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Sämtliche Werke 1-2

Vierter Teil

E. K. Rahsin translation

I.

„Ist das etwa die Fortsetzung des Traumes?“ dachte Raskolnikoff noch einmal.

Er betrachtete vorsichtig und mißtrauisch den unerwarteten Besucher.

„Sswidrigailoff? Welch ein Unsinn! Es kann nicht sein!“ sagte er schließlich laut und zweifelnd.

Der Besucher schien über diesen Ausruf gar nicht erstaunt zu sein.

„Ich bin zu Ihnen aus zwei Gründen gekommen, – erstens wollte ich Sie persönlich kennenlernen, da ich längst über Sie sehr Interessantes und Vorteilhaftes gehört habe; zweitens aber bilde ich mir ein, daß Sie sich vielleicht nicht weigern werden, mir bei einem Vorhaben zu helfen, das besonders die Interessen Ihrer Schwester Awdotja Romanowna betrifft. Mich allein, ohne Empfehlung, wird sie vielleicht jetzt nicht mal ins Haus lassen infolge eines Vorurteiles; mit Ihrer Hilfe rechne ich darauf.“

„So rechnen Sie schlecht,“ unterbrach ihn Raskolnikoff.

„Ihre Angehörigen sind doch erst gestern angekommen, erlauben Sie mir die Frage?“

Raskolnikoff antwortete nicht.

„Ja, gestern, ich weiß es. Ich bin selbst erst seit vorgestern hier. Doch, was soll ich Ihnen weiter sagen, Rodion Romanowitsch; ich halte es für überflüssig, mich zu rechtfertigen, nur eins lassen Sie mich bemerken, – habe ich denn tatsächlich etwas verbrochen, wenn man alles ohne Vorurteile, mit ruhiger Vernunft betrachtet?“

Raskolnikoff betrachtete ihn immer noch schweigend.

„Der Umstand, daß ich in meinem Hause ein wehrloses, junges Mädchen verfolgt und ‚sie mit meinen abscheulichen Anerbieten beleidigt habe‘, soll ein Verbrechen sein? Ich komme Ihnen zuvor. – Denken Sie doch daran, daß ich auch nur ein Mensch bin, et nihil humanum ... mit einem Worte, daß ich auch fähig bin, Reize zu empfinden und zu lieben, – was sicher nicht mit unserem Wollen geschieht, sondern in unserer Natur liegt, und damit läßt sich alles auf die allernatürlichste Weise erklären. Die Frage ist nur die, bin ich ein Scheusal oder selbst ein Opfer? Nun, und wenn ich das Opfer bin? Und sehen Sie, indem ich dem Gegenstande meiner Liebe anbot, mit mir nach Amerika oder in die Schweiz zu fliehen, empfand ich dabei die allerehrerbietigsten Gefühle und glaubte uns zum gegenseitigen Glück zu verhelfen! ... Der Verstand dient doch der Leidenschaft, und ich richtete mich selbst dabei zugrunde, das müssen Sie doch auch in Betracht ziehen! ...“

„Darum handelt es sich gar nicht,“ unterbrach ihn Raskolnikoff voll Widerwillen. „Sie sind mir einfach widerlich, ob Sie schuldig sind oder nicht, und man will mit Ihnen nichts zu tun haben, man jagt Sie fort und so gehen Sie doch Ihrer Wege! ...“

Sswidrigailoff lachte laut auf.

„Aber Sie sind ... man kann Sie nicht verwirren!“ sagte er und lachte offen heraus, „ich dachte es schlau angefangen zu haben, aber es gelang nicht, Sie stellten sich gleich auf den richtigsten Standpunkt.“

„Ja, und Sie wollen auch in diesem Augenblicke schlau sein.“

„Was wäre dabei? Nun, was wäre dabei?“ wiederholte Sswidrigailoff und lachte weiter. „Es ist doch bonne guerre, wie man es nennt und eine höchst erlaubte Schlauheit! ... Aber Sie haben mich unterbrochen; ich wiederhole noch einmal, ob es so oder anders gekommen wäre, es wären keine Unannehmlichkeiten vorgefallen, wenn nicht noch der Auftritt im Garten hinzugekommen wäre. Marfa Petrowna ...“

„Marfa Petrowna, sagt man, haben Sie auch ins Grab gebracht?“ unterbrach ihn schroff Raskolnikoff.

„Sie haben auch davon gehört? Wie sollten Sie es übrigens nicht zu hören bekommen ... Hier weiß ich wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll, obwohl mein eigenes Gewissen in dieser Beziehung im höchsten Maße ruhig ist. Glauben Sie ja nicht, daß ich irgend etwas dabei fürchte; dies alles ist in völliger Ordnung und mit Genauigkeit geprüft worden, – die ärztliche Untersuchung hat einen Herzschlag nachgewiesen, der infolge sofortigen Badens nach einem reichlichen Mittagessen erfolgt ist, wobei fast eine ganze Flasche Wein geleert wurde, und anderes konnte nicht festgestellt werden ... Nein, sehen Sie, ich habe eine Zeitlang, besonders im Eisenbahnwagen auf dem Wege hierher nachgedacht, ob ich zu diesem ... Unglück irgendwie, moralisch, durch Reizung oder etwas ähnliches, nicht beigetragen habe? Ich bin zu dem Resultate gekommen, daß dies positiv nicht der Fall sein konnte.“

Raskolnikoff lachte.

„Warum fällt es Ihnen denn noch ein, sich so zu beunruhigen?“

„Worüber lachen Sie denn? Denken Sie doch nach, – ich habe sie nur zweimal mit der Reitgerte geschlagen, ohne daß Spuren zu sehen waren ... Halten Sie mich, bitte, nicht für frivol; ich weiß sehr wohl, daß das schändlich von mir war ... und so weiter; aber ich weiß auch sicher, daß Marfa Petrowna vielleicht froh war über meinen, sagen wir, Mangel an Beherrschung. Die Geschichte mit Ihrer Schwester war bis zum letzten Tropfen erschöpft. Marfa Petrowna sah sich gezwungen, den dritten Tag schon zu Hause zu sitzen; sie hatte nichts, womit sie sich im Städtchen zeigen konnte, und außerdem war sie allen mit diesem Briefe – über das Vorlesen dieses Briefes haben Sie doch gehört, – lästig geworden. Da kamen ihr diese zwei Schläge mit der Reitgerte wie vom Himmel geschickt, – ihr erstes war, sofort den Wagen vorfahren zu lassen! ... Ich spreche nicht mal davon, daß es bei Frauen Fälle gibt, wo es ihnen sehr, sehr angenehm ist, beleidigt worden zu sein, trotz der zur Schau getragenen Entrüstung! Diese Fälle kommen bei allen vor. – Der Mensch liebt es im allgemeinen sehr, beleidigt zu sein; haben Sie das noch nicht bemerkt? Bei Frauen aber ist dies besonders der Fall. Man kann so weit gehen und sagen, daß sie sich damit gern die Zeit vertreiben.“

Einen Augenblick dachte Raskolnikoff aufzustehen und wegzugehen, um dadurch diesem Besuche ein Ende zu machen. Eine gewisse Neugier aber und vielleicht Berechnung hielten ihn für eine Weile zurück.

„Sie prügeln wohl gerne?“ fragte er ihn zerstreut.

„Nein, nicht besonders,“ antwortete Sswidrigailoff ruhig. „Und mit Marfa Petrowna habe ich mich fast nie geprügelt. Wir lebten in großer Eintracht und sie war stets mit mir zufrieden. Die Gerte habe ich in den sieben Jahren nur zweimal gebraucht, wenn man ein drittes Mal, das übrigens sehr zweifelhaft ist, nicht mitzählt; das erste Mal war es zwei Monate nach unserer Heirat, gleich nach der Ankunft auf dem Gut, und nun der jetzige, letzte Fall. Sie dachten schon, ich sei so ein Scheusal, Rückschrittler und Anhänger der Leibeigenschaft? He–he–he ... Ja, nebenbei gesagt, – erinnern Sie sich nicht, Rodion Romanowitsch, wie vor einigen Jahren, noch zu Zeiten der wohltätigen Pressefreiheit, man einen Edelmann – ich habe seinen Namen vergessen, – der eine Deutsche im Eisenbahnwagen verprügelte, öffentlich an den Pranger stellte, erinnern Sie sich noch? Es war im selben Jahre, glaube ich, als die ‚Egyptischen Nächte‘ öffentlich vorgetragen wurden und ein Skandal passierte, erinnern Sie sich jetzt? ‚Schwarze Augen! Oh, wo bist du, goldene Zeit unserer Jugend! ...‘ So, und hier haben Sie meine Meinung, – für den Herrn, der die Deutsche verprügelte, habe ich keine Sympathie, denn warum soll man in der Tat ... mit dem sympathisieren! Hierbei kann ich nicht umhin zu bemerken, daß zuweilen sich solche anregende ‚Deutsche‘ finden, und daß es keinen einzigen Fortschrittler, wie es mir scheint, gibt, der für sich vollkommen garantieren könnte. Von diesem Standpunkte hatte damals niemand die Sache betrachtet, indessen aber ist er der eigentlich humane Standpunkt wahrhaftig, so ist es!“

Nachdem er das gesagt hatte, lachte Sswidrigailoff von neuem. Raskolnikoff war es klar, daß dieser Mensch, der sich etwas fest vorgenommen hatte, darauf bestimmt lossteuerte.

„Sie haben jedenfalls einige Tage nacheinander mit niemandem gesprochen?“ fragte er ihn.

„Das könnte stimmen. Warum? Sie wundern sich wohl, daß ich so gesprächig bin.“

„Nein, ich wundere mich, daß Sie so vernünftig reden.“

„Weil ich mich durch die Grobheit Ihrer Zwischenfragen nicht gekränkt fühlte? Ist es so? Ja ... warum sollte ich gekränkt sein? Wie man mich fragte, so antwortete ich auch,“ fügte er mit wunderbarer Gutmütigkeit hinzu. „Ich interessiere mich fast für nichts, bei Gott,“ fuhr er fort, wie sinnend. „Ich bin besonders jetzt mit nichts beschäftigt ... Übrigens ist es begreiflich, wenn Sie denken, ich wollte mich bei Ihnen einschmeicheln und um so mehr, weil ich ein Anliegen, wie ich selbst erklärte, an Ihre Schwester habe. Aber ich will Ihnen offen sagen, – mir ist es langweilig, besonders seit diesen drei Tagen, so daß ich mich auf Ihre Gesellschaft freute ... Seien Sie mir aber nicht böse, Rodion Romanowitsch, Sie kommen mir aber selbst sehr merkwürdig vor. Fassen Sie es auf wie Sie wollen, aber es ist etwas an Ihnen und gerade jetzt, nicht nur in diesem Augenblicke, sondern überhaupt jetzt ... Nun, nun, ich will nicht mehr davon reden, verziehen Sie nur nicht gleich die Stirn! Ich bin doch nicht solch ein Bär, wie Sie glauben.“

Raskolnikoff blickte ihn finster an.

„Sie sind vielleicht gar kein Bär,“ sagte er. „Mir scheint es sogar, Sie gehören zur guten Gesellschaft oder Sie verstehn wenigstens bei Gelegenheit auch ein anständiger Mann zu sein.“

„Ich interessiere mich auch nicht besonders für irgend wessen Meinung über mich,“ antwortete Sswidrigailoff trocken, mit einem Anfluge von Hochmut, „und warum soll man nicht fade sein, wenn diese Art unserem Lande so geläufig ist und ... und wenn man noch eine natürliche Neigung dazu hat,“ fügte er hinzu und lachte wieder.

„Ich habe gehört, daß Sie hier viele Bekannte haben. Sie sind doch nicht ohne das, was man ‚Verbindungen‘ nennt. Wozu haben Sie mich denn nötig, wenn nicht zu einem bestimmten Zwecke?“

„Ganz richtig, ich habe Bekannte hier,“ fuhr Sswidrigailoff fort, ohne die Hauptfrage zu beantworten, „ich habe auch einige getroffen; ich wandre schon den dritten Tag herum, erkenne manche selbst wieder und mich scheint man auch wiederzuerkennen. Ich bin anständig angezogen und werde für keinen armen Menschen gehalten; uns hat die Aufhebung der Leibeigenschaft nicht berührt, – uns sind Wälder und Wiesen geblieben, das Einkommen ist demnach nicht vermindert worden. Aber ... ich will meine Beziehungen nicht pflegen, auch früher waren sie mir langweilig. Ich gehe nun den dritten Tag herum und gebe mich nicht zu erkennen ... Dazu kommt noch diese Stadt! Sagen Sie mir bitte, wie ist sie entstanden! Eine Stadt von Beamten und allerhand Seminaristen! Ich habe wirklich früher vieles nicht bemerkt, als ich vor acht Jahren mich hier herumtrieb ... Ich setzte alle meine Hoffnungen nur noch ganz allein auf die Anatomie, bei Gott!“

„Was für eine Anatomie?“

„Nun, ich hoffe auf alle diese Klubs und französischen Restaurants und vielleicht noch auf den Fortschritt, – nun, der möge nach unserem Tode kommen,“ fuhr er fort, ohne wieder die Frage zu beachten. „Und was ist das für ein Vergnügen, Falschspieler zu sein?“

„Waren Sie denn auch Falschspieler?“

„Warum denn auch nicht? Wir waren eine ganze Gesellschaft vor acht Jahren und eine höchst anständige; wir vertrieben uns die Zeit, und wissen Sie, es waren alles Menschen mit guten Umgangsformen, es waren Dichter und reiche Leute darunter. Ja, und überhaupt bei uns in der russischen Gesellschaft trifft man bei denen, die schon Prügel bekommen haben, die allerbesten Umgangsformen, – haben Sie es noch nicht gemerkt? Ich bin auf dem Lande ein wenig heruntergekommen. Und trotzdem wollte mich damals ein Griechenkerl aus Njeschin wegen Schulden ins Gefängnis einsperren lassen. Da tauchte Marfa Petrowna auf, handelte ein wenig und löste mich für dreißigtausend Silberlinge aus – im ganzen schuldete ich siebzigtausend. Wir traten in den gesetzlichen Ehestand und sie brachte mich sofort auf ihr Gut, als habe sie einen Schatz gehoben. Sie war um fünf Jahre älter als ich. Liebte mich sehr. Sieben Jahre habe ich dort gelebt. Und stellen Sie sich vor, sie hatte ihr ganzes Leben das Dokument in Händen, es war auf einen fremden Namen über diese dreißigtausend von mir ausgestellt, so daß, wenn ich beabsichtigte, mich gegen sie zu empören, – ich sofort ins Loch gekommen wäre. Und sie hätte es getan! Bei Frauen ist alles möglich.“

„Und wäre das Dokument nicht vorhanden gewesen, so wären Sie auch sicherlich schon lange ausgekniffen?“

„Ich weiß nicht, was ich Ihnen da sagen soll. Dieses Dokument genierte mich fast gar nicht. Ich hatte keine Lust, irgendwohin zu reisen, und Marfa Petrowna riet mir selbst ein paarmal eine Auslandsreise, als sie merkte, daß ich mich langweile. Wozu aber? Im Auslande war ich vorher gewesen und da war es mir immer langweilig. Eigentlich langweilte ich mich nicht, aber sehen Sie, man sieht die Sonne untergehen, ringsum ist das Meer – die Bucht von Neapel, und es wird einem traurig zumute. Am unangenehmsten ist es, daß man tatsächlich Sehnsucht nach Hause bekommt. Nein, in der Heimat ist es besser, – hier schiebt man die Schuld immer den andern zu und nimmt sich selbst in Schutz. Ich würde mich vielleicht jetzt gegebenenfalls an einer Expedition nach dem Nordpol beteiligen, denn – j’ai le vin mauvais, es widert mich an, zu trinken, und außer dem Wein bleibt mir nichts übrig. Man sagt, daß Berg am Sonntag im Jussupoffschen Garten in einem großen Ballon aufsteigen will und Mitreisende gegen eine bestimmte Bezahlung auffordert, ist das wahr?“

„Was, Sie wollen wohl mitfliegen?“

„Ich? Nein ... so ...“ murmelte Sswidrigailoff und wurde wirklich nachdenklich.

