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Sämtliche Werke 7-8

Erster Teil (continued 2)

E. K. Rahsin translation

„Aber ist denn Fürst Ssergei Ssokolski in Petersburg?“ fragte ich, plötzlich selbst ganz betroffen bei dieser Vorstellung.

„Seit gestern. Direkt aus Berlin eingetroffen, einzig wegen dieser Gerichtsverhandlung.“

Das war gleichfalls eine für mich sehr bedeutsame Mitteilung. Und dieser Mensch, der ihn geohrfeigt hatte, sollte heute herkommen!

„Na, und was macht er sonst,“ fuhr der alte Fürst, dessen Gesicht sich plötzlich wieder veränderte, lächelnd fort, „verkündet Gott wie früher und ... na ja, stellt wieder den Mädelchen nach, den noch nicht flügge gewordenen? Hehe ... Da fällt mir soeben ein amüsantes Histörchen ein, hehe ...“

„Wer verkündet ... was? wann?“

„Andrei Petrowitsch natürlich. Was glaubst du wohl, er rückte uns doch damals so auf den Leib, daß wir gar keine Seelenruhe mehr vor ihm hatten. Was eßt ihr, an was denkt ihr, – das heißt, es fehlte faktisch nicht mehr viel, so wäre es schließlich noch so weit gekommen. Er wollte uns bange machen, bekehren. ‚Wenn du religiös bist, warum wirst du dann nicht Mönch?‘ Nein wirklich, fast war es das, was er von uns verlangte. Mais quelle idée! Wenn es im Grunde vielleicht auch richtig sein mag, so, fragt es sich – ist es nicht doch zu viel verlangt? Namentlich mich liebte er mit dem Jüngsten Gericht zu schrecken, mich ganz besonders.“

„Davon habe ich nichts bemerkt, und ich lebe doch schon über einen Monat mit ihm zusammen,“ versetzte ich, mit größtem Interesse aufhorchend. Es ärgerte mich weidlich, daß er sich noch nicht erholt hatte und so zusammenhanglos vor sich hinredete.

„Er spricht jetzt bloß nicht davon, aber glaube mir, es ist so, wie ich dir sage. Er ist ein geistreicher Mensch, zweifellos auch von umfassender Bildung und tiefem Wissen, nur fragt es sich, ob sein Wissen auch wirklich gerade das richtige Wissen ist. Das war damals alles nach seinem dreijährigen Aufenthalt im Auslande. Ich gestehe, er hat mich tief erschüttert ... und überhaupt uns alle ... Cher enfant, j’aime le bon Dieu ... Ich glaube an ihn, ich glaube soviel ich kann, aber – damals geriet ich doch entschieden außer mir. Nun ja, schön, nehmen wir an, daß es von mir leichtfertig war, mich hinter diesem Verteidigungsmittel zu verschanzen, aber ich wählte mit Absicht gerade dieses; denn ich war gereizt, ich ärgerte mich, – und übrigens war der Kern meiner Entgegnung, das Wesentliche, genau so ernst, wie seit dem Anfang der Welt: ‚Wenn das höchste Wesen‘ – das war meine Entgegnung –, ‚wenn das höchste Wesen persönlich existiert, und nicht da in Gestalt irgendeines Geistes in der Schöpfung ausgegossen ist, etwa wie eine Flüssigkeit oder so ungefähr (denn das ist ja noch schwerer zu begreifen), so frage ich: wo lebt es dann eigentlich? Mein Freund, c’était bête, natürlich, aber im Grunde laufen doch alle Entgegnungen nur auf diese eine Frage hinaus. Un domicile – das ist ein wichtiger Punkt.‘ Er ärgerte sich furchtbar. Er trat dort zum Katholizismus über.“

„Davon habe ich gleichfalls gehört. Selbstverständlich ist das nur dummes Geschwätz.“

„Ich versichere dir bei allem, was heilig ist, es war so. Betrachte ihn nur aufmerksamer ... Übrigens – du sagst, er habe sich verändert. Nun, aber damals – wie hat er uns da alle gehetzt und gequält! Wirst du’s mir glauben, er hielt sich doch, als ob er ein Heiliger wäre und sein Leib nach dem Tode nicht verwesen würde. Seine Gebeine also Reliquien! Er verlangte von uns Rechenschaft über unser Leben, ich schwöre es dir! Reliquien! En voilà une autre! Nun gut, ich will ja nichts sagen, wenn es irgend so ein Mönch oder Einsiedler ist, – ein Mensch aber, der hier unter uns im Frack einhergeht ..., und auch alles übrige wie es sich gehört ... und plötzlich – heilige Gebeine! ... Ein seltsamer Wunsch für einen Gentleman, und, offengestanden, auch ein recht sonderbarer Geschmack. Das heißt, ich will ja nichts dagegen sagen; das gehört natürlich alles zur Geschichte der Heiligkeiten, und was kann denn schließlich nicht vorkommen ... Und überdies ist das alles de l’inconnu, aber für einen Menschen, der in der Gesellschaft lebt, ist so etwas doch einfach unschicklich, sogar direkt unstatthaft, meiner Meinung nach. Wenn das zum Beispiel mit mir geschehen sollte, oder sagen wir, wenn man es mir anböte, so würde ich es, mein Wort darauf, doch lieber ablehnen. Wie, heute speise ich im Klub, und dann plötzlich – erscheine ich verklärt! ... Aber ich würde mich doch einfach lächerlich machen! Das habe ich ihm damals auch alles auseinandergesetzt ... Er trug damals nach Art der Büßer Ketten auf dem Leibe.“

Mir stieg vor Zorn das Blut ins Gesicht.

„Haben Sie die selbst gesehen?“

„Selbst habe ich sie nicht gesehen, aber man hat mir ...“

„Dann erkläre ich Ihnen, daß das nichts als Lüge ist, die gemeine Verleumdung seiner Feinde, oder richtiger, seines größten und unmenschlichsten Feindes; denn im Grunde hat er ja überhaupt nur einen einzigen Feind, und dieser ist – Ihre Tochter!“

Jetzt war er es, dem Zornesröte ins Gesicht stieg.

„Mon cher, ich bitte dich und wünsche, daß der Name meiner Tochter hinfort nie mehr vor meinen Ohren mit dieser schändlichen Geschichte in Verbindung gebracht werde.“

Ich erhob mich. Er war empört; sein Kinn zitterte.

„Cette histoire infâme! ... Ich habe nicht an sie geglaubt, niemals würde ich an sie glauben, aber ... wenn man mir von allen Seiten sagt: glaube daran, glaube, so ...“

Da trat der Diener ins Zimmer und meldete unerwarteten Besuch. Ich setzte mich wieder auf meinen Platz.

IV.

Ins Zimmer traten zwei junge Damen: die eine war die Stieftochter eines Vetters der verstorbenen Frau des Fürsten, oder etwas ähnliches, die von ihm erzogen worden war, und der er bereits eine Mitgift ausgesetzt hatte, obschon sie (dies sei wegen des Folgenden bemerkt) auch selbst nicht arm war.

Die andere war – Anna Andrejewna, Werssiloffs legitime Tochter, die drei Jahre älter war als ich. Sie lebte mit ihrem Bruder bei den Fanariotoffs, und ich hatte sie bis dahin nur ein einzigesmal ganz flüchtig auf der Straße gesehen. Mit ihrem Bruder dagegen war ich in Moskau bereits einmal zusammengekommen, allerdings auch nur flüchtig. (Vielleicht werde ich noch bei Gelegenheit auf diese Begegnung in Moskau zu sprechen kommen, obwohl sie es eigentlich nicht wert ist.) Diese Anna Andrejewna war schon von Kindheit an der ganz besondere Liebling des alten Fürsten gewesen (seine Freundschaft mit Werssiloff datierte ja schon seit undenklichen Zeiten). Ich war durch die zuletzt zwischen uns gefallenen Worte so verwirrt, daß ich, als sie eintraten, nicht einmal aufstand, während der Fürst sich sogleich erhob und ihnen entgegenging. Dann aber war es zu spät, – ich schämte mich, noch „nachträglich“ aufzustehen, und so blieb ich sitzen. Ich war hauptsächlich deshalb so verwirrt, weil der Fürst mich vor ein paar Augenblicken so angefahren hatte, daß ich nicht wußte, ob ich fortgehen oder bleiben sollte. Doch der Alte hatte seiner Gewohnheit gemäß schon wieder alles vergessen und schien durch den Anblick der jungen Damen förmlich neu belebt zu sein: sein ganzes Mienenspiel veränderte sich im Nu, und er raunte mir noch, während jene bereits eintraten, mit einem vielsagenden Augenzwinkern unbemerkt zu:

„Betrachte die Olympia, aber aufmerksam, aufmerksam, werde dir später erzählen ...“

Ich betrachtete sie denn auch wirklich ziemlich aufmerksam, konnte aber nichts Besonderes an ihr entdecken: ein nicht sehr großes Mädchen, rundlich und mit auffallend roten Wangen. Das Gesicht war eigentlich ganz sympathisch, eines von jenen, die den Materialisten gefallen. Vielleicht lag in ihm auch ein Ausdruck von Güte, jedoch – mit Vorbehalt. Durch besondere Intelligenz konnte sie sich entschieden nicht auszeichnen – ich meine Intelligenz im höheren Sinne –; denn Schlauheit verrieten ihre Augen sogar in hohem Maße. Alter – höchstens neunzehn. Mit einem Wort, nichts Besonderes. Bei uns im Gymnasium hätte man gesagt: ein Kissen. (Wenn ich jetzt alles so ausführlich beschreibe, so geschieht das einzig im Hinblick auf das Folgende.)

Übrigens dient auch alles andere, was ich bisher scheinbar mit ganz überflüssiger Ausführlichkeit wiedergegeben habe, nur zur Erläuterung des Weiteren. Somit ist denn nichts überflüssig; ich habe es nicht verstanden, Einzelheiten zu übergehen, doch wen sie langweilen, der braucht sie ja nicht zu lesen.

Eine ganz andere Erscheinung war dagegen Werssiloffs Tochter. Groß, schlank, mit einem länglichen, auffallend bleichen Gesicht; dazu dunkles, fast schwarzes wundervolles Haar; und ebenso dunkle Augen, dunkel und groß, mit einem tiefen Blick; schmale, blaßrosa Lippen, ein frischer Mund. Das erste Weib, das mich durch seinen Gang nicht angeekelt hat, – freilich war sie, wie gesagt, sehr schlank, fast sogar mager. Ihr Gesichtsausdruck sprach nicht gerade von Güte, aber es lag in ihm Vornehmheit und Würde. Zweiundzwanzig Jahre alt. Doch sonderbar: fast kein einziger Zug im Gesicht, der eine Ähnlichkeit mit Werssiloff gehabt hätte, indessen aber, wie durch ein Wunder, lag eine ungeheure Ähnlichkeit mit ihm im ganzen Gesichtsausdruck. Ich weiß nicht, ob ich sie schön nennen soll. Es kommt auf den Geschmack an. Gekleidet waren sie beide so schlicht, daß es sich nicht lohnt, die Kleider näher zu beschreiben. Ich war darauf gefaßt, daß die Werssilowa mich sogleich beleidigen werde, sei es mit einem Blick, einem Achselzucken oder gleichviel wie, und ich bereitete mich schon darauf vor. Hatte doch ihr Bruder in Moskau auch schon bei unserer ersten Begegnung die Gelegenheit wahrgenommen, mich zu beleidigen! Sie konnte zwar nicht wissen, daß ich es war, sie hatte mich noch niemals gesehen, aber natürlich hatte sie schon gehört, daß ich zum Fürsten kam. Es erregte eben alles, was der Fürst tat oder unterließ, in der ganzen Schar seiner Verwandten, die ja alle auf ihn „hofften“, von vornherein das größte Interesse, weshalb denn auch die geringfügigsten Dinge zu wahren Ereignissen aufgebauscht wurden, – um wievielmehr mußte das nun noch mit seiner plötzlichen Neigung zu mir der Fall sein. Ich wußte bereits, daß der Fürst sich für das Schicksal Anna Andrejewnas ausnehmend interessierte und ihr einen Gatten verschaffen wollte. Nur war es unvergleichlich schwerer, für die Werssilowa einen Liebhaber zu finden als für jene, die auf Kanevas stickten.

Doch siehe da, es kam ganz anders und wider alle Erwartung: Nachdem die Werssilowa dem Fürsten die Hand gereicht und ein paar scherzhafte, wenn auch konventionelle Worte mit ihm gewechselt hatte, sah sie plötzlich gespannt nach mir hin. Ich sah sie gleichfalls an, und plötzlich nickte sie mir mit einem Lächeln zu. Das hätte freilich nicht viel zu bedeuten gehabt, sie grüßte eben, wie man es immer tut, wenn man in ein Zimmer tritt, in dem ein fremder Gast des Hausherrn anwesend ist. Aber ihr Lächeln – nein, dieses Lächeln war so gütig, daß es augenscheinlich nur vorbedacht sein konnte. Und ich erinnere mich noch, ich hatte dabei eine ungewöhnlich angenehme Empfindung.

„Und das ... dies ist – mein junger und lieber Freund Arkadi Andrejewitsch Dol...“ begann der Fürst, der ihren Gruß bemerkt hatte, während ich immer noch saß, – und plötzlich stockte er mitten im Satz: vielleicht besann er sich darauf, wen er da vorstellte – im Grunde doch den Bruder der Schwester. Das „Kissen“ grüßte daraufhin gleichfalls, ich aber ärgerte mich plötzlich höchst dummerweise und sprang auf, – es war eine Anwandlung falschen, sinnlosen Stolzes, natürlich nur aus Eigenliebe.

„Entschuldigen Sie, Fürst, ich heiße nicht Arkadi Andrejewitsch, sondern Arkadi Makarowitsch,“ versetzte ich schroff, ohne daran zu denken, daß ich den jungen Damen zuvor eine Verbeugung schuldig war. Hol’ der Teufel diesen peinlichen Zwischenfall!

„Mais ... Tiens!“ Der Fürst besann sich sogleich und tippte sich mit dem Finger vor die Stirn.

„Wo haben Sie die Schule besucht?“ ertönte da in meiner Nähe eine kindlich dumme Frage in kindlich langsamer Sprechweise: das „Kissen“ war näher zu mir getreten.

„In Moskau, im Gymnasium.“

„Ah! Ich habe davon gehört. Wie, wird dort gut unterrichtet?“

„Sehr gut.“

Ich stand immer noch und antwortete wie ein Soldat, der rapportieren muß.

Die Fragen dieses Fräuleins waren wohl nichts weniger als geistreich, aber immerhin hatte sie die Geistesgegenwart, meinen dummen Ausfall durch irgendeine Frage vergessen zu machen und dem Fürsten aus seiner Verlegenheit zu helfen. Übrigens hörte dieser schon mit einem heiteren Lächeln dem geheimnisvollen und munteren Geflüster der Werssilowa zu, das augenscheinlich nicht mich zum Gegenstande hatte. Ich frage mich: Weshalb nahm es dieses Mädchen, das mir doch völlig fremd war, ungebeten auf sich, meinen dummen Ausfall gutzumachen? Und überdies war es ganz unmöglich, sich vorzustellen, daß sie sich nur so, nur zufällig an mich wandte: die Absicht war zu deutlich. Sie sah mich gar zu interessiert an, ganz als hätte sie gewünscht, von mir ebenso betrachtet zu werden, so interessiert wie nur möglich. Das habe ich mir natürlich erst nachher gesagt und mich auch nicht getäuscht.

