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Sämtliche Werke 1-2

Sechster Teil

E. K. Rahsin translation

I.

Für Raskolnikoff war eine merkwürdige Zeit angebrochen. – Es war, als wäre plötzlich ein schwerer Nebel auf ihn herabgesunken und hätte für ihn eine undurchdringliche und tiefe Einsamkeit beschlossen. Als er später, lange nachher, sich dieser Zeit entsann, dachte er es sich so, daß sein Bewußtsein zeitweise sich verdunkelte und daß dies mit wenigen Unterbrechungen bis zur endgültigen Katastrophe gedauert hatte. Er war vollkommen überzeugt, daß er sich damals öfters geirrt haben müsse, zum Beispiel in der Zeit und der Dauer verschiedener Ereignisse. Wenigstens, als er sich späterhin auf dies oder jenes besinnen wollte und sich das Erinnerte zu erklären versuchte, erfuhr er vieles über sich selbst, indem er sich nach den Mitteilungen richtete, die er von anderen erhalten. So verwechselte er ein Ereignis z. B. mit einem anderen; ein anderes hielt er für die Folge eines Vorfalls, der nur in seiner Einbildung existierte. Zuweilen erfaßte ihn eine qualvolle Unruhe, die sich zu einem panischen Schrecken steigern konnte. Er entsann sich auch, daß es Minuten, Stunden, vielleicht sogar ganze Tage gab, die er im Gegensatz zu der Angst, in völliger Apathie verbrachte, – eine Apathie, die dem schmerzhaft gleichgültigen Zustand Sterbender ähnlich war. Überhaupt trieb es ihn in diesen letzten Tagen, einem klaren und vollen Verständnis seiner Lage aus dem Wege zu gehen; alltägliche Dinge, die eine unverzügliche Erledigung verlangten, lasteten auf ihm; wie froh wäre er dagegen gewesen, von manchen Sorgen sich befreien und loslösen zu können, die im Falle ihrer Vernachlässigung ihm den völligen, unvermeidlichen Untergang bringen mußten.

Am meisten beunruhigte ihn Sswidrigailoff, – ja, man konnte sagen, daß Sswidrigailoff seine einzige Sorge war. Seit der Zeit, als er von Sswidrigailoff in Ssonjas Zimmer, in Katerina Iwanownas Todesstunde die drohenden und unzweideutigen Worte gehört hatte, schien der gewöhnliche Fluß seiner Gedanken gestört zu sein. Und obgleich ihn diese neue Tatsache äußerst beunruhigte, beeilte sich Raskolnikoff nicht, die Sache aufzuklären. Zuweilen, wenn er sich irgendwo in einem abgelegenen und menschenleeren Stadtteile, in einem kläglichen Restaurant an einem Tische allein in Gedanken versunken vorfand und sich kaum entsann, wie er hierher gekommen war, fiel ihm mit einem Male Sswidrigailoff ein, – er sah nur zu deutlich ein, daß er sich möglichst schnell mit diesem Menschen verständigen und zu einem Ende mit ihm kommen müsse. Einmal, als er vor die Stadt geraten war, bildete er sich sogar ein, daß er hier Sswidrigailoff erwarte, daß sie hier eine Zusammenkunft verabredet hätten. Ein anderes Mal erwachte er vor Tagesanbruch irgendwo auf der Erde im Gebüsch und begriff nicht, wie er hierhergekommen war. In den zwei, drei auf Katerina Iwanownas Tode folgenden Tagen hatte er ein paarmal Sswidrigailoff getroffen, fast immer in der Wohnung Ssonjas, wohin er ziellos, stets aber nur einen kurzen Augenblick gegangen war. Sie wechselten stets einige kurze Worte und berührten kein einziges Mal den Hauptpunkt, als wäre es zwischen ihnen so verabredet worden, vorläufig darüber zu schweigen. Die Leiche von Katerina Iwanowna lag noch im offenen Sarge. Sswidrigailoff gab die Anordnungen für die Beerdigung und sorgte für alles. Ssonja war auch sehr in Anspruch genommen. Bei der letzten Begegnung hatte Sswidrigailoff ihm mitgeteilt, daß er die Frage bezüglich der Kinder Katerina Iwanownas gelöst habe und sehr glücklich sei, daß dank einiger Verbindungen alle drei Waisen sofort in sehr anständige Anstalten untergebracht werden könnten und daß das für sie deponierte Geld viel dazu beigetragen habe, weil wohlhabende Waisen leichter als arme unterzubringen seien. Er redete auch über Ssonja, versprach Raskolnikoff in den nächsten Tagen selbst aufzusuchen, um sich mit ihm zu beraten, da in dieser Angelegenheit Notwendiges zu besprechen sei.

Das Gespräch fand im Korridor, an der Treppe statt. Sswidrigailoff sah unverwandt Raskolnikoff in die Augen und fragte ihn nach einigem Schweigen mit gesenkter Stimme.

„Was ist mit Ihnen, Rodion Romanowitsch, Sie sind so vollkommen verändert? Wirklich! Sie hören zu und schauen einen dabei an, scheinen aber nichts zu verstehen. Geben Sie acht auf sich. Wir wollen einmal miteinander sprechen; schade nur, daß ich jetzt so viel für andere und für mich selbst zu tun habe ... Ach, Rodion Romanowitsch,“ fügte er unmittelbar hinzu, „alle Menschen brauchen Luft, Luft, Luft ... Vor allen Dingen!“

Er trat zur Seite, um den eben heraufkommenden Priester und den Küster vorbeizulassen. Sie kamen, die Totenmesse zu halten. Sswidrigailoff hatte angeordnet, daß pünktlich zweimal am Tage Totenmessen abgehalten würden. Sswidrigailoff ging seinen Angelegenheiten nach und Raskolnikoff blieb eine Weile stehen, dachte nach und folgte dann dem Priester in Ssonjas Wohnung.

Er blieb an der Türe stehen. Der Gottesdienst begann leise, andächtig, traurig. In dem Bewußtsein, sterben zu müssen und in der Empfindung der Gegenwart des Todes lag für ihn stets, von früher Kindheit an, etwas Schweres, Drückendes und Mystisches, und er hatte seit langem keiner Totenmesse mehr beigewohnt. Außerdem peinigte ihn noch ein anderes Gefühl. Er sah auf die Kinder, – sie lagen alle vor dem Sarge auf den Knien und Poletschka weinte. Hinter ihnen stand Ssonja, still und schüchtern weinend und betete.

„Sie hat mich in diesen Tagen kein einziges Mal angeblickt und mir noch kein Wort gesagt,“ dachte Raskolnikoff. Die Sonne beleuchtete hell das Zimmer; der Weihrauch stieg in feinen Wolken empor; der Priester las „Gott schenke dir Ruhe ...“ Raskolnikoff blieb während des ganzen Gottesdienstes. Als der Priester den Segen erteilte und sich verabschiedete, blickte er sich eigentümlich um. Nach Beendigung der Messe trat Raskolnikoff an Ssonja heran. Sie nahm plötzlich seine beiden Hände und lehnte den Kopf an seine Schulter. Diese kurze Bewegung überraschte ihn. Wie? war es möglich? – Nicht der geringste Widerwille, nicht der geringste Ekel ihm gegenüber, nicht das leiseste Beben ihrer Hand. War das nicht eine grenzenlose Demütigung seines eigenen Ichs. In dieser Weise faßte er es auf. Ssonja sagte nichts und Raskolnikoff drückte ihr nur die Hand und ging fort. Ihm war schwer zumute. Hätte er in diesem Augenblicke irgendwohin gehen können, um völlig allein zu bleiben, und selbst fürs ganze Leben, er würde sich glücklich gepriesen haben. Trotzdem er in der letzten Zeit fast immer allein war, war er nicht imstande, ein Fürsichsein zu empfinden. Er ging öfters außerhalb der Stadt auf Landwegen herum, einmal sogar war er in einen Wald geraten, aber je einsamer der Ort war, desto stärker empfand er die beunruhigende Nähe von irgend etwas, das wohl nichts furchterweckendes, wohl aber etwas belästigendes war, so daß er jedesmal schneller in die Stadt zurückkehrte, sich unter die Menschen mischte, in Restaurants oder Schenken ging, den Trödelmarkt oder den Heumarkt aufsuchte. Hier ward es ihm leichter und hier fühlte er sich allein. Eines Tages war er in einer Schenke, wo man kurz vor Abend zu singen begann; er blieb eine ganze Stunde sitzen, hörte zu und erinnerte sich, daß ihm dies wohlgetan hatte. Zum Schluß aber wurde er wieder unruhig, als ob sein Gewissen wach würde. „Ich sitze hier und höre zu, wie gesungen wird, habe ich denn nichts anderes zu tun!“ dachte er mit einemmale. Es wurde ihm bald klar, daß nicht dieser Umstand ihn allein beunruhige; es gab etwas anderes, das eine unverzügliche Lösung verlangte, was er aber sich weder klar vorstellen, noch durch Worte wiedergeben konnte. Alles verwickelte sich zu einem Knäuel. „Nein, es ist doch besser, einen Kampf zu führen! Mag Porphyri Petrowitsch wieder auftreten ... oder Sswidrigailoff ... Mag nun wieder eine Herausforderung, ein Angriff erfolgen ... Ja! Ja!“ – Er verließ die Schenke und lief fast nach Hause. Der Gedanke an Dunja und die Mutter jagte ihm plötzlich eine panische Angst ein.

Es war in der Nacht, aber der Morgen graute schon, als er auf der Krestowski-Insel im Gebüsch fröstelnd vor Fieber erwachte; er ging nach Hause. Nach einigen Stunden Schlaf war das Fieber vorüber, er erwachte sehr spät, – es war zwei Uhr nachmittags.

Es kam ihm wieder in Erinnerung, daß Katerina Iwanowna heute beerdigt werden sollte, und er war froh, daß er nicht zugegen sein mußte. Nastasja brachte ihm etwas zu essen; er aß und trank mit großem Appetit, fast mit einem Heißhunger. Sein Kopf wurde frischer, er selbst ruhiger, als in diesen letzten drei Tagen. Er wunderte sich sogar flüchtig über die früheren Anfälle seiner panischen Angst. Da öffnete sich die Türe und Rasumichin trat herein.

„Ah! Du ißt, so bist du auch nicht krank!“ sagte Rasumichin, nahm einen Stuhl und setzte sich an den Tisch, Raskolnikoff gegenüber. Er war aufgeregt und versuchte nicht, es zu verbergen und sprach mit sichtbarem Ärger, aber ohne sich zu überhasten und ohne die Stimme besonders zu erheben. Man konnte denken, daß ihn eine ganz bestimmte Absicht herführe. „Höre,“ begann er entschlossen, „ich kehre mich den Teufel um euch alle und zwar, weil ich jetzt sehe, deutlich sehe, daß ich nichts davon verstehen kann; bitte, glaube nicht, daß ich gekommen bin, dich auszufragen. Ich pfeife darauf! Ich will es gar nicht wissen! Und wenn du mir jetzt selbst alles anvertrauen, alle eure Geheimnisse entdecken wolltest, ich würde sie vielleicht nicht mal anhören, ich pfeife auf alles und gehe fort. Ich bin nur gekommen, um persönlich und endgültig zu erfahren, ob es wahr ist, daß du verrückt bist? Siehst du, es besteht die Meinung über dich, – irgendwo, das ist ja einerlei – daß du möglicherweise verrückt bist, jedenfalls aber starke Anlagen dazu habest. Ich muß dir gestehen, ich selbst war stark geneigt, diese Meinung zu teilen, erstens wegen deiner dummen und zum Teil schmählichen Handlungen, die durch nichts erklärt werden können, und zweitens wegen deines kürzlichen Benehmens deiner Mutter und Schwester gegenüber. Nur ein Scheusal und ein Schuft, oder ein Wahnsinniger konnte sie in dieser Weise behandeln, wie du sie behandelt hast; folglich bist du wahnsinnig ...“

„Hast du sie lange nicht gesehen?“

„Ich war soeben bei ihnen. Und du hast sie seit dieser Zeit nicht mehr gesehen? Sage mir bitte, wo treibst du dich herum, ich bin schon dreimal bei dir gewesen. Deine Mutter ist seit gestern ernstlich erkrankt. Sie wollte zu dir gehen; Awdotja Romanowna hielt sie davon ab; doch sie wollte auf nichts hören. ‚Wenn er krank ist,‘ sagte sie, ‚wenn sein Geist gestört ist, wer soll ihm denn helfen, wenn nicht die eigene Mutter?‘ So kamen wir alle hierher, denn wir konnten sie doch nicht allein gehen lassen. Bis zu deiner Tür haben wir sie gebeten, sich zu beruhigen. Wir traten in dein Zimmer, da warst du nicht da; hier, auf diesem Platz, hat sie gesessen. Sie saß über zehn Minuten da, wir standen schweigend in ihrer Nähe. Sie stand dann auf und sagte, – ‚wenn er ausgeht, ist er gesund und hat die Mutter vergessen; es ist unpassend und eine Schande für eine Mutter, weiter noch an der Schwelle zu stehen und um Liebkosung, wie um ein Almosen zu betteln‘. Sie kehrte nach Hause zurück, mußte sich zu Bett legen und liegt jetzt im Fieber. ‚Ich sehe,‘ sagte sie, ‚für die Seine hat er Zeit.‘ Sie meinte mit der Seinen Ssofja Ssemenowna, deine Braut oder deine Geliebte, ich weiß es nicht. Ich ging sofort zu Ssofja Ssemenowna, denn ich wollte alles erfahren, Bruder; ich komme hin und sehe, – ein Sarg steht dort, die Kinder weinen, Ssofja Ssemenowna probiert ihnen Trauerkleider an, du bist aber nicht da. Ich sah das alles an, entschuldigte mich und ging fort und habe Awdotja Romanowna alles erzählt. Alles ist Unsinn und es gibt gar keine ‚Seine,‘ also ist es ganz Wahnsinn. Doch jetzt sitzest du hier und frißt gekochtes Fleisch, als hättest du drei Tage nichts gegessen. Es ist wahr, Wahnsinnige essen auch und du hast kein Wort mit mir gesprochen, du bist aber ... nicht verrückt. Das kann ich beschwören. Unter keinen Umständen verrückt. Also, hol euch alle der Teufel, es steckt etwas dahinter, es gibt irgendein Geheimnis, und ich habe keine Lust, über eure Geheimnisse mir den Kopf zu zerbrechen. Ich bin bloß gekommen, zu schimpfen,“ schloß er und stand auf, „mir Luft zu machen und nun weiß ich, was ich zu tun habe!“

„Was willst du jetzt tun?“

„Was geht es dich an, was ich jetzt tun will?“

„Gib acht, du fängst zu trinken an!“

„Woher ... woher weißt du das?“

„Das ist leicht zu erraten!“

Rasumichin schwieg eine Weile.

„Du warst immer ein sehr vernünftiger Mensch und nie, niemals warst du verrückt,“ bemerkte er plötzlich voll Eifer. „Das stimmt, – ich werde anfangen zu trinken! Lebwohl!“

Und er schickte sich an zu gehen.

„Vorgestern, glaube ich, habe ich von dir mit der Schwester gesprochen, Rasumichin.“

„Von mir! Ja ... wo konntest du sie denn vorgestern gesehen haben?“ Rasumichin blieb stehen und wurde ein wenig blaß.

Man konnte bemerken, wie sein Herzschlag langsamer und schwerer ging.