„Was ist mit dem nur los?“ dachte Raskolnikoff.

„Nein, das Dokument genierte mich nicht,“ fuhr Sswidrigailoff sinnend fort. „Ich verließ freiwillig nicht das Gut. Ja und es wird bald ein Jahr, seit Marfa Petrowna mir zu meinem Namenstage dieses Dokument zurückgab und außerdem mir noch eine nennenswerte Summe schenkte. Sie hatte ein schönes Vermögen. ‚Sehen Sie, wie ich Ihnen vertraue, Arkadi Iwanowitsch‘, wahrhaftig, so sagte sie. Sie glauben nicht, daß sie so gesagt hat? Wissen Sie, ich bin auf dem Lande ein anständiger Hauswirt geworden; man kennt mich im ganzen Umkreise. Ich ließ mir auch Bücher kommen. Marfa Petrowna fand es zuerst gut, später aber fürchtete sie immer, ich könnte mich durch zu vieles Lesen überanstrengen.“

„Sie vermissen Marfa Petrowna, wie es scheint, sehr?“

„Ich? Vielleicht. Wahrhaftig, vielleicht. Ja, nebenbei gesagt, glauben Sie an Gespenster?“

„Was für Gespenster?“

„An gewöhnliche Gespenster!“

„Sie glauben daran?“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht, pour vous plaire ... Das heißt eigentlich, glaube ich ...“

„Erscheinen sie bei Ihnen etwa?“

Sswidrigailoff blickte ihn sonderbar an.

„Marfa Petrowna geruht mich zu besuchen,“ sagte er und verzog seinen Mund zu einem merkwürdigen Lächeln.

„Was heißt es, sie geruht Sie zu besuchen?“

„Ja, sie ist schon dreimal dagewesen. Zum erstenmal sah ich sie am Tage der Beerdigung, eine Stunde nach ihrem Begräbnis. Das war am Tage vor meiner Abreise. Das zweitemal war es vorgestern auf der Reise, am frühen Morgen auf der Station Malaja Wischera, und zum dritten Male heute, vor zwei Stunden, in der Wohnung, wo ich abgestiegen bin; ich war allein.“

„Sehen Sie sie im wachen Zustande?“

„Vollkommen. Alle dreimal im wachen Zustande. Sie tritt herein, spricht einen Augenblick und geht durch die Tür hinaus, stets durch die Türe. Man kann es sogar hören.“

„Ich habe es mir gleich gedacht, daß mit Ihnen unbedingt irgend etwas dieser Art vorgehen muß!“ sagte plötzlich Raskolnikoff und staunte im selben Augenblicke, daß er das gesagt hatte. Er war in großer Aufregung.

„So, so? Sie haben es sich gedacht?“ fragte Sswidrigailoff verwundert. „Ist es möglich? Sagte ich nicht, daß es zwischen uns einen gemeinsamen Punkt geben muß.“

„Das haben Sie nie gesagt!“ antwortete scharf und außer sich Raskolnikoff.

„Habe ich es nicht gesagt?“

„Nein!“

„Mir war, als hätte ich es gesagt. Als ich vorhin eintrat und sah, daß Sie mit geschlossenen Augen liegen und sich bloß schlafend stellten, da sagte ich mir, ‚er ist derselbe!‘“

„Was heißt das – er ist derselbe? Was meinen Sie damit?“ rief Raskolnikoff aus.

„Was ich meine? Wirklich, ich weiß es nicht ...“ murmelte Sswidrigailoff offenherzig und scheinbar selbst verwirrt vor sich hin. Sie schwiegen etwa eine Minute und blickten einander unablässig an.

„Das ist alles Unsinn!“ rief Raskolnikoff ärgerlich. „Was sagt sie Ihnen denn, wenn sie erscheint?“

„Sie? Stellen Sie sich vor, sie spricht über die geringsten Kleinigkeiten und mögen Sie sich über mich wundern oder nicht, – gerade das ärgert mich. Das erstemal, als sie erschien, – wissen Sie, ich war müde nach der Totenmesse und dem Begräbnis und dem Essen und war in meinem Schreibzimmer allein geblieben, hatte mir eine Zigarre angesteckt und war in Gedanken versunken, – da trat sie also durch die Türe ein und sagte: ‚Arkadi Iwanowitsch, Sie haben heute bei all dem Trubel vergessen, die Uhr im Speisezimmer aufzuziehen.‘ Diese Uhr habe ich tatsächlich all die sieben Jahre jede Woche selbst aufgezogen, und wenn ich es vergessen hatte, erinnerte sie mich stets daran. Am anderen Morgen war ich schon auf der Reise hierher. Ich komme am frühen Morgen auf einer Station an, hatte die Nacht nur wenig geschlummert, fühlte mich zerschlagen, die Augen waren müde, und als ich mir eine Tasse Kaffee nahm, sah ich plötzlich, wie sich Marfa Petrowna neben mich mit einem Kartenspiel in der Hand hinsetzte. ‚Soll ich Ihnen nicht die Karten legen, Arkadi Iwanowitsch?‘ fragte sie mich. Sie war eine Meisterin im Kartenlegen. Nein, ich werde es mir nie verzeihen, daß ich mir die Karten nicht legen ließ. Ich lief im Schrecken fort, es war auch höchste Zeit, denn es wurde zum Abfahren geläutet. Heute sitze ich nun nach einem sehr schlechten Essen aus einer Stadtküche mit schwerem Magen da und rauche, – da erscheint wieder Marfa Petrowna sehr geputzt, in einem neuen grünen Seidenkleide mit einer sehr langen Schleppe. ‚Guten Tag, Arkadi Iwanowitsch!‘ sagte sie. ‚Wie gefällt Ihnen mein Kleid? Anisja kann es nicht so gut machen.‘ Anisja, wissen Sie, ist unsere Schneiderin auf dem Lande, eine frühere Leibeigene, hat ihr Handwerk in Moskau erlernt, – ein hübsches Mädel. Also, Marfa Petrowna steht vor mir und zeigt sich von allen Seiten. Ich besah mir das Kleid und blickte ihr dann aufmerksam ins Gesicht. ‚Was ist es für ein Vergnügen, Marfa Petrowna, wegen solcher Kleinigkeiten zu mir zu kommen und mich zu belästigen.‘ – ‚Ach, mein Gott, man darf Sie auch nicht mal fragen!‘ Und ich sagte ihr, um sie zu necken: ‚Ich will mich verheiraten, Marfa Petrowna.‘ – ‚Das kann man von Ihnen erwarten, Arkadi Iwanowitsch; Sie legen damit nicht viel Ehre ein, da Sie kaum Ihre Frau beerdigt haben und schon heiraten wollen. Und wenn Sie noch gut gewählt hätten, so aber – ich weiß es – werden weder Sie selbst, noch Ihre Auserwählte es gut haben.‘ Darauf ging sie hinaus mit rauschender Schleppe. Ist das nicht alles Unsinn?“

„Ich glaube, das sind alles ausgedachte Lügen?“ erwiderte Raskolnikoff.

„Ich lüge selten,“ antwortete Sswidrigailoff sinnend und als hätte er die Grobheit der Frage gar nicht gemerkt.

„Haben Sie nie vorher Gespenster gesehen?“

„Nein, ich habe wohl ein einziges Mal im Leben vor sechs Jahren ein Gespenst gesehen. Ich hatte einen Diener Filka; gerade, als man ihn beerdigt hatte, rief ich in der Zerstreutheit: ‚Filka, die Pfeife!‘ und er kam herein und ging zu dem Pfeifenständer. Ich saß und dachte, ‚er wird sich wohl rächen wollen‘, denn vor seinem Tode hatten wir uns ordentlich gezankt. ‚Wie, wagst du‘, sagte ich zu ihm, ‚zu mir mit einem zerrissenen Ellenbogen zu kommen, – hinaus, Hallunke!‘ Er wandte sich um, ging hinaus und erschien nie mehr. Ich habe es Marfa Petrowna nicht erzählt. Ich wollte für ihn eine Totenmesse abhalten lassen, aber genierte mich.“

„Gehen Sie zu einem Arzte!“

„Ich weiß auch ohne Sie, daß ich nicht gesund bin, obwohl ich wahrhaftig nicht weiß, wo es mir fehlt; meiner Ansicht nach bin ich sicher fünfmal gesünder als Sie. Ich habe Sie jedoch nicht danach gefragt. Ich habe Sie vielmehr gefragt, glauben Sie, daß es Gespenster gibt?“

„Nein, ich kann um nichts in der Welt daran glauben!“ rief Raskolnikoff wütend aus.

„Wie spricht man von solchem Falle gewöhnlich?“ murmelte Sswidrigailoff vor sich hin, sah dabei zur Seite und hatte ein wenig den Kopf gesenkt. „Die einen sagen, – du bist krank, und das, was sich dir vorstellt, ist ein nicht existierender Wahn. Das ist aber doch unlogisch. Ich gebe zu, daß Gespenster nur Kranken erscheinen, aber das beweist doch bloß, daß die Gespenster niemand anderen als Kranken erscheinen können, jedoch nicht, daß sie an und für sich nicht existieren.“

„Gewiß, sie existieren auch nicht!“ bestand Raskolnikoff gereizt auf seiner Ansicht.

„Nicht? Sie meinen es?“ fuhr Sswidrigailoff langsam fort und blickte ihn an. „Nun, man kann es auch so betrachten, – Sie müssen mir helfen, – Gespenster sind sozusagen Teile und Stückchen aus anderen Welten, ihr Anfang. Ein gesunder Mensch braucht sie selbstverständlich nicht zu sehn, denn ein Gesunder ist der meist irdische Mensch und soll also der Ordnung und Vollständigkeit wegen nur das gegenwärtige Leben leben. Nun, wenn er aber erkrankt und wenn die normale irdische Ordnung im Organismus ein wenig ins Wanken geraten ist, beginnt sich sofort die Möglichkeit einer anderen Welt zu zeigen, und je stärker er erkrankt, um so mehr gibt es für ihn Berührungspunkte mit dieser Welt, bis er, wenn er schließlich stirbt, in die andere Welt übergeht. Ich habe darüber seit langem nachgedacht. Wenn Sie an ein zukünftiges Leben glauben, so können Sie auch an diesen Gedanken glauben.“

„Ich glaube nicht an ein zukünftiges Leben,“ sagte Raskolnikoff.

Sswidrigailoff saß nachdenklich da.

„Wenn es aber dort drüben nur Spinnen oder dergleichen gibt,“ sagte er rasch.

„Er ist verrückt,“ dachte Raskolnikoff.

„Uns erscheint immer die Ewigkeit als eine Idee, die man nicht erfassen kann, als etwas ungeheuer Großes. Aber warum soll sie denn unbedingt ungeheuer groß sein? Und schließlich stellen Sie sich vor, anstatt dessen wird dort ein kleines Zimmer sein, ähnlich einer Badestube auf dem Lande; verräuchert, in allen Ecken Spinnen, und das wird die ganze Ewigkeit sein. Wissen Sie, ich stelle sie mir zuweilen in dieser Art vor.“

„Und stellen Sie sich tatsächlich nichts tröstlicheres und gerechteres vor, als dieses!“ rief Raskolnikoff aufgeregt.

„Gerechteres? Woher wissen wir es, vielleicht ist dies auch gerecht; und wissen Sie, ich würde es unbedingt so einrichten!“ antwortete Sswidrigailoff und lächelte unbestimmt.

Es überlief Raskolnikoff bei dieser abscheulichen Antwort kalt. Sswidrigailoff erhob den Kopf, blickte ihn aufmerksam an und lachte plötzlich laut auf.

„Nein, bedenken Sie bloß,“ rief er aus, „vor einer halben Stunde hatten wir einander noch nicht gesehen, hielten uns für Feinde, hatten eine Angelegenheit auszutragen; wir ließen die Sache fallen und verwirren uns in diese Ideen! Nun, habe ich nicht die Wahrheit gesagt, daß wir von einem Stamme sind?“

„Tun Sie mir den Gefallen,“ fuhr Raskolnikoff gereizt fort, „erklären Sie sich schneller und teilen Sie mir mit, warum Sie mir die Ehre erwiesen haben, mich zu besuchen ... und ... und ich habe Eile, habe keine Zeit, ich will fortgehen ...“

„Bitte, bitte. Ihre Schwester Awdotja Romanowna heiratet Herrn Peter Petrowitsch Luschin?“

„Können Sie nicht jede Frage über meine Schwester vermeiden und ihren Namen unerwähnt lassen? Ich begreife nicht, wie Sie es wagen, in meiner Gegenwart ihren Namen auszusprechen, wenn Sie tatsächlich Sswidrigailoff sind.“

„Ich bin doch gekommen, um über sie zu sprechen, wie soll ich denn ihren Namen nicht erwähnen?“

„Gut. Reden Sie, aber schnell!“

„Ich bin überzeugt, daß Sie sich Ihre Meinung über diesen Herrn Luschin, einen Verwandten meiner Frau, schon gebildet haben, wenn Sie ihn nur eine halbe Stunde gesehen oder irgend etwas Sicheres und Genaues über ihn gehört haben. Er paßt nicht für Awdotja Romanowna. Meiner Ansicht nach bringt sich Awdotja Romanowna hier sehr großmütig und uneigennützig zum Opfer für ... für ihre Familie. Mir schien es, auf Grund all dessen, was ich über Sie gehört habe, daß Sie Ihrerseits sehr zufrieden sein würden, wenn diese Heirat ohne Verletzung der Interessen nicht zustandekommen würde. Jetzt aber, nachdem ich Sie persönlich kennengelernt habe, bin ich davon sogar überzeugt.“

„Ihrerseits ist dies alles sehr naiv, entschuldigen Sie, ich wollte sagen, frech,“ erwiderte Raskolnikoff.

„Das heißt, Sie sagen damit, daß ich für meinen eigenen Nutzen sorge. Seien Sie ruhig, Rodion Romanowitsch, wenn ich meine eigenen Vorteile im Auge haben würde, so hätte ich mich nicht so offen ausgesprochen, ich bin doch nicht ganz dumm. In dieser Beziehung will ich Ihnen eine psychologische Merkwürdigkeit offenbaren. Vorhin sagte ich, als ich meine Liebe zu Awdotja Romanowna rechtfertigte, daß ich selbst ein Opfer dieser Liebe sei. Nun, mögen Sie wissen, daß ich jetzt gar keine Liebe mehr, absolut gar keine empfinde, so daß ich mich über mich selbst wundere, denn ich hatte doch tatsächlich so empfunden ...“

„Aus Müßiggang und Unsittlichkeit,“ unterbrach ihn Raskolnikoff.

