Fünfter Teil (continued 2)
E. K. Rahsin translation
So etwa schloß Raskolnikoff seine Rede, oft durch Ausrufe der Anwesenden unterbrochen, die sehr aufmerksam zuhörten. Aber trotz der Unterbrechungen sprach er scharf, ruhig, genau, klar und entschlossen. Seine scharfe Stimme, sein überzeugter Ton und sein strenges Gesicht machten auf alle einen ungewöhnlichen Eindruck.
„Ja, so wird es gewesen sein, ja, so ist es!“ – pflichtete Lebesjätnikoff entzückt bei. – „Es muß richtig sein, denn er hat mich gerade gefragt, als Ssofja Ssemenowna zu uns ins Zimmer eintrat, – ob Sie hier wären? Ob ich Sie unter den Gästen von Katerina Iwanowna nicht gesehen hätte? Er rief mich aus diesem Grunde zum Fenster und fragte mich dort leise. Also war es für ihn von Wichtigkeit, daß Sie da sind! Das ist richtig, das stimmt!“
Luschin schwieg und lächelte verächtlich. Er war aber sehr blaß geworden. Es schien, als überlege er sich, wie er sich aus der Affäre ziehen könne. Er hätte vielleicht gern alles mit Vergnügen im Stiche gelassen und wäre fortgegangen, aber es war unmöglich; es wäre gleichbedeutend gewesen mit einer Anerkennung der Wahrheit der angeführten Beschuldigung, daß er Ssofja Ssemenowna verleumdet hatte. Die Anwesenden waren zudem etwas angetrunken und zu erregt. Der Proviantmeister, der zwar nicht alles verstanden hatte, schrie am meisten und schlug einige für Luschin ziemlich peinliche Maßregeln vor. Es waren aber auch nicht Angetrunkene darunter; aus allen Zimmern hatten sich Menschen eingefunden. Die drei Polen waren furchtbar aufgebracht und riefen in einem fort „Pane Strolch!“ ihm zu, wobei sie noch einige Drohungen in polnischer Sprache murmelten. Ssonja hörte mit Anstrengung zu, aber sie schien nicht alles zu begreifen, es war, als erwache sie aus einer Ohnmacht. Sie wendete ihre Augen nicht von Raskolnikoff ab, sie fühlte, daß er ihr einziger Schutz war. Katerina Iwanowna atmete schwer und heiser und schien schrecklich erschöpft zu sein. Am allerdümmsten stand Amalie Iwanowna da mit offenem Munde und begriff gar nichts. Sie begriff bloß, daß Peter Petrowitsch irgendwie ertappt sei. Raskolnikoff bat wieder ums Wort, aber man ließ ihn nicht zu Ende reden, – alle schrien und drängten sich mit Geschimpfe und Drohungen um Luschin. Ihm aber wurde nicht bange. Als er sah, daß die Sache mit der Beschuldigung Ssonjas vollständig verspielt sei, ergriff er seine Zuflucht zur Dreistigkeit.
„Erlauben Sie, meine Herrschaften, erlauben Sie, drängen Sie nicht so, lassen Sie mich durchgehen!“ – sagte er und zwängte sich durch die Menge hindurch, – „und tun Sie mir den Gefallen und drohen Sie nicht. Ich versichere Sie, daß daraus nichts wird, daß Sie nichts tun werden, ich bin nicht von den Ängstlichen, im Gegenteil, meine Herrschaften, Sie werden noch zur Verantwortung gezogen dafür, daß Sie durch Gewalt eine Kriminalsache vertuscht haben. Die Diebin ist mehr als überführt, und ich werde sie gerichtlich belangen. Im Gerichte ist man nicht so blind und ... nicht betrunken, und wird nicht gleich zwei abgefeimten Gottesleugnern, Aufrührern und Freigeistern glauben, die mich aus persönlicher Rache beschuldigen, was sie selbst in ihrer Dummheit zugeben ... Erlauben Sie!“
„Scheren Sie sich aus meinem Zimmer, ziehen Sie sofort aus. Zwischen uns ist alles aus! Und wenn ich denke, wie ich mich angestrengt und bemüht habe, ihm alles erklärt habe ... volle zwei Wochen ...“
„Ich habe Ihnen, Andrei Ssemenowitsch, doch vorhin selbst gesagt, daß ich ausziehe, als Sie mich noch baten zu bleiben. Jetzt will ich bloß hinzufügen, daß Sie ein dummer Kerl sind. Ich wünsche Ihnen Ihren Verstand und Ihre halbblinden Augen zu kurieren. Erlauben Sie, meine Herrschaften!“
Er drängte sich durch, aber der Proviantmeister wollte ihn nicht so leichten Kaufes, bloß mit Schimpfwörtern, herauslassen, – er ergriff vom Tische ein Glas, holte aus und schleuderte es gegen Peter Petrowitsch, doch das Glas traf Amalie Iwanowna. Sie kreischte auf, der Proviantmeister verlor das Gleichgewicht und fiel schwer unter den Tisch. Peter Petrowitsch ging in sein Zimmer, und nach einer halben Stunde hatte er das Haus verlassen. Ssonja, schüchtern von Natur, wußte es längst, daß man sie leichter als jeden anderen zugrunde richten konnte, und daß jeder sie fast straflos beleidigen durfte. Trotzdem aber glaubte sie bis zu diesem Augenblick, daß man einem Unglück irgendwie, durch Vorsicht, Sanftmut, Nachgiebigkeit allen und jedem einzelnen gegenüber entgehen konnte. Ihre Enttäuschung war zu schwer. Sie konnte gewiß mit Geduld und ohne zu murren alles, – auch dies letzte ertragen. Aber im ersten Augenblicke war es ihr doch zu schwer gefallen. Trotz ihres Triumphes und ihrer Rechtfertigung, – als der erste Schreck und die erste Erstarrung vorüber waren, als sie alles deutlich und klar verstanden hatte, – schnürte das Gefühl der Hilflosigkeit und Kränkung ihr qualvoll das Herz zusammen. Sie bekam einen nervösen Anfall und hielt es nicht länger aus, stürzte aus dem Zimmer und lief nach Hause. Das geschah fast unmittelbar, nachdem Luschin fortgegangen war. Als Amalie Iwanowna unter lautem Lachen der Anwesenden von dem Glase getroffen wurde, – hatte sie genug davon, nur für andere zu büßen. Mit Gekreisch stürzte sie wie wahnsinnig auf Katerina Iwanowna zu und maß ihr die Schuld an allem bei.
„Hinaus aus der Wohnung! Sofort! Marsch!“ – und mit diesen Worten begann sie alles, was ihr von den Sachen Katerina Iwanownas unter die Hände kam, auf die Diele zu werfen.
Katerina Iwanowna, ohnedem fast halbtot und einer Ohnmacht nahe, sprang vom Bette, auf das sie in völliger Ermattung hingesunken war, schweratmend und bleich auf und stürzte sich auf Amalie Iwanowna. Der Kampf aber war zu ungleich; die letztere stieß sie, wie eine Feder, von sich.
„Wie! Nicht genug, daß man mich gottlos verleumdet hat, – auch diese Kreatur ist gegen mich! Wie! Am Tage der Beerdigung meines Mannes jagt man mich, nach meinem Festmahl, mit den Waisen auf die Straße hinaus! Ja, wohin soll ich denn!“ – sagte die arme Frau mit Schluchzen und beinahe erstickend. – „Oh, Gott!“ – rief sie plötzlich mit funkelnden Augen, – „gibt es denn keine Gerechtigkeit! Wen sollst Du denn schützen, wenn nicht uns verlassene Waisen? Aber wir wollen mal sehen? Es gibt noch in der Welt Recht und Wahrheit, es gibt sie noch, und ich will sie finden! Warte, du gottlose Kreatur! Poletschka, bleibe bei den Kindern, ich komme bald zurück. Wartet auf mich, meinetwegen auf der Straße! Wir wollen sehen, ob es in der Welt Gerechtigkeit gibt!“
Katerina Iwanowna warf dasselbe grüne große Umlegetuch über den Kopf, das der verstorbene Marmeladoff in seiner Erzählung erwähnt hatte, drängte sich durch die unordentliche und betrunkene Menge der Mieter, die noch immer das Zimmer anfüllten, und lief mit Geheul und unter Tränen auf die Straße hinaus, – mit der unbedingten Absicht, irgendwo sofort, unverzüglich und um jeden Preis Gerechtigkeit zu finden. Poletschka verkroch sich voller Angst mit den Kindern in einer Ecke; sie umschlang, am ganzen Körper zitternd, die beiden Kleinen und begann die Rückkehr der Mutter zu erwarten. Amalie Iwanowna lief aufgeregt im Zimmer herum, kreischte, klagte, schleuderte alles, was ihr in den Weg kam, auf die Diele und lärmte. Die Mieter schrien durcheinander, – einige besprachen das Geschehene, wie sie es verstanden, andere zankten sich und schimpften, einige wieder stimmten ein Lied an ...
„Jetzt muß ich auch gehen!“ – dachte Raskolnikoff. – „Nun, Ssofja Ssemenowna, wir wollen sehen, was Sie jetzt sagen werden!“
Und er ging nach Ssonjas Wohnung.
IV.
Raskolnikoff war ein tüchtiger und mutiger Fürsprecher Ssonjas gegen Luschin gewesen, trotzdem so viel eigener Schrecken und eigenes Leid auf seiner Seele lasteten. Weil er aber am Morgen so stark gelitten hatte, so war er gewissermaßen froh, seine Eindrücke, die ihm unerträglich wurden, zu ändern, ganz abgesehen davon, wieviel Persönliches und Herzliches in seinem Bestreben lag, für Ssonja einzutreten. Außerdem ging ihm die bevorstehende Zusammenkunft mit Ssonja nicht aus dem Sinn und beunruhigte ihn in manchen Augenblicken furchtbar, – er mußte ihr sagen, wer Lisaweta ermordet hat, fühlte die schreckliche Qual im voraus und suchte sich ihrer zu erwehren. Als er die Wohnung Katerina Iwanownas verließ und ausrief: – „Nun, was werden Sie jetzt sagen, Ssofja Ssemenowna?“ – da befand er sich offenbar noch in einem äußerlich erregten Zustande der Rüstigkeit und Kampflust, der Freude über den eben errungenen Sieg. Aber das hielt nicht vor. Als er die Wohnung von Kapernaumoff erreicht hatte, empfand er eine plötzliche Erschlaffung und Furcht. Er blieb in Gedanken vor der Türe stehen und legte sich die sonderbare Frage vor, – „muß ich denn sagen, wer Lisaweta ermordet hat?“ Die Frage war sonderbar, denn er fühlte doch zugleich, daß es gesagt werden müsse, und jetzt gleich ohne den geringsten Aufschub. Er wußte selber nicht, warum; aber er fühlte es, und dieses qualvolle Bewußtsein seiner Schwäche der Notwendigkeit gegenüber erdrückte ihn fast. Um nicht mehr zu überlegen und sich nicht mehr zu quälen, öffnete er schnell die Türe und schaute Ssonja von der Schwelle aus an. Sie saß auf den Tisch gestützt und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt; als sie Raskolnikoff erblickte, stand sie schnell auf und ging ihm entgegen, als hätte sie ihn erwartet.
„Was wäre aus mir geworden ohne Sie!“ – sagte sie hastig, als sie in der Mitte des Zimmers mit ihm zusammentraf.
Offenbar hatte sie ihn erwartet, um ihm dies zu sagen.
Raskolnikoff ging zu dem Tisch und setzte sich auf den Stuhl, von dem sie soeben aufgestanden war. Sie blieb zwei Schritte vor ihm stehen, genau wie gestern.
„Nicht wahr, Ssonja?“ – sagte er und fühlte plötzlich, daß seine Stimme zittere, – „die ganze Sache beruhte doch auf ‚der gesellschaftlichen Lage und auf den damit zusammenhängenden Gewohnheiten‘. Haben Sie es vorhin verstanden?“
Tiefes Leid zeigte sich auf ihrem Gesichte.
„Sprechen Sie nicht mit mir, wie gestern!“ – unterbrach sie ihn. – „Bitte, fangen Sie nicht an. Es ist schon genug Qual ...“
Sie lächelte schnell, aus Angst, daß ihm vielleicht der Vorwurf mißfallen könnte.