„Sie war hierhergekommen, allein, saß hier und sprach mit mir.“

„Sie!“

„Ja, sie!“

„Was hast du denn gesprochen ... ich will sagen, – von mir?“

„Ich sagte ihr, daß du ein sehr guter, ehrlicher und arbeitsamer Mensch seist. Daß du sie liebst, habe ich ihr nicht gesagt, denn das weiß sie selbst.“

„Sie weiß es selbst?“

„Nun, und ob! Wohin ich auch reisen mag, was mit mir auch geschehen mag, – du würdest bei ihnen, als ihre Vorsehung, bleiben. Ich übergab sie beide deiner Obhut, Rasumichin. Ich sage es, weil ich sehr gut weiß, wie du sie liebst und weil ich von der Reinheit deines Herzens überzeugt bin. Ich weiß auch, daß auch sie dich lieben kann und vielleicht sogar schon liebt. Jetzt beschließe selbst, wie es dir am besten erscheint, – ob du trinken willst oder nicht?“

„Rodja ... Siehst du ... Nun ... Ach, Teufel! Wohin willst du aber gehen? Siehst du, wenn es ein Geheimnis ist, laß es! Aber ich ... ich werde das Geheimnis erfahren ... Und bin überzeugt, daß es sicher irgendein Unsinn und eine lächerliche Kleinigkeit ist, und daß du allein dir alles andere eingebrockt hast. Im übrigen aber bist du ein ausgezeichneter Mensch! Ein ausgezeichneter Mensch! ...“

„Und ich wollte gerade hinzufügen, da hast du mich aber unterbrochen, daß du vorhin sehr gut und richtig geäußert hast, diese Geheimnisse nicht erfahren zu wollen. Laß es vorläufig sein, rege dich nicht auf. Du wirst alles rechtzeitig zu wissen bekommen und dann, wenn es nötig sein wird. Gestern hat ein Mann zu mir gesagt, daß die Menschen Luft brauchen, Luft, Luft! Ich will gleich zu ihm hingehen und erfahren, was er darunter versteht.“

Rasumichin stand in Gedanken versunken, aufgeregt schien er über etwas nachzudenken.

„Er ist ein politischer Verschwörer! Sicher! Und er steht vor einem entscheidenden Schritt, – das ist auch sicher! Anders kann es nicht sein und ... Dunja weiß es ...“ dachte er.

„Also zu dir kommt Awdotja Romanowna,“ sagte er und betonte jedes Wort, „und du selbst willst einen Menschen treffen, der da sagt, daß mehr Luft nötig sei, mehr Luft und ... und, also hängt auch dieser Brief ... irgendwie damit zusammen.“

„Was für ein Brief?“

„Sie hat einen Brief erhalten, heute; der hat sie sehr aufgeregt. Sehr. Fast zu sehr ... Als ich von dir zu sprechen anfing, – bat sie mich zu schweigen. Dann ... dann sagte sie, daß wir uns vielleicht sehr bald trennen müßten, und begann mir für etwas heiß zu danken; ging darauf in ihr Zimmer und schloß sich ein.“

„Sie hat einen Brief erhalten?“ wiederholte Raskolnikoff nachdenklich.

„Ja, einen Brief, und du weißt nichts davon? Hm!“ Beide schwiegen eine Weile.

„Lebwohl, Rodion. Ich, Bruder ... es gab eine Zeit ... übrigens aber, lebwohl; siehst du, es gab eine Zeit ... Nun, lebwohl! Ich muß auch gehen. Ich werde nicht trinken. Jetzt ist es nicht mehr nötig ... wird nicht gemacht!“

Er hatte Eile, aber als er schon draußen war und die Türe fast geschlossen hatte, öffnete er sie plötzlich wieder und sagte, indem er zur Seite blickte:

„Apropos! Erinnerst du dich dieses Mordes, der Sache, die Porphyri Petrowitsch führt, – der Ermordung der Alten? Nun, du sollst wissen, daß der Mörder gefunden ist, er hat alles eingestanden und alle Beweise geliefert. Stell dir vor, es ist einer von denselben Arbeitern, den Anstreichern, die ich – erinnerst du dich – noch bei dir im Zimmer verteidigte. Kannst du es glauben, er hat diese ganze Szene mit der Schlägerei und dem Lachanfall auf der Treppe mit seinem Kameraden, als der Hausknecht und die zwei Zeugen hinaufgingen, – absichtlich vorgeführt und zwar um jeden Verdacht von sich abzulenken. Welch eine Schlauheit, welch eine Geistesgegenwart in so einem jungen Hunde steckt! Es ist schwer zu glauben; er hat aber selbst die Sache aufgeklärt, alles selbst eingestanden! Und wie ich hereingefallen bin! Nun, meiner Ansicht nach ist er bloß ein Genie der Verstellung und Geschicklichkeit, ein Genie gegenüber juristischer Verhörskunst, – folglich ist hier nichts staunenswertes! Kann es denn nicht auch solche Genies geben? Und weil er es nicht bis zu Ende durchgeführt, sondern eingestanden hat, aus dem Grunde glaube ich ihm noch mehr. Es ist überzeugender! ... Aber wie ich damals hereingefallen bin! Ich kletterte ja um ihretwillen an die Wände hinauf!“

„Sage mir bitte, woher hast du es erfahren, und warum interessiert es dich so sehr?“ fragte ihn Raskolnikoff sichtbar erregt.

„Nun, was frägst du bloß! Warum sollte es mich nicht interessieren! Das ist auch eine Frage! ... Ich habe es unter anderem von Porphyri Petrowitsch erfahren. Übrigens, ich habe fast alles durch ihn erfahren.“

„Von Porphyri Petrowitsch?“

„Ja, von Porphyri Petrowitsch.“

„Was ... was meint er?“ fragte Raskolnikoff angstvoll.

„Er hat es mir ausgezeichnet erklärt. Psychologisch erklärt, auf seine Weise.“

„Er hat es dir erklärt? Er hat es dir selbst erklärt?“

„Ja, selbst, selbst; lebwohl! Ich will dir später noch mehr erzählen, jetzt aber habe ich zu tun. Ja ... es gab eine Zeit, wo ich glaubte ... Nun, was ist da zu reden ... später davon ... Warum soll ich jetzt anfangen zu trinken. Du hast mich auch ohne Wein betrunken gemacht. Ich bin ja betrunken, Rodja! Ohne Wein bin ich betrunken; nun, aber lebwohl! Ich komme zu dir. Sehr bald.“

Er ging hinaus.

„Er ist, er ist ein politischer Verschwörer, das ist sicher, das steht fest!“ sagte sich Rasumichin endgültig, indem er langsam die Treppe hinabstieg. „Und die Schwester hat er auch hineingezogen; das ist sehr, sehr begreiflich bei dem Charakter von Awdotja Romanowna. Sie haben Zusammenkünfte ... Und sie hat es mir auch angedeutet. Aus vielen ihrer Worte ... und Andeutungen ... und Anspielungen ergibt sich dies alles! Ja, wie kann man denn sonst diesen ganzen Wirrwarr erklären? Hm! Und ich dachte ... Oh, Gott, was ich gemeint habe. Ja, das war eine Verblendung und ich habe gefehlt vor ihm! Damals bei der Lampe im Korridor hat er mich verwirrt und verblendet! Pfui! Welch ein häßlicher, roher, gemeiner Gedanke von mir! Nikolai ist ein braver Bursche, daß er es eingestanden hat ... Und wie sich jetzt alles Vorhergegangene leicht erklären läßt! Seine Krankheit damals, alle seine sonderbaren Handlungen, auch früher schon, in der Universität noch, als er immer so düster und verschlossen war ... Aber was bedeutet jetzt dieser Brief? Hier steckt vielleicht auch etwas dahinter. Von wem ist dieser Brief? Ich habe einen Verdacht ... Hm! Nein, ich will alles erfahren.“

Da erinnerte er sich an Dunetschka, und sein Herz blieb ihm fast stillstehen. Er riß sich von seinen Gedanken los und lief weiter.

Kaum war Rasumichin fortgegangen, so stand Raskolnikoff auf, wandte sich zum Fenster, ging von einer Ecke in die andere, als hätte er die Enge seiner Kammer vergessen, und ... setzte sich wieder auf das Sofa hin. Er schien ganz wie ausgewechselt zu sein; wieder – hatte sich ein Ausweg gefunden!

Ja, es hat sich ein Ausweg gefunden! sagte er sich. Alles war schon zu vollgestopft, es hatte angefangen, ihn qualvoll zu drücken, ein förmlicher Taumel hatte ihn überfallen. Seit dem Auftritte mit Nikolai bei Porphyri Petrowitsch vermeinte er, ohne einen Ausweg ersticken zu müssen. Nach Nikolai folgte am selben Tage der Auftritt bei Ssonja; er hatte ihn nicht so, wie er’s sich vorgenommen, begonnen und durchgeführt ... also hatte ihn die Schwäche plötzlich und vollständig übermannt! Mit einemmale! Er war ja doch damals mit Ssonja einverstanden, aus vollem Herzen einverstanden, daß er mit solch einer Sache auf der Seele allein nicht leben könne! Und Sswidrigailoff? Sswidrigailoff ist ein Rätsel ... Sswidrigailoff beunruhigt ihn, das ist wahr, aber nicht nach dieser Richtung hin. Mit Sswidrigailoff steht vielleicht auch ein Kampf bevor. Mit Sswidrigailoff gibt es vielleicht auch einen Ausweg, mit Porphyri Petrowitsch – das ist freilich eine andere Sache.

Aber Porphyri Petrowitsch hat selbst Rasumichin alles erklärt, psychologisch ihm erklärt! Wieder fängt er mit seiner verfluchten Psychologie an! Porphyri Petrowitsch? Was, Porphyri Petrowitsch soll auch nur einen Augenblick geglaubt haben, daß Nikolai schuldig sei, – nach allem, was zwischen ihnen beiden vorgefallen war, vor Nikolais Erscheinen, nach jenem Auftritt, Auge in Auge, für den man keine andere Erklärung finden konnte, außer einer einzigen? – (Raskolnikoff war einigemal in diesen Tagen dieser Auftritt mit Porphyri Petrowitsch in der Erinnerung stückweise vorgeschwebt; sich des Auftritts in seiner ganzen Bedeutung zu erinnern, hätte er nicht ertragen können.) – Während dieser Szene hatten sie beide Worte gewechselt, waren Bewegungen und Gesten vorgekommen, Blicke getauscht, war einiges in einem Tone gesagt worden, und die ganze Szene hatte einen Charakter angenommen, daß auf keinen Fall ein Nikolai, – den Porphyri Petrowitsch doch sofort beim ersten Worte und bei der ersten Bewegung richtig erkannt hatte, – die Grundlage seiner Überzeugung erschüttern konnte.

Wie weit war es aber auch schon gekommen! Sogar Rasumichin hatte begonnen, Verdacht zu schöpfen! Die Szene im Korridor bei der Lampe ist an ihm nicht spurlos vorübergeglitten. Er ist doch zu Porphyri Petrowitsch hingelaufen ... Aber aus welchem Grunde will jener ihn irreführen? Was hat er für einen Zweck, Rasumichin auf Nikolai zu bringen? Er hat unbedingt etwas vor; er verfolgt damit bestimmte Zwecke, aber welcher Art sind sie? Es ist wahr, seit diesem Morgen ist viel Zeit vergangen, – viel zu viel Zeit und von Porphyri Petrowitsch habe ich weder etwas gehört, noch gesehen. Das ist sicher kein gutes Zeichen ...

Raskolnikoff nahm seine Mütze, versank in Gedanken und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Es war der erste Tag, während dieser ganzen Zeit, daß er sich wenigstens bei gesundem Bewußtsein fühlte. „Ich muß dieser Sache mit Sswidrigailoff ein Ende machen,“ – dachte er, – „um jeden Preis und möglichst schnell; er scheint zu erwarten, daß ich selbst zu ihm komme.“ – In diesem Augenblicke entstand in seinem bedrückten Herzen ein wilder Haß, daß er einen von beiden, – Sswidrigailoff oder Porphyri Petrowitsch hätte ermorden können. Er fühlte wenigstens, daß er, wenn nicht jetzt, so später, imstande sei, es zu tun. – „Wir wollen sehen, wir wollen sehen,“ wiederholte er vor sich. –

Als er aber gerade die Türe zur Treppe öffnete, stieß er mit Porphyri Petrowitsch zusammen. Der kam zu ihm. Raskolnikoff war im ersten Augenblick erstarrt. Aber sonderbar, sein Staunen über Porphyris Erscheinen und sein Schrecken waren gering. Er zuckte bloß zusammen, sammelte sich aber sofort augenblicklich. „Vielleicht ist es die Lösung! Aber wie leise er gekommen war, wie eine Katze, ich habe ihn nicht gehört! Hat er etwa gelauscht?“

„Sie haben diesen Besuch nicht erwartet, Rodion Romanowitsch,“ rief Porphyri Petrowitsch lachend. „Wollte schon lange Sie aufsuchen; ging nun vorbei und dachte mir, – warum soll ich nicht auf fünf Minuten hinaufgehen. Sie wollen ausgehen? Ich will Sie nicht aufhalten. Bloß auf eine Zigarette, wenn Sie gestatten.“

„Ja, nehmen Sie Platz, Porphyri Petrowitsch, nehmen Sie bitte Platz,“ Raskolnikoff bot seinem Besuche mit solch einer sichtlich zufriedenen und freundschaftlichen Miene einen Platz an, daß er über sich selbst verwundert gewesen wäre, wenn er sich hätte sehen können.

Es war auch der letzte Rest seiner Kraft. So hegt ein Mensch eine halbe Stunde lang tödliche Angst vor dem Räuber, wenn aber das Messer ihm endgiltig an die Kehle gesetzt wird, schwindet die Angst. Er setzte sich Porphyri Petrowitsch gegenüber und blickte ihn, ohne die Augen für einen Moment abzuwenden, an. Porphyri Petrowitsch kniff die Augen zusammen und steckte sich eine Zigarette an.

„Nun, sprich, sprich doch,“ schien es aus dem Herzen Raskolnikoffs herauszurufen. – „Nun, warum redest, warum redest du nicht?“

II.

„Nehmen wir einmal die Zigaretten!“ sagte endlich Porphyri Petrowitsch, nachdem er die Zigarette angesteckt und Atem geholt hatte, „sie sind schädlich, ganz und gar schädlich, ich kann sie aber nicht lassen! Ich huste, im Halse beginnt es zu kratzen und ich leide an Atemnot. Wissen Sie, ich bin ängstlich, war vor ein paar Tagen bei B. gewesen, – er untersucht jeden Kranken, minimum, eine halbe Stunde; er lachte, als er mich sah, – dann hat er mich beklopft und ausgehorcht und sagte unter anderem, daß Tabak für mich nicht gut sei, meine Lungen seien erweitert. Und, wie kann ich das Rauchen lassen? Wodurch soll ich es ersetzen? Ich trinke nicht, das ist das ganze Unglück, he–he–he, es ist ein Unglück, daß ich nicht trinke! Alles ist doch wie man’s nimmt, Rodion Romanowitsch, wie man’s nimmt!“

„Was fängt er wieder mit seinem alten Kram an?“ dachte Raskolnikoff voll Widerwillen. Die ganze letzte Szene stieg vor ihm auf und dasselbe Gefühl wie damals überflutete wie eine Welle sein Herz.

