Zweiter Teil: Die Pilgerin. (continued 3)
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Mittlerweile waren sie nun der Stadt Eitelkeit so nahe gekommen, daß sie diese gerade vor sich liegen sahen. Die Pilger beratschlagten unter sich, wie sie am besten durch den Jahrmarkt, der hier abgehalten wird, hindurchkommen könnten. Der eine sagte dies, der andre jenes. „Diese Sorge könnt ihr euch sparen,“ fiel ihnen Mutherz in die Rede, „denn ihr wißt, daß ich schon manchen Pilger durch die Stadt geleitet habe. Zudem kenne ich einen alten Jünger mit Namen Mnason aus Zypern, in dessen Hause wir herbergen können (Apostelg. 21, 16); wenn es euch gefällt, wollen wir dort einkehren.“ Alle waren mit diesem Vorschlag einverstanden, und da die Sonne gerade unterging, beeilten sie sich, um noch vor Nacht dort einzutreffen. Bald hatten sie das Haus gefunden, und Mutherz rief an der Tür. Der alte Mann erkannte sogleich die Stimme des Führers, er kam und öffnete, und sie gingen alle hinein.
„Wie weit seid ihr heute gereist?“ fragte freundlich der Wirt.
„Vom Hause des Gajus, unsers Freundes, bis hierher,“ antworteten sie.
„Nun, dann seid ihr aber eine gute Strecke gegangen,“ erwiderte Herr Mnason, „nehmt euch Platz, denn ihr werdet wohl sehr müde sein.“ Da setzten sie sich nieder, und ihr Führer sagte: „Wie gut ist’s, daß wir diese Herberge noch erreicht haben, meine Lieben, und ich bin überzeugt, daß ihr meinem Freund willkommen seid.“
Mnason. Ja, ich heiße euch alle willkommen! Und solange ihr in meinem Hause weilt, soll es euch an nichts mangeln.
Redlich. Was ein Pilger zu gewissen Zeiten am meisten entbehrt, das ist eine Herberge und gute Gesellschaft, und nun, denke ich, haben wir beides gefunden.
Mnason. Was die Herberge betrifft, so seht ihr, wie sie ist; was aber die gute Gesellschaft anlangt, so wird’s die Probe zeigen.
Mutherz. Herr Mnason, willst du den Pilgern nun ihre Zimmer zeigen?
Dazu war der Wirt gern bereit, und er wies jedem sein Gemach an. Er führte sie auch in einen sehr schönen Speisesaal, wo sich die Pilger aufhalten konnten, bis sie zur Ruhe gingen.
„Herr Mnason, gibt es in dieser Stadt nicht auch etliche gleichgesinnte Leute, mit denen wir Gemeinschaft haben können?“ fragte der alte Redlich, nachdem sie sich hier niedergelassen hatten.
Mnason. Es hat deren einige hier, doch ist ihre Zahl verhältnismäßig klein.
Redlich. Wäre es nicht möglich, mit ihnen Fühlung zu bekommen? Der Anblick Gleichgesinnter schon allein hat etwas Erhebendes und Belebendes; ein solches Zusammentreffen auf der Pilgerschaft ist eben das, was der Aufgang von Mond und Sternen den Seefahrern ist.
Der Wirt rief nun seine Tochter Gnade herbei und sprach zu ihr: „Gnade, geh doch schnell zu meinen Freunden Herrn Bußfertig, Herrn Heilig, Herrn Frommhold, Herrn Lügenscheu und Herrn Reumütig und sage ihnen, daß ich lieben Besuch erhalten habe, der sie diesen Abend noch zu sehen wünsche.“
Gnade ging hin, sie einzuladen. Sie kamen und traten in den Saal, wo die Pilger waren. Nach der gegenseitigen Begrüßung setzten sie sich allesamt um den Tisch herum. Der Hauswirt redete sie also an: „Liebe Nachbarn, es sind, wie ihr seht, einige Gäste bei mir eingekehrt, die Pilger sind. Sie kommen von weit her und ziehen nach dem Berg Zion.“ Und mit dem Finger auf Christin weisend, fuhr er fort: „Könnt ihr euch wohl denken, wer diese ist? Es ist Christin, die Frau des bekannten Pilgers Christ, der mit seinem Freund Getreu in unsrer Stadt so schmählich behandelt worden ist.“
„Welch eine Überraschung!“ riefen die Männer aus. „Das dachten wir wahrlich nicht, daß wir Christin hier antreffen sollten.“ Sie erkundigten sich nun nach ihrem Ergehen, und als sie erfuhren, daß diese jungen Leute Christs Söhne seien, sprachen sie: „Der König, den ihr liebt und dem ihr dient, mache euch eurem Vater gleich und bringe auch euch an den Ort des Friedens!“
Der alte Redlich fragte nun Herrn Bußfertig, wie es zurzeit in der Stadt gehe.
