Dritter Teil
E. K. Rahsin translation
Erstes Kapitel.
I.
Jetzt – von etwas ganz anderem.
Ich kündige zwar immer an: „von etwas anderem, etwas anderem“, und doch rede ich nach wie vor immer nur von mir. Dabei habe ich schon tausendmal erklärt, daß ich keineswegs mich selbst schildern will: das wollte ich sogar unbedingt vermeiden, als ich diese Aufzeichnungen begann. Ich verstehe doch, daß ich dem Leser völlig gleichgültig bin. Ich schildere andere und wollte ja von Anfang an nur andere schildern, nicht mich, und wenn nun meine Person doch immer wieder dazwischen kommt – so ist das nur ein bedauerliches Mißlingen meiner Absicht, da ich es eben auf keine Weise vermeiden kann, wie sehr ich es auch möchte. Vor allem ärgert mich, daß ich, wenn ich meine eigenen Erlebnisse mit solchem Eifer beschreibe, damit selbst den Anlaß gebe, von mir zu denken, ich wäre jetzt noch ganz derselbe, der ich damals war. Aber der Leser dürfte sich erinnern, daß ich schon mehr als einmal ausgerufen habe: „Oh, wenn ich das Geschehene doch umändern und ganz von neuem anfangen könnte!“ So etwas hätte ich doch nicht ausgerufen, wenn ich inzwischen nicht ein vollständig anderer Mensch geworden wäre. Das leuchtet wohl ein; und wenn sich einer nur vorstellen könnte, wie zuwider mir schon alle diese Entschuldigungen und Vorreden sind, die ich gezwungen bin, alle Augenblicke einzuflechten, sogar jetzt noch, mitten in meine Aufzeichnungen hinein!
Zur Sache!
Nachdem ich neun Tage lang bewußtlos dagelegen hatte, erwachte ich als ein Wiedergeborener, doch nicht als ein Gebesserter; übrigens war meine Wiedergeburt ziemlich dumm und natürlich nicht das, was man im weiteren Sinne darunter versteht; wenn sie jetzt geschähe, würde sie vielleicht ganz etwas anderes sein. Meine Idee, das heißt, mein Gefühl, bestand wiederum (wie ja schon tausendmal vorher) nur darin, daß ich von allen diesen Menschen fort wollte, diesmal aber unbedingt, und nicht mehr so, wie früher, da ich mich tausendmal vor die Entscheidung gestellt und mich doch immer nicht endgültig hatte entscheiden können! Rächen wollte ich mich an keinem, darauf gebe ich mein Ehrenwort, – obschon ich von ihnen allen beleidigt worden war. Ich wollte einfach weggehen von ihnen, ohne Haß, ohne Verwünschungen; ich wollte eigene Kraft zeigen, wirklich eigene Kraft, die von keinem von ihnen und niemand in der ganzen Welt abhing; hatte ich mich doch mit allem in der Welt beinahe schon ausgesöhnt! Dieser Zukunftstraum war damals nicht ein Gedanke, den ich erwog, sondern nur eine Empfindung, der ich einfach ausgeliefert war. Solange ich im Bette lag, wollte ich diese Empfindung nicht einmal zu formulieren versuchen. Ich lag in Werssiloffs Zimmer, das man zu meiner Krankenstube gemacht hatte, und erkannte mit Schmerz, wie kraftlos ich war: da lag ja nur noch ein Strohhälmchen, aber nicht ein Mensch, ein Strohhälmchen auch dann, wenn ich nicht krank gewesen wäre, – und oh, wie mich das kränkte! Doch siehe da, aus der tiefsten Tiefe meines Wesens erhob sich ein Protest dagegen, und mir verging der Atem vor einem eigenen Gefühl unendlich gesteigerten Hochmuts und maßloser Überhebung. Ich kann mich in meinem ganzen Leben keiner Zeit erinnern, wo ich von so anmaßenden Gefühlen erfüllt gewesen wäre, wie in jenen ersten Tagen meiner Genesung, d. h. wie gerade damals, als ich wie ein Strohhälmchen im Bett lag.
Aber fürs erste schwieg ich und nahm mir sogar vor, vorläufig noch über nichts nachzudenken. Ich sah ihnen immer nur in die Gesichter und bemühte mich, aus ihren Gesichtern alles zu erraten, was ich wissen wollte. Ich sah es ihnen an, daß auch sie mich nicht ausfragen und nicht neugierig sein wollten, und nach Möglichkeit nur von Nebensächlichem sprachen. Das gefiel mir, und zu gleicher Zeit erbitterte es mich wieder; diesen Widerspruch will ich nicht weiter erklären. Lisa sah ich seltener als Mama, wenn sie auch täglich zu mir hereinkam, gewöhnlich sogar zweimal am Tage. Aus einzelnen Bruchstücken ihrer Unterhaltung, die ich dann und wann auffing, und auch aus ihrem ganzen Gebaren schloß ich, daß Lisa wohl sehr viel zu tun hatte und wegen ihrer eigenen Angelegenheiten sogar sehr oft und stundenlang nicht zu Hause war: aber schon in dieser Möglichkeit, daß sie „eigene Angelegenheiten“ hatte, lag für mich gleichsam etwas Kränkendes. Übrigens waren das alles nur krankhafte, rein physiologische Empfindungen, die zu beschreiben sich nicht lohnt. Auch Tatjana Pawlowna kam fast täglich zu mir, und obgleich sie durchaus nicht zärtlich zu mir war und noch nicht einmal besonders rücksichtsvoll, so schimpfte sie doch nicht wie früher. Gerade das aber ärgerte mich fürchterlich, weshalb ich ihr schließlich ins Gesicht sagte: „Sie, Tatjana Pawlowna, Sie sind wahrhaftig, wenn Sie nicht schimpfen, geradezu sträflich langweilig!“ – „So, dann komme ich überhaupt nicht mehr zu dir,“ versetzte sie kurz und ging. Ich aber war froh, daß ich wenigstens eine hinausgejagt hatte.
Besonders quälte ich Mama, und über sie ärgerte ich mich am meisten. Es stellte sich bei mir ein mächtiger Hunger ein, und ich murrte fortwährend darüber, daß ich mein Essen zu spät bekäme (dabei bekam ich es niemals zu spät). Mama wußte nicht, wie sie es mir recht machen sollte. Einmal brachte sie mir die Suppe und begann, wie sie das gewöhnlich tat, selbst mich mit dem Löffel zu füttern, ich aber murrte die ganze Zeit und hatte an allem etwas auszusetzen. Plötzlich ärgerte ich mich über mich selbst, weil ich so unausstehlich war: „Sie ist vielleicht der einzige Mensch, den ich wirklich liebe,“ sagte ich mir, „und dabei quäle ich gerade sie!“ Aber meine Bosheit ließ deshalb nicht nach, und auf einmal brach ich vor lauter Wut in Tränen aus, sie aber, die Arme, dachte wohl, ich weinte vor Rührung und beugte sich über mich und begann mich zu küssen. Ich biß die Zähne zusammen und hielt es aus, so gut es ging, aber ich haßte sie in diesem Augenblick wirklich. Und doch habe ich Mama immer liebgehabt, und auch damals liebte ich sie und haßte sie gar nicht, es geschah nur das, was immer geschieht: wen man am meisten liebt, den kränkt man am ehesten.
Wirklich gehaßt habe ich in jenen ersten Tagen nur den Arzt. Es war das ein noch junger Mann, der mit aufgeblasener Miene in sehr scharfem Tone und sogar recht unhöflich zu reden pflegte. Diese Leute tun wahrhaftig immer so, als hätten sie erst gestern und ganz unerwartet etwas Besonderes erfahren, was außer ihnen, den Wissenschaftlern, noch niemand weiß; dabei haben sie aber in Wirklichkeit überhaupt nichts erfahren. Doch so ist ja der Durchschnitt und die „Gasse“ immer. Ich ertrug das lange genug, aber schließlich riß mir die Geduld, und ich erklärte ihm in Gegenwart aller, daß er sich ganz umsonst herbemühe, da ich auch ohne seinen Beistand gesund werden würde; daß er, obgleich er sich den Anschein eines aufgeklärten Menschen zu geben suche, doch voll von Vorurteilen sei und nicht einmal das begreife, daß die Medizin allein noch nie einen Menschen geheilt habe; und ich fügte hinzu, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach vollständig ungebildet wäre, „wie das ja bei uns jetzt alle diese Techniker und Spezialisten sind, die neuerdings die Nase so schrecklich hoch tragen“. Der Doktor fühlte sich sehr beleidigt (damit allein bewies er schon, was für ein Mensch er war), stellte aber trotzdem seine Besuche nicht ein. Da erklärte ich Werssiloff, daß ich, wenn der Doktor seine Besuche nicht einstellte, ihm irgend etwas noch zehnmal Unangenehmeres sagen würde. Werssiloff meinte daraufhin nur, man könnte sich wohl kaum etwas ausdenken, was auch nur zweimal unangenehmer wäre als das, was ich schon gesagt hatte, geschweige denn etwas zehnmal Unangenehmeres. Es freute mich, daß er das bemerkt hatte.
Nein, was das doch für ein Mensch ist! Ich meine Werssiloff. Er, nur er allein, war an allem schuld – und dennoch: nur über ihn allein ärgerte ich mich damals nicht. Es war nicht nur sein Verhalten zu mir, das mich bestach. Ich glaube, wir fühlten damals beide, daß wir uns gegenseitig viele Erklärungen schuldeten ... und daß es gerade deshalb das beste war, nichts zu erklären. Es ist wirklich ungemein angenehm, in solchen Lebenslagen auf einen klugen Menschen zu stoßen! Ich habe schon im zweiten Teil meiner Aufzeichnungen vorgreifend erwähnt, daß er mir sehr kurz und klar alles von dem Brief des Fürsten an mich, von Serschtschikoff und meiner Rehabilitierung durch ihn usw., mitgeteilt hatte. Da ich mir aber vorgenommen hatte, zu schweigen, so stellte ich an ihn nur ganz trocken zwei, drei kurze Fragen, auf die er mir wiederum klar und genau antwortete, ohne alle überflüssigen Worte und, was das beste war, ohne überflüssige Gefühle. Gerade damals fürchtete ich nichts so sehr, wie überflüssige Gefühle.
Von Lambert schweige ich, aber der Leser wird natürlich schon erraten haben, daß ich nur zu oft an ihn dachte. In meinen Fieberdelirien hatte ich mehrmals von ihm gesprochen; aber als man mir dann sagte, ich hätte laut phantasiert, erschrak ich und versuchte dahinterzukommen, was sie denn gehört haben konnten; doch ich gewann sehr bald die Überzeugung, daß sie von Lambert nichts wußten, auch Werssiloff nicht. Das freute mich und meine Angst verging. Später jedoch erfuhr ich zu meinem Erstaunen, daß ich mich darin getäuscht hatte: Lambert war bereits während meiner Bewußtlosigkeit dagewesen, nur hatte Werssiloff mir dies verschwiegen, und so konnte ich damals in dem Glauben leben, Lambert hätte mich schon vollständig vergessen. Nichtsdestoweniger dachte ich oft an ihn, ja, noch mehr als das: ich dachte nicht nur ganz ohne Widerwillen an ihn, nicht nur mit einer gewissen Neugier, sondern sogar mit wirklichem Interesse, als hätte ein Vorgefühl mir gesagt, daß meine Bekanntschaft mit ihm meinen neuen, im Entstehen begriffenen Plänen zustatten kommen könnte. Jedenfalls beschloß ich, den Fall Lambert als erstes zu überdenken, sobald ich mit dem Nachdenken erst einmal anfangen würde. Übrigens verdient ein Umstand, als sonderbar erwähnt zu werden: ich hatte vollständig vergessen, wo er wohnte, in welcher Straße sich das damals zugetragen hatte. Das Zimmer, die Alphonsina, das Hündchen, den Korridor – alles das sah ich noch so deutlich vor mir, daß ich es gleich hätte zeichnen können; aber wo das gewesen war, in welcher Straße, in welchem Hause – dessen konnte und konnte ich mich nicht mehr entsinnen. Und das Sonderbarste dabei war noch, daß mir dies erst am dritten oder vierten Tage, nachdem ich wieder zu vollem Bewußtsein gekommen war, auffiel, während ich mich in Gedanken gerade mit Lambert schon lange und eifrig beschäftigt hatte.
Also das waren meine ersten Empfindungen nach meinem Erwachen. Ich habe nur das Nebensächlichste aufgezeichnet und das Wichtigste wahrscheinlich nicht aufzuzeichnen verstanden. In der Tat, es ist sehr wohl möglich, daß alles Hauptsächliche sich gerade damals in meinem Herzen geklärt und formuliert hat; ich habe mich in der Zeit doch nicht nur geärgert und gebost, etwa weil ich auf meine Suppe warten mußte! Oh, ich weiß noch, wie traurig ich zeitweise sein konnte und wie oft ich mich damals quälte, besonders wenn ich lange allein blieb. Die anderen hatten zum Unglück auch noch herausgefühlt, daß es mir manchmal schwer wurde, mit ihnen zusammen zu sein, und daß ihre Teilnahme mich nur reizte, und so ließen sie mich denn immer öfter allein: das war nun eine ganz unnötige Rücksicht von ihnen, zu der ein vollkommen überflüssiges Feingefühl sie veranlaßte.
II.
Am vierten Tage nach meinem Erwachen aus der Bewußtlosigkeit lag ich, so um drei Uhr nachmittags, in meinem Bett, und es war niemand bei mir. Der Tag war hell und sonnig, und ich wußte: nach vier Uhr, wenn die Sonne untergeht, wird ein schräger rotgoldener Strahl gerade in die Ecke der Wand fallen, an der ich lag, und dort einen grellen Lichtfleck bilden. Ich wußte das von den früheren Tagen her, und der Gedanke, daß das in einer Stunde unfehlbar eintreten werde, und vor allem, daß ich dies so genau voraus wußte, wie das Ergebnis von zwei mal zwei – gerade das erboste mich bis zur Wut. Ich drehte mich wütend auf die andere Seite und plötzlich, mitten in der tiefen Stille, hörte ich deutlich die Worte: „Herr Jesus Christ, unser Herr und Gott, erbarme dich unser!“ Die Worte wurden halblaut gemurmelt, darauf folgte ein schwerer Seufzer aus tiefster Brust, und dann war wieder alles still. Ich hob schnell den Kopf.