„Wie, schon heute?“ rief plötzlich der Fürst ganz erschrocken aus.

„Haben Sie es denn nicht gewußt?“ fragte die Werssilowa verwundert. „Olympia! Der Fürst hat es gar nicht gewußt, daß Katerina Nikolajewna heute ankommt! Aber wir sind doch deshalb hergekommen, weil wir dachten, sie sei schon mit dem Frühzuge eingetroffen und schon längst zu Haus. Statt dessen trafen wir sie gerade erst bei der Vorfahrt, als wir ausstiegen: sie kam direkt von der Bahn und sagte uns, wir sollten nur zu Ihnen gehen, sie werde sogleich nachkommen ... Aber da ist sie ja schon!“

Eine Tür tat sich auf und – jene Frau erschien!

Ich kannte bereits ihr Gesicht. Im Kabinett des Fürsten hing ein wundervolles Porträt von ihr, und den ganzen Monat hatte ich es Zug für Zug studiert. Während ihrer Anwesenheit verbrachte ich höchstens drei Minuten im Kabinett und wandte die ganze Zeit keinen Blick von ihrem Gesicht. Doch wenn ich das Porträt nicht gekannt und jemand mich nach jenen drei Minuten gefragt hätte: wie sieht sie aus? – ich hätte ihm nichts antworten können; denn ich wußte es nicht, es war da alles in mir zu einem Chaos geworden.

Ich entsinne mich, wenn ich an diese drei Minuten zurückdenke, nur noch einer tatsächlich wunderschönen Frau, die der Fürst mehrmals küßte und bekreuzte, und die sich dann plötzlich – ganz offen und unverhohlen, kaum daß sie eingetreten war – mir zuwandte und mich anstarrte. Ich hörte noch ganz deutlich, wie der Fürst, der offenbar auf mich gewiesen hatte, etwas von seinem neuen Sekretär mit einem unsicheren, halben Lachen äußerte, und zum Schluß meinen Familiennamen nannte. Sie warf eigentümlich den Kopf in den Nacken, blickte mich häßlich an und lächelte dann so beleidigend, daß ich plötzlich vortrat, zum Fürsten schritt und zitternd, wohl nur halb verständlich, die Worte durch die Zähne hervorstieß:

„Jetzt ... ich habe anderes zu tun ... für mich. Ich gehe.“

Und ich kehrte ihnen den Rücken und ging. Niemand sagte mir ein Wort, nicht einmal der Fürst. Aller Augen sahen mich nur unverwandt an. Später sagte mir der Fürst, ich wäre so erbleicht, daß ihm „einfach angst und bange“ geworden sei.

Das war nun freilich ganz überflüssig!

Drittes Kapitel.

I.

Er hatte wirklich nichts zu befürchten: meiner höheren Erwägung erschien das Augenblickliche klein und nebensächlich, und ein mächtiges Gefühl entschädigte mich für alles andere. Ich empfand nichts als Genugtuung, ich war entzückt, war förmlich begeistert, als ich sie verließ; und als ich auf die Straße hinaustrat, hätte ich am liebsten gesungen. Es war aber auch gerade ein herrlicher Morgen, so richtig zu meiner Stimmung passend: Sonne, viele Menschen, Lärm, Bewegung, Frohsinn, Gedränge. – Wie, hatte mich denn diese Frau wirklich nicht beleidigt? Von wem hätte ich mir sonst einen solchen Blick und ein so gemeines Lächeln gefallen lassen, ohne sofort zu protestieren? – und wenn mein Protest auch noch so albern ausgefallen wäre – gleichviel! Und nicht zu vergessen: sie war ja doch gerade mit der Absicht heimgekehrt, mich sobald als möglich zu beleidigen, obgleich sie mich noch nie gesehen hatte! In ihren Augen war ich der „heimliche Abgesandte Werssiloffs“, und damals, wie auch noch lange nachher, war sie fest überzeugt, daß Werssiloff ihr ganzes Schicksal in Händen hielt, d. h. daß er die Möglichkeit hätte, sie, sobald er nur wollte, ins Elend zu stürzen. Kurz, sie glaubte ihn im Besitze eines gewissen Dokuments oder vermutete wenigstens stark, daß er es besaß. So war denn ihr Kampf gegen Werssiloff ein Kampf auf Leben und Tod. Und siehe da – ich war nicht beleidigt! Ihr Benehmen war eine Beleidigung gewesen, ich aber hatte die Beleidigung nicht empfunden. Ja, und nicht nur das! Ich war sogar unbändig froh, als wäre mir eine große Freude widerfahren! Ich war gekommen, um sie zu hassen, und nun fühlte ich, wie ich sie schon zu lieben begann.

„Ich weiß nicht, ob eine Spinne die Fliege hassen kann, auf die sie es abgesehen und die sie schon so gut wie umsponnen hat? Süße, kleine Fliege! Ich glaube, man liebt sein Opfer; wenigstens kann man es lieben. Da liebe ich doch jetzt meinen Feind: Zum Beispiel gefällt es mir furchtbar, daß sie so schön ist. Es gefällt mir ungeheuer, meine Gnädigste, daß Sie so hochmütig und stolz sind: wären Sie bescheidener, würde ich nicht dieses Vergnügen auskosten, oder wenigstens kein so großes. Sie haben mich gewissermaßen angespien mit Ihrem Blick, ich aber triumphiere. Und wenn Sie mir tatsächlich ins Gesicht gespien hätten, so würde ich mich vielleicht wirklich nicht einmal darüber geärgert haben; denn Sie sind – mein Opfer, mein Opfer und nicht seins. Wie bezaubernd dieser Gedanke ist! Rein, das Bewußtsein der eigenen geheimen Macht ist unvergleichlich angenehmer als offenkundige Überlegenheit und Herrschaft. Wenn ich ein hundertfacher Millionär wäre, ich glaube, da würde es mir die größte Wonne bereiten, in ganz schäbigen Kleidern zu gehen, damit man mich für einen ganz armen Kauz halte, womöglich für einen, der nahe daran ist, um Almosen zu bitten: denn – ‚mir genügte das Bewußtsein‘ ...“

So ungefähr könnte ich meine damaligen Gedanken ausdrücken, wie überhaupt meine Freude und vieles von dem, was ich empfand. Ich will nur noch bemerken, daß hier in dem soeben Geschriebenen alles viel oberflächlicher klingt: in Wirklichkeit war ich tiefer und schamhafter. Vielleicht bin ich auch jetzt im Grunde meines Wesens schamhafter als in meinen Worten und Taten. Das gebe Gott!

Vielleicht war es sehr falsch von mir, daß ich überhaupt angefangen habe, alles dies niederzuschreiben: es bleibt doch so unendlich viel mehr in einem zurück als das, was man in Worten auszudrücken vermag. Jeder Gedanke, selbst der unbedeutendste, ist, solange er in uns bleibt, immer tiefer, als in Worten ausgedrückt: ausgesprochen erscheint er auch uns selbst lächerlicher und gleichsam – ehrloser. Werssiloff sagte mir einmal, nur bei schlechten Menschen sei es umgekehrt. Die lügen eben nur, da haben sie es leicht. Ich dagegen mühe mich, die ganze Wahrheit zu schreiben – das aber ist furchtbar schwer!

II.

An diesem neunzehnten September entschloß ich mich außerdem noch zu einem „Schritt“.

Seit meiner Ankunft in Petersburg hatte ich zum erstenmal Geld in der Tasche; denn meine in zwei Jahren zusammengesparten sechzig Rubel hatte ich, wie bereits erwähnt, sogleich meiner Mutter gegeben; ein paar Tage zuvor aber hatte ich mir fest vorgenommen, an dem Tage, an dem ich mein Monatsgehalt erhielt, einen „Versuch“ zu machen, wie ich ihn schon seit langem beabsichtigte. Und gerade am Abend vorher hatte ich im Inseratenteil einer Zeitung etwas gefunden, auf alle Fälle ausgeschnitten und zu mir gesteckt: es war das eine „Bekanntmachung vom St. Petersburger Bezirksgericht“ usw., daß am 19. September cr. um 12 Uhr vormittags im Kasaner Viertel, in der und der Gegend, im Hause Nummer soundso die gerichtliche Versteigerung des Mobiliars einer gewissen Frau Lebrecht stattfinden werde, und daß die Taxationsliste der betreffenden Gegenstände, und natürlich auch diese selbst, am Tage der Versteigerung dem Publikum zur Orientierung und Besichtigung in besagtem Hause bereitgestellt sein würden usw.

Es war kurz nach ein Uhr. Ich eilte zu Fuß nach dem Kasaner Viertel. Schon seit drei Jahren benutzte ich keine Droschke mehr, – ich hatte mir das so geschworen (anderenfalls hätte ich mir auch nicht diese sechzig Rubel ersparen können). Ich war noch nie zu einer Auktion gegangen, ich hatte mir das noch nicht erlaubt; und obschon mein erster Schritt auf diesem Gebiet nur ein Versuch sein sollte, so hatte ich mir doch von vornherein eines fest vorgenommen: nicht eher wollte ich mir diesen Versuch gestatten, als bis ich das Gymnasium beendet, mit allen gebrochen und mich in mein Gehäuse verkrochen hätte, also erst dann, wenn ich vollkommen frei sein würde. Freilich war ich nun noch längst nicht in meinem Gehäuse und auch noch weit davon entfernt, frei zu sein. Aber der Schritt sollte ja auch nur als Versuch in Frage kommen, als Probe, nur so, um zu sehen, wie es ist, fast nur, um meine Zukunftsträume danach gestalten zu können; dann aber wollte ich, vielleicht lange Zeit hindurch, nichts Derartiges mehr unternehmen, vielleicht sogar bis zu dem Zeitpunkt, wo ich damit ernstlich begänne. Für alle anderen war dies nur eine kleine, nichtssagende Auktion, für mich aber – der erste Balken des Schiffes, auf dem ich wie Kolumbus ausfahren wollte, um Amerika zu entdecken. Das waren ungefähr die Gefühle, die ich damals hatte.

Ich fand das Haus, ging, wie in der Notiz angegeben war, über den Hof und betrat die Wohnung der Frau Lebrecht. Diese Wohnung bestand aus einem Vorraum und vier nicht großen, niedrigen Zimmern. Im ersten Zimmer befanden sich viele Menschen, vielleicht ganze dreißig an der Zahl; aber nur die Hälfte von ihnen mochte sich aus Käufern zusammensetzen – die anderen waren augenscheinlich nur aus Neugier gekommen oder als Liebhaber jeglicher Versammlungen oder auch als heimlich Beauftragte der Frau Lebrecht. Es waren da außer Krämern und Juden, die es auf die Goldsachen abgesehen hatten, auch einige „sauber“ gekleidete Leute. Sogar die Physiognomien einzelner von ihnen haben sich meinem Gedächtnis eingeprägt. Im nächsten Zimmer rechts, dessen Tür offen stand, hatte man gerade zwischen die Türpfosten einen Tisch gestellt, so daß er den Eingang zu jenem Zimmer versperrte; dort aber befanden sich alle die unter den Hammer gekommenen Sachen, die verauktioniert werden sollten. Links lag ein anderes Zimmer, dessen Tür geschlossen war, doch von Zeit zu Zeit ein klein wenig geöffnet wurde, und dann sah man, daß jemand verstohlen durch den Spalt lauerte – wahrscheinlich jemand von den zahlreichen Sprößlingen der Frau Lebrecht, die sich an dem Tage natürlich in einer recht beschämenden Lage befanden. Hinter dem Tisch in der Tür saß, das Gesicht dem Publikum zugewandt, der Gerichtsvollzieher, der die Sachen zu versteigern hatte. Als ich eintrat, war ungefähr die Hälfte schon verkauft. Ich drängte mich sogleich bis dicht an den Tisch heran. Es wurden gerade zwei Bronzeleuchter ausgeboten. Ich sah mich nach den anderen Sachen um.

Dabei drängten sich mir sogleich Zweifel auf: was konnte ich hier überhaupt kaufen? Was finge ich zum Beispiel mit diesem Paar Bronzeleuchter an, wo brächte ich sie jetzt unter, und könnte ich denn so überhaupt jemals zum Ziel gelangen? Wird denn die Sache auch wirklich so gemacht, und wird meine Berechnung auch wirklich richtig sein? War es nicht schließlich eine ganz kindische Berechnung? Und während mir diese Gedanken durch den Kopf fuhren, stand ich und wartete, – etwa wie man am Spieltisch wartet, wenn man noch nicht gesetzt hat, obschon man mit der Absicht, unbedingt zu spielen, an den Tisch getreten ist und gerade noch denkt: „Wenn ich will, setze ich, wenn ich will, gehe ich fort – ganz wie ich will.“ Das Herz pocht dann noch nicht, aber es ist, als verlangsame sich sein Schlagen, und hin und wieder erbebt es nur so eigenartig, – eine Empfindung, die nicht ohne Reiz ist. Aber die Unentschlossenheit fängt bald an, einem lästig zu werden, und dann wird man plötzlich gleichsam blind und taub und streckt die Hand aus und nimmt eine Karte, aber alles ganz wie mechanisch, fast sogar wie gegen den eigenen Willen, als führte ein Fremder unsere Hand; und plötzlich ist es geschehen! – Da hat man gleich eine ganz andere Empfindung, die geradezu ungeheuer ist. Ich rede hier nicht von Auktionen, sondern nur von mir, – wer könnte denn sonst auf einer Auktion Herzklopfen bekommen?

Es waren da Leute, die sich sehr ereiferten, andere wiederum, die schwiegen und warteten, und wieder andere, die dies oder jenes kauften und es nachher bereuten. Doch kann ich nicht sagen, daß sie mir leid taten: ein Herr zum Beispiel, der sich verhört hatte und eine Milchkanne aus Neusilber für eine silberne kaufte und statt etwa zwei Rubel ganze fünf Rubel zahlen mußte, erweckte nicht das geringste Mitleid in mir, im Gegenteil, dieser Zwischenfall erheiterte mich sogar. Der Gerichtsvollzieher brachte übrigens auch nach Möglichkeit Abwechslung in die Versteigerung: nach den Leuchtern kamen Ohrringe zum Ausbot, nach den Ohrringen ein Sofakissen, dann eine Schatulle, – wahrscheinlich, um das Interesse wachzuerhalten, oder vielleicht auch, um den verschiedenen Wünschen der Kauflustigen nachzukommen. Ich hielt es nicht zehn Minuten aus, wandte mich zuerst dem Kissen zu, darauf der Schatulle, aber im entscheidenden Moment bot ich dann doch nicht mit: diese Gegenstände erschienen mir ganz unmöglich. Da hielt der Gerichtsvollzieher ein Album in der Hand.

