9. BRIEF. TEMUCO. – EIN AUFZUG DER ARAUKANER-INDIANER.
Reading edition
Mitten im Herzen Chiles, wo die westlichen Ausläufer der Anden-Kordilleren sich nach dem Stillen Ozean hinziehen, an einer Stelle, die vor dreißig Jahren von dichtem Urwald bestanden war, liegt heute die rasch emporgeblühte, obzwar noch kleine Stadt Temuco. Auf den meisten Karten Chiles, außer den allerneuesten, steht sie noch nicht einmal verzeichnet. Dennoch bietet gerade dieses Städtchen dem reisenden Europäer besonderes Interesse. Nicht wegen seiner landschaftlichen oder sonstigen Schönheit. Temuco an sich ist immer noch ein recht elendes kleines Nest, mit langweilig geraden, schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen und den für Chile charakteristischen einstöckigen Erdbeben-Häusern aus Holz oder Lehm. Von der Sonne gelb gebrannte Wiesen umgeben die Stadt, auf einigen Hügeln stehen noch Reste des niedergebrannten Urwaldes, halbverkohlte Baumstämme mit phantastisch gekrümmten Astarmen, niedriges gelbgrünes Buschwerk. Diese ungemütlich-monotone, trostlos arme Landschaft verleiht dem Ort keinen Reiz. Was Temuco interessant macht, ist die unmittelbare Nähe der immer noch halbwilden Araukanerstämme, eines Indianervolkes, das seit urvordenklichen Zeiten die Chilenische Ebene, in einem Umkreis von einigen hundert Kilometern um Temuco herum, bevölkert.
Als wir in Temuco anlangten, wurde dort gerade ein wissenschaftlicher Kongreß von chilenischen Gelehrten abgehalten. Anfangs konnten wir nicht umhin, diesen Congreso scientifico und alle seine Teilnehmer zu verwünschen, denn das einzige Hotel Temucos, das für Europäer in Betracht kommt, war derart überfüllt, daß wir mit einem höchst primitiven Nachtlager vorlieb nehmen mußten, nachdem wir uns geweigert hatten, ein kleines Zimmer mit drei keineswegs vertrauenerweckenden Chilenen zu teilen. Am nächsten Tage jedoch schon hatten wir Ursache, den Congreso reumütig zu segnen, statt ihn zu verfluchen.
Gegen Mittag begann eine uns anfangs unerklärliche Aufregung und Bewegung in der Stadt zu herrschen. Als wir auf die Straße hinaustraten, sah man von allen Richtungen her endlose Züge von Reitern nach dem Mittelpunkte der Stadt, der sogenannten »Plaza des armes«, die in keiner südamerikanischen Stadt fehlt, hinziehen. Es stellte sich heraus, daß es sich um einen Aufzug der Araukaner oder Mapuches, wie man sie hier auch nennt, handelte, der zu Ehren der Kongreßmitglieder in Szene gesetzt wurde. Immer bunter, immer bewegter, immer interessanter wurde das Bild, das sich nach und nach auf dem Platze entwickelte. Größere und kleinere Trupps von Reitern nahten im Galopp, im Trab oder im Schritt. Endlich mögen weit über Tausend versammelt gewesen sein. Im blendenden Sonnenscheine flimmerte der aufgewirbelte Staub, blitzte der Silberbeschlag des Zaumzeugs und der Steigbügel, die Reiter sitzen wie angewachsen auf den dicht aneinandergedrängten, ungeduldig stampfenden Pferden. Alle tragen sie den bunten oder einfarbigen, gestreiften, gewürfelten, oder mit anderen, oft schönen Mustern bedeckten Poncho, das für Reiter höchst bequeme, hier unentbehrliche Kleidungsstück, eine Art Plaid, durch den durch einen Schlitz in der Mitte der Kopf durchgesteckt wird, während der Stoff von allen Seiten frei am Körper herabhängt. Breitrandige Hüte aus Stroh oder farbigem Filz bedecken die Köpfe. Unter den Hüten schaut manches interessante Gesicht hervor. Blitzende, braune Augen, gerade Nasen, starke Backenknochen; der Bart im Gesicht, wenn er überhaupt wächst, wird ausgezupft, bis auf einen schmalen Haarstreif am äußersten Rande der Oberlippe. Weit malerischer noch und eigenartiger, als die Männer, sind die Frauen gekleidet. Auch sie sind fast alle zu Pferde, hier und dort sieht man zwei auf einem braven Tier sitzen – natürlich rittlings, ohne Steigbügel, denn die Araukanerfrauen tragen nie einen Stiefel. In der Kleidung bevorzugen sie zwei Farben, schwarz und dunkellila, was zu ihrer gelbbraunen Gesichtsfarbe und dem tiefschwarzen Haar schön aussieht. Reicher Silberschmuck bedeckt die Brust, ein großes Tuch, das die Schultern verhüllt, wird von einer silbernen Nadel, in Form eines Pfeiles, zusammengehalten, das Haar ist von silbernen Schnüren durchflochten, hin und wieder sieht man das Haar, im Nacken geteilt, in zwei aus Silber geschmiedeten Röhren stecken. Je reicher die Mapuchesfrau ist, desto mehr Silberschmuck trägt sie, Ohrgehänge, Ringe, Gürtel zu allem übrigen.
