15. BRIEF. IM TROPISCHEN BOLIVIEN. (continued 2)
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Auf dem höchsten Punkte des Passes ließ das Schneegestöber nach. Die Wolken ballten sich zusammen und krönten die Bergspitzen, die uns umgaben. Der Himmel wurde klar. Eine Symphonie von Blau und Weiß ringsumher, wie man sie in solch makelloser Reinheit und Schönheit wohl selten zu sehen bekommt. Schade, daß es zu kalt war, um dieses einzigartige Bild lange zu genießen. Uns fehlten seit einigen Tagen auch die künstlichen Wärmemittel. Ein Gemisch aus Brennspiritus und Wasser war doch nur ein sehr mangelhafter Ersatz für Whisky und Kognak.
Abgestiegen und im Laufschritte hinunter! Die Wärme, nach der wir uns so sehnten, wurde uns bald im Übermaße zuteil. Die fünf Stunden Abstieg vom Yachazani-Paß nach Sorata bringen einen in dieser Jahreszeit aus Eis und Schnee direkt in die Tropentemperatur von 30-35 Grad Celsius – ein Temperaturwechsel, wie man ihn schärfer anderswo kaum erleben kann. Ein Kleidungsstück nach dem anderen wurde den Mulas aufgeladen, bis das Tropen-Déshabillé glücklich wieder erreicht war.
Kurz vor Sorata, beim Passieren eines Indianerdorfes, hatten wir Gelegenheit, das höchst interessante Leben und Treiben bei einer indianischen Festlichkeit mitanzusehen. Es wurde eine Hochzeit gefeiert. Das gibt sämtlichen Bewohnern des Dorfes Anlaß, nicht mehr und nicht weniger als eine volle Woche lang sich unentwegt zu betrinken und ebenso unentwegt zu tanzen. Was die Indianer im Tanzen leisten können, grenzt ans Unwahrscheinliche. Es gibt Burschen, die von Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit in unausgesetzter Bewegung sind. Eine Art Extase, ähnlich dem Delirium der indischen Drehderwische, scheint sie zu überkommen. In Gruppen von zehn bis fünfzehn Mann drehen sie sich in langsamen gemessenen Bewegungen, deren Tempo nur selten gesteigert wird, im Kreise und um die eigene Achse herum. Sie sind alle im Festtagskleide, oder irgend einem spezifisch indianischen, phantastischen Maskenanzuge. Hier ist eine Gruppe im herrlichsten Federschmuck, auf dem Kopf ein meterhoher Aufputz von vielfarbigen Papageifedern, der Oberkörper nackt, von der Taille bis zu den Knien wieder eine Art Ballettröckchen von grellgrünen oder roten, in dichten Kränzen aneinandergefügten Federn. Dort eine andere Gruppe hat sich mit Tigerfellen geschmückt. Sie haben eine Art Panzer aus den harten Fellen gebogen, der in Beulen von Rücken, Schultern und Brust absteht, die Beine stecken in Hosen und nur die Rückseite ist mit einer mächtigen grünen Federtournüre ausgestattet. Die Kerls sehen aberwitzig aus, drehen sich stieren Blickes in die Runde, wobei sie sich auf langen Flöten eine grauenhaft mißtönende Musik selber liefern.
Eine andere Gruppe hat abschreckende Tier- und Teufelsmasken vorgebunden, sie schwingen dreigezackte Kriegsspeere und springen mit unmelodischem Geheul regellos durcheinander. Der ganze Dorfplatz scheint sich zu drehen. Dem Zuschauer wird nach zehn Minuten schwindlich zu Mute, man begreift nicht, wie es die Tänzer stundenlang aushalten, ohne Rast und Ruhe in die Runde zu wirbeln.
Hin und wieder verläßt eine Gruppe den Platz, torkelt und taumelt im Gänsemarsch durch ein paar Straßen, um jedoch bald wieder auf den Ausgangspunkt zurückzukommen. In einigen Gruppen machen Knaben von zehn Jahren aufwärts mit. Nur sekundenlang sind die Pausen, in denen ein tiefer Zug aus der kreisenden Flasche mit Patinno-Schnaps getan wird. Die Tänzer scheinen alle total vertiert, in Blick und Ausdruck haben sie nichts Menschliches mehr an sich. Seit vier Tagen erlebt keiner von ihnen eine nüchterne Minute. Doch sind es ausschließlich Männer, die sich an diesem wahnwitzigen Treiben beteiligen. Die Frauen halten sich zaghaft im Hintergrunde. Sie sehen mit glänzenden bewundernden Blicken ihre taumelnden Ehegesponse an und sind glücklich, wenn sie die vor Erschöpfung niedersinkenden Tänzer mit einem Schluck kühler »Chicha« wieder auf die Beine bringen dürfen. Vor Zuschauern haben diese exotischen Tänzer übrigens nicht die geringste Scheu, auch nicht vor photographischen Apparaten. Mir schien, daß kein einziger von ihnen mehr begriff, was überhaupt um ihn herum vorging.