„Ein Album, in einem roten Saffianeinband, gebraucht, mit Aquarell- und Tuschzeichnungen, in einem Futteral mit geschnitzter Elfenbeineinlage und mit silbernem Schloß – zwei Rubel!“

Ich trat näher: ein elegantes Ding, aber die Elfenbeinschnitzerei war an einer Stelle schon etwas schadhaft. Nur ich allein war nähergetreten, die anderen schwiegen. Konkurrenten gab es also nicht. Ich hätte ja das Schloß öffnen und das Album herausnehmen können, um es zu betrachten, ließ es aber bleiben – „gleichviel,“ dachte ich, „das ist ja egal“.

„Zwei Rubel fünf Kopeken,“ sagte ich mit vor Aufregung unsicherer Stimme.

Niemand bot mehr. So fiel es mir zu. Ich holte sogleich mein Geld hervor, bezahlte, nahm das Album und zog mich in einen Winkel des Zimmers zurück. Dort erst nahm ich es aus dem Futteral, um es schnell, fast fieberhaft zu durchblättern: das war nun, abgesehen von dem Futteral, das wertloseste Ding der Welt, – ein Stammbuch von der Größe eines Bogen Postpapiers kleinen Formats, ein dünnes Büchlein mit abgenutztem Goldschnitt, – genau von der Art, wie sie in früheren Jahren bei jungen Mädchen, die ein Institut besuchten, so überaus beliebt waren. Mit Tusche und Wasserfarben waren da Tempel auf Bergen gemalt, Amoretten, ein Teich, auf dem Schwäne schwammen, und dazu natürlich Gedichte.

„... Vor mir liegt eine weite Reise, Weshalb ich Abschied nehmen muß, Drum send’ ich Dir auf diese Weise Hiermit noch einen letzten Gruß.“

(Da hab’ ich richtig noch eines von ihnen behalten!) Ich gestand mir, daß ich „hereingefallen“ war: wenn es etwas gab, was kein Mensch brauchen konnte, so war das dieses alte Album.

„Tut nichts,“ schloß ich schnell meinen Gedankengang, „die erste Karte verspielt man immer; das hat sogar eine gute Vorbedeutung.“

Ich war entschieden vergnügt.

„Ach, da bin ich zu spät gekommen! Sie haben es? Sie haben es erstanden?“ hörte ich plötzlich neben mir die Stimme eines Herrn, der sehr stattlich aussah und gut gekleidet war. Er war gerade erst eingetreten.

„Zu spät gekommen! Schade, sehr schade! – Für wieviel, wenn ich fragen darf?“

„Für zwei Rubel fünf Kopeken.“

„Ach, wie schade! – Würden Sie es mir nicht abtreten?“

„Gehen wir hinaus,“ flüsterte ich ihm zu, während mein Herzschlag stockte.

Wir gingen hinaus auf die Treppe.

„Ich trete es Ihnen für zehn Rubel ab,“ sagte ich, mit einem Gefühl von Kälte im Rücken.

„Zehn Rubel! Ich bitte Sie, was fällt Ihnen ein!“

„Wie Sie wollen.“

Er sah mich mit aufgerissenen Augen an und maß mich von oben bis unten: ich war gut gekleidet und glich wohl nicht im entferntesten einem Juden oder Trödler.

„Aber ich bitt’ Sie! – Das ist doch ein altes, lumpiges Album, das zu nichts mehr zu gebrauchen ist, auch das Futteral ist ja nichts mehr wert – wer wird denn so etwas noch kaufen?“

„Sie wollen es doch.“

„Aber doch nur aus einem besonderen Grunde! – Ich erfuhr es erst gestern, – und solcher, die das kaufen wollen, gibt es doch außer mir keinen einzigen! Was fällt Ihnen ein!“

„Ich hätte fünfundzwanzig Rubel fordern sollen; aber da Sie dann vielleicht doch zurückgetreten wären, so habe ich, um das Wagnis nicht zu übertreiben, nur zehn gefordert. Davon lasse ich keine Kopeke ab.“

Ich kehrte ihm den Rücken und ging.

„So nehmen Sie vier Rubel!“ rief er mir nach und holte mich mit schnellen Schritten ein, – ich war schon auf dem Hof. „Nun, meinetwegen: fünf!“

Ich schwieg und ging weiter.

„Nun denn – da haben Sie!“ Er nahm zehn Rubel aus seinem Portemonnaie, ich gab ihm das Album.

„Aber Sie müssen doch zugeben, daß das nicht ehrlich ist! Zwei Rubel und zehn – was?“

„Weshalb nicht ehrlich? Einfach Markt!“

„Was ist denn hier für ein Markt!“ (Er wurde wütend.)

„Wo Nachfrage ist, ist auch Markt. Hätten Sie sich nicht eingefunden, – keine vierzig Kopeken hätt’ ich dafür bekommen.“

Ich sagte es zwar ganz ernst, aber innerlich lachte ich, – lachte nicht gerade vor Entzücken, sondern – ja, ich weiß es eigentlich selbst nicht, weshalb ich lachte, jedenfalls aber geriet ich dabei etwas außer Atem.

„Hören Sie,“ wandte ich mich leise an ihn – ich konnte es nicht zurückhalten, was sich mir auf die Lippen drängte, und ich sagte es ganz freundschaftlich zu ihm und hatte ihn dabei sogar furchtbar lieb – „hören Sie, als James Rothschild, der Verstorbene – der Pariser, Sie wissen doch, der eintausendsiebenhundert Millionen Francs hinterlassen hat“ (er nickte mit dem Kopf), „als also dieser James Rothschild – damals war er noch jung – zufällig ein paar Stunden früher als alle anderen von der Ermordung des Herzogs von Berry erfuhr und davon ungesäumt gewissen Leuten Mitteilung machte, verdiente er allein dadurch in wenigen Minuten ein paar Millionen – sehen Sie, so machen es solche Leute!“

„Ja, sind Sie denn Rothschild?“ schrie er mich wütend an, als hätte er es mit einem Narren zu tun.

Ich ließ ihn stehen und ging fort. Ein einziger Schachzug – und ich hatte sieben Rubel fünfundneunzig Kopeken verdient! Gut, sagen wir: es war ein Zufall, ein kindisches Spiel, ich gebe es zu, aber immerhin stimmte dieser „Zufall“ mit meiner Berechnung überein, und da war es nur natürlich, daß er einen ungeheuer tiefen Eindruck auf mich machte ... Übrigens, wozu Gefühle beschreiben? Den Zehnrubelschein hatte ich in meiner Westentasche, ich steckte zwei Finger hinein, um ihn zu befühlen – und so ging ich weiter, ohne die Hand herauszuziehen. Als ich etwa hundert Schritte gegangen war, zog ich den Schein hervor, um ihn zu betrachten: ich besah ihn von allen Seiten und hätte ihn am liebsten geküßt. Da rollte eine Equipage vor das Haus, an dem ich gerade vorübergehen wollte. Der Portier öffnete die Tür, und aus dem Hause trat eine Dame, elegant, jung, schön, in Seide und Samt gekleidet, mit einer fast meterlangen Schleppe – und sie ging an mir vorüber zur Equipage. Plötzlich entglitt ihrer Hand ein entzückendes kleines Ledertäschchen und fiel hin, ohne daß sie es bemerkte: sie stieg ein. Der Diener bückte sich, um das Ding aufzuheben, doch schon war ich hinzugesprungen, hob es auf und reichte es der Dame, indem ich den Hut lüftete. (Ich trug einen Zylinder und war als selbständiger junger Mann gut gekleidet.) Die Dame sagte zurückhaltend, doch mit dem liebenswürdigsten Lächeln: „Merci m’sieu.“ Die Equipage rollte davon. Ich küßte meinen Zehnrubelschein.

III.

Ich mußte an jenem Tage noch unbedingt einen früheren Schulkameraden von mir aufsuchen, einen gewissen Jefim Swerjoff, der schon früher aus dem Gymnasium in Moskau ausgetreten war, um in Petersburg eine höhere Fachschule zu besuchen. Er selbst ist weiter keiner Erwähnung wert, und eigentlich war ich mit ihm auch nichts weniger als befreundet, doch hatte ich ihn trotzdem schon im ersten Monat in Petersburg aufgesucht: er konnte mir (infolge von Umständen, die gleichfalls nicht der Rede wert sind) die Adresse eines gewissen Menschen mitteilen, der mich sehr interessierte, und der bald aus Wilna zurückkehren sollte. Dieser Mensch hieß Krafft. Swerjoff hatte mir vor einiger Zeit mitgeteilt, daß er ihn gerade an jenem Tage oder spätestens am folgenden zurückerwartete. Ich mußte mich nach einem ganz anderen Stadtteil begeben, nach der „Petersburger Seite“, doch legte ich auch diese Strecke wieder zu Fuß zurück und wurde nicht einmal müde. Ich traf ihn (Swerjoff war mit mir in einem Alter, erst neunzehn geworden) auf dem Hof des Hauses seiner Tante, bei der er damals wohnte. Er hatte gerade zu Mittag gegessen und leistete sich das Vergnügen, im Hof auf Stelzen herumzugehen. Er sagte mir sogleich, daß Krafft schon tags zuvor angekommen und in seiner früheren Wohnung auf der Petersburger Seite abgestiegen sei und mich gleichfalls sobald als möglich zu sehen wünsche, da er mir etwas Wichtiges mitzuteilen habe.

„Er muß bald wieder irgendwohin verreisen,“ fügte Jefim noch hinzu.

Da es für mich unter diesen Umständen und noch aus besonderen Gründen von größter Wichtigkeit war, Krafft zu sprechen, so bat ich Jefim, mich sogleich zu ihm zu führen, zumal dessen Wohnung nur ein paar Schritte von dort entfernt war. Doch Jefim erklärte mir darauf, daß er Krafft schon vor einer Stunde getroffen habe: er sei zu Dergatschoff gegangen und werde dort wohl sitzengeblieben sein.

„Gehen wir doch einfach zu Dergatschoff, warum willst du immer nicht? – Hast du Angst?“

In der Tat, Krafft konnte bei Dergatschoff lange sitzenbleiben, und wo sollte ich auf ihn warten? Zu Dergatschoff zu gehen, davor fürchtete ich mich zwar nicht, aber es widerstrebte mir, obwohl es schon das drittemal war, daß Jefim mich hinschleppen wollte. Und dabei hatte er schon jedesmal dieses „hast du Angst?“ mit einem Lächeln angehängt, das mich für feig hielt. Nein, es geschah meinerseits nicht aus Feigheit, das sei vorausgeschickt, doch wenn ich ungern hinging, so hatte das einen ganz anderen Grund. Diesmal aber entschloß ich mich doch, mich hinführen zu lassen. Es war übrigens gleichfalls nicht weit zu gehen. Unterwegs fragte ich Jefim, ob er immer noch die Absicht habe, nach Amerika loszuziehen.

„Vielleicht schiebe ich es auch noch ein bißchen auf,“ erwiderte er mit leichtem Lachen.

Ich hatte ihn nicht sonderlich gern oder, wenn ich ganz aufrichtig sein soll, ich mochte ihn eigentlich gar nicht. Er war für meinen Geschmack gar zu blond, sein Gesicht schon gar zu weiß und rosig, geradezu unpassend zart, als wäre er noch ein Säugling, und dabei war er sogar länger als ich, doch konnte man ihn höchstens für einen Siebzehnjährigen halten. Eine ernste Unterhaltung mit ihm war ganz unmöglich.

„Wer ist denn da alles? Trifft man dort wirklich immer eine ganze Versammlung?“ erkundigte ich mich wissenschaftshalber.

„Warum hast du denn immer Angst?“ fragte er wieder höhnisch.

„Scher’ dich zum Teufel!“ sagte ich ärgerlich.

„Durchaus keine Versammlung. Es kommen nur Bekannte hin, lauter Gesinnungsgenossen, sei beruhigt.“

„Was, zum Teufel, geht das mich an, ob sie Gesinnungsgenossen sind oder nicht! Aber werde auch ich dort Gesinnungsgenosse sein? Woher wissen diese Leute, ob sie mir vertrauen können?“

„Ich bringe dich hin, das genügt. Sie haben aber auch schon von dir gehört. Und Krafft kann ihnen ja auch Auskunft über dich geben.“

„Hör’ mal, wird Wassin dort sein?“

„Das weiß ich nicht.“

„Wenn er da ist, so stoß mich an, sobald wir eintreten, so mit dem Ellenbogen, und zeig ihn mir heimlich, damit ich weiß, welcher es ist. Gleich beim Eintreten, hörst du?“

Von diesem Wassin hatte ich schon viel gehört und interessierte mich schon lange für ihn.

Dergatschoff wohnte in einem kleinen Nebengebäude auf dem Hof eines großen Hauses, das einer Kaufmannsfrau gehörte, doch dafür bewohnte er das Häuschen ganz allein. Es waren dort nur drei Wohnzimmer, und an allen vier Fenstern waren die Stores herabgelassen. Er war Techniker und hatte in Petersburg eine Anstellung, doch wie ich gehört hatte, war ihm eine sehr vorteilhafte Anstellung in der Provinz angeboten worden, und zwar sollte er schon in nächster Zeit Petersburg verlassen.

Kaum waren wir in das kleine Vorzimmer getreten, da hörten wir schon laute Stimmen: man schien heftig zu streiten, und jemand rief: „Quae medicamenta non sanant – ferrum sanat, quae ferrum non sanat – ignis sanat!“

Ich fühlte mich allerdings etwas beunruhigt. Natürlich war ich nicht an Gesellschaft gewöhnt, gleichviel an welch eine. Im Gymnasium hatte ich mit meinen Mitschülern zwar auf du und du gestanden, doch kann ich nicht sagen, daß ich auch nur mit einem von ihnen wirklich Freundschaft geschlossen hätte. Ich hatte mir einen Winkel geschaffen und in diesem Winkel gelebt. Doch nicht das war es, was mich verwirrte: Für alle Fälle nahm ich mir aber fest vor, mich nicht auf einen Meinungsstreit einzulassen und überhaupt nur das Notwendigste zu sprechen, so daß man aus meinen Worten nicht die geringsten Schlüsse auf mich ziehen konnte; vor allen Dingen aber wollte ich mich nicht in ihren Streit hineinziehen lassen.

Im ersten Zimmer, das wirklich schon etwas gar zu klein war, waren sieben Herren anwesend und drei Damen. Dergatschoff war ein Mann von fünfundzwanzig Jahren und verheiratet. Die Schwester der Frau und noch eine Verwandte von ihr lebten gleichfalls bei ihnen. Das Zimmer war nur einfach möbliert, doch ausreichend, und es war sogar sehr sauber. An der einen Wand hing ein Porträt, eine ganz billige Lithographie, und in einer Ecke ein Heiligenbild ohne metallene Bekleidung, doch mit einem brennenden Lämpchen davor. Dergatschoff kam mir entgegen, drückte mir die Hand und bat mich, Platz zu nehmen.