Ich hatte auch schon früher, das heißt, schon am Abend vorher, ja sogar schon vor zwei Tagen eine gewisse andere Stimmung in unseren drei Zimmern hier unten wahrgenommen. In jenem anderen Zimmer, wo früher Mama und Lisa geschlafen hatten, schien sich ein fremder Mensch zu befinden. Schon ein paarmal hatte ich von dort verschiedene Geräusche gehört, sowohl am Tage wie in der Nacht, aber immer nur für ein paar Augenblicke, und dann war wieder vollständige Stille eingetreten, wieder für mehrere Stunden, so daß ich weiter nicht darauf geachtet hatte. Einmal war mir schon der Gedanke gekommen, Werssiloff wäre dort, da er bald nach so einem Geräusch bei mir eingetreten war, obgleich ich aus ihren Gesprächen entnommen hatte, daß Werssiloff für die Zeit meiner Krankheit irgendwohin in eine andere Wohnung gezogen sein mußte, wo er wohl auch nächtigte. Von Mama und Lisa wußte ich, daß sie jetzt oben in meinem ehemaligen „Sarg“ schliefen (damit ich mehr Ruhe hätte, wie ich glaubte), und ich fragte mich noch: „Wie haben sie sich denn da zu zweien einzurichten vermocht?“ Und nun war dort in ihrem früheren Zimmer plötzlich doch ein Mensch, und dieser Mensch war – nicht Werssiloff! Mit einer Leichtigkeit, die ich mir gar nicht zugetraut hätte (da ich bis dahin gedacht hatte, ich wäre vollkommen kraftlos), setzte ich mich auf den Bettrand, schob die Füße in die Pantoffeln, zog den grauen, mit Lammfellchen gefütterten Schlafrock an (den Werssiloff für mich geopfert hatte), und begab mich durch unser Wohnzimmer nach Mamas früherem Schlafzimmer. Was ich dort erblickte, war für mich überraschend genug: gerade das hatte ich am wenigsten erwartet! – ich blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen.
Dort saß ein alter Mann mit ganz grauem, silbergrauem Haar und einem großen, furchtbar weißen Bart. Es war klar, daß er schon lange dort saß. Er saß nicht auf dem Bett, sondern auf Mamas Fußbank und stützte nur den Rücken an das Bett. Übrigens hielt er sich dermaßen gerade, daß es den Anschein hatte, als brauchte er überhaupt keine Stütze, wenn man ihm auch ansah, daß er krank war. Über dem Hemde hatte er einen kurzen, von außen mit Zeug überzogenen Pelz an, über seine Knie war Mamas großes Tuch gebreitet und seine Füße staken in Pantoffeln. Man sah sofort, daß er von hohem Wuchs sein mußte, dazu war er breitschultrig und machte, trotz seines Krankseins, einen sehr rüstigen Eindruck, obgleich er etwas bleich und mager war. Er hatte ein längliches Gesicht und dichtes, aber nicht sehr langes Haar; sein Alter konnte man auf über siebzig Jahre schätzen. Auf einem Tischchen neben ihm lagen, so daß er sie mit der Hand erreichen konnte, drei oder vier Bücher und eine silberne Brille. Ich hatte zwar mit keinem Gedanken daran gedacht, daß ich diesen Menschen hier treffen könnte, aber ich erriet sofort, wer er war, nur konnte ich noch immer nicht begreifen, wie er sich in diesen zwei Tagen so still hatte verhalten können, daß nebenan in meinem Zimmer fast nichts von ihm zu hören gewesen war.
Er rührte sich nicht, als er mich erblickte, sondern sah mich nur unverwandt und schweigend an, genau wie ich ihn ansah, bloß mit dem Unterschiede, daß in meinen Augen ein maßloses Erstaunen lag, in seinen dagegen nicht das geringste. Und nicht nur das, denn als er mich in diesen fünf oder zehn Sekunden des Schweigens bis zum letzten Zuge betrachtet hatte, lächelte er plötzlich, und dieses Lächeln ging sogar in ein stilles, unhörbares Lachen über; und wenn dieses Lachen auch schnell verschwand, so blieb von ihm doch ein heller, froher Schein in seinem Gesicht zurück, vor allem in seinen Augen, die sehr blau, strahlend und groß waren, nur daß die Lider vom Alter schwer geworden oder geschwollen zu sein schienen, und viele kleine Fältchen sie umgaben. Dieses Lachen wirkte am stärksten auf mich.
Ich finde, wenn ein Mensch lacht, wird es in der Mehrzahl der Fälle widerlich, ihn anzusehen. Am häufigsten äußert sich im Lachen der Menschen etwas Gemeines, etwas, was den Lachenden erniedrigt, wenn auch der Betreffende von dem Eindruck, den er auf andere macht, selbst fast nie etwas weiß. Ebensowenig wissen die Menschen, was für ein Gesicht sie haben, wenn sie schlafen. Mancher Mensch hat auch im Schlaf ein kluges Gesicht, bei manchen aber, und sogar bei klugen Leuten, wird das Gesicht im Schlaf furchtbar dumm und deshalb lächerlich. Ich weiß nicht, woher das kommt; ich will nur sagen, daß der Lachende, ganz wie der Schlafende, von dem Ausdruck des eigenen Gesichts nichts weiß. Die übergroße Mehrzahl der Menschen versteht überhaupt nicht, zu lachen. Übrigens ist da nichts zu „verstehen“: das ist eine Gabe der Natur, die man sich nicht künstlich aneignen kann. Es sei denn, daß man sich selbst zu einem ganz anderen Menschen erzieht, sich zum Besseren entwickelt und die schlechten Neigungen seines Charakters bekämpft: dann könnte sich wohl auch das Lachen zum Besseren verändern. Manch einer verrät sich durch sein Lachen vollständig, und man erkennt sofort den ganzen Menschen. Aber selbst ein kluges Lachen kann mitunter widerlich sein. Das Lachen verlangt vor allen Dingen Aufrichtigkeit, aber wo findet man unter den Menschen Aufrichtigkeit? Das Lachen verlangt Arglosigkeit, die Menschen lachen aber am häufigsten aus Bosheit. Ein aufrichtiges und argloses Lachen ist Fröhlichkeit, wo aber findet man in den Menschen von heute Fröhlichkeit, und verstehen sie überhaupt, fröhlich zu sein? (Diese Bemerkung über die Fröhlichkeit habe ich einmal von Werssiloff gehört und mir gemerkt). Die Fröhlichkeit des Menschen ist der Zug, der mehr als alles andere den Menschen verrät. Mancher Charakter ist lange nicht zu verstehen, aber da braucht der Mensch nur einmal aus ganzem Herzen zu lachen, und sein Charakter liegt offen vor einem, wie auf der Handfläche. Nur ein Mensch von höchster und glücklichster geistiger Ausgeglichenheit versteht es, auf eine Weise fröhlich zu sein, die ansteckend wirkt, d. h. unwiderstehlich und gutmütig. Ich spreche nicht von seinem Intellekt, sondern von seinem Charakter, von der ganzen ausgeglichenen Persönlichkeit. Also, wenn man einen Menschen durchschauen und seine Seele erkennen will, so beobachte man nicht, wie er schweigt oder wie er spricht, oder wie er weint, oder gar, wie die edelsten Ideen sein Gemüt bewegen, sondern man beobachte ihn lieber, wenn er lacht: hat er ein gutes Lachen, so ist er ein guter Mensch. Und man achte dabei auch auf alle Nuancen: so darf zum Beispiel das Lachen eines Menschen einem niemals dumm erscheinen, auch wenn er noch so fröhlich und gutmütig lacht. Bemerkt man nur eine Spur von Dummheit im Lachen eines Menschen, so hat dieser Mensch einen beschränkten Verstand, und mag er auch mit Ideen nur so um sich werfen. Oder wenn das Lachen eines Menschen nicht dumm ist, der Mensch aber, wenn er lacht, einem aus irgendeinem Grunde lächerlich erscheint, und wär’s auch nur ein wenig, so hat dieser Mensch keine wirkliche persönliche Würde, oder wenigstens nicht viel davon. Und schließlich, wenn das Lachen eines Menschen zwar ansteckend ist, einem aber aus irgendeinem Grunde vulgär erscheint, so ist auch die ganze Natur dieses Menschen vulgär, und alles Edle und Erhabene, das man früher an ihm zu bemerken geglaubt hat, ist von ihm entweder bewußt herausgekehrt, oder unbewußt von anderen angenommen; so ein Mensch wird sich in der Folge unfehlbar zum Schlechteren verändern, wird sich dem „Vorteilhaften“ zuwenden und sich nur noch mit diesem beschäftigen, die früheren edlen Regungen aber als Jugendirrungen und Schwärmereien ohne Bedauern abschütteln.
Diese lange Abhandlung über das Lachen habe ich mit Absicht hier eingefügt, und um ihretwillen sogar die Einheitlichkeit meiner Erzählung zerstört, denn diese Erkenntnis des Lachens halte ich für eine der wichtigsten, zu denen ich in meinem Leben bisher überhaupt gekommen bin. Besonders möchte ich sie jenen angehenden Bräuten empfehlen, die fast schon bereit sind, einem Manne ihr Jawort zu geben, ihn aber doch noch nachdenklich und mißtrauisch beobachten und den endgültigen Entschluß immer noch nicht fassen können. Möge man über den Jüngling nicht lachen, der sich mit Belehrungen in Dinge mischt, von denen er keinen Deut versteht; dafür weiß er aber, daß das Lachen die sicherste Probe auf einen Menschen ist. Man beobachte einmal ein Kind: nur Kinder verstehen es, vollkommen arglos zu lachen – deshalb sind sie auch so bezaubernd. Ein weinendes Kind ist mir widerlich, ein lachendes oder fröhliches aber ist ein Sonnenstrahl aus dem Paradies, ist – eine Offenbarung aus der Zukunft, wo die Menschen endlich wieder so rein und arglos sein werden, wie jetzt nur Kinder sind. Und gerade so etwas Kindliches und ganz unglaublich Anziehendes sah ich plötzlich in dem flüchtigen Lachen dieses alten Mannes. Ich ging sogleich auf ihn zu.
III.
„Setz dich, setz dich nieder, deine Füße, denk ich, die werden wohl noch schwach sein,“ forderte er mich freundlich auf, während er auf einen Platz neben sich zeigte und mir immer noch mit demselben strahlenden Blick ins Gesicht sah. Ich setzte mich neben ihn und sagte:
„Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind Makar Iwanowitsch.“
„So, Jungchen. Nu sieh, das ist schön, daß du aufgestanden bist. Du bist jung, du hast’s gut. Der Alte geht zum Grabe, der Junge ins Leben.“
„Sind Sie denn krank?“
„Jawohl, Freundchen, die Füße sind es arg; bis zur Tür haben sie mich noch gebracht, die Füße, aber wie ich mich dann hier niedergesetzt hab’, da sind sie mir alsobald aufgeschwollen. Das ist nun von selbigem letzten Donnerstag, als die Grade einsetzten“ (er wollte damit sagen, als es zu frieren begann). „Ich hab’ sie bislang mit einer Salbe eingeschmiert, sieh mal: vor drei Jahren hat mir ein Doktor, Lichten hieß er, Edmund Karlytsch mit Namen, in Moskau diese Salbe verschrieben, und die hat mir schon etliche Male geholfen, och, wie die mir geholfen hat! Nun aber, sieh, hilft sie nicht mehr. Und auch in der Brust ist es mir nicht ganz richtig. Und vom gestrigen Tage an wird mir der Rücken gleichwie von Hunden gebissen ... Und schlafen kann ich auch nicht mehr in der Nacht.“
„Wie kommt es, daß Sie hier gar nicht zu hören sind?“ fragte ich. Er sah mich an und schien nachzudenken.
„Weck nur die Mutter nicht auf,“ sagte er auf einmal besorgt, als wäre ihm etwas eingefallen. „Sie hat hier die ganze Nacht geschafft, aber so unhörbar, wie eine Fliege fast, und nun hat sie sich hingelegt, das weiß ich. Ach, ein kranker Alter hat es schlecht,“ seufzte er, „und an was, fragt man sich, klammert sich das Herz nur so? Aber es hält und hält sich fest und freut sich immer noch am Licht; und, meiner Treu, wenn es möglich wär, denkt man so bei sich selber, das ganze Leben noch einmal von vorn anzufangen, die Seele würde, glaub’ ich, auch davor sich nicht fürchten; obzwar so ein Gedanke vielleicht sündhaft ist.“
„Warum denn sündhaft?“
„Ein Traum ist er, dieser Gedanke, ein Greis aber muß mit Würde hinscheiden von dieser Welt. Denn wiederum, so du dem Tod mit Murren oder mit Unzufriedenheit entgegengehst, so ist selbiges eine große Sünde. Nun, aber so du aus geistiger Freude das Leben liebgewonnen hast, wird Gott es schon verzeihen, auch einem alten Mann, denk ich. Es ist schwer für den Menschen, bei jeder Sünde zu wissen, was sündhaft ist und was nicht: darüber liegt ein Geheimnis, das über Menschenverstand geht. Ein Greis aber muß jederzeit zufrieden sein, und sterben muß er in der vollen Klarheit seines Verstandes, selig und würdevoll, gesättigt von seinen Tagen, seiner letzten Stunde entgegenseufzend, und sich freuend – gleichwie eine Ähre zur Garbe hingeht – und sein Geheimnis erfüllend.“
„Sie sagen schon wieder ‚Geheimnis‘, – was heißt das: ‚sein Geheimnis erfüllend‘?“ fragte ich und sah mich nach der Tür um. Ich war froh, daß wir allein waren und daß rings um uns lautlose Stille herrschte. Die untergehende Sonne schien grell in das Zimmer. Er sprach in etwas schwülstigen Ausdrücken und unklar, aber mit starker Überzeugung und sehr angeregt; mein Kommen hatte ihn sichtlich erfreut. Aber es entging mir nicht, daß er sich zweifellos in einem fieberhaften Zustande befand und vielleicht sogar sehr hohes Fieber hatte. Auch ich war krank und fieberte seit dem Augenblick, da ich bei ihm eingetreten war.
