18. BRIEF. VON PANAMA NACH NEW YORK. – JAMAIKA. – CUBA.
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Da der Kanal noch nicht schiffbar ist, muß der Isthmus im Schnellzuge durchquert werden. Die Fahrt dauert knappe zwei Stunden. Aus dem bequemen Pullman-Car läßt man noch einmal die wechselnden Bilder der Kanalbauten an sich vorüberziehen, denn der Schienenstrang hält ziemlich genau die Richtung des Durchstiches ein. Die weiten Sümpfe, mit dichtem Tropen-Urwalde bestanden, bieten stellenweise ein überaus reizvolles landschaftliches Bild. Beruhigend hinsichtlich der Moskito-Gefahr wirken die mächtigen Petroleum-Behälter, an denen man von Zeit zu Zeit vorüberfährt.
Colon, an der atlantischen Seite der Landenge gelegen, ist der wichtigste Hafen Mittel-Amerikas. Er ist der Knotenpunkt des gesamten Schiffahrt-Verkehrs zwischen Europa, den Westindischen Inseln, Nord- und Mittel-Amerika.
Am Pier erwartete uns ein prächtiger neuer Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie »Karl Schurz« – also benannt nach dem Kölner Freiheitskämpfer, der in den Vereinigten Staaten zu der Stellung eines führenden Staatsmannes gelangte und dem kürzlich ein prächtiges Standbild über der Amsterdam-Avenue in New-York enthüllt worden ist.
Die achttägige Seefahrt von Colon bis New York gehört zu den angenehmsten Erinnerungen unsrer Reise. Aus Dankbarkeit möchte ich die Hauptursache unseres Wohlbefindens an Bord des »Karl Schurz« erwähnen. Es war dies die außerordentliche Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit des gesamten Schiffspersonals, vom Ober-Steward bis zum letzten Schiffsjungen. Alle Angestellten des Dampfers sorgten sich um jeden einzelnen Passagier so, als hinge von dessen Wohl und Wehe ihr eigenes Seelenheil ab. Herrlicher Zustand! Ich glaube, ich bin mein Lebtag nicht besser bedient worden, als im Rauchsalon und im Speisesaale des »Karl Schurz«.
Auf der Route Colon–New York sind zwei Stationen vorgesehen: in Kingston auf Jamaika und in Santiago de Cuba. Auf Jamaica hatten wir einen ganzen Tag Aufenthalt. Diese Insel – wenigstens soviel wir davon zu sehen bekamen – ist ein bezauberndes Fleckchen Erde. Vom ersten Schritt an, den man auf Jamaica tut, spürt man mit Behagen, daß die spanische Lotterwirtschaft, die einem manche Strecken Süd-Amerikas verekelt, aufgehört hat.
Englische Kultur weit und breit. Ihre Vorzüge kann man erst richtig ermessen, wenn man sie sechs Monate lang entbehrt hat.
Eine mehrstündige Automobilfahrt führte uns weite Strecken am Ufer der Insel entlang. Zum ersten Mal konnten wir über die Herrlichkeiten einer gepflegten Tropen-Flora staunen. Es ist bekanntlich eine Spezialität der Engländer, die Natur in Parks zu verwandeln. Das haben sie auch auf Jamaika fertig gekriegt.
Samtene Rasenflächen – echte »greens« – dehnen sich kilometerweit um die Fahrwege, die, nebenbei gesagt, von vorzüglicher Beschaffenheit sind. Die Palmenhaine sind überall vom Unterholz sorglich gereinigt. Blühende Hecken phantastischer Tropenblumen ziehen sich an den Wegen entlang. Man erhält den Eindruck, als sei die ganze Insel ein großer wohlgepflegter Garten. Aus dem Grün blickten überall saubere Villen hervor, deren Bauart vollkommen dem Stil englischer Landhäuser ähnelt.
Das Ziel unserer Fahrt war eine hügelige, mit dichtem Walde bestandene Landzunge, die wir in den Ozean hineinragen sahen. Wer beschreibt unser Erstaunen, als wir erfuhren, daß dies der Aufenthaltsort englischer Zwangssträflinge sei! Wäre nicht die in der Tropenglut doch einigermaßen erhitzende Arbeit im nahen Steinbruch, so möchte man fast einen kleinen Einbruch verüben, um für ein Weilchen hierher deportiert zu werden.
Die Stadt Kingston bietet nichts besonders Bemerkenswertes. Der Eindruck, den man von ihr davonträgt, ist der einer Farbe: Weiß. Weiß sind alle Häuser, weiß die Straßen, weiß ist der Staub, der von Automobilen und verschiedenerlei Fuhrwerken in sehr reichlicher Quantität aufgewirbelt wird, weiß ist die Kleidung aller Passanten männlichen und weiblichen Geschlechts. Nur eines ist nicht weiß: die indigene Einwohnerschaft der Stadt. Die ist nämlich schwarz. Übrigens sind die Jamaika-Neger grauenhaft häßlich, besonders die Frauen, die ja überhaupt bei allen »wilden« Völkern nie und unter keinen Umständen Anspruch darauf erheben können, das schönere Geschlecht zu sein.
