Erster Teil (continued 4)
E. K. Rahsin translation
„Nein, durchaus nicht,“ erwiderte ich. „Besonders gut ist der Ausspruch ‚die Frau ist eine große Macht‘. Doch ich verstehe nicht, warum Sie das mit der Arbeit in Verbindung bringen? Daß man nicht anders kann und arbeiten muß, wenn man kein Geld hat, wissen Sie selbst.“
„Aber jetzt ist genug gearbeitet worden,“ wandte er sich an meine Mutter, die nur so strahlte (als er mich anredete, war sie zusammengezuckt); „wenigstens in der nächsten Zeit will ich keine Handarbeiten sehen, ich bitte um meinetwillen. Du, Arkadi, du bist doch als Jüngling unserer Zeit sicherlich ein wenig Sozialist; nun, dann wirst du’s mir glauben, mein Freund, daß der Müßiggang von keinem so geliebt wird, wie von dem ewig arbeitenden Volk!“
„Das Ausruhen vielleicht, aber nicht der Müßiggang.“
„Nein, gerade der Müßiggang, das vollkommene Nichtstun; das ist das Ideal. Ich habe einen ewigen Arbeiter gekannt, allerdings war er kein Mann aus dem Volk ... Er war sogar ein ziemlich entwickelter Mensch und konnte manches begreifen. Nun, und dieser Mensch träumte in seinem ganzen Leben, vielleicht sogar jeden Tag, mit Wonne und Rührung von nichts anderem, als von vollständigem Müßiggang; er erhob sozusagen sein Ideal zum Absolutum – und das war: in schrankenlosester Unabhängigkeit, in ewiger Freiheit und in müßiger Beschaulichkeit zu leben. Und davon träumte er, bis er unter der Arbeit zusammenbrach; zu helfen war ihm nicht mehr – er starb im Krankenhaus. Ich bin wirklich mitunter zu der Annahme geneigt, daß die Vorstellung vom Genuß der Arbeit von Müßiggängern erfunden worden ist, versteht sich, von den tugendhaften unter ihnen. Das ist so eine von den ‚Genfer Ideen‘ aus dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts. Tatjana Pawlowna, vor drei Tagen schnitt ich aus der Zeitung eine Anzeige aus, hier ist sie“ (er zog ein Stückchen Papier aus der Westentasche), „eine von den unzähligen Anzeigen der studierenden Jugend, die die alten Sprachen beherrscht und in der Mathematik unterrichtet und zu allem bereit ist, zu jedem Unterricht ‚auswärts‘, zum Leben in Dachkammern und – kurz, zu allem. Also hören Sie: ‚Lehrerin übernimmt Vorbereitung für alle Lehranstalten‘ – wohlgemerkt: für alle – ‚und gibt Arithmetikstunden‘ – nur eine Zeile, aber sie ist klassisch! Man sollte meinen, wenn sie ‚für alle Lehranstalten vorbereitet‘, so muß sie doch auch in der Arithmetik unterrichten. Nein, sie erwähnt die Arithmetik noch ausdrücklich. Das – das ist schon der richtiger Hunger, das ist schon die höchste Not. Rührend ist hier gerade diese Unkenntnis: offenbar hat sie sich niemals zur Lehrerin ausgebildet, und es ist kaum anzunehmen, daß sie wirklich in einem Fach gut zu unterrichten versteht. Aber das ist doch der letzte Strohhalm, und so opfert sie ihren letzten Rubel für die Anzeige in der Zeitung und macht bekannt, daß sie in allen Fächern vorbereitet und außerdem noch Unterricht in der Arithmetik erteilt. Per tutto mondo e in altri siti.“
„Ach, Andrei Petrowitsch, der müßte man helfen!“ rief Tatjana Pawlowna aus. „Wo wohnt sie denn?“
„Ach, solcher gibt es viele!“ Er steckte die Anzeige wieder in die Tasche. „Dieses Paket dort auf dem Tisch, – da habe ich euch verschiedenes mitgebracht, – für dich, Lisa, und für Sie, Tatjana Pawlowna; Ssofja und ich, wir lieben keine Süßigkeiten. Und vielleicht auch für dich, junger Mann. Ich habe selbst alles bei Jelissejeff und Ballet[9] eingekauft. Wir haben schon gar zu lange ‚am Hungertuch genagt‘, wie Lukerja sagt.“ (NB. Niemand von uns hat jemals gehungert.) „Dort sind Weintrauben, Konfekt, Duchessebirnen und eine Erdbeertorte, und sogar einen vorzüglichen Likör habe ich genommen; auch Nüsse. Sonderbar, daß ich auch jetzt noch, ganz wie als Kind, Nüsse liebe, und wissen Sie, Tatjana Pawlowna, gerade die einfachste Sorte liebe ich am meisten. Lisa hat dieselbe Vorliebe; sie kann wie ein Eichhörnchen Nüsse knacken. Es gibt aber auch nichts Schöneres, Tatjana Pawlowna, als sich manchmal, ganz unversehens, so unter anderen Kindheitserinnerungen, auf Augenblicke im Walde zu denken, unter Knick und Busch, und an einem Zweig sieht man Nüsse sitzen, und die holt man sich ... Die Tage sind fast schon herbstlich, aber klar, manchmal ist es schon ziemlich frisch, und man versteckt sich im Dickicht, streift durch den Wald, es riecht nach Blättern ... Ich sehe etwas Sympathisches in Ihrem Blick, Arkadi Makarowitsch?“
„Die ersten Jahre meiner Kindheit habe auch ich auf dem Lande verlebt.“
„Wie, du hast doch, glaube ich, in Moskau gelebt ... wenn ich mich nicht irre?“
„Er war nur damals bei Andronikoffs in Moskau, als Sie hinkamen, bis dahin aber hatte er bei Ihrer verstorbenen Tante Warwara Stepanowna auf dem Lande gelebt,“ sagte Tatjana Pawlowna schnell.
„Ssofja, hier ist Geld, lege es weg. In den nächsten Tagen versprach man mir, fünftausend auszuzahlen.“
„So haben die Fürsten gar keine Hoffnung mehr?“ fragte Tatjana Pawlowna.
„Ganz und gar keine, Tatjana Pawlowna.“
„Ich habe immer mit Ihnen gefühlt, Andrei Petrowitsch, und mit allen Ihren Angehörigen, und bin eine Freundin Ihres Hauses, aber wenn mir die Fürsten auch fremd sind, sie tun mir, weiß Gott, doch leid. Nehmen Sie mir das nicht übel, Andrei Petrowitsch.“
„Ich habe nicht die Absicht, mit ihnen zu teilen, Tatjana Pawlowna.“
„Sie kennen natürlich meine Meinung, Andrei Petrowitsch. Die Fürsten hätten den Prozeß nicht angestrengt, wenn Sie gleich am Anfang eine Teilung vorgeschlagen hätten; jetzt ist es natürlich zu spät. Aber ich kann ja darüber nicht urteilen ... Ich meinte nur, weil der Verstorbene sie in seinem Testament doch bestimmt nicht übergangen hätte.“
„Nicht nur nicht übergangen, sondern er hätte ihnen bestimmt alles vermacht, übergangen aber hätte er nur mich allein, wenn er die Sache richtig anzufangen und das Testament, wie es sich gehört, aufzusetzen verstanden hätte. So aber, wie es ist, spricht das Gesetz für mich, und damit Punktum. Teilen will und werde ich nicht, Tatjana Pawlowna, und somit ist die Sache erledigt.“
Er sagte das sogar mit einer gewissen Erbitterung, die er sich sonst selten anmerken ließ. Tatjana Pawlowna verstummte. Meine Mutter schlug ersichtlich bedrückt die Augen nieder. Werssiloff wußte, daß sie Tatjana Pawlowna innerlich beistimmte.
„Hier spricht die Emser Ohrfeige mit,“ sagte ich mir, „der Brief in meiner Tasche, den Krafft mir übergeben hat, würde eine traurige Rolle spielen, wenn er jetzt noch in seine Hände gelangte.“ Und plötzlich fühlte ich, daß alles dies mir noch im Halse saß, und dieser Gedanke, in Verbindung mit allem übrigen, wirkte auf mich unwillkürlich aufreizend.
„Arkadi, ich würde es gern sehen, daß du dich etwas besser kleidetest, mein Freund. Du bist gewiß nicht schlecht angezogen, aber für die Zukunft könnte ich dir einen guten französischen Schneider empfehlen, der sehr gewissenhaft arbeitet und auch Geschmack hat.“
„Ich bitte Sie, mir nie wieder derartige Vorschläge zu machen,“ fuhr ich wütend auf.
„Warum das?“
„Ich sehe darin zwar nichts Erniedrigendes, aber wir stehen keineswegs in solchem Einvernehmen, im Gegenteil, sogar ganz im Gegenteil, und ich werde in den nächsten Tagen, werde schon morgen nicht mehr zum Fürsten gehen, weil ich da nichts zu tun habe, und von einer Tätigkeit bei ihm überhaupt nicht die Rede sein kann.“
„Aber daß du hingehst, daß du bei ihm sitzt – das soll ja eben deine ganze Tätigkeit bei ihm sein.“
„Diese Auslegung ist erniedrigend.“
„Das sehe ich nicht ein; doch übrigens, wenn du so empfindlich dafür bist, dann brauchst du ja bloß kein Gehalt von ihm anzunehmen; gehe nur so hin. Du würdest ihn sonst furchtbar kränken, er hängt bereits an dir, sei überzeugt ... Übrigens, wie du willst ...“
Es war ihm offenbar unangenehm.
„Sie sagen, ich brauchte kein Gehalt von ihm anzunehmen, und dabei habe ich, dank Ihrer Güte, heute schon eine Gemeinheit begangen: Sie haben mir nichts gesagt, und da habe ich heute mein Monatsgehalt verlangt.“
„So hast du schon deine Vorkehrungen getroffen. Und ich dachte, offen gestanden, du würdest es nicht fertig bringen, um Geld zu bitten. Wie geschickt jetzt alle sind! Heutzutage gibt es keine Jugend mehr, Tatjana Pawlowna.“
Er ärgerte sich fürchterlich; aber auch ich war wütend.
„Ich mußte doch endlich hier mit Ihnen abrechnen ... Sie selbst haben mich dazu gezwungen, – jetzt weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll ...“
„Apropos, Ssofja, gib Arkadi sofort seine sechzig Rubel zurück; du aber, mein Freund, nimm mir die Eile der Abrechnung nicht übel. Ich errate schon aus deinem Gesicht, daß du etwas zu unternehmen beabsichtigst, und so benötigst du wohl ... eines Betriebskapitals ... oder – etwas von der Art.“
„Ich weiß nicht, was aus meinem Gesicht zu erraten ist, aber ich hätte es von Mama wirklich nicht erwartet, daß sie Ihnen von diesem Gelde erzählen würde, da ich sie doch so gebeten habe, es nicht zu tun,“ sagte ich, und sah meine Mutter mit funkelnden Augen an. Ich kann gar nicht sagen, wie gekränkt ich war.
„Arkascha, Täubchen, verzeih’ mir um Gotteswillen, ich konnte wirklich nicht anders, ich konnte es nicht verheimlichen ...“
„Mein Freund, beschwere dich nicht darüber, daß sie mir deine Geheimnisse mitgeteilt hat,“ wandte er sich an mich, „und zudem hat sie es nur mit guter Absicht getan, – einfach, die Mutter war stolz auf das Verhalten des Sohnes zu ihr. Aber sei versichert, ich hatte es auch ohnedem erraten, daß du ein Kapitalist bist. Alle deine Geheimnisse sind auf deinem ehrlichen Gesicht geschrieben. Er hat seine ‚eigene Idee‘, Tatjana Pawlowna, wie ich Ihnen schon sagte.“
„Lassen wir mein ehrliches Gesicht in Ruh,“ fuhr ich fort zu zetern, „ich weiß, Sie können die Menschen durchschauen, was jedoch nicht hindert, daß Sie in manchen Fällen nicht weiter sehen, als die eigene Nase reicht. Übrigens habe ich mich oft gewundert über Ihren Scharfsinn. Nun ja, ich habe eine ‚eigene Idee‘. Daß Sie sich gerade so ausdrückten, war natürlich nur ein Zufall, aber ich fürchte mich nicht, das einzugestehen: ja, ich habe eine ‚Idee‘. Ich fürchte mich nicht und schäme mich nicht.“
„Vor allem, schäme dich nicht.“
„Aber trotzdem werde ich sie Ihnen niemals mitteilen.“
„Das heißt, wirst dich nicht dazu herablassen. Nicht nötig, mein Freund, mir ist auch so schon das Wesentliche deiner Idee bekannt. Jedenfalls ist es das:
‚Einsam zieh’ ich mich zurück In die Wüste ...‘
Tatjana Pawlowna! Meine Vermutung ist – er will ... ein Rothschild werden, oder etwas ähnliches, und sich in seine einsame Größe zurückziehen. Selbstredend wird er dann uns und Ihnen großmütig eine Pension aussetzen oder mir vielleicht auch nicht, – aber jedenfalls haben wir ihn dann am längsten gesehen. Er ist bei uns wie der junge Neumond: kaum ist er aufgegangen, da geht er schon wieder unter.“
Ich war innerlich zusammengezuckt. Natürlich war das alles Zufall: er wußte nichts und meinte etwas ganz anderes, wenn er auch ausgerechnet Rothschild genannt hatte; aber wie konnte er meine Gefühle so zutreffend feststellen: die Lust, mit ihnen allen zu brechen und mich zu entfernen? Er hatte schon alles erraten und wollte die Tragik der Sache mit seinem Zynismus im voraus beschmutzen. Daß er sich aber dabei fürchterlich ärgerte, darüber konnte kein Zweifel bestehen.
„Mama! Verzeihen Sie meinen Ausfall, der war um so überflüssiger, als man vor Andrei Petrowitsch doch nichts verbergen kann,“ rief ich, mich zum Lachen zwingend, und bemüht, das Ganze wenigstens für einen Augenblick als Scherz hinzustellen.
