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Sämtliche Werke 7-8

Dritter Teil (continued 4)

E. K. Rahsin translation

Oh, ich sage noch einmal: möge man mir verzeihen, daß ich diese Träumereien der Trunkenheit so eingehend wiedergebe. Was ich hier schreibe ist natürlich nur ein Auszug und eine Verdeutlichung meiner Träume von damals, aber es ist mir, als hätte ich diese Gedanken sogar mit eben diesen Worten gedacht. Ich mußte es wiedergeben, denn ich habe mich doch zum Schreiben hingesetzt, weil ich über mich selbst ein Urteil fällen wollte. Und was wäre wohl mehr zu verurteilen als diese Haltung? Kann denn im Leben etwas ernster sein? Der Wein entschuldigt mich nicht. In vino veritas.

So vor mich hingrübelnd und ganz versunken in meine Träume, hatte ich den Weg nach Hause zurückgelegt und war vor Mamas Wohnung angelangt, ohne es zu gewahren. Ja, ich gewahrte es auch dann noch nicht, als ich schon eintrat; erst in unserem kleinen Vorzimmer kam ich gleichsam zu mir, und da fühlte ich plötzlich, daß bei uns etwas Außergewöhnliches vor sich ging. Ich hörte in den Zimmern laut sprechen und aufschreien, und Mama weinte. In der Tür hätte mich Lukerja, die aus dem Zimmer Makar Iwanowitschs kam und in die Küche stürzte, beinahe umgerannt. Ich warf meinen Pelz ab und begab mich schnell zu Makar Iwanowitsch, da alle dort beisammen waren.

Im Zimmer standen Werssiloff und Mama. Mama lag in seinen Armen, und er hielt sie fest an sein Herz gedrückt. Makar Iwanowitsch saß wie gewöhnlich auf seiner Bank, aber so sonderbar haltlos, daß Lisa ihn mit ihrer ganzen Kraft an beiden Schultern festhalten mußte, damit er nicht umfiele, und doch neigte er sich immer mehr nach vorn und drohte ganz zu fallen. Ich stürzte näher, erschrak und begriff: der Alte war tot. Er war soeben gestorben, vielleicht eine Minute vor meinem Eintreten. Vor zehn Minuten hatte er sich noch so wie immer gefühlt. Nur Lisa war bei ihm gewesen: sie hatte dagesessen und ihm ihren Kummer erzählt, und er hatte ihr, genau wie gestern, den Kopf gestreichelt. Auf einmal hatte er zu zittern begonnen (so erzählte Lisa später), hatte aufstehen, hatte schreien wollen, und war dann lautlos nach links gesunken. „Herzschlag!“ meinte Werssiloff. Lisa hatte aufgeschrien, daß es durchs ganze Haus hallte, und da erst waren die anderen herbeigelaufen – und das alles eine Minute vor meinem Erscheinen.

„Arkadi!“ rief mir Werssiloff zu, „laufe sofort zu Tatjana Pawlowna. Sie muß unbedingt zu Hause sein. Bitte sie, sofort herzukommen! Nimm eine Droschke. Schnell, ich beschwöre dich!“

Seine Augen blitzten – ich erinnere mich dessen noch deutlich. Auf seinem Gesicht bemerkte ich nichts von Mitgefühl oder Tränen, nur Mama, Lisa und Lukerja weinten. Im Gegenteil – und ich erinnere mich dessen nur zu gut –, sein Gesicht hatte den Ausdruck einer außerordentlichen Angeregtheit, ja, fast möchte ich sagen, Begeisterung. Ich lief zu Tatjana Pawlowna.

Der Weg war nicht sehr weit. Ich nahm auch keine Droschke, sondern lief den ganzen Weg zu Fuß, ohne anzuhalten. In meinem Kopfe war ein wirres Durcheinander, und auch ich fühlte eine Art Begeisterung. Ich begriff, daß etwas Entscheidendes geschehen war. Als ich bei Tatjana Pawlowna klingelte, war meine Betrunkenheit spurlos verschwunden und mit ihr alle unedlen Gedanken.

Die Finnländerin öffnete: „Nicht zu Haus!“ sagte sie kurz und wollte die Tür sofort wieder schließen.

„Was heißt das, nicht zu Haus!“ Ich drängte mich mit aller Gewalt ins Vorzimmer. „Das ist nicht möglich! Makar Iwanowitsch ist gestorben!“

„Wa–as!“ hörte ich sofort Tatjana Pawlownas Stimme hinter der geschlossenen Zimmertür rufen.

„Ja, gestorben! Makar Iwanowitsch ist gestorben! Andrei Petrowitsch bittet Sie, sofort hinzukommen!“

„Hör, du lügst ...“

Der Riegel wurde zurückgeschoben, aber die Tür nur ein wenig geöffnet.

„Was ist geschehen? So erzähl doch!“

„Ich weiß selbst nicht, ich bin soeben nach Hause gekommen, da war er schon tot. Andrei Petrowitsch sagt: Herzschlag!“

„Ich komme sofort, im Augenblick. Lauf’, sag’, ich komme gleich; mach, daß du fortkommst, marsch, marsch! Was stehst du denn noch da?“

Ich hatte aber durch die halbgeöffnete Tür deutlich gesehen, daß jemand hinter der Portiere, die Tatjana Pawlownas Schlafraum abteilte, hervorgetreten war und jetzt im Zimmer hinter Tatjana Pawlowna stand. Unwillkürlich erfaßte ich den Türgriff und ließ Tatjana Pawlowna die Tür nicht mehr schließen.

„Arkadi Makarowitsch! Ist es wirklich wahr, daß er gestorben ist?“ ertönte eine mir so gut bekannte, wohlklingende Stimme, die mein ganzes Innere auf einmal erzittern machte: aus ihrer Frage hörte man, daß etwas die Sprecherin durchdrungen hatte und ihre Seele erregte.

„Na, wenn’s so ist ...“ bemerkte Tatjana Pawlowna und ließ die Tür offen, „wenn’s so ist ... dann seht zu, wie ihr miteinander fertig werdet. Habt es selbst gewollt!“

Sie stürzte hinaus, warf sich im Laufen einen Schal und den Pelz um und lief die Treppe hinunter. Wir blieben allein. Ich warf meinen Pelz ab, trat ins Zimmer und schloß die Tür hinter mir. Sie stand vor mir wie damals, bei jenem Stelldichein, mit leuchtenden Augen, und wie damals streckte sie mir beide Hände entgegen. Da knickten mir die Knie ein, und ich sank ihr buchstäblich zu Füßen.

III.

Ein Schluchzen saß mir in der Kehle, und Tränen traten mir in die Augen, ich weiß selbst nicht, weshalb; ich weiß auch nicht, wie es kam, daß ich dann neben ihr saß; ich weiß nur noch – und diese Erinnerung ist mir unsagbar teuer – daß wir nebeneinander saßen, meine Hand in ihrer Hand ruhte, und daß wir fieberhaft sprachen: sie fragte mich nach dem Alten und nach seinen letzten Augenblicken, und ich erzählte ihr von ihm. Man hätte denken können, ich weinte um Makar Iwanowitsch, während das durchaus nicht der Fall war; aber ich weiß ja, daß sie mich einer solchen kindischen Rührseligkeit ganz entschieden nicht für fähig halten konnte. Damals aber kam mir diese Möglichkeit plötzlich zu Bewußtsein, und ich schämte mich. Heute bin ich der Meinung, daß ich einzig aus Begeisterung geweint habe, und ich denke, sie wird das auch sehr gut verstanden haben, so daß ich wegen dieser Erinnerung ganz ruhig bin.

Auf einmal kam es mir aber sehr sonderbar vor, daß sie mich so eingehend über Makar Iwanowitsch ausfragte.

„Ja, haben Sie ihn denn gekannt?“ fragte ich sie verwundert.

„Oh, ich kenne ihn schon lange. Ich habe ihn nie gesehen, aber er hat auch in meinem Leben eine Rolle gespielt. Vieles von ihm hat mir seinerzeit jener Mann erzählt, vor dem ich mich fürchte. Sie wissen, wen ich meine.“

„Ich weiß jetzt nur, daß jener Mann Ihnen innerlich viel näher gestanden hat, als Sie mich haben ahnen lassen,“ erwiderte ich, ohne selbst zu wissen, was ich damit eigentlich sagen wollte, aber ich sagte es gleichsam vorwurfsvoll und mit gerunzelter Stirn.

„Sie sagten, er habe Ihre Mutter soeben geküßt und umarmt? Haben Sie das selbst gesehen?“ fragte sie mich hastig weiter – meine Bemerkung überhörte sie.

„Ja, ich habe es mit eigenen Augen gesehen; und glauben Sie mir, es geschah alles mit der größten Aufrichtigkeit und Innigkeit!“ beeilte ich mich, zu versichern, als ich ihre Freude sah.

„Gott gebe es!“ sagte sie und bekreuzte sich. „Jetzt ist er frei. Dieser herrliche Alte hatte sein Leben doch in Ketten geschlagen. Jetzt, wo der Alte tot ist, wird wieder das Pflichtbewußtsein und ... die Würde in ihm auferstehen, wie es schon einmal geschehen ist. Oh, ich weiß, er ist vor allen Dingen großmütig und wird dem Herzen Ihrer Mutter den Frieden geben, denn er liebt sie ja doch mehr als alles auf der Welt, und wird schließlich auch selbst Ruhe finden, Gott sei Dank – und es wäre auch Zeit.“

„Er ist Ihnen wohl teuer?“

„Ja, sehr teuer, wenn auch nicht in dem Sinne, in dem er es wünschte und in dem Sie jetzt fragen,“ antwortete sie ernst.

„Fürchten Sie denn nun für ihn oder für sich?“ fragte ich plötzlich.

„Ach, das sind schwierige Fragen, lassen wir das!“

„Gut, lassen wir das; selbstverständlich; nur habe ich von alledem nichts gewußt, vielleicht gar zu viel nicht gewußt. Aber mögen Sie recht damit haben, daß jetzt alles von neuem anfängt, und wenn einer schon auferstanden ist, so bin ich es, ich als erster. Ich stehe mit niedrigen Gedanken vor Ihnen, Katerina Nikolajewna, und vielleicht ist es noch nicht eine ganze Stunde her, daß ich auch durch die Tat niedrig an Ihnen gehandelt habe. Aber Sie sollen auch das wissen, daß ich jetzt hier neben Ihnen sitze und nicht die geringsten Gewissensbisse verspüre. Denn jetzt ist alles Alte verschwunden und alles, was ist, ist neu. Und jenen Schuft, der vor einer Stunde eine Gemeinheit gegen Sie plante, kenne ich einfach nicht und will ich überhaupt nicht mehr kennen!“

„Kommen Sie zu sich,“ sagte sie lächelnd, „Sie scheinen mir ein bißchen im Fieber zu sprechen.“

„Und kann man sich denn überhaupt verurteilen, solange man neben Ihnen sitzt?“ fuhr ich fort. „Da mag einer noch so anständig sein, oder mag auch noch so niedrig sein – Sie sind doch immer, wie die Sonne, unerreichbar ... Sagen Sie, wie haben Sie mir jetzt so entgegenkommen können, nach allem, was geschehen ist? Wenn Sie nur wüßten, was noch vor einer Stunde geschehen ist, gerade vor einer Stunde! Und was für ein Traum mir in Erfüllung geht!“

„Ich glaube, das kann ich mir schon denken,“ sagte sie mit einem stillen Lächeln. „Sie werden sich für irgend etwas an mir haben rächen wollen. Sie haben sich wohl gar geschworen, mich ins Verderben zu stürzen; und dabei hätten Sie ganz gewiß einen jeden auf der Stelle totgeschlagen oder verprügelt, der es gewagt hätte, in Ihrer Gegenwart auch nur ein schlechtes Wort über mich zu sagen.“

Oh, sie lächelte und scherzte: aber sie tat es nur aus unermeßlicher Güte, denn ihre ganze Seele war in dem Augenblick, wie ich später erriet, so voll von eigener niederdrückender Sorge und von einer so starken und gewaltigen Empfindung, daß sie wohl nur so mit mir sprechen und auf meine nichtigen, lästigen Fragen antworten konnte, wie man vielleicht einem kleinen Kinde auf seine naseweisen unablässigen Fragen antwortet, damit es Ruhe gibt. Das begriff ich plötzlich, und ich schämte mich, aber ich konnte mich schon nicht mehr zurückhalten.

„Nein,“ rief ich, ohne mich zu beherrschen, „nein, ich habe den nicht erschlagen, der schlecht von Ihnen sprach, im Gegenteil, ich hab’ ihm noch beigestimmt!“

„Oh, um Gottes willen, nicht beichten, nein, erzählen Sie nichts!“ Sie streckte plötzlich die Hand aus, um mich aufzuhalten, und aus ihrem Gesicht sprach geradezu schmerzliches Mitleid, aber schon war ich aufgesprungen und stand vor ihr, um ihr alles zu sagen; und wenn ich ihr damals alles gesagt hätte, so wäre es nicht dazu gekommen, wozu es später gekommen ist; denn es wäre bestimmt darauf hinausgelaufen, daß ich ihr alles gebeichtet und das Dokument ihr ausgeliefert hätte. Aber da begann sie auf einmal zu lachen:

„Nein, es ist nicht nötig, nichts ist nötig, ich will keine Einzelheiten hören. Ich kenne schon alle Ihre fürchterlichen Verbrechen: ich wette, Sie hatten die Absicht, mich zu heiraten oder so etwas Ähnliches, und haben gerade einen diesbezüglichen Plan geschmiedet, mit einem Ihrer Freunde oder einem Ihrer früheren Schulkameraden ... Ach, es scheint ja, daß ich es wirklich erraten habe!“ rief sie plötzlich und sah mir ernst forschend ins Gesicht.

„Wie ... wie haben Sie das erraten können?“ stotterte ich wie ein Narr vor lauter Betroffenheit.

„Das war, weiß Gott, nicht schwer. Doch genug, genug davon! Ich verzeihe Ihnen alles, nur hören Sie auf,“ sagte sie abwehrend und jetzt schon mit sichtlicher Ungeduld. „Ich bin selbst eine Träumerin, und wenn Sie wüßten, was ich alles in manchen Augenblicken ausdenke, wenn ich’s nicht mehr ertragen kann! Aber genug davon, Sie bringen mich immer von dem ab, was ich eigentlich sagen wollte. Ich bin sehr froh, daß Tatjana Pawlowna weggegangen ist: ich hatte schon die ganze Zeit den Wunsch, Sie wiederzusehen, aber in ihrer Gegenwart hätten wir uns doch nicht so aussprechen können. Ich glaube, ich trage die Schuld an dem, was Ihnen damals zugestoßen ist. Ja? Ich bin doch die Schuldige?“

„Sie die Schuldige? Aber damals habe ich Sie doch an ihn verraten, und – was haben Sie überhaupt von mir denken müssen! Daran habe ich seitdem die ganze Zeit gedacht, alle diese Tage, jede Minute hab’ ich daran gedacht und nur dies gefühlt!“ (Ich log nicht.)