Gegen 5 Uhr nachmittags erreichten wir Sorata und das gastliche Haus seines »Königs« G. Das Städtchen erschien nach den kulturellen Entbehrungen der letzten fünf Wochen wie ein kleines Paris. Ich glaubte, nie einen herrlicheren Konzertflügel unter den Händen gehabt zu haben, als das alte gelbgezähnte Scheusal von Pianino, das dem Salon des G.'schen Hauses als Zimmerzier diente.
Wir waren in Sorata an einem aufregenden Tage angelangt, dem Tage der Präsidentenwahl. An diesem Tage herrschte in Sorata eine ganz fürchterliche Besoffenheit. Soweit die indianischen Bewohner der Stadt nicht in der Gasse lagen, zogen sie mit Pfeifen, Singen und Gebrüll durch die Straßen und trugen den Kaufpreis ihrer Wahlzettel aus einer Kneipe in die andere. Bis in den frühen Morgen hörte man an allen Enden und Ecken der Stadt das unmelodische, sinnlose Geklimper der »Charangos«, einer Art Gitarre, deren Leib aus dem Panzer eines Gürteltieres besteht, dem beliebtesten Instrument der städtischen Indianer.
Im gastfreien Hause des »Königs von Sorata« durften wir uns, dank der überaus liebenswürdigen Einladung des Hausherrn, drei Ruhetage gönnen. Wir konnten sie nach den Strapazen des zweiten Kordilleren-Überganges gut gebrauchen. Es würde zu weit führen, wollte ich noch alle die schönen Ausflüge, die wir zu Fuß und zu Maultier von Sorata aus machten, im einzelnen beschreiben. An den Abenden versammelten wir uns meist auf der luftigen Terrasse des Hauses, die in einen paradiesischen Tropengarten hineinragt, zu einem echt deutschen Skat. Das heißt ganz deutsch war er nicht immer. Wenn der spanische Arzt des Städtchens zu unseren Partnern gehörte, wurde auf spanisch gespielt. Die spezifisch deutschen Skatausdrücke nehmen sich in der Sprache des Cervantes höchst kurios aus: »sastre« (Schneider), »negro« (schwarz), »curazon« (Herzen) usw.
Erst am vierten Tage wurde uns gestattet, von einer langentbehrten Kulturerrungenschaft – dem Telegraphen – Gebrauch zu machen, und eine Kutsche von La Paz nach Achecachi zu bestellen. Bis Achecachi mußten wir noch einen Tag per Maultier reisen. Nicht ohne Bedauern nahm ich – sicherlich für lange, wenn nicht für immer – von dieser Verkehrsmethode Abschied. Hat man sich erst an den Fischgabelsitz in den bolivianischen Gebirgssätteln gewöhnt und sein Temperament dem des Maultieres angepaßt, so ist es ein Hochgenuß, langsam und gemütlich durch die herrliche Gebirgswelt der Kordillere zu reiten. Auf den Weg braucht man nicht aufzupassen. Das besorgen die Tiere. Man genießt die wundervoll reine Luft, die wilde weite Aussicht und läßt seine Gedanken weithin in die Ferne schweifen.
Die Reise bis La Paz verlief ohne bemerkenswerte Erlebnisse. Kurz vor der Stadt, noch im Wagen, überfiel meinen Gefährten ein heftiger Fieberanfall, dasselbe Schicksal ereilte gleich nach der Ankunft in La Paz noch einen Teilnehmer unserer Reise, den kerngesunden und vergnügten Sch. Übrigens sind die unvergeßlichen Eindrücke solch einer Reise im Tropengebiete mit ein paar tüchtigen Schüttelfrösten nicht zu teuer bezahlt.
Tafel 13
Sonnenaufgang beim Yalhazani-Paß (Bolivien)

Frühstückspause

Indianisches Denkmal

Tafel 14
Indianisches Stubenmädchen in Sorata

Der Balzero »Sonnenschein«

Indianerin beim Maismahlen
