Erster Teil (continued 2)
E. K. Rahsin translation
Der Zorn packte ihn immer stärker, und wäre Herr Luschin ihm jetzt begegnet, er hätte sich an ihm vergriffen!
„Hm ... das ist wahr,“ spann er die Gedanken weiter, die sich wie im Wirbelwinde in seinem Kopfe drehten. „Das ist wahr, daß man sich ‚einem Menschen allmählich und vorsichtig nähern muß, um ihn kennenzulernen,‘ Herr Luschin ist einem auch so verständlich. Die Hauptsache ist ‚ein tüchtiger und wie es scheint guter Mensch‘; es hat ja was zu sagen, daß er das Gepäck übernommen hat und für seine Rechnung den großen Koffer transportiert! Nun, ist er denn nicht gut? Die beiden aber, die Braut und die Mutter, akkordieren mit einem Bauern und reisen in einem mit Strohmatten gedeckten Wagen – ich kenn es ja selber! Das hat ja auch nichts zu sagen! Es sind bloß neunzig Werst, weiter aber ‚fahren wir zufrieden und glücklich dritter Klasse‘ – also über tausend Werst. Es ist auch vernünftig, – man muß sich nach der Decke strecken; aber Sie, Herr Luschin, was denken Sie dabei? Es ist ja Ihre Braut ... Sollten Sie etwa nicht wissen, daß Mutter sich das Geld zur Reise auf ihre Pension hin leiht? Gewiß, Sie haben hier ein gemeinsames kaufmännisches Geschäft, ein Unternehmen auf gegenseitigen Vorteil und mit gleichlautenden Anteilen, folglich fallen die Ausgaben auch in gleiche Teile; wie nach dem Sprichworte, – Salz und Brot zusammen, Tabak aber jeder für sich. Ja, aber auch hier hat der geschäftstüchtige Mann die beiden ein wenig übers Ohr gehauen, – das Gepäck kommt ihm billiger als ihre Reise zu stehen, und vielleicht kostet das Gepäck ihm gar nichts. Sehen denn beide es nicht oder wollen sie es nicht sehen? Sie sind ja zufrieden, sind beide zufrieden! Wenn man aber denkt, daß dies erst der Anfang ist und daß das dicke Ende später nachkommt! Was fällt einem hier am meisten auf, – nicht der Geiz, nicht die schmutzige Rechnerei, sondern der Ton des Ganzen. Das ist ja der künftige Ton nach der Verheiratung, die warnende Prophezeiung ... Ja, und die Mama, warum ist sie so flott? Mit was kommt sie nach Petersburg? Mit drei Rubel oder mit zwei ‚Scheinchen,‘ wie die ... Alte sagt ... hm! Wovon will sie denn in Petersburg leben? Sie hat schon aus irgendwelchen Anzeichen herausgefunden, daß sie mit Dunja nach der Verheiratung nicht zusammenleben kann, nicht mal in der ersten Zeit. Der liebe Mensch hat sich auch hier sicher irgendwie versprochen, hat es zu verstehen gegeben, obwohl Mama sich mit beiden Händen dagegen sträubt, – ‚ich will,‘ sagt sie, ‚es selbst ablehnen‘. Ja, auf was hofft sie denn noch – mit ihrer Pension von hundertundzwanzig Rubel, von der noch die Schuld an Afanassi Iwanowitsch abgezogen wird? Sie strickt dann zu Hause Tücher, stickt Manschetten und verdirbt sich die alten Augen, und das bringt ihr zwanzig Rubel im Jahre ein zu der Pension, das kenne ich. Also, hofft man doch und baut auf die Freigiebigkeit und die Großmut des Herrn Luschin. ‚Er wird es mir selbst anbieten,‘ meint sie, ‚wird mich darum bitten.‘ Nein, darauf kann sie lange warten. So geht es stets diesen schönen Schillerschen Seelen, – bis zum letzten Moment schmücken sie einen Menschen mit Pfauenfedern, bis zum letzten Moment glauben sie an das Gute und nicht an das Böse im Menschen; obwohl sie die Kehrseite der Medaille ahnen, belügen sie sich lieber selbst, weil sie sich vor der Wahrheit fürchten. Mit beiden Händen wehren sie sich dagegen, bis ihnen schließlich der ausgeschmückte Mensch eigenhändig einen Nasenstüber gibt. Es wäre interessant zu wissen, ob Herr Luschin Orden hat; ich gehe eine Wette ein, daß er den Orden der heiligen Anna im Knopfloche stecken hat und daß er ihn zu Diners bei allerhand Kaufleuten und Lieferanten trägt. Vielleicht wird er ihn auch zur Feier seiner Hochzeit anlegen! übrigens, hol ihn der Teufel! ... Nun, gegen Mama ist nichts zu sagen, sie ist einmal so, aber was ist mit Dunja? Liebe Dunetschka, ich kenne sie doch! Sie war bereits zwanzig Jahre alt, als wir uns zum letztenmal sahen, ihren Charakter habe ich schon damals verstanden. Die Mama schreibt ‚Dunetschka kann vieles ertragen‘. Das wußte ich schon früher. Das wußte ich bereits vor zweiundeinhalb Jahren, und seit jener Zeit habe ich nachgedacht, zweiundeinhalb Jahre habe ich gerade darüber nachgedacht, wie vieles Dunetschka ertragen kann? Denn Herrn Sswidrigailoff mit all dem Folgenden ertragen zu können, heißt viel ertragen können. Jetzt aber meint sie, wie auch Mama, daß man den Herrn Luschin als zukünftigen Ehemann ebenfalls ertragen kann, der die Theorie über die Vorzüge von Frauen vertritt, die von Hause aus bettelarm sind und folglich von ihren Männern nur Wohltaten empfingen, und der dies fast bei der ersten Zusammmkunft auseinandersetzt. Nun, gut, wollen wir annehmen, er habe ‚sich versprochen,‘ obwohl er doch ein verständiger Mann ist, der sich vielleicht gar nicht versprochen, sondern sofort ihre richtige Stellung klargestellt wissen wollte, aber Dunja, Dunja, was ist mit ihr? Sie durchschaut doch den Menschen klar und deutlich, und muß mit ihm leben. Sie würde lieber schwarzes Brot essen und Wasser dazu trinken, als ihre Seele verkaufen; sie würde ihre sittliche Freiheit für keinen Komfort hergeben; für ganz Schleswig-Holstein würde sie sie nicht hergeben, geschweige denn für einen Herrn Luschin. Nein, Dunja war nicht so, soweit ich sie kannte, und ... hat sich sicher nicht verändert! ... Was ist da zu sagen! Sswidrigailoffs sind bitter! Es ist bitter, sein ganzes Leben als Gouvernante für zweihundert Rubel in der Provinz herumzuwandern, aber ich weiß, daß meine Schwester lieber als Neger zu einem Plantagenbesitzer oder als lettischer Bauer zu einem Deutschen in den Ostseeprovinzen sich verdingen würde, als ihren Geist und ihr sittliches Empfinden durch die Verbindung mit einem Manne zu besudeln, den sie nicht achtet und mit dem sie nichts verbindet – auf ewig, aus persönlichem Vorteil bloß! Und wäre Herr Luschin sogar aus reinstem Golde oder aus einem einzigen Brillanten, auch dann würde sie nie einverstanden sein, die gesetzliche Bettgenossin des Herrn Luschin zu werden! Warum willigt sie denn ein? Wo ist der Schlüssel? Wo ist die Lösung? Die Sache ist klar, – ihrer selber wegen, um eigener Annehmlichkeiten willen, selbst um sich vor dem Tode zu retten, wird sie sich nicht verkaufen, für einen anderen aber verkauft sie sich! Für einen geliebten, für einen vergötterten Menschen verkauft sie sich! Da haben wir das ganze Rätsel, – für den Bruder, für die Mutter verkauft sie sich, verkauft ihr Bestes. Oh, hier wird man auch bei Gelegenheit das sittliche Empfinden unterdrücken; man wird die Freiheit, die Ruhe, das Gewissen sogar, alles, alles – auf den Trödelmarkt bringen. Fahr dahin, Leben! Mögen bloß diese geliebten Wesen glücklich sein! Nicht genug dessen, man denkt sich noch eine eigene Kasuistik aus, geht bei den Jesuiten in die Lehre und beruhigt sich selbst vielleicht für eine Zeit, überzeugt sich selbst, daß es so gut sei, tatsächlich für einen guten Zweck nötig sei. Man ist nun einmal so, und alles ist so klar wie der Tag. Es ist ja selbstredend, daß hier niemand anders als Rodion Romanowitsch Raskolnikoff mitspricht und im Vordergrunde steht. Nun, warum denn auch nicht, – man kann sein Glück begründen, ihn auf der Universität unterstützen, ihn zum Teilhaber machen, sein ganzes Schicksal sichern. Vielleicht wird er später ein reicher Mann, wird als angesehener, geachteter, auch vielleicht als berühmter Mann sein Leben beenden! Und die Mutter? Ja, es handelt sich um Rodja, den teuren Rodja, den Erstgeborenen! Und warum soll man nicht um solch eines Erstgeborenen willen selbst die Tochter opfern! Oh, ihr lieben und einfältigen Seelen! Man wird in diesem Falle vielleicht auch das Los einer Ssonjetschka nicht verschmähen! Ssonjetschka, Ssonjetschka Marmeladowa, die ewige Ssonjetschka, solange die Welt besteht! Habt ihr beide auch das Opfer, dieses Opfer genau ermessen? Habt ihr es? Reicht die Kraft aus? Ist es zum Besten? Ist es vernünftig? Wissen Sie auch Dunetschka, daß das Los von Ssonjetschka in keiner Weise schlimmer ist als Ihr Los mit Herrn Luschin? ‚Liebe ist nicht vorhanden,‘ schreibt die Mama. Was, wenn aber außer Liebe auch keine Achtung vorhanden ist, sondern im Gegenteil sich Widerwille, Verachtung und Ekel schon eingestellt haben, was dann? Und es kommt dabei auf eins heraus, daß man auch hier auf Sauberkeit achtgeben muß. Ist es nicht etwa so? Verstehen Sie, verstehen Sie auch, was diese Sauberkeit zu bedeuten hat? Verstehen Sie, daß die Sauberkeit der Frau von Luschin gleichbedeutend mit der Sauberkeit von Ssonjetschka ist, vielleicht aber auch schlimmer, gemeiner und ekliger, weil Sie, Dunetschka, doch mit einem Überschuß von Annehmlichkeiten rechnen, dort aber handelt es sich einfach ums Verhungern! Diese Sauberkeit kommt teuer, sehr teuer zu stehen, Dunetschka! Und wenn nun die Kräfte nicht ausreichen, werden Sie es bereuen? Wieviel Kummer, Trauer, Flüche und Tränen folgen nach, tief verborgen, da Sie doch keine Marfa Petrowna sind! Und was wird dann aus der Mutter werden? Sie ist jetzt schon voll Unruhe und quält sich; wie dann, wenn sie alles klar und deutlich durchschauen wird? Und was wird mit mir? ... Ja, was haben Sie denn tatsächlich von mir gedacht? Ich will Ihr Opfer nicht, Dunetschka, ich will es nicht, Mama! Es soll nicht geschehen, solange ich lebe, es soll nicht sein, nicht sein! Ich nehme es nicht an!“
Er kam plötzlich zu sich und blieb stehen.
„Es soll nicht geschehen! Was willst du denn tun, damit es nicht geschieht? Willst du es verbieten? Was für ein Recht hast du? Was kannst du ihnen versprechen, um dir solch ein Recht anzueignen? Dein ganzes Schicksal, die ganze Zukunft ihnen widmen, wenn du die Universität absolviert und eine Stelle erhalten hast? Davon haben wir gehört, das sind aber Träume, was nun, jetzt? Es muß doch jetzt etwas, sofort etwas getan werden, verstehst du? Was tust du jetzt? Du beraubst sie. Sie erhalten das Geld, indem sie die Pension von hundert Rubel versetzen und sich bei den Herrschaften Sswidrigailoff verdingen. Wie willst du sie, du zukünftiger Millionär, du Zeus, der über das Schicksal verfügt, wie willst du sie vor Sswidrigailoffs, vor Afanassi Iwanowitsch Wachruschin bewahren? Etwa nach zehn Jahren? Inzwischen wird die Mutter vor lauter Stricken, vielleicht auch von Weinen, längst erblindet sein; vielleicht vor lauter Fasten zugrunde gehen. Und die Schwester? Denk mal nach, was nach zehn Jahren oder in diesen zehn Jahren mit der Schwester geschehen kann? Ist es dir gegenwärtig?“
So quälte er sich und peitschte sich mit diesen Fragen; es bereitete ihm sogar einen gewissen Genuß. Und alle diese Fragen sie waren ihm nicht neu und unerwartet; sie waren alt, lange herumgetragen und längst vorhanden. Sie marterten sein Herz schon lange. Seit langer, sehr langer Zeit war in ihm diese Schwermut entstanden, war gewachsen, hatte sich angesammelt, war zur Reife gekommen, hatte sich konzentriert und die Form der entsetzlichen, wilden und phantastischen Frage angenommen, die sein Herz und seinen Kopf marterte und nach einer Lösung schrie. Der Brief von der Mutter hatte ihn jetzt wie ein Blitz getroffen. Jetzt war keine Zeit mehr, schwermütig zu sein, passiv zu leiden und zu erwägen, daß die Fragen unlösbar sind, sondern es muß unbedingt gehandelt werden, schnell gehandelt werden. Um jeden Preis muß ich mich für etwas entscheiden oder ...
