Zweiter Teil: Die Pilgerin.
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Erstes Kapitel. Christin schickt sich zur Pilgerreise an.
Liebe Mitpilger!

Vor einiger Zeit hatte ich die Freude, euch zu eurem Nutz und Frommen zu erzählen, was mir von Christ, dem Pilger, und seiner gefahrvollen Reise nach dem himmlischen Land träumte. Ich habe euch damals auch berichtet, wie seine Frau und Kinder sich weigerten, ihn auf seiner Pilgerfahrt zu begleiten. Da er sich der drohenden Gefahr des Gerichts, das über der Stadt Verderben schwebte, nicht länger aussetzen durfte, war er genötigt, seine Familie zu verlassen und allein die Reise zu unternehmen.
Nun bin ich bisher durch meine vielseitigen Geschäfte stets abgehalten und gehindert worden, meine gewohnten Reisen in jene Gegend zu machen, so daß sich mir bis vor kurzem keine Gelegenheit bot, nach seinen Hinterlassenen weiter zu fragen, um euch dann über ihr Ergehen Auskunft geben zu können. Da ich aber unlängst in jener Gegend zu tun gehabt, so ging ich wieder dort hinab. Nachdem ich nun in einem Wald, ungefähr eine Meile von dem Ort entfernt, mir ein Nachtlager bereitet hatte, schlief ich ein und träumte abermals:
Ich sah in meinem Traum, daß ein alter Herr auf mich zukam, und weil er ein Stück desselben Weges gehen wollte, den ich wandern sollte, so dünkte es mich, als ob ich mich aufmachte und mit ihm ging. Und wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, wenn man auf einer Reise mit jemand zusammentrifft, so kamen auch wir bald in ein Gespräch, das sich zufällig auf Christ und seine Reisen bezog. Ich redete den alten Mann also an:
„Mein Herr, was ist das hier unten für eine Stadt, die dort linker Hand von unserm Wege liegt?“
Hierauf antwortete Herr Scharfsinn — denn das war sein Name —: „Das ist die Stadt Verderben, ein volkreicher Ort, aber bewohnt von einem bösartigen und trägen Schlag Menschen.“
„Dachte ich’s doch,“ erwiderte ich, „daß es jene Stadt wäre. Ich bin selbst einmal da durchgekommen, und daher weiß ich, daß dieser Bericht wahr ist.“
Scharfsinn. Nur zu wahr! Was wollte ich lieber, als daß ich in Wahrheit besser von diesen Leuten reden könnte!
„Ich sehe schon, lieber Herr,“ sagte ich weiter, „daß du ein gutgesinnter Mann bist, und du wirst es gewiß mit Freuden begrüßen, wenn wir miteinander ein nützliches Gespräch führen. Sage mir doch, hast du nie etwas vernommen, was vor einiger Zeit mit einem Mann aus dieser Stadt, namens Christ, sich zugetragen, der sich auf eine Pilgerreise nach den obern Gegenden begeben hat?“
Scharfsinn. Ei freilich habe ich von ihm vernommen, spricht man doch in unserm ganzen Land von den Drangsalen, Beschwerden, Kämpfen, Banden, Seufzern, Klagen, Ängsten und Schrecken, die er auf seiner Reise ausgestanden hat. Unter all denen, die von ihm und seinen Taten gehört haben, werden ihrer nur wenige sein, die nicht mit großer Teilnahme den Berichten über seine Pilgerfahrt gefolgt sind. Ja, ich glaube sagen zu dürfen, daß er die Herzen vieler dadurch gewonnen hat. Denn obwohl er, solange er hier war, in jedermanns Augen als Narr galt, so wird er doch jetzt, nachdem er weg ist, allgemein hoch gepriesen. Man sagt nämlich, er lebe herrlich dort, wo er jetzt ist; ja vielen von denen, die sich niemals diesen Gefahren aussetzen würden, wässert gleichwohl der Mund nach seinem Glück.
„Daß er es dort gut hat,“ versetzte ich, „daran ist nicht zu zweifeln; wohnt er doch an der Lebensquelle und genießt, was er hat, ohne Mühe und Sorge, den dort mischt sich kein Schmerz hinein. Aber ich bitte dich, fahre fort zu erzählen! Was sagen die Leute noch mehr von ihm?“
Scharfsinn. Seltsame Dinge werden über ihn berichtet! Einige sagen, er wandle jetzt in weißen Kleidern[146], er trage eine goldene Kette um den Hals, er habe eine mit Perlen besetzte Krone auf dem Haupt. Andre sagen, daß jene Lichtsgestalten, die ihm zuweilen auf seiner Wanderung erschienen, nun beständig um ihn seien und er dort solch vertrauten Umgang mit ihnen pflege wie bei uns ein Nachbar mit dem andern. Außerdem wird zuverlässig bezeugt, daß der König jenes Ortes ihm bereits eine sehr reich ausgestattete und angenehme Wohnung bei Hofe angewiesen habe[147], daß er täglich mit Ihm esse und trinke[148], vor Ihm stehe und mit Ihm rede, und daß er der Liebe und Gunst dessen genieße, der der Richter über alle ist. Endlich erwarten einige, daß der Fürst jenes Landes binnen kurzem in diese Gegend kommen werde, um alle seine Nachbarn zur Rechenschaft zu ziehen, weil sie ihn, als er Pilger werden wollte, geringgeachtet und verspottet haben. Denn sie sagen, er sei nun also hoch bei seinem Fürsten in Gnaden, und es nehme dieser die dem Christ wegen seiner Pilgerschaft zugefügten Verunglimpfungen dermaßen zu Herzen, daß Er alles ansehen wolle, als wäre es Ihm selber geschehen[149]. Und das sei auch kein Wunder, denn aus Liebe zu seinem Fürsten habe er all dieses gewagt.
„Über dieser Nachricht bin ich wirklich erfreut,“ erwiderte ich, „und ich gönne es dem armen Mann von Herzen, daß er nun ruht von seiner Arbeit[150] und die Frucht seiner Tränen mit Freuden erntet[151]; ja, daß er nun auch nicht mehr die Zielscheibe der Bosheit seiner Feinde ist, sondern für immer entrückt aus dem Bereich seiner Hasser. Auch das ist ein Grund zur Freude, daß diese Geschichten im ganzen Lande bekannt geworden sind; denn wer weiß, ob nicht bei dem einen oder andern der Zurückgebliebenen dadurch eine heilsame Frucht gewirkt werden kann. Aber — da es mir eben einfällt — bitte, sag mir doch, lieber Herr, ist dir denn gar nichts von seiner Frau und seinen Kindern zu Ohren gekommen? Die armen Seelen! Ich bin gespannt, etwas über ihr Ergehen zu erfahren.“
Scharfsinn. Über Christin und ihre Söhne? Denen wird es gewiß ebenso gut gehen wie Christ selber. Denn wiewohl sie anfangs ihm kein Gehör schenkten und weder Tränen noch Bitten sie zum Mitziehen bestimmen konnten, so hat doch weiteres Nachdenken bei ihnen Wunder gewirkt. Sie haben zuletzt ihre Sachen gepackt und sind ihm nachgezogen.
„Das läßt sich hören!“ rief ich. „Wirklich? Frau und Kinder, alle miteinander?“
Scharfsinn. So ist es. Ich kann dir darüber ausführlichen Bericht geben; denn ich war selbst gerade dort und konnte den Verlauf der Dinge genau verfolgen.
„So darf man also,“ fragte ich, „es verbreiten als eine wirkliche Tatsache?“
Scharfsinn. Das darfst du unbesorgt tun; denn wie gesagt, sie haben alle die Pilgerschaft angetreten, die gute Frau und auch ihre vier Knaben. Und da wir ja noch ein ziemliches Stück Weges miteinander zu gehen haben, so will ich dir einen ausführlichen Bericht darüber geben.
Diese Christin (so hieß sie seit ihrem Aufbruch zur Pilgerreise) fing an, in ihren Gedanken sehr beunruhigt zu werden, nachdem ihr Mann über den Fluß hinübergekommen war und sie nun nichts mehr von ihm hören konnte. Zuerst geschah’s, weil sie ihren Mann verloren hatte und weil nach solcher Nachricht die Hoffnung, wieder mit ihm vereinigt zu werden, zerstört war. Daß bei der Erinnerung an den Verlust geliebter Angehörigen manche heiße Träne fließt, ist ja ganz natürlich. So auch bei Christin. Bei ihr kam aber noch etwas andres hinzu. Immer mehr drängte sich ihr nämlich die Befürchtung auf, ob nicht ihr ungeziemendes Verhalten gegen ihren Gatten eine Ursache sei, warum sie ihn nicht mehr sähe und er auf solche Weise von ihr genommen wäre. Und dabei fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, sie erkannte all ihr unfreundliches, unnatürliches und ungöttliches Benehmen gegen ihren teuren Freund; all dieses fing an, ihr Gewissen zu beschweren und sie mit dem Gefühl der Schuld zu drücken. Mehr noch wurde sie zerknirscht, wenn sie der vielen Seufzer, der bittern Tränen und des Wehklagens ihres Gatten gedachte und wie sie ihr Herz gegen alle seine Bitten und sein liebevolles Zureden, ihn doch samt den Kindern zu begleiten, verhärtet hatte. Bis in die kleinsten Einzelheiten traten alle seine Worte und was er getan, wie ein heller Blitzstrahl ihr wieder vor die Seele und zerschnitt ihr das Herz. Besonders tönte sein schmerzlicher Ausruf: „Was soll ich tun, daß ich selig werde?“ (Apostelg. 16, 30) in ihren Ohren erschütternd nach[152].

„Meine Söhne, wir sind alle verloren!“ (
S. 198.
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Darauf sprach sie zu ihren Kindern: „Meine Söhne, wir sind alle verloren! Ich habe wider euren Vater gesündigt, und er ist fortgegangen. Er hätte uns gern mit sich genommen; aber ich wollte nicht mit ihm gehen und habe auch euch vom Lebensweg zurückgehalten.“ Da brachen die Knaben alle in Tränen aus und verlangten danach, ihrem Vater nachzuziehen. „O,“ sagte Christin, „welch ein Glück wäre es für uns gewesen, wenn wir mit ihm gegangen wären! Wie leicht wäre uns das Reisen geworden, viel leichter, als wir es jetzt erwarten können. Wiewohl ich früher in meiner Torheit die Bekümmernisse eures Vaters närrischer Einbildung und trübsinniger Laune zuschrieb, so will es mir nun doch scheinen, daß sie aus einer andern Ursache hervorgegangen sind, nämlich weil ihm das Licht des Lebens aufgegangen war[153], durch dessen Hilfe er, wie ich nun merke, den Stricken des Todes entgangen ist[154].“ Hierauf weinten sie alle aufs neue und riefen aus: „O weh des Tags!“
In der folgenden Nacht hatte Christin einen Traum und siehe, es war ihr, als sähe sie vor sich eine große offene Pergamentrolle, auf welcher die Summe all ihres Tuns verzeichnet stand. Und wie es ihr vorkam, sahen ihre Missetaten sehr schwarz aus. Da rief sie im Schlaf laut aus: „Gott, sei mir Sünderin gnädig!“ (Luk. 18, 13), und es hörten sie die Kinder.
Hiernach dünkte es sie, als ständen zwei sehr übelgesinnte Wesen an ihrem Bett, welche sprachen: „Was fangen wir nur mit diesem Weib an? denn wachend und schlafend schreit sie um Gnade. Lassen wir sie so fortfahren, so werden wir sie verlieren, wie wir ihren Mann verloren haben. Darum müssen wir auf die eine oder die andre Weise ihre Gedanken von dem, was hernach sein wird, abzuziehen suchen, oder nichts in der ganzen Welt wird sie hindern, auch eine Pilgerin zu werden.“
Zitternd und ganz in Schweiß gebadet erwachte sie; aber nach einer Weile schlief sie wieder ein und träumte und sah im Traum ihren Gatten, den Christ, mit glänzendem Angesicht an einem Ort der Seligkeit unter vielen Unsterblichen mit einer Harfe in der Hand stehen und darauf spielen vor einem, der auf einem Thron saß und um dessen Haupt ein Regenbogen war. Sie sah auch, daß er sich zu den Füßen seines Fürsten niederwarf und anbetend ausrief: „Ich danke Dir von ganzem Herzen, mein Herr und König, daß Du mich an diesen Ort gebracht hast!“ Darüber jauchzte die Menge derer, die rund umherstanden, und schlugen an ihre Harfen; aber keine menschliche Zunge konnte aussagen, was sie sprachen; Christ und seinen Mitgenossen war diese himmlische Sprache bekannt.
