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Sämtliche Werke 1-2

Sechster Teil (continued 2)

E. K. Rahsin translation

Sswidrigailoff schlug voll Ungeduld mit der Faust auf den Tisch. Er war rot geworden. Raskolnikoff sah deutlich, daß das eine oder die anderthalb Glas Champagner, den er unmerklich in kleinen Schlucken getrunken hatte, krankhaft auf ihn gewirkt hatten, – und beschloß diese Gelegenheit wahrzunehmen. Sswidrigailoff erschien ihm sehr verdächtig.

„Nach all dem Gesagten bin ich völlig überzeugt, daß Sie auch hierher gereist sind, weil Sie meine Schwester im Auge haben,“ sagte er zu Sswidrigailoff offen und ohne sich zu verstellen, um ihn nur noch mehr zu reizen.

„Ach, lassen Sie es,“ Sswidrigailoff schien sich plötzlich zusammenzunehmen, „ich habe Ihnen schon gesagt ... und außerdem kann Ihre Schwester mich gar nicht leiden.“

„Ja, davon bin ich auch überzeugt, daß sie es nicht kann, aber es handelt sich jetzt nicht darum.“

„Sind Sie wirklich überzeugt, daß sie mich nicht leiden kann?“ Sswidrigailoff kniff die Augen zusammen und lächelte spöttisch. – „Sie haben recht, sie liebt mich nicht, aber übernehmen Sie nie eine Gewährleistung in Dingen, die zwischen einem Manne und einer Frau oder zwischen einem Liebhaber und seiner Geliebten vorgefallen sind. Es gibt hier stets einen Winkel, der immer der ganzen Welt verborgen bleibt, und der nur den beiden bekannt ist. Übernehmen Sie die Gewährleistung, daß Awdotja Romanowna mich stets mit Widerwillen angeschaut hat?“

„Ich merke aus einigen Ihrer Worte und Andeutungen während Ihrer Erzählung, daß Sie auch jetzt noch unbedingt Absichten gegen Dunja haben, und selbstverständlich gemeiner Natur.“

„Wie! Mir sollten solche Worte und Andeutungen entschlüpft sein?“ sagte erschreckt Sswidrigailoff und in der naivsten Weise, ohne dem Epitheton, der seinen Absichten beigelegt worden war, die geringste Beachtung zu schenken.

„Auch jetzt entschlüpften sie Ihnen. Warum fürchten Sie sich so? Worüber erschraken Sie jetzt plötzlich?“

„Ich soll mich fürchten und erschrocken sein? Soll ich etwa vor Ihnen erschrocken sein? Eher haben Sie Grund, mich zu fürchten, cher ami. Ach, was für Unsinn ... Ich bin berauscht, ich sehe es; beinahe hätte ich mich wieder versprochen. Der Teufel soll den Wein holen! Heda, Wasser!“

Er packte die Flasche und schleuderte sie ohne viel Federlesens zum Fenster hinaus. Philipp brachte ihm Wasser.

„Dies alles ist Unsinn,“ sagte Sswidrigailoff, indem er ein Handtuch anfeuchtete und es an den Kopf hielt, – „ich kann Sie aber mit einem einzigen Worte zurückweisen und Ihren ganzen Verdacht zunichte machen. Wissen Sie zum Beispiel, daß ich heirate?“

„Sie haben es mir schon erzählt!“

„Habe ich es? Das hatte ich vergessen. Damals aber konnte ich es noch nicht mit Bestimmtheit sagen, denn ich hatte die Braut gar nicht gesehen; ich hatte bloß die Absicht. Jetzt aber habe ich schon eine Braut und die Sache ist beschlossen, und wenn ich bloß nicht etwas Unaufschiebbares zu tun hätte, würde ich Sie unbedingt und sofort zu einem Besuche dort mitnehmen, – denn ich möchte Sie um Rat fragen. Ach, zum Teufel! Ich habe bloß zehn Minuten übrig. Sie sehen selbst nach der Uhr; ich will es Ihnen übrigens erzählen, denn meine Heirat ist auch eine interessante Sache, in ihrer Art, versteht sich, – wohin wollen Sie? Wollen Sie wieder fortgehen?“

„Nein, jetzt gehe ich schon nicht mehr fort.“

„Sie wollen gar nicht fortgehen? Nun, wir wollen es sehen! Ich werde Sie mitnehmen und Ihnen die Braut zeigen, das ist wahr, aber bloß nicht jetzt; es ist bald Zeit für Sie zu gehen. Sie gehen nach rechts und ich nach links. Kennen Sie diese Rößlich? Ich meine, dieselbe Rößlich, bei der ich jetzt wohne, – ah? Hören Sie? Nein, denken Sie sich, ich meine dieselbe, von der man erzählt, daß das kleine Mädchen damals im Winter ... Nun, hören Sie! Hören Sie? Sie ist es auch, die mir diese Geschichte arrangiert hat; du langweilst dich, – sagte sie, – zerstreue dich ein wenig. Ich bin aber ein finsterer, langweiliger Mensch. Sie meinen, ich sei fröhlich? Nein, ich bin finster, – ich füge niemandem Schaden zu, sitze in der Ecke, und zuweilen kann man mich drei Tage nicht zum Reden bringen. Die Rößlich ist eine Spitzbübin, sage ich Ihnen; sie hat dabei folgendes im Sinn, – mir wird es überdrüssig werden, ich werde meine Frau verlassen und fortreisen, meine Frau wird dann ihr zufallen, und sie wird sie in unseren Kreisen und höher hinauf in Umsatz bringen. Sie sagte mir, – es gibt solch einen gelähmten Vater, einen verabschiedeten Beamten, der im Sessel sitzt und das dritte Jahr die Beine nicht rühren kann; auch eine Mutter ist da, eine sehr vernünftige Dame; der Sohn dient irgendwo in der Provinz, hilft ihr aber nicht; die eine Tochter ist verheiratet, sucht aber die Eltern nicht mehr auf; die Eltern haben für zwei kleine Neffen zu sorgen – da sie an ihren eigenen Sorgen nicht genug hatten, – und haben ihre letzte Tochter, ohne daß sie den Kursus absolviert hat, aus der Schule genommen; sie werde nach einem Monat erst sechzehn Jahre alt, also könnte man sie auch nach einem Monat verheiraten. Ich sollte sie also heiraten. Wir fuhren hin; wie bei ihnen alles lächerlich zuging; ich stellte mich vor, – Gutsbesitzer, Witwer, aus bekannter Familie, mit den und den Verbindungen, vermögend, – nun, was ist dabei, daß ich fünfzig Jahre alt bin und jene nicht mal sechzehn? Wer achtet darauf? Nun, es ist doch verlockend, ah? Nicht wahr, es ist verlockend, ha! ha! ha! Sie sollten mich gesehen haben, wie ich mich mit dem Papa und der Mama unterhalten habe! Man müßte etwas dafür bezahlen, um mich nur damals gesehen zu haben. Sie kommt endlich, macht einen Knicks, nun, können Sie sich vorstellen, sie war noch in kurzem Kleidchen, eine noch unaufgebrochene Knospe, sie errötete, flammte wie die Morgenröte auf – man hat ihr selbstverständlich alles mitgeteilt. Ich weiß nicht, wie Sie sich zu Frauengesichtern stellen, aber meiner Ansicht nach sind diese sechzehn Jahre, diese noch kindlichen Augen, diese Verlegenheit und Tränen der Beschämtheit – besser als jede Schönheit, und sie ist außerdem wie ein Bild. Hellblonde Haare, in kleinen Locken gekräuselt, volle, rote kleine Lippen, Füßchen – mit einem Worte reizend! ... Nun, ich wurde also dort bekannt, erklärte, daß ich es infolge häuslicher Angelegenheiten eilig habe, und am anderen Tage, also vorgestern, erhielten wir den Segen. Seit dem Tage, wenn ich bloß hinkomme, nehme ich sie sofort auf meinen Schoß und lasse sie nicht herunter ... Nun, sie errötet, ich aber küsse sie alle Augenblicke; die Mama sagt ihr selbstverständlich, daß ich ihr Mann sei und daß es sich so gehöre, mit einem Worte, ich habe es dort ausgezeichnet. Und meine jetzige Lage als Bräutigam ist vielleicht auch besser, als die eines verheirateten Mannes. Hier ist, was man la nature et la vérité nennt! Ha! Ha! Ich habe mich mit ihr ein paarmal unterhalten, – das Mädel ist gar nicht dumm; zuweilen blickt sie mich so verstohlen an, – daß es mich einfach durchschauert. Wissen Sie, sie hat ein Gesicht wie die Madonna von Raphael. Die Sixtinische Madonna hat doch ein phantastisches Gesicht, das Gesicht einer leidenden, im heiligen Wahne befangenen, ist Ihnen das nicht aufgefallen? Nun, sie hat ein Gesicht von dieser Art. Kaum hatte man uns den Segen erteilt, als ich am anderen Tage ihr für anderthalb Tausend Geschenke mitbrachte, – einen Brillantenschmuck, ein Perlenhalsband und einen silbernen Toilettenkasten für Damen – von dieser Größe, mit allerhand Dingen darin, so daß ihr Gesichtchen, das Madonnengesichtchen, errötete. Ich setzte sie gestern auf meinen Schoß hin, habe es aber wahrscheinlich zu ungeniert getan, – sie errötete ganz und gar und Tränen kamen zum Vorschein, sie wollte sich aber nicht verraten und brannte wie im Fieber. Alle gingen auf einen Augenblick, ich blieb mit ihr ganz allein zurück, plötzlich fiel sie mir – zum ersten Male von selbst – um den Hals, umarmte mich mit ihren Händchen, küßte mich und schwur, daß sie mir eine folgsame, treue und gute Frau sein werde, daß sie mich glücklich machen wolle, daß sie ihr ganzes Leben, jeden Augenblick ihres Lebens dazu verwenden und alles, alles opfern werde, dafür wünscht sie bloß meine Achtung allein zu besitzen und weiter, – sagte sie ‚brauche ich nichts, gar nichts, keine Geschenke.‘ Geben Sie selbst zu, daß ein derartiges Geständnis unter vier Augen von solch einem sechzehnjährigen Engel mit jungfräulicher Schamröte und enthusiastischen Tränen in den Augen anzuhören, – ziemlich verlockend ist? Nicht wahr, es ist verlockend? Es ist doch etwas wert, ah? Nicht wahr? Nun ... nun hören Sie ... fahren wir zu meiner Braut hin ... aber nicht sofort!“

„Mit einem Worte, dieser unerhörte Unterschied im Alter und in der Entwicklung erregt gerade in Ihnen die Wollust! Und Sie wollen sie tatsächlich heiraten?“

„Wieso? Ich heirate sie unbedingt. Jeder sorgt für sich selbst, und am lustigsten von allen lebt der, welcher es am besten von allen versteht, sich selbst zu betrügen. Ha! ha! Haben Sie sich in die Tugend denn ganz vernarrt? Erbarmen Sie sich meiner, Väterchen, ich bin ein sündhafter Mensch. He! he! he!“

„Sie haben doch die Kinder von Katerina Iwanowna untergebracht und versorgt. Übrigens ... übrigens Sie hatten dazu Ihre Gründe ... ich begreife jetzt alles.“

„Kinder habe ich überhaupt gern, ich liebe Kinder sehr,“ lachte Sswidrigailoff. – „In dieser Hinsicht kann ich Ihnen sogar ein sehr interessantes Erlebnis erzählen, das auch jetzt noch nicht zu Ende ist. Am ersten Tage nach meiner Ankunft ging ich in all diesen Kloaken herum, nun – nach sieben Jahren stürzte ich mich hinein. Sie haben wahrscheinlich gemerkt, daß ich keine Eile habe, den Verkehr mit den früheren Freunden und Bekannten aufzunehmen. Und ich will noch möglichst lange ohne sie auskommen. Wissen Sie, – bei Marfa Petrowna auf dem Lande haben mich die Erinnerungen an alle diese geheimnisvollen Orte und Winkel, in denen einer vieles finden kann, der es kennt, bis zu Tode gequält. Hol der Teufel! Das Volk säuft, die gebildete Jugend geht vor Nichtstun in unmöglichen Träumen und Phantasien auf, wird vor lauter Theorien zum Krüppel; irgendwoher sind Juden herbeigeströmt und sammeln Geld, alles übrige aber ergibt sich der Unzucht. Von den ersten Stunden an wehte mich auch von dieser Stadt ein bekannter Geruch an. Ich geriet zu einem sogenannten Tanzabend, – in einer entsetzlichen Kloake – ich liebe aber gerade die Kloaken mit etwas Schmutz, – und selbstverständlich wurde kankaniert, wie man eigentlich nirgends kankaniert, und wie man es zu meiner Zeit noch nicht tat. Ja, darin ist Fortschritt. Plötzlich sehe ich ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, sehr nett angezogen, wie sie mit einem Subjekt tanzt; ein anderer, als ihr vis-a-vis. An der Wand auf einem Stuhle sitzt ihre Mutter. Sie können sich vorstellen, wie kankaniert wurde! Das Mädchen wurde beschämt, verlegen, errötete, schließlich faßte sie es als Kränkung auf und begann zu weinen. Das Subjekt erfaßt sie, fängt an sie herumzuschwenken und vor ihr zu tanzen, ringsum lachen alle und – ich habe das Publikum in solchen Augenblicken gern, mag es auch ein kankanierendes Publikum sein, – schreien, – ‚Geschieht mit Recht! Man soll keine Kinder hierherbringen!‘ Nun, ich pfiff darauf und mich ging es auch nichts an, ob sie sich logisch oder unlogisch, diese Menschen da, trösteten! Ich hatte mir meinen Plan sofort zurechtgelegt, setzte mich neben die Mutter hin und begann damit, daß ich auch fremd wäre, daß hier alle so unerzogen wären, daß sie nicht verstünden, wahre Vorzüge zu unterscheiden und die gebührende Achtung zu bewahren. Ich gab zu verstehen, daß ich viel Geld hätte, schlug vor, in meinem Wagen sie nach Hause zu bringen. Ich geleitete sie nach Hause und wurde mit ihnen bekannt, sie sind soeben angekommen und leben in einem kleinen möblierten Zimmer. Man teilte mir mit, daß sie meine Bekanntschaft, wie sie, so auch die Tochter bloß als eine große Ehre auffassen könnten; ich erfuhr, daß sie weder Haus noch Hof haben, und daß sie gekommen sind, um in irgend einer Behörde eine Sache durchzuführen; ich bot ihnen meine Dienste und Geld an; ich erfuhr auch, daß sie irrtümlicherweise zu diesem Tanzabend hingefahren sind, in der Annahme, daß man dort tatsächlich tanzen lehre. Ich bot meinerseits an, zu der Erziehung des jungen Mädchens beizutragen, sie französischen Unterricht und Tanzstunden nehmen zu lassen. Man nimmt es mit Begeisterung auf, hält es für eine Ehre, und ich verkehre bei ihnen noch immer. – Wollen Sie mit mir zu ihnen hinfahren? – Aber nicht gleich.“

„Lassen Sie, lassen Sie Ihre niederträchtigen, gemeinen Anekdoten, Sie verdorbener, gemeiner, wollüstiger Mensch!“

„Sehen Sie mal den Schiller, unsern Schiller! Où va-t-elle la vertu se nicher? Wissen Sie, ich will Ihnen absichtlich solche Dinge erzählen, um Sie aufschreien zu hören. Es ist ein Genuß!“

„Und ob, bin ich mir denn jetzt nicht selbst lächerlich?“ murmelte Raskolnikoff voll Wut.