„Es war dumm von mir, von dort wegzugehen. Was mag jetzt dort geschehen? Ich wollte soeben wieder hingehen, aber ich dachte, daß Sie vielleicht ... kommen werden.“
Er erzählte ihr, daß Amalie Iwanowna sie aus der Wohnung jage, und daß Katerina Iwanowna fortgelaufen sei, „Gerechtigkeit zu suchen“.
„Ach, mein Gott!“ – erschrak Ssonja, – „gehen wir schnell hin ...“
Und sie ergriff ihre Mantille.
„Ewig ein und dasselbe!“ – rief Raskolnikoff gereizt, – „Sie denken bloß immer an die! Bleiben Sie bei mir.“
„Und ... Katerina Iwanowna?“
„Katerina Iwanowna wird Ihnen sicher nicht entgehen, sie wird selbst zu Ihnen kommen, wenn sie schon einmal das Haus verlassen hat,“ – fügte er mürrisch hinzu. – „Wenn sie Sie nicht zu Hause antrifft, werden Sie doch wieder daran schuld sein ...“
Ssonja setzte sich in qualvoller Unentschlossenheit auf einen Stuhl. Raskolnikoff schwieg, blickte zu Boden und überlegte.
„Angenommen, Luschin habe es jetzt nicht gewollt,“ – begann er, ohne Ssonja anzublicken. – „Wie, wenn er es gewollt hätte oder wenn es irgendwie in seinen Absichten gelegen wäre, – so hätte er Sie ins Gefängnis gebracht, wenn nicht ich und Lebesjätnikoff zufällig dagewesen wären! Nicht?“
„Ja,“ – antwortete sie mit schwacher Stimme, – „ja!“ – wiederholte sie zerstreut und voll Unruhe.
„Ich konnte doch wirklich verhindert sein! Und Lebesjätnikoff kam ganz zufällig hinzu.“
Ssonja schwieg.
„Nun, und wenn Sie ins Gefängnis gekommen wären, was dann? Erinnern Sie sich, was ich gestern sagte?“
Sie antwortete wieder nicht. Raskolnikoff wartete eine Weile.
„Ich dachte, Sie würden wieder schreien, – ‚ach, sprechen Sie nicht, hören Sie auf!‘“ – lachte Raskolnikoff, scheinbar gezwungen. – „Was, Sie schweigen wieder?“ – fragte er nach einem Augenblick. – „Man muß doch über etwas reden! Mir wäre es interessant zu erfahren, wie Sie jetzt eine ‚Frage‘, wie Lebesjätnikoff sagt, lösen würden.“ – Er schien den Faden zu verlieren. – „Nein, ich spreche in allem Ernst. Stellen Sie sich vor, Ssonja, daß Sie alle Absichten Luschins im voraus gewußt hätten, Sie hätten gewußt, daß dadurch Katerina Iwanowna und auch die Kinder völlig zugrunde gehen würden, auch Sie, als Dreingabe, – Sie selber rechnen sich ja nicht, drum sage ich als Dreingabe zu jenen. Poletschka ebenfalls ... denn ihr steht derselbe Weg bevor. Nun, also, – wenn man Ihnen plötzlich dies alles zur Entscheidung übergeben hätte, – soll er oder sollen jene am Leben bleiben, das heißt, soll Luschin am Leben bleiben und Scheußlichkeiten vollziehen oder soll Katerina Iwanowna sterben? Wie würden Sie entscheiden, wer von den beiden sollte sterben? Ich frage Sie!“
Ssonja blickte ihn unruhig an, – sie ahnte etwas besonderes in dieser unsicheren, weit ausgeholten Rede.
„Ich hatte ein Vorgefühl, daß Sie so etwas fragen werden,“ – sagte sie und sah ihn forschend an.
„Gut; mag sein, aber, wie soll es entschieden werden?“
„Warum fragen Sie, was unmöglich zu beantworten ist?“ – sagte Ssonja mit Widerwillen.
„Also, es ist besser, daß Luschin weiterlebt und Scheußlichkeiten verübt! Auch dieses haben Sie nicht gewagt zu entscheiden?“
„Ja, ich kenne doch die Vorsehung Gottes nicht ... Und warum fragen Sie, was man nicht fragen darf? Wozu solche leere Fragen? Wie kann es vorkommen, daß dieses von meiner Entscheidung abhängen soll? Und wer hat mich hier zum Richter bestellt, wer leben soll und wer nicht leben soll?“
„Wenn Gottes Vorsehung schon mitredet, da ist freilich nichts zu machen,“ – brummte Raskolnikoff finster.
„Sagen Sie besser offen, was Sie wollen!“ – rief Ssonja gramvoll aus. – „Sie haben wieder etwas im Sinn ... Sind Sie etwa nur gekommen, um mich zu quälen?“
Sie hielt es nicht aus und weinte plötzlich bitter. Er sah sie mit düsterer Schwermut an. Es verging eine geraume Weile.
„Du hast recht, Ssonja,“ – sagte er endlich leise.
Er war plötzlich verändert; der gemachte dreiste und kraftlos herausfordernde Ton war verschwunden. Selbst seine Stimme war schwächer geworden. „Ich habe dir selbst gestern gesagt, daß ich kommen werde, nicht um Verzeihung zu bitten, habe aber beinahe schon damit begonnen ... Von Luschin und Gottes Vorsehung habe ich meinetwegen gesprochen ... Ich habe damit um Verzeihung bitten wollen, Ssonja ...“
Er wollte lächeln, aber er brachte es nur zu einem kraftlosen und wehen Versuch. Er ließ den Kopf sinken und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
Da zog in sein Herz ein eigentümliches Gefühl, wie das eines brennenden Hasses gegen Ssonja. Selber betroffen und erschrocken über dieses Gefühl, erhob er plötzlich den Kopf und blickte sie aufmerksam an, aber er begegnete ihrem unruhigen und qualvoll besorgten Blicke; und vor der Liebe in diesem Blick verschwand sein Haß wie ein Gespenst. Es war nicht also das; er hatte das eine Gefühl für das andere gehalten. Das bedeutete bloß, daß der Augenblick gekommen war.
Wieder bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und senkte den Kopf. Plötzlich erbleichte er, stand vom Stuhle auf, sah Ssonja an und setzte sich, ohne ein Wort gesagt zu haben, mechanisch auf ihr Bett hin.
Dieser Moment war in seiner Empfindung jenem schrecklich ähnlich, als er hinter der Alten stand, das Beil aus der Schlinge schon hervorgezogen hatte und fühlte, daß „kein Augenblick mehr zu verlieren sei“.
„Was ist Ihnen?“ – fragte Ssonja erschreckt.
Er brachte kein Wort hervor. So hatte er sich das Geständnis nicht vorgestellt und begriff selbst nicht, was mit ihm jetzt vorging. Sie ging leise zu ihm hin, setzte sich neben ihn auf das Bett hin und wartete, ohne die Augen von ihm abzuwenden. Ihr Herz klopfte und stockte. Es wurde unerträglich; er wandte sein totenblasses Gesicht zu ihr; seine Lippen verzogen sich kraftlos in der Bemühung, etwas auszusprechen. Und Entsetzen drang in Ssonjas Herz.
„Was ist Ihnen?“ – sagte sie und wich ein wenig von ihm zurück.
„Nichts, Ssonja. Ängstige dich nicht ... Unsinn! Wirklich, wenn man es sich überlegt, – ist es Unsinn,“ – murmelte er mit dem Aussehen eines besinnungslosen Fieberkranken. – „Warum bin ich bloß gekommen, um dich zu quälen?“ – fügte er plötzlich hinzu, sie anblickend. – „Wirklich. Wozu? Ich lege mir immer diese Frage vor, Ssonja ...“
Er hatte sich vielleicht diese Frage vor einer Viertelstunde vorgelegt, jetzt aber sagte er es in völliger Kraftlosigkeit, kaum sich selber bewußt, und fühlte ein ständiges Frösteln im ganzen Körper.
„Ach, wie Sie sich quälen!“ – sagte sie mit ihm leidend und betrachtete ihn.
„Alles ist Unsinn! ... Höre, Ssonja,“ – er lächelte plötzlich, aber bleich und schwach, einen kurzen Moment – „erinnerst du dich, was ich dir gestern sagen wollte?“
Ssonja wartete voll Unruhe. –
„Ich sagte, als ich fortging, daß ich vielleicht für immer von dir Abschied nehme, aber wenn ich heute käme, so wollte ich dir sagen ... wer Lisaweta ermordet hat.“
Sie zitterte plötzlich am ganzen Körper.
„Nun, ich bin jetzt gekommen, es dir zu sagen.“
„Haben Sie gestern tatsächlich es ...,“ – flüsterte Ssonja mit Mühe, – „woher wissen Sie es denn?“ – fragte sie ihn schnell, als wäre sie plötzlich zur Besinnung gekommen.
Ssonja begann schwer zu atmen. Ihr Gesicht wurde immer bleicher und bleicher.
„Ich weiß es.“
Sie schwieg einen Augenblick.
„Hat man ihn gefunden?“ – fragte sie zaghaft.
„Nein, man hat ihn nicht gefunden.“
„Wie wissen Sie es denn?“ – fragte sie wieder kaum hörbar und nach einem fast minutenlangen Schweigen.
Er wandte sich zu ihr um und blickte sie scharf und unverwandt an.
„Errate es,“ – sagte er mit dem früheren wehen und kraftlosen Lächeln.
Ihren ganzen Körper schienen Krämpfe zu durchziehen. „Ja, Sie ... mich ... warum ... ängstigen Sie mich so?“ – fragte sie, lächelnd, wie ein Kind.
„Ich war doch wohl mit ihm sehr gut bekannt ... wenn ich es weiß,“ – fuhr Raskolnikoff fort und blickte ihr in einem fort ins Gesicht, als wäre er nicht imstande, die Augen abzuwenden, – „er wollte diese Lisaweta ... nicht ermorden ... Er hat sie ... zufällig ermordet ... Er wollte die Alte ermorden ... wenn sie allein war ... und kam hin ... Da trat aber Lisaweta ein ... Er hat sie dann ... auch ermordet.“
Wieder eine furchtbare Pause. Beide blickten die ganze Zeit einander an.
„Also, du kannst es nicht erraten?“ – sagte er plötzlich mit einem Gefühle, als stürze er sich von einem Turme hinab.
„N–nein,“ flüsterte Ssonja kaum hörbar.
„Sieh mal ordentlich her.“
Und kaum hatte er es gesagt, als eine schon einmal gehabte Empfindung seine Seele erstarren ließ, – er sah sie an und ihm war plötzlich, als erblickte er in ihrem Gesichte Lisawetas Ausdruck. So hatte sie ausgesehen, als er sich damals ihr mit dem Beile näherte und sie vor ihm mit vorgestreckter Hand, eine völlig kindliche Angst im Gesichte, zurückwich, genau, wie wenn kleine Kinder vor irgend etwas Angst bekommen, und unbeweglich und unruhig den sie ängstigenden Gegenstand anblicken, zurückweichen, die Händchen nach vorne strecken und sich anschicken, zu weinen. Fast dasselbe geschah jetzt auch mit Ssonja, – ebenso kraftlos, mit derselben Angst sah sie eine Weile ihn an, plötzlich streckte sie die linke Hand vor, stieß ihn ganz leicht mit den Fingern an die Brust, begann langsam vom Bette aufzustehen, wich immer mehr und mehr vor ihm zurück und ihr auf ihn gerichteter Blick wurde immer unbeweglicher. Ihr Entsetzen teilte sich plötzlich auch ihm mit, – dieselbe Angst erschien auch in seinem Gesichte, – er begann sie ebenso anzusehen und sogar fast mit demselben Lächeln eines geängsteten Kindes.
„Hast du es erraten?“ – flüsterte er endlich.
„Oh, Gott!“ – entrang sich ein furchtbarer Schrei ihrer Brust.
