichen Herren, welche stark betrunken war. Ein langer Schlingel schritt auf meinen Onkel zu und hielt ihm eine Rede, die, wie der Dolmetsch erklärte, die Versicherung enthielt, daß sie sämmtlich große Krieger wären, und nach jedem Satze bellte die Bande ein lautes Hau, hau, das in ihrer Sprache so viel als ja bedeutet. Es war ein Trupp Schwarzfüße.«

»Es waren Sioux,« verbesserte Bernhard bescheiden.

Fink legte den Theelöffel hin und sah Bernhard groß an. »Ich calculire, Herr, es waren Schwarzfüße.«

»Es waren doch wohl Sioux,« wiederholte Bernhard. »Bei den Schwarzfüßen lautet das Ja anders.«

»Wetter,« rief Fink, »wenn Sie mit den rothen Teufeln so bekannt sind, wozu lassen Sie mich hier meine Jagdgeschichten erzählen?«

»Ich habe mich nur ein wenig um ihre Sprache bekümmert,« erwiederte Bernhard, »es ist ein Zufall, daß ich vor Kurzem einige Wörterverzeichnisse verschiedener Stämme durchgesehen habe.«

»Und wozu haben Sie sich die unnütze Mühe gemacht? Es wird dort drüben schnell aufgeräumt; bevor Sie eine Sprache erlernen, ist der Stamm ausgerottet, der sie sprach.«

Jetzt wurde Bernhard beredt. Er sagte, daß die Kenntniß der Sprachen für die Wissenschaft die beste Hülfe sei, um das Höchste zu verstehen, was der Mensch überhaupt begreifen könne, die Seelen der Völker.

Die vom Geschäft hörten aufmerksam zu. Als Bernhard sich entfernt hatte, rief Fink noch immer verwundert: »Er geht mit unserm alten Herrgott um, wie mit einem Dutzbruder, und konnte vorhin rechts und links nicht unterscheiden.«

Die Folge dieses Abends war, daß Bernhard einige Tage später sogar auf den Polsterstuhl Finks zu sitzen kam und daß er selbst den Muth faßte, mit Anton auch Fink zu sich einzuladen. »Es ist keine Gesellschaft,« fügte er hinzu, »ich möchte nur Sie beide einmal auf meinem Zimmer sehen.«

Fink sagte zu.

Darüber entstand in der Familie Ehrenthal große Aufregung. Bernhard stäubte selbst seine Bücher ab und stellte die verkehrten zurecht, und es geschah das Unerhörte, daß er sich um die Wirthschaft kümmerte. »Es muß Thee sein, Abendessen, Wein, auch Cigarren.«

»Du sollst um nichts sorgen,« beruhigte ihn die Mutter; »wenn der Herr von Fink dein Gast ist, so soll er sehen, wie es in unserm Hause zugeht.«

»Die Cigarren werde ich dir kaufen,« rief der Vater, »wie sie rauchen die jungen Herren, etwas Feines, und ich werde dir auch besorgen den Wein. Laß Fasanen holen, Sidonie.«

»Wir wollen einen Lohndiener annehmen,« sagte die Mutter.

»So will ich's nicht,« widersprach Bernhard ängstlich, »die Herren kommen zu mir als gute Freunde, und so sollen sie aufgenommen werden, in meiner Stube und ohne fremden Diener.«

Und als die Stunde des Besuchs herankam, wie wurde da Bernhard eifrig, ja er wurde ärgerlich, nichts war ihm in Ordnung. »Wo ist der Theekessel? Noch steht kein Kessel in meiner Stube,« rief er der Mutter zu.

»Ich werde dir den Thee eingießen und hineinschicken, wie sich's bei Herrengesellschaft paßt,« sagte die Mutter, die im neuen Seidenkleide auf- und abrauschte.

»Nein,« entgegnete Bernhard eigensinnig, »ich selbst will den Thee machen, Wohlfart macht ihn, und Herr von Fink macht ihn.«

»Der Bernhard will selbst den Thee machen!« rief die Mutter verwundert Rosalien zu. »Ein Wunder, er will selbst den Thee machen!« rief Ehrenthal in seiner Schlafstube, in der er gerade unter den Stiefeln klapperte. »Er will Thee machen!« rief die Köchin in der Küche und schlug die Hände zusammen.

Und wieder kam Bernhard in die Wohnstube gerannt, eine geschliffene Flasche in der Hand. »Was ist das hier?« frug er im Eifer.

»Arak,« sagte die Mutter.

»Es muß Rum sein, Fink trinkt keinen Arak im Thee.«

»Ich werde selbst gehen, Rum holen,« rief Ehrenthal, ergriff seinen Hut und lief mit der Flasche zum Nachbar Goldstein, dem Weinhändler.

Auf dem Wege sagte Anton zu Fink: »Es ist hübsch von dir, Fritz, daß du mitkommst. Bernhard wird eine große Freude darüber haben.«

»Der Mensch muß Opfer bringen,« erwiederte Fink. »Ich habe mir die Freiheit genommen, im Voraus zu Abend zu essen, denn ich habe einen Abscheu vor Gänsefett. Aber das schönste Mädchen der Stadt ist schon eine Entsagung werth. Ich habe sie neulich wieder im Concert gesehen, ein prachtvoller Leib. Und welche Augen! Ihr Vater, der alte Wucherer, hat nie einen Edelstein unter seinen Händen gehabt, der so funkelt.«

»Wir sind zu Bernhard eingeladen,« versetzte Anton mit leisem Vorwurf.

»Jedenfalls wird doch die Schwester zu sehen sein,« sagte Fink; »wo nicht, so zwingen wir ihn, sie vorzuführen.«

»Ich hoffe, sie wird unsichtbar bleiben,« seufzte Anton.

Die Thür öffnete sich, das Entrée war durch zwei prachtvolle Lampen erleuchtet, Bernhards Stube war festlich geschmückt. Eine große Blumenvase stand auf dem Tisch, daneben buntes Porcellan, vergoldete Löffel auf seidener Tischdecke, und ein großes Bund Imperiales von riesigem Format, wahre Stangen, die man ohne Stütze zwischen den Lippen nicht erhalten konnte. Auf dem Boden war ein neuer Teppich ausgebreitet, es war Alles sehr anständig. Und wie liebenswürdig war Bernhard als Wirth. Er machte den Thee. Er bat in rührender Hülflosigkeit Fink um Rath, wie viel Thee er einschütten solle, er drehte den Hahn so künstlich herum, daß lange Zeit gar nichts aus der Oeffnung floß, und dann wieder die Fluth nicht zu bändigen war. Erröthend scherzte er über seine eigene Ungeschicklichkeit, und seine Augen leuchteten vor Freude, als Fink entschied, der Thee sei vortrefflich. Eifrig bot er die Cigarren, andächtig hörte er die Belehrung, die ihm Fink über das schickliche Maß hielt, in welchem diese Erfindung menschlichen Scharfsinnes geformt werden müsse. Und ganz glücklich wurde er, da Anton endlich bat, dem Freund seine Bücherschätze zu zeigen, und da Fink über das Aussehen der fremden Buchstaben humoristische Glossen machte. Als gute Leute saßen die Drei zusammen und plauderten eine Stunde in bester Eintracht. Fink war in der menschenfreundlichsten Stimmung, und Anton bat die Götter im Stillen, die schöne Schwester nur heut von ihrem Tisch fern zu halten.

Doch Punkt neun Uhr öffnete sich die Thür des Nebenzimmers, und Frau Sidonie überschritt majestätisch die Schwelle. »Bathseba tritt ein zu König David,« sagte Fink leise zu Anton; erzürnt drückte ihm Anton den Fuß. Bernhard stellte verlegen vor, die Frau vom Hause lud in das Nebenzimmer, Herr Ehrenthal und Rosalie präsentirten sich. Fink trat zu dem schönen Mädchen, nannte sie gnädiges Fräulein und erzählte ihr, daß er eine alte Bekanntschaft erneuere, da er sie bereits in der Akademie gesehen habe. Er setzte sich zwischen Mutter und Tochter zu Tisch, er sagte ihnen im gleichgültigsten Ton so viele Artigkeiten, daß Beide bezaubert wurden. Er rühmte gegen die Mutter die entfernte Residenz, gegen welche diese Stadt ein kleinlicher Haufe von Ziegelsteinen sei, er ließ sich mit Rosalien in eine lebhafte Unterhaltung über Musik ein, für die er sonst wenig Herz hatte, er versprach ihr beim nächsten Wettrennen einen guten Platz auf der Tribüne, er erzählte kleine Geschichten aus der besten Gesellschaft, in denen er mit Humor die Schwächen derselben karrikirte. Er entzückte dadurch die Frauen, die mit Eifersucht auf die Kreise hinsahen, die sich gegen Leute von Bildung so sehr abschlossen, er erfreute dadurch auch Bernhard, der auf diese Berichte lauschte, wie auf die Kunde aus fremder Welt. Es war von einer Fürstin die Rede, welche für eine berühmte Schönheit galt, Fink war ihr irgend einmal vorgestellt worden und fand, daß sie dem Fräulein vor ihm zum Verwechseln ähnlich sah, etwas kleiner war die Fürstin, die Gestalt weniger edel; er bewunderte dreist eine Mosaikbroche an der Brust von Frau Sidonie und verglich sie mit einem kostbaren Kunstwerk in einem Museum. Nur Vater Ehrenthal war für ihn nicht vorhanden. Nach den ersten Begrüßungen mit Anton machte der Händler einige vergebliche Versuche, mit Fink eine Unterhaltung anzuknüpfen. Aber Fink sprach über ihn weg, als ob ein Stück Luft auf dem Stuhle des Hausherrn sitze. Und doch war er nicht unartig, Jedem war, als müßte es so sein. Ehrenthal selbst fand sich mit Demuth in die bescheidene Rolle, zu der er verurtheilt war, und rächte sich dadurch, daß er einen ganzen Fasan verzehrte.

Als Fink merkte, daß es ein wenig unbequem war, die Frauen zu lebhafter Theilnahme an der Unterhaltung heranzuziehen, fing er an, in seiner Weise mit Worten zu phantasiren.

Die Mutter klagte gegen ihn über Bernhards Stubensitzen.

»Er ist ein Aristokrat,« antwortete Fink gutmüthig. »Der zehnte Mensch ist ihm nicht recht. Die Herren Gelehrten haben alle diese Eigenthümlichkeit. Wenn ich meinem Schöpfer für etwas dankbar bin, so ist es dafür, daß er mich zu einem einfachen bescheidenen Mann gemacht hat, dessen Kopf nicht stark genug ist, große Weisheit zu vertragen. Uns gewöhnlichen Menschen wird es am leichtesten, mit dieser Welt fertig zu werden, wir sind genöthigt, uns in Andere zu schicken. Wer aber berechtigt ist, große Ansprüche zu machen wegen seines Wissens oder wegen seiner Schönheit« — hier neigte er sich mit überzeugender Ehrlichkeit gegen die Tochter vom Hause — »der findet leicht die Welt nicht so, wie er sie fordert, während ich und meines Gleichen die Ueberzeugung haben, daß sie ganz vortrefflich eingerichtet ist.«

»Es ist doch viel Gemeines auf der Erde,« sagte Madame Ehrenthal.

»Daß ich nicht wüßte,« rief Fink lachend. »Ich gebe Ihnen zu, daß einige Insecten einen gemeinen Charakter haben, und daß es gemein ist, sich in Branntwein zu betrinken. Im Uebrigen kommt Vieles auf Ansichten an. Sehen Sie diese Auster. Ich wette, es giebt zahlreiche Fische und Erdbewohner, welche dies holde Geschöpf für etwas Gemeines halten, mir erscheint sie als eine der vornehmsten Erfindungen der Natur. Was verlangen wir von einem Vornehmen? Die Auster hat Alles: sie ist ruhig, sie ist still, sie sitzt fest auf ihrem Grund und Boden. Sie schließt sich ab gegen die Außenwelt, wie kein anderes Geschöpf. Wenn sie ihre Schalen zuklappt, so deutet sie auf das entschiedenste an: Ich bin für Niemand zu Hause; wenn sie ihr perlmutternes Haus öffnet, so zeigt sie den bevorzugten Ebenbürtigen ein zartes gefühlvolles Wesen. Wenn der Mensch das Recht hat, etwas Geschaffenes zu beneiden, so ist es die Auster. Sie werden sagen, daß das Seewasser kein ansprechendes Element ist. Aber da muß ich widersprechen. Wer auf die schlechte Gewohnheit verzichten kann, alle Augenblicke nach Luft zu schnappen, wie wir leider thun müssen, für den muß es dort unten auf dem Meeresgrund sehr gemüthlich sein.« Er wandte sich zu Rosalie: »Nur die musikalische Bildung der Auster ist, wie ich fürchte, ungenügend. Außer dem Heulen des Sturmwinds und dem Gerassel des Dampfschiffs dringen nicht viele Töne in ihre Behausung.«

»Treiben Sie Musik?« frug Rosalie.