Als Christin am nächsten Morgen aufgestanden war, zu Gott gebetet und eine Weile mit ihren Kindern geredet hatte, da klopfte jemand stark an die Tür. Sie rief mit lauter Stimme: „Kommst du in Gottes Namen, so tritt ein!“ — „Amen,“ sagte der Fremde, öffnete die Tür und grüßte: „Friede sei mit diesem Haus!“ und alsbald fuhr er fort: „Christin, weißt du, weshalb ich gekommen bin?“ Da errötete sie und zitterte; ihr Herz klopfte in der Erwartung, zu erfahren, woher er komme und was für eine Botschaft er an sie auszurichten habe. „Mein Name ist Verborgen,“ sprach er weiter, „ich wohne bei denen in der Höhe. Dein Verlangen, nach der himmlischen Stadt zu ziehen, ist dort bekanntgeworden[155]; auch weiß man von deiner tiefen Reue über all das Unrecht, das du früher deinem Mann zugefügt hast, indem du dein Herz gegen sein inständiges Bitten verhärtet und auch diese deine Knaben vom Pfad des Friedens zurückgehalten hast. So hat denn, Christin, der Barmherzige mich gesandt, dir zu sagen, daß Er ein Gott ist, der gern verzeiht und nicht müde wird, Missetaten zu vergeben. Er ladet dich auch hiermit ein, vor Sein Angesicht zu kommen; an Seiner Tafel will Er dich speisen mit den reichen Gütern Seines Hauses und mit dem Erbe Jakobs, deines Vaters. Daselbst wohnt Christ, dein ehemaliger Gatte, in seligem Verein mit vielen andern, deren Zahl mehr denn Legion ist; sie schauen das Angesicht Gottes, von dem ihnen Leben und Seligkeit zufließt immerdar. Diese alle werden sich freuen und fröhlich sein, wenn sie hören das Rauschen deiner Füße.“
Über diesen Worten ward Christin tief beschämt und neigte ihr Angesicht zur Erde. Der Abgesandte aber fuhr fort und sprach: „Hier ist auch ein Brief an dich, Christin, von dem König deines Mannes[156].“ Sie nahm denselben und öffnete ihn. Er duftete aber wie köstliche Salbe, und die Schrift war mit goldenen Buchstaben geschrieben. Der Inhalt des Briefes war: Der König begehre, daß auch sie sich auf die Pilgerreise begebe, wie Christ, ihr Mann, es getan; denn das sei der Weg, zu Seiner Stadt zu gelangen und in Seiner Gegenwart mit Freuden zu wohnen ewiglich. „Herr,“ rief die gute Frau ganz überwältigt, „willst du mich und meine Kinder mit dir nehmen, daß wir hinziehen und diesen König auch anbeten[157]?“
„Christin,“ erwiderte der Abgesandte, „vor dem Süßen kommt das Bittere; auch du mußt durch viel Trübsale in die himmlische Stadt eingehen. So rate ich dir, gehe, wie Christ, dein Mann, es tat, zu der engen Pforte, die dort jenseits der Ebene liegt; denn sie steht am Eingang des Weges, den du gehen mußt, und ich wünsche dir eine glückliche Reise. Den Brief, den du erhalten, verwahre sorgfältig in deinem Kleid, da du ihn an der himmlischen Pforte abgeben mußt. Lies mit deinen Kindern fleißig darin, bis ihr ihn auswendig wißt, denn er enthält eins von den Liedern, das du singen mußt, solange du noch in dem Hause deiner Wallfahrt bist[158].“
Nun sah ich in meinem Traum, daß jener alte Herr, während er mir diese Geschichte erzählte, selber sehr davon ergriffen zu sein schien. Indessen fuhr er fort und erzählte weiter: Christin rief alsbald ihre Söhne zusammen und redete sie also an: „Meine lieben Söhne, ihr habt wohl bemerkt, daß der Tod eures Vaters mich in der letzten Zeit viel beschäftigt hat — nicht als ob ich an seiner Glückseligkeit zweifelte, denn daß er wohl aufgehoben ist, davon bin ich hinlänglich überzeugt. Aber auch, wenn ich unser bisheriges Leben überdachte, das doch eigentlich ein elendes genannt werden muß, war ich sehr bekümmert; und vollends ist es mein Betragen gegen euren Vater in seiner Seelenangst, was sich wie eine schwere Last auf mein Gewissen wälzt; denn ich habe nicht nur mein, sondern auch eure Herzen gegen ihn verhärtet und mich geweigert, mit ihm die Pilgerfahrt anzutreten. — Der Gedanke an all dieses würde mir wohl das Herz brechen, wenn ich nicht in der verflossenen Nacht einen Traum gehabt und dieser Fremde mir heute morgen Mut zugesprochen hätte. Kommt, meine Kinder, laßt uns aufbrechen und zu der Pforte eilen, welche nach dem himmlischen Land führt, daß wir euren Vater wiedersehen und bei ihm und all den Seligen nach den Gesetzen jenes Landes in Frieden wohnen!“
Da brachen die Kinder in Tränen aus vor Freude, daß ihrer Mutter Herz so umgewandelt war. Alsbald nahm der Abgesandte Abschied von ihnen, und sie fingen an, sich auf die Reise zu rüsten.
Während sie damit beschäftigt waren, kamen zwei von Christins Nachbarinnen vor das Haus und klopften an die Tür. „Kommt ihr in Gottes Namen, so tretet ein!“ rief sie auch ihnen zu. Das machte die Frauen stutzig, denn eine solche Rede hatten sie weder von Christins Lippen noch sonst überhaupt jemals gehört. Gleichwohl traten sie ein; aber siehe, sie fanden die gute Frau im Begriff, ihr Haus zu verlassen.
„Aber Nachbarin, sag, was hast du denn vor?“ fragten sie wie aus einem Munde.
„Ich rüste mich auf eine Reise,“ antwortete Christin, sich an Frau Furchtsam, die ältere von ihnen, wendend.
(Diese Furchtsam war eine Tochter dessen, dem Christ auf dem Berg der Beschwerde begegnete und ihn aus Furcht vor den Löwen zur Umkehr bereden wollte.)
Furchtsam. Aber ich bitte dich, zu welcher Reise denn?
Christin. Meinem teuren Mann nachzugehen. — Und dabei fing sie an zu weinen.
Furchtsam. Nachbarin, das will ich nicht hoffen. Ich bitte dich um deiner armen Kinder willen, du werdest doch nicht dein Mutterherz verleugnen und sie gar verlassen wollen!
Christin. Nein, meine Kinder sollen auch mit mir gehen, nicht eins von ihnen will zurückbleiben.
Furchtsam. Ich traue meinen Augen und Ohren nicht; wer in aller Welt hat dich nur auf diesen Gedanken gebracht?
Christin. O Nachbarin, wüßtest du, was ich weiß, du würdest ohne Zweifel mit mir ziehen.
Furchtsam. Ei, was für neue Kunde hast du denn bekommen, die so dein Herz von deiner Freundschaft abzieht und dich verleitet, wer weiß wohin zu gehen?
Christin erwiderte: „Ich bin seit der Abreise meines Mannes immer schmerzlich betrübt gewesen und besonders, seit er über den Fluß gegangen ist. Was mich am meisten bekümmert, das ist mein hartes Betragen gegen ihn, als er so niedergeschlagen war. Zudem ist es mir jetzt ebenso zumute, wie ihm damals war; so kann mir nichts helfen, als daß auch ich die Pilgerschaft antrete. Mir träumte vorige Nacht, als sähe ich ihn. O wäre doch meine Seele bei ihm! Er wohnt bei dem König jenes Landes, sieht allezeit Sein Angesicht; er sitzt mit Ihm an Seiner Tafel; er ist ein Mitgenosse der Unsterblichen, und es ist ihm ein Haus geworden, in dem er wohnt, demgegenüber die herrlichsten Paläste auf Erden mir wie elende Hütten vorkommen. Es hat auch der Fürst dieses Landes nach mir gesandt mit der Verheißung, daß Er mich aufnehmen wolle, wenn ich zu Ihm kommen würde. Sein Abgesandter war jetzt eben bei mir und hat mir ein Einladungsschreiben überreicht, daß ich kommen solle.“ Und hiermit zog sie den Brief hervor und las ihn und sprach zu ihnen: „Was wollt ihr nun hierzu sagen?“
Furchtsam. O diese Tollheit, die dich und deinen Mann ergriffen hat, in solche Schwierigkeiten hineinzurennen! Es ist dir doch gewiß nicht unbekannt, was deinem Mann schon am Anfang des Weges begegnet ist, was unser Nachbar Störrig noch bezeugen kann, ebenso Willig, die ja eine Strecke weit mit ihm gegangen, bis sie als verständige Männer sich scheuten, weiterzugehen. Wir haben auch ein langes und breites davon gehört, wie er mit den Löwen, dem Apollyon und mit Schatten des Todes zu tun gehabt und vielen andern Schrecknissen der Art. Denke doch an die Gefahren, die ihm auf dem Eitelkeitsmarkt drohten! Denn wenn es ihm, der doch ein Mann war, so übel erging, was kannst du tun, die du nur eine schwache Frau bist? Bedenke doch auch, daß diese vier süßen Kleinen deine Kinder sind, dein Fleisch und Bein! Wenn du also auch verwegen genug sein solltest, dich selber ins Unglück zu stürzen, so bleibe doch wenigstens um deiner Kinder willen zu Hause.
Christin aber antwortete ihr: „Versuche mich nicht, Nachbarin, jetzt ist es in meine Hand gelegt, einen großen Gewinn zu erlangen, und ich müßte die größte Närrin sein, wenn ich nicht das Herz hätte, diese Gelegenheit zu ergreifen[159]. Was all die Beschwerden betrifft, die mir, wie du sagst, auf dem Weg gleichfalls begegnen werden, so lasse ich mich dadurch nicht im geringsten entmutigen; ich sehe vielmehr daraus, daß ich auf der rechten Bahn bin. Das Bittere muß vor dem Süßen kommen, und es wird auch das Süße desto süßer machen. Deshalb, da du nicht in Gottes Namen in mein Haus gekommen, wie ich sagte, so bitte ich dich, nur wieder zu gehen und mich nicht weiter zu beunruhigen.“
Da fing Furchtsam an, sie zu schmähen[160], und zu ihrer Gefährtin sprach sie: „Komm, Nachbarin Barmherzig, wir müssen sie ihrem eigenen Willen überlassen, da sie unsern Rat und unsre Gesellschaft verachtet.“ Allein Barmherzig ward unschlüssig und konnte nicht sofort ihrer Nachbarin beipflichten, und zwar aus zwei Gründen: Erstlich entbrannte ihr Herz für Christin. Sie sprach bei sich selbst also: „Wenn meine Nachbarin durchaus fort will, so will ich eine Strecke Wegs mit ihr gehen und ihr behilflich sein.“ Zum andern war sie über ihre eigene Seele bekümmert, denn Christins Worte waren wie Nägel in ihr Herz gedrungen, und sie dachte: „Ich muß über diese Sache noch weiter mit Christin reden, und finde ich Wahrheit und Leben in dem, was sie sagen wird, so will ich auch von Herzen gern mit ihr gehen.“ Und so antwortete Barmherzig ihrer Nachbarin Furchtsam:
„Nachbarin, ich bin allerdings mit dir gekommen, um Christin heute morgen zu besuchen. Weil sie aber, wie du siehst, vorhat, ihrem Vaterland für immer Lebewohl zu sagen, so gedenke ich, an diesem sonnigen Morgen sie noch ein Stück Wegs zu begleiten und ihr ein wenig Handreichung zu tun.“ Sie sagte ihr aber nichts von ihrem zweiten Grund, sondern behielt diesen für sich.
Furchtsam. Nun, ich sehe schon, du hast auch Lust zum Närrischwerden. Allein sei beizeiten auf deiner Hut und nimm Vernunft an! Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.
Also kehrte Frau Furchtsam den beiden den Rücken und ging. Zu Hause angekommen, lud sie alsbald einige ihrer Nachbarinnen zu sich ein, nämlich Frau Fledermausauge, Frau Unbedachtsam, Frau Leichtsinn und Frau Unwissend, um ihnen die neue Geschichte von Christin und ihrer beabsichtigten Reise mitzuteilen. Sie begann also ihre Erzählung:
„Nachbarinnen, da ich heute morgen nicht viel zu tun hatte, ging ich aus, um Christin einmal zu besuchen. Als ich an ihre Tür klopfte, wie es doch bei uns Sitte ist, antwortete sie: Kommst du in Gottes Namen, so tritt ein! Im guten Glauben, es stände alles wohl, ging ich hinein, und da finde ich sie, wie sie sich rüstet, um die Stadt zu verlassen. Auf meine Frage, was das zu bedeuten hätte, gestand sie mir offen, daß sie sich entschlossen, auf die Pilgerschaft zu gehen, wie ihr Mann getan. Sie erzählte mir auch einen Traum, den sie gehabt, und wie der König des Landes, wo ihr Mann sich aufhalte, ihr ein Einladungsschreiben geschickt hätte, daß sie dahin kommen solle.“
„Wie? was?“ rief Frau Unwissend, „und glaubst du wirklich, daß sie gehen wird?“
Furchtsam. Freilich wird sie gehen, was auch immer daraus entstehen mag. Das kann ich daraus entnehmen, weil gerade das, wodurch ich sie von ihrem abenteuerlichen Unternehmen abzuschrecken gedachte — nämlich all die Gefahren und Beschwerden, die ihr auf dem Weg gewiß begegnen werden — für sie ein Ansporn zur Abreise ist. Das Bittere komme vor dem Süßen, hat sie gesagt, und werde das Süße noch versüßen.
„O die blinde und törichte Frau!“ sprach Frau Fledermausauge, „will sie sich denn durch die Trübsale ihres Mannes nicht warnen lassen? Ich meinesteils sehe klar, wenn er wieder hier wäre, würde er seiner heilen Haut froh sein und sich wohl nie wieder für nichts und wieder nichts in so viel Gefahren stürzen.“
Frau Unbedachtsam hob nun auch an und sagte: „Fort mit solchen phantastischen Narren aus der Stadt! Ich für meinen Teil bin froh, daß wir sie loswerden. Denn bliebe sie hier wohnen und behielte diesen Sinn bei, wer könnte dann noch friedlich mit ihr leben? Denn entweder würde sie trübsinnig sein oder mit niemand nachbarlichen Umgang pflegen oder fortwährend von solchen Dingen reden, die kein vernünftiger Mensch hören mag. Ich für meine Person werde mich also um ihre Abreise gar nicht grämen. Laßt sie laufen und laßt Bessere an ihre Stelle kommen! Es ist schon lang nicht mehr unsre gute Welt, seitdem diese wunderlichen Narren in ihr wohnen.“
Und Frau Leichtsinn setzte hinzu: „Genug, tut diese Art von Unterhaltung beiseite! Gestern war ich bei Madame Wollust. Da waren wir so lustig wie junge Mädchen. Was denkt ihr wohl, wer alles da war? Ich nämlich und Frau Fleischesliebe und noch drei oder vier andre wie Herr Liederlich, Frau Unflat und solcher Art mehr. Da hatten wir denn Musik und Tanz und was sonst noch dazu gehört, das Vergnügen vollzumachen. Und das muß ich sagen: Die Frau des Hauses ist eine bewunderungswürdige, feingebildete Dame, und Herr Liederlich ist auch ein höchst angenehmer Gesellschafter.“
Fußnoten:


Zweites Kapitel. Wer da anklopft, dem wird aufgetan.