„Ich bin wirklich ein Nichtstuer und Wüstling. Aber, Ihre Schwester hat so viele Vorzüge, daß ich einem gewissen Eindrucke unterliegen mußte. Doch das ist alles Unsinn, wie ich es selbst jetzt auch einsehe.“

„Haben Sie es seit langem eingesehen?“

„Ich habe es schon früher gemerkt, mich aber vorgestern im Augenblicke meiner Ankunft in Petersburg endgültig davon überzeugt. Übrigens, in Moskau noch stellte ich mir vor, daß ich nur reise, um mit Herrn Luschin in Konkurrenz zu treten und um Awdotja Romanownas Hand anzuhalten.“

„Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, aber tun Sie mir den Gefallen, sich kürzer zu fassen und direkt auf den Zweck Ihres Besuches überzugehen. Ich habe Eile, ich muß fortgehen ...“

„Mit größtem Vergnügen. Als ich hier angekommen war und mich entschlossen hatte, jetzt eine ... Reise anzutreten, wollte ich einige notwendige Anordnungen vorher treffen. Meine Kinder sind bei der Tante geblieben und sind reich; mich persönlich brauchen sie nicht. Was für ein Vater wäre ich auch? Ich habe mir selbst nur das genommen, was mir Marfa Petrowna vor einem Jahre geschenkt hatte. Für mich reicht es. Entschuldigen Sie, ich komme sofort zur Sache selbst. Vor meiner Reise, die vielleicht bald verwirklicht wird, will ich aber mit Herrn Luschin abrechnen. Nicht etwa, daß ich ihn gar nicht ausstehen kann, aber um seinetwillen entstand der Streit mit Marfa Petrowna, nachdem ich erfahren hatte, daß sie diese Heirat eingeleitet hat. Ich möchte jetzt, durch Ihre Vermittlung, Awdotja Romanowna sehen und meinetwegen in Ihrer Anwesenheit ihr erklären, daß sie von seiten des Herrn Luschin nicht nur nicht den geringsten Vorteil, sondern sicher eine unbedingte Enttäuschung erfahren wird. Dann möchte ich, nachdem ich sie wegen aller Unannehmlichkeiten um Entschuldigung gebeten habe, mir die Erlaubnis einholen, ihr zehntausend Rubel anzubieten, um ihr in dieser Weise den Bruch mit Herrn Luschin zu erleichtern; ich bin überzeugt, daß sie sich gegen einen Bruch mit ihm nicht sträubt, wenn sich nur eine Möglichkeit bietet.“

„Sie sind aber tatsächlich, tatsächlich verrückt!“ rief Raskolnikoff, mehr erstaunt als ärgerlich. „Wie können Sie sich unterstehen, so zu sprechen!“

„Ich wußte es, daß Sie mich anschreien werden, aber trotzdem ich nicht reich bin, kann ich vollkommen über diese zehntausend Rubel verfügen, ich brauche sie gar nicht. Wenn Awdotja Romanowna sie nicht annehmen will, werde ich sie vielleicht in der dümmsten Art verwenden. Das ist das eine. Mein Gewissen ist vollkommen ruhig, ich biete sie ohne jeglichen Hintergedanken an. Nun zweitens. Glauben Sie es, oder glauben Sie es nicht, später werden Sie und Awdotja Romanowna es erfahren. Die ganze Sache dreht sich doch darum, daß ich tatsächlich Mühe und Unannehmlichkeiten Ihrer verehrten Schwester verursacht habe; und da ich eine aufrichtige Reue empfinde, wünsche ich von Herzen, – mich nicht etwa loskaufen und die Unannehmlichkeiten bezahlen, sondern einfach ihr etwas Vorteilhaftes aus dem Grunde zu erweisen, weil ich doch schließlich kein Privilegium habe, nur Böses zu tun. Wenn sich in meinem Anerbieten eine winzige Spur von Berechnung fände, so würde ich ihr doch nicht bloß zehntausend anbieten, da ich vor fünf Wochen ihr viel mehr angeboten habe. Außerdem werde ich vielleicht sehr, sehr bald ein junges Mädchen heiraten, folglich muß dadurch der ganze Verdacht, daß ich gegen Awdotja Romanowna etwas im Schilde führe, fortfallen. Zum Schlusse möchte ich noch sagen, daß Awdotja Romanowna, indem sie Herrn Luschin heiratet, dasselbe Geld nimmt, nur von anderer Seite ... Ärgern Sie bitte sich nicht, Rodion Romanowitsch, überlegen Sie es sich ruhig und kaltblütig ...“

Sswidrigailoff war, während er dies sagte, selbst außerordentlich kaltblütig und ruhig.

„Ich bitte Sie, zu Ende zu kommen,“ sagte Raskolnikoff. „Jedenfalls ist es unverzeihlich frech.“

„Keineswegs. Demnach könnte ein Mensch einem anderen in dieser Welt nur Böses zufügen und hat im Gegenteil kein Recht wegen leerer konventioneller Formalitäten, ihm ein bißchen Gutes zu erweisen. Das ist unsinnig. Wenn ich zum Beispiel gestorben wäre und diese Summe Ihrer Schwester laut Testament hinterlassen hätte, würde sie sich auch dann weigern, sie anzunehmen?“

„Sehr möglich.“

„Nein, das glaube ich nicht. Übrigens, wenn sie nein sagt, mag es dabei bleiben, zehntausend aber sind unter Umständen eine angenehme Sache. In jedem Falle bitte ich Sie, Awdotja Romanowna das Gesagte mitzuteilen.“

„Nein, ich werde es ihr nicht mitteilen.“

„In diesem Falle, Rodion Romanowitsch, werde ich gezwungen sein, eine persönliche Zusammenkunft herbeizuführen, also auch sie belästigen.“

„Und wenn ich es ihr mitteilen werde, wollen Sie dann von einer persönlichen Zusammenkunft absehen?“

„Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen sagen soll. Einmal möchte ich sie doch gerne sehen.“

„Hoffen Sie nicht darauf!“

„Schade. Sie kennen mich noch nicht. Vielleicht werden wir uns näherkommen.“

„Sie meinen, daß wir einander näherkommen werden?“

„Warum denn nicht?“ sagte Sswidrigailoff lächelnd, stand auf und nahm seinen Hut. „Nicht, daß es mir Spaß machte, Sie zu belästigen, und als ich hierher ging, rechnete ich nicht mit dieser Möglichkeit, obwohl mir Ihr Gesicht schon vorhin, heute morgen, auffiel ...“

„Wo haben Sie mich heute früh gesehen?“ fragte Raskolnikoff voll Unruhe.

„Zufällig ... Mir kommt es immer vor, als wäre etwas in Ihnen, was meinem Wesen entspricht ... Regen Sie sich nicht auf, ich bin nicht aufdringlich; ich bin mit Falschspielern gut ausgekommen, war dem Fürsten Sswirbei, einem entfernten Verwandten und Würdenträger, nicht zur Last gefallen, habe es verstanden, Frau Prilukoff ins Album ein Gedicht über die Raphaelsche Madonna zu schreiben, habe mit Marfa Petrowna sieben Jahre auf einem Fleck verlebt, in früheren Zeiten im Hause Wjasemski auf dem Heumarkte geschlafen und werde nun vielleicht mit Berg im Luftballon aufsteigen.“

„Nun, schon gut. Erlauben Sie mir die Frage, wollen Sie bald Ihre Reise antreten?“

„Welch eine Reise?“

„Von der Sie sprachen ... Sie sagten es doch selbst.“

„Ach ja! ... in der Tat, ich sprach von der Reise ... Nun, das ist eine große Frage ... Wenn Sie aber wüßten, wonach Sie mich soeben fragten!“ fügte er hinzu und lachte laut und kurz. „Ich werde vielleicht anstatt zu reisen, mich verheiraten. Man freit mir eine Braut.“

„Hier?“

„Ja.“

„Wann haben Sie denn dazu Zeit gefunden?“

„Mit Awdotja Romanowna jedoch möchte ich sehr gern einmal zusammentreffen. Ich bitte Sie in allem Ernst. Nun, auf Wiedersehen, ach ... ja! Ich hätte bald vergessen, Rodion Romanowitsch! Teilen Sie bitte Ihrer Schwester mit, daß sie im Testamente Marfa Petrownas mit dreitausend Rubeln bedacht ist. Das ist absolut richtig. Marfa Petrowna hat es eine Woche vor ihrem Tode angeordnet, und zwar in meiner Anwesenheit. Nach zwei oder drei Wochen kann Awdotja Romanowna auch das Geld erhalten.“

„Sagen Sie die Wahrheit?“

„Die volle Wahrheit. Teilen Sie es ihr mit. Nun, Ihr Diener. Ich wohne nicht sehr weit von Ihnen.“

Beim Weggehen stieß Sswidrigailoff in der Tür mit Rasumichin zusammen.

II.

Es war schon fast acht Uhr; beide eilten zu Bakalejeff, um früher als Luschin da zu sein.

„Wer war denn das?“ fragte Rasumichin, als sie auf die Straße hinaustraten.

„Es war Sswidrigailoff, derselbe Gutsbesitzer, in dessen Hause meine Schwester als Gouvernante Kränkungen dulden mußte. Weil er ihr nachstellte, verließ sie das Haus, von seiner Frau Marfa Petrowna hinausgejagt. Dieselbe Marfa Petrowna hat nachher Dunja um Verzeihung gebeten und ist jetzt plötzlich gestorben. Vorhin sprachen wir von ihr. Ich weiß nicht warum, aber ich fürchte diesen Menschen sehr. Er reiste sofort nach der Beerdigung seiner Frau hierher, ist sehr sonderbar und hat sich zu etwas entschlossen ... Er scheint etwas zu wissen ... Man muß Dunja vor ihm schützen ... und das wollte ich dir auch sagen, hörst du?“

„Schützen! Was kann er denn gegen Awdotja Romanowna vorhaben? Nun, ich danke dir, Rodja, daß du so zu mir sprichst ... Wir wollen sie schützen! ... Wo lebt er?“

„Ich weiß es nicht.“

„Warum hast du ihn nicht gefragt? Ach, schade! Ich werde es übrigens bald erfahren!“

„Hast du ihn gesehen?“ fragte Raskolnikoff nach einigem Schweigen.

„Nun ja, ich habe ihn mir gemerkt; gut gemerkt!“

„Hast du ihn wirklich gesehen? Deutlich gesehen?“ wiederholte Raskolnikoff.

„Freilich, ich erinnere mich seiner deutlich; unter tausend erkenne ich ihn wieder, ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter.“

Sie schwiegen wieder.

„Hm ... das ist gut ...“ murmelte Raskolnikoff. „Sonst, weißt du ... dachte ich ... mir scheint es manchmal, als wenn es eine Einbildung von mir wäre.“

„Was meinst du damit? Ich verstehe dich nicht ganz.“

„Ihr sprecht doch alle davon,“ fuhr Raskolnikoff fort und verzog den Mund zu einem Lächeln, „daß ich verrückt sei; mir schien es nun augenblicklich, als ob ich tatsächlich verrückt sei und bloß ein Gespenst gesehen habe.“

„Was fällt dir ein?“

„Wer weiß es denn! Vielleicht bin ich wahrhaftig verrückt, und alles, was in diesen Tagen vorgefallen ist, geschah vielleicht nur in meiner Einbildung ...“

„Ach, Rodja! Man hat dich wieder aufgeregt! ... Ja, was sagte er denn, warum kam er?“

Raskolnikoff antwortete nicht, Rasumichin sann eine Weile nach.

„Nun, höre mir zu,“ begann er. „Ich war bei dir gewesen, da schliefst du. Dann aßen wir zu Mittag und ich ging nachher zu Porphyri. Sametoff war noch immer da. Ich wollte anfangen mit ihm zu sprechen, aber es kam nichts heraus. Ich konnte nie in richtiger Weise beginnen. Sie schienen auch nicht zu begreifen und wollten nichts begreifen und waren gar nicht beschämt. Ich führte Porphyri zum Fenster hin und begann zu sprechen, aber es kam wieder nichts dabei heraus, – er blickte zur Seite und ich blickte zur Seite. Schließlich streckte ich ihm die Faust drohend entgegen und sagte, daß ich ihn in verwandtschaftlicher Weise zerschmettern werde. Er sah mich bloß an und sagte nichts. Ich ließ die Sache fallen und ging weg, das ist alles. Sehr dumm, nicht wahr. Mit Sametoff redete ich kein Wort. Siehst du aber, – ich dachte anfangs, ich habe die Sache verschlimmert, aber wie ich die Treppe hinunterstieg, kam mir, nein besser, erleuchtete mich der Gedanke, warum beunruhigen wir uns eigentlich? Wenn dir wenigstens eine Gefahr drohen würde oder etwas ähnliches in Aussicht wäre, nun, dann wäre es verständlich! Was geht es aber dich an? Du hast mit der Sache nichts zu tun, also pfeife auf sie; wir werden noch später über sie lachen und ich würde an deiner Stelle sie noch mystifizieren. Wie sie sich nachher schämen werden! Pfeif darauf; wir können sie auch nachher verprügeln, jetzt aber wollen wir über sie lachen!“

„Du hast recht, versteht sich!“ antwortete Raskolnikoff.

„Aber was wirst du morgen sagen?“ dachte er sofort.

Sonderbar, bis jetzt war ihm noch nie der Gedanke gekommen, „was wird Rasumichin denken, wenn er es erfährt?“ Und bei diesem Gedanken blickte Raskolnikoff ihn gespannt an. An dem jetzigen Berichte Rasumichins über seinen Besuch bei Porphyri hatte er weniger Interesse, – seit der Zeit war vieles verschwunden und hinzugekommen! ...

Im Korridor stießen sie mit Luschin zusammen, – er war punkt acht Uhr erschienen und suchte das Zimmer, so daß alle drei zugleich eintraten, ohne aber einander anzublicken und ohne sich zu grüßen. Die jungen Leute gingen sofort in die Stube hinein, Peter Petrowitsch verblieb aus Anstand eine Weile im Vorzimmer und nahm den Mantel ab. Pulcheria Alexandrowna ging ihm sofort entgegen, um ihn an der Schwelle zu empfangen. Dunja begrüßte den Bruder.

Peter Petrowitsch trat ein und verneigte sich ziemlich liebenswürdig, aber auch mit besonderer Zurückhaltung vor den Damen. Er sah aus, als wäre er ein wenig verwirrt und als ob er sich noch nicht gefaßt hätte. Pulcheria Alexandrowna, auch ein wenig aufgeregt, beeilte sich sofort, alle um einen Tisch, auf dem ein Samowar brannte, zu placieren. Dunja und Luschin setzten sich einander gegenüber zu beiden Seiten des Tisches. Rasumichin und Raskolnikoff kamen Pulcheria Alexandrowna gegenüber zu sitzen, – Rasumichin neben Luschin, Raskolnikoff neben der Schwester.

Es trat Schweigen ein. Peter Petrowitsch zog langsam ein Batisttaschentuch hervor, das nach Parfüm duftete und schneuzte sich mit der Miene eines tugendhaften, in seiner Würde gekränkten Menschen, der fest entschlossen ist, Erklärungen zu verlangen. Im Vorzimmer war ihm der Gedanke gekommen, – den Mantel nicht abzunehmen und fortzugehen und dadurch die Damen streng und nachdrücklich zu bestrafen, um sie mit einem Male ihr Unrecht fühlen zu lassen. Aber er konnte sich nicht dazu entschließen. Außerdem liebte er keine Ungewißheit, und hier galt es, festzustellen, aus welchem Grunde sein Befehl so offensichtlich nicht befolgt wurde, es mußte irgend etwas Besonderes sein, und so war es besser abzuwarten; zu strafen war immer Zeit genug, es lag ja in seinen Händen.