„Oder sich vom Leben ganz und gar lossagen!“ rief er plötzlich in größter Erregung aus. – „Das Schicksal, so wie es ist, ein für allemal geduldig hinnehmen und alles in sich ersticken, sich von jeglichem Rechte zu wirken, zu leben und zu lieben, lossagen!“
„Verstehen Sie, verstehen Sie, mein Herr, was es heißt, wenn man nirgendwo mehr hingehen kann?“ erinnerte er sich plötzlich der gestrigen Frage Marmeladoffs, „denn es müßte doch so sein, daß jeder Mensch irgendwo hingehen könnte ...“
Plötzlich zuckte er zusammen, – ein Gedanke, auch von gestern, ging wieder durch seinen Kopf. Er zuckte aber nicht zusammen, weil dieser Gedanke ihm neu war. Er kannte ihn schon, er ahnte, daß er unbedingt „kommen wird“ und erwartete ihn sogar; auch war er nicht erst vom gestrigen Tage. Aber das andere war, daß dieser Gedanke vor einem Monat und von gestern noch bloß ein Traum war, jetzt aber ... jetzt erschien er ihm nicht mehr als Traum, sondern in einem neuen drohenden und völlig unbekannten Lichte, und er wurde dessen plötzlich bewußt ... Mit Keulenhieben schlug es ihn nieder, und vor seinen Augen wurde es dunkel. Er sah sich schnell um, als suche er etwas. Er wollte sich hinsetzen und suchte eine Bank; er war auf dem K.schen Boulevard. Nicht weit von ihm, etwa hundert Schritte, bemerkte er eine. Er ging eiligst darauf zu, auf dem Wege dahin aber ereignete sich ein Zwischenfall, der auf einige Minuten seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Während er sich nach einer Bank umsah, bemerkte er – ungefähr zwanzig Schritte vor sich – eine Frauensperson, zuerst schenkte er ihr so wenig Beachtung, wie all den Gegenständen, die an ihm vorbeiglitten. Es geschah ihm oft, daß er nach Hause kam und sich des Weges nicht entsann, den er gegangen war; so dahinzuwandern war ihm zur Gewohnheit geworden. Die Frauensperson aber, die vor ihm ging, hatte so etwas Sonderbares und Auffallendes an sich, daß seine Aufmerksamkeit allmählich an ihr haften blieb, – zuerst gegen seinen Willen und zu seinem Verdruß, dann aber mit sich steigerndem Interesse. Er wollte sich klarmachen, was an dieser Frauensperson Sonderbares war. Sie war wahrscheinlich ein noch sehr junges Mädchen; ging in dieser Hitze mit unbedecktem Kopfe, ohne Sonnenschirm und ohne Handschuhe und pendelte eigentümlich mit den Armen. Sie hatte ein leichtes seidenes Kleidchen an, das sehr bedenklich angezogen und kaum zugeknöpft war, und hinten an der Taille, gerade, wo der Rock anfing, war es zerrissen, ein ganzes Stück hing lose herunter. Um den entblößten Hals war ein kleines Tuch umgeworfen und fiel auf der einen Seite schief herab. Außerdem fiel es ihm auf, daß das Mädchen unsicher ging, stolperte und sogar schwankte. Diese Erscheinung erregte also die ganze Aufmerksamkeit Raskolnikoffs. Er holte das Mädchen bei der Bank ein; sie aber warf sich in eine Ecke der Bank, lehnte den Kopf an die Rücklehne und schloß die Augen, anscheinend vor äußerster Ermattung. Als Raskolnikoff sie näher ansah, begriff er sofort, daß sie völlig betrunken war. Es war ein so sonderbarer und widerwärtiger Anblick, daß er an seiner Wirklichkeit zweifelte. Er sah vor sich ein junges Gesichtchen von sechzehn, oder gar erst fünfzehn Jahren, mit hellblonden Haaren, sehr hübsch, aber unnatürlich gerötet und allem Anscheine nach ein wenig aufgedunsen. Das junge Mädchen schien nicht ganz bei Bewußtsein zu sein; das eine Bein hatte sie über das andere geschlagen und weiter vorgestreckt, als anständig war; jedenfalls war es ihr nicht bewußt, daß sie auf der Straße war.
Raskolnikoff setzte sich nicht hin, wollte aber auch nicht weggehen; er blieb unschlüssig vor ihr stehen. Dieser Boulevard ist immer ziemlich leer, jetzt aber in der zweiten Nachmittagsstunde und bei dieser Hitze war fast niemand zu sehen. Nur etwa fünfzehn Schritte weiter, am Ende des Boulevards war seitwärts ein Herr stehengeblieben, der allem Anscheine nach die größte Lust hatte, an das junge Mädchen mit gewissen Absichten heranzutreten. Er hatte sie wahrscheinlich von weitem erblickt und war ihr nachgeeilt, Raskolnikoff aber hatte seinen Weg gekreuzt. Er warf ihm feindliche Blicke zu, die unbemerkt bleiben sollten und wartete voll Ungeduld, bis der Lump fortgegangen wäre, und er zu seinem Rechte käme. Die Sache war klar. Der Herr war etwa dreißig Jahre alt, kräftig, wohlgenährt, mit roten Lippen und kleinem Schnurrbart, und sehr elegant gekleidet. Raskolnikoff ärgerte sich über ihn; er bekam plötzlich Lust, diesen gutgenährten Gecken in irgendeiner Weise zu beleidigen. So verließ er das junge Mädchen und trat an den Herrn heran.
„He, Sie Sswidrigailoff! Was suchen Sie hier?“ rief er ihm zu, ballte die Fäuste und lachte mit vor Wut bleichen Lippen.
„Was soll das heißen?“ fragte der Herr streng, zog die Augenbrauen zusammen und maß ihn mit einem hochmütigen Blick.
„Sie sollen sich packen, heißt das!“
„Wie wagst du, Kanaille! ...“
Und er erhob sein Stöckchen. Raskolnikoff stürzte sich mit geballten Fäusten auf ihn, vollständig vergessend, daß der kräftige Herr mit ein paar solchen, wie er, fertig würde. In diesem Augenblicke aber packte ihn jemand von hinten, und zwischen beide trat ein Schutzmann.
„Ich bitte, meine Herren, sich nicht an öffentlichen Plätzen zu prügeln. Was wünschen Sie? Wer bist du?“ wandte er sich streng an Raskolnikoff, nachdem er dessen Lumpen erblickt hatte.
Raskolnikoff sah ihn aufmerksam an. Es war ein braves Soldatengesicht mit grauem Schnurrbart und Backenbart und einem verständigen Blick.
„Sie brauche ich gerade,“ rief er aus und faßte ihn bei der Hand. „Ich bin der ehemalige Student Raskolnikoff ... Das können auch Sie erfahren!“ wandte er sich an den Herrn. „Kommen Sie bitte mit, ich will Ihnen etwas zeigen ...“
Er nahm den Schutzmann bei der Hand und führte ihn zu der Bank.
„Sehen Sie, sie ist ganz betrunken, soeben kam sie von dem Boulevard her. Wer weiß, wer sie ist, aber sie sieht nicht aus, wie eine gewerbsmäßige. Es ist wahrscheinlicher, daß man sie irgendwo betrunken gemacht und verführt hat ... zum erstenmal ... verstehen Sie ... und hat sie dann auf die Straße gebracht. Sehen Sie, wie das Kleid zerrissen ist, sehen Sie, wie es angezogen ist, – man hat sie angekleidet, nicht sie selber, und ungeschickte Hände, Männerhände haben sie angekleidet. Das sieht man doch. Sehen Sie aber bitte dorthin, – diesen Geck, mit dem ich mich soeben beinahe geprügelt hätte, kenne ich nicht, ich sehe ihn zum erstenmal. Er hat sie auch auf der Straße bemerkt, hat gesehen, daß sie betrunken, besinnungslos betrunken ist, und nun möchte er furchtbar gern an sie herankommen, und sie abfangen, und sie in diesem Zustande irgendwo hinschleppen ... Es ist sicher so, glauben Sie mir, ich irre mich nicht. Ich habe gesehen, wie er sie beobachtet und verfolgt hat, ich habe ihn bloß daran gehindert, und er wartet nun, bis ich weggehe. Sehen Sie, er ist jetzt ein paar Schritte weitergegangen und bleibt stehen, als drehe er sich eine Zigarette ... Wie können wir sie ihm entreißen? Wie können wir sie nach Hause schaffen, – denken Sie doch darüber nach!“
Der Schutzmann hatte im Nu alles verstanden und begriffen. Die Absichten des kräftigen Herrn waren ihm klar, mit dem jungen Mädchen aber mußte etwas geschehen. Der Veteran beugte sich über sie, um sie näher zu betrachten und ein aufrichtiges Mitleid drückte sich in seinen Zügen aus.
„Ach, wie schade!“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Sie ist ja noch ein Kind. Man hat sie verführt, das ist sicher. Hören Sie, mein Fräulein,“ begann er sie zu rufen. „Wo wohnen Sie?“
Das junge Mädchen öffnete die müden, schläfrigen Augen, blickte stumpf den Fragenden an und machte eine abwehrende Handbewegung.
„Hören Sie,“ sagte Raskolnikoff. „Hier haben Sie,“ er suchte in der Tasche und zog zwanzig Kopeken hervor, die er noch fand, „hier haben Sie zu einer Droschke, und lassen Sie sie durch einen Kutscher nach Hause bringen. Wenn wir bloß Ihre Wohnung erfahren könnten.“
„Fräulein, hören Sie, Fräulein!“ begann von neuem der Schutzmann, nachdem er das Geldstück in Empfang genommen hatte. „Ich will Ihnen sofort eine Droschke besorgen und will Sie selbst begleiten. Wohin befehlen Sie? Ah? Wo wohnen Sie?“
„Geht fort! ... Laßt mich in Ruhe! ...“ murmelte das Mädchen und wehrte von neuem mit der Hand ab.
„Ach, wie schlecht! Ach, welch eine Schande, Fräulein, welch eine Schande!“ sagte der Schutzmann und schüttelte mit dem Kopfe, in Entrüstung und Mitleid. „Das ist eine Aufgabe!“ wandte er sich an Raskolnikoff und sah ihn wieder flüchtig von Kopf bis zu Füßen an. Wahrscheinlich erschien er ihm merkwürdig, – ein Mensch in solchen Lumpen, der Geld hergab.
„Haben Sie sie weit von hier gefunden?“ fragte er ihn.
„Ich sagte Ihnen – sie ging mit wankenden Schritten vor mir, hier, auf dem Boulevard. Als sie zu der Bank kam, fiel sie sofort hin.“
„Ach, welch eine Schande jetzt in der Welt herrscht, Herrgott! So blutjung und schon betrunken! Man hat sie verführt, das ist sicher. Auch das Kleidchen ist zerrissen ... Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift ... Ja, sie wird wahrscheinlich eine Adlige sein, von den armen ... Jetzt gibt es viele solche. Dem Aussehen nach ist sie von den zarten, ganz wie ein Fräulein ...“ und er beugte sich wieder über sie.
Vielleicht wuchsen bei ihm zu Hause auch solche Töchter heran, „ganz wie Fräuleins und von den zarten,“ mit Gewohnheiten der Feinerzogenen und mit angenommener Modesucht ...
„Die Hauptsache ist,“ sagte Raskolnikoff, „daß dieser Schuft sie nicht bekommt! Warum soll er sie noch schänden! Man sieht ja, was er will, sehen Sie, der Schuft, er geht nicht weg.“
Raskolnikoff sprach laut und zeigte mit der Hand auf ihn. Jener hörte es und wollte wieder böse werden, aber besann sich und begnügte sich mit einem verächtlichen Blick. Dann ging er langsam zehn Schritt weiter und blieb wieder stehen.
„Das kann man verhindern, daß er sie bekommt,“ antwortete der Schutzmann in Gedanken. „Wenn sie bloß sagen würde, wohin man sie bringen soll, so aber ... Fräulein, hören Sie, Fräulein!“ er beugte sich zu ihr.
Sie öffnete plötzlich die Augen, blickte aufmerksam die beiden an, als hätte sie etwas verstanden, stand von der Bank auf und ging in dieselbe Richtung zurück, woher sie gekommen war.
„Pfui, schämt euch, könnt ihr mich nicht in Ruhe lassen!“ sagte sie und wehrte wieder mit der Hand ab.
Sie ging schnell, aber auch, wie früher, stark schwankend.
Der feine Herr ging ihr nach, aber in einer anderen Allee, und verlor sie nicht aus den Augen.
„Haben Sie keine Sorge, ich will schon aufpassen!“ sagte entschlossen der bärtige Schutzmann und folgte dem Mädchen.
„Ach, wie stark die Unsittlichkeit jetzt um sich greift!“ wiederholte er laut und seufzte.
Plötzlich schien Raskolnikoff mit einem Schlage wie verwandelt.
„Hören Sie mal!“ rief er dem Schutzmann nach. Der wandte sich um.
„Lassen Sie es. Was geht es Sie an? Lassen Sie es. Möge er sich amüsieren“ (er zeigte auf den Stutzer). „Was geht es Sie an?“
Der Schutzmann begriff ihn nicht und starrte ihn an. Raskolnikoff lachte auf.
„Na nu!“ sagte der Schutzmann, machte eine abwehrende Handbewegung und ging dem Stutzer und dem jungen Mädchen nach; wahrscheinlich hielt er Raskolnikoff entweder für einen Verrückten oder für etwas Schlimmeres.
„Meine zwanzig Kopeken hat er mitgenommen!“ sagte Raskolnikoff wütend, als er allein zurückgeblieben war. „Nun, mag er auch von dem, von dem andern nehmen und das Mädchen mit ihm gehen lassen, damit wird es auch enden ... Und wozu habe ich mich hineingemischt? Um zu helfen? Steht es mir denn zu, jemand zu helfen? Habe ich denn ein Recht dazu? Mögen sie doch einander lebendig auffressen, – was geht es mich an? Und wie durfte ich diese zwanzig Kopeken fortgeben? Gehören sie denn mir?“
Bei diesen sonderbaren Worten wurde es ihm schwer zumute. Er setzte sich auf die nun leere Bank. Seine Gedanken waren verwirrt ... Und es war ihm kaum möglich, in diesem Augenblicke einen Gedanken zu fassen. Er wollte sich vollkommen vergessen, alles vergessen, dann erwachen und ganz von neuem beginnen ...