„Ich war schon einmal bei Ihnen, vorgestern abend. Sie wissen es nicht?“ fuhr Porphyri Petrowitsch fort und blickte sich im Zimmer um, „ich war in demselben Zimmer gewesen. Ich ging ebenso, wie heute, vorbei und dachte, – ich will ihm mal eine Gegenvisite machen. Komme hierher, das Zimmer steht weit offen; ich sah mich um, wartete eine Weile, habe mich nicht mal Ihrem Dienstmädchen gemeldet – und ging wieder fort. Sie schließen das Zimmer nicht ab?“

Raskolnikoffs Gesicht verfinsterte sich immer mehr. Porphyri Petrowitsch schien seine Gedanken zu erraten. „Ich bin gekommen, lieber Rodion Romanowitsch, Ihnen eine Erklärung zu geben. Ich bin Ihnen eine solche schuldig,“ fuhr er mit einem Lächeln fort und schlug ihm mit der Hand leicht auf das Knie, aber zu gleicher Zeit nahm sein Gesicht einen ernsten und besorgten Ausdruck an, es schien, zu Raskolnikoffs Erstaunen, wie mit Trauer umflort. Er hatte noch nie bei Porphyri Petrowitsch solch einen Ausdruck gesehen und ihn auch nicht bei ihm vermutet. – „Eine merkwürdige Szene hat sich das letzte Mal zwischen uns abgespielt, Rodion Romanowitsch. Ich gestehe, daß es vielleicht auch bei unserer ersten Zusammenkunft sonderbar hergegangen ist, aber damals ... Nun, jetzt kommt es auf dasselbe hinaus! Hören Sie, ich habe eine große Schuld Ihnen gegenüber, ich fühle es. Erinnern Sie sich, wie wir uns trennten, – bei Ihnen vibrierten die Nerven und zitterten die Knie, auch bei mir vibrierten die Nerven und zitterten die Knie. Und wissen Sie, es war auch zwischen uns damals nicht ganz anständig, nicht gentlemanlike zugegangen. Wir sind aber doch Gentlemen, das heißt in jedem Falle und vor allen Dingen Gentlemen; das ist im Auge zu behalten. Sie erinnern sich doch, wie weit es kam ... geradezu unanständig.“

„Was ist mit ihm, für wen hält er mich denn?“ fragte sich Raskolnikoff verwundert, indem er den Kopf erhob und Porphyri Petrowitsch aufmerksam anblickte.

„Ich bin zu der Ansicht gekommen, daß es besser für uns ist, jetzt in aller Offenheit zu verhandeln,“ fuhr Porphyri Petrowitsch fort, seinen Kopf ein wenig zurückwerfend und die Augen senkend, als wünsche er nicht mehr durch seinen Blick sein früheres Opfer zu verwirren, und als verschmähe er seine frühere Methode und seine Kniffe; – „ja, solche Verdächtigungen und solche Szenen dürfen nicht andauern. Uns hat damals Nikolai erlöst, sonst wüßte ich nicht, was alles zwischen uns passiert wäre. Dieser verfluchte Kleinbürger saß damals die ganze Zeit bei mir hinter der Scheidewand, – können Sie es sich vorstellen? Sie wissen es sicher schon; es ist mir bekannt, daß er später bei Ihnen gewesen ist; das aber, was Sie damals annahmen, war nicht der Fall, – ich hatte nach keinem Menschen geschickt und hatte damals auch keine Anordnungen getroffen! Sie werden mich fragen, warum ich keine Anordnungen getroffen hatte? Ja, wie soll ich es sagen, – mich selbst hat dieses alles damals überfallen. Ich hatte kaum Zeit gefunden, die Hausknechte holen zu lassen, – Sie haben die Hausknechte wahrscheinlich bemerkt, als Sie durch das Vorzimmer gingen. – Ein Gedanke durchfuhr mich damals, wie ein Blitz, – ich war, sehen Sie, Rodion Romanowitsch, damals so gut wie überzeugt. Warte, dachte ich mir, – wenn ich auch vorläufig das eine versäume, so packe ich dafür das andere am Schwanz, – will jedenfalls das meinige nicht versäumen. Sie sind von Natur aus sehr reizbar, Rodion Romanowitsch, sogar übermäßig reizbar bei allen anderen Grundzügen Ihres Charakters und Herzens, die ich mir schmeichle teilweise erkannt zu haben. Selbstverständlich konnte ich mir auch damals schon sagen, daß es nicht oft der Fall sei, daß ein Mensch plötzlich aufsteht und sein ganzes Geheimnis ausplaudert. Das kommt wohl vor, besonders, wenn einem Menschen die letzte Geduld reißt, aber jedenfalls immerhin selten. Ja, das konnte ich mir sagen. Ich dachte, wenn ich bloß ein Zipfelchen erwische! Meinetwegen ein ganz winziges Endchen, nur ein einziges, aber ein derartiges, daß man es fassen kann, daß es ein Ding ist und nicht immer bloß diese Psychologie. Dann dachte ich mir, wenn ein Mensch schuldig ist, so kann man jedenfalls etwas wesentliches von ihm erwarten; es ist selbst statthaft, auch auf ein ganz unerwartetes Resultat zu rechnen. Ich habe damals mit Ihrem Charakter gerechnet, Rodion Romanowitsch, am meisten mit Ihrem Charakter! Ich hoffte damals zu stark auf Sie selbst.“

„Aber ... aber warum sprechen Sie jetzt in dieser Weise,“ murmelte Raskolnikoff endlich, ohne seine eigene Frage sich zu überlegen. – „Worüber spricht er,“ verlor er sich in Mutmaßungen, „hält er mich tatsächlich für unschuldig?“

„Warum ich in dieser Weise spreche? Ich bin gekommen, Ihnen Erklärungen zu geben, halte es für meine heilige Pflicht. Ich will Ihnen alles bis aufs haarkleinste erzählen, wie alles war, diese ganze Geschichte der damaligen Verblendung. Ich habe Ihnen viel Leid zugefügt, habe Sie stark leiden lassen, Rodion Romanowitsch. Ich bin kein so großes Scheusal. Ich begreife auch, was es für einen niedergedrückten, aber stolzen, eigenartigen und ungeduldigen, besonders ungeduldigen Menschen heißt, dies alles ertragen zu müssen. Ich halte Sie in jedem Falle für einen edlen Menschen, mit großmütiger Veranlagung, obgleich ich nicht mit allen Ihren Überzeugungen einverstanden bin und ich halte es für meine Pflicht im voraus, offen und aufrichtig Ihnen das zu sagen, ich will Sie nicht betrügen. Nachdem ich Sie erkannt hatte, fühlte ich eine Neigung zu Ihnen. Sie werden wohl über meine Worte lachen? Und Sie haben ein Recht dazu. Ich weiß, daß Sie mich auf den ersten Blick schon nicht leiden konnten, und im Grunde genommen ist auch nichts an mir, warum man mich gern haben könnte. Fassen Sie es jedoch auf, wie Sie wollen, ich wünsche meinerseits mit allen Mitteln, diesen Eindruck von mir zu verwischen und Ihnen zu beweisen, daß auch ich ein Mensch mit einem Herzen und einem Gewissen bin. Und dies sage ich aufrichtig.“

Porphyri Petrowitsch hielt würdevoll inne. Raskolnikoff fühlte den Andrang eines neuen Schreckens. Der Gedanke, daß Porphyri Petrowitsch ihn für unschuldig hielt, begann ihn zu peinigen.

„Ich denke, es ist unnötig und überflüssig, alles der Reihenfolge nach zu erzählen, wie es damals begonnen hatte,“ fuhr Porphyri Petrowitsch fort. „Ja, und es ist fraglich, ob ich imstande bin, es zu tun. Denn, wie soll man es genau erklären? Im Anfange tauchten Gerüchte auf. Darüber, was es für Gerüchte waren, und von wem sie stammten, und wann ... und aus welchem Anlaß eigentlich Sie hineingezogen wurden, – ist auch, denke ich, überflüssig zu erwähnen. Bei mir persönlich fing es mit einer Zufälligkeit, mit einer völlig unvorgesehenen Zufälligkeit an, die ebenso gut sein wie nicht sein konnte, – was es aber war? Hm, ich denke, dies ist auch nicht zu erwähnen. Dies alles, wie die Gerüchte, so auch die Zufälligkeiten, schmolzen sich bei mir zu einem Gedanken zusammen. Ich muß offen gestehen, denn, wenn man schon einmal eingesteht, soll es auch alles sein, – ich war der erste, der auf Sie damals kam. Die Vermerke der Alten auf den versetzten Sachen und dergleichen mehr sind, ich gebe es zu, alles Unsinn. In dieser Weise kann man hundert solche Dinge aufzählen. Ich hatte auch damals die Gelegenheit, die Szene auf dem Polizeibureau in allen ihren Einzelheiten zu erfahren, ebenfalls zufällig und nicht sozusagen im Vorbeigehen, sondern von einem besonders zuverlässigen Erzähler, der ohne es selbst zu ahnen, diese Szene vortrefflich aufgefaßt hatte. So reihte sich alles eins ans andere, gesellte sich eins zu dem andern, lieber Rodion Romanowitsch! Und wie sollte man da sich nicht nach einer bestimmten Richtung wenden? Aus hundert Kaninchen wird nie ein Pferd, aus hundert Verdachtsgründen kommt nie ein Beweis heraus, – so lautet ein englisches Sprichwort, aber da rechnet man bloß mit dem Intellekte, man soll jedoch auch mit den Leidenschaften rechnen, denn ein Untersuchungsrichter ist doch auch nur ein Mensch. Ich erinnerte mich auch Ihrer Abhandlung in der Zeitschrift, über die ich mit Ihnen – erinnern Sie sich – bei Ihrem ersten Besuch eingehend sprach. Ich habe damals gespottet, aber nur um von Ihnen mehr herauszulocken. Ich wiederhole, Sie sind ungeduldig und sehr krank, Rodion Romanowitsch. Daß Sie kühn, herausfordernd, ernst sind und ... vieles durchgedacht, vieles durchgedacht haben, das alles wußte ich längst. Alle diese Empfindungen kenne ich, und Ihre kleine Abhandlung habe ich wie etwas Wohlvertrautes gelesen. In schlaflosen Nächten und in Aufregungen mit wogendem und klopfendem Herzen, mit unterdrücktem Enthusiasmus ist diese Arbeit entstanden. Aber dieser unterdrückte, stolze Enthusiasmus in jungen Jahren ist gefährlich! Ich habe damals gespottet, will Ihnen aber jetzt sagen, daß ich überhaupt solche ersten, jugendlichen, hitzigen Versuche mit der Feder über alles das gewissermaßen als Amateur liebe. Ein Rauch, ein Nebel ist es, und im Nebel klingt eine Saite. Ihr Artikel ist unsinnig und phantastisch, aber darin schimmert solch eine Aufrichtigkeit, darin steckt ein jugendlicher und unbestechlicher Stolz, eine Kühnheit der Verzweiflung; es ist ein finsterer Artikel, und das ist seine Stärke. Ich las Ihren Artikel und legte ihn beiseite, und ... als ich ihn beiseite gelegt hatte, dachte ich schon damals, ‚nun, mit diesem Menschen geht es nicht so weiter!‘ Nun, sagen Sie mir jetzt, wie sollte man sich da nach all dem Vorangegangenen von dem Darauffolgenden nicht hinreißen lassen! Ach, mein Gott! Was sage ich denn jetzt? Behaupte ich denn jetzt etwas? Ich habe es mir damals bloß gemerkt. Was ist denn alles dabei, – dachte ich? Es ist ja nichts, rein gar nichts, und vielleicht im höchsten Grade ein Nichts. Ja, und es ziemt sich ganz und garnicht für mich, den Untersuchungsrichter, mich so hinreißen zu lassen, – ich habe doch Nikolai in den Händen, und mit Beweisen, – es ist gleichgiltig, wie man darüber denkt, Beweise sind es in jedem Fall. Und er hat auch seine Psychologie; ich muß mich mit ihm beschäftigen, denn es handelt sich hier um Tod und Leben. Wozu erkläre ich Ihnen jetzt dies alles? Damit Sie es wissen und mich mit Ihrem Verstande und Herzen wegen meines damaligen bösen Benehmens nicht anklagen sollen. Es war nicht böse gemeint, ich sage es aufrichtig, he–he–he! Meinen Sie etwa, daß ich keine Haussuchung bei Ihnen vorgenommen hätte? Ich habe es getan, habe es getan, he–he–he, habe sie vorgenommen, als Sie krank im Bett lagen. Es war nicht offiziell und nicht von mir persönlich, aber in jedem Fall, sie wurde vorgenommen. Bis aufs letzte Haar wurde bei Ihnen in der Wohnung alles, sogar nach frischen Spuren, besehen, – aber umsonst. Da dachte ich, – jetzt kommt dieser Mensch zu mir, kommt selbst und sehr bald zu mir; wenn er schuldig ist, wird er unbedingt kommen. Ein anderer würde nicht kommen, dieser aber unbedingt. Und erinnern Sie sich, wie Herr Rasumichin sich Ihnen gegenüber zu versprechen begann? Das haben wir arrangiert, um Sie aufzuregen, darum haben wir absichtlich auch das Gerücht verbreitet, damit er sich Ihnen gegenüber verspreche, Herr Rasumichin aber ist so ein Mensch, der keine Entrüstung bei sich behalten kann. Herrn Sametoff fiel zuerst Ihr Zorn und Ihre offene Kühnheit auf; wie kann einer in einem Restaurant plötzlich herausplatzen, – ‚ich habe ermordet!‘ Es ist zu kühn, es ist zu frech und wenn er schuldig ist, – dachte ich, – so ist er ein furchtbarer Gegner! In dieser Weise habe ich damals gedacht. Ich wartete auf Sie! Wartete mit größter Ungeduld, Sametoff haben Sie damals einfach niedergeschmettert und ... das ist ja das Fatale, daß diese ganze Psychologie zwei Seiten hat! Nun, ich erwarte also Sie und siehe, Gott schickt Sie selbst, – Sie kommen! Mein Herz klopfte stark! Ach! Nun, warum mußten Sie damals kommen? Ihr Lachen, Ihr Lachen damals, als Sie hereinkamen, – erinnern Sie sich – ich erriet sofort alles, als sähe ich durch ein Glas; hätte ich aber auf Sie in dieser besonderen Art nicht gewartet, würde ich auch in Ihrem Lachen nichts gemerkt haben. Sehen Sie, was es heißt, in Stimmung zu sein. Und Herr Rasumichin damals, – ach! und der Stein, der Stein, – erinnern Sie sich – der Stein, unter dem noch die Sachen versteckt sind? Mir war es, als sähe ich ihn irgendwo in einem Gemüsegarten. – Sie hatten doch Sametoff schon davon erzählt und erwähnten ihn dann bei mir zum zweiten Male! Als Sie aber damals begannen, Ihren Artikel bis aufs einzelne durchzunehmen, als Sie sich näher darüber ausließen, – da faßte ich jedes Ihrer Worte doppelt auf, als stecke noch ein anderes darunter! Nun, sehen Sie, Rodion Romanowitsch, in dieser Weise kam ich auch bis zu den letzten Schranken, und erst als ich mit der Stirn dagegen rannte, kam ich zur Besinnung. Nein, – sagte ich mir – was ist mit dir? Wenn man will, – sagte ich mir – kann man dies alles bis zum letzten Punkte auf andere Weise erklären, und es wird immer noch natürlicher erscheinen. Es war eine Qual! Nein, – dachte ich, – wenn ich doch nur ein Zipfelchen erwischen könnte! ... Und als ich gar von diesem Klingelzeichen hörte, erstarrte ich, ein Frösteln packte mich. – Jetzt ist das Zipfelchen da! dachte ich. Ich habe es! Da überlegte ich nicht mehr, wollte es einfach nicht mehr tun. Tausend Rubel hätte ich in diesem Augenblicke aus meiner eigenen Tasche hingegeben, um nur Sie mit meinen eigenen Augen gesehen zu haben, – wie Sie damals hundert Schritte neben dem Kleinbürger hingingen, nachdem er Ihnen ins Gesicht ‚Mörder!‘ gesagt hatte, und Sie nicht gewagt hatten, ihn irgend etwas, ganze hundert Schritte lang, zu fragen! ... Nun, und dieses Gefühl von Kälte im Rückenmark? War dieses Klingelzeichen auch im kranken Zustande, im halbbewußten Fieberwahne? Und da müssen Sie sich, Rodion Romanowitsch, nach alldem auch nicht wundern, daß ich damals mit Ihnen solche Scherze getrieben habe. Und warum kamen Sie selbst im selben Augenblicke? Es war, als hätte Sie jemand gestoßen, zu kommen, bei Gott, und wenn uns Nikolai nicht auseinander gebracht hätte, so ... erinnern Sie sich an Nikolai damals? Erinnern Sie sich seiner gut? Er kam, wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Nun, und wie empfing ich ihn? Dem Blitze glaubte ich nicht das geringste, Sie geruhten es selbst zu sehen! Und noch mehr! Als Sie schon fortgegangen waren, und als er begann, sehr, sehr vernünftig manche Punkte zu beantworten, so daß ich selbst verwundert war, auch dann glaubte ich ihm noch nicht das geringste! Sehen Sie, was es heißt, felsenfest überzeugt zu sein. Nein – dachte ich – daran ist nichts zu machen! Nikolai ändert daran garnichts!“