„Sie haben sich ganz umsonst gequält, denn ich habe doch schon damals nur zu gut verstanden, wie das geschehen konnte: es ist Ihnen da in der Freude ihm gegenüber das Geständnis entschlüpft, daß Sie in mich verliebt waren, und daß ich ... nun, daß ich Sie angehört hatte. Dafür sind Sie eben zwanzig Jahre alt. Und Sie lieben ihn doch mehr als die ganze Welt, Sie suchen in ihm doch einen Freund, ein Ideal? Das habe ich sehr gut begriffen, aber nur etwas zu spät. O ja, ich war damals selbst schuld daran: ich hätte Sie unverzüglich zu mir rufen müssen, um Sie zu beruhigen; aber ich ärgerte mich zu sehr, und so bestimmte ich, daß Sie im Hause nicht mehr empfangen werden sollten. Und so kam es dann zu jenem Auftritt an der Vorfahrt und später zu Ihren Erlebnissen in der Nacht. Und wissen Sie, ich habe genau so wie Sie diese ganze Zeit daran gedacht, wie ich Sie heimlich treffen könnte, nur wußte ich nicht, wie ich das einrichten sollte. Und was glauben Sie, was ich dabei am meisten fürchtete? Daß Sie seiner üblen Nachrede über mich glauben könnten.“

„Niemals!“ rief ich.

„Ich schätze die Stunden unseres früheren Zusammenseins. Der Jüngling in Ihnen ist mir immer teuer gewesen, und vielleicht sogar auch diese Ihre Aufrichtigkeit ... Ich bin ja doch ein ernst veranlagter Charakter. Ich bin der ernsteste und düsterste Charakter von allen heutigen Frauen, merken Sie sich das ... hahaha! Aber wir werden uns schon noch aussprechen können, augenblicklich fühle ich mich nicht recht wohl, ich bin zu aufgeregt und ... ich glaube fast, ich bekomme eine Nervenkrise ... Gott, jetzt wird er mich doch endlich, endlich in Ruhe leben lassen!“

Dieser Ausruf entschlüpfte ihr ganz unbedacht; das begriff ich sofort und tat deshalb, als hätte ich ihn überhört, aber mein Herz war erzittert.

„Er weiß, daß ich ihm verziehen habe!“ sagte sie plötzlich vor sich hin, als wäre sie ganz allein mit sich.

„Haben Sie ihm denn wirklich jenen Brief verzeihen können? Und woher kann er denn wissen, daß Sie ihm verziehen haben?“ rief ich jetzt doch, denn ich konnte mich nicht mehr halten.

„Woher er das wissen kann? Oh, er weiß es,“ sagte sie versonnen, wieder wie zu sich selbst, und als hätte sie mich ganz vergessen. „Er ist jetzt erwacht. Und wie sollte er denn nicht wissen, daß ich ihm verziehen habe, da er doch meine ganze Seele auswendig kennt? Er weiß doch, daß auch ich ein wenig von seiner Art bin.“

„Sie?“

„Ja, ich; und das weiß er. Oh, ich bin nicht leidenschaftlich, ich bin ruhig: aber auch ich möchte, ganz wie er, daß alle Menschen gut wären ... Wegen irgend etwas hat er mich doch geliebt.“

„Wie hat er dann sagen können, in Ihnen wären alle Laster?“

„Das hat er nur so gesagt; für sich, im geheimen, weiß er etwas ganz anderes. Aber nicht wahr, sein Brief war doch unsagbar lächerlich?“

„Lächerlich?“

Ich hörte mit gespanntester Aufmerksamkeit zu; sie schien tatsächlich sehr erregt zu sein und ... sprach vielleicht Dinge aus, die keineswegs für meine Ohren bestimmt waren; aber ich konnte mich trotz der peinlichen Situation nicht enthalten, sie auszufragen.

„O ja, gewiß lächerlich, und wie hätte ich gelacht, wenn ... wenn ich mich nicht so gefürchtet hätte. Übrigens bin ich durchaus nicht so furchtsam, glauben Sie das nicht. Aber nach jenem Brief habe ich doch die ganze Nacht nicht geschlafen; er ist wie mit krankem Blut geschrieben ... und worauf kann ich mich nach einem solchen Brief noch verlassen? Ich liebe das Leben, ich fürchte entsetzlich für mein Leben, darin bin ich wirklich schrecklich kleinmütig ... Ach, hören Sie!“ rief sie auf einmal und wandte sich erregt mir zu, „gehen Sie schnell zu ihm! Er ist jetzt allein, er kann nicht die ganze Zeit dort bleiben, bestimmt ist er allein aus dem Hause gegangen: suchen Sie ihn schnell auf, unbedingt so schnell wie möglich, laufen Sie zu ihm, zeigen Sie ihm, beweisen Sie ihm, daß Sie sein liebender Sohn, daß Sie der liebe, gute Junge sind, mein Student, den ich ... Oh, gebe Gott Ihnen Glück! Ich liebe niemanden, und so ist es auch am besten; aber ich wünsche allen Glück, allen, und vor allen wünsche ich es ihm, und das soll er wissen ... womöglich jetzt gleich, das wäre mir sogar sehr lieb ...“

Sie stand auf, in ihren Augen blitzten Tränen, und plötzlich verschwand sie hinter der Portiere (es waren wohl hysterische Tränen nach dem Lachen). Ich stand allein da und war erregt und verwirrt. Ich wußte wirklich nicht, was sie denn in eine solche Erregung versetzt haben konnte, in eine Erregung, die ich bei ihr gar nicht für möglich gehalten hätte. Irgend etwas in meinem Herzen krampfte sich gleichsam zusammen.

Ich wartete fünf Minuten, schließlich zehn Minuten; die tiefe Stille schreckte mich plötzlich auf, und ich entschloß mich, zur Tür hinauszuschauen und zu rufen. Auf meinen Ruf erschien die Köchin Marja und sagte mir im gleichgültigsten Ton, die gnädige Frau hätte sich längst angezogen und die Wohnung durch die Hintertür verlassen.

Siebentes Kapitel.

I.

Das hatte gerade noch gefehlt. Ich griff nach meinem Pelz, warf ihn mir im Gehen um und eilte mit dem Gedanken hinaus: „Sie hat mich gebeten, zu ihm zu gehen, aber wo finde ich ihn jetzt?“

Doch neben allem anderen beschäftigte mich eine Frage, vor der meine Gedanken betroffen stillhielten: „Weshalb glaubt sie, daß jetzt etwas anderes eingetreten sei und er sie jetzt in Ruhe lassen werde? Natürlich deshalb, weil er Mama heiraten wird. Aber was war das: freute sie sich nun darüber, daß er Mama jetzt heiraten kann, oder war sie, im Gegenteil, gerade deshalb unglücklich? Und deshalb vielleicht der hysterische Anfall? Warum kann ich nun diese Frage nicht entscheiden?“

Ich führe diesen zweiten Gedanken, der mich damals plötzlich durchzuckte, hier absichtlich wortgetreu an, damit ich ihn nicht vergesse: er ist zu wichtig. Dieser Abend war wirklich schicksalsschwer, und unwillkürlich fängt man an eine Vorherbestimmung zu glauben an: noch war ich keine hundert Schritte auf dem Wege zu Mamas Wohnung gegangen, als ich plötzlich mit demjenigen zusammenstieß, den ich suchte. Er faßte mich an der Schulter und hielt mich fest.

„Du bist’s!“ rief er erfreut und gleichzeitig wie in größter Überraschung. „Denke dir, ich war soeben in deiner Wohnung,“ sagte er schnell, „ich suchte dich, ich fragte nach dir – nur dich allein brauche ich jetzt von der ganzen Welt! Dein Beamter hat mir da Gott weiß was alles vorgeredet, aber du warst nicht da, und so ging ich wieder; und ich vergaß sogar, dir sagen zu lassen, daß du nach deiner Rückkehr unverzüglich zu mir kommen solltest. Aber wirst du’s glauben: ich ging doch in der felsenfesten Überzeugung fort, das Schicksal könne doch nicht so blind sein, dich mir nicht entgegenzuführen, gerade jetzt, wo ich deiner mehr denn je bedarf! Und da bist du auch richtig der erste, der mir begegnet! Komm, gehen wir zu mir: du bist noch niemals bei mir gewesen.“

Mit einem Wort, wir hatten uns gegenseitig gesucht, und jedem von uns war etwas Ähnliches begegnet. Wir gingen sehr eilig weiter.

Unterwegs sagte er nur in ein paar Worten, daß Tatjana Pawlowna bei Mama geblieben sei usw. usw. Er hatte mich untergefaßt und führte mich. Seine Wohnung lag nicht weit von dort, und wir langten bald an. Ja, ich war noch niemals bei ihm gewesen. Es war eine Wohnung von nur drei Zimmern, die er (oder vielmehr Tatjana Pawlowna) wegen jenes „Säuglings“ gemietet hatte. Diese Wohnung stand von Anfang an ganz unter Tatjana Pawlownas Aufsicht, und dort lebte nun die Wärterin mit dem kleinen Kinde (und jetzt auch noch Darja Onissimowna); aber eines der Zimmer – das erste, in das man unmittelbar aus dem Vorraum trat, ein ziemlich großer und mit Polstermöbeln recht gut ausgestatteter Raum – war für Werssiloff als eine Art Lese- und Arbeitszimmer eingerichtet. In der Tat sah man da auf dem Schreibtisch, im Schrank und auf den Bücherständern eine ganze Menge Bücher (die es in Mamas Wohnung fast gar nicht gab), ferner beschriebene Blätter, Briefe, zu ganzen Päckchen zusammengelegt und verschnürt, – kurzum, das Ganze machte den Eindruck eines schon lange bewohnten Raumes; und ich weiß, daß Werssiloff auch früher schon, wenn auch ziemlich selten, zeitweilig ganz in diese seine Wohnung übergesiedelt war und sogar wochenlang dort gewohnt hatte. Das erste, was meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, war Mamas Bildnis, das in einem schönen geschnitzten Rahmen aus kostbarem Holz über dem Schreibtisch hing – eine Photographie, offenbar eine ausländische Aufnahme, die, nach ihrem ungewöhnlichen Format zu urteilen, nicht wenig gekostet haben mußte. Ich hatte von diesem Bildnis nichts gewußt und nie etwas davon gehört; und was mich noch besonders überraschte, war die für eine Photographie ganz erstaunliche Ähnlichkeit, gerade die, ich möchte sagen, geistige Ähnlichkeit. Es war wie ein wirkliches Porträt von Künstlerhand und gar nicht wie eine mechanische Aufnahme. Als ich ins Zimmer trat, blieb ich sogleich und ganz überrascht vor diesem Bilde stehen.

„Nicht wahr? Nicht wahr?“ fragte plötzlich Werssiloff dicht hinter mir.

Er meinte damit: „Nicht wahr, wie ähnlich?“ Ich sah mich nach ihm um, und der Ausdruck seines Gesichts machte mich ganz betroffen. Er war etwas bleich, aber sein gespannter Blick brannte und strahlte gleichsam vor Glück und Kraft: einen solchen Ausdruck hatte ich noch niemals an ihm gesehen.

„Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie Mama so lieben!“ sagte ich plötzlich selbst ganz beglückt.

Er lächelte glücklich, wenn auch in seinem Lächeln gleichsam ein Leid lag, oder richtiger, etwas schmerzlich Nachsichtiges, menschlich Höheres ... ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll; aber mir scheint, daß hochentwickelte Menschen überhaupt nicht ein triumphierend glückliches Gesicht haben können. Ohne mir zu antworten, nahm er das Bild mit beiden Händen von der Wand, hielt es ganz nah vor sein Gesicht, küßte es plötzlich und hängte es dann vorsichtig wieder auf.

„Merke dir,“ sagte er, „photographische Aufnahmen sind sehr selten ähnlich, und das ist leicht zu erklären: das Original, das heißt, ein jeder von uns, ist ja auch im Leben nur äußerst selten sich selber ähnlich. Das Gesicht eines Menschen zeigt seinen charakteristischsten Zug eben nur in seltenen Augenblicken. Ein Künstler studiert das Gesicht, das er malen soll, und erhascht diesen eigentlichen Ausdruck des Gesichts, er errät sozusagen den Hauptgedanken des Menschen und gibt ihn im Bilde wieder, auch wenn das Gesicht des Betreffenden diesen Ausdruck während des Modellsitzens zumeist gar nicht hat. Die Photographie aber gibt den Menschen genau so wieder, wie er in dem einen Augenblick aussieht, und da ist es nicht ausgeschlossen, daß zum Beispiel Napoleon, in einem zufälligen Augenblick photographiert, auf der Photographie dumm aussehen könnte, und Bismarck – weichlich. Hier aber, auf dieser Photographie, hat die Aufnahme Ssonjä zufällig gerade im Augenblick ihres eigensten Ausdrucks angetroffen: in ihrer schamhaften, demütigen Liebe und scheuen, schreckhaften Keuschheit. Und sie war ja damals auch so glücklich, als sie sich endlich überzeugt hatte, daß es mich wirklich so sehr nach einem Bilde von ihr verlangte. Diese Aufnahme ist eigentlich vor gar nicht so langer Zeit gemacht, aber sie sah damals doch noch viel jünger und besser aus; dabei hatte sie auch damals schon diese eingefallenen Wangen, diese feinen Runzeln auf der Stirn und diese scheue Schüchternheit im Blick, die bei ihr jetzt mit den Jahren zu wachsen scheint – je länger, desto mehr. Wirst du’s mir glauben, Lieber: jetzt kann ich sie mir mit einem anderen Gesicht gar nicht mehr vorstellen, und doch ist sie einmal jung und reizend gewesen! Die russischen Frauen altern schnell, ihre Schönheit ist flüchtig, und das hat seinen Grund wahrlich nicht nur in einer ethnographischen Besonderheit des Typs, sondern auch darin, daß sie mit rückhaltloser Hingabe zu lieben verstehen. Die russischen Frauen geben alles auf einmal hin, wenn sie lieben, – den Augenblick und ihr ganzes Leben, die Gegenwart und die Zukunft; sie verstehen nicht, ökonomisch zu sein, sie sparen und geizen nicht, um des Vorrats willen, und so geht ihre Schönheit bald für den dahin, den sie lieben. Diese eingefallenen Wangen – das ist gleichfalls Schönheit, die für mich hingegeben ist, für meine kurze Lust. Es freut dich, daß ich deine Mutter geliebt habe, und du hast vielleicht sogar nicht einmal geglaubt, daß ich sie habe lieben können? Ja, mein Freund, ich habe sie sehr geliebt, und doch habe ich ihr nichts als Böses zugefügt ... Hier ist noch ein anderes Bildnis – sieh dir auch dies einmal an.“

Er nahm es vom Tisch und reichte es mir. Das war auch eine Photographie, nur in bedeutend kleinerem Format und in einem schmalen, ovalen Holzrähmchen – das Bild eines jungen Mädchens: ein schmales, schwindsüchtiges, doch trotz alledem schönes Gesicht, versonnen, und dabei doch bis zur Sonderbarkeit gedankenleer. Es waren die regelmäßigen Züge eines durch Generationen ausgebildeten Typs; aber sie machten einen krankhaften Eindruck: man hatte die Empfindung, daß sich plötzlich ein starrer Gedanke dieses Wesens bemächtigt hatte, der eben dadurch qualvoll war, daß er über seine Kraft ging.

