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Sämtliche Werke 1-2

Dritter Teil

E. K. Rahsin translation

I.

Raskolnikoff erhob sich und setzte sich auf das Sofa. Er winkte mit der Hand schwach Rasumichin ab, damit er dem Strome seiner eifrigen Trostspendung an Mutter und Schwester ein Ende mache, nahm beider Hände und blickte etwa zwei Minuten schweigend bald die eine, bald die andere an. Die Mutter erschrak vor seinem Blick. In diesem Blicke lag ein bis zur Qual gesteigertes Gefühl, aber gleichzeitig etwas Starres, fast Irrsinniges. Pulcheria Alexandrowna begann zu weinen.

Awdotja Romanowna war bleich, ihre Hand zitterte in der des Bruders.

„Geht nach Hause ... mit ihm,“ sagte er mit stockender Stimme und wies auf Rasumichin, „bis morgen; morgen wird alles ... Seid ihr schon lange angekommen?“

„Heute abend, Rodja,“ antwortete Pulcheria Alexandrowna, „der Zug hat sich schrecklich verspätet. Rodja, ich will aber jetzt um keinen Preis der Welt von dir gehen! Ich schlafe hier neben dir ...“

„Quält mich nicht!“ sagte er und machte eine gereizte Bewegung mit der Hand.

„Ich bleibe bei ihm!“ rief Rasumichin. „Ich will ihn keinen einzigen Augenblick verlassen, und hol der Teufel alle meine Gäste, mögen sie außer sich sein! Mein Onkel mag dort repräsentieren.“

„Wie, wie soll ich Ihnen danken!“ begann Pulcheria Alexandrowna und drückte von neuem Rasumichin die Hand, aber Raskolnikoff unterbrach sie.

„Ich kann nicht, kann nicht,“ wiederholte er gereizt, „quält mich nicht! Genug, geht weg ... Ich kann nicht! ...“

„Gehen wir, Mama, gehen wir wenigstens auf einen Augenblick aus dem Zimmer heraus,“ flüsterte die erschrockene Dunja, „wir martern ihn, man sieht’s doch.“

„Soll ich denn gar nicht bei ihm sein, nach drei Jahren langer Trennung!“ weinte Pulcheria Alexandrowna.

„Wartet!“ hielt Raskolnikoff sie zurück, „ihr unterbrecht mich immer, und meine Gedanken verwischen sich ... Habt ihr Luschin gesehen?“

„Nein, Rodja, aber er weiß schon, daß wir angekommen sind. Wir haben gehört, Rodja, daß Peter Petrowitsch so gut war und dich heute besucht hat,“ fügte ein wenig schüchtern Pulcheria Alexandrowna hinzu.

„Ja ... er war so gut ... Dunja, ich habe vorher Luschin gesagt, daß ich ihn die Treppe hinunterwerfen werde und habe ihn zum Teufel gejagt ...“

„Rodja, was ist dir! Du hast sicher ... du willst doch nicht sagen,“ begann Pulcheria Alexandrowna erschreckt, hielt aber vor einem Blick Dunjas inne.

Awdotja Romanowna sah den Bruder aufmerksam an und wartete auf das, was er weiter sagen würde. Beide waren schon von dem Streite durch Nastasja benachrichtigt, so weit sie es selber begriffen hatte und mitteilen konnte, und hatten unter der Ungewißheit und Erwartung gelitten.

„Dunja,“ fuhr Raskolnikoff mit Mühe fort, „ich wünsche diese Heirat nicht, und darum mußt du morgen noch Luschin absagen, damit er völlig verschwinde.“

„Mein Gott!“ rief Pulcheria Alexandrowna aus.

„Bruder, überlege, was du sprichst!“ begann Awdotja Romanowna erregt, aber hielt sofort an sich. „Du bist vielleicht jetzt nicht imstande, du bist müde,“ fügte sie sanft hinzu.

„Gar im Fieber? Nein ... Du heiratest Luschin um meinetwillen. Ich aber nehme das Opfer nicht an. Und darum schreibe morgen den Brief ... mit der Absage ... Gib ihn mir morgen früh zu lesen, und Schluß damit!“

„Ich kann es nicht tun!“ rief das gekränkte Mädchen aus. „Mit welchem Recht ...“

„Dunetschka, du bist zu hitzig, hör auf, morgen ... Siehst du denn nicht ...“ suchte die erschrockene Mutter zu beruhigen. „Ach, gehen wir besser fort!“

„Er redet im Fieber!“ rief der berauschte Rasumichin. „Sonst würde er das nicht sagen! Morgen ist dieser ganze Unsinn verschwunden ... Heute hat er ihn wohl hinausgejagt. Das ist wahr. Nun, und jener wurde böse ... Er hat hier schöne Reden gehalten, seine Kenntnisse ausgekramt und ging dann mit eingezogenem Schwanz weg ...“

„Also, es ist wahr?“ rief Pulcheria Alexandrowna aus.

„Bis auf morgen, Bruder!“ sagte Dunja mitleidsvoll. „Gehen wir, Mama ... Leb wohl, Rodja!“

„Hörst du, Schwester,“ rief er ihnen mit letzten Kräften nach, „ich phantasiere nicht; diese Heirat ist eine Schuftigkeit. Mag ich ein Schuft sein, du aber darfst nicht ... einer von beiden ... und wenn ich auch ein Schuft bin, aber so eine Schwester will ich nicht als Schwester anerkennen. Entweder ich oder Luschin! Geht ...“

„Du bist verrückt geworden! Despot!“ brüllte Rasumichin, aber Raskolnikoff antwortete nicht mehr, vielleicht hatte er auch nicht mehr die Kraft, zu antworten.

Er hatte sich auf das Sofa gelegt und sich in völliger Ermattung der Wand zugekehrt. Awdotja Romanowna blickte Rasumichin voll Interesse an; ihre schwarzen Augen funkelten, – Rasumichin zuckte unter diesem Blicke zusammen. Pulcheria Alexandrowna stand, wie vom Donner gerührt, da.

„Ich kann nicht weggehen!“ flüsterte sie fast verzweifelt Rasumichin zu, „ich bleibe hier, irgendwo ... begleiten Sie Dunja.“

„Und Sie werden die ganze Sache verderben!“ flüsterte Rasumichin außer sich. „Gehen wir wenigstens auf die Treppe hinaus. Nastasja, leuchte uns! Ich schwöre Ihnen,“ fuhr er im Flüstertone fort, als sie schon auf der Treppe waren, „daß er vorhin beinahe mich und den Arzt verprügelt hätte! Verstehen Sie! Selbst den Arzt! Und der gab nach, um ihn nicht zu reizen und ging fort, ich aber blieb unten, um auf ihn aufzupassen, er hatte sich aber inzwischen angekleidet und entschlüpfte mir. Er wird uns auch jetzt entschlüpfen, wenn Sie ihn reizen werden, und es ist Nacht, und er kann sich etwas antun ...“

„Ach, was sagen Sie?“

„Und Awdotja Romanowna kann auch nicht ohne Sie allein in diesen möblierten Zimmern bleiben! Denken Sie nach, wo Sie abgestiegen sind! Dieser Schuft Peter Petrowitsch konnte Ihnen doch eine bessere Wohnung ... Übrigens, wissen Sie, ich bin ein wenig betrunken und habe darum ... ihn geschimpft; beachten Sie es nicht ...“

„Ich gehe zu seiner Wirtin,“ bestand Pulcheria Alexandrowna auf ihrer Absicht, „ich will sie bitten, mir und Dunja einen Platz für diese Nacht zu geben. Ich kann ihn nicht so verlassen, ich kann nicht!“

Während sie darüber sprachen, standen sie auf dem Treppenabsatz vor der Türe zu der Wohnung der Wirtin. Nastasja leuchtete ihnen von der letzten Stufe herab. Rasumichin war ungewöhnlich erregt. Vor einer halben Stunde noch, als er Raskolnikoff nach Hause begleitete, war er wohl übermäßig geschwätzig und wußte es auch, er war aber völlig munter und ganz frisch, ungeachtet des fürchterlichen Quantums Wein, das er an diesem Abend getrunken hatte. Jetzt aber geriet er in Ekstase und der ganze Wein schien mit einem Male mit verstärkter Macht ihm zu Kopf gestiegen zu sein. Er stand vor den beiden Damen, hatte sie beide an den Händen gefaßt, redete auf sie ein und machte ihnen mit erstaunlicher Offenheit Vorstellungen und wahrscheinlich, um sie besser zu überzeugen, preßte er bei jedem Worte, wie mit Klammern, ihre Hände, daß ihnen die Tränen kamen und schien Awdotja Romanowna mit den Augen zu verschlingen, ohne sich dabei groß zu genieren. Vor Schmerz suchten sie ihre Hände aus seiner großen und knochigen Hand zu befreien, aber er merkte den Grund nicht und zog beide noch stärker zu sich. Wenn sie ihm in diesem Augenblicke befohlen hätten, ihnen zuliebe sich von der Treppe kopfüber hinabzustürzen, er hätte es getan, ohne sich zu besinnen und zu zögern. Pulcheria Alexandrowna, ganz aufgeregt im Gedanken an ihren Rodja, fühlte wohl, daß der junge Mann sehr exzentrisch sei und zu schmerzhaft ihre Hand drücke, aber da er doch für sie ein Stück Vorsehung war, so wollte sie alle diese exzentrischen Einzelheiten nicht bemerken. Trotz ihrer Aufregung wegen des Bruders und obwohl sie nicht ängstlicher Natur war, bemerkte Awdotja Romanowna doch voll Staunen und fast mit Schrecken die in wildem Feuer funkelnden Augen des Freundes ihres Bruders, und bloß das grenzenlose Vertrauen, das ihr die Erzählung Nastasjas über diesen sonderbaren Menschen eingeflößt hatte, hielt sie ab, wegzulaufen und die Mutter von ihm wegzubringen. Sie begriff aber auch, daß sie von ihm jetzt nicht loskommen könne. Nach etwa zehn Minuten aber hatte sie sich schon gefaßt, – Rasumichins Art war es, sich schnell restlos zu zeigen, in welcher Stimmung er auch war, so daß alle sehr bald wußten, mit wem sie es zu tun hatten.

„Bei der Wirtin ist es unmöglich, und ein greulicher Unsinn ist es!“ fiel er Pulcheria Alexandrowna in die Rede. „Mögen Sie auch die Mutter sein, wenn Sie aber hier bleiben, versetzen Sie ihn in Raserei und dann weiß der Teufel, was folgen wird! Hören Sie, ich will es so machen, – jetzt bleibt bei ihm Nastasja sitzen, ich aber begleite Sie beide zu Ihrer Wohnung, denn Sie können nicht allein auf der Straße gehen. Bei uns in Petersburg ist es in dieser Hinsicht ... Nun, lassen wir das ... Ich laufe dann sofort hierher zurück und bringe Ihnen nach einer Viertelstunde, mein heiliges Ehrenwort darauf, Rapport, – wie es mit ihm steht, ob er schläft oder nicht und dergleichen. Dann, hören Sie weiter! Dann laufe ich von Ihnen auf einen Sprung zu mir, – ich habe Gäste, alle sind betrunken, – nehme Sossimoff – das ist der Arzt, der ihn behandelt, er sitzt jetzt bei mir, ist nicht betrunken, er ist nie betrunken. Ich schleppe ihn zu Rodja und bin wieder sofort bei Ihnen, also im Laufe von einer Stunde haben Sie zwei Rapporte über ihn, – und vom Arzte, verstehen Sie, vom Arzte selbst, das ist mehr wert als von mir! Sollte es schlimmer sein, ich schwöre Ihnen, so bringe ich Sie selbst hierher, steht aber alles gut, so gehen Sie schlafen. Ich aber werde diese Nacht hier schlafen, im Flure, er wird nichts hören, und Sossimoff werde ich sagen, er soll bei der Wirtin schlafen, damit er da ist, wenn man ihn braucht. Nun, was ist für ihn jetzt besser, – Sie oder der Arzt? Der Arzt ist doch nützlicher, nützlicher. Nun, gehen Sie also nach Hause! Zu der Wirtin ist es unmöglich; mir ist es möglich, Ihnen aber nicht, – sie wird Sie nicht hereinlassen, weil ... weil sie eine Närrin ist. Sie wird auf Awdotja Romanowna meinetwegen eifersüchtig sein, wenn Sie es wissen wollen, und auch auf Sie selbst ... Auf Awdotja Romanowna aber unbedingt. Sie ist ein vollkommen, vollkommen unberechenbarer Charakter! Übrigens, ich bin auch ein Narr ... Ich pfeife darauf! Gehen wir! Glauben Sie mir? Nun, glauben Sie mir oder nicht? ...“

„Gehen wir, Mama,“ sagte Awdotja Romanowna, „er wird bestimmt so tun, wie er versprochen hat. Er hat schon einmal den Bruder zum Leben erweckt, und wenn der Arzt wirklich damit einverstanden ist, hier zu schlafen, dann ist es am besten so.“

„Sehen Sie ... Sie ... Sie verstehen mich, weil Sie ein Engel sind!“ rief Rasumichin entzückt aus. „Gehen wir! Nastasja! Schnell herauf und setze dich mit dem Lichte zu ihm; ich komme in einer Viertelstunde ...“

Obwohl Pulcheria Alexandrowna nicht ganz überzeugt war, widersetzte sie sich nicht mehr. Rasumichin bot ihnen beiden seinen Arm und zog sie die Treppe hinab. Es beunruhigte sie übrigens eins – „obwohl er flink und gut ist, kann er aber auch erfüllen, was er verspricht? Er ist doch in solchem Zustande! ...“

„Sie haben Angst, weil Sie glauben, daß ich nicht ganz klar im Kopfe bin!“ unterbrach Rasumichin ihren Gedankengang, als ob er ihn erraten hätte, während er mit Riesenschritten weiterging, ohne zu bemerken, daß die beiden Damen ihm kaum folgen konnten. „Unsinn! das heißt ... ich bin wie ein Stück Holz betrunken, aber das hat nichts zu sagen; denn ich bin nicht vom Wein betrunken. Als ich Sie erblickte, da stieg mir das Blut zu Kopfe ... Aber pfeifen Sie auf mich! Achten Sie nicht darauf, – ich lüge; ich bin Ihrer unwürdig! ... Wenn ich Sie nach Hause gebracht habe, gieße ich mir schleunigst hier aus diesem Kanal zwei Eimer Wasser über den Kopf, damit ich wieder zur Besinnung komme ... Wenn Sie nur wüßten, wie ich Sie beide liebe! ... Lachen Sie nicht und seien Sie mir nicht böse! ... Seien Sie auf alle böse, aber auf mich sollen Sie nicht böse sein! Ich bin sein Freund, also bin ich auch Ihr Freund. Ich will es so ... Ich habe es geahnt, ... im vorigen Jahre gab es so einen Augenblick ... Übrigens, ich habe gar nichts geahnt, denn Sie sind wie vom Himmel gefallen. Ich werde vielleicht auch die ganze Nacht nicht schlafen ... Dieser Sossimoff fürchtete vorhin, daß er den Verstand verlieren könnte ... Darum muß man ihn nicht reizen ...“

„Was sagen Sie?“ rief die Mutter aus.