„Ich hoffe, die Reise ist glücklich abgelaufen?“ wandte er sich im offiziellen Tone an Pulcheria Alexandrowna.

„Gottlob ja, Peter Petrowitsch.“

„Sehr angenehm zu hören. Und Awdotja Romanowna ist auch nicht ermüdet?“

„Ich bin jung und stark und werde nicht müde, aber für Mama war es sehr schwer gewesen,“ antwortete Dunetschka.

„Was ist da zu machen; die Entfernungen in unserm Lande sind groß. Groß ist das sogenannte ‚Mütterchen Rußland‘ ... Ich aber konnte beim besten Willen Sie gestern nicht empfangen. Ich hoffe jedoch, daß alles ohne Aufregung gut verlaufen ist?“

„Ach nein, Peter Petrowitsch, wir waren sehr mutlos,“ beeilte sich Pulcheria Alexandrowna mit besonderer Betonung zu bemerken, „und wenn uns nicht Gott selbst Dmitri Prokofjitsch gestern gesandt hätte, so wären wir sehr verlassen gewesen. Das ist er, Dmitri Prokofjitsch Rasumichin,“ fügte sie hinzu, ihn Luschin vorstellend.

„Ich hatte schon das Vergnügen ... gestern,“ murmelte Luschin und sah Rasumichin dabei feindselig von der Seite an, sein Gesicht verdüsterte sich und er schwieg.

Peter Petrowitsch gehörte zu den Leuten, die in der Gesellschaft außerordentlich liebenswürdig sind und auf Liebenswürdigkeit besonderen Anspruch erheben, die aber auch sofort, wenn das geringste nicht nach ihrem Geschmack ist, alle ihre guten Eigenschaften verlieren und eher Mehlsäcken als gewandten und die Gesellschaft belebenden Kavalieren gleichen. Alle verstummten wieder eine Weile, – Raskolnikoff schwieg hartnäckig und Awdotja Romanowna wollte das Schweigen nicht vorzeitig unterbrechen. Rasumichin hatte nichts zu sagen, so daß Pulcheria Alexandrowna wieder unruhig wurde.

„Marfa Petrowna ist gestorben, Sie haben es wohl gehört?“ begann sie zu einem ihrer Hauptaushilfemittel greifend.

„Ich habe es gehört. Ich wurde sofort benachrichtigt und bin sogar jetzt gekommen, Ihnen mitzuteilen, daß Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff unverzüglich nach der Beerdigung seiner Gattin nach Petersburg abgereist ist. So lauten wenigstens die sichersten Nachrichten, die ich empfangen habe.“

„Nach Petersburg? Hierher?“ fragte Dunja voll Unruhe und wechselte mit der Mutter einen Blick.

„Ja, es ist ganz sicher und er kommt selbstverständlich nicht ohne Absichten, wenn man die Eile der Abreise und überhaupt die vorangegangenen Umstände in Betracht zieht.“

„Mein Gott! Will er etwa auch hier Dunetschka nicht in Ruhe lassen?“ rief Pulcheria Alexandrowna aus.

„Mir scheint es, weder Sie noch Awdotja Romanowna brauchen sich besonders aufzuregen, wenn Sie natürlich nicht selbst mit ihm in Verbindung treten wollen. Was mich anbetrifft, so werde ich nach ihm forschen und mich erkundigen, wo er abgestiegen ist ...“

„Ach, Peter Petrowitsch, Sie werden nicht glauben, wie Sie mich jetzt erschreckt haben!“ fuhr Pulcheria Alexandrowna fort. „Ich habe ihn bloß zweimal gesehen, er erschien mir schrecklich, fürchterlich! Ich bin überzeugt, daß er die Ursache von Marfa Petrownas Tode ist.“

„Darüber läßt sich nichts sagen. Ich habe genaue Nachrichten. Ich bestreite nicht, daß er vielleicht den Gang der Dinge sozusagen durch den moralischen Einfluß von Kränkungen beschleunigt habe; denn im Urteil über sein Benehmen und überhaupt über seinen sittlichen Charakter bin ich mit Ihnen völlig einig. – Ich weiß nicht, ob er jetzt reich ist und was Marfa Petrowna ihm hinterlassen hat, darüber werde ich in kürzester Zeit erfahren, aber hier, in Petersburg, wird er selbstverständlich, wenn er nur einigermaßen Mittel besitzt, sofort seinen alten Gewohnheiten nachgehen. Er ist der verdorbenste und in Lastern verkommenste Mensch seines Geschlechts. Ich habe einen triftigen Grund anzunehmen, daß Marfa Petrowna, die das Unglück hatte, sich in ihn zu verlieben und ihn vor acht Jahren von Schulden befreite, auch in anderer Hinsicht ihm geholfen hat, – einzig und allein dank ihrer Bemühungen und Opfer wurde eine kriminelle Sache mit einem Beigeschmack von tierischer und sozusagen phantastischer Roheit vertuscht, für die er mit größter Wahrscheinlichkeit nach Sibirien geschickt worden wäre. Sehen Sie, so ist dieser Mensch, wenn Sie es wissen wollen.“

„Ach, mein Gott!“ rief Pulcheria Petrowna aus.

Raskolnikoff hörte aufmerksam zu.

„Sagen Sie die Wahrheit, daß Sie darüber genaue Nachrichten besitzen?“ fragte Dunja streng und nachdrücklich.

„Ich erzähle bloß das, was ich selbst, als Geheimnis, von der verstorbenen Marfa Petrowna gehört habe. Ich muß bemerken, daß diese Sache vom juristischen Standpunkte sehr dunkel ist. Hier lebte und scheint noch jetzt eine gewisse Rößlich zu leben, eine Ausländerin, eine kleine Wucherin, die aber sich auch mit anderen Geschäften abgibt. Zu dieser Rößlich stand seit langem Herr Sswidrigailoff in gewissem sehr nahem und geheimnisvollem Verhältnisse. Bei der Rößlich wohnte eine entfernte Verwandte, eine Nichte, glaube ich, ein taubstummes Mädchen von fünfzehn oder vierzehn Jahren, die diese Rößlich grenzenlos haßte, der sie jedes Stück Brot vorwarf und die sie sogar unmenschlich schlug. Eines Tages wurde dieses Mädchen auf dem Boden erhängt aufgefunden. Es wurde festgestellt, daß sie mit Selbstmord geendet hatte. Nach den gewöhnlichen Formalitäten wurde die Sache abgeschlossen, später aber lief eine Denunziation ein, daß das Kind von Herrn Sswidrigailoff ... grausam mißhandelt worden sei. Es ist wahr, die Sache war sehr dunkel, die Denunziation stammte von einer anderen Deutschen, einem verwerflichen Frauenzimmer, die kein Vertrauen genoß; schließlich ergab es sich dank den Bemühungen und dem Gelde Petrownas, daß im Grunde genommen gar keine Denunziation eingelaufen sei; alles beschränkte sich auf ein Gerücht. Aber dieses Gerücht war bedeutsam genug. Sie, Awdotja Romanowna, haben sicher auch von der Geschichte mit dem Diener Filka gehört, der vor sechs Jahren, noch zur Zeit der Leibeigenschaft, an Mißhandlungen gestorben ist.“

„Ich habe im Gegenteil gehört, daß dieser Filka sich selbst erhängt habe.“

„Das stimmt, aber die ununterbrochenen Verfolgungen und Strafen des Herrn Sswidrigailoff haben ihn gezwungen oder besser gesagt, zum Selbstmorde getrieben.“

„Davon weiß ich nichts,“ antwortete Dunja trocken, „ich habe bloß eine sehr sonderbare Geschichte gehört, – dieser Filka war ein Hypochonder, ein Philosoph, die Menschen sagten von ihm, er habe zu viel gelesen, und er hat sich eher wegen der Spötteleien, als wegen der Schläge von Herrn Sswidrigailoff erhängt. Als ich dort im Hause war, behandelte er die Leute gut, und die Leute liebten ihn sogar, obwohl sie ihm an dem Tode Filkas die Schuld gaben.“

„Ich sehe, Awdotja Romanowna, daß Sie auf einmal geneigt sind, ihn zu entschuldigen,“ bemerkte Luschin und verzog den Mund zu einem zweideutigen Lächeln. „Er ist in der Tat ein schlauer Mensch und für Damen verführerisch, wofür Marfa Petrowna, die eines eigentümlichen Todes gestorben ist, als trauriges Beispiel dient. Ich wollte bloß Ihnen und Ihrer Frau Mutter mit meinem Ratschlage einen Dienst erweisen, in Anbetracht seiner neuen und zweifellos bevorstehenden Annäherungsversuche. Was mich anbetrifft, so bin ich fest überzeugt, daß dieser Mensch selbstverständlich wieder im Schuldgefängnisse verschwinden wird. Marfa Petrowna hat nie und nimmer die Absicht gehabt, irgend etwas auf seinen Namen zu übertragen, weil sie die Kinder im Auge hatte, und wenn sie ihm etwas hinterlassen hat, so ist es höchstens das Notwendigste, kaum nennenswert und was für einen Menschen von seinen Gewohnheiten auch nicht ein Jahr ausreicht.“

„Peter Petrowitsch, ich bitte Sie,“ sagte Dunja, „hören wir auf, von Herrn Sswidrigailoff zu sprechen. Es macht mich schwermütig.“

„Er war soeben bei mir,“ sagte plötzlich Raskolnikoff, zum ersten Male sein Schweigen brechend.

Von allen Seiten ertönten Ausrufe und alle wandten sich an ihn. Sogar Peter Petrowitsch wurde aufgeregt.

„Vor anderthalb Stunden, als ich schlief, kam er herein, weckte mich auf und stellte sich vor,“ fuhr Raskolnikoff fort. „Er war ziemlich ungezwungen und lustig und hofft sicher, daß ich mit ihm in nähere Beziehungen treten werde. Unter anderem bittet er sehr um eine Zusammenkunft mit dir, Dunja, und bat mich, der Vermittler dieser Zusammenkunft zu sein. Er will dir ein Anerbieten machen; worin dies besteht, hat er mir mitgeteilt. Außerdem teilte er mir positiv mit, daß Marfa Petrowna Zeit gefunden hat, eine Woche vor ihrem Tode, dir, Dunja, dreitausend Rubel zu vermachen, und daß du dieses Geld in sehr kurzer Zeit erhalten kannst!“

„Gott sei Dank!“ rief Pulcheria Alexandrowna und schlug ein Kreuz. „Bete für sie, Dunja, bete!“

„Das ist tatsächlich wahr?“ entschlüpfte es Luschin.

„Nun und weiter?“ drängte Dunja.

„Dann sagte er, daß er selbst nicht reich sei und das ganze Vermögen seinen Kindern, die jetzt bei der Tante sind, zufällt. Er sagte auch, daß er irgendwo nicht weit von mir abgestiegen sei, wo aber – das weiß ich nicht, ich habe ihn nicht gefragt ...“

„Aber, was will er denn Dunetschka anbieten?“ fragte die erschrockene Pulcheria Alexandrowna. „Hat er es dir gesagt?“

„Ja, er hat es gesagt.“

„Was ist es denn?“

„Ich will es nachher sagen.“ Raskolnikoff verstummte und wandte sich zu seinem Glase Tee.

Peter Petrowitsch sah auf seine Uhr.

„Ich muß in einer notwendigen Angelegenheit weggehen und werde dann nicht stören,“ fügte er mit merklich gekränkter Miene hinzu und erhob sich halb vom Stuhle.

„Bleiben Sie, Peter Petrowitsch,“ sagte Dunja, „Sie hatten doch die Absicht, den ganzen Abend hier zu verbringen. Außerdem schrieben Sie selbst, daß Sie wünschen, über etwas mit Mama zu sprechen.“

„Das ist richtig, Awdotja Romanowna,“ sagte Peter Petrowitsch mit Nachdruck, setzte sich wieder hin, behielt aber den Hut in der Hand, „ich wollte tatsächlich mit Ihnen und mit Ihrer verehrten Frau Mutter, und sogar über sehr wichtige Punkte, sprechen. Aber, wie Ihr Bruder in meiner Gegenwart sich über einige Angebote Herrn Sswidrigailoffs nicht näher erklären kann, so wünschte ich auch nicht und kann nicht ... in Gegenwart von anderen ... über einige äußerst wichtige Punkte sprechen. Außerdem ist meine Haupt- und eindringlichste Bitte nicht erfüllt worden ...“ Luschin nahm eine bittre Miene an und schwieg würdevoll.

„Ihre Bitte, daß mein Bruder bei unserer Zusammenkunft nicht zugegen wäre, ist einzig auf mein Verlangen nicht erfüllt worden,“ sagte Dunja. „Sie schrieben, daß Sie von meinem Bruder beleidigt worden sind; ich denke, daß sich dies sofort aufklären läßt und Sie beide werden sich vertragen. Und wenn Rodja Sie tatsächlich beleidigt hat, so muß und wird er Sie um Entschuldigung bitten.“

Peter Petrowitsch wurde sofort kouragierter.

„Es gibt gewisse Beleidigungen, Awdotja Romanowna, die man beim besten Willen nicht vergessen kann. In allem gibt es eine Grenze, die zu überschreiten gefährlich ist; denn, ist sie einmal überschritten, so ist es unmöglich, zurückzukehren.“

„Ich sprach eigentlich nicht darüber, Peter Petrowitsch,“ unterbrach ihn Dunja ein wenig ungeduldig, „verstehn Sie mich so, daß die ganze Zukunft jetzt davon abhängt, ob dieses alles sich möglichst schnell aufklären und erledigen wird oder nicht? Ich sage offen, daß ich anders es nicht ansehen kann, und wenn Sie mich nur ein wenig schätzen, so muß die ganze Geschichte, wie schwer es auch sein mag, heute noch beigelegt werden. Ich wiederhole Ihnen, wenn mein Bruder die Schuld trägt, wird er um Verzeihung bitten.“

„Ich bin erstaunt, daß sie die Frage so stellen, Awdotja Romanowna,“ wurde Luschin immer mehr gereizt, „wenn ich Sie schätze und sozusagen verehre, brauche ich doch gleichzeitig nicht jeden aus Ihrer Familie besonders gern zu haben. Wenn ich auf den glücklichen Besitz ihrer Hand Anspruch erhebe, brauche ich doch nicht gleichzeitig Verpflichtungen zu übernehmen, die unvereinbar ...“

„Ach, lassen Sie diese Empfindlichkeit, Peter Petrowitsch,“ unterbrach ihn Dunja mit Wärme, „und seien Sie der kluge und edle Mensch, für den ich Sie stets gehalten habe und halten will. Ich habe Ihnen ein großes Versprechen gegeben, ich bin Ihre Braut geworden; vertrauen Sie doch mir in dieser Sache und glauben Sie mir, ich werde die Kraft haben, unparteiisch zu urteilen. Der Umstand, daß ich die Rolle eines Richters übernehme, ist für meinen Bruder ebenso eine Überraschung wie für Sie. Als ich ihn heute nach dem Empfang Ihres Briefes aufforderte, unbedingt zu unserer Zusammenkunft zu kommen, habe ich ihm nichts von meinen Absichten mitgeteilt. Verstehn Sie doch, daß, wenn Sie sich nicht vertragen, ich zwischen Ihnen beiden wählen muß, – entweder Sie oder ihn. So ist die Frage, wie von seiner, so auch von Ihrer Seite gestellt. Ich will und darf mich nicht in der Wahl irren. Ihretwegen muß ich mit meinem Bruder brechen; meines Bruders wegen muß ich mit Ihnen brechen. Ich will und kann jetzt sicher erfahren, – ist er mir wirklich ein Bruder? Und von Ihnen, ob ich Ihnen teuer bin, ob Sie mich schätzen und Sie mir ein Gatte sein können?“

„Awdotja Romanowna,“ sagte Luschin verletzt. „Ihre Worte sind für mich zu bedeutungsvoll, ich will sogar sagen, kränkend, in Anbetracht der Stellung, die ich die Ehre habe Ihnen gegenüber einzunehmen. Ich spreche schon gar nicht von der kränkenden und sonderbaren Gegenüberstellung zwischen mir ... und einem aufgeblasenen Jüngling, aber in Ihren Worten geben Sie mir die Möglichkeit zu, das mir gegebene Versprechen zu brechen. Sie sagen, ‚entweder Sie, oder er‘? also zeigen Sie damit, wie wenig ich für Sie bedeute ... ich kann dies bei den Beziehungen ... und Umständen, die zwischen uns bestehen, nicht zulassen.“

„Wie!“ flammte Dunja auf. „Ich stelle Ihre Interessen auf eine Stufe mit allem, was mir im Leben bis jetzt teuer war, was bis jetzt mein ganzes Leben ausmachte, und Sie sind gekränkt, daß ich Sie zu wenig schätze!“

Raskolnikoff lächelte schweigend und höhnisch, Rasumichin war empört; Peter Petrowitsch aber ließ die Erwiderung nicht gelten, er wurde im Gegenteil mit jedem Worte immer zudringlicher und gereizter, als hätte er daran Geschmack gefunden.