„Setzen Sie sich, wir sind hier ganz unter uns.“

„Seien Sie so freundlich,“ forderte mich sogleich auch eine recht nett aussehende, doch sehr bescheiden gekleidete junge Frau auf, worauf sie nach einem freundlichen Gruß das Zimmer verließ.

Das war Dergatschoffs Frau, die offenbar auch ihre Meinung geäußert hatte und nun fortging, um ihr Kind zu stillen. So blieben nur noch zwei Damen im Zimmer: eine sehr kleine, von etwa zwanzig Jahren, in einem schwarzen einfachen Kleide und gleichfalls nicht häßlich, und die andere von etwa dreißig Jahren, eine hagere Person mit stechenden Augen. Sie saßen ganz still und hörten aufmerksam zu, beteiligten sich aber nicht am Gespräch.

Die Herren standen fast alle, nur Krafft und Wassin saßen, und dann als Dritter auch ich. Auf diese beiden hatte mich Jefim sogleich aufmerksam gemacht; denn auch Krafft sah ich zum erstenmal. Ich stand gleich wieder auf und trat auf ihn zu. Sein Gesicht werde ich nie vergessen: keine Spur von besonderer Schönheit, aber es lag in ihm ein Ausdruck von unendlicher Milde und von fast schon gar zu großem Zartgefühl, obgleich sich dabei doch in allem persönliche Würde bemerkbar machte. Er mochte ungefähr sechsundzwanzig Jahre alt sein, war ziemlich mager, über mittelgroß, blond, mit einem ernsten, doch weichen Gesicht. In allem an ihm war gleichsam eine große Stille. Indessen – so sonderbar das sein mag – ich hätte mein vielleicht sehr nichtssagendes Gesicht doch nicht gegen sein Gesicht, das mir so anziehend erschien, eingetauscht. Es lag etwas in seinem Gesicht, was ich in meinem Gesicht nicht hätte haben wollen, etwas denn doch schon gar zu Ruhiges im ethischen Sinne, etwas von der Art eines heimlichen, sich selbst unbewußten Stolzes. Übrigens habe ich damals gewiß noch nicht so eingehend urteilen können: es scheint mir wohl nur jetzt so, als hätte ich das alles schon bei der ersten Begegnung herausgefühlt, jetzt, nach dem Geschehnis.

„Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind,“ sagte Krafft zu mir. „Ich habe einen Brief, der Sie angeht. Wir können noch eine Weile hierbleiben, dann kommen Sie mit zu mir.“

Dergatschoff war mittelgroß von Wuchs, breitschulterig, kräftig, brünett und trug einen großen Bart. Aus seinen Augen sprach einsichtsvoller Verstand und Scharfblick, doch vor allem Zurückhaltung, die förmlich wie eine gewisse unablässige Vorsicht anmutete. Obschon er größtenteils schwieg, war er derjenige, der die ganze Unterhaltung leitete. Wassins äußere Erscheinung machte auf mich keinen gerade überraschenden Eindruck, was mich eigentlich ein wenig wunderte, da ich von ihm schon als von einem ungeheuer klugen Menschen hatte reden hören: er war blond, hatte große hellgraue Augen, ein sehr offenes Gesicht, in dem gleichzeitig ein Ausdruck von etwas vielleicht gar zu großer Charakterfestigkeit lag. Man merkte es ihm an, daß er wenig mitteilsam war, aber seine Augen verrieten Klugheit; sie waren sogar klüger als die Dergatschoffs und auch tiefer, – er hatte die klügsten Augen von allen Anwesenden. Doch übrigens – vielleicht übertreibe ich hier etwas. Von den übrigen sind mir nur noch zwei im Gedächtnis geblieben: ein langer brünetter Mensch mit einem dunklen Backenbart, etwa siebenundzwanzig Jahre alt, der Lehrer oder etwas Ähnliches war; und dann noch ein junger Bursche, ungefähr in meinem Alter, in einer russischen Bluse, mit faltigem Gesicht, einer von den Schweigsamen, die mit großem Interesse zuzuhören verstehen. Später stellte sich auch heraus, daß er ein Bauernsohn war.

„Nein, das ist nicht so aufzufassen,“ begann der Lehrer mit dem schwarzen Backenbart, der sich von allen am meisten ereiferte, indem er offenbar die Diskussion, die durch uns unterbrochen worden war, wieder aufnahm. „Von den mathematischen Beweisen will ich weiter nicht reden, aber diese Idee, an die zu glauben ich auch ohne mathematische Beweise gern bereit bin ...“

„Warte mal, Tichomiroff,“ unterbrach ihn Dergatschoff mit ruhig-lauter Stimme, „die Eingetretenen wissen noch gar nicht, wovon die Rede ist. Wir streiten hier über eine Ansicht,“ wandte er sich plötzlich an mich ganz allein (und ich muß gestehen, wenn er mich als Neuling examinieren und zum Sprechen bringen wollte, so war das sehr geschickt von ihm angefangen; ich fühlte dies denn auch sogleich heraus und wappnete mich) – „über eine Ansicht dieses Herrn Krafft, dessen Charakter und Anschauungen wir alle schon kennen, ebenso wie seine Gewissenhaftigkeit, mit der er prüft, bevor er urteilt. Er ist nun infolge eines ganz gewöhnlichen Faktums zu einem so ungewöhnlichen Schluß gekommen, daß er uns alle damit in Erstaunen gesetzt hat. Er hat, wie gesagt, aus dem von ihm gesammelten Material den Schluß gezogen, daß das russische Volk ein Volk zweiten Ranges sei ...“

„Dritten Ranges!“ rief jemand dazwischen.

„... ein Volk zweiten Ranges, das bestimmt ist, nur als Material für eine edlere Rasse zu dienen, nicht aber eine selbständige Rolle in den Geschicken der Menschheit zu spielen. Und in Erwägung dieses vielleicht auch ganz richtigen Schlusses ist Herr Krafft zu der weiteren Folgerung gelangt, daß durch eben diese Idee oder Erkenntnis jeder fernere Tatendrang in uns Russen paralysiert werden müsse, also mit anderen Worten, uns allen müßten die Hände einfach herabsinken ...“

„Erlaub’, Dergatschoff, das ist nicht so aufzufassen,“ unterbrach ihn ungeduldig wieder jener mit dem Backenbart – Tichomiroff hieß er (und Dergatschoff überließ ihm auch sogleich das Wort). „In Anbetracht dessen, daß Krafft ernsthafte Studien gemacht, seine Schlüsse auf Grund physiologischen Wissens gezogen hat, weshalb er sie auch für mathematisch richtig anerkennt, und so vielleicht ganze zwei Jahre Studium seiner Idee geopfert hat (die ich mit der größten Ruhe auch a priori als bewiesen angenommen hätte) – in Anbetracht dessen, sage ich, das heißt also, wenn man in Betracht zieht, wie sehr ihn diese Sache aufgeregt und wie ernst er sie genommen hat, müssen wir sie als ein Phänomen auffassen, das von uns als solches untersucht werden will. Es ergibt sich nämlich aus dem Ganzen eine Frage, die Krafft nicht verstehen kann, und eben das ist es, womit man sich beschäftigen muß, also mit Kraffts Unfähigkeit, sie zu verstehen; denn eben diese seine Unfähigkeit ist das Phänomen. Jetzt heißt es: entscheiden, ob dieses Phänomen in die Klinik gehört, als ein Fall, der in seiner Art einzig dasteht, oder ob es nur der Ausdruck einer Eigenschaft ist, die sich normalerweise auch bei anderen vorfinden kann. Das festzustellen dürfte schon im Hinblick auf die allgemeine Sache von Interesse sein. Was dabei Rußland betrifft, so glaube ich ihm gern, was er sagt, ja, ich kann sogar gestehen, daß es mich beinahe freut; denn wenn alle sich diese Auffassung zu eigen machten, würde sie uns die Hände entfesseln und viele von ihrem patriotischen Vorurteil befreien ...“

„Ich habe nicht aus Patriotismus gesprochen,“ bemerkte Krafft müde, gleichsam schwerfällig und mit Widerwillen.

Alle diese Debatten waren ihm, glaube ich, sehr unangenehm.

„Aus Patriotismus oder nicht, das kommt hier nicht in Frage,“ brummte Wassin vor sich hin, womit er zum erstenmal sein Schweigen brach.

„Aber inwiefern, bitte mir das zu sagen, inwiefern kann denn Kraffts Vernunftschluß einen abhalten, für die Sache der Allmenschheit zu wirken?“ schrie der Lehrer (nur er allein ereiferte sich so, alle anderen sprachen ruhig). „Mag Rußland zur Zweitrangigkeit verurteilt sein, man kann doch auch nicht nur für Rußland allein arbeiten! Und überdies, wie kann Krafft ein Patriot sein, wenn er schon aufgehört hat, an Rußland zu glauben?“

„Zudem ist er ja auch noch ein Deutscher,“ ertönte wieder die Stimme, die schon einmal dazwischengerufen hatte.

„Ich bin – Russe,“ sagte Krafft.

„Nein, das gehört nicht zur Sache, wenigstens nicht direkt,“ bemerkte Dergatschoff zu dem gewandt, der die Zwischenbemerkung gemacht hatte.

„Treten Sie aus der Enge Ihrer Idee heraus,“ fuhr Tichomiroff fort, ohne auf irgendwelche Zwischenrufe zu achten, „wenn Rußland nur das Material für edlere Völker ist, ja warum soll es dann nicht als Material dazu dienen? Das ist doch, meiner Meinung nach, eine immer noch ganz ansehnliche Rolle. Weshalb also soll man sich nicht, im Hinblick auf die Erweiterung der Aufgabe, mit dieser Idee zufrieden geben? Die Menschheit steht am Vorabend ihrer Wiedergeburt, die schon begonnen hat. Die Aufgabe, die vor uns liegt und unserer harrt, können nur Blinde nicht erkennen. So laßt doch Rußland Rußland sein, wenn ihr den Glauben daran verloren habt, und arbeitet für das Zukünftige, – für das zukünftige, uns noch unbekannte Volk, das aus der ganzen Menschheit hervorgehen wird, ohne Unterschied der Rassen. Sowieso wäre Rußland einmal doch gestorben; selbst die begabtesten Völker leben im ganzen nur anderthalb, höchstens zwei Jahrtausende; ist es da nicht ganz gleich, ob es nun zweitausend oder zweihundert Jahre sind? Die Römer haben nicht einmal anderthalb Jahrtausende als geschlossenes Volk gelebt und haben sich dann gleichfalls in Material verwandelt. Römer gibt es schon lange nicht mehr, aber sie haben eine Idee hinterlassen, und diese ist als Element späterhin in die Geschicke der Menschheit übergegangen. Wie kann man also einem Menschen sagen, daß es nichts zu tun gebe? Ich, für meine Person, kann mir ein Leben, in dem es nichts zu tun gibt, in dem Schaffen keinen Sinn hätte, überhaupt nicht vorstellen! So arbeitet für die Menschheit, und wegen des übrigen macht euch keine Sorgen. Arbeit aber gibt es so viel, daß das Leben nicht ausreicht, wenn man sich nur mal aufmerksam umschaut!“

„Man muß nach dem Gesetz der Natur und der Wahrheit leben,“ sagte hinter der Tür Frau Dergatschoff. Die Tür war nicht ganz geschlossen, und durch den Spalt sah man sie stehen, das Kind an der Brust, die sie bedeckt hatte, und mit brennendem Anteil lauschend.

Krafft hörte mit einem halben Lächeln zu, schließlich sagte er mit einem etwas müden, gequälten Ausdruck, doch übrigens mit tiefer Aufrichtigkeit:

„Ich verstehe nicht, wie man, wenn man unter dem Einfluß eines herrschenden Gedankens steht, dem sich unser Verstand und Herz vollkommen unterworfen haben, dann noch für etwas anderes, das außerhalb dieses Gedankens liegt, leben kann.“

„Aber wenn man Ihnen doch logisch und mathematisch beweist, daß Ihr Vernunftschluß falsch ist, daß der ganze Gedanke falsch ist, daß Sie nicht das geringste Recht haben, sich von der allgemeinen nutzbringenden Tätigkeit auszuschließen, nur weil Rußland vorherbestimmtermaßen zweitrangig ist! Wenn man Sie darauf hinweist, daß an Stelle des alten engen Horizonts die Unendlichkeit sich vor Ihnen auftut, daß an Stelle der engen Idee des Patriotismus ...“

„Ach!“ fiel ihm Krafft mit einer müden Handbewegung ins Wort, „ich sagte Ihnen doch schon, daß Patriotismus hiermit nichts zu tun hat.“

„Hier liegt augenscheinlich ein Mißverständnis vor,“ mischte sich plötzlich Wassin ein. „Der Irrtum besteht darin, daß Krafft nicht nur einen logischen Schluß verficht, sondern einen Schluß, der für ihn sozusagen zu einem Gefühl geworden ist. Nicht alle Naturen sind von gleicher Art; bei vielen verwandelt sich ein logischer Schluß tatsächlich in das stärkste Gefühl, das ihr ganzes Wesen ergreift und beherrscht, und dies Gefühl zu bannen oder zu verändern, ist nicht leicht. Um einen solchen Menschen zu heilen, müßte man eben dieses Gefühl ändern, was nur möglich ist, wenn man es durch ein gleichstarkes anderes Gefühl ersetzen kann. Das ist unter allen Umständen schwer, in vielen Fällen aber einfach unmöglich.“

„Falsch!“ rief wieder der Lehrer, „der logische Schluß hebt schon an und für sich alle Vorurteile auf. Eine vernünftige Überzeugung gebiert dasselbe Gefühl, das heißt, nicht gerade dasselbe, sondern ein gleichwertiges, gleichstarkes. Der Gedanke geht aus dem Gefühl hervor, und sobald er vom Menschen Besitz ergriffen hat, erzeugt er seinerseits ein neues Gefühl!“

„Die Menschen sind sehr verschieden: einige ändern ihre Gefühle leicht, andere schwer,“ entgegnete Wassin ablenkend, als wolle er den Streit nicht fortsetzen; mich aber hatte seine Auffassung schon förmlich begeistert.

