Zweiter Teil (continued 2)
E. K. Rahsin translation
„Laß es! Ich will nicht!“ wehrte sich Raskolnikoff, der voll Widerwillen dem gesucht neckischen Bericht Rasumichins über den Einkauf der Sachen zugehört hatte.
„Das geht nicht an, Bruder. Warum habe ich mich denn abgeschunden!“ bestand Rasumichin auf seinem Verlangen. „Nastasjuschka, genieren Sie sich nicht, sondern helfen Sie, – so, so!“
Und ungeachtet des Widerstandes Raskolnikoffs, hatte er ihm doch die Wäsche gewechselt. Der aber fiel auf die Kissen zurück und ein paar Minuten redete er kein Wort.
„Die werde ich noch lange nicht los!“ dachte er.
„Von welchem Gelde ist denn dies alles gekauft?“ fragte er endlich, indem er nach der Wand blickte.
„Von welchem Gelde? Das ist mal eine Frage! Doch von deinem eigenen. Vorhin war doch der Bureaudiener von Wachruschin hier, deine Mutter hat es dir gesandt, oder hast du auch das vergessen?“
„Jetzt erinnere ich mich ...“ sagte Raskolnikoff nach langem und düsterem Nachdenken. Rasumichin sah ihn hin und wieder voll Unruhe mit zusammengezogenen Brauen an. Da öffnete sich die Türe und ein großer kräftiger Mann trat ein, der dem Aussehen nach Raskolnikoff schon ein wenig bekannt vorkam.
„Sossimoff! Endlich!“ rief Rasumichin erfreut aus.
IV.
Sossimoff war groß und dick, mit einem gedunsenen, farblosen, blassen und glattrasierten Gesichte, hatte helles glattes Haar, trug eine Brille und an einem seiner fetten Finger saß ein großer goldener Ring. Er war etwa siebenundzwanzig Jahre alt. Unter einem weiten, eleganten, leichten Überzieher sahen helle Sommerbeinkleider hervor; alles war an ihm weit, elegant und nagelneu, die Wäsche war tadellos und die Uhrkette massiv. Seine Bewegungen waren langsam, es lag in seiner Trägheit gleichzeitig eine gesuchte Ungezwungenheit; eine Überhebung, die er übrigens stark zu verbergen suchte, kam immer wieder zum Vorschein. Alle, die ihn kannten, fanden ihn schwerfällig, gaben jedoch zu, daß er seine Sache verstände.
„Ich bin zweimal bei dir gewesen, Bruder ... Siehst du, er ist zu sich gekommen!“ rief Rasumichin aus.
„Ich sehe, sehe es. Nun, wie fühlen wir uns jetzt?“ wandte sich Sossimoff an Raskolnikoff, indem er ihn aufmerksam betrachtete und sich zu ihm auf das Sofa zu seinen Füßen setzte, wobei er sich sofort nach Möglichkeit breit machte. „Er ist immer schlechter Laune,“ fuhr Rasumichin fort, „wir haben ihm soeben die Wäsche gewechselt, da fing er fast zu weinen an.“
„Das ist begreiflich; die Wäsche konnte man auch später wechseln, wenn er es selbst wünscht ... Der Puls ist prächtig. Der Kopf tut immer noch ein wenig weh, ja?“
„Ich bin gesund, bin vollkommen gesund!“ sagte hartnäckig und gereizt Raskolnikoff, indem er sich gleichzeitig vom Sofa erhob und mit den Augen blitzte, er fiel aber sofort auf das Kissen zurück und wandte sich der Wand zu.
Sossimoff beobachtete ihn aufmerksam.
„Sehr gut ... alles, wie es sich gehört,“ sagte er träge. „Hat er etwas gegessen?“
Man sagte es ihm und fragte, was man geben könne.
„Ja, alles kann man ihm geben ... Suppe, Tee ... Pilze und Gurken selbstverständlich nicht, na, und Fleisch ist auch nicht nötig und ... was ist da weiter zu reden! ...“
Er wechselte einen Blick mit Rasumichin.
„Die Arznei weg und alles weg; morgen will ich wieder nachsehen ... Es wäre heute ... na, einerlei ...“
„Morgen abend gehe ich mit ihm spazieren!“ beschloß Rasumichin. „In den Jussupoff-Garten, und nachher gehen wir in den Kristallpalast.“
„Morgen würde ich ihm noch nicht raten, sich Bewegung zu machen, übrigens aber ... ein wenig ... na, wir wollen sehen.“
„Ach, es ist schade, heute weihe ich gerade meine Wohnung ein, es sind ja nur zwei Schritte von hier; wenn er auch dabei sein könnte! Er könnte ja auf dem Sofa unter uns liegen. Du wirst doch kommen?“ wandte sich Rasumichin plötzlich an Sossimoff. „Vergiß es nicht, du hast versprochen.“
„Vielleicht komme ich, aber ein wenig später. Was hast du denn?“
„Ja, nichts besonderes, Tee, Schnaps, Hering. Eine Pirogge gibt es; nur die nächsten Bekannten kommen.“
„Wer denn?“
„Ja, alle aus der nächsten Nachbarschaft und fast lauter neue, ausgenommen den alten Onkel und neu ist der auch. Er ist gestern nach Petersburg in eigenen Angelegenheiten gekommen; alle fünf Jahre sehen wir uns.“
„Wo ist er?“
„Er hat sein Lebelang in einer Kreisstadt als Postmeister vegetiert ... erhält eine kleine Pension, ist fünfundsechzig Jahre alt, es lohnt sich nicht, darüber zu sprechen ... Ich habe ihn übrigens gern. Porphyri Ssemenowitsch wird auch kommen, der hiesige Untersuchungsrichter ... er ist aus dem Richterstande. Ja, du kennst ihn doch ...“
„Ist er auch ein Verwandter von dir?“
„Ganz weitläufig; warum siehst du so verdrießlich aus? Weil ihr euch einmal gezankt habt, wirst vielleicht deshalb nicht kommen?“
„Ah, ich pfeife auf ihn ...“
„Das ist auch das beste. Nun und außerdem – Studenten, ein Lehrer, ein Beamter, ein Musiker, ein Offizier, Sametoff ...“
„Sag mir bitte, was kann zwischen dir oder dem da,“ Sossimoff wies auf Raskolnikoff, „und einem Sametoff gemeinsames sein?“
„Ach, du Nörgler! Prinzipienreiter! ... Du bist ja ganz mit Prinzipien ausgestopft wie ein Kissen mit Federn, bist schon ganz ihr Sklave. Meine Meinung ist, wenn ein Mensch gut ist, – so ist er mir angenehm, und das ist mein Prinzip. Und Sametoff ist ein ganz prächtiger Bursche.“
„Und läßt sich schmieren.“
„Nun ja, was macht es, wenn er sich schmieren läßt, ich pfeife darauf. Was ist da dabei, wenn er sich schmieren läßt!“ rief plötzlich Rasumichin unnatürlich gereizt aus, – „hab ich ihn denn gelobt, weil er sich schmieren läßt? Ich sagte, daß er nur in seiner Art gut sei. Und wenn man alle so genau nach jeder Seite besehen würde, dann würden nicht viel gute Menschen übrig bleiben. Ich bin überzeugt, daß man dann für mich, mit allen Eingeweiden zusammen, eine gebackene Zwiebel geben würde, und auch nur mit dir als Zugabe! ...“
„Das ist wenig; ich will für dich zwei geben ...“
„Und ich für dich nur eine! Mach mir keine weiteren Witze! Sametoff ist noch ein dummer Junge, ich werde ihn noch oft an den Haaren zupfen, man muß ihn an sich ziehen und nicht von sich stoßen. Wenn man einen Menschen abstößt, verbessert man ihn nicht, um so mehr, wenn er ein unreifer Junge ist. Mit einem Jungen soll man noch einmal so vorsichtig sein. Ach, ihr progressiven Dummköpfe, nichts versteht ihr! Ihr achtet nicht den Menschen, und schadet euch selbst ... Und wenn du es wissen willst, wir haben ein gemeinsames Interesse.“
„Das möchte ich wissen.“
„Ja, es ist in der Sache mit dem Maler, das heißt dem Anstreicher ... Wir werden ihn schon loskriegen! Übrigens ist jetzt auch keine Gefahr mehr. Die Sache ist jetzt klipp und klar! Wir wollen sie bloß beschleunigen.“
„Was ist das für ein Anstreicher?“
„Wie, habe ich dir denn nicht davon erzählt? Ja, richtig, ich habe dir nur den Anfang erzählt ... von der Ermordung der alten Pfandleiherin, der Beamtenwitwe ... nun und darein ist jetzt ein Anstreicher verwickelt ...“
„Von diesem Morde habe ich schon früher gehört, bevor du es mir erzähltest, und ich interessiere mich sehr für diese Sache ... teilweise ... aus einem besonderen Grunde ... ich las in den Zeitungen darüber. Aber siehst du ...“
„Lisaweta hat man auch ermordet!“ platzte plötzlich Nastasja heraus, indem sie sich an Raskolnikoff wandte.
Sie hatte die ganze Zeit an die Tür gelehnt zugehört.
„Lisaweta?“ murmelte Raskolnikoff mit kaum hörbarer Stimme.
„Lisaweta, die Händlerin, weißt du es nicht? Sie kam öfters hierher in unser Haus, hat dir auch ein Hemd ausgebessert.“
Raskolnikoff wandte sich zu der Wand, wählte auf der schmutzigen gelben Tapete mit weißen Blümchen eine plumpe weiße Blume mit braunen Strichen aus und begann sie zu betrachten, wieviel Blätter sie habe, was für Zacken an den Blättern und wieviel Striche sie durchzogen. Er fühlte, daß seine Hände und Füße erstarrten, als wären sie gelähmt, aber er versuchte nicht mal sich zu rühren und blickte unverwandt die Blume an.
„Nun, was ist mit dem Anstreicher?“ unterbrach Sossimoff sehr unwillig Nastasjas Geschwätz.
Sie seufzte und schwieg.
„Er soll auch der Mörder sein!“ fuhr Rasumichin eifrig fort.
„Hat man denn Beweise?“
„Gar keine, zum Teufel! Übrigens hat man doch einen, aber dieser Beweis ist kein Beweis und siehst du, das muß man erst nachweisen. Es ist genau so, wie sie zuerst diese ... wie heißen sie doch ... ja Koch und Pestrjakoff verdächtigt und eingesperrt haben. Pfui! Wie dumm dies alles gehandhabt wird, einen Unbeteiligten ekelt es an. Pestrjakoff, der eine von ihnen, wird vielleicht auch heute bei mir sein ... Apropos, Rodja, du kennst ja diese Geschichte, sie passierte noch vor deiner Krankheit, gerade am Abend vorher, als du im Polizeibureau ohnmächtig wurdest, als man darüber sprach ...“
Sossimoff blickte Raskolnikoff neugierig an, er rührte sich aber nicht.
„Weißt du, Rasumichin? Ich muß mich über dich wundern, daß du dich überall hineinmischest,“ bemerkte Sossimoff.
„Mag sein, aber wir wollen ihn doch loskriegen!“ rief Rasumichin aus und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Was einen dabei aber am meisten ärgert, ist nicht, daß sie so viel lügen. Lügen kann man immer entschuldigen, Lügen ist ein gutes Ding, wenn es zur Wahrheit führt. Aber das ist ärgerlich, daß sie lügen und an ihre eigenen Lügen unerschütterlich glauben. Ich achte Porphyri, aber ... Was hat sie zum Beispiel ganz am Anfang aus dem Konzept gebracht? Die Türe war verschlossen, und als sie später mit dem Hausknecht kamen, war sie offen, also haben Koch und Pestrjakoff gemordet! Siehst du, so ist ihre Logik!“
„Rege dich doch nicht auf; man hat sie einfach eine kurze Zeit in Haft behalten, man kann doch nicht ... Nebenbei gesagt, ich habe diesen Koch irgendwo kennengelernt. Es hat sich herausgestellt, daß er von der Alten verfallene Pfandobjekte ankaufte?“
„Ja, er ist ein Gauner! Er kauft auch Wechsel auf. Ein dunkler Ehrenmann. Aber hol ihn der Teufel! Versteh mich doch, worüber ich mich am meisten ärgere. Über ihre veraltete, sinnlose, verkehrte Methode ärgere ich mich ... Hier aber, in dieser Sache allein, muß man einen ganz neuen Weg entdecken. Nach den psychologischen Momenten allein kann man schon zeigen, wie die richtige Spur gefunden werden soll. Wir haben Indizien, sagen sie! Ja, aber Indizien ist doch nicht alles; wenigstens die Hälfte der Sache besteht darin, wie man mit den Indizien umzugehen versteht!“
„Und verstehst du mit den Indizien umzugehen?“
„Man kann aber doch nicht schweigen, wenn man fühlt, handgreiflich fühlt, daß man der Sache nützen könnte, wenn ... Ach! ... Kennst du die Sache ausführlich?“
„Ich warte darauf, über den Anstreicher zu hören.“
„Ach ja! Höre also die Geschichte, – genau am dritten Tage nach dem Morde, am Morgen, als sie sich noch mit Koch und Pestrjakoff abgaben, – obwohl die jeden ihrer Schritte nachgewiesen hatten, alles war schreiend klar, – wird plötzlich ein ganz unerwartetes Faktum offenbar. Ein gewisser Duschkin, ein Bauer, Besitzer einer Kneipe gerade gegenüber jenem Hause, erscheint in dem Polizeibureau, bringt ein Etui mit goldenen Ohrgehängen mit und erzählt eine ganze Geschichte. ‚Vorgestern abend ungefähr nach acht Uhr,‘ – merk du dir Tag und Stunde! – ‚kommt zu mir ein Arbeiter, ein Anstreicher, Nikolai, der auch schon früher im Laufe des Tages dagewesen war, und bringt mir dieses Kästchen mit goldenen Ohrgehängen und mit den Steinen und bittet, ihm zwei Rubel darauf zu leihen; auf meine Frage aber, woher er sie habe, erklärte er mir, daß er sie auf dem Trottoir gefunden hätte. Mehr habe ich ihn nicht ausgefragt,‘ das alles sagt Duschkin, ‚sondern gab ihm einen Schein,‘ das heißt also einen Rubel, ‚denn ich dachte, wenn ich sie nicht nehme, versetzt er sie bei einem anderen, und wird das Geld sowieso vertrinken. Mögen besser die Sachen bei mir liegen; sollte sich aber etwas zeigen oder sollten Gerüchte auftauchen, bringe ich sie zur Polizei.‘ Selbstverständlich schwindelt er, lügt wie ein Pferd, denn ich kenne diesen Duschkin, er ist selbst Pfandleiher, schafft Gestohlenes zur Seite und hat dem Nikolai das Ding, das dreißig Rubel wert ist, nicht abgeluchst, um es zur Polizei zu bringen. Er hat einfach Angst bekommen. Hol’ ihn der Teufel! – höre weiter,“ fuhr Rasumichin fort: „‚Ich kenne ihn, den Nikolai Dementjeff von klein auf,‘ erzählt Duschkin weiter, ‚er stammt aus demselben Rjasanschen Gouvernement wie ich, und aus demselben Kreise. Nikolai ist kein Säufer, trinkt aber doch hin und wieder eins, und ich wußte, daß er in jenem Hause mit Dmitri arbeitet, denn Dmitri stammt auch aus derselben Gegend. Als er von mir den Schein erhalten hatte, wechselte er ihn sofort, trank auf einmal zwei Gläschen, nahm den Rest des Geldes und ging seiner Wege, Dmitri war aber damals nicht mit ihm. Am anderen Tage hörte ich, daß Aljona Iwanowna und ihre Schwester Lisaweta mit einem Beile erschlagen sind, – ich habe sie gekannt, – und da packten mich Zweifel wegen der Ohrgehänge, denn mir war es bekannt, daß die Verstorbene Geld gegen Pfand auslieh. Ich ging hinüber und begann vorsichtig und still auszuhorchen und zu allererst frug ich, ob Nikolai da sei! Dmitri erzählte mir, daß Nikolai zu trinken angefangen habe, er wäre bei Tagesanbruch betrunken nach Hause gekommen, ungefähr zehn Minuten dageblieben und wieder fortgegangen; Dmitri habe ihn nicht mehr gesehen und beende die Arbeit allein. Sie arbeiteten aber im zweiten Stock desselben Hauses, in dem die Ermordeten lebten. Als ich dies hörte, habe ich niemanden etwas davon mitgeteilt,‘ sagte Duschkin, ‚ich versuchte vielmehr alles über die Ermordung in Erfahrung zu bringen und bin mit denselben Zweifeln nach Hause zurückgekehrt. Heute morgen nun gegen acht Uhr,‘ das heißt, am dritten Tage, verstehst du? ‚sehe ich Nikolai hereinkommen, nicht nüchtern, aber auch nicht ganz betrunken, so daß er ganz gut ausgehört werden konnte. Er setzt sich auf eine Bank und schweigt. Außer ihm war in der Kneipe zu der Zeit noch ein fremder Mensch da, auf einer Bank schlief ein anderer, ein Bekannter von mir, auch die zwei Laufjungens waren zur Stelle. Hast du Dmitri gesehen, fragte ich ihn. – Nein, sagte er, ich habe ihn nicht gesehen. – Und warst du auch nicht bei ihm? – Nein, antwortete er, seit vorgestern war ich nicht bei ihm. – Und wo hast du die Nacht geschlafen? – Bei Bekannten auf den Peßki. – Und woher, fragte ich, hast du die Ohrgehänge genommen? – Ich habe sie auf dem Trottoir gefunden, – und er sagte es so, als sei es nicht wahr, und ohne mich anzublicken. – Hast du auch gehört, fragte ich ihn, daß dies und dies, und erzählte ihm nun die Geschichte, am selben Abend und zur selben Stunde auf jener Treppe geschehen ist? – Nein, sagte er, ich habe nichts gehört. – Er hörte mit weit aufgerissenen Augen auf das, was ich ihm erzählte, und ward plötzlich weiß wie Kalk. Ich erzähle weiter, siehe da, er nimmt seine Mütze und will aufstehen. Da wollte ich ihn festhalten und sage, warte ein wenig, Nikolai, willst du nicht eins trinken? Ich gab einem Jungen ein Zeichen, daß er die Tür zuhalten soll, und kam hinter dem Ladentisch hervor, er aber springt auf, stürzt auf die Straße und läuft um die Ecke, – weg war er. Da verlor ich meine Zweifel, es ist sein Werk, sein Verbrechen ...‘“
„Sicher! ...“ sagte Sossimoff.