„Mir erzählte soeben Rasumichin, daß Sie auch jetzt Nikolai beschuldigen, und daß Sie Rasumichin selbst davon überzeugt hätten ...“

Der Atem stockte ihm, und er beendete den Satz nicht. Er hörte mit unbeschreiblicher Erregung zu, wie ein Mensch, der ihn vollkommen durchschaut hatte, sich vor sich selbst verleugnete. – Er fürchtete daran zu glauben und glaubte nicht. In den zweideutigen Worten suchte er gierig und haschte nach etwas Bestimmterem und Genauerem.

„Herr Rasumichin!“ rief Porphyri Petrowitsch wie erfreut über die Frage Raskolnikoffs, der die ganze Zeit geschwiegen hatte. – „He–he–he! Ja, Herrn Rasumichin mußte man auch abschieben, – zu zweit ist es ein Vergnügen, der dritte soll wegbleiben. Herr Rasumichin soll aus dem Spiele bleiben, und ist außerdem ein fremder Mensch; er kam zu mir ganz blaß gelaufen ... Nun, Gott sei mit ihm, wozu sollen wir ihn in die Sache hereinbringen! ... Und was Nikolai betrifft, – so sollen Sie wissen, was das für ein Subjekt ist, das heißt, wie ich ihn auffasse. Vor allen Dingen ist er noch das reine Kind, und nicht etwa eine ängstliche Natur, sondern er ist eine Art Künstler. Sie sollen sich nicht darüber lustig machen, daß ich ihn so darstelle. Er ist ein unschuldiger, reiner und für alles empfänglicher Mensch. Hat ein Herz, ist ein Phantast. Man sagt, daß er singen und tanzen kann und Märchen so zu erzählen versteht, daß Leute aus anderen Orten sich versammeln, um ihn zu hören. Auch zur Schule, zu den Abendkursen geht er, kann sich krank lachen, wenn man ihm den Finger zeigt, kann sich bewußtlos betrinken, nicht etwa aus Verdorbenheit, sondern gelegentlich, wenn man ihm zu trinken gibt, alles in kindlicher Weise. Er hat damals gestohlen, weiß es aber selbst nicht, denn nach seiner Ansicht – ‚ist es doch kein Diebstahl, wenn er etwas auf der Erde gefunden hat?‘ Wissen Sie aber, daß er zu den Altgläubigen gehört, nein, eigentlich ist er kein Altgläubiger, sondern ein Sektierer; aus seiner Familie gehörten einige der Sekte ‚Bewegung‘ an, auch er selbst hat vor kurzem noch zwei Jahre auf dem Lande bei einem gottesfürchtigen Greis gelebt, um sich in den Grundsätzen der Religion zu festigen. Das alles habe ich von Nikolai und seinen Nachbarn aus dem Dorfe erfahren. Noch mehr! Er wollte Einsiedler werden! Er hatte die feste Absicht, betete nächtelang zu Gott, las in den alten ‚echten, wahren‘[12] Büchern und hat vor lauter Lesen den Verstand verloren. Petersburg hat auf ihn einen starken Eindruck gemacht, besonders das weibliche Geschlecht, nun, und auch der Wein. Er ist empfänglich, hat den gottesfürchtigen Greis und alles vergessen. Ich habe erfahren, daß ihn hier ein Künstler lieb gewonnen hat, er ging zu ihm zu Besuch, da kam aber diese Geschichte dazwischen. Nun, er bekam Angst, – und wollte sich erhängen! Wollte davonlaufen! Was soll man da tun bei dem Begriffe, den das Volk nun einmal von unserer Rechtspflege besitzt! Manchen erschrickt schon das Wort ‚vors Gericht gestellt zu werden‘. Wer ist daran schuld! Wir wollen sehen, wie die Gerichtsreform wirken wird. Ach, möge es Gott bald geben! Nun, also, – im Gefängnisse erinnerte er sich offenbar wieder des gottesfürchtigen Greises; auch die Bibel erschien wieder. Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, was es bei manchen von diesen Leuten bedeutet, ‚das Leiden auf sich zu nehmen‘? Das bedeutet nicht etwa, für jemand anderen zu leiden, sondern einfach man soll ‚Leiden auf sich nehmen‘ und besonders gilt das, wenn die Behörden im Spiele sind. Zu meiner Dienstzeit noch saß im Gefängnisse ein ganzes Jahr ein äußerst stiller, ruhiger Arrestant, er las nächtelang auf dem Ofen liegend die Bibel, und verlor vor lauter Lesen den Verstand, wissen Sie, verlor ihn ganz und gar, so daß er eines schönen Tages ohne jede Veranlassung, ohne jeden Grund einen Ziegelstein packte und ihn auf den Vorgesetzten schleuderte. Ja, und wie tat er es, – absichtlich schleuderte er den Stein eine Elle vorbei, um dem Vorgesetzten bloß keinen Schaden anzufügen! Nun, es ist ja bekannt, was mit einem Arrestanten geschieht, der bewaffneten Widerstand gegen seinen Vorgesetzten leistet, – und da hatte er also ‚das Leiden auf sich genommen‘! Ich habe nun den Verdacht, daß Nikolai auch ‚das Leiden auf sich nehmen‘ oder etwas derartiges tun will. Das weiß ich sicher, aus Tatsachen. Er weiß bloß selbst nicht, daß ich es weiß. Was – geben Sie es etwa nicht zu, daß aus solch einem Volke phantastische Menschen hervortreten? Aber sicher auf Schritt und Tritt. Der gottesfürchtige Greis hat jetzt wieder bei ihm zu wirken begonnen, ist ihm besonders nach dem Selbstmordversuch in Erinnerung gekommen. Übrigens aber, er wird mir selbst alles erzählen, er wird zu mir kommen. Sie glauben, er wird es bis zu Ende aushalten können? Warten Sie nur, er wird seine Aussage noch zurücknehmen! Ich warte stündlich, daß er kommen wird, um seine Aussage zurückzunehmen. Ich habe diesen Nikolai liebgewonnen und will ihn genau ergründen. Und können Sie sich denken! He–he–he! Manche Punkte hat er mir ziemlich vernünftig beantwortet, hat offenbar die nötigen Mitteilungen erhalten und sich gut vorbereitet; nun, und bei anderen Punkten blamierte er sich mordsmäßig, wußte rein gar nichts, hatte keine Ahnung, und weiß selbst nicht mal, daß er nichts ahnt! Nein, Väterchen, Rodion Romanowitsch, mit dieser Sache hat Nikolai nichts zu tun! Es ist eine phantastische, finstere Sache, eine moderne Sache, ein Fall unserer Zeit, wo das menschliche Herz sich getrübt hat – wo die Phrase zitiert wird, daß Blutvergießen ‚erfrischt‘, wo von einem Leben in Komfort gepredigt wird. Hier – sind Ideen aus Büchern, hier spricht ein durch Theorien gereiztes Herz, hier sieht man eine Entschlossenheit zum ersten Schritt, aber eine Entschlossenheit besonderer Art, – er hat sich dazu entschlossen, wie man sich entschließt, von einem Felsen oder von einem Turme sich herabzustürzen, und ist zu dem Verbrechen nicht wie auf eigenen Füßen geschritten. Er hatte vergessen, die Türe hinter sich zu schließen und hat getötet, zwei Menschen getötet, nach der Theorie. Er hat getötet, aber nicht verstanden, das Geld zu nehmen, was er aber zusammengerafft hat, steckte er unter einen Stein. Es genügte ihm nicht, daß er eine Qual durchgemacht hatte, als er hinter der Tür stand und an der Tür gerüttelt und an der Klingel gerissen wurde, – nein, er geht noch einmal nachher in die leere Wohnung in halbbewußtem Zustande, um sich dieses Läuten in Erinnerung zu bringen, es verlangt ihn wieder, diese Kälte im Rücken zu spüren ... Nun ja, dies ist im kranken Zustande geschehen, aber noch eins, – er hat ermordet, hält sich aber für einen ehrlichen Menschen, verachtet alle Leute, wandert als bleicher Engel herum, – nein, was hat Nikolai damit zu tun, lieber Rodion Romanowitsch, nein, Nikolai ist es nicht!“

Diese letzten Worte waren nach allem vorher Gesagten, das einem Aufgeben des früher Angenommenen so ähnlich war, zu unerwartet gekommen. Raskolnikoff erzitterte am ganzen Körper, wie vom Blitze getroffen.

„Wer hat sie denn ... getötet ...“ fragte er mit erstickender Stimme, ohne doch die Frage zurückhalten zu können. Porphyri Petrowitsch warf sich gegen die Stuhllehne zurück, wie aufs äußerste überrascht und erstaunt über diese Frage.

„Wie, wer sie getötet hat? ...“ wiederholte er, als traue er seinen Ohren nicht. – „Ja, Sie haben getötet, Rodion Romanowitsch! Sie haben getötet ...“ fügte er fast im Flüstertone, aber bestimmt hinzu.

Raskolnikoff sprang vom Sofa auf, stand einige Sekunden und setzte sich wieder, ohne ein Wort zu sagen. Über sein Gesicht ging ein krampfhaftes Zucken.

„Die Lippe bebt wieder bei Ihnen, wie damals,“ murmelte scheinbar voll Teilnahme Porphyri Petrowitsch. – „Sie haben, Rodion Romanowitsch, mich nicht richtig verstanden,“ fügte er nach einigem Schweigen hinzu, „darum sind Sie auch so überrascht. Ich bin gerade darum gekommen, um Ihnen alles zu sagen und die Sache offen mit Ihnen zu behandeln.“

„Ich habe nicht getötet,“ flüsterte Raskolnikoff, genau wie ein Kind im Schreck, wenn es auf frischer Tat ertappt wurde.

„Nein, Sie haben es getan, Rodion Romanowitsch, Sie und niemand anders,“ flüsterte Porphyri Petrowitsch streng und fest.

Sie schwiegen beide und das Schweigen dauerte merkwürdig lange, etwa zehn Minuten. Raskolnikoff hatte sich auf den Tisch gestützt und fuhr schweigend mit den Fingern durch die Haare. Porphyri Petrowitsch saß still und wartete. Plötzlich blickte Raskolnikoff Porphyri Petrowitsch verächtlich an.

„Sie kommen wieder mit der alten Weise, Porphyri Petrowitsch! Immer Ihre alte Taktik, – wird es Ihnen in der Tat nicht langweilig?“

„Ach, lassen Sie doch, was soll es denn für eine Taktik sein! Ja, wenn Zeugen zur Stelle wären; wir sprechen aber doch Auge in Auge. Sie sehen selbst, ich bin nicht dazu hergekommen, um Sie zu hetzen und zu umgarnen, wie ein flüchtiges Wild. Ob Sie gestehen oder nicht, – in diesem Augenblicke ist es mir einerlei. Für meine Person bin ich auch ohne das überzeugt.“

„Wenn die Sache so steht, warum sind Sie denn gekommen?“ fragte Raskolnikoff gereizt. – „Ich stelle Ihnen die frühere Frage, – wenn Sie mich für den Schuldigen halten, warum sperren Sie mich nicht ins Gefängnis?“

„Das ist doch einmal ein Wort! Darum will ich Ihnen diese Frage genau beantworten, – erstens, Sie einfach ins Gefängnis zu sperren, ist für mich unvorteilhaft.“

„Wieso unvorteilhaft? Wenn Sie überzeugt sind, so müssen Sie sogar ...“

„Ach, was hat es denn zu sagen, daß ich überzeugt bin? Alles ist doch vorläufig ein Gedanke von mir, eine Einbildung. Ja und warum soll ich Sie dort zur Ruhe setzen? Sie wissen das selbst, wenn Sie darauf drängen. Ich bringe zum Beispiel den Kleinbürger hin, um Sie zu überführen, Sie werden ihm aber sagen, – bist du betrunken oder nicht? Wer hat dich mit mir zusammen gesehen? Ich habe dich einfach für einen Betrunkenen gehalten, und du warst es auch, – was soll ich Ihnen darauf erwidern, umsomehr, als Ihre Worte überzeugender sind als seine, denn in seiner Aussage steckt nur eine psychologische Mutmaßung, – das paßt aber zu seiner Fratze nicht mal, – Sie aber treffen den Kernpunkt, denn der gemeine Kerl trinkt sehr stark und ist dafür bekannt. Und ich habe selbst Ihnen offen schon einigemal gesagt, daß diese Psychologie zwei Seiten hat, und daß die zweite Seite die größere Wahrscheinlichkeit für sich hat, und habe hinzugefügt, daß ich außer diesem vorläufig gar nichts gegen Sie in den Händen habe. Und obwohl ich Sie einsperren werde, und sogar selbst gekommen bin – (was doch sicher nicht gang und gäbe ist) – Ihnen im voraus alles mitzuteilen, trotzdem sage ich Ihnen offen – (was wieder nicht gang und gäbe ist) – daß dies für mich unvorteilhaft sein wird. Und zweitens, bin ich darum zu Ihnen gekommen ...“

„Und zweitens?“ Raskolnikoff rang immer noch nach Atem.

„Weil ich mich, wie ich Ihnen schon vorhin erklärte, für verpflichtet halte, Ihnen eine Erklärung abzugeben. Ich will nicht, daß Sie mich für ein Scheusal ansehen sollen, umsomehr, als ich zu Ihnen eine aufrichtige Neigung gefaßt habe, ob Sie mir glauben oder nicht. Und deswegen bin ich, drittens, gekommen, Ihnen den offenen und direkten Vorschlag zu machen – sich selbst anzuzeigen und ein Geständnis abzulegen. Das ist für Sie das Gescheiteste, und auch für mich am vorteilhaftesten, – dann bin ich die Sache los. Nun, war ich meinerseits offen oder nicht?“

Raskolnikoff dachte einen Augenblick nach.