„So ist’s, geradeso wie Sie es sagen!“ wandte ich mich plötzlich an ihn, indem ich mit einemmal das Schweigen brach und zu sprechen begann, als hätte ich nie einen Vorsatz gefaßt. „Sie haben recht, man muß das eine Gefühl durch ein anderes ersetzen, um das erste überwinden zu können. In Moskau lebte, es sind jetzt vier Jahre her, ein General ... Sehen Sie, meine Herren, ich habe ihn zwar nicht gekannt, aber ... Vielleicht hat er auch so als Mensch gar keine besondere Beachtung verdient ... Und außerdem kann einem der ganze Vorfall, genau genommen, als ein Beispiel von Unverstand erscheinen, aber ... Übrigens, sehen Sie, er verlor ein Kind oder vielmehr zwei, zwei kleine Mädchen, beide starben kurz nacheinander, beide am Scharlach ... Und was glauben Sie, das hat ihn so erschüttert, daß er sich nicht mehr aufzuraffen vermochte, er grämte sich und grämte sich, und sah bald so aus, daß man ihn nicht ansehen konnte, – und es endete damit, daß er starb, nach Verlauf kaum eines halben Jahres. Daß er wirklich nur deshalb gestorben ist, das ist Tatsache! Wodurch, fragt es sich nun, hätte man ihn wieder aufrichten können? Antwort: durch ein gleichstarkes Gefühl! Man hätte also diese beiden kleinen Mädchen herausgraben und ihm lebendig wiedergeben müssen – das war’s, das heißt, nur bildlich gesprochen. Und da das nicht anging, starb er eben. Indessen aber – was hätte man ihm da nicht alles für wunderschöne Schlüsse vorhalten können: daß das Leben vergänglich ist, und daß wir alle einmal sterben müssen, ja man hätte ihm sogar aus dem Kalender die Statistik vorlesen können, wieviel Kinder jährlich am Scharlach sterben, und so weiter ... Er war General außer Dienst ...“

Ich stockte, fast außer Atem, und sah mich im Kreise um.

„Aber das ist doch etwas ganz anderes,“ sagte irgend jemand.

„Die von Ihnen angeführte Tatsache entspricht zwar nicht ganz dem in Frage stehenden Fall, aber sie hat doch Ähnlichkeit mit ihm und erklärt die Sache anschaulicher,“ sagte Wassin, sich zu mir wendend.

IV.

Hier muß ich nun bekennen, weshalb mich Wassins Argument von der Idee, die zum Gefühl wird, so begeisterte, und gleichzeitig will ich etwas gestehen, dessen ich mich höllisch schämen muß.

Ja, ich hatte wirklich Angst gehabt, zu Dergatschoff zu gehen, wenn auch nicht aus dem Grunde, den Jefim annahm. Ich hatte Angst und hatte mich schon in Moskau vor ihnen gefürchtet. Ich wußte, daß sie (das heißt, ob es nun gerade diese oder andere waren, bleibt sich gleich, ich meine nur Leute von ihrer Art) – daß sie Dialektiker waren und mir womöglich meine „Idee“ in Trümmer schlagen konnten. Zwar glaubte ich fest an mich selbst, und daß ich ihnen meine Idee mit keiner Silbe verraten würde; aber schließlich könnten sie mir (das heißt wieder, sie oder ihresgleichen) irgend etwas sagen, was vielleicht ohne ihr Wissen einen solchen Eindruck auf mich machte, daß ich dann selbst und ohne fremden Beistand meine Illusionen über meine Idee zerstörte; und eine solche Ernüchterung war jederzeit möglich, auch wenn ich, getreu meinem Vorsatz, kein Wort über meine Idee verlauten ließ. In meiner „Idee“ gab es Fragen, auf die ich noch keine Antwort gefunden hatte, aber ich wollte nicht, daß ein anderer für mich das Beantworten übernahm. In den letzten zwei Jahren hatte ich sogar das Bücherlesen aufgegeben, weil ich fürchtete, auf eine Stelle zu stoßen, die nicht zugunsten meiner Idee sprach und mich vielleicht wankend machen konnte. Und da hatte nun Wassin mit einem Satz das ganze Problem gelöst und mich beruhigt, – ich meine, im höheren Sinne beruhigt. In der Tat, was hatte ich denn gefürchtet, und was konnten sie mir mit ihrer ganzen Dialektik schließlich anhaben? Ich war dort vielleicht der einzige unter ihnen allen, der überhaupt begriff, was Wassin mit dieser „Idee, die zum Gefühl wird“, oder sagen wir, mit dem „Ideegefühl“, gemeint hatte. Es genügt noch nicht, daß man die uns beherrschende Idee widerlegt, man muß einen Ersatz für sie bieten, muß sie gegen etwas ebenso Großes eintauschen können; anderenfalls widerlege ich in meinem Herzen, da ich um keinen Preis meine Gefühle hergeben will, alles, was sie dort an Widerlegungen vorbringen, selbst wenn ich dabei meine Logik vergewaltigen muß. Was aber konnten sie mir als Ersatz anbieten? Deshalb hätte ich mutiger sein können, ja, es wäre sogar meine erste Pflicht gewesen, männlicher zu sein. So fühlte ich mich, während mich Wassins Idee begeisterte, tief innerlich doch beschämt und kam mir vor wie ein unmündiges Kind.

Und dann hatte ich mich noch aus einem anderen Grunde zu schämen. Nicht der erbärmliche Wunsch, mich mit meinem Verstande hervorzutun, hatte mich zum Sprechen veranlaßt, sondern vielmehr das Verlangen, mich ihnen an den Hals zu werfen. Dieses Verlangen, mich anderen „an den Hals zu werfen“, damit sie mich für gut und klug und Gott weiß was noch alles hielten (kurz, irgend so eine Schweinerei), halte ich für das Schmählichste und Ekelhafteste, dessen ich mich zu schämen habe. Ich hatte es schon lange geahnt, oder richtiger, mich selbst dieses Verlangens verdächtigt, und ich wußte auch damals schon, daß der Keim desselben in jenem „Winkelleben“, das ich solange geführt habe – was ich übrigens gar nicht bereue – zu suchen war. Ich wußte, daß ich unter Menschen verschlossener sein mußte. Aber nach jedem mich beschämenden Ausfall meinerseits konnte ich mich immer noch damit trösten, daß meine „Idee“ mir doch als mein unangetastetes geheimstes Eigentum verblieb, daß ich sie nicht preisgegeben, nicht verraten hatte. Mit Bangen versuchte ich zuweilen, mir vorzustellen, wie das wäre, wenn ich einmal einem anderen Menschen meine Idee schon verraten hätte: dann würde ich plötzlich nichts Eigenes mehr haben, dann würde ich plötzlich ganz so sein wie alle anderen, würde mich durch nichts mehr von ihnen unterscheiden und würde vielleicht auch die ganze Idee alsdann aufgeben. Deshalb hütete ich sie wie mein Kleinod und wußte mich mit ihr nur in der Einsamkeit sicher, und deshalb – deshalb zitterte ich davor, daß ich zum Reden und Schwatzen gebracht werden könnte. Und da hatte ich nun bei Dergatschoff, also schon bei der ersten Versuchung, nicht standzuhalten vermocht! Verraten hatte ich meine Idee freilich nicht, aber geschwatzt hatte ich doch in geradezu schmählicher Weise. Und das Ergebnis davon war natürlich eine beschämende Schlappe. Scheußliche Erinnerung! Nein, ich darf nicht mit Menschen zusammen leben. Das ist auch heute noch meine Meinung, und die werde ich nicht ändern; ich sage das für vierzig Jahre im voraus. Meine Idee ist gleichbedeutend mit einem Leben im Winkel. Meine Idee ist eins mit – Einsamkeit.

V.

Kaum hatte Wassin mir beigepflichtet, da erfaßte mich auch schon das unbezwingliche Verlangen, zu sprechen.

„Meiner Meinung nach hat jeder Mensch das Recht, seine Gefühle zu haben ... wenn sie auf seiner Überzeugung beruhen ... und – ohne daß jemand ihm ihretwegen Vorwürfe machen dürfte,“ wandte ich mich an Wassin. Ich sprach es zwar ganz verwegen aus, aber es war mir doch, als sei nicht ich es, der da sprach, und als bewege sich eine fremde Zunge in meinem Munde.

„Meinen Sie?“ fragte sogleich mit gedehnter Ironie dieselbe Stimme, die Dergatschoff unterbrochen und Krafft gesagt hatte, er sei ein Deutscher. Da ich ihn für ein ganz nichtswürdiges Subjekt hielt, wandte ich mich an den Lehrer, als hätte er gefragt.

„Es ist meine Überzeugung, daß ich niemanden richten darf,“ sagte ich, zitternd vor innerer Erregung; denn ich fühlte schon, daß meine Zurückhaltung nur noch von kürzester Dauer sein konnte.

„Weshalb denn so bescheiden?“ ertönte wieder die Stimme des Nichtswürdigen.

„Jeder hat seine Idee,“ sagte ich, immer noch zum Lehrer gewandt, den ich scharf ins Auge faßte, während dieser ruhig schwieg und mich mit einem Lächeln betrachtete.

„Und Ihre wäre?“ fragte wieder der Nichtswürdige.

„Das zu erzählen würde zu viel Zeit kosten ... Aber zum Teil besteht meine Idee gerade darin, daß man mich in Ruh’ lassen soll. Solange ich noch zwei Rubel in der Tasche habe, will ich von keinem anderen abhängig sein (beunruhigen Sie sich nicht, ich kenne die Erwiderungen), und solange will ich auch nichts tun, – nicht einmal für jene gepriesene zukünftige Menschheit, für die zu arbeiten Sie Herrn Krafft aufforderten. Persönliche Freiheit, das heißt, ich rede nur von meiner eigenen, ist für mich die erste Bedingung, alles andere geht mich nichts an.“

Mein Fehler war nur der, daß ich mich ärgerte.

„Sie predigen also die Ruhe einer satten Kuh?“

„Meinetwegen. Eine Kuh beleidigt nicht. Ich bin keinem Menschen etwas schuldig, ich zahle dem Staat oder der Gesellschaft in Form von Steuern die Entschädigung dafür, daß man mich nicht bestiehlt, nicht verprügelt, nicht totschlägt, mehr aber darf niemand von mir verlangen. Vielleicht bin ich für mich persönlich auch anderer Meinung und will der Menschheit dienen, und werde es auch wirklich, und das vielleicht noch zehnmal mehr, als diese Prediger allesamt. Ich will aber in erster Linie, daß niemand von mir das zu fordern sich unterstehen darf, wie vor ein paar Augenblicken von Herrn Krafft. Es soll mein freier Wille sein, ob ich was tue oder nicht, und daß ich, wenn ich nicht will, nicht einen Finger zu rühren brauche. Aber herumzulaufen und vor lauter Liebe zur Menschheit allen um den Hals zu fallen und vor Rührung in Tränen zu zerfließen – das ist jetzt nur so Mode. Ja, warum soll ich denn unbedingt meinen Nächsten lieben oder da Ihre zukünftige Menschheit, die ich nie sehen werde, die von mir nichts wissen wird und die, wenn an sie die Reihe kommt, ebenfalls spurlos vergehen wird, ohne irgendwelche sichtbare Erinnerung zu hinterlassen (die Zeit spielt hierbei gar keine Rolle), wenn die Erde sich zuletzt in einen Eisblock verwandelt und im luftleeren Raum mit einer unendlichen Anzahl ganz genau solcher Eisblöcke herumfliegen wird, das heißt also, wenn etwas dermaßen Sinnloses geschieht, wie man sich Sinnloseres gar nicht mehr vorstellen kann. Da haben Sie Ihre ganze Lehre! So sagen Sie mir doch, warum soll ich denn unbedingt edel sein, und noch dazu, wenn doch alles nur eine Minute dauert?“

„Bah!“ ließ sich wieder die Stimme vernehmen.

Ich hatte das alles nervös und geärgert hervorgestoßen, als hätte ich alle Stricke mit einem Ruck zerrissen. Ich fühlte und wußte, daß ich, bildlich gesprochen, in eine Grube fiel, aber ich hielt mich nicht zurück, im Gegenteil, ich drängte mich vorwärts, ich überstürzte mich, denn ich fürchtete, unterbrochen zu werden. Ich fühlte es ja selbst nur zu gut, daß ich alles das wie durch ein Sieb aus mir herausschüttete, ohne Zusammenhang, ohne darauf zu achten, daß ich vom Hundertsten ins Tausendste geriet, aber es drängte mich, und ich beeilte mich, sie zu überzeugen, sie alle zu besiegen. Das war so wichtig für mich! Ich hatte mich drei Jahre lang vorbereitet! Eines war aber dabei doch bemerkenswert: sie verstummten plötzlich alle, ja, sie erwiderten so gut wie nichts, sondern hörten nur zu. Ich fuhr fort, und wieder wandte ich mich an den Lehrer.

„Ja. Ein äußerst kluger Mensch hat einmal unter anderem gesagt, daß nichts schwerer sei, als auf die Frage zu antworten: ‚Warum soll ich unbedingt edel sein?‘ Sehen Sie, es gibt drei Arten Schufte in der Welt: erstens die naiven Schufte – das sind die, die überzeugt sind, daß ihre Schuftigkeit der höchste Edelmut sei; zweitens die verschämten Schufte – das sind die, die sich der eigenen Schuftigkeit zwar schämen, dabei aber doch bei ihrer Schuftigkeit unbedingt verharren. Und schließlich einfach Schufte, sagen wir: echte Schufte oder Vollblutschufte. Erlauben Sie: ich hatte einen Schulkameraden, einen gewissen Lambert, der sagte mir mal, als er erst sechzehnjährig war, daß er, sobald er mit seiner Mündigkeit sein Erbe erhalte, als größtes Vergnügen sich die Wonne leisten werde, Hunde mit Brot und Fleisch zu füttern, wenn die Kinder der Armen Hungers sterben; und wenn sie nichts hätten, womit sie ihre Öfen heizen könnten, werde er einen ganzen Holzhof kaufen, das Holz auf freiem Felde aufstapeln und das Feld heizen, den Armen aber werde er kein Scheit geben. Das waren seine Gefühle! Nun sagen Sie mir, bitte, was ich einem solchen echten Schuft auf die Frage, warum er denn unbedingt edel sein müsse, antworten könnte? Und das noch dazu jetzt, in unserer Zeit, in der Sie doch alles so entstellt haben, daß man überhaupt nicht mehr weiß, woran man sich halten soll, denn etwas Schlimmeres als das, was jetzt ist, hat es noch nie gegeben. Ja, meine Herren, ich kann wohl sagen, daß in unserer Gesellschaft heute nichts weniger als Klarheit herrscht. Sie leugnen doch Gott, Sie leugnen den Tatendrang, – ja, was für eine taube, blinde, stumpfe Macht kann mich dann dazu bewegen, so zu handeln, wenn es für mich anders vorteilhafter ist? Sie sagen: ein vernünftiges Verhältnis zur Menschheit sei auch für mich am vorteilhaftesten. Aber wenn mir nun diese Vernünftigkeit als Unvernunft erscheint, alle diese Kasernen und Phalansterien? So hol’ sie doch der Teufel, was gehen sie mich an, sie, wie die ganze Zukunft überhaupt, wenn ich im ganzen nur ein einziges Mal auf der Welt lebe! Erlauben Sie mir, selbst besser zu wissen, was für mich am vorteilhaftesten ist, – so hat man auch mehr davon. Was geht es mich an, was nach tausend Jahren mit dieser Ihrer Menschheit sein wird, wenn mir für das, was Sie ‚vernünftiges Verhältnis zur Menschheit‘ nennen, nach Ihrem Kodex weder Liebe, noch ein Jenseits, noch die Anerkennung, daß ich eine große Tat vollbracht, zuteil wird? Nein, ich danke, wenn das so ist. Da werde ich doch lieber in der rücksichtslosesten Weise nur für mich leben, und die übrigen mag meinetwegen der Teufel holen!“

„Ein prachtvoller Wunsch!“

„Übrigens bin ich jederzeit bereit, mit von der Partie zu sein.“

„Noch besser!“ (Immer dieselbe Stimme.)