„Hat das der Arzt gesagt?“ fragte erschrocken Awdotja Romanowna.

„Er hat gesagt, aber nicht das, sondern ganz was anderes. Er hat ihm auch eine Arznei gegeben, ein Pulver, ich habe es gesehen, und da kamen Sie ... Ach! ... Es wäre besser, Sie wären morgen gekommen! Insofern ist es gut, daß wir weggingen. Nach einer Stunde wird Ihnen Sossimoff selbst über alles Rapport erstatten. Sehen Sie, der ist nicht betrunken! Auch ich wäre nicht betrunken ... Warum aber habe ich so viel getrunken? Wie sie mich in eine Diskussion hineingebracht haben, die Verfluchten! Ich habe mir selbst das Versprechen gegeben, nicht zu streiten! ... Nun redeten sie aber so einen Blödsinn zusammen! Ich habe mich beinahe mit ihnen geprügelt! Ich habe nun meinen Onkel als Präsidium hinterlassen ... Können Sie es glauben, – sie verlangen völlige Unpersönlichkeit des einzelnen und finden darin den Sinn des Lebens! Bloß nicht für sich selbst sein, möglichst wenig eigenartig sein! Und das halten sie für den allergrößten Fortschritt. Und wenn sie wenigstens auf eigene Art lügen würden, so aber ...“

„Hören Sie,“ unterbrach ihn schüchtern Pulcheria Alexandrowna, aber das brachte ihn noch mehr in Eifer.

„Ja, was meinen Sie?“ rief Rasumichin und erhob seine Stimme noch mehr. „Meinen Sie, ich rede so, weil sie lügen? Unsinn! Ich liebe es, wenn man lügt. Das Lügen ist das einzige menschliche Privilegium vor allen Organismen. Wenn du lügst, – kommst du zur Wahrheit! Ich bin darum auch Mensch, weil ich lüge. Keine einzige Wahrheit ist erreicht, ohne daß man vorher vierzigmal, vielleicht auch hundertundvierzigmal gelogen hat, und das ist in seiner Art höchst ehrenvoll. Wir aber verstehen nicht einmal, auf eigene Art zu lügen! Lüge mir vor, aber lüge in deiner Weise, und ich gebe dir dann einen Kuß. In seiner eigenen Weise zu lügen ist besser noch als Wahrheit nur aus fremder Quelle; im ersten Falle bist du ein Mensch, im letzteren bist du bloß ein Papagei. Die Wahrheit wird nicht fortlaufen, das Leben aber kann man dabei mit Brettern zunageln; wir haben Beispiele dafür. Nun, was sind wir jetzt? Wir alle, alle ohne Ausnahme, sitzen in bezug auf Wissenschaft, Entwicklung, Denken, Erfindungen, Ideale, Wünsche, Liberalismus, Vernunft, Erfahrung und alles, alles, alles und alles noch in der ganz untersten Klasse des Gymnasiums! Uns hat es genügt, mit fremder Weisheit auszukommen, – wir haben Geschmack daran gefunden! Ist es nicht so? Habe ich recht?“

„Oh, mein Gott, ich weiß es nicht,“ sagte die arme Pulcheria Alexandrowna.

„Es ist so, so ... obwohl ich mit Ihnen nicht in allem einverstanden bin,“ fügte Awdotja Romanowna ernst hinzu, aber gleich darauf schrie sie auf, weil er ihr diesmal zu stark die Hand gedrückt hatte.

„So? Sie sagen, es sei so? Ach, dann sind Sie ... Sie ...“ rief er voll Entzücken aus. „Sie sind die Quelle der Güte, Reinheit, der Vernunft und ... der Vollkommenheit! Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie ... geben auch Sie Ihre Hand, ich will Ihnen beiden die Hände küssen, hier, sofort, auf den Knien!“

Und er warf sich mitten auf dem Trottoir, das zum Glück leer war, auf die Knie hin.

„Hören Sie auf, ich bitte Sie, was machen Sie?“ rief die äußerst betroffene Pulcheria Alexandrowna.

„Stehen Sie doch auf, stehen Sie doch auf!“ lachte Dunja, aber mit einer gewissen Unruhe.

„In keinem Falle, Sie müssen erst Ihre Hände gegeben haben! So ist es gut, nun genug, ich bin aufgestanden und nun wollen wir weitergehen! Ich bin ein unglückseliger Tolpatsch, ich bin Ihrer unwürdig und bin betrunken und schäme mich ... Ich bin nicht wert, Sie zu lieben, aber die Knie vor Ihnen zu beugen ist die Pflicht eines jeden, wenn er nicht ein vollkommenes Tier ist! Und ich habe vor Ihnen die Knie gebeugt ... Da sind auch Ihre möblierten Zimmer, und schon ihretwegen allein war Rodion im Rechte, als er vorhin Ihren Peter Petrowitsch hinauswarf! Wie durfte er es wagen, Sie in solchen Zimmern unterzubringen? Das ist ein Skandal! Wissen Sie, wer hier absteigt? Sie sind doch seine Braut! Sie sind seine Braut, nicht wahr? Und nun sage ich Ihnen, daß Ihr Bräutigam nach diesem ein Schuft ist!“

„Hören Sie, Herr Rasumichin, Sie haben vergessen ...“ begann Pulcheria Alexandrowna.

„Ja, ja, Sie haben recht, ich habe mich vergessen, ich schäme mich!“ rief Rasumichin erschrocken. „Aber ... aber ... aber ... Sie können mir nicht böse sein, daß ich so rede! Denn ich sage es aufrichtig und nicht weil ... hm! das wäre gemein; mit einem Worte, nicht weil ich Sie ... hm! ... nun, also, es ist nicht nötig, ich will nicht sagen, warum, ich darf es nicht! ... Wir hatten alle vorhin gleich begriffen, als er hereinkam, daß dieser Mensch nicht zu uns paßt. Nicht weil er mit gebrannten Locken vom Friseur kam, nicht weil er sich beeilte, seinen Verstand zu zeigen, sondern weil er ein Aushorcher und Spekulierer ist, weil er ein Jude und Gauner ist, und das sieht man. Sie denken, er ist klug? Nein, er ist ein Dummkopf! Nun, paßt er denn zu Ihnen? Oh, mein Gott! Sehen Sie, meine Damen,“ er blieb plötzlich auf der Treppe stehen, „wenn sie alle bei mir auch betrunken sind, dafür aber sind sie alle ehrlich, und obgleich wir auch lügen, denn ich lüge auch, aber wir werden uns schließlich bis zur Wahrheit durchlügen, weil wir auf einem anständigen Wege gehen, Peter Petrowitsch jedoch ... geht nicht auf einem anständigen Wege. Ich habe wohl soeben sie alle tüchtig geschimpft, aber ich achte sie alle; sogar Sametoff, wenn ich ihn auch nicht achte, so liebe ich ihn doch, denn er ist noch wie ein junger Hund! Selbst dieses Vieh von Sossimoff, weil er auch ehrlich ist und seine Sache versteht ... Aber genug, alles ist gesagt und wird verziehen. Ist es verziehen? Ist es wirklich? Nun, gehen wir. Ich kenne diesen Korridor, bin hier ein paarmal gewesen; sehen Sie hier, in Nummer drei, war einmal ein Skandal ... Nun, wo wohnen Sie? Welche Nummer? Acht? Nun, schließen Sie sich für die Nacht ein, lassen Sie niemand herein. Nach einer Viertelstunde kehre ich mit einer Nachricht zurück und dann noch einmal nach einer halben Stunde mit Sossimoff, Sie werden sehen! Leben Sie wohl, ich springe!“

„Mein Gott, Dunetschka, was wird geschehen?“ sagte Pulcheria Alexandrowna und wandte sich voll Unruhe und Angst an die Tochter.

„Beruhigen Sie sich, Mama,“ antwortete Dunja, indem sie ihren Hut und die Mantille abnahm. „Uns hat Gott selbst diesen Mann gesandt, obgleich er direkt von einer Kneiperei kommt. Man kann sich auf ihn verlassen, ich versichere Sie. Was hat er alles schon für den Bruder getan ...“

„Ach Dunetschka, Gott weiß, ob er kommen wird? Wie konnte ich mich dazu entschließen, Rodja allein zu lassen! ... Und ich habe es mir nicht, durchaus nicht vorgestellt, ihn so zu finden! Wie ernst er war, als wäre er um uns nicht froh ...“

Tränen zeigten sich in ihren Augen.

„Nein, das ist nicht wahr, Mama. Sie konnten ihn nicht gut sehen, weil Sie fortwährend weinten. Er ist von einer schweren Krankheit sehr mitgenommen, – das ist der ganze Grund.“

„Ach, diese Krankheit! Was soll noch werden, was soll daraus werden! Und wie er mit dir sprach, Dunja!“ sagte die Mutter und blickte schüchtern der Tochter in die Augen, um ihre Gedanken zu erraten, und teilweise schon dadurch getröstet, weil Dunja ihren Bruder in Schutz nahm, somit ihm verziehen habe. „Ich bin überzeugt, daß er morgen seinen Sinn ändern wird,“ fügte sie hinzu, sie weiter auszuforschen.

„Und ich dagegen bin überzeugt, daß er auch morgen dasselbe sagen wird ...“ schnitt Awdotja Romanowna ab, und man sprach nicht mehr darüber, denn es berührte einen Punkt, über den jetzt zu sprechen Pulcheria Alexandrowna sich zu sehr fürchtete.

Dunja trat an die Mutter heran und küßte sie. Diese umarmte sie schweigend und innig. Dann setzte sie sich in unruhiger Erwartung Rasumichins hin, begann scheu die Tochter zu beobachten, die mit gekreuzten Armen und selbst voll Erwartung in Gedanken versunken im Zimmer auf und ab ging. Das Auf- und Abgehen in Gedanken war die Angewohnheit von Awdotja Romanowna, und die Mutter hütete sich immer, ihr Nachdenken zu stören.

Rasumichin war selbstverständlich lächerlich mit seiner plötzlichen, in der Trunkenheit entflammten Leidenschaft zu Awdotja Romanowna. Aber wenn man Awdotja Romanowna gesehen hatte, besonders jetzt, wo sie mit gekreuzten Armen, traurig und nachdenklich auf und ab ging, würden vielleicht viele ihn entschuldigt haben, ganz abgesehen von seinem exzentrischen Zustande. Awdotja Romanowna war sehr schön, – hochgewachsen, wundervoll schlank, kräftig und selbstbewußt, – das äußerte sich in jeder ihrer Bewegungen, tat aber der Weichheit und Grazie derselben in keiner Weise Eintrag. Ihr Gesicht ähnelte dem des Bruders, man konnte sie mit Recht eine Schönheit nennen. Ihr Haar war dunkelblond, ein wenig heller als das des Bruders; die Augen waren fast schwarz, ihr Blick stolz und doch wieder zuweilen von ungewöhnlicher Güte. Sie war bleich, aber nicht krankhaft; ihr Gesicht hatte vielmehr die Frische der Gesundheit. Ihr Mund war etwas klein, die Unterlippe, frisch und rot, stand kaum merklich hervor; ebenso das Kinn, das war aber auch die einzige Unregelmäßigkeit in diesem schönen Gesichte und verlieh ihm dafür eine besondere Eigentümlichkeit und vielleicht auch etwas wie Hochmut. Der Ausdruck ihres Gesichtes war in der Regel mehr ernst und sinnend als fröhlich; wie stand aber dafür ein Lächeln diesem Gesichte, wie kleidete sie ein lustiges, junges und sorgloses Lachen! Es war begreiflich, daß der hitzige, offene, schlichte, ehrliche, reckenhafte und betrunkene Rasumichin, der noch nie etwas Ähnliches gesehen hatte, beim ersten Blick den Kopf verlor. Außerdem zeigte ihm der Zufall gleich zuerst Dunja, wie absichtlich, in dem schönen Momente der Liebe zum Bruder und der Freude des Wiedersehens. Er sah dann, wie ihre Unterlippe vor Entrüstung gegenüber den ungestümen und undankbar grausamen Wünschen des Bruders zuckte, – und er konnte nicht mehr widerstehen.

Er hatte übrigens die Wahrheit gesagt, als er vorhin in seiner Trunkenheit auf der Treppe damit herausplatzte, daß die exzentrische Wirtin Raskolnikoffs, Praskovja Pawlowna, nicht bloß wegen Awdotja Romanowna, sondern vielleicht auch wegen Pulcheria Alexandrowna auf ihn eifersüchtig sein würde. Trotzdem Pulcheria Alexandrowna schon dreiundvierzig Jahre alt war, wies ihr Gesicht immer noch Zeichen der früheren Schönheit auf und außerdem erschien sie bedeutend jünger als sie war, was so oft der Fall ist bei Frauen, die die Klarheit des Geistes, die Frische der Eindrücke und das ehrliche, reine Feuer des Herzens bis zum Alter sich bewahrten. Wir wollen in Parenthese hinzufügen, daß dies zu bewahren das einzige Mittel ist, auch seine Schönheit bis ins Alter zu behalten. Ihr Haar zwar begann grau und dünn zu werden, kleine strahlenartige Runzeln hatten sich schon lange um die Augen gelegt, die Wangen waren eingefallen und vor Kummer und Sorgen hager geworden, und dennoch war dieses Gesicht schön. Es war Dunetschkas Abbild, nur zwanzig Jahre älter und ohne den besonderen Ausdruck der Unterlippe, die bei ihr nicht hervorstand. Pulcheria Alexandrowna war empfindsam, aber nicht bis zur Süßlichkeit, sie war schüchtern und nachgiebig, aber nur bis zu einer gewissen Grenze, – sie konnte in vielem nachgeben, konnte mit vielem sich abfinden, selbst wenn es ihrer Überzeugung widersprach, aber zur Verleugnung der Ehrlichkeit und ihrer tiefsten Überzeugungen konnten sie keine Umstände bringen.

Genau nach zwanzig Minuten, seit Rasumichin weggegangen war, wurde zweimal nicht laut, aber hastig an die Türe geklopft; er war zurückgekehrt.

„Ich komme nicht herein, habe keine Zeit!“ sagte er hastig, als die Türe geöffnet wurde. „Er schläft einen Herkulesschlaf, ausgezeichnet, ruhig und geb’s Gott, daß er zehn Stunden fortschläft. Nastasja sitzt bei ihm; ich habe ihr befohlen, nicht wegzugehen, bis ich zurückgekommen bin. Jetzt schleppe ich Sossimoff her, er wird Ihnen Rapport erstatten, und dann legen Sie sich schlafen; ich sehe, Sie sind abgespannt bis zum äußersten ...“ Und er lief den Korridor hinab.

„Welch ein flinker und ... ergebener junger Mann!“ rief die Pulcheria Alexandrowna außerordentlich erfreut aus.

„Er scheint ein prächtiger Mensch zu sein!“ antwortete Awdotja Romanowna mit einem gewissen Eifer und begann von neuem im Zimmer hin und her zu wandern.