Bußfertig. Wie man es ja nicht anders erwarten kann, haben wir eben in diesen Markttagen viel Unruhe. Es ist schwer, unter solchen Umständen Herz und Sinn zu bewahren. In solcher Umgebung, wie wir sie haben, gilt es, Stunde um Stunde seine Seele in den Händen zu tragen.
Redlich. Aber verhalten sich eure Nachbarn jetzt ruhig?
Bußfertig. Wohl ist es Christ und Getreu in dieser Stadt übel ergangen, doch müssen wir sagen, daß die Leute in der letzten Zeit viel gemäßigter sind. Mir scheint, das Blut von Getreu lastet noch schwer auf ihrem Gewissen; denn seitdem sie ihn verbrannt haben, schämen sie sich solchen Tuns. In jenen Tagen hätte es keiner von uns wagen dürfen, über die Straße zu gehen; aber jetzt können wir uns überall sehen lassen. Damals war der Name eines Bekenners verhaßt, jetzt aber wird in gewissen Stadtteilen die Religion wieder in Ehren gehalten. — Doch, wie geht es euch denn auf eurer Pilgerfahrt? Wie ist man im Land gegen euch gesinnt?
Redlich. Uns geht es, wie es Pilgern zu gehen pflegt. Wir wandern eben durch dick und dünn. Bald geht’s bergauf, bald bergab, und wir wissen nie, was morgen sein wird. Der Wind ist uns nicht allezeit im Rücken, und nicht jedermann ist uns gut Freund, der uns auf dem Weg begegnet. Wir haben schon manche schwere Anfechtung zu bestehen gehabt; und wer weiß, was unser noch wartet? Die Wahrheit des alten Spruches: „Der Gerechte muß viel leiden“ (Ps. 34, 20) hat sich auf unserm Weg schon reichlich bestätigt.
Bußfertig. In was für Anfechtungen seid ihr denn gekommen?
Redlich. Herr Mutherz, unser Führer, wird euch darüber am besten Auskunft geben können.
Mutherz. Wir sind schon drei- oder viermal angegriffen worden. Zuerst wurden Christin und ihre Kinder von zwei Bösewichtern überfallen, die ihnen nach dem Leben trachteten. Hernach bekamen wir es mit drei Riesen zu tun: Blutdurst, Hammer und Tugendfeind. Den letztern zwar überfielen wir vielmehr als er uns. Das geschah während der Zeit, als wir in dem Hause des Gajus weilten; da entschlossen wir uns, einmal unsre Waffen an einem der berüchtigtsten Feinde der Pilger zu erproben, der sich in jener Gegend umhertrieb. Gajus kannte sein Versteck. Als wir endlich den Eingang zu seiner Höhle entdeckt hatten, wurden wir froh und ermannten uns; wir traten alsbald hinzu, und siehe, da fanden wir den armen Kleinmütig in seiner Gewalt und dem Tode geweiht. Sobald er uns sah, ließ er von seinem Opfer ab und kam heraus in der Erwartung, einen andern Raub zu erhaschen. Wir fielen nun mit aller Macht über ihn her, brachten ihn schließlich zu Fall und hieben ihm den Kopf ab. Diesen steckten wir neben dem Weg auf zum abschreckenden Beispiel für alle seinesgleichen. Dies ist die Wahrheit, und hier ist der Mann selbst, der sie bezeugen kann; er war wie ein Lamm, das aus dem Rachen der Löwen gerissen wird.
„Ja,“ bestätigte Kleinmütig, „so habe ich es empfunden, zu meinem Schrecken und zu meinem Trost: Zu meinem Schrecken, als er drohte, mich zu zerfleischen; zu meinem Trost, als ich Mutherz und seine Freunde mit ihren Waffen zu meiner Befreiung herankommen sah.“
„Zwei Dinge sind’s,“ sagte hierauf Herr Heilig, „welche diejenigen vornehmlich haben müssen, die die Pilgerschaft antreten wollen, einen Heldenmut und ein unsträfliches Leben. Verlieren sie den Mut, so können sie nicht bis ans Ende beharren, und ist ihr Wandel befleckt, so machen sie den Namen eines Pilgers stinkend.“
Frommhold. Nun, ich hoffe, dieser Mahnung bedarf es bei euch nicht. Aber es sind ihrer wahrlich viele auf der Pilgerstraße, die sich mehr zu der Erde als zu der himmlischen Heimat hingezogen fühlen.