„Warte! Höre zu Ende! Selbstverständlich beeilte man sich schleunigst, Nikolai zu finden; Duschkin wurde verhaftet und Haussuchung bei ihm gehalten, Dmitri sperrte man auch ein; die Bekannten von Nikolai, bei denen er die letzte Nacht geschlafen hat, wurden gleichfalls hergenommen – und vorgestern brachte man Nikolai selbst; man hatte ihn in der Nähe des N.schen Schlagbaums in einer Spelunke aufgefangen. Er war dorthin gekommen, hatte sein silbernes Kreuz vom Halse genommen und ein Glas Schnaps dafür verlangt. Man hatte es ihm auch gegeben. Nach einer Weile ging die Frau in den Kuhstall und sah durch eine Ritze, daß Nikolai in der Scheune nebenan an einen Balken seinen Gürtel gebunden hatte und eine Schlinge gemacht hatte; dann stieg er auf einen Klotz und wollte die Schlinge um den Hals legen; die Frau schrie aus vollem Halse, und man lief zusammen. – ‚Du bist so einer!‘ – ‚Führt mich,‘ sagte er, ‚auf das Polizeibureau, ich will alles bekennen.‘ Nun, man schaffte ihn mit den gehörigen Ehrenbezeigungen in das Polizeibureau, das heißt hierher. Allerhand Fragen wurden ihm dort gestellt, wer, woher, wie alt – ‚zweiundzwanzig‘ und dergleichen. Frage: ‚Als du und Dmitri arbeitetet, habt ihr nicht jemand auf der Treppe in der und der Stunde gesehen?‘ Antwort: ‚Gewiß sind Menschen vorbeigegangen, aber wir haben sie uns nicht gemerkt.‘ ‚Habt ihr nicht Lärm oder ähnliches gehört?‘ ‚Wir haben nichts besonderes gehört.‘ ‚Wußtest du aber, Nikolai, daß am selben Tage die Witwe so und so an diesem Tage und zu der und der Stunde mit ihrer Schwester ermordet und beraubt wurde?‘ ‚Ich habe gar nichts gewußt, zum ersten Male hörte ich davon in der Kneipe am dritten Tage von Afanassi Pawlowitsch.‘ ‚Und woher hast du die Ohrgehänge?‘ ‚Ich habe sie auf dem Trottoir gefunden.‘ ‚Warum bist du am anderen Tage nicht mit Dmitri zur Arbeit gekommen?‘ ‚Weil ich angefangen hatte zu bummeln.‘ ‚Und wo hast du gebummelt?‘ ‚Ja, dort und dort.‘ ‚Warum liefst du von Duschkin weg?‘ ‚Weil ich große Angst bekam.‘ ‚Warum bekamst du Angst?‘ ‚Daß man mich verhören wird.‘ ‚Wie konntest du denn davor Angst bekommen, wenn du dich vollkommen unschuldig fühlst??‘ ... Nun, glaub oder glaub mir nicht, Sossimoff, diese Frage wurde gestellt und buchstäblich mit diesen Worten, ich weiß es bestimmt, man hat es mir genau mitgeteilt! Wie findest du das? Wie findest du das?“
„Aber, es existieren doch Beweise.“
„Ich spreche jetzt nicht von den Beweisen, sondern von der Fragestellung, darüber, wie sie ihre Aufgabe auffassen! Aber, zum Teufel damit! ... Also sie haben so lange gepreßt und gequetscht, bis er bekannte, ‚ich habe sie,‘ sagte er, ‚nicht auf dem Trottoir, sondern in der Wohnung gefunden, wo ich mit Dmitri arbeitete.‘ ‚Wie verhält sich denn das?‘ ‚Wir arbeiteten den ganzen Tag bis acht Uhr und wollten schon nach Hause gehen, da nahm Dmitri einen Pinsel, schmierte mir in die Fratze Farbe und lief davon und ich ihm nach. Und ich lief hinter ihm her und schrie aus vollem Halse; wie ich aber von der Treppe unter den Torweg kam, stieß ich im vollen Laufe mit dem Hausknecht und einigen Herren zusammen, – wieviel Herren es waren, erinnere ich mich nicht, der Hausknecht schimpfte mich aus, auch der andere Hausknecht schimpfte mich, die Frau des Hausknechtes kam heraus und schimpfte; ein Herr, der mit einer Dame durch den Torweg kam, schimpfte auch, weil ich und Dmitri quer im Wege lagen, – ich hatte Dmitri an den Haaren gepackt, ihn hingeworfen und versetzte ihm Püffe, Dmitri hatte, unter mir liegend, mich auch an den Haaren und puffte mich, wir taten es nicht im Ernst, sondern in aller Freundschaft, im Scherze. Dmitri machte sich von mir los und lief auf die Straße, ich lief ihm nach, holte ihn aber nicht ein und ging in die Wohnung allein zurück, – es mußte noch aufgeräumt werden. Ich begann das Werkzeug zu sammeln und wartete auf Dmitri, vielleicht kommt er noch. Und bei der Türe im Vorzimmer, an der Wand, in einem Winkel, trat ich auf ein Kästchen. Ich sehe, es liegt da, eingeschlagen in Papier. Das Papier nahm ich ab und sah solche ganz winzige Häkchen, ich machte sie auf und im Kästchen lagen die Ohrgehänge ...‘“
„Hinter der Tür? Hinter der Tür lag es? Hinter der Tür?“ rief plötzlich Raskolnikoff, sah Rasumichin mit einem trüben, erschreckten Blick an und erhob sich langsam, sich mit der Hand stützend, vom Sofa.
„Ja ... aber was ist denn los? Was ist mit dir? Was hast du?“ Rasumichin erhob sich auch von seinem Platze.
„Nichts! ...“ antwortete kaum hörbar Raskolnikoff, sank wieder auf das Kissen zurück und wandte sich von neuem zu der Wand.
Alle schwiegen eine Weile.
„Er war wahrscheinlich eingeschlummert, noch halb im Schlafe,“ sagte endlich Rasumichin und blickte Sossimoff fragend an; jener machte eine leichte verneinende Bewegung mit dem Kopfe.
„Na, fahr fort,“ sagte Sossimoff, „was weiter?“
„Ja, was weiter? Als er die Ohrgehänge erblickte, vergaß er sofort die Wohnung und Dmitri, nahm seine Mütze und lief zu Duschkin hin und erhielt von ihm, wie es dir bekannt ist, einen Rubel, ihm log er aber vor, daß er sie auf dem Trottoir gefunden hätte, und fing sofort an zu bummeln. Von dem Morde aber bestätigt er das früher gesagte: ‚Ich weiß von gar nichts, habe es erst am dritten Tage gehört!‘ ‚Und warum bist du bis jetzt nicht gekommen?‘ ‚Vor Angst.‘ ‚Und warum wolltest du dich erhängen?‘ ‚Vor lauter Gedanken.‘ ‚Was für Gedanken?‘ ‚Daß man mich verurteilen würde.‘ Nun, das ist die ganze Geschichte. Jetzt, was meinst du, daß sie daraus gefolgert haben?“
„Ja, was ist da zu denken, es ist eine Spur, wenn sie auch unbedeutend ist, so ist es doch eine Spur. Eine Tatsache. Soll man deinen Anstreicher etwa in Freiheit setzen?“
„Ja, sie halten ihn jetzt einfach für den Mörder! Sie haben keinen Zweifel mehr ...“
„Das geht zu weit, du bist hitzig. Nun aber die Ohrgehänge? Du mußt doch selbst zugeben, – wenn am selben Tage und zur selben Stunde die Ohrgehänge aus dem Kasten der Alten in die Hände von Nikolai geraten, – daß sie in irgendeiner Weise zu ihm hingekommen sein müssen? Das hat doch nicht wenig zu sagen bei solch einer Untersuchung.“
„Wie hingekommen! Wie sie hingekommen sind?“ rief Rasumichin aus. „Und du als Arzt, du, der vor allen Dingen verpflichtet ist, den Menschen zu studieren und der Gelegenheit hat, eher als jeder andere, die menschliche Natur kennenzulernen, – kannst du denn nicht nach all diesen gegebenen Anzeichen sehen, was für eine Natur dieser Nikolai ist? Kannst du denn nicht auf den ersten Blick sehen, daß alles, was er bei den Verhören ausgesagt hat, die heiligste Wahrheit ist? Sie sind genau so in seine Hände geraten, wie er ausgesagt hat. Er ist auf ein Kästchen getreten und hat es aufgehoben.“
„Heiligste Wahrheit! Er hat aber doch selbst eingestanden, daß er das erstemal gelogen hat?“
„Höre mich an, höre aufmerksam zu, – der Hausknecht, Koch und Pestrjakoff, auch der andere Hausknecht, die Frau des ersten Hausknechtes und eine Bekannte von ihr, die zur selben Zeit in der Wohnung des Hausknechtes saßen, und der Hofrat Krjukoff, der in demselben Augenblick aus einer Droschke gestiegen und mit einer Dame Arm in Arm durch den Torweg gegangen war, – alle, also acht oder zehn Zeugen, sagen einstimmig aus, daß Nikolai den Dmitri zu Boden gedrückt, auf ihm lag und ihn schlug, und daß jener ihn an den Haaren gepackt hatte und ebenso auf ihn schlug. Sie liegen beide quer im Wege und versperren den Durchgang; sie werden von allen geschimpft und sie liegen da, wie ‚kleine Kinder‘ aufeinander (buchstäblicher Ausdruck der Zeugen), kreischen, prügeln sich und lachen, lachen beide um die Wette, mit den komischsten Fratzen und laufen auf die Straße, gleich Kindern, hinaus einander zu fangen. Hast du gehört? Nun merke dir jetzt, – oben liegen die Körper noch warm, hörst du, noch warm, so fand man sie! Wenn sie oder auch Nikolai nur allein, gemordet und dabei den Kasten aufgebrochen und geraubt hätten oder auch nur einigermaßen an dem Raube beteiligt gewesen wären, erlaube mir nur die eine Frage dir vorzulegen, – ist solch eine seelische Stimmung, das heißt, Kreischen, Lachen, kindisches Prügeln in dem Torwege – mit Beilen, Blut, mit verbrecherischer Schlauheit, Vorsicht, Raub vereinbar? Sie haben soeben noch vor fünf oder zehn Minuten gemordet, – denn es muß so stimmen, die Körper waren ja noch warm – und plötzlich lassen sie die Leichen liegen und die Wohnung offen, wobei sie wissen, daß soeben Menschen dorthin gegangen sind, kümmern sich nicht um die Beute und wälzen sich wie kleine Kinder auf dem Wege, lachen und lenken die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich – und dies alles bezeugen einstimmig zehn Zeugen!“
„Sicher ist es sonderbar! Selbstverständlich ist dies doch unmöglich, aber ...“
„Nein, Bruder, es gibt kein aber, – sondern wenn die Ohrgehänge, die zur selben Stunde und am selben Tage in Nikolais Hände geraten sind, tatsächlich einen wichtigen ihn belastenden Beweis ausmachen, – der jedoch durch seine Aussagen einfach erklärt wird, also noch ein strittiger Beweis ist, – muß man doch auch die entlastenden Tatsachen in Erwägung ziehen und um so mehr, als dies unwiderlegbare Tatsachen sind. Und glaubst du wohl, nach der Art unserer Jurisprudenz, daß sie dies anerkennen wird, oder daß sie fähig ist, solch eine Tatsache, – die ausschließlich auf rein psychologischer Unmöglichkeit, nur auf seelischer Stimmung allein begründet ist, – als eine unanfechtbare und alle belastenden und sachlichen Momente, wie sie auch sein mögen, widerlegende Tatsache anzuerkennen? Nein, sie werden es nicht anerkennen, keineswegs, denn man hat das Kästchen gefunden, werden sie sagen, und der Mensch wollte sich erhängen, – ‚was nicht geschehen könnte, wenn er sich nicht schuldig fühlte‘. Das ist die Hauptfrage, darum ereifere ich mich auch! Verstehe es doch!“
„Ja, ich sehe es auch, daß du dich ereiferst. Warte, ich vergaß dich zu fragen, wodurch ist es nachgewiesen, daß das Kästchen mit den Ohrgehängen tatsächlich von der Alten stammt?“
„Das ist nachgewiesen,“ antwortete Rasumichin mit gerunzelten Augenbrauen und anscheinend mit Unlust. „Koch hat das Ding erkannt und den Pfandgeber genannt, und dieser hat bewiesen, daß die Ohrgehänge ihm gehören.“
„Das ist schlimm. Jetzt noch eins, – hat jemand Nikolai gesehen, als Koch und Pestrjakoff allein hinaufgingen, und kann man es nicht irgendwie beweisen?“
„Das ist es ja, daß niemand ihn gesehen hat,“ antwortete Rasumichin ärgerlich, – „das ist ja das Schlimme; sogar Koch und Pestrjakoff haben Nikolai und Dmitri nicht bemerkt, als sie hinaufgingen, obgleich ihr Zeugnis jetzt nicht viel bedeuten würde. ‚Wir haben gesehen,‘ sagen sie, ‚daß die Wohnung offen war, daß man darin wahrscheinlich arbeitete, aber wir haben im Vorübergehen nicht darauf geachtet und erinnern uns nicht genau, ob in dem Momente dort Arbeiter waren oder nicht.‘“
„Hm. Also gibt es nur eine einzige Rechtfertigung: die, daß sie einander Püffe versetzt und gelacht haben. Angenommen, dies ist ein starker Beweis, aber ... Erlaube mal, wie erklärst du selbst den ganzen Vorgang? Wodurch willst du den Fund der Ohrgehänge erklären, wenn er sie tatsächlich so gefunden hat, wie er angibt?“
„Wie ich es erkläre? Ja, was ist da zu erklären, die Sache ist klar. Wenigstens der Weg, den man bei dieser Sache gehen muß, ist klar und bewiesen, und gerade das Kästchen hat ihn gezeigt. Der wirkliche Mörder hat die Ohrgehänge verloren. Der Mörder war oben, als Koch und Pestrjakoff klopften, und saß eingeschlossen dort. Koch machte die Dummheit und ging nach unten, da sprang der Mörder heraus und lief ebenfalls nach unten, denn er hatte keinen anderen Ausweg. Auf der Treppe versteckte er sich vor Koch, Pestrjakoff und dem Hausknecht in der leeren Wohnung, und zwar in dem Augenblicke, als Dmitri und Nikolai herausgelaufen waren; er stand hinter der Türe, als der Hausknecht und die anderen nach oben gingen, wartete bis die Schritte verhallten und ging in aller Seelenruhe hinunter, genau im selben Augenblicke, als Dmitri und Nikolai auf die Straße gelaufen waren, alles fort und niemand im Torwege war. Vielleicht hat man ihn auch gesehen, aber nicht beachtet; es gehen ja nicht wenige Menschen dort aus und ein. Und das Kästchen ist ihm aus der Tasche gefallen, als er hinter der Tür stand, und er hat es nicht gemerkt, denn er mußte an anderes denken. Das Kästchen aber beweist klar, daß er dort gestanden hat. So ist die ganze Sache!“
„Das ist schlau. Nein, Bruder, das ist sehr schlau. Das ist zu schlau!“
„Aber warum denn, warum?“
„Ja, weil alles viel zu glücklich verlief ... und sich gestaltete ... wie auf dem Theater.“
„Ach,“ rief Rasumichin und wollte fortfahren, aber in diesem Augenblicke öffnete sich die Tür und es trat eine neue, von keinem der Anwesenden gekannte Person herein.