Mittlerweile hatte sich Christin mit ihren Knaben auf den Weg gemacht, und Barmherzig begleitete sie. Indem sie miteinander gingen, entspann sich unter ihnen folgendes Gespräch:
„Barmherzig,“ sagte Christin, „ich betrachte es wirklich als eine unverdiente Gnade, daß du mit mir ausgezogen bist, um mir noch ein wenig Gesellschaft zu leisten.“
„Wenn ich glauben dürfte,“ erwiderte das Mädchen (denn Barmherzig war noch jung), „daß es nicht vergeblich wäre, mit dir zu gehen, so würde ich der Stadt nie wieder nahe kommen.“
„Weißt du was,“ antwortete Christin, „wirf dein Los mit dem meinen zusammen, weiß ich doch wohl, was das Ende unsrer Pilgerschaft sein wird! Mein Mann ist an einem Ort, den er um alles Gold in den Bergwerken Spaniens nicht wieder verlassen möchte. Und wenn du gleich nur auf meine Einladung hin mitgehst, so wirst du doch nicht zurückgewiesen werden; denn der König, der nach mir und meinen Kindern geschickt hat, hat Wohlgefallen an Barmherzigkeit (Matth. 9, 13). Überdies, wenn es dir recht ist, will ich dich dingen, und du sollst als meine Magd mit mir gehen; doch wollen wir alle Dinge untereinander gemein haben; komm nur mit mir!“
Barmherzig. Aber wie erlange ich die Gewißheit, daß ich auch angenommen werde? O daß sich jemand fände, der hierüber Auskunft geben könnte; ich würde mich keinen Augenblick besinnen, sondern mit Hilfe dessen, der helfen kann, mit dir durch dick und dünn gehen.
Christin. Nun wohl, geliebte Barmherzig, so will ich dir sagen, was du tun sollst: Gehe mit mir nach der engen Pforte[161], und dort will ich mich deinetwillen weiter erkundigen. Und wenn dir da keine Ermutigung zuteil wird, so will ich mich damit zufrieden geben, daß du an deinen Ort zurückkehrst. Auch will ich dir deine Liebe vergelten, die du mir und meinen Kindern erweisest, indem du uns auf unserm Weg begleitest.
Barmherzig. So will ich denn hingehen und hinnehmen, was weiter kommt, und der Herr gebe gnädiglich, daß mein Los so falle, daß der König des Himmels Sein Herz zu mir neige.
Hierüber war Christin von Herzen froh, nicht nur, daß sie eine Gefährtin hatte, sondern auch, daß sie dieses arme Mädchen bewogen hatte, für ihr Seelenheil zu sorgen. So gingen sie denn zusammen weiter, Barmherzig aber fing an zu weinen.
Da fragte Christin: „Warum weinst du, liebe Schwester?“
„Ach,“ sagte sie, „wer kann anders als wehklagen, wenn man recht erwägt, in welcher Lage und in welchem Zustand meine armen Verwandten sich befinden, die noch in unsrer sündenvollen Stadt verbleiben? Und was meinen Kummer noch größer macht, ist, daß niemand sie unterrichtet und auf die drohende Gefahr hinweist.“
Christin. Mitleiden steht den Pilgrimen wohl an, und du empfindest für deine Angehörigen, was mein guter Christ für mich empfand, als er mich verließ. Er trauerte darüber, daß ich ihn nicht hören noch auf ihn achten wollte. Aber sein und unser Herr hat seine Tränen gesammelt und sie in Seinem Krug verwahrt[162], und nunmehr ernten du und ich und diese meine geliebten Kinder die Frucht und den Segen davon. Glaube mir, Barmherzig, deine Tränen werden nicht umsonst sein, denn die ewige Wahrheit spricht: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben“ (Ps. 126, 5. 6).
Barmherzig sprach:
Keiner wird zuschanden, welcher Gottes harrt; Soll ich sein der erste, der zuschanden ward? Nein, das ist unmöglich, Du getreuer Hort! Eher fällt der Himmel, eh mich täuscht Dein Wort. Du hast zugesaget: Wer da bittet, nimmt; Wer da sucht, soll finden, was ihm Gott bestimmt. Wer im festen Glauben mutig klopfet an, Dem wird ohne Zweifel endlich aufgetan. Nun, so will ich’s wagen, Herr, auf Dein Gebot, Alle meine Sorgen, eign’ und fremde Not, All mein heimlich Grämen, alles, was mich quält, Dir ans Herz zu legen, der die Tränen zählt.
Mein alter Freund fuhr fort: Da aber Christin zu dem Sumpf der Verzagtheit kam, ward sie bedenklich und blieb stehen. „Hier,“ sagte sie, „ist die Stelle, wo mein lieber Mann in den Schlamm fiel und beinahe versunken wäre.“ Sie bemerkte auch, daß ungeachtet des Königs Befehl, diese Stelle für die Pilger auszubessern, sie eher schlechter als besser geworden war. — Als ich fragte, ob sich das also verhielte, da antwortete der alte Mann: „Ja, ja, so ist es; denn es gibt viele, welche vorgeben, des Königs Arbeiter zu sein, und sagen, sie ließen es sich angelegen sein, des Königs Heerstraße auszubessern; allein statt der Steine bringen sie Kot und Unrat herzu, und so verderben sie den Weg, statt ihn zu bessern.“
So blieb nun Christin mit ihren Kindern unschlüssig hier stehen; Barmherzig hingegen sagte: „Kommt, laßt uns es wagen, nur wollen wir uns in acht nehmen!“ So gingen sie sehr behutsam vor, Schritt für Schritt, und kamen, wenn auch hin und wieder ausgleitend, mit knapper Not hinüber. Doch wäre Christin einigemal beinahe steckengeblieben. Als sie nun die gefährliche Stelle überschritten hatten, so war es ihnen, als hörten sie die Worte: „O selig bist du, die du geglaubt hast! denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn“ (Luk. 1, 45).
Indem sie ihren Weg fortsetzten, sprach Barmherzig zu Christin: „O wenn ich wie du die gewisse Zuversicht hätte, an der Pforte eine freundliche Aufnahme zu finden, ich glaube, kein Sumpf der Verzagtheit könnte mich mutlos machen.“
„Nun,“ erwiderte Christin, „du kennst jetzt deine Schwächen und ich die meinen. Ja, liebe Freundin, wir alle werden noch Drangsal genug haben, ehe wir an das Ziel unsrer Reise kommen. Denn das darf man sich nicht einbilden, daß Menschen, die eine solche Herrlichkeit zu erlangen trachten wie wir und um ihre Glückseligkeit so beneidet werden, nicht auf allerart Schlingen und Hindernisse, Anfechtungen und Trübsale stoßen werden. Nein, unsre Hasser werden uns alles das in den Weg zu legen wissen.“
Hier nun verließ mich Herr Scharfsinn, daß ich meinen Traum selber zu Ende träumen möchte, und es dünkte mich, als sähe ich Christin, Barmherzig und die Knaben alle miteinander nach der engen Pforte zugehen. Daselbst angekommen, berieten sie darüber, wie sie anklopfen und was sie dem Torhüter sagen sollten. Es wurde beschlossen, daß Christin als die Älteste anklopfen und mit dem, der auftun würde, auch für die übrigen sprechen sollte.
Christin klopfte also an die Pforte[163] und, wie ihr armer Mann getan, klopfte sie wieder und wieder. Anstatt aber, daß jemand antwortete, meinten sie alle einen Hund zu hören[164], der bellend auf sie zukäme; ja, ein Hund war’s und noch dazu ein großer, der den Frauen und Kindern Schrecken einjagte. Auch wagten sie eine Zeitlang nicht, wieder anzuklopfen, aus Furcht, daß der Bullenbeißer sie anfallen könnte. Eine peinliche Stille folgte, und sie wußten nicht, was sie vornehmen sollten; denn umkehren wollten sie auch nicht, weil sie fürchteten, der Torhüter möchte es wahrnehmen und unwillig auf sie werden. Endlich aber faßten sie ein Herz, noch einmal anzuklopfen, und sie klopften heftiger als zuvor. Hierauf rief der Torhüter: „Wer ist da?“ Sogleich hörte der Hund auf zu bellen, und die Pforte ward ihnen aufgetan. Christin verneigte sich und sprach:
„Möge unser Herr nicht zürnen mit Seinen Mägden, weil wir an Seine königliche Pforte geklopft haben!“
Hüter. Von wannen kommt ihr? und was ist euer Begehr?
Christin. Wir kommen von daher, von wannen Christ auch kam, und in derselben Absicht wie er, nämlich daß wir, so es Dir gefällt, durch diese Pforte auf den Weg gelangen, der zu der himmlischen Stadt führt. Auch tue ich meinem Herrn zu wissen, daß ich Christin, Christs Frau, bin, der nun droben angelangt ist.
„Wie?“ rief der Torhüter verwundert aus, „ist die nun eine Pilgerin geworden, die noch vor kurzem ein solches Leben verabscheute?“ Christin verneigte sich und sprach: „Ja, und hier sind auch meine lieben Kinder!“
„Lasset die Kindlein zu Mir kommen!“ (Mark. 10, 14) sagte Er, nahm sie bei der Hand und führte sie hinein; das Tor ward wieder geschlossen. Hierauf rief Er einem Trompeter auf der Warte zu, Christin mit Frohlocken und dem Schall der Posaune zu empfangen. Dieser fing alsbald an zu blasen und erfüllte mit lieblichen Weisen die Luft.
Während dieser Zeit stand die arme Barmherzig draußen, zitterte und weinte bitterlich vor Furcht, daß sie verworfen wäre. Als jedoch Christin für sich und ihre Söhne Einlaß erlangt hatte, begann sie, sich für Barmherzig zu verwenden.
„Herr,“ sprach sie, „ich habe eine Gefährtin, die noch draußen steht. Sie ist in derselben Absicht hergekommen wie ich. Sie ist sehr niedergeschlagen in ihrem Gemüt, weil sie kommt, wie sie denkt, ohne eingeladen zu sein, wogegen von meines Mannes König nach mir geschickt wurde.“
Nun fing Barmherzig an, sehr ungeduldig zu werden, und es kam ihr jede Minute so lang vor wie eine Stunde. Dadurch, daß sie selbst an die Pforte anklopfte, unterbrach sie Christin in ihrer Fürsprache für sie. Ihr Anklopfen war so stark, daß jene zusammenfuhr. „Wer ist draußen?“ fragte der Torhüter. Christin antwortete: „Es ist meine Freundin.“
Er öffnete also das Tor und sah hinaus. Barmherzig aber war draußen ohnmächtig hingesunken, denn ihre Kraft verließ sie, weil sie fürchtete, daß ihr keine Tür aufgetan werden würde. Da ergriff Er sie bei der Hand und sagte: „Mägdlein, Ich sage dir, stehe auf!“ (Mark. 5, 41.)
„Ach Herr,“ sprach sie, „ich bin noch so schwach; es ist kaum noch Leben in mir.“
Er erwiderte: „Es steht geschrieben: Da meine Seele bei mir verzagte, gedachte ich an den Herrn, und mein Gebet kam zu Dir in Deinen heiligen Tempel (Jon. 2, 8). Fürchte dich nicht, sondern tritt auf deine Füße und sage Mir, warum du hergekommen bist.“
Barmherzig. Ich komme um etwas, wozu ich niemals eingeladen worden bin wie meine Freundin Christin. Sie kommt auf den Ruf des Königs, ich aber nur auf den ihren; darum fürchte ich, ich sei vermessen.
Hüter. Hat sie dich aufgefordert, mit ihr hierher zu kommen?
Barmherzig. Ja, und so bin ich, wie mein Herr sieht, auch gekommen; und ist noch irgendwelche Gnade und Vergebung der Sünden vorhanden, so bitte ich, laß doch diese Deine arme Magd Anteil daran haben!
Da nahm Er sie wieder bei der Hand, führte sie sanft hinein und sprach: „Ich bitte für alle die, welche an Mich glauben, sie mögen zu Mir kommen, wodurch es auch sei[165].“ Und zu denen, welche dabeistanden, sprach Er: „Holt etwas herbei und gebt es Barmherzig, daß sie daran rieche und wieder wacker werde.“ Da brachten sie ihr einen Büschel Myrrhe, und alsbald ward sie von neuer Kraft durchströmt.
Nun wurden Christin und ihre Knaben und Barmherzig von dem Herrn am Eingang des Weges empfangen, und Er redete freundlich mit ihnen. Sie sprachen zu Ihm: „Wir haben gesündigt, und unsre Sünden sind uns herzlich leid, und wir bitten Dich: Vergib uns und unterweise uns den Weg, den wir zu gehen haben!“
Er antwortete: „Vergebung wird euch zuteil durch Wort und Tat, nämlich durch das Wort der Verheißung Meiner Gnade, durch Tat: in der Weise, wie Ich sie erworben habe. Nehmet die erste von meinen Lippen mit einem Kuß (Hohesl. 1, 2; Joh. 20, 22) und die andre, wie es euch weiterhin wird geoffenbart werden.“
Noch manch süßes Trostwort sprach Er ihnen zu, wodurch ihre Herzen hoch erfreut wurden. Er führte sie auch auf die Warte des Tores und zeigte ihnen, durch welche Tat sie gerettet worden[166], und verhieß ihnen, daß sie diesen Anblick auf ihrer fernern Reise zu ihrem Trost wieder haben sollten.
Danach ließ Er sie eine Weile allein unten in einer Gartenlaube, wo sie sich miteinander unterhielten.
„O wie froh bin ich,“ fing Christin an, „daß wir hier angelangt sind!“
Barmherzig. Du kannst auch wohl froh sein; aber ich habe vor allem Ursache, vor Freude zu springen.
Christin. Als ich vor der Pforte stand und auf mein Anklopfen niemand antwortete, da dachte ich, es wäre all unsre Mühe vergeblich, zumal als der bissige Hund uns so greulich anbellte.
Barmherzig. Und mir entfiel gänzlich das Herz, als du in Gnaden angenommen und ich draußen gelassen wurde. Ich sah darin schon die Erfüllung dessen, was geschrieben steht: „Zwei werden mahlen auf der Mühle; eine wird angenommen, und die andre wird verlassen werden“ (Matth. 24, 41). Weiter anzuklopfen wagte ich nicht, und so kam ich der Verzweiflung nahe. Als ich aber die Inschrift über der Pforte erblickte, faßte ich wieder Mut, mir selber zusprechend: Jetzt oder nie! So klopfte ich denn; ich kann aber nicht sagen wie, war ich doch wie eine, die mit dem Tode rang.
Christin. Wie? das weißt du nicht einmal? O dein Klopfen konnte einem Mark und Bein durchdringen, wie ich dergleichen meine Lebetage noch nie gehört habe. Ja, es schien, als wolltest du mit Gewalt eindringen und das Reich im Sturm einnehmen[167].