„Das ... das ist jenes junge Mädchen, mit dem Sie sich trauen lassen wollten, und das an der Schwindsucht starb ... ihre Stieftochter?“ sagte ich ein wenig befangen.

„Ja, mit dem ich mich trauen lassen wollte, das an der Schwindsucht starb, ihre Stieftochter. Ich wußte, daß du ... alle diese Klatschgeschichten kennst. Übrigens, außer diesen hättest du auch nichts erfahren können. Leg’ das Bild hin, mein Freund, das war nur eine arme Irrsinnige und nichts weiter.“

„Wirklich irrsinnig?“

„Oder eine Idiotin; übrigens glaube ich, auch eine Irrsinnige. Sie bekam ein Kind vom Fürsten Ssergei Petrowitsch (infolge ihres Irrsinns, nicht aus Liebe; das ist eine der schändlichsten Taten des Fürsten). Das Kind ist jetzt hier, in jenem Zimmer, ich habe es dir schon lange zeigen wollen. Fürst Ssergei Petrowitsch darf weder herkommen noch das Kind sehen – laut unserer Verabredung im Auslande. Ich habe das Kind mit Einwilligung deiner Mutter zu mir genommen. Und gleichfalls mit Einwilligung deiner Mutter wollte ich mich damals trauen lassen mit dieser ... Unglücklichen ...“

„Ist denn eine solche Einwilligung überhaupt möglich?“ fragte ich erregt.

„O ja! Sie erlaubte es mir: eine Frau ist nur auf eine Frau eifersüchtig, diese aber war doch keine Frau.“

„Wenn sie es auch für alle anderen nicht war, für Mama war sie es! Das werde ich mein Lebtag nicht glauben, daß Mama nicht eifersüchtig gewesen sei!“ rief ich.

„Du hast recht. Das erriet ich erst, als alles schon beschlossen war, das heißt, als sie mir ihre Einwilligung gab. Aber lassen wir das. Jedenfalls kam es nicht dazu, da Lydia starb, aber vielleicht wäre es auch so nicht dazu gekommen, wenn sie am Leben geblieben wäre; deine Mutter aber lasse ich auch jetzt noch nicht zu dem Kinde. Das – war nur eine Episode. Mein Lieber, ich habe dich hier schon lange erwartet. Schon lange habe ich davon geträumt, wie wir hier zusammenkommen würden; weißt du, wie lange schon? – Schon seit zwei Jahren.“

Er sah mich aufrichtig und innig an, mit einer heißen Herzenshingabe. Ich ergriff seine Hand.

„Warum haben Sie dann gezögert, warum haben Sie mich nicht schon früher gerufen? Wenn Sie wüßten, was inzwischen ... und was nicht geschehen wäre, wenn Sie mich schon früher gerufen hätten! ...“

In diesem Augenblick wurde die Teemaschine gebracht, und Darja Onissimowna kam mit dem Kindchen, das ganz fest schlief.

„Sieh es dir an,“ sagte Werssiloff, „ich liebe es und habe es jetzt bringen lassen, damit du es siehst. So, bringen Sie es nun wieder hinaus, Darja Onissimowna. Und du setze dich hierher an den Tisch. Ich werde mir jetzt einbilden, wir zwei hätten ewig so gelebt und jeden Abend so zusammen verbracht, ohne uns jemals zu trennen. Laß mich dich ansehen: setze dich so, daß ich dein Gesicht sehen kann. Wie ich es liebe, dein Gesicht! Wie habe ich mir dein Gesicht vorzustellen versucht, als ich dich noch aus Moskau erwartete! Du fragst: warum habe ich dich nicht schon früher gerufen? Warte, das wirst du vielleicht erst jetzt verstehen.“

„Hat denn wirklich nur der Tod Makar Iwanowitschs Ihnen jetzt die Zunge gelöst? Das ist sonderbar.“

Aber wenn ich das auch sagte, so sah ich ihn doch mit viel Liebe an. Wir sprachen wie zwei Freunde, wie Freunde im höchsten und vollsten Sinn des Wortes. Er hatte mich hierher geführt, um mir irgend etwas zu erklären, zu erzählen, um etwas zu rechtfertigen; und dabei war schon alles, noch bevor er ein Wort gesagt hatte, erklärt und gerechtfertigt. Gleichviel, was ich von ihm jetzt noch gehört hätte – das Ergebnis war schon erreicht, und das wußten wir beide mit einem Glücksgefühl, und so sahen wir einander auch an.

„Nicht gerade der Tod dieses alten Mannes,“ antwortete er, „nicht dieser Tod allein; es ist noch etwas anderes, was damit zusammengetroffen ist ... Gott segne diesen Augenblick und unser Leben hinfort und auf lange! Mein Lieber, laß uns miteinander reden. Ich komme immer wieder vom Thema ab, ich will von dem einen reden und lasse mich von tausend nebensächlichen Einzelheiten ablenken. So geht es einem immer, wenn das Herz voll ist ... Doch reden wir jetzt miteinander; die Zeit ist gekommen, und ich bin schon lange in dich verliebt, Junge.“

Er lehnte sich in seinen großen Stuhl zurück und betrachtete mich noch einmal.

„Wie sonderbar, wie sonderbar sich das anhört!“ wiederholten meine Lippen, während die Seligkeit über mir zusammenschlug.

Und da, ich weiß noch, da erschien flüchtig wieder dieser eine seltsame Zug in seinem Gesicht – dieser Ausdruck von Trauer und Spott, beides zugleich, den ich schon so gut kannte. Aber er nahm sich zusammen und begann dann, gleichsam nach einer gewissen Anstrengung, langsam zu sprechen.

II.

„Sieh, Arkadi, wenn ich dich früher gerufen hätte, was hätte ich dir da sagen können? In dieser Frage ist meine ganze Antwort enthalten.“

„Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie jetzt Mamas Mann und mein Vater sind, bisher aber ... Sie hätten wohl in betreff meiner sozialen Stellung nicht gewußt, was Sie mir sagen sollten? War es das?“

„Nicht nur darüber, mein Lieber, hätte ich nicht gewußt, was ich dir sagen sollte: da hätte ich noch über manches schweigen müssen. Und vieles davon ist beinah lächerlich und sogar erniedrigend, weil es fast wie ein Gauklerstückchen anmutet: in der Tat, wie eine richtige Jahrmarktszauberei. Nun, sag’ doch selbst, wie hätten wir denn einander früher verstehen können, wenn ich mich selbst erst heute um fünf Uhr nachmittags zum erstenmal verstanden habe, genau zwei Stunden vor dem Tode Makar Iwanowitschs. Du siehst mich mit peinlicher Verwunderung an. Beruhige dich: ich werde dir die Tatsache schon erklären; das aber, was ich dir sagte, ist vollkommen richtig; mein ganzes Leben ist Wandern und Zweifeln gewesen, und plötzlich steht, am soundsovielten des Monats um fünf Uhr nachmittags, des Rätsels Lösung fertig vor dir! Das ist doch einfach kränkend, nicht wahr? Noch gestern, ja: in der jetzt schon uralten Vergangenheit, hätte mich das noch tatsächlich gekränkt.“

Ich hörte ihn wirklich mit fieberhafter Verwunderung an: es trat wieder deutlich der frühere Werssiloffsche Zug hervor, den ich an diesem Abend um keinen Preis hätte sehen wollen, nachdem schon solche Worte gefallen waren. Plötzlich durchzuckte es mich.

„Mein Gott!“ rief ich, „Sie haben etwas von ihr erhalten ... heute um fünf Uhr?“

Er sah mich scharf an, sichtlich überrascht durch meinen Ausruf und vielleicht auch durch den Ausdruck: „von ihr“.

„Du wirst alles erfahren,“ sagte er mit einem sinnenden Lächeln, „und natürlich werde ich dir das, was du wissen mußt, nicht verhehlen, denn zu dem Zweck habe ich dich doch hergeführt; aber jetzt wollen wir das vorläufig noch etwas hinausschieben. Sieh mal, mein Freund, ich habe schon lange gewußt, daß es bei uns Kinder gibt, die bereits in der frühesten Kindheit über ihre Familie nachdenken, weil die Unschönheit ihrer Väter und ihrer Umgebung sie kränkt. Solche früh nachdenkenden Kinder habe ich schon unter meinen Mitschülern bemerkt, und damals glaubte ich, das käme alles daher, weil sie gar zu früh den Neid kennen lernen. Später freilich sagte ich mir, daß ich selbst eines von diesen nachdenkenden Kindern war, doch ... verzeihe, mein Lieber, ich bin heute erstaunlich zerstreut. Ich wollte damit nur sagen, wie sehr ich fast diese ganze Zeit über für dich hier gefürchtet habe. Ich habe dich mir immer als eines jener jungen Wesen vorgestellt, die sich ihrer Begabtheit schon bewußt sind und sich von den anderen absondern und lieber einsam sein wollen. Auch ich habe, ganz wie du, Kameraden nie gemocht. Schwer haben es diese jungen Geschöpfe, die ganz ihren eigenen Kräften und Träumen überlassen sind, und dabei von einem leidenschaftlichen, gar zu frühen und fast rachsüchtigen Schönheitsdurst besessen sind, – ja: gerade von einem ‚rachsüchtigen‘ Schönheitsdurst. Doch genug davon, Lieber: ich bin wieder abgeschweift ... Noch bevor ich dich zu lieben anfing, versuchte ich schon, dich mit deinen einsamen, menschenscheuen Träumen mir vorzustellen ... Aber genug davon, wie gesagt. Ja, wovon wollte ich eigentlich sprechen? Übrigens mußte auch dies einmal gesagt werden. Früher aber – was hätte ich dir früher sagen können? Jetzt sehe ich deinen Blick, der auf mir ruht, und ich weiß: es ist mein Sohn, der mich ansieht; ich aber hätte doch selbst gestern noch nicht geglaubt, daß ich jemals so wie heute mit meinem Jungen zusammensitzen und mit ihm reden würde.“

Er war in der Tat sehr zerstreut und dabei durch irgend etwas gleichsam erschüttert.

„Jetzt brauche ich nicht mehr zu träumen und mir Illusionen zu bauen, Sie genügen mir vollkommen! Ich werde von nun an Ihnen folgen!“ sagte ich und gab ihm meine ganze Seele hin.

„Mir folgen? Aber mein Wandern hat ja gerade aufgehört, gerade heute: du kommst zu spät, mein Lieber. Der heutige Tag ist das Finale des letzten Aktes; der Vorhang fällt. Dieser letzte Akt hat lange gedauert. Er begann schon vor sehr langer Zeit – damals, als ich zum letztenmal ins Ausland flüchtete. Ich warf damals alles hinter mich; und du sollst wissen, mein Lieber, daß ich damals auch meine Verbindung mit deiner Mutter löste und ihr das auch mitteilte. Das mußt du doch einmal erfahren. Ich erklärte ihr damals, daß ich für immer fortginge, sie würde mich niemals wiedersehen. Das schlimmste war aber, daß ich sogar vergaß, sie mit Geld zu versorgen. An dich dachte ich damals überhaupt nicht. Ich fuhr mit der Absicht fort, ganz in Europa zu bleiben, mein Lieber, und nie wieder nach Rußland zurückzukehren. Ich wanderte aus.“

„Zu Alexander Herzen? Um sich an seiner Propaganda im Auslande zu beteiligen? Sie haben doch gewiß Ihr ganzes Leben lang an irgendeiner Verschwörung teilgenommen?“ rief ich, ohne mich zurückzuhalten.

„Nein, mein Freund, ich habe mich nie an einer Verschwörung beteiligt. Bei dir aber leuchteten sogar die Augen auf, – ich liebe deine impulsiven Ausrufe, mein Lieber. Nein, ich reiste damals einfach aus plötzlicher Schwermut ins Ausland. Es war das die Schwermut des russischen Edelmanns, – ich weiß es wirklich nicht besser auszudrücken. Die aristokratische Schwermut – und nichts weiter.“

„Wegen der Aufhebung der Leibeigenschaft ... der Bauernbefreiung?“ stieß ich in atemloser Spannung hervor.

„Wegen der Leibeigenschaft? Du meinst, ich hätte die alte Leibeigenschaft herbeigewünscht? Hätte die Befreiung des Volkes nicht ertragen? O nein, mein Freund, gerade wir waren doch die Befreier. Ich wanderte aus ohne jeden Groll. Ich hatte doch bis dahin als Friedensrichter aus allen Kräften für das Gute zu wirken gesucht, hatte es ganz uneigennützig getan, und wenn ich auswanderte, geschah es nicht deshalb, weil ich für meinen Liberalismus wenig Dank sah. Wir haben ja damals alle nichts bekommen, das heißt, alle diejenigen, die von meiner Art waren. Ausgewandert bin ich eher mit selbstbewußtem Stolz als mit irgend so einem Bedauern, und nichts, das kannst du mir glauben, lag mir ferner, als der Gedanke, für mich könnte jetzt die Zeit gekommen sein, mein Leben als bescheidener Schuster zu beschließen. Je suis gentilhomme avant tout et je mourrai gentilhomme! Aber trotzdem war ich traurig gestimmt. Wir sind unser vielleicht tausend in Rußland, – ja, in der Tat, vielleicht nicht mehr als nur tausend Menschen; aber das genügt ja vollkommen, damit die Idee nicht stirbt. Wir sind die Träger einer Idee, mein Lieber! ... Mein Freund, ich sage dir das in der sonderbaren Hoffnung, daß du diese ganze Phantasterei verstehen wirst. Ich habe dich aus einer Laune meines Herzens zu mir gebracht: ich habe schon lange davon geträumt, wie ich dir manches sagen werde ... dir, gerade dir. Doch übrigens ... übrigens ...“

„Nein, sagen Sie es!“ rief ich. „Ich sehe wieder Aufrichtigkeit in Ihrem Gesicht ... Und sind Sie dann dank Europa wieder auferstanden? Und was war denn eigentlich Ihre ‚aristokratische Schwermut‘? Verzeihen Sie, Liebster, ich verstehe noch nicht ganz.“

„Ob ich dank Europa auferstanden bin? Aber ich fuhr doch damals hin, um Europa zu beerdigen!“

„Beerdigen?“ wiederholte ich verwundert.

