Dritter Teil (continued 3)
E. K. Rahsin translation
„Wie haben Sie sich verändert!“ rief ich unwillkürlich aus.
„Das macht nichts! Setzen Sie sich, lieber Freund,“ sagte er, wies mit einer fast gezierten Handbewegung auf einen Stuhl und setzte sich mir gegenüber. „Kommen wir zur Hauptsache: Sehen Sie, mein lieber Alexei Makarowitsch ...“
„Arkadi,“ verbesserte ich ihn.
„Was? Ach, schon gut, einerlei ...“ sagte er. „Ach so!“ – jetzt erst wurde er sich seines Irrtums bewußt – „Entschuldigen Sie, mein Lieber, kommen wir zur Hauptsache ...“
Er hatte es furchtbar eilig, auf irgendeine Hauptsache zu sprechen zu kommen. Der ganze Mensch war nur von einem Gedanken erfüllt, den er auszudrücken und mir zu erklären suchte. Er sprach viel und schnell, eindringlich, mit Gefühl und lebhaften Bewegungen, aber ich konnte ihn beim besten Willen nicht verstehen.
„Mit einem Wort“ (er hatte schon zehnmal vorher den Ausdruck, „mit einem Wort“ gebraucht) – „mit einem Wort,“ schloß er seine Rede, „wenn ich Sie, Arkadi Makarowitsch, gestern durch Lisa dringend zu mir zu kommen gebeten habe, so war das vielleicht gar zu beunruhigend, aber da es sich wirklich um einen außerordentlichen und endgültigen Entschluß handelt, so müssen wir ...“
„Erlauben Sie, Fürst,“ unterbrach ich ihn, „Sie haben mich gestern rufen lassen? Lisa hat mir nichts davon gesagt.“
„Was?“ schrie er auf und sah mich ganz starr an vor Verwunderung und Schreck.
„Sie hat mir nichts davon gesagt. Gestern abend kam sie so niedergeschlagen nach Haus, daß sie fast überhaupt kein Wort gesprochen hat, auch mit mir nicht.“
Der Fürst sprang vom Stuhl auf.
„Ist das wirklich wahr, Arkadi Makarowitsch? In dem Falle ...“
„Was ist denn dabei so Außergewöhnliches, daß Sie sich darüber so aufregen? Sie wird es einfach vergessen haben oder ...“
Er setzte sich wieder hin, aber er verblieb wie in einer Erstarrung. Es war, als wäre er von der Nachricht, daß Lisa mir nichts gesagt hatte, einfach niedergeschmettert. Plötzlich begann er wieder zu sprechen und mit den Händen zu fuchteln, aber es war mir wieder sehr schwer, auch nur etwas davon zu verstehen, was er eigentlich sagen wollte.
„Passen Sie auf!“ sagte er plötzlich, verstummte und hob den Finger in die Höhe. „Passen Sie auf, das ... das ... das sind, wenn ich mich nicht irre ... Kniffe! ...“ flüsterte er mit dem Lächeln eines Blödsinnigen. „Und das bedeutet, daß ...“
„Gar nichts bedeutet das!“ unterbrach ich ihn. „Ich begreife nicht, wie ein so nichtssagender Umstand Sie überhaupt aufregen kann ... Ach, Fürst, seit der Zeit, seit jener Nacht, erinnern Sie sich noch ...“
„Seit welcher Nacht?“ rief er gereizt und sichtlich geärgert darüber, daß ich ihn unterbrochen hatte.
„Bei Serschtschikoff, wo wir uns zum letztenmal sahen, damals, wissen Sie noch, vor Ihrem Brief an mich. Auch damals waren Sie in einer furchtbaren Aufregung, aber damals und jetzt – der Unterschied ist so groß, daß ich Angst um Sie bekomme ... oder sollten Sie vergessen haben?“
„Ach, ja,“ sagte er in gesellschaftlich nachlässigem Tone, als erinnere er sich zufällig, „ach, ja! An dem Abend ... Ich hörte davon ... Aber wie steht es denn mit Ihrer Gesundheit, und wie fühlen Sie sich jetzt, nach alledem, Arkadi Makarowitsch? ... Doch kommen wir zur Hauptsache! Sehen Sie, ich verfolge eigentlich drei Ziele, drei Aufgaben sehe ich vor mir, und ich ...“
Er kam wieder auf seine „Hauptsache“ zu sprechen. Ich begriff endlich, daß ich einen Menschen vor mir hatte, dem man zum mindesten ein in Essig getauchtes Handtuch um den Kopf legen mußte, falls man ihn nicht zur Ader lassen konnte. Sein ganzes zusammenhangsloses Gerede drehte sich natürlich um den Prozeß und den voraussichtlichen Ausgang desselben; er sprach auch davon, daß sein Regimentskommandeur ihn besucht und ihm dringend von irgend etwas abgeraten hätte, er aber hätte nicht auf ihn gehört – dies bezog sich auf ein Schreiben, das von ihm soeben eingereicht worden war, und das irgend etwas mit dem Staatsanwalt zu tun hatte; ferner sprach er davon, daß man ihm alle Rechte nehmen und wohl irgendwohin, nach den nördlichsten Provinzen Rußlands verbannen werde; er sprach von der Möglichkeit, Kolonist zu werden oder in Taschkent sich wieder heraufzudienen, und davon, was für Lehren er seinem Sohne (dem erwarteten Sohne von Lisa) auf den Lebensweg mitgeben wolle – „dort in der Einöde bei Archangelsk oder Cholmogory“. „Ich wollte Ihre Meinung hören, Arkadi Makarowitsch, glauben Sie mir, ich lege so viel Wert auf das Gefühl ... Wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten, Arkadi Makarowitsch, mein Lieber, mein Bruder, was Lisa für mich bedeutet, was sie für mich hier bedeutet hat, jetzt in dieser Zeit!“ rief er auf einmal und faßte sich mit beiden Händen an den Kopf.
„Ssergei Petrowitsch, wollen Sie sie denn wirklich zugrunde richten und sie mitnehmen? ... Nach Cholmogory!“ entfuhr es mir plötzlich unvorsichtigerweise.
Das Schicksal Lisas, die nun ewig an diesen Maniaken gebunden war, kam mir da plötzlich klar zu Bewußtsein – zum erstenmal. Er sah mich an, erhob sich von neuem, tat ein paar Schritte, kehrte aber um und setzte sich wieder, ohne die Hände, die er an seinen Kopf preßte, sinken zu lassen.
„Mir träumt immer von Spinnen!“ sagte er plötzlich.
„Sie sind schrecklich aufgeregt, Fürst; ich rate Ihnen, sich ins Bett zu legen und den Doktor holen zu lassen.“
„Nein, erlauben Sie, das kommt später. Ich habe Sie hauptsächlich deshalb zu mir gebeten, um Ihnen alles über die Trauung mitzuteilen. Die Trauung, wissen Sie, wird hier in der Kirche stattfinden, ich habe alles schon besprochen. Die Erlaubnis ist auch schon erteilt, und man redet mir sogar zu ... Was Lisa betrifft, so ...“
„Fürst, haben Sie doch Erbarmen mit Lisa,“ rief ich – „quälen Sie sie doch nicht so mit Ihrer unsinnigen Eifersucht, wenigstens nicht jetzt!“
„Was!“ schrie er auf und sah mich mit hervorquellenden Augen unbeweglich an, und sein ganzes Gesicht verzerrte sich zu einem breiten, sinnlos fragenden Lächeln. Ersichtlich hatte das Wort „Eifersucht“ einen schrecklichen Eindruck auf ihn gemacht.
„Verzeihen Sie, Fürst, das ist mir nur so entschlüpft. Oh, Fürst, ich habe in der letzten Zeit einen alten Mann kennen gelernt, meinen namentlichen Vater ... Oh, wenn Sie mit ihm sprechen könnten, Sie würden bestimmt ruhiger werden ... Auch Lisa schätzt ihn sehr ...“
„Ach ja, Lisa ... ach so, das ist ihr Vater? Oder ... pardon, mon cher, so etwas Ähnliches ... Ich weiß ... sie sagte mir ... ein alter Mann ... Ich bin überzeugt davon, überzeugt. Ich habe auch einmal solch einen Alten gekannt ... Mais, passons. Die Hauptsache ist, daß man, um das ganze innere Wesen der gegenwärtigen Lage sich klarzumachen, daß man, wie gesagt ...“
Ich erhob mich, um fortzugehen, denn es schmerzte mich zu sehr, ihn so zu sehen.
„Ich verstehe nicht!“ sagte er streng und mit anmaßender Miene, als er sah, daß ich schon aufbrechen wollte.
„Mir tut es weh, Sie so zu sehen,“ sagte ich.
„Arkadi Makarowitsch, ein Wort, nur noch ein Wort!“ Er ergriff mich plötzlich an den Schultern, aber mit einem ganz anderen Ausdruck im Gesicht und in den Gebärden, und drückte mich wieder auf den Stuhl. „Haben Sie schon gehört von diesen, Sie verstehen schon?“ ... Er beugte sich über mich.
„Ach, ja, Dergatschoff! Das ist sicherlich eine Machenschaft von Stebelkoff!“ rief ich unüberlegt.
„Ja, Stebelkoff, und ... wissen Sie noch nichts?“
Er brach plötzlich ab, und wieder sah er mich mit diesen hervortretenden Augen an und mit diesem krampfhaften, sinnlos fragenden Lächeln, das langsam immer breiter wurde. Sein Gesicht erblaßte mehr und mehr. Und plötzlich durchzuckte mich etwas: mir fiel Werssiloffs Blick ein, mit dem er mir gestern die Verhaftung Wassins mitgeteilt hatte.
„Oh, ist es denn möglich?“ rief ich erschrocken aus.
„Sehen Sie, Arkadi Makarowitsch, weshalb ich Sie gerufen habe: um Ihnen zu erklären ... ich wollte ...“ flüsterte er hastig.
„Sie haben Wassin angezeigt?“ schrie ich.
„Nein, sehen Sie, es war da ein Manuskript. Wassin hatte es Lisa am letzten Tage gegeben ... damit sie es aufbewahre. Sie ließ es mir hier, da ich es durchlesen wollte, und am nächsten Tage verzankten sie sich ...“
„Sie sind es, der das Manuskript der Polizei ausgeliefert hat!“
„Arkadi Makarowitsch, Arkadi Makarowitsch ...“
„Und da haben Sie,“ schrie ich stockend, indem ich aufsprang, „und da haben Sie, ohne einen Grund, ohne einen Zweck, den unglücklichen Wassin angezeigt, nur weil er Ihr – Nebenbuhler ist! Nur aus Eifersucht haben Sie das Manuskript, das Lisa anvertraut war, ausgeliefert! ... An wen? An den Staatsanwalt?“
Er kam nicht dazu, mir zu antworten, und er hätte mir auch schwerlich etwas erwidern können – er stand vor mir wie ein Götzenbild, immer noch mit demselben krankhaften Lächeln und demselben starren Blick – plötzlich öffnete sich die Tür und Lisa trat herein. Sie fiel fast in Ohnmacht, als sie uns beide zusammen sah.
„Du hier. Du bist hier?“ rief sie mit verzerrtem Gesicht und ergriff mich am Arm. „So ... weißt du’s schon?“
Sie ersah aus meinem Gesicht, daß ich es bereits „wußte“. Ich umfing sie schnell und hielt sie krampfhaft umschlungen! Und erst in diesem Augenblick überwältigte mich die ganze Erkenntnis, was für ein unentrinnbarer, hoffnungsloser Kummer für immer über dem Schicksal dieser ... freiwilligen Märtyrerin lag.
„Kann man denn jetzt überhaupt mit ihm reden?“ rief sie und entwand sich mir plötzlich. „Wie kann man ihn denn jetzt beunruhigen? Warum bist du hier? Sieh ihn doch nur an, sieh ihn doch an! Und wie darf man, wie darf man ihn denn verurteilen?“
Unendlicher Schmerz und unendliches Mitleid sprachen aus ihrem Gesicht, als sie das ausrief und auf ihn wies. Er saß im Lehnstuhl, das Gesicht in den Händen vergraben. Und sie hatte recht: es war ein Mensch im Fieberdelirium, den man für nichts verantwortlich machen konnte. Noch an demselben Tage wurde er ins Lazarett gebracht, und am Abend ließ sich bereits eine schwere Gehirnentzündung feststellen.
IV.
Vom Fürsten, den ich mit Lisa zurückließ, fuhr ich gegen ein Uhr mittags in meine frühere Wohnung. Ich habe vergessen, zu erwähnen, daß der Tag feucht und trübe war, mit beginnendem Tauwetter und warmem Wind, der selbst einem Elefanten auf die Nerven gegangen wäre. Mein Wirt empfing mich mit unendlicher Freude, sehr viel Worten und lebhaften Gebärden, was ich gerade in solchen Augenblicken nicht ausstehen kann. Ich begrüßte ihn trocken und begab mich geradeswegs in mein Zimmer, aber er folgte mir dorthin, und wenn er mich auch nicht mit Fragen zu belästigen wagte, so sah ich doch, wie seine Augen vor Neugier glänzten, und dabei machte er ein Gesicht, als hätte er das größte Recht, neugierig zu sein. Ich mußte mich schon im eigenen Interesse höflich zu ihm verhalten: obgleich ich unbedingt von ihm etwas erfahren wollte (und ich wußte, daß ich es erfahren würde), war es mir doch ekelhaft, sogleich mit dem Ausfragen zu beginnen. Ich erkundigte mich nach der Gesundheit seiner Frau, und wir gingen zu ihr hinüber. Sie empfing mich, wenn auch höflich, so doch sehr wortkarg und anscheinend gelangweilt; das versöhnte mich einigermaßen; dennoch erfuhr ich an diesem Tage die wunderlichsten Neuigkeiten.
Natürlich war Lambert dagewesen; und nachher war er noch zweimal gekommen, um sich „alle Zimmer anzusehen“ – unter dem Vorwande, eines mieten zu wollen. Auch Darja Onissimowna war ein paarmal erschienen, Gott weiß warum; „sie hat sich für alles sehr interessiert,“ fügte mein Wirt hinzu. Aber ich tat ihm nicht den Gefallen, zu fragen, wofür sie sich denn interessiert hatte. Überhaupt fragte ich ihn nichts: er erzählte von selbst, und ich tat, als krame ich in meinem Koffer (in dem sich fast nichts mehr befand). Aber ärgerlich war, daß auch er bald den Geheimnisvollen zu spielen begann: als er bemerkte, daß ich ihn nicht ausfragen wollte, fühlte er sich wohl verpflichtet, auch seinerseits wortkarg zu sein.
„Das Fräulein war auch da,“ bemerkte er so nebenbei und sah mich sonderbar an.