Sie fiel kraftlos auf das Bett mit dem Gesichte auf das Kopfkissen hin. Aber nach einem Augenblicke erhob sie sich schnell, rückte zu ihm hin, erfaßte seine beiden Hände, drückte sie stark mit ihren dünnen Fingern und begann von neuem ihm unbeweglich, wie fest gebannt, ins Gesicht zu blicken. Mit diesem letzten verzweifelten Blick wollte sie die winzigste letzte Hoffnung für sich herauslesen und erspähen. Aber es war keine Hoffnung; kein Zweifel blieb nach, alles war so! Nachher sogar, wenn sie sich an diesen Augenblick entsann, war es ihr seltsam und merkwürdig, – woraus hatte sie damals sofort gesehen, daß es keinen Zweifel mehr gab? Es war doch keine Rede davon, daß sie z. B. ein Vorgefühl von etwas derartigem gehabt hatte? Nun aber schien es ihr, nachdem er es ihr kaum gesagt hatte, als habe sie wirklich das alles geahnt.
„Genug, Ssonja, genug! Quäle mich nicht!“ – bat er mit einem Ausdrucke schweren Leidens.
Er hatte gar nicht, ganz und gar nicht gedacht, ihr in dieser Weise es zu sagen, aber es war so gekommen.
Sie sprang, wie außer sich, auf, rang die Hände und ging bis zur Mitte des Zimmers, aber sie wandte sich schnell um, setzte sich wieder neben ihn hin, so daß ihre Schultern sich fast berührten. Plötzlich fuhr sie, wie durchbohrt, zusammen, schrie auf und stürzte, ohne zu wissen, was sie tat, vor ihm auf die Knie hin.
„Was haben Sie, was haben Sie sich angetan!“ – sagte sie voll Verzweiflung, sprang von den Knien auf, warf sich ihm um den Hals, umarmte ihn und preßte ihn stark an sich.
Raskolnikoff wich zurück und blickte sie mit einem traurigen Lächeln an.
„Wie du sonderbar bist, Ssonja, – du umarmst und küßt mich, nachdem ich dir dieses gesagt habe. Du bist deiner selbst nicht bewußt.“
„Nein, es gibt jetzt niemand in der ganzen Welt, der unglücklicher ist, als du!“ – rief sie, wie in Verzückung, ohne seine Bemerkung gehört zu haben, und dann weinte sie laut und krankhaft.
Ein ihm seit langem unbekanntes Gefühl überflutete seine Seele und machte sie erweichen. Er sträubte sich nicht dagegen, – zwei Tränen rollten aus seinen Augen und blieben an den Wimpern hängen.
„Du wirst mich also nicht verlassen, Ssonja?“ – sagte er und blickte sie fast mit Hoffnung an.
„Nein, nein. Nie und nimmer!“ – rief Ssonja aus, – „ich werde dir folgen, ich werde dir überall hin folgen! Oh, Gott! ... Ach, ich Unglückliche! ... Und warum, warum habe ich dich nicht früher gekannt! Warum bist du nicht früher gekommen? Oh, Gott!“
„Ich bin doch gekommen.“
„Jetzt! Oh, was ist jetzt zu tun! ... Zusammen, zusammen!“ – wiederholte sie, wie bewußtlos, und umarmte ihn von neuem, – „ich werde mit dir in die Zwangsarbeit nach Sibirien gehen!“
Er zuckte zusammen, das frühere haßerfüllte und fast hochmütige Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.
„Ich will vielleicht nicht einmal in die Zwangsarbeit gehen, Ssonja,“ – sagte er.
Ssonja blickte ihn schnell an.
Nach dem ersten leidenschaftlichen und qualvollen Ausbruche des Mitgefühles für den Unglücklichen erschütterte sie wieder der schreckliche Gedanke an den Mord. In dem veränderten Tone seiner Worte spürte sie den Mörder. Sie blickte ihn erstaunt an. Sie wußte noch gar nichts, weder warum, noch wie, noch zu welchem Zwecke es geschehen war. Jetzt tauchten alle diese Fragen mit einem Male in ihrem Bewußtsein auf. Und wieder glaubte sie nicht, – „er, er ein Mörder! Ja, ist es denn möglich?“
„Was ist denn? Wo stehe ich denn?“ – sagte sie in tiefem Zweifel, als wäre sie noch nicht zu sich gekommen, – „wie konnten, wie konnten Sie, solch ein Mensch ... sich dazu entschließen ... Was war es denn!“
„Doch wohl, um zu rauben. Höre auf, Ssonja!“ – antwortete er müde und fast ärgerlich.
Ssonja stand wie betäubt, plötzlich aber rief sie aus: „Du warst hungrig! Du ... um der Mutter zu helfen? Ja?“
„Nein, Ssonja, nein,“ – murmelte er, sich abwendend und ließ den Kopf sinken, – „ich war nicht so hungrig ... ich wollte wohl der Mutter helfen, aber ... auch das ist nicht ganz richtig ... quäl mich nicht, Ssonja!“
Ssonja schlug die Hände zusammen.
„Ist es wirklich, ist es wirklich wahr! Oh, Gott, was ist das für eine Wahrheit? Wer kann denn daran glauben? ... Und wie, gaben Sie nicht selbst das Letzte fort, und haben ermordet, um zu rauben! Ah! ...“ – rief sie plötzlich, – „das Geld, das Sie Katerina Iwanowna gegeben haben ... dieses Geld ... oh, Gott, ist auch dieses Geld ...“
„Nein, Ssonja,“ – unterbrach er sie hastig, – „dieses Geld war nicht von dort, beruhige dich! Dieses Geld hat mir meine Mutter durch einen Kaufmann geschickt, und ich habe es erhalten, als ich krank war, am selben Tage, als ich es fortgegeben habe ... Rasumichin hat es gesehen ... er hat es für mich empfangen ... dieses Geld war mein eigenes, gehörte wirklich mir.“
Ssonja hörte ihm unentschlossen zu und versuchte mit allen Kräften etwas zu begreifen.
„Und jenes Geld ... ich weiß übrigens nicht mal, ob auch Geld da war,“ – fügte er leise und wie sinnend hinzu, – „ich habe ihr damals einen Beutel aus Sämischleder vom Halse genommen ... einen dicken, vollgestopften Beutel ... ich habe aber nicht hineingeblickt; wahrscheinlich hatte ich keine Zeit ... Nun, und die Sachen, allerhand Manschettenknöpfe und Ketten, – alle diese Sachen und den Beutel habe ich auf einem fremden Hofe, am W–schen Prospekt, unter einem Steine versteckt ... am andern Morgen noch ... Alles liegt jetzt noch dort ...“
Ssonja hörte angestrengt zu.
„Warum denn ... wenn Sie selbst sagten, um zu rauben, haben Sie doch nichts genommen?“ – fragte sie ihn schnell, nach einem letzten Strohhalme greifend.
„Ich weiß es nicht ... ich habe mich noch nicht entschlossen, – ob ich dieses Geld nehmen soll oder nicht,“ – sagte er wieder, wie sinnend, und plötzlich lächelte er schnell und kurz, – „ach, welch eine Dummheit habe ich soeben gesagt!“
Ssonja durchfuhr ein Gedanke, – „ist er etwa verrückt?“ Aber sie ließ ihn sofort fallen, – „nein, hier ist etwas anderes“. Aber sie begriff gar nichts, rein gar nichts!
„Weißt du, Ssonja,“ – sagte er plötzlich, wie in einer Eingebung, – „weißt du, was ich dir sagen will, – wenn ich bloß darum ermordet hätte, weil ich hungrig war,“ – fuhr er fort, betonte jedes Wort und blickte sie rätselhaft, aber aufrichtig an, – „so würde ich jetzt ... glücklich sein! Das sollst du wissen!“
„Und was läge, was läge dir daran,“ – rief er nach einem Augenblicke verzweifelt, – „nun, was läge dir daran, wenn ich sofort zugeben würde, daß ich schlecht gehandelt habe! Nun, was liegt dir an diesem dummen Triumphe über mich? Ach, Ssonja, bin ich etwa deswegen jetzt zu dir gekommen?“
Ssonja wollte etwas sagen, aber schwieg.
„Darum bat ich dich auch gestern mit mir zu gehen, weil ich jetzt dich nur allein habe.“
„Wohin gehen?“ – fragte Ssonja schüchtern.
„Nicht um zu stehlen und um zu morden, gewiß, nicht dazu,“ – lächelte er mit Spott, – „wir sind zu verschieden ... Und weißt du, Ssonja, ich habe erst jetzt, erst soeben begriffen, – wohin ich dich gestern rief mitzugehen! Gestern aber, als ich dich bat, wußte ich selbst nicht, wohin. Nur deshalb habe ich dich gebeten, nur deshalb bin ich gekommen, – daß du mich nicht verlassest. Wirst du mich verlassen, Ssonja?“
Sie drückte ihm fest die Hand.
„Und warum, warum habe ich es ihr gesagt, warum habe ich es ihr mitgeteilt,“ – rief er nach einem Augenblick voll Verzweiflung aus und sah sie mit grenzenloser Qual an, – „nun, erwartest du Erklärungen von mir, Ssonja, du sitzest und wartest, ich sehe es, – und was soll ich dir sagen? Du wirst doch nichts davon verstehen und bloß ganz vor Leid vergehen ... meinetwegen! Nun weinst du und umarmst mich wieder, – warum umarmst du mich? Weil ich es selbst nicht ertrug und gekommen bin, es auf einen andern abzuwälzen, – ‚leide auch du, mir wird es leichter sein!‘ Und kannst du solch einen Schuft lieben?“
„Quälst du dich nicht auch?“ – rief Ssonja aus.
Wieder überkam seine Seele das Gefühl von vorhin und machte sie auf einen Augenblick weich.
„Ssonja, ich habe ein böses Herz, merk es dir, – dadurch kann man vieles erklären. Ich bin auch darum hergekommen, weil ich böse bin. Es gibt solche, die nicht hergekommen wären. Ich aber bin ein Feigling und ... ein Schuft! Aber ... mag sein! Dies alles ist nicht das ... Jetzt gilt es zu reden, ich weiß aber nicht, wo anfangen ...“
Er hielt inne und sann nach.
„Ach, wir sind beide zu verschiedene Leute!“ – rief er wieder aus, – „passen nicht zueinander. Und warum, warum bin ich hergekommen! Ich werde es mir nie verzeihen.“
„Nein, nein, es ist gut, daß du gekommen bist!“ – rief Ssonja, – „es ist besser, daß ich es weiß! Viel besser!“
Er sah sie voll Schmerz an.
„So war es tatsächlich!“ – sagte er, als hätte er überlegt. – „Es war doch so! Siehst du, – ich wollte ein Napoleon werden, und darum habe ich ermordet ... begreifst du es jetzt?“
„N–nein,“ – flüsterte Ssonja naiv und schüchtern, – „sprich nur ... sprich! Ich werde es verstehen, ich werde für mich alles verstehen!“ – bat sie ihn.
„Du wirst verstehen? Nun, gut, wir wollen sehen!“
Er schwieg und überlegte lange.
„Siehst du, – ich habe mir einmal folgende Frage vorgelegt, – wenn zum Beispiel an meiner Stelle Napoleon gewesen wäre, und wenn er, um seine Karriere zu beginnen, weder Toulon, noch Ägypten, noch den Übergang über den Montblanc gehabt hätte, wenn aber statt aller schönen und monumentalen Dinge eine lächerliche Alte, die Witwe eines kleinen Beamten gewesen wäre, die man zudem noch ermorden mußte, um aus ihrem Koffer Geld zu stehlen – der Karriere wegen, verstehst du? – hätte er sich dazu entschlossen, wenn es keinen anderen Ausweg gegeben hätte? Wäre er nicht schokiert gewesen, weil es zu wenig monumental und ... weil es sündhaft war? Ich sage dir, daß ich mich über diese ‚Frage‘ schrecklich lange abgequält habe, so daß ich mich furchtbar schämte, als ich endlich auf den Gedanken kam – ganz plötzlich kam ich darauf –, daß es ihn nicht bloß nicht schokiert hätte, sondern ihm nicht einmal in den Sinn gekommen wäre, daß dies nicht monumental sei ... er hätte gar nicht begriffen, warum man dabei schokiert sein sollte? Und wenn er keinen anderen Ausweg gehabt hätte, so würde er, aber ohne daß sie gemuckst hätte, gemordet haben, ohne langes Nachdenken! Nun, und da ließ ich ... das Beil fallen ... mordete ... nach diesem Beispiel ... Genau so ist es vor sich gegangen! Dir erscheint es lächerlich? Ja, Ssonja, das Lächerlichste ist dabei, daß es vielleicht genau so vorgefallen war ...“
Ssonja war es nicht lächerlich.