Er lächelte.

„Freund Arkadi, meine Seele ist jetzt müde geworden, und mein Geist hat sich aufgelehnt. Niemals werde ich meine ersten Augenblicke damals in Europa vergessen. Ich hatte auch früher schon in Europa gelebt, damals aber war es eine besondere Zeit, und noch nie war ich in einer so trostlosen Trauer und ... mit solcher Liebe nach Europa gereist, wie in jener Zeit. Ich will dir einen von meinen ersten Eindrücken damals erzählen, einen Traum, den ich damals hatte, einen richtigen Traum ... Das war noch in Deutschland. Ich war aus Dresden abgereist und in der Zerstreutheit an der Station vorübergefahren, wo ich hätte umsteigen müssen, und so kam ich auf eine andere Bahnlinie. Natürlich wurde ich gleich auf der nächsten Station abgesetzt; es war drei Uhr nachmittags, ein heller, schöner Tag. Ich befand mich plötzlich in einem kleinen deutschen Städtchen. Man nannte mir ein Gasthaus. Ich mußte warten: der nächste Zug ging erst um elf Uhr nachts. Ich war sogar sehr zufrieden mit diesem Zwischenfall, denn ich hatte ja keine Eile, irgendwohin zu kommen. Ich wanderte, mein Freund, ich wanderte. Das Gasthaus war alt und klein, lag aber ganz im Grünen und war von Blumenbeeten umgeben, wie das in Deutschland üblich ist. Man gab mir ein enges Zimmerchen, und da ich die ganze letzte Nacht auf der Reise nicht geschlafen hatte, legte ich mich nach dem Mittagessen hin und schlief ein. Es war vielleicht vier Uhr.

„Und da hatte ich denn einen wunderlichen Traum, der um so überraschender war, als mir noch nie etwas Ähnliches geträumt hatte. In der Dresdener Galerie hängt ein Bild von Claude Lorrain, das im Katalog als ‚Acis und Galathea‘ angegeben ist – ich habe es immer ‚Das goldene Zeitalter‘ genannt, weshalb, weiß ich selbst nicht. Ich hatte es auch früher schon gesehen, und jetzt, auf der Durchreise vor drei Tagen, war es mir wieder aufgefallen. Dieses Bild sah ich nun im Traum, aber nicht als Bild, sondern als Wirklichkeit. Übrigens weiß ich selbst nicht recht, was mir da eigentlich träumte ... Ich sah jedenfalls – ganz wie es auf jenem Bilde zu sehen ist – ein Eckchen des Griechischen Archipels, und auch die Zeit war gleichsam um dreitausend Jahre zurückversetzt; ich sah blaue, schmeichelnde Wellen, Inseln und Klippen, ein blühendes Gestade, eine wunderbare Ferne, und dazu die untergehende rufende Sonne – es ist mit Worten gar nicht wiederzugeben! In diesem Bilde hat die europäische Menschheit die Erinnerung an ihre Wiege festgehalten, und der Gedanke daran erfüllte auch meine Seele wie mit Heimatliebe. Hier war einmal das irdische Paradies der Menschheit: die Götter stiegen vom Himmel herab und gingen mit den Menschen Verwandtschaft ein ... Oh, dort lebten schöne Menschen! Glücklich und schuldlos erwachten sie und schlummerten sie ein, die Wiesen und Haine waren erfüllt von ihren Liedern und ihrem Jauchzen; der große Überschuß an frischen Kräften strömte in Liebe und reiner Freude aus. Die Sonne umgab sie mit Wärme und Licht und freute sich an ihren schönen Kindern ... Welch ein wunderbarer Traum, welch eine erhabene Irrung der Menschheit! Das goldene Zeitalter ist von allen Illusionen, die die Menschheit jemals gehabt hat, die allerunwahrscheinlichste, und doch haben die Menschen für sie ihr Leben und alle ihre Kräfte hingegeben, für sie sind Propheten getötet worden und gestorben, und ohne sie können die Menschen nicht leben, ja, nicht einmal sterben! Und diese ganze Empfindung durchlebte ich gleichsam in meinem Traum; die Klippen und das Meer und die schrägen Strahlen der Abendsonne – alles das glaubte ich noch zu sehen, als ich erwachte und die Augen aufschlug, die mir buchstäblich von Tränen feucht waren. Ich weiß noch, wie froh mir zumut war. Die Empfindung eines mir bis dahin noch ganz unbekannten Glücks erfüllte mein Herz bis zum Schmerz: das war die Liebe zur ganzen Menschheit ... Es war schon Abend geworden; durch das Fenster meines kleinen Zimmers, durch die Blumen, die auf dem Fensterbrett standen, fielen die letzten grellen Abendsonnenstrahlen und überfluteten mich mit gelbem Licht. Und da, mein Freund, da wurde – die untergehende Sonne des ersten Tages der europäischen Menschheit, die ich in meinem Traum gesehen hatte, für mich, als ich erwachte, sogleich zur untergehenden Sonne des letzten Tages der europäischen Menschheit! Damals war es einem, als zöge durch die Luft Europas Sterbeglockenklang. Ich rede nicht nur vom Kriege und dem Brand der Tuilerien; ich wußte auch ohnedem, daß alles vergehen wird, das ganze Antlitz der europäischen Alten Welt – früher oder später: aber als russischer Europäer konnte ich das nicht zulassen. Ja, die Kommunarden hatten damals gerade die Tuilerien in Brand gesteckt ... Oh, du brauchst dich nicht aufzuregen, ich weiß, daß es ‚logisch‘ war, und begreife nur zu gut die Unabwendbarkeit einer Idee, die im Fluß ist; doch als Träger des höheren russischen Kulturgedankens konnte ich das nicht anerkennen, denn der höhere russische Gedanke ist – die Versöhnung aller Ideen. Und wer hätte damals einen solchen Gedanken verstehen können, wer in der ganzen Welt? Ich war allein. Ich spreche nicht von mir persönlich – ich spreche vom russischen Gedanken. Dort war Kampf und Logik; dort war der Franzose nur Franzose und nichts weiter, und der Deutsche nur Deutscher und nichts weiter, und das waren sie mit noch größerer Ausschließlichkeit und Anspannung, als sie es je zuvor im Lauf ihrer geschichtlichen Entwicklung gewesen sind; folglich hat der Franzose seinem Frankreich und der Deutsche Deutschland niemals so großen Abbruch getan, wie eben in jener Zeit! Damals gab es in ganz Deutschland nicht einen einzigen Europäer! Nur ich allein konnte allen diesen Pariser Petroleumgießern ins Gesicht sagen, daß ihre Zerstörung der Tuilerien – ein Fehler war; und nur ich allein konnte, umgeben von allen diesen nach Rache schreienden Konservativen, diesen Konservativen ins Gesicht sagen, daß die Einäscherung der Tuilerien zwar ein Verbrechen, aber dennoch vollkommen logisch war. Und das alles, mein Junge, weil ich allein, als Russe, damals in ganz Europa der einzige Europäer war. Ich spreche wiederum nicht von mir, sondern von dem russischen Gedanken im allgemeinen. Ich wanderte umher, mein Freund, ich wanderte und wußte genau, daß ich schweigen und weiter wandern mußte. Aber es war mir doch traurig zumute. Ich, mein Junge, ich kann nicht – meinen Adel nicht achten. Du lachst darüber, scheint es?“

„Nein, ich lache nicht,“ sagte ich ergriffen, „ich lache durchaus nicht. Ihre Vision des goldenen Zeitalters hat mein Herz erschüttert, und seien Sie überzeugt, ich fange schon an, Sie zu verstehen. Doch am meisten freue ich mich darüber, daß Sie sich selbst so achten. Ich beeile mich, Ihnen das zu sagen. Das hatte ich von Ihnen gar nicht erwartet!“

„Ich habe dir schon gesagt, mein Freund, daß ich deine Ausrufe sehr liebe,“ sagte er mit einem Lächeln über meinen naiven Ausruf, erhob sich von seinem Platz und begann, wohl ohne sich dessen bewußt zu sein, im Zimmer auf und ab zu schreiten. Ich erhob mich gleichfalls. Er fuhr in seinen seltsamen Bekenntnissen fort, und er sprach tief durchdrungen von seinem Gedanken:

III.

„Ja, mein Junge, ich sage es dir nochmals, ich kann nicht anders als meinen Adel achten. Bei uns in Rußland hat sich im Laufe von Jahrhunderten ein gewisser höherer Kulturtyp herausgebildet, den man bisher überhaupt nicht gekannt hat, und den es sonst in der ganzen Welt nicht gibt: der Typ des universalen Leidens um alle. Es ist das ein ausschließlich russischer Typ, und da er sich in der höheren Kulturschicht des russischen Volkes entwickelt hat, so habe ich ganz von selbst die Ehre, ihm anzugehören. In seiner Hut ist die Zukunft Rußlands. Unser sind vielleicht im ganzen nur tausend Menschen – vielleicht mehr, vielleicht weniger – aber ganz Rußland hat vorläufig nur zu dem Zweck gelebt, um dieses Tausend hervorzubringen. Man wird sagen, das sei wenig; man wird mit Entrüstung einwenden, daß also alle unsere Jahrhunderte und soviel Millionen Menschen für dies geringe Ergebnis, für ein einziges Tausend Menschen hingegeben und verschwendet sein sollen! Doch – meiner Überzeugung nach ist das gar nicht so wenig.“

Ich hörte ihm mit größter Spannung zu. Aus ihm sprach seine Überzeugung, und ich sah auf einmal die Richtung seines ganzen Lebens. Was er von den „tausend Menschen“ sagte, zeichnete ihn selbst so plastisch! Ich fühlte auch, daß eine von außen gekommene Erschütterung den Anstoß zu seiner Mitteilsamkeit mir gegenüber gegeben hatte. Während er mir alle diese glühenden Reden hielt – liebte er mich; doch der Grund, weshalb er plötzlich zu mir zu sprechen anfing, und warum es ihn so verlangte, gerade mit mir zu sprechen, blieb mir noch immer unerklärlich.

„Ich wanderte aus,“ fuhr er fort, „und was ich auch hinter mir ließ, es tat mir um nichts leid. Was nur in meinen Kräften gelegen hat, habe ich in den Dienst Rußlands gestellt, damals, als ich hier wirken konnte; und als ich Rußland verließ, fuhr ich fort, ihm zu dienen, nur mit dem Unterschied, daß ich meine Idee erweiterte. Aber indem ich Rußland auf diese Weise diente, leistete ich ihm einen viel größeren Dienst, als wenn ich nur Russe und nichts weiter gewesen wäre, so wie damals der Franzose nur Franzose und der Deutsche nur Deutscher war. In Europa kann man das vorläufig noch nicht verstehen. Europa hat die vornehmen Typen des Franzosen, des Engländers, des Deutschen geschaffen, aber von seinem zukünftigen Menschen weiß es fast noch nichts. Und ich glaube, es will auch noch nichts von ihm wissen. Das ist auch ganz verständlich: sie sind nicht frei, wir aber sind frei. Nur ich allein in Europa, nur ich mit meiner russischen Schwermut, war damals frei ...“

„Merke dir etwas Eigentümliches, mein Freund: jeder Franzose kann nicht nur seinem Frankreich, sondern auch der ganzen Menschheit einzig unter der Bedingung dienen, daß er so viel wie nur irgend möglich Franzose bleibt; und ebenso ist es mit dem Engländer und dem Deutschen. Nur der Russe allein hat sogar schon in unserer Zeit, also schon viel früher als die endgültige Summe gezogen wird, bereits diese Gabe erhalten, eben dann am meisten Russe zu sein, wenn er am meisten Europäer ist. Und das ist der wesentlichste nationale Unterschied zwischen uns und allen anderen: in der Beziehung sind wir etwas ganz Einzigartiges! Mit einem Franzosen bin ich Franzose, mit einem Deutschen ein Deutscher, mit einem alten Griechen ein Grieche, und eben dadurch diene ich gleichzeitig Rußland am allermeisten, denn ich vertrete somit Rußlands Hauptgedanken. Ich bin ein Pionier dieses Gedankens! Damals wanderte ich aus, aber verließ ich denn deshalb Rußland? Nein, ich diente ihm weiter. Und mag ich in Europa auch nichts getan haben, mag ich auch nur ausgewandert sein, um dort umherzuwandern (und ich wußte ja schon im voraus, daß ich nichts anderes tun würde), aber auch das war schon genug, daß ich mit dem russischen Gedanken und mit meinem Bewußtsein hinfuhr. Ich brachte meine russische Schwermut dorthin. Oh, es war nicht das Blut, das damals vergossen wurde, was mich erschreckte, und nicht einmal die Zerstörung der Tuilerien, sondern alles, was darauf folgen muß. Jenen Völkern ist bestimmt, noch lange gegen einander zu kämpfen, denn sie sind noch gar zu ausschließlich Deutsche und gar zu ausschließlich Franzosen, und sie haben ihre Aufgaben in diesen Rollen noch nicht erfüllt. Und so lange tut es mir eben leid um die Zerstörung. Für den Russen ist Europa genau so teuer wie Rußland: jeder Stein Europas ist mir lieb und wert. Europa ist genau so unser Vaterland gewesen wie Rußland. Oh, noch mehr! Niemand kann Rußland glühender lieben, als ich es liebe, und doch habe ich mir nie einen Vorwurf deshalb gemacht, daß Venedig, Rom, Paris, die Schätze ihrer Kunst und Wissenschaft, daß ihre ganze Geschichte mir lieber ist als die Rußlands. Oh, diese alten fremden Steine, diese Wunder der alten Gotteswelt, diese Bruchstücke heiliger Wunder sind uns teuer, uns Russen; und sie sind uns sogar teurer als den Völkern selbst, denen sie jetzt gehören! Sie haben dort jetzt andere Gedanken und andere Gefühle, die alten Steine haben für sie den Wert verloren ... Der Konservative kämpft dort nur noch um seine Existenz, und auch der Petroleur zerstört die Tuilerien nur, weil es ihm um das Recht auf seinen Anteil zu tun ist. Nur Rußland lebt nicht für sich, sondern für eine Idee, und du wirst mir zugeben, mein Freund, daß es doch eine bedeutsame Tatsache ist, daß Rußland fast schon ein ganzes Jahrhundert entschieden nicht für sich, sondern nur für Europa lebt! Und die anderen? Oh, ihnen sind noch schreckliche Qualen bestimmt, bevor sie das Reich Gottes erlangen werden.“