Ich ahne, daß man von mir erwartet, ich solle nun etwas vom Jamaika-Rum erzählen. Leider kann ich diesen Wunsch nicht erfüllen. Von diesem Trost aller Grogtrinker habe ich auf Jamaika nicht mehr gesehen als in Europa. Eher weniger. Vielleicht, weil die dampfende Hitze hier jeden »Nasenwärmer« völlig überflüssig macht.
Als wir zum Dampfer zurückkehrten, erwartete uns ein eigenartiger Anblick: eine schier endlose Negerprozession wanderte vom Hafenquai zum Dampfer. Jeder trug einen Bananenkolben auf dem Kopfe. Vor dem Laderaum des Zwischendecks stand ein enormer Neger, mit einem langen Schlachtmesser bewaffnet. Damit hieb er nach dem Kopf jedes vorüberziehenden Prozessionsmitgliedes. Man glaubte, sie müßten alle enthauptet in die Luke purzeln. Das taten sie jedoch nicht. Es stellte sich heraus, daß der grimmige Henker nur die Strünke der Bananenkolben abschlug. Jeder Neger nahm seinen Strunk wieder mit. Er mußte ihn am Ladeplatz abliefern, um einen neuen herübertragen zu dürfen. Eine höchst primitive, aber unfehlbare Ehrlichkeitskontrolle.
An Kuba habe ich nur eine dumpfe Erinnerung, obgleich der Besuch dieser Insel wenige Tage zurückliegt. Mir kommt es immer noch merkwürdig vor, daß ich Santiago wirklich lebend verlassen habe.
So was an Hitze! Dagegen erschien die Treibhaus-Atmosphäre des Mapiri-Tales als Eiskellerluft.
Ein Halbkreis blendendweißer Kalksteinfelsen umgibt die Stadt. In diesem Fokus sammelt die Sonne ihre sengenden Strahlen. Der Boden, den man betritt, scheint weiß zu glühen. Den Druck der heißen Luft auf dem Kopf empfindet man als physischen Schmerz.
Um vom Hafen in die Stadt zu gelangen, muß man einen zirka zweihundert Schritte breiten Platz überschreiten, der den Sonnenstrahlen schutzlos preisgegeben ist. Trotz eines reichlichen Aufgebots von Energie konnte ich den Entschluß nicht fassen, mich auf diesen Platz hinauszuwagen. Ich fühlte, daß ich die andere Seite nicht lebend erreichen würde und umschlich ihn mit großem Bogen im kümmerlichen Schatten der Hauswände.
Kuba ist das Eldorado aller Tabakraucher. Die Kuba-Zigarren hatten auch mich verlockt, den Dampfer zu verlassen. Nachdem ich meinen Einkauf in halb besinnungslosem Zustande besorgt hatte, eilte ich – soweit die Temperatur das zuließ – auf den Dampfer zurück.
Von Santiago habe ich infolgedessen wenig gesehen. Hatte auch keine Sehnsucht, die Tiefen der engen Gassen zu erforschen. Die Stadt macht einen unappetitlichen, unordentlichen Eindruck. Sie scheint ein einziger großer Drogenladen zu sein: überall stehen Fässer, Kisten, Kasten, Warenballen, Tonnen, Flaschenkörbe umher. Die Straßen werden, scheint's, nie gefegt. Spanische Wirtschaft!
Entschädigt wird man dafür durch das reizvolle und malerische Bild, das die Insel darbietet, wenn der Dampfer in langsamer Fahrt die Bucht von Santiago verläßt. Die Ausfahrt ist übrigens so schmal, daß man wetten wollte, unser Kapitän würde sein Schiff nicht durchzwängen. Wider Erwarten gelang es doch. An einer Seite des Felsentores steht eine spanische Festung. Mit einer Batterie kann man hier eine ganze Armada in Schach halten.
Auf der Fahrt von Colon nach New York erlebten wir unseren ersten regelrechten Sturm auf dem Ozean. Die Wellen, die übers Schiff sprangen, verwandelten das Promenadendeck in eine Schlittschuhbahn – ein Umstand, der von allen Pikkolos und Schiffsjungen, soweit sie seefest waren, natürlich eifrigst ausgenutzt wurde. Den ganz Geschickten gelang es, unter dem Druck eines Windstoßes ohne Aufenthalt vom Vorderdeck bis zum Heck zu schliddern. Ein pudelnasser, aber zweifellos sehr vergnüglicher Sport. Er mußte eingestellt werden, als der Dampfer sich gar zu steil zu bäumen anfing. Es war ein wundervolles Schauspiel, wenn sich die Spitze des 6000-Tonnen-Schiffs so tief senkte, daß es regelrecht Wasser schöpfte, und der schäumende Gischt sich wie ein Sturzbach vom Bug zum Steuer ergoß. Das Betreten des Deckes war unter solchen Umständen natürlich verboten. Übrigens gab es unter den Passagieren nur sehr wenige, die dieses Verbot hätten übertreten können.
Erst wenn man den Ozean im Sturm gesehen hat, weiß man, wie großartig schön er sein kann. Nur den ganz Gewaltigen raubt ein Zornesausbruch nichts von ihrer Majestät.
Tafel 16 JAMAICA