Barmherzig. Was konnte ich in meiner Not anders tun? Vor mir ward die Tür verschlossen, und zudem schreckte mich ein grimmiger Hund! Wer in aller Welt, der so geängsteten Herzens gewesen wie ich, würde nicht mit aller Macht angeklopft haben? Aber, bitte, was sagte mein Herr zu solcher Dreistigkeit? War Er nicht ungehalten über mich?
Christin. Als Er dein ungestümes Klopfen hörte, zog sich ein wunderbar mildes Lächeln über Sein Angesicht. Ich glaube, was du tatest, gefiel Ihm wohl, denn Er ließ nichts von Mißfallen gewahr werden. Aber eines ist mir ein Rätsel, warum Er wohl einen solchen Hund hält. Wie gut, daß ich das vorher nicht wußte, denn sonst hätte ich mich kaum so weit gewagt. Aber nun sind wir ja geborgen, und darüber ist mein Herz fröhlich.
Barmherzig. Wenn es dir recht ist, will ich Ihn fragen, sobald Er herunterkommt, warum Er ein so widerwärtiges Tier auf Seinem Hof hält. Ich hoffe, Er wird es nicht übelnehmen.
„Bitte, tue das!“ sagten die Kinder, „und berede Ihn, daß Er ihn anbindet; denn uns ist so bange, daß er uns beißt, wenn wir von hier weggehen.“
Als Er endlich wieder zu ihnen trat, fiel Barmherzig vor Ihm nieder zur Erde, betete an und sprach: „Herr, laß Dir wohlgefallen das Opfer meines Dankes, welches ich Dir jetzt darbringe, und die Farren meiner Lippen!“
Er erwiderte: „Friede sei mit dir! Stehe auf!“ Sie aber blieb auf ihrem Angesicht liegen und sprach: „Herr, wenn ich gleich mit Dir rechten wollte, so behältst Du doch recht; dennoch muß ich vom Recht mit Dir reden (Jer. 12, 1). Warum hältst du einen so bösen Hund auf Deinem Hof, bei dessen Anblick Frauen und Kinder wie wir aus Angst von Deinem Tore fliehen möchten?“
Er antwortete und sprach: „Jener Hund hat einen andern Eigentümer; er wird auch auf eines andern Grund und Boden in Verwahrung gehalten; Meine Pilgrime hören nur sein Bellen. Er gehört zu dem Schloß, welches ihr dort in der Ferne seht; aber er kann bis an die Mauern dieses Orts herankommen und hat schon manchen rechtschaffenen Pilger durch seine gewaltige Stimme heilsam erschreckt. Freilich, sein Herr hält ihn nicht aus irgendwelcher Freundschaft zu Mir und den Meinen, sondern in der Absicht, die Pilger abzuhalten, zu Mir zu kommen, und damit sie sich fürchten, an dieser Pforte um Einlaß anzuklopfen. Zuweilen hat er sich auch losgerissen und einige Meiner Geliebten übel zugerichtet; aber das alles nehme Ich zurzeit noch mit Geduld an. Doch schaffe Ich Meinen Pilgern rechtzeitige Hilfe, daß sie seiner Gewalt nicht überlassen werden und er ihnen nicht tue, wozu ihn seine hündische Art treibt. Aber du, Meine teuer Erkaufte, darfst dich nicht von einem Hund abschrecken lassen, und wenn du zuvor noch soviel davon erfahren hättest. Auch die Bettler, die von einer Tür zur andern gehen, laufen lieber Gefahr, von einem Hund angebellt oder gar gebissen zu werden, als daß sie sich ein erhofftes Almosen entgehen ließen. Sollte denn ein Hund, der sich auf eines andern Hof befindet, und dessen Gebell ich zum besten Meiner Pilger wende, jemand abhalten, zu Mir zu kommen? Ich errette sie aus dem Rachen des Löwen und Meine Einsame von den Hunden“ (Ps. 22, 21. 22).
„Ich bekenne meine Unwissenheit,“ sprach Barmherzig, „ich habe von Dingen geredet, die ich nicht verstehe. Ich erkenne, daß Du alles wohl machst.“
Christin fing hierauf von ihrer Reise zu reden an und nach dem Weg zu fragen. So speiste Er sie denn, wusch ihnen die Füße und brachte sie auf den Weg Seiner Fußstapfen, wie Er zuvor mit ihrem Mann getan.
Fußnoten:


Drittes Kapitel. In Anfechtung und im Hause des Auslegers.

Ich sah nun in meinen Traum, daß sie ihren Weg weiterzogen und dabei sehr angenehmes Wetter hatten. Da fing Christin an zu singen:
Ich danke Dir, Du wahre Sonne, daß mir Dein Glanz hat Licht gebracht; Ich danke Dir, Du Himmelswonne, daß Du mich froh und frei gemacht; Ich danke Dir, Du heil’ger Mund, Dein Wort macht mich gesund. Ach, daß ich Dich so spät erkennet, Du hochgelobte Schönheit Du, Und Dich nicht eher mein genennet, Du höchstes Gut und wahre Ruh’! Es ist mir leid, ich bin betrübt, daß ich so spät geliebt. Erhalte mich auf Deinen Stegen und laß mich nicht mehr irregehn; Laß meinen Fuß in Deinen Wegen nicht straucheln oder stillestehn: Erleuchte Leib und Seele ganz, Du starker Himmelsglanz!
Nun war an der andern Seite der Mauer, welche sich der Pilgerstraße entlangzog, ein Garten[168], und dieser Garten gehörte dem Besitzer jenes bellenden Hundes. Es ragten aber die Äste einiger darin stehenden Fruchtbäume über die Mauer, und wenn die Früchte reif waren, so hoben viele der Vorübergehenden sie auf und aßen davon zu ihrem Schaden. Auch die Knaben der Christin, wie solche Jungen zu tun pflegen, machten sich mit großem Vergnügen daran, etliche der Früchte zu pflücken, und fingen an, davon zu essen[169]. Ihre Mutter verwies ihnen dieses Tun, und da sie dennoch nicht davon abließen, sprach sie: „Kinder, ihr versündigt euch, denn diese Früchte gehören uns nicht.“ Sie wußte aber nicht, daß sie dem Feind gehörten, sonst wäre sie, das kann ich sagen, vor Angst schier gestorben. Sie setzten ihren Weg fort und legten dieser Sache keine weitere Bedeutung bei.
Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie in der Ferne zwei Übelgesinnte wahrnahmen, die rasch auf sie zukamen. Christin und Barmherzig zogen ihren Schleier vors Gesicht[170], die Knaben aber ließen sie voranschreiten. Als sie nun zusammentrafen, liefen die beiden gerade auf die Frauen zu, als ob sie dieselben umarmen wollten. Christin rief ihnen zu: „Bleibt zurück oder geht ruhig eures Wegs, wie sich’s gebührt!“ Die beiden Männer aber taten, als wären sie taub, und achteten nicht auf ihre Worte, sondern fingen an, Hand an sie zu legen. Hierüber wurde Christin so aufgebracht, daß sie mit den Füßen nach ihnen stieß. Auch Barmherzig erwehrte sich ihrer aus Leibeskräften.
„Bleibt zurück und geht eurer Wege!“ rief Christin ihnen abermals zu, „denn wir haben kein Geld, das man uns abnehmen könnte. Wir sind Pilger, wie ihr seht, und auf die Liebesgaben unsrer Freunde angewiesen.“
„Wir verlangen kein Geld von euch,“ antwortete einer der Männer, „sondern sind gekommen, euch zu sagen, daß wir euch dauernd zu glücklichen Frauen machen wollen, wenn ihr uns nur in einer geringen Sache zu Willen seid.“
Christin erkannte wohl die Absicht dieser Männer und sprach: „Wir wollen weder hören noch achten noch tun, was ihr begehren werdet. Wir sind in Eile und können uns nicht aufhalten; ein Verweilen ist unser Tod.“ So versuchte sie es und ihre Gefährtin aufs neue, an ihnen vorüberzukommen. Sie aber stellten sich ihnen in den Weg und sprachen: „Wir wollen euch ja gar nicht ans Leben; wir verlangen etwas ganz andres.“
Christin. „Ja, ihr wollt beides haben, Leib und Seele; denn ich weiß wohl, weshalb ihr gekommen seid. Wir aber wollen lieber auf der Stelle sterben, als uns in solche Schlingen verstricken lassen, wodurch unser ewiges Heil aufs Spiel gesetzt wird.“ Alsbald schrien sie laut: „Mörder, Mörder!“ und stellten sich dadurch unter die Gesetze, welche zum Schutz der Frauen gegeben sind (5. Mos. 22, 25-27). Dennoch aber ließen die Männer nicht ab, sie zu bedrängen, um sie zu überwältigen; deshalb wiederholten sie ihre Hilferufe.
Dieweil sie noch nicht weit von der engen Pforte entfernt waren, wurde ihr Rufen dort gehört[171]; und da man Christins Stimme erkannte, eilten einige aus dem Haus, ihr zu Hilfe zu kommen. Sie fanden die Frauen in einem ernsten Handgemenge und die Kinder jammernd und weinend dabeistehen. „Was macht ihr da?“ rief einer der Helfer den Schurken zu. „Wollt ihr meines Herrn Volk sündigen machen?“ Er wollte sie ergreifen, sie entwischten aber über die Mauer in den Garten des Mannes, dem der große Hund gehörte, und befanden sich nun in dessen Schutz. Der Retter kam nun heran zu den Frauen und fragte sie nach ihrem Befinden. Sie antworteten: „Wir danken deinem Fürsten, es geht uns ziemlich wohl; nur sind wir sehr erschrocken. Auch danken wir dir, daß du uns zu Hilfe gekommen bist, denn sonst wären wir überwältigt worden.“
Nachdem sie noch dies und jenes miteinander geredet hatten, sagte der Retter zu ihnen: „Mich wundert sehr, daß ihr, als ihr an der Pforte gastliche Aufnahme fandet, nicht den Herrn um einen Führer gebeten habt, da ihr wußtet, daß ihr nur schwache Frauen seid. Sicherlich würde Er euch einen solchen gewährt haben, und ihr wäret solcher Bedrängnis und Gefahr enthoben gewesen.“
„Ach,“ erwiderte Christin, „wir waren von den gegenwärtigen Segnungen so hingenommen, daß wir der kommenden Gefahr ganz vergaßen[172]. Und wer hätte auch denken sollen, daß so nahe bei des Königs Palast solche Bösewichter lauern könnten? Allerdings haben wir es versäumt, um einen Führer zu bitten; aber da unser Herr wußte, was uns zustoßen konnte, so wundert’s mich, daß Er uns nicht einen solchen mitgegeben hat[173].“
Retter. Es ist nicht immer ratsam, Dinge ungebeten zu gewähren, weil sie hierdurch weniger geschätzt werden. Wenn man aber den Mangel einer Sache empfindet, dann erhält sie in den Augen des Betreffenden den Wert, der ihr gebührt, und wird demgemäß hernach auch angewendet. Hätte mein Herr euch ungebeten einen Führer gewährt, so würdet ihr euer Versäumnis nimmermehr so beklagt haben, wie ihr jetzt dazu Veranlassung findet. Also muß alles zum Guten wirken und dazu dienen, euch künftighin vorsichtiger zu machen.
Christin. Sollen wir nun wieder zu unserm Herrn unsre Torheit bekennen und um einen Führer bitten?
Retter. Das Bekenntnis eurer Torheit will ich Ihm überbringen. Es ist nicht nötig, daß ihr umkehrt, denn ihr werdet nirgends, wo ihr hinkommt, Mangel haben an irgendeinem Gut. In allen Herbergen meines Herrn, die Er zur Aufnahme Seiner Pilger errichtet hat, ist hinreichend für das gesorgt, was sie gegen allerlei Anfechtung ausrüsten kann. Aber Er will, wie gesagt, von ihnen darum gebeten sein, daß Er’s ihnen erzeige (Hes. 36, 37). Und das müßte ja auch ein armseliges Ding sein, welches nicht wert wäre, daß man darum bitte.
Nach diesen Worten schied der Retter von ihnen, und die Pilger setzten ihren Weg fort.
„Welch ein schneller Wechsel ist das!“ hob Barmherzig an. „Ich glaubte uns schon aller Trübsal und Gefahr enthoben.“
Christin. Deine Jugend und Unerfahrenheit, meine Schwester, mag dich entschuldigen; was aber mich betrifft, so ist meine Schuld um so größer, als ich die Gefahr vorausgesehen, ehe ich mein Heim verließ, und ich mich dennoch nicht nach Hilfe umsah, als ich sie haben konnte. Ich bin deshalb sehr zu tadeln.
Barmherzig. Aber wie konntest du darum wissen, als du noch zu Hause warest? Ich bitte dich, löse mir dieses Rätsel?
Christin. Wie ich das erfahren habe, will ich dir erzählen: Bevor ich mich zur Pilgerreise anschickte, hatte ich eines Nachts hiervon einen Traum. Mich dünkte, ich sähe am Fußende meines Bettes zwei Männer stehen, die diesen so ähnlich waren wie ein Ei dem andern. Sie machten Anschläge, wie sie mich um meine Seligkeit bringen könnten. (Dies war gerade zu der Zeit, als ich in meiner Seelenangst war.) Ich will dir ihre eigenen Worte wiederholen. Sie sagten: „Was sollen wir mit diesem Weib anfangen? Denn wachend und schlafend schreit sie um Gnade. Lassen wir sie so fortfahren, so werden wir sie verlieren, wie wir ihren Mann verloren haben.“ Nun siehst du also, wie mich dieser Traum hätte behutsam und vorsichtig machen können.
Barmherzig. Nun, wie wir durch diese Nachlässigkeit unsre Unvollkommenheit zu erkennen Gelegenheit hatten, so hat auch unser Herr daran Anlaß genommen, uns den Reichtum Seiner Gnade zu offenbaren. Denn Er ist uns ja, wie wir sehen, mit unverhoffter Güte nachgegangen und hat uns nach Seinem gnädigen Wohlgefallen errettet aus der Hand derer, die stärker waren als wir.