Die anderen schwiegen nach wie vor und musterten mich mehr oder weniger unverhohlen; doch schon glaubte ich, irgendwoher ein Kichern zu vernehmen, allerdings leise noch, aber sie grinsten mir alle ganz offen ins Gesicht. Nur Wassin und Krafft taten es nicht. Jener mit dem schwarzen Backenbart lächelte gleichfalls; dabei sah er mich die ganze Zeit unausgesetzt an und hörte aufmerksam zu.

„Meine Herren,“ fuhr ich fort, und ich zitterte schon am ganzen Körper, „glauben Sie nicht, daß ich Ihnen meine Idee preisgeben werde, das tue ich um nichts in der Welt. Aber ich werde Sie dafür von Ihrem Standpunkte aus fragen – glauben Sie nicht, ich fragte von meinem eigenen aus, denn ich liebe die Menschheit vielleicht tausendmal mehr, als Sie alle zusammengenommen! So sagen Sie mir doch – und Sie müssen mir jetzt Rede stehen, Sie sind verpflichtet, mir zu antworten, weil Sie lachen, – sagen Sie: Wodurch wollen Sie mich gewinnen, wodurch mich verlocken, daß ich mich Ihnen anschließe? Sagen Sie doch, womit Sie mir beweisen wollen, daß es bei Ihnen besser sein werde? Was werden Sie denn in Ihrer Kaserne mit dem Protest meiner Persönlichkeit anfangen? Ich habe, meine Herren, schon lange den Wunsch gehabt, mit Ihnen einmal zusammenzukommen. Sie werden dort in Ihrer Zukunft Kasernenbauten, gemeinsame Wohnungen, stricte nécessaire, Atheismus und gemeinsame Frauen ohne Kinder haben, – das ist doch Ihr Finale, ich weiß es ja schon. Und für ein solches Leben, für dies bißchen Durchschnittsvorteil, den mir Ihre Vernünftigkeit sicherstellt, für einen satten Magen und ein warmes Zimmer – dafür fordern Sie von mir als Preis meine ganze Persönlichkeit! Erlauben Sie: nehmen wir an, ein anderer nimmt mir dort meine Frau fort: wollen Sie mir dann auch meine Persönlichkeit so weit nehmen, daß ich dem Gegner nicht den Schädel einschlagen darf? Sie werden mir jetzt darauf erwidern, ich würde dort schon ganz von selbst um so viel vernünftiger werden, daß ich unter diesen Umständen gar nicht mehr ein solches Verlangen verspüren könnte. Aber was wird denn die Frau zu einem so vernünftigen Manne sagen, wenn sie auch nur ein Atom von Selbstachtung hat? Das ist doch widernatürlich! Schämen sollten Sie sich!“

„Sie sind wohl, was Frauen betrifft – Spezialist?“ ertönte geradezu schadenfroh wieder die Stimme des Nichtswürdigen.

Einen Moment war ich im Begriff, mich auf ihn zu stürzen und meine Fäuste zu gebrauchen. Er war klein von Wuchs, rothaarig, mit Sommersprossen ... Übrigens zum Teufel mit seinem ganzen Äußeren!

„Beruhigen Sie sich, ich habe noch nie ein Weib gekannt,“ versetzte ich schneidend, indem ich mich zum erstenmal an ihn wandte.

„Ein kostbares Bekenntnis, nur hätte es im Hinblick auf die anwesenden Damen etwas rücksichtsvoller ausfallen können!“

Doch da gerieten plötzlich alle in Bewegung: man griff nach den Hüten und brach auf – natürlich nicht meinetwegen, sondern einfach, weil es für sie alle an der Zeit war. Aber das Beschämende, das in ihrem schweigenden Verhalten zu mir lag, empfand ich bis zur Pein. Ich sprang natürlich sofort auf, um mich gleichfalls zu verabschieden.

„Erlauben Sie einstweilen, daß ich mich nach Ihrem Namen erkundige; Sie haben mich die ganze Zeit angesehen,“ sagte da der Lehrer, indem er mit dem gemeinsten Lächeln auf mich zutrat.

„Dolgoruki.“

„Fürst Dolgoruki?“

„Nein, einfach Dolgoruki, gesetzlich der Sohn des ehemaligen Leibeigenen Makar Dolgoruki, und in Wirklichkeit der uneheliche Sohn meines früheren Gutsherrn Werssiloff. – Beunruhigen Sie sich nicht, meine Herren: ich sagte das durchaus nicht, damit Sie mir gleich um den Hals fallen und wir alle vor lauter Rührung wie die Kälber zu heulen anfangen!“

Schallendes, ungeniertestes Gelächter war die Antwort, so daß der im Nebenzimmer eingeschlafene Säugling aufwachte und mit schwachem Stimmchen zu schreien begann. Ich bebte vor Wut. Alle drückten sie Dergatschoff die Hand und entfernten sich, ohne mich überhaupt noch zu beachten.

„Gehen wir,“ sagte Krafft, und er berührte mich am Arm. Ich trat auf Dergatschoff zu und drückte ihm aus aller Kraft die Hand und schüttelte sie außerdem noch ein paarmal gleichfalls aus aller Kraft.

„Entschuldigen Sie, daß Kudrjumoff (so hieß der Rothaarige) Sie die ganze Zeit gekränkt hat,“ sagte Dergatschoff zu mir.

Ich folgte Krafft, der schon hinaustrat. Ich schämte mich nicht im geringsten.

VI.

Selbstverständlich ist zwischen dem Menschen, der ich damals war, und dem, der ich jetzt bin, ein unermeßlicher Unterschied.

Als ich hinaustrat, fuhr ich noch fort, ‚mich nicht im geringsten zu schämen‘, und holte auf der Treppe Wassin ein, während ich Krafft, der mich im Augenblick weniger interessierte, vorausgehen ließ. Und als wäre nichts vorgefallen, fragte ich Wassin mit der unbefangensten Miene der Welt:

„Ich glaube, Sie kennen meinen Vater, ich meine Werssiloff?“

„Ich bin eigentlich nicht gerade bekannt mit ihm,“ antwortete mir Wassin sogleich mit größter Bereitwilligkeit (und ohne die geringste Spur von jener kränkenden, ganz besonderen Höflichkeit, die sonst zartfühlende Leute an den Tag zu legen pflegen, wenn sie mit einem, der sich gerade blamiert hat, sprechen müssen) „– aber ich kenne ihn immerhin ein wenig: ich bin mit ihm zusammengekommen und habe ihn reden hören.“

„Nun, dann kennen Sie ihn natürlich, denn Sie – sind eben Sie! Was halten Sie von ihm? Verzeihen Sie meine vorschnelle Frage, aber ich muß es wissen. Gerade wie Sie über ihn denken, gerade Ihre Meinung ist für mich von größter Wichtigkeit.“

„Sie fragen etwas viel auf einmal. Ich glaube, dieser Mensch ist fähig, ungeheure Anforderungen an sich selbst zu stellen und sie vielleicht auch zu erfüllen, – nur ist er ein Mensch, der keinem Rechenschaft gibt.“

„Das ist richtig, das ist sehr richtig, er ist wirklich ein sehr stolzer Mensch! Aber ist er auch ein reiner Mensch? Hören Sie, was halten Sie von seinem Katholizismus? Übrigens, ich vergaß, Sie wissen vielleicht noch nichts davon ...“

Wenn ich nicht so erregt gewesen wäre, hätte ich ihn wohl nicht so überrumpelt mit meinen Fragen, wenigstens ihn nicht so blindlings mit ihnen angerannt, zumal ich doch nur durch andere von ihm gehört, aber noch nie persönlich mit ihm gesprochen hatte. Es wunderte mich nur, daß Wassin meine Verrücktheit gar nicht zu bemerken schien.

„Ich habe allerdings davon gehört, nur weiß ich nicht, wieviel daran Wahres ist,“ antwortete er ebenso ruhig und in ganz demselben Ton, wie er vorher gesprochen hatte.

„Nichts! Kein Wort! – glauben Sie mir. Das ist einfach eine Verleumdung! Hielten Sie es denn wirklich für möglich, daß er an Gott glauben könnte?“

„Er ist ... ein sehr stolzer Mensch, wie Sie soeben selbst sagten, viele aber von diesen sehr Stolzen lieben es, an einen Gott zu glauben, besonders diejenigen, die für die übrigen Menschen eine gewisse Verachtung empfinden. Viele starke Menschen haben, wie mir scheint, geradezu ein natürliches Bedürfnis, jemand oder etwas zu finden, vor dem sie sich beugen können. Für einen starken Menschen ist es oft sehr schwer, seine eigene Stärke zu ertragen.“

„Hören Sie, das ist, glaube ich, eine grandiose Wahrheit!“ rief ich wieder ganz begeistert aus, „nur begreife ich nicht ...“

„Der Grund ist hier doch ziemlich klar: sie wählen Gott, um sich nicht vor Menschen zu beugen; – natürlich ohne selbst zu ahnen, was sie innerlich dazu bewegt. Vor Gott sich zu beugen, ist für ihren Stolz nicht so erniedrigend. Man kann wohl sagen, daß aus ihrer Mitte die inbrünstigsten Gläubigen hervorgehen – oder richtiger: solche, die den inbrünstigsten Wunsch haben, zu glauben, und diesen Wunsch schon für den Glauben selbst halten. Gerade von diesen sind viele zum Schluß enttäuscht. Was Herrn Werssiloff betrifft, so denke ich, daß zu seinen Charakterzügen auch eine ungewöhnliche Aufrichtigkeit gehört. Und überhaupt hat er mein Interesse erweckt.“

„Wassin, Sie ahnen gar nicht, was für eine Freude Sie mir damit machen, daß Sie sich in dieser Weise über ihn äußern!“ rief ich. „Ich wundere mich nicht über Ihren Verstand und Ihre Urteilskraft, ich wundere mich vielmehr darüber, wie Sie, der Sie doch als Mensch so rein sind und so unermeßlich hoch über mir stehen, – wie Sie jetzt hier so mit mir gehen und so einfach und freundlich mit mir sprechen können, ganz als wäre nichts passiert!“

Wassin lächelte.

„Sie äußern sich doch wohl etwas zu überschwenglich über mich. Passiert ist dort nur das, daß Sie gar zu sehr abstrakte Gespräche lieben. Sie haben wahrscheinlich bis heute sehr lange geschwiegen.“

„Ich habe drei Jahre geschwiegen, ich habe mich drei Jahre lang vorbereitet zu sprechen ... Als Dummkopf konnte ich Ihnen natürlich nicht erscheinen, dazu sind Sie selbst viel zu klug – obschon man sich schwerlich noch dümmer benehmen kann, als ich es vorhin tat. Dafür aber haben Sie mich für einen Schuft halten müssen!“

„Für einen Schuft?“

„Ja, zweifellos! Sagen Sie, verachten Sie mich denn nicht im stillen wegen meiner Mitteilung, daß ich Werssiloffs unehelicher Sohn bin ... und wegen meiner Prahlerei, daß ich nach dem Gesetz der Sohn eines Leibeigenen bin?“

„Sie quälen sich selbst zu viel. Wenn Sie finden, daß es nicht gut war, so brauchen Sie es einfach ein nächstes Mal nicht wieder zu tun. Sie haben noch fünfzig Jahre vor sich.“

„Oh, ich weiß! – ich weiß, daß ich unter Menschen sehr schweigsam sein muß. Das schmählichste von allen Lastern ist – sich anderen an den Hals zu werfen. Das habe ich denen dort soeben erst gesagt, und da werfe ich mich hier schon wieder Ihnen an den Hals! Aber es ist doch ein Unterschied, es ist doch einer, nicht? Wenn Sie aber diesen Unterschied begreifen, wenn Sie fähig sind, ihn zu begreifen, so werde ich diese Stunde segnen!“

Wassin lächelte wieder.

„Besuchen Sie mich, wenn Sie Lust haben,“ sagte er. „Ich habe jetzt zwar eine Arbeit vor und bin sehr beschäftigt, aber Sie werden mir trotzdem eine Freude machen, wenn Sie kommen.“

„Als ich Sie vorhin sah, glaubte ich aus Ihrem Gesicht zu ersehen, daß Sie ein übermäßig charakterfester und unmitteilsamer Mensch sind.“

„Das ist vielleicht sehr richtig. Ich habe Ihre Schwester Lisaweta Makarowna im vorigen Jahr in Luga kennen gelernt ... Krafft ist stehengeblieben und wartet auf Sie, wie’s scheint. Er muß hier von meinem Wege abbiegen.“

Ich drückte Wassin kräftig die Hand und holte mit schnellen Schritten Krafft ein, der die ganze Zeit, während ich mit Wassin sprach, außer Hörweite uns vorangegangen war. Schweigend gingen wir bis zu seiner Wohnung. Ich wollte und konnte noch nicht mit ihm sprechen. Im Charakter Kraffts war aber einer der hervortretendsten Züge ungeheures Zartgefühl.

Viertes Kapitel.

I.

Krafft hatte früher irgendwo eine Stellung gehabt, war aber gleichzeitig dem verstorbenen Andronikoff bei der Führung verschiedener Privatgeschäfte, mit denen sich dieser beständig noch neben seiner Amtstätigkeit befaßt hatte, behilflich gewesen (natürlich gegen eine materielle Entschädigung). Für mich war es nun von besonderer Wichtigkeit, daß Krafft, eben als ehemaliger Mitarbeiter Andronikoffs, in vieles von dem, was mich so sehr interessierte, eingeweiht sein konnte. Außerdem hatte mir Marja Iwanowna gesagt – die Frau Nikolai Ssemjonowitschs, bei dem ich als Gymnasiast lange Jahre gelebt habe, und die als leibliche Nichte und Pflegetochter Andronikoffs dessen Liebling gewesen war –, daß Krafft sogar „beauftragt“ sei, mir etwas zu übergeben. Deshalb hatte ich denn auch den ganzen Monat mit Spannung auf ihn gewartet.