„Was ein Geheimnis ist? Alles ist ein Geheimnis, Freund, in allem ist ein Geheimnis Gottes. In jedem Baum, in jedem Stäubchen ist dieses selbe Geheimnis eingeschlossen. Ob ein kleines Vöglein singt, oder ob die ganze Sternenschar in der Nacht am Himmel funkelt – alles ist ein und dasselbe Geheimnis, des sei du gewiß. Doch der Geheimnisse allergrößtes liegt darinnen, was die Seele des Menschen in jener Welt erwartet. So ist es fürwahr, Freund!“
„Ich weiß nicht, in welchem Sinne Sie ... Ich will Sie natürlich nicht reizen, und Sie können versichert sein, daß ich an Gott glaube ... Aber alle diese Geheimnisse hat der Menschenverstand schon längst aufgedeckt, und was noch nicht aufgedeckt ist, das wird noch aufgedeckt werden, das ist sicher, und vielleicht sogar in kürzester Zeit. Die Botanik weiß ganz genau, wie der Baum wächst, der Physiologe und der Anatom wissen sogar, warum der Vogel singt, oder werden es bald wissen, und was die Sterne betrifft, so sind sie nicht nur alle schon gezählt, sondern auch jede ihrer Bewegungen ist auf die Sekunde genau ausgerechnet, so daß man sogar auf tausend Jahre voraussagen kann, in welcher Stunde und Minute ein Komet erscheinen wird ... Und jetzt weiß man auch schon, woraus selbst die entferntesten Sterne zusammengesetzt sind. Nehmen Sie ein Mikroskop – das ist so ein Vergrößerungsglas, das die Gegenstände millionenmal größer zeigt – und betrachten Sie durch dieses Glas einen Wassertropfen: da werden Sie eine ganz neue Welt entdecken, ein ganzes Chaos von Lebewesen. Auch das war ein Geheimnis, aber man hat es doch aufgedeckt.“
„Wohl, wohl, ich habe davon gehört, Freundchen, habe schon mehrfach davon reden hören. Da ist nichts drüber zu sagen, das ist eine große und ruhmvolle Tat. Alles ist dem Menschen durch Gottes Willen gegeben; nicht umsonst hat Gott ihm den lebendigen Odem eingeblasen, und nicht umsonst ist sein Gebot: ‚Lebe und erkenne‘.“
„Nun, das sind – Gemeinplätze. Aber Sie – sind Sie denn kein Feind der Wissenschaft, kein Klerikaler? Das heißt, ich weiß nicht, ob Sie das verstehen ...“
„Nein, Freundchen, ich habe von Jugend auf die Wissenschaft geachtet, und wenn ich auch selber keinen Verstand davon habe, so murre ich doch nicht dawider; denn ist er nicht mir gegeben, so ist er dafür einem anderen gegeben. Es ist das vielleicht um so besser; denn man sagt: einem jeden das seine. Zumal, Freundchen, nicht einem jeden die Wissenschaft von Nutzen ist. Wir sind doch alle unenthaltsam, ein jeder will die ganze Welt in Erstaunen setzen, ich aber, wer weiß, würde das vielleicht noch mehr als alle anderen wollen, wenn ich die Begabung hätte. Doch wo ich nun ganz ohne Begabung bin und selber nichts weiß, wie kann ich mich da überheben? Du aber bist jung und gewitzt und dir ist dies Los zugefallen, du lerne nun auch. Trachte alles zu erkennen, damit du, so du einem Gottlosen oder einem Streitsüchtigen begegnest, ihm dann Antwort stehen kannst, und er dich mit rasendem Gerede nicht taub mache und deine unreifen Gedanken nicht irre führe. So ein Glas aber habe ich noch ganz kürzlich gesehen.“
Er holte tief Atem und seufzte. Entschieden hatte ich ihm durch mein Kommen eine außerordentliche Freude bereitet. Sein Mitteilungsdrang war jedenfalls krankhaft. Ich kann wohl auch mit Bestimmtheit behaupten, daß er mich manchmal minutenlang mit ganz unsäglicher Liebe ansah: zärtlich legte er seine Hand auf meine Hand, streichelte meine Schulter ... manchmal aber, das muß ich gestehen, schien er mich wiederum ganz zu vergessen, als wäre ich gar nicht da, und wenn er dabei auch weiterredete, so sprach er doch gleichsam irgendwohin in die Luft.
„In dem kleinen einsamen Genadijewschen Kloster,“ fuhr er fort, „lebt ein Mann von großem Verstande. Er ist von vornehmer Herkunft; dem Range nach ist er Oberstleutnant, und er besitzt großen Reichtum. Als er noch in der Welt lebte, wollte er sich nicht durch eine Heirat binden; und nun lebt er schon das zehnte Jahr ganz abgeschlossen von der Welt; denn er hat sein Herz an den stillen, schweigenden Zufluchtsort gehängt und seine Gefühle von den eitlen Sorgen der Welt gelöst. Er hält die ganze Klosterordnung ein, aber zum Mönch will er sich doch nicht scheren lassen. Und Bücher hat er so viel, wie meine Augen noch nie bei einem Menschen beisammen gesehen haben, – er selber sagte mir, es wären Bücher für gute achttausend Rubel. Pjotr Walerjanytsch heißt er mit Namen. In vielem hat er mich zu verschiedenen Zeiten unterwiesen, und ich hab’ ihm mit überköstlichem Vergnügen zugehört. Und einmal sage ich so zu ihm: ‚Wie geht das zu, Herr, und was ist die Ursache, daß Ihr bei Eurem so großen Verstande, und wo Ihr schon zehn Jahre im Kloster lebt, gehorsam alle Vorschriften befolgt und Euer Begehren allgemach abgetötet habt – was ist denn die Ursache, daß Ihr nicht das Gelübde ablegt, auf daß Ihr alsdann noch vollkommener werdet?‘ Er aber entgegnet mir darauf und spricht: ‚Was redest du, Alter, von meinem Verstande; vielleicht ist es gerade mein Verstand, der mich gefangen hält, denn ich habe ihn nicht zu zähmen vermocht. Und was redest du von meinem Gehorsam: vielleicht habe ich schon längst mein Maß verloren. Und was redest du von der Abtötung meines Begehrens! Auf mein ganzes Geld könnte ich sofort verzichten, desgleichen auf alle Titel, und die ganze Kavallerie legte ich dir hier auf den Tisch, aber auf meine Pfeife Tabak kann ich nicht verzichten, das zehnte Jahr schon kämpfe ich deshalb mit mir, und doch kann ich nicht davon lassen. Was wäre ich nun nach alledem für ein Mönch, und was für eine Abtötung meines Begehrens rühmst du an mir?‘ Fürwahr, seine Demut nahm mich damals wunder. Und so kam ich denn jüngst im Sommer, zur Zeit der Petrifasten, wieder nach jenem Kloster – Gott führte mich hin – und da seh ich, in seiner Zelle steht so ein Ding – ein Mikroskop, – das hatte er sich für vieles Geld aus dem Auslande verschrieben. ‚Warte, Alter,‘ sagt er zu mir, ‚ich werde dir etwas Erstaunliches zeigen, was du noch nie gesehen hast. Sieh diesen Wassertropfen, er ist rein wie eine Träne: nun, und jetzt überzeuge dich, was in ihm alles ist, und du wirst sehen, daß die Mechaniker bald alle Geheimnisse Gottes aufgedeckt haben werden, kein einziges werden sie für uns beide noch übriglassen‘ – gerade so sagte er, mit selbigen Worten. Ich aber hatte schon vor fünfunddreißig Jahren durch so ein Ding gesehen, bei Alexander Wladimirowitsch Malgaßoff, meinem früheren Herrn, dem Onkel selig von Andrei Petrowitsch, mütterlicherseits, von dem denn auch später, nach seinem Ableben, das Stammgut an Andrei Petrowitsch fiel. Das war ein mächtiger Herr, ein hoher General, und eine große Meute hielt er sich, und ich war unter ihm lange Jahr Pikör damals. Nun, und da stellte er einmal auch so ein Mikroskop auf, das er mitgebracht hatte, und er befahl dem ganzen Hofgesinde, Männern und Weibern, alle sollten sie einer nach dem andern herantreten und durch das Rohr sehen; und da wurde denn auch alles gezeigt, ein Floh und ein Läuschen und eine Nadelspitze und ein Härchen und ein Wassertropfen. Ja, das war schon eine Kurzweil und ein Spaß: da fürchten sie sich vor dem Wunderding, aber den Herrn, den fürchteten sie auch – der konnte gewaltig aufbrausen! Manche wissen gar nicht, wie sie sehen sollen, kneifen die Augen zusammen, blinzeln bloß und sehen überhaupt nichts; andere zittern vor Angst und schreien, und der Dorfälteste Ssavin Makaroff hält sich mit beiden Fäusten die Augen zu und schreit: ‚Macht mit mir, was ihr wollt – ich guck nicht hinein!‘ Danach gab es viel unnützes Gelächter. Dem Pjotr Walerjanytsch aber sagte ich nicht, daß ich dazumal so ein Ding schon gesehen hatte, also dies selbe Wunder schon fünfunddreißig Jahre zuvor geschaut hatte, denn ich seh’ doch, es macht ihm Spaß, mir das zu zeigen; da tat ich denn mit Fleiß, als wär ich mächtig verwundert und entsetzt. Er ließ mir Zeit und dann fragte er: ‚Nun, Alter, was sagst du jetzt?‘ Ich aber verneige mich und sage: ‚Und Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht,‘ er aber fragt mich plötzlich: ‚Ward nicht am Ende Finsternis?‘ Und so eigenartig fragte er das, lächelte nicht mal dabei. Ich wunderte mich noch über ihn, fürwahr, er aber war danach, ich muß sagen, wie erzürnt und blieb stumm.“
„Ganz einfach: Ihr Pjotr Walerjanytsch ißt im Kloster zwar Fastenspeisen und macht die vorschriftsmäßigen Verneigungen wie ein Mönch, aber an Gott glaubt er nicht, und gerade in einem solchen Augenblick sind Sie damals zu ihm gekommen – das ist alles,“ sagte ich. „Außerdem ist er eigentlich recht lächerlich: er wird doch in seinem Leben sicherlich schon zehnmal so ein Mikroskop gesehen haben, warum verliert er denn beim elften Male darüber den Verstand? Das wird wohl nur so eine nervöse Reizbarkeit gewesen sein ... die sich durch das Klosterleben bei ihm entwickelt hat.“
„Er ist ein reiner Mensch und von hohem Verstande,“ sagte der Alte in belehrendem Ton, „und ist auch kein Gottloser. Er hat reichen Verstand, aber sein Herz ist unruhig. Solcher gibt es jetzt viele unter den Gebildeten und den Gelehrten. Und was ich dir noch sage: solch ein Mensch straft sich selber. Du aber geh’ ihnen aus dem Wege und belästige sie nicht, doch abends vor dem Schlaf gedenke ihrer in deinem Gebet, denn solche suchen Gott. Betest du auch vor dem Schlafengehen?“
„Nein, ich halte das für eine leere Förmlichkeit. Übrigens muß ich Ihnen gestehen, daß Ihr Pjotr Walerjanytsch mir gefällt: wenigstens ist er kein leeres Stroh, sondern immerhin ein Mensch, und noch dazu einer, der sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit einem uns beiden nahestehenden Menschen hat.“
Der Alte beachtete nur den ersten Satz meiner Antwort.
„Das ist nicht recht von dir, Freund, daß du nicht betest; beten ist gut, es macht das Herz froh, zumal vor dem Schlafengehen und nach dem Erwachen frühmorgens, und auch so du in der Nacht erwachst. Das sage ich dir. Einmal im Sommer war’s, im Julimonat, da pilgerten wir nach dem Muttergotteskloster zum Kirchenfest. Je näher wir dem Orte kamen, um so zahlreicher schlossen sich Pilger an, und schließlich waren wir unser fast an die zweihundert, die alle hinzogen, um die heilkräftigen Reliquien der beiden großen Wundertäter Aniki und Grigori zu küssen. Wir übernachteten alle beisammen unter freiem Himmel, und ich erwachte frühmorgens, als alle noch schliefen und sogar die Sonne noch nicht hinter dem Walde hervorsah. Ich hob den Kopf, mein Freund, ließ den Blick ringsum über die Erde schweifen und atmete auf! Eine Schönheit allüberall, die unaussprechlich ist. Still ist alles, die Luft ist leicht. Die Gräschen wachsen – wachset nur, Gottes Gräschen; ein Vögelchen singt – sing nur, Gottes Vögelchen; ein Kindchen schreit einmal leise in den Armen eines Weibes – Gott sei mit dir, kleines Menschlein, wachse auf zum Glück, der du geboren bist! Und da war mir, als hätte ich zum erstenmal in meinem ganzen Leben alles dies in mich aufgenommen ... Ich legte den Kopf wieder hin, und es schlief sich so leicht. Schön ist es auf der Welt, Lieber! Ich möchte, wenn’s mir besser geht, im Frühling wieder wandern gehen. Und daß die Welt ein Geheimnis ist, das macht sie ja noch schöner; furchtbar ist es dem Herzen und wundervoll; und diese Furcht gereicht dem Menschenherzen zur Freude: ‚Alles ist in dir, Gott, und auch ich bin in dir, so nimm mich auf!‘ Murre nicht, Jungling: um so schöner ist es noch, als es ein Geheimnis ist,“ fügte er ergriffen hinzu.
„‚Um so schöner ist es noch, als es ein Geheimnis ist‘ ... Das werde ich behalten, gerade diese Worte. Sie drücken sich furchtbar ungenau aus, aber ich verstehe schon ... Es überrascht mich, daß Sie viel mehr wissen und verstehen, als Sie ausdrücken können; nur reden Sie, wie’s scheint, im Fieber ...,“ entfuhr es mir unwillkürlich, als ich in seine fieberhaft glänzenden Augen und sein bleich gewordenes Gesicht sah.
Er aber hatte, glaube ich, meine Worte gar nicht gehört.