Unter solchen Gesprächen kamen sie zu einem Haus, das am Weg stand und zur Aufnahme und Erquickung der Pilger erbaut war, wie dies im ersten Teil der Pilgerreise ausführlicher beschrieben ist — nämlich das Haus des Auslegers. Sie traten herzu, und als sie an die Tür kamen, drang lautes Reden an ihr Ohr. Sie horchten darauf und hörten, wie sie meinten, Christins Namen nennen; denn ihr müßt wissen, daß das Gerücht von ihrer und ihrer Kinder Pilgerfahrt ihr schon vorausgegangen war. Und das war den Leuten des Hauses um so angenehmer, weil sie vernommen hatten, daß sie Christs Frau sei, dieselbe, welche noch vor kurzen einen solchen Widerwillen gegen das Pilgerleben hatte, daß sie nicht einmal davon hören mochte. Also standen sie still und hörten den guten Leuten zu, wie sie sie lobten und es nicht im entferntesten ahnten, daß sie vor der Tür stände. Endlich klopfte Christin an, wie sie es an der Pforte getan hatte. Alsbald erschien an der Tür ein junges Mädchen mit Namen Unschuld. Als sie die beiden Frauen draußen stehen sah, fragte sie diese nach ihrem Begehr.
Christin antwortete: „Wir haben vernommen, daß dies eine für Pilger bestimmte Herberge sei, und da wir solche sind, bitten wir, daß wir Anteil haben dürfen an dem, um deswillen wir hierhergekommen sind. Siehe, es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt, und uns graut, in der Dunkelheit der Nacht auch nur einen Schritt zu tun.“
Unschuld. Bitte, wie sind eure Namen, damit ich sie meinem Herrn drin melden kann?
Christin. Ich bin Christin, die Frau des Pilgers, der seinerzeit diesen Weg gereist ist, und das sind seine vier Kinder. Diese Jungfrau ist meine Gefährtin, die ebenfalls die Pilgerschaft mit angetreten hat.
Da lief Unschuld hinein und sprach zu ihren Hausgenossen: „Könnt ihr euch wohl denken, wer an der Tür steht? Es ist Christin mit ihren Kindern und ihrer Gefährtin, die alle warten, daß sie eingelassen werden.“ Sie sprangen vor Freude und eilten, es dem Hausherrn anzusagen. Dieser kam an die Tür, sah Christin an und sprach: „Bist du Christin, welche Christ, der liebe Mann, zurückließ, als er sich auf die Pilgerreise begab?“
Christin. Ich bin die Frau, die so hartherzig war, ihres Gatten Bekümmernis geringzuachten und ihn allein auf seine Reise ausziehen zu lassen, und dies sind seine vier Kinder. Aber jetzt komme ich auch, denn ich bin überzeugt, daß dies allein der rechte Weg ist.
Ausleger. So ist erfüllt, was von dem Mann geschrieben steht, der zu seinem Sohn sprach: „Gehe hin und arbeite heute in meinem Weinberg!“ Er antwortete aber und sprach: „Ich will’s nicht tun.“ Darnach reute es ihn, und er ging hin (Matth. 21, 28. 29).
„Amen, es sei also!“ sprach Christin. „Gott mache dies Wort an mir wahr und gebe, daß ich dereinst vor Ihm unbefleckt und unsträflich im Frieden erfunden werde“ (2. Petr. 3, 14).
Ausleger. Aber warum stehst du draußen vor der Tür? Komm herein, du Tochter Abrahams! Wir redeten eben erst von dir, denn die Kunde von deinem Auszug ist schon zu uns gedrungen. Ihr Kinder und du Jungfrau, kommt herein!
Und damit führte er sie alle ins Haus. Hier hieß man sie sich setzen und ein wenig ausruhen. Nun kamen auch die übrigen Bewohner des Hauses herein, um die lieben Gäste zu begrüßen. Unter ihnen allen war große Freude darüber, daß Christin eine Pilgerin geworden war. Auch den Knaben und Barmherzig erzeigten sie ihre Liebe und hießen sie alle herzlich willkommen in dem Hause ihres Herrn.

Der Mann mit der Kehrichtharke, der nur nach unten sehen konnte (
S. 222.
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⇒ GRÖSSERES BILD
Nachdem die Pilger ein Weilchen geruht hatten, und während das Abendbrot für sie bereitet wurde, führte der Ausleger sie durch seine Unterweisungszimmer, wo er ihnen all das zeigte, was Christ vorzeiten sehen durfte. Hier sahen sie also den Mann im Käfig, den Mann mit dem Traum, den Mann, der sich durch all seine Feinde hindurchschlug, und das Bild des Größten unter allen samt den übrigen Dingen, die für Christ so lehrreich gewesen waren. Als sie alles dies geschaut und in ihre Herzen gefaßt hatten, nahm der Ausleger sie abermals beiseite und brachte sie in ein Zimmer, in welchem ein Mann war, der nur nach unten sehen konnte und eine Kehrichtharke in seiner Hand hatte. Über seinem Haupt hielt einer eine himmlische Krone, die ihm für seine Harke angeboten wurde. Der Mann aber sah weder empor noch achtete er darauf, sondern scharrte sich nur die Strohhalme, die Holzstücke und was sonst auf dem Boden lag, zusammen.
Christin sprach: „Ich glaube zu verstehen, was dies zu bedeuten hat. Es ist das Bild eines Menschen dieser Welt. Ist’s nicht so, lieber Herr?“
„Du hast recht gesagt,“ antwortete der Ausleger. „Und diese Kehrichtharke deutet seinen fleischlichen Sinn an. Daß der Mann von seiner Arbeit so ganz und gar hingenommen ist, ohne sich auch nur nach der angebotenen Krone umzusehen, soll anzeigen, daß der Himmel für manche nur eine Fabel ist und daß sie nur die Dinge hienieden für etwas Wesentliches und Wirkliches halten. Wie du ferner siehst, daß der Mann bloß niederwärts blicken kann, so soll es dich lehren, daß die irdischen Dinge, wenn sie eines Menschen Gemüt mit Macht eingenommen haben, das Herz gänzlich von Gott abziehen.“
„O,“ rief Christin aus, „erlöse mich von dieser Kehrichtharke!“
Ausleger. Ja, in der gegenwärtigen Zeit ist man ganz davon abgekommen, Gott zu bitten: „Reichtum gib mir nicht!“ (Spr. 30, 8.) Unter zehntausend ist es das Gebet von kaum einem. Stroh, Holz und Kot sind die großen Dinge, nach denen jetzt die meisten trachten.
Darüber weinten Christin und Barmherzig und sprachen: „Ach, das ist leider nur allzu wahr!“
Hierauf brachte der Ausleger seine Gäste in das allerbeste Zimmer des Hauses, und es war wirklich ein prächtiges Gemach. Er hieß sie dann rund umher schauen und sehen, ob ihnen irgend etwas in die Augen fallen würde, das ihnen zur Belehrung dienen könnte. Sie wandten ihre Blicke nach allen Seiten, konnten jedoch nichts Besonderes wahrnehmen.
Da sprach Barmherzig: „Herr, ich sehe nichts.“ Christin aber schwieg still.
„Sieh dich noch einmal um!“ erwiderte der Ausleger. Sie tat es und sagte dann: „Ich sehe nichts als eine häßliche Spinne, die sich mit den Füßen an der Wand festhält.“ — „Wie?“ fragte er: „Ist denn nur eine Spinne hier in diesem ganzen geräumigen Zimmer?“ Da traten der Christin die Tränen in die Augen — denn sie besaß die Gabe einer schnellen Auffassung — und sie sprach: „Ja, Herr, hier sind mehr denn eine; und es sind Spinnen, deren Gift weit schädlicher wirkt als das, was in jener ist.“ — „Du hast die Wahrheit geredet,“ erwiderte der Ausleger, ihr freundlich zunickend. Barmherzig aber errötete, und die Knaben bedeckten ihre Gesichter, denn sie fingen nun alle an, das Rätsel zu verstehen.
„Die Spinne,“ fuhr der Ausleger fort, „wirkt mit ihren Händen und ist in der Könige Schlössern (Spr. 30, 28). Und dies ist aufgezeichnet, um euch zu zeigen, daß, wie voll von dem Gift der Sünde ihr auch sein mögt, ihr dennoch durch die Hand des Glaubens das beste Zimmer, welches zu des Königs Haus droben gehört, ergreifen und darin wohnen könnt.“
Christin. Ein schwaches Lichtlein ist mir wohl von Anfang darüber aufgegangen, doch in die volle Tiefe der Bedeutung dieser Sache konnte ich noch nicht hineinsehen. Ich dachte, daß wir den Spinnen ähnlich wären und wie häßliche Geschöpfe aussähen, wenn wir auch gleich in den schönsten Gemächern uns befänden. Aber daß wir durch diese Spinne, dieses giftige und widerwärtige Tier, lernen könnten, wie der Glaube wirke, das ist mir nicht in den Sinn gekommen. Gott hat nichts umsonst gemacht.
Darüber wurden sie alle froh. Noch feuchten Auges schaute eins das andre an, und dann verneigten sie sich vor dem Ausleger.
Er führte sie sodann in ein andres Zimmer, worin eine Henne mit ihren Küchlein war, und er hieß sie diese ein wenig beobachten. Da ging eins von den Küchlein an den Trog, um zu trinken. Und so oft es trank, hob es jedesmal seinen Kopf in die Höhe und seine Augen gen Himmel. „Seht,“ sagte er, „was dies Küchlein tut, und lernet von ihm erkennen, woher all die Gnadengaben kommen, und daß ihr sie mit einem dankenden Aufblick nach oben hinnehmen sollt. — Und nun merket weiter auf!“ Sie nahmen wahr, daß die Henne in einer vierfachen Weise ihre Küchlein zu sich rief: Erstens hatte sie einen allgemeinen gewöhnlichen Ruf, zweitens zuweilen einen besondern Ruf, drittens einen Sammelruf und viertens einen Angst- und Warnungsruf.
„Nun,“ sprach der Ausleger, „vergleicht diese Henne mit einem König und diese Küchlein mit Seinen gehorsamen Untertanen. Wie die Henne hat auch Er Seine Weise, Seinem Volk zu rufen. Durch Seinen allgemeinen Ruf gibt Er nichts; durch Seinen besondern Ruf hat Er allezeit etwas zu geben; Er gibt ein Zeichen, wenn es sich unter Seine Flügel versammeln soll[174], und Er hat auch einen Warnungsruf, wenn Er den Feind kommen sieht. Ich habe euch, meine Geliebten, gerade in dies Zimmer geführt, weil ich erachtete, daß dies Bild für euch leicht faßlich sei.“
„Bitte, lieber Herr,“ sagte Christin, „laß uns noch mehr dergleichen sehen!“
Da brachte er sie ins Schlachthaus, wo ein Fleischer beschäftigt war, ein Schaf zu töten. Und siehe, das Schaf war still und erlitt den Tod geduldig. „Ihr müßt,“ sprach der Ausleger, „von diesem Schaf lernen dulden und Unrecht ohne Murren und Klagen hinzunehmen. Seht, wie es ohne Widerstreben alles mit sich geschehen läßt! Euer König nennt euch Seine Schafe.“
Hierauf nahm er sie mit in seinen Garten, wo eine große Mannigfaltigkeit von Blumen war, und er fragte: „Seht ihr diese Blumen?“ Christin antwortete: „Ja.“ Und er fuhr fort: „Seht, diese Blumen sind verschieden an Gestalt, Art, Farbe, Geruch und Schönheit, einige sind beliebter als die andern; wo aber der Gärtner sie hingepflanzt hat, da stehen sie und hadern nicht untereinander.“
Nun ging er mit ihnen auf sein Feld, welches er mit Weizen und Roggen besät hatte. Als sie aber genauer hinsahen, da waren die Ähren alle abgeschnitten und nur noch die Strohhalme übriggeblieben. „Dieses Land,“ sprach der Ausleger, „war bedüngt, gepflügt und besät worden, was sollen wir aber mit diesen Stoppeln tun?“ — „Verbrenne einen Teil,“ erwiderte Christin, „und das übrige mache zu Dünger!“ Er sagte: „Frucht ist es, wonach euer Auge ausgeschaut hat, und weil sie fehlt, so verurteilt ihr das, was hier steht, zum Feuer und daß es von den Leuten zertreten werde. Sehet zu, daß ihr euch hierdurch nicht selber verdammt!“
Als sie von draußen wieder hereinkamen, da sahen sie ein kleines Rotkehlchen, welches eine große Spinne im Schnabel hatte. „Schaut her!“ rief der Ausleger. Während Barmherzig sich darüber verwunderte, sprach Christin: „Wie unpassend ist das doch für ein so niedliches Vögelein wie das Rotkehlchen, welches sonst vor andern liebt, in einem freundlichen Umgang mit Menschen zu leben. Ich hatte geglaubt, es lebe von Brotkrümchen oder dergleichen mehr. Jetzt liebe ich es nicht mehr so, weil’s das tut.“
„Dies Rotkehlchen,“ belehrte der Ausleger, „ist ein treffendes Bild für gewisse Bekenner des Christentums; sie sind diesem Rotkehlchen gleich mit seiner schönen Stimme, seinem zierlichen Gewand und seiner gefälligen Haltung. Sie scheinen eine große Liebe zu den wahren Bekennern zu haben, sich vor allen andern gern zu ihnen zu gesellen und mit ihnen Gemeinschaft zu pflegen, gleich als ob sie von frommer Leute Brosamen leben könnten. Sie geben auch vor, daß sie aus innerm Bedürfnis in den Häusern der Gottseligen verkehren und die Gottesdienste des Herrn besuchen. Wenn sie aber sich selbst überlassen sind, dann können sie wie die Rotkehlchen Spinnen fangen und verschlingen; dann können sie ihre Lebensweise ändern und Unrecht saufen (Hiob 15, 16) und Sünde hinunterschlucken wie Wasser.“
Als sie nun in das Haus getreten waren, bat Christin den Ausleger, ihnen noch irgend etwas Nützliches zu zeigen oder zu sagen, bis man zum Essen rufen würde. Da hob er also an und sprach:
„Je fetter das Schwein ist, desto mehr verlangt es nach dem Kot; je fetter der Ochse, desto williger geht er zur Schlachtbank, und je wohlbehaglicher der lüsterne Mensch sich fühlt, desto mehr ist er zum Bösen geneigt.
Es ist ein Verlangen im weiblichen Geschlecht, nett und zierlich gekleidet einherzugehen; ein köstlich Ding ist aber allein das, mit dem geschmückt zu sein, was vor Gott köstlich ist.
Es ist leichter, ein oder zwei Nächte hindurch zu wachen als ein ganzes Jahr lang; gleich also ist es leichter, mit einem guten Bekenntnis seinen Anfang zu machen, als Treue zu halten bis ans Ende.