„Sagen Sie es mir lieber ... ohne Beispiele,“ – bat sie noch schüchterner und leiser.
Er wandte sich zu ihr um, blickte sie traurig an und ergriff ihre Hände.
„Du hast wieder recht, Ssonja. Das ist alles Unsinn, ist leeres Geschwätz! Siehst du, – du weißt doch, daß meine Mutter fast nichts hat. Meine Schwester hat zufällig eine Erziehung erhalten und ist verurteilt, sich als Gouvernante ihr Leben lang durchzuschlagen. All ihre Hoffnung war ich allein. Ich studierte, fand aber nicht genügenden Unterhalt und war gezwungen, zeitweilig die Universität zu verlassen. Und selbst wenn es sich weiter hingezogen hätte, konnte ich etwa in zehn oder zwölf Jahren – und vorausgesetzt, daß meine Verhältnisse sich verbesserten, – hoffen, Lehrer oder Beamter mit tausend Rubel Gehalt zu werden ...“ – Er sprach, als hätte er es auswendig gelernt. – „Bis dahin wäre meine Mutter vor Sorgen und Kummer verkommen, und mir wäre es nicht gelungen, ihr ein ruhiges Leben zu schaffen, und meine Schwester ... nun, mit der Schwester konnte noch Schlimmeres passiert sein! ... Ja, und was für ein Vergnügen ist es, das ganze Leben an allem vorbeigehen und von allem sich abwenden zu müssen, die Mutter zu vergessen und die Beleidigung der Schwester zum Beispiel, demütig zu ertragen? Wozu? Um sich andere anzuschaffen, nachdem man sie beerdigt hat, – Frau und Kinder, um auch sie nachher ohne einen Groschen und ohne ein Stück Brot zu hinterlassen? So ... nun, da beschloß ich, mich des Geldes der Alten zu bemächtigen, es zu meinem Unterhalte an der Universität, ohne die Mutter mehr quälen zu müssen, und zu meinen ersten Schritten nach Beendigung des Studiums zu benutzen, – und dies alles gleich groß und radikal auszuführen, um eine vollkommen neue Laufbahn beginnen und einen neuen unabhängigen Weg betreten zu können ... das ist alles ... selbstverständlich, schlecht war, daß ich die Alte ermordet habe ... und jetzt genug davon!“
Völlig erschöpft schloß er seinen Bericht und ließ den Kopf sinken.
„Ach, es war nicht das, nicht das,“ – rief Ssonja gramvoll aus, – „kann man denn so ... nein, es ist nicht richtig, es ist nicht so!“
„Jetzt siehst du selbst, daß es nicht so war! ... Und ich habe doch aufrichtig berichtet, habe die Wahrheit gesagt!“
„Was ist denn das für eine Wahrheit! Oh, Gott!“
„Ich habe doch, Ssonja, bloß eine unnütze, häßliche, bösartige Laus ermordet.“
„Wie, ein Mensch ist eine Laus?“
„Ich weiß es auch selbst, daß es keine Laus ist,“ – antwortete er und blickte sie eigentümlich an. – „Aber ich lüge, Ssonja,“ – fügte er hinzu, „es ist alles gelogen ... Es war nicht das; du sagst die Wahrheit. Es waren ganz andere, vollkommen andere Gründe! ... Ich habe seit langem mit niemand gesprochen, Ssonja ... Der Kopf tut mir jetzt so weh.“
Seine Augen brannten in fieberhaftem Glanze. Er begann fast zu phantasieren; ein unruhiges Lächeln irrte um seine Lippen. Die ungeheure Erregung verbarg kaum die äußerste Schwäche. Ssonja begriff seine Selbstqual. Auch ihr begann der Kopf zu schwindeln. Und wie sonderbar er sprach, als sei alles selbstverständlich ... „aber wie denn ... Wie war es nur möglich? Oh, Gott!“ Und sie rang in Verzweiflung die Hände.
„Nein, Ssonja, es war nicht das!“ – begann er wieder, erhob plötzlich den Kopf, als hätte ihn eine andere Wendung der Gedanken überrascht und von neuem angeregt, – „es war nicht das! Besser ... du stellst dir vor ... ja! es ist wirklich besser! ... stell dir vor, daß ich ehrgeizig, neidisch, böse, niederträchtig, rachsüchtig bin ... nun ... und meinetwegen zum Irrsinn neige ... Mag alles gleich mitgerechnet werden! Davon, daß ich verrückt sei, sprach man schon früher, ich habe es wohl gemerkt! Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich auf der Universität selber meinen Unterhalt nicht finden konnte. Weißt du aber, daß ich es vielleicht doch hätte ermöglichen können? Meine Mutter hätte mir das Nötige fürs Studium geschickt, und Stiefel, Kleider und Essen hätte ich selbst verdient, sicher sogar! Es fanden sich Unterrichtsstunden für mich; man bot fünfzig Kopeken. Rasumichin arbeitet doch auch! Aber ich wurde böse und wollte es nicht. Ich wurde böse – das ist ein guter Ausdruck! Ich verkroch mich dann, wie eine Spinne, in meine Ecke. Du warst doch in meinem elenden Loche, hast es gesehen ... Aber weißt du auch, Ssonja, daß niedrige Decken und enge Zimmer die Seele und den Verstand bedrücken? Oh, wie ich dieses elende Loch haßte! Dennoch wollte ich nicht heraus! Ich wollte es absichtlich nicht! Tagelang ging ich nicht aus und wollte nicht arbeiten, wollte nicht mal essen und lag die ganze Zeit. Wenn mir Nastasja etwas brachte, – aß ich, wenn sie nichts brachte, – verging auch so der Tag; absichtlich, aus Bosheit, bat ich um nichts! Wenn ich nachts kein Licht hatte, lag ich im Dunkel, wollte aber nicht arbeiten, um ein Licht kaufen zu können. Ich mußte studieren, – habe aber die Bücher verkauft; auf dem Tische bei mir, auf den Kollegheften und Notizen liegt jetzt fingerdick der Staub. Ich zog es vor, zu liegen und zu grübeln. Und ich dachte die ganze Zeit ... immer hatte ich solche Träume, allerhand seltsame Träume, es lohnt sich nicht, von ihnen zu sprechen! Dann aber begann es mir vorzuschweben, daß ... Nein, es ist nicht richtig! Ich erzähle wieder nicht in der richtigen Weise! Siehst du, – ich fragte mich damals immer, warum bin ich so dumm, daß, wenn andere dumm sind, und wenn ich es sicher weiß, daß sie dumm sind, ich selbst nicht klüger sein will? Ich erkannte später, Ssonja, daß es zu lange dauern wird, wollte man warten, bis alle klug werden ... Ich erkannte auch, daß es niemals der Fall sein wird, daß die Menschen sich nicht verändern, daß niemand sie ändern kann, und daß es sich der Mühe nicht lohnt! Ja, es ist so! Das ist ihr Gesetz ... Das Gesetz, Ssonja! Es ist so! ... Und ich weiß jetzt, Ssonja, daß wer an Verstand und Geist stark und kräftig ist, der auch der Herrscher über sie ist! Wer viel wagt, der ist bei ihnen im Rechte! Wer auf das größere pfeifen kann, der ist bei ihnen auch Gesetzgeber, wer aber am meisten von allen wagen kann, der ist mehr im Rechte, als alle! In dieser Weise ist es bis jetzt vor sich gegangen und so wird es immer bleiben! Nur ein Blinder merkt es nicht!“
Während Raskolnikoff dies sagte, sah er wohl Ssonja an, aber er kümmerte sich nicht mehr darum, ob sie ihn verstehen würde oder nicht. Das Fieber hatte ihn völlig gepackt. Er war in einem finstern Enthusiasmus. Er hatte in der Tat zu lange mit niemand gesprochen. Und Ssonja verstand, daß dieser finstere Katechismus sein Glaube und sein Gesetz geworden war.
„Ich kam damals darauf, Ssonja,“ – fuhr er immer noch enthusiastisch fort, – „daß die Macht bloß demjenigen gegeben wird, der es wagt, sich zu bücken und sie zu nehmen. Das ist das einzige, nur das allein, – man muß wagen! Mir kam damals ein Gedanke, zum erstenmal im Leben, den niemand je vor mir gedacht hat. Niemand! Klar wie die Sonne erschien mir plötzlich der Gedanke: Warum hat bis jetzt kein einziger gewagt und wagt es nicht, wenn er an diesem ganzen Unsinn vorbeigeht, alles einfach am Schwanze zu packen und es zum Teufel zu werfen! Ich ... ich wollte es wagen und tötete ... ich wollte bloß wagen, Ssonja, das ist der ganze Grund!“
„Oh, schweigen Sie, schweigen Sie!“ – rief Ssonja und schlug die Hände zusammen. – „Sie haben Gott verlassen und Gott hat Sie gestraft, hat Sie dem Teufel überliefert! ...“
„Ja, Ssonja, – als ich damals in der Dunkelheit lag und mir all das vorschwebte, da hat mich der Teufel versucht? Nicht wahr?“
„Schweigen Sie! Spotten Sie nicht, Sie Gotteslästerer; nichts, nichts begreifen Sie! Oh, Gott! Er wird nichts, nichts verstehen!“
„Schweig, Ssonja, ich lache gar nicht, ich weiß es auch selbst, daß mich der Teufel zog. Schweig, Ssonja, schweig!“ – wiederholte er düster und beharrlich. – „Ich weiß alles. Ich habe mir dies alles überlegt und zugeflüstert, als ich damals im Dunkeln lag ... Ich habe über dies alles mit mir selbst bis zum kleinsten Punkt gestritten und weiß alles, alles! Und mir war dies ganze Geschwätz damals so zum Überdruß, so zum Überdruß! Ich wollte alles vergessen und von neuem anfangen, Ssonja, und aufhören zu schwatzen! Und denkst du etwa, daß ich, wie ein Dummkopf, blindlings hingegangen bin? Ich bin, wie ein Kluger, hingegangen, und das hat mich auch zugrunde gerichtet! Und meinst du etwa, ich hätte zum Beispiel nicht gewußt, daß, wenn ich überhaupt damit anfing, mich zu fragen und auszuhorchen, – ob ich ein Recht auf Macht habe, – ich schon deswegen dies Recht auf Macht nicht hatte. Oder wenn ich mir die Frage vorlegte, – ist der Mensch eine Laus? – da war schon der Mensch für mich keine Laus mehr, sondern war es eben für denjenigen, dem diese Frage nicht in den Sinn kam, und der ohne Fragen auf sein Ziel losgeht ... Als ich mich soviel Tage abquälte, ob Napoleon es getan hätte oder nicht, – da fühlte ich es doch deutlich, daß ich kein Napoleon war ... Ich habe die ganze Qual dieses ganzen Geschwätzes ertragen, Ssonja, und wollte sie ganz und gar von mir abschütteln, – ich wollte, Ssonja, ohne Kasuistik töten, meinetwegen, für mich allein töten! Ich wollte es nicht mal mir selbst vorlügen! Ich habe nicht darum getötet, um meiner Mutter zu helfen, – das ist Unsinn! Ich habe nicht darum getötet, um Mittel und Macht zu erhalten, und dann ein Wohltäter der Menschheit zu werden. Unsinn! Ich habe einfach getötet; für mich, für mich ganz allein habe ich getötet; ob ich aber irgend wessen Wohltäter geworden wäre, oder ob ich mein ganzes Leben, wie eine Spinne, alle in mein Gewebe eingefangen und aus allen die Lebenssäfte ausgesaugt hätte, – mußte mir in jenem Augenblicke vollkommen gleichgültig sein! ... Und nicht um das Geld war es mir in erster Linie zu tun, Ssonja, als ich tötete; nicht das Geld war mir so wichtig, es war etwas ganz anderes ... Ich weiß jetzt alles ... Verstehe mich, – wenn ich vielleicht denselben Weg weitergegangen wäre, würde ich niemals mehr einen Mord begangen haben. Ich mußte etwas anderes erfahren, etwas anderes trieb mich dazu, – ich mußte damals und schleunigst erfahren, ob ich eine Laus bin, wie alle, oder ein Mann? Bin ich imstande, hinwegzuschreiten oder nicht? Werde ich es wagen, mich zu bücken und die Macht aufzuheben oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur oder habe ich ein Recht ...“
„Zu töten? Ein Recht zu töten?“ – schlug Ssonja die Hände zusammen.