Er lebte in einer kleinen Wohnung von zwei Zimmern, wohnte dort ganz allein, und jetzt, nach der Rückkehr von der Reise, sogar ohne Bedienung. Sein Koffer war zwar schon aufgeschlossen, doch noch nicht ausgepackt; ein Teil der Sachen lag auf den Stühlen umher, und auf dem Tisch vor dem Sofa lagen ein Reisesack, ein Necessaire, ein Revolver und noch verschiedenes andere. Als wir eintraten, war Krafft tief in Gedanken versunken und schien mich ganz vergessen zu haben; ja, vielleicht war es ihm überhaupt nicht zum Bewußtsein gekommen, daß ich unterwegs nicht mit ihm gesprochen hatte. Er begann sogleich irgend etwas zu suchen, doch als er dabei zufällig in den Spiegel sah, blieb er stehen und betrachtete sich eine ganze Weile aufmerksam. Das fiel mir zwar als sonderbar auf (und später habe ich mich alles dessen nur zu gut erinnert), aber in jenem Augenblick war ich sehr niedergeschlagen und verwirrt. Ich hatte nicht die Kraft, meine Gedanken zu konzentrieren. Plötzlich wollte ich kurz entschlossen fortgehen und „die ganze Sache für immer aufgeben“. Ja, und was war denn das alles, genau genommen? War es nicht eine ganz unnützerweise mir von mir selbst eingeredete Sorge? Der Gedanke war zum Verzweifeln, daß ich hier einzig aus Sentimentalität eine Menge Energie auf wertlose Kleinigkeiten verschwendete, während eine so große Aufgabe, wie ich sie vor mir sah, meiner ganzen Energie restlos bedurfte. Indessen aber hatte sich meine Unfähigkeit zu einer ernsten Sache, wie mir schien, durch das, was bei Dergatschoff geschehen war, schon selbst ein glänzendes Zeugnis ausgestellt.

„Sagen Sie, Krafft, werden Sie jemals wieder zu diesen da ... hingehen?“ fragte ich ihn plötzlich. Er wandte sich langsam zu mir und sah mich an, als verstünde er mich nicht recht. Ich setzte mich auf einen Stuhl.

„Verzeihen Sie ihnen!“ sagte er da auf einmal.

Ich hielt das im ersten Augenblick natürlich für Spott; doch wie ich ihn prüfend ansah, gewahrte ich in seinem Gesicht einen Ausdruck so seltsamer und erstaunlicher Treuherzigkeit, daß es mich selber wundernahm, wie er mich denn so im Ernst hatte bitten können, ihnen zu „verzeihen“. Er nahm einen Stuhl und setzte sich neben mich.

„Ich weiß es selbst, daß ich vielleicht nur ein Konglomerat aller Ehrgeize bin und nichts weiter,“ begann ich, „aber um Verzeihung bitte ich nicht.“

„Und es ist ja auch niemand da, den Sie bitten könnten,“ sagte er ernst und leise. Er sprach die ganze Zeit leise und sehr langsam.

„Mag ich auch tausendmal vor mir selber schuldig sein ... Ich liebe es, mich vor mir schuldig zu fühlen ... Krafft, verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht die Wahrheit sage! – Sagen Sie, gehören Sie denn wirklich auch zu diesem Kreise? Das war es, was ich Sie fragen wollte.“

„Die dort sind nicht dümmer als andere und nicht klüger; sie sind – geisteskranke Menschen wie alle.“

„Sind denn alle geisteskrank?“ Ich wandte mich zu ihm und sah ihn mit unwillkürlicher Neugier an.

„Von den besseren sind jetzt alle geisteskrank. In jubilo gelebt wird nur von der geistigen Mittelmäßigkeit und Unbegabtheit ... Übrigens, wozu davon reden, es lohnt ja nicht.“

Während er sprach, schaute er vor sich in die Luft, jedoch ohne etwas zu sehen, begann seine Sätze und brach sie wieder ab. Was mir ganz besonders auffiel, war eine gewisse wehmütige Mutlosigkeit in seiner Stimme.

„Sollte auch Wassin zu ihnen gehören? In Wassin steckt Verstand, Wassin hat eine sittliche Idee!“ rief ich.

„Sittliche Ideen gibt es jetzt überhaupt nicht; plötzlich erwies es sich, daß keine einzige vorhanden war, und die Hauptsache, es ist, als hätte es auch früher nie welche gegeben.“

„Wie, auch früher nicht?“

„Lassen wir dies lieber,“ sagte er sichtlich ermüdet.

Sein trauriger Ernst ging mir nahe. Ich schämte mich meiner Selbstsucht und versuchte, auf seinen Ton einzugehen.

„Unsere Zeit,“ begann er selbst wieder nach einer Weile, dabei immer noch vor sich in die Luft starrend, „unsere Zeit ist das Zeitalter der goldenen Mittelmäßigkeit und der Gefühlsstumpfheit, der größten Vorliebe für Unwissenheit und Faulheit, ist das Zeitalter der Unfähigkeit zur Tat und des Verlangens, alles fertig vorzufinden. Kein Mensch denkt nach; selten bringt es jemand bis zu einer eigenen Idee.“

Er schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:

„Jetzt fällen sie in Rußland die Wälder, erschöpfen den Boden, verwandeln das Land in eine Steppe und bereiten es für die Kalmücken vor. Sollte aber ein Mensch noch Hoffnung haben und einen jungen Baum pflanzen – da würden sie ihn einfach auslachen: ‚Wirst du denn noch bis zur Nutznießung leben?‘ Die aber, die das Gute wollen, die verbringen ihr Leben in Debatten über das, was nach tausend Jahren sein wird. Jede festigende Idee fehlt den Menschen. Alle sind wie auf einer Bahnstation, und es ist, als müßten sie morgen schon hinaus aus Rußland, alle leben, als dächten sie: wenn’s nur für uns noch langt!“

„Erlauben Sie, Krafft, Sie sagten: die das Gute wollen, die dächten nur daran, was nach tausend Jahren sein wird. Nun, aber Ihr Verzweifeln ... an Rußlands Schicksal ... ist das – ist das nicht eine Sorge von derselben Art?“

„Das – das ist die erste und wichtigste Frage, die es für uns heute überhaupt gibt!“ stieß er gereizt hervor und erhob sich schnell.

„Ach so! Da hätte ich es fast vergessen!“ sagte er plötzlich, wie sich besinnend und mit ganz anderer Stimme, und dabei sah er mich wie selbst überrascht und gleichsam zweifelnd an. „Ich habe Sie wegen einer bestimmten Angelegenheit zu mir gebeten, und statt dessen ... Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung.“

Es war, als wäre er aus einem Traum erwacht und deshalb etwas verwirrt. Er entnahm seinem Portefeuille, das auf dem Tisch lag, einen Brief und übergab ihn mir.

„Dies hier sollte ich Ihnen einhändigen. Dieser Brief hat die Bedeutung eines Dokuments, das von einer gewissen Wichtigkeit ist,“ begann er, sichtlich mit konzentrierter Aufmerksamkeit und sehr sachlich. Lange nachher habe ich ihn noch in der Erinnerung bewundern müssen wegen dieser seiner Fähigkeit, sich mit so aufrichtiger Teilnahme (und das noch in diesen Stunden!) einer fremden Angelegenheit widmen, so ruhig und gewissenhaft und unbeirrt den Sachverhalt klarlegen zu können.

„Es ist das ein Brief von eben jenem Stolbejeff, nach dessen Tode es wegen seiner Nachlassenschaft zwischen Werssiloff und den Fürsten Ssokolski zum Prozeß gekommen ist. Die Sache ist noch nicht entschieden, aber aller Voraussicht nach wird das Gericht die Erbschaft Werssiloff zusprechen; für ihn spricht jedenfalls das Gesetz. In diesem Brief aber, einem Privatbrief, der vor zwei Jahren geschrieben ist, spricht der verstorbene Stolbejeff seinen Willen in betreff des Vermächtnisses aus, oder richtiger gesagt, seinen Wunsch, und das eher zugunsten der Fürsten als zugunsten Werssiloffs. Wenigstens erhalten die Punkte, auf die sich die Fürsten bei der Anfechtung des Testaments berufen, durch diesen Brief eine starke Stütze. Werssiloffs Gegner würden deshalb viel für dieses Dokument geben, obschon dasselbe, wie gesagt, noch längst nicht von entscheidender Bedeutung ist. Alexei Nikanorowitsch Andronikoff, der sich mit Werssiloffs Angelegenheiten befaßte, bewahrte diesen Brief bei sich auf, und erst kurz vor seinem Tode gab er ihn mir mit der Bitte, ihn bei mir ‚aufzubewahren‘, – vielleicht fürchtete er für seine Papiere, da er seinen Tod wohl voraussah. Übrigens will ich mich nicht in Mutmaßungen über seine Beweggründe zu dieser Handlungsweise ergehen, aber – ich muß gestehen, daß ich mich nach seinem Tode in einer peinigenden Ungewißheit befand: ich wußte nicht, was ich mit diesem Dokument anfangen sollte, besonders da die gerichtliche Entscheidung in diesem Prozeß schon so nahe bevorstand. Aus dieser schwierigen Situation befreite mich zum Glück Marja Iwanowna, der Andronikoff bei seinen Lebzeiten, wie mir scheint, vieles anvertraut hat. Sie schrieb mir – ungefähr vor drei Wochen – mit aller Bestimmtheit, ich solle den Brief gerade Ihnen übergeben, das würde ‚wahrscheinlich‘ (dies ist ihr Ausdruck) auch mit dem Wunsch des verstorbenen Andronikoff übereinstimmen. So, und nun habe ich das Dokument Ihnen eingehändigt, und es freut mich sehr, daß ich das endlich habe tun können.“

„Hören Sie mal,“ sagte ich, noch ganz bestürzt durch diese unerwartete Neuigkeit, „aber was soll ich denn jetzt mit diesem Brief anfangen? Wie soll ich handeln?“

„Das hängt nun schon von Ihrem Ermessen ab; ganz wie Sie wollen.“

„Unmöglich, ich bin doch entsetzlich gebunden, das müssen Sie doch selbst zugeben! Werssiloff hat so auf diese Erbschaft gewartet ... und wissen Sie, ohne diese Hilfe ist er einfach verloren – und da existiert nun plötzlich dieses Dokument!“

„Es existiert nur hier, in diesem Zimmer.“

„Ist das wirklich so?“ Ich sah ihn scharf an.

„Wenn Sie in diesem Fall nicht selber wissen, wie Sie handeln sollen, was kann ich Ihnen dann noch raten?“

„Aber dem Fürsten Ssokolski kann ich den Brief doch auch nicht geben: damit würde ich alle Hoffnungen Werssiloffs zerstören, und überdies würde ich dann geradezu als Verräter vor ihm dastehen ... Andererseits, wenn ich den Brief Werssiloff gebe, so stürze ich Unschuldige in die größte Armut, und ihn selbst brächte ich in eine Zwangslage, aus der es keinen anderen Ausweg gibt, als – entweder auf die Erbschaft verzichten oder Diebstahl begehen.“

„Sie überschätzen die Bedeutung des Briefes gar zu sehr.“

„Sagen Sie mir eines: hat dieser Brief als Dokument einen endgültig entscheidenden Charakter?“

„Nein, den hat er nicht. Ich bin kein großer Jurist, aber der Anwalt der Gegenpartei würde natürlich wissen, wie er sich dieses Dokuments zu bedienen hätte, und selbstverständlich würde er den größtmöglichen Nutzen aus ihm herausschlagen; aber Andronikoff behauptete positiv, daß dieser Brief, wenn er vorgezeigt werden sollte, doch von keiner großen juridischen Bedeutung wäre, so daß Werssiloff dennoch den Prozeß gewinnen könnte. Die Bedeutung dieses Dokuments ist also, wenn man will, eher unter dem Gesichtswinkel einer Gewissenssache aufzufassen ...“

„Ja, aber gerade das ist doch das wichtigste,“ unterbrach ich ihn, „eben deshalb käme Werssiloff in eine rettungslose Lage!“

„Er kann ja das Dokument auch vernichten, und dann wäre er, im Gegenteil, von aller Gefahr befreit.“

„Haben Sie besondere Gründe, eine solche Handlungsweise von ihm zu erwarten, Krafft? Das ist es, was ich wissen will: deshalb bin ich auch hier bei Ihnen!“

„Ich glaube, an seiner Stelle würde ein jeder so handeln.“

„Und Sie – Sie auch?“

„Mir fallen keine Erbschaften zu, daher kann ich es von mir nicht sagen.“

„Nun gut,“ sagte ich und steckte den Brief in die Tasche. „Diese Sache mag vorläufig abgetan sein. Aber jetzt hören Sie mich an, Krafft. Marja Iwanowna, die mir übrigens – ich versichere Sie – vieles anvertraut hat, sagte mir, nur Sie, Sie allein könnten mir die Wahrheit darüber sagen, was sich vor anderthalb Jahren in Ems zwischen Werssiloff und den Achmakoffs zugetragen hat. Ich habe auf Sie gewartet wie auf die Sonne, die mir alles erhellen werde. Sie kennen meine Lage nicht. Ich bitte, ich beschwöre Sie, Krafft, sagen Sie mir die ganze Wahrheit! Ich will, ich muß wissen, was für ein Mensch er ist, und jetzt – gerade jetzt ist das für mich mehr als je von allergrößter Wichtigkeit.“

„Es wundert mich, daß Marja Iwanowna Ihnen nicht selbst alles gesagt hat; sie konnte doch alles vom verstorbenen Andronikoff erfahren, und natürlich hat sie das auch, weshalb sie vielleicht mehr weiß als ich.“

„Ja, aber Andronikoff habe in dieser Sache selbst nicht ganz klar gesehen, sagte sie mir. Wie mir scheint, kann überhaupt kein Mensch diese verworrene Geschichte entwirren! Da würde selbst der Teufel mit den Beinen im Garn stecken bleiben! Von Ihnen aber weiß ich, daß Sie damals gleichfalls in Ems waren ...“

„Nicht die ganze Zeit. Erst zum Schluß. Doch was ich weiß, kann ich Ihnen ja erzählen, nur fragt es sich, ob ich Sie damit zufriedenstellen werde?“

II.

Ich will das, was er mir damals erzählte, nicht wortgetreu wiedergeben, sondern beschränke mich auf eine gekürzte Darstellung des Sachverhalts, soweit ihm dieser bekannt war.