»Kaum darf ich das zugeben,« erwiederte Fink verbindlich. »Ich klimpere ein wenig auf dem Flügel herum, und wenn ich zu singen versuche, meide ich Menschenwohnungen. Aber ich stehe zur Musik in dem Verhältniß eines unglücklichen Liebhabers. Ich habe ein Instrument, das ich schwärmerisch verehre, und ich würde viel darum geben, wenn ich im Stande wäre, dasselbe mit Meisterschaft zu spielen.«

»Die Violine?« frug Rosalie.

»Vergebung, die Pauke. Ich frage Sie, was heißt spielen auf den anderen Instrumenten? Es ist ein ewiges unruhiges Umherrasen von der Höhe zur Tiefe und wieder umgekehrt, eine ungemüthliche Anstrengung in allen möglichen Schnelligkeiten, Triolen, Trillern, Tremolo's und wie die Quälereien alle heißen. Nur selten erscheint eine lange, dicke, ruhige Note, ein solider Ton, welcher aushallt und nicht von der nächsten Note seinen Fußtritt bekommt. Nehmen Sie dagegen den Ton der Pauke. Welche Kraft, welche Feierlichkeit und welche Wirkung! Und erst der Glückliche, dem ein solches Instrument anvertraut wird! Man sagt den übrigen Virtuosen nach, daß sie reizbar und empfindlich sind, der Pauker wird ein Held, ein großer Charakter, er bekommt eine Weltanschauung, wie sie nur auf dem erhabensten Standpunkt möglich ist. Er pausirt, dreißig, fünfzig Tacte, unterdeß rennt und quiekt das Volk der übrigen Töne durcheinander, wie die Mäuse, wenn die Katze nicht zu Hause ist. Er allein steht in einsamer Größe, scheinbar mit nichts beschäftigt, er nimmt vielleicht eine Prise oder sucht sich lächelnd die schönsten Damen im Zuhörerraum. Aber innerlich denkt er: 27, wartet nur, ihr ruppiges Notengesindel, 28, ich werde euch sogleich eins auf den Kopf geben, 29, diese Geige wird naseweis, 30, bum! er schlägt auf, und die andern Instrumente fahren aufgeregt zusammen, sie fühlen die Sprache ihres Herrn und Meisters, und alle Zuhörer athmen tief auf, das große Wort ist gesprochen.« — Rosalie lachte.

»Ich lasse mir nächstens ein Paar Pauken bauen und werde mir die Ehre geben, ein Duett für Pauke und Fortepiano zu schreiben und Ihnen, mein Fräulein, zu widmen, am liebsten ein gefühlvolles Notturno. — Beim Apoll, ein vortrefflicher Wein! Was für ein Landsmann? Ich habe noch nicht die Ehre seiner persönlichen Bekanntschaft.«

»Es ist ein Ungarwein, alter Menes,« rief Vater Ehrenthal über den Tisch, »er hat funfzig Jahre gelegen im Keller.«

»Kennen Sie die Sorte, Herr Bernhard?« frug Fink, die Worte des Vaters überhörend.

»Ich verstehe wenig vom Wein,« sagte Bernhard.

»Schade,« erwiederte Fink. »Wer ein Gönner der Poeten ist, wie Sie, der sollte auch etwas auf seinen Weinkeller halten. Aber da wir von Musik sprechen, müssen Sie uns wenigstens sagen, wie Ihre persischen Freunde, die Herren Jussuf und Sadi, ihre Lieder den schwarzäugigen Schönen vorsingen. Bitte, recitiren Sie uns ein Gedicht auf persische Weise.«

Bernhard setzte ernsthaft auseinander, daß die Musik des Orients für unser Ohr manches Auffallende habe, und hatte lange zu thun, um die angelegentlichen Bitten Finks abzuwehren, welcher durchaus einen Vortrag in Originalsprache und Melodie von ihm hören wollte.

So zog Fink die Tafel hin bis nach Mitternacht, zuletzt mußte Rosalie sich an den Flügel setzen, dann fuhr auch er mit den Fingern über die Tasten und sang ein wildes Lied in spanischer Sprache. Als die Gäste sich entfernten, war die Familie entzückt. Rosalie eilte wieder an den Flügel und suchte die Melodie des fremden Gassenhauers zu wiederholen, die Mutter war unerschöpflich im Ruhme des vornehmen Wesens; auch der von den Stühlen der Menschheit gestrichene Vater war über den Besuch des reichen Erben begeistert und wiederholte in angenehmer Weinlaune, daß er über eine Million schwer sei. Selbst Bernhards unschuldige Seele war durch die Art des gewandten Mannes mächtig gefesselt. Wohl hatte er bei den Reden Finks zuweilen ein leichtes Mißbehagen gefühlt, es war ihm vorgekommen, als mache der Fremde sich über ihn und die Seinen lustig, aber er war zu unerfahren, um das vollständig zu übersehen, und beruhigte sich damit, daß solche Gleichgültigkeit zum Wesen der Weltleute gehöre.

Nur Anton war unzufrieden mit dem Freunde und sagte ihm das auf dem Heimwege.

»Du hast gesessen wie ein Stock,« erwiderte Fink, »ich habe die Leute unterhalten, was willst du mehr? Laß dich in eine Maus verwandeln und kriech in die Löcher der aufgeputzten Stube, und du wirst hören, wie sie jetzt mein Lob singen. Kein Mensch kann mehr verlangen, als daß man ihn so behandelt, wie ihm selbst behaglich ist.«

»Ich meine,« sagte Anton, »man soll ihn so behandeln, wie es der eigenen Bildung würdig ist. Du hast dich benommen, wie ein leichtsinniger Edelmann, der morgen bei dem alten Ehrenthal eine Anleihe machen will.«

»Ich will leichtsinnig sein,« rief Fink lustig, »vielleicht will ich auch eine Anleihe bei dem Hause Ehrenthal machen. Schweig jetzt mit deinen Bußpredigten, es ist ein Uhr vorüber.«

Einige Tage später erinnerte sich Anton nach dem Schluß des Comtoirs, daß er dem jungen Gelehrten die Uebersendung eines Buches versprochen hatte. Da Fink schon vor einer Stunde weggegangen war und, wie er oft that, den Paletot Antons mitgeführt hatte, so wickelte dieser sich in Finks Burnus, der auf seiner Stube lag, und eilte in Ehrenthals Haus. Er trat an die weiße Thür und war nicht wenig verwundert, als die Thür geräuschlos aufging und eine verhüllte Gestalt herausschlüpfte. Ein weicher Arm legte sich in den seinen und eine leise Stimme sprach: »Kommen Sie schnell, ich erwarte Sie schon lange.« Anton erkannte Rosaliens Stimme. Er stand starr wie eine Bildsäule und erwiederte endlich mit dem Erstaunen, das in solcher Lage verzeihlich ist: »Sie verkennen mich, mein Fräulein.« Mit einem unterdrückten Schrei huschte die junge Dame die Stufen hinab, Anton trat kaum weniger erschrocken in Bernhards Zimmer. Er hatte in der Verwirrung den Mantel nicht abgenommen, und erlebte jetzt das Leid, daß der kurzsichtige Bernhard auf ihn zutrat und ihn Herr von Fink anredete. Ein schrecklicher Verdacht stieg in ihm auf, er schützte gegen Bernhard große Eile vor und trug den unglücklichen Mantel schnell nach Hause über einem Herzen voll Schmerz und Aerger. Wenn es Fink war, der von der schönen Tochter Ehrenthals zu so vertraulichem Abholen erwartet wurde! Je länger Anton auf den Abwesenden wartete, desto höher stieg sein Unwille. Endlich hörte er Finks Tritt auf den Steinen des Hofes und eilte mit dem Mantel zu ihm hinab. Er erzählte kurz, was ihm begegnet war, und schloß mit den Worten: »Sieh, ich hatte deinen Mantel um, und es war dunkel, ich habe den häßlichen Verdacht, daß sie mich für dich gehalten hat, und daß du das Vertrauen Bernhards in unverantwortlicher Weise gemißbraucht hast.«

»Ei, ei,« sagte Fink kopfschüttelnd, »da sieht man, wie schnell der Tugendhafte bereit ist, seine Steine auf Andere zu werfen. Du bist ein Kindskopf. Es giebt mehr weiße Mäntel in der Stadt, wie kannst du beweisen, daß es gerade mein Mantel war, der erwartet wurde? Und dann erlaube mir die Bemerkung, daß du selbst dich bei diesem Abenteuer in einer Weise benommen hast, die weder artig, noch entschlossen, noch irgend etwas Anderes war, als täppisch. Warum hast du nicht das Fräulein die Treppe herunter geführt? Und wenn die Verwechselung unten nicht mehr zu verbergen war, konntest du nicht sagen: Zwar bin ich nicht der, für den Sie mich halten, aber ich bin ebenfalls bereit, in Ihrem Dienst zu sterben, und so weiter?«

»Du täuschest mich nicht,« erwiederte Anton. »Ich traue nicht, daß du mir die Wahrheit sagst. Wenn ich mir Alles recht überlege, so kann ich, trotz deinem Leugnen, den Verdacht nicht los werden, daß du doch der Erwartete warst.«

»Du bist ein kleiner Schlaukopf,« sagte Fink gemüthlich, »du wirst mir aber ebenfalls zugestehen, daß ich, da eine Dame im Spiel ist, nichts Anderes thun kann, als leugnen. Denn siehst du, mein Sohn, wenn ich dir Geständnisse machte, so würde ich ja die schöne Tochter des ehrenwerthen Hauses compromittiren.«

»Leider fürchte ich,« rief Anton, »daß sie sich ohnedies compromittirt fühlt.«

»Na,« sagte Fink ruhig, »sie wird's ertragen.«

»Aber Fritz,« rief Anton die Hände ringend, »hast du denn gar keine Empfindung für das Unrecht, was du an Bernhard begehst? Du verleitest die Schwester eines gebildeten und feinfühlenden Menschen zu Thorheiten, die für sie verhängnißvoll werden müssen. Gerade daß sein reines Herz in einer Umgebung schlägt, die er nur ertragen kann, weil er so voll Vertrauen ist und so wenig erfahren, gerade das macht dein Unrecht für mich so bitter.«

»Deßhalb wirst du am klügsten thun, wenn du das große Zartgefühl deines Freundes schonst und seiner Schwester Verschwiegenheit gönnst.«

»Nein,« erwarte Anton zornig, »meine Pflicht gegen Bernhard zwingt mich zu etwas Anderem. Ich muß von dir fordern, daß du dein Verhältniß zu Rosalie, von welcher Art es auch sei, auf der Stelle abbrichst und dich bemühst, in ihr nur das zu sehen, was sie dir immer hätte sein sollen, die Schwester meines Freundes.«

»So?« entgegnete Fink spöttisch, »ich habe nichts dawider, daß du diese Forderung stellst. Wenn ich aber nicht darauf eingehe, wie dann? Immer vorausgesetzt, was ich überhaupt leugne, daß ich der glückliche Erwartete war.«

»Wenn du nicht darauf eingehst,« rief Anton in großer Bewegung, »so kann ich dir diesen Streich niemals verzeihen. Das ist nicht mehr Mangel an Zartgefühl, es ist etwas Schlimmeres.«

»Und was, wenn's beliebt?« frug Fink kalt.

»Es ist schlecht,« rief Anton. »Es war schon schlimm genug, daß du die Koketterie des Mädchens benutztest, aber es ist doppelt schlecht, daß du auch jetzt nicht daran denken willst, wie du sie kennen gelernt hast, nicht an ihren Bruder und nicht an mich, der ich diese unglückliche Bekanntschaft vermittelt habe.«

»Und du laß dir sagen,« erwiederte Fink, die Lampe seiner Theemaschine anzündend, »daß ich dir durchaus nicht das Recht einräume, mir solche Vorträge zu halten. Ich habe keine Lust, mit dir zu zanken, aber ich wünsche über diesen Gegenstand kein Wort weiter von dir zu hören.«

»Dann muß ich dich verlassen,« sagte Anton, »denn es ist mir unmöglich, mit dir über Anderes zu sprechen, so lange ich die Empfindung habe, daß du frevelhaft handelst.« Er ging zur Thür. »Ich lasse dir die Wahl, entweder du brichst mit Rosalie, oder, so furchtbar mir ist, das auszusprechen, du brichst mit mir. Wenn du mir bis morgen Abend nicht die Versicherung giebst, daß deine Intrigue zu Ende ist, so gehe ich zu Rosaliens Mutter.«

»Gute Nacht, dummer Tony,« sagte Fink.