V.
Es war ein Herr, nicht mehr jung, geziert, würdevoll, mit einem lauernden und verdrießlichen Gesichte; er begann damit, daß er an der Tür stehen blieb und sich mit unverkennbar beleidigtem Erstaunen umblickte, als ob er fragen würde: „wohin bin ich denn geraten?“ Mißtrauisch, mit dem Ausdruck eines affektierten Überraschtseins, fast eines Schreckens, sah er sich in Raskolnikoffs enger und niedriger „Schiffskajüte“ um. Mit gleichem Erstaunen richtete er seine Blicke auf Raskolnikoff selbst, der entkleidet, ungekämmt und ungewaschen auf seinem unansehnlichen, schmutzigen Sofa lag und ihn ebenso unverwandt betrachtete. Dann begann er mit gleicher Bedächtigkeit die abgerissene, unrasierte und ungekämmte Gestalt Rasumichins zu betrachten, der seinerseits ihm frech und fragend direkt in die Augen blickte, ohne sich von seinem Platze zu rühren. Das gespannte Schweigen dauerte etwa eine Minute und endlich trat, wie man es auch erwarten konnte, ein kleiner Stimmungswechsel ein. Nachdem der eingetretene Herr wahrscheinlich aus gewissen, übrigens sehr deutlichen Anzeichen entnommen hatte, daß mit einer herrischen Miene hier in dieser „Schiffskajüte“ nichts zu wollen sei, wurde er etwas freundlicher und sagte höflich, obgleich nicht ohne eine gewisse Strenge, indem er sich an Sossimoff wandte und jede Silbe seiner Frage betonte: „Rodion Romanytsch Raskolnikoff, Herr Student oder ehemaliger Student?“
Sossimoff rührte sich ein wenig und hätte auch vielleicht geantwortet, wenn Rasumichin, an den die Worte gar nicht gerichtet waren, ihm nicht zuvorgekommen wäre.
„Da liegt er auf dem Sofa! Und was wollen Sie?“ Dieses familiäre „Und was wollen Sie?“ traf den gezierten Herrn wie ein Hieb, und fast hätte er sich zu Rasumichin umgewandt, aber er hielt sich noch rechtzeitig zurück und wandte sich schnell wieder an Sossimoff.
„Da ist Raskolnikoff!“ brummte Sossimoff und wies auf den Kranken hin, dann gähnte er, wobei er ungewöhnlich weit seinen Mund aufsperrte und ihn ungewöhnlich lange in dieser Lage behielt. Dann bewegte er die Hand langsam zu der Westentasche, zog eine riesige, dicke, goldene Uhr hervor, öffnete den Deckel, sah nach und steckte sie ebenso langsam und träge wieder ein.
Raskolnikoff selbst lag die ganze Zeit schweigend auf dem Rücken und blickte unverwandt, scheinbar gedankenlos, den Eingetretenen an. Sein Gesicht, das er jetzt von der interessanten Blume in der Tapete abgewandt hatte, war außerordentlich bleich und drückte ein ungewöhnliches Leiden aus, als hätte er soeben eine qualvolle Operation durchgemacht, oder als hätte er eine Tortur hinter sich. Der eingetretene Herr aber begann allmählich seine Aufmerksamkeit mehr und mehr zu erregen, es tauchten in ihm Zweifel, Mißtrauen und sogar anscheinend Furcht auf. Als aber Sossimoff auf ihn hinwies und „da ist Raskolnikoff“ sagte, erhob er sich schnell, wie auffahrend, setzte sich auf sein Bett und sagte mit fast herausfordernder, aber schwankender und schwacher Stimme:
„Ja. Ich bin Raskolnikoff! Was wollen Sie?“
Der Besucher blickte ihn aufmerksam an und sagte mit Betonung:
„Peter Petrowitsch Luschin. Ich habe die sichere Hoffnung, daß mein Name Ihnen nicht ganz unbekannt sei.“
Raskolnikoff aber, der etwas ganz anderes erwartet hatte, blickte ihn stumpf und nachdenklich an und antwortete nichts, als ob er Peter Petrowitschs Namen entschieden zum erstenmal höre.
„Wie? Haben Sie bis jetzt noch keine Nachrichten über mich erhalten?“ fragte Peter Petrowitsch mit einer Bewegung unangenehmer Überraschung.
Anstatt zu antworten, ließ sich Raskolnikoff langsam auf das Kissen nieder, steckte die Hände unter den Kopf und begann die Zimmerdecke zu betrachten. Eine bedrückte Stimmung zeigte auf Luschins Gesicht starke Betroffenheit. Sossimoff und Rasumichin fingen an, ihn mit noch größerer Neugierde anzusehen, und er wurde sichtlich verlegen.
„Ich nahm an und rechnete bestimmt darauf,“ murmelte er, „daß der Brief, der schon vor mehr als zehn Tagen, vielleicht sogar vor vierzehn Tagen abgesandt ist ...“
„Hören Sie mal, was sollen Sie denn die ganze Zeit an der Türe stehen?“ unterbrach ihn Rasumichin, „wenn Sie etwas mitzuteilen haben, setzen Sie sich doch, für Sie und Nastasja ist es dort zu eng. Nastasja, mach mal Platz, laß ihn durchgehen! Kommen Sie hierher, da haben Sie einen Stuhl! Kriechen Sie hier durch!“
Er rückte seinen Stuhl von dem Tische ab, machte zwischen dem Tisch und seinen Knien einen Durchgang frei und wartete in dieser unbequemen Stellung, bis der Gast durch diesen Spalt „hindurchkriechen“ würde. Der Moment war so gewählt, daß man nicht gut ablehnen konnte, und der Besucher kroch durch den engen Durchgang, sich beeilend und stolpernd, hindurch. Als er den Stuhl erreicht hatte, setzte er sich und blickte Rasumichin argwöhnisch an.
„Seien Sie übrigens nicht verlegen,“ platzte dieser hervor. „Rodja ist schon den fünften Tag krank und hat drei Tage phantasiert, jetzt aber ist er zu sich gekommen und hat sogar mit Appetit gegessen. Dort sitzt sein Arzt, er hat ihn soeben untersucht, und ich bin Rodjas Kamerad, auch ein ehemaliger Student, und pflege ihn nun; also, achten Sie nicht auf uns und genieren Sie sich nicht, fahren Sie nur fort und sagen Sie, was Sie zu sagen haben.“
„Ich danke Ihnen. Werde ich aber nicht durch meine Anwesenheit und mit meinem Gespräch den Kranken aufregen?“ wandte sich Peter Petrowitsch an Sossimoff.
„N–nein,“ sagte Sossimoff langsam, „Sie können ihn vielleicht zerstreuen.“
Und er gähnte wieder.
„Oh, er ist schon lange bei Besinnung, seit heute morgen!“ fuhr Rasumichin fort, dessen Familiarität den Stempel solch einer unverfälschten Treuherzigkeit trug, daß Peter Petrowitsch allmählich seine Fassung wiedergewann, zum Teil wohl auch darum, weil dieser zerlumpte und freche Mensch sich als Student vorgestellt hatte.
„Ihre Frau Mutter ...“ begann Luschin.
„Hm!“ äußerte sich Rasumichin vernehmlich.
Luschin blickte ihn fragend an.
„Das hat nichts zu sagen, ich tat es nur so; fahren Sie fort ...“
Luschin zuckte die Achseln.
„... Ihre Frau Mutter begann noch während meiner Anwesenheit dort einen Brief an Sie. Nachdem ich hier eingetroffen war, ließ ich absichtlich einige Tage vergehen und kam nicht gleich zu Ihnen, um ganz gewiß zu sein, daß Sie von allem unterrichtet sind, jetzt aber zu meinem Erstaunen ...“
„Ich weiß, ich weiß!“ sagte plötzlich Raskolnikoff mit dem Ausdrucke des ungeduldigsten Ärgers. „Sie sind es? Der Bräutigam? Nun, ich weiß ... und genug!“
Peter Petrowitsch fühlte sich entschieden beleidigt, aber er schwieg. Er dachte eifrig nach, was dieses alles zu bedeuten habe. Es herrschte ein minutenlanges Schweigen.
Indessen begann Raskolnikoff, der sich bei seiner Antwort nur ein wenig ihm zugekehrt hatte, ihn von neuem aufmerksam und mit einer gewissen Neugier anzusehen, als hätte er vorhin nicht Zeit gefunden, ihn ganz zu betrachten oder als wäre ihm etwas Neues an ihm aufgefallen; er erhob sich zu dem Zwecke sogar absichtlich von dem Kissen. In dem ganzen Aussehen von Peter Petrowitsch lag wirklich etwas Besonderes, und zwar etwas, das die Bezeichnung „Bräutigam,“ die ihm soeben so ungeniert zugeteilt wurde, zu rechtfertigen schien. Man konnte sehen, und zwar ziemlich deutlich, daß Peter Petrowitsch sich sehr beeilt hatte, die paar Tage seines Aufenthaltes in der Residenz auszunutzen, um sich in Erwartung der Braut neu auszustaffieren und zu verschönern, was gewiß sehr unschuldig und statthaft war. Sogar die eigentümliche, vielleicht ein wenig zu ausgeprägte Selbstzufriedenheit über seine angenehme Veränderung konnte in diesem Falle verzeihlich erscheinen, denn Peter Petrowitsch war ja in dem Stande eines Bräutigams. Seine ganze Kleidung war soeben vom Schneider gekommen und alles war gut, nur daß eben alles zu neu war und zu sehr den bestimmten Zweck verriet. Auch der elegante, nagelneue, runde Hut deutete auf diesen Zweck hin, – Peter Petrowitsch behandelte ihn zu ehrerbietig und hielt ihn mit zu großer Vorsicht in Händen. Auch das reizende Paar Handschuhe von heller lila Farbe bezeugte das, wenn auch nur damit, daß man sie nicht anzog, sondern in der Hand hielt. Helle und jugendliche Farben herrschten in Peter Petrowitschs Kleidung vor. Er hatte ein sehr hübsches Sommerjackett von hellbrauner Farbe an, helle leichte Beinkleider, ebensolch eine Weste, neugekaufte feine Wäsche, eine leichte Krawatte aus Batist mit rosa Streifen, und das allerbeste war dabei, daß alles Peter Petrowitsch sehr gut kleidete. Sein Gesicht, sehr frisch und sogar hübsch, schien auch ohnedem jünger als fünfundvierzig Jahre. Ein dunkler Backenbart umrahmte es zu beiden Seiten und verdichtete sich ziemlich hübsch um das glänzende, vorzüglich rasierte Kinn. Auch die Haare, übrigens nur stellenweise und kaum bemerkbar grau, waren von einem Friseur gekämmt und gekräuselt, erhielten aber dadurch nichts Lächerliches oder gaben ein dummes Aussehen, was gewöhnlich bei gekräuselten Haaren der Fall ist, weil es dem Gesichte eine unvermeidliche Ähnlichkeit mit einem Deutschen, der zum Altar schreitet, verleiht. Wenn in diesem ziemlich hübschen und soliden Gesichte etwas tatsächlich Unangenehmes und Abstoßendes war, so hatte dies einen anderen Grund. Nachdem Raskolnikoff Herrn Luschin ungeniert betrachtet hatte, lächelte er sarkastisch, ließ sich wieder auf das Kissen nieder und begann, wie früher, die Zimmerdecke anzusehen.
Herr Luschin aber nahm sich zusammen und schien entschlossen zu sein, diese Sonderbarkeiten vorläufig nicht zu beachten.
