5. BRIEF. BUENOS AIRES.
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Wollte man sine ira et studio eine Schilderung der Hauptstadt Argentiniens entwerfen, wie sie sich dem Reisenden auf den ersten Blick präsentiert, so würde kein Mensch glauben, daß der Brief aus Amerika kommt. Buenos Aires hat nichts, aber auch gar nichts »amerikanisches« an sich. Es ist nichts anderes als eine vorzüglich gelungene Kopie sämtlicher Hauptstädte Europas zusammengenommen. Wenn man die Straßen der argentinischen Hauptstadt durchwandert, so glaubt man bald in Berlin, bald in Paris, in Petersburg, in London, meinetwegen in Hamburg, in Frankfurt, München oder sonst irgendwo zu sein, nur nicht in Südamerika, dem Lande, das sofort die Vorstellung von Indianern, Prärien, Pampas, wilden Tieren oder breitnasigen Patagoniern erweckt. Von alledem ist in Buenos Aires natürlich nicht das allergeringste zu sehen. Die Stadt bedeckt einen enormen Flächenraum, ihr Weichbild ist größer, als dasjenige Londons, obgleich Buenos Aires kaum halb so viel Einwohner (ca. 3 Millionen) zählt. Die abgezirkelt rechtwinklige Anlage der Straßen erinnert an das Friedrichstraßen-Viertel in Berlin, nur daß sich hier die einzelnen Straßen noch viel ähnlicher sehen und infolgedessen noch viel langweiliger sind. Was nützt die architektonische Pracht einzelner Bauwerke, wenn sie sich immer wiederholt! Man mag einen noch so guten Ortssinn besitzen und die Stadt noch so viele Male durchquert haben – dennoch weiß man nie, an welcher Straßenecke man sich befindet. Sie sehen alle genau gleich aus.
Etwas besser ist es um die öffentlichen Plätze bestellt. Sie haben mehr Charakter, und man unterscheidet sie schon dadurch untereinander, daß auf jedem ein anderer erzener oder steinerner argentinischer Reitergeneral, oder sonst irgend eine Lokalberühmtheit in mehr oder weniger kühner Denkmalspose verewigt ist.
Kommt man dagegen zur berühmten Avenida del Mayo, dem Stolz der Argentinier, so ist man wieder in Paris. Der Boulevard des Capucines, wie er leibt und lebt! An das Paris vor zehn Jahren erinnern auch die zahllosen ein- und zweispännigen Droschken, die hier noch nicht, wie in Rio de Janeiro, von Automobilen verdrängt sind. Und schaut man sich die fabelhaft luxuriösen Läden an, so liest man auch dort auf den breiten Schaufenstern dieselben Namen wie in Paris. Die ganze Rue de la Paix ist hier vertreten, meistens sogar besser und reicher als an Ort und Stelle. Das gilt besonders von den Juwelierläden.
Die Argentinier haben nämlich viel Geld, unglaublich viel Geld und bezahlen mit dem Stolze aller plutokratischen Parvenüs kaltlächelnd Unsummen für allerhand Luxusgegenstände. Warum sollten sie auch nicht? Das Land selbst, das doppelt so groß ist als Europa, bietet ja unerschöpfliche Reichtümer. Und immer wieder erschließen sich neue. Man braucht sie nur zu nehmen. Von den enormen Viehzüchtereien, den in einzelnen Händen befindlichen Latifundien von der Größe mäßiger Königreiche, von der fabelhaft rasch emporgeblühten Weinkultur, die in wenigen Jahren unberechenbare Vermögen geschaffen hat, von den Erzreichtümern der Kordilleren usw. werde ich noch zu erzählen haben, wenn ich ins Innere des Landes hineinkomme. Augenblicklich ist man hier sehr erregt durch die Nachricht, daß sich im Süden Argentiniens zu allem Übrigen noch außerordentlich ergiebige Naphthaquellen erschlossen haben. Man nimmt an, daß dadurch den kaukasischen und nordamerikanischen Quellen eine sehr ernsthafte Konkurrenz auf dem Weltmarkt entstehen wird.
