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Sämtliche Werke 7-8

Erster Teil

E. K. Rahsin translation

Erstes Kapitel.

I.

Nun habe ich mich doch nicht bezwingen können und mich hingesetzt, um die Geschichte meiner ersten selbständigen Schritte niederzuschreiben – obwohl ich das eigentlich auch unterlassen könnte ... Eines aber weiß ich genau: meine ganze Lebensgeschichte würde ich niemals schreiben, und sollte ich auch hundert Jahre alt werden. Da muß man denn doch gar zu erbärmlich in die eigene Person verliebt sein, um ohne sich vor sich selbst zu schämen, über sich selbst schreiben zu können. Was mich diesmal noch entschuldigt, ist ja nur, daß ich nicht aus dem Grunde schreibe, der alle anderen zum Schreiben veranlaßt, das heißt, ich schreibe nicht, um vom Leser bewundert zu werden. Wenn es mir trotzdem in den Sinn gekommen ist, alles wortgetreu aufzuzeichnen, was ich in diesem letzten Jahr erlebt habe, so ist das aus einem inneren Bedürfnis heraus geschehen: einen so großen Eindruck haben diese Erlebnisse auf mich gemacht. Ich will nur die Ereignisse wiedergeben, Beiläufiges aber nach Möglichkeit übergehen, und vor allem die üblichen literarischen Verzierungen und Einleitungen vermeiden. Ein Literat schreibt mitunter ganze dreißig Jahre lang in einem Strich, zu guter Letzt aber weiß er oft selbst nicht, was er nun eigentlich so lange geschrieben hat. Ich dagegen bin kein Literat und möchte auch gar keiner sein; ja, ich würde es geradezu für eine Geschmacklosigkeit halten, das Innerste meiner Seele und eine schöne Schilderung meiner Gefühle auf ihren Literaturmarkt zu schleppen. Nur habe ich zu meinem Ärger so eine Vorahnung, als ob man ganz ohne Gefühlsschilderungen und Betrachtungen (vielleicht sogar recht abgeschmackte Betrachtungen) doch nicht gut auskommen könne: dermaßen verderblich wirkt jede literarische Betätigung auf den Menschen, auch wenn er ausschließlich für sich selbst schreibt. Nun werden meine Betrachtungen vielleicht sogar sehr trivial erscheinen; denn es ist leicht möglich, daß andere gerade das völlig wertlos finden, was man selbst am höchsten schätzt. Aber genug davon. Da habe ich also doch eine regelrechte Vorrede geschrieben. Weiteres von dieser Art soll es nun wirklich nicht mehr geben. Jetzt fange ich endgültig meine Geschichte an, obschon nichts so schwierig ist, wie eine Sache anzufangen, vielleicht sogar überhaupt etwas in der Welt anzufangen.

II.

Ich beginne, das heißt, ich wollte mit dem neunzehnten September des vorigen Jahres beginnen, also genau mit dem Tage meiner ersten Begegnung mit ...

Aber so ohne weiteres zu sagen, wem ich damals begegnet bin, noch bevor man das geringste weiß, wäre dumm. Ja, dieser ganze Ton scheint dumm zu sein. Ich habe mir doch geschworen, alle literarischen Albernheiten zu vermeiden, und nun habe ich von der ersten Zeile an überhaupt nichts anderes geschrieben. Außerdem scheint mir jetzt, daß der Wunsch allein, vernünftig zu schreiben, noch nicht genügt, um es zu können. Ich möchte auch bemerken, daß in keiner europäischen Sprache das Schreiben so schwierig ist wie in der russischen. Wenigstens muß ich mir jetzt gestehen, nachdem ich das soeben Geschriebene überlesen habe, daß ich viel klüger bin, als das hier Geschriebene vermuten läßt. Woher kommt es nur, daß bei einem klugen Menschen das von ihm Ausgesprochene so viel dümmer erscheint als das, was unausgesprochen in ihm zurückbleibt? Diese Beobachtung habe ich an mir auch in meinem mündlichen Verkehr mit Menschen des öfteren gemacht und mich deshalb in diesem ganzen verhängnisvollen letzten Jahr nicht wenig gequält und geärgert.

Aber wenn ich nun einmal mit dem neunzehnten September beginnen will, muß ich vorher doch wenigstens kurz erklären, wer ich bin, wo ich gelebt habe, und wie es am Morgen jenes neunzehnten September in meinem Kopf ungefähr aussah, damit das Folgende dem möglichen Leser und vielleicht auch mir selbst verständlicher werde.

III.

Ich bin – ein Gymnasiast, der sein Abiturium bestanden hat und jetzt einundzwanzig Jahre zählt. Ich trage den Namen Dolgoruki; denn mein gesetzmäßiger Vater ist Makar Iwanoff Dolgoruki, ein ehemaliger Hofbauer des Adelsgeschlechts der Werssiloff. So bin ich denn nach dem Gesetz ein legitimer Sohn, während ich in Wirklichkeit ein höchst illegitimer bin und meine uneheliche Herkunft nicht dem geringsten Zweifel unterliegt. Die Sache verhält sich so:

Vor zweiundzwanzig Jahren besuchte der Gutsbesitzer Werssiloff (mein natürlicher Vater) wieder einmal sein Stammgut im Gouvernement Tula. Ich vermute, daß er damals als fünfundzwanzigjähriger junger Mann noch etwas recht Unpersönliches war. Es ist gewiß nicht bedeutungslos, daß dieser Mensch, der auf mich schon in der Kindheit einen so mächtigen Eindruck gemacht und auf meine ganze innere Entwicklung einen so ungeheuren Einfluß gehabt hat – einen Einfluß, der vielleicht in meinem ganzen Leben weiterwirken wird – daß dieser Mensch mir auch heute noch in vielen Dingen ein vollständiges Rätsel ist. Doch davon später. Das läßt sich nicht gleich so erzählen. Von diesem Menschen wird ja ohnehin in meinen Aufzeichnungen schon genug die Rede sein.

Damals, also in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, hatte er gerade seine Frau verloren. Sie war aus vornehmer Familie, aber nicht sehr reich gewesen, eine geborene Fanariotoff, und hatte ihm einen Sohn und eine Tochter geschenkt. Leider habe ich nur sehr wenig Näheres über diese seine erste Frau erfahren können, und selbst dies wenige ist nicht ganz verbürgt. Auch aus dem Privatleben Werssiloffs ist mir vieles unbekannt oder wenigstens unerklärlich geblieben, so stolz, unnahbar, verschlossen und doch wiederum nachlässig war er im Verkehr mit mir, obschon er sich mitunter geradezu wie mit einer inneren Demut zu mir verhielt, die mich jedesmal stutzig machte. Einstweilen aber will ich doch vorausschicken – gewissermaßen als Charakteristikum –, daß er in seinem Leben drei Vermögen durchgebracht hat, und sogar recht bedeutende, so einige viermalhunderttausend Rubel, vielleicht aber noch viel mehr. Augenblicklich hat er selbstverständlich nichts.

Auf sein Gut war er damals „Gott weiß warum“ gekommen, wenigstens drückte er sich auf meine Frage hin so aus. Seine kleinen Kinder brachte er nicht mit, er ließ sie bei Verwandten: so pflegte er sein Leben lang mit seinen Kindern umzugehen, sowohl mit den ehelichen wie mit den unehelichen. Das Hofgesinde auf dem Gut war überaus zahlreich, und zu diesem gehörte auch der Gärtner Makar Iwanoff Dolgoruki. Ich will hier gleich bemerken, um es ein für allemal abzutun, daß wohl selten jemand sich zeitlebens dermaßen über seinen Familiennamen geärgert hat, wie ich mich über den meinigen, von Kindesbeinen an. Das war selbstverständlich dumm von mir, doch ist es nichtsdestoweniger Tatsache. Jedesmal, wenn ich z. B. irgendwo eintrat, in eine Schule etwa, oder wenn ich mit Leuten zusammenkam, denen ich als kleiner Junge oder Halbwüchsling antworten mußte, ob ich wollte oder nicht, kurz, jeder letzte Schul- oder Privatlehrer, Gymnasialinspektor oder Pope – ein jeder, wirklich ein jeder, der auf die Frage nach meinem Namen gehört hatte, daß ich Dolgoruki hieß, hielt es für unbedingt notwendig, zu fragen:

„Fürst Dolgoruki?“[1]

Und jedesmal mußte ich jedem dieser müßigen Leute erklären:

„Nein, einfach Dolgoruki.“

Dieses „einfach“ drohte schließlich, mich einfach um meinen Verstand zu bringen. Übrigens verdient es gewissermaßen als Phänomen erwähnt zu werden, daß ich mich tatsächlich keines einzigen Menschen entsinne, der nicht so gefragt hätte, kein einziger machte eine Ausnahme! Viele interessierte diese Feststellung offenbar überhaupt nicht, es lag ihnen nichts an der Antwort, und ich begreife wirklich nicht, zu welch einer Teufelei sie auch nur einen von ihnen hätte interessieren sollen! Aber sie fragten alle, alle ohne Ausnahme. Und wenn ich dann gesagt hatte, daß ich einfach Dolgoruki hieße, maß mich der Betreffende gewöhnlich mit einem stumpfen, dumm-gleichgültigen Blick (der mir nur bestätigte, daß er selbst nicht wußte, wozu er gefragt hatte) und wandte sich von mir ab. Am kränkendsten fragten die Schulkameraden. Wie wird überhaupt ein Neuling von einem Mitschüler gefragt? Bekanntlich ist der verwirrte, eingeschüchterte Junge an seinem ersten Schultage – gleichviel in welcher Schule – das allgemeine Opfer: ihm wird verschiedenes befohlen, er wird geneckt und von allen Seiten unter die Lupe genommen. Und da pflanzt sich denn ein gesunder, dicker Junge breitspurig vor ihm auf und betrachtet ihn geraume Zeit mit strengem, hochmütigem Blick: der Neuling steht vor ihm, schweigt, sieht zu Boden oder zur Seite oder sieht ihn an, wenn er kein Feigling ist, und wartet, was jetzt wohl geschehen werde.

„Wie heißt du?“

„Dolgoruki.“

„Fürst Dolgoruki?“

„Nein, einfach Dolgoruki.“

„Ah so, einfach! – Esel!“

Und er hat recht: es gibt nichts Dümmeres, als Dolgoruki zu heißen, wenn man nicht auch Fürst ist. Und den Fluch dieser Dummheit muß ich ohne mein Verschulden ewig mit mir herumschleppen. Später, als es mich doch zu sehr zu ärgern begann, antwortete ich auf die Frage:

„Bist du ’n Fürst?“

jedesmal:

„Nein, ich bin der Sohn eines Hofbauern, eines ehemaligen Leibeigenen.“

Und als meine Wut ihren Höhepunkt erreicht hatte, antwortete ich auf die Frage, ob ich Fürst sei, laut und mit fester Stimme:

„Nein, ich heiße einfach Dolgoruki und bin der uneheliche Sohn meines früheren Gutsherrn Werssiloff.“

Das hatte ich mir in der sechsten Klasse des Gymnasiums ausgedacht, und wenn ich mich auch bald überzeugte, daß es dumm von mir war, so hörte ich doch nicht so bald auf, diese Dummheit zu begehen. Ich entsinne mich noch, wie einer meiner Lehrer – übrigens war er der einzige – einmal von mir sagte, daß ich von der „rachsüchtigen sozialen Idee“ erfüllt sei. Im allgemeinen nahm man aber solche Ausfälle meinerseits mit einer Nachdenklichkeit auf, in der für mich entschieden etwas Verletzendes lag. Einmal aber sagte mir ein Mitschüler, einer, der nicht auf den Kopf gefallen war, doch geschah es nur selten, daß wir ein paar Worte wechselten, mit seltsam ernstem Gesicht, indem er zur Seite blickte:

„Solche Gefühle machen Ihnen natürlich nur Ehre, und zweifellos werden Sie auch alle Ursache haben, darauf stolz zu sein; aber an Ihrer Stelle würde ich mit einer unehelichen Geburt doch nicht gar so sehr prahlen ... Sie dagegen scheinen sich darüber zu freuen, als wären Sie heute Geburtstagskind.“

Seitdem „prahlte“ ich nicht mehr mit meiner unehelichen Geburt.

Wie gesagt, es ist tatsächlich sehr schwer, glaubhaft zu schreiben: da habe ich nun ganze drei Seiten beschrieben, um zu erzählen, wie ich mich über meinen Familiennamen geärgert habe, während der Leser sicherlich schon nach der ersten Seite vermutet haben wird, mein Ärger über meinen Namen sei nichts anderes gewesen, als der Ärger darüber, daß ich nicht „Fürst“, sondern „einfach“ Dolgoruki heiße. Dies nun zu widerlegen und womöglich eine Art Rechtfertigung zu versuchen, wäre aber doch zu erniedrigend für mich!

IV.

