10. BRIEF. DER MAPUCHE (ARAUKANER) CHEZ SOI.
Reading edition
Dank der Liebenswürdigkeit eines deutschen Mitgliedes des Congreso scientifico in Temuco, des Meteorologen Dr. K., wurde es uns ermöglicht, einen Einblick in das Leben und Treiben der Mapuches-Indianer bei sich zu Hause zu gewinnen. Dr. K. hatte eine Tour ins Araukanergebiet vor, unter Führung eines anderen Kongreßmitgliedes, des noch sehr jungen chilenischen Professors M., der insofern der geeignete Mann zu diesem Unternehmen war, als er selbst einer Araukanerfamilie entstammt und die Sprache der Indianer vollkommen beherrscht. Solch ein Führer ist notwendig, denn die Indianer sind überaus mißtrauisch, lassen Fremde nur ungern in die Nähe ihrer Behausungen und haben besonders vor dem Photographiertwerden eine Heidenangst. Dr. K. hatte in dieser Hinsicht einst schlimme Erfahrungen machen müssen. Bei einem selbständig unternommenen Ausfluge hatte ihn ein alter Mapucheshäuptling in seiner Hütte eingesperrt, und nur mit großer List und viel Überredungskunst war es ihm gelungen, sich aus dieser heiklen Situation zu befreien.
Wir schlossen uns den beiden Herren an. Eines schönen Morgens um fünf brachen wir auf, voran die beiden Gelehrten in einem zweirädrigen Karren, der auch den Proviant beherbergte, hinterdrein wir zwei zu Pferde. Zuerst ritten wir nach einem alten indianischen Friedhof. Die Araukaner bestatten ihre Toten ohne Särge und setzen ihnen hölzerne Denkmäler, hohe Pfähle, in die oben eine Figur hineingeschnitzt ist, die ein stilisiertes Menschengesicht vorstellen soll, was jedoch kein Nichtaraukaner erraten kann, wenn es ihm nicht gesagt wird. Obwohl den Indianern jetzt befohlen ist, ihre Toten auf den allgemeinen Friedhöfen zu bestatten, so denken sie doch nicht daran, es zu tun, wie sie denn die Gesetze überhaupt nur respektieren, soweit es ihnen bequem ist. Neben alten, halbzerwühlten Gräbern mit altersgrauen, zerfaulenden Denkmälern, sahen wir auch einige frisch aufgeworfene. Nach zweistündigem Ritt erreichten wir den ersten indianischen Rancho. Prof. M. machte uns auf einen treppenartigen Aufbau aufmerksam, der vor dem Hause stand. Das ist das Zeichen, daß in dem Hause ein »Medizinmann« wohnt, respektive eine »Medizinfrau«, denn bei den Araukanern wird das ärztliche Gewerbe vorzugsweise von alternden Weibern betrieben. Auf dem Dache des Hauses erhebt sich auf hoher Stange ein gebleichter Tierschädel – um die Hexen abzuschrecken, die Menschen und Tieren sonst viel Unheil zufügen können. Beim Besuche dieses und anderer Indianerranchos ging stets Prof. M. als Pionier voran. Erst nach längeren Unterredungen, die auf araukanisch geführt wurden, durften wir vorsichtig nachdringen, den »Kodak« sorglich verborgen. Doch wurden wir dann meist recht freundlich begrüßt, mit Händedruck und Willkommengruß: »Maremare«. Ein indianischer Rancho ist ein höchst primitiver Bretterbau mit Stroh gedeckt. Drei Wände umgeben einen Raum, dessen Größe je nach dem Reichtum der Familie variiert. An der vierten Seite ist das Haus offen, wodurch sonstige Türen und Fenster überflüssig gemacht werden. Dieser eine Raum dient dem Araukaner nicht nur als Wohnhaus, sondern auch als Schweine- und Hühnerstall, vorausgesetzt, daß er über solche Reichtümer verfügt. Außerdem enthält er in malerischer Unordnung alles für den Araukaner zum Leben notwendige. In der Mitte ist der Feuerplatz, umgeben von allerhand merkwürdig geformten Kochgeschirren. An Stangen und Schnüren, die den ganzen Raum nach allen Richtungen durchziehen, hängen getrocknete Maiskolben, Tierhäute, Felle, kunstvoll arrangierte Gedärme, daneben stehen die mit bunten Decken bezogenen Betten der meist recht zahlreichen Familienmitglieder, Säcke mit Mehl und Getreide dienen als Sitzgelegenheiten, von der Decke herab hängen die kunstreich gezimmerten »Behälter« für Brustkinder, die die Araukanerfrauen auf dem Rücken tragen, wenn sie das Haus verlassen. In einer Ecke steht der Webestuhl, eine sehr primitive Maschine, auf der die Araukanerfrauen alle Stoffe für den Hausgebrauch selbst anfertigen. Manche von diesen Stoffen, die zu Ponchos und Decken verwandt werden, sind wunderschön in Farbe und Musterung. Bei einem alten Araukanerhäuptlinge sahen wir über dem Feuerplatze zwei – Skalpe hängen, ein schwarzes und ein blondes, augenscheinlich von einem »Milchgesicht« stammendes – ein alter Familienbesitz, der jedoch in Ehren gehalten wird, obwohl diese Indianer jetzt friedlicher sind und, besonders keinerlei Gelüste nach den Kopfhäuten ihrer Mitmenschen mehr hegen.