„Armes Mädchen!“ sagte er, nachdem er die leere Ecke der Bank erblickte. „Sie wird zu sich kommen, wird weinen, und dann erfährt es die Mutter ... Zuerst wird sie sie schlagen, ihr die Rute geben, schmerzhaft und schmachvoll, vielleicht wird sie sie aus dem Hause jagen ... Und wenn sie sie nicht verjagt, werden es doch allerhand Darjas Franzowna erfahren, und das Mädchen wird aus einer Hand in die andere gehen ... Dann folgt das Krankenhaus – und das passiert stets mit denen, die bei sehr ehrenwerten Müttern leben und im geheimen lose Streiche verüben, – nun, und dann ... folgt wieder das Krankenhaus ... Wein ... Kneipen ... und dann nochmals das Krankenhaus ... und in zwei oder drei Jahren ist sie ein Krüppel, und im ganzen hat sie ein Alter von neunzehn oder auch bloß achtzehn Jahren erreicht ... Habe ich denn nicht genug solche gesehen? Wie sind sie aber so geworden? So und nicht anders sind sie es geworden ... Pfui! Mögen Sie es! Man sagt, es muß so sein. Jedes Jahr, sagt man, muß ein gewisser Prozentsatz draufgehen ... irgendwohin ... wahrscheinlich zum Teufel, um die übrigen zu erfrischen und ihnen nicht hinderlich zu sein. Prozentsatz! Die Menschen haben in der Tat herrliche Worte gefunden, – sie sind so beruhigend und wissenschaftlich noch dazu. Es ist gesagt – ein Prozentsatz muß sein, also kein Anlaß, um sich zu beunruhigen. Ja, hätte man ein anderes Wort dafür, nun dann ... würde es vielleicht beunruhigender sein ... Was aber, wenn auch Dunetschka in irgendeiner Weise in diesen Prozentsatz hineinkommt! ... Und wenn nicht in diesen, dann in einen anderen! ... Aber wohin gehe ich denn?“ – dachte er plötzlich. – „Sonderbar. Ich ging doch aus irgendeinem Grunde von Hause weg. Als ich den Brief gelesen hatte, ging ich fort ... Ich ging zu Rasumichin auf Wassiljew Ostroff ... jetzt erinnere ich mich. Aber wozu denn eigentlich? Und warum kam mir gerade jetzt der Gedanke zu Rasumichin zu gehen? Das ist sonderbar.“
Er wunderte sich über sich selbst. Rasumichin war einer von seinen früheren Kommilitonen. Raskolnikoffs Eigentümlichkeit auf der Universität war, daß er fast keine Bekannten hatte, sich von allen zurückzog, zu niemandem hinging und ungern jemand bei sich empfing. Bald wandte man sich auch von ihm ab. Weder an gemeinsamen Zusammenkünften, noch an Gesprächen, noch an Zerstreuungen – an nichts nahm er teil. Er arbeitete sehr eifrig, ohne auf sich Rücksicht zu nehmen; man achtete ihn deswegen, aber niemand liebte ihn. Er war sehr arm, abweisend stolz und unmitteilsam, als ob er etwas zu verheimlichen hätte. Manchem seiner Kommilitonen schien es, als sehe er auf sie alle, wie auf Unmündige herab, als hätte er sie alle in der Entwicklung, im Wissen und in Lebensanschauung überholt und als betrachte er ihre Anschauungen und ihre Interessen wie etwas Unreifes.
Rasumichin war er aus irgendeinem Grunde nähergekommen, das heißt, eigentlich nicht so nähergekommen, daß er ihm gegenüber mitteilsam und offener geworden wäre. Man konnte eben zu Rasumichin in keinem anderen Verhältnisse stehn. Er war ein ungemein lustiger und mitteilsamer Bursche und gut bis zur Einfalt. Unter dieser Einfalt verbargen sich jedoch Tiefe und Würde. Die besten seiner Kameraden wußten es, und alle liebten ihn. Er war sehr klug, konnte aber zuweilen wirklich täppisch sein. Sein Äußeres war charakteristisch – hochgewachsen, hager, schwarzhaarig und immer schlecht rasiert. Zuweilen suchte er Händel und genoß den Ruf eines bärenstarken Menschen. Eines Nachts hatte er in einer lustigen Gesellschaft mit einem Hiebe einen baumlangen Hüter der Ordnung niedergeschlagen. Trinken konnte er unmenschlich, aber er konnte auch wieder gar nicht trinken; manchmal verübte er Streiche, die ans Unerlaubte grenzten, aber er konnte auch Ruhe halten. Rasumichin war es auch eigen, daß ihn kein Mißerfolg verblüffte, und das Schlimmste schien ihn nicht beugen zu können. Er vermochte es, gegebenenfalls auf einem Dachboden zu hausen, höllischen Hunger und ungewöhnliche Kälte zu ertragen. Er war sehr arm und verschaffte sich ganz und gar seinen Unterhalt durch alle möglichen Arbeiten, für die er eine Unmenge Quellen hatte. Einmal verbrachte er einen ganzen Winter im ungeheizten Zimmer und begründete es damit, daß es sich in der Kälte besser schliefe. Gegenwärtig war er ebenfalls gezwungen, die Universität zu verlassen, aber nicht auf lange Zeit, und er mühte sich aus allen Kräften, seine Verhältnisse zu verbessern, um das Studium wieder fortsetzen zu können. Raskolnikoff war seit vier Monaten nicht bei ihm gewesen, Rasumichin aber wußte sogar nicht dessen Wohnung. Vor zwei Monaten war er ihm einmal zufällig auf der Straße begegnet. Raskolnikoff aber hatte sich abgewandt und war sogar auf die andere Seite hinübergegangen, damit Rasumichin ihn nicht sehen sollte. Rasumichin hatte ihn wohl erkannt, ging aber ebenso vorbei, weil er den Freund nicht stören wollte.
V.
„Ich hatte noch vor kurzem wirklich die Absicht, Rasumichin um Arbeit zu bitten, daß er mir Stunden oder etwas anderes verschaffen solle ...“ dachte Raskolnikoff. – „Aber womit kann er mir jetzt helfen? Gesetzt den Fall, er verschafft mir Stunden, ja, gesetzt den Fall, er teilt mit mir sein letztes Gerstchen, wenn er eines hat, so daß ich mir selbst Stiefel kaufen und meine Kleidung instand setzen kann, um Stunden zu geben ... hm ... Aber was weiter? Was kann ich mit den paar Groschen machen? Ist es das, was ich jetzt brauche? Es ist lächerlich, daß ich zu Rasumichin gehe ...“
Die Frage, warum er jetzt zu Rasumichin gehe, beunruhigte ihn mehr, als er sich selbst eingestehen wollte, und voll Unruhe suchte er eine böse Bedeutung in dieser anscheinend ganz gewöhnlichen Handlung.
„Wie will ich nur die ganze Angelegenheit durch Rasumichin in Ordnung bringen, habe ich denn als letzten Ausweg nur Rasumichin gefunden?“ fragte er verwundert sich selbst.
Er dachte nach und rieb sich die Stirn, und plötzlich, ganz unerwartet, überraschte ihn nach langem Sinnen ein neuer Gedanke.
„Hm ... zu Rasumichin ...“ sagte er auf einmal völlig ruhig, wie fest entschlossen. „... zu Rasumichin gehe ich bestimmt ... aber nicht jetzt ... Ich will zu ihm hingehen ... am andern Tage nach dem ... wenn das schon vorbei ist, und wenn ich von vorne anfange ...“
Da kam er zu sich.
„Nach dem,“ rief er aus und sprang von der Bank auf. „Ja, wird das überhaupt geschehen? Wird es tatsächlich geschehen?“
Er ging fort, ja er rannte beinahe fort; er wollte nach Hause zurückkehren, doch das war ihm entsetzlich, zu Hause, – dort in der Ecke, zwischen den vier öden Wänden, über einen Monat schon reifte der grausige Plan – und er ging, wohin die Füße ihn führten.
Sein nervöses Zittern ging in ein fieberhaftes über; er empfand Schüttelfrost, Frost in dieser Hitze! Fast bewußtlos, mit großer Überwindung begann er alles, was ihm begegnete, zu betrachten, als suche er Zerstreuung, aber das gelang ihm schlecht, er überraschte sich immer wieder bei seinem Gespenst. Wenn er aber auffahrend wieder den Kopf erhob und sich ringsum umblickte, vergaß er sofort, worüber er soeben nachgedacht hatte und wo er war. In dieser Weise durchwanderte er den ganzen Wassiljew Ostroff, kam zu der kleinen Newa hinaus, überschritt die Brücke und wandte sich den Inseln zu. Das frische Grün und die erquickende Luft taten seinen müden Augen wohl, die an Stadtstaub, Kalk und an beengende und bedrückende Häuser doch gewöhnt waren. Hier gab es weder eine dumpfe Luft, noch Gestank, noch Schenken. Doch es währte nicht lange, und es gingen auch diese neuen angenehmen Empfindungen in krankhafte und aufregende über. Ab und zu blieb er vor einer aus üppigem Grün lugenden Villa stehn, blickte durch den Zaun hindurch und sah in der Ferne auf den Balkonen und Terrassen elegante Frauen und in den Gärten spielende Kinder. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er den Blumen, sie schaute er am längsten an. Er begegnete auch schönen Wagen, Reitern und Amazonen, verfolgte sie voll Neugier mit den Blicken und vergaß sie, wenn sie kaum seinen Augen entschwunden waren. Einmal blieb er auch stehn und zählte sein Geld nach – es waren etwa dreißig Kopeken.
„Zwanzig gab ich dem Schutzmann, drei für den Brief an Nastasja, also habe ich gestern Marmeladoffs siebenundvierzig oder fünfzig Kopeken hinterlassen,“ dachte er, indem er aus irgendeinem Grund nachrechnete, bald aber hatte er vergessen, warum er das Geld aus der Tasche hervorgeholt hatte.
Er erinnerte sich wieder daran, als er an einer Speiseanstalt, einer Art Garküche, vorbeiging und fühlte, daß er Hunger hatte. Er trat ein, trank ein Gläschen Branntwein und nahm eine Pastete, die er auf dem Wege zu Ende aß. Er hatte sehr lange schon keinen Branntwein mehr getrunken, der tat denn auch im Nu seine Wirkung, obwohl es nur ein einziges Gläschen war. Seine Füße wurden schwer, und er fühlte einen starken Drang zu schlafen. Er kehrte um, um nach Hause zu gehen, als er aber Petrowski Ostroff schon erreicht hatte, blieb er in völliger Erschöpfung stehen, ging abseits des Weges in ein Gebüsch, fiel aufs Gras hin und schlief im selben Augenblick ein. In krankhaften Zuständen zeichnen sich Träume oft durch ungewöhnliche Deutlichkeit, Klarheit und außerordentliche Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit aus. Es erscheint zuweilen ein seltsames Bild, die Umgebung aber und der ganze Gang der Vorstellung sind so wahrscheinlich und mit solchen feinen unerwarteten und dem Gesamtbilde künstlerisch entsprechenden Einzelheiten verbunden, daß derselbe Träumer sie in Wirklichkeit nicht so ausdenken kann, mag er auch selbst ein Künstler, wie Puschkin oder Turgenjeff sein. Solche krankhafte Träume bleiben stets lange in der Erinnerung haften und üben einen starken Eindruck auf den zerrütteten und angegriffenen Organismus eines Menschen aus. Raskolnikoff hatte solch einen Traum. Er träumt sich als Kind in der kleinen Provinzialstadt. Er ist sieben Jahre alt und geht an einem Feiertage gegen Abend mit seinem Vater außerhalb der Stadt spazieren. Es ist eine graue trübe Zeit, der Tag drückend, die Gegend genau so, wie sie in seiner Erinnerung lebt; in seiner Erinnerung ist sie ihm nicht so klar, als sie ihm jetzt im Traume erscheint. Das Städtchen liegt vor ihm, wie ein aufgeschlagenes Buch; ringsum kein Weidenstrauch; sehr weit, ganz am Horizonte hebt sich dunkel ein Wäldchen ab. Einige Schritte von dem äußersten städtischen Gemüsegarten steht eine Schenke, eine große Schenke, die auf ihn stets einen höchst unangenehmen Eindruck machte, ihm Furcht einflößte, wenn er auf dem Spaziergange mit dem Vater vorbeiging. Dort traf man stets eine große Menge an; sie brüllten, lachten, schimpften, sangen so scheußlich und heiser, und prügelten sich so oft; rings um die Schenke lungerten stets betrunkene und schreckliche Gestalten ... Wenn er ihnen begegnete, drückte er sich fester an den Vater und zitterte am ganzen Körper. Neben der Schenke führte ein Weg, ein Landweg vorbei, stets mit schwarzem Staub bedeckt. Der Weg zog sich schlängelnd weiter, und etwa nach dreihundert Schritten bog er rechts um den städtischen Friedhof ab. Mitten auf dem Friedhofe erhob sich eine steinerne Kirche mit grüner Kuppel, in die er ein paarmal im Jahre mit Vater und Mutter zum Gottesdienst ging, wenn für seine längst verstorbene Großmutter, die er nie gesehen hatte, eine Seelenmesse abgehalten wurde. Da nahmen sie stets „Kutje“[7] auf einem weißen Teller, in einer Serviette, mit, und die „Kutje“ war aus Zucker, Reis und Rosinen zubereitet, und die Rosinen waren in Form eines Kreuzes in den Reis gesteckt. Er liebte diese Kirche und die alten Heiligenbilder, die meist ohne Einfassung waren, und den alten Priester mit dem zitternden Haupte. Neben dem Grabhügel der Großmutter, auf dem ein Grabstein war, lag auch das kleine Grab seines jüngsten Bruders, der sechs Monate alt gestorben war, und den er auch nicht gekannt hatte, an dessen Dasein er sich nicht erinnern konnte. Man hatte ihm aber erzählt, daß er einen kleinen Bruder gehabt habe, und jedesmal, wenn er den Friedhof besuchte, bekreuzigte er sich voll Andacht an dem kleinen Grabhügel, verneigte sich und küßte die Erde. Und nun träumte er: er geht mit dem Vater zum Friedhof, und sie gehen an der Schenke vorbei; er hält den Vater an der Hand und blickt voll Schrecken zu der Schenke hin. Ein besonderer Umstand fesselt seine Aufmerksamkeit, – diesmal scheint hier ein Volksfest zu sein, ein Haufen geputzter Bürgerfrauen, Weiber, Männer und allerhand Gesindel steht da herum. Alle sind betrunken, alle singen, und neben der Treppe der Schenke steht ein Wagen – ein seltsamer Wagen. Es ist ein großer Wagen, vor den große Lastpferde gespannt werden, und auf dem man Waren und Weinfässer befördert. Er liebt es, diesen ungeschlachten Gäulen mit den langen Mähnen und den dicken Beinen zuzusehen, wie sie langsam in gleichmäßigem Schritt dahinschreiten, einen ganzen Berg ohne die geringste Anstrengung hinter sich herziehend, als wäre es ihnen leichter mit dem Wagen als ohne ihn zu gehen. Jetzt aber war merkwürdigerweise vor solch einen großen Wagen ein kleines, mageres, braunes Bauernpferd gespannt, eines von jenen, die – wie er es oft gesehen hatte – sich mit hochbeladenen Wagen voll Holz oder Heu abquälen müssen, um so mehr, wenn der Wagen im Schmutze oder in alten Wagenspuren stecken bleibt. Dann hauen die Bauern darauf los, peitschen sie schmerzhaft, oft auf das Maul und über die Augen. Das tut ihm so weh, so weh anzusehen, daß ihm die Tränen kommen; die Mutter führt ihn dann immer von dem Fenster fort. – Plötzlich erhebt sich ein Lärm – aus der Schenke kommen mit Geschrei, Gesang und mit Balalaikas[8] betrunkene, völlig betrunkene, große Bauern heraus, in blauen und roten Hemden, mit übergeworfenen Mänteln.
