II. Die Reise durch die Wüste.
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Reise über Bessatin, Suez und Tor nach dem Sinai.
Schon im Vaterlande, noch vor Antritt der Reise hatten mich meines Freundes Karl von Raumer Untersuchungen über den wahrscheinlichen, in der heiligen Schrift angedeuteten Weg der Heere Israels durch die Wüste, deren Inhalt mir der Verfasser noch vor dem Druck seiner Abhandlung[55] mittheilte, zu dem Entschluß geführt, von Kairo aus nach Suez nicht die gewöhnliche etwas nördlichere Karawanenstraße einzuschlagen, sondern über Bessatin zu gehen. Ich wollte gern, so weit dies nur möglich, die Reise von Kairo an mit den größesten, erhabensten Erinnerungen, welche die Geschichte darbeut, Hand in Hand machen und überdieß hat auch der Weg, am südlichen Abhange des Mokkatam hin ein höheres, naturhistorisches Interesse, als der andre gewöhnlichere.
Der letzte Tag in Kairo war gekommen; meine treuen, jungen Freunde hatten jene kostbaren Kisten, welche alle Früchte eines sechswöchentlichen Fleißes, alle unsre in Aegypten gesammelten Naturalien in sich faßten, zur Absendung nach Europa bereit gemacht; der gute Doctor Roth war die ganze letzte Nacht thätig gewesen; noch einmal hatten wir uns am gastfreundlichen Tische des theuren Lieder geistig wie leiblich erquickt; jetzt um zwei Uhr des Nachmittags waren auch die Kamele beladen und unser Tagwerk in Kairo geendet. Freund Lieder und Gobat wollten uns bis Bessatin begleiten; auch ich und die beiden Reisegefährtinnen hatten es vorgezogen, heute, wo man es haben konnte, noch auf Eseln zu reiten und erst morgen den hohen, unbequemen Sitz der Kamelrücken zu besteigen, unsre jungen Freunde versuchten aber diese »Schiffe der Wüste« schon heute. Mit dankbarer Rührung nahm ich Abschied von dem Hause in dem es uns so wohl ergangen war; von unserem Zimmer das nun die theuren, seitdem aus Malta zurückgekehrten Kruses wieder bewohnen, und begrüßte jedes uns lieb gewordne Plätzlein mit dem Gruße des Friedens. Wir ritten schweigend, im Geleite der Freunde noch einmal durch die große Stadt, neben der Citadelle über den Romele und Ckara Meydanplatz zum Thore des Südens hinaus. Außerhalb der Stadt führt der Weg an mehreren Grabmählern und Moscheen der Moslimitischen Heiligen vorüber; zur Linken hat man die nahe Aussicht nach dem Mokkatam zur Rechten die nach dem Nilthale und den Pyramiden, gerade vor sich im Süden das majestätische Torrah. In fast drei Stunden erreichten wir das ärmliche Dörflein Bessatin, über dessen niedre Lehmhütten ein Palmenwald sich erhebt; zur Lagerstätte für die bevorstehende Nacht wählten wir einen Platz welcher südwärts, in einiger Entfernung vom Dorfe bei den Getraidefeldern lag, zwischen denen reihenweise vereinzelte Dattelpalmen stunden. Nach einiger Zeit sahe man die Kamele kommen, welche unsre jungen Leute sammt dem Reisegepäck und dem Zelte trugen. Die Freunde, die uns aus der Stadt begleitet hatten, verabschiedeten sich jetzt, wir blieben mit unsren Erinnerungen und Hoffnungen allein. Die Kamele waren nun abgeladen, unser so wie Herrn v. Krohns Zelt aufgeschlagen, wir nahmen von der Nachtherberge Besitz.
In unsrer Nähe stunden einige elende, schmutzige Hütten, von leichtem Zaunwerk umschlossen und von armen Landleuten bewohnt, deren halbnackte Kinder bald zu unsren Zelten kamen, um sich da einige kleine Gaben zu erbetteln. Sie erinnerten in ihrem ganzen Aussehen und Benehmen sehr an die Zigeuner und einige unsrer Reisegefährten, welche schon länger mit dem hiesigen Volke bekannt waren, sagten uns, daß solche Kinder eine ganz besondre Anziehungskraft gegen alle, einigermaßen werthvolle Gegenstände hätten, die nicht niet- und nagelfest sind; deshalb wurde den Arabischen Knechten gute Aufsicht über die Sachen empfohlen, zugleich aber ein friedliches Benehmen gegen die menschliche Nachbarschaft, deren wir nun bei der Reise durch die Wüste oft und lange entbehren sollten. Einige von uns, die den Anfang der Wüstenreise kaum erwarten konnten, ergiengen sich noch nach Osten hin auf der öden, grobsandigen und kiesigen Ebene, auf welcher wir schon einzelne Stücke versteinerten Holzes aus jenen Ablagerungen der Holzsteine fanden, zu denen der Weg des morgenden Tages uns führen sollte. Auch nach der Rückkehr zu den Zelten genossen wir noch lange außen im Freien die Frische der Luft und den Anblick der vom Monde beleuchteten Wüste, und vielleicht wären wir gern noch länger geblieben, wenn wir gewußt hätten, daß uns drinnen im Zelte, auf dem gerade nicht sonderlich bequemen Lager eine Plage der kleinen, feinen, aber vor Begierde nach Menschenblut brennenden Aegyptischen Flöhe erwarte, welche in der Nähe der Hütten des Landvolkes und auf Lagerungsplätzen der Karawanen im sandigen Boden sich verbergen, und, sobald sie warmblütige Wesen wittern, zu diesen sich gesellen. Diese Thierlein sind gerade in der kühleren Jahreszeit, namentlich jetzt im Februar am häufigsten und zudringlichsten, während sie in den heißen Sommermonaten verschwinden; uns ließen sie diese ganze Nacht nur wenig schlafen.
Dafür waren wir auch am andern Morgen, Dienstags den 14ten Februar desto früher wach und zur Weiterreise bereit, nur daß uns dieses Bereitsein nicht viel half. Wir hatten gehofft daß, da wir gestern erst des Nachmitttags aus der Stadt fortgekommen und nur etliche Stunden weit gereist waren, unsre Beduinen Alles so würden in Bereitschaft gesetzt haben, daß wir heute mit Aufgang der Sonne aufbrechen könnten, aber wir hatten uns sehr geirrt. Diese guten Leute hatten die Nacht im Dorfe zugebracht, einige von ihnen sogar noch in der Stadt, nur Hassan der Scheikh und einer seiner Knechte waren in der Nähe der Zelte geblieben. Als sich dann endlich einzelne Kamele mit ihren Führern zeigten, da mußten die Thiere noch einmal an den Nil gebracht und getränkt, vor allem aber die Schläuche mit Wasser gefüllt werden, die, wie man uns dies erst heute sagte, gestern noch großenteils leer geblieben waren; endlich mußte man auch noch den Nachtrab aus der Stadt: einen alten Araber mit seinem Knechte und zwei sehr abgemagerten Kamelen erwarten, der zu Hassans Stamm und Freundschaft gehörte. Wir hatten Zeit genug um noch einmal die nahe Reihe der Pyramiden und die verschiednen Arten des Getraides und der Hülsenfrüchte zu betrachten, welche die Landleute um Bessatin anbauen, auch zertrümmerte Gemäuer, vielleicht von zerstörten Koptischen Kirchlein oder Kapellen in der Umgegend des Dorfes konnten wir mit Muße beschauen, denn es war neun Uhr, als man endlich anfieng die Kamele zu beladen und die Sitze auf ihnen für uns einzurichten. Bequem sind diese Sitze gerade nicht. Denn wer, wie wir, die Reise so einrichten muß, daß ein und dasselbe Kamel ihn und wenigstens einen Theil seiner Geräthschaften trägt, der kann nicht ein Reitkamel oder Dromedar mit bequemen Sattel haben, sondern nur ein gemeines Lastkamel[56], dessen Fleischhöcker, damit die Last ihn nicht drücke, von einem Gestell von Längs- und Querhölzern umzäunt ist, auf welchem es sich schlecht und hart genug sitzen würde, wenn man nicht etwa einen Theil des Bettgeräthes: die Matratze oder Decke darüber legte. Und nun mag es einmal einer, der nicht zum Geschlechte des Ibn Gan des letzten Riesenköniges der Präadamiten gehört, versuchen seine Füße in reitender Stellung über die künstlich vervielfachte Fläche eines solchen Kamelrückens auszuspannen und dann fühlen, wie es einem schon nach einer halben Stunde zu Muthe wird. Damit man aber dies fühlen könne muß man erst, ohne vor- oder rückwärts heruntergefallen zu seyn, oben, auf dem stehenden Kamele fest sitzen, denn dieses langbeinige Thier, auf dessen Rücken man sich nur bequem erheben kann so lange es liegt, pflegt in so stoßweisen Exaltationen sich vom Boden zu erheben, daß der Reuter jetzt fast steilrecht nach hinten, dann, wenn er sich in dieser Stellung festgesetzt hat, eben so nach vornen geneigt wird. Und nun beginnt, beim harten Auftreten des guten, lastbaren Thieres, die vor- und hinterwärts schauklende Bewegung, bei welcher es, so lange man ihrer nicht gewohnt ist, gut seyn mag, wenn man, so wie wir, mit fast nüchternem, wenig gefüllten Magen reist. Bei so bewandten Umständen läßt es sich wohl begreifen, daß der erste Tag einer solchen Wüstenreise nur ein Tag der Einübung und leiblichen Studien der neuen Reitart seyn kann; mir, der ich auf einem kräftigen, jungen Kamelhengst den Zug anführte, wurde der Anfang so schwer, daß ich mehrmalen, so ungern ich auch zur Verzögerung der Reise Veranlassung gab, absteigen und entweder zu Fuße gehen oder ein und das andre Mal von dem gütigen Anerbieten des Herrn Baumgärtner, auf seinem Esel zu reiten, Gebrauch machen mußte. Daher lernte ich bei dem Auslaufe der ersten Stunden mehr nur die Leiden als die Freuden einer Wüstenreise kennen, und damit ich gegen die letzteren, welche nach wenig Tagen das Ueberwiegende wurden, nicht undankbar erscheinen möge, enthalte ich mich hier noch der Beschreibung jener vorherrschenden Stimmung in welche mich meine unvergeßliche Wanderung durch die Wüste fast beständig versetzte.
Bei allen, etwa unterlaufenden Beschwerden, war indeß auch schon der erste Tag dieser Reise nicht ohne großen Genuß. Der Weg von Bessatin aus verläßt gleich bei seinem Beginn das bewohnte Land und ziehet sich in dem weiten Thale, welches zur Linken von dem Höhenzuge des Mokkatam, zur Rechten von dem des Torrah begrenzt wird, allmählig bergansteigend, ostwärts hinauf in die Wüste. Nach etwa drei Viertelstunden, wie ein guter Fußgänger sie zu solchem Wege brauchen würde, kamen wir an das erste große Lager von verkiesten Baumstämmen[57] das wie im Bette eines vertrockneten Rinnsales der Gewässer hingestreckt liegt; zugleich erscheint auch der Boden reich an dem schönsten Aegytischen Jaspis. Um eilf Uhr trat der Höhenzug zur Rechten dem Wege ganz nahe; er bestehet aus den Gebilden des tertiären Kalk- und Sandsteines mit häufigen Lagern von blättrigem und dickfasrigem Gyps; im Thale lag gemeiner, rother Jaspis und Holzstein umhergestreut. Um ein Uhr kamen wir in einen ziemlich engen Paß, zu dessen Bildung der nun auch nahe herangerückte nördliche Bergzug, zu unsrer Linken, mit dem südlichen sich zusammengesellt. Hier zeigte sich uns schon, zum ersten Male, die Wüste in jener freundlichen Gestalt, die ihr die ersten Frühlingsmonate des Jahres verleihen. Denn an den malerisch schönen Bergwänden und in ihren Schluchten blüheten manche Arten des stachlichen Tragants (namentlich Astragalus Sieberi und tumidus); neben ihnen Gesträuche der gelbblumigen Iberis, Fagonien[58] und das platt am Boden sich hinbreitende Bilsenkraut der Aegyptischen Sandfelder (Hyoscyamus pusillus und aureus). Um zwei Uhr hatten wir eine Anhöhe erreicht, von der sich in großer Deutlichkeit das tief im Westen gelegene Nilthal mit der Reihe der Pyramiden zeigte. Noch einmal — wohl zum letzten Male im Leben, genoß ich des Anblickes dieser hehren Fernaussicht der Zeiten und des Raumes, bis ein nicht minder bedeutungsvolles Erinnerungszeichen an Thaten der Natur, welche einst an dieser Stätte geschahen, meine Aufmerksamkeit an sich zog. Nicht ferne von jenem Höhenpunkte, der die Aussicht nach dem Nilthale und den Pyramiden darbeut, zeigen sich nämlich von neuem mächtige Massen von versteinerten Bäumen; unter ihnen Stämme von acht bis zehn Fuß Länge der einzelnen Trümmerstücke, großenteils in der Richtung von Nordost gegen Südwest gelagert, dazwischen die rundlichen Gebilde des Feuersteines und des Aegyptischen Jaspis. Von da senkt sich der Weg wieder in ein Kesselthal hinab dessen Sandsteinhöhen von so grotesken, pfeilerartigen Zinnen bekränzt sind, daß wir aus der Ferne alte Denkmäler und Mauerwerke zu erblicken glaubten; nur noch auf den Höhen gegen Nord und Nordost erschienen versteinerte Bäume. Aus diesem Thale steigt der Karawanenweg wieder bergan und von der Höhe hatten wir noch einmal die Aussicht nach dem Nilthale, doch waren uns die Pyramiden durch die hinter uns gelegnen (westlichen) Anhöhen bedeckt und das herrliche Thal schon so in die Ferne gerückt, daß uns der Strom nur noch wie ein silberner Faden erschien, der sich durch ein grünes, die Wüste umsäumendes Band hindurchzieht. Jenseits der Höhe lenkten wir in ein weites wellenförmig hügliches Thal hinab, in welchem unsre Kameltreiber schon ein Viertel vor vier Uhr Halt machten, weil da manche Gesträuche und Kräuter der Wüste den hungernden Kamelen ein Abendfutter darboten. Wir hatten heute freilich (vorherrschend in der Richtung von West nach Ost) nur einen Weg von nicht viel mehr als sechs Stunden gemacht und einem der Reisegefährten, der mit uns nach Suez gieng und an diese Art zu reisen schon gewohnt war, kam der Tagemarsch gar zu kurz vor; uns Neulingen aber im Kamelreiten war es ganz recht und angenehm, daß das schwere Exercitium ein Ende nahm.