„Weißt du auch, Jungling,“ begann er wieder, als setze er seine frühere Rede fort, „weißt du auch, daß auf Erden der Erinnerung an einen Menschen eine Grenze gesetzt ist? Die Erinnerung an einen Menschen währt nur hundert Jahre. Hundert Jahre nach seinem Tode können noch seine Kinder seiner gedenken, oder seine Enkel, die noch sein Antlitz gesehen haben; wenn sich aber Erinnerung an ihn auch dann noch fortsetzt, so nur von Mund zu Mund, nur durch Worte und Gedanken, dieweil alle, so sein Antlitz mit Augen geschaut haben, alsdann schon dahingegangen sind. Und auf seinem Grabhügel auf dem Friedhof wird Gras wachsen, und der weiße Grabstein wird morsch werden und zerfallen, und alle Menschen werden ihn vergessen, desgleichen seine Nachfahren, und über ein kleines wird auch sein Name vergessen sein, zumal nur wenige Namen im Gedächtnis der Menschen verbleiben – nun, und mag es so sein! Möget ihr mich vergessen, ihr Lieben, ich aber kann euch noch aus dem Grabe heraus lieben. Ich höre eure fröhlichen Stimmen, Kinderchen, höre eure Schritte auf den Gräbern eurer Väter am Allerseelentage; lebt jetzt noch in der Sonne, freuet euch, ich aber werde für euch zu Gott beten, werde im Traume zu euch kommen ... gleichviel, auch nach dem Tode lebt die Liebe! ...“
Ich war in genau dem gleichen Fieberzustande wie er; statt nun hinauszugehen oder ihn zu beruhigen oder ihn womöglich zu überreden, sich hinzulegen, da er ja wie in Phantasien sprach, ergriff ich plötzlich seine Hand, und indem ich mich zu ihm hinabbeugte und seine Hand drückte, flüsterte ich erregt und mit Tränen in der Seele:
„Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Ich habe vielleicht schon lange auf Sie gewartet. Ich liebe keinen einzigen von ihnen allen: sie haben keine Weisheit ... Ich werde ihnen nicht folgen, ich weiß nicht, wohin ich gehen werde, ich werde mit Ihnen gehen ...“
Da kam plötzlich Mama herein, – zum Glück; denn ich weiß nicht, womit es noch geendet hätte. Sie kam, soeben aus dem Schlaf geschreckt, mit aufgeregtem Gesicht; in der Hand hatte sie ein Fläschchen und einen Eßlöffel; als sie uns erblickte, rief sie besorgt aus:
„Wußt’ ich’s doch! Da hab’ ich ihm die Chinintropfen nicht zur rechten Zeit gegeben, und nun fiebert er! Ich hab’ mich verschlafen, Makar Iwanowitsch, Liebster!“
Ich erhob mich und ging hinaus. Sie gab ihm die Tropfen und brachte ihn ins Bett. Auch ich legte mich wieder in mein Bett, aber ich war sehr erregt. Eine große Neugier war in mir erwacht, und ich dachte mit allen Gedanken an diese Begegnung. Was ich damals von ihr erwartete – ich weiß es nicht. Natürlich waren meine Gedanken ohne Zusammenhang, und eigentlich waren es gar keine Gedanken, sondern nur Bruchstücke von Gedanken. Ich lag mit dem Gesicht zur Wand und plötzlich erblickte ich in der Ecke den grellen Lichtfleck von der Sonne, an den ich vorher mit einer solchen Verwünschung gedacht hatte, und ich weiß noch, wie meine ganze Seele erklang und wie gleichsam ein ganz neues Licht mein Herz erfüllte. Ich erinnere mich noch gut dieses süßen Augenblicks und will ihn nie vergessen. Es war ein Augenblick neuer Hoffnung und neuer Kraft ... Ich war ja damals ein Genesender; da kann wohl diese plötzliche Stimmung eine unvermeidliche Folge meines Nervenzustandes gewesen sein. Aber an diese selbe lichte Hoffnung glaube ich auch jetzt, – das ist es, was ich jetzt hier niederschreiben und mir zu Bewußtsein bringen wollte. Selbstverständlich wußte ich auch damals schon ganz genau, daß ich nicht mit Makar Iwanowitsch gehen würde, und daß mir selbst nicht klar war, worin dieser neue Drang, der mich erfaßt hatte, bestand, aber ein Wort hatte ich, wenn auch im Fieberdelirium, doch schon ausgesprochen: „Sie haben keine Vornehmheit!“[14] „Das ist es,“ dachte ich von diesem Augenblick an in meiner Verzückung, „ich suche Vornehmheit, die aber haben sie nicht, und deshalb verlasse ich sie.“
Hinter mir hörte ich ein leises Geräusch, ich drehte mich um: an meinem Bett stand Mama, und sie beugte sich über mich und sah mir mit scheuer Neugier in die Augen. Auf einmal ergriff ich ihre Hand.
„Mama, warum haben Sie mir nichts von unserem teuren Gast gesagt?“ fragte ich plötzlich, und fast überraschte es mich selbst, daß ich so sagte.
Die ganze Unruhe verschwand im Nu aus ihrem Gesicht und Freude leuchtete gleichsam in ihm auf, aber sie antwortete mir nichts und sagte nur:
„Vergiß auch Lisa nicht; du hast Lisa vergessen.“
Sie sagte das hastig, errötete und wollte schnell weggehen; denn auch sie hatte eine furchtbare Scheu davor, Gefühle zur Schau zu stellen, – in der Beziehung war sie ganz wie ich: scheu und keusch. Und außerdem wollte sie mit mir natürlich nicht von dem Thema Makar Iwanowitsch anfangen; es genügte auch das, was wir uns mit den Augen sagen konnten. Aber gerade ich, der jedes Zurschaustellen von Gefühlen so haßt, gerade ich hielt sie mit Gewalt an der Hand zurück: ich sah ihr innig in die Augen, lachte still und zärtlich und streichelte mit der anderen Hand ihr liebes Gesicht, ihre eingefallenen Wangen. Sie beugte sich zu mir herab und preßte ihre Stirn auf die meine.
„Nun, Christus sei mit dir,“ sagte sie, plötzlich den Kopf erhebend, und ihr Gesicht strahlte, „werde gesund! Das vergesse ich dir nicht. Er ist krank, sehr krank. Sein Leben ist in Gottes Hand ... Ach, was sage ich da, das kann ja doch nicht sein!“
Sie ging hinaus. Ihr Leben lang hat sie in Angst und Bangen und in unermeßlicher Ehrfurcht ihren angetrauten Mann, den Pilger Makar Iwanowitsch, verehrt, ihn, der ihr großmütig und ein für allemal verziehen hatte.
Zweites Kapitel.
I.
Lisa hatte ich durchaus nicht „vergessen“, darin täuschte sich Mama. Dem feinen Gefühl der Mutter war es nur nicht entgangen, daß zwischen Bruder und Schwester gleichsam eine leise Abkühlung einzutreten begann, aber das hatte nichts mit unserer gegenseitigen Liebe zu tun, sondern entsprang eher einer gewissen Eifersucht. Ich will dies im Hinblick auf das Weitere etwas näher erklären.
In der armen Lisa zeigte sich seit dem Tage der Verhaftung des Fürsten ein gewisser unzugänglicher Stolz, ja förmlich ein unnahbarer Hochmut, der auf die Dauer unerträglich wurde; ein jeder im Hause begriff natürlich den Grund dieser Veränderung und erriet die Wahrheit, d. h. wie sehr sie litt; und wenn ich mich in der ersten Zeit über ihre Art, mit uns umzugehen, ärgerte und meinen Ärger auch zeigte, so geschah das nur infolge meiner kleinlichen Reizbarkeit, die durch die Krankheit noch zehnmal schlimmer geworden war, – so denke ich jetzt darüber. Zu lieben aber hatte ich Lisa deshalb doch nicht aufgehört; im Gegenteil, ich liebte sie sogar noch mehr, nur wollte ich nicht den ersten Schritt zur Annäherung machen, obwohl ich wußte, daß auch sie um nichts in der Welt diesen ersten Schritt tun würde.
Die Sache war die, daß Lisa seit der Verhaftung des Fürsten, nachdem alles über ihn bekannt geworden war, sofort sowohl uns wie auch allen anderen gegenüber eine Haltung annahm, die nicht einmal die Möglichkeit des Gedankens zulassen wollte, daß man sie bedauern oder den Versuch machen könnte, sie zu trösten oder den Fürsten zu „entschuldigen“. Im Gegenteil, sie ging – da sie es offenbar unter ihrer Würde hielt, irgend etwas zu erklären oder mit jemandem zu streiten – wie in einem beständigen Stolz umher, in einem Stolz auf die Tat ihres unglücklichen Bräutigams, als ob er die größte Heldentat vollbracht hätte. Sie schien förmlich in jedem Augenblick uns allen zu sagen (doch wie gesagt, ohne ein Wort auszusprechen): „Von euch hätte das doch niemand getan, hätte sich niemand aus Ehr- und Pflichtgefühl selbst angezeigt, von euch hat doch keiner ein so feines und stolzes Gewissen! Und was seine schlechten Handlungen betrifft – wer hat denn keine schlechten Handlungen auf dem Gewissen? Nur werden sie von allen ängstlich geheimgehalten, dieser Mensch aber hat es vorgezogen, sich selbst ins Verderben zu stürzen, um nicht in seinen eigenen Augen ein Unwürdiger zu sein.“ Das war ungefähr der Sinn, den jede ihrer Bewegungen auszudrücken schien. Ich weiß nicht, aber ich hätte mich an ihrer Stelle wohl genau so verhalten. Auch weiß ich nicht, ob gerade diese Gedanken in ihrer Seele waren, ich meine, ob sie bei sich wirklich so dachte; ich vermute stark, daß sie das nicht tat. Jedenfalls mußte sie doch mit der anderen, klaren Hälfte ihres Verstandes die ganze Wertlosigkeit ihres „Helden“ erkennen; denn wer würde heute nicht zugeben, daß dieser unglückliche und in seiner Art sogar großherzige Mensch gleichzeitig ein im höchsten Grade wertloser Mensch war? Ja, schließlich ließ gerade diese ihre Streitsucht und ihre Anmaßung uns allen gegenüber, und ihr unausgesetztes Mißtrauen, wir könnten vielleicht anders über ihn denken, – gerade das ließ zum Teil erraten, daß in der Tiefe ihres Herzens sich ein anderes Urteil über ihren unglücklichen Freund gebildet hatte. Aber ich möchte doch gleich von mir aus hinzufügen, daß sie, meiner Ansicht nach, zur Hälfte immerhin im Recht war; gerade ihr war das Schwanken vor einer endgültigen Schlußfolgerung viel eher zu verzeihen als uns anderen. Ich selbst gestehe aus ganzer Seele, daß ich auch heute, wo doch alles schon der Vergangenheit angehört, noch immer nicht weiß, wie und als was ich diesen Unglücklichen, der uns allen ein solches Rätsel aufgegeben hat, schließlich beurteilen soll.
Nichtsdestoweniger machte Lisa das Haus zu einer kleinen Hölle. Sie, die so stark liebte, litt gewiß sehr, und ihrem Charakter gemäß zog sie es vor, schweigend zu leiden. Ihr Charakter glich dem meinen, das heißt, er war selbstherrlich und stolz, und eigentlich habe ich mir immer gedacht, sowohl damals wie auch jetzt, daß sie den Fürsten aus Herrschsucht liebte, eben weil er keinen Charakter besaß und sich vom ersten Wort und von der ersten Stunde an ihr unterworfen hatte. Das geschieht im Herzen irgendwie ganz von selbst, ohne jede vorhergehende Berechnung; aber eine solche Liebe eines Starken zu einem Schwachen ist manchmal unvergleichlich stärker und qualvoller als die Liebe zwischen zwei Menschen mit gleichen Charakteren, weil der Stärkere ganz unwillkürlich die Verantwortung für seinen schwachen Freund auf sich nimmt. Wenigstens denke ich mir das so. Die Unsrigen umgaben Lisa von Anfang an mit der liebevollsten Sorge, besonders Mama; doch Lisa ließ sich durch nichts erweichen, verhielt sich völlig stumm zu aller Teilnahme und wies jede Hilfe zurück. Anfangs sprach sie noch mit Mama, aber mit jedem Tage wurde sie wortkarger, antwortete immer knapper und sogar immer schroffer. In der ersten Zeit fragte sie Werssiloff um Rat, bald aber erkor sie sich zum Ratgeber und Helfer – Wassin, wie ich zu meiner Verwunderung später erfuhr ... Sie ging fast jeden Tag zu Wassin, ging auch aufs Gericht und zu den Vorgesetzten des Fürsten, ging zu den Advokaten und zum Staatsanwalt; schließlich war sie oft den ganzen Tag nicht zu Haus. Selbstverständlich besuchte sie täglich, und sogar zweimal am Tage, den Fürsten, der im Gefängnis saß, in der Abteilung für Adlige; aber diese Zusammenkünfte waren, wovon ich mich später überzeugt habe, für Lisa sehr qualvoll. Natürlich, welcher Dritte kann das Verhältnis zweier Liebenden zueinander ganz genau beurteilen? Aber ich weiß, daß der Fürst sie dann immer aufs tiefste kränkte; und wodurch? Ja, sonderbarerweise durch fortwährende Eifersucht. Übrigens, darauf werde ich später noch zurückkommen; aber eines möchte ich hier doch noch bemerken: es ist schwer zu sagen, wer von ihnen den anderen mehr quälte. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Lisa, die uns gegenüber auf ihren Helden so stolz war, sich ihm gegenüber, unter vier Augen, ganz anders verhielt. Ich vermute das sogar sehr stark – nach einigen Anhaltspunkten, auf die ich noch zurückkommen werde.
So war denn, was meine Gefühle und mein Verhalten zu Lisa betrifft, alles Äußere, Sichtbare nur eine Vortäuschung, und zwar sowohl von mir wie von ihr aus; denn im Grunde haben wir uns niemals stärker geliebt als eben in jener Zeit. Ich muß hier noch bemerken, daß Lisa sich zu Makar Iwanowitsch, nachdem die erste Verwunderung und das erste Interesse vergangen waren, aus irgendeinem Grunde fast geringschätzig, ja sogar hochmütig verhielt. Sie schien ihm absichtlich nicht die geringste Beachtung zu schenken.
Als ich mir vorgenommen hatte zu schweigen – ich habe das bereits erwähnt –, da war ich natürlich überzeugt gewesen, wie man das in der Theorie ja immer ist, daß ich meinen Vorsatz auch durchführen würde. Oh, mit Werssiloff zum Beispiel hätte ich eher von der Zoologie oder von den römischen Imperatoren gesprochen als von, sagen wir, von – „ihr“ oder etwa von jener wichtigsten Zeile in seinem Brief an sie, wo er ihr mitteilt, daß das Dokument durchaus nicht vernichtet sei und noch eine Rolle spielen könne, – von jener Zeile, an die ich sogleich wieder zu denken begann, kaum daß ich nach den Fieberdelirien zu Bewußtsein und zur Besinnung gekommen war. Aber, ach! Schon bei den ersten Schritten in der Praxis, ja fast sogar schon vor dem ersten Schritt, erkannte ich, wie schwer und unmöglich es ist, solche Vorsätze zu erfüllen: schon am folgenden Tage nach meiner ersten Begegnung mit Makar Iwanowitsch wurde ich durch eine überraschende Neuigkeit furchtbar aufgeregt.
II.
Diese mich furchtbar aufregende Neuigkeit erfuhr ich durch Darja Onissimowna, die Mutter der verstorbenen Olä, die mich ganz unerwartet besuchte. Von Mama hatte ich schon gehört, daß Darja Onissimowna bereits während meiner Krankheit zweimal bei uns gewesen war und große Teilnahme für mein Befinden gezeigt hatte. Ob nun diese „gute Frau“, wie Mama sie immer nannte, nur wie früher Mama besucht hatte, oder ob sie hauptsächlich meinetwegen gekommen war, danach hatte ich nicht gefragt. Gewöhnlich erzählte mir Mama, wenn sie mir die Suppe brachte und mich fütterte (als ich noch nicht selbst den Löffel führen konnte), alles, was im Hause geschehen war, um mich zu zerstreuen: ich aber gab mir jedesmal hartnäckig den Anschein, als ob mich alle diese Mitteilungen wenig interessierten; so hatte ich denn auch wegen der Darja Onissimowna nichts weiter gefragt und einfach geschwiegen.