Ein Schiffsherr läßt im Sturm willig alles Entbehrliche über Bord werfen; wer aber wird wohl das Beste zuerst hinauswerfen? Nur der, welcher Gott nicht fürchtet.
Durch ein Leck kann das Schiff zum Sinken kommen, und eine einzige Sünde kann den Sünder verderben.
Wer seines Freundes vergißt, der ist undankbar gegen ihn; wer aber seines Erlösers vergißt, der ist unbarmherzig gegen sich selber.
Wer in Sünden lebt und auf die ewige Seligkeit hofft, der ist gleich dem, der Unkraut sät und gedenkt, seine Scheune mit Weizen oder Gerste zu füllen.
So jemand glücklich leben will, der hole sich seinen letzten Tag herbei und erwähle ihn zu seinem ständigen Begleiter.
Wenn die Welt, welche Gott geringachtet, von den Menschen so hoch geschätzt wird, was muß der Himmel erst sein, den Gott anpreist!
Wenn dieses Leben, das mit so vielen Trübsalen untermischt ist, doch so ungern verlassen wird, was muß das Leben da droben sein?
Ein jeder erhebt lautes Lob über die Güte, die Menschen ihm erweisen; aber wer ist so von der Güte Gottes durchdrungen, wie es sein sollte?
Wir setzen uns selten zur Mahlzeit, ohne zu essen und noch übrigzulassen; also ist in Jesus Christus mehr Verdienst und Gerechtigkeit, als die ganze Welt bedarf.“
Nachdem der Ausleger diese Rede vollendet hatte, nahm er die Pilger wieder mit sich hinaus in den Garten und führte sie zu einem Baum, der inwendig ganz hohl und verfault war, dennoch aber wuchs und Blätter hatte. „Was bedeutet dies?“ fragte Barmherzig. „Dieser Baum,“ antwortete er, „dessen Auswendiges schön, der inwendig aber faul ist, stellt ein Bild dar, womit manche, die in Gottes Garten sind, verglichen werden können. Mit dem Mund preisen sie Gott hoch, aber in der Tat wollen sie nichts für Ihn tun; ihre Blätter sehen schön aus, aber ihr Herz taugt zu nichts als zu Zunder für des Teufels Feuerzeug.“
Nun war das Abendessen bereitet, der Tisch gedeckt und die Speisen aufgetragen. Sie setzten sich nieder, und nachdem einer gedankt hatte, fingen sie an zu essen. Und da der Ausleger seine Gäste bei Tisch mit Musik zu unterhalten pflegte, so spielten auch jetzt seine Spielleute. Es war auch einer da, der sang mit sehr schöner Stimme. Sein Lied lautete also:
Der Herr ist mein getreuer Hirt, Mir wird kein Gutes fehlen; Der Hüter, der nicht schläft noch irrt, Kann mir nur Heil erwählen. Er weidet mich auf grüner Au, Er speiset mich vom Lebenstau Des Geistes Seiner Gnade.
Als Gesang und Musik verklungen waren, fragte der Ausleger Christin: „Was ist’s, das dich zuerst bewogen hat, dich auf die Pilgerreise zu begeben?“
Christin. Der Verlust meines Mannes ging mir zuerst tief zu Herzen, und ich wurde dadurch schmerzlich betrübt; doch war dies alles nur natürliche Empfindung. Darnach fiel mir auch seine Bekümmernis und die Pilgerschaft wieder ein und wie herzlos und schnöde ich mich dabei gegen ihn benommen hatte. So bemächtigte sich meiner ein tiefes Schuldbewußtsein und brachte mich fast zur Verzweiflung; da hatte ich eben zur rechten Zeit einen Traum von dem Wohlergehen meines Mannes, und ich empfing einen Brief von dem König jenes Landes, der mich zu Ihm beschied. Der Traum und der Brief zusammen wirkten so auf mein Gemüt ein, daß sie mich unwiderstehlich zu dieser Reise zwangen.
Ausleger. Stießest du auf keinen Widerstand bei deinem Auszug?
Christin. Ja, bei einer meiner Nachbarinnen, einer gewissen Frau Furchtsam, einer Verwandten dessen, der meinen Mann aus Furcht vor den Löwen zur Umkehr bereden wollte. Sie schalt mich wegen meines beabsichtigten tollkühnen Unternehmens, wie sie es nannte, eine Närrin und suchte auf alle nur erdenkliche Weise, mich von meinem Vorhaben abzuschrecken, indem sie mir die Mühsalen und Leiden vorstellte, die meinem Mann auf dem Weg widerfuhren. Allein über all das kam ich leicht hinweg. Nur ein Traum, den ich hatte, von zwei schrecklich aussehenden Männern, die, wie mir schien, sich verschwuren, mich auf meiner Reise ins Verderben zu bringen, hat mich sehr beunruhigt. Ja, ich kann ihn auch jetzt noch nicht loswerden, und er macht mich fürchten, daß jeder, der mir begegnet, mir Schaden zufügen und mich vom rechten Weg abbringen könnte. Ich will es auch meinem Herrn nicht verhalten — wiewohl ich nicht wünsche, daß jedermann es wisse —, daß wir beide auf dem Weg diesseits der Pforte so hart angefallen worden sind, daß wir zuletzt „Mörder! Mörder!“ schreien mußten. Und die beiden, welche diesen Angriff auf uns gemacht, waren denen ganz ähnlich, die ich in meinem Traum sah.
„Dein Anfang ist gut,“ sagte der Ausleger, „und dein Ausgang wird noch viel besser sein.“
„Und was hat denn dich bewogen, liebes Kind, hierher zu kommen?“ fragte er, sich an Barmherzig wendend.
Barmherzig errötete und wagte nicht aufzusehen.
Ausleger. Fürchte dich nicht, glaube nur und sage, wie dir’s ums Herz ist!
Barmherzig. Ach, lieber Herr, da es mir an solchen Erfahrungen mangelt, möchte ich lieber schweigen, und das ist es auch, was mich mit Furcht erfüllt, endlich doch noch dahintenbleiben zu müssen. Ich kann nichts von Gesichten und Träumen erzählen wie meine Freundin Christin, noch kann ich davon mitsprechen, daß ich Reue empfunden hätte über die Verachtung des Rats lieber Angehöriger.
Ausleger. Was war es denn, teures Herz, was dich bestimmte, das Pilgerleben zu erwählen?
Barmherzig. Nun, das kam so. Während unsre Freundin noch mit Zurüstungen zur Reise beschäftigt war, da wollten ich und eine andre sie gerade besuchen. Wir klopften an die Tür und traten ein. Da wir sie nun fanden also tun, stellten wir sie darüber zur Rede. Sie sagte, sie habe Bericht erhalten, zu ihrem Mann zu kommen, und erzählte uns, daß sie ihn im Traum gesehen, wie er an einem wunderbaren Ort unter Unsterblichen wohne, eine Krone auf dem Haupt trage, auf einer Harfe spiele, an seines Fürsten Tafel esse und trinke und Ihm aus Dank dafür Loblieder singe und andres mehr. Über diesen Worten entbrannte mein Herz in mir, und ich sprach bei mir selbst: Wenn das wahr ist, so will ich Vater und Mutter und das Land meiner Geburt verlassen und, wenn Christin mich annimmt, mit ihr ziehen. Ich fragte sie also weiter nach der Wahrheit dieser Dinge und ob sie mich wollte mitziehen lassen, denn ich erkannte, daß ich nur auf die Gefahr hin, mit der Stadt zu verderben, länger darin bleiben könne. Was mein Herz aber mit Schmerz erfüllte, war, daß ich so viele meiner Verwandten zurücklassen mußte. So bin ich denn mit innigstem Herzensverlangen gekommen, um mit Christin zu ihrem Mann und seinem König zu ziehen.
Ausleger. Dein Vornehmen ist gut, denn du hast der Wahrheit Glauben geschenkt. Du bist eine Ruth, die aus Liebe zu Naemi und zu dem Herrn, ihrem Gott, Vater und Mutter und Heimat verließ, damit sie auszöge und käme zu einem Volk, das sie zuvor nicht kannte. Der Herr vergelte dir deine Tat, und dein Lohn müsse vollkommen sein bei dem Herrn, dem Gott Israels, zu welchem du gekommen bist, daß du unter Seinen Flügeln Zuversicht hättest (Ruth 2, 11. 12).
Das Abendessen war nun beendet, den Frauen und den Knaben wurden für die Nacht Zimmer angewiesen, wohin sie sich alsbald zurückzogen und sich zum Schlaf niederlegten. Barmherzig aber konnte vor Freude keinen Schlaf finden, weil ihre Zweifel, ob sie auch wirklich dann angenommen werde, immer mehr zu schwinden begannen. So lag sie denn auf ihrem Lager, Gott lobend und preisend, der ihr solche Gnade erwiesen hatte.
Mit Tagesanbruch erhoben sie sich und rüsteten sich zur Weiterreise. „Bleibet noch ein Weilchen,“ mahnte der Ausleger, „denn ihr müßt in allen Ehren von dannen ziehen,“ und zu Unschuld, die die Pilger empfangen hatte, sprach er: „Nimm sie mit dir und führe sie in den Garten zum Bad und laß sie daselbst sich waschen und vom Staub der Reise reinigen[175].“ Sie gingen also hin und wuschen sich und kamen aus dem Bade nicht allein hell und rein gewaschen, sondern auch in ihren Gliedern gestärkt und neu belebt.
Als sie wieder ins Haus traten, sah der Ausleger sie an und sprach zu ihnen: „Schön wie der Mond!“ (Hohesl. 6, 10.) Dann forderte er das Siegel, womit die, welche in seinem Bad rein gewaschen waren, versiegelt wurden. Mit diesem Siegel machte er an ihnen ein Zeichen, auf daß man sie an allen Orten, wohin sie noch kommen würden, erkennen könnte. Dies Siegel aber war die Summe und der Inbegriff des Passahlammes, welches die Kinder Israel aßen, als sie aus Ägyptenland zogen (2. Mos. 13, 8-10); und das Zeichen ward auf ihre Stirn gesetzt und war ein Schmuck und eine Zierde ihres Angesichtes.
Der Ausleger rief Unschuld abermals herbei und sprach: „Gehe in die Kleiderkammer und hole Gewänder daraus für diese Leute!“ Sie ging und brachte weiße Kleider und legte sie vor ihm nieder, und er gebot ihnen, dieselben anzuziehen; es war aber feines Leinen, weiß und rein[176]. Als die Frauen so geschmückt dastanden, waren sie wie ein Wunder füreinander, denn sie konnten bei sich selbst die Herrlichkeit nicht sehen, die eine jede an der andern erblickte. Daher fing jede an, die andre höher zu achten als sich selbst. „Du bist schöner als ich,“ sagte die eine; „nein, du bist herrlicher als ich,“ sprach die andre. Auch die Knaben standen staunend da über die Wandlung, die mit ihnen vorgegangen.
Der Ausleger rief nun einen seiner Diener mit Namen Mutherz und hieß ihn Schwert, Schild und Helm nehmen. „Nimm diese meine Töchter,“ sprach er, „und begleite sie bis zu dem Hause Prachtvoll, wo sie ihre nächste Rast halten werden.“ Dieser nahm seine Waffen und ging vor ihnen her. Der Ausleger sprach: „Gott geleite euch!“ Auch die übrigen Glieder des Hauses entließen sie mit vielen Segenswünschen. So zogen sie denn ihre Straße und sangen:
Den Sinn der Zeichenschrift in der Natur, Der nur durch Gottes Deutung wird verstanden, Den niemand findet auf der Sünde Spur, Durch gnadenreiche Führung hier wir fanden. Des Vogels Mutterlieb’ wir nun verstehn Und wissen, wer die mächt’gen Flügel breitet, Zu decken arme Vögelein, die flehn — O wär’ das Herz zum Glauben recht bereitet! Das Wagestück der Spinne gibt mir Mut; Der Ärmste darf im Glauben alles wagen. Doch seh’ ich auch, was still die Sünde tut — Wie Fäulnis kann den Baum zu Tode nagen. Drum will ich flehn, daß Er mich wachen läßt, In Seiner Furcht den guten Kampf zu kämpfen, Als Träger Seines Kreuzes, redlich, fest, Den finstern Trieb in meinem Fleisch zu dämpfen.
Fußnoten:


Viertes Kapitel. Belehrungen und Erfahrungen unter dem Geleit eines treuen Führers.

Unter der Führung von Mutherz kamen sie bald an den Ort, wo Christ die Bürde vom Rücken fiel und in ein Grab rollte. Hier standen sie still und priesen Gott darüber.
„Eben fällt mir wieder ein,“ sprach Christin, „was uns an der Pforte gesagt ward: daß wir Vergebung erhalten sollen durch Wort und Tat, nämlich durch Wort, das ist durch die Verheißung, durch Tat, das ist in der Weise, wie sie erlangt worden ist. Was die Verheißung ist, davon weiß ich etwas; was es aber heißt, Vergebung erlangen durch die Tat oder in der Weise, wie sie erworben wurde, das nehme ich an, weißt du, Herr Mutherz; deshalb bitten wir dich: unterweise uns darüber!“
Mutherz. Die Vergebung durch die Tat ist eine Vergebung, die von jemand für einen andern, der ihrer bedarf, erworben ist. Nicht durch die Person, welcher die Vergebung zuteil wird, sondern, so sagt ein andrer, „in der Weise, wie ich sie erworben habe.“ Also ist, um mich deutlicher auszudrücken, die Vergebung, welche du und Barmherzig und diese Knaben erlangt haben, durch einen andern erworben worden, nämlich durch den, der euch durch die Pforte einließ. Und zwar hat Er sie in einer doppelten Weise erworben: Er hat alle Gerechtigkeit erfüllt, um euch damit zu bedecken, und Er hat Sein Blut vergossen, euch damit zu reinigen.
Aber um die Vergebung zu bewirken, muß Gott etwas als Lösegeld dargebracht und uns zugleich etwas bereitet werden, was uns völlig bedeckt. Die Sünde hatte uns dem gerechten Fluch des göttlichen Gesetzes überliefert. Von dem Fluche müssen wir losgesprochen werden auf dem Weg der Erlösung, indem ein Lösegeld bezahlt wird für den Schaden, den wir mit unsern Sünden angerichtet haben, und dies ist geschehen durch das Blut eures Herrn, der da kam und trat an eure Stelle und starb für euch den Tod um eurer Übertretungen willen. So hat Er euch erkauft mit Seinem Blut und euch bekleidet mit Seiner Gerechtigkeit[177]. Um dessentwillen geht Gott gnädig an euch vorüber und wird euch nicht verderben, wenn Er kommt, die Welt zu richten[178].