Ununterbrochene Rufe: »Viva la raça araucana« gellten von allen Seiten. Dazu kamen bald andere ohrenzerreißende Töne, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Man verleugnet nie seinen Beruf. Mein Instinkt sagte mir, daß diese Töne Musik vorstellen sollten. Ich ging ihnen nach, was nicht leicht war, da es galt, sich durch eine lebendige Mauer von Köpfen und Hinterteilen der Mapuchespferde durchzudrängen. Richtig – an der gegenüberliegenden Seite des Platzes hatte ein araukanisches »Orchester« Aufstellung genommen. Heilige Cäcilie! da mögen Dir die Ohren weh getan haben! Das einzige musikalische Element dieser Musik war der Rhythmus, der vermittelst einer Trommel – ein ausgehöhlter Baumstumpf mit Schafhaut bespannt und schön bemalt – aufrecht erhalten wurde. Von Melodie, oder gar Harmonie keine Spur, nicht einmal von musikalisch fixierbaren Intervallen. Ich hatte schon Notizbuch und Bleistift in Bereitschaft, um die araukanische Nationalmusik nachzuschreiben, mußte dieses Vorhaben jedoch als absolut undurchführbar aufgeben. Auf endlosen Schilfrohren, an deren Ende ein Kuhhorn angebracht war, und auf kleinen Pfeifen, deren Ton einem angeblasenen Hausschlüssel ähnelt, blies jeder was er wollte, oder was das Instrument gerade hergab. Die Musiker, zum größten Teil blinde Greise, machten dazu mit dem Körper Bewegungen im Rhythmus der Trommel, der der einzige Ruhepunkt im unentwirrbaren Chaos der Töne war. Musik und Tanz gehören zusammen. Bei halbkultivierten Rassen ist der Tanz überhaupt der einzige Daseinszweck der Musik. Es dauerte auch gar nicht lange, da fanden sich zwei alte Mapuchesfrauen ein, die der Versuchung nicht widerstehen konnten und anfingen, sich nach dem monotonen, unbeirrbar gleichbleibenden Takt der Trommel zu drehen. Die jüngeren Frauen hielt augenblicklich ihr Schamgefühl vom Mittun ab. Der Tanz der beiden Alten sah gar putzig aus. In halb hockender Stellung, mit extatisch verdrehten Augen, wirbelten sie ziemlich schnell jede um die eigene Axe, von Zeit zu Zeit unterbrachen sie die Bewegung, um aufeinander loszuspringen und sich mit langen Zweigen, die sie in der Hand hielten, an Kopf oder Schulter zu berühren. Den Sinn des Tanzes konnte mir niemand erklären. Man sah ihn in Temuco zum ersten Male, und er erregte große Sensation. Alle Bäume der Plaza um die beiden Alten herum waren bis in die Kronen mit Schaulustigen besetzt.
Das Defilée der Mapuches dauerte fast drei Stunden. Natürlich mußte der »Kodak« respektive der »Tenax« ununterbrochen arbeiten. Mein Reisekamerad und ich fanden uns bald auf dem Dache einer der vorsintflutlichen temucaner Droschken, bald in halsbrecherischer Stellung an ein Fenstergesims geklammert, mit gezückten Apparaten, wieder.
Dem Europäer stechen natürlich die zum Teil sehr kunstvoll und originell gearbeiteten Schmucksachen der Araukanerfrauen mächtig in die Augen. Doch ist es nicht leicht, dieser Gegenstände habhaft zu werden. Ab und zu findet man sie in den Versatzämtern von Temuco. Denn diesen Segen der Kultur kennt der Indianer schon, wenngleich er sich nur höchst ungern und nur im alleräußersten Notfalle von seinem Hab und Gut trennt. Fast unmöglich ist es, araukanische Ringe in seinen Besitz zu bringen. Sie müssen für die Träger irgend einen besonderen, vielleicht symbolischen Wert haben. Mit einem jungen Araukaner, den ich zufällig in einem Versatzamt von Temuco traf, war ich schon handelseinig geworden, obgleich er einen Phantasiepreis für seinen Ring verlangte. Er hatte ihn schon vom Finger gezogen, um ihn gegen die entsprechenden Pesos einzutauschen, da drehte er sich plötzlich, ohne ein Wort weiter zu verlieren, um, steckte den Ring an seine Hand, sprang aufs Pferd und war verschwunden, ehe ich mir über den Vorgang klargeworden war. Fast ebenso schwierig ist die Beschaffung von Musikinstrumenten. Einem Europäer werden sie für nichts in der Welt abgegeben. Der Araukaner ist, wie gesagt, außerordentlich mißtrauisch, und da er es nicht versteht, was für einen Wert diese an sich wertlosen Dinge für unsereinen haben können, wittert er irgendeine boshafte Absicht, wenn man ihm sein Instrument abnehmen will. Man bedarf dazu der Vermittlung irgend eines von der temucaner Kultur schon erfolgreich beleckten Stammesgenossen. Solch ein Araukanerjüngling unternahm in unserem Auftrage einen zweitägigen Ritt in die Kordillere, brachte dann allerdings einige wunderschöne Instrumente mit, eine Trommel mit roter Farbe – wahrscheinlich Schafsblut – prächtig verziert, eine Pfeife und das Staatsstück – eine mehr als vier Meter lange Trompete, ein so gut gearbeitetes und erhaltenes Exemplar, wie man sie selten sieht. Die Freude war natürlich groß. Nach eifrigem Üben gelang es mir sogar, dieser musikalischen Riesenschlange einzelne Töne zu entlocken, die die Mitte hielten zwischen dem Timbre eines Kontrafagotts und dem Brüllen einer Kuh. Viel Kopfzerbrechen machte nachher allerdings uns und der chilenischen Eisenbahnbehörde die Verpackung und Versendung dieses Trompetenmonstrums.
Nach den interessanten Eindrücken, die der Aufzug der Mapuches in Temuco hinterließ, erwachte natürlich der Wunsch, den Indianer chez soi zu sehen. Der Wunsch wurde Wirklichkeit.