„Ach, Ssonja!“ – rief er gereizt aus, wollte ihr etwas erwidern, schwieg aber verächtlich. – „Unterbrich mich nicht, Ssonja! Ich wollte mir bloß beweisen, – daß der Teufel mich damals hinschleppte, mir aber nachher erklärte, daß ich kein Recht hatte, dort hinzugehen, weil ich eben so eine Laus bin, wie alle! Er hat seinen Spott mit mir getrieben, nun bin ich zu dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich nicht eine Laus wäre, würde ich dann zu dir gekommen sein? Höre, – als ich damals zu der Alten hinging, ging ich bloß, es zu versuchen ... Nun weißt du es!“
„Und haben getötet! Haben getötet!“
„Wie habe ich getötet? Ermordet man denn in dieser Weise? Geht man denn so hin zu töten, wie ich damals ging! Ich will dir einmal erzählen, wie ich hinging ... Habe ich denn die Alte getötet? Ich habe mich getötet, und nicht die Alte! Da habe ich mich mit einem Schlage auf ewig getroffen! ... Und diese Alte hat der Teufel getötet, aber nicht ich ... Genug, genug, Ssonja, genug! Laß mich,“ – rief er plötzlich in krankhaftem Grame, – „laß mich!“
Er stützte sich auf seine Knie und umklammerte mit beiden Händen den Kopf.
„Wie Sie leiden!“ – entrang sich Ssonja ein qualvoller Schrei.
„Was soll ich jetzt tun, sprich!“ – fragte er, erhob plötzlich den Kopf und blickte sie mit einem vor Verzweiflung schrecklich verzerrten Gesichte an.
„Was tun!“ – rief sie aus, sprang von ihrem Platze auf, und ihre Augen, die bis jetzt voll Tränen waren, funkelten plötzlich. – „Steh auf!“ – Sie packte ihn an den Schultern; er erhob sich und sah sie fast verwundert an. – „Geh sofort, gleich, stell dich auf einen Kreuzweg hin, beuge dich, küß zuerst die Erde, die du besudelt hast, dann beuge dich vor der ganzen Welt, in allen vier Richtungen und sage allen laut: – ‚ich habe getötet!‘ Dann wird dir Gott wieder Leben senden. Willst du gehen? Willst du gehen?“ – fragte sie ihn, am ganzen Körper zitternd, wie in einem Anfall, und faßte dabei seine beiden Hände und drückte sie stark und sah ihn mit feurigen Blicken an.
Er war erstaunt, ja, durch ihre plötzliche Begeisterung bestürzt.
„Du meinst die Zwangsarbeit, Sibirien, Ssonja? Daß ich mich selbst anzeigen soll?“ – fragte er finster.
„Das Leiden auf sich nehmen und dadurch Erlösung finden, das sollst du.“
„Nein! Ich gehe nicht zu ihnen, Ssonja.“
„Wie wirst du aber leben, leben? Wie wirst du weiterleben?“ – rief Ssonja. – „Ist es denn jetzt möglich? Und wie wirst du mit deiner Mutter sprechen? Oh, was wird, was wird jetzt mit ihnen geschehen! Ja, was sage ich! Du hast ja schon deine Mutter und Schwester verlassen. Du hast sie doch verlassen, sie verlassen. Oh, Gott!“ – rief sie, – „er weiß ja alles selbst! Nun, wie kann man denn ohne einen Menschen weiterleben! Was wird jetzt mit dir werden!“
„Sei kein Kind, Ssonja,“ – sagte er leise. – „Welche Schuld habe ich vor ihnen? Wozu soll ich hingehen? Was soll ich ihnen sagen? Das sind alles bloß Gespenster ... Sie vertilgen selbst Millionen von Menschen und halten es noch für eine Tugend. Sie sind Gauner und Schufte, Ssonja! ... Ich gehe nicht. Und was soll ich sagen, – daß ich getötet und nicht gewagt habe, das Geld zu nehmen, daß ich es unter einem Stein versteckt habe?“ – fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. – „Sie werden doch selbst über mich lachen, werden sagen, – er ist ein Dummkopf, daß er es nicht genommen hat. Ein Feigling und ein Dummkopf! Sie werden nichts, gar nichts verstehen, Ssonja, und sie sind nicht wert, es zu verstehen. Wozu soll ich hingehen? Ich gehe nicht hin. Sei kein Kind, Ssonja ...“
„Du wirst dich zu Tode quälen, zu Tode quälen,“ – wiederholte sie und streckte ihm in verzweifeltem Flehen die Hände entgegen.
„Ich habe mich vielleicht bloß verleumdet,“ – bemerkte er finster, wie sinnend, – „vielleicht bin ich doch ein Mensch und keine Laus, vielleicht habe ich mich übereilt verurteilt ... Ich will noch kämpfen.“
Ein hochmütiges Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen.
„Solche Qual zu tragen! Und das ganze, ganze Leben hindurch! ...“
„Ich werde mich gewöhnen ...,“ – sagte er düster und nachdenklich. – „Höre,“ – begann er nach einer Weile, – „es ist genug geweint, jetzt ist Zeit, die Sache zu bedenken, – ich bin gekommen, dir zu sagen, daß man mich jetzt sucht, mir nachstellt ...“
„Ach!“ – rief Ssonja erschrocken aus.
„Nun, warum schreist du? Du willst doch selbst, daß ich nach Sibirien gehe, jetzt aber erschrakst du? Eins aber will ich sagen, – ich ergebe mich ihnen nicht. Ich will mit ihnen noch kämpfen, und sie werden mir nichts tun können. Sie haben keine wirklichen Beweise. Gestern war ich in großer Gefahr und dachte, daß ich schon verloren sei; heute hat es sich verbessert. Alle ihre Beweise haben zwei Seiten, das will sagen, – ich kann ihre Beschuldigungen zu meinen Gunsten verwenden, verstehst du? Und ich werde sie zu meinen Gunsten verwenden, denn ich habe es jetzt gelernt ... Ins Gefängnis aber wird man mich sicher sperren. Wenn nicht ein Zufall hinzugekommen wäre, hätte man mich vielleicht schon heute geholt; vielleicht geschieht es heute noch ... Aber das tut nichts, Ssonja, – ich werde eine Zeitlang sitzen und man wird mich freilassen ... denn sie haben keinen einzigen wirklichen Beweis und werden ihn auch nicht bekommen, ich gebe mein Wort darauf. Mit dem aber, was sie besitzen, kann man einen Menschen nicht verurteilen. Nun, genug ... Ich sagte es bloß, damit du es weißt ... Mit meiner Mutter und Schwester will ich es so einzurichten versuchen, daß sie nicht daran glauben, damit sie nicht erschrecken ... Meine Schwester ist jetzt übrigens, wie es scheint, versorgt ... also auch meine Mutter ... Nun, das ist alles. Sei übrigens vorsichtig. Willst du zu mir ins Gefängnis kommen, wenn ich dort sein werde?“
„Oh, ich werde, werde kommen!“
Sie saßen nebeneinander, traurig und niedergeschlagen, als wären sie nach einem Sturme allein an einen einsamen Strand geschleudert worden. Er sah Ssonja an und fühlte ihre große Liebe, und seltsam, es fiel ihm plötzlich schwer und schmerzlich aufs Herz, daß er so geliebt wurde. Es war ein seltsames und furchtbares Gefühl! Als er zu Ssonja ging, empfand er, daß in ihr seine ganze Hoffnung und sein letzter Ausweg liege; er glaubte wenigstens einen Teil seiner Qualen abzuwälzen und jetzt, wo ihr ganzes Herz sich ihm zugewandt hatte, fühlte und erkannte er, daß er um vieles unglücklicher geworden war.
„Ssonja,“ – sagte er, – „komm lieber nicht zu mir, wenn ich im Gefängnis sein werde.“
Ssonja antwortete nicht, sie weinte. Es vergingen ein paar Minuten.
„Hast du ein Kreuz?“ – fragte sie plötzlich unerwartet, als sei es ihr eben eingefallen.
Er verstand zuerst die Frage nicht.
„Nein, du hast keins? – Hier, nimm dieses Kreuz aus Zypressenholz. Ich habe ein anderes, kupfernes von Lisaweta. Ich habe mit Lisaweta getauscht, – sie hat mir ihr Kreuz gegeben und ich ihr mein Heiligenbildchen. Ich will jetzt das Kreuz von Lisaweta tragen, dieses aber gebe ich dir. Nimm ... es gehört doch mir! Es ist doch mein Kreuz!“ – bat sie ihn, – „wir werden doch zusammen gehen und leiden, also wollen wir auch zusammen das Kreuz tragen! ...“
„Gib her!“ sagte Raskolnikoff.
Er wollte sie nicht betrüben, zog aber gleich wieder die Hand zurück, die er nach dem Kreuze ausgestreckt hatte.
„Nicht jetzt, Ssonja. Lieber später,“ – fügte er hinzu, um sie zu beruhigen.
„Ja, ja, es ist besser, es ist besser,“ – pflichtete sie ihm mit Begeisterung bei, – „wenn du gehst, um das Leiden auf dich zu nehmen, dann legst du es um. Du kommst dann zu mir, ich werde es dir umhängen, wir wollen dann beten und beide gehen.“
In diesem Augenblicke klopfte jemand dreimal an die Türe.
„Ssofja Ssemenowna, kann ich hereinkommen?“ – ertönte eine sehr bekannte höfliche Stimme.
Ssonja stürzte erschrocken zur Türe. Herr Lebesjätnikoff blickte in das Zimmer hinein.
V.
Lebesjätnikoff sah aufgeregt aus.
„Ich komme zu Ihnen, Ssofja Ssemenowna. Entschuldigen Sie ... Ich dachte mir, daß ich auch Sie treffen werde,“ – wandte er sich schnell an Raskolnikoff, – „das heißt, ich dachte nichts ... in dieser Hinsicht ... aber ich dachte ... Dort bei uns ist Katerina Iwanowna verrückt geworden,“ – schloß er plötzlich, zu Ssonja gewandt.
Ssonja schrie auf.
„Das heißt, es scheint wenigstens so ... Wir wissen nicht, was wir tun sollen, das ist es! Sie kam zurück ... man scheint sie irgendwo hinausgejagt, vielleicht auch geschlagen zu haben ... es scheint wenigstens so ... Sie war zu dem Vorgesetzten des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch gelaufen, hatte ihn nicht zu Hause getroffen; er war bei einem anderen General zu Mittag geladen ... Und stellen Sie sich vor, sie lief dann dorthin, ... zu diesem anderen General, stellen Sie sich vor, – sie bestand auf ihrem Verlangen, den Vorgesetzten von Ssemjon Sacharytsch zu sehen, und sie hat, wie es scheint, ihn von der Tafel rufen lassen. Sie können sich denken, was passiert ist. Man jagte sie selbstverständlich hinaus; sie erzählte, daß sie den General beschimpft und ihm sogar etwas ins Gesicht geschleudert habe. Das kann man ihr schon glauben ..., daß man sie nicht zur Polizei gebracht hat, – verstehe ich nicht! Jetzt erzählt sie es allen, auch Amalie Iwanowna, doch es ist schwer zu verstehen, was sie meint, denn sie schreit und wirft sich dabei mit dem Kopfe an die Wand ... Ach ja – sie sagt und schreit, da sie jetzt von allen verlassen sei, jetzt wolle sie mit den Kindern auf die Straße gehen, die einen Leierkasten tragen sollen, die Kinder müßten singen und tanzen, auch sie würde singen und Geld einsammeln, und Tag für Tag wolle sie vor den Fenstern des Generals stehen ... ‚Mögen alle sehen,‘ sagt sie, ‚wie die edlen Kinder eines angesehenen Beamten als Bettler in den Straßen herumgehen müssen!‘ Sie schlägt die weinenden Kinder, Lene lehrt sie ein Lied singen, den Knaben tanzen und Poletschka ebenfalls; reißt alle Kleider entzwei; macht ihnen Mützen, wie die Gaukler sie haben; sie selbst will ein Becken tragen, darauf schlagen, an Stelle der Musik ... Uns will sie gar nicht anhören ... Stellen Sie sich vor, wie soll das werden? Das geht doch nicht an!“
Lebesjätnikoff hätte noch weiter gesprochen, aber Ssonja, die ihm mit angehaltenem Atem zugehört hatte, griff rasch nach ihrer Mantille und ihrem Hut, lief aus dem Zimmer und kleidete sich im Gehen an. Raskolnikoff ging ihr nach und Lebesjätnikoff folgte ihm.