Lügenscheu. Es ist wahr, sie haben weder Pilgertracht noch Pilgermut; sie wandeln nicht aufrecht, sondern mit verschränkten Beinen, mit unsauberem und zerrissenem Kleid gehen sie einher. Das alles gereicht ihrem Herrn zur Unehre.
„Darüber,“ sprach Herr Reumütig, „sollten sie tief betrübt sein; denn ein Pilger kann weder für sich noch für seine Reise der Gnade, die er doch begehrt, gewiß sein, solange er nicht von solchen Makeln und Flecken gereinigt ist.“
So unterhielten sie sich, bis das Abendbrot für sie bereitet war. Nach dem Essen begaben sie sich dann zur Ruhe. Die Pilger aber blieben eine geraume Zeit in Mnasons Haus, denn die Verhältnisse in dieser Stadt hatten sich, wie schon bemerkt, sehr geändert. Im Lauf der Tage gab Mnason seine Tochter Gnade dem Samuel, Christins Sohn, und seine Tochter Martha dem Joseph zur Frau. Auch mit vielen andern wohlgesinnten Leuten des Ortes wurden die Pilger bekannt und suchten sich ihnen nützlich zu machen. Barmherzig arbeitete nach ihrer Gewohnheit viel für die Armen, wofür dieselben sie segneten, und so war sie eine rechte Zierde ihres Bekenntnisses. Mit ihr wetteiferten auch die andern jungen Frauen, Gnade, Phöbe und Martha, in dieser Liebestätigkeit, jede nach ihrem Vermögen, und sie stifteten dadurch viel Gutes in dieser Zeit. Die Familie nahm zu, so daß Christs Name in der Welt erhalten wurde.
Während die Pilger noch hier weilten, kam ein Ungeheuer (Offenb. 17, 3 ff.) aus den Wäldern und brachte viele Leute aus der Stadt um. Mit Vorliebe suchte es Kinder wegzuschleppen, um sie nach seiner Weise aufzuziehen, und richtete dadurch großes Verderben an. Es war keinem Tier auf Erden zu vergleichen; sein Leib war wie der eines Drachen, es hatte sieben Häupter und zehn Hörner und ward von einem Weib regiert. Niemand in der Stadt wagte es, diesem Ungeheuer die Stirn zu bieten, sondern alle flohen, wenn sie nur das Getöse seiner Flügel hörten. Es legte den Einwohnern gewisse Bedingungen vor, und die, welche ihr Leben mehr liebten als ihre Seele, gingen darauf ein und kamen also unter seine Herrschaft.
Herr Mutherz aber machte nun mit den vier Männern, Bußfertig, Heilig, Frommhold und Reumütig, die die Pilger in Herrn Mnasons Hause besucht hatten, einen Bund, und sie beschlossen, mit ihren Waffen auszuziehen, ob sie vielleicht die Leute dieser Stadt aus den Klauen und dem Rachen dieses verheerenden Drachen erretten könnten. Das Ungeheuer sah anfangs auf die herankommenden Gegner mit großer Verachtung herab; da aber diese ihre Waffen wohl zu führen wußten, ward es bald zum Rückzug gezwungen, und sie kehrten in die Herberge zurück.
Das Untier hatte seine bestimmten Zeiten, in denen es hervorkam. Unsre tapfern Kämpfer aber paßten ihm auf und griffen es fortwährend an, so daß es nach und nach nicht nur verwundet, sondern auch lahm ward und deshalb sein Unwesen nicht mehr wie früher zu treiben vermochte. Und es wird von vielen geglaubt, daß es an seinen Wunden gewiß sterben wird.
Dadurch nun gelangten Mutherz und seine Gefährten in der Stadt zu großem Ansehen, so daß manche dort, obgleich sie andrer Denkweise waren, ihnen dennoch große Achtung und Ehrerbietung bezeugten. Und so kam es denn, daß den Pilgern hier wenig Leid zugefügt ward. Doch freilich gab es ebendaselbst auch Leute schlechterer Art, die nicht besser sehen konnten als ein Maulwurf und nicht mehr Verstand hatten als ein unvernünftiges Tier; diese zollten unsern Helden keine Ehrfurcht und achteten ihre Tapferkeit und ihre Taten gering.