Heute, wo das ganze umliegende Land, so weit das Auge reichte uns zum Schlafkämmerlein angewiesen war, hatten wir auch Gelegenheit unser Lager recht bequem zu ordnen, wie es von nun an während der ganzen Wüstenreise dies blieb. Links vom Eingang wurde der Kafaß oder die Palmenstabkiste mit den Vorräthen hingestellt und daneben schlief unser Arabischer Knecht; wer unter dem Obdach des Zeltes wohnen wollte, der ordnete sich da sein Lager; die Meisten aber zogen es vor an der Außenwand des Zeltes unter dem Obdach des klaren, gestirnten Himmels zu schlafen; unsre Reisegefährtin hatte sich einen eigenthümlichen kleinen Anbau an das Zelt erfunden unter welchem sie ruhte. Nicht weit vom Eingang des Zeltes ward von Steinen oder aufgehäuftem Sande ein Feuerheerd errichtet, auf welchem unser Knecht, nach seiner großen Geschicklichkeit das Wasser zum Kochen brachte.
Die kurzen Notizen ins Tagebuch waren niedergeschrieben, die Sonne stund noch ziemlich hoch am Himmel, man hatte Zeit sich in der Nachbarschaft der Wüste zu ergehen. Blüheten doch da auch einzelne Sträucher und Blumen[59], freilich nicht so eng zusammengedrängt und gesellschaftlich wie in unsern glücklichen Landen, sondern vereinsamt und öfters weit von einander entfernt, wie die Einsiedler der Thebaischen Wüste, und wenn auch kein Singvogel in diesem niedern Gebüsch wohnte, so fand doch die kleinere Welt des Geflügels, Käfer und Bienenarten da ihre Nahrung und Obdach. Dazu war der Boden hin und wieder mit jaspisartigem Feuerstein getäfelt und am Abendhimmel flammte, freilich nur auf wenig Augenblicke, eine Abendröthe auf, so leicht und zart carminfarbig, wie man sie kaum im wasserreichen Gebiet der Felder und Wälder erblickt.
Der Mond leuchtete hell; die Kamele kamen von ihrer dürftigen Weide zurück um das gewohnte Futter der Bohnen und Lupinen, das man ihnen in einem Sack vor den Mund bindet zu empfangen, und mit gefesseltem Fuße rings um die beiden Zelte sich zu lagern; unsre Beduinen kochten sich ihr Linsen- und Waizengrützgericht und bucken sich ihr ungesäuertes Brod in der Asche, auch wir hatten was wir bedurften und begaben uns heute, ermüdet von der ungewohnten Uebung der Kräfte, sehr bald zur Ruhe.
Mittwoch den 15ten Februar waren wir zwar schon mit Tagesanbruch munter, ehe man aber die Kamele beladen und die Sitze etwas bequemer eingerichtet hatte als sie dieß gestern gewesen, dauerte es lange; es war halb acht Uhr geworden, da wir endlich aufsitzen und abreisen konnten. Indeß durften wir die kleine Verspätung nicht bereuen, sie machte uns schon heute den freieren Genuß der neuen Eindrücke möglich, an denen von nun an jeder Tag so reich war.
Eine Reise durch die Wüste ist schon für sich allein von allen andern Arten des Reisens weit verschieden. Man sitzt hoch und frei auf dem Rücken des Kamels, dessen Fortbewegung zwar, wie schon erwähnt, eine eigenthümlich schauklende, dabei aber so gleichmäßig ist wie der Lauf der Sonne am Himmel, mit welchem jenes Thier auf eine merkwürdige Weise gleichen Schritt hält[60] und gleiche Dauer des Tagmarsches. Denn wie die Sonne, ohne Stillstand vom Aufgang zum Niedergang eilet, so schreitet auch das Kamel in den gewöhnlichen Tagereisen der Karawanen rastlos vom Orte des Aufbruches bis zu dem der Lagerung fort; der Reisende, wenn er nicht die Gewandtheit eines Arabers im Auf- und Absteigen hat und den Gesammtzug nicht hemmen will, muß es sich gefallen lassen vom Morgen an bis etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang auf seinem Sitze auszuharren[61]. Und wie der Taglauf des Kameles an Gleichmäßigkeit und an Dauer der Stunden dem täglichen Gang der Sonne gleichet, so gleicht er ihm auch an Stille; man hört keinen Schritt des vorsichtig auftretenden Thieres, dabei reitet man gewöhnlich, damit das Gepäck des einen Reisenden durch das Zusammenstoßen mit dem des andren nicht beschädigt werde, in langen Reihen, Einer so weit vom Andren entfernt, daß man beim Sprechen gerne nur auf das Nöthigste sich beschränkt; so feiert man und wird man still mit der hier immer feiernden, stillen Natur. Diese Natur, da in der Wüste, machet allerdings, wie ich dieß schon vorhin (S. 156) andeutete, auf die Seele einen ähnlichen Eindruck, als das Wandeln über einen großen Kirchhof, unter dessen Denksteinen viele sind von besonders ausgezeichneter Gestalt oder mit inhaltsreicher Aufschrift. So sehr nun auch ein Todtenfeld geeignet scheinen mag Empfindungen des Trauerns zu erwecken, so giebt es dennoch Seelen, für welche das Wandeln über die stillen Gräber und das Verweilen neben den gedankenvollen Inschriften einen größeren Reiz hat, als das Wandeln durch die geräuschvollen Gassen mancher volkreichen, gewerb- und lebenslustigen Stadt. Wird doch überdieß selbst der Körper — dieses wundervoll besaitete Instrument, auf welchem die Meisterin: die Seele, das vieltönige Spiel ihrer Gefühle, Lust wie Schmerz, Hoffnung wie Furcht, sich hervorruft — durch das tägliche Leben in der Wüste so eigenthümlich gestimmt wie sonst nirgends. Die leibliche Natur eines Reisenden, welcher sich das Ungewöhnliche nicht zu theuer erkaufen will oder kann, ist wie die Gummimimose der Arabischen Sandfelder nur auf eine Ernährung beschränkt, die dem leichten Thau der Morgenstunden gleichet; unsre alltägliche Kost war, außer dem Schiffszwieback oder dem bald sich verhärtenden Arabischen Brode, zum milchlosen Thee oder Kaffee des Frühstückes, am Abend, als Hauptmahlzeit, der Reis, in Wasser gekocht, dessen immer vom Hunger gewürztes Einerlei sehr selten durch den Zusatz getrockneter Früchte, noch seltner durch etwas Ziegen- oder Lammfleisch in einen Festtagsschmauß verwandelt wurde; das Wasser, das am Morgen aus den Schläuchen in die ledernen Feldflaschen gefüllt ward, mit oder ohne Beimischung des Datteln-Racki's, war unser Getränk. Sahe dann nur das Auge den Schlamm oder die andern Unreinigkeiten nicht, schmeckten die bittern Salze nicht zu widerwärtig hervor, dann ertheilte der brennende Durst dem Getränke dieselbe Lieblichkeit, wie der Hunger sie der täglichen Abendkost gab. Ein Herumwandeln von einem vereinzelt stehenden Mimosenbaum oder Ginsterstrauch zum andern, denn gewöhnlich wurde ja zum Nachtlager eine Stätte gewählt wo es ein wenig Grünes gab, gewährte in der letzten Stunde des Tages dieselbe Unterhaltung, wie etwa sonst das Betrachten eines reichen, großen Gewächsgartens; der Schlaf auf dem nicht weichlichen Lager war so leicht wie die Decke, die den Leib verhüllte, bei dem ersten Brüllen der Kamele, die nach Befreiung der zusammengeschnürten Fußgelenke und nach dem Morgenfutter verlangten, war er entflohen. Zuweilen besang mit uns zugleich den Abglanz der Herrlichkeit des Herrn: das wiederkehrende Licht das im Thau sich spiegelte, ein Vogel, der in den Zweigen des stachlichen Gummibaumes seine Wohnung hatte, oder man vernahm, vom Felsen her, die Stimme des schnellfüßigen Arabischen Trappen. Und sobald nun beim Aufbruch der Karawane das Kamel unter der gewohnten Last der Reisenden und seines Gepäckes die taktmäßige Bewegung der Schritte begann, da fühlten Mehrere von uns, welche gern singen, unwillkürlich sich getrieben, den Takt den das gehende Thier schlug mit ihrem Gesange zu begleiten. Diese erquickten sich dann an Liedern, deren Inhalt zu dem ernsten, großen Texte paßte, welchen die Geschichte unsers Geschlechtes hier dem Anblick der Gegend unterlegt und so ward uns auch die Wüste zu einem Tempel, unter dessen hohes Dach man einsam und allein hineintritt und dessen hehre Stille weder vom Fußtritte noch von der Stimme der Vorübergehenden verscheucht wird. Dieses fast beständige Alleinseyn der Seele mit sich selber, das Ruhen ihres Wesens auf der eigenthümlichen, innren Welt, das durch kein immer wiederkehrendes Vernehmen des Neuen unterbrochen wird, äußert auf empfängliche Naturen einen ganz besondren Einfluß. Man wird da leichter erregbar für alle Eindrücke, für alle innre Bewegungen als jemals sonst, sowohl für die schlimmen als für die guten. Mich wenigstens erinnerte meine damalige ungewöhnliche Reizbarkeit an die Geschichte jenes Anachoreten, welcher, um seiner Neigung zur Zornmüthigkeit alle Gelegenheit zu ihren Ausbrüchen abzuschneiden, sich zurückgezogen hatte in die menschenleere Wüste. Er hatte nichts mit sich hinausgenommen als einen Wasserkrug; keine lebendige Kreatur war da, die seinen Ingrimm hätte aufreizen können. Aber eines Tages fällt ihm der Wasserkrug um, und da er ihn kaum wieder aufgestellt hat fällt er noch einmal; wer könnte so etwas ansehen ohne außer sich zu gerathen? Unser Einsiedler wenigstens konnte es nicht, er ergriff den Krug im höchsten Zorne und zerschlug ihn am Boden, lernte aber zugleich aus der Betrachtung der Scherben, daß unsre guten Vorsätze in der Einsamkeit der Wüste eben so wie im Getümmel der Welt dem Zusammenbrechen ausgesetzt sind, wenn sie nicht durch eine andre, höhere Kraft gestützt und gehalten werden als die unsrige ist. Und ähnliche Erfahrungen machte in der Wüste auch ich. Aber dieselbe Reizbarkeit, welche die Aufwallungen der schlimmeren Art begünstigte, gab auch, ich darf dieß nicht verschweigen, den Gefühlen der Andacht eine flammende Kraft, wie ich sonst nur selten sie empfunden.
Dies ist die allgemeine Schilderung eines Lebens in der Wüste; eines Lebens das sich in den verschiedensten Gegenden des sandigen Afrikas wie Asiens gleich bleiben würde. Bei unsrer diesmaligen Reise kam noch ein andres Moment hinzu, welches den Gefühlen der letzteren, besseren Art eine beständige Nahrung gab; das war die Erinnerung der großen Thaten Gottes, welche einst diese Einöde verherrlichten. Wenn nach Josephus Zeugniß und nach andren Spuren alter Ueberlieferungen, welche Raumer (a. a. O.) sorgfältig gesammelt hat, die Heere Israels in der Nacht des Auszuges von Raëmses, dessen Stätte dann nördlich von Kairo, gegen Heliopolis hin zu suchen wäre, an jener Gegend vorüber kamen, in welcher später das Aegyptische Babylon (bei Fostat) begründet worden, dann nahm der Weg ihrer von Furcht und Angst beschleunigten Flucht seine Richtung nach dem rothen Meere, durch dasselbe Thal in welchem wir jetzt hinzogen[62]. Wenn jedoch auch über das Einzelne ein Zweifel bleiben könnte, so fällt doch auf das Ganze des Landes ein Licht der alten, heiligen Geschichte, dessen Strahl jeden einzelnen Felsen und Sandhügel verklärt und zu einem Denksteine der großen Errettungen weihet. Wirkte doch selbst die Zeit des Jahres, in der wir uns eben befanden, erhebend auf die innre Stimmung ein; es war jene, die wie ein dunkles Gewölk dem Hervorbrechen des Tages der Herrlichkeit vorangehet; die Zeit des Zorngerichtes über Aegypten, auf welche das Passah und die Erlösung aus der Hand des Feindes folgte, für uns Christen die Zeit der Passion und der Fasten, deren Trauer in der Siegesfeier des Auferstehungsfestes sich auflöset.
Gleich in der ersten Nacht da ich hier in der Wüste, eine kleine Tagreise von Bessatin ostwärts, vielleicht nahe bei dem ersten Lagerplatz der Heere Israels schlief, weckte mich öfters der Gedanke an Den, welcher diesen Heeren in der Säule des Rauches und Feuers vorangieng; ich lag da und sann tiefer als jemals den großen Wunderwegen des Gottes Jacobs nach; mein Geist freuete sich Sein, meines Heilandes. Sollten wir doch auch bald die rettende Kraft Dessen erfahren der unsres Herzens Zuversicht und Trost, unsers Weges Führer war, denn Angst und Gefahr waren uns nahe. Doch dieses ahnten wir nicht, da wir am 15ten Februar, in den schönen, heitren Morgenstunden von unsrem Lagerplatz aufbrachen und in der von niedrigen Höhenzügen kesselartig umgränzten Thalebene zuerst nach Ost, dann nach Ost-Südost hinzogen. Wir kamen hier an vielen Seitenthälern vorüber, welche den Rinnsalen der Regenfluth glichen und häufig voll grünenden Gesträuches waren. Daß hier wirkliches Weideland, wenigstens in dieser Jahreszeit zu finden sey, das wurde uns durch die Heerde der Lämmer, welcher wir schon nach etwa drei Viertelstunden Weges begegneten und bald hernach durch die kleinen Truppen von Kamelen bezeugt, die wir hie und da, die Mütter mit den Jungen, auf der Weide sahen. Dazwischen bemerkt man auch, bald näher bald ferner wieder größere Heerden von Ziegen, Schafen und selbst einzelne Esel; zum sicheren Anzeichen, daß dieser Gegend ein trinkbares Cisternen- oder wenigstens Pfützenwasser nicht fremd seyn könne. Nach zehn Uhr hatten wir zur Rechten eine Eintiefung neben uns, welche einem ausgetrockneten Teichbette glich; zur Linken eine niedere Hügelkette. Meine leichter beweglichen, jungen Reisegefährten, mit ihnen die Hausfrau, waren abgestiegen und giengen raschen Schrittes neben und vor den Kamelen her, denn der Kiesboden war hier fest und reicher als wir dieß jemals gesehen mit dem schönsten Kugeljaspis bestreut, unter welchem sich auch rosenfarbiger so wie bandartig gestreifter, vor allem aber jener merkwürdige fand, in welchem eine kleinere, anders farbige, zuweilen mit Quarzkrystallen überzogene Kugel von der größeren concentrisch und fest umschlossen findet, zum Zeichen daß diese kugliche Gestaltung nicht auf mechanischem Wege, durch das Herumrollen im Wasser erzeugt sey, sondern aus ursprünglicheren Bildungskräften hervorgieng. Neben und zwischen dem Jaspis zeigten sich auch Achate, Kalzedone und Onyxsteine, so wie kleine Karneole. Meine Freunde sammelten hier Vieles, wovon freilich später nur ein Theil mit uns nach München kam.