„Setzt euch, setzt euch alle!“ ruft einer, ein junger Bursche mit dickem Halse und fleischigem, dunkelrotem Gesichte. – „Ich fahre euch alle hin, setzt euch darauf!“ Mit lautem Lachen erschollen die Ausrufe:
„So eine Schindmähre soll uns ziehen.“
„Bist du von Sinnen, Mikolka, – so eine kleine Stute vor diesen Wagen zu spannen?“
„Das Pferdchen ist sicher seine zwanzig Jahre alt, Brüder!“
„Setzt euch, ich fahre euch alle zusammen!“ ruft von neuem Mikolka, springt als erster auf den Wagen, ergreift die Zügel und pflanzt sich in seiner ganzen Größe vorne auf dem Wagen auf. „Mit dem Braunen ist Matwei vorhin losgezogen,“ schreit er vom Wagen. „Diese Mähre treibt mir bloß die Galle ins Blut, ich möchte sie totschlagen, frißt umsonst den Hafer. Ich sage – setzt euch! Ich lasse sie im Galopp laufen! Sie muß Galopp laufen!“ Und er nimmt die Peitsche in die Hand und bereitet sich voll Wonne vor, das Pferd zu schlagen.
„Setzt euch doch!“ ruft man lachend in der Menge. „Hört doch, sie wird im Galopp laufen.“
„Sie ist wahrscheinlich schon zehn Jahre nicht mehr im Galopp gelaufen.“
„Sie wird schön springen!“
„Keine Angst, Brüder, nehmt jeder eine Peitsche, und drauf los!“
„Was ist da zu schonen! Schlagt los!“
Alle springen mit Gelächter und Witzen in den Wagen. Sechs Mann sind hereingekrochen, und noch ist Platz. Sie nehmen ein dickes und rotbäckiges Weib noch hinauf, ein Weib in einem Kleide von rotem Kattun, mit einem Kopfputze aus Glasperlen, an den Füßen lederne Bauernschuhe; sie knackt Nüsse und lacht. Ringsum in der Menge lacht man auch, und in der Tat, warum soll man auch nicht lachen, – so eine abgemagerte Mähre soll solch eine Last im Galopp ziehen! Zwei Burschen im Wagen nehmen je eine Peitsche, um Mikolka zu helfen. „Los!“ ruft er, die Mähre zieht aus Leibeskräften an; vom im Trabe laufen kann nicht die Rede sein, sie kann nicht mal im Schritt losgehen, sie trippelt bloß auf einem Fleck, stöhnt und keucht unter den Hieben der drei Peitschen, die auf sie wie Hagel niederprasseln. Das Gelächter auf dem Wagen und in der Menge wird stärker, Mikolka aber wird wütend und peitscht immer heftiger, als glaube er wirklich, sie zum Galopp treiben zu können.
„Nehmt mich auch mit, Brüder!“ ruft ein Bursche aus der Menge, der Lust bekommen hatte, mitzufahren.
„Setzt euch! Setzt euch alle hinein!“ schreit Mikolka. „Sie wird alle ziehen. Ich peitsche sie zu Tode!“ Und er schlägt los, schlägt das Pferd in einem fort und weiß vor Raserei nicht, womit er es noch schlagen soll.
„Papa, lieber Papa!“ ruft der Knabe dem Vater zu. –
„Papa, was tun sie? Papa, sie schlagen das arme kleine Pferd!“
„Komm, laß uns gehen!“ sagte der Vater. „Betrunkene Dummköpfe treiben ihren Unfug; laß uns gehen, sieh nicht hin!“ und er will ihn fortführen, der Knabe aber reißt sich los und läuft zu dem Pferde hin. Dem aber geht es schon schlecht. Es schnappt nach Luft, steht still, zieht von neuem an und fällt beinahe hin.
„Peitscht es zu Tode!“ schreit Mikolka. „Mag es kaput gehen. Ich peitsche es zu Tode!“
„Bist du kein Christ, du Scheusal?“ ruft ein alter Mann aus der Menge.
„Hat man es je erlebt, daß so ein Pferd diese Last ziehen soll,“ fügte ein anderer hinzu.
„Du quälst es zuschanden!“ ruft ein dritter.
„Schweigt still! Es ist mein Eigentum. Ich kann damit tun, was ich will. Setzt euch noch dazu in den Wagen! Setzt euch alle hinein! Ich will, daß es im Galopp läuft! ...“
Ein lautes Lachen übertönte plötzlich alles, – die Mähre wollte sich der scharfen Schläge erwehren und begann in ihrer Bedrängnis auszuschlagen. Sogar der alte Mann mußte lächeln. Es war auch ein zu komisches Bild, – so eine abgebrauchte Mähre schlägt plötzlich aus. Zwei Burschen aus der Menge verschaffen sich Peitschen und springen herzu, um das Pferd von zwei Seiten zu schlagen.
„Schlagt sie auf das Maul, peitscht sie über die Augen, über die Augen!“ schreit Mikolka.
„Brüder, wollen wir ein Lied singen!“ ruft jemand vom Wagen, und alle darinnen folgten sogleich der Aufforderung. Ein ausgelassenes Lied erschallt, ein Tamburin rasselt, der Refrain wird gepfiffen. Das Weib knackt Nüsse und lacht vergnügt.
... Er läuft neben dem Pferde, er eilt nach vorne, er sieht, wie man es über die Augen schlägt, direkt über die Augen! Er weint. Sein Herz krampft sich zusammen, die Tränen fließen. Einer von den Peitschenden fährt ihm ins Gesicht; er fühlt es nicht, er ringt die Hände, schreit auf, stürzt zu dem alten Manne mit dem grauen Barte hin, der seinen Kopf schüttelt und das mißbilligt. Ein Weib packt seine Hand und will ihn fortführen, er reißt sich los und läuft wieder zu dem Pferde hin. Es hat keine Kraft mehr, noch einmal schlägt es aus.
„Hol dich der Teufel!“ schreit Mikolka wütend. Er wirft die Peitsche von sich, bückt sich und zieht vom Boden des Wagens eine lange und dicke Deichselstange hervor, ergreift sie mit beiden Händen und schwingt sie mit gewaltiger Anstrengung auf das Pferd nieder.
„Er schlägt das Pferd tot!“ schreit einer.
„Er zerschmettert es!“
„Es ist mein Eigentum!“ brüllt Mikolka und läßt die Stange mit voller Wucht niedersausen.
Ein dumpfer Schlag.
„Haut es mit der Peitsche! Warum steht ihr da!“ ruft man aus der Menge.
Mikolka holt zum zweiten Male aus, und ein neuer Schlag saust auf den Rücken der unglücklichen Mähre nieder. Sie fällt beinahe auf die Hinterbeine, springt aber auf und ruckt und ruckt aus letzter Kraft hin und her, um den Wagen von der Stelle zu bringen; von allen Seiten empfängt sie Peitschenhiebe, die Deichselstange erhebt sich von neuem und saust zum dritten und vierten Male nieder. Mikolka ist wütend, daß er das Pferd nicht mit einem Schlage töten kann.
„Es ist zäh!“ ruft man ringsum.
„Es fällt gleich hin, Brüder, nun geht es mit ihm zu Ende!“ schreit jemand aus der Menge.
„Ist es nicht besser, mit einem Beile es totzuschlagen? Macht doch ein Ende!“ ruft ein anderer.
„Zum Teufel mit dir! Geht alle aus dem Wege!“ brüllt Mikolka, wirft die Deichsel fort, bückt sich von neuem und holt eine Eisenstange hervor. „Nehmt euch in acht!“ ruft er und läßt sie mit voller Kraft auf das arme Pferd niedersausen. Dieser Schlag traf; das Pferd taumelte, krümmte sich und wollte ziehen, aber die Eisenstange sauste wieder auf seinen Rücken herab, und das Pferd stürzte zu Boden, als wären ihm alle vier Beine mit einemmal abgeschlagen.
„Schlagt zu!“ schreit Mikolka und springt wie toll vom Wagen herab. Einige Burschen, ebenso rot im Gesichte wie er und betrunken, ergreifen, was ihnen in die Hände kommt – mit Peitschen, Stöcken, der Deichselstange laufen sie zu dem verendenden Pferde. Mikolka stellt sich auf der einen Seite hin und fängt an, sinnlos mit der Eisenstange auf seinen Leib zu schlagen. Die Mähre streckt den Kopf, holt schwer Atem und verendet. „Nun hast du ihm den Garaus gemacht!“ ruft man aus der Menge.
„Warum lief es nicht im Galopp!“
„Es ist mein Eigentum!“ schreit Mikolka mit blutunterlaufenen Augen und hält die Eisenstange noch in den Händen. Er steht da, als täte es ihm leid, daß er niemanden mehr habe, den er niederschlagen könnte.
„Du bist wirklich kein Christ!“ rufen einige Stimmen aus der Menge.
Der arme Knabe aber ist außer sich. Mit einem Schrei durchbricht er die Menge, läuft auf das Pferd zu, umarmt den blutüberströmten toten Kopf und küßt ihn; er küßt die Augen, die Lefzen ... Dann springt er auf und stürzt sich voller Wut mit seinen kleinen Fäustchen auf Mikolka. In diesem Augenblick erwischt ihn der Vater, der ihm nachgelaufen war, und trägt ihn fort.
„Gehen wir! Gehen wir!“ sagt der Vater zu ihm. „Gehen wir nach Hause!“
„Papa, lieber Papa! Warum haben sie ... das kleine Pferd ... erschlagen!“ schluchzte er, sein Atem stockt und die Worte kommen wie Schmerzensschreie aus seiner gepreßten Brust.
„Sie sind betrunken ... versündigen sich, uns geht es nichts an ... gehen wir!“ sagt der Vater. Er aber umfaßt den Vater mit beiden Händen, es schnürt ihm die Kehle zu. Er will Atem holen, schreien und – er erwacht. Er erwachte ganz mit Schweiß bedeckt, mit feuchten Haaren, schwer atmend, und erhob sich zitternd.
„Gottlob, es war nur ein Traum!“ sagte er, setzte sich unter den Baum und seufzte tief auf. „Aber was ist mit mir? Fange ich an zu fiebern, – so ein gräßlicher Traum!“
Sein ganzer Körper war wie zerschlagen, und in seiner Seele war es dunkel und trübe. Er stützte die Ellenbogen auf die Knie und hielt sich mit beiden Händen den Kopf.
„Mein Gott,“ rief er aus. „Werde ich denn, werde ich wirklich ein Beil nehmen, werde es ihr auf den Kopf schlagen, das Gehirn ihr zerschmettern ... in klebrig warmem Blute tasten, das Schloß aufbrechen, stehlen und zittern, mich verstecken, ganz mit Blut bedeckt ... mit einem Beile ... Oh, Gott, werde ich es denn tun?“
Es durchschauerte ihn am ganzen Körper, als er das aussprach. „Ja, was ist denn mit mir?“ fuhr er fort, sich aufraffend und mit tiefem Staunen. „Ich weiß doch, daß ich es nicht ertragen kann, warum habe ich mich denn bis jetzt gequält? Gestern, gestern schon, als ich hinging, diesen ... Versuch zu machen, gestern begriff ich vollkommen, daß ich es nicht zu tun vermöge ... Was will ich denn jetzt noch? Warum hatte ich bis jetzt noch Zweifel? Ich sagte mir schon gestern, als ich die Treppe hinunterging, daß es gemein, niedrig, schuftig sei ... mir wurde ja beim bloßen Gedanken übel und ein kalter Schauer ging mir durch alle Glieder ... Nein, ich werde es nicht aushalten, werde es nicht aushalten! Mag es auch keinen einzigen Fehler in diesen Berechnungen geben, mag all das, was in diesem Monat beschlossen wurde, klar wie der Tag, und richtig wie eine mathematische Formel sein. Herrgott! Ich kann mich nicht dazu entschließen! Ich werde es ja nicht aushalten, nicht aushalten! Was ist denn mit mir immer noch, was denn?“
Er stand auf, sah sich verwirrt um, als sei er erstaunt, daß er hierher gekommen war, und ging zu der T.-W.-Brücke. Er war bleich, die Augen brannten, in seinen Gliedern lag tiefste Ermattung, plötzlich aber konnte er leichter atmen. Er fühlte, daß er diese furchtbare Last, die ihn solange bedrückt hatte, abgeworfen habe, und in seiner Seele wurde es mit einem Male leicht und frei.
„Oh Gott!“ flehte er. „Zeig mir meinen Weg, und ich sage mich los von diesem verfluchten Trugbild!“ Als er über die Brücke ging, blickte er still und ruhig auf die Newa und auf die untergehende grellrote Sonne. Trotz seiner Schwäche empfand er keine Müdigkeit. Es war, als sei das Geschwür an seinem Herzen, das den ganzen Monat heranreifte, plötzlich aufgegangen. Freiheit! Freiheit! Er ist jetzt von dieser Verzauberung, von dieser Hexerei, von diesem Reiz, von dieser Versuchung befreit!