Anton verließ den leichtsinnigen Freund. Es war der erste ernsthafte Streit zwischen ihm und Fink. Er war sehr unglücklich über Finks Leichtsinn und schritt bis tief in die Nacht in seinem Zimmer trostlos auf und ab. Dem harmlosen Bernhard etwas zu sagen, erschien ihm bei der Persönlichkeit des Gelehrten bedenklich, er fürchtete, ihn im tiefsten Herzen zu verwunden, und traute ihm wenig Einfluß auf die Schwester zu. Auch Fink war ärgerlich über den Zufall. Er trank seinen Grog diesmal allein und dachte vielleicht mehr an Antons Groll, als an den Schreck der schönen Rosalie.

Der nächste Tag war grau für Beide. Sonst wenn Fink in's Comtoir trat, nickte er dem Freunde, der ihm seit einiger Zeit gegenüber saß, freundlich zu, und Anton kam dann schnell an den Stuhl des Andern und frug leise, wie Fink den letzten Abend verlebt hatte. Heut saß Anton stumm auf seinem Platz und beugte sich tief auf den Brief hinab, als Fink sich ihm gegenüber setzte. Jeder mußte, wenn er aufsah, in das Gesicht des Andern blicken, heut hatten Beide die Aufgabe, zu thun, als ob ihnen gegenüber ein leerer Raum sei. Es war Fink leicht gewesen, den Vater Ehrenthal als Luft zu behandeln, bei Anton war auch ihm das lästig, und Anton, der keine solche Gewandtheit im Uebersehen fremder Körper hatte, fühlte sich höchst unglücklich, wenn er nach rechts und links ausschauen mußte, bei dem Kopf des Andern vorbei, über ihn weg, immer gleichgültig, wie der Kriegsbrauch zwischen Schmollenden nöthig macht. In der Mitte des Vormittags kam das Frühstück in das Comtoir, dann wurde eine kurze Pause gemacht, die Herren standen von ihren Plätzen auf und traten zusammen. Heut blieb Anton sitzen, weil sein Platz der einzige Ort war, welcher ihn vor der Berührung mit Fink sicherte. Alles verschwor sich, Beiden ihre Rolle schwer zu machen. Schmeie Tinkeles erschien im Comtoir, und Fink hatte wieder eine lächerliche Verhandlung. Alle Herren sahen auf Fink und sprachen mit ihm; sonst hatte Anton dem Freunde fröhliche Zeichen des Einverständnisses gemacht, jetzt starrte er vor sich hin, als ob Tinkeles hundert Meilen entfernt wäre. Herr Schröter gab Anton einen Auftrag, bei dem er Fink um Auskunft fragen mußte. Anton war genöthigt, sich vorher stark zu räuspern, damit seine Stimme nicht gepreßt klang, und als Fink eine kurze Antwort gab, kränkte ihn das, und sein Zorn gegen den Verstockten loderte wieder zu heller Flamme auf. Zum Mittagessen waren die Beiden immer zusammen gegangen, Fink hatte regelmäßig gewartet, bis Anton ihn abholte. Heut kam Anton nicht. Fink ging mit Herrn Jordan in's Vorderhaus, so daß Jordan verwundert frug: »Wo bleibt denn Wohlfart?« und Fink mußte sagen: »Wo er will.«

Am Nachmittag konnte sich Anton nicht enthalten, einige Mal heimlich von seinem Briefe aufzusehen und den Kopf und das stolze Angesicht des Anderen zu betrachten. Dabei mußte er denken, wie fürchterlich es für ihn sei, von jetzt ab dem Manne fremd zu werden, an dem er so sehr hing. Aber er blieb fest. Auch jetzt, wo der erste Zorn verraucht war, fühlte er, daß er nicht anders handeln konnte. Diese Ueberzeugung rührte ihm das Herz. Und in solcher Stimmung vermied er nicht mehr auf den Platz des verlorenen Freundes zu schauen. Als Fink aufblickte, sah er das Auge Antons voll Trauer auf seinem Gesichte ruhen. Der schmerzliche Ausdruck beunruhigte den Rücksichtslosen mehr, als der frühere Zorn. Er erkannte daraus, daß Anton fest war, und die Waagschaale, worin Rosalie saß, fuhr in die Höhe. Wenn Anton in seiner Spießbürgerlichkeit zu Rosaliens Mutter ging, so wurde ihm das Abenteuer doch verdorben. Zwar um den Zorn der Mutter kümmerte er sich wenig, Rosalie mochte sehen, wie sie mit ihr fertig wurde, aber der Gedanke an den harmlosen Bernhard war ihm unbehaglich. Und was das Schlimmste war, sein eigenes Verhältniß zu Anton war für immer zerstört, sobald dieser erst mit einer dritten Person über die Liaison gesprochen hatte. Diese Erwägung zog ihm die Stirn in Falten.

Kurz vor sieben Uhr fiel ein Schatten auf Antons Papier. Anton sah auf, Fink hielt ihm schweigend einen kleinen Brief über das Pult, die Aufschrift war an Rosalie. Anton sprang von seinem Sitz auf.

»Ich habe an sie geschrieben,« sprach der Andere mit eisiger Kälte; »da deine Freundschaft mir nur die Wahl läßt, entweder das Mädchen zu compromittiren oder meine Studien über eine interessante Völkerseele aufzugeben, so muß ich mich zu dem Letzteren verstehen. Hier ist der Brief. Ich habe nichts dagegen, daß du ihn liest. Es ist ihr Laufpaß.«

Anton nahm den Brief aus der Hand des Sünders, siegelte ihn in der Eile mit dem kleinen Comtoirstempel und übergab ihn einem Hausknecht zur schleunigen Abgabe auf der Stadtpost.

So war die Gefahr beseitigt, aber es blieb seit diesem Tage eine Spannung zwischen den beiden Verbündeten. Fink grollte, und Anton konnte nicht vergessen, was er Verrath an seinem Freund Bernhard nannte. Und Fink trank durch einige Wochen seinen Thee nicht in Antons Gesellschaft.

VII.

Das Haus von T. O. Schröter hatte einen Tag im Jahre, an dem es sich unabänderlich dem Vergnügen ergab. Dies geschah zur Erinnerung an die Stunde, in welcher Herr Schröter als Theilhaber in das Geschäft seines Vaters eingetreten war. Wenn dieser Tag durch die Tücke der Kalendermacher unter die Wochentage gesetzt wurde (und es war sechs gegen eins zu wetten, daß sie dem Geschäft den Possen spielten), so wurde das Fest am nächsten Sonntag gefeiert. Es war keine Festfeier, welche übermäßig aufregte, sie hatte einen ruhigen regelmäßigen Verlauf und einen leisen Anflug von Geschäftlichkeit. Zuerst war großes Diner des Comtoirs beim Prinzipal, dann fuhr die Gesellschaft nach einem nahe gelegenen Dorfe, wo der Kaufmann ein Landhaus besaß, und wo eine Anzahl öffentlicher Gärten und Sommerconcerte die Stadtbewohner anzogen. Dort wurde Kaffe getrunken, Natur genossen, und am Abend zur Bürgerstunde nach der Stadt zurückgefahren.

In diesem Jahr feierte der Kaufmann das fünfundzwanzigjährige Jubiläum seines Eintritts. Schon am Morgen gratulirten Deputationen der Auflader und Hausknechte, an der Mittagstafel waren heut die Collegen im höchsten Staat versammelt, Herr Liebold in einem neuen Frack, den er, wie alle Prachtstücke seiner Garderobe, seit vielen Jahren an diesem Fest zum ersten Mal trug.

Nach dem Mittagessen fuhren einige Wagen vor das Haus, die Gesellschaft in's Freie zu schaffen. Herr Schröter stieg mit Sabine in den ersten Wagen, und da die Tante als Krankenpflegerin einer Verwandten abwesend war, sah sich der Prinzipal unter den Herren um, welche massenhaft um den Wagen standen und das Einsteigen Sabinens durch heftige Dienstbeflissenheit wenigstes moralisch unterstützten. Fink saß bereits auf seinem Reitpferd, und so rief der Prinzipal Herrn Liebold und Herrn Jordan auf den Rücksitz des Staatswagens. Beide Herren verneigten sich, Herr Liebold nahm mit feierlichem Lächeln gegenüber dem Fräulein Platz. Ach, aber seine Freude war nicht ohne den Bodensatz heimlicher Angst. Es war allen Collegen wohl bekannt und ihm am besten, daß er das Rückwärtsfahren durchaus nicht vertragen konnte. Nie hatte er nach Ehrenplätzen gestrebt, sein ganzes Leben durch war er auf der Rückseite von Fortuna's Carrosse fortgeschafft worden, aber in einem gewöhnlichen Wagen empörte sich augenblicklich sein ganzes Innere, wenn er nicht vornehm im Fond saß. Auch heut sah er das Unglück kommen, gerade heut, wo er der angebeteten Herrin des Hauses gegenüber saß. Wie gern hätte er seinen Platz geopfert, aber das war unmöglich, die Ehre war zu groß, und seine Weigerung wäre ihm falsch ausgelegt worden. So saß er als Märtyrer, auf das Aergste gefaßt, dem Fräulein gegenüber, er versuchte vergebens unbefangen auszusehen und auf die Seite zu blicken, wo Häuser und Bäume, Menschen und Hunde bei ihm vorbeitanzten. Dies fürchterliche Tanzen kannte er, das war immer der Anfang. Er mußte also gerade vor sich hin sehen, und da es unpassend gewesen wäre, dem Fräulein in's Gesicht zu blicken, so starrte er über sie weg. Noch lächelte sein Mund, aber sein Auge sah stier und seine Wangen wurden blaß, blutlos, erdfarben. Jordan sah ihn von der Seite an und konnte das Lachen nicht verbergen. Das brachte Sabine zu der besorgten Frage: »Fehlt Ihnen etwas, Herr Liebold?« Da Liebold die Augen nicht vom Himmel wegwenden durfte, so bohrte er sie an einer ruhigen Wolke fest und murmelte die Versicherung, daß ihm sehr wohl sei. Dabei erhielt sein Gesicht aber den Ausdruck stumpfer Verzweiflung, so daß Sabine sich ängstlich an Herrn Jordan wandte.

»Er kann nicht vertragen rückwärts zu sitzen,« sagte dieser.

»Dann wechseln wir die Plätze,« rief Sabine. Herr Liebold schüttelte erschrocken den Kopf und machte schweigend allerlei Bewegungen, um seinen Abscheu gegen eine solche Zumuthung auszudrücken. »Bitte, Herr Jordan, lassen Sie den Kutscher halten,« rief Sabine. Der Wagen stand, das Fräulein erhob sich. »Schnell, Herr Liebold,« rief sie. Dieser versuchte noch zu protestiren, aber Jordan rückte ihn kräftig in die Höhe, und ehe er wußte, wie ihm geschah, saß er im Fond, und das Fräulein ihm gegenüber auf dem Rücksitz. Die Spannung in seinen Zügen ließ nach, eine feine Röthe zog verklärend über sein Gesicht. Aber in welcher Lage war er! Was mußten die Vorübergehenden von ihm und seiner Stellung im Hause denken! Fremde konnten ihn für den Onkel der Dame halten, aber Jeder, der sie kannte, — und wer kannte die schöne Sabine Schröter nicht? — der mußte auf die abenteuerlichsten Gedanken kommen. Daß er mit ihr verlobt sei, war noch viel zu wenig, als Verlobter hätte er nicht im Fond sitzen dürfen, nein, er saß da, wie mit ihr verheirathet. Der Gedanke trieb ihm den Schweiß aus allen Poren, er sah demüthig auf das Fräulein und bat sie mit leiser Stimme um Verzeihung wegen des Scandals, den er verursache. Sabine streckte zur Antwort ihre Hand aus und schüttelte ihm die seine kräftig. Da übermannte ihn die Freude, er beugte sich schon ein wenig herab, in der kühnen Absicht ihr den Handschuh zu küssen. Und in demselben Augenblick fuhren sie bei dem Buchhalter von Strumpf und Kniesohl vorüber, Herr Liebold schnellte stracks in die Höh, jetzt war das Unglück geschehen, Sabine und er waren das Opfer eines unerhörten Irrthums. Es war unnütz, noch gegen das Schicksal anzukämpfen. Er saß fortan verklärt und still selig, bis die Wagen vor der großen Restauration des Dorfes anhielten. Man stieg aus, die Herren sammelten sich um das seidene Gewand ihres Fräuleins, rauschende Musik scholl ihnen entgegen, sie traten in die Buchengänge des geschmückten Gartens, welcher heut mit den glänzenden Toiletten der Städter angefüllt war.