Fast nach einer Stunde vernahm man Schritte auf dem Korridor, und bald darauf wieder ein Klopfen an der Türe. Beide Frauen warteten, diesmal vollkommen dem Versprechen Rasumichins vertrauend, – und er hatte auch tatsächlich Sossimoff mitgeschleppt. Sossimoff hatte sich sofort bereit erklärt, das Fest zu verlassen und Raskolnikoff zu besuchen, aber zu den Damen ging er unwillig und mißtrauisch, da er dem betrunkenen Rasumichin nicht geglaubt hatte. Seine Eigenliebe war aber sofort beruhigt und er fühlte sich sogar geschmeichelt, – er sah, daß man wirklich auf ihn, wie auf einen Propheten, gewartet hatte. Er blieb genau zehn Minuten und hatte es verstanden, Pulcheria Alexandrowna vollkommen zu beruhigen. Er sprach voll ungewöhnlicher Teilnahme, aber zurückhaltend und sehr ernst, ganz wie ein siebenundzwanzigjähriger Arzt bei einer wichtigen Konsultation, mit keinem Worte schweifte er vom Gegenstande ab und zeigte nicht den geringsten Wunsch, mit den Damen in ein persönlicheres und privates Verhältnis zu kommen. Als er beim Eintritt gesehen hatte, wie blendend schön Awdotja Romanowna war, vermied er, sie zu beachten und wandte sich während des ganzen Besuches ausschließlich an Pulcheria Alexandrowna. Dies alles gewährte ihm eine außerordentliche innere Genugtuung. Über den Kranken äußerte er, daß er ihn gegenwärtig in durchaus befriedigendem Zustande gefunden habe. Seinen Beobachtungen nach, habe die Krankheit des Patienten, außer der schlechten materiellen Lage in den letzten Monaten, noch einige seelische Ursachen, „sie ist sozusagen das Resultat vieler komplizierter, moralischer und materieller Einflüsse, Aufregungen, Sorgen, gewisser Ideen ... und dergleichen“. Als er zufällig bemerkte, daß Awdotja Romanowna besonders aufmerksam zuzuhören begann, ging er auf dieses Thema näher ein. Auf die aufgeregte und schüchterne Frage Pulcheria Alexandrownas, wegen seines „gewissen Verdachts von geistiger Störung,“ antwortete er mit ruhigem und offenem Lächeln, daß man seine Worte übertrieben habe, daß man bei dem Kranken wohl eine fixe Idee, etwas, das auf Monomanie deute, konstatieren könne, – er, Sossimoff, verfolge jetzt besonders diesen äußerst interessanten Zweig der Medizin, – aber man dürfe auch nicht vergessen, daß der Kranke bis heute in fieberhaften Phantasien befangen war, und ... und, selbstverständlich werde die Ankunft der Verwandten auf ihn kräftigend, zerstreuend und heilbringend wirken, „wenn nur neue, besondere Erschütterungen vermieden würden,“ fügte er bedeutungsvoll hinzu. Dann erhob er sich, verabschiedete sich einfach und freundlich, begleitet von Segnungen, heißer Dankbarkeit und Bitten; das Händchen Awdotja Romanownas streckte sich sogar, ohne daß er es suchte, zum Abschied ihm entgegen, und er ging fort, außerordentlich zufrieden mit seinem Besuche und noch mehr mit sich selbst.

„Morgen wollen wir weiter sehen; legen Sie sich jetzt unbedingt nieder!“ sagte Rasumichin, indem er mit Sossimoff fortging. „Morgen bin ich möglichst früh mit einem Rapport bei Ihnen.“

„Welch ein reizendes kleines Mädchen diese Awdotja Romanowna ist!“ bemerkte Sossimoff und schnalzte mit der Zunge, als sie beide auf die Straße hinaustraten.

„Reizend? Du hast reizend gesagt!“ brüllte Rasumichin, stürzte sich plötzlich auf Sossimoff und packte ihn an der Kehle. „Wenn du es noch einmal wagst ... Verstehst du? Verstehst du?“ schrie er, schüttelte ihn am Kragen und drückte ihn an die Wand. „Hast du gehört?“

„Laß mich los, betrunkener Teufel!“ wehrte sich Sossimoff, blickte ihn dann, nachdem Rasumichin ihn losgelassen hatte, aufmerksam an und schüttelte sich plötzlich vor Lachen.

Rasumichin stand mit gesenkten Armen und in düster ernstem Nachdenken vor ihm.

„Selbstverständlich bin ich ein Esel,“ sagte er finster, wie eine Gewitterwolke, „aber auch du ... bist einer.“

„Nein, Bruder, nein, ich bin keiner. Ich träume nicht von Dummheiten.“

Sie gingen schweigend weiter und erst, als sie sich der Wohnung Raskolnikoffs näherten, unterbrach Rasumichin mit sorgenvollem Gesichte das Schweigen.

„Höre,“ sagte er zu Sossimoff, „du bist ein prächtiger Bursche, aber du bist, außer all deinen üblen Eigenschaften, noch ein Stromer, das weiß ich, und außerdem einer von den ärgsten. Du bist ein nervöser, schwacher Lappen, hast verrückte Anwandlungen, hast Fett angesetzt und kannst dir nichts versagen, – und das nenne ich schon gemein, denn es führt zum Gemeinen. Du hast dich so verwöhnt, daß ich – offen gesagt, – nicht im geringsten verstehe, wie du dabei ein guter und sogar aufopfernder Arzt sein kannst. Du – ein Arzt – schläfst auf einem Pfühle und stehst für einen Kranken in der Nacht auf! Nach drei Jahren wirst du nicht mehr wegen eines Kranken aufstehen ... Nun, zum Teufel damit, das ist es nicht, sondern folgendes, – du schläfst heute Nacht in der Wohnung der Wirtin, – ich habe sie mit Mühe dazu überredet, – und ich in der Küche, – da habt ihr Gelegenheit, einander näher kennenzulernen! Nicht etwa, wie du meinst, um ...! Davon ist keine Rede!“

„Ich meine auch gar nichts.“

„Hier findest du, Bruder, Schamhaftigkeit, Schweigsamkeit, Schüchternheit, eine gräßliche Keuschheit und dabei – Seufzer, und sie schmilzt wie Wachs! Befreie mich von ihr, im Namen aller Teufel in der Welt! Sie ist sehr ansprechend! ... Ich vergelte es dir, tausendfach vergelte ich es dir!“

Sossimoff lachte noch stärker als vorher.

„Sieh mal, wie du aus dem Häuschen bist! Was soll ich denn mit ihr?“

„Ich versichere dich, du brauchst dich wenig mit ihr abzugeben, rede bloß irgendeinen Unsinn, sprich, was du willst, setze dich aber neben sie und rede frisch drauf los. Du bist ja auch Arzt, fange an, sie zu behandeln. Ich schwöre dir, du wirst es nicht bereuen. Sie hat ein Klavier; du weißt, ich klimpere ein bißchen; ich habe bei ihr ein kleines Lied, ein echtes russisches Lied liegen, ‚Ich vergieße bittre Tränen ...‘ Sie liebt echte Volkslieder, – nun, mit einem Liede fing es auch an; und du spielst doch Klavier, wie ein Virtuos, wie ein Meister, wie Rubinstein ... Ich versichere, du wirst es nicht bereuen! ...“

„Hast du ihr denn etwas versprochen? Hast du ihr etwas Schriftliches gegeben? Hast du ihr versprochen, sie zu heiraten ...“

„Nein, nichts, rein gar nichts! Und sie ist gar nicht so; Tschebaroff wollte ihr einen Antrag ...“

„Nun, so laß sie doch laufen!“

„Man kann sie nicht so ohne weiteres laufen lassen!“

„Warum denn nicht?“

„Man kann es nicht tun, und basta! Es ist da etwas, was mich festhält.“

„Warum hast du sie denn verleitet?“

„Ich habe sie gar nicht verleitet, ich habe mich selbst vielleicht aus Dummheit verleiten lassen, ihr aber wird es gleichgültig sein, ob du oder ich, nur, daß jemand neben ihr sitzt und seufzt. Es ist Bruder ... Ich kann es dir nicht erklären, es ist ... nun, du kannst doch gut Mathematik, und beschäftigst dich noch jetzt damit, soviel ich weiß ... fang an mit ihr die Integralrechnung durchzunehmen, bei Gott, ich scherze nicht, ich spreche im Ernst, ihr wird es vollkommen gleich sein, – sie wird dich ansehen und seufzen, und so wird es ein Jahr dauern. Ich habe ihr unter anderem sehr lange, zwei Tage nacheinander, von dem Herrenhaus in Preußen erzählt, – denn was soll man mit ihr reden? – sie seufzte bloß und schwitzte! Nur über Liebe sprich nicht, – sie wird furchtbar verlegen, – aber zeige doch, daß du nicht weggehen kannst, – das genügt. Es ist sehr komfortabel dort; man ist ganz wie zu Hause, – kann lesen, sitzen, liegen oder schreiben ... Man kann sogar einen Kuß geben, mit Vorsicht jedoch ...“

„Was soll ich aber mit ihr?“

„Ach, ich kann dir es nicht erklären. Siehst du, – ihr paßt ausgezeichnet zueinander! Ich habe schon früher an dich gedacht ... Du wirst schon damit enden! Ist es denn dir nicht einerlei, – ob früher oder später? Hier ist, Bruder, so etwas wie ein Pfühl, – ach! und auch nicht das allein! Hier lockt es einen und zieht, hier ist das Ende der Welt, hier wirft man den Anker, hat einen stillen Zufluchtsort, sozusagen das Zentrum der Erde, die Essenz von Pfannkuchen, Abendsamowars, stillen Seufzern und warmen gestrickten Jacken und geheizten Ofenbänken – nun, es ist, als ob du gestorben wärest und gleichzeitig am Leben bist, von beidem die Vorteile auf einen Schlag! Nun, Bruder, zum Teufel, ich habe zu viel geschwätzt, es ist Zeit, schlafen zu gehen! Höre, – ich wache in der Nacht zuweilen auf, und da will ich nach ihm sehen. Es ist aber nichts, Unsinn, alles ist gut. Beunruhige dich nicht besonders, wenn du aber willst, sieh auch mal nach. Wenn du aber etwas merken solltest, Fieber zum Beispiel oder Phantasieren oder etwas anderes, weck mich sofort auf. Übrigens, es wird nichts passieren ...“

II.

Am andern Morgen gegen acht Uhr wachte Rasumichin ernst und sorgenvoll auf. Eine Menge von neuen und unvorhergesehenen Fragen tauchte in ihm auf. Er hätte sich’s früher nicht träumen lassen, daß er jemals so aufwachen würde. Er erinnerte sich bis aufs geringste alles gestern Vorgefallenen und begriff, daß ihm etwas nicht Alltägliches widerfahren sei; daß er in sich einen ihm bis jetzt völlig neuen Eindruck, der keinem früheren ähnelte, aufgenommen habe. Gleichzeitig war er sich vollkommen klar, daß der Traum, der in seinem Kopfe entflammt war, im höchsten Grade unerfüllbar sei, – so unerfüllbar, daß er sich seiner schämte, und er sich schleunigst anderen, alltäglichen Sorgen und Plagen, die ihm der „verfluchte gestrige Tag“ gebracht hatte, zuwandte.

Die unangenehmste Erinnerung war für ihn, wie „niedrig und gemein“ er sich gestern benommen hatte, nicht allein, weil er betrunken war, sondern weil er vor dem jungen Mädchen aus dummer übereilter Eifersucht, ihre Lage ausnutzend, ihren Bräutigam geschimpft hatte, ohne daß er ihr gegenseitiges Verhältnis und die Verpflichtungen, geschweige denn den Mann selbst ordentlich kannte. Und welches Recht hatte er, so schnell und übereilt über ihn zu urteilen? Und wer hatte ihn zum Richter berufen? Und kann denn solch ein Wesen, wie Awdotja Romanowna, sich einem unwürdigen Menschen des Geldes wegen hingeben? Also, muß er doch auch Tugenden haben. Die möblierten Zimmer? Woher sollte er denn in der Tat erfahren, was für möblierte Zimmer er genommen hatte? Er läßt doch eine Wohnung instand setzen ... pfui, welche Erniedrigung! War das etwa eine Entschuldigung, daß er betrunken war? Eine dumme Ausrede, die ihn noch mehr bloßstellte. Im Weine liegt die Wahrheit, und da hat sich auch die ganze Wahrheit, „das heißt, der ganze Schmutz seines neidischen, rohen Herzen“, gezeigt! Ist denn solch eine Idee ihm, Rasumichin, überhaupt erlaubt? Wer ist er im Vergleiche mit solch einem jungen Mädchen, – er, der betrunkene Skandalmacher und gestrige Prahlhans? „Ist denn so eine zynische und lächerliche Zusammenstellung überhaupt möglich?“ Rasumichin wurde bei diesem Gedanken rot, dazu erinnerte er sich noch, wie absichtlich, deutlich, daß er ihnen gestern auf der Treppe erzählt hatte, die Wirtin werde um seinetwillen auf Awdotja Romanowna eifersüchtig sein ... nein, es war unerträglich. Wütend schlug er mit der Faust auf den Küchenherd, verletzte sich die Hand und schlug einen Ziegelstein heraus.

„Gewiß,“ – murmelte er nach einer Weile vor sich hin, im Gefühle seiner Erniedrigung, – „gewiß, alle diese Scheußlichkeiten lassen sich nie mehr beschönigen und verwischen ... also, soll man auch daran nicht denken, sondern man muß schweigend seine Pflichten erfüllen ... nicht um Verzeihung bitten, überhaupt nichts sagen, und ... und selbstverständlich ist jetzt alles verloren!“

Trotzdem besah er beim Ankleiden seinen Anzug sorgfältiger als sonst. Einen anderen Anzug besaß er nicht, und wenn er auch einen anderen gehabt hätte, hätte er ihn vielleicht nicht angezogen, – „gerade nicht angezogen“. Auf keinen Fall aber durfte man ein Zyniker und Schmutzfink bleiben, – er hatte kein Recht, die Gefühle anderer zu beleidigen, um so mehr, als sie, die anderen, ihn brauchten und ihn selbst zu sich riefen. Also bürstete er aufs peinlichste seine Kleider aus. Seine Wäsche war stets erträglich, darauf hielt er etwas.