„Was für ein Fräulein?“
„Anna Andrejewna; zweimal war sie hier; mit meiner Frau hat sie Bekanntschaft geschlossen. Eine sehr angenehme, eine reizende Dame. Eine solche Bekanntschaft kann man nicht hoch genug einschätzen, Arkadi Makarowitsch ...“
Er kam mir noch um zwei Schritte näher, als er das sagte: er wollte gar zu gern, daß ich ihn verstünde.
„Wirklich zweimal?“ fragte ich erstaunt.
„Das zweitemal ist sie mit ihrem Bruder gekommen.“
Wohl mit Lambert! dachte ich unwillkürlich.
„Nein, nicht mit Herrn Lambert,“ sagte er, der sofort meinen Gedanken erraten hatte, als wäre er mit seinen Augen in meine Seele eingedrungen. „Sie kam mit ihrem richtigen Bruder, mit dem jungen Herrn Werssiloff. Kammerjunker ist er, glaub’ ich.“
Ich war bestürzt; er beobachtete mich mit einem sehr schlauen Lächeln.
„Ach, und dann war da noch jemand und fragte nach Ihnen – das Fräulein, die Französin, Fräulein Alphonsine de Verdaigne. Wie schön sie singen kann, und auch Verse deklamiert sie wunderbar! Sie ist heimlich zum Fürsten Nikolai Iwanowitsch nach Zarskoje hinausgefahren, um ihm einen seltenen kleinen Hund zu verkaufen, einen schwarzen, das ganze Tierchen nicht größer als meine Faust ...“
Ich bat ihn, mich allein zu lassen, und entschuldigte mich damit, daß ich Kopfschmerzen hätte. Er kam meinem Wunsch sofort nach, beendete nicht einmal seinen Satz und war nicht im geringsten beleidigt, ja, fast mit Befriedigung winkte er geheimnisvoll mit der Hand, als wollte er sagen: „Verstehe, verstehe schon,“ und wenn er das auch nicht aussprach, so machte er sich doch das Vergnügen, mein Zimmer auf den Fußspitzen zu verlassen. Es gibt schon Leute auf der Welt, über die man sich ärgern kann.
So saß ich allein wohl anderthalb Stunden lang und dachte nach, und doch dachte ich eigentlich gar nichts, sondern war nur in Gedanken. Ich war erregt, dabei aber nicht im geringsten verwundert. Ich hatte sogar viel mehr und noch viel größere Wunder erwartet. „Vielleicht haben sie inzwischen auch schon welche zustande gebracht,“ dachte ich bei mir. Ich war ja längst, schon zu Hause, fest davon überzeugt gewesen, daß ihre Maschine bereits aufgezogen und in vollem Gange war. „Nur ich fehle ihnen noch,“ dachte ich wieder bei mir und empfand eine aufregende und angenehme Selbstzufriedenheit. Daß sie mich mit größter Spannung erwarteten und in meiner Wohnung etwas ausrichten wollten – war so klar wie der Tag. „Ob nicht gar die Trauung des alten Fürsten? Um ihn herum ist ja ein ganzes Kesseltreiben. Nur fragt es sich, ob ich das zulassen werde, meine Herren?“ schloß ich wieder mit überlegenem Selbstbewußtsein.
„Aber wenn ich mich überhaupt darauf einlasse, so werde ich doch sofort wieder wie ein Strohhalm in den Strudel hineingerissen werden. Bin ich wenigstens jetzt noch frei, oder bin ich schon nicht mehr frei? Kann ich heute, wenn ich nach Hause zurückkehre, meiner Mutter noch sagen, wie ich alle diese Tage gesagt habe: ‚Ich gehöre nur mir selbst an?‘“
Das war das Grundmotiv meiner Fragen, oder besser gesagt, meines Herzklopfens, während ich die anderthalb Stunden auf dem Bette saß, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen. Und ich wußte doch, ich wußte schon damals, daß alle diese Fragen vollkommen belanglos waren, und daß nur sie es war, die mich zu ihnen hinzog – nur sie, nur sie allein. Da habe ich es nun endlich ausgesprochen und schwarz auf weiß zu Papier gebracht; denn auch jetzt, da ich es hinschreibe, ein Jahr nachher, weiß ich nicht, welchen Namen ich meinem Gefühl von damals geben soll!
Oh, selbstverständlich tat Lisa mir leid, und in meinem Herzen brannte ein ungeheuchelter Schmerz um sie! Und ich glaube, nur dieses Schmerzgefühl vermochte wenigstens zeitweise die Fleischlüsternheit (ich bleibe bei dieser Bezeichnung) in mir zu beruhigen oder zurückzudrängen. Aber eine grenzenlose Neugier, ein Grauen riß mich fort und dann noch ein gewisses Gefühl – ich weiß nicht, was für eins; aber ich weiß jetzt, und das wußte ich schon damals, daß es kein gutes Gefühl war. Vielleicht hatte ich das Verlangen, mich ihr zu Füßen zu werfen, vielleicht aber wollte ich sie allen Qualen ausliefern, um ihr irgend etwas „schneller, schneller“ zu beweisen. Davon konnte mich kein Schmerz um Lisa und kein Mitleid um meine Schwester zurückhalten. Nun, und wie hätte ich da noch aufstehen und heimgehen können zu ... Makar Iwanowitsch?
„Aber wäre es denn nicht möglich, zu ihnen zu gehen, nur um alles von ihnen zu erfahren, und sie dann – auf immer zu verlassen, ohne mich von irgendwelchen Wundern oder Ungeheuern anfechten zu lassen?“
Es war drei Uhr, als ich mich endlich aufraffte und mir sagte, daß ich mich beinahe schon verspätet hatte; ich eilte hinaus, nahm eine Droschke und fuhr zu Anna Andrejewna.
Fünftes Kapitel.
I.
Als man mich Anna Andrejewna meldete, warf sie sofort ihre Näharbeit hin und kam mir eilig ins erste Zimmer entgegen, – was früher nie geschehen war. Sie reichte mir beide Hände und errötete. Schweigend führte sie mich in ihr Zimmer, setzte sich wieder an ihre Handarbeit und wies auf einen Stuhl ihr gegenüber. Aber die Arbeit nahm sie nicht wieder auf, sondern sah mich mit glühender, lebhafter Teilnahme an, ohne ein Wort zu sagen.
„Sie haben Darja Onissimowna zur mir geschickt,“ begann ich ohne Umschweife, ein wenig bedrückt durch ihre so auffallend gezeigte Teilnahme, obgleich diese mir doch auch schmeichelte.
Da begann sie plötzlich zu sprechen, ohne auf meine Frage einzugehen.
„Ich habe alles gehört, ich weiß alles. Diese schreckliche Nacht ... Oh, wie müssen Sie gelitten haben! Ist es denn wahr, wirklich wahr, daß man Sie besinnungslos, halb erfroren, gefunden hat?“
„Das hat Ihnen ... Lambert ...“ murmelte ich und errötete.
„Ich habe gleich damals alles durch ihn erfahren; und ich habe auf Sie gewartet. Oh, ganz erschrocken kam er zu mir, um mir alles zu erzählen. In Ihrer Wohnung ... dort, wo Sie krank lagen, hat man ihn nicht zu Ihnen gelassen ... und hat ihn überhaupt sehr sonderbar empfangen ... Ich weiß zwar nicht genau, wie sich alles zugetragen hat, aber er hat mir viel von dieser Nacht erzählt: er erzählte mir auch, daß Sie, als Sie kaum zu sich gekommen waren, sogleich von mir gesprochen haben und ... und von Ihrer Ergebenheit für mich. Ich war zu Tränen gerührt, Arkadi Makarowitsch, ich weiß nicht einmal, wodurch ich diese Ihre glühende Anteilnahme verdient habe, und noch in der Lage, in der Sie sich selbst damals befanden! Sagen Sie, dieser Herr Lambert ist Ihr Jugendfreund?“
„Ja, aber bei diesem Wiedersehen ... ich muß gestehen, war ich etwas unvorsichtig und habe ihm vielleicht etwas zuviel vertraut.“
„Oh, von dieser schrecklichen Intrige hätte ich auch ohne ihn erfahren! Ich habe schon längst vorausgesehen, daß diese Menschen Sie so weit bringen würden. Sagen Sie, ist es wahr, daß Bjoring gewagt hat, seine Hand gegen Sie zu erheben?“
Sie tat so, als wäre ich damals nur durch Bjoring und „sie“ in jene Verfassung an der Mauer gekommen. Und sie hat recht, dachte ich, aber ich brauste doch auf:
„Wenn er gegen mich die Hand erhoben hätte, so wäre er ungezüchtigt nicht davongekommen, und ich würde jetzt nicht ungerächt so vor Ihnen sitzen,“ erwiderte ich heftig. Ich fühlte, daß sie mich zu irgend etwas reizen, gegen irgend jemand hetzen wollte (es war mir übrigens klar, gegen wen); und doch fiel ich darauf herein.
„Wenn Sie sagen, Sie hätten es vorausgesehen, daß man mich so weit bringen werde, so war das von seiten Katerina Nikolajewnas selbstverständlich nur ein Zweifeln an mir ... allerdings ist es wahr, daß ihr Vertrauen sich etwas zu schnell in dieses Mißtrauen verwandelt hat ...“
„Ja, gar zu schnell, das ist es ja eben!“ griff Anna Andrejewna mit überschwänglichem Mitgefühl meine Behauptung auf. „Oh, wenn Sie wüßten, was sie jetzt dort für Intrigen spinnen! Freilich, Arkadi Makarowitsch, Ihnen dürfte es schwer fallen, die ganze Peinlichkeit meiner Lage zu begreifen,“ sagte sie errötend und schlug die Augen nieder. „Inzwischen habe ich – nach jenem Vormittag, als wir uns zum letztenmal sahen – habe ich einen Schritt getan, den nicht ein Jeder so verstehen kann, wie ihn ein Mensch von Ihrem reinen Verstande und mit Ihrem liebevollen, unverdorbenen und frischen Herzen zu verstehen vermag. Seien Sie überzeugt, mein Freund, daß ich Ihre Ergebenheit mir gegenüber zu schätzen weiß und sie Ihnen mit ewiger Dankbarkeit lohnen werde. Die Gesellschaft wird natürlich den Stein gegen mich erheben, sie hat es ja schon getan. Und selbst wenn sie recht hätte, von ihrem niedrigen Standpunkte aus, wer kann, wer darf selbst in diesem Fall mich verurteilen? Ich bin seit meiner Kindheit von meinem Vater verlassen; wir Werssiloffs sind ein altes vornehmes Geschlecht, und doch sind wir Kinder Heimatlose, und ich esse fremdes Gnadenbrot. Ist es da nicht natürlich, daß ich mich an den gewandt habe, der mir seit meiner Kindheit den Vater ersetzt hat, und dessen Güte ich soviel verdanke? Meine Gefühle für ihn kennt nur Gott, er mag sie richten, doch den Urteilsspruch der Welt über mich erkenne ich nicht an! Und wenn nun noch die hinterlistigsten Intrigen gesponnen werden, und die eigene Tochter ihren vertrauensvollen und großmütigen Vater ins Unglück stürzen will, ja, darf man dann noch zögern? Nein, und wenn es mich auch meinen Ruf kostet, ich rette ihn! Ich bin bereit, einfach als Pflegerin bei ihm zu leben, seine Wärterin, seine Krankenschwester zu sein, doch niemals werde ich zulassen, daß die kalte und niedrige Berechnung der Welt triumphiert!“
Sie sprach in großer Erregung, und obschon diese Erregung zur Hälfte vielleicht gemacht war, so war sie insofern doch ehrlich, als man aus allem ersah, wie weit sie schon in diese ganze Sache hineingezogen war. Oh, ich fühlte es, daß sie log, wenn sie auch ehrlich log (denn man kann auch ehrlich lügen), und daß sie in diesem Augenblick schlecht handelte; aber es ist sonderbar, wie das einem so mit den Frauen ergeht: diese scheinbare Anständigkeit, diese feinen Formen, diese unerreichbare gesellschaftliche Vornehmheit und stolze Keuschheit – alles das brachte mich aus der Fassung, und ich begann, ihr in allem recht zu geben, das heißt, solange ich bei ihr war; wenigstens konnte ich mich nicht entschließen, ihr zu widersprechen. Oh, ein Mann befindet sich entschieden in moralischer Abhängigkeit von der Frau, besonders wenn er großmütig ist! So eine Frau kann einen großmütigen Mann alles glauben machen. „Sie und Lambert – du lieber Gott!“ dachte ich und sah sie ungläubig an. Übrigens, um alles zu sagen: ich bin auch heutigentags nicht imstande, mir über sie ein Urteil zu bilden: ihre wahren Gefühle konnte wirklich nur Gott allein kennen, und außerdem ist der Mensch eine so komplizierte Maschine, daß man in manchen Fällen wirklich nichts von ihm verstehen kann: und nun gar, wenn dieser Mensch – eine Frau ist!
„Anna Andrejewna, was erwarten Sie nun eigentlich von mir?“ fragte ich sie aber doch ziemlich entschlossen.
„Wieso? Was wollen Sie damit gesagt haben, Arkadi Makarowitsch?“
„Mir scheint nach allem ... und noch einigen anderen Erwägungen ...“ erklärte ich befangen, „daß Sie nach mir geschickt haben, weil Sie etwas von mir erwarteten; um was handelt es sich?“
Sie fing sofort wieder zu sprechen an, ohne jedoch auf meine Frage zu antworten, und sprach wieder so schnell und lebhaft wie zuvor.
„Ich kann nicht, ich bin zu stolz, um auf Auseinandersetzungen und Abmachungen mit unbekannten Personen, wie dieser Herr Lambert, einzugehen. Ich habe auf Sie gewartet, nicht auf Herrn Lambert. Meine Lage ist einfach furchtbar, Arkadi Makarowitsch! Ich muß Winkelzüge machen, weil ich von Spionen dieser Frau umgeben bin, – und das ist unerträglich. Ich habe mich fast bis zu Intrigen erniedrigen müssen und habe auf Sie gewartet wie auf meinen Retter. Man kann es mir nicht verdenken, daß ich mich unter diesen Umständen nach einem Freunde umschaue, und wie sollte ich mich nicht glücklich schätzen, daß ich so einen Freund habe: wer in einer Nacht, da er selbst halb erfroren aufgefunden wird, noch meinen Namen nennt, der muß mir doch ergeben sein! Das habe ich mir die ganze Zeit immer wieder gesagt, und deshalb habe ich auch meine ganze Hoffnung auf Sie gesetzt.“
Sie sah mir mit ungeduldig fragendem Ausdruck in die Augen. Und siehe da, mir fehlte wieder der Mut, ihr den Glauben zu nehmen und ihr geradeaus zu erklären, daß Lambert sie betrogen, und daß ich ihm durchaus nicht gesagt hatte, ich sei ihr so sehr ergeben, geschweige denn, daß ich „nur ihren Namen“ auf den Lippen gehabt hätte. Mit meinem Schweigen aber unterstützte ich gewissermaßen Lamberts Lüge. Oh, ich bin fest davon überzeugt, daß sie dabei nur zu gut wußte, daß Lambert alles übertrieben und sie einfach belogen hatte, einzig und allein, um einen Vorwand zu haben, bei ihr zu erscheinen und die Beziehung zu ihr aufrechtzuerhalten; und wenn sie mir nun so in die Augen sah, als wäre sie wirklich von dem Gesagten und von meiner Ergebenheit überzeugt, so wußte sie eben, daß ich es nicht wagen würde, ihrer Annahme zu widersprechen, einerseits aus Zartgefühl und andererseits infolge meiner jugendlichen Schüchternheit. Übrigens, ob ich mit dieser Vermutung recht habe oder nicht – das weiß ich nicht. Vielleicht bin ich nur schrecklich verdorben.