Inzwischen kam die Zeit immer näher, daß unsre Pilger ihren Weg fortsetzen mußten; sie rüsteten sich daher zur Abreise. Sie schickten auch nach ihren Freunden und taten ihnen solches zu wissen, damit sie noch einmal zusammenkommen und sich gegenseitig dem Schutz ihres Herrn und Fürsten anbefehlen könnten. Es kamen auch solche, die ihnen von dem brachten, was sie besaßen und was den Schwachen und Starken, den Männern und Frauen heilsam war, und so wurden sie reichlich mit allem Nötigen versehen (Apostelg. 28, 10). Darauf machten sie sich auf den Weg, und ihre Freunde gaben ihnen, soweit es anging, das Geleit; dann noch ein letzter Händedruck und herzliche Segenswünsche, und sie schieden voneinander. Der Führer Mutherz zog den Pilgern wieder voran; da sie aber um der Frauen und Kinder willen nicht rasch gehen durften, konnten Hinkfuß und Kleinmütig ebenfalls mitkommen.
Fußnoten:


Neuntes Kapitel. Die Zerstörung der Zweifelsburg und auf den lieblichen Bergen.

Kurz nachdem die Pilgerschar sich von ihren Freunden verabschiedet hatte, kamen sie zu dem Platz, wo Getreu den Tod erlitten hatte. Hier machten sie halt, und in tiefer Bewegung standen sie da, daran gedenkend, wie sein männliches Dulden nun auch ihnen zugute gekommen war, und sie dankten dem Herrn dafür, daß Er ihm die Kraft verliehen, Ihn mit solchem Tode zu preisen. — Sie setzten ihren Weg fort und sprachen davon, wie Hoffnungsvoll nach Getreus Tod sich zu Christ gesellte. Darüber gelangten sie bis an den Hügel Gewinn, wo Demas durch die Silbergrube von der Pilgerschaft abgezogen ward und wo auch Nebenwege vermutlich hineinfiel und umkam. Dies gab ihnen besonders zu denken. — Nicht weit davon entfernt, dem Hügel Gewinn gegenüber, stießen sie auf das alte Denkmal, die Salzsäule, die im Angesicht Sodoms und des Toten Meeres stand; da verwunderten sie sich, wie auch Christ vor ihnen, daß Männer von solcher Erkenntnis und Reife des Verstandes wie Demas und seine Gefährten im Anblick dieses Warnungszeichens so verblendet sein konnten, hier umzuwenden. Sie bedachten aber, daß die Menschen im allgemeinen sich durch den Schaden andrer nicht belehren lassen, besonders wenn etwas, wie hier die Silbermine, noch eine solche Anziehungskraft auf sie auszuüben vermag.
Ich sah nun in meinem Traum, daß sie an den Strom kamen, der diesseits der lieblichen Berge fließt. Das war der Strom, an dessen Ufer prächtige Bäume stehen, deren Blätter zur Gesundheit der Menschen dienen, wo die immergrünen Wiesen sind und man sicher ruhen kann (Ps. 23). An diesem Wasser waren auch Hütten und Hürden für die Schafe und ein Haus zur Aufnahme und Pflege der Lämmer, das sind die Kindlein der Frauen, welche die Pilgerfahrt angetreten haben. Da war auch einer, der ihrer wartete, der Mitleiden haben konnte mit ihrer Schwachheit (Hebr. 4, 15) und der diese Lämmer in Seine Arme sammelt und in Seinem Busen trägt und die Schafmütter führt (Jes. 40, 11). Christin riet ihren vier Schwiegertöchtern, ihre Kleinen der Obhut dieses Mannes anzuvertrauen, damit sie an diesen Wassern auferzogen, ernährt, gehegt und gepflegt würden und keines von ihnen verlorengehe. Wenn nämlich eines sich verirrt, so sucht Er es und bringt es wieder; Er verbindet das Verwundete und wartet des Schwachen (Hes. 34, 16). Sie erhalten guten Unterricht, und, was von großer Wichtigkeit ist, sie werden gelehrt, den richtigen Weg zu wandeln. Hier gebricht es ihnen niemals an Speise und Trank oder Kleidung. Es gibt da, wie ihr seht, klare Bäche, anmutige Wiesen, duftende Blumen und allerlei Bäume, deren Früchte nicht schädlich sind wie die aus Beelzebubs Garten, welche Matthäus aß, sondern die die Gesundheit der Menschen fördern und erhalten und in Krankheit als Heilmittel dienen. Hier sind sie auch sicher vor Dieben und Räubern, denn eher gibt dieser Mann Sein Leben hin, als daß Er eines Seiner Pflegebefohlenen umkommen läßt. Also waren sie es wohl zufrieden, ihre Kleinen Ihm zu übergeben, und das um so mehr, da der König dieses Haus zur Erziehung junger Kinder und Waisen hatte erbauen lassen.