„Ich bedauere sehr, sehr, Sie in solch einer Lage zu finden,“ begann er von neuem, mit Mühe das Schweigen brechend. „Wenn ich von Ihrem Unwohlsein gewußt hätte, wäre ich früher gekommen. Aber, wissen Sie, die Plackereien ... Ich habe außerdem eine sehr wichtige Angelegenheit im Senat, in meiner Eigenschaft als Advokat. Ich erwähne nicht die Sorgen, die auch Sie erraten können. Die Ihrigen, das heißt Ihre Frau Mutter und Schwester, erwarte ich stündlich ...“
Raskolnikoff machte eine Bewegung und wollte etwas sagen; sein Gesicht drückte eine gewisse Erregung aus. Peter Petrowitsch hielt in Erwartung inne, aber da nichts erfolgte, fuhr er fort: „... Stündlich. Ich habe ihnen fürs erste eine Wohnung gesucht ...“
„Wo?“ fragte leise Raskolnikoff.
„Gar nicht weit von hier, im Hause von Bakalejeff.“
„Das ist auf dem Wosnesensky-Prospekt,“ unterbrach ihn Rasumichin, „dort sind zwei Stockwerke, als möblierte Zimmer eingerichtet; der Kaufmann Juschin ist Inhaber; ich bin dort gewesen.“
„Ja, es sind möblierte Zimmer ...“
„Es ist fürchterlich dort; Schmutz, Gestank und ein verdächtiger Ort auch; mancherlei ist da vorgefallen. Ja, und weiß der Teufel, was da nicht alles wohnt! ... Ich selbst bin dort aus einem skandalösen Grunde gewesen. Übrigens ist es billig.“
„Ich konnte selbstverständlich nicht soviel erfahren, da ich selbst vor kurzem angekommen bin,“ antwortete Peter Petrowitsch empfindlich, „es sind übrigens zwei sehr, sehr saubere kleine Zimmer, und da es auf eine sehr kurze Zeit nur ist ... Ich habe schon eine wirkliche, das heißt unsere künftige Wohnung gefunden,“ wandte er sich an Raskolnikoff, „und jetzt wird sie instand gesetzt; unterdessen aber behelfe ich mich auch selbst mit einem möblierten Zimmer, zwei Schritte von hier, bei Frau Lippewechsel, in der Wohnung eines jungen Freundes von mir, Andrei Ssemenytsch Lebesjätnikoff; er hat auch mir das Haus von Bakalejeff empfohlen ...“
„Lebesjätnikoff?“ sagte langsam Raskolnikoff, als ob er sich auf etwas besinne.
„Ja, Andrei Ssemenytsch Lebesjätnikoff, er ist im Ministerium angestellt. Kennen Sie ihn?“
„Ja ... nein ...“ antwortete Raskolnikoff.
„Entschuldigen Sie, mir scheint es so nach Ihrer Frage. Ich war einmal sein Vormund ... ein sehr lieber junger Mann ... und mit Interessen ... Und ich bin froh, mit der Jugend zusammenzukommen; durch sie erfährt man alles Neue ...“
Peter Petrowitsch blickte erwartungsvoll alle Anwesenden an.
„Wie meinen Sie das?“ fragte Rasumichin.
„Nun, im besten Sinne des Wortes,“ sagte Peter Petrowitsch, als wäre er über die Frage erfreut. „Ich war, sehen Sie, seit zehn Jahren nicht mehr in Petersburg. Alle unsere Neuerungen, Reformen und Ideen, dies alles hat auch uns in der Provinz erreicht, aber um klarer zu sehen und um alles zu sehen, muß man in Petersburg sein. Nun, und meine Meinung ist, daß man am meisten bemerkt und erfährt, indem man unsere jüngere Generation beobachtet. Und offen gestanden, ich bin erfreut ...“
„Worüber denn?“
„Ihre Frage ist zu umfassend. Ich kann mich irren, aber es scheint mir, ich finde einen klareren Blick, sozusagen mehr Kritik, mehr Tüchtigkeit ...“
„Das ist wahr,“ sagte gelassen Sossimoff.
„Du lügst, Tüchtigkeit ist nicht da,“ mischte sich Rasumichin ein. „Tüchtigkeit erwirbt sich schwer und fällt nicht umsonst vom Himmel. Wir sind aber fast seit zweihundert Jahren von jeder Arbeit entwöhnt ... Ich gebe zu, Ideen hat man,“ wandte er sich an Peter Petrowitsch, „auch Wünsche für das Gute sind da, wenn auch kindische, auch Ehrlichkeit findet man vor, ungeachtet dessen, daß hierher unzählige Gauner gekommen sind, aber Tüchtigkeit gibt es doch nicht! Nur in Ausnahmefällen.“
„Ich bin mit Ihnen nicht einverstanden,“ erwiderte mit sichtbarem Behagen Peter Petrowitsch, „sicher gibt es Übertreibung, Unregelmäßigkeiten, aber man muß auch nachsichtig sein; Übertreibung zeugt von Eifer für die Sache und von der unrichtigen äußeren Umgebung, in der die Sache sich befindet. Wenn noch wenig getan ist, so war auch die Zeit zu kurz. Von den Mitteln rede ich gar nicht. Meiner persönlichen Auffassung nach ist sogar, wenn Sie wollen, etwas getan, – es sind neue nützliche Gedanken, einige neue nützliche Werke, an Stelle der früheren schwärmerischen und romantischen, verbreitet; die Literatur zeigt ein reiferes Gepräge; viele schädliche Vorurteile sind ausgerottet und werden verspottet ... Mit einem Worte, wir haben uns unwiderruflich von der Vergangenheit losgesagt, und das ist meiner Meinung nach schon eine Tat ...“
„Hat er das auswendig gelernt! Empfiehlt sich damit!“ sagte plötzlich Raskolnikoff.
„Was?“ fragte Peter Petrowitsch, da er nicht recht gehört hatte, aber er erhielt keine Antwort.
„Das ist alles wahr,“ beeilte sich Sossimoff zu bemerken.
„Ja, nicht wahr?“ fuhr Peter Petrowitsch fort und blickte Sossimoff freundlich an. „Geben Sie selbst zu,“ wandte er sich an Rasumichin, jetzt aber im Tone des Triumphes und der Überlegenheit, und beinahe hätte er „junger Mann“ hinzugefügt, „daß es einen Fortschritt oder, wie man sich jetzt ausdrückt, einen Prozeß gibt, wenigstens in der Wissenschaft und in den wirtschaftlichen Gesetzen ...“
„Das ist ein Gemeinplatz!“
„Nein, es ist kein Gemeinplatz! Wenn man mir zum Beispiel bis jetzt sagte: ‚Liebe deinen Nächsten‘, und ich tat es, – was kam dabei heraus?“ fuhr Peter Petrowitsch fort, vielleicht mit zu großem Eifer. „Es kam das heraus, daß ich meinen Rock in zwei Hälften zerriß, ihn mit dem Nächsten teilte, und wir beide blieben halbnackt, wie nach dem russischen Sprichworte: ‚Wer ein paar Hasen gleichzeitig nachjagt, fängt keinen einzigen.‘ Die Wissenschaft aber sagt: ‚Liebe vor allem zuerst dich selbst, denn alles in der Welt ist auf persönlichem Interesse begründet.‘ Wenn man sich selbst liebt, wird man seine Angelegenheiten, wie es sich gehört, in Ordnung bringen, und der Rock bleibt einem ganz und heil. Die wirtschaftlichen Gesetze fügen noch hinzu, daß, je mehr es in der Gesellschaft geordnete Privatangelegenheiten und sozusagen ganze und heile Röcke gibt, daß sie um so mehr Grundlagen hat, und daß um so mehr das Allgemeinwohl gefördert wird. Also, indem ich allein und ausschließlich für mich selbst erwerbe, erwerbe ich dadurch auch für alle und trage dazu bei, daß mein Nächster etwas mehr als einen zerrissenen Rock erhält, und nicht mehr als Wohltat von einzelnen Privatpersonen, sondern infolge des allgemeinen Fortschritts. Der Gedanke ist einfach, aber zum Unglück tauchte er zu spät auf, verdeckt durch Überschwänglichkeit und Schwärmerei, und es möchte scheinen, daß man nicht viel Witz braucht, um darauf zu kommen ...“
„Entschuldigen Sie, ich habe auch nicht viel Witz,“ unterbrach ihn Rasumichin schroff, „hören wir besser auf. Ich habe nur aus einem bestimmten Zweck begonnen, sonst ist mir dies ganze Geschwätz, dieses Sichselbst-Trösten, diese endlosen unaufhörlichen Gemeinplätze und dies ewige Einerlei in drei Jahren so zuwider geworden, daß ich bei Gott erröte, wenn auch andere, nicht ich bloß, in meiner Gegenwart davon sprechen. Sie haben sich selbstverständlich beeilt, sich mit Ihren Kenntnissen einzuführen, das ist sehr verzeihlich, und ich verurteile Sie nicht. Ich aber wollte bloß erfahren, wer Sie sind; denn sehen Sie, in der letzten Zeit haben sich so viel und allerhand Industrieritter an der allgemeinen Sache angeklebt und haben alles, womit sie in Berührung kamen, so zu ihrem Vorteil zugerichtet, daß sie entschieden die ganze Sache beschmutzt haben. – Nun genug davon!“
„Mein Herr,“ begann Luschin, sich mit der größten Würde aufrichtend, „wollen Sie etwa damit ausdrücken, daß auch ich ...“
„Oh, bitte, bitte ... Könnte ich es denn! ... Nun genug!“ schnitt Rasumichin ab und wandte sich unmittelbar an Sossimoff, um das frühere Gespräch fortzusetzen.
Peter Petrowitsch zeigte sich so klug, sofort der Erklärung zu glauben, beschloß aber, nach ein paar Minuten wegzugehen.
„Ich hoffe, daß unsere jetzt geschlossene Bekanntschaft,“ wandte er sich an Raskolnikoff, „nach Ihrer Genesung und infolge der Ihnen bekannten Umstände sich noch mehr befestigen wird ... Besonders wünsche ich Ihnen gute Besserung ...“
Raskolnikoff wandte nicht mal den Kopf um. Peter Petrowitsch schickte sich an, aufzustehen.
„Der Mörder war sicher ein Pfandgeber!“ Sossimoff stimmte zu.
„Unbedingt ein Pfandgeber!“ wiederholte Rasumichin. „Porphyri verrät seine Gedanken nicht, aber er verhört doch die Pfandgeber ...“
„Verhört die Pfandgeber?“ fragte Raskolnikoff laut.
„Ja, was ist denn?“
„Nichts.“
„Wo findet er sie denn?“ fragte Sossimoff.
„Einige hat Koch genannt; von anderen waren die Namen auf den Umschlägen der Sachen notiert, und manche kamen von selbst, als sie hörten ...“
„Na, das muß doch eine gewandte und erfahrene Kanaille sein! Welche Kühnheit! Welche Entschlossenheit!“
„Das ist es ja, daß dies nicht der Fall ist!“ unterbrach Rasumichin. „Das bringt auch alle von der Spur ab. Ich aber sage – er war ungewandt und unerfahren und sicher war es das erstemal. – Nimm Berechnung und eine gewandte Kanaille an, und es erscheint unglaublich. Nimm aber einen Unerfahrenen an, und es zeigt sich, daß nur der Zufall ihn unterstützt und gerettet hat, und was tut nicht der Zufall? Ich bitte dich, er hat vielleicht nicht einmal Hindernisse vorausgesehen! Und wie führt er die Tat aus? – Er nimmt Sachen im Werte von zehn und zwanzig Rubel, stopft sich damit die Taschen voll, wühlt in dem Kasten, in allerhand Weiberlumpen, – und in der Kommode, in der oberen Schublade findet man nachher in einer Schatulle an barem Gelde gegen anderthalb tausend, außer den Wertpapieren. Er hat nicht mal verstanden zu rauben, er hat bloß verstanden zu morden! Ich sage dir, es ist sein erster Fall, sein allererster; er hat seine Fassung verloren. Und nicht durch Berechnung, sondern durch Zufall ist er entkommen.“
„Mir scheint, Sie sprechen von der kürzlichen Ermordung der alten Beamtenwitwe,“ mischte sich Peter Petrowitsch ein, sich an Sossimoff wendend. Er stand schon mit dem Hute und Handschuhen in der Hand, aber vor dem Fortgehen wollte er noch einige geistreiche Worte fallen lassen. Er mühte sich sichtlich, einen guten Eindruck zu hinterlassen und die Eitelkeit überwand die Vernunft.
„Ja. Haben Sie davon gehört?“
„Selbstverständlich, es ist ja in der Nachbarschaft ...“
„Kennen Sie die Einzelheiten?“
„Das kann ich nicht behaupten. Mich aber interessiert dabei ein anderer Umstand, sozusagen die ganze Frage. Ich spreche nicht davon, daß in den letzten fünf Jahren die Verbrechen in der unteren Klasse sich vermehrt haben; ich spreche nicht von den ununterbrochenen Raubanfällen und Feuersbrünsten, die überall nun vorkommen; am auffallendsten aber erscheint mir, daß die Verbrechen auch in den höheren Klassen sich ebenso vermehren und sozusagen in paralleler Weise. Dort, hört man, hat ein ehemaliger Student auf offener Straße die Post beraubt; dort wieder fabrizieren Menschen, die nach ihrer gesellschaftlichen Stellung zu den ersten gehören, falsches Papiergeld; in Moskau ertappt man eine ganze Gesellschaft beim Fälschen von Scheinen der letzten Prämienanleihe, – und einer der Hauptbeteiligten ist ein Professor der Weltgeschichte; dort, im Auslande ermordet man einen von unsern Botschaftssekretären aus rätselhaften Gründen ... Und wenn jetzt diese alte Pfandleiherin von jemand aus der besseren Gesellschaft getötet ist, – denn einfache Leute versetzen keine Goldsachen, – wie kann man denn diese Verdorbenheit des gebildeten Teiles unserer Gesellschaft erklären?“
„Es gibt viele ökonomische Verschiebungen,“ bemerkte Sossimoff.
„Wie erklären?“ unterbrach ihn Rasumichin.
„Gerade durch die uns anhaftende Untüchtigkeit kann man es erklären.“
„Wieso denn?“
„Was antwortete Ihr Professor in Moskau auf die Frage, warum er die Scheine gefälscht habe? Alle werden durch allerhand Mittel reich, da wollte ich auch schnell reich werden – das war seine Antwort. Des Wortlautes entsinne ich mich nicht genau; aber der Sinn war, daß er auf fremde Kosten schnell, ohne zu arbeiten, reich werden wollte. Wir sind gewohnt, Hilfe zu erhalten, am Gängelbande zu gehen, Vorgekautes zu essen ... Nun, und schlägt die große Stunde, da zeigt sich jeder in seiner wahren Gestalt ...“
„Aber es gibt doch Moral. Und sozusagen Begriffe ...“
„Ja, was ereifern Sie sich denn?“ mischte sich Raskolnikoff plötzlich ins Gespräch. „Es ist doch nach Ihrer Theorie!“
„Wieso nach meiner Theorie?“
„Ziehen Sie doch die Konsequenzen dessen, was Sie vorhin predigten, und es ergibt sich, daß man Menschen umbringen darf ...“
„Aber ich bitte!“ rief Luschin aus.