Sswidrigailoff lachte aus vollem Halse; schließlich rief er Philipp, bezahlte seine Rechnung und begann sich fertig zu machen.

„Ich bin jetzt betrunken, assez causé!“ sagte er, „es ist ein Genuß!“

„Das glaube ich,“ rief Raskolnikoff aus, sich auch erhebend, „ist es denn für einen abgebrühten Wüstling kein Genuß, von solchen Erlebnissen zu erzählen, – wobei er sich schon wieder mit unerhörten Absichten von derselben Art trägt, – außerdem unter diesen Umständen und vor solch einem Menschen, wie ich es bin, ... das muß ein Genuß sein ... Es muß ihn förmlich heiß machen.“

„Und wenn die Sache so ist,“ antwortete Sswidrigailoff ein wenig verwundert und betrachtete Raskolnikoff, „wenn dem so ist, so sind Sie auch selbst ein großer Zyniker. Sie enthalten wenigstens in sich ein ungeheures Material dazu. Sie können vieles verstehen, vieles ... und, Sie können auch vieles tun. Jedoch, genug darüber. Ich bedauere aufrichtig, daß ich mich nicht länger mit Ihnen unterhalten kann, aber Sie entgehen mir nicht ... Warten Sie nur ...“

Sswidrigailoff verließ das Restaurant. Raskolnikoff folgte ihm. Sswidrigailoff war nicht sehr stark berauscht; der Wein war ihm bloß auf einen Augenblick zu Kopf gestiegen und der Rausch verschwand mit jedem Augenblick mehr. Er hatte etwas äußerst wichtiges vor und sein Gesicht verfinsterte sich. Eine Erwartung regte ihn augenscheinlich auf und beunruhigte ihn. In den letzten Minuten ihres Zusammenseins wurde er plötzlich gegen Raskolnikoff gröber und spöttischer. Raskolnikoff hatte alles gemerkt und war auch in Unruhe geraten. Sswidrigailoff schien ihm sehr verdächtig; er beschloß ihm nachzugehen.

Sie gelangten auf das Trottoir.

„Sie müssen nach rechts, ich aber nach links, oder vielleicht auch umgekehrt, also – adieu bon plaisir, auf freudiges Wiedersehen!“

Und er ging nach rechts dem Heumarkte zu.

V.

Raskolnikoff folgte ihm.

„Was ist das!“ rief Sswidrigailoff, „ich habe Ihnen doch gesagt ...“

„Das bedeutet, daß ich Ihnen jetzt folgen werde.“

„Wa–as?“

Beide blieben stehen und blickten einander eine Minute lang an, als ob sie sich messen wollten.

„Aus allen Ihren halbbetrunkenen Erzählungen,“ sagte Raskolnikoff scharf, „habe ich eins positiv entnommen, daß Sie nicht bloß Ihre niederträchtigen Pläne gegen meine Schwester nicht aufgegeben haben, sondern daß Sie sich mehr als je damit abgeben. Ich weiß, daß meine Schwester heute früh einen Brief empfangen hat. Sie konnten die ganze Zeit nicht ruhig sitzen ... Sie konnten gewiß irgend eine Frau auf der Straße aufgegabelt haben, aber das hat nichts zu sagen. Ich will mich persönlich überzeugen ...“

Raskolnikoff hätte schwerlich sagen können, was er jetzt wünschte, und wovon er sich persönlich überzeugen wollte.

„So! Wollen Sie, ich werde sofort die Polizei rufen?“

„Rufen Sie die Polizei!“

Wieder standen sie eine Minute lang einander gegenüber. Schließlich veränderte sich das Gesicht Sswidrigailoffs. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß Raskolnikoff seine Drohung nicht fürchtete, nahm er plötzlich eine sehr lustige und freundliche Miene an.

„Wie sonderbar Sie sind! Ich habe absichtlich mit Ihnen kein Wort über Ihre Sache gesprochen, obwohl mich selbstverständlich die Neugier plagt. Es ist eine phantastische Geschichte. Ich hätte es bis auf ein andermal verschoben, aber wirklich, Sie sind fähig, einen Toten zu reizen ... Nun, gehen wir, ich sage Ihnen aber im voraus, – ich gehe jetzt bloß auf einen Augenblick nach Hause, um Geld zu holen; dann schließe ich die Wohnung ab, nehme eine Droschke und fahre für den ganzen Abend auf die Insel. Wollen Sie mir da folgen?“

„Ich gehe vorläufig in die Wohnung mit, und auch nicht zu Ihnen, sondern zu Ssofja Ssemenowna, um mich zu entschuldigen, daß ich nicht beim Begräbnis war.“

„Tun Sie, wie Sie wünschen, aber Ssofja Ssemenowna ist nicht zu Hause. Sie ist mit allen Kindern zu einer Dame gegangen, zu einer sehr vornehmen alten Dame, zu einer alten Bekannten von mir aus früheren Zeiten, die Vorstandsmitglied von einigen Waisenanstalten ist. Ich habe diese Dame bezaubert, indem ich für alle drei Sprößlinge von Katerina Iwanowna Geld deponierte und außerdem den Anstalten eine Schenkung machte; schließlich erzählte ich ihr die Geschichte von Ssofja Ssemenowna, mit all ihren Einzelheiten, ohne etwas zu verheimlichen. Das machte einen unbeschreiblichen Eindruck. Darum wurde auch Ssofja Ssemenowna für heute noch in das –sche Hotel bestellt, wo, aus der Sommerfrische kommend, meine Dame einstweilen abgestiegen ist.“

„Tut nichts, ich werde doch zu ihr gehen.“

„Wie Sie wollen, ich bin Ihnen bloß kein Weggenosse; mir ist’s einerlei. Wir sind gleich da. Sagen Sie mir, ich bin überzeugt, daß Sie mich aus dem Grunde so argwöhnisch betrachten, weil ich selbst so zartfühlend war und Sie bis jetzt mit Fragen nicht belästigt habe ... Sie verstehen mich? Ihnen erschien dies ungewöhnlich; ich gehe eine Wette ein, daß es so ist! Nun, da soll man noch zartfühlend sein.“

„Und an der Türe horchen!“

„Ah, Sie meinen damals!“ lachte Sswidrigailoff, „ja, ich würde erstaunt sein, wenn Sie nach all dem vorher Gesagten dieses nicht erwähnt hätten. Ha! ha! Ich habe wohl einiges davon verstanden, was Sie damals ... dort ... losgelassen und Ssofja Ssemenowna selbst erzählt haben, aber was ist es denn eigentlich? Ich bin vielleicht ein vollkommen zurückgebliebener Mensch und kann schon nichts mehr begreifen. Erklären Sie es mir um Gotteswillen, mein Lieber! Erleuchten Sie mich mit den allerneuesten Ideen!“

„Sie konnten nichts gehört haben, Sie lügen!“

„Ja, ich meine gar nicht dies, – obwohl ich übrigens einiges auch gehört habe, – nein, ich meine, daß Sie immer ächzen und stöhnen! Der Schiller in Ihnen wird alle Augenblicke rebellisch. Jetzt sagen Sie auch, man soll nicht an fremden Türen lauschen. Wenn das Ihre Meinung ist, so gehen Sie doch und sagen den Behörden, daß mit Ihnen solch ein Kasus geschehen ist, – in der Theorie nur ist ein kleiner Irrtum unterlaufen. Wenn Sie aber überzeugt sind, daß man bei fremden Türen nicht lauschen darf, aber alte Weiber zu seinem Vergnügen umbringen kann, so fahren Sie schnell irgendwohin nach Amerika! Fliehen Sie, junger Mann! Vielleicht ist noch Zeit dazu. Ich sage es Ihnen aufrichtig. Haben Sie etwa kein Geld? Ich will Ihnen zur Reise geben.“

„Ich denke gar nicht daran,“ unterbrach ihn Raskolnikoff mit Widerwillen.

„Ich verstehe Sie; Sie brauchen sich übrigens keine Mühe zu geben, – wenn Sie nicht wollen, sprechen Sie doch nicht. Ich verstehe, was für Fragen in Ihnen auftauchen, – etwa moralische? Die Bedenken eines Staatsbürgers und Menschen? Lassen Sie sie lieber fallen; wozu brauchen Sie jetzt diese Fragen und Bedenken? He–he–he! Darum, weil Sie immer noch Staatsbürger und Mensch sind? Wenn das der Fall ist, so sollten Sie sich auch nicht hineingemischt haben; Sie sollten dann auch so etwas nicht unternommen haben. Nun, erschießen Sie sich; was, oder Sie haben keine Lust dazu?“

„Sie wollen mich, wie es mir scheint, absichtlich reizen, damit Sie mich jetzt loswerden ...“

„Sie sind ein komischer Kauz, wir sind ja schon da, bitte steigen Sie die Treppe hinauf. Sehen Sie, hier ist der Eingang zu Ssofja Ssemenowna, Sie sehen, es ist niemand da! Sie glauben nicht? Fragen Sie Kapernaumoff, sie gibt ihnen den Schlüssel ab. Da ist auch Madame de Kapernaumoff selbst. Was? Sie ist ein wenig taub. Ist fortgegangen? Wohin? Nun, Sie haben es jetzt gehört! Sie wird erst vielleicht spät am Abend zurückkehren. Nun, kommen Sie jetzt zu mir. Sie wollen doch auch zu mir kommen? Wir sind da. Madame Rößlich ist nicht zu Hause. Diese Frau hat ewig etwas vor, aber sie ist eine gute Frau, ich versichere Sie ... sie würde Ihnen vielleicht von Nutzen sein, wenn Sie ein wenig vernünftig sein würden. Nun, Sie sehen, – ich nehme aus dem Schreibtisch dieses fünfprozentige Staatspapier, – sehen Sie, wie viel ich noch übrig habe! – und dieses wandert heute noch zu einem Bankier. Haben Sie gesehen? Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. Der Schreibtisch wird abgeschlossen, die Wohnung ebenfalls, und wir sind wieder auf der Treppe. Wollen wir eine Droschke nehmen? Ich fahre doch hinaus auf die Insel. Wollen Sie nicht ein Stück spazieren fahren? Ich nehme diese Droschke zur Jelagin-Insel, was? Sie wollen nicht? Haben doch nicht bis zu Ende ausgehalten? Fahren Sie mit, tut nichts. Es scheint, ein Regen zieht auf, tut nichts, wir lassen das Verdeck herab ...“

Sswidrigailoff saß schon im Wagen. Raskolnikoff kam zu der Überzeugung, daß sein Verdacht wenigstens in diesem Augenblicke ungerecht sei. Ohne ein Wort zu sagen, drehte er sich um und ging in der Richtung zum Heumarkte zurück. Hätte er sich wenigstens ein einziges Mal umgedreht, so würde er gesehen haben, wie Sswidrigailoff nach etwa hundert Schritten die Droschke fortschickte und sich auf dem Trottoir befand. Aber er konnte schon nichts mehr sehen und war um die Ecke eingebogen. Ein tiefer Abscheu zog ihn von Sswidrigailoff fort. „Und ich konnte nur einen Augenblick irgend etwas von diesem rohen Bösewicht, von diesem ekelhaften Wüstling und Schurken erwarten!“ rief er unwillkürlich aus. Freilich, Raskolnikoffs Urteil war übereilt und leichtsinnig. Es war etwas in der ganzen Art Sswidrigailoffs, was ihm wenigstens eine gewisse Originalität, wenn nicht etwas Geheimnisvolles verlieh. Was aber seine Schwester betraf, war Raskolnikoff dennoch fest überzeugt, daß Sswidrigailoff sie nicht in Ruhe lassen würde. Aber es wurde ihm jetzt zu schwer und unerträglich, an dies alles zu denken und es sich zu überlegen!

Nach seiner Gewohnheit war er, als er allein geblieben war, schon nach den ersten zwanzig Schritten in tiefes Nachdenken versunken. Als er die Brücke betrat, blieb er plötzlich an dem Geländer stehen und begann in das Wasser zu blicken. Plötzlich stand Awdotja Romanowna hinter ihm.

Er war ihr am Brückeneingange begegnet, war aber vorbeigegangen, ohne sie zu sehen. Dunetschka hatte ihn noch nie in dieser Weise auf der Straße gesehen und war sehr überrascht. Sie blieb stehen und wußte nicht, ob sie ihn anrufen solle oder nicht? Da bemerkte sie Sswidrigailoff, der eilig aus der Richtung des Heumarktes kam.

Er schien sich ihr geheimnisvoll und vorsichtig zu nähern. Er betrat nicht die Brücke, sondern blieb seitwärts auf dem Fußsteig stehen und gab sich alle Mühe, daß Raskolnikoff ihn nicht bemerke. Dunja hatte er schon lange bemerkt und begann ihr Zeichen zu geben. Ihr schien es, als bäte er sie mit seinen Zeichen, den Bruder nicht anzurufen und ihn in Ruhe zu lassen.

Dunja tat auch so. Sie ging still um den Bruder herum und näherte sich Sswidrigailoff.

„Gehen wir schneller,“ flüsterte ihr Sswidrigailoff zu. „Ich möchte nicht, daß Rodion Romanowitsch von unserer Zusammenkunft wisse. Ich sage Ihnen im voraus, daß ich mit ihm unweit von hier in einem Restaurant gesessen habe, wo er mich selbst aufgesucht hatte, und ich wurde ihn mit Mühe los. Er weiß aus irgend einem Grunde von meinem Briefe an Sie und argwöhnt etwas. Sie haben ihm sicher nichts gesagt? Wenn Sie es aber nicht gesagt haben, wer dann?“

„Jetzt sind wir schon um die Ecke,“ unterbrach ihn Dunja, „jetzt kann mein Bruder uns nicht sehen. Ich erkläre Ihnen, daß ich mit Ihnen nicht weiter gehen werde. Sagen Sie mir alles gleich hier; man kann das alles auch auf der Straße sagen.“

„Erstens kann man dies auf keinen Fall auf der Straße sagen; zweitens, müssen Sie auch Ssofja Ssemenowna anhören; drittens, will ich Ihnen einige Dokumente zeigen ... Nun und schließlich, wenn Sie nicht einverstanden sind, zu mir zu kommen, so weigere ich mich, irgend welche Erklärungen zu geben und gehe sofort weg. Dabei bitte ich Sie, nicht zu vergessen, daß das sehr interessante Geheimnis Ihres geliebten Bruders sich vollkommen in meinen Händen befindet.“

Dunja blieb unentschlossen stehen und sah Sswidrigailoff mit einem durchbohrenden Blicke an.