„Sie ist ganz gewiß verrückt geworden!“ – sagte er zu Raskolnikoff und trat mit ihm auf die Straße, – „ich wollte nur Ssofja Ssemenowna nicht so erschrecken und sagte deshalb – ‚es scheint‘, aber es kann keinen Zweifel darüber geben. Man hört oft, daß bei Schwindsucht im Gehirn solche Knollen entstehen; schade, daß ich nicht Medizin studiert habe. Ich versuchte übrigens, sie zu überzeugen, aber sie will nichts hören.“
„Haben Sie ihr von diesen Knollen gesprochen?“
„Das heißt, eigentlich nicht von den Knollen. Sie würde es doch nicht verstanden haben. Ich sage aber, – wenn man einen Menschen logisch überzeugen kann, daß er eigentlich keinen Grund hat, zu weinen, so hört er auch auf zu weinen. Das ist klar. Oder meinen Sie, daß er nicht aufhören wird?“
„Dann wäre das Leben leicht,“ – antwortete Raskolnikoff.
„Erlauben Sie, erlauben Sie bitte; gewiß, bei Katerina Iwanowna würde es ziemlich schwer fallen, sie verstände es nicht. Aber ist Ihnen nicht bekannt, daß in Paris schon ernste Versuche gemacht worden sind über die Möglichkeit, durch Anwendung von logischer Überredung Wahnsinnige zu heilen? Ein Professor dort, der vor kurzem gestorben ist, ein großer Gelehrter, hat sich ausgedacht, daß man sie in dieser Weise heilen kann. Sein Grundgedanke ist, daß bei den Wahnsinnigen eine besondere Störung im Organismus nicht vorgeht, und daß der Wahnsinn sozusagen ein logischer Fehler, ein Fehler der Urteilsfähigkeit, eine falsche Ansicht von Dingen ist. Er widerlegte allmählich den Kranken, und denken Sie sich, er soll Erfolge erzielt haben. Da er außerdem auch Duschen anwandte, so wurden die Erfolge dieser Behandlung bezweifelt ... Es scheint wenigstens so ...“
Raskolnikoff hörte ihm längst nicht mehr zu. Als er an seinem Hause ankam, nickte er mit dem Kopfe Lebesjätnikoff zu und bog in den Torweg ein. Lebesjätnikoff kam zu sich, blickte sich um und lief weiter.
Raskolnikoff trat in seine Kammer und blieb mitten darin stehen. Warum war er hierher zurückgekehrt? Er sah diese gelblichen, abgerissenen Tapeten, diesen Staub, sein Sofa an ... Vom Hofe drang ein hartes ununterbrochenes Klopfen; man schien Nägel einzuschlagen ... Er trat an das Fenster, hob sich auf den Zehen und blickte lange mit außerordentlicher Aufmerksamkeit im Hofe umher. Der Hof aber war leer und man sah die Klopfenden nicht. Links, im Seitengebäude war hie und da ein geöffnetes Fenster; auf den Fensterbrettern standen kleine Töpfe mit schwächlichen Geranien. Vor den Fenstern hing Wäsche ... Das ganze Bild kannte er auswendig. Er wandte sich ab und setzte sich auf das Sofa. Noch nie, nie hatte er sich so furchtbar einsam gefühlt!
Ja, er fühlte es noch einmal, daß er vielleicht Ssonja hassen werde, und zwar jetzt, wo er sie unglücklicher gemacht hatte.
Warum war er zu ihr hingegangen? Um um ihre Tränen zu bitten? Warum mußte er so unbedingt ihr Leben verkümmern? Oh, welche Gemeinheit.
„Ich bleibe allein!“ – sagte er plötzlich entschlossen, – „und sie soll nicht ins Gefängnis zu mir kommen!“
Nach etwa fünf Minuten erhob er den Kopf und lächelte eigentümlich. Es war ein merkwürdiger Gedanke: – „Vielleicht ist es in Sibirien tatsächlich besser.“
Er erinnerte sich nicht, wie lange er in seinem Zimmer sich mit den einstürmenden unklaren Gedanken abgegeben hatte. Da öffnete sich plötzlich die Türe und Awdotja Romanowna trat herein. Sie blieb zuerst stehen und blickte ihn von der Schwelle an, so wie er gestern Ssonja angeblickt hatte; kam dann herein und setzte sich auf einen Stuhl, auf ihren gestrigen Platz, ihm gegenüber. Er sah sie schweigend und augenscheinlich gedankenlos an.
„Sei mir nicht böse, Bruder, ich komme nur auf einen Augenblick,“ – sagte Dunja.
Der Ausdruck ihres Gesichtes war nachdenklich, aber nicht streng. Der Blick war klar und still. Er sah, daß auch sie mit Liebe zu ihm gekommen war.
„Bruder, ich weiß jetzt alles, alles. Mir hat Dmitri Prokofjitsch alles erklärt und erzählt. Man verfolgt und quält dich mit einem dummen und schändlichen Verdacht! ... Dmitri Prokofjitsch hat mir gesagt, daß für dich keine Gefahr vorhanden sei, daß du dich unnütz mit solch einem Schrecken befassest. Ich denke nicht, wie er, ich verstehe vollkommen, wie alles in dir empört sein muß, und daß diese Empörung in dir für immer Spuren hinterlassen kann. Davor habe ich Angst. Ich verurteile dich nicht und darf dich nicht verurteilen, daß du uns verlassen hast, verzeih mir, daß ich dir dies vorgeworfen habe. Ich weiß selbst, daß auch ich von allen fortgehen würde, wenn ich solch einen großen Kummer hätte. Ich werde der Mutter davon nichts sagen, will aber mit ihr immer über dich sprechen, und will in deinem Namen sagen, daß du sehr bald kommen wirst. Quäle dich nicht ihretwegen; ich werde sie beruhigen; aber quäle auch sie nicht zu sehr, – komm wenigstens noch einmal zu ihr; erinnere dich, daß sie unsere Mutter ist! Ich bin nur gekommen, um zu sagen,“ – Dunja stand auf, – „daß, falls du irgendwie mich brauchen solltest und wenn es ... mein Leben gälte ... so rufe mich, ich werde kommen. Leb wohl!“
Sie wandte sich schnell um und ging zur Türe.
„Dunja!“ – rief Raskolnikoff, stand auf und ging zu ihr, – „dieser Dmitri Prokofjitsch Rasumichin ist ein sehr guter Mensch.“
Dunja errötete ein wenig.
„Nun!“ – fragte sie nach einer Weile.
„Er ist ein tüchtiger, fleißiger, ehrlicher Mensch und ist starker Liebe fähig ... Leb wohl, Dunja.“
Dunja errötete, dann wurde sie unruhig.
„Was ist dir, Bruder, trennen wir uns denn wirklich für immer, daß du mir ... solch ein Vermächtnis machst?“
„Wie dem auch sei ... leb wohl ...“
Er kehrte sich um und ging zum Fenster. Sie blieb eine Weile stehen, sah ihn sorgenvoll an und ging mit dem Gefühle der Angst hinaus.
Er war ihr gegenüber nicht kälter! Es hatte einen Augenblick, in letzter Minute, gegeben, wo er die größte Lust verspürte, sie innig zu umarmen, von ihr Abschied zu nehmen und ihr alles zu sagen, aber er wagte ihr nicht einmal die Hand zu reichen.
„Sie würde vielleicht später noch erschauern bei dem Gedanken, daß ich sie umarmt habe, und würde sagen, daß ich ihr einen Kuß gestohlen hätte!“
„Würde sie dies ertragen können oder nicht?“ – fügte er nach einigen Minuten hinzu. – „Nein, sie würde es nicht ertragen können; eine solche Natur nicht ...“
Er dachte an Ssonja.
Vom Fenster kam eine kühle Luft. Draußen war es nicht mehr hell. Er nahm seine Mütze und ging hinaus.
Er konnte und wollte nicht auf seinen krankhaften Zustand achten. Aber diese ununterbrochenen Aufregungen und diese seelischen Erschütterungen konnten nicht ohne Folgen bleiben. Und wenn er noch nicht an einem heftigen Fieber daniederlag, so war es vielleicht darum, weil diese inneren ununterbrochenen Aufregungen ihn vorläufig noch aufrecht und bei Bewußtsein hielten.
Er irrte ziellos herum. Die Sonne ging unter. Eine eigenartige Angst begann in der letzten Zeit seiner Seele sich zu bemächtigen. Es war kein bohrender oder brennender Schmerz; etwas Beständiges oder Bleibendes aber ging von ihm aus; die Ahnung einer Reihe endloser kalter, toter Jahre lag darinnen, einer Ewigkeit auf dem „ellenbreiten Raume“. In den Abendstunden war dieses Gefühl stärker und peinvoller.
„Und mit diesen dummen, rein physischen Schwächen, die vom Sonnenuntergang abhängen konnten, soll man sich vor Dummheiten hüten! Da läuft man dann nicht bloß zu Ssonja hin, auch zu Dunja!“ – murmelte er haßerfüllt vor sich hin. Man rief ihn beim Namen. Er blickte sich um; Lebesjätnikoff eilte auf ihn zu.
„Denken Sie, ich war bei Ihnen, ich suchte Sie. Stellen Sie sich vor, sie hat wirklich ihre Absicht ausgeführt und die Kinder mitgenommen. Ich habe sie mit Ssofja Ssemenowna nur mit Mühe gefunden. Sie selbst schlägt auf eine Pfanne, und läßt die Kinder tanzen. Die Kinder weinen. Sie bleiben an Straßenecken und vor Läden stehen. Das dumme Volk läuft ihnen nach. Wir wollen hingehen!“
„Und Ssonja?“ – fragte Raskolnikoff unruhig und eilte Lebesjätnikoff nach.
