8. BRIEF. CHILE. – ALLGEMEINE EINDRÜCKE.
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Wenn man von der Ostküste des Kontinents in Chile einfährt, so hat man das Gefühl, als käme man von Amerika nach Europa zurück. Das gilt nicht nur von der Landschaft, sondern auch von dem ersten Eindruck, den das Land mit seinen Sitten, Gebräuchen, Lebensgewohnheiten macht, und von den ersten, oberflächlichen Äußerungen des Volkscharakters, denen man begegnet.
Brasilien ist das Land ungesunder, mörderischer, klimatischer Bedingungen, das Land der dunklen Ehrenmänner, das Land, in dem ein faules, faulendes Leben gelebt wird. In Argentinien herrscht das Geldfieber in so erschreckendem Maße, daß alle übrigen Lebensinteressen zurückgedrängt erscheinen. Geld ist der einzige Lebensnerv dieses Volkes. Für Geld kann man so ziemlich alles haben, und nur was Geld kostet hat Wert, je mehr es kostet, desto größer ist der Wert. Die Rechnung ist ganz einfach und klar. Geld ist der einzige Maßstab, den man an die Erscheinungen des Lebens anlegt. Dinge, die man für Geld nicht haben kann – nach altmodischen Begriffen die einzig wertvollen – hat der Argentinier aus seinem Lebensbudget ein für alle Male ausgeschieden.
Chile ist in dieser und auch in mancher anderen Beziehung weit hinter dem modern-fortschrittlichen Nachbarstaate zurückgeblieben. Vielleicht macht es deswegen solch einen anheimelnden Eindruck auf einen nicht nach spezifisch amerikanischen Begriffen erzogenen Europäer. Das Volk ist hier ein ganz anderes. Das spürt man in der ersten Stunde auf chilenischem Boden. Man begegnet wieder freundlichen Blicken und freundlichen Worten, die der Europäer natürlich um so höher einschätzt, weil er nicht so und so viele Pesos dafür zu zahlen braucht. Die Menschen messen sich aneinander, und die Dicke des Portemonnaies ist nicht die ausschlaggebende unbekannte Größe, die den Chilenen bei dieser Rechnung unsicher macht.
Im indigenen Chilenen überwiegt, im Gegensatz zum Argentinier, das spanische über dem italienischen Blute. Aber die chilenische Rassenmischung ist – rein menschlich betrachtet – augenscheinlich die bessere. Das Volk ist gutmütig, gefällig, ein bißchen faul, aber durchaus nicht arbeitsscheu, heiter, aber im Genusse nicht maßlos, wie der Argentinier. Ich lebe seit vierzehn Tagen in Chile und habe in dieser Zeit in Stadt und Land noch keinen Betrunkenen gesehen.
Trotz des Friedensdenkmals, das auf dem Cumbre der Anden zwischen Chile und Argentinien aufgestellt ist, herrscht keine große Freundschaft zwischen beiden Ländern. Man bekriegt sich nicht, aber man liebt sich auch nicht. In Argentinien spricht man in höchst wegwerfendem Tone von Chile, man verachtet das Land, weil es in kultureller Beziehung angeblich um hundert Jahre zurückgeblieben ist. Nach außen hin ist dieser Vorwurf nicht unberechtigt, nur vergißt man, daß es neben der äußeren auch noch eine innere Kultur gibt, und an Stelle der Argentinier würde ich lieber nicht untersuchen, welches Volk hierin dem anderen überlegen ist.
Aber, wie gesagt, nach außen hin haben die Argentinier einiges Recht, die Nase über ihre rückständigen Nachbarn zu rümpfen. Schon das Straßenbild der größeren chilenischen Städte unterscheidet sich sehr wesentlich von dem, was man von Argentinien her gewohnt war. Die üppigen Paläste der argentinischen Parvenüs, die wolkenkratzerartigen Geschäftshäuser fehlen. Das hat nun freilich, auch außer den nicht vorhandenen Millionen einen anderen guten Grund. Oder vielmehr einen schlechten Grund und Boden, der in Chile durchweg vulkanisch ist. Die Bevölkerung lebt in beständiger Furcht vor Bodenschwankungen. Noch ist das große Erdbeben, das vor fünf Jahren ganz Valparaiso zerstörte und 25 000 Menschen das Leben kostete, frisch in aller Gedächtnis. Man hört grauenvolle Erzählungen von jenen schauerlichen drei Minuten, in denen Glück und Wohlstand unzähliger Familien vernichtet wurde. Angesichts dieser Gefahr baut man in Chile selten höher als zweistöckig. Dadurch erhalten natürlich die größeren Städte, z. B. Santiago, die Hauptstadt des Landes, eine enorme Ausdehnung. Gleichzeitig erhält aber auch das architektonische Bild einen sehr ausgeprägten Charakter. Man kann sogar von einem spezifisch chilenischen Baustil reden. Und in diesen niedrigen, langgestreckten, oft von schlanken Säulen getragenen Fassaden steckt mehr künstlerischer Geschmack, als in den überladenen Prachtbauten von Buenos Aires.