Er wusch sich an diesem Morgen mit großer Sorgfalt, – bei Nastasja fand er Seife, – er wusch sein Haar, den Hals und besonders die Hände. Als aber die Frage an ihn herantrat, ob er seine Borsten rasieren sollte oder nicht, – Praskovja Pawlowna hatte noch von ihrem verstorbenen Manne, Herrn Sarnitzin, ausgezeichnete Rasiermesser, – da wurde sie unbarmherzig abgelehnt, – „so soll es bleiben! Wenn sie meinen, daß ich mich rasiert habe, um ... und sie würden es meinen! Nein, ich tue es nicht, um keinen Preis in der Welt!“

„Und ... und die Hauptsache ist, daß er so grob, schmutzig ist und Manieren wie aus der Kneipe hat, und ... und er weiß auch wohl, daß er nun wenigstens ein bißchen ein anständiger Mensch ist ... nun, was ist denn da stolz zu sein, daß er ein anständiger Mensch ist? Jeder muß ein anständiger Mensch sein und mehr ... er aber hat – das weiß er – manches auf dem Kerbholz ... nichts Unehrenhaftes zwar, aber doch allerlei! ... Und was für Gedanken hatte er gehabt? Hm ... und kann man denn dies alles auf eine Stufe mit Awdotja Romanowna stellen? Nun, aber zum Teufel damit! Mag es so bleiben! Ich will absichtlich so schmutzig, schmierig, wie aus der Kneipe sein, und pfeife auf alles andere! Ich will es noch mehr zeigen! ...“

Bei diesen Selbstgesprächen traf ihn Sossimoff an, der in der Wohnstube von Praskovja Pawlowna geschlafen hatte. Er wollte nach Hause gehen und sich vorher noch einmal den Kranken ansehen. Rasumichin teilte ihm mit, daß derselbe wie ein Murmeltier schlafe. Sossimoff ordnete an, ihn nicht zu wecken, bis er selbst aufwache. Er versprach, in der elften Stunde wiederzukommen.

„Wenn er nur zu Hause bleiben wird,“ – fügte er hinzu. –

„Pfui, Teufel! Man hat noch nicht einmal Macht über seinen Kranken und soll ihn behandeln! Weißt du es, geht er zu denen, oder kommen die hierher?“

„Ich glaube, die kommen her,“ – antwortete Rasumichin, als er den Zweck der Frage verstanden hatte, – „und sie werden sicher über ihre Familienangelegenheiten sprechen. Ich gehe fort. Du als Arzt hast selbstverständlich mehr Rechte als ich.“

„Ich bin doch kein Beichtvater; ich will kommen und sofort weggehen. Ich habe noch mehr zu tun.“

„Mich beunruhigt eins,“ – unterbrach ihn Rasumichin mit verdüstertem Gesichte, – „ich habe gestern in der Trunkenheit ihm auf dem Wege hierher allerhand Dummheiten erzählt, – allerhand ... unter anderem auch, daß du fürchtest, daß er anscheinend ... zum Irrsinn neige ...“

„Du hast auch gestern den Damen davon geschwatzt.“

„Ich weiß, daß es dumm war. Meinetwegen kannst du mich verhauen! Sag’ mir aber, hattest du wirklich daran geglaubt?“

„Ich sage doch, es ist Scherz gewesen; was soll ich geglaubt haben? Du hast ihn mir selbst als einen Monomanen geschildert, als du mich zu ihm brachtest ... Nun, und gestern haben wir noch mehr geschürt, das heißt, eigentlich du, mit deiner Erzählung ... von dem Anstreicher; ein schönes Gespräch, wenn vielleicht gerade damit seine Verwirrung zusammenhängt! Wenn ich alles genau gewußt hätte, was damals im Polizeibureau vorgefallen war und daß ihn dort irgendeine Kanaille mit diesem Verdacht ... gekränkt hatte, ich hätte gestern ein solches Gespräch nicht zugelassen. Diese Monomanen machen doch aus einem Tropfen einen Ozean und sehen die unsinnigsten Dinge deutlich im wachen Zustande ... Wie ich mich erinnere, ist mir gestern aus der Erzählung von Sametoff schon die Sache zur Hälfte klar geworden. Das ist noch gar nichts. Ich kenne einen Fall, wo ein Hypochonder, ein vierzigjähriger Mann, nicht imstande war, den täglichen Spott eines achtjährigen Knaben bei Tische zu ertragen und ihn deshalb ermordete! Und hier, er zerlumpt, ein frecher Polizeikommissar, beginnende Krankheit, und – so ein Verdacht! Einem ausgesprochenen Hypochonder gegenüber! Mit einer wahnsinnigen, besonders ausgeprägten Eigenliebe! Vielleicht sitzt gerade hier der Ausgangspunkt der Krankheit! Nun, aber zum Teufel! ... Apropos, dieser Sametoff ist wirklich ein lieber Junge, aber hm ... es war doch überflüssig, daß er gestern dies alles erzählte. Ein furchtbarer Schwätzer!“

„Wem hat er denn alles erzählt? Mir und dir!“

„Und Porphyri.“

„Nun, was tut denn das?“

„Hm, sag’ mal, hast du irgendeinen Einfluß auf die Mutter und Schwester? Man müßte heute ihm gegenüber vorsichtiger sein ...“

„Sie werden sich schon einigen!“ – antwortete Rasumichin unwillig.

„Und warum ist er so gegen den Luschin? Ein Mensch mit Geld, ihr, wie es scheint, nicht unangenehm ... und sie haben doch keinen blanken Heller!“

„Was forschest du mich aus?“ – rief Rasumichin gereizt. – „Woher soll ich wissen, ob sie einen Heller haben oder nicht? Frage sie doch selbst, vielleicht sagen sie es dir ...“

„Na, wie dumm du zuweilen bist! Der gestrige Rausch sitzt noch in dir ... Auf Wiedersehen! Danke in meinem Namen deiner Praskovja Pawlowna für das Nachtlager. Sie hat sich eingeschlossen, auf meinen ‚Guten Morgen‘ hat sie durch die Tür geantwortet, war aber um sieben Uhr aufgestanden, man brachte ihr aus der Küche durch den Korridor den Samowar ... Ich hatte nicht die Ehre, sie zu sehen ...“

Punkt neun Uhr erschien Rasumichin in Bakalejeffs „Möbliertem Zimmer“. Beide Damen erwarteten ihn schon lange mit nervöser Ungeduld. Sie waren schon vor sieben Uhr aufgestanden. Er trat finster wie die Nacht ein, machte eine linkische Verbeugung, worüber er sofort ärgerlich wurde – selbstverständlich auf sich selbst. Er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, – Pulcheria Alexandrowna stürzte buchstäblich zu ihm hin, erfaßte ihn an beiden Händen und küßte sie beinahe. Er warf einen schüchternen Blick auf Awdotja Romanowna, aber auch auf diesem stolzen Gesichte lag in diesem Augenblicke solch ein Ausdruck von Dankbarkeit und freundlicher Gesinnung, solch eine vollkommene und unerwartete Achtung – (an Stelle von spöttischen Blicken und unwillkürlicher schlecht verborgener Verachtung) – daß es ihm tatsächlich angenehmer gewesen wäre, wenn man ihn mit Scheltworten begrüßt hätte, es war zu beschämend. Zum Glück gab es ein Thema zur Unterhaltung, und er benutzte es sofort.

Als Pulcheria Alexandrowna vernahm, daß er zwar noch nicht aufgewacht, aber „daß alles ausgezeichnet gehe,“ erklärte sie, das wäre sehr gut, weil sie noch vorher mit ihm, Rasumichin, über sehr, sehr vieles zu sprechen habe. Er wurde gefragt, ob er schon Tee getrunken habe und dann eingeladen, mit ihnen den Tee zu trinken, – sie hatten in Erwartung Rasumichins noch nicht gefrühstückt. Awdotja Romanowna klingelte, auf ihr Zeichen erschien ein schmutziger, zerlumpter Kerl, und bei ihm wurde der Tee bestellt, der auch endlich gereicht wurde, aber so schmutzig und so unanständig, daß die Damen sich schämten. Rasumichin begann energisch über diese möblierten Zimmer zu schimpfen, erinnerte sich aber Luschins, verstummte, wurde verlegen und war sehr froh, als Pulcheria Alexandrowna ihn mit ihren Fragen nicht mehr losließ.

Er beantwortete sie alle, sprach drei Viertelstunden lang, wurde beständig unterbrochen und von neuem befragt, und teilte alles Hauptsächliche und Notwendige, das er aus dem letzten Jahre kannte, mit, und schloß mit einer genauen Erzählung von der Krankheit Rodion Romanowitschs. Er ließ aus, was verschwiegen werden mußte, unter anderem den Auftritt in dem Polizeibureau mit allen seinen Folgen. Man lauschte gierig seiner Erzählung; als er aber glaubte, daß er zu Ende sei und seine Zuhörerinnen befriedigt habe, zeigte es sich, daß er für sie kaum begonnen zu haben schien.

„Sagen Sie, sagen Sie mir, wie meinen Sie ... ach, entschuldigen Sie, ich kenne ja noch nicht einmal Ihren und Ihres Vaters Namen!“ – sagte Pulcheria Alexandrowna eilig.

„Dmitri Prokofjitsch.“

„Also, Dmitri Prokofjitsch, ich möchte sehr gern erfahren ... wie er überhaupt ... wie er jetzt die Dinge betrachtet, das heißt, verstehen Sie mich ... wie soll ich es Ihnen erklären, das heißt, besser gesagt, – was liebt er und was liebt er nicht? Ist er immer so gereizt? Was hat er für Wünsche und Träume, wenn man so sagen kann? Was hat auf ihn jetzt einen besonderen Einfluß? Mit einem Worte, ich möchte ...“

„Ach, Mama, wie kann man denn das alles auf einmal beantworten!“ – bemerkte Dunja.

„Ach, mein Gott, ich habe doch nicht, gar nicht erwartet, ihn so zu finden, Dmitri Prokofjitsch.“

„Das ist sehr natürlich,“ – antwortete Rasumichin. – „Ich habe keine Mutter mehr, aber mein Onkel kommt jedes Jahr hergereist und erkennt mich jedesmal beinahe nicht mehr, selbst dem äußeren nach nicht, und ist doch auch ein kluger Mann. Nun, und in den drei Jahren Ihrer Trennung ist viel Wasser den Berg hinuntergeflossen. Ja, und was soll ich Ihnen sagen? Anderthalb Jahre kenne ich Rodion, – er ist verschlossen, düster, selbstbewußt und stolz; in der letzten Zeit – vielleicht aber auch schon früher – argwöhnisch und hypochondrisch. Dabei großmütig und gut. Er liebt nicht seine Gefühle zu zeigen, und würde lieber hart erscheinen, als sein Herz zu offenbaren. Zuweilen erscheint er übrigens gar nicht hypochondrisch, sondern einfach kalt und gefühllos bis zur Unmenschlichkeit, als ob in ihm zwei entgegengesetzte Charaktere abwechselten. Er ist zuweilen schrecklich einsilbig! Er hat nie Zeit, immer stören ihn die anderen, dabei liegt er still und tut nichts. Er ist nicht spöttisch, nicht als ob es ihm an Witz mangelte, sondern weil er keine Zeit für solche Nichtigkeiten übrig hat. Er hört nicht bis zu Ende, wenn man ihm erzählt. Er interessiert sich nie für Dinge, für die sich alle im gegebenen Augenblicke interessieren. Er schätzt sich hoch ein und ich glaube, nicht ohne ein gewisses Recht dazu. Nun, was noch ... Mir dünkt, Ihre Ankunft wird auf ihn einen sehr heilsamen Einfluß ausüben.“

„Ach, möge es Gott geben!“ – rief Pulcheria Alexandrowna aus, die durch die Ansicht Rasumichins über ihren Rodja niedergedrückt war.

Rasumichin aber blickte endlich Awdotja Romanowna mit etwas mehr Mut an. Er hatte sie während des Gespräches öfters angesehen, aber nur flüchtig, auf einen kurzen Augenblick, und wandte immer gleich seine Augen ab. Awdotja Romanowna setzte sich bald an den Tisch und hörte aufmerksam zu, bald stand sie wieder auf, begann nach ihrer Gewohnheit mit gekreuzten Armen und zusammengepreßten Lippen im Zimmer auf und ab zu gehen und stellte zuweilen Fragen, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen, und in Gedanken versunken. Auch sie hatte die Gewohnheit, nicht bis zu Ende zuzuhören. Sie war mit einem dunklen Kleide aus leichtem Stoff bekleidet, um den Hals war ein weißes durchsichtiges Tüchlein geschlungen. Aus vielen Anzeichen hatte Rasumichin bald die dürftigsten Verhältnisse der beiden Frauen ersehen. Wenn Awdotja Romanowna wie eine Königin gekleidet gewesen wäre, hätte er sich wohl vor ihr gar nicht gefürchtet; jetzt aber hatte sich vielleicht gerade aus dem Grunde, weil sie so ärmlich gekleidet war, und weil er die ganze ärmliche Umgebung bemerkt hatte, in seinem Herzen eine gewisse Scheu eingenistet, und er ängstigte sich für jedes seiner Worte und für jede Bewegung, was für einen Menschen, der ohnedem sich nicht traute, sicher unbequem war.

„Sie haben viel Interessantes über den Charakter meines Bruders erzählt und ... haben es unparteiisch gesagt. Das ist gut; ich dachte, Sie beten ihn an,“ – bemerkte Awdotja Romanowna mit einem Lächeln. – „Es scheint auch besser, wenn um ihn eine Frau ist,“ – fügte sie nachdenklich hinzu.

„Das habe ich nicht gemeint, aber Sie haben vielleicht auch darin recht, nur ...“

„Was?“

„Er liebt doch niemand; vielleicht wird er auch nie lieben,“ – schnitt Rasumichin ab.

„Das heißt, er ist unfähig, jemand zu lieben?“

„Wissen Sie, Awdotja Romanowna, daß Sie Ihrem Bruder auffallend ähnlich sehen, in allem!“ – platzte er plötzlich heraus, sich selber überraschend, als er sich aber erinnerte, was er ihr soeben über den Bruder gesagt hatte, wurde er rot wie ein Krebs und stark verlegen.

Awdotja Romanowna mußte bei seinem Anblicke laut auflachen.

„In bezug auf Rodja könntet ihr beide euch irren,“ – sagte Pulcheria Alexandrowna etwas pikiert. – „Ich rede nicht von dem jetzigen, Dunetschka. Das, was Peter Petrowitsch in diesem Briefe schreibt ... und was wir mit dir voraussetzten, – kann unwahr sein, aber Sie können sich nicht vorstellen, Dmitri Prokofjitsch, wie phantastisch er ist und – wie soll ich es sagen – launisch er ist. Ich konnte mich nie auf seinen Charakter verlassen, selbst als er erst fünfzehn Jahre alt war. Ich bin überzeugt, daß er auch jetzt plötzlich irgend etwas tun kann, woran keiner je dachte ... Wir brauchen nicht weit zu gehen, – ist es Ihnen bekannt, wie er vor anderthalb Jahren mich überraschte, erschütterte, ja fast bis zum Tode erschreckte, als er diese, wie heißt sie doch, – die Tochter von dieser Sarnitzin heiraten wollte?“

„Wissen Sie etwas Näheres über diese Geschichte?“ – fragte ihn Awdotja Romanowna.

„Glauben Sie,“ – fuhr Pulcheria Alexandrowna voll Eifer fort, – „ihn hätten damals meine Tränen, meine Bitten, meine Krankheit, mein Tod vielleicht aus Gram, unsere große Armut, zurückgehalten? Er würde über alle Hindernisse in größter Ruhe hinweggeschritten sein. Aber ist es möglich, ist es möglich, daß er uns nicht liebt?“

„Er hat mir nie selbst etwas über diese Geschichte gesagt,“ – antwortete Rasumichin vorsichtig, – „aber ich habe einiges von Frau Sarnitzin selbst gehört, die in ihrer Art auch nicht von den Mitteilsamen ist, und was ich gehört habe, ist vielleicht ein wenig seltsam.“

„Und was, was haben Sie gehört?“ – frugen gleichzeitig beide Frauen.