Es war gegen elf Uhr; ich wollte gerade aufstehen, um mich in den Lehnstuhl am Tisch zu setzen, als Darja Onissimowna in mein Zimmer trat. Da blieb ich absichtlich im Bett. Mama war oben mit irgend etwas beschäftigt und konnte nicht herunterkommen, und so waren wir denn auf einmal allein. Sie setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl, lächelte und sagte kein Wort. Ich sah voraus, was bevorstand: wir würden, wie im Gesellschaftsspiel, uns gegenseitig im Schweigen zu überbieten suchen; und überhaupt ärgerte mich ihr Besuch. Ich nickte ihr nicht einmal zu und sah ihr schweigend gerade in die Augen: aber sie sah mich gleichfalls unbeweglich an.
„Sie langweilen sich jetzt wohl in der Wohnung des Fürsten, seitdem Sie dort allein sind?“ fragte ich auf einmal, da ich die Geduld verlor.
„Nein, ich bin nicht mehr in jener Wohnung. Ich bin jetzt, dank Anna Andrejewna, bei dem Kindchen.“
„Bei wessen Kindchen?“
Sie sah sich nach der Tür um und flüsterte vertraulich geheimnisvoll:
„Bei Herrn Werssiloffs Kindchen!“
„Aber dafür sorgt doch Tatjana Pawlowna ...“
„Ganz recht, ganz recht, auch Tatjana Pawlowna und auch Anna Andrejewna, beide zusammen, und Lisaweta Makarowna auch, und auch Ihre Mama ... alle. Alle sorgen sie dafür. Tatjana Pawlowna und Anna Andrejewna sind jetzt sehr befreundet miteinander.“
Das war eine Neuigkeit. Sie belebte sich förmlich beim Sprechen. Ich sah sie an und haßte sie.
„Sie sind ja seit dem letztenmal, als Sie bei mir waren, recht munter geworden.“
„Ach, ja.“
„Sie scheinen auch zugenommen zu haben?“
Sie sah mich sonderbar an.
„Ich habe sie sehr liebgewonnen, sehr.“
„Wen denn?“
„Anna Andrejewna doch. Sehr lieb. Sie sind ein so edles Fräulein und so klug ...“
„So so. Und wie fühlt sie sich denn jetzt?“
„Sie sind sehr ruhig, sehr.“
„Das ist sie ja immer gewesen.“
„Ganz recht, sie sind immer so.“
„Wenn Sie mit Klatschgeschichten hergekommen sind,“ schrie ich plötzlich, da ich nicht mehr an mich halten konnte, „so lassen Sie sich gesagt sein, daß ich mit alledem nichts mehr zu tun haben will, ich habe beschlossen, alles im Stich zu lassen ... alles und alle, mir ist’s egal, – ich gehe weg! ...“
Ich besann mich plötzlich und hielt inne. Es schien mir erniedrigend, daß ich ihr gewissermaßen meine neuen Pläne mitteilte. Sie aber zeigte weder Erstaunen noch Erregung, und es folgte wieder Schweigen. Plötzlich stand sie auf, ging zur Tür und sah ins Nebenzimmer. Als sie sich überzeugt hatte, daß dort niemand war, kehrte sie ganz ruhig zurück und setzte sich auf ihren früheren Platz.
„Das haben Sie gut gemacht!“ sagte ich plötzlich lachend.
„Werden Sie Ihre Wohnung bei dem Beamten behalten?“ fragte sie auf einmal, wobei sie sich ein wenig zu mir vorbeugte und die Stimme senkte, ganz als wäre das die wichtigste Frage, und als wäre sie nur zu dem Zweck zu mir gekommen, um darüber etwas zu erfahren.
„Meine Wohnung? Ich weiß nicht. Vielleicht gebe ich sie auch auf ... Wie soll ich das wissen?“
„Ihre Wirtsleute erwarten Sie sehr; jener Beamte ist schon ganz ungeduldig, auch seine Frau. Herr Werssiloff hat ihnen versichert, Sie würden bestimmt zu ihnen zurückkehren.“
„Ja, aber weshalb interessieren Sie sich denn dafür?“
„Anna Andrejewna wollte das gern wissen; sie waren sehr zufrieden, als sie erfuhren, daß Sie dort bleiben.“
„Aber woher weiß sie denn, daß ich in der Wohnung bleibe?“
Ich wollte noch hinzufügen: „Und was geht das Anna Andrejewna an?“ – bezwang mich aber und unterließ die Frage aus Stolz, da ich sie nicht ausfragen wollte!
„Auch Herr Lambert haben dasselbe bestätigt.“
„Wa–a–as?“
„Ja, Herr Lambert haben auch Andrei Petrowitsch bestätigt, Sie würden bestimmt dort bleiben, und auch Anna Andrejewna haben sie dessen versichert.“
Ich war starr vor Schreck. Was hatte das nun wieder zu bedeuten! Lambert kennt bereits Werssiloff, Lambert war schon bis zu Werssiloff vorgedrungen, – Lambert und Anna Andrejewna, er war bis zu Anna Andrejewna vorgedrungen! Mir wurde ganz heiß, aber ich schwieg. Eine Flut von Stolz erfüllte mich plötzlich ganz, von Stolz, oder ich weiß nicht von was. Aber ich sagte mir in dem Augenblick: „Wenn ich jetzt auch nur ein Wort der Erklärung verlange, so verwickle ich mich wieder in diese Welt und werde mich nie mehr aus ihr herausreißen können.“ Haß entbrannte in meinem Herzen. Ich nahm mich mit aller Gewalt zusammen und beschloß zu schweigen; ich lag unbeweglich. Sie schwieg gleichfalls, das Schweigen dauerte schon minutenlang.
„Was macht der alte Fürst Nikolai Iwanowitsch?“ fragte ich auf einmal, als hätte ich jede Überlegung verloren. Das heißt, ich fragte ja nur, um auf ein anderes Thema zu kommen, dabei stellte ich aber aus Versehen die allerwichtigste Frage, und so kehrte ich wie ein Wahnsinniger wieder in jene Welt zurück, aus der zu fliehen ich noch vor einem Augenblick so krampfhaft beschlossen hatte.
„Der alte Fürst sind in Zarskoje Sselo. Der Fürst waren nicht ganz gesund, und in der Stadt herrschen jetzt so viele Krankheiten, Influenza und Fieber; da haben denn alle dem Fürsten geraten, doch nach Zarskoje in ihr eigenes Haus überzusiedeln, wegen der guten Luft.“
Ich antwortete nichts.
„Anna Andrejewna und die Generalin besuchen den Fürsten alle drei Tage einmal, sie fahren dann auch zusammen hin.“
Anna Andrejewna und die „Generalin“ (das heißt „sie“) – waren Freundinnen! Sie fuhren zusammen zum alten Fürsten! – Ich schwieg.
„Sie sind jetzt beide so befreundet, und Anna Andrejewna äußern sich dermaßen freundlich über Katerina Nikolajewna ...“
Ich schwieg immer noch.
„Und Katerina Nikolajewna haben sich wieder in die Welt begeben, machen ein Fest nach dem anderen mit und glänzen überall. Man spricht davon, daß bei Hofe alle Herren in sie verliebt seien ... aber mit Herrn Bjoring ist es ganz aus, und die Hochzeit wird nicht stattfinden, das sagen alle ... nachdem jene Geschichte dazwischengekommen ist.“
Das heißt, nach der Geschichte mit Werssiloffs Brief.
Ich zitterte nur, sagte aber kein Wort.
„Anna Andrejewna bedauern so sehr den Fürsten Ssergei Petrowitsch, und Katerina Nikolajewna tun das gleichfalls, und alle sagen, er werde freigesprochen werden, jener andere aber, der Stebelkoff, werde verurteilt werden ...“
Ich sah sie haßerfüllt an. Sie erhob sich und beugte sich plötzlich über mich:
„Anna Andrejewna haben mich ausdrücklich gebeten, mich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen,“ sagte sie ganz leise flüsternd, „und haben mich beauftragt, Sie recht sehr zu bitten, bei ihr vorzusprechen, sobald Sie nur auszugehen anfangen. Leben Sie wohl. Werden Sie bald gesund. Ich werde es ihr so sagen ...“
Sie ging. Ich setzte mich im Bett auf, kalter Schweiß trat auf meiner Stirn hervor, aber ich fühlte eigentlich gar keinen Schreck: die für mich unbegreifliche, ungeheuerliche Nachricht von Lambert und seinen Machenschaften zum Beispiel hatte mich tatsächlich fast gar nicht erschreckt, d. h. wenn ich den Eindruck dieser Nachricht mit der vielleicht ungerechtfertigten Angst verglich, mit der ich während der Krankheit und der ersten Tage meiner Genesung, ohne mir darüber Rechenschaft abzulegen, an meine Begegnung mit ihm in jener Nacht gedacht hatte. Im Gegenteil, in jenen ersten wirren Augenblicken auf dem Bett, gleich nachdem Darja Onissimowna gegangen war, hielt ich mich bei dem Gedanken an Lambert überhaupt nicht auf ... mich beschäftigte vor allem die Nachricht, die sie betraf – ihr Bruch mit Bjoring, ihr Glück in der Gesellschaft, ihre Feste und ihr Erfolg. „Sie glänzen überall,“ glaubte ich Darja Onissimownas Stimme noch sagen zu hören. Und plötzlich fühlte ich, daß ich mich aus diesem Strudel mit meinen Kräften nicht mehr herausarbeiten konnte, wenn ich es auch noch fertiggebracht hatte, zu schweigen und Darja Onissimowna nach ihren Wundergeschichten nicht weiter auszufragen! Ein maßloses Verlangen nach jenem Leben, nach jenem anderen Leben, erfüllte auf einmal meine ganze Seele und ... und dann noch eine andere süße Lust, die ich bis zum seligsten Glück und bis zu quälender Pein empfand. Meine Gedanken aber drehten sich gleichsam im Kreise, doch ich ließ sie sich drehen. „Da ist nichts zu überlegen!“ sagte mir mein Gefühl. „Mama hat mir auch verschwiegen, daß Lambert hier gewesen ist,“ dachte ich sprunghaft, „das hat Werssiloff ihr gesagt, daß sie darüber schweigen soll ... Ich sterbe eher, als daß ich Werssiloff nach Lambert frage!“ – „Werssiloff,“ fiel es mir wieder blitzartig ein, „Werssiloff und Lambert, oh, wieviel Neues sich da bei ihnen zugetragen hat! Bravo, Werssiloff! Da hat er den Bjoring mit seinem Brief doch abgeschreckt; er hat sie verleumdet, la calomnie ... il en reste toujours quelque chose, und der deutsche Hofmann hat Angst bekommen vor einem Skandal – haha, da hat sie ihre Lehre!“ – „Lambert ... sollte Lambert am Ende schon bis zu ihr vorgedrungen sein? Das fehlte noch! Aber warum sollte sie sich nicht auch mit ihm ‚abgeben‘?“
Doch dann schleuderte ich auf einmal alle diese unsinnigen Gedanken von mir und warf mich verzweifelt zurück auf mein Kissen. „Nein, das darf nicht sein!“ rief ich plötzlich entschlossen, sprang aus dem Bett und zog die Pantoffeln und den Schlafrock an, um mich geradeswegs nach dem Zimmer Makar Iwanowitschs zu begeben, ganz als wäre dort die Ablenkung von allen Anfechtungen, die Rettung und Erlösung, der Anker, an dem ich mich würde halten können.
Es ist in der Tat möglich, daß ich damals diesen Gedanken mit allen Kräften meiner Seele fühlte; weshalb wäre ich denn sonst so plötzlich und gewaltsam aufgesprungen, um mich in dieser Gemütsverfassung zu Makar Iwanowitsch zu retten?
III.
Doch bei Makar Iwanowitsch traf ich ganz gegen meine Erwartung noch andere – Mama und den Doktor. Da ich jedoch aus einem unbekannten Grunde überzeugt gewesen war, daß ich den Alten wieder so allein antreffen würde wie tags zuvor, blieb ich vor Überraschung geradezu verständnislos in der Tür stehen. Aber noch bevor ich dazu kam, ein geärgertes Gesicht zu machen, erschien auch schon Werssiloff, und ihm folgte Lisa ... So fanden sich plötzlich alle, Gott weiß weshalb, bei Makar Iwanowitsch ein, und gerade in einem Augenblick, wo mir das gar nicht paßte!
„Ich bin gekommen, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen,“ sagte ich und ging geradeaus auf Makar Iwanowitsch zu.
„Danke dir, Lieber, hab’ dich erwartet: ich wußte, daß du kommen würdest! Hab’ in der Nacht an dich gedacht.“
Er blickte mir freundlich in die Augen, und ich sah es ihm an, daß er mich wohl von allen am meisten liebte. Aber gleichzeitig fiel mir auf, ganz unwillkürlich, daß sein Gesicht zwar heiter war, seine Krankheit jedoch im Lauf der Nacht Fortschritte gemacht hatte. Er war soeben vom Doktor gründlich untersucht worden. Später erfuhr ich, daß dieser Doktor (derselbe junge Arzt, über den ich mich so geärgert hatte, und der schon am Tage der Ankunft Makar Iwanowitschs zu Rate gezogen worden war) – daß dieser Doktor seinen neuen Patienten sehr gewissenhaft behandelte und eine – die medizinischen Ausdrücke habe ich vergessen – jedenfalls eine Verschlimmerung verschiedener Krankheiten in ihm festgestellt hatte. Wie ich auf den ersten Blick bemerkte, stand Makar Iwanowitsch bereits in dem engsten Freundschaftsverhältnis zu ihm, und in demselben Augenblick mißfiel mir das auch schon. Übrigens war ich gerade besonders schlecht aufgelegt.
„Nun, Alexander Ssemjonowitsch, wie steht es denn heute mit unserem lieben Kranken?“ erkundigte sich Werssiloff beim Doktor.
Wenn ich nicht so erschüttert und verstimmt gewesen wäre, hätte ich sogleich mit ungeheurem Interesse Werssiloffs Verhalten zu diesem Greise beobachtet; ich hatte schon am Abend vorher darüber nachgedacht. Jetzt überraschte mich vor allem ein ungewöhnlich weicher und sympathischer Ausdruck in Werssiloffs Gesicht. Es lag etwas unendlich Aufrichtiges darin. Ich habe, glaube ich, schon einmal irgendwo gesagt, daß Werssiloffs Gesicht ganz überraschend schön werden konnte, sobald er nur ein wenig offener und treuherziger wurde.