Unter dem Hofgesinde, das, wie erwähnt, sehr zahlreich war, befand sich auch ein junges Mädchen, das kaum sein achtzehntes Lebensjahr erreicht hatte, als der fünfzigjährige Makar Dolgoruki plötzlich die Absicht äußerte, dieses Mädchen zu heiraten. Die Ehen des Hofgesindes wurden früher, zur Zeit der Leibeigenschaft, bekanntlich nur mit Erlaubnis der Gutsherrschaft geschlossen oder sogar einfach auf deren Befehl. Auf dem Gute Werssiloffs aber lebte damals als einzige Vertreterin der Herrschaft nur Tantchen – d. h. sie ist eigentlich niemandes Tante, nur wird sie, ich weiß selbst nicht weshalb, schon ihr Leben lang von allen „Tantchen“ genannt, nicht etwa als meine Tante, sondern als Tante überhaupt, was auch von seiten der Familie Werssiloff geschieht, mit der sie allerdings so etwas wie entfernt verwandt sein soll. Dieses „Tantchen“ heißt sonst Tatjana Pawlowna Prutkoff, und damals besaß sie noch in demselben Gouvernement und sogar in demselben Bezirk, in dem Werssiloffs Stammgut lag, fünfunddreißig Leibeigene. Auf dem Gute Werssiloffs aber, wo sie als Nachbarin und halbwegs Verwandte zu der Zeit ständig lebte, war sie – nun, wohl nicht gerade die Verwalterin (zum Gut gehörten über fünfhundert Leibeigene), aber doch so etwas wie eine Aufseherin, und diese Aufsicht soll, wie ich gehört habe, derjenigen eines studierten Oberverwalters in nichts nachgestanden haben. Übrigens gehen mich ihre landwirtschaftlichen Kenntnisse nichts an; ich wollte hier nur sagen, daß diese Tatjana Pawlowna – ohne jede Schmeichelei – ein wirklich edeldenkendes und im übrigen originelles Wesen ist. Nun, und eben diese Tatjana Pawlowna suchte damals den finsteren Makar Dolgoruki (er soll damals sehr finster gewesen sein) von den Heiratsgedanken nicht etwa abzubringen, sondern soll ihm aus einem unbekannten Grunde sogar noch zugeredet haben. Die achtzehnjährige Ssofja Andrejewna – meine Mutter – war schon seit einigen Jahren Ganzwaise. Ihr verstorbener Vater, der gleichfalls Hofbauer und dem Makar Dolgoruki in irgendeiner Sache zu Dank verpflichtet gewesen war, hatte diesen Makar sein Lebtag sehr geachtet und soll deshalb auf dem Sterbebett, nur eine Viertelstunde vor seinem Tode (so daß man es zur Not auch als bewußtloses Irrereden hätte auffassen können, ganz abgesehen davon, daß er als Leibeigener überhaupt nichts zu bestimmen hatte) den alten Makar Dolgoruki zu sich gerufen und ihm in Gegenwart des Geistlichen und aller versammelten Gutsbauern laut und bestimmt, auf seine zwölfjährige Tochter weisend, gesagt haben:

„Erzieh sie und nimm sie zum Weibe.“

Das haben alle gehört. Was nun aber den alten Makar Iwanoff betrifft, so weiß ich nicht, aus welcher Überlegung er sie dann später geheiratet hat, ich meine, ob mit Vergnügen oder nur aus Pflichtgefühl. Anzunehmen ist, daß er sich vollkommen gleichmütig dazu verhielt. Er war ein Mensch, der sich auch damals schon „hervorzutun“ verstand. Ich will damit nicht sagen, daß er etwa sehr belesen oder sehr bibelkundig gewesen sei, obschon er die ganze Liturgie auswendig kannte und namentlich die Heiligenlegenden, diese allerdings, ohne sie selbst gelesen zu haben. Nein, er war auch nicht einmal ein sogenannter Bauernräsonnör, sondern einfach ein eigensinniger Charakter, ja, mitunter sogar gewagt eigensinnig: er redete selbstbewußt, urteilte unwiderruflich, und führte zum Überfluß ein „ehrsames Leben“, wie er sich selbst ausdrückte. Ja, so war er zu jener Zeit. Natürlich wurde er von allen geachtet, doch war er nichtsdestoweniger allen unausstehlich. Das sollte erst später anders werden, als er sein Pilgerleben begann: dann sah man in ihm nahezu einen Heiligen oder jedenfalls einen großen Dulder.

Über den Charakter meiner Mutter läßt sich nicht viel sagen: bis zu ihrem achtzehnten Jahr hatte Tatjana Pawlowna sie bei sich behalten, trotz aller Ratschläge des Verwalters, sie doch nach Moskau zu schicken, um sie dort etwas lernen zu lassen. Tatjana Pawlowna hatte sie statt dessen selbst in manchem unterrichtet, im Nähen, im Zuschneiden, wie sie sich als Mädchen zu benehmen habe, und sogar ein wenig im Lesen. Schreiben konnte meine Mutter nie so recht. Die Heirat mit Makar Iwanoff war in ihren Augen eine schon längst beschlossene Sache, und überhaupt fand sie alles, was mit ihr damals geschah, vortrefflich und sogar besser, als sie es sich zu wünschen gewußt hätte. Zum Altar ging sie mit der ruhigsten Miene, die man in einem solchen Fall nur haben kann, so daß selbst Tatjana Pawlowna sie einen Fisch genannt hat. Dies alles hat mir Tatjana Pawlowna selbst erzählt.

Als Werssiloff auf sein Gut kam, war sie gerade erst ein halbes Jahr verheiratet.

V.

Ich muß vorausschicken, daß ich niemals habe erfahren oder auch nur erraten können, womit es eigentlich zwischen ihm und meiner Mutter begonnen hat. Ich bin durchaus zu glauben bereit, daß es, wie er mir in diesem letzten Jahr einmal gestand – bis über die Stirn errötend, obgleich er mit der ungezwungensten und „geistvollsten“ Miene davon sprach –, daß es einen Roman zwischen ihnen überhaupt nicht gegeben habe, sondern alles einfach „so“ gekommen sei. Das glaube ich ihm gern, und gerade dieses Wort und dazu noch in diesem Ton gesagt, wie nur der Russe es zu sagen pflegt, ist ganz vorzüglich und drückt tatsächlich alles aus. Nur wollte ich trotzdem wissen, was die eigentliche Ursache oder Veranlassung gewesen ist. Ich für meine Person hasse alle diese Abscheulichkeiten, habe sie immer gehaßt, und werde sie mein Leben lang hassen. Es ist also meinerseits keineswegs etwa schamlose Neugier, wenn ich das ergründen will. Meine Mutter habe ich erst vor einem Jahr kennen gelernt, bis dahin hatte ich sie so gut wie überhaupt nicht gesehen: Schon als kleines Kind war ich bei fremden Menschen untergebracht worden, da Werssiloff es so bequemer hatte – worauf ich übrigens noch später zu sprechen kommen werde. Deshalb kann ich auch nicht wissen, wie sie zu jener Zeit ausgesehen hat. Wenn sie aber gar nicht so schön gewesen ist, wodurch hat sie dann einen Menschen wie Werssiloff, und noch dazu den erst fünfundzwanzigjährigen Werssiloff, zu fesseln vermocht? Das ist die Frage. Und wichtig ist sie für mich nur deshalb, weil sie an diesem Menschen noch eine ganz andere Seite ahnen läßt. Nur deshalb frage ich also, und nicht, wie man glauben könnte, aus jugendlicher Verderbtheit. Er selbst, dieser finstere und verschlossene Mensch, sagte mir einmal mit seiner ganzen entzückenden Treuherzigkeit, die er jedesmal weiß der Teufel woher nahm (gleichsam aus der Tasche), wenn er sah, daß es anders nicht ging – ja, er selbst sagte mir, er sei damals noch ein „ganz dummer junger Hund“ gewesen, nicht gerade sentimental, aber „so“, nachdem er „Anton Goremyka“[2] und „Polinka Ssachs“[3] gelesen, zwei literarische Werke, die einen großen, einen bildenden und bestimmenden Einfluß auf die bei uns damals heranwachsende Generation gehabt haben. Er fügte noch hinzu, daß er vielleicht sogar einzig infolge der Lektüre des „Anton Goremyka“ auf sein Gut gekommen sei – und zwar fügte er es mit vollkommenem Ernst hinzu! Wie also, auf welche Weise hatte dann dieser „dumme junge Hund“ mit meiner Mutter anzubändeln vermocht? Ich sage mir soeben, daß, wenn ich auch nur einen einzigen Leser haben sollte, dieser jetzt sicherlich laut über mich lachen würde, wie über den lächerlichsten, unerfahrenen Jüngling, der sich noch seine dumme Unschuld bewahrt hat und sich dabei doch unterfängt, über Dinge zu reden und zu philosophieren, von denen er überhaupt nichts versteht. Ja, es ist wahr, ich habe noch keinen Begriff davon, doch sage ich das jetzt nicht aus Stolz; denn ich weiß ganz gut, wie maßlos dumm eine solche Unkenntnis an einem einundzwanzigjährigen Tölpel ist. Nur kann ich diesem verehrten Leser sagen, daß er, wenn er lacht, dann selbst von manchen Dingen keine Ahnung hat, und ich werde ihm das beweisen! Es ist wahr: von Frauen weiß ich nichts und will ich auch nichts wissen; denn ich habe mir das Wort gegeben, mein Leben lang nichts von ihnen wissen zu wollen. Aber so viel weiß ich doch, daß das eine Weib durch Schönheit berückt, oder wodurch es da sonst zu berücken versteht, und zwar sofort, in einem Augenblick; eine andere dagegen muß man erst ein ganzes Jahr lang kennen lernen, um zu begreifen, was in ihr ist; und um eine solche ausfindig zu machen und sich in sie zu verlieben, genügt nicht, daß man bloß zu allem bereit ist, sondern man muß außerdem noch mit etwas ganz Besonderem begabt sein. Davon bin ich überzeugt, obschon ich nichts weiß, und wenn dies nicht wahr wäre, müßte man sofort alle Frauen auf die Stufe der Haustiere herabziehen und sie nur als solche bei sich halten, was manche vielleicht sogar sehr gern täten.

Wie ich aus verschiedenen und glaubwürdigen Quellen weiß, ist meine Mutter keine Schönheit gewesen, – ihr Bild aus jenen Jahren, das irgendwo noch existieren soll, habe ich freilich nicht gesehen. Jedenfalls konnte man sich nicht auf den ersten Blick in sie verlieben. Zur gewöhnlichen „Zerstreuung“ hätte Werssiloff eine andere wählen können, eine hübschere, und eine solche soll es damals auf seinem Gute auch gegeben haben, sogar eine unverheiratete: eine gewisse Anfissa Ssaposhkoff, die im Herrenhause Stubenmädchen war. Und nicht zu vergessen: er war obendrein noch unter dem Eindruck der Lektüre des „Anton Goremyka“ in die Heimat gekommen, dann aber auf Grund der Gutsherrenrechte die Heiligkeit der Ehe zu schänden – und wenn es sich auch nur um die Ehe seines Leibeigenen handelte –, gleichviel, das hätte doch vor dem eigenen Gewissen noch um so beschämender sein müssen! Wie gesagt, von diesem „Anton Goremyka“ hat er vor nicht mehr als ein paar Monaten, also noch nach mehr als zwanzig Jahren, mit vollkommenem Ernst gesprochen! Aber diesem Anton wurde ja nur das Pferd fortgenommen, hier dagegen handelte es sich doch um die Frau! Es muß also etwas Ungewöhnliches geschehen sein, weshalb denn auch Mademoiselle Ssaposhkoff verspielte (meiner Meinung nach gewann sie). Ich habe im Laufe des letzten Jahres mehr als einmal etwas aus ihm herauszubringen versucht, sobald man nur mit ihm reden konnte (denn nicht allemal konnte man mit ihm reden), doch ist mir dabei zunächst nur aufgefallen, daß er sich trotz seiner ganzen gesellschaftlichen Sicherheit und der inzwischen vergangenen zwanzig Jahre stets ungemein geniert fühlte, sobald ich darauf zu sprechen kam. Aber ich ließ nicht nach. Und so erreichte ich wenigstens, daß er einmal in jenem gewissen Ton gereizten Widerwillens, den er sich oft genug mir gegenüber erlaubte, etwas seltsam vor sich hinbrummte, meine Mutter sei eine von jenen Hilflosen, jenen gleichsam Verteidigungsunfähigen gewesen, in die man sich nicht, wie man so sagt, verliebe – im Gegenteil, durchaus nicht –, sondern die man plötzlich aus irgendeinem Grunde bemitleide, vielleicht wegen ihrer keuschen Bescheidenheit, oder übrigens, wie soll man’s wissen, weshalb? Den Grund könne man niemals genau angeben, jedenfalls bemitleide man sie nicht nur für einen kurzen Augenblick; man bemitleide sie und empfinde sofort Zuneigung zu ihnen ... „Mit einem Wort, lieber Junge, zuweilen ist es so, daß man sich dann nicht mehr losreißen kann.“ – Das sind seine eigenen Worte. Und wenn es wirklich das gewesen ist, so bin ich gezwungen, ihn als Fünfundzwanzigjährigen durchaus nicht für einen so „dummen jungen Hund“ zu halten, wie er selbst zu jener Zeit gewesen zu sein glaubt. Das ist es, was ich zuvor feststellen wollte.

Übrigens begann er gleich darauf, d. h. gleich nach diesem Geständnis, zu versichern, meine Mutter habe ihn „aus Unterwürfigkeit“ geliebt. Es fehlte noch, daß er gesagt hätte „aus Leibeigenschaftsgehorsam“! Das hat er einfach gelogen, nur weil es sich „schick“ anhört, – gegen sein Gewissen, gegen Ehre und Anstand gelogen!

Alles das habe ich natürlich gewissermaßen wie zum Lobe meiner Mutter hier wiedergegeben, und doch habe ich schon gesagt, daß ich sie in ihren jüngeren Jahren weder gekannt, noch bis jetzt Genaueres über ihr Wesen als junges Mädchen in Erfahrung gebracht habe. Im Gegenteil, ich kenne gerade die ganze Unbesiegbarkeit, die ganze Starrheit der kläglichen Begriffe jener Umgebung, in der sie aufgewachsen war und mit deren Anschauungen sie alt geworden ist. Und dennoch geschah das Unglück. Übrigens habe ich ganz vergessen, von der Tatsache zu reden, wie gewöhnlich, wenn ich mich in Wolken verliere, während doch das Geschehnis stets ganz zuerst hervorgehoben werden müßte. Also: es begann bei ihnen unmittelbar mit dem Unglück. (Ich hoffe, der Leser wird sich nicht so weit verstellen, daß er nicht sofort begreift, was ich meine.) Kurz, es begann gerade so nach Gutsbesitzerart, ungeachtet dessen, daß es doch so ganz anders begann und Mademoiselle Ssaposhkoff verschmäht worden war. Hier muß ich aber auch für mich eintreten und bemerken, daß ich mir nicht im geringsten widerspreche. Denn, mein Gott, wovon hätte ein Mensch, wie Werssiloff, mit einer Person wie meine Mutter, selbst im Fall der unbezwingbarsten Liebe reden können? Ich habe von verderbten Lebemännern gehört, daß manche Männer bisweilen, wenn sie mit einer Frau zusammenkommen, vollkommen stumm beginnen, was natürlich der Gipfel aller Abscheulichkeit und allen Ekels ist. Nichtsdestoweniger hätte Werssiloff – selbst wenn er gewollt hätte – wahrscheinlich überhaupt nicht anders mit meiner Mutter beginnen können. Er konnte ihr doch nicht „Polinka Ssachs“ erklären! Und übrigens wird es ihnen damals wohl nicht um russische Literatur zu tun gewesen sein. Im Gegenteil, nach seinen Worten (er ging einmal ganz zufällig etwas mehr aus sich heraus) haben sie sich in allen Winkeln versteckt, auf Treppen einander erwartet, ja, wie Bälle sind sie mit roten Gesichtern zurückgeschnellt, wenn jemand kam, und der „Tyrann und Gutsherr“ hat vor jeder letzten Scheuermagd gezittert, trotz all seiner Rechte, die er als Herr seiner Leibeigenen besaß. Aber wenn es auch nach Gutsherrenart begonnen hatte, so endete es doch ganz anders, das heißt ... aber ich sehe schon, im Grunde läßt sich doch nichts erklären. Es wird sogar nur noch unverständlicher. Allein schon die Tragweite, die ihre Liebe gewann, ist und bleibt ein Rätsel; denn die erste Bedingung solcher Menschen wie Werssiloff ist doch: sofort zu verlassen, sobald das Ziel erreicht ist. Hier aber geschah etwas ganz anderes. Mit einem netten, flatterhaften Hofmädel zu sündigen (meine Mutter gehörte nicht zu diesen), war für einen verderbten „jungen Hund“ (und sie waren alle verderbt, alle ohne Ausnahme, sowohl die Liberalen als die Konservativen) nicht nur möglich und sozusagen „erlaubt“, sondern sogar unvermeidlich und selbstverständlich, besonders wenn man noch seine romantische Stellung als junger Witwer und Müßiggänger in Betracht zieht; sie aber fürs ganze Leben liebzugewinnen – das war denn doch zuviel! Ich will nicht dafür einstehen, daß er sie so lange wirklich geliebt hat, jedenfalls aber hat er sie sein Leben lang überallhin mit sich herumgeschleppt.