Später, als er an diese Zeit und all das dachte, was mit ihm in diesen Tagen, Minute für Minute, Punkt für Punkt, Strich für Strich vorgegangen war, setzte ihn fast bis zum Aberglauben ein Umstand stets in Erstaunen, der im Grunde genommen nicht besonders ungewöhnlich war, der ihm aber später wie die Fügung seines Schicksals erschien. Und zwar, – er konnte es gar nicht verstehen und erklären, warum er, ermüdet und abgespannt, statt auf dem kürzesten und geradesten Weg nach Hause zu gehen, plötzlich über den Heumarkt, den zu durchqueren für ihn ganz überflüssig war, nach Hause zurückkehrte. Es war kein bedeutender Umweg, aber doch ein augenscheinlich und eben völlig überflüssiger. Gewiß, er war Dutzende von Malen nach Hause zurückgekehrt, ohne sich der Straßen zu erinnern, durch die er gewandert war. Warum aber, fragte er sich immer, warum passierte so eine wichtige, so eine entscheidende und gleichzeitig so eine höchst zufällige Begegnung auf dem Heumarkte – über den zu gehen er gar keine Veranlassung hatte – gerade zu der Stunde, in dem Augenblicke seines Lebens, in solch einer Seelenstimmung und unter solchen Umständen, unter denen diese Begegnung auch die entscheidenste und endgültigste Wirkung auf sein ganzes Schicksal ausüben mußte? Als hätte es auf ihn hier absichtlich gelauert! – Es war gegen neun Uhr, als er über den Heumarkt ging. Alle Verkäufer an den Tischen, in den Läden und Buden schlossen ihre Geschäfte oder kramten ihre Waren zusammen, packten sie ein und waren ebenso, wie ihre Käufer, auf dem Wege nach Hause. Bei den Garküchen, in den Kellern, in den schmutzigen und stinkenden Höfen der Häuser am Heumarkte, besonders aber bei den Schenken drängte sich eine Menge allerhand Händler und verlumpter Gestalten. Raskolnikoff liebte diese Gegend, ebenso auch alle umliegenden Gassen, ganz besonders aber, wenn er ohne ein bestimmtes Ziel bummeln ging. Hier erregten seine Lumpen keine hochmütige Aufmerksamkeit, hier konnte man gekleidet gehen, wie man wollte, ohne sich zu blamieren. An der Ecke der K.schen Gasse handelte ein Kleinbürger mit seiner Frau an zwei Tischen mit allerhand Waren, – Zwirn, Bändern, Kattuntüchern und dergleichen mehr. Sie waren auch beim Aufbruch, wurden aber durch ein Gespräch mit einer Bekannten aufgehalten. Diese Bekannte war Lisaweta Iwanowna oder einfacher Lisaweta, wie sie allgemein genannt wurde, die jüngere Schwester derselben Alten, Aljona Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators, der Wucherin, bei der Raskolnikoff gestern gewesen war, um seine Uhr zu versetzen und seine Probe zu machen ... Er wußte längst alles über diese Lisaweta, und sie kannte ihn auch ein wenig. Sie war ein hochgewachsenes, plumpes, zaghaftes und stilles Mädchen, fast eine Idiotin, fünfunddreißig Jahre alt, die bei ihrer Schwester lediglich die Dienstmagd war, für sie Tag und Nacht arbeitete, vor ihr zitterte und sogar von ihr Schläge bekam. Sie stand nachdenklich mit einem Bündel vor dem Händler und seiner Frau und hörte ihnen aufmerksam zu. Die redeten mit besonderem Eifer auf sie ein. Als Raskolnikoff sie unvermutet erblickte, überkam ihn eine eigentümliche Empfindung, die einer sehr starken Verwunderung glich, obwohl diese Begegnung nichts Verwunderliches an sich hatte.
„Sie wollen einmal selbst entscheiden, Lisaweta Iwanowna,“ sagte der Händler laut. „Kommen Sie morgen so gegen sieben Uhr. Die werden auch herkommen.“
„Mor–gen?“ sagte Lisaweta gedehnt und nachdenklich, als ob sie sich nicht entschließen könne.
„Aljona Iwanowna hat Ihnen viel zu viel Furcht eingejagt!“ sagte die Frau des Händlers, ein flinkes Weib. „Sie sind ganz wie ein Kind. Und dabei ist sie nicht mal Ihre leibliche, sondern Ihre Stiefschwester und hat doch solch eine große Macht über Sie!“
„Sie sollten Aljona Iwanowna nichts davon erzählen,“ unterbrach der Mann, „ich gebe Ihnen den Rat, und Sie kommen zu uns ohne Erlaubnis. Es ist ein vorteilhaftes Geschäft. Ihre Schwester wird es später selbst einsehen.“
„Soll ich kommen?“
„Morgen, um sieben Uhr, auch von denen kommt jemand her. Dann können Sie selbst entscheiden.“
„Wir stellen den Samowar auf und machen Tee,“ fügte die Frau hinzu.
„Gut, ich will kommen,“ antwortete Lisaweta, immer noch in Nachdenken versunken, und ging langsam weiter.
Raskolnikoff war schon vorüber und hörte nichts mehr. Er war langsam gegangen, unbemerkt, und bestrebt, kein Wort vom Gespräche zu verlieren. Seine Verwunderung verwandelte sich allmählich in Schrecken, als wäre ihm etwas Kaltes über den Rücken gelaufen. Er hatte erfahren, vollkommen unerwartet hatte er erfahren, daß morgen abend punkt sieben Uhr Lisaweta, die Schwester der Alten und ihre einzige Mitbewohnerin, nicht zu Hause sein werde, und daß also die Alte Punkt sieben Uhr ganz allein zu Hause war.
Bis zu seiner Wohnung waren es bloß einige Schritte. Er ging, wie ein zum Tode Verurteilter. Er dachte an nichts und konnte auch an gar nichts denken, aber mit seinem ganzen Wesen fühlte er plötzlich, daß er weder die Freiheit der Erwägung noch einen Willen besitze, und daß alles mit einem Male endgültig entschieden sei.
Es war sicher, daß er, selbst bei jahrelangem Warten auf solch einen günstigen Zufall, sicher nicht auf einen deutlicheren Wink für den Erfolg rechnen konnte, als der war, der sich ihm jetzt urplötzlich bot. In jedem Falle würde es schwer sein, am Abend vorher und sicher, mit größter Genauigkeit und geringstem Risiko, ohne gefährliches Ausfragen und Untersuchen, zu erfahren, daß am anderen Tage um die und die Stunde die Alte, auf die man einen Anschlag vorbereitet, ganz allein zu Hause sein werde.
VI.
Später erfuhr Raskolnikoff ganz zufällig, warum der Händler und dessen Frau Lisaweta zu sich eingeladen hatten. Es handelte sich um eine rein alltägliche Sache und enthielt gar nichts Besonderes. Eine zugereiste, verarmte Familie wollte ihre Sachen, Kleider und ähnliches verkaufen. Da es unvorteilhaft war, auf dem Markte zu verkaufen, suchte man unter der Hand eine Händlerin; Lisaweta nun befaßte sich mit dergleichen, – sie übernahm Aufträge, besorgte allerhand Gänge und hatte eine recht ansehnliche Praxis, weil sie sehr ehrlich war und immer den äußersten Preis bot, – und bei dem Preis, den sie nannte, blieb sie stets. Sie redete überhaupt wenig und war, wie gesagt, still und verschüchtert ...
Raskolnikoff war in der letzten Zeit abergläubisch geworden. Und Spuren dieses Aberglaubens blieben in ihm noch für lange hinaus untilgbar haften. Und er war später stets geneigt, in dieser ganzen Angelegenheit eine gewisse Bestimmung, eine geheimnisvolle Fügung, wie die Existenz besonderer Einflüsse und Zufälle, zu sehen. Noch im Winter hatte ihm sein Bekannter, ein Student, Pokoreff, bei seiner Abreise nach Charkoff beiläufig im Gespräche die Adresse der Alten, Aljona Iwanowna, mitgeteilt, für den Fall, daß er einmal etwas versetzen möchte. Er ging lange nicht zu ihr, da er Stunden gab und sich damit einigermaßen durchschlug. Vor anderthalb Monaten erinnerte er sich der Adresse; er hatte zwei Sachen, die zum Versetzen taugten, – eine alte silberne Uhr von seinem Vater und einen kleinen goldenen Ring mit drei roten Steinchen, den seine Schwester ihm beim Abschied als Andenken geschenkt hatte. Er beschloß den Ring hinzubringen; nachdem er die Alte gefunden hatte, empfand er vom ersten Augenblick an, ohne von ihr etwas Näheres zu wissen, einen unwiderstehlichen Widerwillen gegen sie; er nahm von ihr zwei „Scheinchen“ und ging auf dem Rückwege in ein schlechtes Wirtshaus. Da bestellte er Tee, setzte sich hin und verfiel in ein tiefes Nachdenken. Ein unheimlicher Gedanke löste sich in seinem Kopfe aus, wie ein Küchlein aus den Eierschalen, und nahm Besitz von ihm.
An einem anderen Tische, fast neben ihm, saß ein Student, den er nicht kannte, und dessen er sich nicht erinnerte, und ein junger Offizier. Sie hatten eine Partie Billard gespielt und tranken nun Tee. Da hörte Raskolnikoff, wie der Student dem Offiziere von einer Wucherin Aljona Iwanowna, der Witwe eines Kollegienregistrators, erzählte und ihm ihre Wohnung nannte. Das berührte Raskolnikoff seltsam, – er kommt soeben von dort und hier unterhält man sich von ihr. Gewiß, es ist ein Zufall, aber er kann sich gerade jetzt nicht von einem äußerst ungewöhnlichen Gefühl losmachen, ihm ist es, als wolle ihm jemand dazu behilflich sein, – der Student erzählte allerhand Einzelheiten von dieser Aljona Iwanowna. „Sie ist ausgezeichnet,“ sagte er, „man kann bei ihr stets Geld erhalten. Sie ist reich wie ein Jude, kann auf einmal fünftausend geben, geniert sich aber auch nicht, ein Pfand von einem Rubel anzunehmen. Viele von meinen Bekannten waren bei ihr. Aber sie ist ein Scheusal ...“
Und er erzählte, wie böse und launisch sie sei, und daß das Pfand verfallen sei, wenn man den Termin bloß um einen Tag versäume. Sie gibt den vierten Teil des Wertes, nimmt fünf und sogar sieben Prozent pro Monat und dergleichen mehr. Der Student kam ins Plaudern und teilte unter anderem auch mit, daß die Alte eine Schwester Lisaweta habe, die sie, so klein und unansehnlich sie selbst sei, alle Augenblicke schlage und in völliger Bevormundung wie ein kleines Kind halte, trotzdem Lisaweta mindestens dreimal größer und stärker sei ...
„Ja, sie ist eine Zierde ihres Geschlechts!“ rief der Student aus und lachte laut.
Er fing an von Lisaweta zu erzählen; erzählte mit augenscheinlichem Genuß und lachte dabei fortwährend; der Offizier hörte mit großem Interesse zu und bat den Studenten, ihm die Lisaweta zu schicken, um seine Wäsche auszubessern. Raskolnikoff verlor kein einziges Wort von der Unterhaltung und erfuhr somit alles, – Lisaweta war die jüngere Stiefschwester der Alten – von anderer Mutter – und war schon fünfunddreißig Jahre alt. Sie arbeitete Tag und Nacht für die Schwester, ersetzte die Köchin und Wäscherin, nähte außerdem um Lohn, ging außerhalb des Hauses Dielen scheuern und gab jeden Verdienst der Schwester ab. Keine einzige Bestellung und keine Arbeit wagte sie ohne die Erlaubnis der Alten zu übernehmen. Diese hatte bereits ihr Testament gemacht, was Lisaweta bekannt war, hatte ihr keinen Groschen Geld, sondern nur die bewegliche Habe, wie Stühle und ähnliches vermacht; das ganze Geld war für ein Kloster in dem N.schen Gouvernement zu ewigen Seelenmessen bestimmt. Lisaweta war Kleinbürgerin, nicht aus dem Beamtenstande, unverheiratet, ungewöhnlich plump gebaut, übergroß, mit breiten Füßen, hatte immer schiefgetretene Schuhe, war aber sonst reinlich gekleidet. Was aber den Studenten am meisten belustigte, war, daß Lisaweta alljährlich schwanger war ...
„Du sagst doch, sie sei häßlich!“ bemerkte der Offizier.
„Ja, sie hat eine dunkle Gesichtsfarbe, wie ein Soldat, ist aber sonst, weißt du, nicht häßlich. Sie hat so ein gutes Gesicht und gute Augen, sehr gute Augen; Grund genug, daß sie vielen gefällt. Sie ist still, sanft und anspruchslos, zu allem bereit. Ihr Lachen ist sogar einnehmend.“
„Sie scheint dir zu gefallen!“ lachte der Offizier.
„Ja, ihrer Eigentümlichkeit wegen. Doch, was ich dir sagen wollte. Ich könnte diese verfluchte Alte ermorden und berauben, und, glaube mir, ich täte es ohne Gewissensbisse,“ fügte der Student eifrig hinzu.
Der Offizier lachte wieder auf, Raskolnikoff aber fuhr zusammen. Wie seltsam dies alles war!
„Erlaube mal, ich will dir eine ernste Frage vorlegen,“ sagte der Student voll Eifer. „Ich habe mir soeben einen Scherz erlaubt, aber sieh mal an – einerseits gibt es ein dummes, bedeutungsloses, minderwertiges, böses, krankes, altes Weib, das keinem Menschen nützt, im Gegenteil allen schadet, das selbst nicht weiß, wozu es lebt, und das morgen ohne fremde Hilfe sterben wird. Verstehst du? Verstehst du mich?“
„Nun, ich verstehe es,“ antwortete der Offizier und sah aufmerksam seinen in Eifer geratenen Freund an.
„Höre nun weiter. Anderseits gibt es junge, frische Kräfte, die unnütz zugrunde gehen, ohne Hilfe und das zu tausenden und allerorts. Hundert, tausend gute Taten und Hilfeleistungen könnte man für das Geld der Alten tun, das einem Kloster zufallen soll. Hundert, vielleicht tausend Existenzen könnten damit auf den richtigen Weg gebracht werden; dutzende Familien könnten vor Hunger, Verfall, Untergang, Laster und vor venerischen Krankheiten geschützt werden – und all das für ihr Geld. Ermorde sie und nimm ihr Geld, um dich später mit seiner Hilfe der ganzen Menschheit und der gemeinnützigen Sache zu widmen, – was meinst du, wird nicht ein einziges unbedeutendes, winziges Verbrechen durch Tausende guter Taten wettgemacht? Für ein Leben – Tausende von Leben, gerettet vor Fäulnis und Verfall. Ein einziger Tod und hunderte Leben an seiner Statt, das ist doch ein einfaches Rechenexempel. Ja, und was bedeutet auf der allgemeinen Wage das Leben dieser schwindsüchtigen, dummen und bösen Alten. Nicht mehr als das Leben einer Laus, einer Wanze, und nicht mal soviel, weil die Alte schädlich ist. Sie untergräbt das Leben eines anderen; vor ein paar Tagen hat sie Lisaweta aus Wut in den Finger gebissen, man mußte ihn fast abnehmen lassen!“
„Gewiß, sie ist des Lebens nicht wert,“ bemerkte der Offizier. „Aber das ist doch Sache der Natur.“
„Ach, Bruder, die Natur korrigiert man doch auch und zeigt ihr den richtigen Weg, wir müßten ja sonst in Vorurteilen ersticken. Ohne das würde es keine großen Männer geben. Man redet von Pflicht und Gewissen, – ich will nichts gegen Gewissen und Pflicht sagen, aber was verstehen wir darunter? Doch ich will dir noch eine Frage vorlegen. Gib acht!“
„Nein, warte du mal, jetzt will ich dir eine Frage vorlegen. Höre zu.“
„Nun!“
„Sieh, du redest jetzt und ereiferst dich, sage mir aber – würdest du selbst die Alte ermorden oder nicht?“
„Selbstverständlich nicht! Ich rede nur aus Gerechtigkeit ... Ich habe mit der Sache nichts zu tun ...“
„Meiner Meinung nach kann von Gerechtigkeit gar nicht die Rede sein, wenn du dich nicht selbst dazu entschließt. Komm, wir wollen noch eine Partie Billard spielen!“
Raskolnikoff war äußerst aufgeregt. Gewiß, das Gespräch war eins von den gewöhnlichsten Gesprächen und Gedanken, die er mehr als einmal unter jungen Leuten gehört hatte, vielleicht in einer anderen Form und über einen anderen Gegenstand. Warum aber kam er jetzt gerade dazu, dieses Gespräch und diese Gedanken zu hören, wo in seinem eigenen Kopfe ... ebensolche Gedanken aufgetaucht waren? Und warum stößt er gerade jetzt, wo in ihm dieser Gedanke auftauchte, als er die Alte verließ, auf ein Gespräch über dieselbe Alte? ... Ihm erschien dieses Zusammentreffen stets merkwürdig. Diese nichtssagende Unterhaltung in dem Wirtshause hatte auf ihn einen außergewöhnlichen Einfluß für die weitere Entwicklung der Sache, – als wäre hierbei tatsächlich eine Vorausbestimmung, ein Fingerzeig gewesen ...