„Nein, so ist das nicht!“ bemerkt Sossimoff.
Raskolnikoff lag bleich mit zuckender Lippe da und atmete schwer.
„Alles hat seine Grenzen,“ fuhr Luschin hochmütig fort, „eine ökonomische Idee ist noch keine Aufforderung zum Mord, und wenn man nur annimmt ...“
„Ist es wahr, daß Sie,“ unterbrach ihn von neuem Raskolnikoff mit vor Wut zitternder Stimme, aus der man die Freude zu beleidigen heraus merkte, „ist es wahr, daß Sie Ihrer Braut ... in derselben Stunde, als Sie ihr Jawort erhielten, gesagt haben, daß Sie sich am meisten darüber freuten ... daß sie eine Bettlerin sei ... weil es vorteilhafter sei, eine bettelarme Frau zu nehmen, um über sie später herrschen ... und ihr vorhalten zu können, daß Sie ihr Wohltäter seien? ...“
„Mein Herr!“ rief Luschin betroffen und gereizt aus und wurde rot und verwirrt. „Mein Herr ... so meine Worte zu entstellen ... Entschuldigen Sie, aber ich muß Ihnen sagen, daß die Gerüchte, die zu Ihnen gedrungen sind, oder besser gesagt, die Ihnen zugetragen sind, auch nicht den Schatten eines vernünftigen Grundes haben, und ich ... vermute, wer ... mit einem Worte ... dieser ... Pfeil ... mit einem Worte, Ihre Frau Mutter ... Sie erschien mir auch ohnedem, bei allen ihren übrigens ausgezeichneten Eigenschaften, in ihrer Auffassung ein wenig schwärmerisch und romantisch angehaucht ... Aber ich war doch tausend Meilen entfernt von der Voraussetzung, daß sie die Sache in solch einer von der Phantasie verunstalteten Weise auffassen und auslegen würde ... Und schließlich ... schließlich ...“
„Wissen Sie was?“ rief Raskolnikoff aus, erhob sich auf dem Kissen und sah ihn mit durchdringendem, scharfem Blicke an. „Wissen Sie was?“
„Was denn?“ Luschin hielt inne und wartete mit gekränkter und herausfordernder Miene.
Das Schweigen dauerte einige Sekunden.
„Daß, wenn Sie noch einmal ... wagen, nur ein Wort ... von meiner Mutter zu erwähnen, ich Sie die Treppe hinunterwerfe!“
„Was ist dir?“ rief Rasumichin aus.
„Ah, so ist die Sache!“ Luschin erbleichte und biß sich auf die Lippen. „Hören Sie, Herr,“ begann er stockend und mit aller Kraft an sich haltend, aber dennoch atemlos, „ich habe schon vorhin beim ersten Schritt Ihre Feindseligkeit erraten, aber ich blieb absichtlich hier, um noch mehr zu erfahren. Vieles konnte ich einem Kranken und Verwandten zugute halten, jetzt aber ... Ihnen ... niemals ...“
„Ich bin nicht krank!“ rief Raskolnikoff aus.
„Um so schlimmer ...“
„Scheren Sie sich zum Teufel!“
Luschin ging schon von selbst, ohne seine Rede zu vollenden, indem er wieder zwischen dem Tisch und Stuhl hindurchkroch; Rasumichin stand diesmal auf, um ihn durchzulassen. Ohne jemand anzusehen und ohne sogar Sossimoff mit einem Kopfnicken zu grüßen, der ihm längst schon Zeichen gegeben hatte, den Kranken in Ruhe zu lassen, ging Luschin hinaus, und als er durch die Tür gebückt hindurchging, hielt er vorsichtshalber seinen Hut in Schulterhöhe. Sogar die Krümmung seines Rückens schien ausdrücken zu wollen, daß er sich furchtbar beleidigt fühle.
„Aber wie kann man denn, wie kann man denn so ...“ sagte der verblüffte Rasumichin und schüttelte den Kopf.
„Laßt mich, laßt mich alle in Ruhe!“ rief Raskolnikoff rasend. „Ja, wollt ihr endlich mich in Ruhe lassen, ihr Quälgeister! Ich fürchte euch nicht! Ich fürchte jetzt niemand, niemand! Geht fort! Ich will allein sein, allein, allein sein!“
„Gehen wir!“ sagte Sossimoff und winkte Rasumichin.
„Erlaube, kann man ihn denn so lassen?“
„Gehen wir,“ bestand Sossimoff und ging hinaus.
Rasumichin sann nach und lief dann hinaus, ihn einzuholen.
„Es könnte schlimmer werden, wenn wir nicht gehorcht hätten,“ sagte Sossimoff, schon auf der Treppe. „Man darf ihn nicht reizen ...“
„Was ist mit ihm?“
„Wenn ihm bloß etwas Glückliches widerfahren wollte, das wäre gut. Vorhin war er bei Kräften ... Weißt du, er hat etwas auf dem Herzen. Etwas Starkes, Bedrückendes ... Das fürchte ich sehr!“
„Ja, vielleicht ist es dieser Herr Peter Petrowitsch! Aus dem Gespräche konnte man entnehmen, daß er seine Schwester heiraten will, und daß Rodja darüber kurz vor der Krankheit einen Brief erhalten hat ...“
„Ja; der Teufel hat ihn jetzt hergeführt; vielleicht hat er die ganze Sache verdorben. Hast du aber gemerkt, daß er gegen alles gleichgültig ist, über alles schweigt, außer den einen Punkt, wo er aus sich herausgeht – den Mord ...“
„Ja, ja!“ bestätigte Rasumichin. „Ich habe es sehr gut gemerkt. Er interessiert sich dafür, gerät in Aufregung. Man hat ihn am Tage, als er krank wurde, in dem Polizeibureau damit erschreckt; er fiel in Ohnmacht.“
„Erzähle mir darüber genauer heute abend, ich will dir auch später etwas sagen. Er interessiert mich sehr! Nach einer halben Stunde will ich ihn aufsuchen ... Ein Fieber wird übrigens nicht folgen.“
„Ich danke dir. Ich will unterdessen bei der lieben Praskovja warten und will durch Nastasja ihn beobachten lassen ...“
Raskolnikoff blickte voll Ungeduld und traurig Nastasja an; sie aber zögerte wegzugehen.
„Willst du jetzt Tee trinken?“ fragte sie ihn.
„Nachher! Ich will schlafen! Laß mich ...“ Er wandte sich krampfhaft der Wand zu. Nastasja ging hinaus.
VI.
Kaum aber war sie hinausgegangen, als er aufstand, die Tür zuhakte, das Bündel mit Kleidern, das Rasumichin vorhin gebracht und wieder zugebunden hatte, aufmachte und sich anzukleiden begann. Merkwürdig, plötzlich schien er völlig ruhig geworden zu sein, weder das halbwahnsinnige Phantasieren, wie vorhin, noch die panische Angst, wie in der ganzen letzten Zeit, waren vorhanden. Es war der erste Augenblick einer seltsamen Ruhe. Seine Bewegungen waren bestimmt und klar, eine feste Absicht lag in ihnen. „Heute noch, heute noch! ...“ murmelte er vor sich hin. Er begriff jedoch, daß er noch schwach sei, aber eine starke, seelische Spannung, die sich bis zur Ruhe, bis zu einer unerschütterlichen Idee gesteigert hatte, verlieh ihm Kraft und Selbstbewußtsein; er hoffte auch, daß er auf der Straße nicht hinstürzen würde. Nachdem er sich neu angezogen hatte, erblickte er das Geld, das auf dem Tische lag, dachte nach und steckte es in die Tasche. Es waren fünfundzwanzig Rubel. Er nahm auch das Kupfergeld, den Rest von den zehn Rubeln, die Rasumichin für die Kleidung ausgegeben hatte. Dann hob er leise den Haken ab, ging aus dem Zimmer, stieg die Treppe hinab und warf einen Blick in die weit geöffnete Küche! Nastasja stand mit dem Rücken gegen ihn und blies gebückt in den Samowar. Sie hatte nichts gehört. Wer konnte auch voraussetzen, daß er fortgehen würde? Nach einer Minute war er schon auf der Straße.
Es war gegen acht Uhr, die Sonne ging unter. Es herrschte die frühere Schwüle, aber er atmete gierig diese stinkende, staubige, durch die Stadt verpestete Luft ein. Der Kopf begann ihm ein wenig zu schwindeln; eine wilde Energie blitzte in seinen entzündeten Augen und in seinem abgemagerten, bleichen, gelben Gesichte auf. Er wußte nicht und dachte auch nicht nach, wohin er wollte; er wußte bloß eins, „daß man alles heute noch, mit einem Schlage, sofort beenden müsse, daß er anders nicht nach Hause zurückkehren würde, weil er nicht so weiterleben wolle. Wie enden? Wodurch? Davon hatte er keinen Begriff und wollte auch daran nicht denken. Er verscheuchte den Gedanken, der ihn quälte. Bloß eins fühlte und wußte er, daß alles sich ändern müsse, so oder so; einerlei wie,“ wiederholte er mit einer verzweifelten, starren Entschlossenheit und Festigkeit.
Nach seiner Gewohnheit ging er wieder dem Heumarkt zu. Kurz vor dem Heumarkte stand auf der Straße vor einem kleinen Laden ein junger schwarzhaariger Mann mit einem Leierkasten und spielte ein rührseliges Stück. Er begleitete ein fünfzehnjähriges Mädchen, das vor ihm auf dem Fußsteig stand und wie eine Dame mit Krinoline, Mantille, Handschuhen und einem Strohhut mit einer Feder von flammendem Rot bekleidet war; alles war alt und abgetragen. Sie sang in Erwartung einer Zweikopekenmünze eine Romanze mit zitternder, aber nicht unangenehmer und kräftiger Straßenstimme. Raskolnikoff blieb neben ein paar anderen Zuhörern stehen, hörte zu, nahm ein Fünfkopekenstück und legte es in die Hand des jungen Mädchens. Sie brach bei der höchsten und rührseligsten Note ab, rief dem Leiermann scharf „Schluß!“ zu, und beide wanderten weiter zu dem nächsten Laden.
„Haben Sie Straßengesang gern?“ wandte sich plötzlich Raskolnikoff an einen nicht mehr jungen Mann, der neben ihm stand und das Aussehen eines Bummlers hatte. Dieser blickte ihn erschrocken und verwundert an.
„Ich habe es gern,“ fuhr Raskolnikoff fort, und mit einem Ausdrucke, als rede er gar nicht über Straßengesang. „Ich liebe es, wenn nach einer Leierkastenmelodie gesungen wird an einem kalten, dunklen und feuchten Herbstabend, unbedingt an einem feuchten, wenn alle Vorübergehenden blaßgrüne und kranke Gesichter haben, oder noch besser, wenn ein nasser Schnee kerzengerade, ohne Wind, niederfällt, wissen Sie, und die Gasflammen hindurchschimmern ...“
„Ich weiß nicht ... Entschuldigen Sie ...“ murmelte der Herr, betroffen über die Worte und das sonderbare Aussehen Raskolnikoffs, und ging auf die andere Seite der Straße hinüber.
Raskolnikoff schritt weiter und kam zu der Ecke auf dem Heumarkte, wo der Kleinbürger und seine Frau, die sich damals mit Lisaweta unterhielten, ihren Handel trieben, aber sie waren jetzt nicht da. Als er die Stelle erkannt hatte, blieb er stehen, sah sich um und wandte sich an einen jungen Burschen im roten Hemde, der am Eingange eines Mehlladens gähnte.
„Hier an der Ecke handelt doch ein Kleinbürger und seine Frau, nicht wahr?“
„Es handeln hier viele Leute,“ antwortete der Bursche und blickte Raskolnikoff von oben herab an.
„Wie heißt er?“
„Wie man ihn getauft hat, so heißt er auch.“
„Bist du nicht aus dem Rjasanschen Gouvernement? Aus welcher Gegend bist du denn?“
Der Bursche sah Raskolnikoff wieder an.
„Wie soll ich es denn wissen, Eure Durchlaucht, bin zu dumm, um es zu wissen ... Entschuldigen Sie gütigst, Durchlaucht.“
„Ist dort oben eine Schenke?“
„Das ist ein Restaurant, hat auch ein Billard und schöne Damen findet man dort auch ... Tra-la-la.“
Raskolnikoff ging quer über den Platz. Dort auf der anderen Ecke stand eine dichte Volksmenge, lauter Bauern. Er zwängte sich durch den dicksten Knäuel und sah die Gesichter an. Aus irgendeinem Grunde zog es ihn an alle anzureden. Aber die Bauern schenkten ihm keine Beachtung und lamentierten alle unter sich. Er blieb stehen, dachte nach und ging nach rechts, auf den Fußsteg, in der Richtung zu dem W.-schen Prospekt. Als er den Platz verlassen hatte, geriet er in die N.-Gasse.
Er war auch früher oft durch diese sehr kurze Gasse gegangen, die eine Biegung macht und von dem Platze auf die Ssadowaja führte. In der letzten Zeit zog es ihn sogar an, wenn es ihm schwer zumute war, in dieser Gegend herumzuirren, damit „es ihm noch schwerer werden sollte“. Jetzt aber war er hierhergekommen, ohne etwas zu wollen. Hier gab es ein großes Haus, das ganz mit Schenken und anderen Speise- und Trinkanstalten angefüllt war; alle Augenblicke kamen von dort Frauenzimmer herausgelaufen, gekleidet, wie man „in der Nachbarschaft“ herumzugehen pflegt – ohne Kopfbekleidung und Überrock. Sie sammeln sich auf dem Fußsteig an, ein paar stehen in Gruppen, besonders bei den Eingängen in das Erdgeschoß, wo man zwei Stufen tiefer in allerhand sehr lustige Lokale gelangen konnte. In einem von diesen Etablissements herrschte in diesem Augenblicke starker Lärm und Geschrei, so daß man es in der ganzen Straße hören konnte, auf einer Guitarre wurde geklimpert, es wurde gesungen, es ging sehr bunt zu. Eine große Gruppe von Frauen drängte sich am Eingange; einige saßen auf den Stufen, andere auf dem Fußsteig, andere wieder standen und unterhielten sich. Auf dem Fahrdamme daneben schlenderte ein betrunkener Soldat mit einer Zigarette, schimpfte laut und wie es schien, wollte er irgendwo hineingehen, aber wahrscheinlich hatte er vergessen, wohin er wollte. Ein zerlumpter Kerl schimpfte einen anderen und ein total Betrunkener lag quer über der Straße. Raskolnikoff blieb bei der großen Gruppe von Weibern stehen. Sie sprachen mit heiseren Stimmen, alle hatten sie Kattunkleider an und billige Stiefel und waren barhaupt. Einige waren über vierzig Jahre alt, es waren aber auch siebzehnjährige dabei, fast alle hatten sie zerbläute Gesichter. – Aus irgendeinem Grunde interessierte ihn der Gesang und dieser ganze Lärm und Tumult dort unten ... Man konnte hören, wie unter Lachen und Kreischen jemand mit einer hohen Fistelstimme burschikos zu einer Guitarre sang und wie ein anderer toll dazu tanzte und mit den Absätzen den Takt schlug. Er hörte aufmerksam, düster und nachdenklich zu, indem er, am Eingange stehend und sich vorbeugend, neugierig in das Vorzimmer hineinblickte.