Sabine schwebte in einer Wolke von Herren dahin. Es ist möglich, daß dieser wandelnde Hof mancher Mitschwester größere Freude gemacht haben würde, als ihr. Jedenfalls sah es stattlich aus, als sie am Arm des Bruders durch die Gänge schritt, auf beiden Seiten und hinter ihr diensteifrige Herren, alle bemüht, sich mit ihr als dem Mittelpunkt in Verbindung zu halten, zumal heut, wo das Haus in Masse unter der Fashion der Stadt auftrat, und jeder Einzelne als Mitglied des berühmten Geschäfts zu repräsentiren hatte. Liebold war in einem beständigen Lächeln begriffen, welches er auf der Außenseite seines Gesichts allerdings zu bewältigen suchte, um bei den Vorübergehenden nicht den Argwohn zu erregen, daß er sie auslache. Aber um so stärker arbeitete es in seinem Innern und fuhr zuweilen im gleichgültigen Gespräch wie ein Wetterleuchten über sein Gesicht, dehnte ihm plötzlich Nase und Mund aus, und machte die Augen klein und glänzend. Er trug heut als Bevorzugter den Shawl des Fräuleins, schritt in angemessener Entfernung hinter ihr her und bezeichnete so die zweite von den Linien, welche die Firma im grünen Hauptbuch der Natur einnahm. Durch eine kühne Handbewegung hatte sich Herr Specht in Besitz des Sonnenschirms gesetzt und umgab mit diesem Sabine von allen Seiten, in der Regel marschirte er wie ein Fähnrich voran am Rand des Gehölzes. Mit verlangendem Blick sah er in das Gebüsch, ob ihm nicht eine auffallende Blume oder ein Schmetterling Veranlassung geben könnten, mit dem Fräulein eine Unterhaltung anzufangen. Jedenfalls war das nicht leicht, denn Fink ging neben ihr. Dieser war heut in boshafter Stimmung, und wider Willen lachte Sabine über die unbarmherzigen Glossen, welche er auffallenden Gestalten unter den Spaziergängern gönnte. Auch den massenhaften Aufmarsch der Firma machte er lächerlich, aber er selbst verschmähte nicht, etwas von dem exclusiven Stolz der Handlung zu empfinden.

Um sie herum zogen, trippelten und rauschten die Schwärme der Lustwandelnden. Es war ein unaufhörliches Anstarren, Grüßen, Ausweichen, der Kaufmann mußte immer wieder nach dem Hut greifen, und so oft er grüßte, geriethen die vierzehn Hüte der Collegen ebenfalls in Bewegung und erregten in der Luft zahlreiche kleine Wirbelwinde. Das machte einen großartigen Eindruck.

Als die Hausgenossen einige Zeit in der Strömung fortgeschwommen waren, äußerte Sabine den Wunsch, auszuruhen. Sogleich flogen Tirailleure der Herren unter die Bankreihen und belegten einen Tisch. Man nahm Platz, die Kellner schleppten eine riesige Kaffekanne mit der entsprechenden Anzahl Tassen herbei. Jetzt war eine Freude, der Handlung zuzusehen, wie jeder der Herren bemüht war, dem Fräulein das Eingießen abzunehmen, weil die Kanne für sie zu schwer war, wie Sabine sich Anton zum Adjutanten erwählte, weil er im Salon der Collegen das Geschäft des Eingießens verrichtete, wie die Collegen sich freuten, daß man im Vorderhause auch das von ihnen wußte, ferner, wie verbindlich Sabine jedem der Herren den Kuchen präsentirte, und wie sie immer ein Auge darauf hatte, daß die Zuckerschaale und der Sahntopf in ihrem Laufe um den Tisch nicht unterbrochen wurden, und endlich, wie alle Collegen den braunen Trank des Wirths mit der stillen Ueberlegenheit von Leuten einnahmen, welche besser wissen, was guter Kaffe ist. Es war kein ruhiger Sitz, und Sabine hatte viel zu thun, die vorbeiziehenden Bekannten zu grüßen und den Freunden des Bruders, welche an sie herantraten, Rede zu stehen. Sie war allerliebst in dieser unaufhörlichen Bewegung. Mit einer hausmütterlichen Haltung sprach sie mit den Herren vom Comtoir, und mit einfacher Herzlichkeit erhob sie sich und bewillkommnete die Herantretenden. Sie grüßte, scherzte und waltete über dem Kaffebret, sie sah auf die Spaziergänger und hatte noch Zeit, prüfende Blicke in das Innere der Tassen zu werfen, welche sie Anton zureichte. Anton und Fink, Beide empfanden, wie gut ihr das sichere Wesen stand, und Fink sagte ihr das: »Wenn dies ein Tag der Erholung ist, Fräulein Sabine, so beneide ich Sie nicht um Ihre Arbeitstage. Keine Prinzeß hat im Empfangsaal so viele Rücksichten zu nehmen, so viel mit dem Kopf zu nicken, zu lächeln und Artiges zu sagen, als Sie. Es geht vortrefflich, Sie haben das jedenfalls einstudirt. Da kommt der Bürgermeister selbst, er wird Sie sogleich anreden. Jetzt thun Sie mir leid, mit dem Ohr sollen Sie auf mich hören, in der Hand halten Sie Liebolds Tasse und mit den Augen müssen Sie achtungsvoll den Großwürdenträger empfangen. Ich bin neugierig, ob Sie noch meine Worte verstehen.«

»Nehmen Sie nur den Käfer aus Ihrer Tasse, ich werde Ihnen sogleich eingießen,« sagte Sabine lachend und stand auf, den Bekannten des Hauses zu begrüßen.

Unterdeß belustigte sich Anton, die Urtheile der Vorübergehenden über seine Gesellschaft zu erlauschen. »Da ist Herr von Fink,« wisperte eine junge Dame ihrer Begleiterin zu. »Ein nettes Gesicht, famose Taille,« schnarrte ein Lieutnant. »Was ist ein Fisch unter so viele Hungrige?« brummte ein Ruchloser. »Still, das sind die von Schröters,« stieß ein Commis den andern an. Als er so aufblickte, sah er zwei hohe üppige Gestalten langsam heranziehen. Es waren Dame Ehrenthal und Rosalie, Rosalie ging auf der Seite des Tisches. Ihr Gesicht überzog sich langsam mit einer dunkeln Röthe, als sie in dem Gedränge dicht an seinem und Finks Platz vorüberkam. Unruhig sah er auf Fink, der wieder in lebhaftem Gespräch mit Sabine doch Augen genug hatte, die Nahenden zu bemerken. Anton erhob sich grüßend, der unerschütterliche Fink griff nachlässig an seinen Hut und blickte von seinem Sitze so kalt auf die beiden Frauen, als hätte er nie die Armbänder an dem weißen Arm der schönen Rosalie bewundert. Der Gruß Antons, die auffallende Schönheit Rosaliens, vielleicht einiges Auffallende ihrer Toilette bewirkten, daß auch Sabine die beiden Frauen aufmerksam ansah.

Die Tochter Ehrenthals achtete nicht auf Antons Gruß, ihre dunkeln Augen hefteten sich fest auf Sabine. Ein Flammenblitz voll Haß und Zorn fiel auf das Mädchen, welches sie für ihre glückliche Nebenbuhlerin hielt, so daß Sabine sich erschrocken zurückbeugte, wie um dem Anfall eines Raubthiers zu entgehen.

Mit zusammengepreßten Lippen, unsäglichen Widerwillen auf allen Zügen, fuhr Rosalie vorüber. Finks Lippen kräuselten sich und er zog seine Schultern ein wenig in die Höhe. Als die Frauen vorüber waren, sah Sabine erstaunt auf Anton und Fink, und frug: »Wer war das?«

»Eine von den Bekanntschaften Antons,« sprach Fink höhnend.

»Madame Ehrenthal und ihre Tochter,« erwiederte Anton verlegen, »die junge Dame ist die Schwester des Gelehrten, von dem ich Ihnen neulich erzählt habe.« Aber unwillkürlich sah er auf Fink, während er sprach, und Beide tauschten einen finstern Blick mit einander aus.

Sabine schwieg und rückte sich auf ihrer Bank zurück, ihre frohe Laune war dahin. Die Unterhaltung kam nicht mehr in Fluß, und als der Bruder von einem Besuch bei dem nächsten Tisch zurückkehrte, erhob sich das Fräulein und lud die Herren ein, nach ihrem Garten zu kommen. Von Neuem zog sie mit ihrer Wolke dahin, aber Fink ging nicht mehr an der Seite des Fräuleins. Der glühende Blick voll Haß hatte die grünen Ranken versengt, welche sich wieder von ihr zu ihm gezogen hatten. Sabine wandte sich zu Anton und sprach mit diesem; sie mühte sich, heiter zu sein, aber Anton merkte ihr den Zwang an.

Der große Garten des Kaufmanns mit einem hübschen Gartenhaus und Glashäusern war ein Lieblingsaufenthalt Sabinens. Sommer und Winter fuhr sie hinaus, wenn das Wetter es irgend erlaubte, und besprach mit dem Gärtner alle Einzelnheiten der Einrichtung und Blumenzucht. Die Collegen bestürmten sie daher mit Fragen über Namen und Charakter ihrer Blumen; und während der Kaufmann mit Fink ein benachbartes Grundstück betrachtete, das ihm zum Kauf angeboten war, zeigte Sabine der übrigen Gesellschaft, was sie in der letzten Zeit angelegt hatte. Sie führte die Herren durch die Blumen, die Rasenstücke, in das Warmhaus. Der Bruder hatte ihr eine hohe Palme geschenkt, und die Palme, große Pisangblätter, tropische Farren und blühende Cacteen waren in einer Gruppe zusammengestellt, eine zierliche Bank und ein Tisch standen davor, es war ein allerliebster Wintergarten. Während Sabine erzählte, daß sie hier an sonnigen Wintertagen den Kaffe trinke, und wie schön es sich dann unter den großen Blättern sitze, brachte ihr der Gärtner auf einem Teller Kuchenbrocken und Vogelfutter. »Auch wenn ich nicht so große Begleitung habe, bin ich hier nicht allein,« sagte sie lächelnd.

»Wir bitten, stellen Sie uns den Vögeln vor,« rief Anton.

»Sie müssen aber in das Gartenhaus treten und hübsch still sein,« bat Sabine, »das kleine Volk kennt zwar mich, aber die vielen Herren würden ihm doch Schrecken einjagen.«

Die Collegen zogen nach dem Gartenhaus, Pix lenkte den aufgeregten Specht am hintersten Rockknopf zurück und drehte die Glasthüre herum, Sabine streute das Futter einige Schritt von der Thür auf den Kies und schlug in die Hände. Dem Klatschen antwortete mehrstimmiger Ruf von den nächsten Bäumen und dem Dach des Hauses. Eine Menge kleiner Vögel schoß herzu und hüpfte mit lustigem Geschrei um die Krumen, sie waren so zahm, daß sie bis an die Füße Sabinens herankamen. Es war keine vornehme Gesellschaft, einige Finken, Hänflinge und ein ganzes Volk Spatzen. Sabine trat leise zur Thür und frug durch den Spalt: »Können Sie die einzelnen unterscheiden? so ähnlich auch die Herrschaften einander sehen, sie sind doch verschieden, nicht nur im Kleide, auch in ihrem Wesen. Mehrere davon kenne ich persönlich.« Sie wies auf einen großen Sperling, ein schönes Männchen mit schwarzem Kopf und feurigem Braun auf dem Rücken: »Sehen Sie den dicken Herrn dort?«

»Er ist der größte von allen,« sagte Anton erfreut.