Um zwölf Uhr des Mittags stund zur Seite des Weges ein merglicher Kalkstein an; bald hernach lag vor uns und neben uns im Süden (zur Rechten der Karawanenstraße) ein stark zerklüfteter, bräunlicher Berg, welcher an Umriß wie in der Art seines Felsengesteines dem sogenannten erloschenen Vulkan bei Kairo, dem Djebel Ascher glich. Die Felsart ist an beiden jener feste, dichte Sandstein des jüngeren Flötzgebirges, der den alten Aegyptern das beste Material zu ihren Mühlsteinen darbot. Er hat öfters einen muschlichen Bruch und seine Festigkeit giebt ihm die Eigenschaft fast so laut als der Porphyrschiefer zu klingen. Bis zu den Ufern des rothen Meeres hin finden sich die zackig geformten Felsen dieses Sandsteines der im Nilthale an vielen Stellen des Landes vorkommt. Unser Beduinenscheikh nannte den Felsenberg, welcher uns so sehr an den Djebel Ascher erinnerte, Graibur, auf der Karte zu Labordes trefflichem Werke[63] ist er als Graibun bezeichnet. Unser Weg hatte sich von heute Morgen an bis hieher immer allmälig abwärts gesenkt und auch jetzt zog er sich noch ein wenig lehnab, durch eine sandige nur mit Kalksteintrümmern bedeckte Ebene. Am Nachmittag ergötzte uns der Anblick einer Luftspiegelung, die sich gegen Norden hin auf der öden Fläche zeigte, und welche in täuschend ähnlicher Gestalt uns kleine Seen oder das Ufer eines Stromes darstellte, reich umsäumt von hochwüchsigen Bäumen und grünen Feldern. Es war vielleicht ein Begrüßungszeichen, welches das schöne Nilthal uns Wanderern nachsendete.
Wir lagerten, etwa eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang (20 Minuten nach fünf Uhr) bei einem Sandhügel am Beginn eines mit mannichfachem Gesträuche der Wüste bewachsenen Thales. Der Weg den wir zurückgelegt hatten, mochte nach Abzug einiger Verzögerungen, die dem Taglauf zustießen, dennoch mehr nicht als eine Strecke von neun Stunden durchmessen haben. Die Gebirge, die wir von hier aus besonders nach Osten und Nordost erblickten, zeigten eine eigenthümlich zackige Gestaltung; einige wie Sandsteinfelsen. Von unsrer Lagerstätte nach Ost in Süd soll sich zwischen den Gebirgen ein Thal bis zum rothen Meere fortsetzen, das man von hier aus in einem Tage erreichen könne. Das Thal an dessen Ende wir übernachteten nannten unsre Beduinen Ghendely. Seine Höhe betrug nach Dr. Erdls barometrischen Beobachtungen und Prof. v. Steinheils Berechnungen 585 Pariser Fuß über der Meeresfläche.
Auf den schönen, ersten Reisetag in der Wüste folgte die sorgenvollste Nacht. Während unser Arabischer Knecht Feuer anschürte und die Abendkost zubereitete, hatten unsre jungen Leute, mit den Flinten und Botanisirbüchsen auf dem Rücken eine Wanderung in die Umgegend der Lagerstätte gemacht, der eine gegen Nordwest die Andern gegen Nordost. Sie kehrten alle bei Einbruch der Dämmerung zurück, nur Dr. Roth fehlte noch. Wir warteten einige Zeit mit dem Essen auf ihn, dann wurde sein Antheil an die Kohlen gestellt; jeden Augenblick hofften wir ihn bei uns zu sehen. Da aber nun die Dämmerung zur Nacht geworden war, machten sich die jungen Reisegefährten auf ihn zu suchen; sie giengen auf denselben Weg, den einige von ihnen kurz vorher in Gemeinschaft mit dem Freunde gemacht hatten, zurück. Ein Berg des östlichen Höhenzuges hatte heute noch am Tage unsre Aufmerksamkeit durch seine Farbe und ausgezeichnete Form an sich gezogen. Er lag zwar anscheinend nahe an der Richtung, welche morgen unsre Straße nach Suez nehmen sollte, morgen aber, das ließ sich voraussehen, konnte man schwerlich so viel Zeit gewinnen um ihn zu besteigen. Darum hatte Dr. Roth sich schon heute dorthin auf den Weg gemacht; seine Begleiter sahen noch zuletzt wie er die Richtung dahin nahm. Der Berg war weiter entfernt als man vermuthet hatte, die Abgesendeten kamen spät zurück; ihn aber, den sie gesucht hatten, brachten sie nicht mit sich. Nun begann erst die Sorge in ihrer rechten Stärke. Zu neuen Aussendungen schien es selbst unsern Beduinen zu dunkel; die einzig tröstliche Hoffnung blieb noch die, daß unser armer Freund nicht sehr entfernt seyn könne und daß er, sey es nun von der Höhe oder aus der Ebene ein Feuersignal wohl sehen, unsre abgefeuerten Flinten wohl hören müsse. Ein hochaufflammendes Feuer, von dürrem Gesträuch wurde deshalb auf dem benachbarten Sandhügel entzündet, die Flinten von Zeit zu Zeit abgeschossen, dazwischen erhuben die Beduinen ihre lauten, rufenden Stimmen. Wäre der Verirrte auch in ziemlichem Abstande von uns an einen freiliegenden Punkt gekommen, er hätte das Feuer sehen und die Flintenschüsse wie die Stimmen hören müssen, so aber verdeckten ihm die Hügel und Thäler, zwischen denen er sich verloren hatte, die Aussicht und hemmten den Schall.
Wer, hier im bewohnten Lande, das nach allen Richtungen von deutlichen Wegen durchschnitten wird; von Wegen, deren jeder wenigstens nach etlichen Stunden zu einem bewohnten Orte führt, kann sich wohl lebhaft genug in unsre damalige Lage denken. Unser armer Freund würde selbst am hellen Tage im Sande der Wüste nur mit Mühe den wenig besuchten Weg der Karawanen erkannt haben, auf welchem jeder starke Windhauch die Fußspuren der Kamele und der wenigen Fußgänger wieder verschüttet, geschweige bei Nacht. Und hätte er auch einen solchen Weg der Kamele gefunden, wie sollte er mit nüchternem Magen, ohne einen Tropfen Wasser oder einen Bissen Brodes die weite Strecke bis zum nächsten bewohnten Orte zurücklegen? Bis nach Suez waren noch anderthalb Tagreisen; zu dem nächsten jener Klöster, welche in der Wildniß des Gebirges am rothen Meere liegen, hatte er noch viel weiter. Und wenn auch hier in der Einöde von Räubern und Mördern nichts zu fürchten war, so mußte man um so mehr wegen der wilden Thiere, namentlich wegen der Hyänen in Sorgen seyn, welche die Höhlen und Klüfte dieser Gebirge bewohnen. Denn obgleich unser Freund eine Doppelflinte bei sich trug, deren einer Lauf mit groben Posten geladen war, so mußte dennoch der geringe Vorrath von Pulver und Blei, den er mit sich genommen, bald verbraucht seyn, und wenn der Schlaf den Einsamen, Ermüdeten ergriff, dann war er ohne Widerstand dem Anfall der Hyänen preisgegeben. Nicht zu gedenken der Gefahr, welche schon der Weg über ein von Klüften und Abgründen durchschnittenes Gebirge für sich allein dem nächtlichen Wandrer drohet. — So warf sich in unsren Seelen eine Woge der Sorgen nach der andern auf; wir mußten still halten wie ein Schiffbrüchiger auf dem Felsen den er bei dunkler Nacht erfaßte, obgleich die Wellen einmal ums andre über seinem Haupte zusammenschlagen. In solcher innrer Noth ist es wohl gut, wenn der Pilgrim jenen Stecken und Stab[64] kennt und bei sich hat, der ihn zu trösten vermag: das Vertrauen auf den Hüter Israels, welcher nicht schläft noch schlummert. Der Glaube an eine Hülfe, welche da waltet, wo Menschenhülfe aufhöret, hatte uns in jener dunklen Nacht als tröstlicher Stern geschienen und war auch fernerhin unsers Fußes Leuchte.
Die arme, von Angst und Sorgen gebeugte Hausfrau ließ mich nicht aus den Augen; sie fürchtete ich möchte mich auch verirren. Nach Mitternacht wurde das Geschrei der Beduinen seltner; die ermüdeten Leute schliefen, nur Mohamed unterhielt noch das Feuer und rief von Zeit zu Zeit in die Wüste hinaus oder schoß eine Flinte ab; in den Zwischenzeiten der Stille hörte man das kreischende Geschrei der Eulen, welche um unser Zelt herumflogen. Bald nach Mitternacht war auch der Mond untergegangen, der zum Trost für uns die ersten Stunden der Nacht ein wenig beleuchtet hatte; endlich dämmerte der Morgen und zugleich breitete der Schlaf seinen Alles verhüllenden Mantel über das äußre wie über das innre Auge.
Fast mit der Sonne zugleich erhuben auch wir uns wieder vom Lager. Wie stärkend und ermuthigend wirkt doch schon der bloße Anblick des Lichtes auf das Gemüth ein. Wir konnten doch jetzt Alles ruhig überlegen. Daß unser Freund ohne das Feuer zu sehen und das Schießen zu hören an uns vorübergekommen und wieder rückwärts auf die Richtung gegen Kairo hin gerathen seyn könne, das schien uns zwar fast unmöglich, indeß wurde dennoch für gut gefunden, daß unser Dragoman und ein landeskundiger Beduine die rückwärts und seitwärts von unsrem Ruheplatz gelegnen Gegenden auf zwei Dromedaren, die an schnellen Lauf gewöhnt sind, durchstreifen und durchforschen sollten; die Herren Erdl, Franz, Kielmeyer und Keller, in Begleitung mehrerer Beduinen übernahmen dagegen die Untersuchung der in Nordost und Nordwest, seitwärts vom Wege nach Suez gelegenen Nebenthäler und Hügel, denn in dieser Richtung hatte sich Dr. Roth aus unsern Augen verloren. Zuletzt brachen auch wir, etwas vor neun Uhr mit unsrem alten Scheikh Hassan und einigen Knechten auf, in der Hoffnung, in welcher uns die vermeintlichen Spuren eines mit Europäischen Schuhen bekleideten Fußes im Sande bestärkten, daß wir den sehnlich Vermißten auf der Karawanenstraße nach Suez, vielleicht hinter einem der nächsten Hügel die Sorgen der Nacht verschlafend, oder auf uns wartend finden würden. Nach einiger Zeit kamen jene Reisegefährten, welche zu Fuße die Gegend durchstreift hatten, zur Karawane zurück, sie glaubten öfter, besonders gegen Nordosten hin Fußtritte von Europäischen Schuhen bemerkt zu haben, diese waren aber auf dem festeren Kies verschwunden; die Beduinen hatten mit ihren Falkenaugen von jeder Anhöhe aus die Gegend durchspäht, ihn aber den man suchte, hatte Keiner gesehen. Doch blieb noch die zweifache Hoffnung: daß er nach Suez voraus sey oder daß ihn der Dragoman mit sich bringen würde, welcher den ganzen Tag zu seinen Nachforschungen anzuwenden bereit war.
Für mich war dies nach außen ein Tag des Schweigens, während das Gespräch im Innersten der Seele so laut, so anhaltend, so innig war, wie nur an wenig andern Tagen meines Lebens. Einige Male athmeten sich die innren Bewegungen in ein Lied von passendem Inhalte aus und ich habe auch damals empfunden, welche stärkende Kraft in Gesängen dieser Art, für Seele und Leib liege.
Uns, die wir heute wohl Alle mehr an einen Andern als an uns selber dachten, erschien es mit Recht als ein großes Glück, daß der Tag so ungewöhnlich frisch und kühl war. Am Morgen vor Sonnenaufgang war der Thermometerstand nicht einmal volle zwei Grad R. über dem Gefrierpunkt gewesen; selbst in den Mittags- und Nachmittagsstunden wehete der Ostwind so kühl, daß ich meinen Mantel erleiden konnte.
Wir sahen in den ersten Stunden dieser Tagreise neben uns in Ostnordost ein höheres Gebirge von augenfällig dunkler Farbe; hinter ihm einige zuckerhutförmige, schroffe Höhen. Gegen und nach Mittag kamen wir jenem Gebirge parallel. Auch gegen Nord und Nordwest zeigten sich Anhöhen. Die breite Ebene steigt gegen Nordost ein wenig an. Man findet in ihr fast gar kein Grün, außer einigen Mimosenbäumen. Der Boden ist noch immer ziemlich fest, weil der feinere Sand mit gröberen Geröllen untermischt ist, die meist vom Geschlecht der Kalksteine sind. Gegen zwei Uhr des Nachmittags näherten wir uns der Stelle, wo die hier vereinten Straßen von Kairo nach Suez, sowohl die der Pilgrime als die etwas südlichere, welche Derb el Ankabye heißt, unsern von Bessatin kommenden Weg durchkreuzen; hier begegneten wir einer Gesellschaft von Engländern, die, auf Dromedaren reitend, von Suez kam. Einige von unsern Reisegefährten liefen zu jenen hin um zu fragen, ob ihnen unser verirrter Reisegefährte begegnet sey; sie hatten nichts von ihm gesehen noch gehört und wir konnten ihnen nur Aufträge geben für den Fall, daß sie weiterhin mit ihm zusammenträfen. Etwas vor drei Uhr kamen wir auf eine Anhöhe, von welcher aus wir das rothe Meer zu sehen wähnten, was uns jedoch später wieder ungewiß wurde, dann zog sich der Weg allmälig wieder abwärts. Ein scheinbarer Unfall hemmte, eine Stunde später den Fortgang unsrer Tagreise; ein altes Kamel, das übrigens nicht zu unsren Pack- oder Reitkamelen gehörte, sondern einen Beduinen trug, der sich von Bessatin aus unsrer Gesellschaft angeschlossen hatte, war niedergestürzt und konnte sich vor Mattigkeit nicht wieder erheben; wahrscheinlich weil seinem vorgerückten Alter die lange Entbehrung des Wassers zu schwer fiel. Unser Scheikh Hassan war abgestiegen, hatte sich hülfreich zu dem andern Beduinen gesellt; die ganze Bewegung der Karawane stockte. Endlich kam der Scheikh wieder, der Beduine blieb allein bei seinem noch immer am Boden liegenden Kamele sitzen; wir zogen weiter und wendeten uns zuletzt rechts von der Straße abwärts nach einem grünen, streifenartigen Flecken hin, der wie ein Saum das wüste Land umfasset. Hier machten wir für diese Nacht Halt, in einer Höhe über dem Meeresspiegel welche der gestern gemessenen und berechneten fast gleich war, indem sie 594 Pariser Fuß betrug. In Nordwesten hatten wir den niedreren Höhenzug des Oweibe-, in Südost das Attakagebirge neben uns.