Ich habe zwar oft genug ganz ohne Umschweife und Rücksicht gefragt, was ich wissen wollte, die wichtigste Frage aber habe ich doch nicht offen an meine Mutter zu richten gewagt, obwohl wir uns in diesem letzten Jahr so nahe getreten sind und ich überdies als roher und undankbarer Grünschnabel lange Zeit der Meinung war, sie, meine Eltern, hätten mir noch ein Unrecht abzubitten. Deshalb war ich auch im Verkehr mit meiner Mutter zumeist sehr wenig rücksichtsvoll. Diese Hauptfrage, wie ich sie nennen möchte, bestand in folgendem: wie hatte sie, sie selbst, nachdem sie schon ein halbes Jahr in der Ehe gelebt, wie hatte sie, die an die Heiligkeit der Ehe bis zur Ohnmacht glaubte und ihren Makar Iwanowitsch nicht weniger als irgendeine Gottheit verehrte, wie hatte sie trotzdem in kaum zwei Wochen eine solche Sünde begehen können? Sie war doch kein verderbtes Weib! Im Gegenteil, ich kann ruhig behaupten, daß es eine reinere Seele, als die meiner Mutter, überhaupt nicht gibt. Wenigstens ist es schwer, sich etwas noch Reineres, als es meine Mutter bis zum heutigen Tage ist, auch nur vorzustellen. Erklären könnte man sich ihren Fehltritt höchstens damit, daß sie ihn nicht bei voller Besinnung getan, – jedoch nicht in dem Sinne, wie jetzt die Verteidiger von ihren Klienten, von Mördern und Dieben, vorgeben, sondern wie im Bann eines mächtigen, überwältigenden Eindrucks, der bei einer gewissen Harmlosigkeit des Herzens sich verhängnisvoll und tragisch seines Opfers bemächtigen kann. Vielleicht hatte sie sich sterblich in ... seinen Rockschnitt verliebt, oder in seinen Scheitel à la parisien oder in seine Aussprache des Französischen – gerade des Französischen, von dem sie keinen Ton verstand – oder in ein Lied, das er einmal gesungen? – jedenfalls in etwas noch nie Gesehenes, noch nie Gehörtes (er war übrigens eine sehr schöne Erscheinung) – und verliebte sich dann mit eins in den dazugehörenden Menschen, so wie er war, zusammen mit allen Kleiderschnitten und Liedern? Das soll, wie ich gehört habe, mit den Hofmädchen zur Zeit der Leibeigenschaft bisweilen geschehen sein, und zwar gerade mit den keuschesten. Ich kann das sehr gut verstehen, und ein Schuft ist, wer das im Ernst nur mit der Gewohnheit an Leibeigenschaftsgehorsam erklären wollte! Folglich aber mußte doch dieser junge Mann so viel unverfälschte, so echte berückende Macht besessen haben, daß er ein bis dahin so reines und, was noch mehr sagen will, ein so anders geartetes Geschöpf, das in einer ganz anderen Welt aufgewachsen war, zu fesseln und in so offenkundiges Verderben zu ziehen vermochte. Daß es aber „Verderben“ war, das hat, hoffe ich, auch meine Mutter ihr Leben lang gewußt; höchstens damals, als sie ging, wird sie nicht an das Verderben gedacht haben. Aber so ist es ja gewöhnlich mit diesen Schutzlosen: sie wissen ganz genau, daß es ihr Verderben ist, und dennoch gehen sie!

Nachdem meine Eltern sich aber vergessen, hatten sie sogleich alles gebeichtet. Er erzählte mir sogar mit sehr viel Scharfsinn, daß er an der Schulter Makar Iwanowitschs, den er zu sich ins Kabinett hatte rufen lassen, geschluchzt habe. Sie aber – sie lag währenddessen einsam irgendwo dort in ihrer armseligen Bauernhütte ...

VI.

Doch genug der Fragen und peinlichen Einzelheiten! Werssiloff reiste, nachdem er meine Mutter von Makar Dolgoruki freigekauft hatte, bald wieder irgendwohin fort, und seitdem hat er sie fast überallhin mitgenommen, außer in den wenigen Fällen, wenn er ganz plötzlich aufbrach und dann gewöhnlich längere Zeit wie verschollen blieb. In solchen Fällen war jedoch sogleich Tantchen zur Stelle, oder vielmehr Tatjana Pawlowna Prutkoff, die dann meine Mutter ohne weiteres unter ihre Obhut nahm. So hatten Werssiloff und meine Mutter in Moskau gelebt, auf verschiedenen anderen Gütern, in verschiedenen anderen Städten, sogar im Auslande, und schließlich in Petersburg. Doch von diesem Leben soll noch später die Rede sein, oder auch nicht, – wozu schließlich? Ich will nur sagen, daß ein Jahr nach dem Loskauf meiner Mutter von ihrem rechtmäßigen Manne ich zur Welt kam, darauf, wieder nach einem Jahr, meine Schwester, und dann nach zehn oder elf Jahren ein kränklicher Knabe, mein jüngster Bruder, der aber nur wenige Wochen lebte. Nach der qualvollen Geburt dieses Kindes war auch die Schönheit meiner Mutter dahin, wenigstens erzählte man mir so; sie begann zu altern und zu kränkeln.

Doch ungeachtet des Loskaufs unterließ Makar Iwanowitsch es nie, „seine Familie“ von Zeit zu Zeit über sein Befinden zu unterrichten, gleichviel ob „Werssiloffs“ von Ort zu Ort reisten oder sich irgendwo auf längere Zeit niedergelassen hatten. So kam es, daß sich allmählich recht sonderbare Beziehungen zwischen ihnen herausbildeten, ein Verhältnis, das zum Teil feierlich und nicht ohne gegenseitige Ehrfurcht war. Wenn man nun das früher übliche Verhalten der Gutsherren zu ihren Leibeigenen in Betracht zieht, so hätten solche Beziehungen unfehlbar etwas Lächerliches annehmen müssen, doch hier war das nicht der Fall. Er schrieb zweimal jährlich, nicht mehr und nicht weniger, und die Briefe unterschieden sich kaum voneinander. Ich habe sie gelesen: nicht die geringste persönliche Note ist in ihnen zu entdecken; sie enthalten nach Möglichkeit nur feierliche Berichte über die gewöhnlichsten Ereignisse und dann Bezeugungen der unpersönlichsten Gefühle, wenn man sich so ausdrücken darf. Zu Anfang immer eine Schilderung des eigenen Gesundheitszustandes, dann Erkundigungen nach der Gesundheit der Betreffenden, dann Wünsche, daß es ihnen wohlergehen möge, feierliche Grüße und feierlichst erteilter Segen – und das war alles. Gerade in dieser Unpersönlichkeit scheinen Leute von der Bildungsstufe eines Makar Iwanowitsch die ganze Wohlanständigkeit und höhere Umgangskunst zu vermuten. „Unserer liebwerten und ehrsamen Ehefrau Ssofja Andrejewna unsere untertänigste Verbeugung ...“ „Unseren liebwerten Kindern meinen väterlichen, ewig unerschütterlichen Segen.“ Die Kinder wurden alle der Reihe nach aufgezählt, ich als Ältester an der Spitze. Übrigens war Makar Iwanowitsch doch klug genug, „Se. Hochgeboren, den ehrenwerten Herrn Andrei Petrowitsch“ (so hieß Werssiloff), nie seinen „Wohltäter“ zu nennen, wie es sonst üblich ist, obschon er ihm unentwegt in jedem Brief seinen untertänigsten Gruß sandte, ihn für sich um seine Wohlgeneigtheit bat und für ihn wiederum Gottes Segen herflehte. Die Antwort auf seine Briefe erhielt Makar Iwanowitsch von meiner Mutter immer postwendend – Werssiloff beteiligte sich natürlich nie an dieser Korrespondenz – und auch ihre Briefe unterschieden sich fast in nichts voneinander. Makar Iwanowitsch schrieb aus allen Gegenden Rußlands, bald aus Städten, bald aus Klöstern, in denen er sich mitunter auf lange Zeit niederließ. Er führte damals bereits ein Pilgerleben. Niemals bat er um etwas, dafür aber kam er alle drei Jahre einmal unfehlbar „nach Haus“ und erschien dann regelmäßig bei meiner Mutter, die, wie es sich immer so traf, ihre eigene Wohnung hatte, getrennt von derjenigen Werssiloffs. Darauf werde ich übrigens noch später zu sprechen kommen, hier aber will ich nur bemerken, daß Makar Iwanowitsch es sich dann nicht etwa im Gastzimmer auf den Sofas bequem machte, sondern bescheidentlich mit einer Schlafstelle irgendwo hinter einem Bettschirm fürliebnahm. Er blieb auch nicht lange, gewöhnlich nur fünf Tage, höchstens eine Woche. Ich habe bisher ganz vergessen zu sagen, daß sein Familienname Dolgoruki ihm unendlich gefiel und er ihn ungeheuer achtete. Natürlich war das nur eine lächerliche Dummheit von ihm. Am dümmsten aber war, daß er ihm gerade deshalb so gefiel, weil es Fürsten dieses Namens gibt. Gott weiß, wie er zu dieser verdrehten Auffassung gekommen sein mag!

Wenn ich gesagt habe, daß die ganze „Familie“ stets beisammen war, so war sie das, versteht sich, nur mit Ausnahme meiner Person. Ich war wie ein Überflüssiger aus dem Nest geworfen: fast schon seit meiner Geburt hatte man mich bei fremden Menschen untergebracht. Doch lag dieser Handlungsweise keinerlei besondere Absicht zugrunde, es hatte sich eben ganz von selbst so gemacht. Als meine Mutter mich geboren hatte, war sie noch jung und hübsch, und daher brauchte er sie; ein kleiner Schreihals aber wäre sehr hinderlich gewesen, besonders noch auf Reisen. So ist es denn gekommen, daß ich meine Mutter vor meiner Übersiedlung nach Petersburg, also bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr, nur zwei- oder dreimal ganz flüchtig gesehen habe. Das war freilich nicht auf die Gefühle meiner Mutter zurückzuführen, sondern auf den Hochmut Werssiloffs den Menschen gegenüber.

VII.

Jetzt von etwas ganz anderem.

Einen Monat vorher, d. h. einen Monat vor jenem neunzehnten September, beschloß ich damals in Moskau, mich endgültig von ihnen allen loszusagen und hinfort nur noch meiner Idee zu leben, d. h. restlos in ihr aufzugehen. Ich sage und schreibe es auch so hin: „restlos in ihr aufzugehen“; denn dieser Ausdruck deckt sich am besten mit meinem Hauptgedanken – eben mit der Idee, für die allein ich auf Erden leben will. Was das für eine „Idee“ ist, das werde ich später noch ausführlich erklären. In der jahrelangen verträumten und verschwärmten Einsamkeit meines Moskauer Lebens hatte sie sich langsam entwickelt, dann aber, in der sechsten Klasse des Gymnasiums, hatte sie fast plötzlich von mir vollständig Besitz ergriffen und mich dann vielleicht keinen einzigen Augenblick mehr verlassen. Es war seitdem, als habe diese Idee mein ganzes Leben verschlungen. Auch vorher schon hatte ich mehr in Träumen als in der Wirklichkeit gelebt, ja eigentlich hatte ich schon von Kindheit an mein Leben in einer Traumwelt zugebracht, in einer Traumwelt von jener bewußten Art. Doch mit der Entstehung dieser größten und alles übrige in mir verschlingenden Idee wurden auch meine Träume bestimmter, gewannen sie feste Umrisse und feste Gestalt: aus kindisch dummen Phantastereien wurden fast über Nacht vernünftige Zukunftspläne. Die Schule hatte das Träumen nicht verhindert, so konnte sie auch meiner „Idee“ nichts anhaben. Übrigens will ich hier doch bemerken, daß ich das Gymnasium im letzten Jahr als schlechter Schüler beendete, während ich bis dahin immer einer der ersten gewesen war, und schuld daran war natürlich nichts anderes als diese Idee, infolge eines (vielleicht falschen) Schlusses, den ich aus ihr gezogen hatte. So war denn nicht das Gymnasium ein Hindernis für die Idee, sondern umgekehrt, die Idee ein Hindernis für das Gymnasium. Und ebenso verhinderte sie das weitere Studium, ich meine den Besuch einer Universität. Nach dem Abiturium beabsichtigte ich, nicht nur unverzüglich mit allen Verwandten zu brechen, sondern falls nötig auch mit der ganzen Welt – und das, obschon ich damals erst zwanzig Jahre alt war. So schrieb ich nach Petersburg, daß man mich hinfort in Ruhe lassen, kein Geld mehr zu meinem Unterhalt senden, und mich, wenn möglich, vollständig vergessen solle (letzteres, versteht sich, falls man sich meiner überhaupt noch erinnerte). Und zum Schluß erklärte ich unumwunden, die Universität „um keinen Preis“ besuchen zu wollen. Sah ich mich doch damals vor ein unvermeidliches Dilemma gestellt: entweder verzichtete ich auf die Universität und die Weiterbildung, oder ich schob die Umsetzung der Idee in die Tat noch auf ganze vier Jahre hinaus. Furchtlos und ohne zu zögern entschied ich mich für die Idee und gab das Studium auf, zumal ich alles schon mathematisch berechnet hatte und vom Erfolg überzeugt war.

Auf meinen Brief erhielt ich eine Antwort von Werssiloff, meinem natürlichen Vater, den ich bis dahin bloß einmal, und auch da nur einen Augenblick lang gesehen hatte (und doch hatte er, so kurz der Augenblick auch war, einen mächtigen, ja bestrickenden Eindruck auf mich gemacht). Er antwortete auf meinen Brief, der übrigens gar nicht an ihn gerichtet gewesen war, mit einem eigenhändigen Schreiben, in dem er mich nach Petersburg zu kommen aufforderte und mir daselbst eine private Anstellung versprach.