„Es ist nichts gar so Besonderes. Ich erfuhr nur, daß diese Heirat, die schon eine vollständig abgemachte Sache war und bloß wegen des Todes der Braut nicht zustande kam, Frau Sarnitzin selbst sehr mißfiel ... Außerdem erzählt man, daß die Braut nicht hübsch war, das heißt, man sagt, sie sei sogar häßlich gewesen ... und sehr kränklich ... und eigentümlich ... sie hatte aber, wie es scheint, auch ihre Vorzüge. Es mußten unbedingt irgendwelche Vorzüge dagewesen sein, sonst konnte man so was nicht verstehen ... Mitgift hatte sie gar keine, und auf Mitgift hätte er auch nicht gerechnet ... Es ist überhaupt schwer in solch einer Sache zu urteilen.“

„Ich bin überzeugt, daß sie ein würdiges junges Mädchen war,“ bemerkte Awdotja Romanowna kurz.

„Gott wird es mir verzeihen, ich habe mich aber doch über ihren Tod gefreut, obwohl ich es nicht weiß, wer von ihnen den andern zugrunde gerichtet hätte, – er sie oder sie ihn,“ schloß Pulcheria Alexandrowna.

Dann begann sie vorsichtig mit Unterbrechungen, wobei sie ständig Dunja anblickte, was jener offenbar unangenehm war, wieder über den gestrigen Auftritt zwischen Rodja und Luschin zu fragen. Dieser Vorfall beunruhigte sie, wie man merken konnte, am meisten, bis zu Angst und Zittern. Rasumichin erzählte von neuem alles bis ins einzelne und fügte diesmal noch seine Ansicht hinzu, – er beschuldigte Raskolnikoff, daß er Peter Petrowitsch vorsätzlich gekränkt habe und entschuldigte ihn sehr wenig durch seine Krankheit.

„Er hat es sich noch vor der Erkrankung ausgedacht,“ – fügte er hinzu.

„Das denke ich auch“ – sagte Pulcheria Alexandrowna niedergeschlagen.

Sie war aber sehr überrascht, daß Rasumichin heute sich so vorsichtig und mit Achtung über Peter Petrowitsch äußerte. Auch Awdotja Romanowna war erstaunt.

„Ist das Ihre Meinung über Peter Petrowitsch?“ – konnte sich Pulcheria Alexandrowna nicht enthalten zu fragen.

„Über den künftigen Mann Ihrer Tochter kann ich auch keine andere Meinung haben,“ – antwortete Rasumichin fest und eifrig. – „Und ich sage es nicht aus fader Höflichkeit, sondern weil ... weil ... nun, sagen wir, aus dem Grunde allein, weil Awdotja Romanowna selbst freiwillig diesen Menschen mit ihrer Wahl beehrte. Wenn ich ihn aber gestern so geschimpft habe, so war es, weil ich gestern schmählich betrunken und außerdem ... ohne Verstand war, ja, ohne Verstand, ich hatte den Verstand verloren, vollkommen ... und heute schäme ich mich dessen! ...“ Er errötete und verstummte. Auch Awdotja wurde rot, aber unterbrach nicht das Schweigen. Sie hatte kein einziges Wort seit dem Augenblicke gesagt, als man über Luschin zu sprechen begann. Und Pulcheria Alexandrowna war ohne ihre Unterstützung offenbar unschlüssig. Schließlich sagte sie, stockend und ununterbrochen die Tochter anblickend, daß ein Umstand sie jetzt außerordentlich beunruhige.

„Sehen Sie, Dmitri Prokofjitsch,“ – begann sie. „Ich will gegenüber Dmitri Prokofjitsch vollkommen offen sein, Dunetschka.“

„Selbstverständlich, Mama,“ – bemerkte Awdotja Romanowna nachdrücklich.

„Sehen Sie, die Sache ist die,“ – beeilte sie sich nun, ihren Kummer mitzuteilen, als hätte man ihr durch die Erlaubnis eine schwere Bürde abgenommen. – „Heute, in aller Frühe, erhielten wir von Peter Petrowitsch einen Brief, als Antwort auf unsere gestrige Mitteilung von unserer Ankunft. Sehen Sie, er sollte uns gestern auf dem Bahnhofe selbst, wie er auch versprochen hatte, empfangen.

Anstatt dessen war ein Diener zu unserem Empfang auf den Bahnhof gesandt worden, mit der Adresse von diesen möblierten Zimmern und um uns den Weg zu zeigen. Peter Petrowitsch aber ließ uns mitteilen, daß er heute morgen hier bei uns erscheinen werde. Anstatt dessen kam heute früh dieser Brief von ihm ... Es ist das beste, Sie lesen ihn selbst; in ihm ist ein Punkt, der mich sehr beunruhigt ... Sie werden selbst sofort sehen, welchen Punkt ich meine, und ... sagen Sie mir Ihre aufrichtige Meinung, Dmitri Prokofjitsch! Sie kennen besser als alle den Charakter Rodjas und können uns am besten raten. Ich sage Ihnen im voraus, daß Dunetschka schon alles vom ersten Schritt an beschlossen hat, ich aber, ich weiß noch nicht, wie ich handeln soll und ... und wartete die ganze Zeit auf Sie.“

Rasumichin entfaltete den Brief, der mit dem gestrigen Datum versehen war, und las folgendes:

„Sehr verehrte Pulcheria Alexandrowna!

Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich infolge plötzlich eingetretener Hindernisse Sie auf dem Bahnsteige nicht empfangen konnte, ich sandte darum einen gewandten Menschen. Ebenso werde ich auch morgen früh nicht die Ehre einer Zusammenkunft mit Ihnen haben können, infolge unaufschiebbarer Angelegenheiten im Senat, und um Ihre verwandtschaftliche Zusammenkunft mit Ihrem Sohne und Awdotja Romanownas mit ihrem Bruder nicht zu stören. Ich will mir aber die Ehre nehmen, Sie spätestens morgen, Punkt acht Uhr abends, aufzusuchen, um Ihnen meine Aufwartung in Ihrer Wohnung zu machen, wobei ich mir erlaube, eine inständige und – ich füge hinzu – dringende Bitte auszusprechen, daß bei unserer gemeinsamen Zusammenkunft Rodion Romanowitsch nicht anwesend sein soll, da er mich bei meinem gestrigen Besuche während seiner Krankheit beispiellos und schwer gekränkt hat, und weil ich außerdem mit Ihnen persönlich eine notwendige und ausführliche Erklärung über einen Punkt haben möchte, über den ich Ihre eigene Deutung zu erfahren wünsche. Ich habe die Ehre, im voraus mitzuteilen, daß, falls ich, entgegen meiner Bitte, Rodion Romanowitsch antreffen sollte, ich gezwungen sein würde, mich zu entfernen, woran Sie allein sich die Schuld zuzuschreiben hätten.

Ich schreibe es in der Voraussetzung, daß Rodion Romanowitsch, der bei meinem Besuche so schwer krank zu sein schien, nach zwei Stunden plötzlich genas, ausgehen und also zu Ihnen kommen kann. Ich habe mich davon mit meinen eigenen Augen überzeugt, als er gestern in der Wohnung eines von Pferden überfahrenen Trunkenboldes, der an den Verletzungen gestorben ist, dessen Tochter, einem Mädchen von verrufenem Lebenswandel, etwa fünfundzwanzig Rubel aushändigte, unter dem Vorwande, die Kosten der Beerdigung zu tragen, was mich sehr überraschte, weil ich wußte, mit welcher Mühe Sie diese Summe erhielten. Hierbei übermittele ich meine besondere Achtung der geehrten Awdotja Romanowna und bitte Sie, meine achtungsvolle Ergebenheit entgegenzunehmen.

Ihr untertänigster Diener P. Luschin.“

„Was soll ich jetzt tun, Dmitri Prokofjitsch?“ – sagte Pulcheria Alexandrowna fast weinend. – „Wie kann ich Rodja zumuten, nicht zu kommen? Er verlangte gestern so eindringlich die Absage an Peter Petrowitsch, und nun verlangt man, ihn selber abzuweisen. Ja, er wird absichtlich kommen, wenn er es erfährt und ... was geschieht dann?“

„Handeln Sie so, wie Awdotja Romanowna beschlossen hat,“ – antwortete ruhig und sofort Rasumichin.

„Ach, mein Gott! Sie sagt ... sie sagt – Gott weiß was, und erklärt mir nicht den Zweck! Sie sagt, es würde am besten sein, das heißt, nicht am besten sein, sondern es sei aus einem Grunde unbedingt nötig, daß auch Rodja heute um acht Uhr abends bestellt werde, und daß sie unbedingt hier einander träfen ... Und ich wollte ihm nicht einmal den Brief zeigen, und es irgendwie durch Ihre Vermittelung einrichten, daß er nicht herkäme ... denn er ist so gereizt ... Ja, und ich verstehe gar nicht, was für ein Trunkenbold dort gestorben ist und was das für eine Tochter ist, und in welcher Weise konnte er dieser Tochter das letzte Geld abgeben ... das ...“

„Das Ihnen so teuer zu stehen kam, Mama,“ – fügte Awdotja Romanowna hinzu.

„Er war gestern außer sich,“ – sagte Rasumichin nachdenklich. – „Wenn Sie erst wüßten, was er gestern in einer Restauration angerichtet hat, es war ja klug ... hm! Von einem Verstorbenen und von einem Mädchen sprach er tatsächlich gestern etwas zu mir, als wir nach Hause gingen, aber ich habe kein Wort verstanden ... übrigens, war ich gestern auch ...“

„Mama, am besten gehen wir zu ihm hin und dort, versichere ich Sie, werden wir sofort sehen, was zu tun ist. Und außerdem ist es Zeit, – Herrgott! Es ist über zehn Uhr!“ – rief sie aus, nachdem sie einen Blick auf ihre prachtvolle goldene Uhr mit Emaille warf, die an einer sehr feinen venetianischen Kette um ihren Hals hing, und mit der übrigen Kleidung gar nicht harmonierte.

„Ein Geschenk des Bräutigams,“ – dachte Rasumichin.

„Ach, es ist Zeit ... es ist Zeit, Dunetschka, es ist Zeit!“ – regte sich Pulcheria Alexandrowna auf. „Er wird denken, daß wir ihm noch von gestern her böse sind, weil wir solange nicht kommen. Ach, mein Gott!“

Indem sie es sagte, warf sie eilig ihre Mantille um und setzte den Hut auf; auch Dunetschka zog sich an. Ihre Handschuhe waren nicht bloß abgetragen, sondern sogar zerrissen, wie Rasumichin bemerkte, indessen verlieh diese augenscheinliche Armut der Kleidung den Damen eine Art Würde, was immer bei denen der Fall ist, die ein ärmliches Kleid zu tragen verstehen. Rasumichin blickte voll Ehrfurcht Dunetschka an und war stolz, daß er sie begleiten durfte. „Die Königin,“ – dachte er im stillen, – „die ihre Strümpfe in Gefängnissen stopfte, sah sicher in jenem Augenblicke wie eine echte Königin aus und königlicher als zur Zeit der prachtvollsten Feste und Empfänge.“

„Mein Gott!“ – rief Pulcheria Alexandrowna aus, – „habe ich je gedacht, daß ich ein Wiedersehen mit meinem Sohne, mit meinem lieben, lieben Rodja fürchten werde, wie ich es jetzt tue! ... Ich fürchte mich, Dmitri Prokofjitsch!“ – fügte sie hinzu und blickte ihn schüchtern an.

„Fürchten Sie sich nicht, Mama,“ sagte Dunja und küßte sie, – „glauben Sie besser an ihn. Ich glaube.“

„Ach, mein Gott! Ich glaube auch, habe aber die ganze Nacht nicht geschlafen!“ – rief die arme Frau aus.

Sie traten auf die Straße hinaus.

„Weißt du, Dunetschka, als ich gegen Morgen erst ein wenig einschlief, träumte ich plötzlich von der verstorbenen Marfa Petrowna ... sie war ganz in weiß ... sie kam auf mich zu, nahm mich an der Hand, schüttelte den Kopf über mich, und so streng, so streng, als ob sie mich verdamme ... Ist das auch ein gutes Zeichen? Ach, mein Gott, Dmitri Prokofjitsch, Sie wissen es noch nicht, – Marfa Petrowna ist gestorben!“

„Nein, ich weiß es nicht. Was für eine Marfa Petrowna?“

„Nachher, Mama,“ – mischte sich Dunja ein, – „er weiß ja noch nicht, wer Marfa Petrowna war.“

„Ach, Sie wissen es nicht? Und ich dachte, Sie kennen schon alles. Entschuldigen Sie mich, Dmitri Prokofjitsch, ich verliere in diesen Tagen völlig den Verstand. Ich sehe Sie wirklich wie unsere Vorsehung an, und darum war ich auch so überzeugt, daß Sie alles schon kennen. Ich betrachte Sie wie einen Verwandten ... Seien Sie mir nicht böse, daß ich so spreche. Ach, mein Gott, was ist mit Ihrer rechten Hand? Haben Sie sie verletzt?“

„Ja, ich habe sie verletzt,“ – murmelte glückselig Rasumichin.

„Ich spreche zuweilen so offenherzig, daß Dunja mich korrigiert ... Aber, mein Gott, in was für einer Kammer er lebt! Ist er wohl schon aufgewacht? Und diese Frau, seine Wirtin, rechnet dies für ein Zimmer? Hören Sie, Sie sagen, er liebt nicht, sein Herz zu zeigen, so daß ich vielleicht ihm auch überdrüssig werden kann ... mit meinen Schwächen? ... Können Sie mir nicht sagen, Dmitri Prokofjitsch, wie ich ihm gegenüber sein soll? Wissen Sie, ich gehe ganz wie verloren umher.“

„Fragen Sie ihn nicht zu sehr aus, wenn Sie merken, daß er das Gesicht verzieht; besonders über seine Gesundheit fragen Sie ihn nicht zu viel, er liebt es nicht.“

„Ach, Dmitri Prokofjitsch, wie schwer ist es, Mutter zu sein.“

„Hier ist die Treppe ... Was für eine schreckliche Treppe ...“

„Mama, Sie sind so bleich, beruhigen Sie sich, meine Liebe,“ – sagte Dunja und schmiegte sich an sie, – „er muß glücklich sein, Sie zu sehen, und Sie quälen sich so,“ – fügte sie mit funkelnden Augen hinzu.

„Warten Sie, ich sehe zuerst nach, ob er aufgewacht ist.“

Die Damen folgten langsam Rasumichin, der vorher die Treppe hinaufgegangen war, und als sie im vierten Stock an der Türe der Wirtin vorbei gingen, bemerkten sie, daß die Türe zu deren Wohnung ganz unbedeutend geöffnet war, und daß zwei schwarze Augen sie beide schnell in der Dunkelheit betrachteten. Als ihre Blicke sich kreuzten, wurde die Türe plötzlich zugeschlagen und mit solch einem Knall, daß Pulcheria Alexandrowna vor Schreck beinahe aufgeschrien hätte.