In einem der Ranchos, die wir besuchten, trafen wir eine indianische »Medizinfrau«. Sorgenvoll behandelte sie einen Araukaner, dem von einem Gegner im Streite ein Bein zerbissen war. Sie hatte den Mann ans Feuer gesetzt und das kranke Bein so nahe zur Flamme geschoben, daß es den Eindruck erweckte, die kunstreiche Ärztin wolle es braten. Übrigens wurde die kluge Frau, wie sie unserem Führer gestand, von schweren Sorgen geplagt: in ihrer Praxis waren ihr bis jetzt nur Hundebisse begegnet und sie wußte nicht, ob die dagegen angewandte Therapie auch bei Menschenbissen heilkräftig sei. In einem schwarzen Kessel auf dem offenen Herde brodelte ein köstlicher Kräuterbrei, der von Zeit zu Zeit »bemurmelt« wurde. Hoffentlich hilft er dem wunden Krieger, damit er sich bald an seinem bissigen Gegner rächen kann.
Die beste Aufnahme wurde uns bei einem alten Araukanerhäuptlinge zuteil. Der Mann – auf araukanisch nennt man ihn »Cazike« – schien überhaupt kultivierter zu sein, als die übrigen. Er baute sich gerade aus schönem Rotholz ein neues Haus. Dies war die einzige Araukanerfamilie, die ich ohne Gefahr, eingesperrt zu werden, photographieren konnte. Bei den anderen wurden die unglaublichsten Listen angewandt, damit ich meinen Kodak ein oder das andere Mal heimlich funktionieren lassen konnte. Meist wurden es dann – Rückenaufnahmen. Aber dieser alte Häuptling stellte uns nicht nur seinen beiden Frauen und seinen zehn Töchtern vor, sondern ließ sich gerne als stolzer Hahn im Korbe, inmitten der zwölf Frauenspersonen seiner Familie photographieren. Die Mädchen zogen dazu ihre schönsten Gewänder an und behängten sich mit reichem Silberschmuck. Auch ließ es sich der brave Mann nicht nehmen, die »Nomelofcien« – so heißt auf araukanisch jeder Nichtindianer, gleichviel ob er aus Temuco oder Moskau stammt – mit frischen Eiern zu bewirten. Weitere Gänge des araukanischen Diners wiesen wir, angesichts der mehr als primitiven Methoden ihrer Zubereitung, höflich aber bestimmt zurück. Dafür trank der Alte, ebenso wie seine zehn Töchter, gerne und viel von dem mitgebrachten Rotweine.