„Das war das beste, mein Lieber, daß du zu lachen begannst. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie unendlich viel jeder Mensch dadurch gewinnt, sogar äußerlich. Ich sage das im Ernst. Wissen Sie, Tatjana Pawlowna, er sieht immer so aus, als habe er etwas dermaßen Wichtiges im Sinn, daß er sogar selbst förmlich beschämt ist von dieser Wichtigkeit.“
„Ich möchte Sie im Ernst gebeten haben, etwas zartfühlender zu sein, Andrei Petrowitsch.“
„Du hast recht, mein Freund; aber einmal muß man es doch aussprechen, damit später nie wieder daran gerührt werde. Du bist aus Moskau hergekommen, um hier sogleich zu rebellieren – das ist vorläufig alles, was uns von den Gründen deiner Herreise bekannt ist. Davon aber, daß du gekommen bist, um uns mit irgend etwas in Erstaunen zu setzen – davon werde ich selbstredend nichts weiter erwähnen. Ferner gefällt es dir, hier uns einen ganzen Monat lang anzuschreien; indessen bist du doch allem Anscheine nach ein kluger Mensch, und als solcher könntest du das Anschreien eigentlich denen überlassen, die sich schon auf keine andere Weise an den Menschen für die eigene Nichtigkeit rächen können. Du verschließt dich immer, während dein ehrliches Aussehen und deine frischen Wangen offenkundig beweisen, daß du jedem mit vollkommener Unschuld in die Augen sehen könntest. Er ist ein Hypochonder, Tatjana Pawlowna, nur verstehe ich nicht, warum sie heutzutage alle Hypochonder sind?“
„Wenn Sie nicht einmal wußten, wo ich aufgewachsen bin, wie sollten Sie dann wissen, warum ein Mensch zum Hypochonder wird?“
„Da haben wir des Rätsels Lösung: Du bist gekränkt, weil ich vergessen konnte, wo du aufgewachsen bist!“
„Durchaus nicht, schreiben Sie mir keine Dummheiten zu. Mama, Andrei Petrowitsch hat soeben mein Lachen gelobt; nun denn – lassen Sie uns einmal alle lachen! Wozu so still sitzen! Wenn Sie wollen, so werde ich Ihnen aus meinem Leben Geschichten erzählen? – zumal Andrei Petrowitsch doch nichts von meinen Erlebnissen weiß.“
Viel hatte sich in mir angesammelt. Und ich glaubte, daß wir nie wieder so wie jetzt beisammensitzen würden, und daß ich, wenn ich aus diesem Hause hinausgegangen wäre, nie wieder dasselbe betreten würde, – deshalb, am Vorabend alles dessen, konnte ich mich nicht bezwingen. Er selbst hatte mich zu diesem Schlußakt herausgefordert.
„Das wäre natürlich allerliebst, wenn es nur auch wirklich lustig wird,“ bemerkte er und sah mich forschend mit durchdringendem Blick an. „Du bist ein wenig grob geworden, mein Freund, dort, wo du aufgewachsen bist, doch bist du immerhin noch ziemlich anständig. Er ist heute sehr nett, Tatjana Pawlowna, und von Ihnen ist es sehr vernünftig, daß Sie endlich mein Paket aufmachen.“
Aber Tatjana Pawlowna machte ein finsteres Gesicht; nach seinen Worten wandte sie sich nicht einmal nach ihm um und fuhr wortlos in ihrer Beschäftigung fort, die von ihm mitgebrachten Früchte und Süßigkeiten auf die ihr gereichten Teller zu legen. Meine Mutter saß gleichfalls mit unsicheren Gefühlen da, ohne etwas verstehen zu können, aber sie fühlte und ahnte, daß es zwischen uns nicht gut enden werde. Meine Schwester berührte mich noch einmal am Arm.
III.
„Ich will euch allen nur erzählen,“ begann ich, anscheinend mit der größten Harmlosigkeit, „wie einmal ein Vater zum erstenmal mit seinem lieben Sohn zusammentraf; geschehen ist das eben dort, ‚wo du aufgewachsen bist‘ ...“
„Mein Freund, wird das nicht ... langweilig? Du weißt: tous les genres ...“
„Seien Sie unbesorgt, Andrei Petrowitsch, machen Sie ein heiteres Gesicht, ich beabsichtige durchaus nicht das, was Sie vermuten. Ich will ja nur, daß alle lachen.“
„So möge Gott dich hören, mein Lieber. Ich weiß, daß du uns alle liebst und ... uns nicht den Abend wirst verderben wollen,“ sagte er, aber der Ton war nicht echt, und er sprach es undeutlich und nachlässig aus.
„Das haben Sie wohl auch wieder aus meinem Gesicht erraten, daß ich Sie liebe?“
„Ja, zum Teil auch aus dem Gesicht.“
„Nun, ich aber habe aus Tatjana Pawlownas Gesicht schon längst erraten, daß sie in mich verliebt ist. Ach, sehen Sie mich nicht so wild an, Tatjana Pawlowna, lachen Sie lieber! Lachen wir!“
Da wandte sie sich plötzlich schnell nach mir um und sah mich durchbohrend an, mehrere Sekunden lang.
„Nimm dich in acht!“ drohte sie mir plötzlich mit dem Finger, aber so ernst, daß sich das gar nicht auf meinen dummen Scherz beziehen konnte, sondern wie eine Warnung in einer anderen Hinsicht klang, und ihr Blick schien zu fragen: „Läßt du dir einfallen, schon anzufangen?“
„Andrei Petrowitsch, so erinnern Sie sich wirklich nicht, wie wir uns zum erstenmal im Leben begegnet sind?“
„Bei Gott, ich hab’s vergessen, mein Freund, und fühle mich von Herzen schuldig. Ich entsinne mich bloß, daß es vor sehr langer Zeit gewesen sein muß und irgendwo ...“
„Und, Mama, erinnern Sie sich auch nicht, wie Sie einmal dort auf dem Lande waren, wo ich aufwuchs, ich glaube, als ich ungefähr sechs oder sieben Jahre alt war? Ich will nur wissen, sind Sie wirklich einmal dort auf dem Gut gewesen, oder scheint es mir nur nach einem Traum, daß ich Sie dort zum erstenmal gesehen habe? Das wollte ich Sie schon lange fragen, aber ich schob es immer hinaus, doch jetzt ist es Zeit dazu.“
„Selbstverständlich, Arkaschenka, selbstverständlich! Ich bin doch ganze dreimal bei Warwara Stepanowna zu Besuch gewesen. Das erstemal kam ich, als du erst ein Jahr alt warst, das zweitemal, als du vier wurdest, und als ich das drittemal kam, da warst du schon sechs.“
„Nun also, das wollte ich Sie schon den ganzen Monat fragen.“
Meine Mutter errötete lebhaft unter der Flut von Erinnerungen, die auf sie einstürmten, und sie fragte mich innig:
„So kannst du dich wirklich meiner noch aus der Zeit erinnern, Arkaschenka?“
„Ich erinnere mich an nichts und weiß nichts, nur ein Etwas ist von Ihrem Antlitz für mein ganzes Leben in meinem Herzen geblieben, und außerdem noch das Wissen, daß Sie meine Mutter sind. Das ganze Gut der Warwara Stepanowna sehe ich jetzt nur noch wie im Traum vor mir, sogar meine Wärterin habe ich vergessen. Und dieser Warwara Stepanowna entsinne ich mich auch nur verschwindend wenig, und dieses wenigen nur deshalb, weil sie beständig wegen Zahnweh eine verbundene Backe hatte. Ich erinnere mich noch der großen Bäume vor dem Hause, ich glaube, es waren Linden, und wie heller Sonnenschein in den offenen Fenstern stand, dazu ein Blumenbeet, ein Gartenweg ... Und Sie, Mama, habe ich nur in dem einen Augenblick im Gedächtnis, als ich dort in der Kirche einmal zum Abendmahl gebracht wurde, und Sie hoben mich auf, damit ich die Hostie empfinge und den Kelch küßte; es war im Sommer, und eine Taube flog oben unter der Kuppel durch die Kirche, zu einem Fenster herein, zum anderen hinaus ...“
„Herrgott! So war es wirklich!“ rief meine Mutter aus und schlug die Hände zusammen –, „und dieses Täubchen sehe ich doch noch wie heute! Gerade vor dem Kelch fuhrst du auf und riefst: ‚eine Taube, eine Taube‘!“
„Ihr Gesicht, oder nur etwas von ihm, vielleicht nur der Ausdruck, hatte sich meinem Gedächtnis so tief eingeprägt, daß ich Sie fünf Jahre später in Moskau sofort wiedererkannte, obgleich mir niemand gesagt hatte, Sie seien meine Mutter. Andrei Petrowitsch aber habe ich zum erstenmal gesehen, als ich von Andronikoffs fortgenommen wurde, nachdem ich bei ihnen fast fünf Jahre lang still und munter gelebt hatte. Ihrer Dienstwohnung erinnere ich mich noch bis in alle Einzelheiten, und ebenso aller dieser Damen und jungen Mädchen, die hier alle so alt geworden sind, und das ganze Haus und Andronikoff selbst sehe ich noch vor mir, wie er den ganzen Proviant, Wild, Fische und Spanferkel in Paketen immer selbst aus der Stadt mitbrachte und bei Tisch selbst die Suppe uns vorschöpfte, an Stelle der Frau, die immer so vornehm tat, und wie die ganze Tischgesellschaft darüber lachte, er selbst am meisten. Die Damen brachten mir dort Französisch bei, aber am meisten liebte ich die Fabeln von Kryloff, von denen ich bald eine ganze Menge auswendig konnte, und jeden Tag deklamierte ich eine Fabel Andronikoff vor, wozu ich jedesmal einfach in sein kleines Arbeitszimmer ging, unbekümmert darum, ob er zu tun hatte oder nicht. Nun, und so eine Fabel hat denn auch meine Bekanntschaft mit Ihnen, Andrei Petrowitsch, eines Tages vermittelt. Ich sehe, Sie fangen an, sich zu erinnern.“
„Ein wenig, mein Lieber, eben daß du mir damals etwas erzähltest oder aufsagtest ... war es eine Fabel oder etwas aus ‚Verstand schafft Leiden‘, wenn ich mich nicht irre? Was du übrigens für ein Gedächtnis hast!“
„Gedächtnis! Das fehlte noch! Hat doch mein Gedächtnis nur an dieses eine mein Leben lang gedacht!“
„Gut, gut, mein Lieber, du belebst mich förmlich mit deiner Erzählung.“
Er lächelte sogar, und nach ihm lächelten sogleich auch meine Mutter und meine Schwester. Das Vertrauen kehrte zurück; bloß Tatjana Pawlowna, die die Früchte und Süßigkeiten auf den Tisch gestellt und sich wieder hingesetzt hatte, sah mich immer noch mit bösen Blicken an.
„Es begann damit,“ fuhr ich fort, „daß eines schönen Morgens die Freundin meiner Kindheit, Tatjana Pawlowna, bei uns erschien, wie gewöhnlich unvorhergesehen plötzlich, so etwa wie es im Theater zu geschehen pflegt. Sie kam, um mich abzuholen, und dann fuhr ich mit ihr im Wagen zu einem schönen Herrenhause und kam in eine prunkvolle Wohnung. Sie, Andrei Petrowitsch, waren damals bei der Fanariotowa abgestiegen, in dem Hause, das sie von Ihnen einmal gekauft hatte; sie selbst war damals im Auslande. Ich hatte bis dahin immer nur Blusen getragen, jetzt aber wurde ich auf einmal in einen hübschen dunkelblauen Anzug und in die feinste Wäsche gesteckt. Tatjana Pawlowna nestelte den ganzen Tag an mir herum und kaufte viele Sachen für mich; ich aber strich den ganzen Tag durch alle Zimmer und betrachtete mich in allen Spiegeln. So kam es, daß ich am nächsten Morgen, als ich meine Streifzüge natürlich wieder aufnahm, so gegen zehn Uhr, ahnungslos in Ihr Kabinett geriet. Ich hatte Sie schon am Tage vorher bei meiner Ankunft gesehen, aber nur ganz flüchtig auf der Treppe. Sie kamen die Treppe herunter, um sich in den Wagen zu setzen und irgendwohin zu fahren. Sie waren damals allein nach Moskau gekommen, nach sehr langer Abwesenheit, und nur auf kurze Zeit, weshalb sich denn alle um Sie rissen und Sie zu Hause kaum zu sehen waren. Als Sie Tatjana Pawlowna und mich auf der Treppe erblickten, sagten Sie nur gedehnt: ‚Ah!‘ und blieben nicht einmal stehen.“
„Er schildert alles mit besonderer Liebe,“ bemerkte Werssiloff zu Tatjana Pawlowna, doch diese wandte sich ab und sagte nichts.
„Ich sehe Sie so, wie Sie damals waren, jung und schön, noch wie leibhaftig vor mir. Sie haben in diesen neun Jahren wirklich erstaunlich zu altern und sich ins Unvorteilhafte zu verändern verstanden, verzeihen Sie mir schon diese Aufrichtigkeit. Übrigens waren Sie auch damals bereits siebenunddreißig, aber ich konnte mich gar nicht sattsehen an Ihnen; was hatten Sie für wundervolles dunkles Haar, und in dem glänzte noch kein einziger Silberfaden. Ihr Schnurrbart und der kurze Backenbart, wie er damals mit den hohen Halsbinden Mode war – die waren einfach wie von einem Juwelier gemacht –, anders kann ich es nicht ausdrücken. Ihr Gesicht war von einer matten Blässe, nicht kränklich blaß, wie jetzt, sondern so wie das Gesicht Ihrer Tochter Anna Andrejewna, die ich heute kennen zu lernen die Ehre hatte; dazu feurige dunkle Augen und prachtvolle Zähne – die fielen mir besonders auf, als Sie lachten. Und als ich eintrat und Sie mich betrachteten, begannen Sie zu lächeln; ich konnte damals noch nicht viel unterscheiden, und von Ihrem Lächeln wurde mir nur froh zumut. Sie trugen an diesem Morgen einen dunkelblauen Sammetrock, eine solferino-farbene Halsbinde und ein kostbares Hemd mit Alençonspitzen, und Sie standen vor dem Spiegel und deklamierten den letzten Monolog Tschatzkis,[10] und besonders seinen letzten Schrei: ‚Den Wagen mir, den Wagen‘!“
„Ach, bei Gott,“ griff Werssiloff lebhaft die Erinnerung auf, „tatsächlich, er hat recht! Ich hatte damals trotz der kurzen Zeit die Rolle Tschatzkis in der Liebhaberaufführung bei Alexandra Petrowna Witowtoff zu spielen übernommen, da Schilenko plötzlich erkrankt war!“
„Hatten Sie das wirklich vergessen?“ fragte Tatjana Pawlowna lachend.