„Hören Sie, Porphyri Petrowitsch, Sie sagen doch selbst, – es ist nur auf Psychologie begründet, indessen aber ziehen Sie die Mathematik herein. Nun wie, wenn Sie sich selbst irren?“

„Nein, Rodion Romanowitsch, ich irre mich nicht. Ich habe ein Endchen in der Hand. Das Endchen hatte ich auch damals erwischt; Gott hat es mir geschenkt!“

„Was für ein Endchen?“

„Das sage ich nicht, Rodion Romanowitsch. In jedem Falle aber habe ich jetzt nicht mehr das Recht, es hinauszuschieben; ich werde Sie verhaften. Also ziehen Sie dies in Betracht, – für mich ist es jetzt gleichgültig, folglich tue ich es bloß um Ihretwillen. Bei Gott, es wird für Sie besser sein, Rodion Romanowitsch!“

Raskolnikoff lächelte boshaft.

„Es ist doch nicht bloß lächerlich, es ist unverschämt. Und mag ich schuldig sein, – was ich noch gar nicht sage, – nun, warum soll ich denn zu Ihnen mit einem freiwilligen Geständnis kommen, wenn Sie schon selbst sagen, daß ich dort bei Ihnen mich zur Ruhe setzen werde?“

„Ach, Rodion Romanowitsch, trauen Sie nicht ganz den Worten; vielleicht wird es auch nicht ganz ‚zur Ruhe‘ sein! Es ist doch bloß eine Theorie und zudem noch meine eigene, was für eine Autorität aber bin ich für Sie? Vielleicht verheimliche ich auch jetzt noch irgend etwas vor Ihnen. Ich kann Ihnen doch nicht alles offenbaren und zeigen. He–he! Außerdem, Sie fragen, welchen Vorteil Sie haben werden? Ja, wissen Sie auch, welch eine Strafermäßigung Sie erhalten werden? Wann werden Sie kommen, in welchem Augenblick? Überlegen Sie es sich doch bloß! In dem Momente, wo schon ein anderer das Verbrechen auf sich genommen und die ganze Angelegenheit verwirrt hat! Und ich will, – so wahr ein Gott ist – alles ‚dort‘ so einrichten und arrangieren, daß Ihr Geständnis wie vollkommen unerwartet erscheinen wird. Diese ganze Psychologie wollen wir ganz vernichten, allen Verdacht will ich in nichts verwandeln, so daß Ihr Verbrechen, wie eine Art Verblendung erscheinen wird, denn – offen gestanden, – es war auch eine Verblendung. Ich bin ein ehrlicher Mensch, Rodion Romanowitsch, und werde mein Wort halten.“

Raskolnikoff schwieg traurig und ließ den Kopf sinken; er dachte lange nach, plötzlich lächelte er wieder, aber sein Lächeln war diesmal schon sanft und traurig.

„Ach, es ist nicht nötig!“ sagte er, als ob er sich gar nicht mehr vor Porphyri Petrowitsch verberge. – „Es lohnt sich nicht! Ich brauche gar nicht Ihre Strafermäßigung!“

„Das fürchtete ich gerade!“ rief Porphyri Petrowitsch innig und unwillkürlich, – „das fürchtete ich gerade, daß Sie unsere Ermäßigung nicht brauchen.“

Raskolnikoff blickte ihn traurig und eindringlich an.

„Hören Sie, verschmähen Sie das Leben nicht!“ fuhr Porphyri Petrowitsch fort. – „Sie haben noch viel von ihm zu erwarten. Warum ist eine Strafermäßigung nicht nötig, warum nicht? Sie ungeduldiger Mensch!“

„Was habe ich denn noch viel vor?“

„Zu leben! Was sind Sie für ein Prophet, wissen Sie denn wie viel? Suchet und ihr werdet finden. Vielleicht hat Sie Gott hier geprüft. Ja, und nicht ewig wird doch die Kette angelegt ...“

„Eine Ermäßigung wird sein ...“ lachte Raskolnikoff.

„Haben Sie etwa Furcht vor der Bourgeoisschande? Das ist wohl möglich, daß Sie dieses schreckt, und Sie wissen es vielleicht selbst nicht, – denn Sie sind noch jung! Aber Sie sollten sich wenigstens doch nicht fürchten oder etwa schämen, ein Geständnis abzulegen.“

„Ach, ich pfeife darauf!“ flüsterte Raskolnikoff verächtlich und mit Widerwillen, als ob er darüber auch nicht mehr reden wolle. Er war wieder aufgestanden, als ob er irgendwohin gehen wollte, setzte sich aber von neuem in sichtlicher Verzweiflung.

„Da haben wir es – ich pfeife darauf! Sie haben den Glauben verloren, und meinen auch, daß ich Ihnen grob schmeichle; haben Sie denn so lange gelebt? Verstehen Sie denn so viel davon? Haben sich eine Theorie ausgedacht, und schämen sich nun, daß nichts daraus wurde, und daß es zu wenig originell herauskam. Es nahm ein gemeines Ende, das ist wahr, aber Sie sind doch kein hoffnungsloser Schuft! Sie haben sich wenigstens nicht lange Sand in die Augen gestreut, Sie sind mit einem bis zu den äußersten Grenzen gegangen. Für wen halte ich Sie denn? Ich halte Sie für einen von der Sorte Menschen, denen man den Leib aufschlitzen kann, die aber ruhig dastehen und mit einem Lächeln auf ihre Peiniger blicken, – wenn sie nur einen Glauben oder einen Gott gefunden haben. Nun, gehen Sie und finden Sie es und Sie werden leben. Außerdem müssen Sie schon längst eine Luftveränderung haben. Was, das Leiden ist auch eine gute Sache. Leiden Sie eine Zeit. Nikolai hat vielleicht auch recht, daß er Leiden sucht. Ich weiß, daß Sie noch nicht glauben können, – grübeln Sie aber nicht zu viel; geben Sie sich einfach, ohne viel zu überlegen, dem Leben hin; seien Sie sicher, – es bringt Sie an das Ufer und stellt Sie auf die Beine. An was für ein Ufer weiß ich nicht. Woher soll ich es auch wissen? Ich glaube nur daran, daß Sie noch viel zu leben haben. Ich weiß auch, daß Sie meine Worte jetzt wie eine auswendig gelernte Predigt auffassen; aber vielleicht werden Sie sich ihrer einmal später erinnern und sie werden Ihnen von Nutzen sein können. Aus diesem Grunde spreche ich auch. Es ist gut, daß Sie nur diese Alte ermordet haben. Wenn Sie aber sich eine andere Theorie ausgedacht hätten, so würden Sie vielleicht eine um hundert Millionen schlimmere Sache vollbracht haben! Man muß vielleicht noch Gott danken; woher wissen Sie es? Vielleicht behütet Sie Gott aus irgend einem Grunde. Sie sollten aber ein großes Herz haben und sich weniger fürchten. Ihnen ist bange vor der Größe dessen, was jetzt zu geschehen hat? Nein, in diesem Falle muß man sich schämen, bange zu sein. Wenn Sie einen solchen Schritt getan haben, so nehmen Sie sich auch jetzt zusammen. Darin liegt die ausgleichende Gerechtigkeit. Erfüllen Sie nun mal, was die Gerechtigkeit verlangt. Ich weiß, daß Sie nicht glauben, aber – bei Gott – das Leben wird Ihnen zu weiterem verhelfen. Nachher werden Sie es selbst gern haben. Sie brauchen jetzt bloß Luft, Luft und Luft!“

Raskolnikoff zuckte zusammen.

„Ja, wer sind Sie denn?“ rief er aus. – „Sind Sie etwa ein Prophet? Woher haben Sie diese hohe majestätische Ruhe, um mir superkluge Prophezeiungen vorzuorakeln?“

„Wer ich bin? Ich bin ein abgetaner Mensch, mehr nicht. Ein Mensch, der vielleicht empfindet und Mitgefühl besitzt, vielleicht auch etwas weiß, aber schon vollkommen abgetan ist. Sie aber – mit Ihnen steht es anders; Ihnen hat Gott das Leben vorbehalten; wer weiß, vielleicht geht bei Ihnen alles wie ein Dunst vorüber, nichts wird zurückbleiben. Nun, was ist denn dabei, daß Sie in eine andere Gattung von Menschen übergehen werden? Sie mit Ihrem Herzen sollten doch nicht den Komfort bedauern? Was ist denn dabei, daß man Sie vielleicht lange nicht mehr sehen wird? Hier handelt es sich nicht um die Zeit, sondern um Sie selbst. Werden Sie eine Sonne, und alle werden Sie sehen. Eine Sonne muß vor allen Dingen eine Sonne sein. Warum lächeln Sie wieder, – daß ich solch ein Schiller bin? Und ich gehe eine Wette ein, Sie meinen, daß ich mich an Sie heranschmeichle! Nun, vielleicht schmeichle ich mich auch tatsächlich heran, he–he–he! Sie brauchen mir, Rodion Romanowitsch, meinetwegen kein Wort zu glauben, meinetwegen, glauben Sie auch niemals, – ich habe schon so eine Art, gebe es zu; aber eins füge ich hinzu, – ob ich ein gemeiner und wie weit ich ein ehrlicher Mensch bin, können Sie, glaube ich, selbst beurteilen!“

„Wann denken Sie mich zu verhaften?“

„Nun, anderthalb oder zwei Tage kann ich Sie noch frei herumgehen lassen. Denken Sie nach, mein Lieber, beten Sie zu Gott. Ja, es ist vorteilhafter, – bei Gott – vorteilhafter.“

„Wenn ich aber fliehen werde?“ fragte Raskolnikoff mit einem sonderbaren Lächeln.

„Nein, Sie werden nicht fliehen. Ein Bauer wird davonlaufen, ein moderner Sektierer wird fliehen – ein Lakai, der von fremden Gedanken zehrt, dem man bloß eine Fingerspitze zu zeigen braucht und der an alles, was Sie wollen, sein Lebelang glauben wird. Sie aber glauben doch nicht mehr an Ihre Theorie, – warum wollen Sie fliehen? Ja, und was wollen Sie in einem freiwilligen Exil? Im Exil ist es häßlich und schwer, Sie aber brauchen vor allen Dingen Leben und eine bestimmte Lage, eine entsprechende Luft, und gibt es für Sie im Exil die nötige Luft? Wenn Sie fliehen werden, kehren Sie selbst zurück. Ohne uns können Sie nicht auskommen. Und wenn ich Sie ins Gefängnis setze, – nun, Sie werden einen Monat sitzen, meinetwegen auch zwei oder drei, und dann werden Sie plötzlich, – denken Sie an meine Worte, – selbst zu mir kommen und gestehen, und möglicherweise für Sie selbst unerwartet. Sie werden selbst noch eine Stunde vorher nicht wissen, daß Sie ein Geständnis ablegen werden. Ich bin sogar überzeugt, daß Sie auf den Gedanken kommen werden, das Leiden auf sich zu nehmen. Sie glauben mir jetzt nicht auf mein bloßes Wort hin, Sie werden selbst aber darauf verfallen. Denn das Leiden, Rodion Romanowitsch, ist ein großes Ding; lassen Sie außer acht, daß ich fett und dick geworden bin, das tut nichts, ich weiß es dennoch; lachen Sie nicht darüber, – im Leiden liegt eine tiefe Idee. Nikolai hat recht. Nein, Sie werden nicht davonlaufen, Rodion Romanowitsch.“

Raskolnikoff stand von seinem Platz auf und nahm seine Mütze. Porphyri Petrowitsch erhob sich auch.

„Sie wollen spazieren gehen? Der Abend wird schön werden, es möge nur kein Gewitter kommen. Es wäre zwar besser, wenn es frischer würde ...“

Er nahm auch seine Mütze.

„Porphyri Petrowitsch,“ sagte Raskolnikoff mit strenger Eindringlichkeit, „bitte, setzen Sie sich nicht in den Kopf, daß ich Ihnen heute gestanden habe. Sie sind ein sonderbarer Mensch und ich habe Ihnen aus bloßer Neugier zugehört. Ich habe Ihnen aber nichts eingestanden ... Vergessen Sie es nicht.“

„Nun gut, ich werde es nicht vergessen, – sehen Sie nur, wie Sie zittern. Seien Sie ruhig, mein Lieber; Ihren Willen sollen Sie haben. Gehen Sie ein wenig spazieren; zu viel aber sollen Sie nicht gehen. Ich habe an Sie für jeden Fall noch eine kleine Bitte,“ fügte er mit gesenkter Stimme hinzu, – „eine peinliche, aber wichtige Bitte, – wenn Sie, das heißt, für jeden Fall ... woran ich übrigens nicht glaube und Sie zu ähnlichem für ganz und gar nicht fähig halte, ... falls – ich sage es bloß für jeden Fall – Sie in diesen vierzig oder fünfzig Stunden Lust verspüren sollten, die Sache irgendwie anders, in einer phantastischen Weise aus der Welt zu schaffen, – sagen wir, Hand an sich legen zu wollen ... es ist ja eine unsinnige Annahme, entschuldigen Sie bitte, – hinterlassen Sie dann eine kurze aber genaue Mitteilung. Es brauchen bloß zwei Zeilen, zwei kurze Zeilen zu sein und erwähnen Sie auch den Stein; das wird anständiger sein. Nun, auf Wiedersehen ... Ich wünsche Ihnen gute Gedanken und die rechten Vorsätze!“

Porphyri Petrowitsch ging gebückt hinaus, und vermied es, Raskolnikoff anzublicken. – Raskolnikoff trat an das Fenster und wartete gereizt und ungeduldig, bis jener auf der Straße sein konnte und weitergegangen war. Dann verließ auch er selbst schnell das Zimmer.

III.

Er eilte zu Sswidrigailoff. Was er von diesem Menschen erwartete, – wußte er selbst nicht. Er wußte nur das eine, daß der eine Macht über ihn hatte. Nachdem er dies einmal eingesehen hatte, konnte er sich nicht länger mehr beunruhigen und außerdem war jetzt die richtige Zeit gekommen. – Auf dem Wege quälte ihn besonders die eine Frage, – war Sswidrigailoff bei Porphyri Petrowitsch gewesen?

Soweit er beurteilen konnte, und er hätte darauf schwören mögen, – war er nicht dort gewesen! Er dachte wiederholt nach, rief den ganzen Besuch Porphyri Petrowitschs in seine Erinnerung zurück und überlegte: – nein, er war nicht bei ihm gewesen, ganz gewiß nicht!

Aber wenn er noch nicht dort gewesen war, würde er oder würde er nicht zu Porphyri Petrowitsch hingehen?

Vorläufig schien es Raskolnikoff, als ob er nicht hingehen würde. Warum? Er konnte sich selber dies nicht erklären, aber wenn er es auch gekonnt hätte, so wollte er sich jetzt nicht den Kopf darüber zerbrechen. Dies alles quälte ihn, und doch hatte er zugleich für etwas anderes Interesse. Es war erstaunlich und niemand würde es vielleicht geglaubt haben, – um sein jetziges unumgängliches Schicksal war er wenig besorgt, er dachte nur zerstreut daran. Ihn quälte etwas anderes, anscheinend Wichtigeres, etwas Außergewöhnliches, – das nur ihn selbst und niemand anderen betraf. Außerdem empfand er eine grenzenlose seelische Erschlaffung, obgleich sein Verstand an diesem Morgen besser arbeitete, als in allen diesen letzten Tagen.