„Was fürchten Sie,“ bemerkte er ruhig, „eine Stadt ist kein Dorf. Und im Dorfe schon haben Sie mir mehr Schaden, als ich Ihnen, zugefügt, hier aber ...“

„Ist Ssofja Ssemenowna benachrichtigt?“

„Nein, ich habe ihr kein Wort darüber gesagt und bin auch nicht ganz sicher, ob sie jetzt zu Hause ist. Sie ist aber wahrscheinlich zu Hause. Sie hat heute ihre Stiefmutter beerdigt, – das ist kein Tag, an dem man Besuche macht. Vorläufig will ich mit niemanden über diese Sache reden und bereue sogar teilweise, daß ich Ihnen davon mitgeteilt habe. Die geringste Unvorsichtigkeit ist in diesem Falle einer Denunzierung gleich. Ich wohne hier in diesem Hause da, wir nähern uns schon meiner Wohnung. Das ist der Hausknecht von unserem Hause; der Hausknecht kennt mich sehr gut; da grüßt er auch; er sieht, daß ich mit einer Dame komme und hat sicher sich schon Ihr Gesicht gemerkt, das aber kann Ihnen von Nutzen sein, falls Sie sich sehr fürchten und mir mißtrauen. Entschuldigen Sie, daß ich so derb rede. Ich habe mir ein paar möblierte Zimmer gemietet. Ssofja Ssemenowna wohnt Wand an Wand neben mir, auch in einem möblierten Zimmer. Der ganze Stock ist bewohnt. Warum sollen Sie sich denn fürchten, wie ein Kind? Oder bin ich so furchterregend?“

Sswidrigailoffs Gesicht verzog sich zu einem herablassenden Lächeln, aber es war ihm nicht lächerlich zumute. Sein Herz klopfte und der Atem stockte ihm in der Brust. Er sprach absichtlich lauter, um seine steigende Erregung zu verbergen, Dunja hatte gar nicht diese besondere Erregung bemerkt; sie war zu sehr durch seine Bemerkung gereizt, daß sie ihn fürchte wie ein Kind und daß er ihr so furchtbar sei.

„Obwohl ich weiß, daß Sie ein Mensch ... ohne Ehre sind, fürchte ich mich doch gar nicht vor Ihnen. Gehen Sie voran,“ sagte sie scheinbar ruhig, aber mit bleichem Gesichte.

Sswidrigailoff blieb an Ssonjas Wohnung stehen.

„Erlauben Sie mir, mich zu erkundigen, ob sie zu Hause ist ... Sie ist nicht da. Das ist ein Mißgeschick. Aber ich weiß, daß sie sehr bald zurückkehren wird. Wenn sie ausgegangen ist, so ist sie höchstens zu einer Dame wegen der Waisen. Ihre Mutter ist gestorben. Ich habe mich hier hineingemischt und Anordnungen getroffen. Wenn Ssofja Ssemenowna nach zehn Minuten nicht zurückkehren sollte, so schicke ich sie selbst zu Ihnen hin, wenn Sie wünschen, noch heute; und nun, das ist meine Wohnung. Das sind meine zwei Zimmer. Hinter der Türe wohnt meine Wirtin, Frau Rößlich. Jetzt blicken Sie bitte hierher, ich will Ihnen meine Hauptdokumente zeigen, – aus meinem Schlafzimmer führt diese Tür in zwei vollkommen leere Zimmer, die zu vermieten sind. Das sind sie ... dieses müssen Sie etwas aufmerksam betrachten ...“

Sswidrigailoff bewohnte zwei möblierte ziemlich geräumige Zimmer. Dunetschka sah mißtrauisch um sich, aber bemerkte nichts besonderes, weder in der Ausstattung noch in der Lage der Zimmer, obgleich man schon etwas bemerken konnte, zum Beispiel, daß Sswidrigailoffs Wohnung zwischen zwei anderen fast unbewohnten Wohnungen lag. Der Eingang zu ihm war nicht direkt vom Korridor aus, sondern durch zwei fast leere Zimmer der Wirtin. Vom Schlafzimmer aus zeigte Sswidrigailoff Dunetschka, nachdem er eine verschlossene Türe geöffnet hatte, eine andere leere Wohnung, die zu vermieten war. Dunetschka blieb auf der Schwelle stehen, ohne zu verstehen, warum man sie aufforderte, das anzusehen, aber Sswidrigailoff beeilte sich, eine Erklärung abzugeben.

„Sehen Sie dieses zweite große Zimmer. Merken Sie sich diese Türe, sie ist verschlossen. Neben der Türe steht ein Stuhl, der einzige Stuhl in beiden Zimmern. Ich habe ihn aus meiner Wohnung hierher gebracht, um bequemer zuzuhören. Gleich hinter dieser Tür steht der Tisch von Ssofja Ssemenowna; dort saß sie und sprach mit Rodion Romanowitsch. Ich aber lauschte hier, auf dem Stuhl sitzend, zwei Abende nacheinander und beide Male gegen zwei Stunden, – und selbstverständlich konnte ich einiges erfahren, was meinen Sie?“

„Sie haben gelauscht?“

„Ja, ich habe gelauscht, jetzt wollen wir zu mir gehen; hier kann ich Ihnen keinen Platz anbieten.“

Er führte Awdotja Romanowna in das erste Zimmer zurück, das ihm als Salon diente, und bat sie, Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich ans andere Ende des Tisches hin, wenigstens zwei Meter von ihr entfernt, doch in seinen Augen leuchtete schon dasselbe Feuer, das einst Dunetschka so erschreckt hatte. Sie zuckte zusammen und blickte sich noch einmal mißtrauisch um. Ihre Bewegung war unwillkürlich; sie wollte offenbar ihr Mißtrauen nicht zeigen. Aber die Lage von Sswidrigailoffs Wohnung hatte sie schließlich überrascht. Sie wollte ihn fragen, ob wenigstens seine Wirtin zu Hause sei, aber sie frug ... aus Stolz nicht. Außerdem war in ihrem Herzen ein anderer unermeßlich größerer Kummer, als die Angst für sich. Sie litt unerträglich.

„Hier haben Sie Ihren Brief,“ begann sie und legte den Brief auf den Tisch. – „Ist es denn möglich, was Sie schreiben? Sie deuten ein Verbrechen an, das angeblich mein Bruder verübt hat. Sie deuten es zu klar an, Sie dürfen jetzt keine Ausreden gebrauchen. Sie sollen auch wissen, daß ich vor Ihnen schon von diesem dummen Märchen gehört habe, und keinem einzigen Worte davon glaube. Es ist ein niederträchtiger und lächerlicher Verdacht. Ich kenne die Geschichte, und wie und warum sie entstanden ist. Sie können keine Beweise haben. Sie haben versprochen, es mir zu beweisen, – reden Sie doch! Aber Sie sollen im voraus wissen, daß ich Ihnen nicht glaube! Ich glaube nicht!“

Dunetschka sagte dies sehr schnell, und auf einen Augenblick stieg ihr das Blut ins Gesicht.

„Wenn Sie nicht glauben würden, könnte es denn passiert sein, daß Sie es riskiert hätten, allein zu mir herzukommen? Warum sind Sie denn gekommen? Aus bloßer Neugier?“

„Quälen Sie mich nicht, sprechen Sie, sprechen Sie!“

„Es ist nicht zu leugnen, daß Sie ein tapferes Mädchen sind. Bei Gott, ich dachte, daß Sie Herrn Rasumichin bitten werden, Sie hierher zu begleiten. Aber er war weder mit Ihnen noch in Ihrer Nähe, ich habe mich umgesehen, – das ist kühn; Sie wollten also Rodion Romanowitsch schonen. Ach, alles ist an Ihnen göttlich ... Was Ihren Bruder anbetrifft, was soll ich Ihnen da sagen? Sie haben ihn soeben selbst gesehen. Wie er aussieht?“

„Ihre Gründe ruhen doch nicht darauf allein?“

„Nein, nicht darauf, sondern auf seinen eigenen Worten. Er war zweimal nacheinander hierher zu Ssofja Ssemenowna gekommen. Ich habe Ihnen gezeigt, wo sie gesessen haben. Er hat ihr eine volle Beichte abgelegt. Er ist ein Mörder. Er hat eine alte Beamtenwitwe, eine Wucherin ermordet, bei der er auch selbst Sachen versetzt hatte; er hat auch ihre Schwester, eine Händlerin, dem Namen nach Lisaweta, ermordet, die zufällig während der Ermordung der Schwester eingetreten war. Er hat sie beide mit einem Beile, das er mitgebracht hatte, erschlagen. Er hatte sie getötet, um sie zu berauben, und hat auch geraubt, – er hat Geld und einige Sachen genommen ... Er hat das alles selbst Wort für Wort Ssofja Ssemenowna mitgeteilt, die allein auch sein Geheimnis kennt, die aber an dem Morde weder durch Tat noch Wort teilgenommen hat und die im Gegenteil ebenso sich entsetzte, wie auch Sie jetzt. Seien Sie ruhig, sie wird ihn nicht verraten.“

„Das kann nicht sein!“ murmelte Dunetschka mit blassen trockenen Lippen; sie rang nach Atem, „es kann nicht sein, es gibt keinen, nicht den geringsten Grund, keinen Anlaß ... Das ist Lüge! Eine Lüge!“

„Er hat geraubt, das ist der ganze Grund. Er hat Geld und Sachen genommen. Es ist wahr, er hat nach seinem eigenen Geständnis weder vom Gelde, noch von den Sachen einen Gebrauch gemacht, sondern sie irgendwo unter einem Stein versteckt, wo sie auch jetzt noch liegen. Aber deshalb, weil er nicht wagte, davon Gebrauch zu machen.“

„Ja, ist es denn zu glauben, daß er stehlen, rauben konnte. Daß er bloß daran denken konnte?“ rief Dunja und sprang von ihrem Stuhle auf. – „Sie kennen ihn doch, haben ihn gesehen? Kann er denn ein Dieb sein?“

Es war, als flehe sie Sswidrigailoff an; sie hatte ihre ganze Furcht vergessen.

„Hier gibt es, Awdotja Romanowna, tausende und Millionen von Kombinationen und Arten. Ein Dieb stiehlt, er weiß dafür auch selbst, daß er ein Schuft ist; ich hörte aber zum Beispiel von einem sehr anständigen Herrn, der die Post beraubt hatte; wer weiß, vielleicht glaubte er auch tatsächlich, daß er eine anständige Sache getan hat. Selbstverständlich hätte ich es auch selbst nicht geglaubt, ebenso wenig wie Sie, wenn es mir andere gesagt hätten. Meinen eigenen Ohren aber habe ich geglaubt. Er hat Ssofja Ssemenowna auch alle Gründe erklärt; aber auch sie hatte zuerst ihren Ohren nicht getraut, jedoch den Augen, ihren eigenen Augen hatte sie schließlich glauben müssen. Er hat ihr es doch persönlich mitgeteilt.“

„Was waren es für ... Gründe?“

„Es ist eine lange Geschichte, Awdotja Romanowna. Es spielt hierbei, wie soll ich es Ihnen erklären, eine Art Theorie mit, es ist dasselbe, warum ich zum Beispiel finde, daß eine einzelne Freveltat erlaubt ist, wenn der Hauptzweck gut ist. Ein einziges böses und hundert gute Werke! Es ist auch sicher für einen jungen Mann mit Vorzügen und unermeßlichem Ehrgeiz kränkend, zu wissen, daß seine ganze Karriere, die ganze Zukunft, seine Lebensziele sich anders gestalten würden, wenn er bloß dreitausend hätte; aber er hat sie eben nicht. Fügen Sie dazu, was ihn reizen mußte: der Hunger, die enge Wohnung, seine Lumpen, das starke Bewußtsein seiner großen sozialen Not und gleichzeitig die Lage seiner Schwester und Mutter. Am meisten aber Eitelkeit und Stolz, übrigens aber Gott weiß, vielleicht auch gute Eigenschaften ... Ich klage ihn nicht an, glauben Sie; ja und mich geht es auch nichts an. Er hatte auch hierbei eine eigene Theorie, – eine annehmbare Theorie, – nach der die Menschen in Material und besondere Menschen eingeteilt werden, d. h. solche Menschen, für die das Gesetz, dank ihrer hohen Veranlagung, nicht geschrieben ist, die vielmehr selbst Gesetze für die übrigen Menschen, für das Material, für den Kehricht geben. Es ist nicht übel, eine passable Theorie, – une théorie comme une autre. Vor allem hat ihn Napoleon begeistert, d. h., eigentlich noch mehr der Umstand, daß es genialen Menschen auf eine einzelne böse Tat nicht ankam, sondern daß sie ohne groß nachzudenken, darüber hinwegkamen. Es scheint mir, er hat sich eingebildet, auch ein genialer Mensch zu sein, – das will sagen, er war davon eine Zeitlang überzeugt. Er hat sehr viel gelitten und leidet jetzt unter dem Gedanken, daß er verstanden hatte, sich eine Theorie auszudenken, aber nicht imstande war, ohne Nachdenken darüber hinwegzukommen und somit kein genialer Mensch sei. Und das ist für einen jungen Mann voll Ehrgeiz erniedrigend genug, in unserem Zeitalter besonders ...“

„Und Gewissensbisse? Sie sprechen ihm also jedes sittliche Gefühl ab? Ja, ist es denn so?“

„Ach, Awdotja Romanowna, jetzt hat sich bei ihm alles getrübt, d. h., er war übrigens wohl nie in völliger Ordnung. Die Russen sind überhaupt großangelegte Naturen, Awdotja Romanowna, sie sind ebenso großangelegt, wie ihr Land und haben eine äußerst starke Neigung zum Phantastischen, Extravaganten; es ist aber ein Unglück, großangelegt zu sein, ohne wirklich genial zu sein. Erinnern Sie sich, wie viel wir in dieser Art und über dieses Thema gesprochen haben, wenn wir Abends auf der Terrasse im Garten jedesmal nach dem Essen saßen. Sie haben mir auch dieses Großangelegtsein vorgeworfen. Wer weiß, vielleicht sprachen wir gerade in der Zeit darüber, als er hier lag und über dasselbe grübelte. Bei uns in der gebildeten Gesellschaft gibt es doch keine besonders heiligen Überlieferungen, Awdotja Romanowna, – kommt wohl vor, daß sich jemand irgendwie es aus den Büchern zusammenstellt ... oder etwas aus alten Chroniken hervorholt. Aber das sind doch meistenteils Gelehrte und, wissen Sie, in ihrer Art alle Schlafmützen, so daß es sogar für einen Mann aus der Gesellschaft unpassend ist. Übrigens, meine Ansichten kennen Sie im allgemeinen, ich klage entschieden niemand an. Ich bin selbst Nichtstuer und halte mich daran. Wir haben ja mehr als einmal darüber gesprochen. Ich hatte sogar das Glück, Sie für meine Meinungen zu interessieren ... Sie sind sehr blaß, Awdotja Romanowna!“

„Ich kenne seine Theorie. Ich habe seinen Artikel in der Zeitschrift über Menschen, denen alles erlaubt ist, gelesen ... Rasumichin hat ihn mir gebracht ...“

„Herr Rasumichin? Den Artikel Ihres Bruders? In einer Zeitschrift? Gibt es solch einen Artikel? Ich wußte es nicht. Das ist interessant! Aber wohin wollen Sie denn, Awdotja Romanowna!“

„Ich will Ssofja Ssemenowna sehen,“ sagte Dunetschka mit schwacher Stimme. – „Wie kann ich zu ihr kommen? Sie ist vielleicht zurückgekommen; ich will sie unbedingt sofort sehen. Mag sie ...“

Awdotja Romanowna konnte nicht zu Ende sprechen; der Atem verging ihr buchstäblich.