Doch ist es nicht meine Sache, darüber zu berichten. Ich sehe mir das Land mit den Augen eines gewöhnlichen Reisenden an, und wirtschaftliche Studien liegen mir fern.
Die Einwohner von Buenos Aires haben ebenso wenig charakteristisches an sich wie die Straßen der Stadt. Aussehen, Kleidung, Gebaren – alles ganz europäisch. Natürlich überwiegt der südländische spanisch-italienische Typus. Man sehnt sich ordentlich nach den prachtvollen Mohren von Bahia und nach den interessanten Mischlingen, die die brasilianische Bevölkerung so bunt und anziehend machen. Russen und Deutsche gibt es in Buenos Aires genug, um einige mittelgroße europäische Städte damit zu bevölkern. Die russische Kolonie zählt gegen 100 000 Köpfe, die deutsche mehr als das Doppelte. In Buenos Aires erscheinen zwei große deutsche Zeitungen, von denen die »La-Plata-Zeitung« sogar, wie man sagt, eine nicht unwichtige politische Rolle spielt. Der einen hier erscheinenden russischen Zeitung kommt eine solche natürlich nicht zu. Doch ist es immerhin viel, daß sie überhaupt existiert.
Die sogenannte »gute Gesellschaft« glänzt augenblicklich – im Sommer – durch Abwesenheit in Buenos Aires. Wer nicht in Europa ist, kühlt sich die erhitzten Glieder wenigstens an der Küste des Atlantischen Ozeans, in dem Seebadeorte Mare la Plata, dem »Ostende Argentiniens«, wie dieser schöne, aber märchenhaft teure Strandort genannt wird. Buenos Aires bietet an landschaftlichen Schönheiten gar nichts. Ein einziger Park, »Palermo« mit Namen, gewährt abends etwas Kühlung, wenn nämlich vom La Plata-Strome ein erfrischender Wind weht. Die ziemlich kümmerliche Vegetation dieses Parkes wird mit großer Kunst gepflegt, und immerhin ist es dort abends angenehmer als in den staubigen, drückend heißen Straßen der Stadt. Es gibt in Palermo sogar einen »See«, der anderswo freilich Teich heißen würde. Doch schwimmen darauf leibhaftige schwarze Schwäne. Und das sieht allemal sehr stolz und majestätisch aus.
Will man aber mehr haben, so muß man schon ganze 40 Kilometer weit mit der Bahn fahren. Doch lohnt sich die Strapaze. Erstens hat man während der Reise den La Plata-Strom als Gefährten zur Seite. Und der ist, wenn auch nicht schön, so doch originell mit seinen gelbbraunen, von violetten Lichtern durchsetzten Fluten, die sich unabsehbar weit zum Horizont hinziehen. Das andere Ufer ist natürlich nicht zu sehen, denn der Fluß ist hier ca. 45 Kilometer breit. Aus der Entfernung, bevor man die Bewegung des Wassers beobachten kann, macht er den Eindruck einer ungeheuren sonnendurchglühten Sandfläche. Der Ort, den es zu erreichen gilt, heißt Tigre. Ein Nebenfluß des La Plata gleichen Namens bildet ein landschaftlich überaus reizvolles Delta. Die Inseln sind mit üppiger Vegetation, blühenden Fruchtgärten, schattigen Laubwäldern, sogar Palmenanpflanzungen bedeckt. Macht man die sehr genußreiche »volta« um alle Inseln herum, was im Motorboot ungefähr zwei Stunden beansprucht, so kann man selbst von überhängenden Zweigen köstliche Pfirsiche und saftige Reineclauden pflücken – vorausgesetzt, daß das Gewissen es zuläßt. Tigre ist das Zentrum für den argentinischen Wassersport. Man sieht dort wundervoll ausgestattete Motor- und Segeljachten der beau monde von Buenos Aires. Auch Ruderboote mit mehr oder weniger entkleideten Insassen schießen auf den Flußarmen hin und her.
Mit gemischten Gefühlen setzt man sich wieder in den staubigen Bahnzug, und empfindet es als Schicksalstücke, daß man nach Tigre fliehen muß, wenn man das haben will, wie die Stadt, in die man zurückkehrt, heißt – buenos aires, zu deutsch »gute Luft!«