Und war es der Mühe wert, nach alledem, was vorgefallen war, diese neuen winzigen Bedrängnisse zu überwinden? War es der Mühe wert, zum Beispiel, zu intrigieren, damit Sswidrigailoff nicht zu Porphyri Petrowitsch hingehe; ihn zu studieren, auszukundschaften und Zeit zu verlieren für einen Sswidrigailoff?

Oh, wie ihm dies alles langweilig war!

Indessen eilte er aber doch zu Sswidrigailoff; erwartete er etwa von ihm etwas neues, oder Fingerzeige oder einen Ausweg? Man greift in der Not auch nach einem Strohhalm! Führte sie etwa jetzt das Schicksal oder ein Instinkt zusammen? Vielleicht war es bloß Müdigkeit, Verzweiflung, vielleicht brauchte er gar nicht Sswidrigailoff, sondern jemand anderen, und Sswidrigailoff war ihm nur in den Weg gelaufen. Ssonja? Ja, wozu sollte er jetzt zu Ssonja gehen? Wieder um ihre Tränen betteln? Ssonja war ihm jetzt schrecklich. In Ssonja stellte er sich ein unerbittliches Urteil, einen unwandelbaren Entschluß vor. Hier aber handelte es sich darum, entweder ihr oder sein Weg. Besonders im gegenwärtigen Augenblicke war er außerstande, sie zu sehen. Nein, es wäre besser, Sswidrigailoff auszuforschen, – was wäre dabei? Er konnte sich nicht innerlich eingestehen, daß er tatsächlich jenen schon längst zu irgend etwas gebrauchte.

Aber was konnte es zwischen ihnen beiden gemeinsames geben? Selbst eine Freveltat konnte sie beide nicht auf gleiche Stufe bringen. Dieser Mensch war ihm sehr unangenehm, offenbar äußerst verdorben, sicher aber schlau und unzuverlässig, und vielleicht auch bösartig. Von ihm wurde allerhand erzählt. Es war ja richtig, er hat sich der Kinder Katerina Iwanownas angenommen; aber wer weiß, zu welchem Zwecke und was es noch auf sich hatte? Dieser Mensch hatte stets seine Absichten und Pläne.

In all diesen Tagen schwebte ständig Raskolnikoff noch ein Gedanke vor und beunruhigte ihn sehr, obwohl er ihn stets von sich zu weisen suchte; so schwer lastete dieser Gedanke auf ihm! Er dachte – Sswidrigailoff hat die ganze Zeit sich mit ihm beschäftigt; Sswidrigailoff hat sein Geheimnis erfahren und hatte schon böse Absichten gegenüber Dunja. Man könnte doch fast mit Bestimmtheit sagen, daß er sie noch haben werde. Und wenn er jetzt, nachdem er sein Geheimnis erfahren und so über ihn eine Macht erhalten hätte, sie als eine Waffe gegen Dunja benutzen wollte?

Dieser Gedanke quälte ihn sogar im Traume, aber noch nie war er ihm so deutlich gekommen, wie jetzt. Und dieser Gedanke allein versetzte ihn in die äußerste Wut. Dann würde sich alles verändern, sogar seine eigene Lage, – er muß dann sofort sein Geheimnis Dunetschka mitteilen. Er mußte sich vielleicht selbst verraten, um Dunetschka von einem unvorsichtigen Schritt abzuhalten. Und der Brief? Heute früh hatte Dunetschka einen Brief erhalten! Von wem in Petersburg kann sie Briefe empfangen? Etwa von Luschin? Es ist ja wahr, dort paßt Rasumichin auf, aber Rasumichin weiß doch nichts von alldem. Vielleicht muß er sich auch Rasumichin anvertrauen. Raskolnikoff dachte mit Widerwillen an diese Möglichkeit.

Er beschloß endgültig, Sswidrigailoff in jedem Falle möglichst bald aufzusuchen. Gott sei Dank, hier handelt es sich nicht so sehr um die Einzelheiten, als um den Kernpunkt der Sache, – aber wenn er, wenn er schon fähig war ... wenn Sswidrigailoff irgend etwas gegen Dunja vorhatte, – so ...

Raskolnikoff war während dieser ganzen Zeit, während dieses ganzen Monats so abgespannt geworden, daß er jetzt ähnliche Fragen nicht anders mehr lösen konnte, als bloß durch das eine, – „dann töte ich ihn!“ Das dachte er auch in diesem Augenblicke mit kalter Verzweiflung. Schwer bedrückte es sein Herz; er blieb mitten auf der Straße stehen und begann sich umzusehen, – welchen Weg er ging und wohin er gekommen war? Er befand sich auf dem N.schen Prospekt, dreißig oder vierzig Schritte vom Heumarkt entfernt, den er passiert hatte. Der ganze zweite Stock eines Hauses linker Hand war von einem Restaurant eingenommen. Alle Fenster waren weit geöffnet; das Restaurant war, nach den vielen an den Fenstern sich bewegenden Gestalten zu urteilen, stark besetzt. Im Saale sang ein Chor, Lieder, Klarinetten und Geigen tönten und eine türkische Trommel lärmte. Man hörte auch das Gekreische einiger Weiber. Er wollte umkehren und begriff gar nicht, wie er auf den N.schen Prospekt gekommen war, als er plötzlich in einem der letzten offenen Fenster des Restaurants Sswidrigailoff erblickte, der dort hinter einem Teetisch mit einer Pfeife im Munde saß. Er erschrak, und sein Schrecken ward zum Entsetzen. Sswidrigailoff blickte ihn an und beobachtete ihn schweigend und wollte – was Raskolnikoff ebenfalls betroffen machte, wie es schien, aufstehen, um leise und unbemerkt fortzugehen. Raskolnikoff gab sich sofort den Anschein, als hätte auch er ihn nicht bemerkt, und blickte in Gedanken versunken zur Seite, ohne aber ihn ganz aus dem Auge zu lassen. Sein Herz klopfte unruhig. Es war richtig, – Sswidrigailoff wollte offenbar nicht gesehen werden. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und wollte sich verbergen; als er aber aufstand und den Stuhl zur Seite schob, hatte er wahrscheinlich gemerkt, daß Raskolnikoff auch ihn gesehen und beobachtet hatte. Es war etwas, was der Szene ihres ersten Zusammentreffens bei Raskolnikoff, während seines Schlafes, glich. Ein spöttisches Lächeln zeigte sich auf dem Gesichte Sswidrigailoffs. Beide wußten, daß sie einander gesehen und beobachtet hatten. Zuletzt lachte Sswidrigailoff laut auf.

„Nun! Kommen Sie doch herauf, wenn Sie wollen; ich bin hier!“ rief er ihm aus dem Fenster zu.

Raskolnikoff ging in das Restaurant hinauf. Er fand ihn in einem sehr kleinen Hinterzimmer mit einem Fenster, das an den großen Saal anstieß, in dem an etwa zwanzig kleinen Tischen beim greulichen Gebrüll eines Sängerchores Kaufleute, Beamte und andere Leute Tee tranken. Aus einer anderen Ecke vernahm man das Anprallen von Billardkugeln. Auf dem Tische vor Sswidrigailoff stand eine angebrochene Flasche Champagner und ein Glas, zur Hälfte mit Wein gefüllt. In dem kleinen Zimmer befanden sich außerdem ein Knabe, der eine kleine Drehorgel hatte, und ein kräftiges rotwangiges Mädchen, in einem gestreiften aufgebauschten Rocke und einem Tiroler Hütchen mit Bändern. Es war eine Sängerin, etwa achtzehn Jahre alt, die, trotz des Chorgesanges in dem anderen Zimmer, unter Begleitung der Drehorgel einen Gassenhauer mit ziemlich heiserer Kontrealtstimme sang ...

„Nun, genug!“ unterbrach Sswidrigailoff sie beim Eintritt Raskolnikoffs.

Das Mädchen brach sofort ab und blieb in ehrerbietiger Erwartung stehen. Auch ihren Gassenhauer hatte sie mit einem ehrerbietigen und ernsten Ausdrucke im Gesichte gesungen.

„He, Philipp, ein Glas!“ rief Sswidrigailoff.

„Ich werde keinen Wein trinken,“ sagte Raskolnikoff.

„Wie Sie wollen, aber ich habe das Glas nicht Ihretwegen bestellt. Trink, Katja! Heute brauche ich euch nicht mehr, geht!“ – Er goß ihr ein volles Glas Wein ein und legte einen Rubelschein für sie auf den Tisch.

Katja leerte das Glas mit einem Male, wie die Frauen Wein trinken, das heißt, ohne das Glas abzusetzen und zwanzigmal schluckend, sie nahm dann den Schein, küßte Sswidrigailoff die Hand, was er sehr ernst zuließ und verließ das Zimmer, ihr folgte der Knabe mit der Drehorgel. Man hatte beide von der Straße heraufgeholt. Sswidrigailoff wohnte noch nicht einmal eine Woche in Petersburg und alles verkehrte schon mit ihm auf recht patriarchalischem Fuße. Auch der Kellner Philipp kannte ihn schon und bediente ihn unterwürfigst. Die Tür zum Saale wurde geschlossen, Sswidrigailoff war in diesem Zimmer wie bei sich zu Hause und verbrachte hier jedenfalls ganze Tage. Das Restaurant war schmutzig, schlecht und nicht einmal von mittlerer Sorte.

„Ich wollte zu Ihnen gehen und suchte Sie,“ begann Raskolnikoff, „bog aber unversehens vom Heumarkte zu dem N.schen Prospekt ab! Ich gehe nie diesen Weg und komme nie hierher. Ich nehme vom Heumarkte immer den Weg zur rechten Hand. Auch der Weg zu Ihnen führt hier nicht vorbei. Doch kaum als ich einbog, erblickte ich Sie sofort. Das ist seltsam!“

„Warum sagen Sie nicht offen heraus, – das ist ein Wunder!“

„Weil es vielleicht nur ein Zufall ist.“

„Wie sonderbar all diese Leute beschaffen sind!“ lachte Sswidrigailoff, „Sie wollen es nicht eingestehen, wenn Sie auch innerlich selbst an Wunder glauben! Sie sagen doch selbst, daß es – ‚vielleicht‘ – bloß ein Zufall ist. Und wie sie alle hier feig sind, eine eigene Meinung zu haben, können Sie sich gar nicht vorstellen, Rodion Romanowitsch. Ich meine nicht Sie. Sie haben eine eigene Meinung und fürchten sich nicht, sie zu haben. Darum haben Sie auch mein Interesse gefesselt.“

„Sonst durch nichts?“

„Aber das genügt doch.“

Sswidrigailoff war offenbar in erregtem Zustande, doch nur ein klein wenig; von dem Wein hatte er nur ein halbes Glas getrunken.

„Mir scheint es, Sie kamen schon zu mir, ehe Sie erfuhren, daß ich fähig bin, das zu haben, was Sie eine eigene Meinung nennen,“ bemerkte Raskolnikoff.

„Nun, damals war es eine andere Sache. Jeder hat seine eigenen Wege. Was aber das Wunder anbetrifft, muß ich Ihnen sagen, daß Sie anscheinend diese letzten zwei oder drei Tage verschlafen haben. Ich habe Ihnen selbst dieses Restaurant angegeben, und es war gar kein Wunder, daß Sie hierher kamen; ich habe Ihnen selbst den ganzen Weg beschrieben und Ihnen den Ort und die Stunden gesagt, wann man mich hier treffen kann. Erinnern Sie sich?“

„Ich habe es vergessen,“ antwortete Raskolnikoff verwundert.

„Es scheint so. Zweimal habe ich es Ihnen gesagt. Die Adresse hat sich Ihrem Gedächtnisse mechanisch eingeprägt. Sie schlugen auch diesen Weg mechanisch ein, indessen streng der Adresse folgend, ohne es selbst zu wissen. Als ich es Ihnen damals sagte, glaubte ich nicht, daß Sie mich verstanden hatten. Sie verraten sich zu sehr, Rodion Romanowitsch. Noch eins: – ich bin überzeugt, daß es in Petersburg viele Leute gibt, die im Gehen mit sich selbst sprechen. Es ist eine Stadt von Halbverrückten. Wenn wir die Wissenschaften mehr pflegten, so könnten Mediziner, Juristen und Philosophen, jeder auf seinem Spezialgebiete die wertvollsten Untersuchungen über Petersburg anstellen. Selten findet man so viel finstere, tiefeinschneidende und eigentümliche Einflüsse auf die Seele eines Menschen vor, wie in Petersburg. Was allein sind die klimatischen Einflüsse wert! Indessen ist es das administrative Zentrum von ganz Rußland, und sein Charakter muß sich in allem geltend machen. Aber es handelt sich jetzt nicht darum, sondern, daß ich Sie ein paarmal schon heimlich beobachtet habe. Sie verlassen Ihre Wohnung – halten den Kopf nach oben. Nach zwanzig Schritten lassen Sie ihn schon sinken und die Hände legen Sie auf den Rücken. Sie blicken vor sich und sehen offenbar weder vor sich etwas, noch neben sich. Schließlich beginnen Sie die Lippen zu bewegen und mit sich selbst zu sprechen, wobei Sie zuweilen die eine Hand frei machen und deklamieren, endlich bleiben Sie mitten auf dem Wege lange stehen. Das ist nicht gut. Vielleicht beobachtet jemand Sie außer mir, und das ist nicht vorteilhaft. Mir ist es im Grunde genommen gleichgültig, und ich werde Sie nicht heilen, aber Sie verstehen mich sicher.“

„Wissen Sie es, daß man mich beobachtet?“ fragte Raskolnikoff und blickte ihn forschend an.

„Nein, ich weiß nichts davon,“ antwortete Sswidrigailoff, wie verwundert.

„Nun, lassen wir meine Person aus dem Spiel,“ murmelte Raskolnikoff mit verdüstertem Gesichte.

„Gut, lassen wir Sie aus dem Spiel.“

„Sagen Sie mir lieber, – wenn Sie hierher gehen zu trinken und mir selbst diesen Ort zweimal genannt haben, damit ich hierher zu Ihnen kommen soll, warum versteckten Sie sich denn und wollten weggehen, als ich Sie von der Straße aus am Fenster sah? Ich habe es sehr gut gemerkt.“

„He–he! Warum lagen Sie auf Ihrem Sofa mit geschlossenen Augen und stellten sich schlafend, während Sie doch gar nicht schliefen, als ich damals bei Ihnen auf der Schwelle stand? Ich habe es sehr gut bemerkt.“

„Ich konnte ... Gründe haben ... Sie wissen es selbst.“

„Auch ich konnte meine Gründe haben, obwohl Sie sie nicht erfahren werden.“

Raskolnikoff setzte den rechten Ellenbogen auf den Tisch, stützte mit den Fingern der rechten Hand sein Kinn und starrte unverwandt Sswidrigailoff an. Er betrachtete eine Weile sein Gesicht, das auch früher ihn stets in Staunen gesetzt hatte. Es war ein auffallendes Gesicht, das einer Maske zu gleichen schien, – weiß, rotwangig, mit roten, purpurroten Lippen, mit einem hellblonden Barte und noch ziemlich dichten hellblonden Haaren. Die Augen waren zu blau und ihr Blick zu schwer und unbeweglich. Es lag etwas äußerst Unangenehmes in diesem hübschen und für sein Alter viel zu jugendlichen Gesichte. Sswidrigailoffs Kleidung war elegant, leicht, sommerlich; besonders elegant war seine Wäsche. An einem Finger hatte er einen großen Ring mit einem kostbaren Stein.