Nach Hause zurückgekehrt, warf er sich auf das Sofa und blieb eine volle Stunde sitzen, ohne sich zu rühren. Es war inzwischen dunkel geworden; ein Licht besaß er nicht, es kam ihm gar nicht der Gedanke, ein Licht anzustecken. Er konnte sich später niemals erinnern, ob er in dieser Stunde an etwas gedacht hatte. Er spürte noch immer das Fieber von früher her und den Schüttelfrost, und es war ihm ein angenehmer Gedanke, daß er sich auf das Sofa hinlegen konnte. Ein fester bleierner Schlaf überfiel ihn und legte sich schwer auf ihn.
Er schlief ungewöhnlich lange und traumlos. Nastasja, die am nächsten Morgen um zehn Uhr in das Zimmer kam, konnte ihn nur mit Mühe aufwecken. Sie brachte ihm Tee und Brot, den Tee wie immer alt aufgegossen in ihrer eigenen Teekanne.
„Sieh, wie er schläft!“ rief sie entrüstet aus. „Er tut nichts wie schlafen!“
Er erhob sich mühsam. Der Kopf tat ihm weh; er versuchte aufzustehen, drehte sich um und fiel wieder auf das Sofa zurück.
„Willst du weiter schlafen!“ rief Nastasja. „Bist du gar krank?“
Er antwortete nicht.
„Willst du Tee trinken?“
„Nachher,“ sagte er mit Anstrengung, schloß die Augen und wandte sich der Wand zu.
Nastasja blieb eine Weile neben ihm stehn.
„Vielleicht ist er wirklich krank,“ sagte sie, kehrte um und ging hinaus.
Um zwei Uhr kam sie wieder herein mit einer Suppe. Er lag noch wie früher. Der Tee war unberührt. Nun fühlte Nastasja sich gekränkt und begann ihn ärgerlich zu rütteln.
„Was, schnarchst du noch?“ rief sie und sah ihn mit Unwillen an.
Er stand auf und setzte sich, sagte aber nichts und blickte zu Boden.
„Bist du krank oder nicht?“ fragte Nastasja, und wieder erhielt sie keine Antwort.
„Du solltest auf die Straße gehen,“ sagte sie nach einer Weile, „die Luft würde dich erquicken. Willst du nicht essen?“
„Nachher,“ antwortete er mit schwacher Stimme. „Geh jetzt fort!“
Und er winkte mit der Hand ab. Sie blieb noch eine Weile stehen, blickte ihn voll Mitleid an und ging hinaus.
Nach einigen Minuten hob er den Blick und schaute lange den Tee und die Suppe an. Dann nahm er ein wenig Brot, griff nach dem Löffel und begann zu essen.
Er aß nicht viel, ohne Appetit, rein mechanisch etwa vier Löffel Suppe. Der Kopf tat ihm nicht mehr so weh. Nachdem er gegessen hatte, legte er sich wieder auf das Sofa, konnte aber nicht einschlafen und lag still da, das Gesicht ins Kopfkissen vergraben. Er träumte, wachend, in einem fort, und alle Träume waren seltsam, zumeist schien es ihm, als wäre er irgendwo in Afrika, in Ägypten, in einer Oase. Die Karawane ruht aus, die Kamele liegen still; ringsum im großen Kreise stehn Palmen, alles labt sich. Er aber trinkt unausgesetzt Wasser, direkt aus einem Bache, der hier neben ihm dahinfließt und plätschert. Es ist so kühl, und das Wasser ist so wundervoll, so blau und kalt, es fließt über bunte Steine und über reinen mit goldenem Schimmer besäten Sand ... Plötzlich hörte er deutlich eine Uhr schlagen. Er fuhr auf, kam zu sich, erhob den Kopf, sah zum Fenster hin, rechnete sich die Zeit aus und sprang auf, als hätte ihn jemand von dem Sofa heruntergerissen. Er ging auf den Fußspitzen zu der Türe, öffnete sie leise und lauschte auf die Treppe hinaus. Sein Herz klopfte gewaltig. Auf der Treppe war alles so still, als ob alles schliefe ... Höchst sonderbar und merkwürdig erschien es ihm, daß er von gestern auf heute in solcher Bewußtlosigkeit hatte durchschlafen können, wo er doch nichts getan und unvorbereitet war ... Vielleicht hat die Uhr gar sechs geschlagen ... Und eine ungewohnte fieberhafte und kopflose Hast überfiel ihn, nun nach dem Schlafe und stumpfen Brüten. Es waren übrigens keine großen Vorbereitungen nötig. Er strengte alle Kräfte an, um alles zu bedenken und nichts zu vergessen; das Herz klopfte immer noch heftig und schlug so stark, daß ihm das Atmen schwer fiel. Zuerst mußte er eine Schlinge machen und an seinen Mantel annähen, – das war die Sache einer Minute. Er fuhr mit der Hand unter das Kopfkissen und fand unter der Wäsche, die dort lag, ein altes ungewaschenes Hemd, das schon völlig zerrissen war. Von diesem riß er einen Streifen ab, etwa fünf Zentimeter breit und sechsunddreißig Zentimeter lang. Diesen Streifen legte er zusammen, zog einen weiten starken Sommermantel aus dickem baumwollenen Stoffe – sein einziges Oberkleid – aus und begann die beiden Enden des Streifens innen unter der linken Achselhöhle anzunähen. Seine Hände zitterten beim Halten der Nadel, er überwand sich aber und hatte den Streifen so angenäht, daß man von außen nichts bemerken konnte, wenn er den Mantel angezogen hatte. Er hatte sich schon vor langer Zeit Nadel und Zwirn besorgt, und sie lagen in einem Stück Papier eingewickelt in dem Tischchen. Die Schlinge war seine eigene, sehr schlaue Erfindung, sie war für das Beil bestimmt. Man konnte doch nicht auf der Straße das Beil in der Hand tragen. Und wenn man es unter dem Mantel versteckt trug, mußte man es doch mit der Hand festhalten, was wiederum auffallen konnte. Jetzt aber brauchte man bloß das Beil in die Schlinge zu stecken, und es wird den ganzen Weg unter der Achsel ruhig hängen. Und wenn er die Hand in die Seitentasche des Mantels steckt, kann er auch das Ende des Beilschaftes festhalten, damit es nicht baumelt, und da der Mantel sehr weit war, ein richtiger Sack, so konnte niemand wahrnehmen, daß er etwas mit der Hand in der Tasche festhalte. Diese Schlinge hatte er schon vor zwei Wochen erfunden.
Nachdem er mit der Schlinge fertig war, steckte er seine Finger in einen kleinen Spalt zwischen seinen „türkischen“ Diwan und der Diele, suchte im linken Winkel nach und zog das Versatzobjekt heraus, das er schon vor langer Zeit hergestellt und dort versteckt hatte. Es war gar kein Versatzstück, sondern ein einfaches, glatt abgehobeltes Stück Holz, in der Größe und Dicke eines silbernen Zigarettenetuis. Dieses Holzbrettchen hatte er zufällig bei einem seiner Spaziergänge auf einem Hofe gefunden, wo in einem Nebengebäude eine Werkstatt war. Nachher hatte er zu dem Brette ein glattes und dünnes Stück Eisen – wahrscheinlich irgendein Bruchstück – beigelegt, das er auch damals auf der Straße gefunden hatte. Beides, das eiserne Stück war kleiner, hatte er zusammengelegt und mit einem Bindfaden kreuzweise fest zusammengebunden; dann hatte er das Ganze peinlich und mit einer gewissen Sorgfalt in ein reines weißes Papier eingewickelt und so fest zusammengeschnürt, daß das Paket nicht gleich zu öffnen war. Dies tat er, um auf eine Spanne Zeit die Aufmerksamkeit der Alten abzulenken, wenn sie sich mit dem Lösen des Knotens abmühte, um so den passenden Augenblick zu gewinnen. Das Eisenstück war des Gewichtes wegen hinzugefügt, damit die Alte wenigstens nicht sofort erriet, daß das „Versatzstück“ nur aus Holz sei. Dies alles lag bis zur gegebenen Zeit unter dem Diwan verwahrt. Als er gerade das Paket hervorholte, rief plötzlich jemand auf dem Hofe:
„Die Uhr geht schon gleich auf sieben!“
„Schon gleich auf sieben! Mein Gott!“
Er stürzte zur Tür, lauschte einen Augenblick, nahm seinen Hut und begann die dreizehn Stufen vorsichtig, leise wie eine Katze hinabzusteigen. Das Wichtigste stand ihm noch bevor – das Beil aus der Küche zu stehlen. Daß das Werk mit einem Beile vollbracht werde hatte er längst beschlossen. Er hatte wohl noch ein zusammenlegbares Gartenmesser, aber er mochte sich nicht auf das Messer und zum wenigsten auf seine Kräfte verlassen, darum hatte er sich endgültig für das Beil entschieden. Bei dieser Gelegenheit wollen wir eine Eigentümlichkeit von ihm bei seinen endgültigen Entscheidungen hervorheben, die er in dieser Sache schon getroffen hatte. Sie hatten alle eine besondere Eigenschaft: je endgültiger sie wurden, desto abscheulicher, sinnloser wurden sie sofort in seinen Augen. Trotz des qualvollen innerlichen Kampfes, den er führte, konnte er die ganze Zeit über keinen Moment an die Durchführbarkeit seiner Pläne glauben.
Und wenn er jemals alles bis zum letzten Punkte durchgedacht und endgültig beschlossen hätte und es gar keine Zweifel mehr gegeben hätte, dann hätte er offenbar sich von dem ganzen Plane losgesagt, als von einem sinnlosen, ungeheuerlichen Unding. Aber jetzt gab es noch einen ganzen Abgrund von ungelösten Punkten und Zweifeln. Woher er sich ein Beil verschaffen konnte, diese Kleinigkeit beunruhigte ihn gar nicht, nichts ist leichter als das. Die Sache lag so, daß Nastasja öfters, besonders aber abends, nicht zu Hause war, – entweder lief sie zu den Nachbarn oder in einen Laden, die Türe aber ließ sie stets offen stehn. Die Wirtin schalt sie immer wieder deshalb. Also, man mußte nur leise zur rechten Zeit in die Küche gehen und das Beil nehmen, um es nach einer Stunde, wenn alles vorüber ist, wieder an seinen Platz zu legen. Aber auch hier tauchten Zweifel auf. Angenommen, er kommt nach einer Stunde zurück, um das Beil zurückzubringen, und Nastasja ist aber gerade heimgekehrt. Gewiß, man muß dann vorbeigehen und abwarten, bis sie wieder fortgeht. Wenn sie aber nun in dieser Zeit das Beil vermißt hat, es zu suchen begann und danach laut jammerte, – so ist der Verdacht oder wenigstens das Moment zu einem Verdacht gegeben.
Aber das waren Kleinigkeiten, an die zu denken er keine Lust und keine Zeit mehr hatte. Er dachte an die Hauptsache und hob die Kleinigkeiten für den gegebenen Moment auf. Das letzte aber erschien ihm selber unfaßbar. Er konnte sich zum Beispiel in keiner Weise vorstellen, daß er jemals aufhören werde, bloß an dieses Vorhaben zu denken, daß er aufstehn und einfach dorthin gehen werde ... Sogar seine kürzliche Probe (d. h. den Besuch in der Absicht, endgültig sich den Tatort anzusehen) hatte er nur versucht auszuführen, nicht etwa in vollem Ernste, sondern eben bloß in dem Gedanken: „ich will mal hingehen und probieren, anstatt hier davon zu träumen!“ und natürlich, er hielt es nicht aus, ließ gleich die Absicht fallen und war in rasender Wut über sich selbst davongelaufen. Indessen, wie es schien, war die ganze Analyse im Sinne der moralischen Lösung der Frage von ihm ins reine gebracht; seine Kasuistik war geschärft wie ein Rasiermesser, und er fand in sich selbst keine klare Entgegnung mehr. Zu guter Letzt glaubte er dann einfach sich selbst nicht und suchte hartnäckig in allen Richtungen tastend nach Entgegnungen, als ob ihn jemand dazu zwänge und herbeizöge. Der letzte Tag aber, der so unerwartet eintrat, und der alles mit einem Male zur Entscheidung brachte, wirkte auf ihn fast rein mechanisch, – wie wenn ihn jemand an die Hand genommen und unwiderstehlich, blindlings mit einer unnatürlichen Kraft und widerstandslos nach sich gezogen hätte, wie wenn er mit einem Zipfel seines Rockes in das Rad einer Maschine geraten und mit fortgerissen worden wäre.
Von Anfang an, – übrigens schon lange vorher – beschäftigte ihn die Frage: warum fast alle Verbrecher so leicht aufgespürt und entdeckt werden, und warum die Spuren fast aller Verbrecher so deutlich wahrzunehmen sind? Er kam allmählich zu vielseitigen und interessanten Schlüssen, und nach seiner Meinung lag die Hauptursache nicht so sehr in der materiellen Unmöglichkeit, ein Verbrechen zu verbergen, als in dem Verbrecher selbst. Der Verbrecher selbst, und fast jeder verliert im Augenblick des Handelns an Willen und Verstand, an dessen Stelle ein kindischer phänomenaler Leichtsinn tritt, und gerade in dem Augenblicke, wo Verstand und Vorsicht am notwendigsten sind. Nach seiner Überzeugung ergab es sich, daß diese Verdunkelung des Verstandes und der Zusammenbruch des Willens einen Menschen gleich einer Krankheit packen, sich allmählich entwickeln und kurz vor der Vollbringung des Verbrechens ihren höchsten Punkt erreichen, bei der Ausführung, oder noch etwas länger, je nach Veranlagung, auf demselben Höhepunkt anhalten und dann ebenso vergehen, wie jede andere Krankheit. Die Frage aber, ob eine Krankheit das Verbrechen erzeugt oder ob das Verbrechen selbst irgendwie infolge seiner eigentümlichen Natur stets von etwas Ähnlichem wie Krankheit begleitet wird, – zu lösen, fühlte er sich nicht imstande.