„Ssofja Ssemenowna wird vor Anbruch der Nacht nicht zurückkehren. Ich nehme es an. Sie mußte gleich zurückkommen, sonst kommt sie sehr spät ...“

„Ah, also du lügst! Ich sehe ... du hast gelogen ... du hast alles gelogen! ... Ich glaube dir nicht! Ich glaube nicht! Ich glaube nicht!“ schrie Dunetschka in wahrer Wut und verlor vollkommen den Kopf.

Sie fiel fast ohnmächtig auf einen Stuhl hin, den Sswidrigailoff sich beeilte, ihr unterzuschieben.

„Awdotja Romanowna, was ist mit Ihnen, kommen Sie zu sich! Hier ist Wasser! Trinken Sie einen Schluck ...“

Er bespritzte sie mit Wasser. Dunetschka fuhr zusammen und kam zu sich.

„Es hat stark gewirkt!“ murmelte Sswidrigailoff vor sich hin und sein Gesicht verdüsterte sich. – „Awdotja Romanowna, beruhigen Sie sich! Vergessen Sie nicht, daß er Freunde hat. Wir werden ihn retten, herausreißen. Wenn Sie es wollen, bringe ich ihn ins Ausland? Ich habe Geld; in drei Tagen verschaffe ich einen Reisepaß. Und was das anbetrifft, daß er getötet hat, so wird er noch so viel Gutes tun, so daß dies alles sich ausgleichen wird; beruhigen Sie sich. Er kann noch ein großer Mann werden. Wie geht’s mit Ihnen? Wie fühlen Sie sich?“

„Sie böser Mensch! Er verspottet es noch. Lassen Sie mich ...“

„Wohin? Wohin wollen Sie?“

„Zu ihm. Wo ist er? Sie wissen es? Warum ist diese Tür verschlossen? Wir sind durch diese Tür hereingekommen und jetzt ist sie verschlossen. Wann haben Sie sie abschließen können?“

„Man konnte doch nicht durch alle Zimmer schreien, was wir hier sprachen. Ich spotte gar nicht; ich bin bloß überdrüssig, diese Sprache zu führen. Nun, wohin wollen Sie in diesem Zustande gehen? Oder wollen Sie ihn verraten? Sie bringen ihn in Wut und er wird sich selbst anzeigen. Sie sollen wissen, daß man ihn schon verfolgt, daß man auf seine Spur gekommen ist. Sie werden ihn bloß verraten. Warten Sie, – ich habe ihn gesehen und mit ihm soeben gesprochen; man kann ihn noch retten. Warten Sie, setzen Sie sich, überlegen wir es zusammen. Ich habe Sie auch darum gerufen, um mit Ihnen allein darüber zu sprechen und alles gut zu überlegen. Ja, setzen Sie sich doch!“

„Wie können Sie ihn retten? Kann man ihn denn retten?“

Dunja setzte sich. Sswidrigailoff setzte sich neben sie.

„Das alles hängt von Ihnen ab, von Ihnen, von Ihnen allein,“ begann er mit funkelnden Augen, fast im Flüstertone, verwirrt und manche Worte vor Erregung nicht aussprechend.

Dunja wich erschrocken vor ihm zurück. Er zitterte auch am ganzen Körper.

„Sie ... ein einziges Wort von Ihnen, und er ist gerettet! Ich ... ich werde ihn retten. Ich habe Geld und Freunde. Ich werde ihn sofort ins Ausland senden, ich selbst nehme den Reisepaß, zwei Reisepässe. Den einen für ihn, den anderen für mich. Ich habe Freunde; ich habe Geschäftsleute an der Hand ... Wollen Sie? Ich will auch für Sie einen Reisepaß nehmen ... für Ihre Mutter ... wozu brauchen Sie Rasumichin? Ich liebe Sie auch ... Ich liebe Sie grenzenlos. Lassen Sie mich den Saum Ihres Kleides küssen, lassen Sie mich! Lassen Sie mich! Ich kann nicht hören, wie es rauscht. Sagen Sie zu mir, – tue das, und ich will es tun! Ich will alles tun! Ich will das Unmöglichste tun! Woran Sie glauben, will ich auch glauben! Ich will alles, alles tun! Sehen Sie mich, sehen Sie mich nicht so an! Wissen Sie es auch, daß Sie mich töten ...“

Er fing selbst an zu phantasieren. Mit ihm war plötzlich etwas geschehen, als wäre es ihm zu Kopfe gestiegen. Dunja sprang auf und stürzte zur Türe.

„Öffnen Sie! Öffnen Sie!“ schrie sie durch die Türe, als riefe sie jemand zu Hilfe und rüttelte an der Türe. – „Öffnen Sie doch! Ist denn niemand da!“

Sswidrigailoff war aufgestanden und zur Besinnung gekommen. Ein boshaftes und spöttisches Lächeln zeigte sich langsam auf seinen noch bebenden Lippen.

„Niemand ist dort zu Hause,“ sagte er leise und mit Nachdruck, „die Wirtin ist fortgegangen, und es ist unnütze Mühe, so zu schreien, – Sie regen sich bloß unnütz auf.“

„Wo ist der Schlüssel? Öffne sofort die Türe, sofort, du gemeiner Mensch!“

„Ich habe den Schlüssel verloren und kann ihn nicht finden.“

„Ah! Also das ist Gewalt!“ rief Dunja aus, erblaßte wie der Tod und stürzte in eine Ecke, wo sie sich schleunigst mit einem Tischchen schützte, das ihr in die Hand fiel. Sie schrie nicht, aber sie bohrte sich mit den Blicken an ihren Peiniger fest und verfolgte scharf jede seiner Bewegungen. Sswidrigailoff rührte sich auch nicht vom Fleck und stand ihr gegenüber am anderen Ende des Zimmers. Er hatte sich gefaßt, wenigstens äußerlich. Aber sein Gesicht war, wie früher, bleich. Ein spöttisches Lächeln verließ es nicht.

„Sie sagten soeben ‚Gewalt‘, Awdotja Romanowna. Wenn es Gewalt ist, so können Sie selbst begreifen, daß ich die nötigen Maßregeln getroffen habe. Ssofja Ssemenowna ist nicht zu Hause; bis zu Kapernaumoffs ist es sehr weit, fünf leere Zimmer liegen dazwischen. Schließlich bin ich wenigstens doppelt so stark, als Sie, und außerdem brauche ich nichts zu befürchten, denn Sie können auch nachher sich nicht beklagen, – Sie werden doch nicht Ihren Bruder verraten wollen? Ja, und Ihnen wird auch niemand glauben, – warum ist denn ein junges Mädchen allein zu einem alleinstehenden Herrn gegangen? Wenn Sie also auch Ihren Bruder opfern, so beweisen Sie noch lange nichts, – eine Gewalttat ist schwer zu beweisen, Awdotja Romanowna.“

„Schuft!“ flüsterte Dunja empört.

„Wie Sie wünschen, merken Sie sich, ich habe es bloß als eine Mutmaßung ausgesprochen. Meiner persönlichen Überzeugung nach aber haben Sie vollkommen recht, – eine Gewalttat ist eine Schändlichkeit. Ich sagte es bloß, um zu beweisen, daß Ihr Gewissen nichts verliert, wenn Sie ... wenn Sie sich sogar entschließen sollten, Ihren Bruder freiwillig zu retten, wie ich es Ihnen angeboten habe. Sie haben sich bloß den Umständen gefügt, meinetwegen auch der Gewalt nachgegeben, wenn es sich ohne dieses Wort nicht auskommen läßt. Denken Sie darüber nach; das Schicksal Ihres Bruders und Ihrer Mutter liegt in Ihren Händen. Ich will aber Ihr Sklave sein ... mein ganzes Leben ... ich will hier Ihre Entscheidung erwarten ...“

Sswidrigailoff setzte sich auf das Sofa hin, etwa acht Schritte von Dunja entfernt. Für sie gab es nicht den geringsten Zweifel an seinem unerschütterlichen Entschlusse. Außerdem kannte sie ihn ...

Plötzlich holte sie aus ihrer Tasche einen Revolver hervor, spannte den Hahn und ließ die Hand mit dem Revolver auf den Tisch sinken. Sswidrigailoff sprang von seinem Platz auf.

„Aha! So ist die Geschichte!“ rief er verwundert aus und lächelte hämisch. „Nun, das ändert vollkommen die Sache! Sie erleichtern mir wesentlich die Sache, Awdotja Romanowna! Ja, woher haben Sie sich diesen Revolver verschafft? Etwa von Herrn Rasumichin? Bah! Der Revolver gehört ja mir! Ein alter Bekannter von mir! Und ich habe ihn damals so gesucht! ... Unser Schießunterricht auf dem Lande, den ich die Ehre hatte, zu erteilen, ist nicht unnütz gewesen.“

„Es ist nicht dein Revolver, sondern Marfa Petrownas, die du ermordet hast, du Bösewicht! Du hattest nichts eigenes in ihrem Hause. Ich nahm ihn, als ich zu ahnen begann, wozu du fähig bist. Wage bloß einen Schritt zu machen und ich schwöre dir, – ich erschieße dich!“

Dunja war außer sich. Den Revolver hielt sie bereit.

„Nun, und Ihr Bruder? Ich frage aus Neugier?“ sagte Sswidrigailoff und stand immer noch auf derselben Stelle.

„Zeige ihn an, wenn du willst! Nicht vom Platze! Rühr dich nicht! Ich werde schießen! Du hast deine Frau vergiftet, ich weiß es, du bist selbst ein Mörder!“

„Sind Sie fest davon überzeugt, daß ich Marfa Petrowna vergiftet habe?“

„Du hast! Du hast mir es selbst angedeutet; du hast mir von Gift gesprochen ... ich weiß, du hast dir Gift verschafft ... Du hattest alles vorbereitet ... Du hast es unbedingt getan ... Schuft!“

„Wenn es auch wahr wäre, so habe ich es doch deinetwegen ... du warst doch die Ursache!“

„Du lügst! Ich habe dich stets, stets gehaßt ...“

„Na, Awdotja Romanowna! Sie scheinen vergessen zu haben, wie Sie in der Hitze der Propaganda geneigter wurden und dahinschmolzen ... Ich habe es an den Augen gemerkt, erinnern Sie sich eines Abends, der Mond schien und eine Nachtigall trillerte?“

„Du lügst!“ in Dunjas Augen funkelte Wut, „du lügst, Verleumder!“

„Ich lüge? Nun, meinetwegen, ich lüge. Ich habe gelogen. Frauen soll man an diese Dinge nicht erinnern.“ – Er lächelte halb. – „Ich weiß, daß du schießen wirst, du schönes, wildes Tier! Nun, schieße doch!“

Dunja erhob den Revolver und sah ihn totenblaß, mit kreidebleichen bebenden Lippen, mit großen schwarzen, feurig funkelnden Augen entschlossen an und wartete die erste Bewegung von ihm ab. Noch niemals hatte er sie so schön gesehen. Das Feuer, das in ihren Augen in dem Augenblick aufleuchtete, als sie den Revolver erhob, schien ihn verbrannt zu haben, und sein Herz zog sich schmerzlicher zusammen. Er tat einen Schritt und ein Schuß knallte. Die Kugel streifte seine Haare und traf die Wand hinter ihm. Er blieb stehen und lachte leise.

„Eine Wespe hat gestochen! Sie zielt auf den Kopf ... Was ist das? Blut!“ – Er zog ein Taschentuch hervor, um das Blut abzuwischen, das ganz fein an seiner rechten Schläfe herunterrann; wahrscheinlich hatte die Kugel die Haut seines Schädels geritzt. Dunja ließ den Revolver sinken und sah Sswidrigailoff nicht etwa erschreckt, sondern stutzig an. Es war, als begreife sie selbst nicht, was sie getan hatte und was vorgegangen war!

„Nun, das ging vorbei! Schießen Sie noch einmal, ich warte,“ sagte Sswidrigailoff leise, finster lächelnd. „So kann ich Sie packen, ehe Sie den Hahn noch einmal aufspannen!“

Dunetschka fuhr zusammen, spannte schnell den Hahn und erhob wieder den Revolver.

„Lassen Sie mich!“ sagte sie voll Verzweiflung. „Ich schwöre es Ihnen, ich werde von neuem schießen ... Ich ... werde Sie erschießen! ...“

„Nun was ... auf drei Schritte muß man auch treffen können. Nun, wenn Sie aber mich nicht erschießen ... dann ...“ – Seine Augen funkelten und er trat noch zwei Schritte näher.

Dunetschka drückte ab, – die Waffe versagte!

„Sie haben nicht gut geladen. Tut nichts! Sie haben noch eine Patrone drin. Bringen Sie es in Ordnung, ich will warten.“

Er stand zwei Schritte vor ihr, wartete und sah sie voll wilder Entschlossenheit mit einem leidenschaftlichen und schweren Blicke an. Dunja begriff, daß er eher sterben würde, als daß er sie losließ. „Und sie ... wird ihn jetzt sicher auf zwei Schritte Entfernung töten! ...“

Plötzlich schleuderte sie den Revolver fort.

„Hat ihn fortgeworfen!“ sagte Sswidrigailoff und holte tief Atem. Etwas schien mit einem Male sich von seinem Herzen losgelöst zu haben, und es war vielleicht nicht bloß die Last der Todesangst, – es war auch fraglich, ob er sie in diesem Augenblicke empfunden hatte. Es war eine Erlösung von einem anderen, mehr kummervollen und düsteren Gefühle, das er selbst nicht in seiner ganzen Macht definieren konnte.

Er trat an Dunja heran und legte still seinen Arm um ihre Taille. Sie widersetzte sich ihm nicht, aber sie blickte ihn, am ganzen Körper wie ein Blatt bebend, mit flehenden Augen an. Er wollte etwas sagen, seine Lippen aber verzogen sich bloß und er konnte nichts sprechen.

„Laß mich!“ sagte Dunja flehend.