Eine solche Aufforderung von diesem verschlossenen, stolzen Menschen, der sich so hochmütig und nachlässig zu mir verhalten und sich bis dahin, nachdem er mich gezeugt und dann unbekümmert unter fremden Leuten meinem Schicksal überlassen hatte, der mich nicht nur nicht kannte, sondern sein Verhalten zu mir nicht einmal bereute (vielleicht aber, wer kann’s wissen, hatte er von meinem ganzen Dasein kaum mehr als eine dunkle und jedenfalls ungenaue Vorstellung; denn, wie es sich später herausstellte, hatte nicht er für meinen Unterhalt in Moskau gezahlt, sondern auch das war von anderer Seite geschehen), – ja, die Aufforderung dieses Menschen, sage ich, der sich so plötzlich meiner erinnerte und mich eines eigenhändigen Schreibens würdigte, – diese Aufforderung verführte mich und entschied mein Schicksal. Unter anderem gefiel mir sein Brief (eine einzige Seite kleinen Formats) auch deshalb, weil er in ihm mit keinem Wort vom Studium sprach: weder bat er mich, meinen Entschluß zu ändern, noch machte er mir deshalb einen Vorwurf, – kurz, er kam mir mit keiner einzigen der in solchen Fällen üblichen elterlichen Redensarten. Und eben das gefiel mir, obschon es, genau genommen, gerade kein hübscher Zug von ihm war, da dieses Verhalten noch deutlicher seine Gleichgültigkeit mir gegenüber bewies. Ich entschloß mich aber auch noch aus dem Grunde zur Fahrt, weil dieser „Abstecher“ meiner Idee und ihrer Ausführung schließlich nichts anhaben konnte. „Ich kann mir ja die Geschichte dort mal ansehen,“ philosophierte ich, „jedenfalls aber bleibe ich nur für einige Zeit bei ihnen, vielleicht nur für die allerkürzeste. Sollte ich jedoch sehen, daß dieser Schritt, so bedingt und klein er auch ist, mich dennoch von meinem Hauptziel ablenken könnte, so breche ich unverzüglich mit allen, soviel ihrer dort sind, lasse alles liegen und ziehe mich sofort zurück in mein Gehäuse. Ja, gerade in mein ‚Gehäuse‘! Ich verkrieche mich in ihm wie eine Schnecke, verstecke mich wie eine Schildkröte in ihrer Schale.“ Dieser Vergleich gefiel mir sehr. „Ich werde nicht allein sein,“ fuhr ich in Gedanken fort, während ich die letzten Tage in Moskau wie in einem Rausch umherging, „jetzt werde ich niemals mehr allein sein, wie bisher alle die langen entsetzlichen Jahre. Jetzt habe ich meine Idee, von der ich nie mehr lassen werde, selbst dann nicht, wenn sie mir dort auch alle, Gott weiß wie sehr, gefallen, mich vielleicht relativ sogar glücklich machen sollten, und ich womöglich ganze zehn Jahre bei ihnen verbliebe!“ Eben diese Überzeugung aber war es, die in meine Pläne und Ziele einen Zwiespalt brachte und mich die ganze Zeit über in Petersburg unfrei machte (denn ich weiß wirklich nicht, ob ich in Petersburg auch nur einen einzigen Tag erlebt habe, an dem ich nicht an meine Idee gedacht und nicht den nächsten Tag als meinen letzten Termin festgesetzt hätte, um mit allen zu brechen und fortzugehen). Und dieser Zwiespalt war, glaube ich, die Hauptursache oder zum mindesten eine von den Hauptursachen, warum ich im Laufe dieses Jahres so viele Unvorsichtigkeiten, so viele Häßlichkeiten, ja sogar Niedrigkeiten und, versteht sich, auch unzählige Dummheiten begangen habe.

Natürlich, wie hätte es anders sein sollen: ich bekam plötzlich einen Vater, etwas, was ich bis dahin noch nie besessen! Dieses Geschenk berauschte mich, der Gedanke daran verdrängte während der Reisevorbereitungen und der Fahrt fast alle anderen Gedanken. Das heißt, daß er mein „Vater“ war, bedeutete für mich eigentlich noch nicht einmal so viel; denn ich bin kein Freund von Zärtlichkeiten; aber dieser Mensch hatte mich nicht kennen wollen und sich so ohne jede Achtung zu mir verhalten, während ich mich von Kindheit an mit allen Fibern, allen Gedanken und Träumen gleichsam an ihn festgesogen hatte (wenn man sich im übertragenen Sinne so ausdrücken darf). Jeder meiner Träume hatte, so weit ich zurückdenken kann, mit ihm in Zusammenhang gestanden, sich gewöhnlich nur mit ihm beschäftigt, oder war wenigstens im Endergebnis auf ihn hinausgelaufen. Ich weiß nicht, liebte ich ihn, oder haßte ich ihn? – ich weiß nur, daß alle meine Zukunftspläne und Träume nur um ihn kreisten, er war der Mittelpunkt des ganzen Lebens, das noch vor mir lag, – und das hatte sich ganz von selbst so gemacht, das war mit meiner Entwicklung Schritt für Schritt mitgegangen.

Zu meinem Entschluß, der Aufforderung nach Petersburg Folge zu leisten, trug auch noch ein mächtiger Umstand bei, der durch einen gewissen verlockenden Reiz vielleicht sogar zum ausschlaggebenden für mich wurde. Das war etwas, was mein Herz schon ganze drei Monate vor meiner Abreise aus Moskau (als von Petersburg noch gar keine Rede war) schneller hatte schlagen lassen: es zog mich in jenen unbekannten Ozean namentlich deshalb so mächtig hinein, weil ich sogleich als Herrscher und Herr sogar über fremde Schicksale – und noch wessen Schicksale! – dort auftreten konnte. Aber es waren nur großmütige und nicht despotische Gefühle, die in mir kochten, – das sei hier vorausgeschickt, damit man aus meinen Worten keine falschen Schlüsse ziehe. Dachte doch Werssiloff gewiß nichts anderes von mir (d. h. wenn er mich überhaupt dessen würdigte, sich über mich ein paar Gedanken zu machen), daß da nun ein kleiner Knabe angereist kommen werde, ein Gymnasiast, ein grüner Jüngling, der beim Anblick dieser ihm neuen Welt die Augen vor Verwunderung weiß Gott wie weit aufreißen werde. Ich aber kannte indessen schon sein größtes Geheimnis und hatte ein Dokument in Händen, für das er (jetzt weiß ich es und kann es mit der größten Sicherheit behaupten) damals, gerade damals, mehrere Jahre seines Lebens hingegeben haben würde, wenn ich ihm nur für diesen Preis das Dokument ausgeliefert hätte. Übrigens sehe ich soeben, daß ich hier in Rätseln rede, während doch in erster Linie Tatsachen vonnöten sind. Ohne Tatsachen lassen sich Gefühle nicht beschreiben, wenigstens nicht so, daß ein anderer sie nachfühlen könnte. Zudem wird von diesen meinen Empfindungen noch genug die Rede sein – habe ich doch nur deshalb zu schreiben angefangen, um auch mir selbst Klarheit zu verschaffen. So aber, so ohne Anhaltspunkte zu schreiben – da gleicht das Geschriebene Fiebertraumgesichten oder Wolken.

VIII.

Doch um endlich zu jenem neunzehnten September zu kommen, will ich vorher nur noch kurz erwähnen, daß ich sie alle, d. h. Werssiloff, meine Mutter und meine Schwester (letztere sah ich, nebenbei bemerkt, zum erstenmal im Leben) in den bedrängtesten Verhältnissen, fast gänzlich mittellos oder sogar buchstäblich vor der Bettelarmut antraf. Ich hatte davon schon in Moskau gehört, aber das, was ich dann vorfand, hatte ich doch nicht erwartet. Schon von Kindheit an war ich gewöhnt, diesen Menschen, diesen meinen „zukünftigen Vater“ mir geradezu in einem Glorienschein vorzustellen; ich konnte ihn mir überhaupt nicht anders denken, als überall auf dem ersten Platz. Werssiloff hatte mit meiner Mutter bis dahin noch niemals zusammen in einer Wohnung gelebt, sondern für sie immer eine andere gemietet, und das hatte er natürlich nur getan, um jenen erbärmlichen „Anstand“, was diese Kreise so nennen, in den Augen der Welt zu wahren. Jetzt aber lebten sie alle zusammen in einem hölzernen Gartenhaus, oder richtiger, in einem Flügel eines Mietwohnhauses in einer kleinen Querstraße im Stadtteil „Ssemjonowski Polk“. Von ihren Sachen war fast alles schon versetzt, so daß ich meiner Mutter, natürlich ohne Werssiloffs Wissen, meine heimlichen sechzig Rubel gab. Ja, mein „heimliches“ Geld; denn niemand wußte es, daß ich es mir von meinem Taschengelde – ich bekam in jedem Monat fünf Rubel – im Laufe von zwei Jahren zusammengespart hatte. Angefangen zu sparen hatte ich gleich am ersten Tage meiner „Idee“, und deshalb durfte Werssiloff kein Wort von diesem Gelde erfahren. Davor zitterte ich.

Doch diese Hilfe war nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Meine Mutter arbeitete und meine Schwester gleichfalls – sie stickten für Geld. Werssiloff dagegen tat nichts, war launisch wie ein verzogenes Kind, und ließ sich durch nichts abhalten, sein früheres Leben mit all den vielen kostspieligen Gewohnheiten weiterzuführen. Nichts war ihm recht, namentlich bei Tisch, wo er an jeder Speise herummäkelte, und überhaupt war sein ganzes Verhalten zu den anderen geradezu despotisch. Aber meine Mutter, meine Schwester, Tatjana Pawlowna und die ganze Familie des seligen Andronikoff (eines etwa drei Monate vor meiner Ankunft verstorbenen Bürochefs, der nebenbei auch Werssiloffs Vermögen verwaltet hatte), auch diese ganze Familie, die aus lauter Frauenzimmern älterer Jahrgänge bestand, kurz: alle diese Frauen verhielten sich zu ihm in nahezu andachtsvoller Ehrfurcht und dienten ihm wie einem Götzen. Ich hätte so etwas gar nicht für möglich gehalten. Vor neun Jahren war er eine unvergleichlich elegantere, auffallendere Erscheinung gewesen. In meiner Erinnerung hatte ich ihn, wie ich bereits erwähnt habe, förmlich in einem Glorienschein gesehen, weshalb ich denn auch nicht begriff, wie er in so kurzer Zeit – in ungefähr neun Jahren – so merklich hatte altern und sich äußerlich verändern können. Es machte mich geradezu traurig, und er tat mir leid, und ich schämte mich fast für ihn. Sein Anblick war mir einer der schwersten ersten Eindrücke nach meiner Ankunft. Übrigens machte er deshalb noch längst nicht den Eindruck eines alten Mannes: er war ja auch erst fünfundvierzig; und als ich mich aufmerksamer in ihn hineinsah, fand ich in seinen Gesichtszügen sogar etwas noch weit Auffallenderes, Fesselnderes, als es seine frühere Schönheit, deren ich mich noch so gut entsann, gehabt hatte. Es war weniger Glanz, weniger äußere Schönheit, ja sogar weniger Vornehmheit in ihm, aber das Leben hatte doch etwas weitaus Interessanteres in dieses Gesicht hineingezeichnet, als es jene ganze frühere Schönheit jemals gewesen war.

Indessen bildete die Armut nur einen zehnten oder zwanzigsten Teil von allem Widerwärtigen, das ihm in letzter Zeit zugestoßen war, das wußte ich. Außer der Armut gab es da etwas noch weit Ernsteres, – ganz abgesehen davon, daß er immer noch Aussicht hatte, den Erbschaftsprozeß, den er schon seit einem Jahr gegen den Fürsten Ssokolski führte, zu gewinnen und somit schon in nächster Zeit in den Besitz eines Gutes im Werte von über siebzigtausend Rubel zu gelangen. Ich habe bereits erwähnt, daß dieser Werssiloff schon ganze drei Erbschaften in seinem Leben durchgebracht hatte, und da sollte ihn nun wieder eine herausreißen! Die Sache mußte in den nächsten Tagen zur Verhandlung kommen. Daraufhin war ich auch nach Petersburg gerufen worden – in der Hoffnung, daß auch dieses Vermögen ihnen zufallen werde. Nichtsdestoweniger hielt es schwer, irgendwo Geld aufzutreiben, da die bloße Hoffnung auf den günstigen Ausgang des Rechtsstreites für Geldleiher eine zu unsichere Bürgschaft war, und so mußte man eben geduldig ausharren.

Aber Werssiloff suchte auch niemanden auf, obschon er zuweilen auf den ganzen Tag fortging. Er war schon seit länger als einem Jahr aus der Gesellschaft „ausgestoßen“. Die Vorgeschichte dieser Ausstoßung war mir trotz meiner größten Bemühungen in der Hauptsache leider völlig unaufgeklärt geblieben, obgleich ich damals schon einen ganzen Monat nach der Ursache geforscht hatte. War Werssiloff schuldig oder unschuldig – das allein wollte ich wissen, und deshalb war ich nach Petersburg gekommen! Alle hatten sich von ihm abgewandt, unter anderen auch alle einflußreichen Aristokraten, mit denen zu verkehren und in Beziehung zu bleiben er eigentlich immer vorzüglich verstanden hatte. Und die Ursache dieser allgemeinen Abwendung war das Gerücht von seinem „feigen“ und, was in den Augen der „Gesellschaft“ noch weit schlimmer ist, „skandalösen“ Verhalten in einer Sache, die vor einem Jahre in Deutschland sich zugetragen haben sollte. Ja, man sprach sogar von einer Ohrfeige, die er eben damals nahezu öffentlich bekommen habe, und zwar von einem der Fürsten Ssokolski, und auf die er nicht mit einer Forderung geantwortet hatte. Sogar seine Kinder (die ehelichen), sein Sohn und seine Tochter, hatten sich daraufhin von ihm zurückgezogen und vermieden es, mit ihm in Berührung zu kommen, was ihnen ja nicht schwer fiel, da sie nicht bei ihm lebten. Beide waren sie durch die Fanariotoffs, ihre Verwandten mütterlicherseits, und den alten Fürsten Ssokolski, Werssiloffs ehemaligen Freund, in den höchsten Kreisen zu Hause. Übrigens konnte ich in Werssiloff, nachdem ich ihn doch schon einen ganzen Monat beobachtet hatte, nichts anderes sehen als einen unglaublich hochmütigen Menschen, der nicht etwa von der Gesellschaft ausgestoßen worden war, sondern der vielmehr selbst die Gesellschaft hinausgeworfen hatte – so unbeirrt und überlegen war sein ganzes Verhalten. Aber, fragt es sich, hatte er auch das Recht zu diesem Verhalten? – das war es, was mich quälte. Ich mußte unbedingt die ganze Wahrheit in kürzester Zeit erfahren; denn ich war gekommen, – um diesen Menschen zu richten. Noch verbarg ich meine Macht vor ihm, aber lange durfte das nicht mehr währen; denn ich wollte wissen, wofür ich mich zu entscheiden hatte: ihn anzuerkennen oder mich für immer von ihm loszusagen. Letzteres wäre mir zu schwer gewesen, und ich litt darunter ... Ich will endlich ein volles Geständnis ablegen: dieser Mensch war mir teuer!