Christin. Das ist herrlich! Nun verstehe ich erst recht, warum uns Vergebung zugesichert ward durch Wort und Tat. So laß uns, liebe Barmherzig, danach trachten, daß wir dies in unsern Herzen behalten, und ihr, meine Kinder, denket auch daran! Aber, lieber Herr, war es nicht gerade dies, das bewirkte, daß die Last von meines lieben Mannes Schultern herabfiel, und worüber er vor Freuden hüpfte?
Mutherz. Ja, es war der Glaube an den, der die Bande entzweischnitt, die auf keine andre Weise gelöst werden konnten, und war der Grund, daß er seine Bürde bis zum Kreuz tragen mußte, daß er einen Beweis von der Kraft dieser Vergebung empfinge.
Christin. Das dachte ich mir wohl, denn obgleich mein Herz schon zuvor leicht und froh war, so ist es doch jetzt zehnmal leichter und froher. Und wenn ich auch noch wenig dergleichen erfahren habe, so bin ich doch dessen völlig überzeugt, daß, wenn auch der beladenste und mühseligste Mensch in der Welt hier wäre und sähe und glaubte, wie ich jetzt glaube, so würde sein Herz fröhlich und getrost werden.
Mutherz. Durch diesen Anblick und die Betrachtung des Kreuzes wird uns nicht allein Trost und Befreiung von unsrer Bürde zuteil, sondern es wird auch eine herzliche Liebe dadurch in uns entzündet. O wer sollte nicht auch vor diesem Ratschluß Gottes zu seiner Erlösung in Dank und Anbetung stehen bleiben und zugleich in Liebe glühen zu dem, der sich für uns dahingegeben hat!
Christin. Wahrlich, mir ist, als ob mir das Herz blutete, wenn ich daran gedenke, daß Er für mich geblutet hat! O Du Gnadenreicher, o Du Hochgelobter, Du bist würdig, daß ich Dein bin, denn Du hast mich Dir erkauft! Dir gebührt es, mich ganz und gar zu besitzen, denn Du hast zehntausendmal mehr für mich bezahlt, als ich wert bin. Nun verwundere ich mich nicht mehr, daß sich meines Mannes Augen darüber mit Tränen füllten und die empfangene Gnade seine Schritte beflügelten. O wie gern hätte er mich da mit sich genommen! Ich Elende, daß ich ihn allein ziehen ließ! O Barmherzig, wenn doch dein Vater und deine Mutter hier wären, ja auch Frau Furchtsam! Ja, ich wünschte selbst von Herzen, daß auch Frau Wollust dabei wäre. Ohne Zweifel würden ihre Herzen ergriffen werden; es würde weder die Furcht der einen noch die Fleischeslust der andern vermögen, sie wieder nach Hause zu treiben und abzuhalten, den Pilgerstand zu erwählen.
Mutherz. Du sprichst jetzt in der Wärme deines tiefbewegten Herzens. Denkst du, daß es dir immer so zumute sein wird? Zudem wird dies nicht allen so zuteil, nicht einmal jedem, der deinen Jesus bluten sah. Manche standen dabei und sahen das Blut aus Seinem Herzen zu Boden rinnen und waren dennoch so ferne davon, daß sie, statt zu wehklagen, Ihn vielmehr verlachten, und anstatt Seine Jünger zu werden, ihre Herzen gegen Ihn verhärteten. Alles, was ihr empfindet, meine Töchter, rührt her von einem besonderen Eindruck, den die göttliche Gnade durch die Betrachtung dessen, worüber ich mit euch gesprochen, auf euch gemacht hat. Erinnert euch, daß euch gesagt ward, daß die Henne durch ihren allgemeinen Ruf ihre Küchlein nicht zur Speise locke. Dies habt ihr also durch eine besondere Wirkung der Gnade.
Ich sah nun in meinem Traum, daß sie auf ihrem Weg an die Stätte kamen, wo Albern, Träge und Eigendünkel lagen und schliefen, als Christ hier vorbeiging, und siehe, nun waren sie ein wenig abseits vom Weg an Ketten aufgehängt.
„Wer sind diese drei?“ fragte Barmherzig ihren Führer, „und warum sind sie gehängt worden?“
Mutherz. Diese drei waren gefährliche Gesellen, die selber keine Lust hatten, Pilger zu werden, und andre, soviel sie nur konnten, daran hinderten. Sie waren selber träge und unverständig, und wen sie nur dazu bringen konnten, den machten sie ebenso wie sie und verhießen ihm zuletzt Glück und Wohlergehen.
Barmherzig. Aber ist es ihnen denn gelungen, jemand zu betören?
Mutherz. Ja, sie haben mehrere vom Weg abgelenkt. Da war Schneckengang, den sie auf ihre Seite brachten, auch einen gewissen Kurzatem und Feigherz sowie Lustgierig und Schlafkopf und eine junge Frau, namens Stumpfsinnig. Sie brachten auch euren Herrn in ein übles Gerede, indem sie ausstreuten, Er sei ein harter Dienstherr. Von dem Gelobten Land sprengten sie aus; es sei nicht halb so gut, als man vorgebe. Sie fingen auch an, Seine treuen Diener zu schmähen, und hießen sie zudringliche Menschen, Unruhestifter, Leute, die sich in alles einmischten. Sodann pflegten sie das Brot Gottes taube Nüsse zu nennen, die Tröstungen Seiner Kinder närrische Einbildungen, die Arbeit und Mühe der Pilger ein zweckloses Beginnen.
Christin. Nun, wenn sie so waren, dann will ich sie nimmermehr beklagen. Sie haben nur empfangen, was ihre Taten wert waren, und ich meine, es ist gut, daß sie so nahe an der Landstraße hängen, damit andre sie sehen und sich warnen lassen. Aber wäre es nicht besser gewesen, wenn ihre Übeltaten auf eine eiserne Tafel eingegraben und hier, wo sie ihre Bosheit verübt, andern schlechten Menschen zur Warnung hingestellt worden wären?
Mutherz. Das ist auch geschehen, wie du leicht wahrnehmen kannst, wenn du dich der Mauer näherst.
Barmherzig. Nein, nein, laß sie hängen und ihre Namen vergehen und ihre Übeltaten ewig gegen sie zeugen! Ich achte es für eine große Gnade, daß sie aufgehängt wurden, ehe wir hierhergekommen sind. Wer weiß, was sie sonst uns armen Frauen zugefügt hätten! — Sie faßte alsdann ihre Worte in ein Lied und sang:
Schafft mit Ernst, ihr Menschenkinder, schaffet eure Seligkeit; Bauet nicht wie freche Sünder auf die ungewisse Zeit, Sondern schauet über euch, ringet nach dem Himmelreich Und bemüht euch hier auf Erden, wie ihr möget selig werden! Werdet ihr nicht treulich ringen, wollt ihr träg und lässig sein, Eure Lüste zu bezwingen, so bricht eure Hoffnung ein. Ohne tapfern Streit und Krieg folget niemals rechter Sieg; Nur dem Sieger ist die Krone beigelegt zum Gnadenlohne. Zittern will ich vor der Sünde, will allein auf Jesus sehn, Bis ich Seinen Beistand finde, in der Gnade zu bestehn. Ach mein Heiland, geh doch nicht mit mir Armen ins Gericht; Gib mir Deines Geistes Waffen, meine Seligkeit zu schaffen!
Sie wanderten weiter und kamen an den Fuß des Berges der Beschwerde, wo ihr treuer Begleiter wiederum Veranlassung nahm, ihnen zu erzählen, was Christ seinerzeit auf diesem Weg begegnete. Indem er sie an die Quelle führte, sprach er: „Seht, das ist die Quelle, aus der Christ trank, ehe er diesen Berg hinaufstieg. Damals war sie klar und rein, aber jetzt ist sie verunreinigt durch die Füße derer, die es nicht gerne sehen, daß die Pilger hier ihren Durst löschen[179].“
„Aber,“ fragte Barmherzig, „warum sind sie so neidisch?“
„Nun, es wird schon gehen,“ erwiderte der Führer, „wenn man daraus in ein reines Gefäß schöpft, der Schlamm wird sich dann auf dem Boden setzen und das Wasser um so klarer werden.“ — Sie taten also, wie ihnen gesagt ward, und schöpften in ein irdenes Gefäß und ließen es stehen, bis sich der Schlamm gesetzt hatte, und hernach tranken sie davon.
Mutherz zeigte ihnen auch die beiden Nebenwege am Fuß des Berges, die Werkheilig und Heuchler ins Verderben führten. „Gefährliche Wege sind’s,“ sprach er, „zwei Menschen büßten hier ihr Leben ein, als Christ vorbeizog. Und obschon, wie ihr seht, diese Wege seitdem mit Ketten, Pfählen und einem Graben abgesperrt und ganz und gar eingehegt sind, so gibt es doch noch Leute, die lieber auf ihnen ihr Heil versuchen, als daß sie sich die Mühe nehmen, den Hügel hinanzusteigen.“
Christin. Der Verächter Weg bringt Wehe (Spr. 13, 15). Mich wundert’s, daß jemand seinen Fuß noch auf einen solch halsbrecherischen Weg zu setzen wagt.
Mutherz. Und dennoch wagen sie’s. Ja, und wenn sich’s einmal zuträgt, daß einer von des Königs Dienern sie sieht und sie auf die Gefahren dieses falschen Weges aufmerksam macht, so antworten sie nur spöttisch und sprechen: „Nach dem Wort, das du im Namen des Herrn uns sagst, wollen wir dir nicht gehorchen, sondern wir wollen tun nach allem dem Wort, das aus unserm Munde geht“ (Jer. 44, 16. 17).
Christin. Es sind träge Menschen, sie scheuen die Mühe, bergan zu steigen. So erfüllt sich an ihnen, was geschrieben steht: „Der Weg der Faulen ist dornig“ (Spr. 15, 19). Ja, sie wollen lieber in eine Schlinge gehen als diesen Berg hinauf und dann der himmlischen Stadt zu.
Sie begannen nun den steilen Pfad emporzuklimmen, aber noch ehe sie die Höhe erreicht hatten, fing Christin an zu keuchen und sprach: „In der Tat, das ist ein saures Stück, da hinaufzukommen. Es ist kein Wunder, daß die, welche ihre Bequemlichkeit lieber haben als ihr Seelenheil, sich einen angenehmern Weg erwählen.“ Barmherzig aber setzte sich ermüdet nieder, und Jakob, der jüngste Knabe, fing an zu weinen: „Kommt, kommt!“ rief ihnen Mutherz zu, „wir dürfen hier nicht rasten; noch ein paar Schritte, und wir sind in des Königs Laube!“ Damit nahm er den kleinen Knaben bei der Hand und führte ihn hinauf.
Bei der Laube angekommen, war es ihnen eine große Freude, sich hier niedersetzen zu dürfen, denn sie waren alle sehr erhitzt und müde. „Wie ist dem Müden die Ruhe so süß[180]!“ rief Barmherzig aus, „und wie gütig ist der König der Pilger, daß Er ihnen solche Ruheplätze bereitet! Von dieser Laube habe ich schon viel reden hören; aber laßt uns hier vor dem Schlaf uns hüten, denn, wie ich vernommen, ist er den armen Christ teuer zu stehen gekommen.“
„Nun, ihr Knaben, seid ihr alle wohlauf?“ sprach Mutherz hierauf zu den Kleinen, „wie gefällt’s euch denn auf eurer Pilgerreise?“
„Herr,“ antwortete Jakob, „mir wollte vorhin schier der Atem ausgehen; aber ich danke dir, daß du mich an der Hand geführt hast. Es ist, wie meine Mutter gesagt hat, nämlich daß der Weg zum Himmel einer Leiter gleich sei, auf der man in die Höhe gelange; auf dem Weg zur Hölle aber gehe es wie einen Berg hinunter. Ich will jedoch lieber auf der Leiter zum Leben emporsteigen, als den Weg hinunter zum Tode laufen.“
Barmherzig. Aber das Sprichwort sagt: „Bergab geht’s leicht.“
Jakob. Ja, es wird jedoch noch ein Tag anbrechen, da das Bergabgehen die allerschwerste Sache sein wird.
„Du hast recht geantwortet, mein lieber Junge,“ sprach der Führer. Da lächelte Barmherzig, der kleine Knabe aber errötete.
Christin. Kommt, laßt uns noch eine kleine Erfrischung zu uns nehmen, während wir hier sitzen und unsre Füße ausruhen. Ich habe ein Stück von einem Granatapfel, das mir der Ausleger beim Abschied mitgab, auch ein wenig Honigseim und eine kleine Flasche mit stärkendem Getränk[181].
Barmherzig. Ich habe es bei mir selbst gedacht, daß er dir etwas gab, als er dich beiseite nahm.
Christin. Ja, das tat er, und wie wir es bisher gehalten, so sollst du auch fernerhin teilhaben an allem Guten, das mir zufällt, weil du so bereitwillig meine Gefährtin geworden bist. — Sie gab ihnen also, und sie aßen, sowohl Barmherzig als auch die Knaben.