Die Sonne stund noch ziemlich hoch am Himmel, ich wollte die letzte Stunde des Tages dazu benutzen um in Gesellschaft der Herrn Kielmeyer und Bernatz eine der vermeintlich ganz nahen Anhöhen, ostwärts von unsrem Nachtlager zu besteigen, von wo aus wir mit Sicherheit hofften das rothe Meer zu sehen; aber das hügliche Land, welches zwischen uns und dem Gipfel der Anhöhe lag, war von so vielen tiefen Schluchten durchschnitten, daß wir nicht weit vorwärts kamen. Wir fanden, am Boden zerstreut, Geschiebe von Grünstein und andren Urgebirgsarten, das eine der aufgehobenen Geschiebe glich dem Variolit. Unten in den Schluchten stunden schöne Jerichorosen. Ich war auf dem Rückwege, während meine beiden Begleiter langsam vorausgiengen, in eine dieser Schluchten hinabgestiegen und hatte mich weiter darinnen verloren als mein Wille war; die Sonne war indeß untergegangen, das tiefe Thal umher so todtenstumm und schweigend, daß ich selber eine Anwandlung von der Furcht und dem Schrecken der Wüste empfand. Wie mochte es erst meinem verirrten Freunde zu Muthe seyn! — In der Ebene erwarteten mich die beiden jungen Freunde und ich sahe erst jetzt wie nöthig mir ihre Begleitung gewesen war, denn mein Auge konnte nirgends die beiden Zelte finden, ich würde sie in einer ganz andern, falschen Richtung gesucht haben, wenn Bernatz mich nicht zurecht gewiesen hätte.
Bei den Zelten bemerkten wir eine Bewegung der Beduinen um zwei eben ankommende Kamele. Wir liefen freudig hin, denn mit Recht vermutheten wir, daß der Dragoman und der ihn begleitende Beduine, hoffentlich ja mit Dr. Roth zurückgekehrt seyen. Allerdings waren es jene beiden, unser Freund aber nicht bei ihnen; ihr Nachforschen war vergeblich gewesen.
Es galt jetzt abermals ein Festhalten an dem »Stecken und Stabe« des Pilgrims. Ein einziger, lieber Sohn konnte mich nicht näher angehen als dieser Verlorene; wen konnte meine Seele nach ihm fragen, als Den, der auf allen ihren Wegen den Verirrten begegnet und von ihnen Allen weiß. Ein andrer, ganz besonders kräftiger und muntrer Beduine wurde beauftragt ein Dromedar zuzurüsten; noch bei Nacht sollte er zurückkehren zu der von uns verlassenen Gegend und alle Kamelhirten und nomadisirende Beduinen aufbieten, mit ihm das Land zu durchsuchen. Brieflein wurden zugleich geschrieben, an den ersehnten Freund, damit man da und dorthin sie streuen möge auf den Boden. Die gute Hausfrau verweinte ihre Sorgen; mich hatten nach einigen Stunden zwar nicht der erquickende Schlaf, wohl aber Phantasieen des Traumes beschlichen, da hörten wir, kurz vor Mitternacht, ein Freudengeschrei der Beduinen; der Verlorne war gefunden; der Beduine, welcher kaum vor einer Stunde nach ihm ausgeritten war, brachte ihn mit sich, auf seinem Dromedar.
Das, was uns am vorhergehenden Nachmittag als Unfall erschienen war: das Niederstürzen des Kameles am Wege, das war unser Aller Glück gewesen; der Besitzer des Thieres, der bei diesem sich gelagert hatte, erkannte sogleich den Vorbeigehenden, sprang auf und umarmte ihn mit lautem Jubel und führte ihn gegen die Lagerstätte hin, die, weil sie ziemlich fern zur Seite ablag, der zur Ohnmacht Ermüdete schwerlich würde gefunden haben; da sie ein Stück Weges gegangen waren, kam der Andre mit dem Dromedar, dieser stieg sogleich ab und ließ Dr. Roth aufsitzen.
Vor allem mußte man jetzt an leibliche Erquickung des Freundes, durch Nahrung und Schlaf denken. Auch im Schlummer verfolgten ihn noch die Schrecken, die er während der dreißig Stunden seiner Irrsalen erduldet hatte, er rief öfter »o mein Gott, o mein Gott« und verrieth hierdurch, daß auch er auf seinem Wege durch die Einöde sich des Pilgerstabes bedient habe. Da er am andern Tage zum längeren Sprechen wieder aufgelegt war erzählte er uns, daß er in der ersten Nacht und am darauf folgenden Morgen theils die sandige Ebene, dann aber mehrere Thäler des östlichen Gebirges durchwandelt habe. Er hatte oft geschossen und seine Stimme zum Rufen erhoben; das Ohr wähnte zuweilen ganz in der Nähe und wie hinter dem Rücken redende Menschenstimmen zu vernehmen, wenn er aber rief und dem tröstlichen Tone nachgieng, da war wieder Alles still und stumm. Am Vormittag war er durch ein breites Thal gekommen, wahrscheinlich durch dasselbe, das von unsrer vorigen Lagerstätte ostwärts nach dem rothen Meere führt. Hier fand er den Boden vielfach mit grünem Gesträuch und kreuzblüthigen Pflanzen bewachsen, deren aber keine, wie unsre Brunnenkresse oder das Löffelkraut dem dürstenden Munde Erquickung bot, sondern welche alle von eckelhaftem Geschmack waren. An vielen Orten erkannte er die Spuren der Gazellen, welche hier noch vor Kurzem geweidet hatten; an den Bergabhängen stunden öfters Lager von schönem Fraueneis (Selenit) zu Tage aus. Endlich war er, kurz vor Mittag bei dem Gebirge Graibun, an dem wir gestern Mittag vorbeikamen, herausgetreten auf die Ebene; die Gegend wurde ihm jetzt auf einmal bekannt; ein Trupp von Kameltreibern welche Holz geladen hatten begegnete ihm, und diese erquickten ihn mit einem Trunk Wassers und einigen Bissen Brodes. Diese Leute waren, ohne daß wir dieß wußten, in unsrer Nähe, in einem Nebenthale über Nacht geblieben, hatten uns noch aufbrechen sehen und berichteten, daß wir auf dem Weg nach Suez voraus seyen. Etwa um zwei Uhr war er endlich an unsern so lang vergeblich gesuchten nun aber verlaßnen Lagerplatz gekommen, hatte da vergeblich herumgeforscht, ob wir nicht wenigstens eine Flasche Wasser und etwas Brod für ihn im Sande verborgen und den Ort wo beides zu finden durch einige Zeilen angedeutet hätten, leider aber war dieses von uns versäumt worden, und der verlassene Pilgrim hatte den ganzen Weg unsrer heutigen Tagreise ohne weitere Erquickung in etwa 9 Stunden durchlaufen müssen; zuletzt wie ein Träumender, verloren in sonderbare Phantasieen, in denen es ihm vorkam als gehörten die wunden Füße, die ihn kaum noch trugen, nicht sein eigen, sondern wären von einem Freunde ihm geliehen.
Hatte ich in der vorhergehenden Nacht vor Sorge nicht schlafen können, so ließ mich dagegen in der heutigen die Freude nicht recht dazu kommen. Ich meine fast auf ähnliche Weise muß es einer Mutter zu Muthe seyn, wenn die Stunde, da sie Traurigkeit hatte, vorüber und nun jene gekommen ist, da sie der Angst nimmer gedenkt, um der Freude willen, daß der Mensch zur Welt geboren ist.
Am 17ten Februar des Morgens war der Himmel leicht getrübt. Ein Nebelgewölk zog über die enge Schlucht, welche den hohen Attakaberg von den niedren Vorbergen und Hügeln in Norden scheidet, hinab nach Osten; als wollte es uns an jene Wolken- und Feuersäule erinnern, welche einst diese Wege gewandelt. Wie das Alterthum sieben Bauwerke zählte an denen die Hand des Menschen mit wunderbarer Kraft sich kund that, so kennet der Christ sieben Berge der Erde an denen Gottes Macht in Thaten der Wunder sich verherrlichte: der eine ist der Ararat, der andre der Attaka, der dritte der Sinai, der vierte ist der Nebo, der fünfte der Thabor, der sechste der Golgatha, der siebente der Oelberg. Der Ararat wie der Attaka beginnen in wechslenden Chören den Triumphgesang der Errettung aus großen Wassern; denn hier, am Fuße des Attaka war es, wo durch »Sein Hauchen die Wasser sich aufthaten und die Fluthen standen auf Haufen; die Tiefe wallete von einander mitten im Meere[65].«
Wir brachen halb acht Uhr auf; bald kamen wir an eine Stelle, bei der uns die niederen Vorberge nicht mehr die Aussicht nach Südosten bedeckten, und nun lag der hehre Bergrücken frei vor unsren Augen da. Der Attaka ist auch durch seine Form einer der imposantesten Berge der Erde; so scharf abgeschnitten von seinen Vorbergen, so gerade und gähansteigend vom Spiegel des angränzenden Meeres, so tief und kräftig gefärbt, im Vergleich mit den bleicheren Nachbarn, daß ihm von seinem Entstehen an das Siegel seiner Bestimmung aufgeprägt scheint: ein Denkstein zu seyn, welchen die Hand der ältesten Geschichte mit einem heiligen Oele der Erinnerungen gesalbt hat. Ich konnte auf dem ganzen Wege meine Blicke nicht von ihm wegwenden; und obgleich nur das Auge nicht das Ohr den Eindruck vernahm, war mir es dennoch als hörte ich die mächtige Stimme eines Zeugen, der von den Thaten redete die er selber gesehen, und welche hinausrief in die Wüste der Völker, so daß Meer und Land ihm zuhöreten: »Herr, wer ist Dir gleich unter den Göttern. Wer ist Dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wunderthätig sey?« — Ja, »der Herr wird König seyn immer und ewig.«
Das innre Ohr war heute mehr als gewöhnlich für solche Stimmen des Zeugnisses geöffnet; es war ein Tag des stillen, tief im Herzen ertönenden Jubels und der Freude. Selbst auf die Wüste, durch die wir zogen, fiel ein Lichtstrahl der nicht aus dem bewölkten Himmel, sondern aus der Seele kam; ein Lichtstrahl der die Einöde verschönerte. Das bedurfte sie aber auch wirklich, denn schön war die Gegend in der That nicht, durch welche wir heute in den Vormittagsstunden kamen. Bei jeder neuen Wendung, welche der Weg um die Kalkhügel und Sandhaufen herum machte, erwartete man eine Aussicht nach dem rothen Meere, wenn wir aber auch neben der einen Woge des Hügelzuges herum gekommen waren, da stellte sogleich sich wieder eine andre ein, welche den Blick nach dem Meere hemmte; denn die Karawanenstraße zieht sich meist in den seichten Betten der Winterströme hin, welche zwischen den Sandmassen verlaufen. Nur an einigen wenigen Punkten zeigen sich da niedre Bäume der Arabischen Mimose; eine kleine Karawane, deren Kamele ostindische Waaren geladen hatten und bei der sich einige Engländer aus dem vor Kurzem bei Suez angekommenen Dampfschiff befanden (unter ihnen ein Kranker), begegnete uns; weiterhin etliche Mönche vom Sinai, zu Fuß und zu Kamel. Den Mangel jedoch der öden Gegend, die uns zunächst umgab, erstattete reichlich der Anblick des hehren Attaka. Wir konnten jetzt immer besser in den engen Paß hineinschauen, welcher sich wie das Rinnbette eines Gebirgsstromes mit gähem Absturz zwischen der Felsenwand des Hochrückens und den niedren Vorbergen herabziehet[66]. Für einen guten Fußgänger wäre sie wohl zu ersteigen. Wie wir später sahen endet sie unten in der Ebene in einem Abstande vom Meeresufer der gewiß noch mehrere Stunden beträgt.
Noch vor Mittag heiterte sich der Himmel auf; bald nachher sahen wir die dunkle Fluth des rothen Meeres und Suez mit seinen Minares und Mauerzinnen, zwischen denen das getäuschte Auge Bäume zu erblicken wähnte. Unweit der Stadt bemerkt man das Grabmahl eines Santos. Wir hatten das Kastell Adscherud links zur Seite gelassen und gelangten nun auf eine allmälig sich absenkende Fläche. Einige Pflänzlein der Artemisia judaica und des Heliotropium lineatum, im Ganzen so wenige, daß man nach stundenlangem Suchen kaum zwei Hände voll zu sammeln vermocht hätte, waren das einzige graufarbige Grün das man hier weit und breit wahrnahm. Etwa eine Stunde vor Suez kamen wir zu dem hochummauerten Bir Suez, dem Brunnen, dessen nur wenig salziges Wasser durch Räder, welche Ochsen in Bewegung setzen, aus der Tiefe geschöpft und in eine Rinne ergossen wird, die ihren Ausfluß außen vor dem Gebäude, in große, steinerne Wassertröge nimmt. Das Gebäude, das über den Brunnen gebaut ist, gleicht einem kleinen Kastell und scheint auch ursprünglich die Bestimmung gehabt zu haben, das köstlichste und unentbehrlichste Gut, welches der Bewohner dieser wasserleeren Einöde besitzt, gegen fremde Gewalt zu schützen. Unsre Kamele, die nun seit vier Tagen nicht getrunken hatten, tranken hier in vollen Zügen und sehr lange, uns selber aber wollte das salzige Wasser noch nicht recht schmecken, obgleich das gute Nilwasser in unsern Schläuchen auch einen Nebengeschmack angenommen hatte, der es ziemlich widerlich machte.
Von hier aus sahen wir nun die dunkle Fluth des Meeres in deutlicher Nähe. Auf seinen bewegten Wellen spielten die Strahlen der Sonne, neben ihm zur Rechten erhub sich die Felsenwarte des Attaka, in einiger Entfernung von der Küste lag das große, englische Dampfschiff, das die Fahrt von Ostindien nach Suez und zurück schon öfters gemacht hat; was wir aber aus der Ferne für Bäume hielten, das waren die Mastbäume der Schiffe, welche jenseits der Stadt im Hafen liegend über einen Theil der niedern Gebäude hoch emporragten. Wir lagerten um 4½ Uhr Nachmittags, nach einem kaum neunstündigen Tagmarsche außen vor dem Thore der Stadt, und schlugen nordwärts von dieser unser Zelt nahe beim Meeresstrande auf.