Oh, mein schöner Schutzmann Schlägt mich so ohne Grund! ...
ertönte die dünne Stimme des Sängers. Raskolnikoff hatte schreckliche Lust zu hören, was man sang, als wäre das jetzt die Hauptsache.
„Soll ich nicht hineingehen?“ dachte er. „Sie lachen laut! Aus Betrunkenheit. Warum soll ich mich nicht auch betrinken?“
„Kommen Sie doch herein, lieber Herr!“ sagte eine der Frauen mit ziemlich heller und nicht ganz heiserer Stimme. Sie war jung und gar nicht abstoßend – die einzige von der ganzen Gruppe.
„Sieh mal, wie hübsch du bist!“ antwortete er, den Kopf erhebend und blickte sie an.
Sie lächelte; das Kompliment hatte ihr sehr gefallen.
„Sie sind auch selbst sehr hübsch,“ sagte sie.
„Wie mager Sie sind!“ bemerkte eine andere mit einer Baßstimme. „Kommen wohl eben aus dem Krankenhause?“
„Ihr seid alle aus feiner Familie, aber die Nasen sind zu platt!“ unterbrach sie plötzlich ein herantretender Bauer, ein wenig angeheitert, mit einem listig lächelnden Gesichte. – „Das ist aber ein Vergnügen!“
„Geh hinein, wenn du schon da bist!“
„Ich will auch hineingehen. Du Süße!“
Und er stolperte hinunter.
Raskolnikoff ging weiter.
„Hören Sie, mein Herr!“ rief ihm das Mädchen nach.
„Was?“
Sie tat schämig.
„Ich würde mich freuen, mein Herr, mit Ihnen die Zeit zu vertreiben, ich bin aber ganz außer Fassung vor Ihnen. Schenken Sie mir, hoher Herr, sechs Kopeken zu einem Trunk.“
Raskolnikoff nahm heraus, was er erfaßt hatte – es waren fünfzehn Kopeken.
„Ach, was für ein guter Herr!“
„Wie heißt du?“
„Fragen Sie nach Duklida.“
„Nein, das geht nicht an,“ sagte plötzlich eine aus der Gruppe und schüttelte den Kopf über Duklida. „Ich verstehe nicht, wie man so betteln kann. Ich würde vor lauter Scham in die Erde sinken ...“
Raskolnikoff blickte neugierig die Sprechende an. Es war ein pockennarbiges Mädchen, etwa dreißig Jahre alt, voll blauer Flecken mit geschwollener Lippe. Sie sprach und tadelte ruhig und ernst.
„Wo habe ich,“ dachte Raskolnikoff, während er weiterging, „wo habe ich es gelesen, wie ein zum Tode Verurteilter eine Stunde vor seinem Ende spricht oder denkt, daß wenn er irgendwo auf einer Höhe, auf einem Felsen und auf einem schmalen Streifen, wo er bloß seine zwei Füße hinsetzen könnte, leben sollte, – umgeben von Abgründen, von Ozean, von ewiger Finsternis, ewiger Einsamkeit und ewigem Sturm, – und so, auf diesem ellenbreiten Streifen stehend, sein ganzes Leben, tausend Jahre, eine Ewigkeit verbringen müßte, – daß es besser sei so zu leben, als sofort zu sterben! Nur leben, leben, leben! Wie, ganz gleich! – bloß leben! ... Wie wahr! Herrgott, wie wahr! Der Mensch ist ein Schuft! ... Und ein Schuft ist der, welcher ihn darum einen Schuft nennt,“ fügte er nach einer Weile hinzu.
Er kam auf eine andere Straße hinaus.
„Ah! Das ist ja der Kristallpalast! Rasumichin sprach vorhin vom Kristallpalast! Ja, was wollte ich aber? Ah, ich wollte lesen! ... Sossimoff erzählte, daß er in den Zeitungen gelesen hätte ...“
„Haben Sie Zeitungen?“ fragte er, indem er in ein ziemlich geräumiges und sogar reinliches Restaurant mit mehreren jetzt ziemlich leeren Räumen eintrat. Zwei, drei Gäste tranken Tee und in einem der Hinterzimmer saßen etwa vier Menschen und tranken Champagner. Raskolnikoff glaubte unter ihnen Sametoff zu erkennen. Von weitem konnte man es nicht unterscheiden.
„Und wenn auch!“ dachte er.
„Befehlen Sie Branntwein?“ fragte der Kellner.
„Bringe mir Tee. Und bringe mir Zeitungen, alte Zeitungen, so von den letzten fünf Tagen, ich gebe dir ein Trinkgeld dafür.“
„Jawohl. Hier sind die heutigen. Befehlen Sie auch Branntwein?“
Alte Zeitungen und der Tee erschienen. Raskolnikoff setzte sich hin und begann zu suchen: – „Isler ... Isler ... Azteken ... Azteken ... Isler ... Bartola ... Massimo ... Azteken ... Isler ... pfui, zum Teufel! ah, da ist die Lokalchronik ... von der Treppe herabgestürzt ... ein Kleinbürger gestorben an Alkoholvergiftung ... Feuersbrunst ... Feuersbrunst ... noch eine Feuersbrunst ... und noch eine Feuersbrunst ... Isler ... Massimo ... Isler ... Isler ... Massimo ... Ah, da ist es ...“
Er hatte endlich gefunden, was er suchte und begann zu lesen; die Zeilen hüpften vor seinen Augen, trotzdem las er die ganze „Nachricht“ zu Ende und begann voll Gier in den weiteren Nummern die Fortsetzung zu suchen. Seine Hände zitterten vor starker Ungeduld, indem er in den Zeitungen blätterte. Plötzlich setzte sich jemand neben ihn, an seinen Tisch. Er schaute hin – es war Sametoff, derselbe Sametoff und mit demselben Äußern, mit Ringen, Uhrketten, mit einem Scheitel in seinen schwarzen gekräuselten und pomadisierten Haaren, in einer eleganten Weste, in einem etwas abgetragenen Rocke und nicht ganz reiner Wäsche. Er war lustig gestimmt, wenigstens lachte er sehr vergnügt und gutmütig. Sein gebräuntes Gesicht war vom genossenen Champagner ein wenig erhitzt.
„Wie! Sie hier?“ begann er mit Staunen und in einem Tone, als wäre er ein ewigalter Bekannter. „Mir erzählte gestern noch Rasumichin, daß Sie immer noch bewußtlos daliegen. Das ist merkwürdig! Wissen Sie, ich war bei Ihnen ...“
Raskolnikoff hatte sich’s gedacht, daß er zu ihm herankommen würde. Er legte die Zeitungen beiseite und wandte sich zu Sametoff. Auf seinen Lippen spielte ein hämisches Lächeln, aber in diesem Lächeln lag eine gereizte Ungeduld.
„Ich weiß es, daß Sie da waren,“ antwortete er, „ich habe es gehört. Sie haben meinen Strumpf gesucht ... Wissen Sie, Rasumichin ist ganz entzückt von Ihnen, er erzählte, daß Sie mit ihm bei Louisa Iwanowna waren, wissen Sie, wegen der Sie damals so angelegentlich dem Leutnant Pulver zuzwinkerten und er immer nicht begriff, erinnern Sie sich noch? Und es war doch nicht viel zu verstehen – es war ja eine klare Sache ... nicht?“
„Was für ein Schwätzer er ist!“
„Pulver?“
„Nein, Ihr Freund Rasumichin ...“
„Sie haben es gut, Herr Sametoff; zu den angenehmsten Orten zollfreien Eintritt! Wer hat Ihnen soeben Champagner spendiert?“
„Wir haben ... ein wenig getrunken ... Und Sie sagen – spendiert?!“
„Ein wenig Honorar! Sie ziehen eben aus allem Nutzen!“ Raskolnikoff lachte. „Hat nichts zu sagen, mein guter junger Mann, tut nichts!“ fügte er hinzu und schlug Sametoff auf die Schulter. „Ich sage es nicht aus Bosheit, sondern ‚aus Freundschaft, im Scherze,‘ so wie der Arbeiter sagte, als er Dmitri schlug, wissen Sie, in der Sache der Alten ...“
„Woher wissen Sie es?“
„Ich weiß vielleicht mehr als Sie ...“
„Wie komisch Sie sind ... Wahrscheinlich sind Sie noch sehr krank. Es war unvorsichtig von Ihnen auszugehen.“
„Erscheine ich Ihnen komisch?“
„Ja. Was lesen Sie da, Zeitungen?“
„Ich lese Zeitungen.“
„Es wird viel von Feuersbrünsten geschrieben.“
„Nein, ich lese nicht über Feuersbrünste.“ Hier blickte er Sametoff rätselhaft an; ein höhnisches Lächeln verzog wieder seine Lippen. „Nein, ich las nicht über Feuersbrünste,“ fuhr er fort und zwinkerte Sametoff zu. „Gestehen Sie nur, lieber junger Mann, daß Sie furchtbar gern wissen möchten, was ich gelesen habe?“
„Ich will es gar nicht wissen; ich habe bloß so gefragt. Darf man denn nicht fragen? Was haben Sie nur immer ...“
„Hören Sie, Sie sind doch ein gebildeter, belesener Mensch?“
„Ich habe die Sekunda eines Gymnasiums,“ antwortete Sametoff mit Würde.
„Die Sekunda! Ach, Sie kleiner Spatz! Mit einem Scheitel, mit Ringen – ein reicher Mann! Nein, welch ein lieber Junge!“ Hier verfiel Raskolnikoff in ein nervöses Lachen und lachte Sametoff direkt ins Gesicht. Der fuhr zurück und war, wie es schien, nicht gekränkt, eher sehr verwundert.
„Nein, wie komisch Sie sind!“ wiederholte Sametoff ernsthaft. „Mir scheint, Sie phantasieren immer noch.“
„Ich phantasiere? Das lügst du, mein Spätzchen! ... Also, ich bin komisch? Nun errege ich aber Ihre Neugier? Nicht wahr?“
„Ja, Sie erregen meine Neugier.“
„Soll ich Ihnen also sagen, was ich gelesen, was ich gesucht habe? Sehen Sie, wieviel Nummern ich mir bringen ließ. Erscheint das nicht verdächtig?“
„Sagen Sie mir ...“
„Sind Ihre Ohren gespitzt?“
„Warum sollen sie gespitzt sein?“
„Ich will es Ihnen nachher sagen, jetzt aber erkläre ich Ihnen, mein Lieber ... nein, besser, ‚ich gestehe‘ ... Nein, das ist auch nicht das richtige, ‚ich gebe es Ihnen zu Protokoll und Sie schreiben es,‘ so lautet’s doch. Also, ich gebe zu Protokoll, daß ich gelesen, mich interessiert, gesucht habe ... nachgeforscht ...“
Raskolnikoff kniff die Augen zusammen und wartete eine Weile. „Nachgeforscht habe, – und bin auch darum hierher gekommen, – betreffs der Ermordung der Alten, der Beamtenwitwe,“ sagte er endlich, fast im Flüstertone, wobei er mit seinem Gesichte außerordentlich nahe dem Sametoffs kam.
Sametoff sah ihn unverwandt an, ohne sich zu bewegen und ohne sein Gesicht zurückzuziehen. Am merkwürdigsten erschien es Sametoff nachher, daß das Schweigen wohl eine volle Minute gedauert hatte und daß sie solange einander anblickten.
„Nun, was ist dabei, daß Sie darüber gelesen haben?“ rief er plötzlich ungehalten und ungeduldig aus. „Was geht das mich an? Was ist denn dabei?“
„Das ist dieselbe Alte,“ fuhr Raskolnikoff fort, in demselben Flüstertone und ohne sich bei dem Ausrufe Sametoffs zu rühren, „es ist dieselbe, von der man, erinnern Sie sich, im Polizeibureau zu sprechen begann, wobei ich in Ohnmacht fiel. Merken Sie was?“
„Ja, was denn? Was ... soll ich merken?“ sagte Sametoff unruhig.
Das unbewegliche und ernste Gesicht Raskolnikoffs veränderte sich plötzlich und wieder verfiel er in das nervöse Lachen von vorhin, als hätte er keine Macht darüber. Und auf einen Augenblick schwebte ihm außerordentlich klar und intensiv jener Moment vor Augen, als er mit dem Beil hinter der Türe stand, wie der Haken hüpfte, und wie die hinter der Tür schimpften und an der Türe rissen, und wie er plötzlich Lust bekam, ihnen zuzurufen, sie zu schimpfen, ihnen die Zunge zu zeigen, sie zu verhöhnen, zu lachen, laut zu lachen, lachen und lachen!
„Sie sind entweder verrückt oder ...“ sagte Sametoff – und hielt inne, als hätte er über einem plötzlichen Gedanken die Sprache verloren.
„Oder? Was – ‚oder‘? Was ist’s? Sprechen Sie?“
„Nichts!“ antwortete Sametoff gereizt. „Es ist ja alles Unsinn!“
Beide verstummten. Auf den Lachanfall wurde Raskolnikoff gleich wieder nachdenklich und düster. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte den Kopf in die Hand. Es schien, als hätte er die Gegenwart Sametoffs völlig vergessen. Das Schweigen dauerte ziemlich lange.
„Warum trinken Sie Ihren Tee nicht? Er wird kalt,“ sagte Sametoff.
„Ah? Was? Tee? ... Meinetwegen ...“ Raskolnikoff nahm einen Schluck aus dem Glase, steckte ein kleines Stück Brot in den Mund, blickte Sametoff an und schien sich auf einmal an alles zu erinnern. Sein Gesicht nahm im selben Augenblick den früheren höhnischen Ausdruck an. Er fuhr fort, Tee zu trinken.
„Heutzutage passieren viele Gaunereien,“ sagte Sametoff. „Ich las vor kurzem in den ‚Moskowskije Wedomosti‘, daß man in Moskau eine Bande Falschmünzer festgenommen habe. Es war eine ganze Gesellschaft ... Sie fälschten Papiergeld.“
„Oh, das ist schon lange her. Ich habe es vor einem Monat gelesen,“ antwortete Raskolnikoff ruhig.
„Also, das sind Ihrer Meinung nach Gauner!“ fügte er lächelnd hinzu.
„Warum nicht Gauner?“
„Die? Das sind Grünspechte, aber keine Gauner! Ganze fünfzig Menschen vereinigen sich zu diesem Zwecke! Geht denn das an? Bei so einer Sache sind schon drei zu viel, da muß jeder dem andern mehr als sich selbst vertrauen. Es braucht bloß einer in Betrunkenheit mit anderen zu plappern, und alles ist verloren! Grünspechte waren es! Sie mieteten sich unzuverlässige Menschen, um das Geld in allerhand Banken umwechseln zu können, – so eine Sache dem ersten besten anvertrauen! Nun gut, nehmen wir an, daß es ihnen geglückt wäre, jeder hat eine Million eingewechselt, nun, was weiter, das ganze Leben hindurch? Jeder ist von dem anderen sein Lebelang abhängig! Da ist es besser, sich gleich zu erhängen! Und sie verstanden nicht mal einzuwechseln, – der eine geht in eine Bank zum wechseln, empfängt fünftausend und die Hände beginnen zu zittern. Viertausend zählt er nach, das fünfte Tausend aber nimmt er ohne nachzuzählen, auf gut Glauben, um es schneller in die Tasche stecken zu können und fortzulaufen. Er erregte Verdacht, und die ganze Sache ging in die Brüche bloß wegen eines einzigen Dummkopfes! Ja, ist das denkbar?“
„Daß die Hände zitterten?“ unterbrach Sametoff.