III.

„Er ist gesund, gesund!“ – rief den Eintretenden Sossimoff fröhlich zu.

Er war schon vor zehn Minuten gekommen und saß in seiner gestrigen Ecke auf dem Sofa. Raskolnikoff saß in der andern Ecke ihm gegenüber, vollkommen angekleidet und frisch gewaschen und gekämmt, was schon lange nicht mehr vorgekommen war. Das Zimmer war mit einem Male voll, aber Nastasja fand doch Zeit, den Besuchern zu folgen, um zuzuhören.

In der Tat, Raskolnikoff war fast gesund, besonders im Vergleiche mit gestern, er war bloß sehr blaß, zerstreut und düster. Dem Äußeren nach glich er einem Verwundeten oder einem, der einen starken physischen Schmerz duldet, – seine Augenbrauen waren zusammengezogen, die Lippen aufeinander gepreßt und der Blick fieberhaft. Er sprach wenig und widerwillig, wie mit großer Anstrengung oder als erfülle er eine Pflicht, und eine Unruhe zeigte sich zuweilen in seinen Bewegungen.

Es fehlte bloß die Binde um den Arm oder ein Verband um den Finger, um die völlige Ähnlichkeit mit einem Verletzten vollzumachen.

Aber dieses bleiche und düstere Gesicht erhellte sich auf einen Augenblick, als Mutter und Schwester eintraten, aber sein Gesicht nahm rasch statt der früheren düsteren Zerstreutheit den Ausdruck innerer Pein an, und Sossimoff, der seinen Patienten mit dem ganzen Eifer des Anfängers beobachtete und studierte, bemerkte voll Verwunderung, statt Freude über die Ankunft der Verwandten, die mühsam versteckte Entschlossenheit, eine mehrstündige Folterqual zu ertragen, die man nicht umgehen kann. Er sah später, wie fast jedes Wort der nachträglichen Unterhaltung irgendeine Wunde seines Patienten zu berühren und aufzuwühlen schien, gleichzeitig aber war er wieder erstaunt, wie dieser heute verstand, sich zu bemeistern und seine Gefühle zu verbergen, – der gestrige Monomane, der wegen des geringsten Wortes fast in Raserei geriet.

„Ja, ich sehe jetzt selbst, daß ich fast gesund bin,“ sagte Raskolnikoff, und küßte die Mutter und die Schwester freundlich, worüber Pulcheria Alexandrowna in Entzücken geriet, „und ich spreche nicht mehr wie gestern,“ fügte er hinzu, sich an Rasumichin wendend, und drückte ihm freundschaftlich die Hand.

„Ich habe mich heute nicht wenig über ihn gewundert,“ begann Sossimoff, der über die Eingetretenen sehr erfreut war, weil er in den zehn Minuten den Faden des Gespräches mit seinem Kranken schon verloren hatte. „Nach drei oder vier Tagen, wenn es so weiter geht, wird alles beim alten sein, das heißt, wie es vor einem oder zwei Monaten ... vielleicht auch vor drei Monaten war. Es hat sich doch seit langem vorbereitet und entwickelt ... ah? Wollen Sie jetzt eingestehen, daß Sie selbst vielleicht mit daran schuld waren?“ fügte er mit einem vorsichtigen Lächeln hinzu, als fürchte er, ihn schon dadurch zu reizen.

„Es ist sehr möglich,“ antwortete Raskolnikoff kalt.

„Ich sage es nur aus dem Grunde,“ fuhr Sossimoff fort, „weil Ihre völlige Genesung jetzt hauptsächlich von Ihnen allein abhängt. Jetzt, wo man mit Ihnen reden kann, möchte ich Ihnen vorhalten, daß es notwendig ist, die ursprünglichen, sozusagen die Grundursachen zu beseitigen, die Ihren Krankheitszustand hervorgerufen haben, dann werden Sie auch genesen, sonst kann es wieder schlimmer werden. Diese ursprünglichen Ursachen kenne ich nicht, aber Ihnen müssen Sie bekannt sein. Sie sind ein kluger Mensch und haben sich selbst sicher beobachtet. Mir scheint, der Anfang Ihrer Krankheit fällt teilweise mit Ihrem Austritt aus der Universität zusammen. Sie dürfen nicht ohne Beschäftigung sein, und darum können Arbeit und ein fest vorgenommenes Ziel, wie mich dünkt, Ihnen von sehr großem Werte sein.“

„Ja, ja, Sie haben vollkommen recht ... ich will sofort die Universität besuchen, und dann wird alles ... wie geschmiert gehen ...“

Sossimoff, der seine klugen Ratschläge teilweise wegen der Wirkung auf die Damen erteilt hatte, war natürlich verblüfft, als er seine Rede beendete und auf dem Gesicht seines Zuhörers einen entschieden spöttischen Ausdruck bemerkte. Das währte übrigens nur einen Augenblick. Pulcheria Alexandrowna begann sofort, Sossimoff zu danken, besonders für seinen Nachtbesuch im Hotel.

„Wie, er ist in der Nacht bei euch gewesen?“ fragte Raskolnikoff anscheinend beunruhigt. „Also habt ihr auch nach der Reise nicht geschlafen?“

„Ach, Rodja, das war doch vor zwei Uhr. Wir haben uns auch zu Hause nicht früher als um zwei Uhr schlafen gelegt.“

„Ich weiß nicht, wie ich ihm danken soll,“ fuhr Raskolnikoff finster fort und den Blick senkend, „abgesehen von der Geldfrage – entschuldigen Sie, daß ich es erwähnte“ (er wandte sich an Sossimoff), „ich weiß gar nicht, wodurch ich so eine besondere Aufmerksamkeit Ihrerseits verdient habe? Ich verstehe es einfach nicht ... und ... es lastet auf mir sogar, weil es mir unverständlich ist, – ich sage es Ihnen ganz offen –.“

„Werden Sie nur nicht gereizt,“ lachte Sossimoff gezwungen. „Stellen Sie sich vor, daß Sie mein erster Patient sind, nun, und unsereiner, der soeben zu praktizieren anfängt, liebt seine ersten Patienten wie eigene Kinder, und manche sogar verlieben sich in sie. Und ich bin an Patienten nicht reich.“

„Ich will gar nicht reden von dem dort,“ fügte Raskolnikoff hinzu und wies auf Rasumichin, „auch er hat außer Kränkungen und Sorgen nichts von mir erfahren.“

„Was er faselt! Bist du etwa heute in einer gerührten Stimmung?“ rief Rasumichin.

Wenn er etwas scharfsinniger gewesen wäre, hätte er gesehen, daß hier nichts von einer gerührten Stimmung da war, eher das Gegenteil. Awdotja Romanowna aber hatte es gemerkt. Sie beobachtete durchdringend und voll Unruhe den Bruder.

„Von Ihnen, Mama, wage ich nicht zu sprechen,“ fuhr er fort, als sage er etwas vorher auswendig Gelerntes auf. „Heute erst konnte ich einigermaßen einsehen, wie Sie sich gestern hier in Erwartung meiner Rückkehr gequält haben müssen.“

Dann reichte er plötzlich stumm und mit einem Lächeln der Schwester die Hand. In diesem Lächeln schimmerte ein wahres, unverfälschtes Gefühl. Dunja erfaßte sofort, erfreut und dankbar, die ausgestreckte Hand und drückte sie innig. Zum erstenmal wandte er sich an sie nach dem gestrigen Zerwürfnis. Das Gesicht der Mutter leuchtete vor Entzücken und Glück beim Anblick dieser endgültigen und wortlosen Aussöhnung zwischen Bruder und Schwester.

„Dafür liebe ich ihn!“ flüsterte, sich energisch auf dem Stuhle wendend, Rasumichin, der sich leicht begeisterte. „Er hat solche Regungen! ...“

„Und wie alles sich bei ihm gut macht,“ dachte die Mutter, „was für edle Regungen er hat, und wie schlicht und zart er das gestrige Mißverständnis mit der Schwester beseitigt hat – nur dadurch, daß er ihr die Hand im richtigen Augenblicke reichte und sie lieb anblickte ... Und was für schöne Augen er hat und wie schön das ganze Gesicht ist ... Er ist sogar schöner als Dunetschka ... Aber, mein Gott, was für einen Anzug hat er an, wie schrecklich ist er gekleidet! Der Markthelfer Wassja im Laden Atanassi Iwanowitsch ist besser gekleidet! ... Und ich möchte mich ihm an den Hals werfen und ihn umarmen, und ... weinen – aber ich fürchte mich, ich fürchte ... wie er es auffassen könnte, oh Gott! Er spricht wohl freundlich, aber ich fürchte mich! Nun, warum fürchte ich mich? ...“

„Ach, Rodja, du wirst nicht glauben,“ beeilte sie sich plötzlich, seine Bemerkung zu beantworten, „wie wir gestern, ich und Dunetschka ... unglücklich waren! Jetzt, wo alles vorüber und beendet ist, und wir alle wieder glücklich sind, – kann man es sagen. Stell dir vor, wir laufen hierher, um dich zu umarmen, fast direkt von der Eisenbahn, und diese Frau, – ah, da ist sie auch! Guten Tag, Nastasja! ... Sie sagt uns plötzlich, daß du im starken Fieber liegst und daß du soeben ohne Wissen des Arztes im Fieber weggelaufen seist, und daß man dich suchen gegangen sei. Du glaubst nicht, wie das uns traf! Ich stellte mir sofort vor, wie der Leutnant Potantschikoff, unser Bekannter, ein Freund deines Vaters, – du kannst dich seiner nicht erinnern, Rodja – tragisch endete, er hatte auch starkes Fieber und war in derselben Weise weggelaufen und in einen Brunnen im Hofe hineingefallen, am anderen Tage erst konnte man ihn herausziehen. Und wir haben es uns selbstverständlich noch schwärzer ausgemalt. Wir wollten hinausstürzen und Peter Petrowitsch suchen, um mit seiner Hilfe wenigstens ... denn wir waren allein, vollkommen allein,“ sagte sie mit kläglicher Stimme und verstummte plötzlich, als sie sich erinnerte, daß es noch ziemlich gefährlich sei, über Peter Petrowitsch zu sprechen, ungeachtet dessen, „daß alle schon wieder vollkommen glücklich sind.“

„Ja, ja ... das alles ist sicher ärgerlich ...“ murmelte Raskolnikoff, aber mit solch einem zerstreuten und fast unaufmerksamen Ausdrucke, daß Dunetschka ihn voll Erstaunen ansah.

„Was wollte ich doch sagen,“ fuhr er fort und versuchte sich zu besinnen, „ja, – bitte, Mama, und du, Dunetschka, denkt nicht, daß ich nicht als erster heute zu euch kommen wollte und etwa auf euren Besuch wartete.“

„Ja, was fällt dir ein, Rodja!“ rief Pulcheria Alexandrowna, die jetzt auch erstaunte, aus.

„Weshalb spricht er so konventionell?“ dachte Dunetschka. „Er söhnt sich aus und bittet um Verzeihung, als erfülle er eine Pflicht oder sage das Gelernte auf!“

„Ich bin soeben aufgewacht und wollte zu euch gehen, aber mich hielten meine Kleider auf; ich hatte vergessen, ihr ... Nastasja zu sagen ... dieses Blut auszuwaschen ... Jetzt, soeben erst habe ich mich angezogen.“ –

„Blut! Was für Blut?“ sagte Pulcheria Alexandrowna erschrocken.

„Es ist nichts ... regen Sie sich nicht auf. Das Blut kommt daher, weil ich, als ich gestern besinnungslos herumirrte, auf einen überfahrenen Menschen stieß ... auf einen Beamten ...“

„Besinnungslos? Aber du erinnerst dich an alles,“ unterbrach ihn Rasumichin.

„Das ist richtig,“ antwortete ihm Raskolnikoff mit Bedacht, „ich erinnere mich an alles, bis auf die geringste Kleinigkeit, aber dennoch, denk dir, – warum ich das getan und dort gewesen bin und jenes gesagt habe, – kann ich mir nicht erklären.“

„Das ist eine sehr bekannte Tatsache,“ mischte sich Sossimoff ein, „zuweilen ist die Ausführung einer Sache meisterlich, glänzend, die Direktion der Handlungen aber, der Ursprung der Handlungen, ist dunkel und hängt von allerhand krankhaften Empfindungen ab. Es ist wie im Traume.“

„Es ist vielleicht gut, daß er mich beinahe für einen Irrsinnigen hält,“ dachte Raskolnikoff.

„Aber das kann man vielleicht auch von Gesunden sagen,“ bemerkte Dunetschka und sah Sossimoff besorgt an.

„Ihre Bemerkung ist ziemlich richtig,“ antwortete er, „in diesem Sinne gleichen wir fast alle tatsächlich und sehr oft Verrückten, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß die ‚Kranken‘ ein bißchen mehr verrückt sind als wir, man muß hier eine Grenze festhalten. Einen ganz harmonischen Menschen aber, – das ist wahr, – gibt es fast nicht; auf Zehntausende, vielleicht aber auch auf viele Hunderttausende findet man einen ...“

Bei dem Worte „verrückt,“ das Sossimoff unvorsichtigerweise entschlüpfte, als er auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, verzogen alle die Gesichter. Raskolnikoff saß in Gedanken und mit einem seltsamen Lächeln auf den bleichen Lippen da, als schenke er dem keine Aufmerksamkeit. Er fuhr fort etwas zu erwägen.

„Nun, was ist mit dem Überfahrenen? Ich habe dich unterbrochen!“ rief schnell Rasumichin.

„Was?“ schien er zu erwachen, „ja ... nun, da habe ich mich mit Blut beschmutzt, als ich half, ihn in seine Wohnung zu tragen ... Ja, Mama, ich habe gestern etwas Unverzeihliches getan, – ich war wirklich nicht bei Verstand. Ich habe gestern alles Geld, das Sie mir geschickt haben, ... seiner Frau ... zur Beerdigung gegeben. Sie ist jetzt Witwe, eine schwindsüchtige, beklagenswerte Frau ... drei kleine Kinder, Waisen, hungrig ... im Hause ist nichts ... und es ist noch eine Tochter da ... Vielleicht hätten Sie auch selbst gegeben, wenn Sie gesehen hätten ... Ich hatte übrigens gar kein Recht, ich gestehe es ein, besonders weil ich weiß, wie Sie dieses Geld sich verschafft haben. Um zu helfen, muß man erst ein Recht dazu haben, sonst – ‚Crevez, chiens, si vous n’êtes pas contents‘.“ Er lachte. „Ist es nicht wahr, Dunja?“

„Nein, es ist nicht wahr,“ antwortete Dunja fest.

„Bah! Auch du hast ... Ansichten! ...“ murmelte er und blickte sie fast mit Haß an und lächelte spöttisch. „Ich hätte dies in Betracht ziehen müssen ... Nun, was ist dabei, es ist lobenswert und für dich besser ... und wenn du bis zu einer Grenze kommst, die du nicht übertreten kannst – wirst du unglücklich sein, und wenn du sie überschreitest, – wirst du vielleicht noch unglücklicher sein ... Übrigens aber, dies ist alles Unsinn!“ fügte er gereizt hinzu, ärgerlich über seine unwillkürliche Offenheit. „Ich wollte bloß sagen, daß ich Sie, Mama, um Verzeihung bitte,“ schloß er scharf und bündig.