Sswidrigailoff zuckte zusammen, – dieses du war in einer anderen Weise, als vorhin, gesagt.

„Also du liebst mich nicht?“ fragte er leise.

Dunja schüttelte verneinend den Kopf.

„Und ... kannst auch nicht? ... Niemals?“ flüsterte er verzweifelt.

„Niemals!“ antwortete Dunja im Flüstertone.

Es war der Moment eines schrecklichen stummen Kampfes in Sswidrigailoffs Seele. Mit einem unaussprechlichen Blicke sah er sie an. Plötzlich zog er seine Hand zurück, wandte sich ab, ging schnell zum Fenster und stellte sich dort hin.

Noch ein Augenblick verging.

„Hier ist der Schlüssel zur Türe!“ er nahm ihn aus der linken Tasche seines Mantels hervor und legte ihn auf den Tisch hinter sich, ohne Dunja anzublicken und ohne sich umzudrehen. – „Nehmen Sie ihn; gehen Sie schnell fort! ...“

Er sah starr zum Fenster hinaus.

Dunja trat an den Tisch, um den Schlüssel zu nehmen.

„Schneller! Schneller!“ wiederholte Sswidrigailoff, ohne sich zu rühren und umzudrehen. Aber in diesem „schneller“ klang deutlich ein schrecklicher Ton hindurch.

Dunja begriff, erfaßte den Schlüssel, stürzte zur Türe, schloß sie eilig auf und sprang aus dem Zimmer. Nach einer Minute lief sie schon, wie wahnsinnig, ganz außer sich den Kanal entlang in der Richtung zu der X-schen Brücke.

Sswidrigailoff blieb am Fenster noch etwa drei Minuten stehen, wandte sich endlich langsam um, warf einen Blick ins Zimmer und fuhr sich leise mit der Hand über die Stirn. Ein merkwürdiges Lächeln verzog sein Gesicht; es war ein klägliches, trauriges, schwaches Lächeln, ein Lächeln der Verzweiflung. Das Blut, das schon einzutrocknen begann, hatte seine Hand beschmutzt; er blickte das Blut zornig an; dann machte er ein Handtuch naß und wusch sich die Schläfe ab. Der Revolver, den Dunja von sich geworfen hatte und der zur Türe geflogen war, fiel ihm plötzlich in die Augen. Er hob ihn auf und besah ihn. Es war ein kleiner dreiläufiger Taschenrevolver alten Systems; es steckten noch zwei Patronen darin und eine Kapsel. Einmal konnte man noch daraus schießen. Er sann eine Weile nach, steckte den Revolver in die Tasche, nahm seinen Hut und ging hinaus.

VI.

Diesen ganzen Abend bis zehn Uhr zog er in allerhand Wirtshäusern und Spelunken umher. Irgendwo traf er auch Katja, die einen anderen Gassenhauer sang, von einem „Schuft und Tyrannen,“ der

„Fing Katja an zu küssen“.

Sswidrigailoff gab Katja und dem Leiermann, den Chorsängern, den Kellnern und zwei Schreibern zu trinken. Diese Schreiber hatte er eigentlich bloß aufgefordert, weil sie beide schiefe Nasen besaßen, – die Nase des einen stand nach rechts, die des anderen nach links. Das hatte Sswidrigailoffs Aufmerksamkeit erregt. Zuletzt schleppten sie ihn in eine Gartenwirtschaft mit, wo er für sie das Eintrittsgeld bezahlen mußte. Dieser Garten bestand aus einer dünnen dreijährigen Tanne und drei Sträuchern. Das Restaurant war im Grunde genommen nur ein Ausschank, man konnte aber auch Tee erhalten und es standen einige grüne Tische und Stühle dort. Ein Chor minderwertiger Sänger und ein betrunkener Deutscher aus München, eine Art Clown, mit roter Nase, der aber aus irgend einem Grunde sehr niedergeschlagen war, amüsierten das Publikum. Die Schreiber fingen mit einigen anderen Schreibern einen Streit an und schickten sich schon an, handgreiflich zu werden. Sswidrigailoff wurde von ihnen zum Schiedsrichter gewählt. Er waltete über eine Viertelstunde seines Amtes, aber sie schrien derartig, daß es nicht die geringste Möglichkeit gab, irgend etwas zu verstehen. Am wahrscheinlichsten war die Sache so – einer von ihnen hatte etwas gestohlen und hatte Zeit gefunden, es sofort an Ort und Stelle einem Juden zu verkaufen, der sich zufällig eingefunden hatte, aber er wollte das Geld mit seinem Kameraden nicht teilen; es ergab sich schließlich, daß der verkaufte Gegenstand ein Teelöffel war, der dem Restaurant gehörte; man vermißte dort den Löffel und die Sache begann eine unangenehme Wendung zu nehmen. Sswidrigailoff bezahlte den Löffel, erhob sich und verließ den Garten. Es war gegen zehn Uhr. Er selbst hatte während der ganzen Zeit keinen einzigen Tropfen Wein getrunken und hatte in der Gartenwirtschaft sich nur Tee bestellt, und das nur, um überhaupt etwas zu nehmen. Der Abend war schwül und düster. Gegen zehn Uhr hatte sich der Himmel mit dunklen Wolken überzogen; es fing an zu donnern und der Regen strömte nieder. Das Wasser fiel nicht in Tropfen, sondern peitschte in ganzen Strömen die Erde. Es folgte Blitz auf Blitz. Ganz durchnäßt kam Sswidrigailoff nach Hause, schloß sich ein, öffnete seinen Schreibtisch, nahm sein ganzes Geld an sich und zerriß einige Papiere. Er steckte darauf das Geld in die Tasche, wollte seine Kleider wechseln, aber nachdem er zum Fenster hinausgeblickt und dem Gewitter und dem Regen gelauscht hatte, tat er es doch nicht, ergriff seinen Hut und ohne seine Wohnung abzuschließen, ging er hinaus und direkt zu Ssonja. Sie war zu Hause.

Sie war nicht allein; sie hatte die vier Kinder von Kapernaumoff um sich. Ssofja Ssemenowna gab ihnen Tee zu trinken. Sie begrüßte Sswidrigailoff schweigend und ehrerbietig, warf einen erstaunten Blick auf seine durchnäßten Kleider, sagte aber kein Wort. Die Kinder liefen sofort in unbeschreiblicher Furcht davon.

Sswidrigailoff setzte sich an den Tisch und bat Ssonja, neben ihm Platz zu nehmen. Sie schickte sich schüchtern an, ihm zuzuhören.

„Ssofja Ssemenowna, ich reise vielleicht nach Amerika,“ sagte Sswidrigailoff, „und da wir uns wahrscheinlich zum letzten Male sehen, bin ich gekommen, einige Anordnungen zu treffen. Haben Sie heute diese Dame gesehen? Ich weiß, was sie Ihnen gesagt hat, Sie brauchen es mir nicht zu erzählen,“ – (Ssonja machte eine Bewegung und errötete.) – „Diese Leute haben eine bestimmte Manier. Was Ihre Schwestern und Ihren Bruder anbetrifft, so sind sie untergebracht und das ihnen zukommende Geld habe ich für jeden gegen Quittung in sicherer Hand deponiert. Nehmen Sie übrigens diese Quittungen für jeden Fall an sich. Nehmen Sie sie! Das ist also erledigt. Hier sind drei fünfprozentige Obligationen, im ganzen dreitausend Rubel. Nehmen Sie das für sich, für sich ganz allein, und mag es unter uns bleiben, damit niemand etwas davon erfährt. Das Geld wird Ihnen von Nutzen sein, denn, Ssofja Ssemenowna, ein Leben, wie Sie es bisher lebten, ist schlimm und Sie haben es nicht nötig.“

„Sie haben mich mit so vielen Wohltaten überschüttet; auch die Waisen und die Verstorbene,“ stammelte Ssonja, „wenn ich Ihnen bis jetzt so wenig gedankt habe, so ... halten Sie es nicht ...“

„Aber bitte, es ist nicht der Rede wert.“

„Und für dieses Geld danke ich Ihnen sehr, Arkadi Iwanowitsch, aber ich brauche es jetzt wirklich nicht. Ich kann immer für mich allein sorgen, halten Sie es nicht für Undank, – wenn Sie schon gütig sind, so soll dieses Geld ...“

„Ihnen, Ssofja Ssemenowna, Ihnen soll es gehören, und bitte ohne viele Worte, denn ich habe auch keine Zeit dazu. Es wird Ihnen sehr von Nutzen sein. Rodion Romanowitsch hat zwei Auswege, – entweder eine Kugel durch den Kopf oder Sibirien.“ – (Ssonja blickte ihn wild an und erbebte.) – „Seien Sie ruhig, ich weiß alles von ihm selbst und bin kein Schwätzer; werde es niemand sagen. Sie haben gut daran getan, indem Sie ihm vorschlugen, – er möge hingehen und sich selbst anzeigen. Das wird ihm bedeutend nützlicher sein. Nun, wenn der Ausweg Sibirien sein wird, werden Sie ihm doch folgen? Nicht wahr? Nicht wahr? Und dann wird Ihnen auch das Geld von Nutzen sein. Für ihn selbst werden Sie es brauchen, verstehen Sie? Indem ich es Ihnen überreiche, gebe ich es damit doch ihm. Außerdem haben Sie versprochen, auch die frühere Wirtin Amalie Iwanowna zu bezahlen; ich habe es gehört. Warum übernehmen Sie immer, Ssofja Ssemenowna, unüberlegt solche Verpflichtungen? Katerina Iwanowna war es doch dieser Deutschen schuldig geblieben, und nicht Sie, also sollten Sie auf die Deutsche pfeifen. In dieser Weise kann man auf der Welt nicht weiterkommen. Und wenn jemand morgen oder übermorgen nach mir fragen sollte, – und man wird sich an Sie wenden, – so erwähnen Sie nicht, daß ich jetzt bei Ihnen gewesen bin, und zeigen Sie in keinem Falle das Geld und sagen Sie niemandem, daß ich es Ihnen gegeben habe. Und jetzt auf Wiedersehen.“ – Er stand auf. – „Grüßen Sie Rodion Romanowitsch. Nebenbei gesagt, – übergeben Sie vorläufig das Geld meinetwegen Herrn Rasumichin zur Aufbewahrung. Kennen Sie Herrn Rasumichin? Sie kennen ihn sicher. Das ist ein kluger Bursche. Bringen Sie das Geld ihm morgen oder ... wenn Sie Zeit haben, hin. Vorläufig verstecken Sie es gut.“ Er erhob sich.

Ssonja sprang ebenfalls vom Stuhle auf und blickte ihn erschrocken an. Sie wollte etwas sagen, etwas fragen, aber sie wagte es nicht gleich und wußte auch nicht, wie sie es anfangen sollte.

„... Wie, wollen Sie denn jetzt in solchem Regen ausgehen?“

„Nun, ich will nach Amerika reisen und soll mich vor einem Regen fürchten, he! he! Leben Sie wohl, liebe Ssofja Ssemenowna! Leben Sie und leben Sie lange, Sie werden anderen von Nutzen sein. Ja ... sagen Sie bitte Herrn Rasumichin, daß ich ihn grüßen lasse. Sagen Sie ihm, – Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff läßt Sie grüßen, – mit diesen Worten sagen Sie es ihm. Sagen Sie es unbedingt.“

Er ging fort und hinterließ Ssonja erstaunt und erschrocken in einer unklaren und drückenden Ahnung zurück.

Man erfuhr später, daß er am selben Abend, in der zwölften Stunde, noch einen sehr exzentrischen und unerwarteten Besuch gemacht hatte. Der Regen hatte noch immer nicht aufgehört. Ganz durchnäßt, trat er zwanzig Minuten nach elf in die kleine Wohnung der Eltern seiner Braut ein. Mit großer Mühe hatte er sich Einlaß verschafft und zuerst alle in große Aufregung versetzt; aber Arkadi Iwanowitsch konnte, wenn er wollte, ein Mann von bezauberndem Benehmen sein, so daß die ursprüngliche, übrigens sehr naheliegende Annahme der Eltern der Braut, daß Arkadi Iwanowitsch wahrscheinlich sich irgendwo stark berauscht habe und seiner selbst nicht mächtig sei, – von selbst zunichte wurde. Den gelähmten Vater rollte in einem Sessel die mitleidige Mutter der Braut selbst zu Arkadi Iwanowitsch herein und begann nach ihrer Gewohnheit mit weitausholenden Fragen. Diese Frau stellte nie direkte Fragen, sondern lächelte und rieb sich die Hände zuerst, dann aber, wenn sie etwas unbedingt erfahren wollte, wie z. B., – wann Arkadi Iwanowitsch den Wunsch habe, die Hochzeit zu bestimmen, so begann sie mit den neugierigsten Fragen über Paris und das dortige Hofleben, um schließlich langsam bis zu ihrer Wohnung in Petersburg zu gelangen. Zu anderer Stunde wurde dies alles ruhig hingenommen, aber jetzt war Arkadi Iwanowitsch zu ungeduldig und wünschte kategorisch seine Braut zu sehen, obgleich man ihm schon bei seinem Eintritt erklärt hatte, daß sie schon schlafe. Die Braut erschien selbstverständlich, und Arkadi Iwanowitsch teilte ihr sofort mit, daß er wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit auf eine Zeit lang Petersburg verlassen müsse, und aus diesem Grunde ihr fünfzehntausend Rubel in allerhand Papieren mitgebracht habe; er bat sie, dies als ein Geschenk von ihm anzunehmen, da er schon längst die Absicht gehabt habe, ihr diese Kleinigkeit schon vor der Hochzeit zu überreichen. Ein besonderer logischer Zusammenhang zwischen dem Geschenk und der unverzüglichen Abreise und der Notwendigkeit, deswegen in der Nacht bei Regen herzukommen, zeigte sich in keiner Weise bei seinen Erklärungen, jedoch es verlief alles sehr gut. Sogar die unvermeidlichen Ausrufe von „ach“ und „wie,“ das Fragen und Staunen wurden rasch gemäßigt und zurückgehalten; dafür aber wurde eine überströmende Dankbarkeit an den Tag gelegt und sogar von den Tränen der vernünftigsten aller Mütter unterstützt. Arkadi Iwanowitsch stand auf, lachte, küßte die Braut, streichelte ihre Wangen, wiederholte noch einmal, daß er bald zurückkommen werde, und als er in ihren Augen eine zwar kindliche Neugier, aber zugleich eine sehr ernste stumme Frage bemerkte, sann er eine Weile nach, küßte sie zum zweitenmal und ärgerte sich darüber, daß das Geschenk unverzüglich zur Aufbewahrung der vernünftigsten aller Mütter übergeben werden würde. Er ging fort und hinterließ alle in einer ungewöhnlichen Aufregung. Aber die gutherzige Mama löste sofort im Flüstertone einige sehr wichtige Bedenken, und zwar, daß Arkadi Iwanowitsch ein Mann der großen Welt, ein Mann mit Unternehmungen und großen Verbindungen, ein reicher Mann sei; weiß Gott, was in seinem Kopfe vorgehe, er habe plötzlich den Entschluß gefaßt, abzureisen, habe eben plötzlich den Gedanken bekommen, das Geld gegeben, man soll sich nicht darüber wundern. Gewiß sei es merkwürdig, daß er ganz durchnäßt war, aber die Engländer seien z. B. noch exzentrischer, überhaupt alle Menschen aus der höchsten Gesellschaft achteten nicht darauf, was man von ihnen sagen werde, und genierten sich nicht. Vielleicht gehe er absichtlich in dieser Weise herum, um zu zeigen, daß er nichts fürchte. Die Hauptsache aber sei, niemand ein Wort davon zu sagen, denn Gott weiß, was dabei noch herauskommen könne, das Geld müsse sofort eingeschlossen werden, und sicher sei es das beste, daß das Mädchen in der Küche war und nichts gesehen habe, noch wichtiger sei es aber, nichts, gar nichts dieser Spitzbübin, dieser Rößlich davon zu sagen, und so ging es in gleicher Weise fort. Sie blieben bis zwei Uhr sitzen und flüsterten die ganze Zeit. Nur die Braut ging etwas früher schlafen, über die ganze Sache verwundert und ein wenig traurig.