Ich muß gestehen, ich hörte ihm in nicht geringer Verwirrung zu; selbst der Ton seiner Rede erschreckte mich, doch seine Gedanken machten nichtsdestoweniger den größten Eindruck auf mich. Ich fürchtete fast krankhaft, Unwahres von ihm zu hören. Plötzlich bemerkte ich mit strenger Stimme:

„Sie sagten soeben ‚das Reich Gottes‘. Ich habe gehört, Sie hätten dort im Auslande Gott verkündet und nach Büßerart Ketten getragen?“

„Meine Ketten lassen wir beiseite,“ sagte er lächelnd, „das ist etwas ganz anderes. ‚Verkündet‘ habe ich damals noch nichts, aber um ihren Gott hat es mich geschmerzt – das ist wahr. Sie verkündeten damals den Atheismus ... wenn es auch nur ein Häuflein von ihnen tat, aber die Zahl ist ja unwichtig; es waren nur die ersten Vorläufer, aber die Tat war doch der erste ausgeführte Schritt – das ist das Wichtige! Hier war es wieder ihre Logik; aber in der Logik liegt doch immer Schwermut. Ich war von anderer Kultur, und mein Herz ließ das nicht zu. Diese Undankbarkeit, mit der sie sich von der Idee trennten, dieses Auspfeifen und mit Schmutz bewerfen waren mir unerträglich. Die Schusterhaftigkeit des Vorgangs widerte mich an. Übrigens haftet der Wirklichkeit immer etwas von Schusterhaftigkeit an, selbst wenn sie aus einem noch so reinen Streben zum Ideal hervorgeht. Ich hätte das natürlich wissen müssen, aber ich war nun einmal ein anderer Typus Mensch: ich war frei in der Wahl, sie waren es nicht, und ich weinte, weinte an ihrer Statt, weinte um die alte Idee, und – vielleicht weinte ich sogar wirkliche Tränen, ohne Beschönigung sei’s gesagt.“

„Haben Sie so stark an Gott geglaubt?“ fragte ich mißtrauisch.

„Mein Freund, diese Frage war – vielleicht überflüssig. Nehmen wir an, ich hätte nicht so ganz geglaubt, aber auch dann hätte ich doch nicht umhin gekonnt, um die Idee zu trauern. So konnte ich auch nicht umhin, mir bisweilen vorzustellen, wie der Mensch ohne Gott leben würde, und unter welchen Umständen das wohl jemals möglich wäre. Mein Herz hat mir immer gesagt, daß es unmöglich ist; aber eine gewisse Zeitlang wird es vielleicht doch möglich sein ... Für mich gibt es sogar überhaupt keinen Zweifel daran, daß diese Zeit einmal kommen wird; aber da habe ich mir immer ein anderes Bild vorgestellt ...“

„Was für eines?“

Er hatte freilich zu Anfang schon selbst gesagt, daß er glücklich sei, und gewiß lag in seinen Worten viel Begeisterung: danach beurteile ich denn auch das meiste von dem, was ihm damals über die Lippen kam. Selbstverständlich kann ich mich nicht entschließen, alles hier schwarz auf weiß wiederzugeben, was wir damals sprachen, da ich diesen Menschen achte; aber ein paar Striche dieses wunderlichen Bildes, dessen Skizzierung ich ihm schließlich noch entlockte, möchte ich hier doch wiederzugeben versuchen. Vor allem hatten mich diese angeblich von ihm getragenen Ketten immer schon und die ganze Zeit vorher gequält, und da ich darüber endlich Klarheit haben wollte, ließ ich nicht davon ab: einige phantastische und sehr seltsame Ideen, die er damals aussprach, haben sich für ewig in mein Herz geprägt.

„Ich versuche mir vorzustellen, mein Lieber,“ begann er nachdenklich und mit einem eigenen Lächeln, „wie es sein wird, wenn der Kampf schon beendet und der Streit beigelegt ist. Nach den Flüchen und Verwünschungen, nach dem Auspfeifen und mit Schmutz bewerfen ist endlich eine Stille eingetreten, und die Menschen sind allein geblieben, wie sie es gewünscht hatten: die große frühere Idee hat sie verlassen; die große Quelle der Kraft, die sie bislang genährt und gewärmt hatte, ist versiegt, ist untergegangen, ganz wie die mächtige rufende Sonne auf dem Bilde von Claude Lorrain, nur daß hier damit gleichsam der letzte Tag der Menschheit anbrach. Und die Menschen begriffen auf einmal, daß sie ganz allein geblieben waren, und da empfanden sie plötzlich eine große Verwaistheit. Mein lieber Junge, ich habe mir die Menschen niemals undankbar und verdummt vorzustellen vermocht. Ich bin überzeugt, diese verwaisten Menschen würden sich sogleich enger und liebevoller zueinander drängen; sie würden sich an den Händen fassen und begreifen, daß sie jetzt ganz allein alles füreinander sind! Die große Idee der Unsterblichkeit wäre verschwunden, und man müßte sie durch eine andere ersetzen; und der ganze riesige Überschuß der früheren Liebe zu dem, der ja die Unsterblichkeit war, würde sich in allen Menschen der Natur, der Welt, jedem Atom des Seienden zuwenden. Und sie würden die Erde und das Leben unsagbar liebgewinnen – um so mehr, je mehr sie ihre eigene Vergänglichkeit und Endlichkeit erkennen würden, und lieben würden sie bereits mit einer ganz besonderen, einer ganz neuen Liebe, nicht mehr mit der früheren alten Liebe. In der Natur würden sie Erscheinungen und Geheimnisse entdecken, von denen sie sich früher nicht einmal haben träumen lassen, denn sie würden die Natur mit neuen Augen sehen, wie ein Liebender die Geliebte sieht. Sie würden nach diesem Erwachen sich beeilen, einander zu küssen, sie würden sich beeilen, zu lieben, in dem Bewußtsein, daß ihre Tage kurz sind, daß ihr Leben auf Erden alles ist, was ihnen verbleibt. Sie würden füreinander arbeiten, und ein jeder würde alles, was er hat, mit allen teilen, und schon das allein würde ihn glücklich machen. Jedes Kind würde wissen und fühlen, daß jeder Mensch auf Erden ihm Vater und Mutter ist. ‚Und sollte auch morgen mein letzter Tag sein,‘ würde ein jeder denken, wenn er die sinkende Sonne sieht, ‚was hat das zu sagen; ich sterbe, aber alle die anderen bleiben, und nach ihnen ihre Kinder‘. Und dieser Gedanke, daß die anderen bleiben und sich gegenseitig immer so lieben werden, und ein jeder sich um jeden sorgen wird, dieser Gedanke würde die frühere Hoffnung auf ein Wiedersehen nach dem Tode ersetzen. Oh, sie würden sich beeilen und nicht ablassen, zu lieben, um die große Trauer in ihren Herzen zu löschen. Für sich selbst wären sie stolz und kühn, doch wenn es sich um andere handelt, zaghaft und ängstlich; ein jeder würde um das Leben und das Glück jedes anderen bangen. Sie würden zärtlich zueinander sein und würden sich dessen nicht schämen, wie jetzt, und würden einander liebkosen wie Kinder. Sie würden einander mit tiefem und denkendem Blick ansehen, und in ihrem Blick würde Liebe und Trauer liegen ...

„Mein Lieber,“ unterbrach er sich plötzlich mit einem Lächeln, „das sind ja alles nur Vorstellungen der Einbildung, und noch dazu die unwahrscheinlichsten; aber ich habe sie mir schon gar zu oft vorgestellt, weil ich ohne sie nicht sein konnte, und so habe ich mein Leben lang daran gedacht. Ich spreche nicht von meinem Glauben: mein Glaube ist groß, ich bin Deist, philosophischer Deist, wie es alle von unserem Tausend, glaube ich, sind; aber ... aber merkwürdigerweise habe ich diese Vorstellung immer mit einer Vision abgeschlossen, ähnlich der Heineschen von Christus auf dem Meere. Ich konnte nicht umhin, ihn mir schließlich unter den verwaisten Menschen vorzustellen, wie er zu ihnen kommt, ihnen die Hände entgegenstreckt und sagt: ‚Wie konntet ihr mich vergessen?‘ Und da fällt es gleichsam wie Schuppen von den Augen aller, und es ertönt die große begeisterte Hymne der neuen und letzten Auferstehung ...

„Lassen wir das, mein Freund; und auch meine ‚Ketten‘ – es war nichts damit; du brauchst dich ihretwegen nicht zu beunruhigen. Und noch eins: du weißt, daß ich im Sprechen schamhaft und nüchtern bin, und wenn ich jetzt etwas mehr aus mir herausgegangen bin, so geschah das ... aus verschiedenen Gefühlen und weil du es warst; zu einem anderen würde ich niemals davon gesprochen haben. Das sage ich dir zu deiner Beruhigung.“

Ich war nahezu erschüttert: von der Unaufrichtigkeit, die zu hören ich gefürchtet hatte, war keine Spur zu entdecken gewesen, und mit besonderer Freude erfüllte mich die endlich einmal sichere Erkenntnis, daß er wirklich gelitten und sich gequält und zweifellos viel geliebt hatte, – das aber war für mich das Teuerste. Ganz entzückt teilte ich ihm denn auch sofort meinen Eindruck mit.

„Aber wissen Sie,“ fügte ich plötzlich hinzu, „mir scheint doch, Sie müssen damals trotz Ihres ganzen Schmerzes unendlich glücklich gewesen sein?“

Er lachte heiter auf.

„Du bist heute besonders scharfsinnig in deinen Bemerkungen,“ sagte er. „Nun ja, ich war glücklich, und wie hätte ich auch mit einem solchen Schmerz unglücklich sein können? Es gibt nichts Freieres und Glücklicheres als einen russisch-europäischen Herumstreicher, einen von unserem Tausend. Das sage ich aber keineswegs im Scherz, darin liegt vielmehr sehr viel Ernstes. Ja, meinen Schmerz hätte ich doch gegen kein anderes Glück eingetauscht. In diesem Sinne bin ich immer glücklich gewesen, mein Lieber, in meinem ganzen Leben. Und vor Glück begann ich damals, deine Mutter zu lieben, zum erstenmal in meinem Leben.“

„Wie das: zum erstenmal in Ihrem Leben?“

„Ja, wie ich sagte. Wie ich so mit meinem Schmerz und meiner unbestimmten Sehnsucht umherstreifte, begann ich sie auf einmal zu lieben, wie ich sie noch nie geliebt hatte, und da ließ ich sie sofort kommen.“

„Oh, erzählen Sie mir auch davon, erzählen Sie mir von Mama!“

„Zu dem Zweck habe ich dich ja zu mir gebracht, und weißt du,“ sagte er lächelnd, „ich fürchtete schon, daß du mir alles, was ich deiner Mutter zugefügt habe, um einer Beziehung zu Alexander Herzen oder um irgendeiner erbärmlichen Verschwörung willen verziehen hättest ...“

Achtes Kapitel.

I.

Da wir damals den ganzen Abend sprachen und bis tief in die Nacht hinein zusammensaßen, so will ich nicht unsere ganze Unterhaltung wiedergeben, sondern nur noch das, was mich damals endlich über einen rätselhaften Punkt in seinem Leben aufklärte.

Ich möchte mit der Versicherung beginnen, daß ich an seiner Liebe zu Mama nicht zweifle; wenn er sie damals verlassen und vor der Abreise seine Verbindung mit ihr gelöst hatte, so hatte er das wohl nur getan, weil er sich zu langweilen begann, oder aus irgendeinem ähnlichen Grunde, was einem jeden von uns in der Welt widerfahren kann, und was im einzelnen immer schwer zu erklären ist. Im Auslande hatte er dann plötzlich, allerdings erst nach längerer Zeit, Mama in ihrer Abwesenheit wieder zu lieben angefangen, das heißt, in der Erinnerung, und da hatte er sie sogleich zu sich gerufen. Man wird vielleicht sagen: „Eine Laune!“ Ich aber sage etwas anderes: meiner Überzeugung nach lag hierin alles, was es im Menschenleben nur Ernstes gibt, ungeachtet der ganzen Müßiggängerei und daraus folgenden Langweile, deren teilweise Mitwirkung ich meinetwegen zugeben will. Aber ich schwöre, daß ich seinen europäischen Schmerz ohne zu zögern nicht nur so hoch wie eine beliebige neuzeitlich praktische Betätigung etwa im Eisenbahnbau anschlage, sondern noch unvergleichlich höher. Seine Liebe zur Menschheit erkenne ich als das aufrichtigste und tiefste Gefühl ohne jede Vorgaukelei an, und seine Liebe zu Mama als etwas vollkommen Unanfechtbares, wenn auch vielleicht ein wenig Phantastisches. Im Auslande, in seinem „Schmerz und Glück“, und ich füge hinzu: in seiner strengsten mönchischen Einsamkeit (diesen besonderen Aufschluß erhielt ich erst später durch Tatjana Pawlowna) erinnerte er sich auf einmal an Mama – erinnerte sich gerade ihrer „eingefallenen Wangen“, und da ließ er sie gleich kommen.

„Mein Freund,“ entfuhr es ihm unvorsichtigerweise, „ich erkannte plötzlich, daß meine Idee, wenn ich ihr in dieser Weise diente, mich als sittlich bewußtes Wesen durchaus nicht von der Pflicht befreite, in meinem Leben wenigstens einen Menschen praktisch glücklich zu machen.“

„War wirklich ein solcher Buchgedanke der ganze Anlaß?“ fragte ich verwundert.