„Die Liebe zum künftigen Lebensgefährten, zum Manne, muß die Liebe zum Bruder überwiegen,“ sagte er sentenziös, „in jedem Falle aber kann ich nicht auf ein und derselben Stufe stehn ... Aber obwohl ich vorhin bestimmt sagte, daß ich in Gegenwart Ihres Bruders nicht wünsche, alles zu erklären, und nicht sagen könne, weswegen ich hierhergekommen bin, habe ich jetzt trotzdem die Absicht, mich an Ihre verehrte Frau Mutter zu wenden, um eine notwendige Aufklärung über einen sehr wichtigen und mich beleidigenden Punkt zu erhalten. Ihr Sohn,“ wandte er sich an Pulcheria Alexandrowna, „hat mich gestern in Gegenwart des Herrn Rassudkin“ ... („Nicht wahr, der Name ist doch richtig, ich habe Ihren Namen vergessen, entschuldigen Sie,“ verbeugte er sich höflich vor Rasumichin) „durch die Verdrehung eines Gedankens von mir, den ich Ihnen einmal in einem Privatgespräch bei einer Tasse Kaffee mitteilte, beleidigt. Mein Gedanke war, daß die Heirat mit einem armen Mädchen, das schon die Sorgen des Lebens erfahren hat, meiner Ansicht nach vom Standpunkte der Ehe aus vorteilhafter sei, als mit einem, das im Überflusse lebt, weil es in moralischer Hinsicht nützlicher sei. Ihr Sohn hat absichtlich den Sinn meiner Worte äußerst entstellt und mich böswilliger Absichten beschuldigt, indem er sich meiner Ansicht nach auf Ihren eigenen Brief stützte. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn es Ihnen, Pulcheria Alexandrowna, möglich wäre, mich vom Gegenteil zu überzeugen und mich dadurch sehr zu beruhigen. Teilen Sie mir mit, in welchen Ausdrücken Sie meine Worte in Ihrem Briefe an Rodion Romanowitsch wiedergegeben haben?“

„Ich entsinne mich nicht,“ sagte Pulcheria Alexandrowna verwirrt, „ich habe sie aber wiedergegeben, wie ich sie selbst verstanden hatte. Ich weiß nicht, wie Rodja es Ihnen erzählt hat ... Vielleicht hat er auch einiges übertrieben.“

„Ohne Ihren Anstoß konnte er sie nicht übertreiben.“

„Peter Petrowitsch,“ erwiderte Pulcheria Alexandrowna voll Würde, „der Beweis, daß ich und Dunja Ihre Worte nicht in sehr schlechtem Sinne aufgefaßt haben, ist, daß wir hier sind.“

„Das war gut, Mama!“ sagte Dunja lobend.

„Also, auch daran bin ich schuld!“ bemerkte Luschin gekränkt.

„Sehen Sie, Peter Petrowitsch, Sie beschuldigen immer Rodion, Sie selbst aber haben vorhin in dem Briefe über ihn die Unwahrheit geschrieben,“ fügte Pulcheria Alexandrowna ermutigt hinzu.

„Ich erinnere mich nicht, daß ich irgendeine Unwahrheit geschrieben hätte.“

„Sie haben geschrieben,“ sagte Raskolnikoff scharf, ohne sich zu Luschin umzuwenden, „daß ich gestern das Geld nicht der Witwe des Überfahrenen gegeben habe, wie es in der Tat war, sondern seiner Tochter, die ich nebenbei gesagt niemals vor dem gestrigen Tage gesehen habe. Sie haben dies geschrieben, um mich mit meinen Verwandten zu entzweien, und haben auch aus dem Grunde sich in abscheulichen Ausdrücken über den Lebenswandel des jungen Mädchen geäußert, das Sie nicht einmal kennen. Das sind alles gemeine Klatschereien.“

„Entschuldigen Sie, mein Herr,“ antwortete Luschin zitternd vor Wut, „in meinem Briefe habe ich mich über Ihre Eigenschaften und Handlungen einzig aus dem Grunde geäußert, um die Bitte Ihrer Schwester und Mutter zu erfüllen und ihnen zu beschreiben, wie ich Sie gefunden und welch einen Eindruck Sie auf mich gemacht haben. Was das in meinem Briefe Erwähnte anbetrifft, so zeigen Sie mir wenigstens eine unwahre Zeile, das heißt, daß Sie das Geld nicht verbraucht haben und daß in dieser wenn auch unglücklichen Familie keine unwürdigen Personen sich befinden?“

„Meiner Ansicht nach sind Sie mit allen Ihren Vorzügen nicht den kleinen Finger dieses unglücklichen Mädchens wert, auf das Sie einen Stein werfen.“

„Nun, können Sie sich auch entschließen, sie in die Gesellschaft Ihrer Mutter und Schwester einzuführen?“

„Ich habe es schon getan, wenn Sie es wissen wollen. Ich habe sie heute neben meine Mutter und Dunja gesetzt.“

„Rodja!“ rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Dunetschka errötete; Rasumichin zog die Augenbrauen zusammen. Luschin lächelte höhnisch und hochmütig.

„Sie belieben selbst zu sehen, Awdotja Romanowna,“ sagte er, „daß hier keine Verständigung möglich ist. Ich hoffe jetzt, daß diese Sache abgetan und ein für allemal aufgeklärt ist. Ich will mich entfernen, um die weitere angenehme Zusammenkunft der Verwandten und die Mitteilung von Geheimnissen nicht zu stören.“ Er erhob sich vom Stuhle und nahm seinen Hut. „Beim Weggehen erlaube ich mir zu bemerken, daß ich hoffe, künftig von ähnlichen Begegnungen und sozusagen Ausgleichsversuchen befreit zu sein. Sie, verehrte Pulcheria Alexandrowna, möchte ich besonders bitten, um so mehr, als auch mein Brief an Sie und nicht an andere adressiert war.“

Pulcheria Alexandrowna fühlte sich gekränkt.

„Was, wollen Sie uns ganz in Ihre Macht nehmen, Peter Petrowitsch? Dunja hat uns den Grund gesagt, warum Ihr Wunsch nicht erfüllt worden ist, – sie hatte gute Absichten damit verfolgt. Ja, und Sie schreiben mir, als ob Sie mir zu befehlen hätten. Sollen wir denn jeden Ihrer Wünsche als Befehl ansehen? Ich will Ihnen im Gegenteil sagen, daß Sie jetzt uns gegenüber besonders delikat und nachgiebig sein sollten, weil wir alles im Stich gelassen haben und im Vertrauen zu Ihnen hierhergereist sind, also auch uns sowieso fast in Ihrer Gewalt befinden.“

„Das ist nicht ganz richtig, Pulcheria Alexandrowna, und besonders im gegenwärtigen Augenblick nicht, wo Ihnen über die von Marfa Petrowna nachgelassenen dreitausend Rubel Mitteilung zukam, was Ihnen sehr willkommen zu sein scheint, wie man nach dem neuen Tone, in dem Sie mit mir sprechen, annehmen kann,“ fügte er höhnisch hinzu.

„Nach dieser Bemerkung zu urteilen, haben Sie tatsächlich auf unsere Hilflosigkeit gerechnet,“ sagte Dunja gereizt.

„Jetzt wenigstens kann ich dies nicht mehr, und ich möchte besonders nicht die Mitteilung der geheimnisvollen Angebote von Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff stören, mit denen er Ihren Bruder betraut hat, und die für Sie, wie ich sehe, eine wichtige und vielleicht auch sehr angenehme Überraschung sind.“

„Ach, mein Gott!“ rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Rasumichin konnte nicht mehr auf dem Stuhle sitzen.

„Und du schämst dich jetzt nicht, Schwester?“ fragte Raskolnikoff.

„Ich schäme mich, Rodja,“ sagte Dunja. „Peter Petrowitsch, gehen Sie hinaus!“ wandte sie sich zu ihm, bleich vor Zorn.

Mit einem solchen Ende hatte Peter Petrowitsch nicht gerechnet. Er hatte zu sehr auf sich selbst, auf seine Macht und die Hilflosigkeit seiner Opfer gebaut. Aber er glaubte es auch jetzt noch nicht. Er erbleichte und seine Lippen zitterten.

„Awdotja Romanowna, wenn ich jetzt zu dieser Türe hinausgehe mit einem solchen Abschiede, so – bedenken Sie es – kehre ich nie mehr zurück. Überlegen Sie es sich gut! Mein Wort ist unerschütterlich.“

„Welch eine Frechheit!“ rief Dunja und erhob sich schnell von ihrem Platze, „ich will gar nicht, daß Sie zurückkehren!“

„Wie! Also so steht es!“ rief Luschin aus, der bis zum letzten Augenblicke an solchen Ausgang nicht geglaubt hatte, und der nun vollkommen den Faden verlor, „also, so ist es gemeint! Aber wissen Sie auch, Awdotja Romanowna, daß ich dagegen protestieren könnte.“

„Welch ein Recht haben Sie, in solcher Weise mit ihr zu sprechen!“ trat Pulcheria Alexandrowna hitzig ein. „Wie können Sie protestieren? Und was für Rechte haben Sie? Und soll ich Ihnen, solch einem, meine Dunja geben? Gehen Sie, verlassen Sie uns! Wir sind selbst schuld, daß wir auf solch eine ungerechte Sache eingingen und am meisten ich ...“

„Sie haben mich doch, Pulcheria Alexandrowna,“ ereiferte sich Luschin in seiner Wut, „durch Ihr gegebenes Wort gebunden, von dem Sie sich jetzt lossagen ... und endlich ... endlich haben Sie mich dadurch sozusagen in Unkosten gestürzt ...“

Diese letzte Anmaßung war dem Charakter von Peter Petrowitsch so entsprechend, daß Raskolnikoff, bleich vor Zorn und Anstrengung an sich zu halten, sich nicht enthalten konnte und – laut auflachte. Pulcheria Alexandrowna aber war außer sich.

„In Unkosten? In was für Unkosten? Meinen Sie etwa damit unseren Koffer? Es hat doch ein Schaffner ihn umsonst hergeschafft. Mein Gott, wir haben Sie gebunden! Besinnen Sie sich doch, Peter Petrowitsch, Sie haben uns an Händen und Füßen gebunden und nicht wir Sie!“

„Genug, Mama, bitte, genug!“ bat Awdotja Romanowna. „Peter Petrowitsch, tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie!“

„Ich gehe sofort, aber noch ein letztes Wort!“ sagte er, völlig außer sich. „Ihre Mutter scheint vollkommen vergessen zu haben, daß ich mich entschlossen hatte, trotz den Gerüchten in der Stadt, die im ganzen Umkreise über Ihren Ruf verbreitet waren, Sie zu heiraten. Indem ich Ihretwegen die öffentliche Meinung nicht beachtete und Ihren Ruf herstellte, konnte ich sicher sehr auf eine Vergeltung hoffen und sogar Ihre Dankbarkeit verlangen ... Und jetzt erst sind mir die Augen geöffnet worden! Ich sehe selbst, daß ich sehr übereilt gehandelt habe, indem ich der öffentlichen Stimme keine Beachtung schenkte ...“

„Ja, hat er denn zwei Köpfe!“ rief Rasumichin aus, sprang vom Stuhle auf und schickte sich schon an, ihm einen Denkzettel zu geben.

„Sie sind ein gemeiner und böser Mensch!“ sagte Dunja.

„Kein Wort mehr! Keine Bewegung!“ rief Raskolnikoff und hielt Rasumichin zurück; dann trat er dicht an Luschin heran.

„Gehen Sie sofort hinaus!“ sagte er leise und deutlich, „und kein Wort mehr, sonst ...“

Peter Petrowitsch blickte ihn einige Sekunden mit bleichem vor Wut verzogenem Gesichte an, wandte sich um und ging hinaus, und sicher hat selten jemand soviel Haß auf einen andern in seinem Herzen davongetragen, wie dieser Mann gegen Raskolnikoff. Ihn und nur ihn allein machte er für alles verantwortlich. Merkwürdig, daß er sich, als er schon die Treppe hinabstieg, immer noch einbildete, daß die Sache vielleicht nicht ganz verloren und bei den Damen wenigstens sogar „sehr leicht“ ins Geleise zu bringen sei.

III.

Die Hauptsache war, daß er bis zum letzten Augenblicke einen derartigen Ausgang gar nicht erwartet hatte. Er spielte bis zum letzten Momente den Überlegenen, ohne auch nur die Möglichkeit zu ahnen, daß zwei arme und schutzlose Frauen sich seiner Macht entziehen könnten. Zu dieser Überzeugung trugen seine Eitelkeit und sein übermäßiges Selbstbewußtsein viel bei, das man am besten Selbstverliebtheit nennen kann. Peter Petrowitsch, der sich aus kleinen Verhältnissen emporgearbeitet hatte, hatte die krankhafte Angewohnheit, sich selbst mit Wohlgefallen zu betrachten, schätzte seinen Verstand und seine Fähigkeiten hoch ein, ja, er besah sogar zuweilen, wenn er allein war, sein Gesicht mit Liebe im Spiegel. Am meisten in der Welt aber liebte und schätzte er sein Geld, das er durch Arbeit und allerhand Machinationen erworben hatte, – es stellte ihn nach seinem Dafürhalten auf gleiche Stufe mit allem, was höher war als er.