Inzwischen lebte ich bei ihnen in ihrer Wohnung, arbeitete und tat mir Zwang an, um ihnen keine Grobheiten zu sagen. Oder richtiger: sehr oft bezwang ich mich nicht. Ich lebte schon einen Monat bei ihnen und kam mit jedem Tage mehr zu der peinlichen Überzeugung, daß ich es entschieden um keinen Preis fertig brächte, mich mit einer direkten Frage nach dem tatsächlichen Sachverhalt an ihn selbst zu wenden. Dieser stolze Mensch stand förmlich wie ein leibhaftiges Rätsel vor mir, und noch dazu wie eines, das mich aufs tiefste gekränkt hatte und täglich von neuem kränkte. Er war ja sogar sehr nett zu mir, scherzte und unterhielt sich ganz unbefangen, mir aber wäre Streit und Widerspruch lieber gewesen als diese scherzhafte Behandlung seinerseits. Alle meine Gespräche mit ihm hatten stets etwas Zweideutiges, d. h. es lag in seinem Ton immer ein leiser, seltsamer Unterton wie von ganz feinem Spott. Er hatte mich von Anfang an, kaum daß ich aus Moskau eingetroffen war, gewissermaßen nicht ernst genommen. Warum aber und wozu er mich das überhaupt merken ließ, konnte ich mir nicht erklären. Allerdings erreichte er damit, daß er für mich ein Rätsel blieb und ich ihn nicht zu durchschauen vermochte; nur wollte ich mich deshalb noch längst nicht so weit erniedrigen, ihn zu bitten, in ernstem Tone mit mir zu reden. Überdies lag auch etwas geradezu wunderbar Unwiderstehliches in seiner ganzen Art und Weise, ein Etwas, womit ich nichts anzufangen wußte, d. h. wie ich mich dem gegenüber verhalten sollte. Kurz, er ging mit mir um wie mit dem grünsten Jüngling, was ich bald kaum noch zu ertragen vermochte, obschon ich im voraus gewußt hatte, daß es so und nicht anders sein würde. Infolgedessen hörte auch ich auf, ernst mit ihm zu sprechen; ich wollte abwarten, wie lange das noch so weitergehen und was dann kommen werde. Ja, eigentlich hörte ich sogar ganz auf zu sprechen. Ich erwartete jemand, und erst nach dessen Eintreffen in Petersburg konnte ich die Wahrheit zu erfahren hoffen. Jedenfalls bereitete ich mich schon auf den endgültigen Bruch mit ihnen vor und richtete mich bereits danach ein. Meine Mutter tat mir leid; aber ... „entweder er oder ich“ – das war es, was ich ihr und meiner Schwester als Letztes vorschlagen wollte. Sogar den Tag, an dem dies geschehen sollte, hatte ich schon im voraus bestimmt. Vorläufig aber versah ich meine Obliegenheiten in jener privaten Anstellung, die man mir verschafft hatte.

Zweites Kapitel.

I.

An diesem neunzehnten September sollte ich mein erstes Gehalt für den ersten Monat Dienst in meiner Petersburger „privaten“ Anstellung erhalten. Wegen dieser Anstellung hatte man mich überhaupt nicht gefragt, sondern mich einfach hingeschickt, wenn ich nicht irre, sogar schon am Tage meiner Ankunft. Das war beinahe eine Roheit von ihnen, und es wäre eigentlich meine Pflicht gewesen, dagegen zu protestieren. Es handelte sich um eine Anstellung im Hause des alten Fürsten Ssokolski. Doch so schon am ersten Tage zu protestieren, – wäre gleichbedeutend gewesen mit einem sofortigen Bruch, der mich zwar durchaus nicht abschreckte, doch hätte er mich von der Verfolgung meines Zieles abgelenkt, und somit wäre der Zweck meiner Reise vorläufig oder auch auf längere Zeit, wenn nicht gar für immer ein problematischer geblieben. Deshalb nahm ich denn die Stelle an, ohne dazu ein Wort zu sagen, um auf diese Weise meine Würde durch Schweigen zu wahren. Zur Erklärung will ich hier gleich bemerken, daß dieser alte Fürst Ssokolski, ein reicher Mann und Geheimrat, mit jenen Moskauer Fürsten Ssokolski, die schon seit mehreren Generationen verarmt sind und gegen die Werssiloff damals gerade seinen Prozeß führte, nicht einmal entfernt verwandt ist. Sie haben nur zufällig denselben Namen. Nichtsdestoweniger interessierte sich der alte Fürst sehr für sie, und namentlich der ältere von den zwei Brüdern und der älteste ihres Geschlechts – ein junger Offizier – galt geradezu für seinen Liebling. Werssiloff hatte auf diesen alten Fürsten vor noch gar nicht so langer Zeit mächtigen Einfluß gehabt und war sein Freund gewesen – ein etwas sonderbarer Freund; denn wie ich bemerkte, fürchtete ihn der arme Fürst nicht nur zu jener Zeit, als ich in seinen Dienst trat, sondern offenbar schon von jeher, seitdem er überhaupt mit ihm befreundet war. Übrigens hatten sie sich lange nicht mehr gesehen: das ehrlose Verhalten, das man Werssiloff zum Vorwurf machte, ging nämlich unmittelbar die Familie des alten Fürsten an. Doch da griff Tatjana Pawlowna in die Angelegenheit ein, und durch ihre Vermittlung wurde ich dann bei dem alten Fürsten untergebracht, der einen „jungen Mann“ in seinem Kabinett, also so etwas wie einen Privatsekretär zu haben wünschte. Bei der Gelegenheit zeigte sich, daß es sein größter Wunsch war, Werssiloff irgendwie einen Dienst zu erweisen, also gewissermaßen den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun, und Werssiloff erlaubte es ihm, d. h. er ließ es ruhig geschehen. Dieses Arrangement traf der Fürst in Abwesenheit seiner Tochter, der Witwe eines Generals, die diesen Schritt ganz entschieden nicht zugelassen hätte. Doch davon später; hier will ich nur bemerken, daß mich gerade dieses seltsame Verhalten des Fürsten zu Werssiloff stutzig machte, und zwar in dem Sinne, daß es mir zugunsten Werssiloffs zu sprechen schien: ich sagte mir, wenn das Haupt der beleidigten Familie Werssiloff immer noch achtet, so können doch die Gerüchte von jener angeblichen Gemeinheit nicht auf Wahrheit beruhen oder zum mindesten doch nicht ganz dem Vorgefallenen entsprechen. Dieses rätselhafte Verhalten des Fürsten war denn zum Teil auch der Grund, weshalb ich mich nicht gegen das Ansinnen auflehnte: ich hoffte, vielleicht auf diesem Wege hinter das Geheimnis kommen zu können.

Diese Tatjana Pawlowna, das „Tantchen“, von dem ich bereits gesprochen habe, spielte zu jener Zeit in ihrem Petersburger Bekanntenkreise eine sehr bedeutsame Rolle. Ich hatte ihre Existenz fast schon ganz vergessen und hätte natürlich nie im Leben vermutet oder für möglich gehalten, daß sie eine so einflußreiche Persönlichkeit sein könnte. Ich hatte sie bis dahin drei- oder viermal gesehen, und jedesmal war sie dann Gott weiß woher wie auf jemandes Befehl erschienen, jedesmal, wenn ich wieder irgendwo untergebracht werden sollte – sowohl als ich in jene elende Pension des Monsieur Touchard kam, wie auch zweieinhalb Jahre später bei meinem Eintritt ins Gymnasium: da erschien sie wieder in Moskau, um mich bei dem unvergeßlichen Nikolai Ssemjonowitsch unterzubringen. Wenn sie kam, blieb sie den ganzen Tag bei mir, revidierte meine Wäsche, meine Kleider, fuhr mit mir nach dem Kusnetzki,[4] kaufte mir alle Sachen, die ich nötig hatte, kurz, sie versah mich mit allem, bis zum letzten Löschblatt und Federmesser. Bei der Gelegenheit schalt sie mich die ganze Zeit ununterbrochen, machte mir Vorwürfe, examinierte mich und nannte mir fortwährend andere Knaben als Muster aller Tugenden, obwohl ich doch diese ihre jungen Anverwandten, die alle viel besser sein sollten als ich, gar nicht kannte, und dabei puffte und kniff sie mich bei jeder Gelegenheit – wirklich, ich lüge nicht – und mitunter sogar so stark, daß es ordentlich weh tat. Und war ich dann eingekleidet, untergebracht und versorgt, dann verschwand sie wieder spurlos für mehrere Jahre. Ähnlich geschah es auch diesmal: kaum war ich angekommen, da tauchte sie schon auf, um mich sogleich wieder irgendwo „unterzubringen“. Sie ist ein hageres Persönchen mit einer spitzen, kleinen Vogelnase und scharfen, kleinen Vogelaugen. Werssiloff diente sie wie eine Sklavin, und erwies ihm eine Ehrerbietung, als wäre er der Papst, doch tat sie es aus Überzeugung. Aber zu meiner größten Verwunderung bemerkte ich bald, daß sie entschieden von allen und überall sehr geachtet wurde, und alle Welt mit ihr bekannt war. Der alte Fürst Ssokolski begegnete ihr mit geradezu auffallender Hochachtung, und dasselbe ließ sich von seinem ganzen Hause sagen, wie auch von Werssiloffs stolzen legitimen Kindern und deren Verwandten, den Fanariotoffs, – und dabei lebte sie von Näharbeit und der Reinigung kostbarer Spitzen und von Stickereien, die sie im Auftrage von verschiedenen Geschäften anfertigte. Ich aber geriet mit ihr schon bei den ersten Worten in Streit, da sie es sich einfallen ließ, mich wie früher als kleinen Schulbengel zu behandeln. Und seitdem gab es jeden Tag Streit zwischen uns, was jedoch nicht hinderte, daß wir uns bisweilen auch verständig unterhielten, und ich muß gestehen, gegen Ende des Monats fand ich schon Gefallen an ihr: weil sie ein so selbständiger Charakter war. Doch das habe ich ihr, versteht sich, nicht verraten.

Ich begriff natürlich sofort, daß man mich zu diesem kranken alten Fürsten nur zu dem Zweck schickte, damit er Unterhaltung und Zerstreuung habe, und daß darin mein ganzer Dienst bestehen sollte. Das war aber doch eine Erniedrigung, und ich bereitete mich denn auch dementsprechend auf das Weitere vor: um nötigenfalls sogleich Maßregeln ergreifen zu können. Doch dieser alte Sonderling machte auf mich einen ganz anderen Eindruck, als ich erwartet hatte, ich empfand förmlich so etwas wie Mitleid mit ihm, und gegen Ende des Monats hatte ich mich bereits ganz eigentümlich an ihn angeschlossen. Wenigstens gab ich meine anfängliche Absicht auf, ihm, sobald er den geringsten Anlaß dazu böte, gründlich die Wahrheit zu sagen und dann kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er war übrigens noch nicht über sechzig. Doch ich muß jetzt etwas zurückgreifen.

Etwa anderthalb Jahre, bevor ich ihn kennen lernte, hatte er einen Anfall gehabt, d. h. er war irgendwohin gereist und unterwegs, wie es hieß, „unzurechnungsfähig“ geworden; und dieser Umstand hatte einen kleinen Skandal zur Folge gehabt, über den in der Petersburger Gesellschaft viel geredet worden war. Wie es in solchen Fällen üblich ist, hatten seine Nächsten ihn schleunigst ins Ausland geschickt, aber schon nach fünf Monaten war er wieder in Petersburg erschienen, und zwar vollkommen gesund. Trotzdem hatte er den Abschied genommen. Werssiloff beteuerte allerdings (und geradezu mit Leidenschaft), daß von einer Geistesstörung bei ihm überhaupt nicht habe die Rede sein können, es sei nichts als eine Nervenattacke gewesen. Den Eifer aber, mit dem er seine Behauptung verteidigte, merkte ich mir einstweilen. Übrigens muß ich sagen, daß ich eigentlich seine Ansicht teilte. Der alte Herr erschien mir zuweilen nur etwas jugendlich leichtsinnig, was in seinen Jahren vielleicht nicht mehr ganz statthaft war, und eben dies hatte man ihm vor jenem Anfall nicht nachsagen können. Wie ich hörte, soll er früher irgendwo in einer Behörde als Rat oder Geheimrat keine geringe Rolle gespielt und einmal bei einem ihm zuteil gewordenen Auftrag sich ganz besonders hervorgetan haben. Doch inwiefern er sich so besonders zum Rat hatte eignen können, vermochte ich trotz redlicher Mühe mir nicht zu erklären, obschon ich ihn damals bereits seit einem ganzen Monat kannte. Man wollte an ihm die Beobachtung gemacht haben (ich selbst habe sie freilich nicht gemacht), daß nach jenem „Anfall“ eine besondere Neigung zum Heiraten sich in ihm entwickelt habe, und angeblich sei er im Laufe dieser anderthalb Jahre bereits mehrmals im Begriff gewesen, das Vorhaben auch auszuführen. Und darüber, hieß es, sei man in der Gesellschaft gut unterrichtet, und besonders einzelne Damen interessierten sich deshalb sehr für ihn. Da nun aber die tatsächliche Ausführung dieses Vorhabens keineswegs den Interessen gewisser Personen aus der Umgebung des Fürsten entsprach, so wurde er von dieser Seite mit Argusaugen bewacht. Seine eigene Familie war klein: seine Frau hatte er schon vor zwanzig Jahren verloren, und so war ihm nur seine einzige Tochter geblieben, eben jene Generalswitwe, die jetzt täglich aus Moskau zurückerwartet wurde, eine noch ganz junge Frau, vor deren Charakterfestigkeit der alte Fürst zweifellos Angst hatte. Um so zahlreicher war aber die Verwandtschaft seiner verstorbenen Frau, deren ganze Sippe sich vornehmlich durch Armut auszeichnete. Und außer diesen Verwandten hatte er noch unzählige Pflegesöhne und Pflegetöchter, die alle schon viel Gutes von ihm erfahren hatten und nun fest darauf rechneten, in seinem Testament noch mit einem Sümmchen bedacht zu werden, weshalb sie denn auch der Generalin getreulich halfen, den alten Herrn zu überwachen. Übrigens hatte er schon von Jugend auf eine seltsame Eigenheit, von der ich nicht weiß, ob ich sie lächerlich nennen soll oder nicht: er liebte es, arme Mädchen zu verheiraten. Er verheiratete sie schon seit mehr als fünfundzwanzig Jahren – gleichviel ob es entfernte Verwandte von ihm oder Stieftöchter irgendwelcher Vettern seiner Frau oder auch nur deren Tauftöchter waren. Ja, sogar die Tochter seines Portiers hat er verheiratet. Zuerst nahm er sie als kleine Mädchen in sein Haus, erzog sie mit Hilfe von Gouvernanten und Französinnen, dann steckte er sie in die besten Institute, und zuletzt verheiratete er sie und gab ihnen noch eine Mitgift. Und alle diese drängten sich nun fortwährend an ihn heran. Die Pflegetöchter bekamen in der Ehe natürlich wieder Töchter, und diese erhoben wiederum Ansprüche, gleichfalls als Pflegetöchter von ihm erzogen und verheiratet zu werden; überall mußte er Taufpate sein, alle diese Menschen kamen dann an seinem Namenstage, um ihm zu gratulieren, und alles das war ihm äußerst angenehm.