In der That, Suez ist keine Stadt der Träume; denn so hätte ich mir auch im Traume keine Stadt vorgestellt. Eine Stadt von etwa sechshundert Häußern und Hütten, welche dennoch, obgleich manche davon nicht immer bewohnt sind, mit der hier stehenden Compagnie des Aegyptischen Militärs gegen vierzehnhundert Menschen beherbergen, ohne Spur von Gärten, von Feldern, von jedem grünen Flecklein; wie könnte diese Stoff zu einem lieblichen Traumbild gewähren. Unmittelbar vor den Mauern ja noch innerhalb derselben, auf dem weiten, freien Platze der zwischen ihnen und den Häußern sich ausdehnt, beginnt eine so ganz dürre, ausgestorbene Sandwüste, daß man, in der Nähe der Stadt auch nicht einmal eines jener kleinen Stachelgewächse oder Sträuchlein bemerkt, dergleichen doch sonst immer von Zeit zu Zeit in der Wüste gefunden werden; nur der große Aegyptische Aasgeier und der häßliche verwilderte Hund schweben und laufen über die Einöde hin, um das Land von den Ueberresten der gefallenen Kamele zu reinigen. Der Grund dieser widerwärtigen Nacktheit des Bodens liegt vor allem darinnen daß Suez gar kein Süßwasser in seiner Nähe hat; denn der sparsame Gehalt der Brunnen, welche noch dazu stundenweit von der Stadt abliegen, reicht kaum für das Bedürfniß der Bewohner und ihrer Hausthiere hin. Dazu ist der Boden rings umher von Salz durchdrungen und wo sich etwa demohngeachtet ein Pflänzlein der grauen Arabischen Artemisie oder des Ginsters aus dem Boden hervordrängen wollte, da wird dieses alsbald von den hungernden Kamelen abgeweidet, welche fast jede Woche zu Hunderten aus Kairo und aus den östlichen Gegenden der Arabischen Halbinsel hier ankommen; Lebensbedürfnisse, aus dem fruchtbaren Nilthale bringend, und Waaren so wie Naturerzeugnisse aus Indien und Yemen zurückführend nach der Aegyptischen Hauptstadt. Wenn jedoch auch die Phantasie des Reisenden hier bei Suez auf keinen grünen Zweig kommen kann, so findet dagegen der Blick des Forschers auf dem Trocknen wie im Gewässer Anhaltspunkte in Menge, auf denen er gerne verweilt. So wie Suez sind die meisten Städte der Arabischen Küste beschaffen, wer nicht Gelegenheit hatte Yembo, Dschidda und so manche andre ihrer Schwestern zu sehen, der kann sich hier an Suez einen deutlichen Begriff von jenen machen. Sie alle sind Nester des Seeadlers, der nur wenig Wasser, das in der Felsenkluft aufgespart ist, zu seiner Erquickung bedarf, und welcher nicht nach dem Grün der Gärten und Felder fragt, weil ihm seine Beute über das Wasser kommt. Ueberdieß zog uns, die wir als alte Gastfreunde die Natur kennen und lieben, ein andrer, uns noch ganz neuer Anblick zu sich hin; das war das lebendige Gewimmel des Indischen Meeres, das sich auch über das rothe Meer ausbreitet, weil ja dieses nur ein Arm und Ausfluß jenes reichbegabten, südlicheren Oceans ist.
Ich möchte jedem Naturforscher, welcher die Lust des Sehens mit eignen Augen, des Betastens mit eignen Händen kennet und liebt, einen Aufenthalt, wenigstens von etlichen Tagen, am rothen Meere gönnen. Ich habe das Mittelmeer wie das Adriatische an verschiedenen Punkten ihrer Küsten gesehen und auch durchforscht; gegen den Reichthum des rothen Meeres, namentlich an Conchylien, erscheinen mir jene so werthvollen Gegenden wie der Mittagstisch eines wohlhabenden Bürgersmannes an einem Wochentage, im Vergleich mit der überreichen Tafel eines Fürsten, der seinem Sohne ein Hochzeitsmahl bereitete. Hingeworfen von den Meereswellen an den Strand lagen da zu unsern Füßen die buntfarbigen, schönen Gehäuse der Mollusken, von denen ein einziges schon in unsrer Kindheit uns als großes Gut erschienen wäre; dazwischen zeigten sich, als wollten sie daran erinnern, daß auch dieses Meer schon zu ihrem Reiche gehörte, die buntfarbigen Fische der heißen Zone und selbst der feuchte Sand der Küste lädt hier den Sammler zu seinem wohlbestellten Gastmahle ein[67].
Wir konnten uns unmöglich entschließen heute noch von dem reichen Meeresstrand hinweg in die arme, schmutzige Stadt zu treten. Zum Thore hinein, wo eine Art von Soldat nicht Wache stund sondern Wache lag, blickten wir auf die Wüste, die man mit in die Mauern aufgenommen hat, traten dann auf einen Hügel von Schutt und Scherben, der gleich vor dem Thore der Stadt liegt und sahen dort die schöne, reine Sonne hinter dem Attakaberg untergehen; dann erquickten wir uns noch im Mondenschein, auf- und niedergehend am Strande, in der frischen Luft. Herr Mühlenhof war statt unsrer hineingegangen und hatte da unsre Empfehlungsbriefe abgegeben, wir erhielten noch am Abend Besuche aus der Stadt und Einladungen hineinzukommen um da zu übernachten, uns aber gefiel der Schlag und das Rauschen der Wellen besser als jenes Geräusch, das mit den Aufopferungen der Gastfreundschaft unvermeidlich verbunden ist; wir ließen uns nicht bewegen das Zelt, das ja schon aufgeschlagen stund, wieder abzubrechen.
Am andren Morgen machten wir uns auf um auch das Innre der Stadt zu besehen. Die Wache, von der ich freilich nicht weiß ob sie mit der gestrigen ein und dieselbe Person war, lag oder kauerte noch in derselben Stellung da wie am vorigen Abend; im ganzen Orient fragt man Keinen nach seinem Passe, am wenigsten einen fränkisch gekleideten Fremdling. Ueber das Stücklein Wüste hinüber, das man nach hiesigem Geschmack eben so wie bei uns unter dem Namen Park oder Garten ein Stücklein Waldes, mit in die Stadtmauern aufgenommen hat, schritten wir durch eine Art von innrem Thor in eine der beiden Hauptgassen des Städtleins hinein, wo es einen Bazar gab. Man konnte hier die meisten Bedürfnisse des Lebens befriedigen; es waren Brod und Bilahm, Datteln und Orangen, Scherbet und Racky, dabei die verschiedensten Arten von Stoffen zur Kleidung und zum Schmuck, sogar geschnittene Steine (von keiner sonderlichen Schönheit) zu haben, die uns ein Jude um billigen Preis verkaufte. Das Volk von Suez erschien mir, mit Ausnahme einiger kräftigen Arabischen Gesichter und Gestalten, eben nicht besonders schön; unter den braunen und schwarzen Leuten des Ostens und Südens trieben sich mehrere, gerade auch nicht sehr weiße englische Matrosen herum. So wie man sich dem Hafen nähert zeigen sich, noch aus der alten Zeit eines bessern Wohlstandes der Stadt, ansehnliche Gebäude und Chans. In einem der ersteren wohnt der Agent der englisch-ostindischen Compagnie, dessen Name, wenn ich nicht irre, Manula ist. Wir fanden ihn in einem Seitengebäude seines Hofes mit dem Auspacken und Anordnen der aus Ostindien gekommenen Waaren beschäftigt. Der freundliche Mann führte uns sogleich hinauf in ein Gastzimmer, das auf Europäische Weise stattlich meublirt und mit Englischen Kupferstichen verziert war. Hier hatte Napoleon, während seines Aufenthaltes in Suez gewohnt, und mancherlei Pläne in seinem Innren entworfen und bewegt. Der Herr Agent besitzt eine, wenn auch nicht an Menge der Arten, doch an den schönsten Exemplaren reiche Sammlung von Conchylien aus dem Indischen und rothen Meere, die ihm meist durch die Englischen Seefahrer zugeführt werden; dazu ist er der Einzige in der Stadt, welcher Fischerbarken zu seiner Verfügung hat und die Fremden wie Einheimischen mit Fischen versorgen kann. Ich erhielt durch seine Güte einige schätzbare Beiträge zu unsern an den Ufern des rothen Meeres gemachten Sammlungen.
Nachdem wir uns in diesem gastfreien Hauße mit mehreren Erfrischungen, auch mit einem Glase des edleren spanischen Weines erquickt hatten, ließ ich mich durch den wohl unterrichteten Herrn Agenten, welcher über den Gegenstand schon so viele Meinungen der Einheimischen wie der Fremden vernommen hat, ein wenig einführen in die Bekanntschaft dieser bedeutungsvollen Umgegend. Wir traten mit einander hinaus vor die südliche Seite der Stadt, an das Meer. Mein Begleiter war nicht unbekannt mit den herrschenden Ansichten vieler Europäischen Gelehrten über den Durchgang der Israëliten durch den Meeresarm, nordwärts von Suez; das hiesige Volk aber, so sagte er, glaube seit alter Zeit, daß jener Durchzug südwärts vom Attaka, zwischen diesem und dem Kuaibe geschehen sey. Er selber, der Agent, ist ein Christ, griechischer Gemeinschaft; längst aber in diesem Lande einheimisch.
Kurz vor Mittag waren wir zu unsrem Zelte zurückgekehrt um hier noch Einiges anzuordnen; es war so heiß, daß wir selbst im Schatten des Zeltes nur wenig Abkühlung fanden. Da die Kamele mit dem Gepäck einen vierstündigen Umweg um die nördlichste Ausbreitung des Meeresarmes zu machen hatten, während wir von Suez aus in kaum einer halben Stunde über die Bucht hinüber fahren konnten, wurde beschlossen, daß nur Einige von uns mit dem Gepäck voraus gehen sollten, während die Andren den kürzeren Weg zu Wasser nähmen. Um zwei Uhr erhub sich ein erfrischender Wind, bald hernach wurden die Kamele beladen und Herr Franz nebst Mohamed brachen mit der Karawane auf; wir andern bestiegen einen der höchsten, benachbarten Hügel um noch einmal die Landschaft zu überblicken. Auch hier stehen sich, wie am Bosporus und Hellespont zwei Welttheile nachbarlich gegenüber; statt des kleineren Europas hat sich hier das große Afrika in Westen neben Asien hingestellt. Wie ganz anders nimmt sich aber dieses nachbarliche Begegnen hier aus denn dort. Europa und Asien stehen sich am Bosporus und Hellespont, geschmückt mit dem Kranze des Lorbeeres im grünenden Gewande gegenüber, wie zwei Kämpfer, welche nicht einen Wettstreit der Fäuste und der ehernen Waffen, sondern den edleren der Lieder beginnen wollen; hier aber, am rothen Meere und an der Meerenge von Suez erscheinen Asien und Afrika wie zwei Ringer, welche das Gewand von sich warfen, weil ihnen der härtere Kampf der Fäuste bevorsteht. Afrika erhebt sich noch einmal im Gebirge des Attaka, mit seiner ganzen Macht; Asien beut ihm die Stirn mit den Schrecknissen der Wüste, welche in dem Ruhatgebirge ihren Sitz haben. Nirgends aber bemerkt das Auge, weder auf den westlichen noch auf den östlichen Höhen die Spur eines Waldes, oder auch nur einen vereinzelten Baum; nur nach Norden zieht sich, mitten durch die Wüste der beiden Welttheile ein niedrer, ebener Streifen Landes, der durch das vereinzelte Gesträuch grünlich gefärbt erscheint. Wahrscheinlich ist dies das verschüttete Bette jenes alten Kanales, der einst das rothe Meer mit dem Nil verband und dessen Anfang nordöstlich von Phelbes oder Belbays bemerkt wird, von wo er sich zuerst nach Osten dann durch die Salzseen nach Süden zum rothen Meer wendete, dessen Spiegel noch jetzt 15 Fuß höher ist als der des Nils bei Kairo während des niedern Wasserstandes, fünf Fuß niedriger aber als die mittlere, jährliche Stromschwelle des Flusses[68].
Wir hatten von Kairo ein Empfehlungsschreiben an einen griechischen Kaufmann in Suez, Herrn Girgis empfangen, der uns weiter nach Tor empfehlen sollte. In dem stattlichen Hauße jenes wohlhabenden Mannes wurden wir mit Erfrischungen bewirthet die uns vergessen ließen, daß wir hier an einem Orte seyen, der keine Gärten hat, und die uns bei der Hitze der Nachmittagsstunden sehr wohl thaten. Noch vor Sonnenuntergang nahmen wir Abschied von den hiesigen Gastfreunden und von den bisherigen Reisebegleitern Herrn Kielmeier und Kellner und bestiegen in Gesellschaft unsers alten Hassans eine Barke, zur Ueberfahrt über den Meeresarm. Bei der Abfahrt hatten wir auch Gelegenheit jene Betriebsamkeit des hiesigen armen Volkes zu bemerken, von welcher Laborde erzählt, und welche sehr an jene der Italienischen Lazaronis erinnert; jeder Einzelne suchte sich eines Stückleins unsers Gepäckes zu bemächtigen, wäre es auch nur ein Steigbügel oder ein Sonnenschirm gewesen; ihrer viere schleppten wenigstens scheinbar an einem Sacke mit Schiffszwieback den ich mit Leichtigkeit allein getragen hätte; wer bei dem Tragen des wenigen Gepäckes nicht ankommen konnte lief wenigstens laut schreiend daneben her oder half uns ziehend oder nachstoßend beim Einsteigen in die Barke und jeder der Schreier wollte dann für seine Mühe bezahlt seyn.
Der Mond, fast voll, war aufgegangen und mischte sein Licht mit dem der Abenddämmerung, als wir in unserm Boote auf der wogenden Gränzlinie der beiden Welttheile schwebten. Der Meeresarm ist hier etwa eine halbe Stunde breit; wenn ein anhaltender Nordwestwind das Gewässer, vorzüglich zur Zeit der Ebbe nach Süden treibt, kann man ihn nordwärts von Suez durchreiten und zu Fuße durchwaten, wenn aber hierauf plötzlich der Wind nach Südost umspringt kann in Kurzem die Wasserhöhe um sechs Fuß steigen. Dies erfuhr Napoleon als er an jener Stelle durchs Meer reiten wollte und durch das plötzliche Steigen des Wassers in Lebensgefahr gerieth. Als man ihn glücklich wieder ans Land gebracht hatte rief er: »das hätte einen interessanten Text für alle Prediger in Europa gegeben, wenn ich hier ertrunken wäre.«
Asien war zwar erreicht, als wir beim jenseitigen Ufer ans Land stiegen, nicht aber unsre Lagerstätte für die bevorstehende Nacht. Wir hatten noch wenigstens eine Stunde weit im Sande zu gehen, bis wir zu dem Tamariskengebüsch kamen, bei welchem wir Halt machten, doch schien uns der Mond zu unsrer Wanderung. Doctor Roth hatte die Folgen seines dreißigstündigen Herumirrens in der Wüste schon so weit überwunden, daß er munter neben uns herschritt; die andren Gefährten mit den Kamelen kamen später als wir bei dem Lagerplatz an.