Nachdem er das erwogen hatte, schloß er, daß mit ihm persönlich bei seiner Tat ein ähnlicher krankhafter Umschwung nicht stattfinden könne, daß sein Verstand und Wille während der ganzen Zeit der Vollführung völlig intakt sein werde, einzig schon aus dem Grunde, weil sein Unternehmen – „kein Verbrechen“ sei ... Lassen wir den ganzen Prozeß beiseite, durch den er zu dem letzten Schlusse gekommen war; wir sind schon ohnedem viel zu weit gegangen ... Wir wollen bloß hinzufügen, daß die tatsächlichen, rein materiellen Hindernisse der Tat überhaupt in seinem Verstande eine untergeordnete Rolle spielten. „Man muß nur den ganzen Willen und den ganzen Verstand bewahren, und sie alle werden seinerzeit besiegt werden, wenn es darauf ankommt, alle Einzelheiten der Tat bis zum kleinsten Punkt zu übersehen ...“
Aber die Tat war noch nicht in Angriff genommen. An die endgültige Ausführung glaubte er eben fortgesetzt selber am wenigsten, und als die Stunde schlug, kam alles gar nicht so, sondern wie zufällig, ja fast unerwartet.
Ein ganz geringfügiger Umstand machte ihn stutzig, noch ehe er die Treppe hinabgestiegen war. Als er an der Tür zu der Küche vorbeiging, die wie immer weit geöffnet war, warf er einen vorsichtigen Seitenblick hinein, um sich vorher zu vergewissern, ob nicht während der Abwesenheit von Nastasja die Wirtin selbst da sei, und wenn sie nicht da war, ob die Türe zu ihrem Zimmer auch gut verschlossen sei, damit sie ja nicht plötzlich herauskommen könne, wenn er das Beil holen würde? Aber wie groß war seine Betroffenheit, als er plötzlich Nastasja diesmal nicht nur in der Küche sah, sondern dazu mit einer Arbeit beschäftigt; sie nahm aus einem Korbe Wäsche und hing sie auf. Als sie ihn erblickte, hörte sie auf, wandte sich zu ihm und schaute ihn die ganze Zeit an, während er vorbeiging. Er wandte die Augen ab und ging weiter, als ob er sie nicht gesehen hätte. Die Sache aber war abgetan, – er hatte kein Beil! Er war tief niedergeschlagen.
„Und woher kam mir der Gedanke,“ sagte er sich, indem er sich dem Tore näherte. „Woher kam mir der Gedanke, daß sie unbedingt in diesem Augenblicke nicht zu Hause sein dürfe? Warum, warum, warum war ich so sicher davon überzeugt?“
Er war verstört, kam sich erniedrigt vor; wollte über sich selbst vor Ärger lachen ... Eine dumpfe tierische Wut bemächtigte sich seiner.
Er blieb in Gedanken versunken unter dem Tore stehen. Auf die Straße zu gehen, um des Scheines willen zu spazieren, war ihm widerlich; nach Hause zurückkehren noch widerlicher. „Welch eine Gelegenheit hab ich für immer verloren!“ murmelte er, indem er unschlüssig unter dem Tore stehenblieb, gerade gegenüber der dunklen Kammer des Hausknechts, die auch offen war. Plötzlich zuckte er zusammen. In der Kammer des Hausknechts, zwei Schritte von ihm entfernt, schimmerte unter der Bank rechts etwas Blankes ... Er sah sich um – niemand war in der Nähe. Auf den Fußspitzen ging er zu der Kammer hin, stieg zwei Stufen hinab und rief mit leiser Stimme nach dem Hausknecht.
„Es stimmt, er ist nicht da! Wahrscheinlich ist er irgendwo in der Nähe auf dem Hofe, da die Türe weit offen steht.“
Er stürzte sich in aller Hast auf das Beil (es war ein solches) und zog es unter der Bank, wo es zwischen zwei Holzscheiten lag, hervor; befestigte es gleich in der Schlinge, steckte beide Hände in die Taschen und verließ die Kammer. Niemand hatte es gesehen!
„Wenn der Verstand nicht hilft, so tut es der Teufel!“ dachte er mit einem sonderbaren Lächeln. Dieser Zufall hatte ihn außerordentlich ermutigt.
Er ging langsam und bedächtig, ohne sich zu beeilen, um ja keinen Verdacht zu erwecken. Er sah die Vorübergehenden wenig an, versuchte ihnen nicht ins Gesicht zu sehen, um selber möglichst unerkennbar zu sein. Plötzlich fiel ihm sein Hut ein. „Mein Gott! Geld hatte ich vorgestern noch gehabt und bin nicht auf den Gedanken gekommen, mir eine Mütze zu kaufen!“
Ein Fluch kam über seine Lippen. Als er zufällig in einen Laden hineinblickte, sah er, daß die Wanduhr dort schon zehn Minuten über sieben zeigte. Nun mußte er sich beeilen und gleichzeitig einen Umweg machen, – er wollte das Haus von der anderen Seite erreichen ... Früher, als er ab und zu sich dies alles in der Phantasie vorstellte, hatte er gemeint, daß er große Angst haben werde. Aber er fürchtete sich jetzt nicht besonders, ja eigentlich gar nicht. In diesem Augenblicke beschäftigten ihn selbst ganz andere Gedanken, doch nur immer kurze Zeit. Als er an dem Jussupowschen Garten vorbeiging, vertiefte er sich ziemlich stark in die Idee, hohe Springbrunnen zu errichten, und malte sich aus, wie gut sie die Luft auf allen Plätzen erneuern würden. Allmählich kam er zu der Überzeugung, daß, wenn man den Sommergarten über den ganzen Exerzierplatz erweitern und ihn womöglich mit dem Michailoffschen Schloßpark vereinigen würde, die Stadt dadurch einen schönen großen Nutzen haben würde. Dabei interessierte ihn wiederum die Frage, warum gerade in allen großen Städten der Mensch nicht bloß aus reiner Notwendigkeit, sondern aus anderen Gründen geneigt ist, sich in solchen Stadtteilen niederzulassen und zu leben, wo es keine Gärten, keine Springbrunnen gibt, wo Schmutz und Gestank und allerhand Abscheuliches herrscht. Es kamen ihm auch seine eigenen Spaziergänge über den Heumarkt in den Sinn, und er besann sich auf sein Vorhaben.
„Was für ein Unsinn!“ dachte er. „Nein, besser, ich denke an gar nichts.“
„Wahrscheinlich in ähnlicher Weise heften sich die Gedanken derer, die man zur Hinrichtung führt, an alle Gegenstände, die sie auf ihrem Wege treffen,“ fuhr es blitzartig durch seinen Kopf. Er verjagte schnell diesen Gedanken ... da ist das Haus, er sieht das Tor. Irgendwo schlug plötzlich eine Uhr einmal. „Was, ist es schon halb acht? Das kann nicht sein, sie geht wahrscheinlich vor!“
Zu seinem Glück ging unter dem Tore alles wieder gut vonstatten. Wie absichtlich fuhr in diesem Augenblicke unter das Tor ein ungeheurer Wagen voll Heu, so daß er ihn die ganze Zeit, während er das Tor passierte, verdeckte, und als der Wagen in den Hof hineinfuhr, huschte er in einem Nu nach rechts. Dort, auf der anderen Seite des Wagens, hörte man, wie einige Stimmen schrien und sich stritten, ihn aber hatte niemand bemerkt und er begegnete auch niemandem. Viele Fenster, die auf den großen viereckigen Hof hinausgingen, standen offen, aber er erhob nicht den Kopf, – er hatte keine Kraft dazu. Die Treppe zu der Wohnung der Alten lag in der Nähe, gleich rechts von dem Tore. Er war schon auf der Treppe ...
Er holte Atem, hielt die Hand auf das klopfende Herz, fühlte dabei nach dem Beile, rückte es zurecht und begann vorsichtig und leise die Treppe hinaufzusteigen, alle Augenblicke horchend. Auch die Treppe war um diese Zeit vollkommen leer; alle Türen waren verschlossen; er begegnete auch da niemandem. Im zweiten Stocke stand wohl eine leere Wohnung weit offen, und in ihr arbeiteten Maler, aber auch die sahen nicht zu ihm hin. Er stand einen Augenblick still, dachte nach und ging weiter. – „Gewiß, es wäre noch besser, wenn sie nicht da wären, aber ... über ihnen liegen noch zwei Stockwerke. Aber da ist nun der vierte Stock, da ist die Türe, und die Wohnung gegenüber, die ist unbewohnt. Im dritten Stocke steht die Wohnung, die unter der Wohnung der Alten liegt, allen Anzeichen nach auch leer, – die Visitenkarte, die an der Türe mit Nägeln befestigt war, ist abgenommen, – also sind sie ausgezogen!“ ... Sein Atem stockte. Einen Augenblick durchzuckte ihn der Gedanke: „Soll ich nicht fortgehen!“ Er gab sich aber keine Antwort und begann an der Türe zu der Wohnung der Alten zu horchen, – es war totenstill. Dann lauschte er nochmals die Treppe hinab, lauschte lange und aufmerksam ... Dann sah er sich zum letzten Male um, nahm sich zusammen, faßte sich und tastete noch einmal nach dem Beil in der Schlinge.
„Bin ich nicht zu ... blaß?“ dachte er. „Bin ich nicht zu erregt? Sie ist mißtrauisch ... Soll ich nicht besser noch ein wenig warten ... bis das Herz sich beruhigt? ...“
Das Herz aber beruhigte sich nicht. Im Gegenteil, es klopfte, wie absichtlich, immer stärker und stärker ... Er hielt es nicht aus, langsam streckte er die Hand nach der Klingel und schellte. Nach einer halben Minute schellte er noch einmal etwas lauter.
Keine Antwort. Unnütz zu klingeln ging nicht an und paßte außerdem nicht für ihn. Die Alte ist selbstverständlich zu Hause, aber sie ist mißtrauisch und allein. Er kannte teilweise ihre Gewohnheiten ... und er legte noch einmal sein Ohr fest an die Türe. Waren seine Sinne so geschärft (was überhaupt sich schwer vorstellen läßt) oder war tatsächlich es deutlich zu hören, er unterschied das vorsichtige Tasten einer Hand an der Türklinke und das Rascheln eines Kleides an der Türe. Jemand stand unbemerkbar innen am Schlosse selbst und lauschte ebenso, wie er hier von außen, mit angehaltenem Atem und wie es schien, ebenso mit dem Ohre an der Türe ... Er machte absichtlich eine Bewegung und murmelte laut etwas vor sich hin, um zu zeigen, daß er sich nicht verstecke. Dann schellte er zum dritten Male, aber leise, mit Anstand und ohne Ungeduld. Wenn er sich später dessen erinnerte, deutlich und klar, – dieser Augenblick hat sich ihm auf ewig eingeprägt, – konnte er nicht begreifen, woher soviel Schlauheit über ihn gekommen war, besonders, da sein Verstand sich zeitweise verdunkelte und er seinen Körper fast gar nicht fühlte ... Einen Augenblick nachher hörte man, daß der Verschluß abgenommen wurde.
VII.
Die Türe wurde, wie auch damals, um einen einzigen Spalt geöffnet, und wieder hafteten auf ihm zwei scharfe und mißtrauische Augen aus der Dunkelheit. Da verlor Raskolnikoff die Fassung und machte beinahe einen großen Fehler.
In der Befürchtung, daß die Alte erschrecken würde, weil sie allein sei, und da er nicht glauben konnte, daß sein Anblick sie beruhigen würde, griff er nach der Türe und zog sie zu sich, damit die Alte nicht auf den Gedanken komme, sich wieder einzuschließen. Als die Alte das sah, zog sie die Türe nicht zurück, ließ aber auch nicht die Türklinke los, so daß er sie beinahe mit der Türe auf die Treppe hinauszog. Da er aber sah, daß sie quer vor der Türe stand und ihn nicht durchlassen wollte, ging er direkt auf sie los. Die Alte sprang erschreckt zurück, wollte etwas sagen, aber schien es nicht zu können und sah ihn unverwandt an.
„Guten Tag, Aljona Iwanowna,“ begann er möglichst ungezwungen, aber die Stimme gehorchte nicht, sie brach ab und zitterte. „Ich habe Ihnen ... ein Versatzstück gebracht ... aber wir gehen besser hierher ... wo es hell ist ...“ Er ließ sie stehn und ging ohne Aufforderung in das Zimmer. Die Alte lief ihm nach, ihre Zunge hatte sich gelöst.
„Herrgott! Was wollen Sie? ... Wer sind Sie? Was wollen Sie?“
„Erlauben Sie, Aljona Iwanowna ... ich bin Ihnen bekannt ... Raskolnikoff ... da haben Sie, ich habe ein Versatzstück gebracht, wie ich vor ein paar Tagen versprach ...“
Und er reicht ihr das Versatzstück hin.
Die Alte warf einen leichten Blick auf das Versatzstück, aber richtete sofort ihre Augen direkt ins Gesicht des ungebetenen Gastes. Sie sah ihn aufmerksam, böse und mißtrauisch an. Es verging eine Minute; ihm schien sogar, in ihren Augen liege etwas wie Spott, als ob sie schon alles erraten hätte. Er fühlte, daß er die Fassung verlor, und daß ihn die Furcht packte, eine so starke Furcht, daß ihm schien, wenn sie ihn noch eine halbe Minute so weiter angesehen hätte, er ohne ein Wort zu sagen weggelaufen wäre.
„Warum sehen Sie mich so an, als ob Sie mich nicht wiedererkennen?“ sagte er plötzlich ebenfalls böse. „Wenn Sie wollen, nehmen Sie es zum Versatz, wenn nicht, – gehe ich zu anderen, ich habe keine Zeit.“
Er wußte selbst nicht, wie er zu diesen Worten kam.
Die Alte kam zu sich, und der entschlossene Ton des Besuchers gab ihr anscheinend Mut.
„Warum sind Sie hergekommen, Väterchen, was ist das?“ fragte sie und blickte auf das Versatzstück.