Hierauf zogen sie weiter, und als sie bei der Abwegswiese den Steg erblickten, über den Christ und Hoffnungsvoll gingen und dem Riesen Verzweiflung in die Hände fielen, da machten sie halt und überlegten, ob sie es vereint nicht wagen dürften, den Riesen anzugreifen, die Burg zu schleifen und etwa darin gefangene Pilger zu befreien. Der eine sagte dies, der andre das. Einer trug Bedenken, seinen Fuß auf ungeweihten Boden zu setzen; ein andrer hielt dafür, daß man das wohl tun dürfe, wenn man dabei einen guten Zweck verfolge. Mutherz sprach sich dahin aus, daß man zwar der zuletzt aufgebrachten Meinung nicht unbedingt und allgemein beipflichten könne, „doch,“ fuhr er fort, „ist es meine Aufgabe, der Sünde zu widerstehen, das Böse zu überwinden und den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen. Und warum sollte dieser Riese sein Wesen ungestört weitertreiben dürfen? Ich will ihm nun das Handwerk legen und die Zweifelsburg zerstören! Wer von euch will mit mir ziehen?“ Alsbald traten der alte Redlich und die vier Söhne der Christin, die nun starke junge Männer waren[221], vor und sprachen: „Wir wollen mit dir dieses Werk ausrichten!“

Zerstörung der Zweifelsburg (
S. 306.
).
⇒ GRÖSSERES BILD
Sie ließen also die Frauen unter dem Schutz des Kleinmütig und Hinkfuß auf der Straße zurück, denn obwohl der Riese dort so nahe wohnte, so konnte doch ein kleines Kind sie richtig führen, wenn sie auf der Heerstraße blieben (Jes. 11, 6). Die Männer schritten gerade auf die Zweifelsburg zu; dort angekommen, klopften sie so stark an das Tor, daß die ganze Burg davon widerhallte. Der alte Riese kam herab und hinterdrein seine Frau, Mißtrauen, und er rief: „Wer untersteht sich, den Riesen Verzweiflung auf solche Weise zu belästigen?“
Mutherz antwortete: „Das bin ich, Mutherz, ein Diener des himmlischen Königs und Führer der Pilger. Tue mir auf das Tor und rüste dich zum Kampf, denn ich bin gekommen, deinen Kopf zu holen und die Zweifelsburg zu zerstören.“
Der Riese aber, da er sich für unüberwindlich hielt, dachte bei sich selbst: „Ich habe vorzeiten sogar mit Engeln gekämpft und bin obgelegen, sollte mir dieser Mutherz bange machen?“ Er legte also seinen Harnisch an und kam heraus. Auf seinem Haupt hatte er einen Stahlhelm, seine Brust war umgürtet mit einem feurigen Panzer, in eisernen Schuhen trat er daher, mit einer großen Keule in der Hand. Jetzt griffen ihn die sechs Männer an und bedrängten ihn von allen Seiten. Als nun auch Mißtrauen, die Riesin, herzukam, ihm beizustehen, streckte der alte Redlich sie mit einem Schlage nieder. Der Kampf war heiß und schwer, doch der Riese Verzweiflung unterlag; aber er wollte nicht gleich sterben, er sträubte sich gewaltig und hatte, wie man sagt, ein zähes Leben wie eine Katze. Mutherz jedoch ließ nicht von ihm ab, bis er sich nicht mehr regte, hernach trennte er ihm den Kopf vom Rumpf.
Nachdem nun der Riese tot war, machten sich die Männer daran, die Burg niederzureißen. Sieben Tage waren sie damit beschäftigt und fanden darin einen Pilger namens Verzagt, dem Hungertode nahe, dazu seine Tochter Furchterfüllt. Diesen beiden retteten sie das Leben. Welch ein Schreckensbild bot sich ihnen überall dar! Auf dem Burghof lagen noch allenthalben die Leichname herum, und der Kerker war mit Totengebeinen angefüllt.