Indem er voll Bitterkeit Dunja daran erinnerte, daß er sich entschlossen hatte, sie, trotz der schlechten Gerüchte über sie, zu heiraten, sprach Peter Petrowitsch vollkommen aufrichtig, er empfand eine tiefe Entrüstung über solch einen „schwarzen Undank“. Als er aber damals um Dunja anhielt, war er schon von der Sinnlosigkeit aller dieser Klatschgeschichten völlig überzeugt, die von Marfa Petrowna selbst öffentlich widerrufen und schon längst vom ganzen Städtchen, das Dunja warm in Schutz nahm, vergessen waren. Er würde es selber jetzt nicht geleugnet haben, daß er alles damals schon gewußt hatte. Aber trotzdem rechnete er seinen Entschluß, Dunja zu sich zu erheben, hoch an und hielt ihn für eine große Tat. Indem er dies gegen Dunja aussprach, drückte er einen geheimen längst gehegten Gedanken aus, an dem er mehr als einmal sich selber erbaut hatte, und er konnte es nicht begreifen, daß die anderen seine große Tat nicht mit gleicher Bewunderung ansahen. Als er damals Raskolnikoff einen Besuch machte, kam er mit den Gefühlen eines Wohltäters, der sich anschickt, die Früchte seiner Taten zu ernten und schmeichelhaftes Lob zu hören. Auch jetzt, als er die Treppe hinabstieg, hielt er sich selbstverständlich für im höchsten Grade gekränkt und verkannt.

Dunja hatte er einfach nötig; es war ihm undenkbar, auf sie zu verzichten. Lange schon, seit einigen Jahren, träumte er mit Behagen von einer Heirat, aber er sparte fortwährend noch mehr Geld und wartete. Er dachte mit Begeisterung in seinen geheimsten Träumen an ein wohlgesittetes und armes (sie mußte unbedingt arm sein) Mädchen, das jung, sehr hübsch, aus guter Familie, gebildet, sehr eingeschüchtert sein mußte, das außerordentlich viel Unglück durchgemacht hatte und das sich vor ihm vollkommen beugen würde, an ein solches Mädchen, das ihr ganzes Leben lang ihn als ihren Retter ansehen, ihn verehren, sich ihm unterordnen und ihn, nur ihn allein bewundern würde. Wieviel Szenen, wieviel wonnige Episoden hatte er sich in der Phantasie über dieses verführerische und reizende Thema ausgemalt, wenn er in aller Stille von der Arbeit ausruhte! Und siehe da, der Traum von so viel Jahren wurde fast ganz zur Wirklichkeit, – die Schönheit und die Bildung Awdotja Romanownas hatten ihn überrascht, und ihre hilflose Lage reizte ihn aufs äußerste. Hier war mehr noch vorhanden, als er geträumt hatte; er hatte ein stolzes, charakterfestes, tugendhaftes Mädchen getroffen, das an Erziehung und Bildung höher stand, als er selber (das fühlte er), und solch ein Wesen wird ihm ihr ganzes Leben wegen seiner großen Tat sklavisch dankbar sein und in Verehrung sich vor ihm in den Staub werfen, er aber wird grenzenlos und unbedingt über sie herrschen ... Als hätte es so sein müssen, hatte er sich kurz vorher nach langem Wägen und Warten entschlossen, seine Laufbahn zu ändern und in einen größeren Wirkungskreis überzugehen, um gleichzeitig allmählich in die höhere Gesellschaft, an die er lange schon mit Sehnsucht gedacht hatte, hineinzukommen ... Mit einem Worte, er entschloß sich, es in Petersburg zu versuchen. Er wußte, daß man durch Frauen sehr viel machen konnte. Der Zauber einer reizenden, tugendhaften und gebildeten Frau konnte wunderbar seinen Weg ebnen, Leute an ihn heranziehen, ihm einen Glorienschein verleihen ... und nun war alles zerstört! Dieser plötzliche abscheuliche Bruch traf ihn wie ein Donnerschlag. Aber es war ein schlechter Spaß, war Unsinn! Er hat doch nur ein bißchen übertrieben; er hatte nicht mal Zeit gehabt, sich auszusprechen, er hatte bloß gescherzt, ließ sich ein wenig gehen, und es hat so ein ernstes Ende genommen! Und schließlich, er liebte doch Dunja in seiner Weise, er herrschte schon über sie in seinen Träumen, – und nun plötzlich dieses! ... Nein! Morgen, morgen schon muß alles wieder ausgeglichen, aufgeklärt und gutgemacht werden, Hauptsache war – diesen aufgeblasenen Milchbart, der an allem Schuld war, zu vernichten. Mit Unbehagen dachte er plötzlich an Rasumichin ... aber er beruhigte sich gleich – „es fehlte gerade noch, daß auch er auf eine Stufe mit ihm gestellt würde!“ Wen er aber tatsächlich allen Ernstes fürchtete – war Sswidrigailoff ... Mit einem Worte, es standen viel Mühe und Sorgen bevor ...

„Nein, ich, ich bin am meisten schuld!“ sagte Dunja, umarmte und küßte die Mutter, „ich habe mich von seinem Gelde verlocken lassen, aber ich schwöre dir, Bruder, – ich konnte nicht glauben, daß er so unwürdig ist. Hätte ich ihn vorher erkannt, hätte ich mich um alles in der Welt nicht verlocken lassen! Klage mich nicht an, Bruder!“

„Gott hat uns gerettet! Gott hat uns gerettet!“ murmelte Pulcheria Alexandrowna, aber wie unbewußt, als hätte sie noch nicht ganz begriffen, was vorgefallen war.

Alle freuten sich, und nach fünf Minuten lachten sie sogar. Zuweilen erblaßte Dunetschka ein wenig und verzog die Augenbrauen bei der Erinnerung an das Vorgefallene. Pulcheria Alexandrowna konnte es nicht begreifen, daß sie sich auch freute; der Bruch mit Luschin war ihr heute früh noch als ein schreckliches Unglück erschienen. Rasumichin aber war entzückt. Er wagte noch nicht ganz sein Entzücken zu äußern, aber er bebte am ganzen Körper wie im Fieber, als hätte sich eine zentnerschwere Last von seinem Herzen gelöst. Jetzt hat er das Recht, ihnen sein ganzes Leben hinzugeben, ihnen zu dienen ... und noch mehr. – Aber sofort jagte er ängstlich alle Zukunftsgedanken fort, er fürchtete sich vor seiner Phantasie. Nur Raskolnikoff allein saß auf demselben Platze, fast düster und zerstreut. Er, der am meisten auf den Bruch mit Luschin bestanden hatte, schien sich jetzt am allerwenigsten für das Vorgefallene zu interessieren. Dunja dachte unwillkürlich, daß er immer noch sehr böse auf sie sei, und Pulcheria Alexandrowna betrachtete ihn ängstlich.

„Was hat dir denn Sswidrigailoff gesagt?“ trat Dunja an ihn heran.

„Ach ja, ja!“ rief Pulcheria Alexandrowna aus.

Raskolnikoff erhob den Kopf.

„Er will dir unbedingt zehntausend Rubel schenken und äußert dabei den Wunsch, dich einmal in meiner Gegenwart zu sehen.“

„Sie zu sehen! Um keinen Preis in der Welt!“ rief Pulcheria Alexandrowna, „und wie wagt er es, ihr Geld anzubieten!“

Darauf teilte Raskolnikoff ziemlich trocken sein Gespräch mit Sswidrigailoff mit, wobei er von dem Erscheinen Marfa Petrownas als Gespenst nichts erwähnte, um nicht zu weit zu gehen, und weil er einen Widerwillen empfand, irgendeine Unterhaltung, außer der notwendigsten, zu führen.

„Was hast du ihm geantwortet?“ fragte Dunja.

„Ich sagte zuerst, daß ich dir keine Mitteilung machen wolle. Darauf erklärte er mir, daß er dann selbst mit allen Mitteln versuchen werde, dich zu sehen. Er beteuerte, daß seine Leidenschaft zu dir eine Torheit gewesen sei und daß er jetzt dir gegenüber nichts mehr empfinde ... Er will nicht, daß du Luschin heiratest ... Er sprach überhaupt verworren.“

„Wie erklärst du ihn dir, Rodja? Wie ist er dir erschienen?“

„Ich muß gestehen, daß ich mir nicht so ganz klar über ihn bin. Er bietet zehntausend an, sagt aber selbst, er sei nicht reich. Er erklärt, daß er irgendwohin reisen will, und nach zehn Minuten vergißt er, daß er darüber gesprochen hat. Plötzlich sagt er auch, daß er heiraten will und daß man ihm schon eine Braut freit ... Sicher hat er Absichten und am wahrscheinlichsten – schlimme ... Aber wieder ist es sonderbar anzunehmen, daß er so dumm die Sache anfassen würde, wenn er dir gegenüber schlimme Absichten hätte ... Ich habe selbstverständlich dieses Geld in deinem Namen ein für allemal ausgeschlagen. Überhaupt erschien er mir sehr eigentümlich und ... sogar ... mit Anzeichen von Geistesstörung. Ich kann mich jedoch auch irren; er kann einfach geschwindelt haben. Der Tod von Marfa Petrowna scheint aber einen Eindruck auf ihn gemacht zu haben ...“

„Gott schenke ihrer Seele Ruhe!“ rief Pulcheria Alexandrowna, „ich will ewig, ewig für sie zu Gott beten! Nun, wie würde es mit uns jetzt stehen, Dunja, ohne diese dreitausend Rubel! Mein Gott, sie sind wie vom Himmel geschickt! Ach, Rodja, wir hatten ja am Morgen im ganzen noch drei Rubel, und ich überlegte mit Dunetschka die ganze Zeit, wie wir am schnellsten irgendwo die Uhr versetzen könnten, um bloß nicht von diesem ... zu fordern, bis es ihm selbst in den Sinn kommt.“

Dunja hatte das Anerbieten Sswidrigailoffs zu stark überrascht. Sie stand die ganze Zeit in Gedanken versunken.

„Er hat irgend etwas Schreckliches im Sinn!“ sagte sie fast im Flüstertone zu sich selbst und schauderte.

Raskolnikoff bemerkte diese maßlose Furcht.

„Ich glaube, ich werde ihn noch einmal sehen,“ sagte er zu Dunja.

„Wir wollen ihn beobachten! Ich werde ihn finden!“ rief Rasumichin energisch. „Ich will mein Auge nicht von ihm lassen! Rodja hat es mir erlaubt. Er hat mir selbst vorhin gesagt: Beschütze die Schwester! Und wollen Sie es auch erlauben, Awdotja Romanowna?“

Dunja lächelte und reichte ihm die Hand, aber die Sorge verließ nicht ihr Gesicht. Pulcheria Alexandrowna blickte sie schüchtern an; die dreitausend Rubel hatten sie sichtlich beruhigt.

Nach einer Viertelstunde waren alle in lebhaftester Unterhaltung. Sogar Raskolnikoff hörte einige Zeit aufmerksam zu, obwohl er sich nicht am Gespräch beteiligte.

Rasumichin redete in einem fort.

„Und warum, warum sollen Sie abreisen!“ ergoß er sich mit Wonne in einer begeisterten Rede, „und was wollen Sie in dem Städtchen machen? Und die Hauptsache, Sie leben alle hier zusammen, und der eine besucht den anderen, ... braucht ihn sehr, verstehen Sie mich! So versuchen Sie es wenigstens eine Weile ... Mich nehmen Sie als Ihren Freund, als Kompagnon, und ich versichere Sie, wir wollen ein ausgezeichnetes Unternehmen gründen. Hören Sie, ich will Ihnen alles genau erklären, – das ganze Projekt mit allen Details! Schon heute Morgen, als noch nichts vorgefallen war, kam es mir in den Sinn ... Sehen Sie, die Sache besteht aus folgendem, – ich habe einen Onkel, – ich will Sie mit ihm bekannt machen, ein ausgezeichneter und verehrungswürdiger alter Herr, – und dieser Onkel hat ein Vermögen von tausend Rubel, er selbst lebt von seiner Pension und leidet keine Not. Fast zwei Jahre schon quält er mich, daß ich diese tausend Rubel für ihn anlegen und ihm sechs Prozent dafür zahlen soll. Ich weiß ja, wie der Hase läuft, – er will mir einfach helfen; im vorigen Jahre aber brauchte ich es nicht, in diesem Jahre jedoch wartete ich bloß auf seine Ankunft und habe mich entschlossen, es anzunehmen. Sie geben dann das zweite Tausend von Ihren drei, und sehen Sie, das genügt für den Anfang, und wir verbünden uns. Was machen wir aber damit?“

Und nun begann Rasumichin sein Projekt zu entwickeln und redete viel darüber, wie wenig fast alle unsere Buchhändler und Verleger von ihrer Sache verstehen, darum seien sie auch gewöhnlich schlechte Verleger, während anständige Buchausgaben sich sicher bezahlt machten und einen zuweilen bedeutenden Nutzen abwürfen. Von der Tätigkeit eines Verlegers träumte also Rasumichin; er hatte schon zwei Jahre für andere gearbeitet und beherrschte drei europäische Sprachen recht gut, wenn er auch vor sechs Tagen Raskolnikoff erklärt hatte, daß er im Deutschen „schwach“ sei, aber das tat er, um ihn zu bewegen, die Hälfte der Übersetzungsarbeit und die drei Rubel Vorschuß anzunehmen. Er log damals, und Raskolnikoff wußte, daß er log.

„Warum denn sollen wir unseren eigenen Vorteil versäumen, wenn wir plötzlich eines der Hauptmittel besitzen, – und zwar eigenes Geld?“ ereiferte sich Rasumichin. „Gewiß, man muß viel arbeiten, aber wir wollen arbeiten, Sie, Awdotja Romanowna, ich, Rodion ... manche Buchausgaben rentieren jetzt prächtig! Und die Hauptunterlage des Unternehmens besteht darin, daß wir wissen werden, was gerade übersetzt werden muß. Wir wollen übersetzen und verlegen und lernen, alles zusammen. Jetzt kann ich nützlich sein, denn ich habe darin Erfahrung. Es sind bald zwei Jahre, seit ich bei den Verlegern herumlaufe, und ich kenne alle ihre Schliche; es ist keine Hexerei, glauben Sie mir! Und warum soll man nicht nach dem Bissen greifen! Ich kenne selbst und bewahre es als ein Geheimnis, zwei oder drei solcher Werke; für den Gedanken allein, sie zu übersetzen und zu verlegen, kann man hundert Rubel für jedes Buch nehmen, und das eine Werk, die Idee allein schon, gebe ich nicht um fünfhundert Rubel. Was meinen Sie, wenn ich es jemand mitteilen würde, so ein Holzklotz täte vielleicht noch daran zweifeln. Und was die geschäftlichen Dinge – Druckerei, Papier, Verkauf – anbetrifft, so überlassen Sie dies mir. Ich kenne alle Schliche! Wir wollen mit kleinem anfangen und großes erreichen; wenigstens ernähren können wir uns und erhalten in jedem Falle unser Geld zurück.“

Dunjas Augen leuchteten.

„Was Sie vorbringen, gefällt mir sehr, Dmitri Prokofjitsch,“ sagte sie.

„Ich verstehe hiervon gar nichts,“ sagte Pulcheria Alexandrowna, „vielleicht ist es auch gut, aber Gott weiß. Es ist neu und unbekannt. Gewiß müssen wir hierbleiben, wenigstens eine Zeitlang ...“

Sie blickte Rodja an.

„Was meinst du, Bruder?“ sagte Dunja.