Als ich bei ihm meine Stellung antrat, merkte ich sofort, daß sich in dem alten Herrn eine quälende Überzeugung eingenistet hatte – und es war unmöglich, das nicht zu bemerken – die Überzeugung, daß alle sich jetzt anders zu ihm verhielten als früher, d. h. als er noch gesund gewesen war, oder richtiger: als ihn noch niemand für krank oder geistesgestört gehalten hatte. Diese Empfindung den Menschen gegenüber verließ ihn selbst in der lustigsten Gesellschaft nicht. So war er argwöhnisch geworden und glaubte in aller Augen ein gewisses Etwas zu lesen. Der Gedanke, daß alle ihn für nicht mehr ganz „normal“ hielten, quälte ihn sichtlich; selbst mich beobachtete er oft genug mit merklichem Mißtrauen. Und hätte er von einem Menschen erfahren, daß dieser jenes Gerücht von seinem Geisteszustand verbreite oder bestätige, – ich glaube, er wäre trotz all seiner Gutmütigkeit fähig gewesen, ihn bis in den Tod für seinen größten Feind zu halten (ein Umstand, der von großem Einfluß sein sollte). Diese Beobachtung war schon am ersten Tage der Grund, weshalb ich ihn nicht meinem Vorsatz gemäß kränkte; ja, es freute mich sogar, wenn es mir gelang, ihn zu erheitern oder auch nur zu zerstreuen. Ich glaube nicht, daß dieses Geständnis einen Schatten auf meine Ehre werfen kann.

Sein Vermögen hatte er zum größten Teil in Aktien angelegt. Er war, und zwar erst nach seiner Krankheit, Teilhaber einer großen Aktiengesellschaft geworden, übrigens einer sehr soliden. Das Unternehmen wurde allerdings von anderen geleitet, doch wollte auch er überall dabei sein; er interessierte sich sehr für alle Beschlüsse, besuchte die Versammlungen der Aktionäre, wurde in den Ausschuß gewählt, wohnte den Beratungen bei, hielt lange Reden, widerlegte, befürwortete, regte die Geister auf, und tat das alles offenbar mit Vergnügen. Reden zu halten, das liebte er sehr: da konnte er doch allen seinen gesunden Verstand und noch einiges mehr beweisen. Und überhaupt wurde es für ihn geradezu zum Bedürfnis, selbst in ganz belanglose Privatgespräche die tiefsinnigsten Dinge einzuflechten, mitunter auch ein Bonmot, und dieses Bedürfnis finde ich schließlich nur zu erklärlich.

In seinem Hause war unten im ersten Stock eine Art Büro eingerichtet, in dem ein Beamter die Bücher führte, als Sekretär alles Schriftliche erledigte und außerdem noch das Haus verwaltete. Dieser Beamte, der nebenbei auch noch im Staatsdienst einen Posten bekleidete, hätte für die zu leistende Arbeit vollkommen genügt; auf besonderen Wunsch des Fürsten aber wurde ich noch hinzugenommen, angeblich als Gehilfe für den „mit Arbeit überhäuften“ Beamten; doch schon am ersten Tage mußte ich in das Kabinett des Fürsten übersiedeln, und oft hatte ich nicht einmal, wie sonst meistens, eine Scheinarbeit vor mir, weder Bücher noch Papiere.

Ich schreibe jetzt wie einer, der schon längst aus dem Rausch erwacht ist, und in vieler Hinsicht fast sogar wie ein ganz objektiver Beobachter; wie aber soll ich jetzt meine Qual beschreiben, diese unruhige Qual jener Tage, die sich in meinem Herzen eingenistet hatte (gerade jetzt steht sie wieder wie lebendig vor mir, und ich empfinde sie wie damals!), – und wie meine Aufregung, die zu einem so unklaren, leidenschaftlich gespannten Zustande geworden war, daß ich nachts nicht mehr schlafen konnte vor lauter Ungeduld und Erwartung und bangen Rätseln, die ich selbst vor mir aufgetürmt hatte?

II.

Geld zu fordern – ist immer eine höchst widerwärtige Sache, und wenn es auch ein Gehalt ist, es bleibt doch unangenehm; und um so mehr ist es das, wenn man dabei noch irgendwo in den verborgensten Falten seines Gewissens verspürt, daß man es eigentlich nicht ganz verdient hat. Indessen hatte ich am Abend vorher gehört, wie meine Mutter und meine Schwester heimlich flüsterten (damit Werssiloff nichts davon erführe; denn man wollte ihn „nicht betrüben“) und wie beschlossen wurde, ein Heiligenbild, das der Mutter aus irgendeinem Grunde ganz besonders teuer war, zu versetzen. Ich sollte für meine „Arbeitsleistung“ monatlich fünfzig Rubel erhalten, hatte aber keine Ahnung, wer sie mir denn nun auszahlen würde; davon hatte mir noch niemand etwas gesagt. Vor etwa drei Tagen hatte ich unten den Beamten bei der Arbeit angetroffen und mich bei ihm erkundigt, wer hier die Gagen auszahlte. Er hatte mich aber darauf nur mit dem Lächeln eines verwunderten Menschen angesehen (er war mir nicht gerade gewogen) und gefragt:

„Bekommen Sie denn ein Gehalt?“

Ich dachte mir, er würde nach meiner Bejahung hinzufügen: „Aber wofür denn das?“ Doch er versetzte nur trocken, er wisse nichts, und beugte sich wieder über sein sauber liniiertes Hauptbuch, in das er aus verschiedenen Papieren Zahlen eintrug.

Es war ihm übrigens nicht unbekannt, daß ich immerhin etwas leistete. Vor zwei Wochen hatte ich vier Tage über einer Arbeit gesessen, die er mir noch selbst zugewiesen: es galt einen Entwurf abzuschreiben, wie er sagte, doch stellte sich heraus, daß ich fast alles von neuem verfassen mußte. Dabei handelte es sich um einen ganzen Stoß „Gedanken“ des Fürsten, die er in nächster Zeit dem Komitee der Aktionäre unterbreiten wollte. Dieses Material mußte zu einem zusammenhängenden Ganzen verarbeitet und der Stil hier und da etwas gefeilt werden. Nachher saßen wir, der Fürst und ich, noch einen ganzen Tag über diesem Manuskript, und er stritt mit mir äußerst lebhaft, wenn unsere Meinungen auseinandergingen, doch schien meine Arbeit trotzdem zu seiner vollen Zufriedenheit ausgefallen zu sein. Nur weiß ich nicht, ob er die Schrift dann auch wirklich eingereicht hat oder nicht. Von den zwei oder drei Geschäftsbriefen, die ich auf seine Bitte geschrieben habe, will ich weiter gar nicht reden.

Es war mir aber noch aus einem weniger allgemeinen Grunde peinlich, um mein Monatsgehalt zu bitten: ich hatte nämlich schon beschlossen, diese Anstellung aufzugeben, infolge der Vorahnung, daß ich mich ohnehin und wohl schon in kürzester Zeit zwingender Umstände halber würde entfernen müssen. Als ich an jenem Morgen aufstand und mich in meinem Dachstübchen ankleidete, fühlte ich, wie mein Herz zu klopfen begann, und dieselbe Aufregung empfand ich, obschon ich im Grunde auf alles pfiff, als ich das Haus des Fürsten betrat. An jenem Morgen sollte endlich jene Frau hier eintreffen, von deren Erscheinen ich die Aufklärung aller Rätsel erwartete, alles dessen, was mich quälte! Und diese Frau – das war die Tochter des Fürsten, die jung verwitwete Generalin Achmakoff (ich habe von ihr bereits gesprochen), die mit Werssiloff unversöhnlich verfeindet war. Da habe ich nun diesen Namen endlich hingeschrieben! Sie selbst hatte ich damals natürlich noch nie gesehen und konnte es mir auch gar nicht vorstellen, wie ich mit ihr sprechen und ob es überhaupt dazu kommen würde. Aber ich hatte doch die Empfindung (und vielleicht auch allen Grund dazu), daß mit ihrer Ankunft jenes Dunkel sich aufklären werde, welches Werssiloff vor meinen Augen immer noch verhüllte. Ich konnte mich nicht beherrschen und ruhig bleiben: es ärgerte mich furchtbar, daß ich mich schon vom ersten Schritt an so kleinmütig und täppisch fühlte; ich war gespannt neugierig und doch angewidert – alles zusammen. So hatte ich zu gleicher Zeit drei verschiedene Empfindungen. Oh, ich habe diesen ganzen Tag gut im Gedächtnis behalten!

Mein Fürst ahnte inzwischen noch nichts von der voraussichtlichen Rückkehr seiner Tochter und erwartete sie nicht früher als erst in einer Woche. Ich aber war am Abend vorher ganz zufällig in das Geheimnis eingeweiht worden: Tatjana Pawlowna hatte von der Generalin einen Brief erhalten und meiner Mutter in flüsternd geführtem Gespräch die Nachricht mitgeteilt. Sie flüsterten allerdings nur ganz leise, und Tatjana Pawlowna drückte sich auch noch ziemlich indirekt aus, doch ich erriet bald, um was es sich handelte. Natürlich habe ich ihr Gespräch nicht absichtlich belauscht: ich mußte einfach aufmerksamer hinhören, als ich sah, wie meine Mutter bei der Nachricht von der Rückkehr dieser Frau erschrak, und wie groß ihre Erregung war. Werssiloff war gerade nicht zu Hause.

Dem alten Fürsten wollte ich nichts davon sagen; denn – wie hätte ich es in diesem ganzen Monat nicht merken sollen, daß er sich vor ihrer Heimkehr förmlich fürchtete. Ja, er hatte sogar nur wenige Tage vorher gesprächsweise verlauten lassen – natürlich nur ganz entfernt und selbst etwas zaghaft –, daß er für mich fürchte, wenn sie zurückkehre, d. h. in dem Sinne, daß es dann um meinetwillen Szenen geben werde. Doch übrigens muß ich hier einschalten, daß er als Familienoberhaupt trotz allem seine Selbständigkeit zu wahren und seinen Willen durchzusetzen wußte, so vor allen Dingen, was die Verfügung über seine Gelder betraf. Anfangs hielt ich ihn für nichts anderes, als ein richtiges altes Weib; dann aber mußte ich meine Auffassung dahin ändern, daß er, wenn er auch ein Weib sein mochte, zum mindesten noch einen gewissen Eigensinn besaß, wenn man es nicht wirkliche Männlichkeit nennen wollte. Es gab Augenblicke, wo mit seinem scheinbar so ängstlichen und nachgiebigen Charakter nicht das geringste anzufangen war. Später hat mir Werssiloff seinen Charakter eingehender erklärt. Soeben fällt mir eine Tatsache ein, die hier erwähnt sei: Der Fürst und ich hatten bis dahin noch niemals von der Generalin gesprochen, und es war, als hätten wir das beide vermieden: ich vermied es absichtlich, er aber vermied wiederum, von Werssiloff zu sprechen. Schon damals erriet ich, daß ich entschieden keine Antwort von ihm erhalten würde, wenn ich die eine oder andere von den kitzlichen Fragen, die mich so sehr interessierten, direkt an ihn richten wollte.

Wenn nun jemand wissen will, wovon wir den ganzen Monat miteinander geredet hatten, so muß ich sagen: von allem möglichen, meistens aber waren es doch etwas eigentümliche Themata, die wir erörterten. Ganz besonders gefiel mir an ihm die Offenherzigkeit, mit der er zu mir sprach. Oft betrachtete ich ihn ganz verwundert und fragte mich: „Ja, aber – wie ist er denn Geheimrat geworden? Der paßte doch noch vorzüglich in unser Gymnasium, aber höchstens in die vierte Klasse, und gäbe dort einen famosen Schulkameraden ab!“ Auch über sein Gesicht habe ich mich oft genug gewundert: es war dem Anscheine nach das Gesicht eines vollkommen ernsten Menschen (und sogar hübsch zu nennen), schmal und hager; dichtes graues, etwas welliges Haar, ein offener Blick; auch seine Gestalt war hager und von gutem Wuchs. Aber dieses Gesicht hatte eine gewisse unangenehme, fast sogar unschickliche Eigenschaft: es konnte sich ganz plötzlich, wie mit einem Schlage aus einem ungewöhnlich ernsten in ein etwas schon gar zu vergnügtes verwandeln, so daß man ihn, wenn man diese Verwandlung zum erstenmal sah, vor Überraschung ganz verdutzt anstarrte. Ich sprach auch einmal zu Werssiloff von dieser meiner Beobachtung, und wie ich bemerkte, horchte er interessiert auf. Ich glaube, er hatte von mir nicht erwartet, daß ich solche Beobachtungen machen könnte. Als Antwort darauf bemerkte er nur leichthin, diese Erscheinung sei erst nach der Krankheit des Fürsten bei ihm aufgetreten, eigentlich erst in der allerletzten Zeit.

Vornehmlich drehten sich unsere Gespräche um zwei abstrakte Gegenstände: um Gott und sein Dasein, d. h. um seine Existenz oder Nichtexistenz, und dann – um die Frauen. Der Fürst war sehr religiös und gefühlvoll. In seinem Kabinett hing ein riesiges Heiligenbild, vor dem das ewige Lämpchen brannte. Aber bisweilen kam es vor – daß er plötzlich der Anfechtung unterlag: dann zweifelte er am Dasein Gottes und sprach wunderliche Dinge, womit er mich zum Widerspruch herausforderte. Dieses Thema war mir, im allgemeinen gesprochen, zwar ziemlich gleichgültig, aber wir gerieten doch jedesmal sehr in Hitze, und das sogar wirklich aufrichtig. Überhaupt kann ich sagen, daß ich auch heute noch mit Vergnügen an jene Gespräche zurückdenke.