„Mein Bruder wird für mich eintreten,“ sagte sie plötzlich erregt, als sie sah, daß ich keine Antwort geben wollte.
„Man sagte mir, Sie seien mit ihm in meiner Wohnung gewesen,“ stammelte ich verwirrt.
„Aber der unglückliche Fürst Nikolai Iwanowitsch kann sich ja nirgendwohin mehr retten, vor dieser ganzen Intrige, oder richtiger, vor seiner eigenen Tochter, als in Ihre Wohnung, das heißt, in die Wohnung seines Freundes; denn er hat doch wohl das Recht, Sie wenigstens für seinen Freund zu halten! ... Und dann, wenn Sie etwas für ihn tun wollen, so tun Sie es, wofern in Ihnen soviel Großmut und – Kühnheit ist ... und wenn Sie für ihn wirklich etwas tun können. Oh, nicht um meinetwillen, nicht für mich, sondern für ihn, für den unglücklichen alten Mann, der Sie wirklich aufrichtig liebt, der Sie von ganzem Herzen wie seinen eigenen Sohn liebt, und der sich auch heute noch nach Ihnen sehnt! Für mich erwarte ich gar nichts, auch nicht von Ihnen – hat doch selbst mein eigener Vater mir einen so hinterlistigen, so boshaften Streich gespielt!“
„Ich glaube, Andrei Petrowitsch ...“ begann ich.
„Andrei Petrowitsch,“ unterbrach sie mich mit bitterem Hohnlächeln, „Andrei Petrowitsch hat mir damals auf meine offene Frage ehrenwörtlich versichert, daß er niemals die geringste Absicht auf Katerina Nikolajewna gehabt habe, was ich ihm auch glaubte, als ich meinen Schritt tat; indessen dauerte dieser Verzicht nur so lange, bis er die erste Nachricht von einem gewissen Herrn Bjoring erfuhr.“
„Das ist nicht so zu verstehen,“ rief ich, „es hat einen Augenblick gegeben, wo auch ich an seine Liebe zu dieser Frau glaubte – aber das ist es nicht ... Ja, und selbst wenn es der Fall gewesen wäre, so kann er doch jetzt ganz beruhigt sein ... da dieser Herr ja schon verabschiedet worden ist.“
„Welcher Herr?“
„Bjoring.“
„Wer hat Ihnen denn das gesagt? Vielleicht hat dieser Herr noch niemals so viel Einfluß gehabt, wie eben jetzt,“ lachte sie boshaft; mir schien sogar, daß sie mich dabei spöttisch und scharf beobachtete.
„Mir sagte es Darja Onissimowna,“ stammelte ich in einer Verwirrung, die zu verbergen ich nicht imstande war, und die sie nur zu gut bemerkte.
„Darja Onissimowna ist ja eine sehr nette Person, und natürlich kann ich ihr nicht verbieten, mich zu lieben, aber sie hat gar keine Mittel, etwas zu erfahren, was sie nicht zu wissen braucht.“
Mein Herz krampfte sich zusammen; und wenn sie beabsichtigt hatte, meinen Unwillen zu entflammen, so war ihr das allerdings gelungen, da es in mir heiß zu sieden begann, nur war es nicht Unwille über jene Frau, sondern Unwille über sie, Anna Andrejewna, selbst. Ich erhob mich.
„Als anständiger Mensch muß ich Sie im voraus darauf aufmerksam machen, daß Ihre Erwartungen ... in bezug auf mich ... sich als sehr hinfällig erweisen können ...“
„Ich erwarte von Ihnen, daß Sie für mich eintreten,“ sagte sie und sah mich fest an, „für mich, die ich von allen verlassen bin ... für Ihre Schwester, wenn Sie es wollen, Arkadi Makarowitsch.“
Einen Augenblick noch, und sie hätte zu weinen angefangen.
„Nun, dann erwarten Sie lieber nichts von mir, weil ich Sie vielleicht enttäuschen könnte,“ stammelte ich in unsäglicher Pein.
„Wie soll ich Ihre Worte verstehen?“ fragte sie mich ganz zaghaft.
„Einfach, daß ich von ihnen allen fortgehe und – damit basta!“ rief ich plötzlich voller Wut – „und das Dokument – zerreiße ich. Leben Sie wohl.“
Ich verbeugte mich vor ihr und ging schweigend hinaus, dabei wagte ich kaum, sie anzusehen; aber ich war noch nicht die Treppe hinuntergegangen, als Darja Onissimowna mich einholte und mir ein zweimal zusammengefaltetes Blatt Briefpapier überreichte. Woher diese Darja Onissimowna plötzlich kam, und wo sie sich während meiner Unterredung mit Anna Andrejewna befunden hatte, – weiß ich nicht. Sie sagte mir kein Wort, übergab mir nur das Papier und lief wieder zurück. Ich entfaltete das Blatt: auf ihm stand nichts weiter als Lamberts Adresse, die offenbar schon vor einiger Zeit geschrieben war. Ich erinnerte mich plötzlich, daß ich damals, als Darja Onissimowna bei mir gewesen war, ihr gesagt hatte, ich wüßte nicht, wo Lambert wohne, aber natürlich in dem Sinne, daß ich die Wohnung auch gar nicht wissen wollte. Inzwischen aber hatte ich die Adresse Lamberts schon durch Lisa erhalten, die ich gebeten hatte, sich im Adreßbüro zu erkundigen. Dieser Schachzug Anna Andrejewnas erschien mir denn doch schon zu rücksichtslos, ja, sogar zynisch: ungeachtet meiner Weigerung, ihr zu helfen, schickte sie mich nun einfach zu Lambert. Mir wurde nur zu klar, daß sie den Inhalt des Dokumentes kannte – und durch wen hätte sie den erfahren können, wenn nicht durch Lambert, zu dem sie mich jetzt sandte, damit es zwischen uns zu einer Vereinbarung käme!
„Sie halten mich ja alle, ohne Ausnahme, für einen dummen Jungen, der weder eigenen Willen noch Charakter hat, und mit dem man machen kann, was man nur will!“ dachte ich empört.
II.
Doch ungeachtet meiner ganzen Empörung über Anna Andrejewna begab ich mich sogleich zu Lambert. Wohin hätte ich auch mit meiner Neugier gehen sollen? Lambert wohnte, wie sich zeigte, sehr weit: in der „Schiefen Querstraße“, in der Nähe des Sommergartens, immer noch in jenem möblierten Zimmer; aber damals, als ich ihm davongelaufen und nach Haus gefahren war, hatte ich so wenig auf den Weg geachtet, daß ich, als ich vor vier Tagen seine Adresse durch Lisa erhalten hatte, sehr erstaunt gewesen war und es kaum hatte glauben wollen, daß er dort wohne. Als ich die Treppe zum dritten Stock hinaufstieg, bemerkte ich vor der Tür zwei junge Leute; ich dachte, sie hätten bereits geklingelt und warteten nun darauf, daß ihnen geöffnet werde. Während ich hinaufstieg, standen sie beide mit dem Rücken gegen die Tür und musterten mich aufmerksam. „Hier sind ja mehrere möblierte Zimmer, sie werden wohl einen anderen Mieter besuchen wollen,“ dachte ich stirnrunzelnd; denn es wäre mir sehr unangenehm gewesen, bei Lambert noch irgend jemand anzutreffen. Ich bemühte mich, sie nicht anzusehen und streckte die Hand nach der Klingel aus.
„Attendez!“ rief mir der eine zu.
„Ach bitte, warten Sie noch etwas mit dem Klingeln,“ sagte mit heller und freundlich bittender Stimme der andere junge Mann – er hatte die in unserer höheren Gesellschaft übliche schleppende Sprechweise. „Wir werden gleich fertig sein, und dann klingeln wir zusammen, ist es Ihnen recht?“
Ich zog meine Hand zurück. Beide waren sie junge Leute von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren; sie beschäftigten sich dort an der Tür mit etwas sehr Sonderbarem und ich schaute ihnen mit Verwunderung zu. Derjenige, der „attendez“ gerufen hatte, war ein auffallend langer Bursche, mager und offenbar blutarm, aber sehr muskulös, mit einem für seine Größe viel zu kleinen Kopf, dessen leicht pockennarbiges, gar nicht so dummes, ja sogar sympathisches Gesicht einen eigentümlichen, komisch-finsteren Ausdruck hatte. In seinem Blick lag, ich möchte sagen, etwas übertrieben Scharfsinniges und eine unnötige Entschlossenheit. Er war sehr schlecht angezogen: sein alter wattierter Mantel mit dem schäbigen kleinen Waschbärkragen war viel zu kurz für einen so langen Menschen und offenbar nicht für ihn gemacht; dazu hatte er schlechte, fast bäurische Stiefel und auf dem Kopf einen schrecklich struppigen, schon bräunlich gewordenen Zylinder. Man sah ihm sofort den liederlichen Menschen an: seine unbehandschuhten Hände waren unsauber, die langen Nägel hatten Trauerränder. Sein Kamerad dagegen war tadellos gekleidet, soweit man nach seinem leichten Marderpelz, dem eleganten Hut und den neuen hellen Handschuhen urteilen konnte, in denen seine schlanken Hände staken; dem Wuchs nach war er ungefähr von meiner Größe und sein frisches jugendliches Gesicht hatte einen äußerst sympathischen Ausdruck.
Der lange Bursche riß sich seine Krawatte vom Halse – ein vollkommen verschlissenes und schmieriges Band, das fast schon zur Schnur zusammengerollt war; und der hübsche Junge zog aus seiner Tasche eine neue, wohl soeben gekaufte schwarze Krawatte, die er dem Langen umzubinden versuchte, der gehorsam und mit furchtbar ernstem Gesicht seinen langen Hals ihm entgegenreckte, während er seinen Mantel von den Schultern zurückgeschlagen hielt.
„Nein, das geht doch nicht, wenn das Hemd so schmutzig ist,“ sagte der andere, „so wird der Eindruck um garnichts besser, es sieht sogar noch schmutziger aus. Ich hab’ dir doch gesagt, du sollst dir einen reinen Kragen umlegen. Wie soll ich das jetzt binden ... Können Sie es vielleicht?“ wandte er sich plötzlich an mich.
„Was?“ fragte ich.
„Ihm diese Krawatte umbinden? Sehen Sie, man muß sie irgendwie so umbinden, daß das Hemd nicht zu sehen ist, denn sonst geht der ganze Effekt zum Teufel, aber wie soll man das machen? Deshalb habe ich ihm doch die Krawatte soeben gekauft, für einen Rubel.“
„Das hast du – für denselben?“ fragte der Lange.
„Ja, für denselben; ich habe jetzt keine Kopeke mehr. Sie können es also auch nicht? Dann werden wir Alphonsinka bitten müssen.“
„Zu Lambert?“ fragte mich plötzlich scharf der Lange.
„Allerdings,“ antwortete ich ebenso scharf und sah ihm in die Augen.
„Dolgorowky?“ fragte er in demselben Ton und mit derselben Stimme.
„Nein, nicht Koroffkin,“ antwortete ich ebenso energisch; ich hatte ihn nicht richtig verstanden.
„Dolgorowky?!“ wiederholte der Lange fast schreiend und trat drohend auf mich zu. Sein Kamerad begann zu lachen.
„Er sagt Dolgorowky und nicht Koroffkin,“ erklärte er mir. „Wissen Sie, die Franzosen verdrehen im ‚Journal des Débats‘ so oft die russischen Namen ...“
„In der ‚Indépendance‘,“ knurrte der Lange.
„Na, egal, dann war’s in der ‚Indépendance‘. Den Namen des Fürsten Dolgoruki schreiben sie zum Beispiel ‚Dolgorowky‘ – ich habe es selbst gelesen, und W–ff schreiben sie immer ‚le comte Vallonieff‘.“
„Doboyny!“ rief der Lange.
„Ja, richtig, auch den Namen ‚Doboyny‘ haben sie mal angeführt; ich habe ihn selbst gelesen, und wir haben noch beide darüber gelacht: irgendeine russische madame Doboyny, die im Auslande wohnt ... aber wozu sie jetzt alle nennen,“ wandte er sich plötzlich an den Langen.
„Entschuldigen Sie, heißen Sie Dolgoruki?“
„Ja, – ich heiße Dolgoruki, aber woher wissen Sie denn das?“
Der Lange flüsterte dem hübschen Jungen schnell etwas ins Ohr. Der runzelte die Stirn und machte eine verneinende Handbewegung, doch der Lange ließ sich nicht abhalten und wandte sich wieder an mich.
„Monsieur le prince, vous n’avez pas de rouble d’argent pour nous, pas deux, mais un seul, voulez-vous?“
„Pfui, wie frech du bist,“ rief der Junge.
„Nous vous rendons,“ bemerkte der Lange, der die französischen Worte plump und ungeschickt aussprach.
„Wissen Sie, er ist ein Zyniker,“ erklärte mir der Junge lachend. „Sie denken vielleicht, er kann kein Französisch? Er spricht wie ein Pariser, aber jetzt parodiert er nur die Russen, die in der Gesellschaft so furchtbar gern laut untereinander Französisch sprechen und es dabei gar nicht können ...“
„Dans les wagons,“ erläuterte der Lange.
„Ja, auch in den Waggons; ach, wie langweilig du bist! Das ist doch ganz gleich. Auch ein Vergnügen, den Dummkopf zu spielen!“
Ich nahm währenddessen den Rubel heraus und reichte ihn dem Langen.
„Nous vous rendons,“ sagte er und steckte den Rubel ein; dann wandte er sich ruhig zur Tür, und begann, während sein Gesicht dabei vollkommen unbeweglich und ernst blieb, mit der Spitze seines großen, plumpen Stiefels gegen die Tür zu hämmern, – das alles, wie gesagt, ohne die geringste Erregung ...
„Ach, du wirst es wieder zu einem Skandal bringen, mit Lambert!“ rief der Junge beunruhigt. „Klingeln Sie dann schon lieber.“
Ich klingelte, aber der Lange hämmerte unbekümmert weiter mit seinem Fuß an die Tür.
„Ah, sacré ...“ hörte man auf einmal die wütende Stimme Lamberts hinter der Tür, und er öffnete schnell.