„Ja, soll ich mich denn auch mit Ihnen abgeben,“ sagte Raskolnikoff plötzlich, indem er mit krampfhafter Ungeduld auf sein Ziel losging, „obgleich Sie vielleicht der gefährlichste Mensch sind, wenn Sie Lust bekommen sollten, mir zu schaden, aber ich will mich nicht mehr verstellen und Komödie spielen. Ich will Ihnen gleich zeigen, daß ich gar keinen großen Wert auf meine Person lege, wie Sie wahrscheinlich annehmen. Wissen Sie, ich bin gekommen, Ihnen offen zu erklären, wenn Sie noch Ihre frühere Absicht gegenüber meiner Schwester hegen, und wenn Sie zu diesem Zwecke irgend etwas von dem, was Ihnen in der letzten Zeit bekannt geworden ist, zu benutzen gedenken, – ich Sie eher töten werde, bevor Sie mich ins Gefängnis bringen. Mein Wort ist sicher, – Sie wissen, daß ich es zu halten imstande bin. Zweitens, wenn Sie mir irgend etwas zu sagen haben, – denn es schien mir die ganze Zeit, als wollten Sie mir etwas mitteilen, – tun Sie es schnell, denn die Zeit ist kostbar, und vielleicht ist es sehr bald zu spät.“

„Was haben Sie denn für eine Eile?“ fragte Sswidrigailoff und blickte ihn neugierig an.

„Jeder hat seine eigenen Wege,“ sagte Raskolnikoff finster und ungeduldig.

„Sie haben mich selbst soeben gebeten, offen zu sein, und die erste Frage lehnen Sie schon ab, zu beantworten,“ bemerkte Sswidrigailoff mit einem Lächeln.

„Ihnen scheint es immer, daß ich irgend welche Zwecke verfolgen muß und darum betrachten Sie mich argwöhnisch. Nun, das ist in Ihrer Lage vollkommen begreiflich. Aber wie sehr ich auch wünsche, mit Ihnen in nähere Beziehungen zu kommen, werde ich mir doch nicht die Mühe machen, Sie vom Gegenteile zu überzeugen. Bei Gott, es ist nicht der Mühe wert, und ich hatte gar nicht die Absicht, mit Ihnen über irgend etwas besonderes zu sprechen.“

„Wozu brauchten Sie mich dann? Sie scharwenzelten doch um mich herum?“

„Ganz einfach, als ein interessantes Beobachtungsobjekt. Mir gefielen Sie durch das Phantastische Ihrer Lage, – das ist der Grund. Außerdem sind Sie der Bruder einer Persönlichkeit, die mich sehr interessierte, und schließlich habe ich seinerzeit von derselben Persönlichkeit sehr viel und oft über Sie gehört, woraus ich schloß, daß Sie einen großen Einfluß auf die Dame haben; ist denn das nicht genügend Grund? He–he–he! Ich muß übrigens gestehen, Ihre Frage ist für mich sehr kompliziert, und es fällt mir etwas schwer, Ihnen darauf zu antworten. Nun, zum Beispiel jetzt, – Sie sind zu mir nicht bloß wegen der einen Angelegenheit gekommen, sondern auch wegen etwas ganz neuem? Es stimmt doch? Nicht wahr?“ sagte Sswidrigailoff mit einem spöttischen Lächeln. – „Nun, stellen Sie sich vor, daß ich selbst, noch auf der Reise hierher im Eisenbahnwagen, auf Sie rechnete, daß Sie mir auch etwas neues sagen würden, und daß es mir gelingen würde, etwas von Ihnen zu entlehnen! Sehen Sie, wie reich wir sind!“

„Was denn entlehnen?“

„Ja, was soll ich Ihnen sagen? Weiß ich etwa, – was es ist? Sehen Sie, in was für einem Restaurant ich die ganze Zeit hocke, und das ist mir höchst unangenehm, das heißt, eigentlich nicht, aber ich muß mich doch irgendwo hinhocken. Nun, und diese arme Katja – haben Sie sie gesehen? ... Wäre ich wenigstens ein Vielfresser oder ein Feinschmecker, Sie sehen aber selbst, was ich esse. – (Er zeigte mit dem Finger in eine Ecke, wo auf einem Tischchen das Überbleibsel von einem entsetzlichen Beefsteak mit Kartoffeln stand.) – Apropos, haben Sie zu Mittag gegessen? Ich habe etwas zu mir genommen und möchte nichts mehr. Wein, z. B., trinke ich gar nicht. Außer Champagner gar keinen Wein, und davon trinke ich auch den ganzen Abend ein einziges Glas, davon tut mir schon der Kopf weh. Ich habe ihn bloß bestellt, um mir auf die Beine zu helfen, denn ich will irgendwohin gehen, Sie sehen mich in einer besonderen Stimmung. Ich habe mich darum auch vorhin wie ein Schulbube versteckt, weil ich meinte, daß Sie mich stören werden; aber ich glaube – (er zog seine Uhr hervor) – ich kann mit Ihnen noch eine Stunde zusammen sein; es ist jetzt halb fünf. Glauben Sie mir, wenn ich wenigstens etwas wäre, sagen wir, Gutsbesitzer, Landwirt, oder Vater, ein Ulan, Photograph oder Journalist ... Aber nichts, ich habe gar keine Spezialität! Zuweilen ist mir das langweilig. Wirklich, ich glaubte, von Ihnen etwas neues zu hören.“

„Ja, wer sind Sie denn eigentlich und warum sind Sie hierher gereist?“

„Wer ich bin? Sie wissen doch, – bin vom Adel, habe zwei Jahre in der Kavallerie gedient, mich dann hier in Petersburg herumgetrieben, habe Marfa Petrowna geheiratet und auf dem Lande gelebt. Da haben Sie meine Lebensbeschreibung!“

„Sie sind wohl ein Spieler?“

„Nein, ich bin kein Spieler. Ein Falschspieler ist kein Spieler.“

„Waren Sie denn Falschspieler?“

„Ja, ich war Falschspieler.“

„Hat man Sie auch gefaßt?“

„Es ist auch vorgekommen. Was ist dabei?“

„Nun, Sie konnten doch gefordert werden ... Das bringt doch auch mehr Leben ins Dasein.“

„Ich widerspreche Ihnen nicht und bin außerdem kein Meister im Philosophieren. Ich will Ihnen gestehen, daß ich mehr der Weiber wegen hierher gekommen bin.“

„Nachdem Sie kaum Marfa Petrowna beerdigt hatten?“

„Nun ja,“ lächelte Sswidrigailoff mit einer frappanten Offenheit. – „Was ist dabei? Mir scheint, Sie finden etwas schlechtes darin, daß ich über die Weiber so rede.“

„Das will wohl sagen, ob ich etwas schlechtes in der Unsittlichkeit finde oder nicht?“

„In der Unsittlichkeit! Nun, Sie gehen zu weit! Übrigens aber will ich Ihnen zuerst im allgemeinen über die Frauen antworten. Wissen Sie, ich liebe gerade jetzt zu plaudern. Sagen Sie mir, wozu soll ich mich enthalten? Warum soll ich die Frauen lassen, wenn ich ein großer Freund davon bin? Sie sind doch wenigstens eine Beschäftigung.“

„Also Sie rechnen hier bloß auf die Unsittlichkeit?“

„Was ist dabei, ja, meinetwegen auf Unsittlichkeit. Wie Sie sich darauf versessen haben. Ich liebe aber wenigstens eine offene Frage. In dieser Unsittlichkeit ist etwas beständiges, in der Natur begründetes und der Phantasie nicht unterworfenes, etwas, das stets wie eine feurige Glut im Blute steckt, ewig anfeuert und das man lange nicht, auch mit den Jahren vielleicht nicht, so schnell auslöschen kann. Geben Sie doch selbst zu, ist das nicht eine Art von Beschäftigung?“

„Wie soll man sich dabei freuen? Es ist eine Krankheit, und eine gefährliche.“

„Ah, Sie kommen damit! Ich gebe zu, daß es eine Krankheit ist, wie auch alles, was über das Maß hinausgeht, – und hier wird man unbedingt das Maß überschreiten, – aber das ist doch, erstens, bei dem einen so, bei dem anderen anders, und zweitens, muß man eben wie in allem Maß einhalten; es ist Berechnung und eine gemeine dazu, aber was soll man tun? Wenn es dies nicht gäbe, müßte man sich möglicherweise erschießen. Ich gebe zu, daß ein anständiger Mensch verpflichtet ist, sich lieber zu langweilen, aber dennoch ...“

„Könnten Sie sich erschießen?“

„Aber, hören Sie!“ erwiderte Sswidrigailoff mit Widerwillen. „Tun Sie mir den Gefallen und sprechen Sie nicht davon,“ fügte er hastig hinzu und ohne jegliche Großtuerei, die sich in allen seinen früheren Worten ausprägte. Sogar sein Gesicht schien sich verändert zu haben. – „Ich gestehe diese unverzeihliche Schwäche ein, aber was soll ich tun, – ich fürchte den Tod und liebe nicht, daß man darüber spricht. Wissen Sie, ich bin teilweise Mystiker?“

„Ah! Die Erscheinungen von Marfa Petrowna! Wie, kommt sie noch immer?“

„Ach, erinnern Sie mich nicht daran; in Petersburg ist es noch nicht vorgekommen; und hol der Teufel die Erscheinungen!“ rief er mit gereizter Miene aus. – „Nein, wir wollen lieber über ... ja übrigens ... Hm! Ach, ich habe zu wenig Zeit, kann nicht lange bei Ihnen bleiben, es ist schade! Ich hätte Ihnen etwas mitzuteilen.“

„Was, ist es eine Frau, die Sie erwartet?“

„Ja, eine Frau, ein ganz unerwarteter Zufall ... nein, ich meine nicht das.“

„Nun, und die Schändlichkeit dieser ganzen Umgebung wirkt schon nicht mehr auf Sie? Sie haben schon die Kraft verloren, zu stoppen?“

„Sie machen auch Ansprüche an Kraft? He–he! Sie haben mich soeben überrascht, Rodion Romanowitsch, obwohl ich im voraus wußte, daß es so kommen werde. Sie reden mit mir über Unsittlichkeit und über Ästhetik! Sie – ein Schiller, Sie – ein Idealist! Dies alles muß natürlich so sein, und man müßte erstaunt sein, wenn es anders wäre, aber trotzdem ist etwas merkwürdiges vor der Wirklichkeit ... Ach, schade, daß ich so wenig Zeit habe, Sie sind ein äußerst interessantes Subjekt! Ja, nebenbei gefragt, lieben Sie Schiller? Ich liebe ihn außerordentlich.“

„Was Sie aber für ein Großtuer sind!“ sagte Raskolnikoff mit einem gewissen Abscheu.

„Ich bin es nicht, bei Gott!“ antwortete Sswidrigailoff mit lautem Lachen, „aber ich will es nicht bestreiten, mag ich ein Großtuer sein; doch warum soll man auch nicht wichtigtun, wenn es harmlos ist. Ich habe sieben Jahre auf dem Lande bei Marfa Petrowna gelebt, schon darum freue ich mich zu plaudern, nachdem ich jetzt auf einen klugen Menschen wie Sie, – auf einen klugen und im höchsten Grade interessanten Menschen gestoßen bin, und außerdem habe ich dieses halbe Glas Wein getrunken und es ist mir ein bißchen zu Kopfe gestiegen. Die Hauptsache aber ist, daß es einen Umstand gibt, der mich sehr aufgerüttelt hat, den ich aber ... verschweigen werde. Wohin gehen Sie denn?“ fragte Sswidrigailoff plötzlich erschrocken.

Raskolnikoff machte Miene, sich zu erheben. Ihm wurde es schwer, beengend und peinlich, daß er hierher gekommen war. Von Sswidrigailoff hatte er die feste Meinung gewonnen, daß er der unbedeutendste und inhaltloseste Bösewicht der Welt sei.

„Ach! Setzen Sie sich, bleiben Sie noch,“ bat Sswidrigailoff, „und bestellen Sie sich doch wenigstens Tee. Bleiben Sie sitzen, ich will keinen Unsinn mehr, das heißt, über mich schwatzen. Ich will Ihnen etwas erzählen. Wollen Sie? Ich werde Ihnen erzählen, wie mich eine Frau, um in Ihrem Stile zu reden, ‚retten wollte‘? Das wird sogar eine Antwort auf Ihre erste Frage sein, weil diese Dame – Ihre Schwester ist. Darf ich erzählen? Wir schlagen auch die Zeit damit tot.“

„Erzählen Sie, aber ich hoffe, Sie ...“

„Oh, seien Sie ruhig! Außerdem kann Awdotja Romanowna sogar bei solch einem schlimmen und oberflächlichen Menschen, wie ich, bloß die höchste Achtung hervorrufen.“

IV.