„Das ist kein Buchgedanke. Oder übrigens – meinetwegen. Trotzdem traf da alles zusammen: ich liebte deine Mutter doch wirklich und aufrichtig, nicht mit abstrakter Liebe. Hätte ich sie nicht so geliebt, dann hätte ich sie doch nicht kommen lassen, sondern hätte den ersten besten, irgendeinen Deutschen oder eine Deutsche ‚glücklich gemacht‘, da ich mich nun einmal von dieser Pflicht überzeugt hatte. Aber die Pflicht, unbedingt wenigstens einen Menschen in seinem Leben glücklich zu machen, und zwar praktisch, das heißt, in Wirklichkeit, würde ich für jeden entwickelten Menschen einfach zum Gebot erheben; ganz wie ich im Hinblick auf die Entwaldung Rußlands jeden Bauern gesetzlich zwingen würde, in seinem Leben wenigstens einen Baum zu pflanzen. Übrigens, ein Baum wäre zu wenig, man könnte eigentlich verlangen, daß er in jedem Jahr einen Baum pflanze. Ein höher entwickelter Mensch, der eine höhere Idee verfolgt, läßt sich bisweilen von der Wirklichkeit vollkommen ablenken, wird lächerlich, eigensinnig und kalt, ja, ich kann sogar sagen – dumm, und das nicht nur im praktischen Leben, sondern zu guter Letzt sogar auch in seinen Theorien. So würde die Pflicht, sich praktisch im Leben zu betätigen und wenigstens einen Menschen praktisch zu beglücken, alles gutmachen und den Wohltäter selbst erfrischen und beleben. Als Theorie hört sich das sehr lächerlich an; doch wenn sich das praktisch durchsetzen und zum allgemeinen Brauch werden würde, so wäre das ganz und gar nicht lächerlich. Ich habe das an mir selbst erfahren: kaum hatte ich diese Idee von dem neuen Gebot zu entwickeln begonnen – und anfangs tat ich das natürlich nur halb im Scherz – als ich plötzlich auch die ganze Größe der in mir verborgenen Liebe zu deiner Mutter zu erkennen anfing. Bis dahin hatte ich überhaupt nicht begriffen, daß ich sie liebte. Solange ich mit ihr gelebt hatte, war sie für mich nur zu meinem Vergnügen dagewesen, solange sie noch hübsch war, und nachher hatte ich sie mit meinen Launen gequält. Erst in Deutschland begriff ich, daß ich sie liebte. Es begann mit der Erinnerung an ihre eingefallenen Wangen, an die ich niemals ohne Schmerz habe denken, und die ich manchmal nicht einmal ohne Schmerz habe sehen können – einen buchstäblichen, wirklichen Schmerz. Es gibt schmerzhafte Erinnerungen, mein Lieber, die uns wirklichen, körperlichen Schmerz verursachen; fast jeder Mensch hat solche Erinnerungen, nur vergessen die Menschen sie gewöhnlich. Aber dann geschieht es bisweilen, daß sie ihnen plötzlich wieder einfallen, wenn es auch nur irgendein kleiner Zug ist, der ihnen einfällt, und dann können sie die Erinnerung nicht mehr abschütteln. So begann ich damals, tausend verschiedene Einzelheiten aus meinem Leben mit Ssonjä mir ins Gedächtnis zurückzurufen; bald kamen sie von selbst, und schließlich stürmten sie in Massen auf mich ein und hätten mich fast totgequält, während ich auf Ssonjä wartete. Ganz besonders quälte mich die Erinnerung an ihre ewige Unterwürfigkeit mir gegenüber, und daran, wie sie sich beständig für tief unter mir stehend gehalten hatte, in jeder Beziehung, stell dir vor, sogar körperlich. Sie schämte sich und wurde glühend rot, wenn ich auf ihre Hände oder Finger sah, die ja gar nicht aristokratisch sind. Und nicht nur ihrer Finger schämte sie sich, – sie schämte sich ihres ganzen Äußeren, ungeachtet dessen, daß ich doch ihre Schönheit liebte. Sie war mir gegenüber schon immer von einer Schamhaftigkeit gewesen, die ich geradezu unverständlich fand, doch das Schlimme war, daß aus dieser Schamhaftigkeit immer eine Art Angst hervorsah. Sie hielt sich, wenigstens vor mir, für etwas ganz Wertloses oder fast Unanständiges. Glaube mir, ich habe in der ersten Zeit manchmal gedacht, sie halte mich immer noch für ihren Gutsherrn und fürchte mich, aber das war es nicht, der Grund war ein ganz anderer. Und dabei war sie, ich schwöre dir, mehr als jeder andere fähig, meine Mängel zu erkennen; überhaupt bin ich in meinem Leben keiner Frau begegnet, die ein so feinfühliges und verstehendes Herz gehabt hätte wie sie. Oh, wie war sie unglücklich, wenn ich in der ersten Zeit, als sie noch so hübsch aussah, von ihr verlangte, sie solle sich schmücken. Da war es nicht nur ihre Eigenliebe, sondern noch irgendein anderes Gefühl, das sich dadurch gekränkt fühlte: sie begriff, daß sie niemals eine Dame sein konnte und in einem ihr fremden Kleide immer nur lächerlich aussehen werde. Sie aber, als Frau, wollte nicht lächerlich sein in ihren Kleidern, denn sie fühlte wohl, daß jede Frau ihre Kleidung hat, was Tausende und Hunderttausende von Frauen nie begreifen, die sich immer nur nach der Mode kleiden wollen. Sie fürchtete sich vor meinem spöttischen Blick – das war’s! Aber besonders schmerzlich war mir die Erinnerung an ihren tief verwunderten Blick, den ich in der Zeit unseres Zusammenlebens so oft auf mir hatte ruhen fühlen: in diesem Blick hatte immer ein vollkommenes Sichbewußtsein ihres Geschicks und der sie erwartenden Zukunft gelegen, so daß es mir selber unter diesem Blick schwer ums Herz geworden war, obgleich ich mich damals in Gespräche mit ihr nicht eingelassen und alles dies, ich muß gestehen, gewissermaßen von oben herab behandelt hatte. Sie war doch nicht immer so scheu und ängstlich wie jetzt; und auch jetzt kommt es ja noch bisweilen vor, daß sie plötzlich fröhlich wird, und die Fröhlichkeit sie so verjüngt, daß sie wie eine Zwanzigjährige aussieht; in ihrer Jugend aber liebte sie es sehr, zu scherzen und zu lachen, natürlich nur unter ihresgleichen – so mit den Mädchen und dem ganzen Frauenvolk, das sich in unseren Gutshäusern einzunisten pflegt ... und wie sie zusammenfuhr, wenn ich sie beim Lachen überraschte, wie sie dann rot wurde, wie scheu sie mich ansah! Einmal, das war vor meiner Abreise ins Ausland, das heißt, kurz bevor ich die Ehe mit ihr löste, kam ich in ihr Zimmer und traf sie ganz allein an: sie saß ohne Arbeit an ihrem Tischchen, die Arme aufgestützt und tief in Gedanken. Es kam fast nie vor, daß sie so ohne Arbeit saß. Damals war ich schon lange nicht mehr zärtlich zu ihr gewesen. Es gelang mir, mich ganz leise ihr zu nähern, und auf einmal umfaßte und küßte ich sie ... Sie sprang auf – oh, nie werde ich diese Seligkeit vergessen, dieses Glück in ihrem Gesicht, doch plötzlich wich das alles einem heißen Erröten, und ihre Augen sprühten. Weißt du, was ich in diesem sprühenden Blick las? ‚Du hast mir ein Almosen gegeben – als ob ich’s nicht wüßte!‘ Sie brach in hysterisches Weinen aus, ich hätte sie erschreckt, sagte sie; aber ich wurde sogar damals nachdenklich. Und überhaupt – alle diese Erinnerungen sind etwas sehr Schweres, mein Freund. Das ist ähnlich wie mit gewissen schmerzhaften Szenen in den Dichtungen der großen Künstler, an die man sein Leben lang mit einem Schmerzempfinden denkt, – zum Beispiel der letzte Monolog Othellos bei Shakespeare, oder wie Puschkins Eugen Onégin vor Tatjana kniet, oder in den Misérables von Victor Hugo die Begegnung des entsprungenen Sträflings mit dem kleinen Mädchen in der kalten Nacht am Brunnen; das durchbohrt einem einmal das Herz, und die Wunde vernarbt nie wieder. Oh, wie sehnsüchtig wartete ich damals auf Ssonjä, ich konnte es nicht erwarten, sie in meine Arme zu schließen! In fiebernder Ungeduld träumte ich von einem ganz neuen Leben; ich träumte davon, wie ich mit liebevoller Geduld diese beständige Angst vor mir in ihrer Seele zerstören, ihr ihren eigenen Wert klarmachen und ihr auseinandersetzen würde, worin sie sogar über mir stand! Oh, ich wußte auch damals schon und nur zu gut, daß ich deine Mutter immer dann zu lieben anfing, wenn wir getrennt waren, und daß ich immer kühl zu ihr wurde, wenn ich mit ihr wieder zusammenkam; aber damals war es nicht das, damals war es etwas ganz anderes.“

Ich wunderte mich. „Und sie?“ fuhr es mir durch den Kopf.

Ich fragte vorsichtig: „Und wie trafen Sie denn damals mit Mama zusammen?“

„Damals? Ja, zu diesem Zusammentreffen kam es damals gar nicht. Sie kam nur bis Königsberg und blieb dort, ich aber war am Rhein. Ich fuhr ihr nicht entgegen, sondern schrieb ihr, sie solle dort bleiben und warten. Wir sahen uns erst viel später, oh, erst nach langer Zeit, als ich zu ihr reiste, um von ihr die Einwilligung zu jener Heirat zu erbitten ...“

II.

Von unserem weiteren Gespräch will ich nur das wiedergeben, was ich von ihm damals an Tatsachen erfuhr, und wie ich mir den Sachverhalt später selbst klargemacht habe. Er erzählte mir das alles ziemlich sprunghaft. Überhaupt wurde seine Art, zu erzählen, unvergleichlich wirrer, unklarer, als er auf diesen Punkt zu sprechen kam.

Er war damals plötzlich Katerina Nikolajewna begegnet, ganz unerwartet, gerade in der Zeit, als er Mama erwartete und im Augenblick seiner größten Sehnsucht nach ihr. Sie hielten sich damals alle in einem Kurort am Rhein auf und tranken da irgendeinen Brunnen. Katerina Nikolajewnas Mann war schon von den Ärzten aufgegeben worden, oder wenigstens hatten sie erkannt, daß sie ihm nicht mehr helfen konnten. Schon bei der ersten Begegnung hatte sie einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, hatte ihn durch irgend etwas förmlich bezaubert. Das war ein Fatum! Sonderbar: jetzt, wo ich unser Gespräch niederschreibe und mir alles wieder vergegenwärtige, kann ich mich nicht erinnern, daß er damals auch nur einmal das Wort „Liebe“ gebraucht hätte oder den Ausdruck, er sei „verliebt“ gewesen. Doch des Wortes „Fatum“ erinnere ich mich noch sehr gut.

Ja, das war allerdings Fatum. Er hatte es nicht gewollt, er „hatte nicht lieben wollen“. Ich weiß nicht, ob ich das verständlich werde wiedergeben können; jedenfalls empörte sich alles in ihm allein schon gegen die Tatsache, daß so etwas mit ihm hatte geschehen können. Alles, was an Freiheit in ihm gewesen war, war durch diese Begegnung wie mit einem Schlage vernichtet, und der Mensch fühlte sich an eine Frau gefesselt, die ihn nichts anging. In diese Sklaverei der Leidenschaft war er gegen seinen Willen geraten. Ich sage jetzt ohne weiteres: Katerina Nikolajewna ist ein sehr seltener Typus einer Weltdame – ein Typus, den es in diesen Kreisen vielleicht so gut wie überhaupt nicht gibt. Es ist das der Typus einer im höchsten Grade einfachen und aufrichtigen Frau. Ich habe gehört, das heißt, ich weiß genau, daß sie eben dadurch in der Gesellschaft unwiderstehlich wirkte, wenn sie in ihr erschien (es war aber schon oft vorgekommen, daß sie sich auf längere Zeit von allem Verkehr zurückzog). Werssiloff hatte damals bei der ersten Begegnung selbstverständlich nicht geglaubt, daß sie so wäre, sondern hatte gerade das Gegenteil vermutet, daß sie eine Heuchlerin und Jesuitin sei. Ich möchte hier gleich ihr Urteil über ihn wiedergeben: sie beteuerte, er habe von ihr auch gar nicht anders denken können, „denn ein Idealist, der auf die Wirklichkeit stößt, ist immer eher als alle anderen geneigt, jede Schändlichkeit vorauszusetzen“. Ich weiß nicht, ob das auf die Idealisten im allgemeinen zutrifft, aber auf ihn traf es durchaus zu. Hier werde ich meinetwegen auch noch meine Ansicht anführen, zu der ich schon damals kam, als ich noch dort saß und ihm zuhörte. Ich dachte bei mir, er werde meine Mutter wohl mehr mit einer allgemein menschlichen Liebe geliebt haben als mit der Liebe, mit der man sonst Frauen liebt; und als er dann einer Frau begegnete, die in ihm eine solche Liebe erweckte, da lehnte er sich gleich gegen diese Liebe auf – wahrscheinlich, weil er daran nicht gewöhnt war. Übrigens ist es möglich, daß diese Auffassung falsch ist, – ihm gegenüber habe ich sie natürlich nicht geäußert; es wäre taktlos gewesen. Und außerdem war er in einer solchen Verfassung, daß er wirklich der Schonung bedurfte: er war sehr erregt, und an manchen Stellen seiner Erzählung verstummte er plötzlich und schwieg mehrere Minuten lang, während er mit bösem Gesicht im Zimmer auf und ab ging.