„Sie ist ganz außer sich. Nicht Ssofja Ssemenowna, sondern Katerina Iwanowna ist außer sich; aber auch Ssofja Ssemenowna ist außer sich. Katerina Iwanowna ist aber ganz und gar aufgelöst. Ich sage Ihnen, sie ist vollkommen verrückt. Man wird sie noch zur Polizei bringen. Sie können sich vorstellen, wie das erst auf sie wirken wird ... Jetzt sind sie am Kanal bei der N.schen Brücke, gar nicht weit von Ssofja Ssemenownas Wohnung.“
Am Kanal, nicht weit von der Brücke und zwei Häuser von der Wohnung Ssonjas entfernt, hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt. Besonders Knaben und Mädchen liefen hin. Von der Brücke aus konnte man die heisere, überanstrengte Stimme von Katerina Iwanowna hören. Es war ein merkwürdiges Schauspiel, fähig, das Straßenpublikum zu fesseln. Katerina Iwanowna hatte ihr altes, abgetragenes Kleid an, einen Schal umgelegt und einen zerrissenen Strohhut auf; sie war tatsächlich ganz außer sich. Dabei war sie müde und rang nach Atem. Ihr abgehärmtes schwindsüchtiges Gesicht sah noch leidender aus; außerdem sieht ein Schwindsüchtiger draußen im Sonnenlicht stets kränklicher und mehr entstellt aus als zu Hause, – ihr aufgeregter Zustand nahm kein Ende, sie wurde mit jedem Augenblicke gereizter. Bald stürzte sie sich auf die Kinder, schrie sie an, redete ihnen zu, lehrte sie auf der Straße in Gegenwart aller, wie sie tanzen und was sie singen sollten, begann ihnen zu erklären, warum dies nötig sei, geriet in Verzweiflung, daß sie nicht begreifen wollten, und schlug sie ... Dann stürzte sie wieder ins Publikum, – wenn sie einen einigermaßen besser gekleideten Menschen entdeckte, der stehen blieb, um sich die Sache anzusehen, beeilte sie sich sofort, ihm zu erklären, daß es so weit, – mit – den Kindern „aus einem feinen, man kann sogar sagen aristokratischen Hause,“ gekommen war. Wenn sie unter den Zuschauern Lachen oder ein freches Wort hörte, wandte sie sich sofort an die Dreisten und begann sie zu schelten. Einige lachten darüber, andere wieder schüttelten die Köpfe; aber allen war es interessant, die Wahnsinnige mit ihren erschrockenen Kindern anzusehen. Die Pfanne, die Lebesjätnikoff erwähnt hatte, war nicht da; Raskolnikoff sah sie wenigstens nicht. Katerina Iwanowna schlug den Takt nicht auf einer Pfanne, sondern mit ihren mageren Händen, wenn sie Poletschka zum singen und Lene und Kolja zum tanzen veranlaßte. Sie fing selbst an mitzusingen, wurde jedoch jedesmal beim zweiten Tone von einem quälenden Husten unterbrochen; dann wurde sie von neuem verzweifelt, fluchte ihrem Husten und weinte sogar. Am meisten brachte sie das Weinen und die Angst Koljas und Lenes auseinander. Sie hatte wirklich den Versuch gemacht, die Kinder aufzuputzen, wie Straßentänzer und Gaukler. Der Knabe hatte einen Turban aus rotem und weißem Stoff, damit er einem Türken ähnle. Für Lene reichte es zu einem Kostüm nicht aus; sie hatte nur ein rotes, gestricktes Käppchen des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch auf dem Kopfe und an dieses Käppchen war eine abgebrochene Straußfeder befestigt worden, die noch der Großmutter von Katerina Iwanowna gehört hatte und die bis jetzt, als ein altes Familienstück, im Koffer aufbewahrt wurde. Poletschka war in ihrem gewöhnlichen Kleidchen. Sie blickte schüchtern und weltvergessen die Mutter an, wich nicht von ihrer Seite, verbarg die Tränen, ahnend, daß die Mutter wahnsinnig geworden sei, und sah unruhig um sich. Die Straße und die Menschenmenge hatten sie äußerst erschreckt. Ssonja wich keinen Schritt von Katerina Iwanowna, weinte und flehte sie an, nach Hause zurückzukehren. Katerina Iwanowna aber blieb unerbittlich.
„Höre auf, Ssonja, höre auf!“ – schrie sie hastig, außer Atem und hustend. – „Du weißt selbst nicht, was du bittest, du bist wie ein Kind! Ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich zu dieser vertrunkenen Deutschen nicht zurückkehren will. Mögen alle, ganz Petersburg sehen, wie die Kinder eines edlen Vaters, der sein ganzes Leben treu und redlich gedient hat, und man kann sagen, im Dienste gestorben ist, betteln gehen müssen.“ – Katerina Iwanowna hing schon an dieser Erfindung eigener Phantasie mit blindem Glauben. – „Mag es nur dieser schändliche Kerl von einem General sehen. Ja, du bist dumm, Ssonja, – was sollen wir denn essen, sage mir? Wir haben dich genug gepeinigt, ich will es nicht mehr! Ach, Rodion Romanowitsch, Sie sind es!“ – rief sie aus, als sie Raskolnikoff erblickte, und stürzte zu ihm hin, – „erklären Sie bitte dieser dummen kleinen Person, daß wir nichts klügeres tun konnten! Sogar Leierkastenmänner verdienen, bei uns aber werden alle bemerken und erfahren, daß wir eine arme feine Familie und Waisen sind, die an den Bettelstab gebracht wurden, und dieser Kerl von einem General wird seine Stelle verlieren. Sie werden es sehen! Wir werden jeden Tag vor seinen Fenstern stehen, und wenn der Kaiser vorbeifahren wird, will ich mich auf die Knie werfen und auf die Kinder will ich zeigen und sagen: – ‚Schütze sie, Vater!‘ Er ist der Vater aller Waisen, er ist barmherzig, er wird sie schützen, Sie werden es sehen, und diesen Kerl von einem General ... Lene! Tenez vous droite! Du, Kolja, wirst sofort wieder tanzen. Was heulst du? Er heult wieder! Nun, warum fürchtest du dich, Dummköpfchen! Oh, Gott! Was soll ich mit ihnen tun, Rodion Romanowitsch! Wenn Sie wüßten, wie unvernünftig sie sind! Was soll man mit ihnen tun! ...“
Und sie zeigte, fast weinend, was sie jedoch nicht hinderte, ununterbrochen und unaufhörlich zu reden, – auf die schluchzenden Kinder. Raskolnikoff versuchte sie zu überreden, nach Hause zu gehen und sagte ihr sogar, in der Meinung auf ihre Eigenliebe zu wirken, daß es für sie unpassend sei, wie Leierkastenleute in den Straßen umherzuziehen, weil sie doch beabsichtigte, die Vorsteherin einer Pension für junge Mädchen aus besseren Ständen ...
„Einer Pension für junge Mädchen, ha! ha! ha! Was weit herkommt, hat gut lügen – sagt das Sprichwort!“ – rief Katerina Iwanowna aus; nach dem Lachen überfiel sie ein starker Husten, – „nein, Rodion Romanowitsch, der Traum ist vorüber! Alle haben uns verlassen! ... Und dieser Kerl von einem General ... Wissen Sie, Rodion Romanowitsch, ich habe ihm ein Tintenfaß an den Kopf geworfen, – es stand gerade eins da, im Vorzimmer, neben dem Buche, wo alle ihre Namen eintragen, auch ich habe mich eingetragen, ich warf ihm das Tintenfaß an den Kopf und lief davon. Oh, gemeine, niederträchtige Menschen! Ich pfeife auf sie alle, ich will selbst die da füttern, will niemanden mehr anbetteln! Wir haben sie genug gequält!“ – und sie wies auf Ssonja. – „Poletschka, wieviel haben wir eingesammelt, zeige mir mal! Wie? Bloß zwei Kopeken? Oh, schändliche Menschen! Sie geben nichts, laufen uns bloß mit ausgestreckter Zunge nach! Nun, was lacht dieser Holzklotz?“ – sie zeigte auf einen in der Menge. – „Das kommt alles daher, weil Kolja so einfältig ist, man hat nur Schererei mit ihm! Was willst du, Poletschka? Sprich mit mir französisch, parlez moi français. Ich habe dich doch gelehrt, du kennst doch einige Sätze! ... Wie kann man denn erkennen, daß ihr aus feiner Familie, wohlerzogene Kinder seid und keine Leierkastenleute. Wir machen doch kein Kasperletheater auf den Straßen, wir wollen eine schöne feine Romanze singen ... Ach ja! Was sollen wir denn singen? Ihr unterbrecht mich in einem fort, wir sind ... sehen Sie, Rodion Romanowitsch, wir sind hier stehen geblieben, um auszusuchen, was wir singen sollen, – etwas, was auch Kolja vortanzen kann ... denn alles machen wir, Sie können es sich vorstellen, ohne Vorbereitungen. Wir wollen uns besprechen, um alles ordentlich durchzunehmen, dann gehen wir auf den Newski Prospekt, wo es bedeutend mehr Menschen aus der höchsten Gesellschaft gibt, die uns sofort bemerken werden. Lene kennt das Lied ‚Die Troika‘ ... Aber das kann man doch nicht immerwährend singen, die ganze Welt singt es ja! Wir müssen etwas viel Besseres singen ... Nun, was meinst du, Poletschka, du könntest doch der Mutter helfen! Ich erinnere mich an nichts mehr, ich habe alles vergessen! Ach, wollen wir doch französisch ‚Cinq sous‘ singen! Ich habe es euch doch gelehrt! Und da es französisch ist, werden alle sofort sehen, daß ihr adlige Kinder seid, und das ist bedeutend rührender ... Wir könnten sogar ‚Malbrough s’en va-t-en guerre!‘ singen, da es ein ausgesprochenes Kinderlied ist und in allen aristokratischen Häusern gesungen wird, wenn die Kinder zum Schlafen gebracht werden.“
Malbrough s’en va-t-en guerre Ne sait quand reviendra ...
begann sie zu singen ... „Nein, es ist besser ‚Cinq sous!‘ Nun, Kolja, stemme die Händchen in die Seiten, aber schneller, und du Lene, drehe dich in entgegengesetzter Richtung, ich werde mit Poletschka singen und in die Hände klatschen!
Cinq sous, cinq sous Pour monter notre ménage ...
Kche–kche–kche!“ (Und sie krümmte sich vor Husten.) „Bring dein Kleid in Ordnung, Poletschka, die Schultern sind entblößt,“ bemerkte sie, zwischen dem Husten atemholend. – „Ihr müßt euch jetzt besonders anständig und in feinem Tone benehmen, damit es alle sehen, daß ihr adlige Kinder seid. Ich habe damals gesagt, daß man die Taille länger und in doppelter Breite zuschneiden soll. Du kamst aber mit deinen Ratschlägen, Ssonja, – es kürzer und kürzer zu machen, nun jetzt siehst du, ist das Kind völlig verunstaltet ... Ihr weint wieder! Ja, warum weint ihr Dummen! Kolja, fang schneller an, schneller, – ach, wie dies Kind unerträglich ist! ...
Cinq sous, cinq sous –
Wieder ein Schutzmann! Nun, was willst du?“
Es drängte sich ein Schutzmann durch die Menge. Gleichzeitig näherte sich ihr ein Herr im Dienstrocke und Mantel, ein höherer Beamter, mit einem Orden am Halsbande – dieser Umstand war Katerina Iwanowna sehr erwünscht und hatte selbst Einfluß auf den Schutzmann, – und überreichte ihr schweigend einen grünen Dreirubelschein. Sein Gesicht drückte aufrichtiges Mitleid aus. Katerina Iwanowna nahm das Geld und verbeugte sich höflich, fast förmlich.
„Ich danke Ihnen, mein Herr,“ begann sie von oben herab, „die Gründe, die uns gezwungen haben ... nimm das Geld, Poletschka. Du siehst, es gibt noch edle und großmütige Menschen, die sofort bereit sind, einer armen adligen Dame im Unglücke zu helfen. Sie sehen adlige Waisen vor sich, mein Herr, man kann sogar sagen, mit aristokratischsten Verbindungen ... Und dieser Kerl von einem General saß am Tische und aß Haselhühner ... stampfte mit den Füßen, weil ich ihn gestört habe ... ‚Eure Exzellenz,‘ sagte ich, ‚schützen Sie die Waisen, da Sie den verstorbenen Ssemjon Sacharytsch gut kannten,‘ sagte ich, ‚und weil der gemeinste aller Schufte seine leibliche Tochter an seinem Todestage verleumdet hat ...‘ Wieder kommt dieser Schutzmann! Schützen Sie mich!“ rief sie dem Beamten zu, – „was will dieser Schutzmann von mir? Wir sind schon vor einem weggelaufen ... Nun, was geht es dich an, Dummkopf!“
„Es ist in den Straßen verboten. Machen Sie keinen Skandal!“
„Du bist selbst ein Skandalmacher! Ich gehe herum, wie jeder Leierkastenmann, was geht es dich an?“
„Zu einem Leierkasten muß man eine Erlaubnis haben. Sie sammeln aber in dieser Weise das Volk an. Wo wohnen Sie?“
„Wie, Erlaubnis,“ schrie Katerina Iwanowna. – „Ich habe heute meinen Mann beerdigt, was ist da für eine Erlaubnis nötig!“
„Bitte, beruhigen Sie sich, Madame,“ begann der vornehme Beamte, „kommen Sie, ich will Sie begleiten ... Hier unter den Leuten ist es unpassend ... Sie sind krank ...“
„Mein Herr, mein Herr, Sie wissen gar nicht!“ schrie Katerina Iwanowna, „wir wollen auf den Newski Prospekt gehen ... Ssonja, Ssonja! Wo ist sie denn? Sie weint auch! Was ist denn mit euch allen! ... Kolja, Lene, wohin geht ihr denn?“ rief sie plötzlich im Schreck, „oh, die dummen Kinder! Kolja, Lene, ja, wohin laufen sie denn? ...“
Als Kolja und Lene, bis aufs äußerste von der Menschenmenge und von der wahnsinnigen Mutter erschreckt, den Schutzmann erblickten, der sie nehmen und irgendwohin führen wollte, faßten sie einander wie auf Verabredung an den Händchen und liefen davon. Mit Geschrei und Weinen stürzte die arme Katerina Iwanowna ihnen nach, um sie einzuholen. Es war widerwärtig und traurig zu sehen, wie sie weinend und keuchend lief. Ssonja und Poletschka eilten ihr nach.