Der 19te Februar war ein Sonntag, für meine Erinnerung einer der festlichsten der ganzen Reise. Wir brachen um sieben Uhr auf, nahe zu unsrer Rechten zeigte sich das leise bewegte Meer und jenseits demselben der Attaka, in der ganzen Breite seines steilen Abfalles; zur Linken jenseits der sandigen Fläche der niedere Zug des Ruhatgebirges. Der Himmel war so rein und klar, daß wir am entgegengesetzten Ufer des Meerbusens, der hier eine Breite von fünf bis sechs Stunden hat, jeden Felsenvorsprung, so wie den schmalen Saum des Ufers unterscheiden konnten, welcher eben noch für Kamele und Fußgänger gangbar ist. Ein erfrischender Wind wehete aus Nordwesten über das Meer hin; zuweilen war es uns als bemerkten wir das fröhliche Emporplätschern der Fische aus der klaren Fluth; wir sangen der stillen Wüste unsre Lieder. Etwas vor neun Uhr sahen wir Gruppen der Dattelpalmen, sie stehen an den Brunnen Mosis, die wir noch vor zehn Uhr erreichten. Hier tranken unsre Kamele; wir ruheten im Schatten eines dicht verwachsenen Palmengebüsches. Auf einem der höheren Bäume sang ein Vogel, sein unsrem Ohre noch neues Lied; er besang die Lieblichkeiten des Frühlingsmorgens am rothen Meere. In unsrer Seele aber ertönte hier, im Angesicht des Meeres und des hohen Attaka so wie des breiten Thales Ramlieh, das zwischen ihm und dem südwärts sich erhebenden Kuaibagebirge zum Meere verläuft, ein andres Lied. Es war das Lied Mosis, des Knechtes Gottes, welches dieser und die Kinder Israël dem Herrn sangen, an dem Tage da der Herr Israël hindurchgeführt hatte durch die Fluthen und Pharaos Rosse und Wagen in das Meer gestürzt. Ja, »der Herr ist meine Stärke und mein Lobgesang, und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will Ihn preisen; Er ist meines Vaters Gott, ich will Ihn erheben.« Kann doch das Herz Aller, welche zuversichtlich Seiner harren und auf Ihn trauen, singen: »Du hast geleitet durch Deine Barmherzigkeit Dein Volk, das Du erlöset hast; und hast sie geführet durch Deine Stärke zu Deiner heiligen Wohnung.« Wenn auch hier, an dieser geheiligten Stätte das äußere Ohr nichts mehr von Mirjams, der Prophetin Paukenhall vernimmt und die Herrlichkeit des Herrn nicht mehr dem äußern Auge sichtbar wird, so fühlet doch der innre Mensch ein Naheseyn dieser Herrlichkeit und vernimmt Stimmen des Jubels.
Wir durften auch das, was den äußern Sinnen hier dargeboten wurde, nicht unbeachtet lassen. Die Zahl der kleinen, zu Tage gehenden Mündungen der Mosisbrunnen wird von den Reisenden sehr verschieden angegeben, je nachdem dieselben früher oder später nach der Regenzeit hier waren oder in Jahren wo der Regen in reicherer Fülle oder sparsamer gefallen war. Mich erinnerten sie an die Maibrunnen, die, wenn der Schnee der Gebirge schmilzt, aus dem ebenen Boden da oder dort hervorbrechen. Wir zählten, außer den kleinen Nebenöffnungen nur fünf größere; das Wasser der meisten hat einen salzigen Beigeschmack, das des einen aber, aus welchem unsre Kamele sich labten, ist auch für Menschen trinkbar, obgleich es einen Beigeschmack von Schwefelleber und Eisen hat. Die Temperatur dieses Brunnen war wenigstens höher als die meiner Handoberfläche, denn sein Wasser fühlte sich warm an; auf eine fortwährende Entwicklung der Gasarten deuteten die häufig vom Boden aufsteigenden Blasen hin. Am Kesselrande der Brunnen oder in ihrer Nähe wachsen einige Cypergräser[69], die Dattelpalmen zeigten sich uns hier zum ersten Male in ihrer, von der Menschenhand unentstellten Naturgestalt, mit Zweigen bis an den Boden bedeckt, von dem Gewirre der fadenartigen Luftwurzeln überzogen und so dicht beisammenstehend, daß sie ein undurchdringliches Dickicht bildeten. Fast alle diese kleinen Wildlinge schienen männliche Bäume zu seyn an denen die Blüthenkolben schon anfiengen sich zu entfalten, denn die Dattelpalme trägt hier schon im vierten Jahre ihres Alters Blüthen und (wenn es eine weibliche ist) die Erstlinge der Früchte. Nach Süßwasser und Landschnecken suchten wir vergebens, obgleich der Boden für sie ein günstiger zu seyn schien, diese Familie der belebten Wesen war schon seit mehrern Tagreisen aus unsern Augen entschwunden. Von den Thieren, welche das benachbarte Meer an seine Küste trägt, spreche ich nachher.
Ich komme aber noch einmal auf die historische Bedeutung der Mosisbrunnen zurück. Wenn ich jene gewichtigen Gründe erwäge, welche neuerdings K. v. Raumer (in seiner kleinen Schrift: der Zug der Kinder Israël) wieder zusammengestellt hat, dann kann ich nicht wohl anders, als der noch immer fortbestehenden, ältesten Ueberlieferung beipflichten, nach welcher der Durchgang der Heere Israëls von der hier gegenüber gelegenen Thalebene Bede geschahe, welche zwischen dem Attaka (Baal Zephon) und dem südwärts von ihm gelegenen Kuaiba (Migdol) an das Ufer ausmündet. Es war der Weg einer drangvollen Nacht; der Morgen konnte die aus der Angst und Noth Geretteten schon hier bei den Brunnen Mosis finden.
Mit dem gewöhnlichen Wasser, welches der Leib genoß, hatten diese Brunnen ein andres (lebendiges) in die Seele ergossen, welches dieser eine ungewohnte Freudigkeit gab. Statt des Attaka zeigte sich, als wir auf unsrem Wege weiter zogen zu unsrer Rechten der Kuaiba jenseit des hier schon viel breiteren Meeres; vor uns in Süden spiegelte uns die Fata morgana einen Fluß und Haine von Palmen so täuschend vor, daß selbst der junge Beduine, der neben meinem Kamel hergieng, und welcher diesen Weg noch nicht oft gemacht hatte, das Bild für Wahrheit hielt. Die Wüste Sur, durch die wir hier wanderten, ist übrigens wasserleer und öde; der Weg zieht sich zwischen den Hügeln des Kreidekalkes hin und ist mit Feuersteinen bestreut; an dem Lagerungsplatze, den wir kurz vor fünf Uhr erreichten, ist der Boden so steinig, daß die Pfähle der Zelte nur mit Mühe in ihm befestigt werden konnten. Wir hatten hier das Meeresufer schon in ziemlich weiter Ferne.
Auch am Montag (den 20sten Februar) hatte es bis sieben Uhr gedauert ehe alles so weit in Ordnung war, daß wir aufbrechen konnten. Der Weg gieng durch eine einförmige Ebene voll Sand, in welchem Fraueneistrümmer und Feuersteine umhergestreut lagen; zur Rechten war die Aussicht durch die vortretenden Hügel meist gehemmt, zur Linken zeigten sich die grotesken Formen des Sandsteingebirges. Wir hatten heute mehr Zeit und Gelegenheit uns mit unsren Arabischen Reisegefährten zu beschäftigen; von Suez aus hatten sich einige neue Gefährten mit ihren Kamelen an uns angeschlossen, unter anderm ein Beduine mit einem schwarzen Knaben, den er in Suez gekauft hatte. Ich konnte nicht mit diesem sprechen, die Weise aber, in welcher er sich öfters mir und meinen deutschen Reisegefährten näherte, und, wenigstens durch Blicke zu uns sprach, erregte in mir die vielleicht ungegründete Meinung, daß er ein Christ sey, und wie gern hätten wir ihn mit uns genommen, wenn er unsren Mitteln feil gewesen wäre. Gegen vier Uhr, nach einem ununterbrochenem Ritte von neun Stunden, sahen wir auf einem kleinen Hügel Palmenbäume und dabei einige Beduinen mit Kamelen. Es war der Brunnen Howara; das Marah der heiligen Schrift. Unsre Beduinen mochten hier noch nicht halten, sondern zogen etwa drei Viertelstunden weiter in eine ziemlich busch- und grasreiche, von Hügeln umschlossene Fläche, in der sich viele Spuren von Gazellen fanden. Ich und einige meiner jungen Freunde kehrten sogleich zurück zu dem Brunnen Howara, dessen klares, aber sehr bitteres Wasser eine beckenartige Eintiefung des Felsens ausfüllt, an welcher wahrscheinlich die Hand des Menschen mitbilden half. Meine jungen Freunde gelüstete es in der kühlen Fluth zu baden; ich besahe mir indeß die nächste Umgebung. Dem Brunnen gegenüber (rechts vom Karawanenwege) ist ein kleines Kesselthal, recht wie zu einer Lagerstätte von der Natur eingezäunt und eingerichtet. Der Boden ist dort an manchen Stellen feucht; es blüheten und wuchsen daselbst Kräuter, aus der Familie der Kreuzblüthigen, mit fetten, den Wohlstand des Standortes verrathenden Blättern[70].
Ich hatte mich auf eine Anhöhe des Kesselrandes gestellt und blickte hinüber nach der zum Untergang sich neigenden Sonne. Ich gedachte des Rechtes, das hier bei Marah Moses dem Volke Israëls stellte, als er sprach: »Wirst du der Stimme des Herrn, deines Gottes gehorchen, und thun, was recht ist vor Ihm, und zu Ohren fassen Seine Gebote; — so will ich der Krankheiten keine auf dich legen, die ich auf Aegypten gelegt habe, denn ich bin der Herr, dein Arzt.« — Ja, Der hier das bittre Wasser heilte, daß es süß ward, wird auch an einer andren, verborgneren Tiefe sich erweisen als der Herr, dein Arzt.
Meine jungen Freunde waren bereit zur Rückkehr nach der Lagerstätte; erst in einiger Entfernung vom Brunnen fiel es mir ein etliche Dattelnkerne in den Sandhügel zu stecken, die, wenn der Boden feucht genug wäre, hier bald herrlich aufgehen würden. Die Abenddämmerung war schon weit vorgerückt als wir die Unsrigen erreichten, aber der Vollmond ergoß ein reichliches Licht über das Thal und sein Gebüsch. Die Höhe über der Meeresfläche beträgt hier bei Marah nach Erdls barometrischen Messungen 484 Pariser Fuß.
Dienstags den 21sten. Schon gestern hatten wir den mächtigen Dschebel Pharaun (den Pharaosberg) ganz nahe jenseit unsrer Lagerstätte liegen sehen. Den Weg am Meere hin, vorüber an der heißen Quelle des Hammam Pharaun oder Pharaosbad verwehrte uns jetzt in der Zeit des Vollmondes und bei dem eben herrschenden Winde, der hohe Stand der Fluth, wir nahmen deshalb unsre Richtung nach den östlichen Seitenthälern, die sich um das Vorgebirge herumziehen. Etliche von unsern Beduinen mit den Kamelen, welche die Wasserschläuche trugen, waren schon mit Tagesanbruch voraus nach Garandel gezogen, um dort frisches Wasser einzunehmen. Die Luft war in den ersten Morgenstunden erfrischend kühl; die Stimmung unsres Innren, die, wie die singende Lerche zum Aufschwung geneigt war, wurde durch den Anblick der Gegend erhöht, durch welche wir zogen, einer Gegend, welche zwar keineswegs schön, in unsrem gewöhnlichen Sinne, wohl aber anziehend im höchsten Grade war. Am Boden blüheten die Gypsophila Rokejeka und das Erodium glaucophyllum; das Kreidekalk- und Sandsteingebirge an welchem wir vorbeikamen, zeigte oft pfeiler- und mauernähnliche Felsenmassen, die uns aus der Ferne wie Ruinen von Gebäuden vorkamen; in den Schluchten sahe man grüne Gebüsche, und daß es hier Weideplätze, wenigstens für Kamele geben müsse, das verriethen uns zwei junge Thiere dieser Art, die von dem gesellschaftlichen Triebe ihrer Natur bewogen sich zu den unsrigen gesellten, und, so oft sie auch von den Beduinen zurückgejagt wurden, immer wieder nachkamen, bis sie endlich am Nachmittag freiwillig zur Heimkehr sich entschlossen. Nach vier Stunden gelangten wir in ein sehr schönes, von Ost gegen West verlaufendes Thal, mit vielen wildwachsenden Palmen und Tamarisken; es war das östliche Ende des Thales Garandel; westwärts von hier, wie sie sagten in einer Entfernung von anderthalb Stunden, hatten unsre Beduinen heute das Wasser geholt. Ich konnte meinem Kamel nicht helfen, so sehr das gute Thier darüber brüllte, daß es hinter seinen Gefährten zurück bleiben sollte; es mußte niederknieen und mich absteigen lassen, denn ich wollte mich wenigstens etliche Minuten lang hier unter Elims Palmen ergehen, bei denen die Heere Israëls, von Marah herkommend sich lagerten. Denn daß Garandel das Elim der heiligen Schrift ist, wo damals siebzig Palmen an zwölf Wasserbrunnen standen, wird von den Reisenden und Schriftforschern allgemein angenommen. Wir sahen hier mehrere in den Felsen wohnende Vögel, auch Schwalben. Das Thal, welches sich in südöstlicher Richtung an jenes von Garandel anschließt, heißt Usaitu. Das Felsengewände zu unsrer Rechten enthielt einzelne Höhlen, an denen sich stellenweise Spuren der Menschenhand zu verrathen schienen. Wadi Usaitu wird auf seinem weitren Verlauf von einem andern Thale durchsetzt, welches fast von West nach Ost verläuft und Wadi Sal genannt ist. Wir kamen hieher um halb zwei Uhr des Nachmittags. Der sandige Boden ist reichlich mit Tamariskengebüsch bewachsen, zwischen welchem das damals trockne Bette eines Gießbaches verläuft, in dessen Tiefe allenthalben, beim Eingraben sich Wasser fand, so daß unsre Beduinen mit wenig Stichen der Schaufel einen Siechbrunnen der Wüste eröffneten, aus welchen unsre Kamele tranken. Wir behielten die Richtung des Hauptthales bei, welche nach Südost gehet. Nach einiger Zeit verließen uns etliche der Beduinen, die sich mit ihren Kamelen von Bessatin aus an uns angeschlossen hatten; sie hatten Mehl und andre Lebensvorräthe großenteils für das St. Katharinenkloster des Sinai geladen und schlugen den Weg zur Linken ein, welcher die südöstliche Richtung beibehält, während wir, denen Tor mit dem Hammam Musa ein Ziel der Reise war, uns zur Rechten nach dem Wadi Taibe wendeten, welches westwärts dem Meere sich zuwendet.
In dem herrlichen Taibethal ließ uns doch Arabien auch einmal etwas von der Fülle seines Gewächsreiches merken. Ein kleines Bächlein, das sich wie ein Dämmerungsfalter des Oleanders schüchtern vor dem Strahl der Sonne, bald zwischen den Felsenstücken, bald hinter dem Gebüsch verbarg und zuletzt dem Auge zwischen den hohen Binsen eines Sumpfes entschlüpfte, floß am Grunde des Thales; unser Weg zog sich etwas erhöht zu seiner Rechten hin. Palmen erhuben da ihre hohen Wipfel, die Arabische Tamariske schlug zu ihren Füßen das Nomadenzelt ihrer dichten Zweige auf, unter welchem, sobald sie unsrer ansichtig wurden, die schnellfüßigen Laufhühner der Wüste sich verbargen. Mit den Arten des Springhasens zugleich bewohnten dieses Thal gewiß noch manche kleine Säugethiere der peträischen Wüste; die Gazelle wenigstens, dieß verrieth das Gebüsch, weidet hier oft und gerne.