Inbezug auf Reisebequemlichkeiten muß man seine Ansprüche in Chile allerdings stark zurückschrauben. Die besten Hotels sind immer noch nicht so gut, wie etwa die mittelmäßigen in einer altmodischen deutschen Stadt. Von irgend einem Komfort und den Errungenschaften moderner Einrichtungstechnik, z. B. warmem fließenden Wasser, Telephon u. dergl. ist keine Rede. Die Verkehrsmittel entsprechen auch nicht einigermaßen verwöhnten Ansprüchen. In ganz Santiago, einer Stadt von zirka 400 000 Einwohnern, war kein Automobil aufzutreiben. Den Straßenverkehr vermitteln ausschließlich Droschken, die in Santiago noch ganz propper aussehen und mit guten Pferden bespannt sind. In den kleineren Städten dagegen, Conception oder Temuco, verkehren vorsintflutliche Vehikel von fabelhaften Dimensionen. Drei bis vier elende Klepper ziehen diese Riesenkarossen mühsam über das holperige Straßenpflaster, das noch nicht einmal überall die guten alten Knüppeldämme – die heutzutage eine Erfindung des Teufels scheinen – ersetzt hat. Auf den Eisenbahnen in Chile herrschen Zustände, die geradezu phantastisch genannt werden müssen. Hat man das Unglück, ein größeres Gepäckstück zu besitzen, so wird es einem auf dem Bahnhofe entrissen und ohne Quittung oder sonstige Sicherheit in den Gepäckwagen verstaut. Auf der Endstation muß man es selbst wieder heraussuchen. Doch kann man ebensogut jeden anderen Koffer als den seinigen bezeichnen. Jedes Gepäckstück, auf welches man mit dem Finger hinweist, wird einem anstandslos ausgeliefert.
Und trotzdem bestehe ich darauf, daß Chile europäischer ist als Argentinien. Man hat das Gefühl, einer Kultur gegenüberzustehen, die sich zwar langsam, dafür aber von innen heraus entwickelt. Infolgedessen halten viele Chile für den eigentlichen Zukunftsstaat von Südamerika. Hier ist alles vielleicht ein wenig ungeschickt, aber fest gefügt. Man baut in Chile keine Kartenhäuser, und der amerikanische Begriff des »bluff« ist hier unbekannt.
Von außeramerikanischen Einflüssen ist in Chile bei weitem am stärksten der deutsche vertreten. Vielleicht trägt dieser sehr merkliche Umstand dazu bei, einem das Land so vertraut und sympathisch zu machen. Manchen Institutionen des öffentlichen Lebens ist der Stempel »made in Germany« sogar ein wenig zu deutlich aufgedrückt. Vor allem dem Militär. Dafür ist es allerdings anerkanntermaßen das weitaus beste in ganz Südamerika. Die chilenische Armee wird seit Jahrzehnten von deutschen Instruktionsoffizieren gedrillt. Es ist eine Freude die strammen Soldaten anzusehen. Die Uniformen sind bis auf alle Einzelheiten, den Schnitt der Mäntel und Mützen, die Form der Epaulettes und Kokarden, deutschen Mustern nachgebildet. Anfangs glaubte ich, es wimmele in Chile von deutschen Militärattachés, denn alle chilenischen Leutnants hielt ich für Deutsche.
Sehr stark vertreten ist das deutsche Element in der industriellen und geschäftlichen Welt Chiles. Ein höchst wichtiger spiritus rector des Geldverkehrs in Chile ist die Deutsche Transatlantische Bank, die ihre Filialen in allen kleinen Städten des Landes hat und mit ihrer vorzüglichen Organisation einen kleinen Staat für sich bildet. Seit wir in Chile sind, reisen wir sozusagen als Postpakete der Deutschen Bank. Die Liebenswürdigkeit dieser Herren hat keine Grenzen. Überall werden uns von ihnen die manchmal allerdings recht rauhen Wege geebnet. Wer Südamerika bereist und sich der Deutschen Bank anvertraut, ist in Abrahams Schoße aufgehoben.
Von den indigenen Bevölkerungselementen sind am interessantesten natürlich die Indianerstämme der araukanischen Rasse, von denen in einem besonderen Artikel die Rede sein wird.