Sie hatte damals sein Geheimnis bald erraten. Oh, vielleicht hatte sie mit ihm sogar absichtlich kokettiert: in solchen Fällen sind ja selbst die reinsten Frauen gewissenlos, das ist nun mal ihr unbezwingbarer Instinkt. Es endete zwischen ihnen mit einem erbitterten Zerwürfnis: er wollte sie, glaube ich, erschießen; jedenfalls hatte er sie in Angst und Schrecken versetzt, und vielleicht hätte er sie auch umgebracht, „aber alles verwandelte sich in Haß“. Und dann kam für ihn eine sonderbare Zeit: er stellte sich auf einmal die Aufgabe, sich durch strengste Zucht zu quälen, „durch dieselbe Zucht, die die Mönche anwenden. Man bezwingt allmählich und durch methodische Übung seinen Willen, man fängt mit den lächerlichsten und nichtigsten Dingen an und endet damit, daß man seinen Willen vollkommen beherrscht, und eben dadurch vollkommen frei wird,“ sagte er. Er fügte hinzu, bei den Mönchen sei das eine ernste Sache, da tausendjährige Übung die Zucht zur Wissenschaft erhoben habe. Aber das merkwürdigste war, daß er sich diese Idee von der Zucht nicht etwa deshalb in den Kopf gesetzt hatte, um sich von Katerina Nikolajewna losreißen zu können, sondern in der vollkommenen Überzeugung, daß er nicht nur sie zu lieben aufgehört habe, sondern sie bereits aufrichtig hasse. An diesen seinen Haß glaubte er so fest, daß er plötzlich sogar auf den Gedanken kam, sich in ihre Stieftochter zu verlieben und die arme, vom Fürsten Ssergei Petrowitsch Betrogene zu heiraten. An seiner neuen Liebe zweifelte er überhaupt nicht mehr, und die arme Idiotin verliebte sich so grenzenlos in ihn, daß er ihr durch diese Liebe in den letzten Monaten ihres Lebens das größte Glück bescherte. Warum er aber damals statt auf den Gedanken an sie, nicht auf den Gedanken an Mama gekommen war, die ihn immer noch in Königsberg erwartete – ist für mich unverständlich geblieben. Ja, gerade Mama hatte er auf einmal vollständig vergessen, hatte ihr nicht einmal Geld zum Leben geschickt, und erst Tatjana Pawlowna hatte die Arme aus Königsberg abgeholt und dadurch gerettet; aber plötzlich war er dann doch zu Mama gefahren, um von ihr die Erlaubnis zu erbitten, jenes junge Mädchen zu heiraten, unter dem Vorwande, „daß eine solche Braut doch keine Frau sei“. Oh, vielleicht ist dies alles nur das Bild eines „abstrakten Menschen“, wie Katerina Nikolajewna ihn später einmal genannt hat; aber wie kommt es denn, daß diese abstrakten Menschen (wenn es wahr ist, daß sie abstrakt sind) zugleich fähig sind, auf eine so konkrete Weise, so wirklich und unabstrakt sich zu quälen und tragisch zu werden? Übrigens, damals, an jenem Abend, dachte ich ein wenig anders, und mich erschütterte ein Gedanke:

„Sie haben Ihre Entwicklung, Ihre ganze wissende Seele durch lebenslängliches Leid und ewigen Kampf erworben – sie aber hat ihre ganze Vollkommenheit umsonst bekommen. Das ist eine Ungleichheit ... In der Beziehung sind die Frauen wirklich empörend!“ Ich sagte das durchaus nicht, um mich ihm angenehm zu machen, sondern heftig und sogar mit Unwillen.

„Vollkommenheit? Ihre Vollkommenheit? Aber von einer solchen kann doch bei ihr überhaupt nicht die Rede sein!“ sagte er plötzlich, fast verwundert über meine Worte. „Das ist doch eine ganz gewöhnliche Frau, sogar eine ganz wertlose Frau ... Aber sie ist eben verpflichtet, alle Vollkommenheiten zu haben!“

„Warum verpflichtet?“

„Weil sie, wenn sie eine solche Macht besitzt, einfach verpflichtet ist, auch alle Vollkommenheiten zu besitzen!“ rief er zornig.

„Das Bedauerlichste ist, daß Sie auch jetzt noch so gequält sind!“ entschlüpfte es mir plötzlich ganz ungewollt.

„Jetzt? Gequält?“ wiederholte er zum zweitenmal meine Worte, während er wie verständnislos vor mir stehen blieb.

Und da erschien auf einmal ein stilles, langsames Lächeln in seinem tief nachdenklichen Gesicht, und er legte die Hand auf die Stirn, als versuche er etwas zusammenzureimen. Und dann, nachdem er wieder wie zu sich gekommen war, nahm er vom Schreibtisch einen geöffneten Brief und warf ihn mir hin:

„Da, lies! Du mußt unbedingt alles erfahren ... warum hast du mich so lange in diesem alten Gewäsch herumwühlen lassen? ... Ich habe damit nur mein Herz besudelt und mich erbittert! ...“

Ich vermag mein Erstaunen gar nicht zu beschreiben: es war ein Brief von ihr. Sie hatte ihn an demselben Tage geschrieben, und er hatte ihn gegen fünf Uhr nachmittags erhalten. Während ich las, zitterte ich vor Aufregung. Der Brief war nicht lang, aber mit einer solchen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit geschrieben, daß ich sie leibhaftig vor mir zu sehen und ihre Stimme zu hören glaubte. Sie gestand ihm mit aller Offenheit (und das war fast rührend) ihre ganze Angst vor ihm, und beschwor ihn, sie doch endlich „in Ruhe zu lassen“. Zum Schluß teilte sie ihm mit, es stehe jetzt fest, daß sie Bjoring heiraten werde. Vor diesem Brief hatte sie noch nie an ihn geschrieben.

Und nun will ich wiedergeben, was ich von seinen Erklärungen verstanden habe:

Nachdem er diesen Brief gelesen, nachmittags um fünf Uhr, hatte er plötzlich eine ganz unerwartete Empfindung in sich verspürt: zum erstenmal in diesen verhängnisvollen zwei Jahren hatte er nicht den geringsten Haß gegen sie und nicht die geringste Erschütterung empfunden, etwa von der Art, wie er noch kurz vorher bei der bloßen Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring „wahnsinnig geworden war“. „Im Gegenteil, ich habe ihr von ganzem Herzen meinen Segen geschickt,“ sagte er mit tiefem Gefühl zu mir. Mit Entzücken vernahm ich diese Worte. Also war alle Leidenschaft und Qual in ihm mit einem Schlage ganz von selbst verschwunden, wie ein Traum, wie ein Sinnenrausch, der ihn zwei Jahre lang im Bann gehalten. Noch hatte er es sich selbst nicht geglaubt, als er zu Mama geeilt war – und siehe da: er trat in dem Augenblick bei ihr ein, als sie endlich frei wurde und der Alte, der sie ihm gestern gewissermaßen übergeben hatte, starb. Eben dieses Zusammentreffen hatte ihn so erschüttert. Und nur wenig später hatte er schon mich aufgesucht – daß er unter diesen Umständen doch sogleich an mich gedacht hat, werde ich ihm nie vergessen.

Auch die letzten Stunden jenes Abends werde ich nie vergessen. Dieser Mensch hatte sich ganz und gar verwandelt. Wir saßen bis tief in die Nacht zusammen. Welchen Eindruck diese ganze „Mitteilung“ auf mich machte, werde ich später erzählen, hier will ich nur noch ein paar abschließende Worte über ihn sagen. Wenn ich jetzt nachdenke, begreife ich, womit er mich damals am meisten bezaubert hat: das war seine gewisse Demut vor mir und seine so echte Aufrichtigkeit, mir, dem halben Knaben, gegenüber! „Es war wie eine Benommenheit,“ rief er aus, „aber auch die segne ich jetzt! Ohne diese Blindheit hätte ich vielleicht niemals in meinem Herzen die restlose und für ewig einzige Besitzerin meines Herzens gefunden, meine Märtyrerin – deine Mutter.“ Diese begeisterten Worte, die unaufhaltsam aus ihm hervorbrachen, verzeichne ich hier besonders im Hinblick auf das Weitere. Damals aber ergriff und besiegte er damit mein Herz.

Ich weiß noch, wir wurden zu guter Letzt sehr heiter. Er ließ Champagner bringen, und wir stießen auf Mamas Wohl und auf die „Zukunft“ an. Oh, er war so voll Leben und so begierig, zu leben! Aber nicht vom Wein wurden wir auf einmal so lustig: wir tranken ja im ganzen nur zwei Glas. Ich weiß nicht, weshalb es geschah, aber wir lachten zum Schluß fast unaufhörlich. Wir sprachen schon von ganz anderen, ganz nebensächlichen Dingen; er erzählte mir alle möglichen Geschichtchen und ich ihm gleichfalls. Und unser Lachen wie unsere Geschichten waren weder boshaft noch weiß Gott wie lustig, aber sie steigerten doch noch unsere Heiterkeit. Er wollte mich noch immer nicht fortlassen: „Bleib noch, bleib noch ein wenig!“ sagte er immer wieder, und ich blieb. Später aber kam er mit und begleitete mich ein Stück Weges; die Nacht war wundervoll, es fror ein wenig.

„Sagen Sie: haben Sie ihr schon geantwortet?“ fragte ich plötzlich ganz unbedacht, als ich ihm an der Straßenecke zum letztenmal die Hand drückte.

„Nein, noch nicht, aber das ist ja gleichgültig. Komme morgen zu mir, komm’ früher ... Ja und noch eines: gib dich nicht mit Lambert ab und das ‚Dokument‘ zerreiße, je früher, desto besser. Leb wohl!“

Und damit ging er plötzlich davon; ich blieb auf demselben Fleck stehen und war so betroffen, daß ich mich nicht entschließen konnte, ihn zurückzuhalten oder ihm nachzugehen. Der Ausdruck ‚das Dokument‘ machte mich besonders stutzig: von wem konnte er gerade diese Bezeichnung gehört haben, wenn nicht von Lambert? Ich kehrte in großer Verwirrung heim. „Und ist denn das überhaupt möglich,“ fuhr es mir plötzlich durch den Kopf, „daß so ein zweijähriger Zauber auf einmal wirklich ganz verschwinden kann, wie ein Traum, wie ein Spuk, wie irgendeine Vision?“

Neuntes Kapitel.

I.

Am nächsten Morgen erwachte ich viel frischer und gutherziger. Ich machte mir sogar Vorwürfe – und zwar ganz unwillkürlich und aufrichtig – weil ich, wie ich mich erinnerte, manche Stellen seiner „Beichte“ nicht sehr ernst genommen und gleichsam mit einer gewissen Überlegenheit angehört hatte. Wenn auch ein Teil seiner Beichte etwas unklar und wirr gewesen war, so mußte ich mir doch sagen, daß er sich nach dem erschütternden Erlebnis wohl nicht gerade mit einer gutausgearbeiteten Rede auf den Weg gemacht hatte, um mich zu suchen und zu sich zu führen. Er hatte mir nur eine große Ehre erwiesen, als er sich in einem solchen Augenblick an mich als an seinen einzigen Freund wandte, und das werde ich ihm nie vergessen! Im Gegenteil, seine Beichte war eigentlich rührend gewesen, mag man auch wegen dieses Ausdrucks über mich lachen, und wenn manchmal etwas Zynisches oder sogar etwas gleichsam Lächerliches durchschimmerte, so war ich doch vorurteilslos genug, um auch den Realismus zu verstehen und seine Berechtigung anzuerkennen – übrigens ohne mir durch ihn das Ideal trüben zu lassen. Die Hauptsache war, daß ich diesen Menschen jetzt endlich verstand: und teilweise bedauerte ich sogar, und es ärgerte mich fast ein wenig, daß alles, wie sich nun herausstellte, so einfach gewesen war: in meinem Herzen hatte ich diesen Menschen immer so unendlich hochgestellt, hatte ihn bis in die Wolken erhoben, und sein Schicksal war von mir stets mit etwas unbedingt Geheimnisvollem umwoben worden, weshalb ich denn auch unwillkürlich und bis zuletzt gewünscht hatte, daß dieses Geheimfach nur auf eine möglichst verzwickte Weise zu öffnen sein möge. Übrigens lag auch in seiner Begegnung mit ihr und in seiner ganzen zweijährigen Qual viel Verzwicktes: „er wollte kein Fatum, er wollte Freiheit; er wollte nicht die Sklaverei des Fatums, denn als Sklave des Fatums war er gezwungen, Mama, die in Königsberg auf ihn wartete, so zu kränken ...“ Hinzu kam, daß ich diesen Menschen unter allen Umständen für einen Propheten hielt: in seinem Herzen trug er das goldene Zeitalter, und er kannte die Zukunft des Atheismus; doch da kam die Begegnung mit ihr und zerbrach und entstellte alles! Oh, ich wurde ihr nicht untreu, aber ich nahm doch für ihn Partei. „Mama, zum Beispiel,“ sagte ich mir damals, „hätte sein Schicksal in nichts behindert, nicht einmal, wenn er sie geheiratet hätte!“ Das begriff ich; das war etwas ganz anderes, als die Begegnung mit jener. Freilich hätte ihm auch Mama nicht die Ruhe gegeben, aber das wäre schließlich um so besser gewesen: solche Menschen wie er muß man anders beurteilen, und mag ihr Leben auch ewig so bleiben – dabei ist weiter nichts Schlimmes; im Gegenteil, es wäre schlimm, wenn sie sich beruhigten oder den Durchschnittsmenschen anglichen. Seine Hochschätzung des Adels und seine Worte: „Je mourrai gentilhomme“ beirrten mich nicht im geringsten: ich begriff, was das für ein gentilhomme war: das war ein Typus, der alles hingibt und zum Propheten wird, zum Verkünder des Weltbürgertums und des höchsten russischen Gedankens – der „Vereinigung aller Ideen“. Und selbst wenn das alles ein Unsinn war, ich meine diese „Vereinigung aller Ideen“ (denn sie ist natürlich undenkbar), so lag doch schon darin ein Gutes, daß er sein Leben lang eine Idee verehrt hat und nicht das dumme goldene Kalb. O Gott! – und ich, ich selbst, habe ich denn, als ich meine „Idee“ mir ausdachte, etwa an das goldene Kalb gedacht, brauchte ich denn damals Geld? Nein; ich schwöre, ich brauchte nur eine Idee! Ich schwöre, daß ich nicht einen Stuhl, nicht ein Sofa mit Samt überziehen ließe und auch als Besitzer von hundert Millionen nur meinen Teller Suppe mit Rindfleisch essen würde, wie ich es heute tue!

Ich kleidete mich an und beeilte mich dabei; denn es zog mich mächtig zu ihm hin. Ich muß hier bemerken, daß ich auch wegen seiner gestrigen Erwähnung des „Dokuments“ mindestens fünfmal ruhiger war als am Abend vorher. Erstens hoffte ich, mich mit ihm aussprechen zu können; und zweitens, was war denn schließlich dabei, daß Lambert sich auch an ihn herangemacht und über irgend etwas mit ihm gesprochen hatte? – Aber der Hauptgrund meiner Freude lag doch in einem außergewöhnlichen Gefühl: es war der Gedanke, daß er „sie nicht mehr liebte“. Daran glaubte ich mit aller Gewalt, und ich hatte eine Empfindung, als hätte jemand gleichsam einen unheimlich schweren Stein von meinem Herzen gewälzt. Ich erinnere mich auch noch einer ganz flüchtig in mir auftauchenden Erkenntnis: eben der Unglaublichkeit und Sinnlosigkeit seines letzten rasenden Wutausbruchs bei der Nachricht von ihrer Verlobung mit Bjoring und der Absendung jenes beleidigenden Briefes an sie – eben diese äußerste Heftigkeit des Ausbruchs konnte ein Anzeichen und ein Vorläufer der vollkommenen Veränderung seiner Gefühle und seiner baldigen Rückkehr zur Vernunft gewesen sein: vielleicht wie bei einer Krankheit, dachte ich bei mir, einer Krankheit, in deren Verlauf er einmal unbedingt zu diesem entgegengesetzten Punkt hatte gelangen müssen – also eine ärztlich vorauszusehende Übergangserscheinung und nichts weiter! Dieser Gedanke machte mich glücklich.