Vor anderthalb Jahren war Werssiloff mit der Familie Achmakoff, die er durch den alten Fürsten Ssokolski kennen gelernt hatte (alle hielten sich zu der Zeit in Bad Ems auf), sehr befreundet gewesen und hatte namentlich auf den General Achmakoff einen großen Eindruck gemacht. Der General war noch kein alter Mann, hatte aber in den drei Jahren seiner Ehe bereits die ganze große Mitgift seiner zweiten Frau, der Tochter des alten Fürsten Ssokolski, Katerina Nikolajewna, am Kartentisch verspielt, und infolge seines zügellosen Lebens schon einen Schlaganfall gehabt. Von diesem Schlaganfall erholte er sich im Auslande, in Ems aber lebte er wegen seiner Tochter, des einzigen Kindes aus seiner ersten Ehe. Es war das ein kränkliches Mädchen von siebzehn Jahren, brustleidend, und wie man erzählt, soll sie sehr schön gewesen sein, zugleich aber auch ungeheuer phantastisch. Eine Mitgift besaß sie nicht, doch man hoffte auch in der Beziehung, wie überhaupt, auf den alten Fürsten. Von Katerina Nikolajewna heißt es allgemein, daß sie eine gute Stiefmutter gewesen sei. Aber das junge Mädchen hing aus irgendeinem Grunde mit rührender Liebe an Werssiloff. Er predigte damals „etwas Leidenschaftliches“, wie Krafft sich ausdrückte, irgendein neues Leben, und war „im höheren Sinne religiös gestimmt“, nach einem seltsamen und vielleicht sogar spöttischen Ausdruck Andronikoffs, der mir auch von anderer Seite wiedergegeben worden ist. Merkwürdig bleibt aber trotzdem, daß ihn bald alle nicht mehr mochten. Ja, der General begann ihn sogar zu fürchten. Krafft stellte auch das Gerücht durchaus nicht in Abrede, wonach es Werssiloff gelungen sei, den kranken General mittelbar auf den Gedanken zu bringen, daß Katerina Nikolajewna gegen den jungen Fürsten Ssokolski, der damals schon Ems verlassen und sich nach Paris begeben hatte, nicht gleichgültig sei. Gesagt habe er ihm das nicht offen und unmißverständlich, sondern „nach seiner Art“, mit mehr allgemein gehaltenen Betrachtungen, Andeutungen und in ihrer Wirkung fein berechneten indirekten Bemerkungen, „in welcher Kunst er ja ein großer Meister ist“, wie Krafft sich ausdrückte. Überhaupt muß ich sagen, daß Krafft ihn eher für einen Betrüger und geborenen Intriganten hielt und halten wollte, als für einen wirklich von etwas Höherem erfüllten oder auch nur originellen Menschen. Ich hatte allerdings schon in Moskau gehört, daß Werssiloff anfangs einen ungeheueren Einfluß auf Katerina Nikolajewna gehabt, später sich aber mit ihr verfeindet habe. Wie es dazu gekommen und was hierbei mit im Spiel gewesen war, konnte ich nun leider auch von Krafft nicht erfahren. Er bestätigte nur, was ich schon wußte: daß beide nach ihrer großen Freundschaft die größten Feinde geworden waren. Dann aber war etwas sehr Sonderbares geschehen: die kranke Stieftochter der Katerina Iwanowna hatte sich augenscheinlich in Werssiloff verliebt; vielleicht war sie durch irgend etwas an ihm bestrickt worden, oder seine Worte hatten sie begeistert, oder – ja, ich weiß nicht, wie das zu erklären wäre. Jedenfalls aber hat Werssiloff eine Zeitlang jeden Tag bei dem jungen Mädchen verbracht. Es endete damit, daß das Mädchen eines Tages dem Vater erklärte, Werssiloff heiraten zu wollen. Diese Tatsache haben mir alle bestätigt, sowohl Krafft wie Andronikoff und Marja Iwanowna; und sogar der verschwiegenen Tatjana Pawlowna ist einmal in meiner Gegenwart unbedachterweise eine diesbezügliche Bemerkung entschlüpft. Desgleichen sagten alle übereinstimmend aus, daß Werssiloff die Ehe mit dem jungen Mädchen nicht nur gewünscht, sondern auf diesem Wunsch sogar unbedingt bestanden habe, und das Einverständnis dieser beiden so ungleichartigen Geschöpfe, des älteren Mannes und des kindlichen Mädchens, somit ein beiderseitiges gewesen sei. Aber den Vater erschreckte dieser Gedanke; er hatte, seitdem seine einst heiße Liebe zu Katerina Nikolajewna zu erkalten begann, seine Tochter fast zu vergöttern angefangen, besonders nach seinem Schlaganfall. Doch als erbittertste Gegnerin einer solchen Ehe war Katerina Nikolajewna selbst aufgetreten. Es kam zu unzähligen, meist heimlichen und höchst unerquicklichen Familienszenen, zu Streit und Kränkungen und – nun, mit einem Wort, zu verschiedenen Gemeinheiten. Der Vater begann schließlich nachzugeben, als er die Hartnäckigkeit seiner verliebten und, wie Krafft sich ausdrückte, „von Werssiloff fanatisierten“ Tochter sah. Aber Katerina Nikolajewna blieb bei ihrem Widerstand, und das sogar mit unerbittlichem Haß. Was nun weiter geschehen ist oder geschehen sein soll, ist eine Verwicklung, die niemand ganz verstehen kann. Ich kann nur wiedergeben, wie Krafft das Ganze auf Grund der ihm bekannten Tatsachen zu deuten versuchte, nur ist seine Auslegung bloß eine von vielen.

Er meinte, Werssiloff habe dem jungen Mädchen auf seine Art fein und glaubwürdig einzuflüstern verstanden, daß Katerina Nikolajewna nur deshalb so sehr gegen diese Heirat sei, weil sie sich selbst in ihn verliebt habe und ihn schon seit langer Zeit mit ihrer Eifersucht quäle, ihn verfolge, intrigiere, ihm sogar schon ihre Liebe gestanden habe und ihn jetzt aus Haß, weil er eine andere liebgewonnen, womöglich umzubringen fähig sei, – kurz, eine häßliche Einflüsterung von ungefähr dieser Art. Noch viel häßlicher war aber die Vermutung, er habe das auch dem General, dem Gatten der „ungetreuen“ Frau, „zu verstehen gegeben“, und gleichzeitig auf den Verkehr der Generalin mit dem jungen Fürsten Ssokolski zur Ablenkung der Aufmerksamkeit hingewiesen. Natürlich wurde nun das Familienleben der Achmakoffs zur Hölle. Von anderer Seite hatte ich aber gehört, daß Katerina Nikolajewna ihre Stieftochter innig geliebt habe und über diese Verleumdung geradezu verzweifelt gewesen sei, ganz abgesehen von der Pein des Zusammenseins mit ihrem kranken Mann. Aber es gibt noch eine Variante, der zu meinem Leidwesen auch Krafft am meisten Glauben schenkte, und die – auch ich am glaubwürdigsten fand (von allen diesen Sachen hatte ich schon früher gehört). Es wurde nämlich behauptet (Katerina Nikolajewna soll es Andronikoff selbst gesagt haben), daß, im Gegenteil, Werssiloff schon früher, das heißt noch bevor das junge Mädchen sich in ihn verliebt hatte, Katerina Nikolajewna seine Liebe angetragen habe; sie aber, die früher sein guter Freund und zeitweilig sogar seine glühende Freundin gewesen war, obschon sie ihm beständig nicht ganz getraut und immer widersprochen hatte, soll diese Liebeserklärung Werssiloffs mit Widerwillen vernommen und ihn mit Hohn zurückgewiesen haben. Und nach seinem unverblümten Vorschlag, nach dem bald zu erwartenden zweiten Schlaganfall und Tode ihres Gatten ihn, Werssiloff, zu heiraten, habe sie ihm dann in aller Form die Tür gewiesen. So war es denn nur zu erklärlich, daß Katerina Nikolajewna einen ganz besonderen Abscheu gegen Werssiloff empfand, als sie dann sah, wie er sich kurz darauf ganz unverhohlen um die Hand ihrer Stieftochter bewarb. Marja Iwanowna, die mir das alles in Moskau erzählte, glaubte selbst sowohl an diese wie an jene Variante, d. h. an beide zugleich: sie behauptete sogar ausdrücklich, daß beides sehr wohl gleichzeitig habe geschehen können, das wäre wie la haine dans l’amour, wie gekränkter Liebesstolz beiderseits usw. usw., mit einem Wort, es lief schließlich auf eine an Romane erinnernde allerfeinste Gefühlsverwirrung hinaus, wie sie jedes ernsten und gesund denkenden Menschen unwürdig ist, und der zum Überfluß noch persönliche Gemeinheit beigemischt war. Doch übrigens braucht das, was Marja Iwanowna sagt, noch nicht maßgebend zu sein; ist sie doch von Kindesbeinen an mit Romanen vollgespickt, und noch jetzt liest sie Tag und Nacht Romane, trotz ihres an sich prächtigen Charakters. Kurz, das Endergebnis des Ganzen war, daß man Werssiloffs unzweifelhafte Niederträchtigkeit sah, – dazu ein Gewebe von Lüge und Intrige, etwas Dunkles und Häßliches, um so mehr, als es tatsächlich tragisch endete: das arme verliebte junge Mädchen vergiftete sich, und zwar, wie man erzählt, mit Phosphorstreichhölzern. Nur habe ich bis heute noch nicht festzustellen vermocht, ob dieses Gerücht auf Wahrheit beruht; jedenfalls hat man dasselbe nach Kräften zu vertuschen gesucht. Tatsache ist aber, daß das Mädchen im ganzen zwei Wochen lang krank war und dann starb. So ist die Auslegung mit den Streichhölzern immerhin zweifelhaft geblieben, aber Krafft glaubte dennoch bedingungslos an diese Todesursache. Bald darauf starb auch der General, wie man sagt, infolge der durch den Tod der geliebten Tochter verursachten schmerzlichen Erschütterung, die einen zweiten Schlaganfall hervorrief. Übrigens starb er doch erst drei Monate nach ihrem Tode. Inzwischen aber war der junge Fürst Ssokolski aus Paris nach Ems zurückgekehrt und hatte Werssiloff öffentlich im Kurpark eine Ohrfeige gegeben, war aber von diesem daraufhin nicht gefordert worden; im Gegenteil, Werssiloff war schon am nächsten Tage wieder auf der Promenade erschienen, als wäre nicht das Geringste vorgefallen. Da hatten sich denn alle von ihm abgewandt, was man später in Petersburg gleichfalls tat. Die wenigen, mit denen Werssiloff einen Verkehr noch fortsetzte, gehörten einem ganz anderen Kreise an. In der Gesellschaft wurde er einstimmig verurteilt, obschon kaum jemand näheres über den wahren Sachverhalt wußte: man hatte im Grunde nur von dem romantischen Tode des jungen Mädchens und von der Ohrfeige gehört. Vollständige Kenntnis von der Sachlage, d. h. soweit das möglich war, hatten nur zwei oder drei Personen; am meisten wußte der verstorbene Andronikoff, da er schon jahrelang zu den Achmakoffs in geschäftlichen Beziehungen gestanden hatte, und besonders in einer gewissen Angelegenheit Katerina Nikolajewnas Ratgeber gewesen war. Doch von allen diesen ihm anvertrauten Geheimnissen erfuhr selbst seine Familie nicht das geringste, nur Krafft und Marja Iwanowna teilte er einiges mit, und auch das nur, weil er sich dazu gezwungen sah.

„Die Hauptsache ist hier nun ein gewisses Dokument,“ schloß Krafft seine Mitteilungen, „vor dem Frau Achmakoff große Angst hat.“

Und er teilte mir folgendes mit:

Die Generalin Achmakoff hatte die Unvorsichtigkeit begangen, als ihr Vater, der alte Fürst Ssokolski, sich im Auslande von seinem Anfall schon zu erholen begann, einen sie selbst höchst kompromittierenden Brief an Andronikoff zu schreiben. Wie verlautet, soll der alte Fürst damals während seiner Genesung tatsächlich wie von einer Verschwendungssucht befallen gewesen sein und das Geld fast zum Fenster hinausgeworfen haben; so hatte er dort im Auslande verschiedene unnötige, doch teure Sachen zu kaufen angefangen, Gemälde, Vasen, hatte größere Summen zu Gott weiß welchen Unternehmungen und sogar zum Besten verschiedener dortiger Anstalten gestiftet, und von einem russischen Lebemann und Verschwender hätte er beinahe unbesehen für eine Riesensumme ein gänzlich heruntergewirtschaftetes und mit Schulden belastetes Gut gekauft; und schließlich soll er sich wirklich mit dem Gedanken an eine neue Heirat getragen haben. Angesichts dieser beängstigenden Aussichten hatte dann seine Tochter, die verwitwete Generalin Achmakoff, die während seiner Krankheit treu bei ihm aushielt, besagten Brief an Andronikoff geschrieben und ihm als Juristen und „alten Freunde“ einfach die Frage vorgelegt, „ob und wie es gesetzlich möglich wäre, den Fürsten unter Vormundschaft zu stellen oder ihn gerichtlich für rechtsunfähig zu erklären, und falls das anginge, welche Schritte man dann zu tun hätte, damit kein Skandal entstünde und niemand ihr irgendwelche Vorwürfe machen könne; doch müßten bei alledem die Gefühle des Vaters geschont werden usw.“ Andronikoff soll ihr davon abgeraten und die Gründe auseinandergesetzt haben, und als dann der Fürst wieder ganz gesund und vernünftig geworden war, da konnte von dieser Idee natürlich nicht mehr die Rede sein. Jener Brief aber verblieb im Besitz Andronikoffs. Da starb aber Andronikoff plötzlich; Katerina Nikolajewna fiel sofort wieder der Brief ein, und sie sagte sich: wenn er sich noch unter den Papieren des Verstorbenen befände und vielleicht auf Umwegen in die Hände ihres alten Vaters gelangte, so würde dieser sie zweifellos auf ewig verstoßen, ihr die ganze Erbschaft entziehen und ihr auch bei Lebzeiten keine Kopeke mehr geben. Der Gedanke, seine einzige Tochter zweifle an seinem Verstande und habe ihn für wahnsinnig erklären lassen wollen, hätte dieses Lamm zweifellos zu einem reißenden Tier gemacht. Sie aber war als Witwe dank der Spielleidenschaft ihres Mannes vollständig mittellos zurückgeblieben und war einzig auf ihren Vater angewiesen; von ihm hoffte sie, und mit Recht, nochmals eine nicht geringere Mitgift zu erhalten als das erstemal.

Von dem weiteren Schicksal jenes Briefes wußte Krafft nichts Näheres, bemerkte aber, Andronikoff habe „Papiere von irgendeiner Bedeutung niemals zerrissen“ und sei außerdem nicht nur ein Mann mit einem „weiten Blick“, sondern auch einer mit einem „weiten Gewissen“ gewesen. (Ich wunderte mich über ein so rücksichtsloses Urteil von seiten Kraffts, der doch den verstorbenen Andronikoff sehr geliebt und geachtet hatte.) Aber obschon Krafft nichts genau wußte, war er persönlich überzeugt, daß das verfängliche Schriftstück in den Besitz Werssiloffs geraten sei, infolge der nahen Bekanntschaft Werssiloffs mit der Witwe und den Töchtern Andronikoffs; es war bereits bekannt, daß diese auf Anordnung des Verstorbenen alle von ihm hinterlassenen Papiere Werssiloff eingehändigt hatten. Auch wußte Krafft, daß Katerina Nikolajewna die Vermutung, der Brief befinde sich in Werssiloffs Händen, bereits bekannt war, und daß gerade diese Möglichkeit sie am meisten ängstigte, da sie befürchtete, Werssiloff werde mit dem Brief alsbald zum alten Fürsten gehen. Er wußte ferner, daß sie nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande schon in Petersburg nach dem Brief geforscht hatte, auch schon bei Andronikoffs gewesen war und ihn auch jetzt noch suchte, immer in der Hoffnung, der Brief befinde sich vielleicht doch nicht im Besitze Werssiloffs, und daß sie ausschließlich dieses Briefes wegen nach Moskau gereist war, um dort Marja Iwanowna anzuflehen, die Papiere zu durchsuchen, die von ihr aufbewahrt wurden. Vom Dasein Marja Iwanownas und deren Beziehungen zum verstorbenen Andronikoff hatte sie erst kurz zuvor in Petersburg zum erstenmal gehört.

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