»Er ist mein ältester Bekannter, er hat sich zuerst an mich gewöhnt, von meinem Kuchen ist er so stark geworden. Er ist ausgefüttert und satt. Wie sicher er umherhüpft, und wie vornehm er in die Brocken pickt! Gleich einem reichen Bankier geht er unter den Andern umher. Hören Sie ihn schreien? Seine Stimme klingt wegwerfend und aristokratisch. Er betrachtet dies Ausstreuen als eine Verpflichtung, welche die Welt gegen ihn hat. Da kräht er wieder. Wissen Sie, was er sagt: Mein Kuchenmädel ist da. Dies ewige Gebäck! Was ich nicht aufessen kann, will ich den Andern lassen. Ich glaube, es hängt ihm eine Berlocke an seinem kleinen Bauch herunter.«

»Es ist eine Feder,« flüsterte Herr Specht.

»Ja,« fuhr Sabine fort, »ich fürchte, die hat ihm seine Frau ausgehackt. Denn, so gewichtig er aussieht, er steht unter dem Pantoffel. Das graue Weibchen dort, das hellste von allen, ist seine Frau. Sehen Sie, daß sie ihn weghackt?«

Ein lebhafter Zank unter den Sperlingsleuten begann. Der Bankier, welcher gerade vornehm in einen ungewöhnlich großen Brocken pickte, bekam von seiner Frau einige Hiebe mit dem Schnabel; er fing an zu raisonniren, die Nachbarn flogen herzu, ein heftiges Geschrei begann, der allgemeine Unwille war gegen den Bankier gerichtet. Er wurde aus dem Haufen bei Seite gejagt und hüpfte zerzaust, mit dem Kopfe schüttelnd, einige Schritt von den Brocken auf und ab, während seine Frau über dem eroberten Bissen stand und laut triumphirte.

Die Herren lachten.

»Jetzt kommt mein Kleiner, mein Liebling, jetzt merken Sie auf!« rief Sabine freudig. Unbehülflich, mit ausgebreiteten Flügeln tappte ein kleiner Sperling heran, ganz wie ein Kind, welches Mühe hat, im Gehen das Gleichgewicht zu behaupten. Er flatterte neben die Sperlingsfrau, sperrte den Schnabel weit auf, schrie und schlug mit den Flügeln auf die Erde. Die Mutter zerhackte den großen Bissen, faßte die Theile und steckte sie in den aufgesperrten Schnabel des Kleinen. Mitten unter der schwirrenden, tanzenden, hackenden Gesellschaft fütterte die Mutter den Schreihals. Ein Stück des eroberten Bissens nach dem andern steckte sie ihm in den Hals, während der Vater einige Schritte davon selbstgefällig auf und ab hüpfte und zuweilen von der Seite mißtrauisch auf die energische Hausfrau hinsah.

»Wie allerliebst!« rief Anton.

»Nicht wahr?« sagte Sabine. »Auch bei den Kleinen sind Charaktere und ein Familienleben.«

Aber die Scene wurde auf gewaltsame Weise unterbrochen. Ein leichter Schritt kam um das Haus, die Vögel flatterten auf, nur die Mutter und das Junge waren so eifrig beschäftigt, daß sie zögerten. Endlich zog auch die Sperlingsfrau auf den Baum und rief ängstlich ihr Kind. Doch der Kleine, vom genossenen Kuchen schwer und betäubt durch die Fülle des Genusses, vermochte nicht so schnell die schwachen Flügel zu heben. Ein Schmiß von der Reitpeitsche Finks erreichte ihn, der Körper flog als Leiche in die Blumen. Ein zorniger Ruf von sämmtlichen Herren wurde gehört, und finster blickten alle Gesichter des Comtoirs auf den Mörder. Fink, der auf die Gruppe an der Salonthür nicht geachtet hatte, sah verwundert den Sturm, der gegen ihn hereinbrach. Sabine eilte an ihm vorbei nach dem Beet, auf dem der Vogel lag, ergriff diesen, küßte den kleinen Kopf und sprach mit klangloser Stimme: »er ist todt.« Sie setzte sich auf die Bank an der Thüre und deckte ihr Taschentuch über den Todten.

Ein unbequemes Stillschweigen folgte. »Es war der Lieblingsvogel von Fräulein Sabine, den Sie erschlagen haben,« sagte endlich Herr Jordan vorwurfsvoll.

»Das thut mir leid,« erwiederte Fink und rückte sich einen Stuhl zum Tisch. »Ich habe nicht gewußt, Fräulein, daß Sie Ihre Theilnahme auch auf diese Klasse von Spitzbuben ausdehnen. Ich habe im besten Glauben gehandelt, und dachte den Dank des Hauses zu verdienen, als ich den Dieb aus der Welt schaffte.«

»Das arme Kleine,« sprach Sabine traurig, »die Mutter schreit auf dem Baum, hören Sie?«

»Sie wird sich trösten,« entgegnete Fink. »Ich halte es für unzweckmäßig, einem Sperling mehr Gemüth zu gönnen, als seine eigene Verwandtschaft hat. Aber ich weiß, Sie lieben, Alles, was Sie umgiebt, mit Rührung und Gefühl zu betrachten.«

»Wenn Sie diese Eigenschaft nicht haben, weßhalb verspotten Sie dieselbe bei Andern?« frug Sabine mit zuckendem Munde.

»Weßhalb?« frug Fink. »Weil ich dieser Gewohnheit überall begegne. Dies ewige Gefühl, mit dem hier Alles überzogen wird, was des Gefühls nicht werth ist, macht zuletzt schwach und kleinlich. Wer seine Empfindung immer an allen möglichen Tand heftet, der hat zuletzt keine, wo eine große Leidenschaft seiner würdig ist.«

»Und wer nie etwas Anderes thut, als mit herber Kälte zu betrachten, was ihn umgiebt, wird dem zuletzt nicht auch die Empfindung fehlen, wo eine große Leidenschaft Pflicht wird?« frug Sabine mit einem schmerzlichen Blick auf Fink.

»Es wäre unartig, wenn ich das nicht zugeben wollte,« sagte Fink achselzuckend. »Jedenfalls wird es einem Mann besser anstehen, hart zu sein, als zu weichlich.«

»Aber sehen Sie das Volk hier an,« fuhr er nach einer unbehaglichen Pause fort. »Das liebt seinen Strickbeutel, den Kupferkessel, in dem die Mutter Würste gekocht hat, es liebt eine zerbrochene Pfeife, einen fadenscheinigen Rock, und ebenso alle Mißbräuche, die zehntausend verrotteten Gewohnheiten seines Lebens; überall liegen phantastische Grillen, Liebhabereien und schwache Gemüthlichkeiten herum und hängen sich wie Blei an die Menschen, wenn es einmal gilt, frisch vorwärts zu gehen. Achten Sie auf die deutschen Auswanderer. Welche Masse unnützen Krames schleppt dies Volk über's Wasser, alte Vogelbauer, zerbrochene Holzstühle, wurmstichige Wiegen und andern Plunder. Ich habe einen Kerl gekannt, der in brennender Sonnenhitze acht Tagereisen machte, um einmal Sauerkraut zu essen. Und wenn sich so ein armer Teufel irgendwo niedergelassen hat und nach einem Jahre entdeckt, daß er in einer Fiebergegend steckt, so hat er seine ganze Umgebung mit Gemüthlichkeit übersponnen wie mit Spinnweben und ist oft nicht mehr aus dem Sumpf zu bringen, und wenn er und Weib und Kind darüber zu Grunde gehen.«

»Da lobe ich mir das, was Sie die Gemüthlosigkeit des Amerikaners nennen. Er arbeitet wie zwei Deutsche, aber er wird sich nie in seine Hütte, seine Fenz, in seine Zugthiere verlieben. Was er besitzt, das hat ihm gerade nur den Werth, der sich in Dollarn ausdrücken läßt. Sehr gemein, werden Sie mit Abscheu sagen. Ich lobe mir diese Gemeinheit, die jeden Augenblick daran denkt, wie viel und wie wenig ein Ding werth ist. Denn diese Gemeinheit hat einen mächtigen freien Staat geschaffen. Hätten nur Deutsche in Amerika gewohnt, sie tränken noch jetzt ihre Cichorie statt Kaffe unter der Steuer, die ihnen eine gemüthliche Regierung von Europa aus auflegen würde.«

»Und fordern Sie von einer Frau denselben Sinn?« frug Sabine.

»In der Hauptsache, ja,« erwiederte Fink. »Keine deutsche Hausfrau, die nicht in ihre Servietten verliebt ist. Je mehr eine von den Lappen hat, desto glücklicher ist sie. Ich glaube, sie taxiren einander in der Stille, wie wir die Leute an der Börse: fünfhundert, achthundert Servietten schwer. Die Amerikanerin ist kein schlechteres Weib, als die Deutsche, aber sie wird über eine solche Liebhaberei lachen. Sie hat, so viel ihr für den täglichen Gebrauch nöthig sind, und kauft neue, wenn die alten zu Grunde gehen. Wozu sein Herz an solchen Tand hängen, der Dutzendweise für etwa vier bis sechs Thaler in jeder Straße zu haben ist?«

»O es ist traurig, das Leben in ein solches Rechenexempel aufzulösen!« erwiederte Sabine. »Was man erwirbt und was man hat, verliert seinen besten Schmuck. Tödten Sie die Phantasie und unsere gute Laune, die auch den leblosen Dingen ihre freundlichen Farben verleiht, was bleibt dann dem Leben des Menschen? Nichts bleibt, als der betäubende Genuß, oder ein egoistisches Princip, dem er Alles opfert. Treue, Hingebung, die Freude an dem, was man schafft, das Alles geht dann verloren. Wer so farblos denkt, der kann vielleicht groß handeln, aber sein Leben wird weder schön, noch freudenreich, noch ein Segen für Andere.« Unwillkürlich faltete sie die Hände und warf einen Blick voll Trauer auf Fink, dessen Gesicht einen trotzigen und harten Ausdruck erhielt.

Die Collegen hatten bis jetzt der Unterhaltung in düsterm Schweigen zugehört und nur durch Mimik ihren Abscheu gegen Finks Behauptungen ausgedrückt. Der Geist des gemordeten Sperlings hob sich vor Aller Augen fortwährend über die Tischplatte neben Finks Stuhl, und sie starrten auf den Macbeth des Comtoirs, wie auf einen verlorenen Mann. Anton ergriff begütigend das Wort:

»Vor Allem muß ich bemerken, daß Fink selbst ein glänzendes Beispiel gegen seine eigene Theorie ist.«

»Wie so, Herr?« frug Fink, von der Seite auf Anton sehend.

»Das wird sogleich offenbar werden, ich will nur erst uns Alle zusammen loben. Wir Alle, die wir hier sitzen und stehen, sind Arbeiter aus einem Geschäft, das nicht uns gehört. Und Jeder unter uns verrichtet seine Arbeit in der deutschen Weise, die du so eben verurtheilt hast. Keinem von uns fällt ein zu denken, so und so viel Thaler erhalte ich von der Firma, folglich ist mir die Firma so und so viel werth. Was etwa gewonnen wird durch die Arbeit, bei der wir geholfen, das freut auch uns und erfüllt uns mit Stolz. Und wenn die Handlung einen Verlust erlitten hat, so ist es allen Herren ärgerlich, vielleicht mehr als dem Prinzipal. Wenn Liebold seine Ziffern in's große Buch schreibt, so sieht er sie mit Genuß an und freut sich über den schönen kalligraphischen Zug, und wenn er Posten einträgt, welche der Handlung besonders vortheilhaft waren, so lacht er in der Stille vor Behagen. Sehen Sie ihn an, wie er's jetzt thut.«

Liebold sah verlegen aus und rückte an seinem Hemdkragen.