„Ja, sehen Sie mal, wir zanken uns beständig,“ erwiderte der Doktor.
„Sie und Makar Iwanowitsch? Nicht möglich! Mit ihm kann man sich nicht zanken.“
„Er gehorcht doch nicht: in der Nacht will er nicht schlafen ...“
„Nun hör’ schon auf, Alexander Ssemjonowitsch, hast mich doch schon genug gescholten,“ sagte Makar Iwanowitsch lachend. „Nun, und wie ist es denn, Väterchen Andrei Petrowitsch, wie hat man denn unser Fräulein abgeurteilt? – Sie ist mir hier schon den ganzen Morgen so in Angst und Bangen und in Unruhe,“ fügte er hinzu, indem er auf Mama wies.
„Ach, Andrei Petrowitsch,“ rief Mama tatsächlich sehr beunruhigt, „erzähl uns nur schneller, quäl uns nicht: wie ist es denn für die Arme ausgegangen?“
„Ja, da hat man nun unser Fräulein verurteilt!“
„Ach Gott!“ rief Mama.
„Beruhige dich, nicht zu sibirischer Zwangsarbeit: bloß zu fünfzehn Rubel Strafe, alles in allem. Es war ein richtiges Lustspiel!“
Er setzte sich, und auch der Doktor nahm Platz. Das Gespräch bezog sich auf Tatjana Pawlowna und auf eine Geschichte, von der ich noch nichts wußte. Mein Platz war links von Makar Iwanowitsch, und Lisa saß mir gegenüber, rechts von ihm; sie hatte an diesem Morgen sichtlich einen besonderen Kummer, mit dem sie zu Mama gekommen war; in ihrem Gesichtsausdruck lag Unruhe und Gereiztheit. Plötzlich trafen sich unsere Blicke, und ich dachte bei mir: „Wir haben beide die Schmach kennen gelernt, ich muß den ersten Schritt zur Annäherung tun.“ Mein Herz wurde plötzlich weich. Doch Werssiloff begann nun, von dem großen Ereignis dieses Morgens zu erzählen.
Zwischen Tatjana Pawlowna und ihrer Köchin war es schließlich zu einem Prozeß gekommen, der an diesem Morgen vor dem Friedensrichter seine Erledigung gefunden hatte. Der Anlaß war eine ganz lächerliche Geschichte. Ich habe bereits erwähnt, daß ihre Köchin, die übellaunige Finnländerin, manchmal, wenn die Bosheit über sie kam, wochenlang schweigen konnte und ihrer Herrin Tatjana Pawlowna nicht einmal auf deren Fragen antwortete; desgleichen habe ich schon erwähnt, daß Tatjana Pawlowna ihr gegenüber von einer unbegreiflichen Schwäche war, sich vieles von ihr gefallen ließ und sie um keinen Preis endlich und ein für allemal zum Teufel jagen wollte. Meiner Ansicht nach verdienen alle diese psychopathischen Launen alter Jungfern und Damen nur die größte Verachtung und sind es wirklich nicht wert, beachtet zu werden; wenn ich mich trotzdem entschließe, diese Geschichte hier zu erwähnen, so geschieht das nur, weil diese Köchin später, im weiteren Verlauf meiner Geschichte, eine nicht geringe und verhängnisvolle Rolle zu spielen haben wird. Kurz, eines Tages war Tatjana Pawlowna schließlich die Geduld gerissen, und sie hatte der eigensinnigen Person, die wieder schon ein paar Tage lang schwieg, eine Ohrfeige gegeben, was früher noch nie vorgekommen war. Die Köchin hatte auch auf die Ohrfeige nicht den leisesten Ton geantwortet, war aber noch an demselben Tage zu einem Midshipman außer Diensten, namens Ossjotroff, gegangen, der dort irgendwo an der Hintertreppe in einer elenden Kammer hauste und sich mit kleinen Verdiensten für Ratschläge, Abfassungen von Eingaben oder Vertretungen vor Gericht, kümmerlich durchschlug. Und die Folge der Ohrfeige war, daß Tatjana Pawlowna vor dem Friedensrichter erscheinen mußte, und Werssiloff als Zeuge vorgeladen wurde.
Werssiloff erzählte nun den ganzen Hergang der Verhandlung so lustig und witzig, daß selbst Mama lachen mußte; er ahmte sie alle nach, Tatjana Pawlowna, den Midshipman und die Köchin. Letztere hatte dem Gericht gleich zu Anfang erklärt, sie bäte um eine Geldstrafe; „denn wenn das gnädige Fräulein eingesteckt wird, für wen soll ich dann kochen?“ Auf die Fragen des Richters hatte Tatjana Pawlowna mit gewaltigem Hochmut geantwortet, ohne sich zu einem Rechtfertigungsversuch überhaupt herabzulassen, und zum Schluß hatte sie noch gesagt: „Ich habe sie geschlagen und werde mich nicht abhalten lassen, sie nach Gutdünken wieder zu schlagen!“ wofür sie unverzüglich wegen ungebührlichen Verhaltens vor Gericht zu einer Strafzahlung von drei Rubeln verurteilt worden war. Der Midshipman, ein lang aufgeschossener, hagerer junger Mann, hatte noch eine lange Rede zur Verteidigung seiner Klientin halten wollen, war aber schmählich aus dem Konzept gekommen und hatte nur den ganzen Gerichtssaal erheitert. Die Verhandlung war bald erledigt gewesen, und Tatjana Pawlowna ward verurteilt, ihrer geohrfeigten Marja fünfzehn Rubel zu zahlen. Sie hatte auch sofort das Portemonnaie hervorgezogen und das Geld auszahlen wollen, aber da war sogleich der Midshipman aufgetaucht und hatte die Hand hingehalten, um auch sein Geld zu empfangen, doch Tatjana Pawlowna hatte seine Hand empört zur Seite gestoßen und sich zu Marja gewandt, die aber hatte das Geld nicht annehmen wollen: „Ach, lassen Sie’s schon gut sein, gnädiges Fräulein, das ist doch nicht nötig, es kann ja auf die Rechnung kommen, und mit diesem hier werd’ ich schon selber abrechnen!“ – „Wozu hast du dir überhaupt so einen langen Galgen genommen!“ hatte Tatjana Pawlowna versetzt, auf den Midshipman weisend, ersichtlich hocherfreut, daß ihre Marja endlich wieder sprach. „Ach, wahrhaftig, das ist wohl schon ein Galgen, gnädiges Fräulein,“ hatte Marja mit listigem Gesicht geantwortet, „haben gnädiges Fräulein die Kotelettes heute mit Erbsen bestellt, ich hörte vorhin nicht recht, in der Eile, aufs Gericht zu kommen?“ – „Ach nein, mit Kohl, Marja, aber bitte laß sie nicht wieder anbrennen, wie gestern.“ – „Ach, heute werd ich mir schon besondre Mühe geben, gnädiges Fräulein; darf ich’s Händchen küssen“ – und sie hatte ihr tatsächlich zum Zeichen der Versöhnung die Hand geküßt. Mit einem Wort, der ganze Gerichtssaal war aus dem Lachen nicht herausgekommen.
„Nein, wie sonderbar diese Tatjana Pawlowna doch ist!“ sagte Mama kopfschüttelnd, sehr befriedigt durch den guten Ausgang und durch Andrei Petrowitschs Wiedergabe, doch sah sie heimlich mit Unruhe zu Lisa hinüber.
„Sie ist schon von Kindesbeinen an ein charaktervolles Fräulein gewesen,“ meinte Makar Iwanowitsch lächelnd.
„Galle und Müßiggang,“ versetzte der Doktor.
„Das soll wohl ich sein, die Charaktervolle von Kindesbeinen an, die Galle und der Müßiggang?“ platzte plötzlich Tatjana Pawlowna ins Zimmer – aber sie schien sehr zufrieden mit sich. „Na, weißt du, Alexander Ssemjonowitsch, du als Doktorchen solltest mir lieber nicht solchen Unsinn reden! Kennst mich von deinem zehnten Lebensjahre an, da möcht’ ich wissen, wann du mich müßig gesehen hast, und was die Galle betrifft, so bist du es ja selber, der mich schon ein ganzes Jahr lang deshalb behandelt, und wenn du mich nicht kurieren kannst, so ist das doch nur für dich eine Blamage. Na, jetzt habt ihr euch aber genug über mich lustig gemacht; schönen Dank, Andrei Petrowitsch, daß du dir die Mühe gemacht hast, aufs Gericht zu kommen. Na, und wie geht es denn dir, Makaruschka, ich bin ja nur gekommen, um zu sehen, wie es hier mit der Gesundheit steht, mit deiner natürlich nur, nicht mit der Gesundheit dieses da,“ sagte sie und wies dabei auf mich, schlug mir aber gleichzeitig mit der Hand freundschaftlich auf die Schulter; ich hatte sie noch nie bei so guter Laune gesehen. „Na, wie steht es denn mit ihm?“ wandte sie sich mit besorgt gerunzelter Stirn an den Doktor.
„Er will sich nicht ins Bett legen, und dieses Sitzen ermüdet ihn nur.“
„Ich sitze ja nur so ein bißchen, wenn Menschen da sind,“ sagte Makar Iwanowitsch unsicher, mit fast kindlich bittendem Gesicht.
„Ja, das haben wir gern, das haben wir gern! – ich weiß schon: so im Kreise sitzen, wenn man sich um ihn versammelt hat, und dann zu reden – ei freilich, ich kenne doch meinen Makaruschka!“ sagte Tatjana Pawlowna.
„Wart’, sei nicht so hurtig,“ sagte der Alte wieder lächelnd, indem er sich zum Doktor wandte, „höre mich erst an und laß mich aussprechen: ich werd’ mich schon hinlegen, Freundchen, aber sieh, unsereins denkt so: ‚Legst du dich erst mal hin, dann stehst du vielleicht überhaupt nicht mehr auf,‘ – siehst du jetzt, Freundchen, was bei mir dahintersteckt.“
„Na ja, wußte ich doch, daß hier irgend so ein Aberglaube mit im Spiel ist: ‚leg ich mich hin, so steh ich vielleicht überhaupt nicht mehr auf,‘ – das ist es ja, was Leute aus dem Volk so oft fürchten, weshalb sie eine Krankheit lieber stehenden Fußes durchmachen, als daß sie ins Krankenhaus gehen. Sie aber, Makar Iwanowitsch, Sie haben einfach Sehnsucht bekommen, Sehnsucht nach der Freiheit und der Landstraße – darin besteht Ihre ganze Krankheit, Sie sind es nicht mehr gewohnt, lange an einem Ort zu leben. Sie sind doch ein sogenannter Pilger! Nun, und das Vagabundieren wird ja in unserem Volk fast schon zur Leidenschaft. Das habe ich bereits mehr als einmal unter dem Volk beobachtet. Unser ganzes Volk ist ein Vagabund.“
„So ist Makar Iwanowitsch deiner Meinung nach ein Vagabund?“ griff Tatjana Pawlowna das Wort auf.
„Oh, ich sagte das ja nicht in dem Sinne; ich gebrauchte den Ausdruck nur im weitesten Sinne. Nun, sagen wir, er ist ein religiöser, ein gottesfürchtiger Vagabund, aber schließlich doch ein Vagabund. Ein Vagabund im guten, achtbaren Sinne, aber immerhin ein Vagabund ... Ich sage das vom Standpunkte des Mediziners ...“
„Ich versichere Sie,“ wandte ich mich plötzlich an den Doktor, „eher sind wir Vagabunden, Sie und ich und wir alle, so viele hier sind, nicht aber dieser alte Mann, von dem wir alle, Sie einbegriffen, noch lernen könnten; denn er hat immerhin etwas Feststehendes im Leben, wir aber, wie wir hier sind, wir haben überhaupt nichts Festes im Leben ... Übrigens, wie sollten Sie das begreifen können!“
Ich hatte das wohl in ziemlich scharfem Tone gesagt, aber so war es mir ganz recht. Eigentlich wußte ich nicht, weshalb ich noch dort saß; ich war wie nicht bei Sinnen.
„Was fällt dir nun wieder ein?“ fragte Tatjana Pawlowna und sah mich mißtrauisch an. „Na, wie findest du ihn, Makar Iwanowitsch?“ fragte sie diesen und wies dabei mit dem Finger auf mich.
„Gott segne ihn, er ist gewitzt,“ sagte der Alte mit ernstem Gesicht, aber bei dem Wort „gewitzt“ fingen fast alle zu lachen an.
Ich konnte mich gerade noch so weit zusammennehmen, daß ich ernst blieb; am lautesten lachte der Doktor. Dumm war nur, daß ich damals nichts von ihrer Übereinkunft wußte! Werssiloff, der Doktor und Tatjana Pawlowna hatten sich nämlich schon vor drei Tagen verabredet, alles aufzubieten, um Mama von schlimmen Vorahnungen und Befürchtungen für Makar Iwanowitsch abzulenken; denn sein Zustand war schon viel hoffnungsloser, als ich damals ahnte. Deshalb also gaben sie sich Mühe, möglichst lustig zu sein, zu scherzen und zu lachen. Nur der Doktor war dumm und verstand darum auch keinen Scherz: daraus entstand dann später die ganze Geschichte. Wenn ich aber um diese Verabredung gewußt hätte, so würde ich es natürlich nicht dazu gebracht haben, wozu es nun kam. Lisa wußte auch nichts von der Verabredung.
Ich saß und hörte nur mit halbem Ohre zu; sie sprachen und lachten, mir aber gingen die ganze Zeit Darja Onissimowna und ihre Neuigkeiten durch den Kopf, und es war mir nicht möglich, diese Gedanken zu verscheuchen; ich glaubte, sie immer noch vor mir zu sehen, wie sie so sitzt und mich ansieht, sich dann leise erhebt, vorsichtig zur Tür geht und ins andere Zimmer späht. Auf einmal fingen sie alle laut zu lachen an. Tatjana Pawlowna hatte, ich weiß nicht, wie das Gespräch darauf gekommen war, den Doktor einen Gottlosen genannt: „Na, ihr Mediziner, ihr seid doch alle Gottlose! ...“
„Makar Iwanowitsch!“ rief sofort der Doktor, der auf eine höchst dumme Weise den Beleidigten spielte, der Gerechtigkeit heischt, „bin ich ein Gottloser?“
„Du ein Gottloser? Nein, du bist kein Gottloser,“ antwortete der Alte ehrlich, nachdem er ihn prüfend angesehen hatte. „Nein, Gott sei Dank!“ Er schüttelte den Kopf. „Du bist ein heiterer Mensch.“
„Und wer heiter ist, der ist schon kein Gottloser?“ fragte der Doktor ironisch.