„Das ist denkbar. Ich bin vollkommen überzeugt, daß es möglich ist. Manchmal kann man so etwas nicht standhalten.“
„So etwas?“
„Könnten Sie standhalten? Ich hielte es nicht aus! Für eine Bezahlung von hundert Rubel diese Angst auf sich nehmen! Nein! Mit einem gefälschten Papier hingehen – und wohin noch – in ein Bankhaus, wo sie so gewitzt sind, – nein, ich hätte die Fassung verloren. Und Sie hätten nicht die Fassung verloren?“
Raskolnikoff hatte plötzlich wieder große Lust, „die Zunge zu zeigen“. Ein Schüttelfrost packte ihn wieder.
„Ich würde nicht so gehandelt haben,“ begann er, weit ausholend. „Ich hätte so gewechselt, – ich hätte das erste Tausend so gegen viermal von allen Seiten nachgezählt, jeden Schein betrachtet, und hätte mich dann an das zweite Tausend gemacht; ich hätte angefangen zu zählen, wäre bis zur Hälfte gekommen, hätte dann irgendeinen Schein von fünfzig Rubel hervorgeholt, und ihn gegen das Licht gehalten, dann ihn umgedreht und wieder gegen das Licht gehalten, – ob er nicht gefälscht ist? Ich bin ängstlich – hätte ich gesagt, – eine Verwandte von mir hat auf diese Weise vor kurzem fünfundzwanzig Rubel eingebüßt, – und hätte nun eine Geschichte zum Besten gegeben. Und wenn ich das dritte Tausend zu zählen angefangen hätte, – würde ich sagen, – erlauben Sie, ich habe, scheint mir, in dem zweiten Tausend das siebente Hundert nicht richtig nachgezählt, ich bin im Zweifel. – Ich hätte das dritte Tausend zur Seite gelegt und wieder das zweite Tausend nachgezählt, – und in dieser Weise hätte ich es mit allen fünf gemacht. Und wenn ich damit fertig gewesen wäre, hätte ich aus dem zweiten und aus dem fünften Tausend je einen Schein herausgenommen, gegen das Licht gehalten und voll Zweifel gebeten, ihn umzutauschen, – und ich hätte den Angestellten zum Schwitzen gebracht, so daß er alles getan hätte, um mich endlich los zu werden. Und nach dem allen wäre ich schließlich zur Türe gegangen, hätte sie geöffnet – und wäre wieder zurückgegangen, um unter Entschuldigung irgend etwas zu fragen oder mich über etwas zu erkundigen, – sehen Sie, so hätte ich es gemacht!“
„Oh, was für Schauergeschichten Sie erzählen!“ sagte Sametoff lachend. „Das redet man so, bei der Ausführung aber würden Sie schon stolpern. Bei so einer Sache, sage ich Ihnen, kann nicht mal ein geübter, geriebener Mensch für sich einstehen, geschweige denn wir beide. Wozu so weit ausholen, – da haben Sie ein Beispiel, in unserem Revier hat man eine alte Frau ermordet. Allem Anschein nach ein verwegener Bursche, am hellen lichten Tage hat er’s gewagt, nur durch ein Wunder rettete er sich, – die Hände aber haben doch versagt; er hat nicht verstanden zu stehlen, hat nicht standgehalten; man sieht es aus dem Tatbestande ...“
Raskolnikoff schien sich gekränkt zu fühlen.
„Man sieht es! So nehmen Sie ihn doch fest!“ rief er höhnisch aus, um Sametoff zu reizen.
„Man wird ihn schon kriegen.“
„Wer? Sie? Sie wollen ihn kriegen? Das wird lange dauern! Sehen Sie, was ist denn bei Ihnen die Hauptsache, – ob ein Mensch viel Geld ausgibt oder nicht? Hatte er vor kurzem keins, gibt jetzt plötzlich Geld aus, – so muß er das sein! In dieser Weise kann Sie jedes kleine Kind irreführen, wenn es will.“
„Das ist es ja, daß sie alle so handeln,“ antwortete Sametoff. „Erst morden sie mit Bedacht, riskieren ihr Leben und gehen dann fort ohne Beute in eine Schenke und werden dort festgenommen. Beim Geldausgeben werden sie festgenommen. Nicht alle sind so schlau wie Sie. Sie würden selbstverständlich in keine Schenke gehen!“
Raskolnikoff zog die Augenbrauen zusammen und blickte Sametoff scharf an.
„Sie haben, wie es scheint, Appetit bekommen und möchten wissen, wie ich auch in diesem Falle gehandelt hätte?“ fragte er bitter.
„Ich möchte es sehr gern wissen,“ antwortete jener fest und bestimmt. Seine Stimme und sein Blick waren jetzt fast zu ernst geworden.
„Sehr?“
„Sehr.“
„Gut. Ich hätte folgendermaßen gehandelt,“ begann Raskolnikoff, indem er plötzlich sein Gesicht wieder dem Sametoffs näherte, ihn unverwandt anblickte und wieder im Flüstertone sprach, so daß jener diesmal zusammenzuckte. „Ich hätte folgendermaßen gehandelt, – ich hätte das Geld und die Sachen an mich genommen und kaum entkommen, wäre ich sofort ohne Aufenthalt zu einem abgelegenen Platz gegangen, wo es nur Zäune gibt und wo es fast menschenleer ist, – zu einem Gemüsegarten oder etwas ähnlichem. Ich hätte mir dort auf diesem Hofe schon früher irgendeinen Stein, ungefähr im Gewichte von zwanzig Kilo oder mehr ausgesucht, irgendwo in einer Ecke am Zaune einen Stein also, der, seitdem das Haus gebaut ist, dort liegt; ich hätte diesen Stein aufgehoben – unter ihm muß es eine Vertiefung geben, – und in diese Vertiefung hätte ich alle Sachen und das Geld hineingelegt. Dann hätte ich den Stein auf seinen alten Platz gerückt, die Erde ringsum mit dem Fuße ausgeglättet und wäre fortgegangen. Ja, und ich würde ein Jahr, zwei oder auch drei Jahre nichts angerührt haben, – nun, sucht mal! Es war da und nun ist es weg.“
„Sie sind verrückt!“ sagte Sametoff auch fast im Flüstertone und rückte plötzlich von Raskolnikoff weg.
Raskolnikoffs Augen funkelten; er war furchtbar bleich, seine Oberlippe zuckte und zitterte. Er beugte sich zu Sametoff noch näher hin und bewegte die Lippen, ohne etwas zu sagen; das währte eine halbe Minute; er wußte, was er tat, aber er konnte sich nicht mehr halten. Ein fürchterliches Wort, wie damals der Haken an der Türe, hüpfte auf seinen Lippen – jeden Augenblick konnte es sich lösen, er brauchte es nur entschlüpfen zu lassen, nur auszusprechen!
„Wie, wenn ich die Alte und Lisaweta ermordet hätte?“ sagte er plötzlich und – kam zu sich. Sametoff blickte ihn wild an und wurde so weiß wie das Tischtuch. Sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.
„Wie wäre das möglich?“ sagte er kaum hörbar.
Raskolnikoff blickte ihn zornig an.
„Gestehen Sie, daß Sie es glaubten? – Ja? Nicht wahr?“
„Nein, nicht! Jetzt weniger als je!“ sagte Sametoff hastig.
„Nun haben Sie sich verraten! Das Spätzlein ist erwischt! Also haben Sie es früher geglaubt, wenn Sie es ‚jetzt weniger als je‘ glauben?“
„Aber gar nicht!“ rief Sametoff sichtlich betroffen. „Sie haben mich deshalb erschreckt, um mich dahin zu bringen?“
„Also Sie glaubten es nicht? Worüber aber sprachen Sie damals, als ich aus dem Bureau fortging? Und warum verhörte mich der Leutnant Pulver nach meiner Ohnmacht? Hör mal, du!“ rief er dem Kellner zu, stand auf und nahm seine Mütze. „Was habe ich zu zahlen?“
„Dreißig Kopeken im ganzen!“ antwortete der Kellner.
„Da hast du noch zwanzig Kopeken als Trinkgeld. Sehen Sie, wieviel Geld ich habe,“ er streckte Sametoff seine zitternde Hand mit Papiergeld hin, – „rote und blaue Scheine, fünfundzwanzig Rubel sind es. Woher habe ich es? Und woher stammt die neue Kleidung? Sie wissen doch, daß keine Kopeke da war! Sie haben doch sicher meine Wirtin ausgefragt ... Nun, genug! Assez causé! Auf Wiedersehen ... auf angenehmes Wiedersehen! ...“
Er ging hinaus, am ganzen Körper von einer wilden, hysterischen Erregtheit zitternd, in die sich das Gefühl eines qualvollen Genusses mischte, – sonst aber düster und todmüde. Sein Gesicht war verzerrt, wie nach einem Anfalle. Und seine Ermattung nahm rasch überhand. Seine Kräfte ließen sich spannen und zeigten sich beim ersten Anlaß, beim ersten Empfinden des Reizes und erschlafften ebenso schnell, in dem Maße, wie der Reiz nachließ.
Nachdem Sametoff allein geblieben war, saß er noch lange sinnend auf demselben Platz. Raskolnikoff hatte seine Gedanken in diesem Punkte zum Umschlagen gebracht, und eine neue Auffassung hatte sich in ihm endgültig befestigt.
„Ilja Petrowitsch ist ein Dummkopf!“ sagte er endlich.
Kaum hatte Raskolnikoff die Türe zur Straße geöffnet, als er plötzlich auf der Außentreppe mit dem eintretenden Rasumichin zusammenstieß. Sie hatten beide einander nicht gesehen, so daß sie fast mit den Köpfen zusammenstießen. Eine Weile maßen sie sich mit den Blicken. Rasumichin war höchst erstaunt, aber plötzlich flammte der Zorn, ein wirklicher Zorn, drohend in seinen Augen auf.
„Also hier bist du!“ schrie er aus vollem Halse. „Du bist dem Bette entsprungen! Und ich habe dich sogar unter dem Sofa gesucht! Wir sind auf dem Boden gewesen. Ich habe Nastasja deinetwegen beinahe verprügelt ... Und nun bist du hier! Rodjka! Was soll das bedeuten? Sag die Wahrheit! Gestehe! Hörst du?“
„Es bedeutet, daß ich euch alle ernstlich satt habe, und daß ich allein sein will,“ antwortete Raskolnikoff ruhig.
„Allein sein? Wo du nicht mal gehen kannst, wo deine Fratze noch bleich wie Leinwand ist, und wo du den Atem verlierst! Dummkopf! ... Was hast du im Kristallpalast gesucht? Gestehe es sofort!“
„Laß mich!“ sagte Raskolnikoff, und wollte an ihm vorbeigehen.
Das brachte Rasumichin ganz außer sich, er packte ihn fest an der Schulter.
„Laß mich? Du wagst zu sagen ‚Laß mich‘? Weißt du auch, was ich mit dir gleich tun werde? Ich packe dich zu einem Bündel zusammen und bringe dich unterm Arm nach Hause und sperre dich ein!“
„Höre, Rasumichin,“ begann Raskolnikoff leise und scheinbar völlig ruhig. „Siehst du denn nicht, daß ich deine Wohltaten nicht wünsche? Und was ist es für ein Vergnügen, denen Wohltaten zu erweisen, die ... darauf pfeifen? Denen, schließlich, die sie in allem Ernste am wenigsten vertragen? Nun, sage mir, warum hast du mich beim Beginn meiner Krankheit aufgesucht? Ich wäre vielleicht glücklich gewesen zu sterben! Nun, habe ich dir heute nicht genügend gezeigt, daß du mich quälst, daß ich deiner ... überdrüssig geworden bin? Was für ein Vergnügen hast du daran, Menschen zu quälen! Ich versichere dir, daß dies alles meine Genesung ernstlich hindert, weil es mich ununterbrochen reizt. Sossimoff ging doch vorhin fort, um mich nicht zu reizen. Laß du mich um Gotteswillen auch in Ruhe! Und was für ein Recht hast du schließlich, mich mit Gewalt zurückzuhalten? Ja, siehst du denn nicht, daß ich jetzt bei vollem Verstande bin? Wie, wie – sage mir – soll ich dich schließlich bitten, daß du mich in Ruhe läßt und mir keine Wohltaten mehr erweisest? Mag ich undankbar sein, mag ich gemein sein, aber um Gotteswillen laßt mich, laßt mich alle in Ruhe. Laßt mich in Ruhe!“
Er hatte ruhig begonnen und freute sich im voraus über das ganze Gift, das er sich auszuschütten anschickte, er schloß aber in Raserei und fast erstickend, wie vorhin bei Luschin.
Rasumichin stand eine Weile da, dachte nach und ließ seine Hand los.
„Scher dich zum Teufel!“ sagte er leise und fast nachdenklich.
„Halt!“ brüllte er plötzlich, als Raskolnikoff fortgehen wollte. „Höre mich an. Ich erkläre dir, daß ihr alle ohne Ausnahme Großmäuler und aufgeblasene Kerls seid! Wenn ihr ein kleines Leid habt, lauft ihr wie ein Huhn mit einem Ei herum! Auch in diesem Falle stehlt ihr von anderen. Keine Spur von Selbständigkeit steckt in euch! Ihr seid aus Spermacetsalbe gemacht und anstatt Blut habt ihr Quark in den Adern! Keinem von euch glaube ich! Das erste, die Hauptsache bei euch in allen Dingen ist – nur nicht einem Menschen ähnlich sein! War–te!“ rief er mit verstärkter Wut, als er merkte, daß Raskolnikoff sich anschickte wegzugehen. „Höre mich zu Ende! Du weißt, heute kommen Leute zu mir, um die neue Wohnung einzuweihen, vielleicht sind sie schon da, ich habe den Onkel dortgelassen, – ich war soeben zu Hause, – die Gäste zu empfangen. Also, wenn du kein Dummkopf, kein flacher Dummkopf, kein Esel wärest, keine Übersetzung aus fremden Sprachen ... siehst du, Rodja, ich gestehe, du bist ein kluger Bursche, aber ein Dummkopf, – also, wenn du kein Dummkopf wärest, würdest du heute besser den Abend bei mir verbringen, als unnütz die Stiefel abzulaufen. Du bist nun einmal ausgegangen, da ist weiter nichts mehr daran zu machen! Ich würde dir einen weichen Sessel hereinbringen, meine Wirtsleute haben einen ... Tee würde es geben, Gesellschaft ... Und wenn du den Sessel nicht wünschst, – lege ich dich auf die Chaiselongue hin, – aber du würdest dann doch unter uns liegen ... Auch Sossimoff kommt. Kommst du?“
„Nein!“
„Du lügst!“ rief Rasumichin ungeduldig aus. „Warum weißt du es? Du kannst für dich nicht bestimmen! Und übrigens du verstehst davon nichts. Ich habe mich tausendmal ebenso mit Menschen verkracht und bin wieder zurückgegangen ... man schämt sich – und kehrt zu dem Menschen zurück. Also, erinnere dich, Haus Potschinkoff, dritter Stock ...“
„Auf diese Weise werden Sie, Herr Rasumichin, möglicherweise sich schlagen lassen, nur dem, der Sie schlägt, zu Gefallen?“
„Was? Schlagen! Schon für den Gedanken drehte ich dem die Nase ab. Haus Potschinkoff, Nr. 47, in der Wohnung des Beamten Babuschkin ...“
„Ich komme nicht, Rasumichin!“ Raskolnikoff wandte sich um und ging fort.