Die Meisten von uns waren abgestiegen, denn der Abend war nahe, und wir hofften, daß unsre Beduinen hier, in dem reichen Thale übernachten würden; sie aber ersuchten uns noch weiter mit ihnen zu kommen, bis zu einem ganz nahen Lagerplatz an der Mündung des Thales, am Ufer des Meeres. Wir hatten dieses »ganz nahe« in unsrem Sinne genommen und hofften, daß diese Ruhestätte beides zugleich, die Durchforschung des Thales und der Meeresküste möglich machen sollte, daher ließen wir ruhig die Kamele vorausgehen und ergötzten uns an dem Anschauen des erhaben schönen Engpasses, in welchen die Abendsonne mit gemildertem Licht hereinblickte. Vor uns, und dann bei der letzten Wendung des Thales, zu unsrer Linken, erhub jener bunte, streifenartig gezeichnete Sandstein seine burgartigen Felsenwände, der das Urgebirge der peträischen Halbinsel überall als niedrigerer Vorbau begleitet und in die Bergzüge zu beiden Seiten des Ghor sich fortsetzet. Er ist hier von ganz besonders dunkler Farbe; nachbarlich ziehen mit und neben ihm die Wände des Kreidekalkgebirges, an denen die knorpliche Cappernstaude (Capparis cartilaginea) ihre fleischigen, mit dornigen Widerhaken versehenen Blätter ausbreitete, und neben ihr noch manches andre Gewächs des Landes zum ersten Male im Leben unserm Auge im Freien begegnete[71].
Wir hatten noch ziemlich lange zu gehen ehe wir die Mündung des Thales und bei ihr die Lagerstätte erreichten, zu welcher unsre Kamele vorausgezogen waren. An ein Zurückkehren zu den interessantesten Punkten des Engpasses war nun, in so später Abendstunde nicht mehr zu denken und auch das Meer, durch dessen vorgespiegelte Nähe unsre Beduinen uns hinausgelockt hatten aus dem Thale, lag noch so weit von uns ab, daß nur einige unsrer jungen Freunde es noch heute erreichten, während wir Andern uns mit dem Sammeln von Jerichorosen und einigen Käfern[72], so wie der achatartigen Gerölle des Bodens vergnügten. Allerdings fanden aber hier die Kamele einen freieren, gefahrloseren Weideplatz, und es ist sehr wahrscheinlich, daß die Stätte auf der wir heute, am 21sten Februar, einer erquickenden Nachtruhe genossen, dieselbe, oder nahe dieselbe sey, auf welcher die Heere Israëls nach 4. Mos. 33, V. 10 ihre Lager aufschlugen, da sie von Elim ausgezogen waren.
Der Mond, tief in Westen stehend, spannte sein Netz der Strahlen noch über das Meer aus, da ich am frühen Morgen des 22sten Februars aus dem Zelt heraustrat. Es schien mir fast noch zu frühe unsern Knecht zu wecken, ich wollte, ohne jemand zu stören die Morgendämmerung über das Hochgebirge in Osten heraufsteigen sehen, einer der Beduinen aber erwachte und weckte sogleich seine Gefährten, so wie die Knechte; bald flammten die Feuer und ehe die Sonne noch auf die Zinnen der Felsen trat waren die Zelte schon abgebrochen, die Kamele beladen. Einige der Freunde giengen zu Fuße voraus an das nachbarliche Meer; etwas später folgte die Karawane nach. Es war ein genußreicher Morgen. Das Gebirge das uns zur Linken in Osten sich erhob, ist, so kahl es auch erscheint, ein wahrer Lustgarten der Wüste, den die gestaltende Weisheit mit den wundervollsten Anlagen geziert hat. Es ist von tiefen Engthälern und Klüften durchschnitten, seine Wände steigen nach einer Symmetrie der Wildniß eine neben und über der andren empor, so daß das getäuschte Auge die Mauern von Kastellen und Ruinen von Thürmen zu erblicken wähnt. Die vorherrschenden Felsarten scheinen, außer dem Urgebirge ein rothfarbiger Sandstein mit Porphyr, bunter Sandstein und neben beiden der Feuersteinhaltige Kalk; auf dem Boden, über den wir hinritten, lagen häufig die Geschiebe und Trümmer von Porphyr, Granit, Urgrünstein, Sandsteinbreccien, dunkelfarbige Feuersteine und Kalkspath der zuweilen fast durchsichtig war. Unser Weg trat nach einiger Zeit so nahe ans Meer, daß die Kamele durch das Wasser hindurchwaten mußten; der Lauf unsrer Fußgänger wurde hierdurch unterbrochen, doch hatten sie schon auf ihrem kurzen Wege eine schöne Ausbeute an Conchylien gemacht[73]. Noch vor Mittag kamen wir an der Mündung des Nassebthales vorüber, welches zum Mokkatebthale führt, durch das sich der gewöhnliche Weg nach dem Sinai hinzieht. Wie gerne hätten wir diese Straße eingeschlagen, durch welche nach der Ansicht der meisten Schriftforscher die Heere Israëls zogen und die auch für den Freund des Aegyptischen Alterthumes und der Natur ein so hohes Interesse hat! — Denn hier und weiterhin im Feiranthale findet er die so oft von den Reisenden erwähnten Felsenwände und Monumente, welche mit Inschriften und Aegyptischen Hieroglyphen beschrieben sind; die ersteren in Charakteren, welche noch keiner unsrer Gelehrten zu lesen und zu deuten vermochte; dabei die Spuren eines uralten Kupferbergbaues[74] und die Ruinen einer ansehnlichen Aegyptischen Bergstadt. Ueberdieß sind es auch diese Thäler, in deren Felsenklüften ein schöner Kallait (Türkis) und manche seltne Pflanze gefunden wird. Wir mußten jedoch diesmal den Wunsch, diese Thäler zu sehen, aufgeben, da uns der Besuch der Küstengegend bei Tor für einen der Hauptzwecke unsrer Reise wichtiger erschien.
Am Nachmittag sahen wir zu unsrer Linken die Höhenzüge des Wadi Mokkateb; vor uns in Süden trat ein Vorgebirge heraus ans Ufer. Ein starker Wind aus Westen hatte sich erhoben; das Meer gieng in hohen Wogen; am andern gegenüberstehenden Ufer erkannte man in voller Deutlichkeit das Cap Doffa oder Zafraneh; weiter im Südwesten die Höhen der Anachoreten und das hohe Gebirge von Kolzum. Unsre Beduinen wollten uns vom Meere hinweg, landeinwärts führen, wir aber bestunden darauf hier zwischen dem Gebüsch der Tamarisken, unmittelbar am Ufer zu übernachten. Zwar erschwerte der Sturmwind das Aufschlagen der Zelte und das Anzünden des Feuers, doch wurden zuletzt die Schwierigkeiten beseitigt und wir durften nun noch einige Stunden lang (denn es war erst vier Uhr des Nachmittags) an der herrlichen Küste uns ergehen.
Wir befanden uns hier in einer Nachbarschaft, aus der uns von allen Seiten Eindrücke entgegen kamen, welche diesen Abend zu einem der unvergeßlichsten und schönsten der ganzen Wüsten-Reise machten. Die Abendsonne stund gerade über jenen Höhen, die ich so gerne mit meinen Füßen betreten hätte, nun aber doch mit meinen Augen sehen durfte: über den Höhen in deren Klüften und Höhlen die Altväter der ersten, christlichen Jahrhunderte ihr stilles Leben führten. Dort zwischen dem Ras Doffa und dem Dschebel Kolzim liegt, nach beiden Seiten von tiefen Meeresbuchten begränzt, die Felsengrotte von Paulus, dem ältesten der Anachoreten; jenseit des ungangbar steilen Berges, an seiner Nordwestseite war die Wohnung des Altvaters Antonius und seiner Schüler. Anjetzt steht an dem einen Orte, über der Grotte Paulus des Anachoreten das Kloster des heiligen Paulus, über der andern das Kloster des h. Antonius, beide bewohnt von Koptischen Mönchen der strengsten Ordnung, welche mitten in den hohen Ringmauern, die beide Versammlungsorte der Einsamen umgeben, kleine Hütten oder Zellen bewohnen, deren jede nur einen von ihnen beherbergt; zum gemeinsamen Versammlungsort ist die Kirche bestimmt. Jährlich etliche Male wird das Kloster mit den unentbehrlichsten Bedürfnissen: mit Mehl, Bohnen und andren Stoffen der täglichen Nahrung versorgt; einige andre Erquickungen und frische Früchte gewähren die Gärtlein, die der Fleiß der Mönche innerhalb der Ringmauern, mitten in der Wildniß begründet hat, denn in jeder der beiden Wohnstätten ergießt sich ein reichlicher Quell, dessen Abfluß bei dem des h. Antonius ausserhalb der Ringmauern sich sammlet und hier noch die vorüberziehenden Beduinen sammt ihren Kamelen und Ziegen tränkt. Diese Arabischen Fremdlinge, die sich fast aller Rechte und Besitzungen der älteren Bewohner bemächtigt haben, gleich als meinten sie, daß nur ihnen, den Gläubigen des Islam zu leben, den Ungläubigen aber zu sterben gebühre, hatten auch, bis zur Regierungszeit des Mehemed Ali, der den Christen Schutz gewährte, den armen Mönchen ihr Leben gar sauer gemacht. Diese mußten, in beständiger Gefahr des Lebens, neben dem Gebetbuch öfters auch Flinte und Schwert zur Hand nehmen und den Zudringlichkeiten der Feinde namentlich dadurch begegnen, daß sie alle Thüren zu ihren Klöstern von außen vermauerten; Fremde, welche diese Einsamen besuchen wollen, werden, wie am Sinai, durch ein Seil hinaufgezogen, zu einer Fensteröffnung. Der Herzog von Ragusa beschreibt in seiner sehr interessanten Reisebeschreibung einen solchen Besuch, den er den Mönchen machte, und schildert uns zugleich ihren jetzigen Zustand. Als Pater Sicard hier war, fand er im Kloster des h. Antonius einen Prior, der sich eifrig mit Alchymie beschäftigte und es ist leicht zu begreifen, wie ein solcher Aufenthalt zu Forschungen nach dem Geheimniß des Seyns und Werdens der Dinge auf geraden wie auf krummen Wegen hinführen müsse. — Wenn man in nächster Richtung über das steile Gebirge hinüber zu klettern vermöchte, wäre der Abstand von einem zum andern Kloster nur gering, so aber gelangt man nur auf weitem Umwege, um den Berg herum, von St. Antonius zu St. Paul, wie denn, nach der frommen Sage, die beiden Anachoreten, deren Namen die Klöster führen, viele Jahre lang nachbarlich gewohnt hatten, ohne daß einer von dem andern etwas erfuhr.
Von dem Flug über das Meer hinüber, in die Ferne grauer Gebirge, wie grauer, ehrwürdiger Zeiten, ruhete jetzt die Betrachtung in der Nähe aus. Ich war mit der Hausfrau gegen Süden am öden Meeresstrand hinabgegangen, einige unsrer jungen Freunde hatten sich andre Punkte zu ihren Forschungen erlesen. Nicht sehr fern von unsrer Lagerstätte lagen die Trümmer einiger gescheiterten Schiffe am Lande. Sie hatten großen und schönen Arabischen Fahrzeugen angehört, wie die Zierrathen und gemahlten Arabesken der Bruchstücke, sowie ihre weite Ausdehnung dieß bezeugten. Das Holz lag frisch und unversehrt am Strande, als sey der Schiffbruch erst vor Kurzem geschehen; die Spuren der Schiffer, wenn ihre Leichname das Land erreichten, hatten die Hyänen vertilgt oder vorüberziehende Beduinen hatten die Gebeine mit Sand verdeckt.
Hier an dieser Küste fanden wir eine Mosaikarbeit des Gewässers, welche zu den schönsten dieser Art gehörte, die ich jemals sahe. Die bunten Gerölle des Strandes, rothe wie grüne, gelbe wie weisliche und braune, sind durch ein kalkiges Cäment zu einer festen Masse verbunden, die sich, wenn sie geschliffen würde, zu herrlichen Arbeiten benutzen ließe. Ich sahe auf meiner Rückreise zu Florenz in der Großherzoglichen Mosaikfabrik eine Tafel von derselben Breccie und der kenntnißreiche Director der Anstalt erzählte mir, daß das Material dazu durch einen Ostindienfahrer, wahrscheinlich aus dem rothen Meere gebracht worden sey.
War hier schon der Boden so reich verziert, so stund das, was auf diesem Boden lag und wohnte, wenigstens in gleichem Werthe mit dieser Wohnstätte. Wir hatten noch nirgends sonst in einen solchen Verkehr mit den lebendigen Bewohnern des rothen Meeres treten können als hier; die Arten der Käfer- und Napfschnecke, dazu die Monodonten und Mondschnecken hatten sich haufenweise an den Klippen versammlet, als begehrten sie, durch Aufnahme in unsre Sammlung, in jenen Strahlen sich zu sonnen, durch welche der erkennende Menschengeist einen Antheil seines eignen, unsterblichen Wesens auf das sterbliche und vergängliche Gebilde der Creatur überträgt. Auch eine schöne, große Doris wurde gefunden. Die Fluth fieng an zu steigen, uns ergieng es wie neugierigen Fremden, welche, während der König bei Tafel saß, einige Säle seines Pallastes besahen; wir mußten, da das Meer in seine Behaußung der schönfarbigen Klippen zurückkehrte, entweichen. Wir brachten, nach der Abendmahlzeit des gekochten Reißes, noch einige vergnügte Stunden vor unsrem Zelte zu. Der Sturm hatte sich gelegt, nur das aufgeregte Meer brauste noch gewaltig gegen die Klippen.
Donnerstags den 23ten Februar zogen wir von früh halb sieben Uhr, anfangs auf einer Ebene hin, auf welcher man das Meer noch im Gesicht und zuweilen ziemlich nahe hat. Die Aussicht nach dem gegenüberliegenden Ufer war heute bei weitem nicht so klar und deutlich als gestern vor Sonnenuntergang. — Auf dem grobsandigen Boden zeigten sich bunte Feuersteine, auch Porphyr und stellenweise ein fast opalartiger Holzstein. Vor uns in Süden, bemerkten wir die Jas Jehan Landspitze die hier weit ins Meer vortritt; ostwärts von ihr den Anfang jenes, meist nur etliche hundert Fuß hohen Hügelzuges der Küste, welcher als Dschebel Heman bis in die Nähe von Tor sich hinzieht.