Sswidrigailoff wanderte indessen punkt zwölf Uhr über die K.sche Brücke in der Richtung nach dem –schen Stadtteil. Es hatte zu regnen aufgehört, jedoch der Wind wehte noch stark. Sswidrigailoff begann zu zittern, und einen Augenblick sah er mit einer auffallenden Neugier und fragend das schwarze Wasser der Kleinen Newa an. Als er so über das Wasser geneigt dastand, fühlte er auf einmal ein unangenehmes Kältegefühl, er drehte sich um und ging den X.schen Prospekt entlang. Er wanderte lange, fast eine halbe Stunde, durch diesen endlosen Prospekt, stolperte ein paarmal in der Dunkelheit auf dem hölzernen Trottoir und hörte nicht auf, etwas auf der rechten Seite der Straße aufmerksam zu suchen. Er hatte hier, fast am Ende des Prospekts kürzlich im Vorbeifahren ein hölzernes, aber geräumiges Gasthaus bemerkt, und sein Name, soweit er sich erinnern konnte, hatte etwas mit „Adrianopel“ zu tun. Er hatte sich nicht getäuscht, – dieses Gasthaus in dieser abgelegenen Gegend war so auffallend, daß es selbst in der Dunkelheit unmöglich übersehen werden konnte. Es war ein langes hölzernes, schwarzgewordenes Gebäude, in dem trotz der späten Stunde noch Lichter brannten und ein gewisses Leben zu bemerken war. Er trat ein und fragte einen im Korridor stehenden, zerlumpten Kerl nach einem Zimmer. Der warf einen Blick auf Sswidrigailoff, nahm sich zusammen und führte ihn in ein dumpfes, enges Zimmer, das am Ende des Korridors an einer Ecke unter der Treppe lag. „Es ist kein anderes da, alle Zimmer sind besetzt.“ Der Kerl blickte ihn fragend an.

„Gibt es Tee?“ fragte Sswidrigailoff.

„Kann besorgt werden.“

„Was gibt es noch?“

„Kalbfleisch, Schnaps, Aufschnitt.“

„Bring mir Kalbfleisch und Tee.“

„Sonst keine Wünsche?“ fragte der Kerl erstaunt.

„Nichts mehr.“

Der Kerl verschwand, ganz verwundert.

„Das muß ein guter Ort sein,“ dachte Sswidrigailoff, „wie kam mir das nicht in den Sinn. Ich habe wahrscheinlich auch das Aussehen eines Menschen, der irgendwo aus einem Café chantant kommt und auf dem Wege schon etwas erlebt hat. Es wäre interessant, zu erfahren, wer hier alles absteigt und übernachtet.“

Er zündete ein Licht an und besah sich das Zimmer genauer. Es war eine ganz kleine Kammer, so niedrig, daß Sswidrigailoff beinahe an die Decke stieß, mit einem Fenster; ein sehr schmutziges Bett, ein einfacher, gestrichener Tisch und ein Stuhl nahmen fast den ganzen Raum ein. Die Wände hatten das Aussehen, als wären sie aus Brettern zusammengeschlagen und mit alten abgerissenen Tapeten beklebt worden, die so staubig und beschmutzt waren, daß man ihre Farbe, ursprünglich gelb, erraten mußte, das Muster aber nicht mehr unterscheiden konnte. Der eine Teil der Wand und der Decke war schräg abgeschnitten, wie man es gewöhnlich in Mansarden sieht, hier aber war es wegen der Treppe. Sswidrigailoff stellte das Licht auf den Tisch, setzte sich auf das Bett und versank in Gedanken. Aber ein eigentümliches und ununterbrochenes Flüstern im Nebenzimmer, das zuweilen fast in ein Schreien überging, lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Flüstern hatte seit dem Augenblicke, als er im Zimmer eingetreten war, nicht aufgehört. Er begann zu lauschen, – jemand schimpfte und machte einem anderen fast weinend Vorwürfe, man hörte nur eine Stimme; Sswidrigailoff stand auf, verdeckte mit der einen Hand das Licht und an der Wand zeigte sich sofort eine Ritze; er trat drauf zu und begann hindurchzusehen. In dem Zimmer, das ein wenig größer war, als das seine, befanden sich zwei Menschen. Einer von ihnen ohne Rock, mit einem lockigen Kopfe und rotem erregten Gesichte, stand in Rednerpose; er hatte die Beine auseinandergespreizt, um das Gleichgewicht zu bewahren, schlug sich vor die Brust und warf dem anderen pathetisch vor, daß er ein Bettler sei und daß er nicht mal einen Rang habe, daß er ihn aus dem Schmutz herausgezogen habe, und daß er ihn, wenn er wolle, fortjagen könne und dies alles sehe der Finger Gottes allein. Der angeschnauzte Genosse saß auf einem Stuhl und hatte das Aussehen eines Menschen, der sehr gern niesen möchte, aber es absolut nicht fertig brachte. Er sah zuweilen mit einem trüben Schafsblicke den Redenden an, aber augenscheinlich hatte er keinen Begriff davon, worüber jener sprach und höchstwahrscheinlich hörte er es nicht einmal. Auf dem Tische brannte der Rest eines Lichtes, und eine fast leere Karaffe Branntwein mit Gläsern, Brot, Gurken und ein Teegeschirr standen darauf. Nachdem Sswidrigailoff dieses Bild aufmerksam betrachtet hatte, verließ er teilnahmslos die Ritze in der Wand und setzte sich wieder auf das Bett hin.

Der Kerl, der mit Kalbfleisch und Tee gekommen war, konnte sich nicht enthalten, noch einmal zu fragen, ob nichts weiter gewünscht würde, und nachdem er wieder eine verneinende Antwort erhalten hatte, ging er endgültig aus dem Zimmer. Sswidrigailoff stürzte sich über den Tee, um sich zu erwärmen, und leerte ein Glas, essen konnte er nichts, da er den Appetit völlig verloren hatte. Er begann sichtlich zu fiebern. Er nahm seinen Mantel und Jacke ab, hüllte sich in die Decke ein und legte sich auf das Bett. Er ärgerte sich, – „es wäre diesmal doch besser, gesund zu sein,“ dachte er und lächelte bitter. Es war im Zimmer dumpf, das Licht brannte trübe, draußen heulte der Wind, irgendwo in einer Ecke nagte eine Maus, im ganzen Zimmer überhaupt roch es nach Mäusen und nach Leder. Er lag und träumte, – ein Gedanke löste den anderen ab. Es schien, als wolle er seiner Phantasie eine bestimmte Richtung geben. „Hinter dem Fenster muß ein Garten sein,“ – dachte er, – „Bäume rauschen; was ich in der Nacht nicht liebe, im Sturme und in der Dunkelheit bringt das Rauschen der Bäume ein unangenehmes Gefühl hervor!“ Und er erinnerte sich, wie er vorhin im Vorbeigehen mit Widerwillen an den Petrowski-Park gedacht hatte. Dann tauchte in seiner Erinnerung auch die K.sche Brücke und die Kleine Newa auf, und wieder überrieselte es ihn kalt, wie vorhin, als er über das Wasser geneigt stand.

„Ich habe niemals im Leben das Wasser, nicht mal auf Bildern, geliebt,“ dachte er und lächelte über einen sonderbaren Gedanken. „Jetzt müßte mir doch diese ganze Ästhetik und der Komfort gleichgültig sein, aber nein, jetzt gerade werde ich wählerisch, wie ein Tier, das sich seine Stelle ... in ähnlichem Falle aussucht. Ich sollte vorhin in den Petrowski-Park einbiegen! Ist mir aber zu dunkel, zu kalt erschienen, he! he! Als suchte ich angenehme Gefühle dabei! ... Ja, warum lösche ich das Licht nicht aus?“ Und er löschte das Licht. „Meine Nachbarn haben sich auch schlafen gelegt,“ dachte er, als er keinen Schein mehr durch die Ritze sah. – „Nun, Marfa Petrowna, jetzt wäre es Zeit für Sie, zu erscheinen, – es ist dunkel, der Ort sehr passend und ein origineller Augenblick. Jetzt werden Sie sicher nicht kommen ...“

Es kam ihm auch in den Sinn, daß er vorhin, eine Stunde bevor Dunja in seiner Wohnung war, Raskolnikoff empfohlen hatte, sie der Obhut Rasumichins anzuvertrauen. „Ich habe es damals wirklich mehr gesagt, um mich selbst zu reizen, was Raskolnikoff auch erraten hat. Dieser Raskolnikoff ist ein feiner Kopf. Er hat vieles durchgemacht und kann mit der Zeit etwas Großes werden, wenn der Unsinn in ihm vergangen sein wird, jetzt aber hat er noch ein zu großes Verlangen zu leben. In diesem Punkte sind alle diese Leute – Feiglinge. Nun, mag ihn der Teufel holen, mag er tun, was er will, was geht es mich an.“

Er konnte immer noch nicht einschlafen. Allmählich begann vor ihm das Bild von Dunetschka aufzutauchen, wie sie vorhin aussah, und ein Zittern fuhr durch seinen Körper. – „Nein, das muß man jetzt schon lassen,“ dachte er zu sich kommend, „ich muß an etwas anderes denken. Es ist sonderbar und lächerlich, – ich habe niemals jemand stark gehaßt, habe auch niemals besonders gewünscht, an jemand Rache zu nehmen, das ist doch ein schlimmes Zeichen, ein schlimmes Zeichen! Habe auch nicht geliebt, mich herumzustreiten und war nie heftig gewesen, – ist auch ein schlechtes Zeichen! Und was habe ich ihr vorhin versprochen, – pfui, Teufel! Sie hätte aus mir doch etwas machen können! ...“

Er verstummte wieder und preßte die Zähne aufeinander, – wieder erschien ihm Dunetschkas Bild, wie sie nach dem ersten Schuß erschrocken war, den Revolver sinken ließ und leichenblaß ihn ansah, so daß er sie zweimal hätte greifen können, ohne daß sie die Hand zur Gegenwehr hätte erheben können, wenn er selbst sie nicht daran erinnert hätte. Er erinnerte sich, wie sie ihm in diesem Augenblicke so leid tat, und wie sich sein Herz zusammengeschnürt hatte ... „Ah! Zum Teufel! Wieder diese Gedanken, man muß sie alle fallen lassen, ja, fallen lassen!“

Er verfiel wieder in Schlaf, – das fieberhafte Zittern ließ nach; da schien etwas unter der Decke über seine Hand und seinen Fuß zu laufen. Er zuckte zusammen, – „pfui, Teufel, das ist ja eine Maus!“ dachte er, „ich habe das Fleisch auf dem Tische stehen gelassen ...“ Er wollte nicht die Decke abwerfen, aufstehen und frieren, da stach ihn schon wieder etwas am Fuße; er riß die Decke von sich und zündete das Licht an. Zitternd vor fieberhafter Kälte, bückte er sich, um im Bette nachzusuchen, – es war nichts da; er schüttelte die Decke und plötzlich sprang eine Maus auf das Bettlaken. Er wollte sie fangen; die Maus aber sprang vom Bette nicht herunter, sondern lief im Zickzack nach allen Seiten hin, glitt ihm durch die Finger, lief über seine Hand und verschwand plötzlich unter dem Kissen; er warf das Kissen herunter und fühlte sogleich, wie sie ihm unter das Hemd sprang und auf seinem Rücken herumkrabbelte. Er erbebte nervös und erwachte. Im Zimmer war es dunkel, er lag wie vorhin in der Decke eingewickelt auf dem Bette, hinter dem Fenster heulte der Wind. „Wie schaurig!“ dachte er ärgerlich. Er stand auf und setzte sich mit dem Rücken gegen das Fenster auf das Bett. „Lieber schlafe ich gar nicht,“ beschloß er. Vom Fenster kam Kälte und Feuchtigkeit herein; ohne aufzustehen zog er die Decke über sich und hüllte sich ein. Das Licht steckte er nicht an. Er dachte an nichts und wollte auch an nichts denken; doch ein Phantasiegebilde nach dem andern stand vor ihm auf, abgerissene Gedanken ohne Anfang und Ende und ohne Zusammenhang schwebten ihm vor. Er verfiel in einen Halbschlummer. War es die Kälte oder die Dunkelheit, war es die Feuchtigkeit oder der Wind, der hinter dem Fenster heulte und die Bäume rüttelte, – die in ihm eine hartnäckige phantastische Neigung und den Wunsch nach Blumen hervorriefen, – mit Blumen beschäftigte sich seine Phantasie ausschließlich. Ihm schwebte ein reizendes Bild vor, – ein lichter, warmer, beinahe heißer Tag, ein Festtag, ein Pfingsttag; ein reiches prachtvolles Landhaus, im englischen Geschmack, bewachsen mit duftenden Blumen, und umgeben von Blumenbeeten, die um das Haus sich herumzogen, eine Treppe, umrankt von Schlingpflanzen und umringt von Rosenbüschen; eine lichte kühle Treppe, bedeckt mit einem prächtigen Teppich und ringsum geziert mit seltenen Blumen in chinesischen Vasen. Er hatte auf den Fenstern Sträuße von weißen und zarten Narzissen in Glasvasen, gefüllt mit Wasser, bemerkt, die auf ihren hellgrünen, dicken und langen Stengeln starken aromatischen Duft verbreiteten. Er wollte sich gar nicht mehr von ihnen trennen, endlich stieg er aber doch die Treppe hinauf und trat in einen großen hohen Saal, und wieder standen hier überall auf den Fenstern, an der geöffneten Türe nach der Terrasse, auf der Terrasse selbst, Blumen über Blumen. Die Diele war mit frisch gemähtem, duftendem Heu bestreut, die Fenster waren geöffnet, eine frische leichte kühle Luft drang in das Zimmer, Vögel zwitscherten unter den Fenstern, und mitten im Saale auf einem mit weißem Atlas bezogenen Tische stand ein Sarg. Dieser Sarg war mit weißem Taft ausgeschlagen und mit weißen dichten Rüschen benäht. Girlanden aus Blumen umrankten ihn auf allen Seiten. Ganz in Blumen gebettet lag ein kleines Mädchen in weißem Tüllkleide; ihre wie aus Marmor gemeißelten Hände waren gefaltet und an die Brust gepreßt. Ihr aufgelöstes Haar, ein helles Blondhaar, war naß; ein Kranz aus Rosen umgab ihren Kopf. Das strenge und schon erstarrte Profil ihres Gesichts war auch wie aus Marmor gemeißelt, in dem Lächeln auf ihren blassen Lippen lag ein nicht kindliches grenzenloses Weh, eine stille, herzzerreißende Klage. Sswidrigailoff kannte dieses Mädchen; weder ein Gottesbild noch brennende Kerzen standen an diesem Sarge und man vernahm keine Gebete. Das kleine Mädchen war eine Selbstmörderin, – sie hatte sich ertränkt. Sie war erst vierzehn Jahre alt und hatte schon ein gebrochenes Herz, sie war zugrunde gerichtet durch eine schändliche Tat, die dieses junge kindliche Bewußtsein mit Entsetzen erfüllt und überfallen, die ihre engelreine Seele mit unverdienter Schmach bedeckt hatte, und die ihr einen letzten Schrei der Verzweiflung entriß, der nicht erhört, sondern mit kaltem Herzen und harter Hand in einer dunklen Nacht, in tiefer Finsternis, in Kälte, in feuchtem Tauwetter unterdrückt wurde, als der Wind heulte.