„Ich meine, daß er einen sehr guten Gedanken hat,“ antwortete er. „Von einer Firma muß man selbstverständlich vorher nicht träumen, aber fünf oder sechs Bücher kann man tatsächlich mit zweifellosem Erfolg verlegen. Ich kenne auch selbst ein Werk, das unbedingt gehen wird. Und daß er die Sache zu leiten versteht, unterliegt keinem Zweifel, – er versteht die Sache ... Übrigens habt ihr noch Zeit, euch zu besprechen ...“

„Hurra!“ rief Rasumichin. „Warten Sie, hier im selben Hause und bei denselben Wirtsleuten ist eine Wohnung frei. Sie ist ganz abgeschlossen, hat mit diesen Zimmern keine Verbindung und besteht aus drei möblierten Stuben, der Preis ist mäßig. Die können Sie fürs erste nehmen. Die Uhr will ich für Sie morgen versetzen und Ihnen das Geld bringen und das weitere wird sich finden. Die Hauptsache aber ist, daß Sie alle drei zusammen leben können, auch Rodja mit Ihnen. Wohin willst du denn, Rodja?“

„Wie, Rodja, gehst du schon fort?“ fragte Pulcheria Alexandrowna erschreckt.

„In solch einem Augenblick!“ rief Rasumichin.

Dunja blickte den Bruder mit mißtrauischem Erstaunen an. Er hielt die Mütze in den Händen und schickte sich an, wegzugehen.

„Ihr tut ja, als ob ihr mich beerdigen oder auf ewig Abschied nehmen müßtet,“ sagte er eigentümlich.

Er wollte lächeln, aber dieses Lächeln gelang ihm schlecht.

„Wer weiß, vielleicht sehen wir uns auch zum letztenmal,“ fügte er unvermutet hinzu.

Er wollte es bloß denken, doch die Worte entschlüpften ihm.

„Um Gottes willen, was ist mit dir!“ rief die Mutter aus.

„Wohin willst du gehen, Rodja?“ fragte ihn Dunja in angstvollem Tone.

„Ich muß jetzt fortgehen,“ antwortete er unklar, als sei er im Zweifel, was er sagen wollte.

In seinem bleichen Gesichte drückte sich eine feste Entschlossenheit aus.

„Ich wollte sagen ... als ich hierher ging ... ich wollte Ihnen, Mama ... und dir, Dunja, sagen, daß es besser sei, wenn wir uns für eine Zeitlang trennen. Ich fühle mich nicht wohl, ich bin unruhig ... ich will später wiederkommen, ich werde von selbst kommen, wenn ... es mir möglich sein wird. Ich denke an euch und liebe euch ... Doch laßt mich! Laßt mich allein! Ich habe es so beschlossen, schon früher ... Ich habe es bestimmt beschlossen ... Was mit mir auch geschieht, ob ich zugrunde gehen werde oder nicht, ich will allein sein. Vergeßt mich ganz und gar. Es ist so am besten. Erkundigt euch auch nicht nach mir. Wenn es nötig sein wird, komme ich von selbst oder ... ich rufe euch. Vielleicht wird noch alles gut! ... Jetzt aber sagt euch von mir los, wenn ihr mich liebt ... Sonst muß ich euch hassen, ich fühle es ... Lebt wohl!“

„Mein Gott!“ rief Pulcheria Alexandrowna.

Die Mutter und die Schwester waren furchtbar erschrocken; Rasumichin ebenfalls.

„Rodja, Rodja! Versöhne dich mit uns, wir wollen wieder wie früher sein!“ rief die arme Mutter aus.

Er wandte sich langsam der Türe zu und ging langsam hinaus. Dunja holte ihn ein.

„Bruder! Was tust du deiner Mutter an!“ flüsterte sie, und ihr Blick leuchtete vor Empörung.

Er schaute sie schwermütig an.

„Es hat nichts zu bedeuten, ich komme, ich werde kommen!“ murmelte er halblaut, als ob er sich nicht völlig bewußt sei, was er sagen wollte, und ging aus dem Zimmer.

„Gefühlloser, böser Egoist!“ rief Dunja.

„Er ist ver–rückt und nicht gefühllos! Er ist geistesgestört! Sehen Sie es denn nicht? Sonst sind Sie gefühllos! ...“ flüsterte Rasumichin ihr zu und drückte stark ihre Hand.

„Ich komme sofort!“ wandte er sich an die erstarrte Pulcheria Alexandrowna und lief aus dem Zimmer. Raskolnikoff erwartete ihn am Ende des Korridors.

„Ich wußte, daß du mir nachgehen wirst,“ sagte er. „Gehe zu ihnen zurück und bleibe bei ihnen ... Sei auch morgen bei ihnen ... und stets. Ich komme ... vielleicht ... wenn ich kann. Leb wohl!“

Und ohne ihm die Hand zu reichen, ging er weiter.

„Ja, wohin gehst du? Was ist mit dir? Was ist geschehen? Kann man denn so! ...“ murmelte Rasumichin fassungslos.

Raskolnikoff blieb noch einmal stehen.

„Ich sage dir ein für allemal, – frage mich nicht und über nichts. Ich habe dir nichts zu antworten ... Komme nicht zu mir. Vielleicht komme ich selbst hierher ... Laß mich ... sie aber verlasse nicht. Verstehst du?“

Es war ziemlich dunkel auf dem Korridor, sie standen unter einer spärlich brennenden Lampe. Eine Minute blickten sie einander schweigend an. Rasumichin erinnerte sich sein ganzes Leben dieser Minute. Der brennende und starre Blick Raskolnikoffs schien mit jedem Momente sich zu verstärken und drang in seine Seele und in sein Bewußtsein. Da zuckte Rasumichin zusammen. Ein fürchterliches Etwas trat zwischen sie ... Ein Gedanke, spürbar wie ein Hauch; ein schauerlicher gräßlicher Gedanke von beiden gedacht, von beiden verstanden ... Rasumichin wurde bleich wie ein Toter.

„Verstehst du jetzt?“ sagte Raskolnikoff plötzlich mit schmerzlich verzogenem Gesichte. „Kehre zurück, gehe zu ihnen,“ fügte er sofort hinzu, drehte sich schnell um und verließ das Haus.

Ich will nicht beschreiben, was an diesem Abend bei Pulcheria Alexandrowna geschah, wie Rasumichin zu ihnen zurückkehrte, wie er sie beruhigte, wie er schwur, daß man Rodja in seiner Krankheit Ruhe geben müsse, wie er schwur, daß Rodja unbedingt kommen würde, daß er jeden Tag herkommen würde, daß er sehr, sehr aufgeregt sei, daß man ihn nicht reizen dürfe; wie er, Rasumichin, auf ihn aufpassen werde, ihm einen guten Arzt, den besten, ein ganzes Konsilium verschaffen werde ... Mit einem Worte, Rasumichin wurde an diesem Abend ihr Sohn und Bruder. –

IV.

Raskolnikoff aber ging direkt zu dem Hause am Kanal, wo Ssonja wohnte. Es war ein dreistöckiges Haus, alt und grün angestrichen. Er suchte den Hausknecht auf und erhielt von ihm die ungefähre Auskunft, wo der Schneider Kapernaumoff wohne. Er fand in einer Ecke auf dem Hofe einen Eingang zu einer schmalen, dunklen Treppe, er stieg zum zweiten Stock hinauf und kam auf eine Galerie, die das Haus auf der Hofseite umgab. Während er in der Dunkelheit und voll Ungewißheit, wo der Eingang zu Kapernaumoff sein könne, herumirrte, öffnete sich plötzlich drei Schritte von ihm eine Türe; er griff mechanisch nach ihr.

„Wer ist da?“ fragte eine weibliche Stimme ängstlich.

„Ich bin es ... komme zu Ihnen,“ antwortete Raskolnikoff und trat in ein winziges Vorzimmer ein. Hier brannte auf einem durchgesessenen Stuhle ein Licht in einem kupfernen Leuchter.

„Sie sind es! Oh, Gott!“ rief Ssonja mit schwacher Stimme und blieb wie versteinert stehen.

„Wo geht es in Ihr Zimmer? Hier?“

Raskolnikoff suchte nicht ihren Blick und ging schnell in ihr Zimmer hinein.

Nach einer Minute kam auch Ssonja mit dem Lichte, stellte es hin und blieb vor ihm stehen, vollkommen verwirrt, in einer unbeschreiblichen Aufregung und sichtbar erschrocken durch seinen unerwarteten Besuch. Eine Röte stieg in ihr bleiches Gesicht, und Tränen traten in ihre Augen ... Es war ihr schwer zumute, sie schämte sich auch, und doch war es ihr lieb ... Raskolnikoff wandte sich schnell von ihr ab und setzte sich auf einen Stuhl neben dem Tisch. Er fand Zeit, einen flüchtigen Blick auf das Zimmer zu werfen.

Es war ein großes Zimmer, aber außerordentlich niedrig, das einzige Zimmer, das Kapernaumoffs vermieteten; in der Wand links war eine verschlossene Tür, die zu ihnen führte. Auf der entgegengesetzten Seite, rechts in der Wand, befand sich noch eine Tür, die immer verschlossen war. Hinter ihr war eine andere Wohnung unter einer anderen Nummer. Ssonjas Zimmer glich einer Scheune, hatte die Gestalt eines unregelmäßigen Vierecks, was ihm etwas Eigentümliches verlieh. Die eine Wand mit drei Fenstern, die auf den Kanal hinausgingen, durchschnitt das Zimmer etwas schief, wodurch die eine Ecke sehr spitz war und in der Tiefe verlief, so daß man bei schwacher Beleuchtung sie nicht gut überschauen konnte; die andere Ecke war wieder häßlich stumpf. In diesem ganzen Zimmer waren fast gar keine Möbel. In einer Ecke rechts war ein Bett, neben ihm näher zur Türe ein Stuhl. An derselben Wand, wo das Bett war, standen an der Türe gegen die fremde Wohnung ein einfacher Tisch, bedeckt mit einem blauen Tischtuche und daneben zwei geflochtene Stühle. An der entgegengesetzten Wand, in der Nähe der spitzen Ecke, befand sich eine kleine Kommode aus einfachem Holze, verloren wie in einer Wüste. Das war das ganze Mobiliar. Die gelblichen, abgerissenen und beschmutzten Tapeten waren an allen Ecken schwarz geworden; im Winter mußte es hier feucht und dunstig sein. Die Armut war offensichtlich; selbst am Bette waren keine Gardinen angebracht.

Ssonja blickte schweigend ihren Besucher an, der so aufmerksam und ungeniert ihr Zimmer betrachtete und begann vor Angst zu zittern, als stände sie vor einem Richter, der über ihr Schicksal entscheiden sollte.

„Ich komme spät ... Es ist wohl schon elf Uhr?“ fragte er sie und erhob noch immer nicht die Augen zu ihr.

„Ja,“ murmelte Ssonja. „Ach, ja, es ist soviel!“ beeilte sie sich zu sagen, als wäre es ein Ausweg, „soeben schlug bei dem Hauswirte die Uhr ... und ich habe die Schläge gezählt ... Es ist soviel.“

„Ich komme zum letztenmal zu Ihnen,“ fuhr Raskolnikoff düster fort, obwohl es doch zum erstenmal war, daß er hier war, „ich werde Sie vielleicht nicht mehr sehen ...“

„Reisen Sie ... fort?“

„Ich weiß es nicht ... alles hängt von morgen ab ...“

„Also, Sie werden morgen nicht bei Katerina Iwanowna sein?“ bebte Ssonjas Stimme.

„Ich weiß es nicht. Alles hängt von morgen früh ab ... Aber darum handelt es sich nicht, ich bin gekommen, Ihnen ein paar Worte zu sagen ...“

Er erhob seinen nachdenklichen Blick zu ihr auf und bemerkte jetzt erst, daß er saß, während sie noch immer vor ihm stand.

„Warum stehen Sie denn? Setzen Sie sich doch,“ sagte er mit veränderter Stimme leise und weich.

Sie setzte sich. Er blickte sie freundlich, fast mitleidig eine Minute an.

„Wie mager Sie sind! Sehen Sie nur Ihre Hand! Ganz durchsichtig. Diese Finger, wie bei einer Toten.“

Er nahm ihre Hand. Ssonja lächelte schwach.

„Ich war immer so,“ sagte sie.

„Auch, als Sie zu Hause lebten?“

„Ja.“

„Ach, selbstverständlich ja!“ sagte er abgerissen, und sein Gesichtsausdruck und der Ton seiner Stimme veränderten sich wieder.

Er blickte sich noch einmal um.

„Sie mieteten das Zimmer von Kapernaumoff?“

„Ja ...“

„Diese wohnen dort hinter der Türe?“

„Ja ... Sie haben auch ein solches Zimmer.“

„Sie leben alle in einem Zimmer?“

„Ja, in einem Zimmer.“

„Ich würde mich nachts in Ihrem Zimmer fürchten,“ bemerkte er düster.

„Die Wirtsleute sind sehr gut, sehr freundlich,“ antwortete Ssonja, die immer noch nicht zu sich gekommen schien und seine Bemerkung nicht verstanden hatte, „und alle Möbel und alles ... alles gehört den Wirtsleuten. Sie sind sehr gut, und die Kinder kommen auch oft zu mir ...“

„Die stotternden?“

„Ja ... Er stottert auch und ist dazu auch lahm. Und die Frau auch ... Das heißt, sie stottert nicht so sehr, sie spricht bloß nicht alles aus. Sie ist sehr gut. Er ist früher Leibeigener gewesen. Und sie haben sieben Kinder ... und bloß der Älteste stottert, die anderen sind nur immer krank ... stottern nicht ... Woher wissen Sie das aber?“ fügte sie ein wenig verwundert hinzu.

„Ihr Vater hat es mir damals erzählt. Er hat mir auch alles über Sie erzählt ... Auch davon, wie Sie um sechs Uhr fortgingen und um neun zurückkamen, auch, wie Katerina Iwanowna an Ihrem Bette auf den Knien gelegen hat.“

Ssonja wurde verlegen.

„Mir schien es, als hätte ich ihn heute gesehen,“ flüsterte sie unentschlossen.

„Wen?“

„Den Vater. Ich ging in die Straße dort, nebenan, an der Ecke in der zehnten Stunde, und er schien vor mir zu gehen, ganz, als wäre er es. Ich wollte eben zu Katerina Iwanowna hingehen ...“

„Waren Sie spazieren gegangen?“

„Ja,“ flüsterte Ssonja abgerissen, wurde wieder verlegen und senkte die Augen.

„Katerina Iwanowna hat Sie doch wohl geschlagen, als Sie beim Vater lebten?“

„Ach nein, wie kommen Sie darauf, nein, nein!“ Ssonja blickte ihn voll Schrecken an.

„Also, Sie lieben sie?“

„Sie? Warum denn nicht!“ sagte Ssonja klagend und faltete mit leidendem Ausdruck die Hände. „Ach! Sie ... Wenn Sie nur wüßten. Sie ist ja ganz wie ein Kind ... Ihr Verstand ist ja wie gestört ... vor lauter Kummer. Und wie sie klug war ... wie großmütig ... wie gut! Sie wissen nichts, nichts ... ach!“

Ssonja sagte dies wie in Verzweiflung, aufgeregt, darunter leidend und händeringend. Ihre bleichen Wangen erröteten wieder und in ihren Augen drückte sich eine tiefe Qual aus. Man sah, daß in ihr sehr vieles durch seine Worte wachgerufen worden war und daß sie gern etwas äußern und sagen und für Katerina Iwanowna eintreten wollte. Ein unerschöpfliches Mitleid, wenn man sich so ausdrücken darf, lag in ihrem Gesichte.