Unser Weg entfernte sich nun vom Meere, denn er zog sich hinüber nach der Ebene el Kaa, welche von einigen Schriftforschern für die Wüste Sin der heiligen Schrift gehalten wird und die zur Rechten von den niederen Küstenhöhen des Heman, ostwärts aber, zur Linken von dem Hochgebirge des Serbal begränzt wird. Nach drittehalb Stunden, (um 9 Uhr Vormittags) kamen wir in ein Kesselthal, worinnen vieles Strauchwerk wuchs. Wahrscheinlich war dieß der Ort, wohin uns gestern Abend unsre Beduinen gern noch geführt hätten; so angenehm jedoch auch diese Lagerstätte den Kamelen gewesen wäre, so genußlos hätten wir hier, im Vergleich mit dem herrlichen Ruheplatz am Meere, die Abendstunden versessen. Doch enthielten die Felsenwände zur Rechten einzelne kleine Höhlen, in welche wir gern hineingeblickt hätten. Der Himmel war indeß trübe geworden; der Sturm hatte sich wieder sehr stark erhoben und fiel uns, als wir jetzt auf die Ebene Kaa heraustraten, so heftig an, daß unsre beladenen Kamele nicht gut weiter konnten und wir schon um 3 Uhr des Nachmittags Halt machen mußten. Unser Lagerplatz war eine hoch gelegene Fläche, welche nirgends Schutz gegen den Wind bot, dazu war der Boden steinig, so daß die Zeltpfähle nur mühsam befestigt werden konnten; die Aussicht aber nach dem ganz nahe scheinenden Hochgebirge in Osten, das den äußern Rand des Feiran und Nadie-Thales bildet, war so schön, daß wir uns bald ganz einheimisch fühlten. Einige von uns giengen aus, um bei der Natur des Landes einen kleinen Besuch zu machen, aber der Wind wehte so stark und dabei so kühl, daß wir, ohne die Landcharte es wohl schwerlich errathen haben würden, daß wir heute zwischen den 28ten und 29ten Grad der Breite eingetreten seyen; noch dazu in dieser Jahreszeit. Auch fanden wir im Ganzen wenig Pflanzen und keine unter ihnen, die wir nicht schon früher gesammlet hatten, wir kehrten deshalb zu unsrem Zelte um.
Am Fuß des östlichen Gebirges bemerkten wir die schwärzlichen Hüttenzelte einer Beduinenhorde und neben ihnen einige Heerden von Ziegen und Schafen. Ein Lamm und ein Zicklein wurden uns zum Verkauf gebracht; wir ließen das erstere zu einer Mahlzeit für uns Alle bereiten, wovon auch unsre Beduinen ihren Antheil erhielten; es fehlte zu diesem seltnen Mahle nichts als ein gutes, trinkbares Wasser, denn das in unsren Schläuchen schmeckte sehr salzig und widerwärtig. Unser Nachtlager hatte 340 Fuß Höhe über dem Meere.
Freitags den 24ten. Der Sturm hatte sich gelegt, die Sonne schien hell; wir ritten auf der sich allmälig gegen Süden absenkenden Ebene Kaa hinab, über ausgetrocknete Betten der Gießbäche, in denen Jerichorosen von ganz besondrer Größe stunden. Neben uns und vor uns in Ost und Südost zeigte sich jetzt das Hochgebirge der Sinaitischen Halbinsel in seiner ganzen Majestät, doch verdeckte uns der vorstehende, hohe Serbal die Aussicht nach dem eigentlichen Sinai und seine Nachbarschaft. Der Anblick dieser Gebirge, der Gedanke, daß wir nun so nahe seyen dem einen Hauptziel unsrer Reise, weckten Empfindungen auf, welche, wenn auch nicht dem immer sich gleichbleibenden Gange der Kamele, so doch dem innren Bewegen der Seele Flügel gaben, auf denen sie, zwar nicht wie der Adler, wohl aber wie die Lerche emporstieg zum Gesange. Rechts neben uns hatten wir noch immer den niedrigeren Zug der aus Kreidekalk und Sandstein bestehenden Küstengebirge, die ich unter dem allgemeinen Namen des Heman bezeichnen will. Am Nachmittag begegneten uns mehrere zu Fuße wandernde Beduinen, auch ein einzelnes Weib, welches einen Korb aus Palmenflechtwerk auf ihrem Haupte trug. Uns war es so etwas Neues und Ungewohntes geworden, Wanderern auf dem Wege zu begegnen, daß wir uns wieder in bewohntem Land zu befinden glaubten; die tiefen Wasserrisse, welche die Regenfluth in den sandigen Boden gegraben hatte, erschienen uns als Hohlwege unsrer Straßen. Wir sahen jetzt in der Ferne ein grünendes Thal voller Palmen. Es war das Wadi (Saib) beim Hammam Musa oder Mosesbad, wo sich um das thurmartige Wohngebäude eines griechischen Mönches, der die Aussicht über den Palmengarten hat, mehrere Landhäußer der Bewohner von Tor und Hütten der Araber angebaut haben. Wir kamen hier um 5 Uhr an. Dort sahen wir zum ersten Male die schöne Doompalme der Thebais (Cucifera thebaica) mit ihren gabelartig zertheilten Aesten. Unsre Beduinen hätten sehr gerne hier übernachtet, wo sie Alles fanden, was sie zur Pflege ihrer Kamele bedurften, und wir hätten, wie wir am andern Morgen einsahen, sehr wohlgethan, ihnen zu folgen. Da wir jedoch von dem Oertlein Tor und von all den Naturgegenständen, die wir dort finden würden, zu große Erwartungen hegten und überdieß meinten Tor sey ganz nahe am Wadi, ließen wir die schon zum Theil von ihrer Bürde entledigten Kamele noch einmal beladen und zogen nach Tor hin. Auf dem Wege begegneten wir unsrem Dragoman, der mit einem Empfehlungsbrief vorausgegangen, in Begleitung des Griechen, an welchen jener Brief des Herrn Girgis in Suez gerichtet war. Wir kamen erst mit Einbruch der Nacht bei Tor an; der Grieche lud uns freundlich ein, bei ihm zu wohnen, wir aber zogen es vor in und bei unsrem Zelte zu bleiben, das wir ganz nahe bei den Mauern des Städtleins, neben einer Lage von Schiffsbauholz aufschlugen. Freilich gewährte hier das Schiffsvolk eines vor Anker liegenden Arabischen Fahrzeuges gerade nicht die erwünschteste Nachbarschaft; um so mehr da alle unsre Beduinen nach Saib zurückgekehrt waren. Der Abend außen im Freien war jedoch herrlich. Canopus und Sirius leuchteten hell am Himmel; aus den Zweigen eines auf der Ebene stehenden Hamadbaumes (Ficus Pseudo-Sycomorus) tönte ein Gesang, wie uns schien der Cicaden, der dem Klange metallener Cymbeln glich. Das Meer war ruhig, wie die milde Luft. Desto unruhiger fanden wir es aber in und bei dem Zelte; denn der Boden wimmelte von jenen kleinen, blutdürstigen Flöhen, welche hier wie bei Bessatin den Sand bewohnten. Kurz vor uns hatten hier einige Schiffe mit Hadschis gelandet und das arme Volk an unsrer Lagerstätte mehrere Tage verweilt; auch hatte eine Familie von verwilderten Hunden bei dem Bauholz ihre Herberge. Doch die Nacht vergieng auch und der Tag brach wieder an, so klar und heiter wie er nur diesen Ländern des Südens sich zu nahen pflegt.
Wir blieben heute, am 25sten in Tor. Dieses sonderbare Oertlein gleicht einer zusammengesetzten Blume aus der 19ten Linneischen Klasse, in welcher eine große Zahl kleiner Blüthlein auf gemeinsamem Fruchtboden eng zusammengedrängt steht und von einem gemeinsamen Kelch umgeben ist; der Blüthe etwa einer unscheinbaren Art von Flöhkraut (Pulicaria). Denn die Häuser, in allem gegen vierzig, sind in einen Klumpen zusammengedrängt und diese Gesammtmasse schließt mit ihren äußern Mauern so dicht an einander, daß von außen hinein nur einige gemeinsame Eingänge sind; statt der Gassen finden sich nur einzelne Klüfte zwischen den Hütten. Ursprünglich war Tor aus zwei sogenannten Stadttheilen zusammengesetzt, davon der eine vormals von Arabern bewohnte, in Trümmer verfallen ist, während die sogenannte Christenstadt (Beled el Naisar) noch fortbesteht. So armselig aber auch die Form und Einrichtung dieser sogenannten Häußer (Hütten) ist, so wunderlich kostbar erscheinen ihre Mauern dem Auge des Naturforschers. Denn wie anderwärts das verarmte Geschlecht der späteren Zeit Trümmer von Statuen und kostbaren Bauwerken der Vorzeit in seine Mauern eingeflickt hat, so sind in Tor die Häußer aus Madreporengehäusen gebaut, davon manches eine Zierde unsrer Sammlungen seyn könnte. Die Bewohner des Hüttenhaufens oder Städtleins sind griechische Christen, deren Voreltern vor mehreren hundert Jahren hieher vor den Bedrückungen der Türken sich flüchteten. Ihr Haupterwerb besteht in dem Verkauf von allerhand Lebensbedürfnissen an das Schiffsvolk der hier anlandenden Fahrzeuge und in dem Handel mit dem Erdöl, das sie an der gegenüber liegenden Aegyptischen Küste, bei Zente sammlen: ihre tägliche Speise reicht ihnen das Meer, an Fischen und andren Seethieren, so wie das benachbarte El Wadi an Datteln. Denn dort finden sich mehrere bedeutende Pflanzungen von Dattelpalmen, deren ansehnlichste den Mönchen von St. Katharinenkloster am Sinai angehört, welche dieselbe mitten in der Wildniß begründet haben. Einer von ihnen, ein alter, fast achtzigjähriger Mann wohnt als Aufseher da, in einem viereckigen, thurmartigen Gebäude, das keine eigentliche Thüre hat, sondern in welches man auf einer Leiter, durch eine Art von hochgelegenen Fenster hineinsteigt. So oft der Alte hinauf ist in seine kleine Burg zieht er die Leiter hinter sich drein und ist nun da in Sicherheit. Diese Vorsichtsmaßregel war wenigstens in frühern Zeiten eine sehr nöthige. Damals war es kein leichtes und angenehmes Geschäft hier in Tor Garteninspector zu seyn. Wenn der alte Mann sich das ganze Jahr mit der Reinigung und Pflege seiner Bäume abgemüht hatte, und es kam nun die Zeit wo diese ihre Früchte reiften, da stellten sich auf einmal ganze Schaaren von Beduinen mit Weibern und Kindern ein, kletterten über die Gartenmauer hinüber und an den Bäumen hinauf und beraubten diese so, daß gewöhnlich kaum so viel von dem alljährlichen Ertrag des Gartens übrig blieb als zum Lebensunterhalt des alten Aufsehers nöthig war. Und auch diesen übrigen Bissen so wie das Brod das er sich buk oder aus dem Sinaikloster zugesendet bekam, mußte der gute Alte mit seinen braunen Raben: den Beduinen theilen. Denn diese, wenn sie zu Land oder Wasser an El Wadi vorbei kamen, sprachen jederzeit bei dem Thürmlein zu und schrieen da nach Brod und andrem Futter, das der Greis, wenn er nicht in Belagerungsstand bleiben wollte, ihnen durchs Fenster an einem Seile herablassen mußte, was nicht immer ohne Gefahr blieb, da die Gäste, wenn ihnen die Gabe nicht zureichend dünkte, zuweilen mit Steinen nach ihm warfen. Ganz anders hat sich jedoch die Sache gestaltet seitdem Mehemed Ali, dieß möge dankbar anerkannt werden, alle Christen seines Landes und namentlich auch diese armen Mönche in seinen besondren Schutz gegen die Gewaltthätigkeiten der Mohamedaner genommen hat. Anjetzt dürfen die Raben wenigstens nicht so öffentlich und in Masse auf Plünderung ausgehen, sondern müssen sich mit dem begnügen, was die in der That große Gutmüthigkeit und Freigebigkeit der Mönche ihnen freiwillig zukommen läßet. Dabei bleibt nun jetzt so viel von dem Ertrag des Palmengartens in El Wadi übrig, daß nicht nur das Kloster reichlich mit Datteln versorgt werden kann, sondern daß der Verkauf dieser Früchte, so wie des aus ihnen bereiteten Racki's nach Kairo, wie man sagt, einen jährlichen Ertrag von 4000 Dollars (Speciesthalern) abwirft.
Indeß hatten sich denn auch, mit der Sonne zugleich, die Bewohner des Oertleins wieder von ihrer nächtlichen Bergungsstätte aufgemacht; unser Gönner, Herr Malam Nicoli, welcher der vornehmste Bewohner von Tor zu seyn scheint, kam zu uns heraus und fragte uns ob wir ihm Aufträge zu geben hätten. Wir bestellten uns Fische bei ihm für den heutigen Mittag und begaben uns dann sogleich an die Vertheilung des heutigen Tagwerkes; Einige von uns giengen gegen Süden auf Nachforschungen aus, Andre nach Norden, beide Theile aber hielten sich so nahe als möglich zur Meeresküste.
Es ist, wenigstens in dieser Jahreszeit, nicht leicht, in der Umgegend von Tor Fußwandrungen zu machen. Der Boden, namentlich an der nördlichen Seite der Stadt, besteht meist aus einem schlammigweichem, von Salz durchdrungenem Thon, der so zäh ist daß der Fuß bei jedem Schritte festgehalten wird und einsinkt, doch giebt es dazwischen auch wieder kiesigen oder sandigen Grund. Südwärts von der Stadt kommt man zu den Ruinen eines alten Sarazenischen Kastells, welches so dicht am Meere ja während der Fluth in demselben steht, daß es, wie L. Laborde sehr treffend bemerkt, zu einem jener Beweise dienen kann, aus denen hervorgeht, daß das rothe Meer seit einer Reihe von Jahrhunderten nicht an Höhe abgenommen und vom Lande sich zurückgezogen habe, sondern daß dieser Anschein, welcher wirklich in einigen Gegenden vorkommt, nur von der Zunahme des Sandes durch Wind und Wellen erzeugt wurde. Mehrere Korallenriffe breiten sich, in einiger Entfernung von der Küste, im Meere aus; die Küste selber ist reich an Schaalengehäußen.
Interessanter noch und bedeutender als der südliche, erschien uns der Küstenstrich der sich nordwärts von Tor, nach El Wadi und nach den Abhängen des Heman hinzieht. Diesen Weg schlug ich in Begleitung der Hausfrau und des Herrn Franz ein, während Dr. Roth sich zu der warmen Quelle des Mosisbades oder Hammam Musa begab. Wir giengen am Landungsplatz der Schiffe hin und betrachteten zuerst die Ruinen des armseligen, Arabischen Stadttheiles, dann den Hafen, welcher von Natur ziemlich sicher und wohlgelegen ist. Der Anblick des Gesindels, das in etlichen elenden Fahrzeugen hieher gekommen war, konnte nur Eckel einflößen, doch hätte ich nicht an abgelegner Küste und allein unter dieses halbnackte Volk gerathen mögen, das in früherer Zeit durch seine Seeräubereien und Mordlust Einheimische wie Fremde in Schrecken gesetzt hat. An der felsigen Küste lagen die Bruchstücke von mehreren Tangarten, welche die Fluth oder zum Theil auch die Menschenhand dahin geführt hatte[75], denn ein Pflanzensammler findet hier mehr Gelegenheit sich mit dieser Familie der Seegewächse zu bereichern als mit Arten der vollkommneren Landgewächse.