„Er hat mich daran erinnert! Ja, offen gestanden, diese paar Tage damals in Moskau waren vielleicht die schönste Zeit meines ganzen Lebens! Wir waren noch alle so jung ... und alle so glühend erwartungsvoll. Ich traf damals in Moskau ganz unvermutet so viel ... Aber erzähle weiter, mein Lieber; das hast du diesmal sehr gut gemacht, daß du mir so ausführlich alles ins Gedächtnis zurückriefst ...“
„Ich stand, sah Sie an und hörte zu, und plötzlich rief ich entzückt: ‚Ach, wie fein! Der richtige Tschatzki!‘ Da drehten Sie sich überrascht nach mir um und fragten: ‚Ja, kennst du denn schon Tschatzki?‘ – und dann setzten Sie sich aufs Sofa und machten sich in der besten Stimmung an Ihren Kaffee, – ich hätte Sie einfach abküssen mögen! Und da erzählte ich Ihnen denn, daß bei Andronikoffs von allen sehr viel gelesen wurde und die jungen Damen viele Gedichte auswendig konnten und aus dem Lustspiel ‚Verstand schafft Leiden‘ so unter sich ganze Szenen spielten, und daß in der vorigen Woche an den Abenden Turgenjeffs ‚Aufzeichnungen eines Jägers‘ vorgelesen worden waren, und daß ich am meisten Kryloffs Fabeln liebte und auswendig hersagen konnte. Und da sagten Sie, ich solle doch eine aufsagen, und ich begann mit dem ‚Wählerischen Mädchen‘:
‚Ein Mädchen, jung an Jahren, wünschte sich einst einen Freier ...‘“
„Ja, richtig, richtig, jetzt entsinne ich mich!“ rief Werssiloff lebhaft. „Aber, mein Freund, jetzt sehe ich auch dich wieder deutlich vor mir: du warst damals ein so netter Junge, sogar ein gewandter Junge, und ich schwöre dir, du hast gleichfalls viel verloren in diesen neun Jahren.“
Nun begannen schon alle, selbst Tatjana Pawlowna, zu lachen. Man sah, daß Andrei Petrowitsch zu scherzen beliebte und mir für meine boshafte Bemerkung über sein gealtertes Aussehen mit derselben Münze heimzahlte. Alle waren erheitert; aber er hatte es auch in einem unnachahmlichen Tone gesagt.
„Je weiter ich die Fabel vortrug, desto mehr lächelten Sie, aber ich kam noch nicht einmal bis zur Hälfte, da unterbrachen Sie mich, klingelten und sagten dem Diener, sie ließen Tatjana Pawlowna zu sich bitten. Die kam denn auch unverzüglich und mit so frohem Gesicht herbeigeeilt, daß ich, der ich sie tags zuvor gesehen hatte, sie kaum wiedererkannte. In ihrer Gegenwart begann ich noch einmal das ‚Wählerische Mädchen‘ und beendete den Vortrag glänzend. Sogar Tatjana Pawlowna lächelte, und Sie, Andrei Petrowitsch, Sie riefen sogar ‚bravo!‘ vor Entzücken, und darauf äußerten Sie lebhaft, es hätte Sie nicht gewundert, wenn ein gescheiter Junge in meinen Jahren eine Fabel, wie vielleicht die von der Grille und der Ameise, gut vorgetragen hätte, aber diese Fabel sei doch mit einer solchen nicht zu vergleichen!
‚Ein Mädchen, jung an Jahren, wünschte sich einst einen Freier – Dran war nichts ungeheuer!‘
– hören Sie doch nur, wie er das sagt: ‚Dran war nichts ungeheuer!‘ – Mit einem Wort, Sie waren ganz begeistert. Und dann sprachen Sie plötzlich Französisch mit Tatjana Pawlowna, deren Gesicht sich gleich wieder verfinsterte, und sie widersprach Ihnen und sogar immer eifriger. Aber da es nun doch einmal unmöglich ist, Andrei Petrowitsch etwas zu versagen, wenn er plötzlich was will, so nahm denn Tatjana Pawlowna mich schließlich an der Hand und führte mich schnell in ihr Zimmer; dort wusch man mir von neuem Gesicht und Hände, mir wurde nochmals neue Wäsche angezogen, ich wurde mit Pomade und Wohlgerüchen bearbeitet, und zu guter Letzt wurden mir sogar Locken gedreht. Und gegen Abend zog sich Tatjana Pawlowna selbst recht festlich an und putzte sich so heraus, wie ich es von ihr gar nicht erwartet hätte, und dann fuhren wir im Wagen. Ich kam zum erstenmal im Leben in ein Theater, es war eine Liebhaberaufführung bei Witowtoffs: Lichtgeflimmer, Kronleuchter, Damen, Militärpersonen, Generäle, junge Mädchen, der Vorhang, die Stuhlreihen, – nichts Ähnliches hatte ich je zuvor gesehen! Tatjana Pawlowna setzte sich auf das bescheidenste Plätzchen in einer der hintersten Reihen, und mich setzte sie neben sich. Es waren da natürlich auch noch andere Kinder in meinem Alter, aber ich beachtete sie nicht, ich wartete nur mit klopfendem Herzen auf die Vorstellung. Als Sie, Andrei Petrowitsch, auf der Bühne erschienen, war ich bis zu Tränen begeistert, – warum, weshalb – das begreife ich selbst nicht. Warum vor lauter Begeisterung gerade Tränen? – das ist es, was mich stets befremdet hat, wann immer ich in den folgenden neun Jahren daran zurückgedacht habe! Damals aber verfolgte ich mit atemloser Spannung die Komödie. Ich begriff natürlich nur, daß sie ihn betrog und verschmähte, daß dumme Menschen über ihn lachten, Menschen, die nicht einmal seine Schuhsohle wert waren. Und als Tschatzki auf dem Ball seine Gedanken aussprach, begriff ich, daß er erniedrigt und gekränkt wurde, daß er allen diesen erbärmlichen Leuten die Wahrheit sagte, er selbst aber war groß, groß! Natürlich trug meine Vorbereitung bei Andronikoffs viel zu meinem Verständnis der Sache bei, aber nicht minder auch Ihr Spiel, Andrei Petrowitsch! Ich war zum erstenmal im Theater! Und in der Schlußszene, wo Tschatzki nach seinem Wagen ruft: ‚Den Wagen mir, den Wagen!‘ (und Sie riefen das großartig!) – da sprang ich vom Stuhle auf, und zusammen mit dem ganzen Saal, der wie rasend applaudierte, klatschte ich aus aller Kraft in die Hände und schrie bravo! bravo! so laut ich nur konnte. Und ich weiß noch genau, wie mich in demselben Augenblick gleichsam eine Stecknadel stach – ‚unterhalb des Kreuzes‘, wo mich Tatjana Pawlowna wütend kniff; aber ich beachtete das nicht einmal! Natürlich brachte sie mich gleich nach Schluß der Vorstellung wieder nach Haus. ‚Du kannst doch nicht noch zum Tanz bleiben, nur deinetwegen muß auch ich auf alles verzichten!‘ – diesen Vorwurf bekam ich von Ihnen, Tatjana Pawlowna, während der ganzen Heimfahrt immer wieder zu hören. Die Nacht verbrachte ich in Fieberträumen, und am folgenden Morgen stand ich schon um zehn Uhr vor der Tür Ihres Kabinetts, aber die war verschlossen, und bei Ihnen saßen Leute, und Sie sprachen mit ihnen über Geschäftliches, und dann fuhren Sie fort und kehrten erst spät in der Nacht zurück, – so sah ich Sie denn nicht mehr! Was ich Ihnen damals sagen wollte, habe ich jetzt vergessen, aber ich werde es wohl auch damals nicht genau gewußt haben; ich hatte nur den glühenden Wunsch, Sie so bald als möglich wiederzusehen. Und am zweiten Morgen hatten Sie schon vor acht Uhr das Haus verlassen und sich nach Sserpuchoff begeben. Sie hatten kurz vorher Ihr Gut im Tulaschen Gouvernement verkauft, um mit Ihren Gläubigern abrechnen zu können, aber es war Ihnen doch noch ein ganz erkleckliches Sümmchen verblieben, und das war auch der Grund, weshalb Sie sich damals wieder einmal in Moskau sehen ließen, was Sie bis dahin wegen der Gläubiger wohlweislich vermieden hatten. Aber da war nun dieser eine Grobian in Sserpuchoff, der einzige von allen Gläubigern, der sich nicht mit der Hälfte der Summe, die Sie ihm schuldeten, zufrieden geben wollte! Tatjana Pawlowna antwortete mir nicht einmal auf meine Fragen. ‚Danach hast du nicht zu fragen,‘ sagte sie barsch, ‚übermorgen bringe ich dich in die Pension. Mach dich bereit, bring deine Hefte und Bücher in Ordnung und gewöhne dich beizeiten daran, deinen Koffer selbst zu packen. Dir steht es nicht zu, mit Adelsgewohnheiten aufzuwachsen. Merke Er sich das, mein Herr!‘ – und dies nicht und das nicht und jenes nicht, – gepredigt haben Sie mir in diesen drei Tagen wahrlich nicht wenig, Tatjana Pawlowna! Es endete damit, daß Sie mich in die Pension Touchard brachten, mich, den Schuld- und Ahnungslosen, der nur in Sie verliebt war, Andrei Petrowitsch. Nun ja, diese ganze Begegnung mit Ihnen mag als dummer Zufall erscheinen, aber werden Sie es mir glauben, ich wollte doch später, so nach einem halben Jahr, von Touchard zu Ihnen fliehen!“
„Du hast vorzüglich erzählt und mir alles so lebendig vergegenwärtigt,“ bemerkte Werssiloff langsam und markant, „aber am auffallendsten war in deiner Erzählung der Reichtum an gewissen Einzelheiten, zum Beispiel was meine Schulden betrifft. Ganz abgesehen von der Taktlosigkeit der Erwähnung dieser Einzelheiten, verstehe ich nicht, wie du sie hast erfahren können?“
„Die Einzelheiten? Wie erfahren? Aber ich sagte Ihnen doch, ich habe in diesen ganzen neun Jahren meines Lebens nichts anderes getan, als Einzelheiten über Sie zu erfahren gesucht.“
„Ein sonderbares Geständnis und ein sonderbarer Zeitvertreib, fürwahr!“
Er bewegte sich, halb liegend im Sessel, und gähnte kaum merklich – ob mit Absicht oder unwillkürlich, das weiß ich nicht.
„Soll ich fortfahren und erzählen, wie ich von Touchard zu Ihnen fliehen wollte?“
„Verbieten Sie es ihm, Andrei Petrowitsch, werfen Sie ihn hinaus!“ fuhr Tatjana Pawlowna auf.
„Das geht nicht an, Tatjana Pawlowna,“ erwiderte Werssiloff eindringlich. „Arkadi hat offenbar etwas im Sinn, und deshalb muß man ihn unbedingt alles aussprechen lassen. Nun, und so mag er es denn tun. Er wird es erzählen, und dann ist er es los, für ihn aber ist das ja die Hauptsache, daß er es los wird. Also fang nur an, mein Lieber, mit deiner neuen Geschichte, das heißt, ich sage nur so, neu; sei unbesorgt, für mich ist sie das nicht, ich kenne ihr Ende.“
IV.
„Meine Flucht, oder vielmehr, wie ich zu Ihnen fliehen wollte, war sehr einfach. Tatjana Pawlowna, erinnern Sie sich noch, daß Sie etwa zwei Wochen nach meinem Eintritt in diese Pension von Touchard einen Brief erhielten? Mir hat später Marja Iwanowna diesen Brief gezeigt, die ihn gleichfalls in den Papieren des verstorbenen Andronikoff gefunden hatte. Touchard war plötzlich auf den Gedanken gekommen, daß er für mich zu wenig Pensionsgeld verlangt hätte, und so erklärte er Ihnen in seinem Brief mit Stolz und Würde, in seiner Pension würden nur Fürsten- und Senatorensöhne erzogen, und da es dem Ansehen seiner Pension zweifellos schade, einen Zögling von solcher Herkunft unter den anderen zu zählen, müsse er für mich eine Zulage verlangen.“
„Mon cher, du könntest ...“
„Oh, es ist nichts weiter, nichts weiter,“ fiel ich ihm schnell ins Wort, „ich will nur noch ein wenig von Touchard erzählen. Sie, Tatjana Pawlowna, antworteten ihm schon aus der Provinz, erst nach vierzehn Tagen, und wiesen ihn mit seinem Anliegen kategorisch ab. Ich weiß noch, wie er mit puterrotem Kopf in unser Klassenzimmer kam. Er war ein sehr kleiner und dicker Franzose, ungefähr fünfundvierzig Jahre alt und tatsächlich geborener Pariser – natürlich ehemaliger Schuster oder so was gutes, aber er lebte schon seit undenklichen Zeiten in Moskau als Lehrer der französischen Sprache an einem Kroninstitut, und deshalb hatte er auch Rang und Titel, auf die er ungemein stolz war. Im Grunde war er ein vollständig ungebildeter Mensch. Pensionäre hatte er im ganzen nur sechs, und einer von diesen war allerdings der Neffe eines Moskauer Senators. Wir lebten bei ihm, als gehörten wir alle zu einer Familie, und standen mehr unter der Aufsicht seiner Frau, einer sehr feinen Dame, der Tochter eines russischen Beamten. In den ersten zwei Wochen hatte ich mich ungeheuer wichtig gemacht vor den Kameraden, sowohl mit meinem blauen Anzug, wie mit meinem Papa Andrei Petrowitsch, und ihre Fragen, warum ich denn nicht auch so wie Sie, Werssiloff, hieß, sondern Dolgoruki, vermochten mich nicht im geringsten zu verwirren, einfach weil ich selbst nicht wußte, warum das so war.“
„Andrei Petrowitsch!“ rief Tatjana Pawlowna beinahe drohend, wie um Einhalt zu gebieten. Meine Mutter dagegen hörte mir mit Spannung zu, ohne einen Blick von mir zu wenden, und ersichtlich wollte sie, daß ich weiter erzählte.
„Ce Touchard ... in der Tat, ich entsinne mich jetzt, er war so ein kleiner, unruhiger Mensch,“ sagte Werssiloff langsam und mit zusammengebissenen Zähnen, „aber er wurde mir damals von bester Seite empfohlen ...“
„Ce Touchard kam wütend mit dem Brief in der Hand herein und trat an unseren großen Eichentisch, an dem wir alle gerade lernten, packte mich an der Schulter, riß mich vom Stuhl in die Höhe und befahl mir, meine Hefte zu nehmen.
‚Dein Platz ist nicht hier, sondern dort!‘ schrie er mich an und wies auf ein unglaublich kleines Zimmerchen links vom Vorraum, wo nur ein einfacher Tisch, ein Strohstuhl und ein mit Wachstuch bezogener Diwan standen – genau wie bei mir jetzt hier im Mansardenzimmer. Ich war erstaunt und erschrocken und tat ganz befangen, was er mir befohlen hatte, – so grob war noch kein Mensch zu mir gewesen. Nach einer halben Stunde, als Touchard das Klassenzimmer wieder verlassen hatte, begann ich zu den Kameraden hinüber zu schauen, und auch sie sahen mich an, und wir lachten; natürlich lachten sie über mich, aber ich erriet das nicht und glaubte harmlos, wir lachten, weil wir lustig wären. Da kam Touchard hereingestürzt, packte mich am Schopf, und nun wurde ich gezaust.