„Bring sie zurück, bring sie zurück, Ssonja! Oh, die dummen, undankbaren Kinder! ... Polja! Fange sie ein ... Ich habe es doch für euch ...“
Sie stolperte im vollen Laufe und fiel hin.
„Sie hat sich blutig geschlagen! Oh, Gott!“ rief Ssonja aus, sich über sie beugend.
Alle liefen hin und drängten sich um sie. Raskolnikoff und Lebesjätnikoff waren als die ersten zur Stelle, der Beamte eilte auch hinzu und ihm folgte der Schutzmann, der etwas wie „Ach ja!“ brummte und den Kopf schüttelte, in der Vorahnung, daß die Sache ihm viel zu schaffen machen würde.
„Geht weiter, geht!“ er jagte die Menschen, die umherstanden, auseinander.
„Sie stirbt!“ rief jemand.
„Sie hat den Verstand verloren!“ sagte ein anderer.
„Gott schütze sie!“ bemerkte eine Frau und schlug ein Kreuz. – „Hat man den Jungen und das Mädel gekriegt? Ja, da bringt man sie, die älteste hat sie eingeholt ... Was ihnen nur einfiel!“
Als man aber Katerina Iwanowna näher betrachtet hatte, sah man, daß sie sich gar nicht an den Steinen blutig geschlagen hatte, wie Ssonja angenommen, sondern daß das Blut, das den Fahrdamm besudelte, aus Brust und Mund kam.
„Das kenne ich aus Erfahrung,“ sagte der Beamte leise zu Raskolnikoff und Lebesjätnikoff, „das ist Schwindsucht; das Blut stürzt hervor und man erstickt. Einer Verwandten von mir ist es jüngst ähnlich gegangen, ich habe es selbst gesehen, ein halbes Glas kam ... und so plötzlich ... Was soll man tun, sie wird gleich sterben.“
„Bringt sie zu mir, hier in der Nähe!“ flehte Ssonja, „ich wohne hier ... in dem Hause, das zweite von hier ... Schnell, schnell! ...“ wandte sie sich aufgeregt an alle. „Holt einen Arzt ... Oh Gott!“
Dank der Bemühungen des Beamten ging die Sache glatt vor sich, sogar der Schutzmann half Katerina Iwanowna hinübertragen. Man brachte sie fast tot in Ssonjas Zimmer und legte sie auf das Bett. Das Blut hörte noch nicht auf zu fließen, aber Katerina Iwanowna kam langsam zu sich. In das Zimmer traten gleichzeitig außer Ssonja, Raskolnikoff und Lebesjätnikoff, der Beamte und der Schutzmann, nachdem er vorher die Menge auseinandergejagt hatte, von der einige bis zur Türe gefolgt waren. Poletschka kam auch mit Kolja und Lene, die zitterten und weinten; sie hielt sie an den Händen. Auch von Kapernaumoff kamen Leute, er selbst, lahm und krumm, von seltsamem Aussehen mit borstigen Haaren und Backenbart; seine Frau, die immer ein erschrockenes Aussehen hatte und einige ihrer Kinder mit offenem Munde und immer erstauntem, hölzernem Gesichtsausdruck. Unter diesem Publikum befand sich auch Sswidrigailoff. Raskolnikoff blickte ihn verwundert an, ohne zu begreifen, wie er hierher gekommen sei, da er sich seiner unter der Menge nicht entsann. Man sprach davon, einen Arzt und einen Priester holen zu lassen. Obwohl der Beamte Raskolnikoff auch zugeflüstert hatte, daß ein Arzt, wie es ihm schien, jetzt wohl überflüssig sei, sandte man doch nach ihm. Kapernaumoff lief selbst fort.
Unterdessen war Katerina Iwanowna zu sich gekommen und das Blut hörte für eine Weile auf zu fließen. Sie sah unverwandt mit einem schmerzlichen und durchdringenden Blick auf die bleiche und bebende Ssonja, die ihr mit einem Taschentuche die Schweißtropfen auf der Stirn abtrocknete; schließlich bat sie, man möge sie aufrichten. Man setzte sie auf und stützte sie von beiden Seiten.
„Wo sind die Kinder?“ fragte sie mit schwacher Stimme. – „Hast du sie gebracht, Polja? Oh, ihr dummen ... Warum lieft ihr fort ... Ach!“
Blut bedeckte noch ihre trockenen Lippen. Sie blickte sich um.
„Also, hier lebst du, Ssonja! Ich war nie bei dir gewesen ... jetzt erst bin ich dazu gekommen ...“
Sie blickte sie unendlich traurig an.
„Wir haben dich ausgesaugt, Ssonja ... Polja, Lene, Kolja, kommt her ... Da sind sie alle, Ssonja, nimm sie ... aus meiner Hand ... ich bin fertig! ... Das Fest ist aus! H–a ... Legt mich nieder und laßt mich wenigstens ruhig sterben ...“
Man legte sie wieder auf die Kissen zurück.
„Was? Einen Priester? ... Ist nicht nötig. Habt ihr einen überflüssigen Rubel? ... Ich habe keine Sünden! ... Gott muß mir auch ohnedem vergeben ... Er weiß, wie ich gelitten habe! ... Und wenn er nicht vergibt, so ist es auch gut! ...“
Ein unruhiges Phantasieren bemächtigte sich ihrer mehr und mehr. Zuweilen fuhr sie auf, blickte um sich, erkannte alle auf einen Augenblick, und das Bewußtsein schwand wieder. Sie atmete schwer und röchelnd.
„Ich sagte ihm: ‚Ew. Exzellenz!‘ ...!“ rief sie und holte nach jedem Worte Atem, „diese Amalie Ludwigowna ... ach! Lene, Kolja! Die Händchen in die Hüften, schneller, schneller, glissez, glissez, pas de basque! Stampf mit den Füßchen ... Sei ein graziöses Kind.
Du hast Diamanten und Perlen ...
Wie geht es weiter? Das sollten wir singen ...
Du hast die schönsten Augen Mädchen, was willst du noch mehr? ...
Das ist nicht ganz richtig! Was willst du noch mehr – was sich dieser Holzklotz dabei gedacht hat? ... – Ach ja, oder ein anderes Lied
In mittäglicher Glut ...
Ach, wie ich es liebte ... Ich habe dieses Lied sehr geliebt, Poletschka! ...
In mittäglicher Glut im Tale Daghestans ...
Weißt du, dein Vater sang es ... als Bräutigam noch ... Oh, die Tage! ... Das sollten wir singen! Nun, wie heißt es denn ... ich habe es vergessen ... helft mir doch dabei ... wie heißt es denn?“ – Sie war in furchtbarer Erregung und versuchte aufzustehen. Mit schrecklicher, heiserer und überschnappender Stimme, bei jedem Worte außer Atem, schreiend und mit einer sich steigernden Angst begann sie zu singen:
„In mittäglicher Glut ... im Tale ... Daghestans ... Mit Blei in der Brust ...
Ew. Exzellenz!“ schrie sie plötzlich herzzerreißend und in Tränen ausbrechend, „schützen Sie die Waisen! Eingedenk der Gastfreundschaft des verstorbenen Ssemjon Sacharytsch! ... Man kann sogar sagen, aus einem aristokratischen ... Ha–a!“ fuhr sie auf, zur Besinnung kommend und betrachtete alle mit Entsetzen, erkannte aber sofort Ssonja. – „Ssonja, Ssonja!“ sagte sie sanft und freundlich, als wäre sie erstaunt, sie vor sich zu sehen, „Ssonja, liebe Ssonja, du bist auch hier?“
Man richtete sie wieder auf.
„Genug! ... Es ist Zeit! ... Lebwohl, Armselige! ... Die Stute ist abgehetzt! ... Zu Tode gehetzt!“ rief sie verzweifelt und haßerfüllt aus und fiel mit dem Kopfe auf das Kissen zurück.
Sie verlor von neuem das Bewußtsein, und ohne es wieder erlangt zu haben, fiel ihr blaßgelbes abgemagertes Gesicht nach hinten, der Mund öffnete sich, die Füße streckten sich krampfhaft aus. Sie stöhnte tief auf und starb.
Ssonja warf sich auf die Leiche, faßte sie mit den Händen, lehnte den Kopf an die magere Brust der Verstorbenen und verharrte so lange. Poletschka fiel zu den Füßen der Mutter nieder und küßte sie laut schluchzend. Kolja und Lene, die noch nicht verstanden hatten, was geschehen war, aber etwas Schreckliches ahnten, faßten einander mit beiden Händen an den Schultern, starrten einander in die Augen und begannen zu schreien. Beide waren noch aufgeputzt, – er im Turban, sie in dem Käppchen mit der Straußenfeder.
Und wie kam das Ehrendiplom auf das Bett neben Katerina Iwanowna hin? Es lag neben dem Kissen, Raskolnikoff hatte es gesehen.
Er ging zum Fenster. Lebesjätnikoff kam eilig zu ihm.
„Sie ist gestorben!“ sagte Lebesjätnikoff.
„Rodion Romanowitsch, ich muß Ihnen ein paar wichtige Worte sagen,“ trat Sswidrigailoff heran.
Lebesjätnikoff trat ihm sofort seinen Platz ab und verschwand zartfühlend. Sswidrigailoff führte den erstaunten Raskolnikoff in eine abgelegene Ecke hin.
„Diese ganze Schererei, das heißt die Beerdigung und alles übrige nehme ich auf mich. Wissen Sie, es kommt doch bloß auf das Geld an, und ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich überflüssiges habe. Diese zwei Sprößlinge und diese Poletschka will ich in einer besseren Anstalt für Waisenkinder unterbringen und will für jeden bis zur Volljährigkeit fünfzehnhundert Rubel in eine Bank einzahlen, so daß Ssofja Ssemenowna vollkommen unbesorgt sein kann. Auch sie will ich aus dem Pfuhle herausziehen, denn sie ist ein gutes Mädchen, nicht wahr? Und so teilen Sie Awdotja Romanowna mit, daß ich ihre zehntausend in dieser Weise verbraucht habe.“
„Welche Absichten verfolgen Sie bei diesen übergroßen Guttaten?“ fragte Raskolnikoff.
„Ach! Sie mißtrauischer Mensch!“ lachte Sswidrigailoff. – „Ich habe doch gesagt, daß dieses Geld bei mir überflüssig liegt. Einfach aus Menschlichkeit, das lassen Sie bei mir nicht gelten? Sie war doch keine ‚Laus‘ gewesen – (er zeigte mit dem Finger auf die Ecke, wo die Verstorbene lag) – wie irgendeine alte Wucherin. Gestehen Sie doch selbst, – ‚soll Luschin tatsächlich weiterleben und Scheußlichkeiten verüben, oder sie sterben?‘ Und wenn ich nicht helfe, so muß doch Poletschka den nämlichen Weg gehen ...“
Er sagte es spöttisch mit zugekniffenen Augen und ohne den Blick von Raskolnikoff abzuwenden. Raskolnikoff erbleichte, es durchzog ihn ein Schauer, als er seine eigenen Worte wieder hörte, die er zu Ssonja gesprochen hatte. Er fuhr zurück und blickte Sswidrigailoff fassungslos an.
„Wo–woher ... wissen Sie?“ flüsterte er, kaum atmend.
„Ich wohne ja hier, hinter der Wand bei Madame Rößlich. Hier wohnt Kapernaumoff und dort Madame Rößlich, eine alte und sehr ergebene Bekannte von mir. Ich bin ihr Nachbar.“
„Sie?“
„Ja, ich,“ fuhr Sswidrigailoff fort, sich vor Lachen schüttelnd, „und ich kann Sie auf Ehre versichern, lieber Rodion Romanowitsch, daß Sie mich kolossal interessiert haben. Ich habe doch gesagt, daß wir einander näher kommen werden, ich habe es Ihnen vorausgesagt, – nun sind wir auch einander näher gekommen. Und Sie werden sehen, wie verträglich ich bin. Sie werden sehen, daß es sich mit mir noch leben läßt ...“