„Sie soll mich geschlagen haben! Ja, wie kommen Sie dazu! Oh, Gott, sie mich schlagen! Und wenn sie mich auch geschlagen hätte, was wäre dabei! Was wäre dabei! Sie wissen nichts, gar nichts ... Sie ist so unglücklich, ach, wie unglücklich sie ist! Und sie ist krank ... Sie sucht Gerechtigkeit ... Sie ist rein. Sie glaubt so daran, daß in allem Gerechtigkeit sein müsse und verlangt sie ... Und Sie können sie quälen, sie wird nichts Ungerechtes tun. Sie merkt selbst nicht, wie unmöglich es ist, daß es unter den Menschen gerecht zugehe und ist reizbar ... Sie ist wie ein Kind, wie ein Kind! Sie ist gerecht, gerecht!“

„Und was wird mit Ihnen geschehen?“

Ssonja blickte ihn fragend an.

„Die Last ist doch auf Ihren Schultern geblieben. Es ist wahr, auch früher lag alles auf Ihren Schultern, und der Verstorbene kam auch zu Ihnen mit seinen Bitten, um zu einem Gläschen zu kommen. Aber was wird jetzt werden?“

„Ich weiß es nicht,“ erwiderte Ssonja traurig.

„Werden sie dort bleiben?“

„Ich weiß nicht, sie sind der Wirtin die Wohnung schuldig; und die Wirtin hat heute gesagt, ich hörte es, daß sie ihr kündigen will; Katerina Iwanowna jedoch sagte schon, daß sie auch selbst keinen Augenblick länger dort bleiben will.“

„Aus welchem Grunde ist sie denn so tapfer? Hofft sie auf Sie?“

„Ach, nein, sagen Sie nicht so etwas ... Wir leben zusammen, gehören zueinander,“ Ssonja wurde wieder erregt und selbst gereizt, genau wie wenn ein Kanarienvogel oder ein anderer kleiner Vogel böse wird. „Ja, was soll sie denn tun? Was denn, was soll sie tun?“ fragte sie, sich ereifernd und erregt. „Und wie, wie lange sie heute geweint hat! Ihr Verstand ist gestört, haben Sie es nicht gemerkt? Er ist gestört; bald regt sie sich wie ein Kind darüber auf, ob morgen auch alles anständig sei, die Speisen und alles da sei ... bald ringt sie die Hände, speit Blut, weint und schlägt die Stirne gegen die Wand aus lauter Verzweiflung. Dann wird sie wieder ruhiger, hofft auf Sie, – sagt, daß Sie ihr ein Helfer sein werden und daß sie bei irgend jemand Geld leihen und nach ihrer Heimatsstadt mit mir reisen wird; sie will dort eine Pension für junge Mädchen aus guter Familie errichten, mich als Aufseherin anstellen, und ein ganz neues, schönes Leben soll für uns beginnen; sie küßt mich, umarmt und tröstet mich und glaubt fest an die Ausführung ihres Planes. Sie glaubt so stark an diese Träume. Kann man ihr denn da widersprechen? Und sie wusch, säuberte und besserte heute den ganzen Tag alles aus; hat selbst mit ihren schwachen Kräften eine Wanne ins Zimmer hereingeschleppt, geriet dabei außer Atem und fiel auf das Bett hin. Wir sind heute am frühen Morgen mit ihr in den Läden gewesen, um Poletschka und Lene Stiefel zu kaufen, denn die ihrigen sind ganz zerrissen, da reichte das Geld nach der Berechnung nicht aus, es fehlte noch sehr viel. Und sie hat so hübsche Stiefelchen ausgesucht, denn sie hat Geschmack, Sie glauben nicht ... Sie fing dort selbst in dem Laden, in Gegenwart der Verkäufer, zu weinen an, da das Geld nicht ausreichte ... Ach, wie leid es einem tat, sie zu sehen.“

„Dann ist es begreiflich, daß Sie ... so leben,“ sagte Raskolnikoff mit bitterem Lächeln.

„Und tut es Ihnen denn nicht auch leid? Nicht auch weh?“ fuhr Ssonja wieder fort. „Ich weiß doch, Sie haben selbst Ihr letztes abgegeben, ohne je wieder etwas davon zu sehen. Und wenn Sie erst alles wüßten, oh, Gott! Und wie oft, wie oft habe ich sie zu Tränen gereizt! In der vorigen Woche noch! Ach, ich ... Genau eine Woche vor seinem Tode. Ich habe grausam gehandelt! Und wie oft, wie oft war ich es! Ach, wie es weh tut, ich wurde heute den ganzen Tag daran erinnert!“

Ssonja rang in schmerzlicher Erinnerung die Hände, während sie sprach.

„Sie wollen grausam sein?“

„Ja, ich, ich bin es! Ich kam damals hin,“ fuhr sie weinend fort, „als der Verstorbene zu mir sagte, ‚lies mir vor, Ssonja,‘ sagte er, ‚mein Kopf tut mir etwas weh, lies mir vor ... hier ist ein Buch‘, er hatte irgendein Buch von Andrei Ssemenowitsch Lebesjätnikoff erhalten; er wohnt auch dort und hat immer solche spaßige Bücher. Und ich sagte, ‚ich muß gehen‘, wollte ihm also nicht vorlesen. Ich war hauptsächlich zu ihnen gekommen, um Katerina Iwanowna die Kragen zu zeigen, hübsche, neue und ausgewählte Kragen und Manschetten, die mir Lisaweta, eine Händlerin, billig besorgt hatte. Und Katerina Iwanowna gefielen sie sehr, sie legte einen Kragen um, besah sich im Spiegel, und sie gefielen ihr sehr. ‚Schenk sie mir, Ssonja,‘ sagte sie, ‚bitte schenk sie mir.‘ Sie hatte bitte gesagt, und sie wollte sie so gern haben. Wann soll sie aber die Kragen umlegen? Sie dachte nur an die frühere, glücklichere Zeit. Sie sah sich im Spiegel, betrachtete sich mit Wohlgefallen und hat doch keine passenden Kleider, gar keine Sachen dazu, – wer weiß, wie viele Jahre schon! Und niemals wird sie etwas von jemand erbitten, – sie ist stolz und gibt eher das letzte fort, nun aber hatte sie mich gebeten, – so hatten ihr die Kragen gefallen! Mir aber tat es leid sie wegzugeben. ‚Wozu brauchen Sie sie, Katerina Iwanowna‘, sagte ich, so direkt: wozu? Das hätte ich ihr nicht sagen dürfen. Sie blickte mich schmerzlich an und wurde sehr traurig, daß ich sie ihr abgeschlagen hatte, und es war so traurig anzusehen ... Nicht der Kragen wegen, sondern weil ich es ihr abgeschlagen habe, ich hatte doch ... Ihnen ist dies doch gleichgültig!“

„Haben Sie diese Händlerin Lisaweta gekannt?“

„Ja ... Sie auch?“ fragte Ssonja ihn mit einigem Erstaunen.

„Katerina Iwanowna hat die Schwindsucht im höchsten Grade, sie wird bald sterben,“ sagte Raskolnikoff nach einigem Schweigen, ohne auf ihre Frage zu antworten.

„Ach nein, nein, nein!“ Und Ssonja ergriff unbewußt seine beiden Hände, als ob es an ihm läge, dies zu verhindern und als könnte sie das von ihm erflehen.

„Es ist doch besser, wenn sie stirbt!“

„Nein, es ist nicht, es ist gar nicht besser!“ wiederholte sie erschrocken und ohne Überlegung.

„Und was wird aus den Kindern? Sie werden sie sicher zu sich nehmen?“

„Ach, ich weiß es nicht!“ rief Ssonja fast in Verzweiflung aus und faßte sich an den Kopf.

Man merkte, daß dieser Gedanke schon viele Male ihr aufgetaucht war und daß sie ihn immer wieder abgewiesen hatte.

„Und wenn Sie noch bei Katerina Iwanownas Lebzeiten krank werden und man Sie ins Krankenhaus schafft, was dann?“ drang er erbarmungslos weiter in sie.

„Ach, wie ist es möglich! Das kann doch nicht sein!“ und Ssonjas Gesicht verzog sich in furchtbarem Schrecken.

„Wieso kann es nicht sein?“ fuhr Raskolnikoff mit einem harten Lächeln fort. „Sie sind doch nicht davor geschützt? Was wird dann mit jenen geschehen? Sie werden auf die Straße alle zusammen gehen, Katerina Iwanowna wird husten und betteln und mit der Stirn an die Wand schlagen, wie heute, und die Kinder werden weinen ... Dann wird sie hinfallen, man bringt sie zur Wache, nachher ins Krankenhaus, nachher wird sie sterben, und was wird aus den Kindern ...“

„Ach nein! ... Gott wird es nicht zulassen!“ entrang es sich der zusammengeschnürten Brust Ssonjas.

Sie hörte ihm ängstlich zu, blickte ihn flehend an und faltete in stummer Bitte die Hände, als hinge alles von ihm ab. Raskolnikoff stand auf und begann im Zimmer auf- und abzugehen. Es vergingen Minuten. Ssonja stand mit gesenktem Kopfe und herabhängenden Händen da in unsäglichem Leid.

„Kann man nicht sparen? Einen Notgroschen sammeln?“ fragte er und blieb vor ihr stehen.

„Nein,“ flüsterte Ssonja.

„Versteht sich, nein! Haben Sie es aber auch schon versucht?“ fragte er spöttisch.

„Ich habe es versucht.“

„Und es gelang nicht! Nun, das ist ja selbstverständlich! Was ist da noch zu fragen!“

Und er wanderte wieder im Zimmer auf und nieder. Es verstrich wieder eine Weile.

„Sie erhalten nicht jeden Tag Geld?“

Ssonja wurde noch mehr betreten, und wieder stieg ihr das Blut ins Gesicht.

„Nein,“ flüsterte sie mit qualvoller Anstrengung.

„Mit Poletschka wird sicher dasselbe geschehen,“ sagte er plötzlich.

„Nein, nein! Das darf nicht sein, unmöglich!“ rief sie laut, vollkommen verzweifelt, als hätte man ihr einen Stich ins Herz gegeben. „Gott, Gott wird so was Schreckliches nicht zulassen! ...“

„Bei Ihnen läßt er es doch zu.“

„Nein, nein! Gott wird sie schützen! ...“ wiederholte sie ganz außer sich.

„Ja, vielleicht gibt es gar keinen Gott,“ antwortete Raskolnikoff mit einem Anflug von Schadenfreude, lachte und blickte sie an. Ssonjas Gesicht verzerrte sich krampfhaft. Mit einem unbeschreiblichen Vorwurf schaute sie ihn an, wollte etwas sagen, konnte aber nichts herausbringen, bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte dann bitterlich.

„Sie sagen, Katerina Iwanownas Verstand sei gestört. Ihr eigener ist auch gestört,“ sagte er nach einigem Schweigen.

Es vergingen wieder etwa fünf Minuten, während er schweigend auf und ab ging, ohne sie anzublicken. Endlich trat er an sie heran; seine Augen funkelten. Er packte sie mit beiden Händen an den Schultern und sah in ihr weinendes Gesicht. Seine Augen hatten einen heißen, trockenen, durchdringenden Blick, und seine Lippen bebten vor Erregung ... Plötzlich beugte er sich nieder, warf sich auf den Boden und küßte ihren Fuß. Ssonja fuhr entsetzt vor ihm zurück, wie vor einem Irrsinnigen. Er sah wirklich ganz wie ein Irrsinniger aus.

„Was ist mit Ihnen, was tun Sie? Vor mir!“ murmelte sie erbleichend, und ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.

Er stand sofort auf.

„Ich habe mich nicht vor dir verneigt, sondern vor dem ganzen menschlichen Leiden,“ sagte er mit eigentümlichem Ton und ging zum Fenster hin. „Höre,“ setzte er hinzu, als er nach einem Augenblick zu ihr zurückkam, „ich habe vorhin zu einem bösen Menschen gesagt, daß er deinen kleinen Finger nicht wert sei ... und daß ich meiner Schwester heute eine Ehre erwiesen habe, indem ich sie neben dich hingesetzt habe ...“

„Ach, was haben Sie gesagt! Und in ihrer Gegenwart?“ rief Ssonja erschrocken aus. „Neben mir zu sitzen! Eine Ehre! Ja, ich bin doch ... ehrlos ... Ach, warum haben Sie das gesagt?“

„Nicht wegen deiner Ehrlosigkeit und Sünde habe ich es von dir gesagt, sondern wegen deines großen Leides. Daß du eine große Sünderin bist, ist wahr,“ fügte er fast entzückt hinzu, „und am meisten bist du dadurch eine Sünderin, weil du dich umsonst getötet und verkauft hast. Ist das nicht entsetzlich! Ist es nicht entsetzlich, daß du in diesem Schmutze lebst, den du so haßt und gleichzeitig es selbst weißt, – man braucht dir nur die Augen zu öffnen – daß du niemandem damit hilfst und niemanden dadurch rettest! Ja, sage mir doch endlich,“ fuhr er fast in Wut fort, „wie kannst du solche Schande und solche Gemeinheit mit deinen anderen besten und heiligsten Gefühlen in dir vereinigen? Es wäre doch gerechter, tausendmal gerechter und vernünftiger, sich mit dem Kopfe voran ins Wasser zu stürzen und allem ein Ende zu machen!“

„Und was wird mit ihnen allen geschehen?“ fragte Ssonja mit schwacher Stimme, blickte ihn leidend an, zeigte aber über seinen Vorschlag gar kein Erstaunen. Raskolnikoff blickte sie eigentümlich an.

Er hatte alles in ihrem Blicke gelesen. Auch sie hatte tatsächlich schon selbst diesen Gedanken gehabt. Vielleicht hatte sie sich in der Verzweiflung oft und ernstlich überlegt, dem Leben schneller ein Ende zu machen, so daß sie jetzt gar nicht über seinen Vorschlag erstaunt war. Sie hatte selbst die Härte seiner Worte nicht empfunden, auch den Sinn seiner Vorwürfe und seine besondere Ansicht über ihre Schande hatte sie nicht erfaßt, das konnte er sehen. Er aber begriff vollkommen, wie grauenhaft und schmerzlich sie schon seit langem der Gedanke an ihre ehrlose und schmachvolle Lage gequält hatte. Was aber war es, was konnte es sein, – dachte er, – das ihren Entschluß, mit einem Schlage allem ein Ende zu machen, aufhielt? Jetzt erst verstand er völlig, was für sie diese armen, kleinen verwaisten Kinder und diese beklagenswerte halbverrückte Katerina Iwanowna mit ihrer Schwindsucht und mit ihrer Verzweiflung bedeuteten.

Aber ebenso klar war es ihm, daß Ssonja mit ihrem Charakter und ihrer Bildung, die sie doch immerhin genossen hatte, in keinem Falle weiter in dieser Lage aushalten konnte. Und dennoch blieb die Frage offen, – wie hatte sie so lange, zu lange schon, in dieser Lage aushalten können, ohne den Verstand zu verlieren, wenn sie nicht die Kraft besaß, sich ins Wasser zu stürzen? Gewiß, er begriff, daß Ssonjas Lage eine häufige Erscheinung in der Gesellschaft war, und unglücklicherweise bei weitem keine einzelne Ausnahme. Aber dieser Umstand selbst, ihre Bildung und ihr ganzes vorheriges Leben hätten sie doch sofort beim ersten Schritt auf diesem widerwärtigen Wege töten müssen. Was hielt sie denn? Doch nicht die Unzucht? Diese ganze Schande hatte sie offenbar nur mechanisch berührt; die echte Unzucht war noch mit keinem Tropfen in ihr Herz gedrungen; er sah es; sie stand völlig rein vor ihm da ...

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