Nach vollbrachter Heldentat nahmen Mutherz und seine Begleiter Herrn Verzagt und seine Tochter Furchterfüllt unter ihren Schutz, denn es waren redliche Leute. Auch des Riesen Haupt nahmen sie (denn seinen Leib hatten sie unter einem Haufen Steine begraben) und begaben sich damit auf die Heerstraße zurück zu den Ihren und zeigten ihnen, was sie ausgerichtet hatten. Darüber waren alle hocherfreut. Christin griff zu ihrer Zither, und Barmherzig schlug die Laute an; so spielten sie und waren sehr fröhlich miteinander. Jedoch dem armen Verzagt war an der Musik nicht viel gelegen, er sehnte sich nach einem Bissen Brot, denn er war beinahe ausgehungert. Darum gab ihm Christin etwas aus ihrer Flasche von dem stärkenden Getränk zur augenblicklichen Erholung. Hernach bereiteten sie ihm etwas zu essen. So kam der alte Mann in kurzer Zeit wieder zu sich und gewann neues Leben.
Weiter sah ich in meinem Traum, daß Mutherz das Haupt des Riesen Verzweiflung nahm und es auf einer Stange an der Heerstraße aufrichtete, gerade der Säule gegenüber, die Christ zur Warnung für die Pilger errichtet hatte, damit sie nicht auf des Riesen Gebiet gerieten.
Ist auch die Zweifelsburg gleich abgetragen Und die Verzweiflung selbst aufs Haupt geschlagen, So kann doch Sünde schnell die Burg erhöhn, Ja, selbst der Riese durch die Sünd’ erstehn.
Dann schrieb er auf einen Marmorstein darunter folgenden Reim:
Dies ist das Haupt des mächtigen Tyrannen, Dem einst die Pilger kaum entrannen; Des Name schon sie tödlich schreckte, Die Zweifelsburg die Angst erweckte. Mutherz nun hat ihn totgeschlagen; Verzagt und Furchterfüllt, sie dürfen wagen, Sich laut und hoch des Sieges zu freuen Und ihrem Herrn sich neu zu weihen.
Nach dieser ruhmvollen Tat zogen sie weiter, bis sie zu den lieblichen Bergen kamen, an deren mannigfaltigen Schönheiten sich vormals Christ und Hoffnungsvoll erquickt hatten. Auch unsre Pilger machten sich allda mit den Hirten bekannt. Da nun diese sahen, daß ein so großes Gefolge von Leuten in Begleitung von Mutherz sei, den sie sehr wohl kannten, sprachen sie zu ihm: „Ei, lieber Herr, du hast da eine stattliche Gesellschaft zusammengebracht; sage uns doch, wie hast du die alle gefunden?“
Mutherz antwortete ihnen:
Hier steht die kleine Schar, die sich erwählt das Leben: Voran die Christin geht und die ihr Gott gegeben, Der Söhne teurer Kreis und ihre Ehefrauen, Sie pilgern unverrückt, den König einst zu schauen. Der alte Redlich dort, er läßt sich nicht betören, Will mit Herrn Hinkefuß dem Fürsten Treue schwören. Kleinmütig, Herr Verzagt und Furchterfüllt, so schwach, Wenn es auch langsam geht, sie folgen gerne nach. O Hirten, dürfen wir ein wenig bei euch weilen, Um dann mit frischer Kraft gen Zion hinzueilen?
„Das ist eine liebliche Gesellschaft,“ erwiderten die Hirten. „Ihr seid uns willkommen, denn wir sind mit allem Nötigen versehen, sowohl für die Schwachen wie für die Starken. Unser Fürst hat ein Auge auch für das, was dem Geringsten erwiesen wird[222]. Wegen seiner Schwachheit wird daher kein Pilger von uns zurückgewiesen.“
Sie führten sie also in das Haus, sprechend: „Kommt herein, Kleinmütig, Hinkefuß und Verzagt mit deiner Tochter Furchterfüllt! Diese rufen wir bei Namen,“ sagten die Hirten zu Mutherz, „weil sie sehr geneigt sind, sich hinter andre zurückzuziehen; was aber euch, die Stärkern, betrifft, so lassen wir euch nach eurer Freiheit handeln.“
Mutherz. Aus dem Leuchten eures Angesichts und daraus, daß ihr die Schwachen nicht von euch stoßt (Hes. 34, 21), sondern ihnen vielmehr den Weg mit Blumen bestreut, erkenne ich, daß ihr wahre Hirten unsers Herrn seid.