„Dites donc, voulez-vous que je vous casse la tête, mon ami!“ schrie er den Langen an.
„Mon ami, voilà Dolgorowky, l’autre mon ami,“ sprach ernst und feierlich der Lange und sah dem vor Zorn puterroten Lambert starr in die Augen. Als dieser mich erblickte, veränderte sich sein Gesicht im Handumdrehen.
„Ach du bist es, Arkadi! Endlich doch! So bist du jetzt gesund, endlich wieder gesund?“
Er ergriff meine beiden Hände und schüttelte sie kräftig; kurz, er war so aufrichtig erfreut, daß ich mich für den Augenblick sehr angenehm berührt fühlte und ihn beinahe lieb gewann.
„Mein erster Weg führt mich zu dir!“
„Alphonsine!“ rief Lambert. Sie sprang im Augenblick hinter dem Schirm hervor.
„Le voilà!“
„C’est lui!“ rief Alphonsinka und schlug die Hände zusammen und breitete sie wieder aus und wollte sich schon auf mich stürzen, um mich zu umarmen, aber Lambert schützte mich davor.
„Nonono! tout beau!“ rief er ihr drohend zu, wie einem Hündchen. „Du, Arkadi, sieh mal, ich habe mich heute verabredet, mit ein paar Bekannten im tatarischen Restaurant zu Mittag zu speisen. Ich lasse dich jetzt nicht los, du mußt mit mir hinfahren. Wir speisen zusammen; die anderen werde ich mir schon vom Halse schaffen – und dann sprechen wir uns aus. Komm nur herein, komm! Wir werden gleich aufbrechen, nur einen Augenblick mußt du warten.“
Ich trat ein, sah mich im Zimmer um, und versuchte, mir das Erlebte von damals zu vergegenwärtigen. Lambert kleidete sich schnell hinter dem Wandschirm um. Der Lange und sein Kamerad waren uns gefolgt, trotz der Worte, mit denen Lambert sie empfangen hatte. Wir blieben alle stehen.
„Mademoiselle Alphonsine, voulez-vous me baiser?“ äffte der Lange.
„Mademoiselle Alphonsine,“ begann auch der Jüngere und näherte sich ihr, indem er ihr die Krawatte hinhielt, aber sie fuhr wütend auf die beiden los.
„Ah, le petit vilain!“ schrie sie den Jüngeren an, „ne m’approchez pas, ne me salissez pas, et vous, le grand dadais, je vous flanque à la porte tous les deux, savez-vous cela!“
Doch der Jüngere ließ sich nicht abschrecken, obgleich sie sich mit solcher Verachtung und solchem Ekel von ihm abwandte, als hätte sie wirklich gefürchtet, sich an ihm zu beschmutzen (was ich gar nicht verstehen konnte, denn er sah so nett aus und war – was ich sah, als er den Pelz ablegte – so gut angezogen!) und bat sie trotzdem unentwegt, seinem langen Kameraden die Krawatte zu binden und ihm vorher einen reinen Kragen von Lambert umzulegen. Sie aber geriet über dieses Ansinnen dermaßen in Wut, daß sie ihn womöglich geschlagen haben würde, wenn Lambert, der hinter dem Wandschirm die Bitte gehört hatte, ihr nicht zugerufen hätte, sie möge sie nicht aufhalten und tun, was sie verlangten. „Sonst gehen sie überhaupt nicht mehr weg,“ fügte er hinzu. Da nahm Alphonsinka sofort einen Kragen und band dem Langen die Krawatte um, und tat es sogar ohne jede Spur von Widerstreben. Der Lange aber reckte genau wie vorhin auf der Treppe seinen Hals aus, während sie ihm die Krawatte band.
„Mademoiselle Alphonsine, avez-vous vendu votre bologne?“ fragte er.
„Qu’est-ce que ça, ma bologne?“
Der Jüngere erklärte, daß sein Freund mit „bologne“ ihr Bologneserhündchen meine.
„Tiens, quel est ce baragouin?“
„Je parle comme une dame russe sur les eaux minérales,“ spottete le grand dadais wieder in steifem Französisch, während er immer noch mit vorgestrecktem Halse stand.
„Qu’est-ce que ça, qu’une dame russe ‚sur les eaux minérales‘? Et ... mais où est donc votre jolie montre que Lambert vous a donnée?“ wandte sie sich plötzlich an den Jüngeren.
„Was, ist er schon wieder ohne Uhr?“ rief Lambert geärgert hinter dem Schirm.
„Aufgefressen!“ knurrte le grand dadais.
„Ich hab’ sie für acht Rubel verkauft: sie war ja nur silbervergoldet – und Sie gaben sie aus als rein goldene Uhr. Solche kosten jetzt neu auch nicht mehr als sechzehn Rubel,“ rechtfertigte sich der Jüngere, tat es jedoch ersichtlich mit großer Unlust.
„Damit muß endlich einmal ein Ende gemacht werden!“ fuhr Lambert geärgert fort. „Ich kaufe Ihnen, mein junger Freund, nicht zu dem Zweck Kleider und schöne Sachen, damit Sie sie Ihrem langen Freunde in den Rachen werfen. Was für eine Krawatte haben Sie ihm da schon wieder gekauft?“
„Die kostet nur einen Rubel, und der war nicht von Ihrem Geld. Er hatte überhaupt keine Krawatte mehr! Einen Hut muß man ihm auch noch kaufen!“
„Unsinn!“ schrie Lambert, jetzt schon wirklich wütend.
„Ich habe ihm genug gegeben, auch für einen Hut, er aber hat sofort Austern und Champagner bestellt. Dabei stinkt er und ist ein Schmutzfink; man kann sich ja nirgendwo mit ihm sehen lassen. Wie soll ich ihn jetzt ins Restaurant mitnehmen?“
„Mit ’ner Droschke,“ knurrte der dadais. „Nous avons un rouble d’argent que nous avons prêté chez notre nouvel ami.“
„Gib ihnen nichts, Arkadi!“ schrie Lambert wieder.
„Erlauben Sie, Lambert; ich verlange von Ihnen sofort zehn Rubel,“ forderte plötzlich der Jüngere so wütend, daß er ganz rot im Gesicht wurde, was ihn noch hübscher machte. „Und wagen Sie es nicht noch einmal, solche Dummheiten zu sagen, wie jetzt zu Dolgoruki. Ich verlange von Ihnen zehn Rubel, um Dolgoruki den einen Rubel sogleich zurückgeben zu können, von dem übrigen Gelde aber kaufe ich sofort einen Hut für Andrejeff – das werden Sie sehen.“
Lambert kam hinter dem Schirm hervor.
„Hier sind drei gelbe Lappen, drei Rubel, mehr gibt es nicht bis Dienstag, und wagt es nicht, mir früher zu kommen ... sonst ...“
Le grand dadais riß ihm das Geld nur so aus der Hand.
„Dolgorowky, hier ist der Rubel, nous vous rendons avec beaucoup de grâce. Petjä, fahren wir!“ rief er seinem Kameraden zu, und dann auf einmal, schwang er die beiden Scheine durch die Luft, sah Lambert frech ins Gesicht, und schrie aus allen Kräften: „Ohé, Lambert! Où est Lambert, as-tu vu Lambert?“
„Nehmt euch in acht, nehmt euch in acht!“ brüllte Lambert in furchtbarer Wut.
Ich sah, daß hier etwas vorging, was auf Früheres Bezug hatte, wovon ich nichts wußte, und ich hörte nicht ohne Verwunderung zu. Aber der Lange ließ sich durch den Zorn Lamberts nicht im geringsten einschüchtern, im Gegenteil, er schrie sogar noch lauter: Ohé, Lambert! usw. Mit diesem Geschrei zogen sie ab. Lambert wollte ihnen nachstürzen, besann sich aber und kehrte wieder um.
„Denen werde ich auch bald einen Genickstoß geben! Die kosten mehr als sie einbringen ... Gehen wir, Arkadi! Ich hab’ mich schon verspätet. Dort erwartet mich noch so einer ... den ich brauche ... Auch so ein Vieh ... und das sind sie alle! Halunken sind sie, Halunken!“ schrie er wieder und knirschte vor Wut; doch plötzlich besann er sich und nahm sich zusammen. „Ich freue mich, daß du endlich gekommen bist. Alphonsine, wohlgemerkt: keinen Schritt aus dem Hause! Gehen wir.“
Vor der Haustür erwartete ihn eine elegante Mietsdroschke. Wir stiegen ein; doch selbst unterwegs konnte er seine Wut auf die jungen Leute nicht meistern und sich beruhigen. Ich wunderte mich, daß er sie so ernst nahm, und daß sie Lambert so respektlos behandelten, während er beinahe Angst vor ihnen hatte. Nach den alten, in mir fest eingewurzelten Eindrücken aus meiner Kindheit glaubte ich noch immer, daß alle Lambert fürchten müßten; und ich glaube, selbst in dem Augenblick muß ich, trotz meiner ganzen Unabhängigkeit, Lambert doch noch gefürchtet haben.
„Ich sage dir, das ist ein furchtbares Lumpenpack,“ fuhr Lambert fort. „Wirst du’s mir glauben, dieser Lange, dieser ekelhafte Kerl, hat mich noch vor drei Tagen in einer Gesellschaft bloßgestellt. Er stellt sich vor mir auf und schreit: ‚Ohé, Lambert!‘ usw. Und das in guter Gesellschaft! Alle lachen und merken natürlich, daß er es tut, damit ich ihm Geld gebe – kannst du dir meine Lage vorstellen! Und ich habe es ihm geben müssen. Oh, dieses Lumpenpack! Wirst du’s mir glauben, er war Junker in einem Regiment, wurde dann ausgeschlossen, und kannst du dir vorstellen, er ist ein gebildeter Mensch: er hat seine Erziehung in einem guten Hause erhalten! Er hat Ideen, er könnte ... Eh, zum Teufel! Und er ist stark wie Herkules. Er ist mir ja nützlich, doch nicht sehr ... Und hast du gesehen, er wäscht sich nicht einmal die Hände! Ich empfahl ihn einer Dame, einer alten vornehmen Dame; ich sagte ihr, er bereue seinen Lebenswandel und wolle sich vor Gewissensbissen umbringen, er aber kommt zu ihr, setzt sich hin und pfeift. Und der andere, der Nette – ist der Sohn eines Generals; die Familie schämt sich seiner, ich hab’ ihn gerettet, hab’ ihn dem Gericht entrissen, und so lohnt er es mir! Hier gibt es keine Menschen! Aber ich werde sie mir schon vom Halse schaffen und zum Teufel jagen!“
„Sie wissen meinen Namen; hast du mit ihnen von mir gesprochen?“
„Ich war mal so dumm. Weißt du, wenn man so bei Tisch zusammensitzt, da geht einem manches über die Lippen ... Es kommt noch eine furchtbare Kanaille hin. Der ist schon wirklich eine Kanaille und dabei schlau. Hier gibt es nur Spitzbuben, hier gibt es keine anständigen Menschen! Na, wenn ich mit ihnen fertig bin – dann ... Was ißt du gern? Aber das ist ja egal, man speist dort immer ausgezeichnet. Beunruhige dich nicht, ich werde alles bezahlen. Schön, daß du so gut angezogen bist. Ich kann dir Geld geben. Komm nur immer zu mir. Stell dir vor, ich habe ihnen hier zu essen und zu trinken gegeben, jeden Tag Fischpasteten und Delikatessen; die Uhr, die er verkauft hat, ist schon die zweite. Dieser Knabe, Trischatoff heißt er, – du hast ja selbst gesehen: sogar Alphonsinka ekelt sich, ihn anzurühren, und läßt ihn nicht an sich herankommen – und plötzlich bestellt er im Restaurant, in Gegenwart von Offizieren, – Schnepfen! ‚Ich will Schnepfen,‘ sagt er. Ich habe ihm die Schnepfen damals auch bestellt, aber ich werde mich schon dafür rächen!“
„Erinnerst du dich noch, wie wir in Moskau zusammen ins Restaurant fuhren und du mich dort mit der Gabel stachst, und wie du damals fünfhundert Rubel hattest?“
„Ja, ich weiß noch! Eh, Teufel, ich weiß! Aber ich habe dich gern ... Das kannst du mir glauben. Dich liebt ja sonst kein Mensch, ich aber hab’ dich gern; nur ich allein, vergiß das nicht ... Der da, der dorthin kommt, der Pockennarbige – das ist die allerschlauste Kanaille, die mir je begegnet ist; antworte ihm nichts, wenn er mit dir spricht, und wenn er dich zu fragen anfängt, so antworte ihm irgendeinen Unsinn, oder schweige ganz ...“
Jedenfalls kam er unterwegs infolge seiner Aufregung gar nicht dazu, mich auszufragen. Ich aber empfand es fast als Beleidigung, daß er meiner so sicher war und nicht einmal auf die Vermutung kam, ich könnte ihm mißtrauen; wie mir schien, befand er sich noch in dem dummen Glauben, er könne mich genau so kommandieren wie in früheren Jahren. „Und dabei ist er noch so furchtbar ungebildet,“ dachte ich bei mir, als wir ins Restaurant traten.
III.
In diesem Restaurant an der Großen Morskajastraße hatte ich schon früher verkehrt, in der Zeit meiner Gesunkenheit; darum durchbohrte es mich förmlich, als ich diese Räume, diese Kellner, die mich musterten und in mir einen früheren Gast erkannten, wiedersah. Und nicht viel anders wirkte auf mich der Anblick dieser rätselhaften Freunde Lamberts, in deren Gesellschaft ich mich plötzlich befand, und zu denen ich schon untrennbar zu gehören schien; und dazu kam nun noch das dunkle Vorgefühl, daß ich freiwillig in eine Gemeinheit rannte, die zweifellos mit einer schlechten Tat enden würde – wie gesagt, dieses Gefühl, dieser Eindruck saß in mir und bohrte in mir. Es gab einen Augenblick, da ich fort, nur fortlaufen wollte; doch der Augenblick verging und ich blieb.