„Das ist in seiner Art ein Gedanke,“ bemerkte Werssiloff, lachte aber dabei gar nicht.
„Das ist sogar ein starker Gedanke!“ rief ich unwillkürlich aus, ganz betroffen durch diesen Gedanken.
Der Doktor sah fragend von einem zum anderen.
„Diese Gelehrten, diese Studierten und großen Professoren“ (wahrscheinlich hatten sie vorher von Professoren gesprochen), begann Makar Iwanowitsch, den Blick ein wenig gesenkt, „vor denen hab’ ich anfänglich gewaltige Angst gehabt: ich hab’ mich an sie überhaupt nicht herangewagt; denn ich hab’ nichts also gefürchtet wie den Gottlosen. Ich dachte bei mir: ich hab’ doch nur eine einzige Seele; wenn ich die nun verderbe, kann ich doch keine andere mehr finden. Nun, mit der Zeit aber faßte ich Mut: ‚Was können sie denn in aller Welt sein,‘ dacht’ ich, ‚Götter sind sie doch nimmer, sondern Menschen ganz wie unsereiner, Menschen mit denselben Leidenschaften.‘ Und groß war auch meine Neugier: ‚Ich werde doch erfahren,‘ dacht’ ich bei mir, ‚was das nun eigentlich ist, selbige Gottlosigkeit.‘ Nur ist mir, Freund, nachher selbst diese Neugier ganz vergangen.“
Er verstummte, doch man sah ihm an, daß er weitersprechen wollte, immer mit demselben stillen und ehrwürdigen Lächeln. Es gibt eine Einfalt, die allen und jedem vertraut und niemals Spott befürchtet. Solche Menschen sind immer beschränkt; denn sie sind bereit, auch das Wertvollste aus ihrem Herzen vor jedem ersten besten auszubreiten. Aber bei Makar Iwanowitsch war es, wie mir schien, etwas ganz anderes, was ihn zu sprechen veranlaßte, war es nicht die Gedankenlosigkeit der Einfalt: es kam in ihm gleichsam ein Propagandist zum Vorschein. Mit Genugtuung hörte ich aus seinem Ton sogar einen leisen Spott heraus, der dem Doktor und vielleicht auch Werssiloff galt. Was er nun sagte, war offenbar eine Fortsetzung ihrer früheren Dispute im Laufe der Woche, doch zum Unglück fiel wieder jenes verhängnisvolle Wort, daß mich schon gestern so elektrisiert hatte, und das mich nun zu einem Ausfall veranlaßte, den ich noch heute bedauere.
„Einen gottlosen Menschen,“ fuhr der Alte gesammelt fort, „den würde ich vielleicht noch heutigentags fürchten; nur ist das so eine Sache, Freund Alexander Ssemjonowitsch: einem wirklich Gottlosen bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet. Statt seiner bin ich nur dem Ruhelosen begegnet – siehst du, so muß man ihn richtiger nennen. Es sind das die verschiedensten Leute; kannst dir fürwahr gar nicht ausdenken, was für Leute das alles sind: große und kleine, dumme und gelehrte, und manche darunter sind sogar von allereinfachstem Stande, und alle sind sie ruhelos; denn sie lesen und reden darüber ihr ganzes Leben lang, so sie sich an der Süße der Bücher gesättigt haben, selber aber verbleiben sie ewig im Zweifel und können zu keinem Schluß kommen. Manch einer breitet sich so weit aus, daß er sich selber nicht mehr sieht. Manch einer ist in seiner Erbitterung härter denn ein Stein, sein Herz aber ist voll von Träumen. Manch einer wiederum ist gefühllos und leichtsinnig und hat Genüge, wenn er seinen Spott belachen kann. Manch einer hat aus den Büchern nur die Blumen herausgepflückt, und auch die nur nach seinem Gefallen; er selber aber ist unruhig, und es ist in ihm gar kein Gefühl für das Rechte. Und ich sage wiederum: es ist viel Langeweile. Manch ein Geringer leidet wohl Not, er weiß nicht einmal, womit er seine Kinderchen durchbringen soll, da es ihm an Brot gebricht, und er schläft auf stechendem Stroh, aber sein Herz ist doch heiter und leicht, und wenn er auch sündigt und unflätig ist, so ist sein Herz ihm dennoch alleweil leicht. So ein großer Herr dagegen hat zu essen und zu trinken in Hülle und Fülle und hat Gold in Haufen, in seinem Herzen aber ist immer dieselbe Schwermut. Manch einer hat alle Wissenschaften studiert – und doch weicht die Schwermut nicht von ihm. Ich denke so, daß je mehr Verstand hinzukommt, um so mehr kommt auch Langeweile hinzu. Und wenn man noch das bedenkt: sie lehren solange die Welt steht, aber was haben sie denn Gutes gelehrt, daß die Welt davon die schönste und heiterste und eine von jeglicher Freude erfüllte Wohnung werde? Und ich sage noch mehr: innere Schönheit haben sie nicht und wollen sie nicht einmal haben. Alle sind ins Verderben geraten, nur lobt ein jeder sein Verderben, sich aber der einzigen Wahrheit zuzuwenden, daran denkt er nicht; ohne Gott aber zu leben ist nur eine Qual. So kommt es, daß wir das verfluchen, wodurch wir erleuchtet werden, und das selber nicht einmal ahnen. Ja, und was hat es auch für einen Sinn: so einen Menschen kann es ja gar nicht geben, der sich nicht vor irgend etwas beugt; ein solcher Mensch würde sich selber nicht ertragen können; kein Mensch könnte das. Wenn er Gott verstoßen hat, so beugt er sich vor einem Götzen – einem hölzernen oder goldenen oder einem gedanklichen. Götzendiener sind das alles, aber nicht Gottlose, sieh, so muß man sie nennen. – Aber wie sollte es keine Gottlosen geben? Es gibt welche, die wirklich gottlos sind, nur sind diese viel schrecklicher als jene, dieweil sie den Namen Gottes im Munde führen. Von solchen hab’ ich mehrfach gehört, aber begegnet bin ich so einem noch nie. Es gibt aber solche, und ich denke, es muß sie auch geben.“
„Es gibt solche,“ bestätigte plötzlich Werssiloff, „es gibt solche und ‚es muß sie auch geben‘.“
„Unbedingt gibt es sie und ‚muß es sie auch geben‘!“ brach es unaufhaltsam und mit Leidenschaft aus mir hervor, ich weiß selbst nicht, weshalb, aber Werssiloffs Ton riß mich hin, und in dem Ausspruch, ‚es muß sie auch geben‘, lag ein Gedanke, der mich gefangen nahm. Dieses Gespräch war für mich wirklich eine Überraschung. Doch da geschah plötzlich etwas ganz Unvorhergesehenes.
IV.
Es war ein selten klarer Tag. Die Vorhänge im Zimmer Makar Iwanowitschs waren anfänglich auf Anordnung des Doktors den Tag über nicht aufgezogen worden; jetzt aber hatte man vor das Fenster einen Vorhang gehängt, der den oberen Teil des Fensters freiließ, denn der Alte hatte sich bei den früheren Vorhängen bedrückt gefühlt, da er die Sonne nicht sehen konnte. Und wie wir nun so saßen, traf es sich, daß ein Sonnenstrahl auf einmal Makar Iwanowitsch gerade ins Gesicht schien. Im Eifer des Gesprächs hatte er das zunächst gar nicht bemerkt, jedoch unwillkürlich schon ein paarmal den Kopf zur Seite gebogen, da der grelle Schein seine schwachen Augen blendete und reizte. Mama, die neben ihm stand, hatte schon unruhig nach dem Fenster geblickt; man hätte das Fenster einfach verhängen müssen, doch um das Gespräch nicht zu unterbrechen, versuchte sie schließlich, die Bank, auf der Makar Iwanowitsch saß, etwas aus der Sonne zu rücken, wenn auch nur um eine Handbreit mehr nach rechts. Sie beugte sich hinab und erfaßte die Bank, konnte sie aber nicht von der Stelle rücken: die Bank mit Makar Iwanowitsch darauf rührte sich nicht. Makar Iwanowitsch hatte im Gespräch nur unbewußt ihre Anstrengung empfunden und unwillkürlich schon ein paarmal versucht, sich zu erheben, doch seine Füße hatten ihm den Dienst versagt. Mama aber fuhr immer noch fort, sich zu bücken und zu ziehen, und das war es, was Lisa schließlich furchtbar ärgerte und aufbrachte. Ich erinnere mich, daß mir schon ein paar funkelnde, empörte Blicke von ihr aufgefallen waren, nur hatte ich im Augenblick nicht verstanden, worauf sie sich bezogen, und außerdem war ich durch das Gespräch ganz und gar in Anspruch genommen. Plötzlich hören wir, wie sie Makar Iwanowitsch beinahe anschreit:
„So erheben Sie sich doch ein wenig! Sehen Sie denn nicht, daß es so über Mamas Kraft geht!“
Der Alte sah sie mit einem schnellen Blick an, begriff sofort, was sie meinte, und versuchte eilig, sich zu erheben, doch es gelang ihm nicht: er kam nur eine Handbreit hoch und fiel wieder zurück.
„Ich kann nicht, Liebling,“ sagte er traurig und sah Lisa gewissermaßen gehorsam an.
„Erzählen können Sie ein ganzes Buch, aber sich erheben, das können Sie nicht?“
„Lisa!“ rief Tatjana Pawlowna.
Makar Iwanowitsch versuchte noch einmal mit aller Gewalt, sich zu erheben.
„Nehmen Sie doch den Krückstock, er liegt ja neben Ihnen, versuchen Sie es mit dem Stock!“ sagte Lisa noch einmal barsch.
„Ja, wirklich,“ sagte der Alte und griff hastig nach seinem Stock.
„Man muß ihm einfach helfen!“ sagte Werssiloff schnell und erhob sich sofort; auch der Doktor und Tatjana Pawlowna sprangen auf, aber noch bevor sie ihm helfen konnten, hatte sich Makar Iwanowitsch, der sich aus aller Kraft auf den Stock stützte, schon von selbst erhoben, und nun stand er da in freudigem Triumph und blickte uns alle an.
„Da bin ich doch aufgestanden!“ sagte er fast stolz und lachte froh. „Hab’ Dank, Liebe, sieh mal, hast mich klug gemacht; und ich dachte schon, fürwahr, die Füße gehorchten mir gar nicht mehr ...“
Aber er stand nicht lange; er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als plötzlich der Stock, auf den er sich mit der ganzen Schwere seines Körpers stützte, auf dem Teppich ausglitt, und da die Füße ihn nicht mehr trugen, stürzte er, dieser große alte Mann, plötzlich mit Wucht zu Boden. Das war geradezu furchtbar anzusehen. Alle schrien auf und eilten zu ihm, um ihn aufzuheben, aber zum Glück hatte er sich keinen Schaden getan: er war nur schwer und mit einem Krach auf beide Knie gestürzt, hatte aber doch noch die rechte Hand vorstemmen können, und so war er wenigstens nicht aufs Gesicht gefallen. Er wurde aufgehoben und aufs Bett gesetzt. Er war sehr bleich geworden, aber nicht vom Schreck, sondern von der Erschütterung. (Der Doktor hatte bei ihm außer allem anderen noch ein Herzleiden festgestellt). Mama aber war vor Schreck außer sich. Doch plötzlich wandte Makar Iwanowitsch, noch ganz bleich und zitternd und wohl noch nicht recht bei Besinnung, das Gesicht Lisa zu und sagte mit fast zärtlicher leiser Stimme:
„Nein, Liebe, sieh, die Füße gehorchen mir doch nicht mehr!“
Ich kann gar nicht sagen, was für einen Eindruck das damals auf mich machte! Das Erschütterndste war, daß in den Worten des armen Alten nicht die geringste Klage, nicht der leiseste Vorwurf lag; im Gegenteil, man sah sofort, daß er aus Lisas Worten von Anfang an nichts Böses herausgehört und alles ganz in Ordnung gefunden hatte, d. h. daß er für sein Verschulden gerade eine solche Zurechtweisung verdient zu haben glaubte. Alles das wirkte natürlich furchtbar auf Lisa. Als er gefallen war, war sie wie alle aufgesprungen und stand nun leichenblaß da. Natürlich litt sie, da sie die Schuld an dem ganzen Unfall trug, doch als sie diese Worte hörte, wurde sie plötzlich, im Augenblick, feuerrot vor Scham und Reue.
„So, jetzt ist es aber genug!“ kommandierte auf einmal Tatjana Pawlowna, „das kommt alles nur von diesem Geschwätz! Es ist Zeit, auseinanderzugehen; was kann dabei Gutes herauskommen, wenn der Doktor selbst zu schwätzen anfängt!“
„Sie haben recht,“ stimmte ihr Alexander Ssemjonowitsch freimütig bei, während er sich noch bei dem Kranken zu schaffen machte. „Es war meine Schuld, Tatjana Pawlowna, ich hätte es früher sagen sollen, daß er Ruhe braucht.“
Aber Tatjana Pawlowna hatte sich schon von ihm abgewandt: sie stand und sah wohl eine halbe Minute lang schweigend und gespannt Lisa an.
„Komm her, Lisa, und gib mir einen Kuß, mir alten dummen Person, wenn du’s nur willst,“ sagte sie auf einmal ganz unerwartet.
Und sie küßte Lisa, ich weiß nicht, wofür, aber gerade das war es, was man tun mußte; ich wäre am liebsten selbst auf Tatjana Pawlowna zugestürzt und hätte sie dafür geküßt. Sie hatte das einzig Richtige getan: statt Lisa Vorwürfe zu machen, mußte man das neue, gute Gefühl, das sich jetzt zweifellos in ihr erhob, mit Freude begrüßen und sie dazu beglückwünschen. Aber statt das nun auch zu tun, sprang ich plötzlich auf und sagte laut, mit harter Stimme:
„Makar Iwanowitsch, Sie haben wieder das Wort ‚Schönheit‘ gebraucht, ‚innere Schönheit‘, und gerade dieses Wort hat mich noch gestern und alle diese Tage gequält ... und überhaupt hat es mich mein Leben lang gequält, nur habe ich früher nicht gewußt, was mich quälte. Dieses Zusammentreffen der Worte halte ich für eine Schicksalsfügung, fast für ein Wunder. Ich erkläre das in Ihrer Gegenwart ...“
Aber man fiel mir sogleich ins Wort und ließ mich nicht zu Ende sprechen. Ich sage nochmals: ich wußte nichts von ihrer Verabredung wegen Mama und Makar Iwanowitsch; sie aber glaubten von mir natürlich, nach früheren Erfahrungen, ich wäre zu jedem Skandal von dieser Art fähig.