Aber am liebsten plauderte er doch von Frauen. Zu seinem Leidwesen konnte ich nur, erstens schon aus Abneigung gegen solche Gespräche, auf diesem Gebiet kein unterhaltender Partner sein. Das schien ihn oft fast zu betrüben.

An jenem denkwürdigen Morgen des neunzehnten September begann er zufällig, kaum daß ich eingetreten war, wieder von den Frauen zu reden. Er war bei selten guter Laune, was mich ein wenig wunderte, da ich ihn am Abend vorher in der traurigsten Stimmung verlassen hatte. Indessen mußte unbedingt noch am Vormittag die bewußte Geldangelegenheit erledigt werden – unbedingt noch vor der Ankunft einer gewissen Person. Ich ahnte, daß man uns bestimmt unterbrechen werde (klopfte doch mein Herz nicht umsonst schon seit dem Morgen!), – und dann würde ich mich vielleicht nicht mehr entschließen können, auf das Geld zu sprechen zu kommen. Als nun der Fürst von etwas so ganz anderem begann und ich nicht mit meiner Frage herauszurücken verstand, da ärgerte ich mich natürlich über meine Dummheit, und die Folge davon war, daß ich über eine etwas zu weitgehende scherzhafte Frage seinerseits fast in Wut geriet und mit meinen Anschauungen über die Frauen ganz plötzlich und nahezu jähzornig herausplatzte. Ich ärgerte mich in der Tat. Doch mit meiner zornigen Auslassung erreichte ich nur, daß ich ihn amüsierte und er noch interessierter bei diesem Thema verharrte.

III.

„... mit einem Wort, ich liebe die Frauen nicht, weil sie roh sind, weil sie ungeschickt sind, weil sie unselbständig sind, und weil sie unanständige Kleider tragen!“ schloß ich nicht gerade logisch meine lange Tirade.

„Hab’ Erbarmen! Hab’ Erbarmen!“ fiel er mir unsäglich erheitert ins Wort, was mich noch mehr erboste.

Ich pflege nur in Kleinigkeiten nachgiebig zu sein, in wichtigen Fragen dagegen gebe ich nie nach. In Kleinigkeiten, oder wenn es sich z. B. um irgendwelche gesellschaftlichen Anforderungen handelt, kann man Gott weiß was alles mit mir machen – und diesen Zug werde ich ewig an mir verwünschen. Zuweilen bin ich einfach aus geradezu stinkender Gutmütigkeit bereit, selbst dem erstbesten Geck beizustimmen, einzig, weil mich seine Höflichkeit gefangen nimmt, oder ich lasse mich mit einem Dummkopf in einen Streit ein, was noch unverzeihlicher ist. Doch das kommt nur daher, daß ich keine Ausdauer habe und im Winkel aufgewachsen bin, und ich ärgere mich dann jedesmal weidlich über mich selbst, aber am nächsten Tage geschieht dasselbe. Und das ist auch der Grund, warum man mich bisweilen fast für einen Sechzehnjährigen gehalten hat. Doch anstatt mir nun Ausdauer und bessere Umgangsformen anzugewöhnen, ziehe ich es auch jetzt noch vor, mich noch mehr in meinen Winkel zu verkriechen, und das meinetwegen sogar auf die menschenfeindlichste Weise. „Nun gut, dann bin ich ungeschickt! Ich gehe, und – lebt wohl!“ – d. h. ihr geht mich nichts an. Das sage ich jetzt vollkommen im Ernst und ein für allemal. Übrigens schreibe ich es diesmal nicht etwa nur anläßlich dieses Zwischenfalles mit dem Fürsten, und auch nicht einmal anläßlich jenes Gesprächs. „Ich rede nicht, um Sie zu erheitern!“ schrie ich ihn beinahe an. „Ich habe nur meine Überzeugung ausgesprochen!“

„Aber inwiefern sind denn die Frauen roh und weshalb unanständig gekleidet? Das ist mir neu!“

„Doch! Sie sind roh! – gehen Sie ins Theater, gehen Sie auf die Promenade und sehen Sie einmal zu: jeder Herr weiß, wo rechts und wo links ist, sie begegnen sich und gehen aneinander vorüber, er biegt nach rechts aus, und ich biege nach rechts aus. Die Frau dagegen, das heißt, die Dame – ich rede von den Damen – die rennt schnurstracks auf einen los, ohne einen auch nur zu bemerken, ganz, als wäre man unbedingt verpflichtet, zur Seite zu treten und ihr den Weg freizugeben. Ich bin ja gern bereit, ihr, als einem schwächeren Geschöpf, den Weg freizugeben, warum aber tut sie, als wäre es ihr Vorrecht, warum ist sie so fest überzeugt, daß ich es tun muß – das ist es, was mich kränkt! Ich habe immer ausgespien, wenn ich so einer begegnet bin. Und dann schreien sie noch, sie seien erniedrigt und verlangen Gleichberechtigung! Wo ist hier Gleichberechtigung, wenn sie mich unter die Füße tritt oder mir Sand in den Mund wirbelt!“

„Sand?!“

„Ja! Denn sie sind unanständig gekleidet – das kann nur einem Lebemann nicht auffallen. Werden doch bei Gerichtsverhandlungen die Türen geschlossen, wenn es sich um Unanständigkeiten handelt, warum erlaubt man sie dann auf der Straße, wo doch noch mehr Menschen zugegen sind? Sie binden sich öffentlich Seidenrüsche unter den Rock, um belle femme zu sein, – öffentlich! Ich kann es doch unmöglich nicht bemerken, ein Jüngling wird es doch ebenso bemerken, und ein Kind, ein kaum erwachender Knabe gleichfalls! Das ist einfach schändlich! Alte Lüstlinge mögen sich daran ergötzen und ihnen mit heraushängender Zunge nachlaufen, aber es gibt doch eine reine Jugend, die man schonen muß ... Bleibt also nichts übrig, als auszuspeien. Da geht sie auf dem Boulevard und wirbelt mit ihrer zwei Meter langen Schleppe den Staub auf! – danke fürs Vergnügen, dann hinter ihr zu gehen! Also lauf entweder voraus oder spring zur Seite; denn sonst fegt sie einem mit ihrer Schleppe fünf Pfund Sand in Ohren, Mund und Nase. Und zudem ist es noch Seide, was sie so drei Werst weit auf den Straßensteinen nachschleift, nur weil es mal Mode ist, während ihr Mann sich als Beamter in seiner Kanzlei auf nicht mehr als fünfhundert Rubel jährlich steht. Sehen Sie, da sitzen die Sporteln! Ich habe immer ausgespien, wenn ich solch einer begegnet bin, ganz öffentlich ausgespien und geschimpft.“

Ich gebe dieses Gespräch jetzt allerdings mit Humor und zugleich mit meiner derzeitigen Charakteristik wieder, doch selbstverständlich bin ich auch heute noch ganz derselben Meinung.

„Und es ist immer noch gut abgegangen?“ fragte der Fürst neugierig.

„Ich speie einfach aus und gehe fort. Natürlich hört sie es, zuckt aber mit keiner Miene und segelt majestätisch weiter, ohne auch nur den Kopf nach mir umzuwenden. Geantwortet haben sie mir nur ein einziges Mal, zwei auf dem Boulevard, beide mit meterlangen Schwänzen. Ich beschimpfte sie, doch versteht sich: nicht mit groben Worten, aber so ... ich bemerkte nur eben hörbar, daß solche Schwänze eine Unverschämtheit seien.“

„Du drücktest dich wirklich so aus?“

„Ja. Erstens treten sie alle gesellschaftlichen Formen mit Füßen und zweitens – sie wirbeln Staub auf, der Boulevard aber ist für alle da: ich gehe, ein anderer geht, ein Dritter, Vierter, Fedor, Iwan, gleichviel wer. Und das äußerte ich eben. Überhaupt ... ich liebe die weibliche Gangart nicht, besonders von hinten gesehen. Das äußerte ich gleichfalls, aber nur andeutungsweise.“

„Mon ami, du kannst dich noch in eine ernste Geschichte verwickeln, wenn du es so toll treibst! Denk nur, sie hätten dich doch vor den Friedensrichter schleppen können!“

„Gar nichts hätten sie können! Was hatte ich ihnen denn getan? Es geht ein Mensch neben ihnen einher und redet mit sich selbst. Jeder Mensch hat das Recht, seine Überzeugung in die Luft zu äußern. Ich sprach ja ganz abstrakt, wandte mich überhaupt nicht an sie. Sie fingen selbst an; und sie schimpften sogar viel gröber als ich: ein Grünschnabel sei ich, und ohne Essen müsse man mich lassen, ein Nihilist sei ich, und sie würden mich einem Polizeioffizier übergeben, und ich verfolgte sie nur deshalb, weil sie allein und schutzlose, schwache Frauen seien, wären sie dagegen in Begleitung eines Mannes, so würde ich mich sofort kleinlaut aus dem Staube machen. Hierauf riet ich ihnen kaltblütig, mich gefälligst nicht zu attackieren; um ihnen jedoch zu beweisen, daß ich ihre Männer nicht fürchte und selbst eine Herausforderung anzunehmen bereit sei, würde ich ihnen auf zwanzig Schritt bis zu ihrem Hause folgen und mich dort aufstellen, um ihre Männer zu erwarten. Und so tat ich’s auch.“

„Tatsächlich?“

„Es war natürlich eine Dummheit, aber ich war gereizt. Und so schleppten sie mich denn gute drei Werst in der Hitze bis in die äußerste Vorstadt, traten in ein einstöckiges hölzernes Wohnhaus – das übrigens, ich muß gestehen, ganz anständig aussah: durch die Fenster sah man drinnen viele Blumen, zwei Kanarienvögel, drei Schoßhündchen – Spitze, glaube ich – und eingerahmte Stahlstiche an den Wänden. Ich stand eine gute halbe Stunde mitten auf der Straße vor dem Hause. Dreimal lugten sie heimlich durch die Gardinen, um nach mir zu sehen, dann ließen sie alle Fenstervorhänge herab. Endlich trat aus der Hofpforte ein schon bejahrter Beamter heraus. Seinem Aussehen nach zu urteilen, hatte er geschlafen und war von ihnen erst geweckt worden. Er erschien nicht gerade im Schlafrock, aber doch in etwas sehr Häuslichem. Vor dem Pförtchen blieb er stehen, kreuzte die Hände auf dem Rücken und fing an, mich zu betrachten; ich ihn gleichfalls. Mitunter wandte er den Blick von mir ab, sah mich dann aber wieder von neuem an. Und plötzlich begann er mir zuzulächeln. Da drehte ich mich um und ging fort.“

„Mein Freund, das ist ja fast etwas à la Schiller! Ich habe mich immer gewundert, – du bist ein so rotwangiger Junge, du strotzt ja geradezu vor Gesundheit – und dabei eine solche, man muß sagen, Abneigung gegen Frauen! Wie ist es möglich, daß die Frau in deinem Alter nicht einen gewissen Eindruck auf dich macht? Mir, mon cher, hat mein Erzieher, als ich erst elf Jahre alt war, schon gesagt, daß ich denn doch gar zu interessiert die nackten Statuen im Sommergarten betrachtete.“

„Sie würden es furchtbar gern sehen, daß ich zu irgendeiner hiesigen Josephine ginge und Ihnen dann Bericht erstattete! Sie täuschen sich aber in mir. Ich habe schon mit dreizehn Jahren ein nacktes Weib gesehen; seitdem sind sie mir ekelhaft.“

„Im Ernst? Aber, cher enfant, ein schönes, frisches Weib duftet wie ein Apfel, was kann denn da ekelhaft sein?“

„Ich hatte in meiner ersten elenden Pension, bei Touchard, noch bevor ich ins Gymnasium kam, einen Kameraden, Lambert mit Namen. Er prügelte mich täglich; denn er war drei Jahre älter als ich, und ich bediente ihn und zog ihm die Stiefel aus. Als er konfirmiert wurde, kam der Abbé Rigaud zu ihm gefahren, um ihm zur ersten Kommunion zu gratulieren, und beide fielen unter Tränen einander um den Hals, Abbé Rigaud jedoch begann ihn krampfhaft an seine Brust zu drücken, und zwar mit verschiedenen Gesten. Ich weinte gleichfalls und beneidete ihn sehr. Als sein Vater starb, trat er aus, und zwei Jahre lang sah ich ihn hierauf nicht wieder; nach zwei Jahren aber begegnete ich ihm einmal auf der Straße. Er sagte mir, er werde zu mir kommen. Damals war ich schon Gymnasiast und lebte bei Nikolai Ssemjonowitsch. Er kam auch richtig schon am nächsten Morgen, zeigte mir fünfhundert Rubel und sagte, ich solle mitkommen. Wenn er mich vor zwei Jahren auch geprügelt hatte, so hatte er mich doch nötig, und das nicht nur zum Stiefelausziehen, sondern in erster Linie, um mir sein Herz ausschütten zu können. Von dem Gelde sagte er, er habe es an demselben Morgen aus der Schatulle seiner Mutter entwendet – er hätte sich einen passenden Schlüssel verschafft –; denn das ganze Geld seines Vaters gehöre gesetzlich ihm, und sie habe kein Recht, es ihm vorzuenthalten; gestern sei der Abbé Rigaud zu ihm gekommen, um ihn zu ermahnen; er sei eingetreten, habe sich vor ihm aufgestellt, habe angefangen zu weinen, vor Entsetzen die Hände zu ringen und zum Himmel zu erheben, – ‚ich aber zog das Messer und sagte, daß ich ihn erstechen oder erdrosseln werde,‘ erzählte er. (Übrigens schnarrte er abscheulich, erdrosseln sprach er zum Beispiel ‚erdchosseln‘ aus.) Wir fuhren nach dem Kusnetzki. Unterwegs teilte er mir mit, daß seine Mutter mit diesem Abbé Rigaud ein Verhältnis habe, er habe es bemerkt, pfeife aber darauf, und ferner, daß alles, was sie da von der Kommunion redeten, Unsinn sei. Er sagte noch vieles andere, ich aber fühlte mich sehr unbehaglich. Auf dem Kusnetzki machte er auch seine Einkäufe: er kaufte ein doppelläufiges Gewehr, eine Jagdtasche, fertige Patronen, eine Reitpeitsche und nachher noch ein Pfund Konfekt. Dann fuhren wir weiter, um außerhalb der Stadt zu schießen. Unterwegs begegneten wir einem Vogelhändler mit vielen Vogelbauern und Vögeln. Von dem kaufte Lambert einen Kanarienvogel. Im nächsten Wäldchen gab er den Vogel frei, da ja Vögel nach langer Haft im Bauer bekanntlich nicht weit fliegen können, und dann schoß er nach ihm, traf ihn aber nicht. Er schoß zum erstenmal in seinem Leben, ein Gewehr aber hatte er sich schon längst kaufen wollen, auch als er noch bei Touchard war, und wir hatten uns oft ausgemalt, wie wir es kaufen würden. Er schien vor Erregung ganz außer sich zu sein. Sein Haar war pechschwarz, sein Gesicht weiß und rosig, wie eine Maske, die Nase lang und gebogen, wie sie die Franzosen gewöhnlich haben; dazu weiße Zähne, schwarze Augen. Schließlich band er den Kanarienvogel mit einem Faden an einen Ast und schoß dann auf drei Zentimeter Entfernung aus beiden Läufen zugleich, und der Vogel zerstob in hundert Federchen. Darauf kehrten wir in die Stadt zurück, fuhren in ein Hotel, mieteten ein Zimmer und begannen zu essen und Champagner zu trinken. Eine Dame trat ein ... Ich entsinne mich noch, daß ich sehr erstaunt war über ihr elegantes, kostbares Kleid, – sie trug eine grünseidene Toilette. Da sah ich denn alles das ... wovon ich Ihnen erzählte ... Darauf, als wir uns wieder an den Champagner machten, fing er an sich über sie lustig zu machen und sie zu beschimpfen. Sie saß ganz nackt da; er hatte ihr alle Kleidungsstücke fortgenommen, und als sie gleichfalls zu schimpfen begann und ihre Sachen zurückverlangte, da fing er an sie mit seiner Reitpeitsche aus allen Kräften zu peitschen, und ich weiß noch, er traf gerade ihre nackten Schultern. Ich sprang auf und packte ihn an den Haaren, und mit einem einzigen Ruck warf ich ihn zu Boden. Er aber hatte schon eine Gabel erfaßt, und die stieß er mir in den Schenkel. Da stürzten auf das Geschrei hin Leute ins Zimmer, und es gelang mir, fortzulaufen. Seitdem ist es mir ekelhaft, an Nacktheit zu denken. Und doch war sie eine Schönheit, ich versichere Ihnen ...“

Das Gesicht des Fürsten hatte sich während meiner Erzählung aus einem lächelnden nach und nach in ein sehr trauriges verwandelt.