‚Wie darfst du es wagen, mit vornehmen Kindern umzugehen, du bist niedriger Herkunft und kaum mehr als ein Lakai!‘
Und er schlug mich schmerzhaft auf meine frische Backe, und da er am Schlagen Gefallen fand, schlug er mich noch einmal und dann noch zum drittenmal. Ich weinte laut auf und war schrecklich verblüfft. Eine ganze Stunde saß ich, das Gesicht in den Händen vergraben, und schluchzte, schluchzte. Es war etwas geschehen, was ich auf keine Weise verstehen, was ich überhaupt nicht fassen konnte. Und ich begreife auch heute noch nicht, wie dieser als Mensch keineswegs bösartige Touchard, der sich sogar über die Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland freute – er, der Ausländer – wie dieser Mensch einen dummen kleinen Jungen so schlagen konnte. Übrigens war ich nur erstaunt, nicht beleidigt; ich verstand damals noch nicht, Beleidigungen als solche zu empfinden. Ich glaubte, ich sei unartig gewesen: wenn ich mich jedoch besserte und artig wäre, so würde man mir verzeihen, und wir würden dann wieder alle fröhlich sein und auf dem Hof zusammen spielen und ein Leben führen, wie es nicht schöner denkbar ist!“
„Mein Freund, wenn ich nur geahnt hätte ...“ sagte Werssiloff langsam und mit dem nachlässigen Lächeln eines etwas ermüdeten Menschen, „aber wer hätte das denken können, daß dieser Touchard ein solcher Spitzbube wäre! Übrigens gebe ich die Hoffnung noch immer nicht auf, daß du dich doch noch mit ganzer Kraft aufraffst und uns alles das schließlich verzeihst, und wir dann wieder ein Leben führen können, wie es nicht schöner denkbar ist.“
Er gähnte tatsächlich.
„Aber ich beschuldige doch keinen Menschen, das fällt mir ja gar nicht ein, und ich klage auch gar nicht über Touchard, ich versichere Ihnen!“ rief ich laut, aber innerlich doch etwas verwirrt durch seine Bemerkung. „Und er schlug mich ja im ganzen auch nur zwei Monate lang. Ich weiß noch, ich wollte ihn immer durch irgend etwas entwaffnen, ich stürzte zu ihm, um seine Hände zu küssen, und ich küßte sie, und ich weinte, weinte. Die Kameraden lachten über mich und verachteten mich, da Touchard mich nun wie seinen Diener zu behandeln begann, sich die Kleider von mir reichen ließ, wenn er sich anzog, und ähnliches. Hierbei kam mir mein Bedientenblut instinktiv zustatten; ich gab mir die größte Mühe, ihm alles recht zu machen, und ich war nicht im geringsten beleidigt, da ich noch nichts von alledem begriff. Wirklich, ich wundere mich bis zum heutigen Tage, daß ich damals noch so dumm war und nicht einmal erriet, warum ich geringer war als die anderen alle. Freilich hatten mir meine Mitschüler schon damals vieles erklärt; das war eine gute Schule. Touchard aber zog es bald vor, mich mit dem Knie von hinten zu stoßen, statt mich zu ohrfeigen, und so nach einem halben Jahr war er manchmal sogar freundlich zu mir, aber wenigstens einmal im Monat mußte er mich doch noch schlagen, zur Erinnerung, damit ich mich nicht vergäße. Bald durfte ich auch wieder mit den anderen zusammensitzen oder spielen, aber in den ganzen zweieinhalb Jahren hat Touchard keinen Augenblick den Unterschied in unserer sozialen Stellung außer acht gelassen oder vergessen, und wenn er auch nicht mehr beständig Dienstleistungen von mir verlangte, so konnte er es doch nicht ganz unterlassen, wie ich vermute, eben um mich an den Unterschied zu erinnern ...
Meine Flucht, – das heißt, nein, es blieb ja beim Versuch, und den machte ich erst im fünften, sechsten Monat nach diesen zwei ersten Monaten. Ich bin eigentlich immer sehr schwerfällig im Entschließen gewesen. Sobald ich im Bett lag und mich zugedeckt hatte, begann ich an Sie zu denken, Andrei Petrowitsch, nur an Sie. Ich weiß es selbst nicht, wie sich das so machte. Und sogar im Traum sind Sie mir erschienen. Aber ich träumte auch wachend, und dann mit Leidenschaft und nur davon, wie Sie plötzlich eintreten und ich Ihnen entgegenstürze, und wie Sie mich von hier fortbringen zu sich, in jenes Kabinett, und dann fahren wir wieder ins Theater, nun, und so weiter. Die Hauptsache war, daß wir uns dann nie wieder trennen – das war das wichtigste und schönste! Wenn ich dann am Morgen aufstehen mußte, begannen gleich wieder der Spott und die Verachtung der Mitschüler. Einer von ihnen begann mich einfach zu prügeln und zwang mich, ihm die Stiefel zu reichen; er verspottete mich mit den schändlichsten Schimpfnamen und bemühte sich nach Möglichkeit, meine Herkunft zu erläutern, zur Belustigung aller Zuhörer. Und wenn zum Schluß noch Touchard selbst erschien, dann begann in meiner Seele etwas Unerträgliches. Ich fühlte, daß man mir hier niemals verzeihen werde – oh, ich begann damals schon allmählich zu begreifen, was man mir nicht verzieh und worin mein Vergehen bestand! Und so kam ich auf den Gedanken, zu entfliehen. Ganze zwei Monate träumte ich davon mit Bangen, endlich entschloß ich mich. Es war schon September. Ich wartete auf den Sonnabend, wenn alle Mitschüler zum Sonntag nach Hause fuhren, und inzwischen machte ich mir heimlich aus den notwendigsten Sachen ein Bündelchen; an Geld besaß ich nur zwei Rubel. Ich wollte bis zum Einbruch der Dunkelheit warten – ‚dann schleiche ich die Treppe hinunter,‘ dachte ich, ‚und schlüpfe hinaus, und dann gehe ich!‘ – Wohin? Ich wußte, daß Andronikoff schon nach Petersburg versetzt war, und so beschloß ich, das Haus der Fanariotowa auf dem Arbat aufzusuchen. ‚Die Nacht über gehe ich herum oder sitze irgendwo, und am Morgen gehe ich dann auf den Hof des Hauses und frage dort: wo ist jetzt Andrei Petrowitsch? Und wenn er nicht in Moskau ist, wohin ist er dann gefahren, in welcher Stadt und in welchem Reich lebt er jetzt? Und das wird man mir dann doch bestimmt sagen. Und dann gehe ich fort und frage an einem anderen Ort wieder irgend jemand: an welchem Schlagbaum muß ich vorübergehen, wenn ich in die und die Stadt will? Nun, und dann werde ich aus der Stadt hinausgehen und immer weiter und weiter gehen. Und ich werde immer gehen und gehen, nächtigen werde ich am Wege unter Büschen, und essen werde ich nur Brot, und wenn ich für zwei Rubel Brot kaufe, so wird das für sehr lange ausreichen.‘ So dachte ich mir das alles. Aber am Sonnabend konnte ich meine Absicht nicht ausführen, ich mußte bis zum Sonntag warten, und da traf es sich, daß gerade an diesem Sonntag Herr und Frau Touchard irgendwohin zu Besuch fuhren; im ganzen Hause blieben nur die Magd Agafja und ich zurück. Ich wartete mit einer furchtbaren Sehnsucht auf die Nacht; ich weiß noch: ich saß im Gastzimmer am Fenster und sah hinaus auf die staubige Straße mit den kleinen hölzernen Häusern und den seltenen Fußgängern. Touchard wohnte in einer abgelegenen Gegend am Rande der Stadt, und aus den Fenstern sah man einen Schlagbaum; ‚sollte es nicht dieser sein?‘ dachte ich flüchtig. Die Sonne ging so rot unter, der Himmel war so kalt, und ein scharfer Wind wirbelte den Staub auf, ganz wie heute. Endlich wurde es dunkel, ganz dunkel. Ich stellte mich vor das Heiligenbild und begann zu beten, aber nur schnell, schnell, ich hatte keine Zeit zu verlieren; ich nahm mein Bündelchen und schlich auf den Fußspitzen über die knarrenden Treppenstufen hinab, in großer Furcht, Agafja könnte mich in der Küche hören. Der Schlüssel der Haustür stak im Schloß, ich machte auf und plötzlich – dunkle, dunkle Nacht stand schwarz vor mir, wie eine unendliche Fremde voller Gefahren, und der Wind riß mir nur so die Mütze vom Kopf. Ich trat hinaus; von der anderen Straßenseite erscholl das heisere Geschimpf und Gegröhl eines vorübertorkelnden Betrunkenen. Ich stand und sah, und dann kehrte ich still wieder um, trat wieder ein, schlich still nach oben, kleidete mich aus, stellte mein Bündelchen fort und legte mich hin, grub das Gesicht ins Kissen, ohne Tränen, ohne Gedanken, und von dieser Minute an hab’ ich zu denken begonnen, Andrei Petrowitsch! Gerade von dieser selben Minute an, wo ich erkannte, daß ich nicht nur ein Lakai, sondern zum Überfluß auch noch ein Feigling war, – da erst begann meine wirkliche, meine richtige Entwicklung!“
„Und jetzt, von dieser Minute an, habe auch ich dich für alle Zeiten und ganz und gar erkannt!“ rief plötzlich Tatjana Pawlowna aufspringend und so unerwartet, daß ich ganz überrascht war. „Ja, du warst nicht nur damals ein Lakai, du bist es auch heute noch, weil du eine Lakaienseele hast! Was hätte es damals Andrei Petrowitsch ausgemacht, dich bei einem Schuster in die Lehre zu geben? Er hätte dir damit sogar eine Wohltat erwiesen, hätte er dich ein Handwerk lernen lassen! Wer hätte von ihm mehr für dich erwarten oder gar verlangen dürfen? Dein Vater, Makar Iwanowitsch, hat nicht nur darum gebeten, sondern geradezu gefordert, daß man euch, seine Kinder, nicht aus der unteren Klasse heraushebe. Aber nein, du schätzt das nicht, daß er dich bis zur Universität gebracht hat und du durch ihn Vorrechte bekommen hast. Schulbuben haben ihn geneckt, ei, seht doch mal an, und da hat er sich denn geschworen, sich an der Menschheit zu rächen! Solch ein Plebejer!“
Ich muß gestehen, ich war verblüfft. Ich erhob mich und stand und sah sie an, ohne zu wissen, was ich darauf erwidern sollte.
„Nein, wirklich, Tatjana Pawlowna hat mir etwas Neues gesagt,“ wandte ich mich entschlossen und mit fester Stimme an Werssiloff, „ich bin wirklich so weit ‚Lakai‘, daß ich mich auf keine Weise nur damit zufrieden geben kann, daß Werssiloff mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben hat; sogar die ‚Vorrechte‘ des höheren Standes, die ich ihm verdanke, da er mich hat unterrichten lassen, haben mich nicht gerührt. Nein – gebt mir den ganzen Werssiloff, gebt mir den Vater ... das habe ich verlangt – wie sollt’ ich denn da nicht ein Lakai sein? Mama, es liegt mir schon acht Jahre auf dem Gewissen, wie ich Sie damals, als Sie allein zu Touchard kamen, um mich zu besuchen, – wie ich Sie damals empfing. Aber jetzt habe ich keine Zeit, auch das noch zu erzählen, und Tatjana Pawlowna würde es ja auch nicht zulassen. Also morgen, Mama, wir sehen uns vielleicht noch einmal. Tatjana Pawlowna! Was würden Sie dazu sagen, wenn ich sogar in einem so hohen Maße ein ‚Lakai‘ wäre, daß ich nicht einmal das billigen könnte, daß ein Mann, der eine Ehefrau hat, noch eine zweite heiratet? Das aber ist doch in Ems von Andrei Petrowitsch nahezu versucht worden! Mama, wenn Sie nicht bei einem Mann bleiben wollen, der morgen vielleicht eine andere heiratet, so erinnern Sie sich daran, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen jetzt verspricht, ewig ein ehrerbietiger Sohn zu sein, – denken Sie daran und kommen Sie zu mir, aber nur unter der Bedingung: entweder er oder ich, – wollen Sie? Ich verlange ja nicht sofort eine Antwort; ich weiß, daß man auf solche Fragen nicht im Augenblick antworten kann ...“
Ich konnte nicht zu Ende sprechen, da ich viel zu erregt war und den Faden verlor. Meine Mutter erbleichte, und die Stimme schien ihr zu versagen: sie konnte kein Wort hervorbringen. Tatjana Pawlowna sprach sehr laut und sehr viel, so daß ich gar nicht verstand, was sie sagte, und zwei-, dreimal stieß sie mich mit der Faust an die Schulter. Ich weiß nur noch, daß sie schrie, meine Worte seien „erfunden, in einer kleinlichen Seele erklügelt, mit den Fingern herausgebohrt“. Werssiloff saß unbeweglich da und war sehr ernst, er lächelte nicht. Ich ging zu mir nach oben. Das letzte, was mich aus dem Zimmer begleitete, war der vorwurfsvolle Blick meiner Schwester; sie sah mir nach und schüttelte ernst den Kopf.
Siebentes Kapitel.
I.