Soll ich nun den chilenischen Frauen ein Loblied singen? Auf den ersten Blick erscheinen sie stolz und unnahbar. Ob sie es in Wirklichkeit sind, kann erst eine längere Erfahrung lehren. Ihre auffallendste Charaktereigentümlichkeit ist für den sich im Anfangsstadium des Beobachtens befindlichen Durchreisenden – ihre ostentativ zur Schau getragene Frömmigkeit. Wenn man in Chile morgens auf die Straße geht, glaubt man alle Frauen seien Nonnen oder gehörten einer geheimen Sekte an. Sämtliche Personen weiblichen Geschlechts tragen hier nämlich bis zum Mittag eine Art Uniform, einen schwarzen, seidenen Schleier, der das Haupt und die ganze Gestalt verhüllt, und, kunstvoll geschlungen, nur das Gesicht frei läßt. Das ist das Kirchgangkostüm der Chileninnen, die demnach alle täglich morgens die Kirche zu besuchen scheinen. Wenigstens tun sie so als ob, und man kann es ihnen nicht übel nehmen, denn zu dem matten, elfenbeinfarbenen Teint ihrer oft auffallend hübschen Gesichter gibt der schwarze Schleier einen außerordentlich kleidsamen Rahmen ab. Abends tragen diesen schwarzen Schleier, den sogenannten Manton, nur kleine Bürgersfrauen und – Demimondainen. Dieser Umstand hat auch eingeborene Chilenen schon manchem verhängnisvollen Mißverständnis zugeführt.
Was Chile vor allen übrigen Staaten Südamerikas auszeichnet, ist die außerordentliche landschaftliche Schönheit des Landes. Der Norden erinnert etwa an die malerischen Partien von Oberbayern. Mittelchile, das Gebiet der interessanten Araukanerstämme, ist verhältnismäßig flach. In den Süden, die eigentliche Schweiz des Landes, deren romantische Schönheit über alles gerühmt wird, komme ich erst nach einigen Wochen. Santiago liegt in einem tiefen Talkessel, umgeben von schneegekrönten Höhenzügen. In der Mitte der Stadt erhebt sich ein, in einen prächtigen Park verwandelter Bergkegel, S. Lucia, von dem aus man einen herrlichen Rundblick ins Land hinein genießt. Wenn man Glück hat, kann man dort bei Sonnenuntergang das herrlichste – Kordillerenglühen erleben.
Eine berühmte Sehenswürdigkeit des nördlichen Chile ist der sogenannte Lota-Park. Er liegt unweit des Städtchens Conception am malerisch zerklüfteten Ufer des Stillen Ozeans. Auf dem Wege dorthin passiert man, nebenbei gesagt, die zweitlängste Eisenbahnbrücke der Welt, die, mehr als 2 Kilometer lang, über den jetzt im Sommer total versandeten Strom Bio-Bio führt. Der Lota-Park befindet sich in Privatbesitz, und es ist nicht leicht, die Erlaubnis zu seiner Besichtigung zu erhalten, da seine Besitzerin, die einer der vornehmsten und reichsten Familien des Landes angehört, in diesem Punkte von der hier üblichen, nach unseren Begriffen fast lächerlichen Exklusivität ist. Der Deutschen Bank verdankten wir, wie vieles andere noch, den Schlüssel zu diesem Sesam. Die vegetative Pracht des Parkes ist vielleicht einzigartig in der Welt, schon ob ihrer Mannigfaltigkeit, denn von den herrlichsten Palmen und Magnolienbäumen bis zu unserer bescheidenen Kiefer und Edeltanne, die sich in der exotischen Umgebung ganz besonders malerisch ausnehmen, ist dort jede Baumart vertreten, die im tropischen und gemäßigten Klima gedeiht. Die Erhaltung des Parkes muß einen enormen Aufwand von Kosten und Mühe beanspruchen. Nur eins sucht man dort vergeblich – unverfälschte Natur! Das Ganze nimmt sich wie ein künstlich hergerichteter botanischer Garten aus, was es im Grunde genommen ja auch ist. Die sauber geharkten Kieswege, die tausende von Statuen – vom Apollo von Belvedere bis zur plastischen Darstellung der Lieblingshunde der Besitzerin –, allerhand künstliche Grotten, aus Wurzeln und Schlingpflanzen hergerichtete Pavillons und Laubengänge verjagen den letzten Rest von Naturstimmung. Von all diesen Dingen bis zu Störchen und Zwergen aus Porzellan ist nur ein Schritt. Und das am Ufer des Stillen Ozeans, zu dem der Zugang durch einen kostbaren Zaun verbarrikadiert ist! Nein, das ist nicht das Richtige. Beim Durchwandern des Lota-Parkes schwand der Respekt vor dem Natursinn und dem künstlerischen Geschmacke der Besitzerin und ihrer Berater langsam aber sicher.
Wir verließen den Lota-Park in einem Extrazuge, den uns der Direktor der Bahnlinie in einem unverständlichen Anfalle von Liebenswürdigkeit zur Verfügung gestellt hatte. Um den einzigen Waggon des Zuges führte eine Galerie. Wir schoben uns Feldstühle hinaus und atmeten ordentlich auf, als wir, von den Strahlen der untergehenden Sonne begleitet, in die naturechten Wiesen und Wälder der chilenischen Landschaft hineinfuhren. Mein Reisekamerad nahm den Hut ab und grüßte jede Butterblume am Wege. Es gehört sicher mehr dazu, als Millionen und Vornehmheit, um nicht zu verderben, was die Natur mit ihrem eigenen Kunstsinn erschafft.