Der Pockennarbige, den Lambert aus unbekannten Gründen so fürchtete, wartete schon auf uns. Das war ein Mann mit dummgeschäftigem Gesichtsausdruck, ein Typus, den ich schon seit meiner Kindheit geradezu verabscheute; er mochte fünfundvierzig Jahre alt sein, war von mittlerem Wuchs, hatte leicht ergrautes Haar und ein widerlich glattrasiertes Gesicht mit kleinen abgeschnittenen Bartkoteletten, die wie zwei Würstchen das auffallend flache und böse Gesicht einfaßten. Natürlich war er langweilig, ernst, wortkarg und, wie es diese Leutchen gewöhnlich sind, aus irgendeinem Grunde auch noch hochmütig. Er musterte mich sehr aufmerksam, sagte aber kein Wort. Lambert war so töricht, uns nicht miteinander bekannt zu machen, obgleich wir uns an denselben Tisch setzten: folglich konnte mich jener für einen der Erpresser aus Lamberts Gefolge halten. Mit den beiden jungen Leuten (die fast gleichzeitig mit uns eingetroffen waren) sprach der Pockennarbige während der ganzen Mahlzeit auch kein Wort, aber es war offensichtlich, daß er sie sehr gut kannte. Er sprach ausschließlich mit Lambert, aber das Gespräch wurde nur im Flüsterton geführt, und eigentlich sprach nur Lambert; der Pockennarbige begnügte sich mit abgerissenen, wütenden Worten, die wie Ultimata klangen. Er verhielt sich äußerst hochmütig, böse und spöttisch, während Lambert sich in großer Erregung befand und sichtlich in der Absicht auf ihn einsprach, ihn zu irgendeinem Unternehmen zu überreden. Einmal streckte ich die Hand nach einer Rotweinflasche aus, doch da griff der Pockennarbige, der bis dahin kein Wort zu mir gesprochen hatte, schnell nach der Sherryflasche und reichte sie mir. „Versuchen Sie den,“ sagte er dabei.
Ich erriet sofort, daß er über mich schon unterrichtet war und wohl nicht nur meinen Namen, sondern auch meine ganze Lebensgeschichte kannte, und ganz genau wußte, worauf Lambert bei mir rechnete. Der Gedanke, daß er mich für einen von Lamberts Helfershelfern halten könnte, empörte mich mächtig. Lamberts Gesicht aber drückte höchste und dümmste Beunruhigung aus, sobald der andere nur ein Wort zu mir sagte. Dem Pockennarbigen konnte das natürlich nicht entgehen, und er begann zu lachen.
„Lambert hängt entschieden von ihnen allen ab,“ dachte ich und haßte ihn in diesem Augenblick aus ganzer Seele. So waren wir denn während der ganzen Mahlzeit, wenn wir auch an einem Tisch zusammensaßen, doch in zwei Gruppen geteilt: am Fenster der Pockennarbige und Lambert einander gegenüber, und am anderen Ende ich neben dem schmierigen Andrejeff, und wiederum uns gegenüber der hübsche Trischatoff. Lambert hatte es sehr eilig mit dem Essen und trieb den Kellner alle Augenblicke zu schnellerem Servieren an. Als man den Champagner brachte, hob er mir plötzlich sein Glas entgegen:
„Auf dein Wohl, stoßen wir an!“ unterbrach er sein Gespräch mit dem Pockennarbigen.
„Erlauben Sie auch mir, mit Ihnen anzustoßen?“ fragte mich der hübsche Trischatoff und hielt mir sein Glas entgegen.
Bis zum Champagner war er sehr nachdenklich und schweigsam gewesen. Der dadais hatte überhaupt nichts gesprochen, nur geschwiegen und viel gegessen.
„Mit Vergnügen,“ erwiderte ich Trischatoff.
Wir stießen an und leerten unsere Gläser.
„Ich werde nicht auf Ihr Wohl trinken,“ wandte sich plötzlich auch der dadais an mich, „nicht weil ich Ihnen etwa den Tod wünsche, sondern weil ich nicht will, daß Sie hier zu viel trinken“. Er sagte das düster und nachdrücklich. „Sie haben von drei Gläsern genug. Ich sehe, Sie betrachten meine ungewaschene Faust?“ fuhr er fort und legte die Hand vor sich auf den Tisch. „Ich wasche sie nicht, und so ungewaschen vermiete ich sie an Lambert, zum Einschlagen fremder Schädel, in Fällen, die für Lambert bedenklich sind.“
Und plötzlich schlug er mit der Faust aus aller Kraft auf den Tisch, daß sämtliche Teller und Gläser klirrten. Außer unserem Tisch waren in diesem Zimmer noch vier Tische besetzt, – von Offizieren und Herren von tadelloser Haltung. Das Restaurant war gerade in Mode; alle unterbrachen für den Augenblick ihr Gespräch und sahen in unsere Ecke; ja, ich glaube, wir hatten schon längst ein gewisses Aufsehen erregt. Lambert errötete über und über.
„Ha, fängt er schon wieder an! Ich habe Sie doch gebeten, Nikolai Ssemjonowitsch, sich anständig aufzuführen,“ raunte er in wütendem Geflüster Andrejeff zu. Der wandte ihm langsam den Blick zu und sah ihn lässig an.
„Ich wünsche nicht, daß mein neuer Freund Dolgorowky heute hier zuviel Wein trinkt,“ sagte er.
Lambert wurde vor Wut noch röter. Der Pockennarbige hörte schweigend, aber mit sichtlichem Vergnügen zu. Andrejeffs Ausfall schien ihm aus irgendeinem Grunde zu gefallen. Nur ich allein begriff nicht, warum ich nicht mehr trinken sollte.
„Das tut er nur, damit ich ihm noch Geld gebe. Sie bekommen noch sieben Rubel, verstanden, nach dem Essen – nur lassen Sie uns erst die Mahlzeit beenden; blamieren Sie uns nicht,“ sagte Lambert halblaut, wenn auch knirschend vor Wut, zu ihm.
„Aha!“ brummte der dadais siegesbewußt.
Das entzückte den Pockennarbigen nun ganz und gar, und er fing boshaft zu kichern an.
„Höre, du bist schon zu ...“ wandte sich Trischatoff beunruhigt und fast schmerzlich berührt an seinen Freund, offenbar um ihn zurückzuhalten.
Andrejeff verstummte, aber nicht für lange, denn das entsprach nicht seiner Absicht. Nicht weit von uns, vielleicht fünf Schritt von unserem Tisch, speisten zwei Herren, die sich lebhaft unterhielten. Beide waren in mittleren Jahren, und man sah ihnen sofort eine gewisse übertriebene Empfindlichkeit an. Der eine war groß und sehr dick, der andere gleichfalls sehr dick, aber klein. Sie unterhielten sich auf polnisch über die neuesten Pariser Ereignisse. Der dadais hatte sie schon lange aufmerksam betrachtet und zu ihnen hinübergehorcht. Der kleinere Pole erschien ihm offenbar als komische Figur, und er haßte ihn sofort, wie das bei Leuten, die an der Galle oder Leber leiden, sehr häufig ohne jeglichen Grund geschieht. Plötzlich sprach der kleine Pole den Namen des Deputierten Madiér de Montjeáu aus, aber nach der Gewohnheit sehr vieler Polen sprach er ihn polnisch aus, das heißt, er betonte statt der letzten, die vorletzte Silbe: also nicht Madiér de Montjeáu, sondern Mádier de Móntjeau. Das genügte dem dadais. Er wandte sich auf seinem Platz zu den Polen um, reckte sich stolz und sagte plötzlich laut und deutlich, als richte er eine Frage an sie:
„Madiér de Montjeáu?“
Die Polen drehten sich wütend nach ihm um.
„Was wünschen Sie?“ schrie der große Pole ihn laut auf russisch an.
Der dadais wartete einen Augenblick.
„Madiér de Montjeáu,“ wiederholte er plötzlich noch einmal laut, daß es über den ganzen Saal hin zu hören war, doch ohne weiter irgendeine Erklärung abzugeben, genau so dumm, wie er vor der Tür bei Lambert drohend auf mich zugetreten war und mehrmals den Namen „Dolgorowky“ ausgesprochen hatte.
Die Polen sprangen auf, Lambert schnellte hinter dem Tisch in die Höhe und wollte, wie es schien, sich auf Andrejeff stürzen, besann sich aber und eilte zu den Polen, um sie untertänigst um Entschuldigung zu bitten.
„Das sind ja Narren, Pane, das sind ja Narren!“ rief der kleine Pole mit Verachtung, vor Zorn dabei rot wie eine Mohrrübe. „Man kann ja bald nicht mehr herkommen!“ Auch sonst entstand Unruhe im Saal, man hörte murren, hauptsächlich freilich lachen.
„Kommen Sie ... bitte ... gehen wir!“ murmelte Lambert ganz verwirrt, und hatte ersichtlich nur den einen Wunsch, Andrejeff aus dem Lokal zu entfernen. Dieser blickte Lambert prüfend an, und erst als er erriet, daß der ihm nun Geld geben würde, willigte er ein, ihm zu folgen. Wahrscheinlich war es nicht das erstemal, daß er auf diese schamlose Manier von Lambert Geld erpreßte. Trischatoff wollte ihnen eilig folgen, sah dann aber mich an und blieb.
„Ach, wie ekelhaft!“ sagte er und bedeckte die Augen mit seinen feinen Fingerchen.
„Tja, ekelhaft ist schon das Wort dafür,“ brummte diesmal ganz erbost der Pockennarbige.
Lambert kehrte ganz bleich zurück und begann sogleich mit lebhaften Gesten auf den Pockennarbigen flüsternd einzureden. Dieser befahl dem Kellner, schnell den Kaffee zu servieren, und hörte Lambert nur widerwillig zu; er hatte es offenbar eilig, fortzukommen. Und dabei war der ganze Zwischenfall doch nur ein dummer Jungenstreich gewesen. Trischatoff kam mit seiner Tasse Kaffee zu mir herüber und setzte sich neben mich.
„Ich habe ihn sehr gern,“ begann er mit einer solchen Offenherzigkeit, als hätte er mit mir schon oft darüber gesprochen. „Sie glauben nicht, wie unglücklich Andrejeff ist. Er hat die ganze Mitgift seiner Schwester durchgebracht und vertrunken, ja, alles was sie besaßen, hat er in dem einen Jahr, als er diente, durchgebracht, und ich sehe, wie ihn das jetzt quält. Daß er sich nicht wäscht – das geschieht nur aus Verzweiflung. Und wissen Sie, er hat furchtbar sonderbare Gedanken: plötzlich behauptet er, daß zwischen einem Schurken und einem ehrlichen Menschen gar kein Unterschied sei, das sei alles eins und man solle deshalb nichts tun, überhaupt nichts, weder Gutes noch Böses, oder wenn man wolle, könne man ja auch Gutes oder Böses tun, am besten aber sei doch, gar nichts zu tun und einfach herumzuliegen, ohne auch nur einmal im Monat die Kleider zu wechseln, nur zu essen und zu trinken und hauptsächlich zu schlafen – und sonst nichts. Aber glauben Sie mir, das sagte er doch alles nur so. Und wissen Sie, ich glaube sogar, diesen ganzen Skandal vorhin, den hat er nur gemacht, um mit Lambert endgültig zu brechen. Er hat schon gestern davon gesprochen. Werden Sie’s glauben: manchmal nachts, oder wenn er lange allein sitzt, da fängt er zu weinen an, und wissen Sie, er weint so sonderbar, wie sonst kein Mensch weint; er schluchzt, schluchzt so schrecklich, und das, wissen Sie, tut noch weher ... Und dabei ist er doch so groß und so stark, und plötzlich – schluchzt er wie ein Kind. Was für ein armer Kerl, nicht wahr? Ich möchte ihn so gern retten, aber ich bin ja selbst – ein so schlechter, verlorener Bengel, wie Sie’s gar nicht glauben! Würden Sie mich empfangen, Dolgoruki, wenn ich einmal zu Ihnen käme?“
„Oh, kommen Sie nur, ich habe Sie sogar sehr gern.“
„Weshalb denn? Nun, ich danke Ihnen. Hören Sie mal, trinken wir noch ein Glas. Übrigens, was fällt mir ein! Nein, trinken Sie lieber nicht. Er hatte ganz recht, als er Ihnen sagte, daß Sie nicht mehr trinken dürfen,“ unterbrach er sich plötzlich und zwinkerte mir bedeutsam zu. „Ich aber werde noch ein Glas trinken. Bei mir kommt’s nicht darauf an, ich kann mich ja doch nicht beherrschen, glauben Sie mir. Sie brauchen mir bloß zu sagen, ich soll nicht mehr in Restaurants dinieren, und ich bin sofort zu allem bereit, nur um wieder dinieren zu können. Oh, ich versichere Sie, es ist unser innigster Wunsch, anständige Menschen zu werden, aber wir schieben’s nur immer auf, und darüber ‚... vergehen die Jahre, die besten Jahre!‘ Er aber, ich fürchte sehr – er erhängt sich noch mal. Er geht und tut’s, ohne einem Menschen ein Wort zu sagen. So ist er. Heutzutage hängen sich ja alle auf. Wer weiß, vielleicht gibt’s viele solcher, wie wir sind. Ich, zum Beispiel, kann ohne überflüssiges Geld einfach nicht leben. Mir ist das überflüssige Geld viel wichtiger als das notwendige. – Sagen Sie, lieben Sie Musik? Ich liebe sie furchtbar. Wenn ich zu Ihnen komme, werde ich Ihnen was vorspielen. Ich spiele sehr gut Klavier. Habe sehr lange Musik studiert. Ernsthaft studiert. Wenn ich mal eine Oper komponierte, so, wissen Sie, würde ich den Stoff aus dem ‚Faust‘ nehmen. Dieses Thema liebe ich sehr. Ich komponiere mir immer die Szene im Dom, das heißt, ich komponiere sie nur so im Kopf. Das Innere eines gotischen Domes, Chöre, Hymnen; Gretchen tritt ein, und dazu, wissen Sie, – mittelalterliche Chöre, aus denen man das ganze fünfzehnte Jahrhundert heraushört. Gretchen in Verzweiflung, zuerst ein Rezitativ, leise, aber qualvoll, die Chöre dröhnen düster, streng, teilnahmlos:
Dies irae, dies illa!