»— Da ist ferner College Baumann, welcher in der Stille Neigung zu einem andern Beruf hat. Er brachte mir neulich einen Bericht über die Greuel des Heidenthums an der afrikanischen Küste und sagte in tiefster Seele erschüttert: »Es wird Zeit, Wohlfart, ich muß hin.« »Wer soll die Calculatur besorgen?« frug ich, »und wie soll es mit dem Krappgeschäft werden, das Sie und Balbus so fest halten, daß Sie keinen Andern darüber lassen?« »Ja,« rief Baumann, »an den Krapp hatte ich nicht gedacht. Ich muß es noch aufschieben.«

Die Herren sahen lächelnd auf Baumann, der leise vor sich hin sagte: »Es ist auch unrecht.«

»— Und von dem Tyrannen Pix will ich gar nicht sprechen, da er selbst in vielen Stunden zweifelhaft ist, ob die Handlung ihm gehört oder Herrn Schröter.«

Alle lachten. Herr Pix steckte wie Napoleon die Hand in seine Brusttasche. — »Du bist ein perfider Advocat,« sagte Fink, »du regst persönliche Interessen auf.«

»Du hast dasselbe gethan,« erwiederte Anton. »Und jetzt will ich von dir reden. Vor etwa einem halben Jahre ist dieser Amerikaner zu Herrn Schröter gegangen und hat ihm gesagt: Ich wünsche nicht mehr Volontair zu sein, ich bitte um eine feste Stellung im Geschäft. Warum? frug Herr Schröter. Natürlich hatte Fink nur die Absicht, so und so viel Thaler festen Gehalt von der Handlung zu beziehen.«

Wieder lächelten Alle und sahen auf Fink; aber die Blicke waren nicht mehr feindlich, es war etwas von Achtung und fröhlicher Billigung darin, denn es war Allen bekannt, daß Fink gesagt hatte: »Ich wünsche einen regelmäßigen Antheil an der Arbeit, und die Verantwortung, welche bei fester Thätigkeit ist; die Arbeit in meiner Branche macht mir Freude.«

»Und ferner,« fuhr Anton fort, »wer einmal das Behagen gesehen hat, mit welchem Fink den Schmeie Tinkeles behandelt, der weiß, wie viel von dem schwächlichen deutschen Gemüth auch bei ihm zu Tage kommt. Es ist so viel drollige Laune in seinem Wesen, daß das Comtoir durch solche Stunden entzückt wird, und, was die Hauptsache ist, Tinkeles selbst ist geradezu in ihn verliebt.«

»Weil er maltraitirt wird, Herr,« versetzte Fink.

»Nein, sondern weil er hinter deinen kräftigen Worten dasselbe behagliche Wohlwollen bemerkt, mit dem ein Anderer sein Hündchen oder seine Vögel liebkost. — Und wenn irgend ein Geschäft des Prinzipals glänzenden Erfolg gehabt hat, so ist Niemand von uns fröhlicher darüber, als Fink selbst. Neulich, als die Krisis im Zinkgeschäft eintrat, und Herr Schröter gegen die stille Ansicht des ganzen Comtoirs, auch gegen Finks Ansicht, noch zu rechter Zeit in Hamburg verkauft und die Handlung dadurch vor einigen tausend Thalern Verlust bewahrt hatte, da triumphirte derselbe Fink lauter, als Einer von uns, und zwang Jordan und mich, denselben Abend in's Weinhaus zu gehen.«

»Weil ich nicht allein trinken wollte, du Narr,« sagte Fink.

»Natürlich,« rief Anton, »deßhalb stießest du auch bei dem ersten Glas auf das Wohl der Handlung an und nanntest sie eine glorreiche Firma.«

Fink sah vor sich nieder. Sabine lächelte mit leuchtenden Augen auf Anton. Wieder lächelten die Herren freundlich und rückten näher heran, die kleine Spannung war gehoben.

»Und,« fuhr Anton siegreich fort, »auch in andern Fällen hat er ganz dieselbe armselige Gemüthlichkeit, die er jetzt so angreift. Er liebt, wie wir Alle wissen, sein Pferd persönlich, es ist ihm durchaus etwas Anderes, als die Summe von fünfhundert Dollar, repräsentirt durch so und so viel Centner Fleisch mit einer Haut überzogen. Er ist besorgt um das Thier, wie um einen Freund.«

»Weil es mir Spaß macht.«

»Versteht sich,« sprach Anton, »die Servietten machen unsern Hausfrauen auch Spaß, das ist's ja eben. Und seine Condorflügel, die Pistolen, Reitpeitschen, die rothe Rumflasche, das sind Alles Dinge, die ihm so gut Spaß machen, wie einem deutschen Auswanderer sein Vogelbauer. Ja er hat mehr grillige Capricen und Liebhabereien, als wir. Um es kurz zu sagen, er ist in Wahrheit eben so sehr ein armer gemüthlicher Deutscher, als irgend Einer.«

Sabine schüttelte leise den Kopf, aber sie blickte jetzt freundlich auf den Amerikaner. Auch Finks Gesicht hatte sich verwandelt. Er sah ernst vor sich hin, und es lag etwas auf seinen stolzen Zügen, was man bei einem Andern Rührung genannt hätte. »Na,« begann er endlich, »das Fräulein und ich, beide haben wir zu sehr auf einer Seite gestanden.« Er wies auf den todten Sperling. »Vor diesem ernsten Fact strecke ich die Waffen und bekenne, daß ich den Wunsch habe, der kleine Herr wäre noch am Leben und erreichte unter den Kirschen und Kuchen der Firma das höchste Greisenalter. Und so sind Sie mir nicht mehr böse, Fräulein.«

Sabine nickte zu ihm herüber und sagte herzlich: »Nein.«

»Du aber, Anton, reiche mir deine Hand. Du hast mit Glanz plaidirt und von der deutschen Jury ein Nichtschuldig erschwindelt. Nimm die Feder und streiche in unserm Kalender vierzehn Tage aus. Du verstehst mich.« Anton drückte ihm die Hand und legte den Arm um seine Schulter.

Wieder war die Gesellschaft in der besten Stimmung, Herr Schröter kam heran, Cigarren wurden angezündet, Jeder bestrebte sich, so unterhaltend als möglich zu sein. Herr Liebold stand auf und erbat sich von dem Fräulein und dem Prinzipal die Erlaubniß, wenn es sie nicht störe, und wenn sie an dem schönen Abend nichts Besseres vorzuschlagen hätten, in welchem Falle er ergebenst bitte, seine Worte als ungesprochen zu betrachten, so wollten er und einige Collegen sich die Freiheit nehmen, vierstimmige Lieder zu singen. Da er seit mehreren Jahren an diesem Tage regelmäßig eine solche Mittheilung machte, und Alles darauf vorbereitet war, so rief ihm Sabine zu: »Das versteht sich, Herr Liebold, wenn das Quartett fehlte, wäre die Freude nur halb.« Die Sänger holten Notenbücher herzu und rückten zusammen, Herr Specht als erster Tenor, Herr Liebold als zweiter, Herr Birnbaum und Herr Balbus als Bässe. Diese vier bildeten den musikalischen Theil des Comtoirs und hielten trotz kleiner Zwistigkeiten, welche durch ihr musikalisches Naturell hervorgerufen wurden, gegen die Uebrigen fest zusammen, Herr Specht krähte etwas zu laut, und Herr Liebold sang etwas zu leise, aber ihr Publikum war dankbar, und der Abend war wunderschön. Im farbigen Licht glänzten die großen Blätter des Nußbaums vor dem Gartenhause, die Grillen schwirrten und die wilden Sänger der Bäume flöteten einzelne Noten herunter, die Natur selbst flüsterte und stimmte, bis die volle Kraft der Menschenstimmen einfiel und die feinen Laute des Gartens übertönte. Dann schwiegen die Vögel, die Heimchen und Mücken, aber so oft die Sänger anhielten, klang das leise Summen der Natur wie zum Wechselgesange wieder durch. Alle hörten erfreut zu. »Wir danken, wir danken!« rief Sabine, als sie aufhörten, und klatschte in die Hände.

»Es ist eine närrische Sache,« begann Fink, »daß eine gewisse Folge von Tönen das Herz erschüttert und Thränen hervorruft auch bei Menschen, welche sonst für weiche Stimmungen abgestorben sind. Jedes Volk hat solche einfache Weisen, bei denen sich Landsleute an dem Eindruck erkennen, den die Melodie auf sie macht. Wenn die Auswanderer, von denen wir vorhin sprachen, Alles verlieren, die Liebe zu ihrem Vaterlande, selbst den geläufigen Ausdruck ihrer Muttersprache, die Melodien der Heimath leben unter ihnen länger, als alles Andere, und mancher Narr, der in der Fremde seinen Stolz darein setzt, ein naturalisirter Fremder zu sein, fühlt sich plötzlich wieder deutsch, wenn er ein Paar Tacte singen hört, die ihm in seiner Jugend bekannt waren.«

Der Kaufmann sagte: »Sie haben Recht. Wer aus seiner Heimath scheidet, ist sich selten bewußt, was er Alles aufgiebt; er merkt es vielleicht erst dann, wenn die Erinnerung daran eine Freude seines späteren Lebens wird. Diese Erinnerung ist wohl auch dem verwilderten Mann ein Heiligthum, das er oft selbst entehrt und verspottet, das er aber in seinen besten Augenblicken immer wieder aufsucht.«

»Mit einiger Beschämung bekenne ich, daß ich selbst von dieser Freude nur wenig empfinde,« sagte Fink. »Ich weiß nicht recht, wo ich zu Hause bin. Wenn ich die Jahre meines Lebens zusammenzähle, so habe ich freilich den größten Theil in Deutschland verlebt, aber die mächtigsten Eindrücke hat mir die Fremde gegeben. Immer hat mich das Schicksal wieder ausgerissen, bevor ich irgendwo festgewurzelt war. Und jetzt in Deutschland fühle ich mich zuweilen fremd. Die Dialekte der Landschaften zum Beispiel sind mir fast ganz unverständlich. Ich habe zu Weihnachten immer mehr Geschenke erhalten, als mir gut war, aber der Zauber der deutschen Weihnachtsbäume hat mich nie berührt; von den Volksliedern, die Sie so rühmen, klingen nur wenige in mein Ohr; noch heut bin ich unsicher, wann man Karpfen essen muß, und Hörner und Mohnkuchen, und ich gestehe einen entschiedenen Mangel an Empfänglichkeit für die Reize des Bleigießens und Pantoffelwerfens. — Und außer diesen Kleinigkeiten giebt es noch Anderes, worin ich mich unter der deutschen Art fremd und arm fühle,« fuhr er ernster fort. »Ich weiß, daß ich zuweilen die Schonung meiner Freunde mehr als billig in Anspruch nehme. Ihrem Hause werde ich zu danken haben,« schloß er, sich gegen den Kaufmann verneigend, »wenn ich von einigen respectablen Seiten der deutschen Natur Kenntniß erhalte.«

Das war ein männliches Bekenntniß, er sprach die letzten Worte mit einem Gefühl, das selten bei ihm durchbrach. Sabine war glücklich, der Sperling war vergessen, sie rief mit überströmendem Gefühl: »Das war edel gesprochen, Herr von Fink.«

Der Diener lud zum Abendessen. Im Saal des Gartenhauses war die Tafel gedeckt. Der Kaufmann nahm in der Mitte Platz, Sabine lächelte, als Fink sich neben sie setzte. »Mir gegenüber, Herr Liebold,« rief der Prinzipal. »Heut muß ich Ihr treues Gesicht vor mir sehen. Heut sind's fünfundzwanzig Jahr, daß wir mit einander in Verbindung stehen. — Herr Liebold trat wenige Wochen vor dem Tage bei uns ein, an dem ich durch meinen Vater als Associé aufgenommen wurde,« erklärte er den Jüngeren. »Und wenn ich allen Mitgliedern des Comtoirs Anerkennung schuldig bin, Ihnen bin ich die größte schuldig. Fünfundzwanzig Jahre im Geschäft, zehn Jahre beim Hauptbuch, stets ein treuer, zuverlässiger Gehülfe!« Er hielt ihm sein Glas über die Tafel entgegen: »Stoßen Sie an, mein alter Freund; so lange unsere Stühle neben einander stehen, nur durch eine dünne Wand getrennt, soll es zwischen uns bleiben wie bisher, ein festes Vertrauen ohne viele Worte.«

Herr Liebold hatte die Anrede des Prinzipals stehend angehört und blieb stehen. Er wollte eine Gesundheit ausbringen, das sah Jeder, aber er brachte kein lautes Wort aus seinem Munde, er hielt sein Glas in die Höhe und sah auf den Prinzipal, und seine Lippen bewegten sich ein wenig. Endlich setzte er sich schweigend wieder hin. Statt seiner erhob sich zu Aller Erstaunen Fink und sprach in tiefem Ernst: »Trinken Sie mit mir auf das Wohl eines deutschen Geschäfts, wo die Arbeit eine Freude ist, wo die Ehre eine Heimath hat; hoch unser Comtoir und unser Prinzipal!«

Ein donnerndes Hoch der Collegen folgte, Sabine stieß mit Allen an, der Kaufmann kam Fink auf allen Wegen entgegen. — Der Rest des Abends war ungestörte Freude. Das Quartett sang noch ein Paar lustige Trinklieder, und es war heut lange nach zehn Uhr, als die Gesellschaft in der Stadt ankam.

An der Treppe des Hinterhauses sagte Fink zu Anton: »Heut, mein Junge, darfst du nicht an meiner Stube vorbei. Es ist mir langweilig genug gewesen, dich so lange zu entbehren.« Und bis spät in die Nacht saßen die versöhnten Freunde bei einander, beide bemüht, einander zu zeigen, wie froh sie über die Versöhnung waren.