„Herr,“ sprach Christin zu Mutherz, „willst du nicht auch mit uns halten?“
Er antwortete: „Ihr habt noch einen weiten Weg vor euch, so möge euch diese Speise gesegnet sein! Ich aber werde bald wieder umkehren an meinen Ort, wo ich täglich davon genieße.“
Als sie nun gegessen und getrunken und sich untereinander noch eine Weile erbaut hatten, mahnte der Führer zum Aufbruch und sprach: „Der Tag neigt sich, und wenn ihr euer Heil bedenkt, so wollen wir uns zur Weiterreise anschicken.“
Also machten sie sich auf den Weg, und die Knaben gingen voran. Christin aber vergaß, ihr Fläschchen mit dem stärkenden Getränk mitzunehmen; darum schickte sie einen der Knaben zurück, es zu holen. Barmherzig sagte: „Das scheint ein Ort zu sein, wo man leicht etwas verliert. Hier verlor Christ sein Zeugnis, und Christin hat ihre Flasche zurückgelassen. Herr, was mag die Ursache sein?“
Mutherz antwortete: „Die Ursache davon ist entweder Schlaf oder Vergeßlichkeit. Die einen schlafen, wenn sie wachen sollten; die andern vergessen etwas, woran sie denken sollten. Aus dieser Ursache gereichen so manchen Pilgern die Ruheplätze in dem einen oder andern Stück zum Verlust. Pilger sollten wachsam sein und bei ihren höchsten Genüssen sich dessen erinnern, was sie schon empfangen haben. Aus Mangel hieran verwandelt sich ihre Freude oft in Tränen und ihr Sonnenschein in eine Wolke. Das mußte auch Christ hier erfahren.“
Als sie nun an die Stätte kamen, wo Mißtrauen und Furchtsam Christ begegnet waren und ihn aus Furcht vor den Löwen zur Umkehr bereden wollten, fanden sie hier eine Art von Gerüst, daran hing nach der Straße zu eine große Tafel mit folgender Inschrift:
„Die ihr zu diesem Orte kommt, Nehmt Herz und Zunge wahr; Erwählt ihr, was zum Heil nicht frommt, So droht auch euch Gefahr.“
Unter diesem Reim standen die Worte:
„Dieses Denkmal ist denen zur Strafe erbaut, welche sich durch Furchtsam oder Mißtrauen abschrecken lassen, ihre Pilgerreise fortzusetzen. Hier ward auch Mißtrauen und Furchtsam mit einem glühenden Eisen durch die Zunge gebrannt, weil sie Christ an seiner Wallfahrt zu hindern versuchten.“
Da sagte Barmherzig: „Das erinnert daran, wie David, d. i. der Geliebte, betete: Herr, errette meine Seele von den Lügenmäulern, von den falschen Zungen! Was kann dir die falsche Zunge tun, und was kann sie ausrichten?“ (Ps. 120, 2. 3.)
Sie zogen weiter, bis sie die Löwen zu Gesicht bekamen. Mutherz war ein starker Mann, er fürchtete sich daher nicht vor den Löwen. Die Knaben aber, als sie diesen näher kamen, erschraken so sehr vor ihnen, daß sie zurücktraten und sich hinter den andern versteckten und hintennach gingen. Darüber lächelte ihr Führer und sprach: „Was ist das, ihr Jungen, ihr geht voran, wenn keine Gefahr im Anzug ist, und zieht euch zurück, sobald die Löwen sich nur zeigen?“

Mutherz zog sein Schwert, um den Pilgern den Weg zu bahnen. (
S. 238.
).
⇒ GRÖSSERES BILD
Als sie nun hinzukamen, zog Mutherz sein Schwert in der Absicht, den Pilgern den Weg zu bahnen den Löwen zum Trotz. Da kam plötzlich einer zum Vorschein, der, wie es schien, den Löwen beizustehen gedachte. Der Name dieses Mannes war Grimm oder Blutdurst, weil er die Pilger erschlug, und er war vom Geschlecht der Riesen.
„Was habt ihr hier zu schaffen?“ rief er dem Führer der Pilger zu.
Mutherz. Diese Frauen und Kinder haben die Pilgerschaft angetreten, und das ist der Weg, den sie ziehen müssen, und ziehen sollen sie ihn auch, dir und den Löwen zum Trotz.
Blutdurst. Das ist nicht ihr Weg, und sie sollen ihn auch nicht gehen. Ich bin gekommen, ihnen entgegenzutreten, und zu dem Ende will ich auch den Löwen beistehen[182].
(Nun war allerdings wegen der Wut der Löwen und wegen der grimmigen Haltung des Blutdurst, der sie schützte, dieser Weg lange unbetreten geblieben und fast ganz mit Gras bewachsen.)
Christin. Obgleich die Wege verlassen sind und die da auf Straßen gehen sollten, durch krumme Wege wandelten, so soll’s doch jetzt nicht also sein, da ich aufkam, eine Mutter in Israel (Richt. 5, 6. 7).
Hierauf schwur Blutdurst bei den Löwen, daß sie hier keinen Durchgang finden sollten, und gebot ihnen, von dieser Stelle zu weichen. Nun aber hob Mutherz, der Führer, zum Schlage aus und ließ ihn sein Schwert[183] so empfindlich fühlen, daß er sich zurückziehen mußte, indem er ausrief: „Willst du mich auf meinem eigenen Grund und Boden erschlagen?“
Mutherz. Es ist des Königs Heerstraße, auf die du die Löwen gestellt hast; aber so schwach diese Frauen und Kinder sind, sollen sie dennoch ihren Weg fortsetzen!
Mit diesen Worten versetzte er ihm einen zweiten wuchtigen Hieb, der ihn auf die Knie brachte und ihm seinen Helm zerspaltete. Mit dem dritten schlug er ihm einen Arm ab; da brüllte der Riese so fürchterlich, daß seine Stimme die Frauen erschreckte, und doch waren sie froh, ihn zappelnd auf dem Boden liegen zu sehen. Die Löwen aber waren an Ketten und konnten von selbst nichts tun.
Als nun der alte Blutdurst tot war, sprach Mutherz zu den Pilgern: „Nun kommt und folgt mir! es soll euch von den Löwen kein Schaden zugefügt werden.“
So kamen denn die Frauen zitternd und die Knaben leichenblaß an ihnen vorüber, ohne daß jemand ein Leid geschah.
Fußnoten:


Fünftes Kapitel. Der Aufenthalt im Palast Prachtvoll.

Sobald die Pilger an den Löwen vorüber waren, sahen sie auch schon vor sich in kleiner Entfernung den Palast Prachtvoll auftauchen. Sie beeilten sich um so mehr, dorthin zu kommen, weil das Reisen bei Nacht in dieser Gegend sehr gefährlich ist. Bei der Pforte angekommen, klopfte der Führer an, und der Pförtner Wachsam rief: „Wer da?“ — „Ich bin’s!“ antwortete der Führer; und alsbald ward seine Stimme erkannt, denn er hatte schon viele Pilger hierher geleitet. Wachsam kam und öffnete das Tor; aber er sah die Frauen nicht, denn sie hatten sich hinter ihren Führer gestellt, und er sprach: „Nun, Mutherz, was führt dich denn so spät in der Nacht hierher?“
„Ich habe,“ erwiderte dieser, „einige Pilgrime hergebracht, und sie sollen auf meines Herrn Befehl hier übernachten. Ich wäre schon früher hier angelangt, wenn nicht der Riese, der die Löwen zu verteidigen pflegte, mir widerstanden hätte. Nach langem heißem Kampf habe ich ihn nun aber erschlagen und die Pilger wohlbehalten hindurchgebracht.“
Wachsam. Willst du nicht eintreten und bis zum Morgen bleiben?
Mutherz. Nein, ich will diese Nacht noch zu meinem Herrn zurückkehren.
Christin. O lieber Herr, ich weiß mich nicht darein zu fügen, wenn wir dich auf unsrer fernern Reise missen sollen. Du hast dich so treu und liebreich gegen uns erwiesen; du hast so wacker für uns gefochten und so manchen guten Rat erteilt, daß ich deine Güte gegen uns nie vergessen werde.
Barmherzig. O könnten wir doch dein Geleit bis an das Ende unsrer Reise haben! Wie sollen solch schwache Frauen, wie wir sind, auf einem so gefahrvollen Weg ohne Freund und Beschützer durchkommen?
„Ach Herr,“ bat auch Jakob, der jüngste unter den Knaben, „laß dich doch überreden, mit uns zu ziehen und uns zu helfen, denn wir sind so schwach, und der Gefahren sind so viele!“
Mutherz. Ich bin unter meines Herrn Befehl. Auf Sein Geheiß stehe ich euch gern zu Diensten bis ans Ende eurer Wallfahrt. Doch darin habt ihr es versehen, Ihn darum zu bitten, als Er mich bis hierher mit euch gehen hieß, Er würde euer Begehr erfüllt haben. So aber muß ich jetzt von euch Abschied nehmen. Und nun, liebe Christin, Barmherzig und ihr, meine wackern Knaben, lebt alle wohl!
Hierauf fragte der Pförtner Christin nach ihrer Heimat und Freundschaft. Sie sprach: „Ich komme aus der Stadt Verderben. Ich bin eine Witwe, denn mein Mann ist gestorben. Sein Name war Christ, der Pilger.“ — „Wie?“ fragte erstaunt der Pförtner, „war das dein Mann?“ — „Ja,“ erwiderte sie, „und das sind seine Kinder, und diese“ — auf Barmherzig weisend — „ist eine von meinen Landsleuten.“
Der Pförtner zog nun die Glocke, wie er in solchen Fällen zu tun pflegte, und alsbald erschien eine Jungfrau an der Tür, ihr Name war Demut. „Geh,“ sprach er zu ihr, „und sage drin, daß Christin, Christs Frau, und ihre Kinder auf ihrer Pilgerfahrt hier eingetroffen sind.“ Demut brachte diese Kunde ins Haus, und mit großer Freude kamen alle eilend zu dem Tor, wo Christin immer noch stand. Einige der Ältesten des Hauses sprachen zu ihr: „Komm herein, Christin, komm herein, du Frau des lieben Mannes, komm herein, du Gesegnete des Herrn, mit allen, die bei dir sind!“
Sie traten alle ein und wurden in ein großes Zimmer geführt, wo sie sich niedersetzten. Nun kamen auch die übrigen Glieder des Hauses, um die Gäste zu sehen und zu bewillkommnen. Als sie vernahmen, wer sie wären, grüßten sie dieselben mit einem Kuß und sprachen: „Seid willkommen, ihr Gefäße der göttlichen Gnade! Wir, eure Freunde, heißen euch herzlich willkommen!“
Inzwischen war es nun sehr spät geworden, und die Pilger, müde von ihrer Reise und der ausgestandenen Angst bei dem Kampf mit den schrecklichen Löwen, baten, sich zurückziehen zu dürfen.
Etliche der Hausgenossen aber sprachen: „Zuvor müßt ihr noch etwas Speise zu euch nehmen!“ Denn sie hatten ein Lamm für sie bereitet mit allem, was dazu gehört[184]. Der Pförtner hatte nämlich vorher von ihrem Kommen gehört und es im Haus gemeldet.
Nachdem sie gegessen und Gott für diese Gaben gedankt hatten, beschlossen sie den Abend mit einem Loblied, worauf sie nochmals baten, sich nun zur Ruhe begeben zu dürfen. „Wenn es uns gestattet ist, selbst zu wählen,“ sagte Christin, „so laßt uns in dem Zimmer schlafen, welches mein Mann seinerzeit innehatte.“ Also wurden Christin und Barmherzig hinauf in die Kammer des Friedens gebracht. Vor dem Einschlafen entspann sich unter ihnen noch folgendes Gespräch:
Christin. Wie wenig dachte ich daran, als mein Mann die Pilgerreise antrat, daß ich ihm je nachfolgen würde!
Barmherzig. Und noch weniger, daß du in demselben Bett und Zimmer schlafen würdest.
Christin. Und am allerwenigsten hätte ich gedacht, daß ich noch je sein Angesicht mit Freuden wiedersehen und mit ihm zugleich den Herrn, den König, anbeten würde, wie ich jetzt glaube, daß es geschehen wird.
Barmherzig. Horch, was ist denn das für ein Geräusch?
Christin. Ja, mich dünkt, es sind Töne von Musik, aus Freude darüber, daß wir hier sind.
Barmherzig. Wie wunderbar! Musik im Hause, Musik im Herzen und Musik auch im Himmel vor Freude, daß wir hier sind!
So redeten sie noch eine Weile miteinander, und darob schliefen sie ein. Als sie am Morgen aufwachten, sagte Christin zu Barmherzig: „Was war dir, daß du diese Nacht lachtest; du hast wohl geträumt?“
Barmherzig. Ja, ich hatte einen lieblichen Traum; aber bist du dessen gewiß, daß ich gelacht habe?
Christin. Ja, du hast herzlich gelacht; aber bitte, Barmherzig, erzähle mir deinen Traum!
Barmherzig. Mir träumte, ich säße ganz allein an einem einsamen Ort und beweinte meines Herzens Härtigkeit. Bald darauf sammelte sich, wie mir schien, eine ganze Menge Menschen um mich her, die meinen Klagetönen zuhorchte. Etliche der Umstehenden verlachten mich, andre nannten mich eine Närrin, wieder andre fingen an, mich hin und her zu zerren. Über dem allem blickte ich auf und sah einen mit Flügeln auf mich zueilen. Er sprach zu mir: „Barmherzig, was fehlt dir?“ Als er nun meine Klage vernommen, sagte er: „Friede sei mit dir!“ Er trocknete auch meine Tränen und kleidete mich in Silber und Gold; er hängte eine Kette um meinen Hals und Ringe an meine Ohren und setzte eine schöne Krone auf mein Haupt (Hes. 16, 10-13). Hierauf nahm er mich bei der Hand und hieß mich ihm folgen. Wir kamen bald zu einer goldenen Pforte, die sich auf sein Anklopfen öffnete. Er trat ein, und ich folgte ihm bis zu einem Thron, auf dem einer saß, der zu mir sagte: „Willkommen, Meine Tochter!“ Der Ort war hell und strahlend wie die Sterne, ja leuchtend wie die Sonne. Mich dünkte auch, ich sähe dort deinen Mann. Da erwachte ich. Habe ich denn aber im Traum gelacht?
Christin. Über dieses dein herrliches Los konnte dein Mund auch wohl voll Lachens sein. Ja, du darfst versichert sein, daß dies kein gewöhnlicher Traum war, und wie du die erste Hälfte wahr befunden, so wird sich auch das übrige noch an dir erfüllen. „Denn auf mancherlei Weise redet Gott, nur achtet man’s nicht. Im Traum, im Nachtgesicht, wenn der Schlaf auf die Leute fällt, wenn sie schlafen auf dem Bett, da öffnet Er das Ohr der Leute“ (Hiob 33, 14-16). Es ist nicht nötig, daß wir wachen, wenn Gott mit uns reden will. Während wir schlafen, kann Er uns nahe treten und uns Seine Stimme hören lassen. Unser Herz wacht zuweilen, wenn wir schlafen, und Gott kann zu ihm reden entweder durch Worte oder durch Sprüche, durch Zeichen oder Bilder ebensogut, als wenn wir in wachem Zustand wären.