Ich gebe alle diese Szenen wieder, ohne mich selbst dabei zu schonen, um mir alles deutlich zu vergegenwärtigen und die Eindrücke richtig wiederherzustellen. Als ich oben in meinem Zimmer angelangt war, wußte ich überhaupt nicht, ob ich mich schämen oder ob ich stolz sein sollte, wie einer, der seine Pflicht getan hat. Wäre ich nur ein wenig erfahrener gewesen, so hätte ich gewußt, daß selbst der geringste Zweifel in solchem Fall den Ausschlag zuungunsten des Zweiflers gibt. Aber ein Umstand verwirrte mich endgültig: daß ich dabei so froh war, ich weiß nicht worüber, aber ich war furchtbar froh, obwohl ich zweifelte und einsah, daß ich unten schlecht abgeschnitten hatte. Ja selbst daß Tatjana Pawlowna mich so boshaft beschimpft hatte, erschien mir nur komisch und unterhaltend und ärgerte mich nicht im geringsten. Wahrscheinlich wirkte das alles nur deshalb so, weil ich immerhin die Kette zerrissen hatte und mich nun zum erstenmal vollkommen frei fühlte. Ich fühlte auch, daß ich meine Stellung zu ihnen verdorben hatte: jetzt war ich mir noch viel mehr im unklaren darüber, was ich mit dem von Krafft erhaltenen Brief, der die Erbschaft betraf, anfangen sollte. Wenn ich ihn jetzt noch übergab, würde man entschieden glauben, ich wollte mich an Werssiloff rächen. Aber schon unten, während dieser ganzen Auseinandersetzungen, hatte ich bereits bei mir beschlossen, diese Erbschaftsfrage mit dem Brief von einem Dritten entscheiden zu lassen, und zwar von Wassin, an den ich mich wie an einen Schiedsrichter wenden wollte, oder wenn er es ablehnte, dann von jemand anders – ich wußte schon, von wem. Ich sagte mir: nur einmal, nur zu diesem Zweck, werde ich zu Wassin gehen, dann aber – dann verschwinde ich für alle auf lange Zeit, auf mehrere Monate, und für Wassin noch ganz besonders. Nur meine Mutter und meine Schwester werde ich vielleicht manchmal sehen. Das war alles ziemlich wirr in mir; ich fühlte, daß ich etwas getan hatte, aber nicht so, wie es hätte sein sollen, und – und ich war trotzdem zufrieden. Ich wiederhole: ich war dennoch froh über irgend etwas.
Für diesen Abend nahm ich mir vor, früher schlafen zu gehen, da ich am nächsten Tage weite Wege zu machen hatte. Zunächst mußte ich mir ein Zimmer mieten und umziehen, und dann faßte ich noch verschiedene Entschlüsse, die ich, so oder so, gleich ausführen wollte. Aber dieser denkwürdige Abend sollte nicht ohne eine seltsame Überraschung enden: Werssiloff verstand es, mich noch in höchstes Erstaunen zu setzen. Er war noch nie in mein Stübchen gekommen, und nun plötzlich, ich hatte noch keine Stunde bei mir oben gesessen, hörte ich seine Schritte auf der Treppe: er rief mir zu, ich sollte ihm leuchten. Ich ging mit der Kerze zur Tür und half ihm, auf der kleinen Treppe heraufzusteigen, indem ich ihm die Hand nach unten entgegenstreckte, die er auch ergriff.
„Merci, mein Freund, bisher bin ich noch nie hier heraufgeklettert, nicht einmal, als ich die Wohnung mietete. Ich ahnte, was hier ungefähr sein konnte, aber ... einen solchen Hundestall habe ich doch nicht vermutet.“ Er war in der Mitte meines Stübchens stehengeblieben und schaute sich neugierig um. „Aber das ist ja ein Sarg, ein richtiger Sarg!“
Das Stübchen hatte allerdings eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Inneren eines Sarges, und ich wunderte mich, wie richtig er das sofort herausgefunden und ausgedrückt hatte. Es war ein schmaler, länglicher Raum; in Schulterhöhe neigte sich die Wand in stumpfem Winkel nach vorn, in der Schrägheit des Giebeldaches, und stieß oben wieder in stumpfem Winkel mit der Decke zusammen, die ich mit der Handfläche berühren konnte. Werssiloff hielt sich anfangs unwillkürlich gebückt, als fürchte er, unversehens mit dem Kopf anzustoßen; aber schließlich sah er, daß nichts zu befürchten war, und setzte sich ziemlich ruhig auf meinen Diwan, auf dem schon mein Nachtlager hergerichtet war. Ich setzte mich nicht und betrachtete ihn mit der größten Verwunderung.
„Deine Mutter sagte soeben, sie hätte nicht gewußt, ob sie das Geld von dir annehmen sollte, das du ihr vorhin für Beköstigung und Wohnung angeboten hast. Nun, im Hinblick auf diesen Sarg darf man das Geld nicht nur nicht annehmen, sondern ganz im Gegenteil, dir müßte von uns noch zugezahlt werden! Ich bin hier noch nie gewesen und ... kann mir nicht denken, daß es überhaupt möglich ist, hier zu leben.“
„Ich habe mich daran gewöhnt. Daß ich aber Sie jetzt bei mir sehe, daran kann ich mich auf keine Weise gewöhnen – nach alledem, was sich unten zugetragen hat.“
„Nun ja, du warst unten beträchtlich grob, aber ... ich habe gleichfalls meine besonderen Zwecke, die ich dir auch erklären werde, obschon in meinem Kommen, nebenbei bemerkt, nichts Außergewöhnliches liegt. Selbst das, was sich unten zugetragen hat, auch das ist alles nur in der Ordnung der Dinge; aber erkläre mir, ich bitte dich, nur das eine: war das, was du uns dort unten erzähltest, und wozu du uns so feierlich und großartig vorbereitet hast – war das nun wirklich alles, was du uns eröffnen oder mitteilen wolltest, hattest du weiter nichts zu sagen?“
„Das war alles. Das heißt, nehmen wir an, daß es alles war.“
„Dann war es etwas wenig, mein Freund, ich muß gestehen, nach deinem Anfang, und wie du uns alle zum Lachen gereizt hast, und als ich dann noch sah, wie sehr es dich drängte, zu erzählen – da erwartete ich Größeres.“
„Sollte Ihnen das nicht ganz gleich sein?“
„Ich spreche im Grunde ja nur aus dem Maßgefühl heraus; das war dieses große Vorspiel nicht wert, da war das Maßverhältnis gestört. Einen ganzen Monat hast du geschwiegen, dich gesammelt, und plötzlich – ist nichts dahinter.“
„Ich wollte vieles erzählen, aber ich schäme mich schon, daß ich dies wenige erzählt habe. Es läßt sich nicht alles erzählen, so in Worten ausdrücken, manches wird am besten nie erzählt. Ich aber habe doch genug gesagt, und dennoch haben Sie nichts verstanden.“
„Ah, auch du leidest also manchmal darunter, daß ein Gedanke sich nicht in Worte hineinzwängen läßt! Das ist ein edler Schmerz, mein Freund, und wird nur Auserwählten gegeben; ein Dummkopf ist immer zufrieden mit dem, was er gesagt hat, und außerdem sagt er immer mehr als nötig ist; viel Lärm um nichts.“
„Wie zum Beispiel ich vorhin; auch ich sagte mehr als nötig war; ich verlangte den ‚ganzen Werssiloff‘ – das ist viel mehr als nötig ist; ich brauche Werssiloff überhaupt nicht.“
„Mein Freund, du willst, wie ich sehe, das wieder einholen, was du unten verloren hast. Du scheinst zu bereuen, und da bereuen bei uns nichts anderes heißt, als sofort wieder einen anderen angreifen, so möchtest du mich diesmal gut treffen und nicht wieder vorbeischlagen. Ich bin zu früh gekommen, du bist noch nicht abgekühlt, und zudem fällt es dir sehr schwer, Kritik zu ertragen. Aber so setze dich doch, um Gotteswillen, – ich bin gekommen, um dir etwas mitzuteilen. So, danke. Aus dem, was du unten von dem Fortgehen deiner Mutter sagtest, geht nur zu klar hervor, daß es unter allen Umständen am besten ist, wenn wir uns trennen. Ich bin nun zu dir gekommen, um dich zu bitten, das nach Möglichkeit weniger schroff und ohne einen Skandal zu tun, damit es deine Mutter nicht noch mehr betrübt und erschreckt. Schon daß ich selbst zu dir ging, hat ihr Hoffnung gemacht: sie glaubt, wir würden uns noch versöhnen, und dann werde wieder alles beim alten bleiben. Und ich glaube, wenn wir jetzt hier oben ein- oder zweimal etwas lauter lachen würden, so würden wir ihrem schüchternen Herzen die größte Freude bereiten. Mögen es auch nur schlichte Herzen sein, aber sie lieben doch so innig und ungekünstelt, weshalb sollte man da nicht etwas gut zu ihnen sein, wenn sich Gelegenheit dazu bietet? Das wäre das eine. Und dann zweitens: Warum sollen wir denn mit Rachedurst, mit Zähneknirschen und grimmigen Schwüren auseinandergehen? Zweifellos haben wir nicht die geringste Veranlassung, uns gegenseitig um den Hals zu fallen, aber man kann sich doch auch trennen und sich dabei gegenseitig achten, nicht wahr?“
„Das ist alles – Unsinn! Ich verspreche, ohne Skandal das Haus zu verlassen – und das genügt. Sie sagen, Sie bemühten sich um meiner Mutter willen? Und mir will es scheinen, daß die Ruhe der Mutter hiermit nichts zu tun hat und Sie nur so reden.“
„Du glaubst mir nicht?“
„Sie sprechen mit mir entschieden wie mit einem kleinen Kinde!“
„Mein Freund, ich bin ja bereit, dich tausendmal um Verzeihung zu bitten, für all das, was du mir da vorwirfst, für alle diese Jahre deiner Kindheit und so weiter, aber, cher enfant, was käme denn dabei heraus? Du bist so klug, daß du es wohl selbst nicht wünschen wirst, dich in einer so dummen Lage zu befinden. Ich will noch nicht einmal davon reden, daß ich den Charakter deiner Vorwürfe sogar bis jetzt noch nicht verstehe. In der Tat, was machst du mir nun eigentlich zum Vorwurf? Daß du nicht als ein Werssiloff geboren bist? Oder nicht? Bah! Du lachst verächtlich und wehrst mit der Hand ab, also ist es nicht das?“
„Versichere Sie, nein. Und ich kann auch keine besondere Ehre darin finden, Werssiloff zu heißen.“
„Lassen wir die Ehre beiseite; zudem mußte ja deine Antwort unbedingt demokratisch sein; aber wenn es nicht das ist, was ist es dann?“
„Tatjana Pawlowna hat vorhin alles gesagt, was mir klargemacht werden mußte, da ich von selbst niemals darauf verfallen wäre: Sie haben mich nicht zu einem Schuster in die Lehre gegeben, folglich muß ich noch dankbar sein. Ich verstehe nur nicht, warum ich undankbar bin, sogar jetzt noch, sogar nachdem man mich aufgeklärt hat. Spricht da nicht am Ende Ihr stolzes Blut, Andrei Petrowitsch?“
„Wahrscheinlich nicht. Und außerdem wirst du zugeben müssen, daß alle deine Ausfälle unten, statt mich zu treffen, wie du es wolltest, nur deine Mutter getroffen und gepeinigt haben. Indessen sollte man meinen, nicht dir stünde es zu, sie zu richten. Und worin besteht denn ihre Schuld vor dir? Und vielleicht erklärst du mir auch, mein Freund, aus welchem Grunde und zu welchem Zweck du in der Schule und auf dem Gymnasium und überall, und sogar dem ersten besten, dem du vorgestellt wurdest, wie ich gehört habe, von deiner illegitimen Geburt erzählt hast? Man sagte mir, du hättest das mit einer besonderen Vorliebe getan. Und dabei ist das ein Nonsens und eine häßliche Verleumdung; denn du bist legitim geboren als Sohn Makar Iwanowitsch Dolgorukis, eines ehrenwerten und sowohl durch Verstand als Charakter ausgezeichneten Menschen. Wenn du aber eine höhere Bildung erhalten hast, so verdankst du das allerdings deinem ehemaligen Gutsherrn Werssiloff, doch was hat das mit deiner Herkunft zu tun? Indem du aber selbst von deiner illegitimen Herkunft erzählst, was selbstverständlich an sich schon eine Verleumdung ist, hast du das Geheimnis deiner Mutter preisgegeben und, aus einer Art von falschem Stolz, deine Mutter vor den Richterstuhl jedes ersten besten Lumpen gezogen. Mein Freund, das ist sehr unfein, um so mehr, als deine Mutter persönlich an nichts schuld ist: sie ist das reinste Wesen, das ich kenne, und wenn sie nicht den Namen Werssiloff trägt, so liegt das nur daran, daß sie bis auf den heutigen Tag mit einem anderen verheiratet ist.“
„Genug, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden und halte Sie für so klug, daß ich hoffe, Sie werden mir nicht gar zu lange den Kopf waschen. Sie lieben ja so sehr das Maßhalten; und schließlich muß es doch für alles ein Maß geben, selbst für Ihre plötzliche Liebe zu meiner Mutter. Aber ich würde Ihnen folgenden Vorschlag machen: da Sie sich nun einmal entschlossen haben, bei mir vorzusprechen und eine viertel oder eine halbe Stunde hier zu sitzen (ich weiß noch immer nicht, wozu eigentlich, aber nehmen wir an, es sei zur Beruhigung meiner Mutter) – und da Sie außerdem so bereitwillig mit mir sprechen, ungeachtet dessen, was unten vorgefallen ist, so erzählen Sie mir lieber von meinem Vater – eben von diesem Makar Iwanoff, dem Pilger. Gerade von Ihnen würde ich gern Näheres über ihn hören, ich habe Sie sogar früher schon immer nach ihm fragen wollen. Und dann möchte ich, daß Sie mir noch etwas beantworten, gerade jetzt, bevor wir uns trennen, vielleicht auf lange. Das ist: Haben Sie denn wirklich in diesen ganzen zwanzig Jahren nicht so weit auf die Vorurteile meiner Mutter einzuwirken vermocht, und ebenso auf meine Schwester – gerade Sie, mit Ihrem ganzen bildenden Einfluß –, daß meine Mutter wenigstens aus der Finsternis ihrer früheren bäuerlichen Umgebung herausgekommen wäre? Oh, ich spreche nicht von ihrer Reinheit! Sittlich hat sie auch so immer weit über Ihnen gestanden, verzeihen Sie, aber sie ist doch nur eine unendlich viel höherstehende – Tote. Nur Werssiloff lebt, alle übrigen um ihn herum und alles mit ihm Verbundene vegetiert nur unter der einen Bedingung, die Ehre zu haben, ihn mit den eigenen Kräften, den eigenen Lebenssäften ernähren zu dürfen. Aber auch meine Mutter muß doch einmal lebendig gewesen sein? In irgend etwas an ihr haben Sie sich doch verliebt? Auch sie ist doch einmal ein Weib gewesen!“
„Mein Freund, vielleicht ist sie das nie gewesen,“ antwortete er mir, indem er sogleich wieder in seine anfängliche Manier verfiel, – in diese Manier mit mir zu sprechen, die mich so ärgerte, und die ich noch so gut im Gedächtnis habe! Das heißt, anscheinend ist er die Aufrichtigkeit selbst, sieht man aber näher zu – so ist an ihm alles nur tiefster Spott, so daß ich aus seinem Gesicht manchmal gar nicht klug werden konnte. „Ist das nie gewesen! Die russische Frau – ist niemals Weib.“
„Ach, und die Polin, die Französin, die ist es etwa? Oder die Italienerin, die leidenschaftliche Italienerin, die so einen zivilisierten Russen der höheren Stände, von der Art eines Werssiloff, zu bezaubern versteht?“
„Nun sag’ einer,“ rief er lachend aus, „hätte ich ahnen können, daß ich hier auf einen Slawophilen stoßen würde!“
Ich erinnere mich Wort für Wort unseres Gesprächs: Er begann sogar mit großer Bereitwilligkeit und sichtlichem Vergnügen zu erzählen. Es war mir nur zu klar, daß er durchaus nicht deshalb zu mir gekommen war, um sich mit mir zu unterhalten, und ebensowenig deshalb, um meine Mutter zu beruhigen, sondern unbedingt aus ganz anderen Gründen.