„Ein silbernes Zigarettenetui; ich sprach vorigesmal davon!“
Sie streckte die Hand aus.
„Warum sind Sie so blaß? Auch Ihre Hände zittern! Haben Sie gebadet?“
„Fieber habe ich,“ antwortete er kurz. „Unwillkürlich wird man blaß ... wenn man nichts zu essen hat,“ fügte er, die Worte kaum aussprechend, hinzu. Die Kräfte verließen ihn wieder. Die Antwort aber erschien wahrheitsgetreu; denn die Alte nahm das Versatzstück.
„Was ist es?“ fragte sie, indem sie Raskolnikoff noch einmal prüfend ansah und das Versatzstück in der Hand wog.
„Ein Ding ... ein Zigarettenetui ... aus Silber ... Sehen Sie nach.“
„Hm, mir scheint es nicht aus Silber ... Sieh, wie er es zugeschnürt hat ...“ Indem sie versuchte, den Bindfaden zu lösen und sich zum Fenster gegen das Licht wandte (alle Fenster waren trotz der schwülen Hitze geschlossen), ließ sie ihn auf ein paar Sekunden aus dem Auge und stellte sich mit dem Rücken gegen ihn. Er knöpfte seinen Mantel auf und zog das Beil aus der Schlinge, aber er holte es noch nicht hervor, sondern hielt es mit der rechten Hand unter dem Mantel. Seine Hände waren furchtbar schwach; er fühlte selbst, wie sie mit jedem Augenblick immer mehr erlahmten und erstarrten. Er fürchtete, daß er das Beil fallen lassen werde ... plötzlich schwindelte ihm der Kopf.
„Was hat er denn da umgewickelt!“ rief die Alte ärgerlich aus und machte eine Bewegung nach seiner Seite. Kein Moment länger durfte verloren gehen. Er zog das Beil ganz hervor, hob es, kaum daß er sich dessen bewußt war, mit beiden Händen empor und ließ es fast ohne Anstrengung, fast mechanisch mit der breiten Seite auf den Kopf der Alten niederfallen. Er hatte, wie es schien, dabei keine Kraft angewandt. Aber kaum hatte er das Beil zum ersten Male fallen lassen, da kamen auch die Kräfte.
Die Alte war wie immer barhäuptig. Ihre hellen, leicht ergrauten dünnen Haare, wie gewöhnlich fettig geölt, waren in rattenschwanzartige kleine Flechten geflochten und wurden von einem abgebrochenen Hornkamme, der auf ihrem Hinterkopfe saß, zusammengehalten. Der Schlag hatte sie bei ihrer Kleinheit direkt auf den Scheitel getroffen. Sie schrie auf, aber sehr leise, ihre beiden Hände gegen den Kopf erhebend. In der einen Hand hielt sie das „Versatzstück“ fest. Da schlug er aus aller Kraft ein zweites und ein drittes Mal zu, immer mit der breiten Seite und immer gegen den Scheitel. Das Blut strömte hervor wie aus einem zersprungenen Glase, und der Körper fiel zu Boden mit dem Gesichte nach oben. Er trat einen Schritt zurück, ließ den Körper liegen und beugte sich über ihr Gesicht; sie war schon tot. Die Augen waren weit aufgerissen, als ob sie herausspringen wollten, und die Stirn und das ganze Gesicht waren verzogen und krampfhaft verzerrt.
Er legte das Beil auf die Diele neben die Tote, langte eilends in ihre Tasche, in dieselbe rechte Tasche, aus der sie das vorige Mal die Schlüssel hervorgeholt hatte, und suchte zu verhindern, daß er sich mit dem fließenden Blute beschmiere. Er war bei klarem Verstande, Verdüsterungen und Schwindel fühlte er nicht mehr, aber die Hände zitterten immer noch. Er erinnerte sich später, daß er sogar sehr aufmerksam und vorsichtig war und immer versuchte, sich nicht zu beschmutzen ... Die Schlüssel zog er sofort heraus; sie hingen alle wie damals an einem Schlüsselbunde, an einem Ringe von Stahl. Er lief sofort mit ihm in das Schlafzimmer. Das war ein sehr kleines Zimmer mit einer großen Sammlung Heiligenbilder. An der anderen Wand stand ein großes Bett, sehr reinlich, mit einer wattierten Decke, die mit bunten Seidenflicken besetzt war. An der dritten Wand stand eine Kommode. Wie seltsam, kaum begann er die Schlüssel an der Kommode zu probieren, kaum hörte er ihr Rascheln, da kam der Krampf über ihn. – Er bekam wieder Lust, alles liegenzulassen und fortzugehen. Aber das dauerte nur einen Augenblick; es war zu spät, fortzugehen. Er lächelte sogar über sich selbst, als plötzlich ein anderer beunruhigender Gedanke durch seinen Kopf fuhr. Ihm däuchte plötzlich, daß die Alte vielleicht noch lebe und zu sich kommen könne. Er ließ die Schlüssel fallen, lief zurück zu der Toten, ergriff das Beil und erhob es noch einmal über die Alte, ließ es aber nicht niedersausen. Es gab keinen Zweifel, sie war tot. Indem er sich über sie beugte und sie wieder in der Nähe betrachtete, sah er deutlich, daß der Schädel zerschmettert und sogar ein wenig nach der Seite verschoben war. Er wollte mit dem Finger es befühlen, aber er riß die Hand zurück; es war ja ohnedem zu sehen. Indessen war schon eine ganze Pfütze Blut zusammengelaufen. Plötzlich bemerkte er an ihrem Halse eine Schnur, er riß daran, aber die Schnur war stark und ließ sich nicht zerreißen, außerdem war sie mit Blut durchtränkt. Er versuchte sie so unter dem Busen hervorzuziehen, aber etwas hielt die Schnur fest. Ungeduldig wollte er wieder das Beil emporheben, um die Schnur von oben über den Körper durchzuschlagen, aber er wagte es nicht, und mit großer Mühe zerschnitt er nach einer Arbeit von zwei Minuten die Schnur, ohne mit dem Beile den Körper zu berühren, wobei er aber seine Hände und das Beil mit Blut besudelt hatte; er hatte sich nicht geirrt – an der Schnur hing ein Beutel. Außerdem hingen daran zwei Kreuze, eins von Zypressen und das andere von Kupfer, und ein Heiligenbildchen aus Emaille; es war ein kleiner beschmutzter Beutel aus Sämischleder mit einer stählernen Spanne und kleinem Ringe. Der Beutel war sehr voll gepackt. Raskolnikoff steckte ihn, ohne ihn näher zu betrachten, in die Tasche, die Kreuze warf er der Alten auf die Brust, nahm diesmal das Beil auch mit und stürzte in das Schlafzimmer zurück.
Er war in schrecklicher Hast, nahm die Schlüssel und versuchte sie von neuem. Aber es gelang ihm immer nicht, sie paßten nicht für die Schlösser. Nicht, weil seine Hände zitterten, aber er irrte sich immer; er sah zum Beispiel, daß es nicht der richtige Schlüssel war, daß er nicht paßte, trotzdem probierte er ihn immer wieder. Plötzlich dachte er daran und es leuchtete ihm ein, daß dieser große Schlüssel mit dem zackigen Barte, der an dem Ringe mit den anderen kleinen zusammenhing, gar nicht zu der Kommode gehörte (wie es ihm schon vorigesmal in den Sinn gekommen war), sondern unbedingt zu einer Truhe gehören mußte, und daß in dieser Truhe vielleicht alles aufbewahrt war. Er verließ die Kommode und kroch sofort unter das Bett, da er wußte, daß die Truhen gewöhnlich bei alten Frauen unter dem Bette stehen. Es stimmte, es stand darunter eine ziemlich große Truhe, ungefähr ein Meter lang, mit einem halbrunden Deckel, mit rotem Saffian beschlagen. Der zackige Schlüssel paßte und schloß die Truhe auf. Oben, unter einem weißen Laken, lag ein mit rotem Stoff bezogener Pelz aus Hasenfellen; unter ihm ein seidenes Kleid, ein Schal und in der Tiefe lagen, wie es schien, allerhand Kleidungsstücke. Zuerst begann er seine mit Blut besudelten Hände an dem roten Stoff abzuwischen. „Der Stoff ist rot und bei rot ist Blut nicht so auffallend,“ dachte er und plötzlich kam er zu sich. „Mein Gott! Verliere ich den Verstand?“ sagte er sich erschreckt.
Kaum aber hatte er die Lumpen angerührt, als plötzlich unter dem Pelze eine goldene Uhr hervorglitt. Er machte sich daran, alles in der Truhe umzuwerfen. Zwischen den Kleidungsstücken waren in der Tat goldene Sachen untergebracht – wahrscheinlich alles versetzte Sachen, gekaufte oder nicht ausgelöste Armbänder, Ketten, Ohrringe, Busennadeln und dergleichen mehr. Manche Pfänder waren in Futteralen, andere wieder einfach in Zeitungspapier eingeschlagen, aber peinlich und sorgfältig in doppelte Bogen und mit Bindfaden zugeschnürt. Ohne einen Moment zu zögern, begann er seine Hosentaschen und die Taschen im Mantel mit den Sachen zu füllen; er untersuchte nicht und öffnete nicht die Pakete und die Futterale, aber er kam nicht dazu, viel einzustecken ...
Denn plötzlich hörte er in dem Zimmer, wo die Alte lag, Schritte. Er ließ das Kramen und verhielt sich still, wie ein Toter. Alles war aber ruhig, also hatte er nur geträumt. Aber da hörte er deutlich einen leisen Schrei, als wenn jemand leise und abgerissen stöhnte und darauf schwieg. Wieder trat eine Totenstille ein, eine Minute oder zwei Minuten lang. Er horchte neben der Truhe und wartete mit angehaltenem Atem, plötzlich aber sprang er auf, ergriff das Beil und lief aus dem Schlafzimmer.
Mitten im Zimmer stand Lisaweta mit einem großen Bündel in der Hand und sah erstarrt die ermordete Schwester an; sie war weiß wie Linnen und schien außerstande zu schreien. Als sie ihn hereinlaufen sah, erzitterte sie wie ein Blatt, und ihr ganzes Gesicht zuckte; sie erhob die eine Hand, öffnete den Mund, schrie aber trotzdem nicht und begann langsam rückwärts vor ihm in eine Ecke zurückzuweichen, ihm unverwandt ins Gesicht sehend, aber immer noch nicht schreiend, als ob es ihr an Luft mangele. Er stürzte sich auf sie mit dem Beile. Ihre Lippen verzogen sich so kläglich, wie es ganz kleine Kinder tun, wenn sie sich vor etwas fürchten, den Gegenstand ihrer Furcht unverwandt ansehen und sich anschicken zu schreien. Diese unglückliche Lisaweta war so einfältig und so völlig eingeschüchtert, daß sie nicht einmal ihre Hände erhob, um das Gesicht zu schützen, obwohl das doch die unwillkürlichste und natürlichste Bewegung in diesem Augenblicke gewesen wäre, während das Beil über ihrem Kopfe schwebte. Sie erhob nur ein wenig ihre freie linke Hand, aber bei weitem nicht bis zum Gesichte und streckte sie ihm langsam entgegen, als ob sie ihn zur Seite schieben wollte. Der Schlag traf direkt den Schädel mit der scharfen Seite des Beiles und durchschnitt mit einem Male den ganzen oberen Teil der Stirn fast bis zur Schläfe. Sie stürzte sofort hin. Raskolnikoff verlor beinahe die Fassung, er ergriff ihr Bündel, warf es wieder hin und lief in das Vorzimmer.
Die Angst packte ihn mehr und mehr nach diesem zweiten, vollkommen unerwarteten Morde. Er wollte schnell von hier fort. Und wenn er in diesem Augenblicke imstande gewesen wäre, klarer zu sehen und zu denken, wenn er sich alle Schwierigkeiten seiner Lage, die ganze Verzweiflung, den ganzen Ekel und den ganzen Wahnsinn der Situation hätte vorstellen können und dabei verstanden hätte, wieviel Hindernisse, vielleicht auch Verbrechen er noch überwinden und vollbringen mußte, um von hier loszukommen und nach Hause zu gelangen, dann hätte er wahrscheinlich alles im Stiche gelassen und wäre sofort hingegangen und hätte sich selbst gestellt; und er hätte es nicht aus Furcht getan für seine Person, sondern nur aus Schrecken und Widerwillen allein vor dem, was er vollbracht hatte. Besonders der Widerwillen stieg und wuchs in ihm mit jedem Augenblicke. Um keinen Preis in der Welt würde er jetzt zu der Truhe oder in das Zimmer zurückgegangen sein.
Aber eine Zerstreutheit, eine Nachdenklichkeit kam allmählich über ihn; einige Minuten blieb er wie verloren stehen oder besser, er verlor sich in Kleinigkeiten und vergaß die Hauptsache. Als er übrigens einen Blick in die Küche warf und auf einer Bank einen Eimer sah, der zur Hälfte mit Wasser gefüllt war, kam er auf den Gedanken, seine Hände und das Beil abzuwaschen. Seine Hände waren blutig und klebten. Das Beil steckte er mit der Schneide einfach ins Wasser, ergriff ein Stück Seife, das auf dem Fensterbrette auf einer zerschlagenen Untertasse lag und begann im Eimer selbst seine Hände zu waschen. Nachdem er die Hände gereinigt hatte, zog er auch das Beil heraus, wusch das Eisen ab und wusch lange, gegen drei Minuten lang, die Blutflecken vom Holze ab und versuchte sogar das Blut mit Seife abzuwaschen. Dann trocknete er alles mit Wäschestücken ab, die hier an einem Stricke trockneten, und besah lange voll Aufmerksamkeit am Fenster das Beil. Spuren waren nicht da, nur das Holz war noch feucht. Er steckte sorgfältig das Beil in die Schlinge unter dem Mantel. Darauf besah er den Mantel, die Hosen und die Stiefel, soweit es ihm das Licht in der halbdunklen Küche erlaubte. Beim ersten Blick schien man außen nichts zu sehen; nur auf den Stiefeln waren Flecken. Er machte einen Lappen naß und wischte die Stiefel ab. Er wußte übrigens, daß er nicht gut sehen konnte, daß es vielleicht etwas in die Augen Fallendes gab, was er nicht bemerkte. In Nachdenken versunken, stand er mitten im Zimmer. Ein quälender dunkler Gedanke erstand in ihm – der Gedanke, daß er den Verstand verliere, und daß er in diesem Augenblicke weder denken noch sich verteidigen könne, daß vielleicht gar nicht das zu tun sei, was er jetzt tue ...