Sswidrigailoff kam zu sich, stand auf und trat an das Fenster. Er fand tastend den Riegel und öffnete es. Der Wind stürmte mit aller Kraft in sein enges Zimmer hinein und bedeckte mit einem Frosthauch sein Gesicht und die nur mit dem Hemde bedeckte Brust. Hinter dem Fenster war wirklich ein Garten und zwar ein Vergnügungsetablissement; am Tage traten wohl hier Sänger auf und es wurde an Tischen Tee serviert. Jetzt flogen Regentropfen von den Bäumen und Sträuchern zum Fenster herein, und es war eine Dunkelheit wie in einem Keller, so daß man kaum einige dunkle Flecken, die Gegenstände vorstellten, unterscheiden konnte. Sswidrigailoff hatte die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt und sich hinausgebeugt, und blickte nun schon fünf Minuten, ohne sich losreißen zu können, in diese Finsternis. Da ertönte in die Nacht hinein ein Kanonenschuß, ihm folgte ein zweiter. „Ah, das Signal! Das Wasser steigt!“ dachte er. – „Gegen Morgen wird das Wasser die Straßen überfluten und die Kellerwohnungen und die Gewölbe überschwemmen, die Kellerratten werden aus ihren Schlupfwinkeln hervorschwimmen und die Menschen werden in Wind und Regen, durchnäßt und schimpfend, ihren Kram in die oberen Stockwerke schleppen ... Um welche Zeit ist es nun?“ – Und kaum hatte er so gedacht, als aus der Nähe, tickend und wie sich mächtig beeilend, eine Wanduhr drei Uhr schlug. – „Aha, nach einer Stunde wird es schon hell werden! Warum soll ich länger warten? Ich will lieber sofort hier fort und direkt in den Petrowski-Park gehen; dort will ich mir ein großes Gebüsch aussuchen, mit Regentropfen so benetzt, daß, wenn man nur mit einer Schulter drankommt, Millionen von Tropfen den ganzen Kopf mir überströmen werden ...“ Er trat vom Fenster zurück, schloß es, zündete das Licht an, zog seine Weste und den Mantel an, setzte den Hut auf und ging mit dem Lichte auf den Korridor hinaus, um in einer Kammer zwischen allerhand Kram und Lichtstumpfen den schlafenden Kerl aufzusuchen, ihm das Zimmer zu bezahlen und dann das Gasthaus zu verlassen. – „Es ist der beste Augenblick, man könnte ihn nicht besser wählen!“

Er ging lange in dem schmalen und langen Korridor herum, ohne jemand zu finden und wollte schon laut rufen, als er plötzlich in einer dunklen Ecke, zwischen einem alten Schrank und einer Türe, einen sonderbaren Gegenstand, anscheinend etwas Lebendes, erblickte. Er beugte sich mit dem Lichte darüber und sah ein Kind, – ein kleines Kind, – ein kleines Mädchen, nicht älter als fünf Jahre, in einem völlig durchnäßten Kleidchen, zitternd und weinend, daliegen. Sie schien vor Sswidrigailoff keine Furcht zu haben, blickte ihn mit ihren großen schwarzen Äuglein voll stillen Staunens an und schluchzte ab und zu, wie Kinder, die lange geweint, doch aufhören und sich getröstet haben. Das kleine Gesicht des Mädchens war bleich und abgemagert; sie war vor Kälte fast erstarrt, aber – „wie war sie hierher gekommen? Sie mußte sich hier versteckt und die ganze Nacht nicht geschlafen haben?“ Er begann sie auszufragen. Das Kind wurde plötzlich lebhaft und stammelte etwas sehr schnell in seiner kindlichen Sprache. Es kam darin etwas von „Mamachen“ und das „Mama Ruten geben wird,“ von einer Tasse, die sie zerschlagen habe, vor. Das Mädchen sprach ununterbrochen; einiges konnte man aus ihrer ganzen Erzählung herausfinden, – daß sie nicht geliebt werde, daß ihre Mutter, eine ewig betrunkene Köchin, wahrscheinlich im Gartenhause selbst, sie zumeist prügele und ihr Schrecken eingejagt habe; daß das Mädchen der Mutter eine Tasse zerschlagen habe und so erschrocken wäre, daß sie seit gestern Abend weggelaufen sei; wahrscheinlich hatte sie sich lange auf dem Hofe im Regen versteckt, endlich sich ins Haus hineingeschlichen, sich hinter dem Schrank verkrochen und hatte hier in der Ecke, weinend und in Nässe, Dunkelheit und Angst davor zitternd, daß man sie tüchtig verprügeln würde, die ganze Nacht gesessen. Sswidrigailoff nahm sie auf die Arme, ging in sein Zimmer, setzte sie auf das Bett hin und begann sie auszukleiden. Ihre zerlöcherten Stiefel auf die nackten Füße angezogen, waren so feucht, als hätten sie die ganze Nacht in einer Pfütze gelegen. Nachdem er sie entkleidet hatte, legte er sie ins Bett, bedeckte und hüllte sie ganz bis zum Kopfe in die Decke. Sie schlief sofort ein. Nachdem er damit fertig war, versank er wieder in sein düsteres Nachdenken.

„Was fällt mir auch ein, mich damit abzugeben!“ dachte er plötzlich mit einem schweren und bitteren Gefühl. – „Was für ein Unsinn!“ Voll Ärger nahm er das Licht, um hinauszugehen und um jeden Preis den Kerl zu finden und schneller von hier wegzukommen. – „Ach, so ein Mädel!“ dachte er fluchend und öffnete schon die Türe, als er sich umkehrte, um noch einmal zu sehen, ob das Mädchen schlafe und wie sie schlafe? Er hob vorsichtig die Decke auf. Das Mädchen lag im festen und seligen Schlafe. Sie war unter der Decke warm geworden, und das Blut war wieder in ihre blassen Wangen gestiegen. Aber sonderbar, – diese Röte war greller und auffallender, als sonst bei Kindern. „Das ist eine fieberhafte Röte,“ dachte Sswidrigailoff, „das ist die Röte nach Weingenuß, es ist, als hätte man ihr ein ganzes Glas zu trinken gegeben. Ihre roten Lippen brennen, scheinen zu flammen, aber was ist das?“ Ihm schien es plötzlich, als ob ihre langen schwarzen Wimpern zuckten und blinzelten, als ob sie sich erhöben, als ob unter ihnen ein schelmisches, scharfes, nicht in kindlicher Weise zwinkerndes Auge hervorblickte, als ob das Mädchen nicht schliefe, sich nur so anstelle. Ja, es war auch so, – ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, die Mundwinkel zucken, es ist, als ob sie das Lächeln noch zurückhalten wollte. Nun aber hört sie auf, sich zurückzuhalten, sie lacht schon, sie lacht deutlich; etwas Freches und Herausforderndes leuchtet in diesem gar nicht kindlichen Gesichte; das ist das Laster; das ist das Gesicht einer Kokotte, das freche Gesicht einer verkäuflichen französischen Kokotte. Jetzt öffnen sich, ohne jede Verstellung, die beiden Augen, – sie ruhen auf ihm mit einem feurigen und schamlosen Blick, sie locken ihn, sie lachen ... Etwas unendlich Widerliches und Beleidigendes lag in diesem Lachen, in diesen Augen, in diesem ganzen schamlosen Gesichte des Kindes. „Wie! Eine fünfjährige!“ flüsterte Sswidrigailoff mit wahrem Entsetzen. – „Was ... was ist denn das?“ – Nun wendet sie sich ihm mit dem brennenden Gesichtchen ganz zu, streckt die Arme aus ... „Ah, Verfluchte!“ rief Sswidrigailoff voll Entsetzen und holte seine Hand zum Schlage aus ... Aber im selben Augenblick erwachte er.

Er lag im Bette, eingehüllt in die Decke; das Licht war nicht angezündet und durch das Fenster leuchtete der volle Tag hinein.

„Ein Albdrücken die ganze Nacht!“ Er erhob sich zornig und fühlte, daß er ganz zerschlagen war; seine Knochen schmerzten ihn. Draußen war ein dichter Nebel und man konnte nichts unterscheiden. Die Uhr ging auf fünf; er hatte sich verschlafen! Er stand auf und zog seine Jacke und den Mantel an, die beide noch feucht waren. Er fühlte in der Tasche nach dem Revolver, zog ihn heraus und setzte die Kapsel zurecht; dann setzte er sich hin, nahm aus der Tasche ein Notizbuch hervor und schrieb auf der ersten Seite mit großer Schrift ein paar Zeilen. Er las sie nochmals durch, stützte sich auf den Tisch und sann nach. Der Revolver und das Notizbuch lagen neben seinem Ellbogen. Die erwachten Fliegen krochen auf den Kalbfleischstücken herum, die er nicht angerührt hatte und die auf dem Tische standen. Er schaute den Fliegen lange zu und versuchte mit der freien rechten Hand eine zu fangen. Er bemühte sich lange, konnte sie aber nicht kriegen. Als er sich zuletzt bei dieser interessanten Beschäftigung ertappte, kam er zu sich, fuhr zusammen, stand auf und ging entschlossen aus dem Zimmer. Nach einer Minute war er schon auf der Straße.

Ein weißer dichter Nebel lag über der Stadt. Sswidrigailoff ging die klebrige schmutzige Straße in der Richtung der Kleinen Newa zu. Ihm schwebten das über Nacht stark gestiegene Wasser der Kleinen Newa, der Petrowski-Park, nasse Wege, feuchtes Gras, feuchte Bäume und Sträucher, und schließlich jenes Gebüsch vor ... Voll Ärger begann er die Häuser zu betrachten, um an etwas anderes zu denken. Weder einen Menschen, noch eine Droschke traf er auf dem Wege. Trostlos und schmutzig sahen ihn die grellgelben hölzernen Häuschen mit den geschlossenen Fensterläden an. Kälte und Feuchtigkeit durchzogen seinen ganzen Körper und ihn begann zu frösteln. Zuweilen fiel sein Blick auf die Schilder der Kaufläden und Gemüsekeller, er las jedes aufmerksam. Der hölzerne Fußsteg war schon zu Ende. Er ging an einem großen steinernen Hause vorbei. Ein schmutziger durchfrorener Hund mit eingezogenem Schwanze lief ihm über den Weg. Ein total betrunkener Mann in einem Uniformmantel lag mit dem Gesichte nach unten quer über den Fußweg. Er betrachtete ihn und ging weiter. Ein hoher Feuerwehrturm zeigte sich linker Hand. – „Bah!“ dachte er, „das ist die beste Stelle, wozu der Petrowski-Park? Es geschieht wenigstens in Gegenwart eines offiziellen Zeugen ...“ Er lächelte bei diesem neuen Gedanken und bog in die N.sche Straße ein. Hier stand ein großes Haus mit dem Turm. An dem mächtigen verschlossenen Tore des Hauses stand mit der Schulter daran gelehnt ein kleines Menschenkind in einen grauen Soldatenmantel eingehüllt und mit einem glänzenden Helm. Es schielte mit schlaftrunkenem Blick den herantretenden Sswidrigailoff an. Auf seinem Gesichte sah man den ewigen verdrießlichen Kummer, der sich ausnahmslos auf allen Gesichtern des jüdischen Volkes eingeprägt hat. Beide, Sswidrigailoff und der Soldat, betrachteten einander schweigend eine Weile. Dem Soldaten erschien es schließlich nicht in der Ordnung zu sein, daß ein Mann nicht betrunken drei Schritte vor ihm stehen blieb, ihn unverwandt anblickte und nichts sagte.

„Was wollen Sie denn hier?“ sagte er, ohne sich zu rühren und seine Stellung zu verändern.

„Ja, nichts, Bruder, guten Tag!“ antwortete Sswidrigailoff.

„Hier ist kein Platz, stehen zu bleiben.“

„Ich reise, Bruder, ins Ausland.“

„Ins Ausland?“

„Nach Amerika.“

„Nach Amerika?“

Sswidrigailoff zog den Revolver heraus und spannte den Hahn. Der Soldat zog die Augenbrauen nach oben.

„Was, solche Scherze sind hier nicht am Platze!“

„Warum denn nicht?“

„Weil das kein Ort dazu ist.“

„Nun, Bruder, das ist einerlei. Der Ort ist gut; wenn man dich fragen wird, antworte bloß, daß ich nach Amerika gereist bin.“

Er legte den Revolver an seine rechte Schläfe an.

„Man darf das nicht, hier ist nicht der Ort!“ sagte der Soldat, und seine Augen erweiterten sich immer mehr.

Sswidrigailoff drückte den Hahn ab.

VII.

Am selben Tage um sieben Uhr näherte sich Raskolnikoff der Wohnung seiner Mutter und Schwester, – jener Wohnung im Hause von Bakalejeff, wo sie Rasumichin untergebracht hatte. Der Treppeneingang war von der Straße aus. Je näher Raskolnikoff kam, desto mehr verlangsamte er seine Schritte, wie unschlüssig, ob er hineingehen solle oder nicht. Er wäre jedoch um keinen Preis umgekehrt; sein Entschluß war gefaßt. – „Außerdem ist es einerlei, sie wissen ja noch nichts,“ dachte er, „und haben sich schon gewöhnt, mich als einen närrischen Kauz anzusehen ...“ Seine Kleidung war schrecklich, – ganz beschmutzt, zerrissen und zerknittert, weil er die ganze Nacht im Regen verbracht hatte. Sein Gesicht war vor Müdigkeit, durch das schlechte Wetter, aus physischer Ermattung und infolge eines beinahe vierundzwanzigstündigen Kampfes mit sich selbst ganz entstellt. Wo er diese ganze Nacht verbracht hatte, wußte Gott allein; aber sie hatte wenigstens seinen Entschluß herbeigeführt.