„Aber Rodja, ich bin überzeugt, daß alles, was du tust, gut ist!“ sagte erfreut die Mutter.

„Seien Sie nicht davon überzeugt,“ antwortete er und verzog den Mund zu einem Lächeln.

Ein Schweigen trat ein. Etwas Gespanntes lag in diesem ganzen Gespräche und im Schweigen, wie auch in der Versöhnung und Verzeihung, und alle fühlten es.

„Als ob sie sich vor mir fürchteten,“ dachte Raskolnikoff und blickte die Mutter und die Schwester unter der gesenkten Stirn hervor an.

Pulcheria Alexandrowna wurde immer ängstlicher, je länger sie schwieg.

„Aus der Ferne schien sie doch zu lieben,“ durchzuckte es ihn.

„Weißt du, Rodja, Marfa Petrowna ist gestorben!“ platzte plötzlich Pulcheria Alexandrowna heraus.

„Was für eine Marfa Petrowna?“

„Ach, mein Gott, Marfa Petrowna Sswidrigailowa! Ich habe dir so viel über sie geschrieben.“

„Ach, ja ich erinnere mich ... also sie ist gestorben? Ach, in der Tat?“ fuhr er plötzlich auf, als sei er erwacht. „Ist sie wirklich gestorben? Woran denn?“

„Stell dir vor, ganz plötzlich!“ beeilte sich Pulcheria Alexandrowna ihm zu antworten, ermutigt durch seine Neugier, „und gerade in der Zeit, als ich dir den Brief schickte, sogar an demselben Tage! Denk dir, dieser schreckliche Mensch scheint auch die Ursache ihres Todes zu sein. Man erzählt, er habe sie furchtbar verprügelt!“

„Leben sie denn in dieser Weise?“ fragte er, sich an die Schwester wendend.

„Nein, im Gegenteil. Er war ihr gegenüber stets sehr geduldig und höflich. In vielen Fällen sogar zu duldsam ihrer Art gegenüber, volle sieben Jahre ... Mit einem Male scheint er die Geduld verloren zu haben.“

„Also ist er gar nicht so schrecklich, wenn er sieben Jahre ausgehalten hat? Du scheinst ihn, Dunetschka, zu entschuldigen?“

„Nein, nein, er ist ein schrecklicher Mensch! Ich kann mir nichts Schrecklicheres vorstellen,“ antwortete Dunja fast erbebend, zog die Augenbrauen zusammen und wurde nachdenklich.

„Es geschah am Morgen,“ fuhr Pulcheria Alexandrowna eilig fort. „Dann befahl sie, sofort anzuspannen, um gleich nach dem Mittagessen in die Stadt zu fahren, weil sie stets in solchen Fällen in die Stadt fuhr; sie aß zu Mittag, wie man sagt, mit großem Appetit ...“

„Verprügelt, wie sie war?“

„... Sie hatte übrigens auch immer diese ... Angewohnheit, und kaum als sie gegessen hatte, ging sie, um nicht zu spät abzufahren, sofort in die Badestube ... Siehst du, sie nahm aus Gesundheitsrücksichten Bäder; sie haben dort eine kalte Quelle, und sie badete dort jeden Tag, und als sie ins Wasser stieg, traf sie plötzlich der Schlag!“

„Kein Wunder,“ sagte Sossimoff.

„Und hat er sie stark verprügelt?“

„Das ist aber doch gleichgültig,“ sagte Dunja.

„Hm. Übrigens, was haben Sie für ein Vergnügen, Mama, solch einen Unsinn zu erzählen,“ kam es gereizt und plötzlich von den Lippen Raskolnikoffs.

„Ach, mein Freund, ich wußte nicht mehr, worüber ich sprechen soll,“ sagte Pulcheria Alexandrowna.

„Ja, was ist das, fürchtet ihr mich etwa?“ sagte er mit einem gezwungenen Lächeln.

„Das ist wahr,“ antwortete Dunja und sah den Bruder offen und streng an. „Als Mama die Treppe hinaufging, schlug sie sogar ein Kreuz vor Angst.“

Sein Gesicht verzog sich wie im Krampf.

„Ach, Dunja, was ist mit dir! Sei nicht böse, Rodja, ich bitte dich ... Warum hast du das gesagt, Dunja!“ sagte Pulcheria Alexandrowna verlegen, „das ist wahr, als ich hierherreiste, träumte ich den ganzen Weg, wie wir uns wiedersehen, wie wir einander alles erzählen werden ... und war so glücklich, daß ich die Reise nicht einmal belästigend fand! Ja, was sage ich! Ich bin auch jetzt glücklich ... Du hast unrecht, Dunja ... Ich bin schon allein dadurch glücklich, daß ich dich sehe, Rodja ...“

„Lassen Sie es, Mama,“ murmelte er in Verlegenheit und drückte ihr die Hand ohne sie anzublicken, „wir werden schon Zeit haben uns auszusprechen.“

Nachdem er das gesagt hatte, wurde er wieder verlegen und erbleichte, – wieder durchzog eine kurze schreckliche Empfindung in toter Kälte seine Seele, wieder wurde es ihm plötzlich vollkommen klar, daß er soeben eine furchtbare Lüge gesagt hatte, daß er nie wieder sich aussprechen könne, daß er nie mehr, niemals und mit niemandem, überhaupt sprechen dürfe. Der Eindruck dieses qualvollen Gedankens war so stark, daß er auf einen Moment sich fast vergaß, von seinem Platze aufstand und ohne jemand anzublicken, aus dem Zimmer zu gehen im Begriffe war.

„Was ist dir?“ rief Rasumichin und faßte ihn an der Hand.

Er setzte sich wieder hin und begann sich schweigend umzusehen; alle blickten ihn befremdet an.

„Ja, warum seid ihr alle so langweilig!“ rief er plötzlich, ganz unerwartet. „Sagt doch etwas! Warum sitzen wir so herum! Nun, so redet doch! Wollen wir uns unterhalten ... Sind zusammengekommen und schweigen ... redet doch etwas!“

„Gott sei dank! Ich dachte, mit ihm geschieht irgend etwas wie gestern,“ sagte Pulcheria Alexandrowna und bekreuzigte sich.

„Was ist mit dir, Rodja?“ fragte Awdotja Romanowna mißtrauisch.

„Nichts, ich denke gerade an etwas Komisches,“ antwortete er und lachte plötzlich.

„Nun, wenn es etwas Komisches ist, so ist es gut! Ich dachte beinahe selbst ...“ murmelte Sossimoff und erhob sich vom Sofa. „Ich muß jetzt gehen; ich komme noch einmal her, vielleicht ... wenn ich Sie antreffe ...“ Er verabschiedete sich und ging hinaus.

„Welch ein prächtiger Mensch!“ bemerkte Pulcheria Alexandrowna.

„Ja, er ist prächtig, ausgezeichnet, gebildet, klug ...“ sagte plötzlich Raskolnikoff schnell und mit einer an ihm nicht gewohnten Lebhaftigkeit, „ich erinnere mich nicht, daß ich ihn vor meiner Krankheit getroffen hätte ... und doch ist mir, als hätte ich ihn irgendwo schon getroffen ... Dieser da ist auch ein guter Mensch!“ er wies mit dem Kopfe auf Rasumichin, – „gefällt er dir, Dunja?“ fragte er sie und lachte plötzlich, ohne daß man wußte warum.

„Er gefällt mir sehr,“ antwortete Dunja.

„Pfui, wie ... gemein du bist!“ sagte Rasumichin furchtbar verlegen und errötend und stand vom Stuhle auf.

Pulcheria Alexandrowna lächelte ein wenig und Raskolnikoff lachte laut.

„Wohin willst du denn?“

„Ich muß auch ... gehen.“

„Du mußt gar nicht, bleibe hier! Sossimoff ist fortgegangen und da mußt du auch gehen? Bleib nur. Wieviel Uhr ist es? Ist es schon zwölf? Was du für eine nette Uhr hast, Dunja! Ja, warum schweigt ihr wieder? Bloß ich, ich allein rede die ganze Zeit! ...“

„Die Uhr ist ein Geschenk von Marfa Petrowna,“ antwortete Dunja.

„Und eine sehr teure Uhr,“ fügte Pulcheria Alexandrowna hinzu.

„So–o! Wie groß ist sie, fast keine Damenuhr mehr.“

„Ich habe solche gern,“ sagte Dunja.

„Also, es ist kein Geschenk vom Bräutigam,“ dachte Rasumichin und wurde froh darüber.

„Ich dachte, sie ist ein Geschenk von Luschin,“ bemerkte Raskolnikoff.

„Nein, er hat Dunetschka noch nichts geschenkt.“

„So–o! Erinnern Sie sich noch, Mama, daß ich verliebt war und heiraten wollte,“ sagte er plötzlich und sah die Mutter an, die von der unerwarteten Bemerkung und dem Tone, mit dem er sprach, betroffen war.

„Ach, mein Freund, ja ich erinnere mich!“ Pulcheria Alexandrowna wechselte mit Dunetschka und Rasumichin einen Blick.

„Hm! Ja! Was soll ich Ihnen erzählen? Ich erinnere mich dessen ganz wenig. Sie war ein sehr krankes Mädchen,“ fuhr er fort, anscheinend wieder in Gedanken versunken und mit gesenktem Blicke, „ganz krank war sie; sie liebte Almosen zu geben und träumte immer vom Kloster, und einmal weinte sie arg, als sie mir davon erzählte. Ja, ja ... ich erinnere mich ... ich erinnere mich dessen gut. Sie sah so ... häßlich aus. Ich weiß wirklich nicht, warum ich damals eine Neigung zu ihr faßte, vielleicht weil sie immer krank war ... Wäre sie noch lahm oder buckelig gewesen, ich hätte sie dann, glaube ich, noch mehr geliebt ...“ (er lächelte nachdenklich). „Es war so ... ein Frühlingstraum ...“

„Nein, es war nicht allein ein Frühlingstraum,“ sagte Dunetschka innig.

Er blickte aufmerksam und durchdringend die Schwester an, ohne ihre Worte recht gehört oder gar verstanden zu haben. Dann stand er in tiefem Nachdenken auf, trat an die Mutter heran, küßte sie, kehrte auf seinen Platz zurück und setzte sich wieder.

„Du liebst sie auch jetzt noch!“ sagte Pulcheria Alexandrowna gerührt.

„Sie? Jetzt? Ach ja ... Sie meinen sie! Nein. All das ist jetzt wie aus einer anderen Welt ... und so lange her. Ja und alles, was hier rings um mich geschieht, ist, als geschähe es nicht hier ...“

Er blickte sie aufmerksam an.

„Auch euch ... ich sehe euch, wie tausend Werst weit von hier ... Ja, und zum Teufel, warum sprechen wir darüber! Und warum fragt ihr mich aus?“ fügte er ärgerlich hinzu und verstummte, kaute an den Fingernägeln und wurde von neuem nachdenklich.

„Wie schlecht deine Wohnung ist, Rodja, sie ist wie ein Sarg,“ sagte plötzlich Pulcheria Alexandrowna, das peinliche Schweigen unterbrechend, „ich bin überzeugt, daß zur Hälfte dich diese Wohnung zu einem Melancholiker gemacht hat.“

„Die Wohnung? ...“ antwortete er zerstreut. „Ja, diese Wohnung hat viel dazu beigetragen ... ich habe es auch gedacht ... Wenn Sie aber wüßten, welchen merkwürdigen Gedanken Sie soeben aussprachen,“ fügte er plötzlich hinzu und lächelte eigentümlich.

Noch ein Weniges, und diese Gesellschaft, seine nächsten Verwandten, die er nach dreijähriger Trennung wiedersah, und diese Art von Gesprächen, die kein Thema festzuhalten vermochten, mußten ihm schließlich ganz unerträglich werden. Es gab jedoch noch eine unaufschiebbare Angelegenheit, die heute noch, so oder so, aber unbedingt entschieden werden sollte, – so hatte er vorhin schon, als er erwachte, beschlossen. Jetzt freute er sich darüber, wie über einen Ausweg.

„Höre, Dunja,“ begann er ernst und trocken, „ich bitte selbstverständlich wegen des Gestrigen um Verzeihung, aber ich halte es für meine Pflicht, dich noch einmal zu erinnern, daß ich von meinem Hauptverlangen nicht zurücktrete. Entweder ich oder Luschin. Mag ich ein Schuft sein, du aber darfst es nicht werden. Einer allein. Wenn du Luschin heiratest, höre ich sofort auf, dich als meine Schwester anzusehen.“

„Rodja, Rodja! Das ist doch dasselbe wie gestern,“ rief Pulcheria Alexandrowna kummervoll aus, „und warum nennst du dich immer einen Schuft, ich kann es nicht ertragen! Auch gestern war dasselbe ...“

„Bruder,“ antwortete Dunja fest und ebenso trocken, „in alledem liegt ein Irrtum deinerseits. Ich habe es heute überlegt und den Irrtum gefunden. Die Hauptsache ist, daß du, wie es mir scheint, denkst, ich bringe mich jemandem und um jemandes willen zum Opfer. Das ist nicht richtig. Ich heirate nur meinethalben, weil mir das Leben so zu führen selbst schwer fällt; dann aber will ich auch sicher froh sein, wenn es mir gelingen sollte, meinen Verwandten nützlich zu sein, zu meinem Entschlusse aber ist dies nicht der hauptsächlichste Beweggrund ...“

„Sie lügt!“ dachte er und kaute vor Wut an seinen Nägeln. „Sie ist stolz! Sie will es nicht eingestehen, daß sie Wohltaten erweisen möchte! Oh, diese niedrigen Charaktere! Sie lieben, als haßten sie ... Oh, wie ich sie alle ... hasse!“

„Mit einem Worte, ich heirate Peter Petrowitsch,“ fuhr Dunetschka fort, „weil ich von zwei Übeln das kleinste wähle. Ich habe die Absicht, alles ehrlich zu erfüllen, was er von mir erwartet, also betrüge ich ihn nicht ... Warum lächelst du jetzt?“

Sie errötete und in ihren Augen blitzte der Zorn.

„Du willst alles erfüllen?“ fragte er mit einem giftigen Lächeln.