„Schweig! Bringt ihn zum Schweigen!“ rief Tatjana Pawlowna gleich ganz wild vor Wut. Mama erzitterte. Makar Iwanowitsch, der den Schreck der anderen sah, erschrak gleichfalls.
„Arkadi, höre auf!“ rief Werssiloff streng.
„Für mich, meine Herrschaften,“ rief ich noch lauter, „für mein Empfinden ist es, Sie alle hier neben diesem reinen Kinde zu sehen (ich deutete auf Makar Iwanowitsch) – einfach eine Gemeinheit. Hier ist nur eine Heilige – das ist Mama, aber auch sie ...“
„Sie erschrecken ihn!“ sagte der Doktor eindringlich.
„Ich weiß, daß ich – ein Feind der ganzen Welt bin,“ stotterte ich (oder so etwas Ähnliches), sah mich im Kreise um und blickte schließlich herausfordernd Werssiloff an.
„Arkadi!“ rief er wieder, „einmal ist es hier schon zu so einem Auftritt zwischen uns gekommen. Ich beschwöre dich, beherrsche dich jetzt!“
Ich kann es nicht wiedergeben, mit was für einem starken Gefühl er das sagte. Eine außergewöhnliche, aufrichtige, tiefe Trauer sprach aus seinem Gesicht. Das Erstaunlichste aber war, daß er so aussah wie ein Mensch, der sich seiner Schuld bewußt ist: ich war der Richter, er – der Verbrecher. Das alles gab mir den Rest.
„Ja!“ schrie ich zur Antwort, „genau so einen Auftritt hat es schon einmal gegeben, als ich Werssiloff begrub und ihn aus meinem Herzen riß ... Doch dann kam seine Auferstehung von den Toten, jetzt aber ... jetzt folgt kein Morgen mehr! ... Aber Sie alle hier, Sie alle werden noch sehen, wozu ich fähig bin: Sie lassen sich das ja nicht einmal träumen, was ich beweisen kann!“
Und nachdem ich das gesagt hatte, stürzte ich in mein Zimmer. Werssiloff kam mir eilig nach ...
V.
Ich bekam einen Rückfall; das Fieber stieg beängstigend schnell, und in der Nacht fing ich wieder zu phantasieren an. Aber es war doch nicht alles nur Fieberdelirium: es waren auch Träume, unzählige, einer nach dem anderen, in sinnloser Folge, Träume, von denen ich nur einen Traum oder nur den Teil eines Traumes für mein ganzes Leben behalten habe. Ich will ihn ohne alle Erklärungen wiedergeben; dieser Traum war prophetisch, und ich kann ihn nicht übergehen.
Ich befand mich plötzlich, mit irgendeiner großen und stolzen Absicht im Herzen, in einem hohen, großen Zimmer, es war aber nicht bei Tatjana Pawlowna; ich erinnere mich dieses Zimmers noch sehr genau; das erwähne ich hier schon vorgreifend. Und obgleich ich allein bin, fühle ich doch die ganze Zeit mit Unruhe und Pein, daß ich nicht allein bin, und daß man irgendwo auf mich wartet und irgend etwas von mir erwartet. Irgendwo hinter einer Tür sitzen Menschen und warten auf das, was ich tun werde. Ein unerträgliches Gefühl! „Wenn ich doch allein wäre!“ denke ich. Und auf einmal kommt sie herein. Sie sieht mich schüchtern an, sie fürchtet sich entsetzlich, sie sucht meinen Blick. Und ich halte das Dokument in der Hand. Sie lächelt, um mich zu bestricken, sie will sich bei mir einschmeicheln; sie tut mir leid, aber schon fange ich an, Ekel zu empfinden. Auf einmal bedeckt sie ihr Gesicht mit den Händen. Da werfe ich ihr mit unsäglicher Verachtung das Dokument hin: „Bitten Sie mich nicht, da haben Sie es, ich brauche nichts von Ihnen! Ich räche mich für alle mir angetane Schmach durch Verachtung!“ Und ich gehe aus dem Zimmer, ganz erfüllt von maßlosem Stolz. Aber in der Tür, im Dunkeln, ergreift mich Lambert! „Dummkopf! Dummkopf!“ flüstert er mir aufgebracht zu und hält mich an der Hand zurück, „sie muß in einem billigen Stadtteil ein Pensionat für adlige junge Mädchen eröffnen“ (d. h. wenn ihr Vater von mir dieses Dokument erhielte – den unvorsichtigen Brief seiner Tochter an Andronikoff – sie enterbte und aus dem Hause jagte. Ich habe diese Worte Lamberts buchstäblich so niedergeschrieben, wie er sie in meinem Traum zu mir sagte).
„Arkadi Makarowitsch sucht ‚Schönheit‘,“ höre ich Anna Andrejewnas Stimme irgendwo in der Nähe sagen, dort auf der Treppe; aber kein Lob, sondern ein unerträglicher Spott klingt aus ihren Worten. Ich kehre mit Lambert ins Zimmer zurück. Doch wie sie Lambert erblickt, beginnt sie zu lachen. Mein erster Eindruck ist ein furchtbarer Schreck, ein Schreck, daß ich stehen bleibe und mich ihr nicht zu nähern wage. Ich sehe sie an und kann es nicht glauben; es ist, als hätte sie plötzlich eine Maske von ihrem Gesicht fallen lassen: es sind dieselben Züge, aber es ist, als wäre jeder Zug ihres Gesichtes durch unsägliche Schamlosigkeit entstellt. „Den Preis, Gnädigste, den Preis!“ ruft Lambert und beide lachen sie noch mehr, mein Herz aber will stille stehen: „Oh, ist denn dieses schamlose Weib – dieselbe, deren Blick allein schon alle Tugenden in meinem Herzen weckte?“
„Sieh, wozu diese Stolzen der hohen Kreise fähig sind – für Geld!“ ruft Lambert. Aber die Schamlose läßt sich auch durch diese Worte nicht verwirren; sie lacht gerade darüber, daß ich so erschrocken bin. Oh, sie ist bereit, den Preis für das Dokument zu zahlen, das sehe ich, und ... und was ist mit mir? Schon fühle ich weder Mitleid noch Ekel; ich zittere, wie ich noch niemals gezittert habe ... Ein neues Gefühl bemächtigt sich meiner, ein unnennbares, das ich noch nie gekannt, und das so stark ist wie die ganze Welt ... Oh, jetzt bin ich schon nicht mehr imstande, fortzugehen, oh, um keinen Preis! Und wie es mir gefällt, daß das so schamlos ist! Ich ergreife ihre Hände, die Berührung ihrer Hände erschüttert mich qualvoll, und ich nähere meine Lippen den ihren, diesen schamlosen, roten, vor Lachen zitternden und mich rufenden Lippen.
Oh, hinweg mit dieser niedrigen Erinnerung! Dieser verwünschte Traum! Ich schwöre, daß vor diesem schamlosen Traum in meinem Geiste noch nichts gelebt hatte, was einem so schändlichen Gedanken auch nur ähnlich gewesen wäre. Nicht einmal eine unfreiwillige Träumerei von der Art war bis dahin in mir gewesen (wenn ich auch das „Dokument“ in meiner Tasche eingenäht trug und manchmal mit einem eigenen Lächeln nach dieser Tasche gefühlt hatte). Wie aber war es denn möglich gewesen, daß alles das plötzlich in dieser fertigen Form in mir hatte auftauchen können? Das kam daher, weil die Seele einer Spinne in mir war! Dieser Traum beweist, daß alles dies in meinem wollüstigen Herzen schon längst gekeimt hatte und in ihm lag, in meinem Wunsch lag, aber im wachen Zustande hatte mein Herz sich dessen noch geschämt, und mein Geist hatte noch nicht gewagt, sich etwas Ähnliches bewußt vorzustellen. Doch im Schlaf und Traum verriet und zeigte meine Seele, was in meinem Herzen war, zeigte es in deutlichen Bildern, der Wahrheit getreu und – in prophetischer Form. War es denn wirklich das gewesen, was ich ihnen hatte beweisen wollen, als ich am Morgen aus Makar Iwanowitschs Zimmer gestürzt war? Doch jetzt genug davon, vorläufig werde ich darauf nicht mehr zu sprechen kommen! Dieser Traum, den ich damals hatte, ist eines der sonderbarsten Erlebnisse meines Lebens.
Drittes Kapitel.
I.
Nach drei Tagen stand ich am Morgen vom Bett auf, und als ich mich auf meine Füße stellte, fühlte ich, daß ich mich nun nicht wieder hinlegen würde. Mein ganzer Mensch empfand bereits die Nähe der völligen Genesung. Vielleicht ist es nicht der Mühe wert, alle diese kleinen Einzelheiten aufzuzeichnen, aber mit jenem Morgen begannen damals ein paar Tage, die, obschon in ihnen nichts Besonderes geschah, doch unauslöschlich in meinem Gedächtnis geblieben sind, wie etwas Tröstliches und Ruhiges, und das ist etwas, was in meinen Erinnerungen nur selten vorkommt. Meinen damaligen Seelenzustand will ich vorläufig noch nicht ausführlicher schildern; wenn ich dem Leser erzählte, welcher Art dieser Zustand war, würde er mir gewiß nicht glauben. So mag denn alles später aus den Tatsachen sich selbst erklären. Fürs erste sage ich nur dieses Eine: möge der Leser nicht vergessen, daß ich von der „Seele einer Spinne“ gesprochen habe. Und diese Seele – war in einem Menschen, der im Namen der „Schönheit“ allen seinen Anverwandten und der ganzen Welt den Rücken kehren wollte! Das Verlangen nach Schönheit war in mir sogar in hohem Maße vorhanden, und es war ein echtes und wirkliches Verlangen, wie aber und auf welche Weise es sich mit anderen, Gott weiß was für Wünschen in mir vertrug – das ist für mich selbst ein Geheimnis. Und das ist mir auch immer ein Geheimnis gewesen: ich habe mich wohl schon tausendmal über diese Fähigkeit des Menschen (und wie mir scheint, besonders des Russen) gewundert, das höchste Ideal neben der niedrigsten Gemeinheit in seiner Seele hegen zu können, und beides mit vollkommener Aufrichtigkeit. Die Frage ist jetzt nur, ob das eine besondere Weitherzigkeit der Natur des russischen Menschen ist, die ihn noch weit führen wird, oder aber – einfach menschliche Gemeinheit?
Doch lassen wir das. Wie dem auch sein möge, jedenfalls trat damals so etwas wie eine Windstille ein. Ich sagte mir eben, daß ich unbedingt sobald wie möglich gesund werden mußte, um sobald wie möglich handeln zu können, und deshalb nahm ich mir vor, hygienisch zu leben und die Vorschriften des Doktors (gleichviel was für ein Mensch dieser Doktor war) gewissenhaft zu beobachten; meine stürmischen Pläne aber verschob ich mit außerordentlicher Vernünftigkeit (eine Frucht der „Weitherzigkeit“) auf den Tag, da ich zum erstenmal ausgehen würde, d. h. bis zu meiner völligen Genesung. Auf welche Weise alle meine friedlichen Eindrücke und das Genießen besagter Windstille sich mit und neben den qualvoll süßen und erregten Schlägen meines Herzens vertragen konnten, noch dazu bei dem starken Vorgefühl nah bevorstehender stürmischer Entscheidungen – das weiß ich nicht; ich kann alles das wieder nur der „Weitherzigkeit“ zuschreiben. Aber die Unruhe, die ich noch unlängst verspürt hatte, war nicht mehr in mir; ich hatte alles auf jenen erwähnten Tag verschoben und zitterte nicht mehr vor dem Kommenden, wie noch kurz zuvor, sondern fühlte mich wie ein reicher Mann, der seiner Mittel und seiner Kraft sicher ist. Mein Hochmut und das Gefühl der Herausforderung dem Schicksal gegenüber, das mich erwartete, wurden immer größer. Zum Teil kam das wohl von der fortschreitenden Gesundung und dem schnellen Zustrom neuer Lebenskräfte. Und gerade an diese Tage der endgültigen und vollständigen Genesung denke ich jetzt mit wirklichem Vergnügen zurück.
Oh, man hatte mir schon alles verziehen, d. h. meinen ganzen Ausfall, und das taten dieselben Menschen, denen ich ins Gesicht gesagt hatte, sie wären gemein! Das liebe ich an Menschen, das nenne ich den Verstand des Herzens; wenigstens zog mich das sofort zu ihnen hin, aber natürlich nur bis zu einem gewissen Grade. Mit Werssiloff zum Beispiel fuhr ich fort, mich wie früher zu unterhalten, wir sprachen wie zwei gute Bekannte, aber wiederum nur bis zu einer gewissen Grenze: sobald wir merkten, daß man etwas mehr aus sich herauszugehen begann (und das wollte bisweilen geschehen), nahmen wir uns sogleich wieder zusammen, und es war dann, als schämten wir uns aus irgendeinem Grunde beide ein wenig. Es gibt Fälle, wo der Sieger nicht umhin kann, sich vor dem Besiegten zu schämen, gerade deshalb, weil er ihn besiegt hat. Der Sieger war offenbar – ich; und so schämte ich mich denn auch.
An jenem Morgen, als ich nach meinem Rückfall zum erstenmal aufgestanden war, kam er zu mir ins Zimmer, und da erst teilte er mir ihre Verabredung mit, die sie alle wegen Mama und Makar Iwanowitsch getroffen hatten: zum Schluß sagte er mir noch, daß Makar Iwanowitsch sich allerdings besser fühle, der Doktor aber für nichts einstehe. Natürlich versprach ich ihm sogleich und von ganzem Herzen, künftighin vorsichtiger zu sein. Die Art und Weise, wie Werssiloff mir alles dies mitteilte und darüber sprach, zeigte mir zu meiner Überraschung, daß er selbst um den alten Mann aufrichtig besorgt war, sogar viel mehr, als ich von einem Menschen wie er jemals erwartet hätte; ich sah, daß dieser alte Mann auch ihm selbst aus irgendeinem Grunde besonders teuer war, und daß er sich nicht nur Mamas wegen um ihn sorgte. Das beschäftigte mich von nun an auf das lebhafteste, und ich will gleich gestehen, daß ich an diesem alten Mann vieles nicht bemerkt oder nicht weiter beachtet oder gar nicht zu schätzen verstanden hätte, wenn Werssiloff nicht gewesen wäre. So aber hat dieser Alte eine der nachhaltigsten und eigenartigsten Erinnerungen in meinem Herzen hinterlassen.