Die Araukaner sind, trotz eifrigen Bemühens der englischen Missionen, fast alle noch Heiden, das heißt bis zu einem gewissen Grade. Einige höchst unchristliche Sitten, z. B. die Vielweiberei, die jedoch mit den sozialen Verhältnissen des indianischen Lebens eng verknüpft sind, wird es wohl noch lange nicht gelingen, aus der Welt zu schaffen. Und wenn die Missionen darauf hinarbeiten, so begreifen sie nicht, daß sie damit gleichzeitig die Moral dieses Indianervolkes untergraben. Denn die Moral der Araukaner ist absolut einwandfrei, trotz der Vielweiberei höher stehend als in manchem Kulturlande. Dem Vater liegt daran, seinen jungen Sohn als Arbeiter ans Haus zu fesseln. Dazu gibt es nur ein Mittel: er muß ihm eine Frau – kaufen. Denn hier werden die Frauen noch »gekauft«, für 25-80 Schafe, je nach dem Alter, kann man eine haben. Also der Vater kauft seinem 15jährigen Sohne eine Frau, die billig sein muß, also wenigstens 35 Jahre alt ist. Der Junge lebt mit seiner Frau glücklich bis zu seinem 25. Jahre. Dann ist seine Frau schon alt und verwelkt, er selbst hat sich aber schon etwas erspart und kann sich eine Frau kaufen, die ungefähr ebenso alt ist wie er. Mit der lebt er weitere 20 Jahre, dann ist er reich geworden und kann sich ein junges Weib von 15 Jahren leisten. Wenn er als 65jähriger Greis stirbt – länger lebt der Indianer fast nie – ist seine dritte Frau 35 und taugt gerade dazu für einen Burschen von 15 Jahren gekauft zu werden. So schließt sich der logische Ring des merkwürdigen araukanischen Eheinstituts ganz von selbst. Eifersucht kennt die Araukanerfrau nicht, sie geht in der Sorge um die meist sehr zahlreichen Kinder auf. Ein Araukaner mit drei Frauen lebt in den glücklichsten und ruhigsten Familienverhältnissen. Solch ein durch jahrhundertelange Tradition geheiligter, aus den sozialen Verhältnissen eines Volkes sich ganz von selbst ergebender Gebrauch läßt sich natürlich nicht durch einen Federstrich der Regierung aus der Welt schaffen, worauf die englischen Missionen mit Gewalt hinarbeiten. Dazu sind Jahrzehnte und Jahrzehnte sorglicher, verständiger und verständnisvoller Kulturarbeit notwendig.
Diese und manche anderen interessanten Aufschlüsse über Sitten und Gebräuche, Psychologie und Lebensbedingungen der araukanischen Indianer verdanke ich einer Persönlichkeit, die originell genug ist, um sie meinen verehrten Lesern vorzustellen. Es ist ein Franziskanermönch, Padre Hieronymo, einer der merkwürdigsten Menschen, die mir je in meinem Leben begegnet sind. Auf den ersten Blick scheint der Padre Hieronymo nur aus seiner braunen Kutte und einem mächtigen roten Bart, der bis an die Gürtelschnur herabreicht, zu bestehen. Sieht man näher hin, so entdeckt man hinter Brillengläsern ein Paar leuchtend blaue, intelligente, freundlich und doch ein wenig listig blickende Augen. Der Padre ist Bayer. Hier lebt er seit zehn Jahren, hat eigenhändig, fast ohne fremde Hilfe unweit Temucos eine Schule für Indianerbuben aufgebaut. Dort haust er, umgeben von 80-100 Araukanerknaben, die er zu vernünftigen, denkenden Menschen erzieht, ohne sie gewaltsam den eigenen Sitten und der eigenen Kultur zu entfremden. Einige Monate im Jahr durchstreift er zu Pferde das ganze Araukanergebiet, ist überall gerne gesehen, da er fließend araukanisch spricht, und holt sich die Jungen von 8-14 Jahren, die ihm jetzt überall mit Freuden anvertraut werden. Mit einer umfassenden, festgegründeten Bildung verbindet Padre Hieronymo eine überaus feine Menschenkenntnis, eine Weitherzigkeit und Vorurteilslosigkeit, die bei einem bayrischen Franziskanermönch geradezu verblüffend ist. Über alle Fragen der Politik, Literatur und Wissenschaft ist er orientiert. Unser erstes Gespräch drehte sich um russische politische Verhältnisse und die Bücher von Gorki und Tolstoi. Man denke – ein deutscher Mönch in den chilenischen Urwäldern! Manche höchst anregende und interessante Stunde verdanke ich dem Padre Hieronymo. Gerne würde ich seine feinsinnigen Beobachtungen über das Leben der Araukaner mitteilen, doch würde mich das viel zu weit führen.
Die Araukaner-Indianer sind ein Thema, das sich auf diese Weise doch nicht erschöpfend behandeln läßt. Der Zweck dieser Zeilen konnte nur eine flüchtige Umrißzeichnung sein. Man sieht auch daraus, daß der Gegenstand einer anderen Behandlung wert wäre.
Tafel 4
Interieur einer »Ruca«

Araukanierin zu Pferde

Araukanische »Ruca« (Chile)

Araukanischer Friedhof