„Ich wette, daß du kommst!“ rief ihm Rasumichin nach. „Sonst bist du ... sonst bist du ... sonst will ich nichts mehr von dir wissen! Warte! Ist Sametoff hier?“
„Ja, er ist hier.“
„Hast du ihn gesehen?“
„Ich habe ihn gesehen.“
„Hast du mit ihm gesprochen?“
„Ich habe mit ihm gesprochen.“
„Worüber? Nun, hol dich der Teufel, meinetwegen brauchst du es nicht zu sagen. Haus Potschinkoff, 47, Babuschkins Wohnung, vergiß nicht!“
Raskolnikoff ging bis zur Ssadowaja und bog um die Ecke. Rasumichin blickte ihm sinnend nach. Endlich machte er eine abwehrende Bewegung mit der Hand und ging in das Haus hinein, aber auf der Mitte der Treppe blieb er stehen.
„Teufel noch einmal!“ fuhr er fast laut fort. „Er spricht vernünftig, und doch scheint’s ... Ich bin auch ein Dummkopf. Sprechen denn Verrückte nicht vernünftig? Und Sossimoff hatte, ich glaube, davor Angst!“ Er tippte mit dem Finger an seine Stirn. „Wenn aber ... wie kann man ihn jetzt allein gehen lassen? Er kann sich ertränken ... Ach, daran habe ich nicht gedacht! Man darf ihn nicht allein lassen!“ und er lief zurück, um Raskolnikoff einzuholen, aber der war verschwunden. Er spie aus und eilte in den Kristallpalast zurück, um etwas von Sametoff zu erfahren.
Raskolnikoff ging direkt auf die N.sche Brücke, blieb in der Mitte stehen, stützte beide Ellbogen auf das Geländer und begann in die Ferne zu schauen. Nachdem er von Rasumichin Abschied genommen hatte, war er so schwach geworden, daß er nur mit Mühe hierher gekommen war. Er wollte sich irgendwo hinsetzen oder hinlegen, und sei’s auf die Straße. Über das Wasser gebeugt, blickte er mechanisch auf den letzten, rosigen Widerschein des Sonnenuntergangs, auf die Reihe Häuser, die in der hereinbrechenden Dämmerung dunkel hervortraten, auf das weit entfernte, kleine Fenster in irgendeiner Mansarde auf dem linken Quai, das wie im Flammenschein von dem letzten Sonnenstrahl getroffen, leuchtete; er blickte auf das dunkle Wasser des Kanals und schien dieses Wasser aufmerksam zu betrachten. Auf einmal zeigten sich vor seinen Augen rote Kreise, die Häuser drehten sich, die Vorübergehenden, die Ufer, Equipagen, – alles drehte sich und tanzte. Er fuhr auf, vielleicht vor einem neuen Ohnmachtsanfall durch ein schauerliches, wildes und widerwärtiges Ereignis bewahrt. Er fühlte, wie jemand an seine rechte Seite trat; sah hin und bemerkte ein Weib, hochgewachsen, mit einem Tuche um den Kopf, mit einem gelben, länglichen, abgemagerten Gesichte und mit geröteten, eingefallenen Augen. Sie schaute auf ihn, aber offenbar sah sie ihn nicht und unterschied niemanden. Plötzlich stützte sie sich mit der rechten Hand auf das Geländer, hob das linke Bein und stürzte sich in den Kanal. Das schmutzige Wasser spritzte hoch auf, verschlang auf einen Moment sein Opfer, aber nach einer Minute tauchte noch einmal die Selbstmörderin auf, und die Strömung nahm sie mit fort. Ihr Kopf und ihre Füße waren im Wasser, mit dem Rücken lag sie nach oben, ihr Rock war übergeschlagen und wie ein Kissen vom Wasser aufgeblasen.
„Sie hat sich ertränkt! Sie hat sich ertränkt!“ riefen ein Dutzend Stimmen; Menschen liefen zusammen, die beiden Ufer bedeckten sich mit Zuschauern, auf der Brücke, rings um Raskolnikoff, drängte sich das Volk, stieß ihn und preßte ihn von hinten.
„Leute, das ist ja unsere Afrosinja!“ schrie unweit eine weinerliche Frauenstimme. „Leute, rettet sie! Gute, liebe Leute, zieht sie heraus!“
„Ein Boot! Ein Boot!“ rief man in der Menge. Ein Boot war aber nicht mehr nötig; ein Schutzmann war die Stufen zu dem Kanal hinuntergelaufen, hatte seinen Mantel und seine Stiefel von sich geworfen und stürzte sich ins Wasser. Es war keine große Arbeit, – die Unglückliche schwamm nur ein paar Schritte entfernt von der Treppe, er erfaßte mit der rechten Hand ihr Kleid und mit der linken gelang es ihm, die Stange, die ihm ein Kamerad entgegenhielt, zu ergreifen, und die Selbstmörderin wurde alsbald herausgezogen. Man legte sie auf die Granitfliesen der Treppe. Sie kam rasch zu sich, erhob sich, setzte sich hin, begann zu niesen und zu prusten und wischte mit den Händen mechanisch ihr nasses Kleid ab. Sie sprach nichts.
„Sie hat sich bis zur Bewußtlosigkeit vollgesoffen, Leute,“ heulte dieselbe Frauenstimme, jetzt schon neben der Afrosinja. „Vor kurzem wollte sie sich hängen, wir haben sie aus der Schlinge gezogen. Ich ging eben in einen Laden, hatte ein kleines Mädchen dagelassen, um auf sie aufzupassen, – und da ist das Unglück geschehen! Sie ist eine Kleinbürgerin, wohnt hier nebenan, im zweiten Hause von hier, dort ...“
Das Volk ging auseinander, die Schutzleute gaben sich noch mit der Lebensmüden ab, jemand rief etwas „vom Polizeibureau“ ... Raskolnikoff sah allem mit einem seltsamen Gefühle von Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit zu. Ihm wurde übel.
„Nein, es ist abscheulich ... das Wasser ... es lohnt sich nicht, hier zu bleiben,“ murmelte er vor sich hin. „Nichts wird hier geschehen,“ fügte er hinzu. „Es lohnt sich nicht, zu warten. Wie wär’s mit dem Polizeibureau ... Warum aber ist Sametoff nicht im Bureau? Das Bureau ist doch in der zehnten Stunde offen ...“
Er wandte dem Geländer den Rücken und blickte um sich.
„Nun, was ist dabei! Auch so gut!“ sagte er entschlossen, ging über die Brücke und schlug die Richtung nach dem Polizeibureau ein. Sein Herz war leer und öde. Denken wollte er nicht. Auch seine schwermütige Stimmung war verschwunden, von der früheren Energie, als er seine Wohnung verließ, um allem ein Ende zu machen, war keine Spur mehr vorhanden. Eine völlige Apathie war an ihre Stelle getreten.
„Es gibt doch einen Ausweg!“ dachte er, indem er langsam und träge längs des Kanalufers ging. „Ich werde ein Ende machen, weil ich will ... Ist es aber ein Ausweg? Ach, einerlei! Einen drei Ellen langen Raum wird es doch noch geben ... he! Aber was ist das für ein Ende! Und soll es wirklich das Ende sein? Werde ich es ihnen sagen oder nicht? Ah ... zum Teufel! Ich bin auch müde, könnte ich mich doch irgendwo bald hinlegen oder hinsetzen! Am meisten schäme ich mich, daß es so dumm ist. Aber auch darauf pfeife ich! Was für Dummheiten einem in den Sinn kommen ...“
Um in das Polizeibureau zu gelangen, mußte man geradeaus gehen und bei der zweiten Biegung links einschwenken, – es war nur zwei Schritte entfernt. Als er die erste Biegung erreicht hatte, blieb er stehen, dachte nach, bog in eine Seitengasse ein und ging durch zwei Straßen auf einem Umwege dorthin, – vielleicht ohne jedes Ziel, vielleicht aber um es noch eine Minute hinzuziehen und Zeit zu gewinnen. Er ging und sah zur Erde. Plötzlich schien ihm jemand etwas ins Ohr geflüstert zu haben. Er erhob den Kopf und sah, daß er an dem Hause, direkt am Toreingange stehe. Seit jenem Abend war er hier nicht mehr gewesen und auch nicht vorübergegangen.
Ein unbezähmbares und unerklärliches Verlangen zog ihn. Er ging in das Haus hinein, durchschritt das Tor, bog in den ersten Eingang rechts ein und begann die bekannte Treppe in das vierte Stockwerk hinaufzusteigen. Es war sehr dunkel auf der engen und steilen Treppe. Er blieb auf jedem Absatz stehen und sah sich neugierig um. Auf dem Absatze des ersten Stockes war ein Fensterrahmen herausgenommen. „Das war damals nicht gewesen,“ dachte er. Da ist auch die Wohnung im zweiten Stock, wo Nikolai und Dmitri gearbeitet haben. „Sie ist verschlossen. Und die Türe ist neu bemalt, also wird sie vermietet sein.“
„Und da ist auch der dritte Stock ... und der vierte ...
Hier war es!“
Ein Zweifel packte ihn. Die Türe zu dieser Wohnung war sperrweit geöffnet, es waren Menschen drin, man hörte Stimmen. Dies hatte er keineswegs erwartet. – Nachdem er eine Weile unschlüssig dagestanden hatte, stieg er die letzten Stufen hinauf und trat in die Wohnung ein.
Sie wurde auch neu hergerichtet; es waren Arbeiter da, dies schien ihn zu verwundern. Er glaubte aus irgendeinem Grunde alles ebenso anzutreffen, wie er es damals verlassen hatte, vielleicht sogar die Leichen an denselben Stellen auf der Diele. Jetzt aber fand er kahle Wände, keine Möbel, – es war so eigentümlich! Er ging zum Fenster und setzte sich auf das Fensterbrett.
Es waren nur zwei Arbeiter da, beide junge Burschen, der eine schien bedeutend jünger zu sein als der andere. Sie beklebten die Wände mit neuen Tapeten, weiß mit lila Blümchen, an Stelle der früheren gelben, die zerrissen und schmutzig waren. Raskolnikoff gefiel dies ganz und gar nicht; er blickte diese neuen Tapeten feindselig an, als täte es ihm leid, daß man alles so verändert habe.
Die Arbeiter schienen sich verspätet zu haben. Sie rollten schnell das Papier zusammen und schickten sich an, nach Hause zu gehen. Raskolnikoffs Erscheinen hatten sie fast nicht beachtet. Sie unterhielten sich und Raskolnikoff kreuzte die Arme und begann zuzuhören.
„Sie kam also am Morgen zu mir,“ sagte der ältere, „ganz früh schon, schön geputzt. Warum hast du dich denn so fein gemacht – sagte ich – warum hast du dich denn so geputzt?“ „Ich will – sagt sie – nun völlig zu Ihren Diensten stehn.“ „Siehst du, so war es. Und wie fein geputzt sie war, – wie aus einem Journal, wie aus einem Mode-Journal!“
„Was ist ein Journal, Onkelchen?“ fragte der jüngere. Er schien offenbar bei dem „Onkelchen“ in die Schule zu gehen.
„Ein Journal ist, ja weißt du, solche bemalte Bilder, und sie kommen jeden Sonnabend per Post aus dem Auslande hierher, zu den hiesigen Schneidern, damit man weiß, wie sich jeder – ein Mann oder eine Frau, – kleiden soll. So eine Zeichnung also. Die Männer werden meistens in langen Röcken gemalt und für die Frauen gibt es feine Sachen, daß man Mund und Augen aufsperren muß.“
„Was man nicht alles in diesem Petersburg hat!“ rief der jüngere begeistert aus. „Außer Vater und Mutter kann man doch alles haben.“
„Ja, außer diesen gibt es hier alles,“ sagte in belehrendem Tone der Ältere.
Raskolnikoff stand auf und ging in das andere Zimmer, wo früher die Truhe, das Bett und die Kommode der Alten gestanden hatten; das Zimmer erschien ihm ohne Möbel furchtbar klein. Die Tapeten waren dieselben; in der Ecke konnte man deutlich an der Tapete sehen, wo der Heiligenschrank mit den Heiligenbildern gestanden hatte. Er blickte sich um und kehrte zu seinem früheren Platz am Fenster zurück. Der ältere Arbeiter blickte ihn von der Seite an.
„Was wünschen Sie?“ fragte er, sich plötzlich an ihn wendend.
Anstatt zu antworten, stand Raskolnikoff auf, ging in das Vorzimmer, ergriff die Klingel und zog daran. Dieselbe Klingel, derselbe blecherne Ton! Er zog zum zweiten und zum dritten Male; er lauschte und entsann sich. Das frühere, qualvoll schreckliche, abscheuliche Gefühl begann immer deutlicher und lebendiger in seiner Erinnerung aufzuwachen, er zuckte bei jedem Tone zusammen, ihm wurde dabei immer wohler und wohler.
„Was willst du denn? Wer bist du?“ rief der Arbeiter, indem er zu ihm hinausging. Raskolnikoff war wieder durch die Türe eingetreten.
„Ich will die Wohnung mieten,“ sagte er, „und sehe sie mir an.“
„In der Nacht mietet man keine Wohnung, und außerdem müssen Sie mit dem Hausknecht kommen.“
„Ist die Diele gewaschen, wird man sie streichen?“ fuhr Raskolnikoff fort. „Blut ist nicht da?“
„Was für Blut?“
„Man hat doch die Alte und ihre Schwester ermordet. Hier war eine ganze Pfütze.“
„Ja, was bist du für ein Mensch?“ rief der Arbeiter unruhig.
„Ich?“
„Ja.“
„Möchtest du es wissen? ... Komm in das Polizeibureau, dort will ich es dir sagen.“
Die Arbeiter sahen ihn starr an.
„Wir müssen fortgehen, haben uns verspätet. Komm, Aljoschka. Wir müssen nun abschließen,“ sagte der ältere Arbeiter.
„So wollen wir gehen!“ antwortete Raskolnikoff gleichgültig, ging zuerst hinaus und stieg langsam die Treppe hinab. „He, Hausknecht!“ rief er, als er im Tore war. Einige Menschen standen am Eingange von der Straße und sahen sich die Vorübergehenden an; es waren die beiden Hausknechte, ein Weib, ein Kleinbürger im Schlafrocke und noch jemand. Raskolnikoff ging auf sie zu.
„Was wünschen Sie?“ sagte der eine Hausknecht.
„Bist du im Polizeibureau gewesen?“