„Bis zu einer gewissen Grenze. Die Art und die Form des Antrages von Peter Petrowitsch haben mir sofort gezeigt, was er braucht. Er schätzt sich gewiß vielleicht zu hoch ein, aber ich hoffe, daß er auch mich schätzt ... Warum lachst du wieder?“

„Und warum errötest du wieder? Du lügst, Schwester, du lügst bewußt, bloß aus weiblichem Eigensinn, um nur auf deinem Willen vor mir zu bestehen ... Du kannst Luschin nicht achten, – ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen. Also, verkaufst du dich für Geld und also handelst du in jedem Falle niedrig, und ich freue mich, daß du wenigstens noch erröten kannst!“

„Es ist nicht wahr, ich lüge nicht! ...“ rief Dunetschka, ihre ganze Kaltblütigkeit verlierend, „ich würde ihn nicht heiraten, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß er mich schätzt und auf mich etwas gibt; ich würde ihn nicht heiraten, wenn ich nicht fest überzeugt wäre, daß ich ihn selbst achten kann. Zum Glück kann ich mich davon sicher und heute noch überzeugen. Und solch eine Heirat ist keine Schuftigkeit, wie du sagst! Und wenn du auch recht hättest, wenn ich tatsächlich mich zu einer Schuftigkeit entschlossen hätte, – ist es dann nicht grausam von dir, so mit mir zu sprechen? Warum verlangst du von mir ein Heldentum, das du vielleicht selbst nicht hast? Das ist Despotismus, das ist Gewalttätigkeit! Wenn ich jemand zugrunde richte, doch höchstens mich selbst ... Ich habe noch niemanden getötet ... Warum schaust du mich so an? Warum bist du so bleich geworden? Rodja, was ist dir? Rodja, lieber ...“

„Herrgott! Sie hat ihn bis zur Ohnmacht gebracht!“ – rief Pulcheria Alexandrowna aus.

„Nein, nein ... das ist Unsinn ... es ist nichts! ... Der Kopf schwindelt mir nur ein wenig. Es ist keine Ohnmacht ... Ihr wittert überall Ohnmachten ... Hm! ja ... was wollte ich sagen? Ja, – wie willst du dich heute überzeugen, daß du ihn achten kannst, und daß er dich ... schätzt etwa, wie du sagtest? Du sagtest, schien mir, heute? Oder habe ich mich verhört?“

„Mama, zeigen Sie dem Bruder den Brief von Peter Petrowitsch,“ – sagte Dunetschka.

Pulcheria Alexandrowna reichte ihm mit zitternden Händen den Brief. Er nahm ihn mit großer Neugierde. Ehe er ihn aber öffnete, blickte er plötzlich verwundert Dunetschka an.

„Sonderbar,“ – sagte er langsam, als wäre er durch einen neuen Gedanken überrascht, „warum rege ich mich so auf? Warum dieses ganze Geschrei? Heirate, wen du willst!“

Er sagte es scheinbar für sich selbst, sprach es aber laut aus und blickte eine Weile die Schwester wie verblüfft an.

Er öffnete endlich den Brief, wobei er immer noch den Ausdruck einer seltsamen Verwunderung behielt; dann begann er langsam und aufmerksam zu lesen und las den Brief zweimal. Pulcheria Alexandrowna war in großer Unruhe, auch die anderen erwarteten etwas Besonderes.

„Mich wundert es,“ – begann er nach einigem Nachdenken und gab den Brief der Mutter zurück, wandte sich aber zu keinem einzelnen, – „er führt doch Prozesse, ist Advokat, und seine Weise zu sprechen hat auch so einen ... Anstrich, – aber wie ungebildet er schreibt.“ Alle rührten sich, das hatten sie nicht erwartet.

„Sie schreiben doch alle so,“ – bemerkte Rasumichin kurz.

„Hast du den Brief gelesen?“

„Ja.“

„Wir haben ihn gezeigt, Rodja, wir ... haben vorhin uns beratschlagt,“ – begann Pulcheria Alexandrowna verlegen.

„Es ist eigentlich der Gerichtsstil,“ – unterbrach Rasumichin, – „Gerichtspapiere werden heute noch so geschrieben.“

„Gerichtsstil? Ja, wirklich, Gerichtsstil, Geschäftsstil ... Er ist nicht ganz ungebildet geschrieben und auch nicht sehr literarisch; ein Geschäftsbrief!“

„Peter Petrowitsch verheimlicht auch nicht, daß er wenig gelernt hat, und ist sogar stolz darauf, daß er seinen Weg selbst gemacht hat,“ – bemerkte Awdotja Romanowna, neuerlich durch den Ton des Bruders gekränkt.

„Nun, wenn er stolz darauf ist, hat er auch ein Recht dazu, – ich widerspreche nicht. Du, Schwester, scheinst gekränkt zu sein, daß ich aus dem ganzen Brief nur so eine frivole Schlußfolgerung gezogen habe, und meinst, daß ich absichtlich über solche Kleinigkeiten gesprochen habe, um mich über dich aus Ärger lustig zu machen. Im Gegenteil, mir kam in bezug des Stils ein in diesem Falle nicht ganz überflüssiger Gedanke. In dem Briefe ist ein Ausdruck – ‚woran Sie allein sich die Schuld zuzuschreiben hätten‘, der sehr bedeutungsvoll und klar hingesetzt ist, und außerdem enthält der Brief die Drohung, daß er sofort fortgehen werde, wenn ich hinkomme. Diese Drohung fortzugehen, ist gleichbedeutend der Drohung, euch beide zu verlassen, wenn ihr unfolgsam sein werdet, und gerade jetzt zu verlassen, wo er euch nach Petersburg gebracht hat. Nun, was meinst du, – kann man durch solch einen Ausdruck seitens Luschins ebenso gekränkt sein, wie wenn er es geschrieben hätte“ – (er zeigte auf Rasumichin) – „oder Sossimoff oder einer von uns?“

„N–nein,“ – antwortete Dunetschka, – „ich habe sehr gut verstanden, daß es zu naiv ausgedrückt ist, und daß er vielleicht bloß nicht versteht zu schreiben ... Das hast du gut beurteilt, Bruder. Ich habe das nicht mal erwartet ...“

„Das ist in Gerichtssprache ausgedrückt und im Gerichtsstil kann man es anders nicht schreiben, und es ist gröber herausgekommen, als er vielleicht wollte. Übrigens, ich muß dich ein wenig enttäuschen, – in diesem Briefe gibt es noch eine Äußerung, eine Verleumdung in bezug auf mich, und eine ziemlich gemeine. Ich habe das Geld gestern der Witwe, einer schwindsüchtigen und niedergeschmetterten Frau, gegeben, und nicht unter dem Vorwande, die Beerdigungskosten zu tragen, sondern einfach zur Beerdigung, auch nicht der Tochter, – einem Mädchen, wie er schreibt, ‚von verrufenem Lebenswandel‘ – und die ich gestern zum ersten Male in meinem Leben gesehen habe, sondern tatsächlich der Witwe. In diesem allen sehe ich den zu eiligen Wunsch, mich mit Schmutz zu bewerfen und mit euch zu verzwisten. Es ist wiederum in der Gerichtssprache ausgedrückt, das heißt mit einer zu deutlichen Klarlegung des Zweckes und einer sehr naiven Eile. Er ist ein kluger Mann, aber um klug zu handeln genügt nicht, nur Verstand zu haben. Dies alles zeigt den Menschen und ... ich glaube nicht, daß er dich hochschätzt. Ich teile es dir nur zur Belehrung mit, denn ich wünsche aufrichtig dein Gutes ...“

Dunetschka antwortete nicht; ihr Entschluß war schon vorhin gefaßt, sie erwartete bloß den Abend.

„Wie entschließt du dich denn, Rodja?“ – fragte Pulcheria Alexandrowna, noch mehr beunruhigt als vorhin, durch den plötzlichen, neuen, geschäftlichen Ton seiner Rede.

„Was heißt – entschließest du dich?“ –

„Peter Petrowitsch schreibt doch, daß du heute abend nicht bei uns sein sollst, und daß er fortgehen werde ... wenn du doch kommen solltest. Also, wie ... wirst du kommen?“

„Die Entscheidung hierüber kommt doch selbstverständlich nicht mir, sondern erstens Ihnen zu, wenn Sie dieses Verlangen von Peter Petrowitsch nicht kränkt, und zweitens Dunja, wenn sie sich auch nicht gekränkt fühlt. Und ich will handeln, wie es für sie am besten ist,“ – fügte er trocken hinzu.

„Dunetschka hat schon beschlossen, und ich bin mit ihr völlig einverstanden,“ – beeilte sich Pulcheria Alexandrowna zu bemerken.

„Ich habe beschlossen, dich, Rodja, zu bitten, eindringlich zu bitten, unbedingt bei dieser Zusammenkunft zugegen zu sein,“ – sagte Dunja, – „willst du kommen?“

„Ich will kommen.“

„Auch Sie bitte ich, bei uns um acht Uhr zu sein,“ – wandte sie sich an Rasumichin, – „Mama, ich fordere ihn auch auf.“

„Sehr gut, Dunetschka. Nun, wie ihr beschlossen habt, möge es bleiben,“ – fügte Pulcheria Alexandrowna hinzu. – „Und für mich ist es auch leichter; ich liebe nicht, mich zu verstellen und zu lügen; besser wollen wir die ganze Wahrheit sagen ... Mag Peter Petrowitsch jetzt böse sein oder nicht!“

IV.

In diesem Augenblicke wurde die Türe leise geöffnet und ins Zimmer trat, sich schüchtern umblickend, ein junges Mädchen herein. Alle wandten sich mit Erstaunen und Neugier zu ihr um. Raskolnikoff erkannte sie nicht gleich auf den ersten Blick. Es war Ssofja Ssemenowna Marmeladowa. Gestern hatte er sie zum ersten Male gesehen, aber in solch einem Augenblicke, in solcher Umgebung und solch einem Aufzuge, daß in seiner Erinnerung das Bild einer ganz anderen Person haften geblieben war. Jetzt war es ein einfach und sogar ärmlich angezogenes Mädchen, noch sehr jung, fast einem Kinde ähnlich, mit bescheidenem und anständigem Wesen, und mit einem klaren, aber anscheinend verängstigten Gesichte. Sie hatte ein sehr einfaches Hauskleid an und auf dem Kopfe einen alten Hut von früherer Mode; nur in den Händen trug sie den Sonnenschirm von gestern. Als sie plötzlich ein Zimmer voll Menschen erblickte, wurde sie nicht bloß verlegen, sondern verlor die Fassung und ward verzagt wie ein kleines Kind, und machte sogar eine Bewegung, als wollte sie wieder gehen.

„Ach ... Sie sind es? ...“ sagte Raskolnikoff außerordentlich verwundert, und wurde plötzlich selbst verlegen. Er dachte sofort daran, daß die Mutter und die Schwester aus dem Briefe Luschins schon etwas von einem gewissen Mädchen „von verrufenem Lebenswandel“ wußten. Soeben hatte er noch gegen die Verleumdung Luschins protestiert und erwähnt, daß er dieses Mädchen zum ersten Male gesehen habe, und plötzlich tritt sie selbst ein. Er erinnerte sich auch, daß er gar nicht gegen den Ausdruck – „von verrufenem Lebenswandel“ protestiert habe. Dies alles durchzog unklar und flüchtig seinen Kopf. Als er aber aufmerksamer hinblickte, sah er, wie gedrückt dieses erniedrigte Wesen war, und sie tat ihm plötzlich leid. Als sie aber im Schreck sich anschickte wegzulaufen, schlug seine Stimmung um.

„Ich habe Sie nicht erwartet,“ – sagte er hastig und hielt sie mit seinem Blicke zurück. – „Setzen Sie sich bitte. Sie kommen sicher im Auftrage Katerina Iwanownas. Erlauben Sie, setzen Sie sich nicht hierhin, sondern dorthin“ ... Bei Ssonjas Eintritt war Rasumichin, der auf einem der drei Stühle Raskolnikoffs gerade neben der Türe gesessen hatte, aufgestanden, um ihr zum Hereingehen Platz zu machen. Zuerst wollte ihr Raskolnikoff den Platz in der Ecke des Sofas anbieten, wo Sossimoff gesessen hatte, aber es fiel ihm ein, daß dieses Sofa ein zu familiärer Platz sei, ihm als Bett diene und beeilte sich, ihr den Stuhl Rasumichins anzubieten.

„Und du setzt dich hierher,“ – sagte er zu Rasumichin und wies ihn in die Ecke, wo Sossimoff gesessen hatte.

Ssonja setzte sich, fast zitternd vor Angst, und blickte schüchtern auf die beiden Damen. Man sah, daß sie selbst nicht begriff, wie sie sich neben sie hinsetzen konnte. Als es ihr bewußt wurde, erschrak sie so, daß sie wieder aufstand und sich in völliger Verwirrung an Rasumichin wandte.

„Ich ... ich ... bin nur auf einen Augenblick gekommen, verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe,“ – sagte sie stockend.

„Ich komme im Auftrage Katerina Iwanownas, sie hatte sonst niemanden zum Schicken ... Und Katerina Iwanowna läßt Sie sehr bitten, zu der Totenmesse morgen früh ... zu kommen. Nach dem Gottesdienst ... auf dem Mitrofaniewschen Friedhof und nachher bei uns ... bei ihr ... zu essen ... Ihr die Ehre zu erweisen ... Sie läßt Sie bitten.“

Sie stockte und verstummte.

„Ich will es unbedingt versuchen ... unbedingt,“ – antwortete Raskolnikoff, indem er sich auch erhob, ebenso stockte und nicht ausredete. – „Bitte, tun Sie mir den Gefallen, setzen Sie sich,“ – sagte er plötzlich, – „ich muß mit Ihnen sprechen. Bitte, – Sie haben es vielleicht eilig, – tun Sie mir aber den Gefallen und schenken Sie mir nur noch zwei Minuten ...“ und er schob ihr den Stuhl hin. Ssonja setzte sich wieder, und wieder warf sie schüchtern und verstört einen schnellen Blick auf die beiden Damen und senkte sogleich wieder die Augen.

Das bleiche Gesicht Raskolnikoffs errötete; er schien wie umgewandelt, seine Augen funkelten.

„Mama,“ – sagte er fest und eindringlich, – „das ist Ssofja Ssemenowna Marmeladowa, die Tochter des unglücklichen Herrn Marmeladoff, der gestern vor meinen Augen vom Pferde zu Boden getreten wurde, was ich Ihnen schon erzählt habe ...“

Pulcheria Alexandrowna blickte nach Ssonja und kniff ein wenig die Augen zusammen. Trotz ihrer Verlegenheit vor dem eindringlichen und herausfordernden Blicke Rodjas konnte sie sich dieses Vergnügen nicht versagen. Dunetschka sah ernst und unverwandt dem armen Mädchen ins Gesicht und betrachtete sie unschlüssig. Als Ssonja diese Vorstellung hörte, erhob sie die Augen auf einen Augenblick und wurde noch mehr verlegen.

„Ich wollte Sie fragen,“ – wandte sich Raskolnikoff schnell zu ihr, – „wie hat sich heute alles bei Ihnen gemacht? Hat man sie nicht belästigt? ... Zum Beispiel die Polizei.“

„Nein, alles ging glatt ... Es war doch deutlich zu sehen, woran er gestorben ist; man hat uns weiter nicht belästigt, nur die Mieter sind böse.“

„Warum?“

„Weil die Leiche so lange steht ... jetzt ist es doch heiß, es gibt einen Geruch ... so daß man die Leiche heute zur Abendmesse auf den Friedhof tragen wird, und läßt sie dort bis morgen in der Kapelle stehen. Katerina Iwanowna wollte es zuerst nicht, jetzt aber sieht sie selbst ein, daß es so besser ist ...“

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