„Mon pauvre enfant! Ich bin immer überzeugt gewesen, daß es in deiner Kindheit sehr viele unglückliche Tage gegeben hat.“

„Oh, bitte, beunruhigen Sie sich deshalb nicht.“

„Aber du bist allein gewesen, du hast es mir selbst gesagt ... und dieser Lambert – du hast es so lebendig zu schildern gewußt: dieser Kanarienvogel, diese Konfirmation mit Tränen, an der Brust liegen ... und dann, es vergeht kaum ein Jahr, und er spricht von seiner Mutter mit dem Abbé ... Oh, mon cher, diese Kinderfrage ist in unserer Zeit geradezu grauenvoll geworden! Solange sie noch in den ersten Jahren mit ihren blonden Lockenköpfchen vor einem einhertrippeln und uns mit ihrem hellen Lachen und ihren hellen Augen so unschuldig ansehen – sind sie wie Gottes Engelchen, wie reizende Vöglein, dann aber ... dann wäre es oft besser, sie würden überhaupt nicht heranwachsen.“

„Wie sentimental Sie geworden sind, Fürst! Man könnte fast glauben, daß Sie selbst noch kleine Kinder haben. Sie haben aber doch keine Kinder und werden sie auch nie mehr haben.“

„Tiens!“ Im Nu veränderte sich sein ganzes Gesicht. „Da sagte mir gerade Alexandra Petrowna – vor drei Tagen, hehehe! – Alexandra Petrowna Ssinitzkaja – du mußt sie vor einiger Zeit noch hier gesehen haben –, denk dir, ja, vor drei Tagen plötzlich sagt sie mir, auf meine scherzhafte Bemerkung, daß ich, falls ich jetzt heiraten sollte, wenigstens insofern ruhig sein könnte, als ich keinen Kindersegen mehr zu fürchten hätte, – und darauf plötzlich sagt sie mir, und noch dazu mit einer solchen Schadenfreude: ‚Im Gegenteil, gerade Sie werden Kinder haben: gerade solche, wie Sie, haben sie unfehlbar! Sogar schon vom ersten Jahre an, das werden Sie sehen!‘ Hehehe ... Und alle glaubten sie plötzlich, ich würde mich unfehlbar noch verheiraten. Aber wenn es auch boshaft gesagt war, so war es doch, das mußt du zugeben, immerhin ganz witzig.“

„Witzig, ja, und – beleidigend.“

„Nun, cher enfant, nicht ein jeder kann uns beleidigen. Was ich am meisten an den Leuten schätze, ist der Esprit. Leider scheint mir aber, daß er heutzutage allen immer mehr abhanden kommt. Was aber da so eine Alexandra Petrowna sagt – zählt denn das überhaupt?“

„Wie, wie sagten Sie?“ – griff ich schnell den Gedanken auf, „‚nicht ein jeder kann uns‘ ... das ist richtig! Nicht ein jeder ist es wert, von uns soweit beachtet zu werden – ein vorzüglicher Grundsatz! Und gerade ich kann ihn brauchen! Den werde ich mir merken. Sie, Fürst, Sie sagen mitunter ganz vorzügliche Sachen!“

Sein ganzes Gesicht erhellte sich sofort, und er schmunzelte sogar.

„N’est-ce pas? Cher enfant, der echte Esprit verschwindet je weiter desto mehr. Eh, mais ... C’est moi qui connaît les femmes! Glaub’ mir, das Leben eines jeden Weibes, was sie da auch reden mag, ist – ein ewiges Suchen, wem sie sich unterordnen könnte, ist gewissermaßen eine Sehnsucht nach Unterwerfung. Und das – merk’ es dir – gilt von allen, ohne jede Ausnahme.“

„Da haben Sie recht, das ist vorzüglich gesagt, ausgezeichnet!“ ganz entzückt rief ich es aus. Zu jeder anderen Zeit hätten wir uns sogleich philosophischen Betrachtungen über dieses Thema hingegeben und hätten wohl eine Stunde darüber geredet; plötzlich aber war es mir, als steche mich etwas, und ich errötete bis über die Ohren: mir kam der Gedanke, daß ich, indem ich sein Bonmot lobte, mich vielleicht des Geldes wegen gut mit ihm stellen wollte, oder wenigstens, daß er das unbedingt denken werde, wenn ich ihn nun um das Geld bäte. Ich erwähne dies hier nicht ohne Absicht.

„Fürst, ich bitte Sie sehr, mir sogleich die fünfzig Rubel, die Sie mir für diesen Monat schulden, auszahlen zu wollen,“ platzte ich plötzlich wie eine Bombe los, und in einem so gereizten Tone, daß es fast an Grobheit grenzte.

Ich weiß noch (da ich mich dieses Vormittags noch bis in die kleinsten Einzelheiten entsinne), daß sich damals eine in ihrer krassen Realität geradezu widerwärtige Szene abspielte. Zuerst verstand er mich überhaupt nicht, er sah mich an und begriff nicht, von was für einem Gelde ich sprach. Natürlich hatte er es sich nicht träumen lassen, daß ich auf ein monatliches Gehalt Ansprüche erheben könnte – wofür auch? Freilich begann er mir dann, als er endlich erraten hatte, um was es sich handelte, sogleich zu versichern, daß er es unverzeihlicherweise ganz vergessen habe und zog sogleich sein Portefeuille hervor. Er beeilte sich so, daß er in der Verwirrung gar nicht die richtige Tasche finden konnte, und er wurde sogar rot im Gesicht. Da erhob ich mich und sagte schroff, ich könne das Geld nicht annehmen, man habe mir offenbar irrtümlicherweise von dem Gehalt gesprochen, oder vielleicht auch, damit ich mich nicht weigere, auf den Vorschlag einzugehen; doch begriffe ich jetzt sehr wohl, daß durchaus kein Grund vorliege, mich zu honorieren, da jedes Honorar Dienst voraussetzte, hier aber von einem solchen nicht die Rede sein könne. Der Fürst erschrak und begann zu versichern, daß ich ihm unendlich viel Dienste erwiesen hätte und ihm fernerhin noch viel größere erweisen könne, fünfzig Rubel dagegen eine so nichtssagende Summe seien, daß er mir noch einen Zuschuß geben werde, ja, das sei sogar seine Pflicht und Schuldigkeit, zumal er es mit Tatjana Pawlowna so abgemacht habe, doch habe er unverzeihlicherweise nicht daran gedacht, daß jetzt ein Monat um sei. Mir stieg das Blut ins Gesicht, und ich erklärte ihm unumwunden, meine Ehre verbiete mir, für unanständige Unterhaltung ein Gehalt zu beziehen; ich sei nicht engagiert, um ihn zu zerstreuen, sondern um zu arbeiten, wenn es aber hier keine Arbeit gäbe, so müsse ich gehen, usw. usw.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß ein Mensch so erschrecken kann, wie er nach diesen meinen Worten erschrak. Es endete aber damit, daß ich aufhörte, ihm zu widersprechen, und mir doch die fünfzig Rubel aufdrängen ließ. Noch jetzt erröte ich vor Scham, wenn ich daran denke, daß ich das Geld tatsächlich annahm! Es pflegt ja so ziemlich alles in der Welt mit einer Gemeinheit zu enden, doch das Gemeinste an dieser Sache war, daß es ihm beinahe wirklich gelang, mir zu beweisen, daß ich das Honorar unanfechtbar verdient hätte. Und ich war dumm genug, es ihm zu glauben! – jedenfalls aber war es mir ganz unmöglich, bei der Weigerung zu bleiben und das Geld nicht anzunehmen.

„Cher, cher enfant!“ rief er darauf nahezu gerührt aus und umarmte und küßte mich (ich muß gestehen, daß ich selbst, weiß der Teufel weshalb, fast dem Weinen nahe war, obschon ich mich im Augenblick wieder zusammennahm. Soeben fühle ich, daß mir auch jetzt, während ich dies schreibe, das Blut wieder ins Gesicht gestiegen ist) – „mein lieber Freund, du stehst mir jetzt so nah, so nah wie ein Verwandter, du bist mir in diesem Monat zu einem Stück von meinem eigenen Herzen geworden! In der ‚Gesellschaft‘ ist nur ‚Gesellschaft‘ und nichts weiter. Meine Tochter Katerina Nikolajewna ist eine entzückende Frau, und ich bin stolz auf sie, aber sie hat mich oft, mein Lieber, sehr, sehr oft gekränkt ... Nun, diese Mädelchen aber – elles sont charmantes – und deren Mütter, die mich an meinem Namenstage besuchen –, die bringen mir doch immer nur ihre Kanevasquadrate her, selbst aber verstehen sie nichts zu sagen. Ich habe schon für mindestens sechzig Sofakissen solche Kanevasstickereien von ihnen erhalten, lauter Hunde und Hirsche. Ich liebe sie ja auch sehr, aber zu dir fühle ich mich wie zu einem Verwandten hingezogen, – nicht wie zu einem Sohne, sondern eher wie zu einem Bruder, und am meisten liebe ich an dir deine Entgegnungen: du bist literarisch gebildet, du hast viel gelesen, du bist begeisterungsfähig ...“

„Ich habe nichts gelesen und bin keineswegs literarisch gebildet. Früher habe ich gelesen, was mir in die Hände kam, in den letzten zwei Jahren aber habe ich nichts gelesen und werde es auch überhaupt nicht mehr tun.“

„Warum nicht?“

„Ich habe andere Ziele.“

„Cher ... es wäre schade, wenn du dir am Ende des Lebens sagen müßtest wie ich: je sais tout, mais je ne sais rien de bon. Ich weiß entschieden nicht, wozu ich in der Welt gelebt habe! Aber ... ich bin dir so dankbar ... und ich wollte sogar ...“

Er brach seltsam ab, wurde ganz schlaff und matt und versank in Nachdenken. Nach jeder Erschütterung (und solche Erschütterungen konnten jeden Augenblick durch den geringfügigsten Anlaß hervorgerufen werden) machte er gewöhnlich den Eindruck, als sei er eine Zeitlang nicht recht bei voller Vernunft und unfähig, sich zusammenzunehmen, körperlich ebensowenig wie geistig. Übrigens dauerte dieser Zustand nie lange an, so daß er schließlich nichts schadete.

Wir saßen so reichlich über eine Minute stillschweigend einander gegenüber. Seine Unterlippe, die sehr voll war, hing schlaff herab ... Am meisten wunderte es mich, daß er so plötzlich auf seine Tochter zu sprechen gekommen war, und noch dazu mit einer solchen Offenheit. Ich schrieb das natürlich seiner augenblicklichen Verwirrung zu.

„Cher enfant, du nimmst es mir doch nicht übel, daß ich du zu dir sage, nicht wahr?“ fuhr er plötzlich aus seiner Versunkenheit auf.

„Nicht im geringsten. Ja anfangs, das erstemal, da fühlte ich mich, offengestanden, allerdings etwas verletzt und wollte Sie gleichfalls duzen, sah aber noch rechtzeitig die Dummheit ein; denn Sie duzen mich doch nicht, um mich zu erniedrigen?“

Er hörte nicht mehr darauf, was ich sagte, und schien auch seine Frage schon vergessen zu haben.

„Nun, und was macht dein Vater?“ fragte er plötzlich, indem er gedankenverloren zu mir aufsah.

Ich fuhr am ganzen Körper zusammen. Er hatte Werssiloff als meinen Vater bezeichnet, was er sich bis dahin noch nie mir gegenüber erlaubt hatte, und dann: daß er überhaupt im Gespräch mit mir auf Werssiloff zu sprechen kam!

„Sitzt ohne Geld und ist schlecht gelaunt,“ antwortete ich kurz, doch innerlich verging ich vor Neugier.

„Hm, ja, was das Geld betrifft! Heute entscheidet sich doch ihr Rechtsstreit vor dem Bezirksgericht – ich erwarte den Fürsten Sserjosha.[5] Wer weiß, welch eine Nachricht er bringen wird. Er wollte sogleich zu mir kommen. Davon hängt für sie alles ab. Hier handelt es sich um sechzig- oder achtzigtausend Rubel. Natürlich habe ich Andrei Petrowitsch (d. h. Werssiloff) von jeher das Beste gewünscht, und ich glaube, das Vermögen wird auch ihm zugesprochen werden, und die Fürsten gehen dann leer aus. Gesetz ist Gesetz!“

„Heute vor dem Bezirksgericht?“ rief ich, aufs höchste überrascht.

Der Gedanke, daß Werssiloff mir auch das nicht mitgeteilt, nicht für mitteilenswert gehalten hatte, frappierte mich außerordentlich. „Dann hat er es wohl auch der Mutter nicht gesagt, vielleicht überhaupt keinem Menschen,“ dachte ich mir sogleich, – „da sieht man den Charakter!“

Notes in this chapter

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