Sabine trat in ihr Zimmer. Da überreichte ihr das Mädchen ein Billet von unbekannter Hand. Ein starker Moschusgeruch und die gekritzelten Züge verriethen, daß es von einer Dame kam.

»Wer hat den Brief gebracht?« frug Sabine.

»Ein fremder Mann,« antwortete das Mädchen, »er wollte den Namen nicht nennen und sagte, Antwort sei nicht nöthig.«

Sabine las: »Mein Fräulein, triumphiren Sie nicht zu früh. Sie haben durch Ihre Koketterie einen Herrn an sich gelockt, welcher gewöhnt ist, zu verführen, zu vergessen und die, welche auf seine Worte hören, unverschämt zu behandeln. Vor Kurzem hat er einer Andern Geständnisse gemacht, jetzt hat er Sie bethört. Er wird auch Ihnen heucheln und Sie verrathen.«

Das Billet hatte keine Unterschrift, es war von Rosalie.

Sabine wußte, wer die Schreiberin war. Sie hielt den Brief an die Kerze und schleuderte das brennende Papier in das Kamin. Schweigend sah sie zu, wie die lodernde Flamme kleiner wurde und verlöschte, und wie die glimmenden Punkte auf der verkohlten Fläche umherfuhren, bis auch der letzte verging. Lange stand sie da, ihr Haupt an das Gesims gelehnt, den Blick auf das Häufchen Asche gerichtet. Ohne Thränen, lautlos hielt sie die Hand auf ihr zuckendes Herz.

VIII.

Veitel Itzig war in der größten Aufregung. Er, der Nüchterne, Enthaltsame, glich in allen seinen Freistunden einem Trunkenbold. Seine Lippen bewegten sich in lebhaftem Selbstgespräch, und eine fieberische Röthe lag über seinen spitzen Backenknochen. Auf der Straße war er schon von Weitem kenntlich durch die allerauffälligste Weise der Fuß- und Armbewegungen; ruhiger Schlaf war etwas, das er kaum dem Namen nach kannte. Und das Alles, weil eine verwittwete Geheimräthin ihren Lieblingshund verloren hatte. Dieser Mops war an einem heitern Frühlingsmorgen, verführt durch den Sonnenschein oder durch das Aroma eines Fleischerjungen, mühsam zwei Treppen bis auf die Straße hinabgestiegen. Und dort war er verschwunden, im Wasser ertrunken, von Gaunern gestohlen, von Banditen geschlachtet, kurz er war verschollen; und keine Zeitungsannonce vermochte die runde Gestalt des Flüchtlings in die Räume zurückzuführen, in denen er so lange als Tyrann geherrscht hatte. Aus Aerger über diesen Verlust war die Räthin gefährlich erkrankt, und Veitel nahm einen so lebhaften Antheil an ihrem Leide, daß er selbst in Gefahr kam, seine Gesundheit einzubüßen. Leider waren Veitels Hoffnungen nicht auf das Leben der würdigen Dame gerichtet. Er hatte ein Riesengeschäft gewagt, er hatte es unternommen nach vielen Verabredungen mit seinem Rathgeber Hippus und nachdem er oft in stillen Nächten seine Brieftasche hervorgeholt und sein Vermögen überrechnet hatte. Die Speculation war eine der schönsten, welche ein Mann von Veitels Grundsätzen unternehmen konnte, sie war vielleicht ein wenig gewagt, aber so sauber, wie ein Wickelkind unter dem Badeschwamm.

Ein armer Teufel von Rittergutsbesitzer hatte schlecht gewirthschaftet und war so lange betrogen worden, bis er sein Gut auf dem traurigen Wege der nothwendigen Subhastation verloren hatte. Bei diesem Verkauf war ein Hypothekeninstrument von zwölftausend Thalern ausgefallen. Der Gläubiger, dessen Forderung durch die Verkaufssumme des Gutes nicht gedeckt werden konnte, hatte vergebens versucht, sich an die Person des verarmten Gutsbesitzers zu halten. Der Schuldner war ohne alle Mittel, das Gericht fand nichts, was ihm zu nehmen war. Er war frustra excussus, wie unsere Juristen sagen, und empfand das Behagen des Elends, seine Gläubiger nicht mehr zu fürchten; dies verzweifelte Glück war für ihn nach trüben Jahren eine Art grönländischer Sonnenschein. Der Eigenthümer der Hypothek aber sah wehmüthig auf sein zerschnittenes Document, welches unter solchen Umständen für ihn fast nur den Werth von Maculatur hatte. Den Spüraugen Itzigs blieb dies Sachverhältniß nicht unerforscht. Er stand mit dem Gutsbesitzer wohl ein Jahr lang in inniger Verbindung, er hatte die Gefälligkeit, ihm alte Röcke abzukaufen, ja sogar Geld vorzuschießen, und wurde in manches kleine Geheimniß dieses verfehlten Lebens eingeweiht. So hatte er auch erspäht, daß sein Kunde alles Segelwerk seines lecken Fahrzeugs aufspannte, sich in die Gunst und das Testament einer alten Tante zu setzen, und kam allmälig zu der Ueberzeugung, daß ihm dies gelingen werde. Zwei seidene Halstücher und ein Paar vergoldete Ohrringe mußte Veitel an die Dienstmädchen der Räthin wenden, um genaue Nachrichten zu erhalten. Der Neffe las der Tante Mordgeschichten aus den Zeitungen vor, er wurde eingeladen, wenn die Tante ihr Lieblingsgericht kochen ließ, die Tante sprach davon, ihn zu verheirathen, that es aber nicht, und endlich, als aller Lebensmuth der Tante durch einen vierwöchentlichen Regen fortgeschwemmt worden war, ließ sie Gerichtspersonen kommen, trieb ihren Neffen, der, zum Weinen gerüstet, sein Taschentuch in der Hand hielt, aus dem Zimmer und zwang durch diese auffallenden Maßregeln das Dienstmädchen, an der Kammerthür zu erlauschen, daß sie ihr Testament machte und des armen Neffen darin ehrenvoll gedachte. Als Veitel dies erkundschaftet hatte, that er den zweiten großen Schritt und kaufte dem Besitzer des ausgefallenen Instruments die Urkunde und alle Rechte, welche dieselbe an die Person des Schuldners gab, um vierhundert Thaler ab.

Jetzt war der Mops verschwunden, die schwer geärgerte Tante lag zu Bett, acht Tage darauf war sie gestorben, und der Neffe erbte den größten Theil ihrer Hinterlassenschaft. Veitel unterzog sich übermenschlichen Anstrengungen, um zu verhindern, daß sein Schuldner nicht durch eins von den kleinen Manövern, welche Veitel alle persönlich kannte, die Erbschaft unsichtbar machte. Wie ein Gespenst verfolgte er den unglücklichen Erben; kaum hatte dieser sich in die ersten Träume über sein künftiges Glück hineingelebt, so stand Veitel als unerbittlicher Mahner an eine finstere Vergangenheit vor ihm und schlug durch die eisige Kälte seiner Forderungen allen warmen Dampf nieder, welcher aus der hoffnungsvollen Seele des Erben aufstieg. Es war unmöglich, ihm zu entkommen, mit eisernen Zangen hielt er seinen Schuldner fest, und das Gesetz half ihm so energisch, daß der Erbe nach vielen Winkelzügen capituliren mußte. Durch achttausend Thaler, den größten Theil seiner Erbschaft, kaufte er sich von Veitel frei.

Heut war der glückliche Tag, wo der junge Geschäftsmann sein großes Capital in der Tasche nach Hause trug. Er flog über die Straße, er flog die Treppe hinauf in seine Hinterstube, ganz unsinnig vor Freude. Der Zwang, den er sich lange angethan, kalt zu scheinen, während ihm sein Herz in Angst und Erwartung wie ein Schmiedehammer pochte, war überwunden, er war wie ein Kind, wenn auch nicht so unerfahren; er sprang in der Stube umher, ja er lachte vor Freuden und frug Herrn Hippus, der ihn seit einigen Stunden erwartete: »Welche Sorte Wein wollen Sie trinken, Hippus?«

»Wein allein wird's nicht thun,« erwiederte Hippus vorsichtig. »Indeß ist es lange her, daß ich keinen Ungar gekostet habe. Hole eine Flasche alten Oberungar, oder halt, es ist draußen finster genug, ich will sie selbst holen.«

»Was kostet's?« rief Veitel.

»Zwei Thaler,« antwortete Hippus.

»Das ist viel Geld,« sagte Veitel, »aber es ist einerlei, hier sind sie.«

Mit kühner Handschwenkung holte er einen Doppelthaler aus der Tasche seines Beinkleides und warf ihn auf den Tisch.

»Schön,« nickte Hippus und griff hastig nach dem Geldstück. »Aber dies allein wird's nicht thun, mein Sohn. Ich verlange Procente von deinem Gewinn. In Erwägung, daß wir alte Bekannte sind, und daß man seine Freunde nicht drücken soll, will ich zufrieden sein mit fünf vom Hundert des Capitals, das du heut eingenommen hast.«

Veitel stand starr, sein strahlendes Gesicht wurde plötzlich sehr ernst, mit offenem Munde sah er auf den schwarzen Mann im Sopha.

»Rede nichts,« fuhr Hippus kaltblütig fort und warf über seine Brille hinweg einen bösen Blick auf Veitel, »untersteh' dich nicht, auch nur ein Wort von deinem Geschacher gegen mich vorzubringen, wir kennen einander; — ich habe gemacht, daß du das Geld gewinnen konntest, ich allein. Du brauchst mich, und du siehst, daß auch ich dich gebrauchen kann. Gieb mir auf der Stelle vierhundert von deinen achttausend.«

Veitel wollte sprechen.

»Kein Wort,« wiederholte Hippus und schlug mit dem Geldstück im Tact auf den Tisch, »gieb her das Geld.«

Veitel sah ihn an, griff endlich schweigend in die Tasche seines Rocks und legte zwei Pergamente vor Hippus auf den Tisch.

»Noch zwei,« fuhr Hippus in demselben Tone fort. Veitel legte hundert Thaler dazu. »Und jetzt das letzte, mein Sohn,« nickte der Alte ermunternd und schlug mit dem Thaler wieder auf den Tisch.

Veitel zögerte einen Augenblick und sah ängstlich auf den Alten, in welchem eine boshafte Freude mächtig geworden war. Auf diesem Antlitz war nichts Tröstendes zu finden; wieder griff Veitel in die Tasche, schob das vierte Pergament auf den Tisch und sprach mit klangloser Stimme: »Ich habe mich in Euch geirrt, Hippus.« Und darauf holte er sein Taschentuch hervor, wandte sich ab, schneuzte sich und wischte sich die nassen Augen.

Hippus achtete wenig auf die elegische Stimmung seines Schülers. Er befühlte das Pergament, wie man eine Kostbarkeit in der Hand umwendet, die man vor langer Zeit verloren hat und unerwartet wiederfindet. Endlich sagte er, seine Beute einsteckend: »Wenn du dir's ruhig überlegst, wirst du einsehen, daß ich als guter Freund an dir gehandelt habe. Ich hätte viel mehr fordern können.«

Veitel stand noch immer am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Ihm war jämmerlich zu Muthe. Gleich auf dem Heimwege vom Notar hatte er an den Alten gedacht und den Entschluß gefaßt, auch diesem eine Freude zu machen; er hatte ihm eine neue Schnupftabakdose von Silber kaufen und zehn Ducaten hineinlegen wollen. Und jetzt kam ihm dieser Hippus so!

Da er vor Schmerz über das Benehmen seines Lehrers kein Wort sprach, stand Hippus gemächlich auf und sagte wohlwollend: »Laß dir's nicht zu Herzen gehen, du Dummkopf, sollte ich eher sterben als du, so mache ich dich zu meinem Erben. Dann wirst du dein Geld wieder bekommen, wenn noch etwas davon übrig ist. Jetzt gehe ich, den Wein kosten. Auf deine Gesundheit werde ich ihn trinken, gefühlvoller Itzig.« Bei diesen Worten schlich der Alte zur Thür hinaus.