Sie traten nun alle ein, und die Hirten bereiteten ihnen ein Mahl von leicht verdaulichen, wohlschmeckenden und zugleich nahrhaften Speisen. Nach dem Essen begaben sich die Pilger zur Ruhe, ein jedes an seinen ihm zugewiesenen Ort.
Am frühen Morgen wurden sie, weil es ein heller Tag war, von den Hirten geweckt, die ihnen einige Sehenswürdigkeiten dieses Gebirges zeigen wollten. Zuerst sahen sie, was einst auch Christ sehen durfte; hierauf stiegen sie auf den Berg der Wunder und siehe, da war in einiger Entfernung ein Mann, der durch sein Wort Berge versetzte. Auf die Frage, was das bedeute, erwiderten die Hirten, das sei der Sohn eines gewissen Großgnade (siehe Seite 151); dieser sei hierher bestellt, die Pilger zu unterrichten, wie sie alle ihnen begegnenden Schwierigkeiten durch den Glauben aus dem Weg räumen könnten[223]. „Ich kenne ihn,“ sprach Mutherz, „er ist ein vortrefflicher Mann vor vielen andern.“
Von hier aus bestiegen sie den Berg der Unschuld. Da gewahrten sie einen Mann in einem blendendweißen Gewand, der von zwei andern, Vorurteil und Böswillig, beständig mit Kot beworfen wurde. Aber siehe, soviel sie auch nach ihm warfen, der Kot fiel in kurzer Zeit wieder ab, und sein Kleid sah so rein und hell aus wie vorher. „Dieser Mann heißt Gottselig,“ war die Erklärung der Hirten, „und das weiße Gewand soll die Reinheit seines Lebens andeuten. Jene, die ihn mit Kot bewerfen, sind solche Leute, die seine guten Werke hassen; gleichwie aber der Kot an seinen Kleidern nicht haften will, also soll’s auch dem ergehen, der ein reines Leben führt in dieser Welt. Ob ihrer noch so viele ihn mit Kot besudeln wollen, so ist doch alle ihre Bemühung umsonst, denn Gott wird nach kurzer Zeit schaffen, daß seine Unschuld hervorbreche wie das Licht und seine Gerechtigkeit wie der helle Mittag“ (Ps. 37, 6).
Die Pilger wurden nun auf den Berg der Liebe geführt. Dort sahen sie einen Mann, der einen Ballen Tuch vor sich liegen hatte, woraus er Kleider für die um ihn herumstehenden Armen schnitt; dennoch ward sein Ballen Tuch nicht kleiner. „Daraus sollt ihr lernen,“ sagten die Hirten, „daß, wer von dem, was er erarbeitet hat, den Armen etwas mitteilt, um deswillen niemals Mangel leiden soll (Spr. 11, 24). Wer andre erquickt, soll wieder erquickt werden. Dadurch, daß die Witwe ihr Brot mit dem Propheten teilte, war das Mehl im Kad nicht vermindert worden“ (1. Kön. 17, 8-10).
Sie kamen auch an einen Ort, wo sie zwei Männer damit beschäftigt fanden, einen Mohren zu waschen, daß er weiß würde. Der eine dieser Männer hieß Tor, der andre Unklug. Je mehr sie ihn aber wuschen, desto schwärzer ward er. „So geht es mit einem schlechten Menschen,“ belehrten die Hirten. „Alle Mittel, die man anwendet, einem solchen einen guten Namen zu verschaffen, werden nur dahin ausschlagen, daß seine Schlechtigkeit um so deutlicher an den Tag kommt. So ging’s den Pharisäern, und ebenso wird’s allen Heuchlern ergehen.“
„Mutter,“ sprach hierauf Barmherzig zu Christin, ihrer Schwiegermutter, „ich möchte gern, wenn es sein könnte, die Höhle im Berg sehen, die gewöhnlich der Nebenweg zur Hölle genannt wird.“ Christin tat diesen Wunsch den Hirten kund. Sie gingen also zum Eingang, der an der Seite eines Hügels war. Den öffneten sie und ließen dann Barmherzig eine Weile zuhorchen. Sie lauschte und hörte einen sagen: „Verflucht sei mein Vater, der meine Füße von dem Weg des Friedens und des Lebens abgehalten hat!“ Ein andrer rief klagend aus: „O daß ich wäre in Stücke zerrissen worden, ehe ich, um mein Leben zu erhalten, meine Seele verloren!“ Und ein dritter sprach: „Könnte ich wieder ins Leben zurück, o wie wollte ich mich selber verleugnen, um nicht an diesen Ort zu kommen!“ Alsdann war es, als ob der Erdboden unter ihr bebte und vor Entsetzen stöhnte. Zitternd und leichenblaß wandte sich die junge Frau weg und sprach: „Heil dem, der von diesem Ort der Qual erlöst ist!“
Als die Hirten ihnen dies alles gezeigt, führten sie die Pilger wieder in das Haus zurück und bewirteten sie mit allem, was ihnen zu Gebote stand. Barmherzig aber, wie es jungen Frauen zu gehen pflegt, bekam ein Verlangen nach etwas, das sie daselbst sah. Sie schämte sich jedoch, ihren Wunsch zu äußern, und sah aus, als ob ihr nicht wohl wäre. Christin fragte sie, was ihr fehle. Sie antwortete: „Oben im Speisesaal hängt ein Spiegel, davon ich mein Herz nicht abziehen kann, und es ist mir, als sollte ich ihn um jeden Preis haben.“
Christin. Ich will mit den Hirten darüber reden, und sie werden dir darin gewiß entgegenkommen.