„Sie wissen vielleicht, – ich habe es Ihnen übrigens selbst erzählt,“ begann Sswidrigailoff, „daß ich hier im Schuldgefängnis wegen ungeheurer Schulden saß, ohne die geringste Aussicht, sie zu tilgen. Es lohnt sich nicht, die Einzelheiten zu erwähnen, wie mich damals Marfa Petrowna loskaufte; wissen Sie, bis zu welcher Bewußtlosigkeit eine Frau sich zuweilen verlieben kann? Sie war eine ehrliche, ziemlich kluge, obwohl vollkommen ungebildete Frau. Stellen Sie sich vor, daß diese eifersüchtige und ehrliche Frau nach vielen schrecklichen Wutausbrüchen und Vorwürfen sich entschlossen hatte, mit mir sozusagen einen Vertrag abzumachen, den sie während unserer Verheiratung erfüllte. Die Sache war die, daß sie bedeutend älter war als ich, und außerdem ständig eine Gewürznelke im Munde hatte. Ich hatte in meiner Seele trotz aller Gemeinheit so viel Ehrlichkeit, ihr offen zu erklären, daß ich ihr vollkommene Treue nicht halten könne. Dieses Geständnis versetzte sie in Wut, aber meine grobe Offenheit schien ihr in gewisser Weise gefallen zu haben. ‚Er will also selbst nicht betrügen,‘ dachte sie, ‚wenn er im voraus es in dieser Weise erklärt,‘ – nun, und für eine eifersüchtige Frau ist es das wichtigste. Nach vielen Tränen kam zwischen uns folgender mündlicher Vertrag zustande, – erster Punkt, ich werde Marfa Petrowna nie verlassen und stets ihr Mann bleiben; zweitens, ohne ihre Erlaubnis werde ich nirgendwohin verreisen; drittens, eine ständige Geliebte werde ich mir nie anschaffen; viertens, dagegen gestattet mir Marfa Petrowna, mir zuweilen eine von den Stubenmädchen auszusuchen, jedoch nicht anders, als mit ihrem geheimen Wissen; fünftens, Gott soll mich behüten, daß ich mich in eine Frau aus unserem Stande verliebe; sechstens, falls aber, was Gott verhüte, mich irgend eine große und ernste Leidenschaft heimsuchen sollte, muß ich mich Marfa Petrowna anvertrauen. In Bezug auf den letzten Punkt war Marfa Petrowna übrigens die ganze Zeit ziemlich ruhig; sie war eine kluge Frau, und folglich konnte sie mich nicht anders, als für einen liederlichen und lasterhaften Menschen, betrachten, der nicht imstande ist, sich ernstlich zu verlieben. Aber eine kluge Frau und eine eifersüchtige Frau sind zwei verschiedene Dinge, und das ist ein Unglück. Übrigens, um unparteiisch über einige Menschen urteilen zu können, muß man sich vorher von manchen voreingenommenen Ansichten und von der alltäglichen Gewöhnung an die uns umgebenden Menschen und Gegenstände lossagen. Ich habe ein Recht, auf Ihr Urteil mehr, als von jemanden anderen, zu hoffen. Vielleicht haben Sie schon sehr viel lächerliches und unsinniges über Marfa Petrowna gehört. In der Tat, sie hatte manche lächerliche Angewohnheit, aber ich will Ihnen offen sagen, daß ich die zahllosen Bekümmernisse, die ich ihr verursacht habe, aufrichtig bedauere. Das scheint für einen sehr anständigen Oraison funèbre der zärtlichsten Frau von dem zärtlichsten Manne zu genügen. Bei unseren Streitigkeiten schwieg ich meistenteils und war nicht gereizt, und dieses gentlemanlike Benehmen erreichte fast stets das Ziel; es wirkte auf sie und gefiel ihr sogar; es gab auch Fälle, wo sie sogar auf mich stolz war. Aber Ihr Fräulein Schwester hat sie trotzdem nicht ertragen. Und wie war es möglich, daß sie riskiert hatte, solch eine Schönheit in ihr Haus als Gouvernante zu nehmen! Ich erkläre es mir dadurch, daß Marfa Petrowna eine feurige und empfängliche Frau war, und daß sie sich ganz einfach selbst in Ihre Schwester verliebt, – buchstäblich verliebt hatte. Nun, und Awdotja Romanowna hat selbst den ersten Schritt getan, – ob Sie mir glauben oder nicht? Können Sie sich denken, daß Marfa Petrowna sogar zuerst auf mich wegen meines ständigen Schweigens über Ihre Schwester böse wurde, weil ich mich gegen ihre ewigen und verliebten Lobsprüche auf Awdotja Romanowna gleichgültig verhielt? Ich begreife selbst nicht, was sie eigentlich wollte! Und selbstverständlich erzählte Marfa Petrowna alles, meine ganze Vergangenheit Awdotja Romanowna. Sie hatte die unglückliche Eigenschaft, allen unsere ganzen Familiengeheimnisse zu erzählen und vor allen ständig über mich zu klagen; wie sollte sie da solch eine neue und schöne Freundin damit verschonen? Ich nehme selbst an, daß zwischen ihnen kein anderes Gespräch geführt wurde, als über mich, und zweifellos bekam Awdotja Romanowna alle diese finsteren geheimnisvollen Märchen zu hören, die über mich im Umlauf sind ... Ich wette, daß Sie auch irgend etwas derartiges schon gehört haben.“

„Ich habe etwas gehört. Luschin beschuldigte Sie, daß Sie sogar die Ursache des Todes eines Kindes waren. Ist es wahr?“

„Tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich mit allen diesen Abgeschmacktheiten in Ruhe,“ sagte Sswidrigailoff mit Abscheu und Ekel, „wenn Sie unbedingt wünschen, über diesen ganzen Unsinn näheres zu erfahren, will ich es Ihnen einmal erzählen, jetzt aber ...“

„Man sprach auch von einem Diener auf Ihrem Gute und daß Sie angeblich auch die Ursache ...“

„Tun Sie mir den Gefallen, genug davon!“ unterbrach ihn Sswidrigailoff von neuem mit sichtbarer Ungeduld.

„Ist das nicht derselbe Diener, der Ihnen nach seinem Tode die Pfeife stopfen wollte ... Sie haben mir noch selbst davon erzählt?“ fuhr Raskolnikoff immer gereizter fort.

Sswidrigailoff blickte Raskolnikoff aufmerksam an, und jenem schien es, daß in diesem Blicke, gleich einem Blitze, ein boshaftes Lächeln aufzuckte, Sswidrigailoff aber bemeisterte sich und antwortete sehr höflich:

„Es ist derselbe. Ich sehe, daß auch dies alles Sie außerordentlich interessiert, und werde es für meine Pflicht halten, bei der ersten besten Gelegenheit Ihre Neugier in allen Punkten zu befriedigen. Zum Teufel! Ich sehe, daß ich tatsächlich jemand als eine romantische Person erscheinen kann. Beurteilen Sie selbst, wie dankbar ich der verstorbenen Marfa Petrowna sein muß, daß sie Ihrem Fräulein Schwester so viel Geheimnisvolles und Interessantes über mich erzählt hatte. Ich nehme mir nicht die Freiheit, über den Eindruck zu urteilen, aber in jedem Falle war es für mich vorteilhaft. Bei dem ganzen natürlichen Widerwillen Awdotja Romanownas gegen mich und trotz meines ständigen finsteren und abstoßenden Aussehens – tat ich ihr endlich leid, tat ihr der verlorene Mensch leid. Wenn aber dem Herzen eines jungen Mädchens etwas leid tut, ist dies selbstverständlich für sie am gefährlichsten. Da bekommt man unbedingt Lust ‚zu retten‘, aufzurütteln, zu überzeugen, zu edleren Zielen zu rufen und zu neuem Leben und neuer Tätigkeit zu erwecken, – nun, es ist bekannt, was man in dieser Art zusammenträumen kann. Ich habe sofort gemerkt, daß das Vögelchen selbst ins Netz fliegt, und habe mich meinerseits vorbereitet. Sie scheinen mir das Gesicht zu verziehen, Rodion Romanowitsch? Hat nichts auf sich, die Sache hat, wie Sie wissen, mit Kleinigkeiten geendet. – Zum Teufel, wie viel Wein ich heute trinke! – Wissen Sie, ich bedauerte immer von Anfang an, daß es Ihrer Schwester nicht vergönnt war, im zweiten oder dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung irgendwo als Tochter eines kleinen regierenden Fürsten oder eines Regenten oder eines Prokonsuls in Kleinasien zur Welt zu kommen. Sie würde zweifellos eine von jenen gewesen sein, die das Martyrium erduldet haben, und sie hätte sicher gelächelt, wenn man ihr die Brust mit glühenden Zangen gebrannt hätte. Sie hätte dies absichtlich auf sich genommen, im vierten oder fünften Jahrhundert aber würde sie in eine Wüste von Ägypten gegangen sein, hätte dort dreißig Jahre gelebt und sich von Wurzeln, Verzückung und Erscheinungen genährt. Sie dürstet bloß und verlangt darnach, irgend eine Marter für jemand auf sich zu nehmen, wenn man ihr aber diese Marter nicht geben wird, so springt sie möglicherweise zum Fenster hinaus. Ich habe etwas von einem Herrn Rasumichin gehört. Man sagt, er sei ein vernünftiger Bursche, worauf auch sein Familienname deutet, wahrscheinlich aus dem geistlichen Stande, nun mag er Ihre Schwester hüten. Mit einem Worte, mir scheint es, ich habe sie verstanden, was ich auch mir als eine Ehre anrechne. Damals aber, das heißt am Anfang der Bekanntschaft, wie Sie selbst wissen, ist man immer leichtsinniger und dümmer, sieht vieles im falschen Lichte, sieht nicht das richtige. Zum Teufel, warum ist sie auch so schön? Ich habe keine Schuld! Mit einem Worte, es begann bei mir mit einer sehr starken wollüstigen Neigung. Awdotja Romanowna ist unbeschreiblich und unerhört keusch. Merken Sie sich, ich teile Ihnen dieses als eine Tatsache über Ihre Schwester mit. Sie ist vielleicht bis zur Krankhaftigkeit keusch, trotz ihres ganzen großen Verstandes, und das wird ihr schaden. Bei uns tauchte ein Mädchen Parascha, die schwarzäugige Parascha auf, die man soeben von einem anderen Gute zu uns gebracht hatte, als Stubenmädchen, und die ich vorher nie gesehen hatte, – sie war sehr hübsch, aber unglaublich dumm, – sie weinte, erhob über den ganzen Hof ein Geheul und es passierte ein Skandal. Eines Tages suchte Awdotja Romanowna nach dem Essen mich absichtlich allein in einer Allee im Garten auf und verlangte von mir mit blitzenden Augen, daß ich die arme Parascha in Ruhe lassen sollte. Das war beinahe unser erstes Gespräch zu zweien. Ich hielt es selbstverständlich für eine Ehre, ihrem Wunsche nachzukommen, versuchte mich überrascht, beschämt zu stellen, nun, mit einem Worte, ich spielte meine Rolle nicht übel. Es begannen Beziehungen, geheimnisvolle Gespräche, Moralpredigten, Bitten, Flehen, sogar Tränen, – können Sie es glauben, sogar Tränen! Sehen Sie, wie stark und weit bei manchen jungen Mädchen die Leidenschaft Propaganda machen geht! Ich schob selbstverständlich alles auf mein Schicksal, stellte mich hin als einen nach Erleuchtung Hungernden und Dürstenden, und schließlich machte ich von dem größten und unerschütterlichen Mittel, Frauenherzen zu erobern, Gebrauch, von dem Mittel, das nie und nimmer trügt und das entschieden auf alle, ohne jede Ausnahme, wirkt. Es ist ein bekanntes Mittel – die Schmeichelei. Es gibt nichts schwereres in der Welt, als offener Freimut, und nichts leichteres, als Schmeichelei. Wenn im Freimut bloß ein hundertster Teil des Tones falsch ist, so tritt sofort eine Dissonanz und nach ihr – ein Skandal ein. Wenn aber in der Schmeichelei alles, bis zum geringsten Tone falsch ist, auch dann ist sie angenehm und wird mit Vergnügen angehört, und wenn auch mit grobem Vergnügen, so doch mit Vergnügen. Und mag die Schmeichelei noch so derb sein, so wird doch unbedingt wenigstens die Hälfte als Wahrheit geglaubt. Und das gilt für alle Entwicklungsstufen und Schichten der Gesellschaft. Sogar eine Vestalin kann man durch Schmeichelei verführen. Von gewöhnlichen Menschen lohnt sich nicht mal zu reden. Ich kann mich nicht ohne Lachen daran erinnern, wie ich einmal eine Dame, die ihrem Manne, ihren Kindern und ihren Tugenden ergeben war, verführt habe. Wie amüsant es war und wie wenig Arbeit es mir machte! Die Dame war tatsächlich tugendhaft, wenigstens in ihrer Art. Meine ganze Taktik bestand darin, daß ich jeden Augenblick von ihrer Keuschheit einfach erdrückt war und mich davor in den Staub warf. Ich schmeichelte ihr gottlos und kaum, wenn ich von ihr einen Händedruck, selbst einen Blick erhaschte, machte ich mir Vorwürfe, daß ich dies ihr mit Gewalt abgenötigt habe, daß sie sich dem widersetzt, sich dem so widersetzt habe, daß ich sicher nie etwas von ihr erlangt hätte, wenn ich selbst nicht so verdorben wäre, daß sie in ihrer Unschuld meine Arglist nicht vorgesehen habe und unabsichtlich, ohne es selbst zu wissen und zu ahnen, mir entgegengekommen wäre, und dergleichen mehr. Mit einem Worte, ich erreichte alles, meine Dame aber blieb im höchsten Grade davon überzeugt, daß sie unschuldig und keusch wäre und alle Pflichten und Schuldigkeiten erfüllt habe, daß sie aber zufällig gefallen war. Und wie böse wurde sie auf mich, als ich ihr zu guter Letzt erklärte, daß meiner aufrichtigen Überzeugung nach, sie ebenso, wie ich, einen Genuß gesucht habe. Die arme Marfa Petrowna war auch schrecklich empfänglich für Schmeichelei, wenn ich nur gewollt hätte, so hätte sie sicher ihr ganzes Vermögen auf meinen Namen noch bei ihren Lebzeiten umgeschrieben. – Jedoch, ich trinke viel Wein und schwatze. – Ich hoffe, Sie werden nicht böse werden, wenn ich jetzt erwähne, daß sich auch bei Awdotja Romanowna dasselbe Resultat zu zeigen begann. Ich war aber selbst dumm und ungeduldig und habe die ganze Sache verdorben. Awdotja Romanowna mißfiel furchtbar der Ausdruck meiner Augen, schon einige Male vorher, – das eine Mal aber ganz besonders, – glauben Sie es? Mit einem Worte, in meinen Augen leuchtete immer stärker und unvorsichtiger ein gewisses Feuer, das sie bange machte und ihr schließlich verhaßt wurde. Die Einzelheiten lohnen sich nicht zu erzählen, aber wir kamen auseinander. Da machte ich wieder eine Dummheit. Ich begann in der gröbsten Weise alle diese Propaganda und Bekehrungen zu verhöhnen; Parascha erschien wieder auf der Bildfläche, und nicht allein sie, – mit einem Worte, es begann ein Sodom. Ach, Rodion Romanowitsch, wenn Sie nur ein einziges Mal im Leben die Augen Ihrer Schwester gesehen hätten, wie sie zuweilen zu blitzen verstehen! Es tut nichts, daß ich jetzt betrunken bin und schon ein ganzes Glas Wein getrunken habe, ich sage die Wahrheit; ich versichere Sie, daß ich von diesem Blicke träumte; ich konnte schließlich nicht mehr das Rauschen ihres Kleides ertragen. Ich dachte in der Tat, daß ich die Fallsucht bekomme, nie habe ich es mir träumen lassen, daß ich so außer mir geraten könne. Mit einem Worte, es war notwendig Frieden zu schließen, aber es war schon unmöglich. Und stellen Sie sich vor, was ich dann tat? Bis zu welchem Stumpfsinn die rasende Wut einen Menschen bringen kann! Unternehmen Sie niemals etwas in rasender Wut, Rodion Romanowitsch. In der Annahme, daß Awdotja Romanowna im Grunde genommen bettelarm ist – (ach, entschuldigen Sie, ich wollte nicht das sagen ... ist es aber nicht einerlei, wenn es nur einen Begriff wiedergibt?) – mit einem Worte, daß sie von ihrer Hände Arbeit lebt, – daß sie ihre Mutter und Sie unterhalten muß – (ach, zum Teufel, Sie verziehen wieder Ihr Gesicht ...) – beschloß ich ihr mein ganzes Geld anzubieten, – ich konnte damals etwa dreißigtausend realisieren, – damit sie mit mir – nun, meinetwegen, – hierher nach Petersburg fliehen solle. Es versteht sich, daß ich ihr dabei ewige Liebe, Seligkeit und dergleichen mehr geschworen habe. Können Sie mir glauben, daß ich damals so von ihr benommen war, daß, hätte sie zu mir gesagt, – ermorde oder vergifte Marfa Petrowna und heirate mich, – ich es sofort getan hätte! Alles aber endete mit der Ihnen schon bekannten Katastrophe, und Sie können sich selbst ausmalen, in was für eine Wut ich geriet, als ich erfuhr, daß Marfa Petrowna damals diese gemeine Schreiberseele Luschin aufgegabelt und beinahe die Heirat zustande gebracht hatte, – was im Grunde genommen dasselbe gewesen wäre, was auch ich anbot. Ist es etwa nicht so? Ist es nicht dasselbe? Nicht wahr, es ist dasselbe? Ich merke, daß Sie mir zu aufmerksam zuhören ... interessierter junger Mann ...“

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