Noch einmal fuhr Veitel nach seinem Taschentuch und wischte eine bittere Thräne ab, welche an seiner Wange herunterrann. Seine Freude über den Gewinn war verdorben. Es war eine unklare Empfindung und ein unreines Gefühl, das ihn bewegte, denn es war viel Schmerz um die verlorenen Pergamente dabei. Aber er hatte noch mehr verloren, als sein kostbares Geld. Der einzige Mensch auf Erden, gegen den er eine Anhänglichkeit fühlte und von dem er gute Freundschaft erwartete, hatte sich gefühllos, eigennützig, feindselig gegen ihn benommen. Zu allen andern Menschen stand er auf Kriegsfuß und erwartete auch von ihnen nichts Anderes, als Krieg, nur dem kleinen Mann mit der Brille hatte er sein Herz offen gehalten. Und dies warme Gefühl hatte der Alte durch seine rohe Forderung tödtlich beschädigt. Es war vorbei zwischen ihm und Hippus, er konnte den Mann nicht entbehren, aber von dieser Stunde ab trug er einen Groll gegen ihn mit sich herum, der Alte hatte ihn einsamer und schlechter gemacht. So erfuhr Veitel den Fluch der Argen, daß sie elend gemacht werden nicht nur durch ihre Missethaten, sondern auch durch ihre bessern Neigungen.

Doch nicht lange dauerte die Schwermuth des Geschäftsmannes, bald griff er entschlossen in die Tasche, holte den übrig gebliebenen Schatz hervor, untersuchte jedes einzelne Pergament von allen Seiten und notirte die Nummern zuerst in seine Brieftasche und dann auf einen Zettel. Den Zettel versteckte er in einem Ritz der Diele. Diese Beschäftigung tröstete ihn wieder etwas. Und jetzt wandte er seine Gedanken auf die Zukunft. Wieder rannte er in dem Zimmer auf und ab und machte Pläne. Seine Weltstellung war mit einem Schlage geändert. Als Eigenthümer von baaren achttausend Thalern — ach, es waren nur siebentausend sechshundert — stand er unter den Geschäftsleuten seiner Art da als ein kleiner Crösus. Viele Andere machten Geschäfte mit Hunderttausenden, ohne so viel Vermögen zu besitzen als er; die Welt lag widerstandslos vor ihm, wie eine Perlmuschel auf dem Teller, es kam nur darauf an, mit welchem Hebel er sie öffnen wollte. Wie sollte er sein Capital anlegen, verdoppeln, verzehnfachen? Jetzt mußte er wählen, und er mußte dies allein thun. Es gab wohl zehn verschiedene Wege für ihn: er konnte fortfahren, Geld gegen hohe Interessen zu leihen, er konnte in Actien speculiren, er konnte das Woll- oder Getreidegeschäft betreiben, und mit einem Gefühl von Stolz sagte sich der Schelm, daß er auf jedem von diesen Wegen so gut vorwärts kommen könnte, wie der verschlagenste unter seinen Genossen. Aber jede von diesen Tätigkeiten brachte ihm das geliebte Capital in Gefahr, er konnte dabei ein reicher Mann werden, er konnte aber auch Alles verlieren; und dieser Gedanke war ihm so schrecklich, daß er sofort alle diese Pläne bei Seite warf. Eine Beschäftigung gab es, bei der ein schlauer Mann viel gewinnen konnte, und bei der es wohl möglich war, große Verluste zu vermeiden. Von seiner Heimath aus war er als umherziehender Trödler auf die Höfe der Gutsherren gekommen, zur Zeit des Wollmarktes hatte er in den Straßen der Stadt den vornehmen Herren mit Schnurrbart und Ordensband seine Dienste angeboten, im Comtoir seines Brodherrn hatte er sich unaufhörlich mit dem Vermögen und den Geldgeschäften des Landadels beschäftigt. Wie genau kannte er die stille Sehnsucht des alten Ehrenthal, ein gewisses Rittergut zu besitzen, wie oft hatte ihm der Mann mit der Brille in höhnischem Scherz gerathen, er solle sich zum Rittergutsbesitzer machen. Und wie kam es doch, daß ihm in seinem Schmerz über den Alten plötzlich sein Schulkamerad Anton einfiel und der Tag, wo er zum letzten Male mit diesem verkehrt hatte? Auch damals, als er zur Stadt zog und mit Anton zusammentraf, war er auf dem Gute des Freiherrn umhergestrichen, hatte vor der Thür des Kuhstalls gestanden und die lange Doppelreihe der gehörnten Rinder abgeschätzt, bis die Großmagd ihn herrisch wegwies. Und wie ein heißer Strahl schoß es in seinen Kopf: er selbst konnte der Rittergutsbesitzer werden, so gut wie Ehrenthal, er selbst konnte Andere seine weiße Wolle waschen lassen und mit zwei, ja mit vier Pferden nach der Stadt fahren. Er griff mit den Händen heftig in die Tischplatte und rief laut: »Ich werde es thun!« setzte sich auf dem Stuhl fest und schlug die hagern Arme übereinander. Und von dem Augenblick an wollte er etwas und begann seine Arbeit.

Und er speculirte schlau. Er hatte nach seiner Meinung ein Recht an das Gut des Freiherrn gewonnen durch seinen Entschluß, er wollte dies Recht auch erwerben durch sein Geld, er wollte für sich eine Hypothek auf dem Gute des Barons. So wollte er sein Capital sicher stellen auf Jahre, ruhig wollte er arbeiten, bis der große Tag käme, wo er mit seinem Capital das ganze Gut in seine Hände brächte. Und im schlimmsten Falle, wenn sein Plan nicht gelang, der jetzt der stille Zweck seines Lebens werden sollte, dann war wenigstens sein Geld nicht verloren. Unterdeß wollte er Agent und Commissionair werden, er wollte Käufe und Verkäufe vermitteln, wie so viele Andere thaten, arme Teufel, die einander die halben Procente gegenseitig beneideten, und vornehme Herren mit großen Titeln, welche den Güterschacher in's Große treiben und Hunderttausende dabei gewinnen durch List, Bestechung und Schleichwege. Veitel wußte, daß es wenig Wege gab, auf denen er nicht bekannt war. So wollte er anfangen, zunächst mußte er als Factotum bei Ehrenthal bleiben, so lange er den Alten benutzen konnte. Die Rosalie war schön und sie war reich, denn Bernhard war nicht zu rechnen als Erbe des Vaters. Vielleicht wollte er werden der Schwiegersohn des alten Ehrenthal, vielleicht wollte er auch nicht; dies Geschäft hatte keine Eile. Und noch Einer war, mit dem er sich stellen mußte: der kleine schwarze Mann, welcher jetzt drüben in der Gaststube seinen theuren Wein trank. Auch mit ihm mußte er von heut ab Rechnung halten, er wollte ihn bezahlen für jeden Dienst, den ihm der Alte that, und wollte ihm nur so weit sein Vertrauen geben, als es nöthig war.

Das waren die Entschlüsse, zu denen Veitel kam, und als er seinen Plan überlegt hatte, wie ein Gelehrter das Buch, das er schreiben will, da trug er seine Pfandbriefe unter das Kopfkissen, verschloß seine Thüre, lehnte einen schweren Stuhl dagegen und warf sich erschöpft durch die Anstrengung des Tages auf sein hartes Lager, er, der neue wild aufgeschossene Agnat der Rothsattel, der Mitbesitzer ihres schönen Gutes. Vielleicht war es die aberwitzige Phantasie eines Thoren, was der Händler auf seiner ärmlichen Stube in unruhiger Seele umhergewälzt hatte, vielleicht wurde es der Anfang einer Reihe von entschlossenen und consequenten Thaten, ein finsteres Schicksal für den Freiherrn und seine Familie. Der Freiherr selbst sollte darüber entscheiden.

An demselben Abend saßen die Baronin und ihre Tochter in der Rosenlaube des Parks, Beide waren allmälig verstummt. Die Mutter sah in tiefen Gedanken auf den Tanz eines Nachtschmetterlings, der mit dem kleinen dicken Kopf durchaus in die Flamme der Kerze fahren wollte und immer wieder an die Glasglocke stieß, welche das Licht vor der Nachtluft schützte.

Lenore beugte sich über ein Buch und warf zuweilen einen forschenden Blick in das ernste Gesicht der Mutter. Da knirschte der Kies, und der alte Amtmann des Gutes trat hastig mit abgezogener Mütze heran und frug nach dem gnädigen Herrn.

»Was bringen Sie?« frug Lenore den Graukopf, »ist etwas vorgefallen?«

»Mit dem alten Rappen geht's zu Ende,« antwortete der Amtmann besorgt, »er hat wüthend um sich geschlagen und in die Krippe gebissen, jetzt liegt er und keucht wie im Sterben.«

»Das wäre der Teufel!« rief Lenore aufspringend.

»Lenore!« schalt die Mutter.

»Ich komme, selbst nachzusehen,« sagte Lenore eifrig und eilte mit dem Alten nach dem Hofe.

Das kranke Pferd lag auf seiner Streu triefend von Angstschweiß, und seine Flanken hoben und senkten sich in keuchendem Athemholen. Beim Schein der Stalllaterne standen die Knechte umher und sahen phlegmatisch auf das leidende Thier. Als Lenore eintrat, wandte das Pferd die Augen Hülfe suchend nach dem Fräulein.

»Es kennt mich noch,« rief sie und winkte den stämmigen Großknecht bei Seite.

»Es hat sich abgearbeitet,« sagte der Mann, »jetzt ist's ruhig.«

»Werft Euch sogleich auf ein Pferd und reitet zum Thierarzt,« befahl Lenore dem Knecht.

Dem Mann war es nicht behaglich, zur Nacht einige Meilen zu reiten, er antwortete zögernd: »Der Doctor ist niemals zu Hause; ehe er kommt, ist's mit dem Pferde zu Ende.«

»Gehorcht!« befahl Lenore kalt und wies nach der Thüre. Der Knecht ging widerwillig hinaus.

»Was ist das mit dem Großknecht?« frug Lenore, als sie mit dem Amtmann aus dem Stall trat.

»Er thut nicht mehr gut und müßte fort, ich habe es dem gnädigen Herrn schon oft gesagt. Aber gegen den Herrn Baron ist der Schlingel bethulich wie ein Ohrwurm; er weiß, daß er einen Stein im Bret hat; gegen alle andern Leute ist er widerhaarig, und ich habe täglich meinen Aerger mit ihm.«

»Ich will mit dem Vater sprechen,« erwiederte Lenore die Stirn faltend.

Der alte Diener blieb stehen und fuhr zutraulich fort: »Ach, gnädiges Fräulein, wenn Sie sich der Wirthschaft etwas annehmen wollten, das wäre ein wahres Glück für das Gut. Mit dem Kuhstall bin ich auch nicht zufrieden. Die neue Wirthschafterin versteht die Mägde nicht zu tractiren, sie ist zu flatterhaft, Bänder hinten und Bänder vorn. Sonst war's besser im Gange, da kam der Herr Baron manchmal selbst und besah das Butterfaß. Jetzt hat er wohl andere Geschäfte, und wenn die Leute wissen, daß der Herr nachsichtig ist, so spielen sie dem Amtmann Trumpf aus, wenn er sie scharf behandelt. — Sie können scharf sein mit den Leuten, es ist jammerschade, daß Sie kein Herr sind.«

»Ja, Sie haben Recht, es ist jammerschade,« nickte Lenore beistimmend ihrem alten Freunde zu. »Aber man muß es mit Geduld ertragen. Um die Molkerei will ich mich kümmern, ich werde von heut ab alle Tage beim Buttern sein. Wie steht das Korn jetzt? Sie haben ja neulich nach der Stadt gefahren.«

»Ja,« sagte der Alte gedrückt, »der gnädige Herr hatten so befohlen, ich weiß nicht, was er genommen hat. Er hat den ganzen Schüttboden schon im Winter an Händler verkauft auf Lieferung.« »Sehen Sie,« fuhr er bekümmert fort und schüttelte seinen weißen Kopf, »sonst verkaufte ich, und ich schrieb's in's Buch und strich das Geld ein und zählte es dem Herrn Baron auf, jetzt kann ich in meinem Buch die Einnahmen nicht mehr notiren; wenn die Seite zu Ende ist, mache ich einen Strich, aber ich ziehe keine Summe mehr.«

Lenore hörte, die Hände auf dem Rücken, die Klage theilnehmend an. »Hm! Es wird eine von den neuen Einrichtungen sein. Grämt Euch nur nicht darüber, mein Alter. Ich will, so oft Papa nicht da ist, Nachmittags mit Ihnen auf das Feld gehen oder Sie dort aufsuchen. Sie sollen Ihre Pfeife dabei rauchen. Wie schmeckt's in dem neuen Kopf, den ich Ihnen mitgebracht habe?«

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