Und auf einmal – die Stimme des Teufels, die Arie des Teufels. Er ist unsichtbar, nur eine Stimme klingt nebenher, klingt mit den Hymnen, fällt mit ihnen zusammen, löst sich in ihnen auf, und ist dabei doch etwas ganz anderes – so irgendwie müßte das gemacht werden. Eine lange, unendliche Arie für Tenor, unbedingt für Tenor. Sie beginnt leise, zärtlich: ‚Wie anders, Gretchen, war dir’s, als du noch voll Unschuld hier zum Altar tratst, ... halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen?‘ Und die Arie wird immer stärker, immer leidenschaftlicher; die Töne werden immer höher: Tränen sind in ihnen, Schmerz, unaufhörlicher, unentrinnbarer Schmerz, und zuletzt die Verzweiflung: ‚Keine Vergebung für dich, keine Vergebung!‘ Gretchen will beten, doch ihrer Brust entringen sich nur Schreie – wissen Sie, wenn die Brust sich zusammenkrampft, vom Schluchzen – aber die Stimme des Satans verstummt nicht, immer tiefer bohrt sie sich wie ein Dolch in ihre Seele, immer höher schwingt sich ihr Ton – und plötzlich bricht sie ab mit dem Schrei: ‚Es ist aus, du bist verdammt!‘ Gretchen fällt auf die Knie, ringt die Hände – und dann beginnt ihr Gebet, ein kurzes Halbrezitativ, ganz naiv, ganz ohne Künstelei, etwas im höchsten Grade Mittelalterliches, vier Verse, im ganzen nur vier Verse – bei Stradella gibt es so ein Motiv – und nach dem letzten Ton fällt sie in Ohnmacht! Allgemeine Verwirrung. Sie wird aufgehoben, hinausgetragen – und da setzt auf einmal ein gewaltiger Chor ein. Der müßte wie ein Orkan von Stimmen sein, ein begeisterter, rauschender Chor, wie eine gewaltige Hymne von der Art unseres Dorinossima Tschinmi, daß alles bis in die Grundfesten erbebt, bis schließlich alles in den begeisterten, jauchzenden Aufschrei ‚Hosianna!‘ ausklingt. Wie ein Schrei des ganzen Weltalls müßte es sein, sie aber wird weiter und weiter getragen, und dann fällt der Vorhang. Nein, wissen Sie, wenn ich das nur machen könnte! Nur kann ich jetzt schon gar nichts mehr – außer träumen. Ich träume und träume in einem fort; mein ganzes Leben verwandelt sich in einen Traum, auch nachts. Ach, Dolgoruki, haben Sie den ‚Antiquitätenhändler‘ von Dickens gelesen?“
„Ja, ich habe ihn gelesen; was ist denn damit?“
„Erinnern Sie sich ... Warten Sie, ich trinke noch ein Glas – erinnern Sie sich noch der einen Stelle ganz zum Schluß, wie die beiden – der wahnsinnige Greis und dieses reizende dreizehnjährige Mädchen, seine Enkelin – nach ihren Irrfahrten endlich irgendwo ganz hinten in England ein Unterkommen finden, dort bei einer mittelalterlichen gotischen Kirche, wo das Mädchen noch ein Amt erhält: den Besuchern die Kirche zu zeigen ... Und einmal, bei Sonnenuntergang, steht dieses Kind vor dem Kirchenportal, ganz umflutet von den letzten Sonnenstrahlen, steht und sieht in den Sonnenuntergang, mit stiller, nachdenklicher Betrachtung in der erstaunten Kinderseele, als stünde es vor einem Rätsel, denn das eine wie das andere scheint wie ein Rätsel – dort die Sonne als ein Gedanke Gottes, hier der Dom als ein Menschengedanke ... nicht wahr? Oh, ich kann das nicht so ausdrücken, aber Gott liebt die ersten Gedanken solcher Kinder ... Und neben ihr, auf den Stufen des Domes, sitzt der wahnsinnige Alte, ihr Großvater, und sieht sie starr an ... Wissen Sie, da ist ja gar nichts Besonderes in diesem Dickensschen Bilde, ja, eigentlich nichts Besonderes, und doch werden Sie es in Ewigkeit nicht vergessen, und so ist es auch in der Erinnerung von ganz Europa geblieben – warum? Weil das Schönheit ist! Das ist Unschuld! Oder ich weiß selbst nicht, was das ist: aber es ist schön! Ich habe die ganze Zeit auf dem Gymnasium nur Romane gelesen. Wissen Sie, ich habe eine Schwester auf dem Gut, die ist nur ein Jahr älter als ich ... Oh, jetzt ist dort alles schon verkauft, und auch das Gut haben wir nicht mehr! Ich hab’ mit ihr auf der Terrasse gesessen, unter unseren alten Linden, und hab’ mit ihr zusammen diesen Roman gelesen, und die Sonne ging da auch gerade unter, und plötzlich hörten wir auf, zu lesen, und gaben uns gegenseitig das Versprechen, von nun an auch so gut zu sein und immer edel zu handeln – ich bereitete mich damals gerade für die Universität vor, und ... Ach, wissen Sie, Dolgoruki, ein jeder hat seine Erinnerungen! ...“
Und plötzlich lehnte er seinen hübschen Kopf an meine Schulter und – weinte. Er tat mir sehr, sehr leid. Freilich hatte er viel Wein getrunken, aber er sprach so aufrichtig und brüderlich zu mir und mit so echtem Gefühl ...
In diesem Augenblick hörten wir plötzlich von der Straße her Geschrei, und starke Finger trommelten an unser Fenster (es waren große Glasscheiben zur Straße hin, im Erdgeschoß, so daß man sie vom Fußsteig aus erreichen konnte). Das war der vor die Tür gesetzte Andrejeff.
„Ohé, Lambert! Où est Lambert! As-tu vu Lambert?“ scholl seine wilde Stimme von draußen.
„Ah, so ist er noch da! Er ist also noch nicht fortgegangen?“ rief mein Junge und sprang auf.
„Zahlen!“ wandte sich Lambert an den Kellner. Seine Hände zitterten vor Wut, als er das Geld herausholte, doch siehe da, der Pockennarbige ließ es nicht zu, daß er auch für ihn bezahlte.
„Warum denn nicht? Ich habe Sie doch aufgefordert, und Sie haben die Aufforderung angenommen?“
„Nein, Sie müssen schon gestatten ...“ Der Pockennarbige nahm seine Börse, berechnete seinen Anteil und bezahlte für sich.
„Sie beleidigen mich, Ssemjon Ssidorowitsch!“
„Ich wünsche es aber so,“ schnitt ihm Ssemjon Ssidorowitsch das Wort ab, nahm seinen Hut und verließ, ohne sich von jemandem zu verabschieden, allein das Lokal. Lambert warf dem Kellner das Geld hin und stürzte ihm eilig nach, wobei er in seiner Erregung mich ganz vergaß. Trischatoff und ich folgten als die Letzten. Andrejeff stand wie eine Schildwache vor der Tür und wartete auf Trischatoff.
„Du Lump!“ konnte sich Lambert nicht enthalten, ihn anzufahren.
„No, no!“ brüllte Andrejeff auf ihn los und schlug ihm mit einer Handbewegung den runden Hut vom Kopf, der über den Fußsteig rollte. Lambert lief mit erniedrigendem Eifer hinter ihm her, um ihn aufzuheben.
„Vingt-cinq roubles!“ sagte Andrejeff und zeigte Trischatoff den Geldschein, den er Lambert vorhin abgeknöpft hatte.
„So laß doch,“ rief Trischatoff geärgert. „Warum benimmst du dich immer so ... Und wofür hast du ihm ganze fünfundzwanzig abgenommen? Du hattest doch nur sieben zu bekommen.“
„Wofür ich sie ihm abgenommen? Er hatte uns doch ein Diner im chambre séparée versprochen; mit olympischen Weibern; aber statt der Weiber hat er uns nur einen Pockennarbigen serviert; und außerdem habe ich mich nicht satt essen können und habe hier in der Kälte wenigstens für achtzehn Rubel gefroren. Sieben Rubel hatte ich noch von ihm zu bekommen – macht zusammen genau fünfundzwanzig Rubel aus.“
„Schert euch alle beide zum Teufel!“ brüllte Lambert. „Ich werfe euch beide hinaus und werd’ euch schon Mores lehren ...“
„Lambert, nicht Sie, sondern ich werfe Sie hinaus und werde Sie schon Mores lehren!“ schrie seinerseits Andrejeff. „Adieu, mon prince, trinken Sie nicht zuviel Wein! Petjä, komm, marsch! Ohé, Lambert! Où est Lambert? As-tu vu Lambert?“ gröhlte er noch zum letztenmal und entfernte sich schon mit seinen langen Schritten.
„Ich werde also zu Ihnen kommen, darf ich?“ flüsterte mir Trischatoff noch schnell zu und eilte seinem Freunde nach.
Ich blieb allein mit Lambert.
„Na ... gehen wir!“ sagte Lambert, der mühsam Atem holte und noch ganz betäubt zu sein schien.
„Wohin gehen? Mit dir gehe ich nirgendwohin,“ beeilte ich mich, ihn herausfordernd anzuschreien.
„Wie, du willst nicht mitgehen!“ fuhr er erschrocken aus seiner Betäubung auf. „Ich habe ja nur darauf gewartet, daß wir endlich allein blieben!“
„Ja, wohin denn gehen?“ Ich muß gestehen, daß mir von den drei Gläsern Champagner und von zwei Gläsern Sherry der Kopf schon ein wenig benommen war.
„Hierherein, siehst du, hierherein!“
„Da steht doch ‚Frische Austern‘ auf dem Plakat. Dort riecht es so scheußlich ...“
„Das scheint dir nur, weil du vom Essen kommst, das ist die Miljutinsche Delikateßhandlung; Austern brauchen wir ja nicht zu essen, aber ich werde dir Champagner bestellen ...“
„Ich will nicht! Ich weiß, du willst mich betrunken machen.“
„Das haben dir diese Schufte eingeredet; aber sie haben sich doch nur über dich lustig machen wollen. Und du glaubst diesen Schurken!“
„Nein, Trischatoff ist kein Schurke. Und ich verstehe mich auch selbst in acht zu nehmen – verstanden?“
„Was, du glaubst, einen eigenen Willen zu haben?“
„Ja, ich habe mehr Charakter als du, denn du bist Sklave jedes ersten besten. Du hast uns blamiert, wie ein Lakai hast du die Polen um Entschuldigung gebeten. Du mußt wohl in Restaurants schon oft Prügel gekriegt haben?“
„Wir müssen uns doch aussprechen, Dummkopf!“ rief er mit jener verachtenden Ungeduld, die beinahe sagte: „Tu doch nicht, als ob du was Besseres wärest!“ Aber er sagte nur: „Du hast wohl Angst, was? Bist du mein Freund oder bist du nicht mein Freund?“
„Ich bin nicht dein Freund und kann es auch gar nicht sein, denn ich weiß, daß du ein Schuft bist. Doch gehen wir, nur um dir zu zeigen, daß ich dich nicht fürchte! Puh, wie es hier stinkt! Nach Käse! Was für eine Schweinerei!“
Sechstes Kapitel.
I.
Ich bitte nochmals, nicht zu vergessen, daß mir der Kopf schon ein wenig benommen war: wäre das nicht der Fall gewesen, so hätte ich wohl anders gesprochen und gehandelt. In einem Hinterzimmer dieser Miljutinschen Handlung konnte man Austern essen, und wir setzten uns also dort an ein Tischchen, das mit einem billigen, unsauberen Tischtuch bedeckt war. Lambert bestellte Champagner; das Glas mit dem kalten goldfarbenen Weine stand plötzlich vor mir und blinkte mich verführerisch an; ich aber ärgerte mich.
„Sieh, Lambert, hauptsächlich ärgere ich mich, weil du dir einbildest, mir auch jetzt noch so befehlen zu können, wie bei Touchard, während du doch hier der Diener aller bist.“
„Dummkopf! Na, stoßen wir an!“
„Du hältst es nicht einmal für der Mühe wert, dich vor mir zu verstellen; wenn du es doch wenigstens verbergen würdest, daß du mich betrunken machen willst!“
„Red’ keinen Unsinn, du bist ja schon betrunken. Wenn du jetzt noch etwas trinkst, wirst du nur lustiger werden. Nimm dein Glas, so nimm’s doch!“
„Was heißt das: ‚so nimm’s doch‘? Ich gehe einfach fort und damit Schluß!“
Und damit stand ich auf. Er wurde schrecklich wütend.
„Dir hat Trischatoff von mir was ins Ohr gesetzt! Ich hab’ doch gesehen, wie ihr dort zusammen getuschelt habt. Du bist ein Dummkopf. Alphonsina ekelt sich, wenn er ihr nur in die Nähe kommt ... Er ist gemein. Ich werde dir noch erzählen, was er für einer ist ...“
„Das hast du mir schon gesagt. Bei dir ist jedes dritte Wort Alphonsina; du bist entsetzlich beschränkt.“
„Beschränkt?“ Er verstand mich nicht. „Sie sind jetzt zum Pockennarbigen übergegangen. Das ist es! Darum habe ich sie davongejagt. Sie sind ehrlose Buben. Dieser Pockennarbige ist ein Erzschuft und wird sie noch ganz anders verderben! Ich aber habe von ihnen immer verlangt, daß sie sich anständig aufführen.“
Ich setzte mich wieder, griff ganz mechanisch nach dem Glas und trank einen Schluck.
„Ich stehe an Bildung hoch über dir,“ sagte ich.
Er aber war selig, daß ich mich wieder gesetzt hatte, und füllte sogleich mein Glas bis zum Rande nach.
„Du scheinst sie ja sehr zu fürchten?“ fuhr ich fort, ihn zu kränken (und sicherlich war ich in diesem Augenblick viel widerlicher als er). „Andrejeff schlug dir den Hut vom Kopf, und dafür hast du ihm fünfundzwanzig Rubel gegeben.“
„Das hab’ ich, aber er wird mir schon dafür büßen. Sie verschwören sich jetzt gegen mich, aber ich werde schon mit ihnen fertig werden ...“
„Der Pockennarbige scheint dich ja sehr zu beunruhigen. Und weißt du, ich glaube, ich bin jetzt der einzige, der dir noch verblieben ist. Alle deine Hoffnungen hast du jetzt auf mich gesetzt, – ist’s nicht so?“
„Ja, Arkadi, das ist so: Du bist jetzt der einzige Freund, der mir noch geblieben ist; das hast du gut gesagt!“ Er klopfte mir auf die Schulter.
Was sollte man mit einem so beschränkten Menschen anfangen? Er war ja geistig vollkommen unentwickelt und faßte meinen Spott als Schmeichelei auf.
„Du könntest mir aus einer schlimmen Lage helfen, wenn du ein guter Freund sein willst, Arkadi,“ fuhr er fort und sah mich liebevoll an.
„Wobei könnte ich dir denn helfen?“
„Du weißt doch selbst, wobei. Ohne mich würdest du die Sache wie ein Narr anfassen und alles nur verpfuschen, ich aber würde dir dreißigtausend Rubel geben; wir würden den Gewinn einfach teilen, und du weißt doch schon selbst wie und was! Na, und überhaupt: was bist du jetzt? Du hast doch nichts – keinen Namen, keine Familie; hier aber bietet sich dir mit einem Schlage ein ganzes Vermögen; und hast du erst einmal Geld, so kannst du noch wer weiß was für eine Karriere machen!“
Ich staunte nur so über die Art seines Vorgehens. Ich hatte zum mindesten erwartet, daß er mich zu überlisten suchen werde, und nun begann er mit mir so ohne alle Vorsichtsmaßregeln, als ob ich ein dummer Junge gewesen wäre! Ich beschloß, ihn anzuhören; ich tat es einerseits aus Vorurteilslosigkeit und andererseits ... aus schrecklicher Neugier.
„Sieh, Lambert: du wirst das zwar nicht verstehen, aber ich bin bereit, dich anzuhören, weil ich vorurteilslos bin,“ erklärte ich mit plötzlicher Entschlossenheit und trank wieder einen Schluck.
Lambert goß sofort wieder nach.