„Und mag sie doch selbst ihr Schicksal bestimmen, mag sie doch ihren Bjoring heiraten, soviel sie will, wenn nur er, mein Vater, mein Freund, wenn nur er sie nicht mehr liebt!“ rief es in mir. Übrigens lag hier ein gewisses Geheimnis meinen Gefühlen zugrunde, doch besagte Gefühle will ich in diesen meinen Aufzeichnungen nicht weiter auseinandersetzen.

Das dürfte genügen. Und nun will ich den ganzen folgenden Schrecken, dies ganze Zusammenwirken der Tatsachen ohne alle weiteren Betrachtungen wiedergeben.

II.

Um zehn Uhr, als ich mich gerade anschickte, fortzugehen – zu ihm natürlich – erschien Darja Onissimowna. Ich fragte sie erfreut, ob sie von ihm komme, und ärgerte mich, als ich hörte, daß sie nicht von ihm, sondern von Anna Andrejewna kam, und daß sie, Darja Onissimowna, „die Wohnung schon in aller Frühe verlassen“ hatte.

„Welche Wohnung?“

„Dieselbe, in der Sie gestern waren. Diese Wohnung ist jetzt auf meinen Namen gemietet, für das Kind, und bezahlt wird sie von Tatjana Pawlowna ...“

„Ach, was geht das mich an!“ unterbrach ich sie geärgert. „Aber ist er wenigstens jetzt zu Hause? Werde ich ihn antreffen?“

Doch zu meiner Verwunderung hörte ich von ihr, daß er noch vor ihr die Wohnung verlassen habe; sie hatte sie schon „in aller Frühe“ verlassen, er aber noch etwas früher.

„Nun, dann wird er doch jetzt wieder zurückgekehrt sein?“

„Nein, er ist sicherlich nicht zurückgekehrt und wird vielleicht überhaupt nicht mehr zurückkehren,“ sagte sie und sah mich mit demselben scharfen und lauernden Blick an, ohne ihn von mir abzuwenden, ganz wie damals, als ich krank zu Bett lag, bei ihrem bereits geschilderten Besuch. Es reizte mich, daß dahinter wieder allerhand Geheimnisse und Dummheiten zu stecken schienen, und daß diese Leute offenbar ohne Verschwörungen und Winkelzüge gar nicht auskommen konnten.

„Weshalb sagen Sie: er wird sicherlich nicht zurückkehren? Was meinen Sie damit? Er wird einfach zu Mama gegangen sein – das ist das Ganze!“

„Ich ... weiß n–nicht.“

„Ja, wozu haben Sie sich denn hierherbemüht?“

Sie sagte mir schnell, daß sie soeben von Anna Andrejewna käme, die mich zu sich bitten lasse und mich erwarte: ich möchte unbedingt sofort kommen, „denn sonst könnte es zu spät werden“. Dieses neue rätselhafte Wörtchen „zu spät“ steigerte meine Gereiztheit ganz beträchtlich.

„Warum zu spät? Ich will aber nicht kommen und komme auch nicht! Ich erlaube es nicht, daß man so einfach über mich verfügt. Den Lambert soll sie zum Teufel jagen, sagen Sie ihr das. Und wenn sie ihn zu mir schickt, so fliegt er die Treppe hinunter – das sagen sie ihr gleichfalls, und zwar wörtlich!“

Darja Onissimowna erschrak nicht wenig.

„Ach, nein doch!“ bat sie und trat einen Schritt auf mich zu, die Handflächen flehend gegeneinander gelegt, „tun Sie das nicht so übereilt! Es handelt sich hier um eine so wichtige Angelegenheit, auch für Sie selbst ist sie außerordentlich wichtig und für Anna Andrejewna, und auch für Andrei Petrowitsch, wie für Ihre Mutter – für alle, alle ... Ach, bitte, gehen Sie doch gleich zu ihr, denn sie kann unmöglich länger warten ... ich schwöre es Ihnen bei meiner Ehre ... und dann entschließen Sie sich schon selbst ...“

Ich sah sie erstaunt und mit einem gewissen Unbehagen an.

„Unsinn, daraus wird nichts, ich komme nicht!“ rief ich eigensinnig und nicht ohne Schadenfreude. „Jetzt fängt eine neue Methode an! Aber wie sollten Sie das begreifen! Leben Sie wohl, Darja Onissimowna, ich werde absichtlich nicht hingehen, und ich frage Sie jetzt absichtlich nicht aus. Sie wollen mich nur verwirren und von meinem Wege abbringen. Ich aber habe gar keine Lust, mich mit Ihren Rätseln abzugeben. Behalten Sie Ihre Geheimnisse für sich!“

Da sie nicht fortging und noch immer dastand, nahm ich meinen Pelz und meine Mütze, ließ sie einfach mitten im Zimmer stehen und ging hinaus. In meinem Zimmer befanden sich weder Briefe noch Papiere, und ich hatte auch früher mein Zimmer fast nie zugeschlossen, wenn ich aus dem Hause ging. Aber ich war noch nicht bis zur Haustür gekommen, als mein Wirt Pjotr Ippolitowitsch ohne Mütze und in der Hausjoppe mir die Treppe hinunter nachgelaufen kam.

„Arkadi Makarowitsch! Arkadi Makarowitsch!“

„Was wollen Sie von mir?“

„Werden Sie denn gar keine Anordnungen treffen, bevor Sie gehen?“

„Nein.“

Er sah mich wißbegierig, aber mit ersichtlicher Unruhe an.

„In betreff Ihres Zimmers, meine ich?“

„Was ist denn mit dem Zimmer? Ich habe Ihnen das Geld doch richtig zum Termin geschickt?“

„Ach nein, ich rede nicht vom Gelde,“ sagte er mit breitem Lächeln, und sein Blick kroch mir wieder in die Augen.

„Ja, was haben Sie denn alle?“ schrie ich schließlich in wahrer Wut. „Was wollen Sie denn eigentlich?“

Er zögerte einige Sekunden, als erwarte er noch immer etwas von mir.

„Na, dann werden Sie Ihre Anordnungen wohl später treffen ... wenn Sie jetzt nicht bei Laune sind,“ murmelte er schließlich, und sein Lächeln wurde noch breiter. „Also, gehen Sie nur, auch ich muß jetzt fort und in meine Kanzlei.“

Er lief die Treppe wieder hinauf. Freilich konnte die Szene einem schon zu denken geben.

Ich übergehe absichtlich nicht den kleinsten Zug von dem ganzen kleinlichen Wirrwarr meiner Geschichte an dieser Stelle und zu dieser Zeit, weil jede Einzelheit sich später als zum Ganzen gehörend erweisen soll. Doch davon wird sich der Leser noch überzeugen! Daß die Menschen mich damals wirklich verwirrten – das ist Tatsache. Wenn ich so erregt und gereizt war, so war ich das nur, weil ich aus ihren Worten wieder jenen Ton der Geheimniskrämerei und Ränkespinnerei vernahm, der mir so verhaßt war, zumal er mich an die früheren Geschichten erinnerte. Doch ich fahre fort.

Werssiloff traf ich nicht zu Hause, er war tatsächlich bei Tagesanbruch fortgegangen. „Natürlich zu Mama,“ sagte ich mir in eigensinniger Überzeugung. Ich wollte die Kinderwärterin, die ein dummes Weib zu sein schien, nicht weiter ausfragen, doch außer ihr und dem Kinde war niemand in der Wohnung. So eilte ich denn zu Mama, und ich muß gestehen: ich fühlte mich so beunruhigt, daß ich auf halbem Wege eine Droschke nahm. Ich kam hin und erfuhr, daß er bei Mama seit gestern abend nicht mehr gewesen war. Nur Tatjana Pawlowna und Lisa saßen bei ihr. Kaum war ich eingetreten, da begann Lisa sich auch schon zum Ausgehen anzukleiden.

Sie saßen alle oben in meinem „Sarge“. In unserem Wohnzimmer unten war Makar Iwanowitsch aufgebahrt; neben ihm las ein alter Mann langsam die Psalmen. Ich habe schon gesagt, daß ich mich von jetzt ab ausschließlich auf die Wiedergabe der Hauptsachen beschränken und Nebensachen tunlichst übergehen will, hier aber möchte ich doch nicht unerwähnt lassen, daß der Sarg, den man für ihn hatte anfertigen lassen, und der bereits im Zimmer stand, durchaus nicht anspruchslos war: er war zwar schwarz, doch mit Samt bezogen, und auch die Sargdecke war aus teurem Stoff – ein Luxus, der durchaus nicht zu der Persönlichkeit und den Anschauungen des Alten paßte; aber Mama und Tatjana Pawlowna hatten sich zusammengetan und hartnäckig darauf bestanden.

Selbstverständlich hatte ich nicht erwartet, sie in fröhlicher Stimmung anzutreffen; aber dieser so sonderbar drückende Kummer, diese Sorge und Unruhe, die ich in ihren Augen las, machten mich betroffen, und ich begriff sofort, daß „wahrscheinlich nicht der Tote allein“ die Ursache war. Ich wiederhole: ich erinnere mich alles dessen noch ganz genau.

Trotz alledem umarmte ich Mama zärtlich und fragte sogleich nach ihm. In Mamas Augen trat blitzschnell eine erregte Neugier. Ich erzählte kurz, daß wir gestern den Abend bis tief in die Nacht zusammen verbracht hätten, daß er aber heute schon ganz früh von Hause gegangen sei, obgleich er mich gestern beim Abschied aufgefordert hatte, heute so früh als möglich zu ihm zu kommen. Mama antwortete mir nichts darauf, und Tatjana Pawlowna benutzte einen unbewachten Augenblick, um mir mit dem Finger zu drohen.

„Auf Wiedersehen, Arkadi,“ sagte Lisa plötzlich und verließ schnell das Zimmer. Ich lief ihr natürlich nach und erreichte sie noch an der Tür.

„Ich wußte, daß du mir nachkommen würdest,“ flüsterte sie hastig.

„Lisa, was ist hier geschehen?“

„Das weiß ich selbst nicht, aber wahrscheinlich vieles. Vermutlich ist es die Entscheidung der ‚ewigen Geschichte‘. Er ist nicht gekommen, sie aber müssen irgendeine Nachricht bekommen haben, die ihn betrifft. Dir werden sie davon wahrscheinlich nichts sagen, aber auch du sei still und frage sie nicht, wenn du klug sein willst. Mama ist jedenfalls ganz niedergeschmettert. Ich habe sie auch nichts gefragt. Leb wohl!“

Sie öffnete die Tür.

„Warte, Lisa, sag’ doch, wie steht es denn mit dir selbst?“ rief ich ihr nach und folgte ihr auf den Flur hinaus. Ihre schrecklich niedergeschlagene und geradezu verzweifelte Miene tat mir weh. Sie machte nicht nur ein böses, sondern fast erbittertes Gesicht, lächelte grausam und zuckte mit der Achsel.

„Wenn er nur stürbe – ich würde Gott danken!“ sagte sie wegwerfend von der Treppe aus und ging.

Sie meinte den Fürsten Ssergei Petrowitsch, der damals bewußtlos in hohem Fieber lag. Ich kehrte ebenso bekümmert wie aufgeregt zurück.

„Die ewige Geschichte! Was ist das für eine ‚ewige Geschichte‘?“ fragte ich mich mit einem Gefühl der Herausforderung: und da hatte ich auf einmal die größte Lust, ihnen wenigstens einen Teil meiner Eindrücke von seiner nächtlichen Beichte oder womöglich die Beichte selbst mitzuteilen. „Sie denken jetzt sicher irgend etwas Schlechtes von ihm – so mögen sie denn alles erfahren!“ ging es mir durch den Sinn.

Ich weiß noch, daß es mir gelang, meine Erzählung sehr geschickt anzufangen. Auf ihren Gesichtern erschien sofort unendliche Neugier. Tatjana Pawlowna verwandte keinen Blick von mir. Mama dagegen war zurückhaltender; sie war sehr ernst, aber ein stilles, verschönerndes, wenn auch seltsam hoffnungsloses Lächeln schimmerte auf ihrem Gesicht und verließ es während meiner ganzen Erzählung nicht einen Augenblick. Ich hielt mich bei der Wiedergabe natürlich nur an das Geistige, obgleich ich wußte, daß sie mich kaum verstehen würden. Zu meinem Erstaunen fiel mir Tatjana Pawlowna gar nicht ins Wort, bestand nicht einmal auf genauer Wiedergabe aller Einzelheiten und hakte auch nicht überall ein, wie sie es sonst immer tat, wenn ich etwas erzählte. Sie preßte nur hin und wieder die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen, wie um lebhafter denken zu können und das Gesagte schneller zu erfassen. Zeitweise kam es mir sogar vor, als verstünden sie doch alles – aber das war ja fast unmöglich! Ich erzählte auch von seinen Anschauungen, hauptsächlich aber von seiner gestrigen Begeisterung, von seiner Begeisterung für Mama, von seiner Liebe zu ihr, wie er ihr Bild geküßt hatte ... Als ich das erzählte, tauschten sie schweigend einen schnellen Blick aus, Mama wurde feuerrot, aber sie blieben beide stumm. Und dann ... ja, den wichtigsten Punkt konnte ich in Mamas Gegenwart leider nicht berühren: ich meine seine Begegnung mit ihr und alles weitere, und vor allem nicht ihren gestrigen Brief an ihn und seine sittliche „Auferstehung“ auf diesen Brief hin – das war ja eben die Hauptsache, so daß alle seine Gefühle, wie er sie gestern geäußert, und durch die ich gerade Mama eine Freude hatte machen wollen, für sie unverständlich bleiben mußten, was freilich nicht meine Schuld war, denn alles, was sich erzählen ließ, erzählte ich sehr schön. Ich schloß eigentlich in großer Verwirrung. Sie unterbrachen ihr Schweigen auch jetzt nicht, und mir wurde in ihrer Gesellschaft recht peinlich zumute.

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