II.
„Wir haben, deine Mutter und ich, diese ganzen zwanzig Jahre vollkommen schweigend verlebt,“ begann er sein Geplauder (im höchsten Grade gemacht und unnatürlich), „und alles, was zwischen uns geschehen ist, ist schweigend geschehen. Der Charakter unseres ganzen zwanzigjährigen Zusammenlebens war – Schweigen. Ich glaube, wir sind auch nicht ein einziges Mal in Streit geraten. Allerdings war ich oft verreist ... und habe sie allein gelassen, aber es hat doch immer damit geendet, daß ich wieder zu ihr zurückgekehrt bin. Nous revenons toujours, und das ist, das ist nun einmal die wesentliche Eigenschaft der Männer; es ist das bei ihnen eine Folge ihrer Großmut. Wenn die Ehe von den Frauen allein abhinge – keine einzige Ehe hätte Bestand. Deine Mutter ... Demut, Nachgiebigkeit, Geduld, Unterwürfigkeit, und zu gleicher Zeit Festigkeit, Kraft, wirkliche Kraft – das ist der Charakter deiner Mutter. Merke dir, sie ist die beste von allen Frauen, die mir in meinem Leben begegnet sind. Und daß in ihr Kraft ist, kann ich bezeugen: ich habe gesehen, wie diese Kraft sie genährt hat. Wenn es sich um ... ich will nicht sagen ‚Überzeugungen‘ handelt – denn zu regelrechten Überzeugungen fehlen die Voraussetzungen – aber um das, was von ihnen für Überzeugung gehalten wird, und was folglich ihrer Ansicht nach heilig ist, da lassen sie sich womöglich foltern. Nun, und ich – sag’ dir doch selbst: sehe ich aus wie ein Folterknecht? Sieh, deshalb habe ich es denn auch vorgezogen, fast zu allem zu schweigen, und das nicht nur deshalb, weil das leichter ist; und offengestanden, ich bereue es nicht. Auf diese Weise hat sich alles ganz von selbst auf einer breiten und humanen Basis abgespielt, so daß ich mir selbst gar kein Verdienst zuschreibe. Ich möchte hier nur nebenbei bemerken, daß ich aus einem unbestimmten Grunde den Verdacht habe, daß sie niemals an meine Humanität geglaubt und darum immer gezittert hat; aber trotz des Zitterns hat sie sich doch nicht der Kultur gebeugt. Diese Leute verstehen das irgendwie auf ihre Art, wir aber begreifen da irgend etwas nicht, und überhaupt verstehen sie besser als wir, sich im Leben einzurichten. Sie können sogar in Lagen, die für sie die unnatürlichsten sind, die ihrer ganzen Art vollständig widersprechen – doch weiterleben und sogar vollkommen sie selbst bleiben. Wir verstehen das nicht so.“
„Wer sind diese ‚sie‘? Ich verstehe Sie nicht ganz.“
„Ich meine das Volk, mein Freund, ich rede vom Volk. Es hat diese große lebendige Kraft und seine historische Basis sowohl sittlich als politisch bewiesen. Doch um wieder auf unser Gespräch zurückzukommen, will ich von deiner Mutter noch sagen, daß sie ja nicht immer schweigt, manchmal sagt sie auch etwas, aber aus dem, was sie sagt und wie sie es sagt, ersiehst du ohne weiteres, daß dein ganzes Reden nur Zeitverschwendung gewesen ist, selbst wenn du sie fünf Jahre lang allmählich vorbereitet hast. Zudem sind es die überraschendsten Entgegnungen. Und merke dir wiederum, ich sage von ihr durchaus nicht, daß sie dumm sei; im Gegenteil, sie hat in ihrer Art Verstand, und sogar einen sehr bemerkenswerten. Übrigens, an den Verstand wirst du vielleicht nicht glauben ...“
„Warum nicht? Ich glaube nur daran nicht, daß Sie selbst an ihren Verstand glauben, das heißt, wirklich und ohne sich zu verstellen.“
„Ja? Du hältst mich für ein solches Chamäleon? Mein Freund, ich erlaube dir etwas zu viel ... wie einem verwöhnten Sohne ... aber mag es denn diesmal dabei bleiben.“
„Erzählen Sie mir von meinem Vater, wenn Sie können, die Wahrheit.“
„Von Makar Iwanowitsch? Makar Iwanowitsch war, wie du weißt, ein Gutsbauer, den sozusagen nach einem gewissen Ruhm verlangte ...“
„Ich wette, daß Sie ihn in diesem Augenblick um irgend etwas beneiden!“
„Im Gegenteil, mein Freund, im Gegenteil, vielleicht freut es mich sehr, dich in einer so scharfsinnigen Geistesverfassung zu sehen. Ich schwöre dir, ich bin gerade jetzt in einer sogar im höchsten Grade bußfertigen Stimmung, und gerade jetzt, in diesem Augenblick, empfinde ich vielleicht zum tausendsten Mal machtlose Reue ob alledem, was vor zwanzig Jahren geschehen ist. Gott könnte es bezeugen, wie sehr das damals vom Zufall abhing und fast aus Versehen geschehen ist ... nun, und dann, so weit es in meinen Kräften lag, ‚human‘ verlaufen ist; wenigstens wie ich mir damals eine Heldentat der ‚Humanität‘ vorstellte. Oh, wir brannten damals alle vor Verlangen, Gutes zu tun, der Hebung der Gesamtheit alle unsere Kräfte zu widmen, der höheren Idee zu dienen; wir verurteilten die Rangeinteilung,[11] unsere ererbten Vorrechte, die Güterwirtschaft und sogar das Leihamt, wenigstens einige von uns ... Auf mein Ehrenwort! Wir waren nicht viele, aber wir sprachen gut, und ich versichere dich, zuweilen wurde von uns sogar gut gehandelt.“
„Sie meinen, als Sie an seiner Schulter weinten?“
„Mein Freund, ich bin mit dir in allem im voraus einverstanden; übrigens hast du das mit der Schulter von mir selbst gehört, somit gebrauchst du mein Vertrauen und meine Aufrichtigkeit, um sie gegen mich zu wenden. Aber du wirst zugeben müssen, daß dieses mit der Schulter tatsächlich gar nicht so übel war, wie es auf den ersten Blick scheint, besonders noch für die damalige Zeit. Wir fingen doch damals erst an. Ich spielte dabei natürlich Theater, aber ich wußte damals doch noch nicht, daß ich dabei Theater spielte. Sollte es zum Beispiel dir noch nie passiert sein, daß du in praktischen Fällen ein wenig Theater gespielt hast?“
„Ich habe mich vorhin unten wohl zuviel vom Gefühl bestimmen lassen, und als ich nach oben kam, schämte ich mich nicht wenig bei dem Gedanken, daß Sie von mir denken könnten, ich hätte Theater gespielt. Es ist wahr, daß man in manchen Fällen, obschon man alles aufrichtig empfindet, sich äußerlich doch verstellt; vorhin aber, unten, das schwöre ich, war alles natürlich.“
„Eben das ist es; du hast es sehr treffend ausgedrückt: obschon man alles aufrichtig empfindet, gibt man sich äußerlich doch nicht natürlich. Nun, und genau so war es auch mit mir: obschon ich mich verstellte, schluchzte ich doch vollkommen aufrichtig. Ich will nicht bestreiten, daß Makar Iwanowitsch diese Schultergeschichte als eine Vergrößerung des Hohnes hätte betrachten können, wenn er scharfsinniger gewesen wäre, aber seine Ehrlichkeit ließ damals keinen Scharfblick zu. Ich weiß nur nicht, ob ich ihm damals auch leid tat oder nicht; wie ich mich erinnere, wollte ich ihm damals sehr gern leid tun.“
„Wissen Sie,“ unterbrach ich ihn, „auch jetzt, während Sie das sagen, spotten Sie nur. Und überhaupt die ganze Zeit, diesen ganzen Monat, so oft Sie mit mir gesprochen haben, haben Sie nur gespottet. Warum haben Sie das immer getan, wenn Sie mit mir sprachen?“
„Glaubst du?“ erwiderte er sanft. „Du bist sehr mißtrauisch; übrigens, wenn ich auch spotte, so doch nicht über dich oder wenigstens nicht über dich allein, also beruhige dich. Aber jetzt spotte ich nicht, und damals – kurz, ich tat damals alles, was ich konnte, und glaube mir, nicht zu meinem Vorteil. Wir, das heißt, wir alle von damals, verstanden nicht im geringsten, im Gegensatz zum Volk, zu unserem Vorteil zu handeln: im Gegenteil, wir schadeten uns immer selbst soviel wie möglich, und ich vermute, eben das wurde von uns damals für eine Art von ‚größerem eigenem Vorteil‘ gehalten, versteht sich, im höheren Sinne des Wortes. Die jetzige Generation der Pioniere ist unvergleichlich mehr, als wir es waren, auf ihren Vorteil bedacht. Ich hatte damals, noch vor der Sünde, Makar Iwanowitsch alles mit großer Offenheit erklärt. Jetzt gebe ich zu, daß vieles von dem gar nicht zu erklären nötig gewesen wäre, und noch weniger mit solcher Offenheit: das wäre, ganz abgesehen von der Humanität, sogar rücksichtsvoller gewesen; aber versuch einmal, wenn du gerade so recht ins Tanzen gekommen bist, dich plötzlich zu bezwingen und nicht noch einen Tanzschritt zu machen! Doch, wer weiß, vielleicht sind die Forderungen des Schönen und Erhabenen in der Wirklichkeit gerade von dieser Art, darüber bin ich mir in meinem ganzen Leben nicht klar geworden. Übrigens ist das ein zu tiefes Thema für unsere oberflächliche Unterhaltung, aber du kannst mir glauben, daß ich noch jetzt manchmal vor Scham vergehe, wenn ich daran zurückdenke. Ich bot ihm damals dreitausend Rubel an, und ich weiß noch, er schwieg die ganze Zeit, und nur ich allein sprach. Kannst du dir denken, es schien mir damals, daß er mich fürchtete, das heißt, als Leibeigener mein Herrenrecht, und ich weiß noch, daß ich mich aus allen Kräften bemühte, sein Mißtrauen zu verscheuchen; ich redete ihm zu, er solle doch frank und frei alle seine Wünsche aussprechen, und sogar Kritik üben soviel er wolle, er hätte nichts zu befürchten. Ich gab ihm mein Wort darauf, daß ich, wenn er auf meinen Vorschlag eingehen wollte – d. h. dreitausend Rubel als Entschädigung, dazu den Freibrief (für ihn und seine Frau, versteht sich), und die Reise wohin er wollte (ohne Frau, versteht sich) –, wenn er also darauf eingehen wollte, daß ich ihm dann sofort den Freibrief geben, ja womöglich seine Frau zu ihm zurückschicken und sie beide noch beschenken würde. Und sie brauchten nicht von mir fortzuziehen, sondern ich selbst würde von ihnen ganz allein fortziehen, gleich auf drei Jahre und nach Italien. Mon ami, sei versichert, ich hätte damals nicht die Mademoiselle Ssaposhkoff mitgenommen: ich war sehr aufrichtig, als ich ihm das sagte. Aber was geschah? – Dieser Makar begriff natürlich nur zu gut, daß ich das Versprochene auch ausführen würde, aber er fuhr fort, zu schweigen, und nur, als ich schon zum drittenmal wieder damit anfangen wollte, wich er zurück, drehte sich um und verließ das Zimmer – sogar in einer so unzeremoniellen Weise, daß ich selbst damals, ich versichere dich, geradezu verwundert war. Ich sah mich darauf zufällig im Spiegel, nur mit einem Blick, und kann nicht vergessen, wie ich aussah. Überhaupt, wenn solche Leute nichts sagen – das ist das schlimmste, er aber war ein finsterer Charakter, und ich muß gestehen, als ich ihn zu mir ins Kabinett rufen ließ, da hatte ich nicht nur kein Zutrauen zu ihm, sondern fürchtete ihn sogar heftig: in diesem Milieu gibt es Charaktere, und sogar sehr viele, die sozusagen die Personifizierung der unglaublichsten Unberechenbarkeit sind, und vor so was fürchtet man sich mehr als vor Schlägen. Sic! Und wieviel ich riskierte, wieviel ich riskierte! Nun wie, wenn er auf dem Gut, im ganzen Bezirk, zu schreien und zu heulen angefangen hätte, dieser ländliche Uria, – was wäre dann wohl aus mir geworden, aus dem jungen König David, was hätte ich da tun können? Deshalb schob ich denn auch zuerst die Dreitausend vor, das geschah instinktiv, aber ich hatte mich zum Glück getäuscht: dieser Makar Iwanowitsch war etwas ganz anderes ...“
„Sagen Sie, war die Sünde schon geschehen? Sie sagten soeben, Sie hätten ihn noch vor der Sünde rufen lassen.“
„Das heißt, sieh mal, das ist so zu verstehen ...“
„Also, sie war geschehen. Sie sagten, Sie hätten sich in ihm getäuscht, er wäre etwas ganz anderes gewesen; was war er denn anderes?“
„Ja, was er eigentlich war, das weiß ich bis zum heutigen Tage noch nicht. Jedenfalls etwas anderes, und weißt du, sogar etwas sehr Anständiges; das schließe ich daraus, daß ich mich zu guter Letzt noch dreimal mehr vor ihm schämte. Schon am nächsten Tage willigte er ein, das Gut zu verlassen, natürlich ohne viel Worte, und ohne auch nur eine einzige der von mir versprochenen Belohnungen zu vergessen.“
„Nahm er das Geld?“
„Und wie! Und kannst du dir denken, mein Freund, in diesem Punkt hat er mich sogar sehr in Erstaunen gesetzt. Die dreitausend Rubel hatte ich damals selbstverständlich nicht in der Tasche, aber ich verschaffte mir siebenhundert und gab ihm diese so fürs erste; und er? – Er verlangte von mir, um der übrigen zweitausenddreihundert Rubel sicher zu sein, eine Schuldverschreibung in dieser Höhe mit der Bürgschaft eines Kaufmanns. Und nach Verlauf von zwei Jahren ließ er dieses Geld auf Grund der Schuldverschreibung bereits gerichtlich eintreiben, und sogar mit den Prozenten, was mich wieder sehr wunderte, um so mehr, als er damals buchstäblich für ein Gotteshaus als Pilger Gaben sammelte. Und seit der Zeit, nun sind es schon zwanzig Jahre, pilgert er immer noch. Ich begreife nicht, wozu ein Pilger soviel eigenes Geld braucht ... Geld ist eine so weltliche Sache ... Ich hatte es ihm in dem Augenblick natürlich aufrichtig angeboten und, sagen wir, in der ersten Hitze, dann aber, nachdem schon soviel Augenblicke darüber vergangen waren, konnte ich mich doch besinnen ... und ich rechnete eigentlich darauf, daß er wenigstens Nachsicht mit mir haben würde ... oder sozusagen mit uns, mit mir und ihr, daß er wenigstens warten würde. Indessen, nicht einmal gewartet hat er.“
(Ich muß hier ein notwendiges Notabene einfügen: wenn Herr Werssiloff inzwischen gestorben wäre und meine Mutter ihn überlebt hätte, so wäre sie im Alter buchstäblich ohne eine Kopeke zurückgeblieben, falls Makar Iwanowitsch damals nicht diese dreitausend Rubel gesichert hätte, die sich durch die Zinsen nun schon längst verdoppelt haben, und die er ihr nach seinem Tode im vorigen Jahr unangetastet hinterlassen hat. Also hatte er sogar schon damals Werssiloff durchschaut.)