„Hör’ mich an, Arkadi: wenn so ein Bjoring gewagt hätte, mich in Gegenwart einer Dame, die ich vergöttere, zu schlagen und zu beschimpfen, – ich weiß nicht, was ich mit ihm getan hätte! Du aber hast den Schimpf eingesteckt, und ich kann dich einfach nur verachten: Du bist ja doch nur ein Waschlappen!“
„Wie wagst du, zu behaupten, Bjoring hätte mich geschlagen!“ schrie ich und wurde rot. „Eher habe ich ihn geschlagen, als er mich!“
„Nein, er hat dich geschlagen, nicht du ihn.“
„Du lügst; ich bin ihm dabei noch auf den Fuß getreten!“
„Er aber hat dich mit dem Arm zurückgestoßen und den Dienern befohlen, dich rauszuschmeißen ... und sie hat im Wagen gesessen und dich ausgelacht; sie wußte, daß du keinen Vater hast, und daß man dich ungestraft beleidigen kann.“
„Ich weiß nicht, Lambert ... wir führen eine Unterhaltung wie zwei dumme Jungen, daß ich mich rein schäme. Du willst mich aufhetzen und tust es so plump und offensichtlich, als hättest du einen Sechzehnjährigen vor dir. Du hast dich mit Anna Andrejewna verabredet!“ schrie ich wutbebend und trank dabei ganz mechanisch wieder einen Schluck.
„Anna Andrejewna ist eine schlaue Intrigantin! Sie wird noch dich und mich und die ganze Welt betrügen! Ich habe nur auf dich gewartet, denn du wirst bei der anderen mehr erreichen als bei dieser.“
„Bei welcher anderen?“
„Na, bei Madame Achmakoff. Ich weiß alles. Du hast mir selbst gesagt, daß sie den Brief, der in deinen Händen ist, fürchtet ...“
„Was für einen Brief ... du lügst ... hast du sie gesehen?“ stammelte ich verwirrt.
„Ich habe sie gesehen. Sie ist sehr schön. Très belle; du hast einen guten Geschmack.“
„Ich weiß, daß du sie gesehen hast; aber mit ihr zu sprechen hast du doch nicht gewagt, und ich will auch nicht, daß du von ihr zu sprechen wagst!“
„Du bist noch ein Jüngling, und sie macht sich über dich lustig – das ist das Ganze! Wir haben in Moskau einen ähnlichen Fall mit einer solchen tugendhaften Dame gehabt: ach, wie stolz die war, und wie hoch sie die Nase trug! Und wie erzitterte sie, als man ihr sagte, wir würden alles erzählen, und wie gehorsam war sie dann – und wir nahmen natürlich das eine wie das andere: Geld und noch – du kannst dir schon denken was. Jetzt ist sie in der Gesellschaft wieder die unnahbare große Dame – Teufel noch eins, wie hoch oben sie wieder ist, und in was für einer Equipage sie wieder fährt, und dabei – wenn du nur gesehen hättest, in was für einer Spelunke das geschah! Du kennst das Leben noch nicht, wenn du wüßtest, vor was für Spelunken diese Damen nicht zurückscheuen ...“
„Das hab’ ich mir gedacht,“ murmelte ich unwillkürlich.
„Verdorben sind sie bis in die Fingerspitzen! Du ahnst es nicht, wozu sie fähig sind! Alphonsina ist einmal in solch einem reichen Hause gewesen, – geekelt hat sie sich einfach davor!“
„Das habe ich mir gedacht,“ entfuhr es mir wieder.
„Du aber läßt dich schlagen und hast dann noch Mitleid mit ihr ...“
„Lambert, du bist ein Schurke, du verfluchter Lump!“ schrie ich, da mir plötzlich alles klar wurde, und ich zitterte vor Wut. „Ich hab’ das alles schon im Traum gesehen, du standest mit Anna Andrejewna ... Oh, du verfluchter Lump! Hast du wirklich geglaubt, daß ich so ein Schurke sein könnte? Mir hat davon bereits geträumt, weil ich wußte, daß du mir Ähnliches sagen würdest! Und schließlich, das kann doch nicht alles so einfach sein, daß du mir so geradeaus und ohne Bedenken davon reden kannst!“
„Sieh mal, wie du aufbraust! Te-te-te!“ spottete Lambert und lachte triumphierend. „Nun, Freund Arkaschka, jetzt weiß ich glücklich alles, was ich wissen wollte. Darum hab’ ich auf dich gewartet. Höre mal: du hast dich also in sie verliebt und möchtest dich an Bjoring rächen – sieh, das war es, was ich wissen mußte. Ich hab’ mir das auch schon gedacht, die ganze Zeit, während ich auf dich wartete. Ceci posé, cela change la question. Um so besser, da sie doch selbst in dich verliebt ist. Darum heirate sie, ohne zu zögern, das wird das Beste sein, was du tun kannst. Und was anderes kannst du auch gar nicht tun, du hast das Richtigste getroffen. Und dann vergiß eines nicht, Arkadi: daß du einen Freund hast, auf dem du meinetwegen reiten kannst – und dieser Freund bin ich. Dieser Freund wird dir helfen und dich mit ihr verheiraten: und sollte er auch alles aus der Hölle für dich herausholen müssen, Arkascha! Du aber gibst deinem alten Freunde dann dreißig Tausender für die Mühe, was? Ich werde dir mächtig helfen, da sei du unbesorgt. In solchen Geschäften kenne ich mich aus: du bekommst ihre ganze Mitgift ausgezahlt, bist dann ein reicher Mann und hast eine glänzende Zukunft vor dir!“
In meinem Kopf ging zwar schon alles durcheinander, aber ich sah Lambert doch noch mit Verwunderung an. Er sprach im Ernst, das heißt, nicht, daß man ihn ernst nehmen konnte, aber jedenfalls schien er doch im Ernst an die Möglichkeit zu glauben, mich mit ihr verheiraten zu können, und offenbar nahm er die Idee mit Begeisterung auf. Selbstverständlich merkte ich sofort, daß er mich fangen wollte, und das noch dazu in einer so plumpen Art, als hätte er es mit einem dummen Jungen zu tun gehabt; sicher habe ich das schon damals bemerkt; aber der Gedanke an eine Ehe mit ihr überwältigte mich dermaßen und nahm mich so schnell gefangen, daß ich – obgleich ich mich über Lambert wunderte, weil er von einem so phantastischen Einfall ernsthaft reden konnte – daß ich doch gleichzeitig selber ganz hingerissen an die Möglichkeit glaubte, ohne aber dabei auch nur für einen Augenblick das Bewußtsein zu verlieren, daß diese sich nie und nimmer verwirklichen konnte. Ich begreife selbst nicht, wie sich das alles in mir miteinander vertrug.
„Ja, aber ist denn das möglich?“ stammelte ich.
„Warum denn nicht? Du zeigst ihr das Dokument – da wird sie Angst bekommen und dich heiraten, um nicht ihr ganzes Erbe zu verlieren.“
Ich beschloß, Lambert in seinen gemeinen Vorschlägen nicht zu unterbrechen, zumal er sie mir mit einer Harmlosigkeit vorlegte, die nicht einmal zu ahnen schien, daß ich mich plötzlich dagegen empören könnte; indessen murmelte ich doch so etwas davon, daß ich sie nicht zwingen wolle:
„Aber ich will sie doch um nichts in der Welt mit Gewalt dazu bewegen, mich zu heiraten, wie kannst du so gemein sein, mir überhaupt solche Vorschläge zu machen?“
„Ei, was! sie heiratet dich ja ganz von selbst: du brauchst sie zu nichts zu zwingen, denn sie wird so erschrocken sein, daß sie von selbst alles tun wird. Und sie wird allein schon darum wollen, weil doch auch sie in dich verliebt ist,“ schloß Lambert, und sprach plötzlich die Hauptsache aus.
„Du lügst! Du willst dich über mich lustig machen! Woher kannst du wissen, ob sie in mich verliebt ist?“
„Unbedingt ist sie das! Ich weiß es. Auch Anna Andrejewna ist der Meinung. Ich sage dir das im Ernst und es ist wahr, daß Anna Andrejewna daran glaubt. Und dann werde ich dir noch etwas erzählen, wenn du zu mir kommst, eine Sache, aus der du ersehen kannst, daß sie in dich verliebt ist. Alphonsina ist in Zarskoje gewesen; sie hat da auch erfahren ...“
„Was kann sie denn da erfahren haben?“
„Komm, gehen wir zu mir! Sie wird dir alles selbst erzählen, und du wirst es gern hören. Bist du denn schlechter als irgendein anderer? Du bist hübsch, wohlerzogen ...“
„Ja, ich bin wohlerzogen,“ flüsterte ich atemlos. Mein Herz klopfte mächtig, und natürlich nicht nur vom Wein.
„Du bist ein hübscher Kerl, du bist immer gut gekleidet.“
„Ja, ich bin gut gekleidet.“
„Und du bist ein guter Kerl ...“
„Ja, ich bin ein guter Kerl.“
„Warum sollte sie da nicht ja sagen? Bjoring wird sie ohne Geld selbstverständlich nicht nehmen, du aber kannst sie durch ihren Vater an den Bettelstab bringen. Das wird sie nicht wenig erschrecken. Und wenn du sie heiratest, rächst du dich dadurch an Bjoring. Du hast mir doch selbst in jener Nacht gesagt, als ich dich halb erfroren zu mir brachte, daß sie in dich verliebt ist.“
„Hab’ ich dir das wirklich gesagt? Nein, so kann ich mich nicht ausgedrückt haben.“
„Doch, gerade so!“
„Vielleicht im Fieber. Dann habe ich dir wohl auch von einem Dokument etwas gesagt?“
„Ja, du sagtest, daß du einen Brief besitzest, und ich dachte noch: wie kann er, wenn er einen solchen Brief in der Hand hat, seinen Vorteil so aus dem Auge lassen?“
„Aber das ist ja alles nur Phantasie, und ich bin doch nicht so dumm, so etwas ernst zu nehmen,“ murmelte ich. „Erstens ist da der Altersunterschied, und zweitens bin ich doch ohne Herkunft.“
„Na, sie wird dich schon nehmen; sie kann ja gar nicht anders, wo es sich doch um so viel Geld handelt – das werde ich ihr schon klarmachen. Und außerdem liebt sie dich doch. Du weißt ja selbst am besten, wie sehr der alte Fürst dir zugetan ist; durch seine Protektion kannst du noch wer weiß was für Verbindungen anknüpfen; und was das betrifft, daß du keine Vorfahren hast, so ist doch heutigestags so was überhaupt nicht mehr nötig; wenn du nur erst Geld hast – dann geht’s schon von selbst höher und höher hinauf, und in zehn Jahren bist du ein Millionär, von dem ganz Rußland redet, was brauchst du dann noch einen Namen? In Österreich kannst du dir den Baron kaufen. Und wenn du sie heiratest, so nimm sie gleich fest in die Hand. Du mußt sie stramm halten. Wenn die Frau einen Mann liebt, so hat sie es gern, wenn er sie fest in der Faust hält. Die Frau liebt im Mann den Charakter. Mit dem Brief wirst du sie so erschrecken, daß sie sofort deinen Charakter zu fühlen bekommt. Und unwillkürlich wird sie sich dann sagen: ‚Er ist zwar noch jung, aber er hat doch Charakter!‘“
Ich saß da wie betäubt. Mit keinem anderen Menschen hätte ich mich zu einem so dummen Gespräch erniedrigt. Hier aber trieb mich ein geradezu wollüstiger Drang ... Zudem war Lambert so dumm und gemein, daß man sich vor ihm eigentlich gar nicht schämen konnte.
„Nein, weißt du, Lambert,“ bemerkte ich plötzlich, „du kannst sagen, was du willst, aber das meiste davon ist doch Unsinn; ich habe mit dir überhaupt nur deshalb davon gesprochen, weil wir alte Kameraden sind und uns voreinander nicht zu schämen brauchen; einem anderen gegenüber hätte ich mich niemals so weit vergessen. Und, vor allem, woher kannst du wissen, ob sie mich liebt? Das mit dem Kapital hast du dir sehr schlau ausgedacht, aber, sieh, Lambert, du kennst diese vornehmen Kreise nicht: bei ihnen geschieht das alles auf Grund der Überlieferung, sozusagen auf ererbten Fundamenten, und da würde sie eben, solange sie meine Fähigkeiten noch nicht kennt und nicht weiß, was ich in meinem Leben zu erreichen hoffe, doch nicht wollen. Aber ich will dir durchaus nicht verhehlen, Lambert, daß es da wirklich einen Punkt gibt, der einem Hoffnung machen könnte. Siehst du, vielleicht würde sie mich auch aus Dankbarkeit heiraten, weil ich sie dann von dem Haß eines gewissen Menschen befreien würde; denn sie fürchtet diesen Menschen sehr.“
„Ach, du meinst deinen Vater? Wie, liebt er sie denn wirklich so leidenschaftlich?“ fuhr Lambert plötzlich lebhaft und mit außergewöhnlicher Neugier auf.