Er klopfte an die Türe; die Mutter öffnete ihm. Dunetschka war nicht zu Hause. Auch das Dienstmädchen war um diese Zeit nicht da. Pulcheria Alexandrowna war zuerst ganz stumm vor freudigem Erstaunen, dann ergriff sie seine Hand und zog ihn ins Zimmer.

„Nun, da bist du!“ begann sie, und stockte vor Freude. – „Sei nicht böse auf mich, Rodja, daß ich dich so dumm begrüße, – mit Tränen; ich lache ja und weine nicht. Du denkst, ich weine? Nein, ich freue mich, habe aber bloß so eine dumme Angewohnheit, daß mir dann die Tränen fließen. Das habe ich seit dem Tode deines Vaters, ich weine bei jeder Gelegenheit. Setz dich doch, mein Lieber, du bist wahrscheinlich müde, ich sehe es. Ach, wie du beschmutzt bist.“

„Ich war gestern im Regen fort, Mama ...“ begann Raskolnikoff.

„Aber nein, nein!“ unterbrach ihn Pulcheria Alexandrowna eifrig, „du meinst, ich will dich sofort ausfragen, nach meiner früheren weiberhaften Gepflogenheit, sei darüber beruhigt. Ich begreife doch, ich begreife alles, habe mich jetzt an die hiesigen Gebräuche gewöhnt, und sehe wirklich selbst ein, daß man hier gescheiter ist. Ich habe mir ein für allemal gesagt, wie kann ich deine Entschlüsse verstehen und von dir Rechenschaft verlangen? Du hast vielleicht Gott weiß was für Dinge und Pläne im Kopfe und dir kommen allerhand Gedanken; soll ich dich da immer anstoßen und fragen, worüber denkst du nach? Ich habe ... Ach, mein Gott, Ja, was laufe ich denn herum wie eine Besessene ... Just lese ich deinen Artikel in der Zeitschrift schon zum dritten Male, Rodja; mir hat ihn Dmitri Prokofjitsch gebracht. Ich war sehr überrascht, als ich ihn las; so dumm bin ich, dachte ich, damit gibt er sich also ab, das ist die Lösung der Dinge. Er hat vielleicht neue Gedanken im Kopfe, er überlegt sie sich, ich aber quäle ihn und störe ihn. Ich lese den Artikel, mein Freund, und verstehe selbstverständlich nicht viel; es muß auch übrigens so sein, – wie kann ich es auch verstehen.“

„Zeigen Sie ihn mir, Mama.“

Raskolnikoff nahm den Artikel in die Hand und blickte ihn flüchtig an. Wie sehr es auch seiner Lage und seinem Zustande widersprach, empfand er doch jenes eigentümliche und prickelnde süße Gefühl, das ein Verfasser, der sich zum ersten Male gedruckt sieht, empfindet, dazu sprachen auch seine dreiundzwanzig Jahre mit. Es dauerte einen Augenblick. Nachdem er einige Zeilen gelesen hatte, verdüsterte sich sein Gesicht und ein furchtbarer Gram preßte sein Herz zusammen. Sein ganzer seelischer Kampf in den letzten Monaten kam ihm mit einem Male ins Gedächtnis. Er warf mit Widerwillen und voll Ärger die Zeitung auf den Tisch.

„Aber Rodja, wie dumm ich auch sein mag, ich kann doch verstehen, daß du sehr bald einer von den Ersten, wenn nicht der Erste unter unseren Gelehrten, sein wirst. Und man wagte zu denken, daß du den Verstand verloren hättest. Ha! ha! ha! Du weißt es nicht, aber man meinte es wirklich! Ach, dieses niedrige Gewürm, woher sollen sie auch begreifen, was Verstand haben heißt! Und Dunetschka glaubte auch fast daran – was sagst du dazu! Dein verstorbener Vater hat ein paarmal etliches in Zeitschriften eingeschickt, – zuerst Gedichte (ich habe noch das Heft der Gedichte, ich will es dir einmal zeigen) – und nachher eine ganze Novelle, – (ich hatte ihn gebeten, sie ins Reine schreiben zu dürfen) – und trotzdem wir beide beteten, daß es angenommen würde, – nahmen sie es doch nicht an! Rodja, vor sechs oder sieben Tagen, als ich deine Kleidung sah, wie du wohnst, was du ißt und wie du herumgehst, war ich ganz niedergeschlagen. Jetzt sehe ich, daß ich wieder einmal dumm war, denn wenn du Lust hast, kannst du dir alles auf einmal durch deinen Verstand und dein Talent verschaffen. Du willst es bloß vorläufig nicht und bist mit bedeutend wichtigeren Dingen beschäftigt ...“

„Ist Dunja nicht zu Hause, Mama?“

„Nein, Rodja. Sie ist jetzt sehr oft nicht zu Hause, läßt mich viel allein. Dmitri Prokofjitsch kommt öfters zu mir, um zu plaudern und spricht immer von dir, ich bin ihm sehr dankbar dafür. Er liebt dich sehr und schätzt dich, mein Freund. Ich kann von deiner Schwester nicht gerade sagen, daß sie zu mir unehrerbietig wäre. Ich klage nicht. Sie hat ihren Charakter, wie ich den meinen; sie hat allerhand Geheimnisse vor mir; und ich habe vor euch keine Geheimnisse. Gewiß, ich bin fest überzeugt, daß Dunja klug ist und außerdem auch mich und dich liebt ... aber ich weiß wirklich nicht, wohin dies alles führen wird. Du hast mich glücklich gemacht, Rodja, weil du mich jetzt besucht hast, sie aber hat das versäumt; wenn sie zurückkommt, will ich auch ihr sagen, – dein Bruder war hier, wo hast aber du die Zeit verbracht? Du sollst mich, Rodja, nicht verwöhnen; wenn du kannst, komm zu mir, wenn nicht, – dann läßt sich eben nichts tun als warten. Ich werde trotzdem wissen, daß du mich liebst, und das genügt mir. Ich werde deine Schriften lesen, werde von allen über dich hören, und dann wirst du schon wieder einmal zu mir kommen und was kann ich mir besseres wünschen? Du bist doch jetzt auch gekommen, um die Mutter zu erfreuen, ich sehe es ...“

Hier weinte plötzlich Pulcheria Alexandrowna.

„Schon wieder weine ich! Achte nicht auf mich dumme Person! Ach, mein Gott, was sitze ich hier,“ rief sie aus und fuhr von ihrem Platze auf, „ich habe doch Kaffee und biete dir nichts an! Siehst du, wie groß der Egoismus einer alten Frau ist. Sofort, sofort!“

„Mama, lassen Sie es, ich will gleich wieder fortgehen. Ich bin nicht deswegen gekommen. Bitte, hören Sie mich an.“

Pulcheria Alexandrowna trat schüchtern zu ihm.

„Mama, was auch geschehen sollte, was Sie auch über mich hören sollten, was man Ihnen auch über mich sagen sollte, – werden Sie mich dennoch ebenso lieben, wie jetzt?“ fragte er sie aus vollem Herzen, als bedenke er seine Worte nicht und erwäge sie nicht.

„Rodja, Rodja, was ist mit dir? Ja, wie kannst du nur so etwas fragen? Ja, wer wird mir denn etwas über dich sagen? Ich werde auch niemand glauben, mag kommen, wer da will, ich werde ihn hinausjagen.“

„Ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß ich Sie geliebt habe, und ich bin jetzt froh, daß wir allein sind, bin sogar froh, daß Dunetschka nicht zu Hause ist,“ fuhr er in derselben Aufwallung fort, – „ich bin gekommen, Ihnen offen zu sagen, daß, wenn Sie auch unglücklich sein werden, Sie doch wissen sollen, daß Ihr Sohn Sie jetzt mehr liebt, als sich selbst, und daß alles, was Sie über mich gedacht haben, daß ich grausam sei und Sie nicht mehr liebe, alles nicht richtig ist. Ich werde nie aufhören, Sie zu lieben ... Nun, und genug; mir schien es, daß ich das sagen und damit beginnen müßte ...“

Pulcheria Alexandrowna umarmte ihn schweigend, preßte ihn an ihre Brust und weinte still.

„Was mit dir ist, Rodja, weiß ich nicht,“ sagte sie schließlich, „ich dachte die ganze Zeit, wir langweilen dich, jetzt aber sehe ich in meiner Weise, daß dir ein großer Kummer bevorsteht, worüber du dich grämst. Ich habe es schon lange gesehen, Rodja. Verzeih mir, daß ich darüber spreche; ich denke immer daran und schlafe des Nachts nicht. Diese Nacht hat auch deine Schwester die ganze Nacht in unruhigem Phantasieren verbracht und immer dich genannt. Ich habe einiges gehört, aber nichts verstanden. Den ganzen Morgen ging sie wie ein zu Tode Verurteilter herum, erwartete immer etwas, hatte Vorahnungen und nun ist es gekommen! Rodja, Rodja, wohin gehst du? Verreisest du etwa und wohin?“

„Ich verreise.“

„Ich dachte es mir! Ich kann doch mit dir reisen, wenn es nötig ist. Auch Dunja, sie liebt dich, sie liebt dich sehr, auch Ssofja Ssemenowna soll meinetwegen mit uns gehen, wenn es nötig ist; ich will sie gern an Tochterstatt aufnehmen, siehst du. Dmitri Prokofjitsch wird uns bei der Abreise helfen ... aber ... wohin ... reisest du?“

„Leben Sie wohl, Mama.“

„Wie! Heute schon!“ rief sie in einem Ton aus, als verliere sie ihn auf ewig.

„Ich kann nicht anders, es ist Zeit für mich, ich muß ...“

„Und ich darf nicht mit dir gehen?“

„Nein, knien Sie aber nieder und beten Sie für mich. Ihr Gebet wird vielleicht erhört.“

„Laß mich dich bekreuzen, dich segnen! So, so! Oh, Gott, was tun wir!“

Ja, er war froh, er war sehr froh, daß niemand da war, daß er mit der Mutter allein war. Es war, als wäre seit dieser ganzen schrecklichen Zeit sein Herz mit einem Male weich geworden. Er sank vor ihr hin, küßte ihre Füße und beide weinten, einander umarmend. Und sie wunderte sich nicht und fragte ihn nichts. Sie hatte schon lange begriffen, daß mit ihrem Sohne etwas Furchtbares vorgehe, und daß jetzt der schreckliche Augenblick für ihn gekommen war.

„Rodja, mein Lieber, mein Erstgeborener,“ sagte sie schluchzend, „du bist jetzt ebenso zu mir gekommen, wie du es als kleiner Junge tatest; hast mich umarmt und geküßt; als wir noch mit Vater lebten und uns kümmerlich durchschlugen, war es schon ein Trost für uns, daß du bei uns warst, als ich aber deinen Vater beerdigt hatte, – wie oft haben wir uns da umarmt, genau so wie jetzt, und haben an seinem Grabe geweint. Daß ich aber lange schon weine, kommt davon, weil das Mutterherz dein Unglück ahnte. Als ich das erste Mal dich damals am Abend sah, – erinnerst du dich, – als wir hier ankamen, habe ich alles an deinem Blicke allein erraten und mein Herz zuckte zusammen, heute aber, als ich dir öffnete und dich anblickte, dachte ich mir sofort, – nun ist die Schicksalsstunde gekommen. Rodja, Rodja, du reisest doch nicht sofort ab?“

„Nein.“

„Du wirst noch einmal herkommen?“

„Ja ... ich werde herkommen.“

„Rodja, sei mir nicht böse, ich darf dich nicht ausfragen. Ich weiß, daß ich es nicht darf, aber sag mir bloß, nur zwei kleine Worte sage mir: Ist es weit, wohin du reist?“

„Sehr weit.“

„Was, hast du eine Anstellung dort oder ist es für deine Karriere wichtig?“

„Was Gott gibt ... beten Sie nur für mich ...“

Raskolnikoff ging zur Türe, aber sie hielt sich an ihm fest und sah ihm mit einem verzweifelten Blick in die Augen. Ihr Gesicht war vor Entsetzen entstellt.

„Genug, Mama,“ sagte Raskolnikoff und bereute tief, daß er auf den Gedanken gekommen war, herzukommen.

„Es ist doch nicht für immer? Nicht für ewig? Du wirst doch noch herkommen, wirst du morgen kommen?“

„Ich werde kommen, werde kommen, leben Sie wohl!“

Er riß sich endlich los.

Der Abend war frisch, warm und klar; das Wetter war seit dem Morgen schön geworden. Raskolnikoff ging eilig nach Hause. Er wollte allem bis zu Sonnenuntergang ein Ende machen. Bis dahin sollte ihn niemand sehen. Als er zu seiner Wohnung hinaufstieg, bemerkte er, daß Nastasja sich vom Samowar abwandte, ihn unverwandt beobachtete und mit den Augen verfolgte. „Sollte etwa jemand bei mir sein?“ dachte er. Voll Widerwillen dachte er an Porphyri Petrowitsch. Als er aber sein Zimmer erreicht und die Türe geöffnet hatte, erblickte er Dunetschka. Sie saß mutterseelenallein in tiefem Nachdenken und schien schon lange auf ihn zu warten. Er blieb auf der Schwelle stehen. Sie erhob sich erschreckt vom Sofa und blieb aufgerichtet vor ihm stehen. Ihr Blick, unverwandt an ihm haftend, drückte Entsetzen und einen untilgbaren Kummer aus. Und an diesem Blicke merkte er sofort, daß sie alles wußte.

„Soll ich zu dir hineinkommen oder fortgehen?“ fragte er mißtrauisch.

„Ich habe den ganzen Tag bei Ssofja Ssemenowna gesessen; wir haben dich beide erwartet. Wir dachten, daß du unbedingt dorthin kommen würdest.“

Raskolnikoff trat in das Zimmer und setzte sich ermattet auf einen Stuhl.

„Ich bin etwas schwach, Dunja; ich bin zu müde; ich möchte aber wenigstens in diesem Augenblicke mich völlig beherrschen.“

Er warf ihr einen schnellen mißtrauischen Blick zu.

„Wo warst du denn die ganze Nacht?“

„Ich erinnere mich dessen nicht gut; siehst du, Schwester, ich wollte zu einem endgültigen Entschluß kommen und bin mehrere Male an der Newa hin- und hergegangen; dessen erinnere ich mich. Ich wollte dort ein Ende machen, aber ... konnte mich nicht entschließen ...“ flüsterte er und blickte Dunja wieder mißtrauisch an.

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