„Sie sagten einmal, Makar Iwanowitsch hätte Sie mehrmals besucht und wäre dann immer in der Wohnung bei Mama abgestiegen?“
„Ja, mein Freund; und ich muß sagen, ich habe anfangs große Angst gehabt vor diesen Besuchen. In diesen zwanzig Jahren ist er im ganzen sechs- oder siebenmal bei uns gewesen, und die ersten Male habe ich mich, wenn ich zu Hause war, ihm nicht gezeigt. Ich konnte zunächst nicht verstehen, was diese Besuche zu bedeuten hatten, und warum er überhaupt kam. Dann aber, nach einigen Erwägungen, erschien mir das durchaus nicht so dumm von ihm. Und später einmal, da wurde ich zufällig neugierig und ging zu ihm, um ihn mir anzusehen, und ich muß sagen, ich gewann einen überaus eigenartigen Eindruck. Das war bei seinem dritten oder vierten Besuch, eben damals, als ich Friedensvermittler war und mich, versteht sich, mit Eifer daranmachte, Rußland kennen zu lernen. Und ich habe von ihm sogar außerordentlich viel Neues gehört. Außerdem fand ich in ihm gerade das, was ich unter keinen Umständen in ihm zu finden erwartet hätte: eine gewisse Seelengröße, eine Ausgeglichenheit des Charakters, und was am erstaunlichsten war, eine fast heitere Stimmung. Nicht die geringste Anspielung auf jenes (tu comprends?). Dazu besaß er im höchsten Grade die Fähigkeit, sachlich und gut und sogar schön zu sprechen, ich meine, ohne diese ihre dumme bäuerische Tiefsinnigkeit, – die ich, unter uns gesagt, trotz meiner ganzen demokratischen Denkart, nicht ausstehen kann, – und ohne alle diese gezwungenen Russizismen, mit denen bei uns in Romanen und auf der Bühne alle ‚echten Russen‘ ihre Rede durchsetzen zu müssen glauben. Dabei sprach er sehr wenig von Religion, wenn man nicht selbst darauf zu sprechen kam, aber er erzählte in ihrer Art entzückende Geschichten von den Klöstern und aus dem Klosterleben, wenn man sich dafür interessierte. Aber das Hervortretendste war – seine Ehrerbietung, diese bescheidene Ehrerbietung, eben diese Ehrerbietung, die zur höheren Gleichheit notwendig ist, ja, ohne die man, meiner Meinung nach, auch gar keine Überlegenheit im Verkehr mit anderen Menschen erlangen kann. Gerade durch das Fehlen selbst der geringsten Überhebung wird der höchste Anstand erreicht, und man sieht einen Menschen vor sich, der sich selbst ohne jeden Zweifel achtet, und zwar gerade so, wie er ist, in seiner Stellung, gleichviel, welch eine Stellung das ist, und welch ein Schicksal er hat. Diese Fähigkeit, sich selbst gerade in seiner Stellung zu achten, findet man äußerst selten auf Erden, mindestens ebenso selten wie wirkliche persönliche Würde ... Das wirst du selbst sehen, wenn du älter bist. Aber am meisten hat mich an ihm doch das überrascht, und nicht zu Anfang, sondern erst später,“ fügte Werssiloff hinzu, „daß dieser Makar so auffallend wohlgestaltet und, glaube mir, außergewöhnlich hübsch ist. Wenn er auch alt ist, so ist er doch
‚gebräunt von der Sonne, hoch und stark ...‘
dazu schlicht und voll Würde; ich habe mich sogar über meine arme Ssofja gewundert, wie sie mich damals ihm hat vorziehen können. Damals war er fünfzig, aber doch noch ein ganzer Mann, und ich im Vergleich zu ihm so ein unbeständiger Mensch. Übrigens, ich entsinne mich, er war bereits sehr stark ergraut, und so wird er wohl schon gewesen sein, als er sie heiratete ... Vielleicht hat das sie beeinflußt.“
Dieser Werssiloff hatte eine dumme Gewohnheit, die zum höheren Ton gehört: hatte er einmal (wenn es nicht anders ging) einige sehr gescheite und gute Sachen gesagt, so schloß er plötzlich absichtlich mit irgendeiner Dummheit, wie in diesem Fall mit der Vermutung, die grauen Haare Makar Iwanowitschs wären vielleicht von entscheidendem Einfluß auf meine Mutter gewesen. Das tat er mit Absicht und wahrscheinlich, ohne selbst zu wissen, warum, aus dummer, gesellschaftlicher Gewohnheit. Hörte man ihn, konnte man glauben, er rede sehr ernst, innerlich aber war es bei ihm nur Spott, und er verstellte sich.
III.
Ich begreife nicht, warum mich damals plötzlich eine so ungeheure Erbitterung erfaßte. Überhaupt denke ich mit einem großen Mißbehagen an einzelne meiner Ausfälle in jenen Augenblicken zurück; ich erhob mich plötzlich vom Stuhl.
„Wissen Sie was,“ sagte ich, „auf meine Frage erklärten Sie mir, Sie wären hauptsächlich deshalb gekommen, um meine Mutter glauben zu machen, wir hätten uns versöhnt. Zeit ist nun zu dem Zweck genug vergangen; vielleicht haben Sie die Güte, mich jetzt wieder allein zu lassen.“
Er wurde etwas rot und erhob sich.
„Mein Lieber, du bist recht unhöflich gegen mich. Übrigens, wie du willst, auf Wiedersehen. Zwingen kann man dich nicht, liebenswürdig zu sein. Ich erlaube mir nur noch eine Frage: Hast du wirklich die Absicht, nicht mehr zum Fürsten zu gehen?“
„Aha! Wußte ich doch, daß Sie zu einem besonderen Zweck gekommen sind ...“
„Das heißt, du hast mich im Verdacht, daß ich gekommen bin, um dich zu veranlassen, beim Fürsten zu bleiben, weil ich davon irgendeinen Vorteil für mich erwarte? Aber, mein Freund, dann bist du ja vielleicht auch der Ansicht, ich hätte schon damals irgendeinen Vorteil für mich im Auge gehabt, als ich dich aus Moskau herrief? Wie mißtrauisch du bist! Im Gegenteil, ich wünsche dir in allem das Beste. Und gerade jetzt, wo meine Verhältnisse sich so sehr gebessert haben, wäre es mir lieb, wenn du wenigstens manchmal deiner Mutter und mir erlauben würdest, dir zu helfen.“
„Ich liebe Sie nicht, Werssiloff.“
„Sogar ‚Werssiloff‘. Übrigens, ich bedauere es sehr, daß es mir nicht möglich war, dir diesen Namen zu geben; denn im Grunde besteht doch nur darin meine ganze Schuld, wenn schon einmal eine Schuld besteht, nicht wahr? Aber wie gesagt, ich konnte doch keine verheiratete Frau heiraten, das siehst du doch ein.“
„Deshalb wollten Sie dann wohl auch eine Unverheiratete heiraten.“
Es zuckte in seinem Gesicht.
„Du sprichst von Ems. Höre mal, Arkadi, du hast dir schon unten denselben Ausfall erlaubt und dabei mit dem Finger auf mich gewiesen, in Gegenwart deiner Mutter. Ich sage dir, gerade hierin bist du im größten Irrtum befangen. Von der Geschichte mit der verstorbenen Lydia Achmakoff weißt du so gut wie nichts. Du weißt auch nicht, wie weit deine Mutter selbst an dieser Geschichte beteiligt gewesen ist, ja, ungeachtet dessen, daß sie damals nicht bei mir war. Und wenn ich jemals in einer Frau die Güte selbst gesehen habe, so war es damals, und diese Frau war deine Mutter. Doch genug davon; das ist vorläufig noch ein Geheimnis, du aber sprichst nur anderen nach, ohne selbst zu wissen, was du sprichst.“
„Der Fürst hat mir gerade heute gesagt, Sie wären ein Liebhaber noch nicht flügge gewordener Mädchen.“
„Das hat der Fürst gesagt?“
„Ja, und wenn Sie wollen, sage ich Ihnen ganz genau, weshalb Sie jetzt zu mir gekommen sind? Ich habe die ganze Zeit gesessen und mich gefragt: welchen geheimen Zweck könnte dieser Besuch wohl haben? – und jetzt endlich habe ich es, glaube ich, erraten.“
Er war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, blieb aber stehen, wandte mir sein Gesicht zu und wartete.
„Vorhin ist mir die Bemerkung entschlüpft, der Brief Touchards an Tatjana Pawlowna sei in Moskau von Marja Iwanowna unter den Papieren des verstorbenen Andronikoff gefunden worden. Ich sah, wie in dem Augenblick plötzlich etwas in Ihrem Gesicht zuckte, und erst jetzt, als es wieder so in Ihrem Gesicht zuckte, habe ich erraten, warum: Ihnen kam damals der Gedanke, wenn schon ein Brief aus den Händen Andronikoffs in die Hände Marja Iwanownas übergegangen ist, weshalb könnte dann nicht noch ein zweiter Brief denselben Weg gegangen sein, was? Ist das nicht so?“
„Und ich, ich hätte nun, indem ich zu dir kam, dich dazu bringen wollen, daß dir wieder eine Bemerkung entschlüpfe?“
„Darüber werden Sie selbst Bescheid wissen.“
Er wurde sehr bleich.
„Darauf bist du nicht von selbst verfallen; hier merke ich den Einfluß einer Frau, und wieviel Haß schon in deinen Worten ist – in deiner rohen Vermutung!“
„Einer Frau? Und gerade heute habe ich diese Frau gesehen! Vielleicht wollen Sie nur deshalb, daß ich beim Fürsten bleibe, um ihr nachspionieren zu können?“
„Jedenfalls sehe ich, daß du es auf deinem neuen Wege noch weit bringen wirst. Ist das nicht am Ende auch ‚deine Idee‘? Fahre nur so fort, mein Freund, du hast zweifellos Anlagen zum Detektiv. Ist einem ein Talent gegeben, so muß man es ausbilden.“
Er hielt inne, um Atem zu schöpfen.
„Nehmen Sie sich in acht, Werssiloff, machen Sie mich nicht zu Ihrem Feinde!“
„Mein Freund, seine letzten Gedanken spricht in solchen Fällen niemand aus, sondern behält sie für sich. Und nun, ich bitte dich, leuchte mir. Du bist zwar mein Feind, aber doch wohl nicht in solchem Maße, daß du mir einen Genickbruch wünschtest. Tiens, mon ami, stelle dir vor,“ fuhr er fort, indem er die Treppe hinabstieg, „ich habe dich diesen ganzen Monat für einen gutmütigen Jungen gehalten. Du möchtest so gern leben, du lechzt so nach Leben, daß dir, wie es scheint, selbst wenn man dir drei Menschenleben gäbe, sogar diese drei nicht genügen würden, auch die wären für dich noch zu wenig: das steht auf deinem Gesicht geschrieben; nun, und solche Leute sind meistens gutmütig. Und da sieh nun, wie ich mich getäuscht habe!“
IV.
Ich kann gar nicht sagen, wie mein Herz sich zusammenkrampfte, als ich allein zurückblieb: es war mir, als hätte ich mir von meinem eigenen lebendigen Leibe plötzlich und unvermutet ein Stück Fleisch abgeschnitten! Was mich auf einmal so erbittert, und weshalb ich ihn so beleidigt hatte – so gewaltsam und absichtlich – das könnte ich auch jetzt nicht sagen, und damals hätte ich es natürlich auch nicht gekonnt. Und wie er erbleicht war! Wie aber, wenn dieses Erbleichen vielleicht nur der Ausdruck des aufrichtigsten und reinsten Gefühls und des tiefsten Schmerzes war und nicht des Zornes und des Beleidigtseins? Es hatte mir immer geschienen, daß da Minuten gewesen waren, in denen er mich sehr liebhatte. Warum, warum soll ich jetzt nicht daran glauben, um so mehr, als jetzt doch schon so vieles seine Erklärung gefunden hat?
Aber wütend geworden war ich und hinausgewiesen hatte ich ihn vielleicht wirklich nur infolge des plötzlichen Verdachtes, er könnte zu mir gekommen sein, um von mir zu erfahren, ob sich nicht noch andere Briefe unter den Papieren Andronikoffs bei Marja Iwanowna gefunden hatten. Daß er diese Briefe oder wenigstens einen dieser Briefe suchen mußte und tatsächlich suchte, das wußte ich. Aber wer kann es wissen, vielleicht täuschte ich mich gerade damals ungeheuer? Und wer weiß, ob ich ihn nicht selbst durch eben diesen Irrtum auf den Gedanken brachte, daß Marja Iwanowna möglicherweise das Gesuchte besäße?