„O nein!“ rief ich. „Wie schrecklich du doch bist, Lambert, und zu gleicher Zeit wie dumm! Wie könnte ich sie denn heiraten wollen, wenn ich wüßte, daß er sie liebt! Wir sind doch immerhin Vater und Sohn – da wär’s ja eine Schande! Er liebt Mama, nur Mama liebt er, ich habe gesehen, wie er sie umarmt hat. Ich hab’ ja selbst schon einmal geglaubt, daß er Katerina Nikolajewna liebte, aber jetzt weiß ich’s ganz genau, daß er sie vielleicht früher mal geliebt hat, sie jetzt aber schon seit langem haßt ... und sich an ihr nur noch rächen will; sie aber fürchtet sich vor ihm. Ich kann dir nur sagen, Lambert: wenn er sich rächen will, kann er unheimlich werden! Er ist dann wie wahnsinnig. Wenn er über sie in Zorn gerät, so ist ihm jedes Mittel recht. Das ist noch eine Feindschaft von der alten Art: um erhabener Prinzipien willen. Heutzutage pfeift man auf allgemeine Prinzipien; heutzutage gibt es keine allgemeinen Prinzipien mehr, sondern nur Einzelfälle. Aber davon verstehst du ja wieder nichts: du bist, weiß Gott, dumm wie ein Stiebel; ich erzähle dir hier von Prinzipien, und du hast wahrscheinlich überhaupt keine Vorstellung davon, was ein Prinzip ist. Du bist wirklich furchtbar ungebildet. Weißt du noch, wie du mich gehauen hast. Heute bin ich stärker als du – weißt du das auch?“
„Arkaschka, gehen wir zu mir nach Haus! Wir verbringen zusammen den Abend, trinken noch eine Flasche, und Alphonsina singt uns zur Gitarre vor.“
„Nein, ich will nicht. Höre, Lambert, ich habe außerdem meine ‚Idee‘. Wenn aus all dem anderen nichts wird und ich nicht heirate, so werde ich nur noch für meine Idee leben; du aber hast keine Idee.“
„Schon gut, schon gut, das erzählst du mir zu Haus, komm, laß uns gehen.“
„Nein, ich gehe nicht mit. Ich will nicht, ich tu’s nicht. Ich werde schon zu dir kommen, aber du bist und bleibst doch ein Schuft. Ich gebe dir die Dreißigtausend – meinetwegen; aber ich bin reiner und stehe höher als du ... Ich sehe doch, daß du mich nur betrügen willst. Und von ihr zu sprechen oder an sie auch nur zu denken verbiete ich dir jetzt: sie steht höher als alles in der Welt, und deine Pläne sind von einer solchen Niedrigkeit, daß man über dich nur staunen kann, Lambert. Ich möchte heiraten, gewiß – aber das ist eine Sache für sich; dazu brauche ich kein Geld, ich verachte dieses Geld. Ich würde ihr Geld auch dann nicht annehmen, wenn sie es mir selbst auf den Knien anböte ... Aber heiraten, heiraten – das ist etwas ganz anderes. Und weißt du, das hast du ganz gut gesagt, das von dem in der Faust halten. Lieben muß man, leidenschaftlich lieben, mit der ganzen Großmut, die im Manne liegt, und deren eine Frau überhaupt nicht fähig ist, und gleichzeitig muß man ein Despot sein – das ist richtig. Denn, weißt du, Lambert, die Frauen lieben den Despotismus. Du, Lambert, kennst die Frauen. Aber in allen übrigen Dingen bist du doch unglaublich dumm! Und weißt du, Lambert, du bist ja gar nicht so ein Schuft, wie es den Anschein hat, du bist nur fürchterlich einfältig. Deshalb habe ich dich auch trotz allem noch gern. Ach, Lambert, warum bist du so ein Lump? Was könnten wir sonst für ein Leben zusammen führen! Weißt du, Trischatoff ist ein lieber Kerl ...“
Diese letzten zusammenhangslosen Sätze stammelte ich, als wir schon auf der Straße waren. Oh, ich übergehe absichtlich nicht die geringste Kleinigkeit, damit der Leser sehe, wie leicht ich damals trotz aller Begeisterung, trotz aller Schwüre und Gelöbnisse – nach meiner Genesung und „Wiedergeburt“ die Vornehmheit und innere Schönheit zu suchen – fallen konnte, und noch dazu in solchen Schmutz! Und ich schwöre: wenn ich nicht vollkommen und ganz überzeugt wäre, daß ich jetzt schon ein ganz und gar anderer Mensch bin, ein Mensch, der sich im praktischen Leben wirklich einen Charakter erworben hat, so würde ich dem Leser um nichts in der Welt alles dies gestehen.
Wir traten aus dem Laden; Lambert hatte leicht den Arm um mich gelegt und stützte mich. Auf einmal sah ich ihn an und bemerkte denselben entschlossenen furchtbar aufmerksamen und im höchsten Grade nüchternen Ausdruck in seinem Blick – wie damals am Morgen, als er mich halb erstarrt gefunden und mich ebenso umschlungen haltend zur Droschke geführt und dabei mit genau derselben Aufmerksamkeit auf mein zusammenhangloses Gestammel gelauscht hatte. Bekanntlich kann bei Berauschten, die noch nicht vollkommen betrunken und abgefallen sind, plötzlich und auf Augenblicke gänzliche Ernüchterung eintreten.
„Um keinen Preis gehe ich jetzt zu dir!“ sagte ich entschlossen und wieder ganz bei Sinnen. Ich sah ihn höhnisch an und suchte ihn mit der Hand von mir wegzuschieben.
„Na, komm schon, Alphonsina wird uns Tee machen, komm!“
Er war natürlich überzeugt, daß ich mich von ihm nicht mehr losreißen könne, und hielt mich immer noch als sein sicheres Opfer mit Wonne umarmt: er hatte mich doch auch so nötig, gerade an diesem Abend, und dazu noch in einem solchen Zustande! Später wird es schon klar werden, weswegen!
„Ich will nicht!“ wiederholte ich. „He, hierher!“ rief ich einen vorüberfahrenden Droschkenkutscher an, der sofort anhielt, und ich sprang in den Schlitten.
„Was! wo willst du hin? Was fällt dir ein!“ brüllte Lambert erschrocken und klammerte sich an meinen Pelz.
„Wage es nicht, mir nachzufahren!“ schrie ich. „Daß du dich nicht unterstehst!“
In diesem Augenblick zog das Pferd an, und mein Pelz wurde Lambert aus der Hand gerissen.
„Na wart’, du wirst schon zu mir kommen!“ schrie er mir wütend nach.
„Wenn’s mir paßt – das hängt von meinem Willen ab!“ rief ich zurück, indem ich mich im Schlitten nach ihm umwandte.
II.
Er folgte mir nicht, freilich nur darum nicht, weil gerade kein zweiter Schlitten zur Stelle war, und so gelang es mir, ihm zu entkommen. Ich fuhr aber nur bis zum Heumarkt; dort stieg ich aus und entließ den Kutscher, denn ich hatte das starke Bedürfnis, zu Fuß zu gehen. Ich empfand weder Müdigkeit noch Trunkenheit, ich war nur ausnehmend munter. Es war ein großer Überschuß von Kräften in mir, ich fühlte mich zu jedem Unternehmen fähig und unzählige angenehme Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Mein Herz klopfte jäh und hart – ich hörte jeden Schlag. Und alles schien mir so schön und alles so leicht. Als ich an der Hauptwache am Heumarkt vorüberging, hatte ich die größte Lust, zum Posten hinzugehen und ihn zu umarmen. Es war Tauwetter; der Schnee auf dem Platz sah schon ganz schwarz aus und stank; aber auch das gefiel mir.
„Jetzt gehe ich den Obuchoffprospekt hinunter,“ dachte ich bei mir, „dann biege ich links ein und mache einen Umweg über die Ssemjonoffkaserne, das ist schön; alles ist schön. Den Pelz trage ich offen ... Warum nimmt ihn mir niemand ab, wo sind denn die Diebe? Auf dem Heumarkt soll es doch Diebe geben; mögen sie nur kommen, ich überlasse ihnen vielleicht meinen Pelz. Wozu brauche ich einen Pelz? Ein Pelz ist Eigentum. La propriété, c’est le vol. Übrigens, was ist das für’n Unsinn, aber wie schön ist doch alles! Wie gut, daß es taut. Wozu Kälte? Kälte ist ganz überflüssig. Wieviel Unsinn man mit sich herumschleppt, aber es ist doch schön. Was habe ich soeben Lambert von Prinzipien gesagt? Ich sagte, es gäbe keine allgemeinen Prinzipien, es gäbe nur noch ‚Einzelfälle‘. Das war von mir geschwindelt, war eine Erzschwindelei! Und mit Absicht, um mich wichtig zu machen. Ein bißchen peinlich, aber das tut nichts, ich werde es schon wieder gutmachen. Schämen Sie sich nicht, Arkadi Makarowitsch, quälen Sie sich doch nicht deswegen! Sie gefallen mir, Arkadi Makarowitsch, Sie gefallen mir sogar außerordentlich, mein junger Freund. Schade nur, daß Sie ein kleiner Schuft sind ... und ... und ... Ach!“
Ich blieb plötzlich stehen, und mein Herz schlug mächtig vor Entzücken.
„Mein Gott! Was hatte er gesagt? Er sagte, daß sie – mich liebt! ... Oh, er ist ein Spitzbube, er hat viel gelogen; er hat das nur gesagt, damit ich bei ihm übernachte. Oder vielleicht auch nicht. Er sagte doch, Anna Andrejewna sei derselben Meinung ... Bah! Und Darja Onissimowna – ob die nicht manches für ihn ausgekundschaftet hat? Die schnüffelte doch überall herum. Warum bin ich eigentlich nicht mit ihm gegangen? Ich hätte dann alles erfahren. Hm! Er hat einen Plan. Ich habe ja alles bis zur letzten Einzelheit vorausgeahnt. Mein Traum! Ihr Plan ist nicht schlecht, Herr Lambert, nur ist das barer Unsinn, denn so wird das nicht sein! Oder vielleicht doch? Vielleicht – doch! Kann er mich denn verheiraten? Vielleicht kann er es wirklich. Er ist naiv und gläubig. Und dazu ist er dumm und frech, wie alle praktischen Leute. Dummheit mit Frechheit gepaart ist eine große Macht. Geben Sie es mir zu, Arkadi Makarowitsch, daß Sie sich vor diesem Lambert doch gefürchtet haben! Wozu braucht er anständige Menschen? Ganz ernsthaft hat er mir gesagt: ‚Hier gibt es keinen einzigen anständigen Menschen!‘ Aber wer bin ich denn selbst? Doch was rede ich! Als ob Spitzbuben nicht auch anständige Menschen nötig hätten? Zu Spitzbübereien sind anständige Menschen noch viel unentbehrlicher als zu sonstwas. Ha, ha! Das haben Sie in Ihrer großen Unschuld bis heute noch nicht gewußt, Arkadi Makarowitsch. Herrgott! Und wenn er mich wirklich mit ihr verheiratet!“
Ich stand plötzlich wieder still. Ich muß hier eine Dummheit eingestehen (sie liegt ja schon so weit hinter mir!) – die Dummheit, daß ich schon lange vorher hatte heiraten wollen – das heißt, eigentlich habe ich es ja nie gewollt, und es wäre ja auch niemals geschehen (und auch in Zukunft wird es nie geschehen, mein Wort darauf!), aber ich habe schon oft und schon lange vorher davon geträumt – und wohl abertausendmal und besonders nachts vor dem Einschlafen im Bett – wie schön es doch sein müßte, zu heiraten. Das hatte schon in meinem sechzehnten Jahre angefangen. Ich hatte auf dem Gymnasium einen Kameraden, einen Altersgenossen, Lawrowski hieß er; er war ein stiller, hübscher Junge, der sich übrigens durch nichts weiter auszeichnete. Gesprochen hatte ich mit ihm fast noch nie. Eines Abends saßen wir zufällig nebeneinander, und er schien ganz in Gedanken versunken zu sein; plötzlich sagte er zu mir: „Ach, Dolgoruki, was meinen Sie, wenn man doch jetzt heiraten könnte? Nein wirklich, wann soll man denn heiraten, wenn nicht jetzt? Gerade jetzt wäre die beste Zeit dazu, und doch ist es für unsereinen jetzt ganz unmöglich!“ Und so aufrichtig sagte er das. Ich stimmte ihm sofort von ganzem Herzen bei, denn ich hatte schon selbst von Ähnlichem zu träumen angefangen. Nachher kamen wir eine Zeitlang täglich zusammen und sprachen dann heimlich nur von diesem einen, immer nur davon. Dann aber – ich weiß nicht, wie es kam – suchten wir einander nicht mehr auf und sprachen nicht mehr davon. Seitdem träumte ich allein weiter. Das ist freilich alles gar nicht der Erwähnung wert, doch – ich wollte eben bloß feststellen, wie früh manchmal so etwas anfangen kann ...
„Es gibt nur einen ernsthaften Einwand,“ spann ich meine Gedanken weiter, während ich meinen Weg fortsetzte, „denn der geringe Altersunterschied kann selbstverständlich kein Hindernis sein; aber wenn man bedenkt: sie ist eine solche Aristokratin, und ich heiße – ‚einfach Dolgoruki‘! Das ist schrecklich! Hm! Aber könnte Werssiloff nicht, wenn er Mama heiratet, ein Gesuch einreichen und von der Regierung die Erlaubnis erwirken, mich zu adoptieren ... sozusagen in Anbetracht seiner Verdienste ... Er war doch im Staatsdienst, er hat sich doch um den Staat verdient gemacht ...“ Und plötzlich durchzuckte es mich: „O Teufel, diese Gemeinheit!“
Fast laut stieß ich es hervor, und ich stand zum drittenmal still – diesmal wie von einem Keulenschlage getroffen. Die ganze Qual der erniedrigenden Erkenntnis, daß ich mir solche Schmach hatte wünschen können, wie die Änderung meines Namens durch Adoption, dieser Verrat an meiner ganzen Kindheit – zerstörte in einem Augenblick meine gehobene Stimmung, und meine ganze Freude war wie Rauch verflogen. „Nein, das werde ich keinem Menschen sagen,“ dachte ich und errötete heiß, „so tief habe ich nur sinken können, weil ich ... verliebt und dumm bin ... Nein, wenn Lambert in einem recht hatte, so war es darin, daß heutzutage, in unserer Zeit, die Hauptsache der Mensch selbst ist, und dann erst kommt sein Geld. Das heißt, nicht sein Geld, sondern sein Vermögen. Wenn ich mich mit solchem Kapital an die Verwirklichung meiner ‚Idee‘ mache, so wird in zehn Jahren ganz Rußland von mir widerhallen, und ich werde mich an allen rächen können. Und mit ihr viel Umstände machen, hat auch gar keinen Zweck, darin hat Lambert wieder recht. Sie wird Angst haben und mich einfach nehmen. Sie wird auf die einfachste und erbärmlichste Weise einwilligen und mich nehmen. ‚Du kannst dir nicht vorstellen, nicht vorstellen kannst du dir, in was für einer Spelunke das geschah.‘ Diese Worte Lamberts fielen mir wieder ein. „Und so ist es,“ bekräftigte ich, „Lambert hat recht, hat tausendmal mehr recht als ich und Werssiloff und alle Idealisten! Er ist ein Realist. Sie wird sehen, daß ich Charakter habe und wird sich sagen: ‚Ah, er hat Charakter!‘ Lambert ist ein Schuft, und ihm kommt es nur darauf an, mir die dreißigtausend Rubel zu entreißen, und doch ist er in Wirklichkeit der einzige, der als Freund zu mir hält. Eine andere Freundschaft gibt es nicht und kann es gar nicht geben, die haben sich bloß unpraktische Leute ausgedacht. Und sie erniedrige ich damit durchaus nicht; wodurch erniedrige ich sie denn? Keineswegs: die Weiber sind alle so! Gibt es denn überhaupt ein Weib, das ganz ohne Gemeinheit wäre? Deshalb muß es auch den Mann über sich haben, deshalb ist es als untergeordnetes Wesen geschaffen. Das Weib ist Laster und Versuchung, der Mann ist Anstand und Großmut. Und so wird es bleiben für die ganze Ewigkeit. Daß ich aber im Begriff stehe, das ‚Dokument‘ auszunutzen, das besagt noch gar nichts. Das hindert mich nicht, anständig und großmütig zu sein. Schillersche Idealmenschen gibt es im wirklichen Leben nicht, die hat man sich nur ausgedacht. Dies bißchen Niedrigkeit aber – kann doch schließlich nebensächlich sein, wenn das Ziel erhaben ist! Das läßt sich später alles wieder abwaschen und gutmachen. Jetzt ist das nur Großzügigkeit, ist ‚das Leben‘, ist die Lebensweisheit, – ja, so nennt man das heutzutage!“