Und schließlich noch eine Sonderbarkeit: wieder hatte er einen meiner Gedanken ausgesprochen (von den drei Leben), denselben, den ich bei Krafft geäußert hatte, und wiederum buchstäblich mit meinen Worten. Die Übereinstimmung der Worte war natürlich ein Zufall, aber immerhin, wie gut mußte er doch das Wesen meiner Natur kennen: welch ein Scharfblick, welch ein Ahnungsvermögen! Aber, wenn er das eine so gut verstand, warum verstand er dann das andere so gar nicht? Und sollte er sich denn wirklich nicht verstellt haben, und wirklich nicht fähig gewesen sein, zu erraten, daß ich nicht den Werssiloffschen Adel brauchte, daß es nicht meine Geburt war, die ich ihm nicht verzeihen konnte, sondern daß ich nur ihn brauchte, mich nur nach ihm mein ganzes Leben lang gesehnt habe, daß ich den ganzen Werssiloff, den ganzen Menschen, den Vater brauchte, und daß dieser Gedanke schon in mein Blut übergegangen war? Sollte ein so feiner Mensch wirklich so stumpf und roh sein können? Und wenn nicht, – ja, warum ärgerte er mich dann so, warum verstellte er sich?
Achtes Kapitel.
I.
Am nächsten Morgen bemühte ich mich, möglichst früh aufzustehen. Gewöhnlich stand man bei uns um acht Uhr auf, das heißt ich, meine Mutter und meine Schwester; Werssiloff pflegte sich und blieb bis halb zehn im Bett. Pünktlich um halb neun brachte mir meine Mutter immer den Kaffee, diesmal aber beschloß ich, das Haus schon vorher, schon um acht Uhr zu verlassen. Ich hatte mir bereits am Abend einen ganzen Plan für diesen Tag zurechtgelegt. Dabei hatte ich aber schon gefühlt, daß, trotz meiner ganzen leidenschaftlichen Entschlossenheit, unverzüglich mit der Verwirklichung meiner Idee zu beginnen, gerade in den wichtigsten Punkten dieses Planes noch unendlich viel Unsicheres und Unbestimmtes war. Deshalb hatte ich denn auch fast die ganze Nacht wie im Halbschlaf verbracht, hatte unzählige Träume gehabt, und war überhaupt nicht so, wie es sich gehört, eingeschlafen. Dennoch stand ich am nächsten Morgen munterer und frischer auf als je. Gerade jetzt wollte ich eine Begegnung mit meiner Mutter unbedingt vermeiden. Ich konnte mit ihr nach allem Vorgefallenen doch über nichts anderes sprechen als über das bewußte Thema, und ich fürchtete, irgendein neuer, unerwarteter Eindruck würde mich vielleicht von meinem Vorsatz ablenken können.
Der Morgen war kalt, und über allem lag ein feuchter, milchiger Nebel. Ich weiß nicht weshalb, aber der frühe, geschäftige Petersburger Morgen gefällt mir immer, trotz seines garstigen Aussehens, und dieses ganze, an sein Tagewerk eilende, auf sein Ich bedachte und stets gedankenversunkene Menschenvolk hat für mich morgens um acht Uhr etwas besonders Anziehendes. Namentlich liebe ich es, unterwegs, eilend, entweder selbst jemand nach irgend etwas zu fragen oder von anderen gefragt zu werden: die Frage wie die Antwort sind immer kurz, klar, vernünftig, und werden gewechselt, fast ohne daß man stehenbleibt, und immer nahezu freundschaftlich. Die Bereitwilligkeit, zu antworten, ist in den Morgenstunden größer als zu jeder anderen Tageszeit. Mitten am Tage ist der Petersburger weniger mitteilsam; und gegen Abend wird er es noch weniger; sobald ihm dann etwas nicht recht ist, kann er einen sogar anfahren oder verhöhnen; früh am Morgen aber, noch vor der Arbeit, in den nüchternsten und ernstesten Tagesstunden ist er ganz anders. Das habe ich beobachtet.
Ich ging wieder über die Newa nach der „Petersburger Seite“. Da ich jedoch gegen zwölf Uhr unbedingt bei Wassin sein mußte, der in der Stadt an der Fontanka wohnte (um diese Zeit war er am ehesten zu Hause anzutreffen), so beeilte ich mich sehr und hielt mich nirgends auf, obgleich ich ein großes Verlangen hatte, irgendwo einen Morgenkaffee zu trinken. Zudem mußte ich auch Jefim Swerjoff unbedingt noch zu Hause antreffen; ich begab mich wieder zu ihm und wäre in der Tat beinahe zu spät gekommen; er war mit seinem Kaffee fast schon fertig und hatte einen Gang vor.
„Was bringt dich schon wieder zu mir?“ begrüßte er mich, ohne sich zu erheben.
„Das werde ich dir gleich erklären.“
Jeder frühe Morgen, der Petersburger einbegriffen, übt auf die Natur des Menschen eine ernüchternde Wirkung aus. Mancher feurige nächtliche Gedankentraum ist im Licht und in der Kälte des Morgens plötzlich erloschen und wie Rauch verschwunden. Ich selbst habe schon an manchem Morgen meiner noch in der letzten Dunkelheit geträumten Phantasien, und mitunter sogar auch begangenen Taten, mit Selbstvorwürfen und Scham gedacht. Übrigens will ich hier noch erwähnen, da ich nun einmal darauf zu sprechen gekommen bin, daß ich den Petersburger Morgen, den anscheinend prosaischsten auf dem ganzen Erdball, nahezu für den phantastischsten der Welt halte. Das ist meine persönliche Auffassung oder richtiger, mein persönlicher Eindruck, aber ich stehe für ihn ein. An einem solchen modrigen, feuchten und nebligen Petersburger Morgen muß sich, wie mir scheint, der wilde Gedanke eines Puschkinschen Hermann aus der „Pique-Dame“ (eine kolossale Figur, ein ungewöhnlicher, vollkommen Petersburger Typus – ein Typus aus der Petersburger Periode unserer Geschichte!) – noch mehr festigen und erstarken.[12] In diesem Nebel ist mir hundertmal die sonderbare, zudringliche, durch nichts zu verscheuchende Vorstellung gekommen: „Wie, wenn dieser Nebel verfliegt und in die Höhe steigt, – wird dann nicht mit ihm zusammen auch diese ganze modrige, sumpfige Stadt emporsteigen und wie Rauch verfliegen? – und was zurückbleibt ist dann nur der frühere finnische Sumpf, und mitten in ihm, meinetwegen als Schmuck, der Eherne Reiter[13] auf dem heißschnaubenden überjagten Pferde.“ Aber ich sehe, ich kann meine Eindrücke nicht so wiedergeben, wie ich möchte. Schließlich ist das alles doch nur Phantasie oder gar Poesie und folglich Unsinn; nichtsdestoweniger habe ich oft vor der vollständig sinnlosen Frage gestanden, und immer wieder steht sie noch vor mir auf: „Da hasten und eilen sie nun alle und mühen sich ab, aber wer weiß, vielleicht ist das alles nur ein Traum von irgend jemand, und es gibt hier nicht einen einzigen leibhaftigen, wirklichen Menschen, nicht eine einzige wirkliche Handlung? Irgend jemand, dessen Traum dies alles ist, wird plötzlich aufwachen – und alles wird dann jäh verschwunden sein.“ Doch ich habe mich fortreißen lassen.
Eines schicke ich voraus: Es gibt in jedem Menschenleben Einfälle, die scheinbar so exzentrisch sind, daß man sie auf den ersten Blick unbedingt für Wahnsinn halten kann. Mit einem solchen Einfall kam ich an diesem Morgen zu Jefim – zu Jefim, weil ich in Petersburg keinen Menschen kannte, an den ich mich mit diesem besonderen Anliegen hätte wenden können. Dabei war gerade Jefim ein Mensch, zu dem ich, wenn ich die Wahl gehabt hätte, wohl zuletzt mit einem solchen Anliegen gegangen wäre. Als ich mich ihm gegenüber hingesetzt hatte, schien es mir selbst, daß ich, ein verkörperter Fiebertraum, der verkörperten goldenen Mittelmäßigkeit und Prosa gegenübersäße. Aber auf meiner Seite war die Idee und das richtige Gefühl, auf seiner – nur der praktische Schluß, daß man es so nicht machen könne. Mit einem Wort, ich erklärte ihm kurz und bündig, daß ich in Petersburg außer ihm keinen einzigen Bekannten hätte, den ich in einer außergewöhnlichen Ehrenangelegenheit als meinen Sekundanten eine Forderung überbringen lassen könnte; er aber wäre mein ehemaliger Schulkamerad und hätte deshalb nicht das Recht, meinen Auftrag abzulehnen: fordern wollte ich den Gardeleutnant Fürsten Ssergei Ssokolski, weil er vor mehr als einem Jahr in Ems meinem Vater, Werssiloff, einen Schlag ins Gesicht versetzt hatte. Ich muß bemerken, daß Jefim meine Familienverhältnisse ganz genau kannte, ebenso mein Verhältnis zu Werssiloff und beinahe alles, was ich selbst von Werssiloff wußte, und was ich ihm zu verschiedenen Zeiten selbst erzählt hatte, natürlich mit Ausnahme der Geheimnisse. Er saß und hörte zu, wie gewöhnlich verdrossen, wie ein Spatz im Vogelbauer, ernst, schweigend, aufgeblasen, mit seinem borstigen weißblonden Haar. Doch schon nach meinen ersten Worten erschien ein unbewegliches spöttisches Lächeln auf seinen Lippen. Dieses Lächeln war um so unangenehmer, als es ein ganz unbeabsichtigtes und unwillkürliches war; man sah es ihm an, daß er sich wirklich und wahrhaftig in diesem Augenblick sowohl an Verstand als an Charakter mir weit überlegen fühlte. Auch hatte ich noch den Verdacht, daß er mich wegen der Szene bei Dergatschoff verachtete; das konnte nicht anders sein: Jefim ist die Menge, Jefim ist die Gasse, und die beugt sich immer nur vor dem Erfolge.
„Und Werssiloff weiß nichts davon?“ fragte er.
„Selbstverständlich nicht.“
„Aber was hast du denn für ein Recht, dich in seine Angelegenheiten einzumischen? Das erstens. Und zweitens, was gedenkst du damit zu bezwecken?“
Ich kannte die Einwände und erklärte ihm sogleich, daß mein Vorhaben gar nicht so dumm wäre, wie er annehme. „Erstens würde diesem unverschämten Fürsten bewiesen werden, daß es auch in unserem Stande noch Menschen gibt, die einen Begriff von Ehre haben, und zweitens wird Werssiloff beschämt und erhält eine Lehre. Und drittens, und dies ist die Hauptsache: selbst wenn Werssiloff damit recht gehabt haben sollte – vielleicht aus irgendwelchen Überzeugungen –, daß er ihn nicht forderte und die Beleidigung ertrug, so wird er wenigstens sehen, daß es einen Menschen gibt, der die ihm, Werssiloff, zugefügte Beleidigung so stark zu empfinden vermag, wie eine ihm selbst zugefügte, und der bereit ist, für ihn, Werssiloff, sogar das Leben einzusetzen ... obgleich er sich von ihm auf ewig getrennt hat.“
„Wart’, schrei nicht so, Tante liebt das nicht. Aber sag’, mit diesem selben Fürsten Ssokolski führt doch Werssiloff augenblicklich einen Prozeß wegen einer Erbschaft? In dem Fall wäre das nun ein ganz neues und originelles Verfahren, einen Prozeß zu gewinnen – indem man den Gegner einfach fordert und im Duell über den Haufen schießt.“
Hierauf erklärte ich ihm en toutes lettres, daß er einfach ein Dummkopf und ein eingebildeter Patron sei, und sein spöttisches Lächeln nur seine Selbstzufriedenheit und Gewöhnlichkeit beweise. Er glaube wohl, die Verwickelung der Sache durch den Erbschaftsstreit wäre mir nicht von Anfang an klar gewesen, und dieser Gedanke hätte nur seinen gedankenreichen Schädel eines Besuchs für würdig gehalten. Darauf setzte ich ihm auseinander, daß der Prozeß schon von Werssiloff gewonnen sei; ferner, gar nicht von diesem einen Fürsten Ssokolski, sondern von den Fürsten Ssokolski angestrengt worden war, so daß, falls der eine im Duell fiele, deshalb noch nicht alle Gegner Werssiloffs beseitigt wären. Ungeachtet dessen würde man mit der Forderung so lange warten müssen, bis die Berufungsfrist verstrichen wäre (obschon die Fürsten gewiß nicht Berufung einlegen würden), eben um des Anstands willen. Nach Ablauf der Frist aber sollte dann das Duell stattfinden, und jetzt wäre ich nur deshalb zu ihm gekommen, um mich zu versichern, ob ich auf ihn als Sekundanten rechnen könne, und falls nicht, dann hätte ich bis dahin wenigstens noch Zeit, mich nach einem anderen umzusehen. So, und deshalb wäre ich jetzt zu ihm gekommen.
„Nun, so komm dann, wenn du mich brauchst, was läufst du denn umsonst die zehn Werst ab.“
Er erhob sich und nahm seine Mütze.
„Und dann wirst du es tun?“
„Nein, selbstverständlich nicht.“
„Warum nicht?“
„Ja, schon allein deshalb nicht, weil du dann bis zum Ablauf der Berufungsfrist jeden Tag zu mir laufen wirst, wenn ich jetzt einwillige. Außerdem ist das Ganze doch barer Unsinn und nichts weiter. Wozu soll ich mir deinetwegen meine Karriere verpfuschen? Und wenn mich der Fürst auf einmal fragt: ‚Wer schickt Sie zu mir?‘ – ‚Dolgoruki.‘ – ‚Aber was hat Dolgoruki mit Werssiloff zu schaffen?‘ – Soll ich ihm dann deinen ganzen Stammbaum erklären, was? Er wird mir doch ins Gesicht lachen!“
„Dann schlag’ ihm in die Fratze!“
„Leicht gesagt!“
„Du wagst es nicht? Du bist doch so groß und warst der Stärkste auf dem Gymnasium.“
„Natürlich wage ich es nicht. Und der Fürst wird allein schon aus dem Grunde die Forderung nicht annehmen, weil man sich nur mit seinesgleichen schlägt.“
„Bitte, ich bin gleichfalls ein Gentleman, meiner Bildung nach, und ich habe Rechte, folglich bin ich seinesgleichen ... Im Gegenteil, eher könnte ich von ihm sagen, daß er unter mir steht.“
„Nein, du bist ein Kleiner.“
„Wieso ein Kleiner?“
„So, eben weil du klein bist; wir sind beide noch Kleine, er aber ist ein Großer.“
„Dummkopf! Nach dem Gesetz kann ich schon seit einem Jahr heiraten.“