Barmherzig. Aber ich schäme mich, wenn diese Männer erfahren, daß mich danach verlangt hat.
Christin. Nein, meine Tochter, es ist keine Schande, sondern eine Tugend, einen solchen Gegenstand zu begehren.
Barmherzig. Nun dann, Mutter, frage bitte die Hirten, ob sie willens sind, ihn zu verkaufen.
Dieser Spiegel hatte unter Tausenden keinen seinesgleichen[224]. Auf der einen Seite zeigte er einem jeden seine eigenen Züge aufs genauste[225], und auf der andern Seite konnte man das Angesicht und Ebenbild des Königs der Pilgrime selber sehen. Und es haben manche von denen, die in diesen Spiegel geschaut haben, bezeugt, daß sie darin sogar die Dornenkrone auf Seinem Haupt, die Wundenmale in Seinen Händen und Füßen und in Seiner Seite gesehen haben wie mit leibhaftigen Augen. Ja, dieser Spiegel ist von solcher Vortrefflichkeit, daß er jedem den Herrn zeigt, je nachdem seines Herzens Verlangen zu Ihm steht: lebend oder tot, auf der Erde oder im Himmel, im Stand Seiner Erniedrigung oder Seiner Erhöhung, in Seiner Erscheinung zum Leiden oder in Seiner zukünftigen Herrlichkeit[226].
Christin nahm um dieser Sache willen die Hirten, nämlich: Weise, Erfahren, Wachsam und Aufrichtig, beiseite und sagte ihnen von dem dringenden Verlangen, das eine ihrer Schwiegertöchter nach einem in diesem Haus sich befindlichen Gegenstand habe.
Erfahren. Rufe sie; sie soll alles erhalten, was ihr dienlich sein wird.
Barmherzig kam und wurde nach ihrem Wunsch gefragt. Sie errötete und sprach: „Der große Spiegel ist’s, der oben im Speisesaal hängt.“
Aufrichtig holte denselben, und er ward ihr mit freudiger Zustimmung gegeben. Da verneigte sie sich, dankte und sprach: „Daran erkenne ich, daß ich Gnade gefunden habe vor euren Augen.“
Auch den andern jungen Frauen gab man, was sie begehrten, und ihren Männern ward großes Lob zuteil, daß sie im Verein mit Mutherz den Riesen Verzweiflung geschlagen und die Zweifelsburg zerstört hatten.
Um der Christin Hals hängten die Hirten ein goldenes Geschmeide; dergleichen legten sie auch ihren vier Schwiegertöchtern um. Sie schmückten sie auch mit Ohrringen und kostbaren Edelsteinen an ihren Stirnen.
Die Pilger wünschten nun ihre Reise fortzusetzen, und die Hirten ließen sie in Frieden ziehen. Da sie aber Mutherz als Führer hatten, der den Weg genau kannte, war es hier nicht nötig, sie auf die ihnen begegnenden Gefahren aufmerksam zu machen, wie es bei Christ und seinem Gefährten geschah.
So brachen sie auf, indem sie sangen:
Wir pilgern durch das Weltgewühl, Wo unser Pfad oft dornig ist und schwül; Da singen wir von jener Ruhe gern, Die noch vorhanden ist dem Volk des Herrn. Nur Mut, nur Mut! es geht der Heimat zu, Wir singen schon von ihrer sel’gen Ruh’. Hier sind wir nur ein fremd Geschlecht, Im Himmel, da ist unser Bürgerrecht: Wird fremd und immer fremder uns die Welt, Das Bild der Heimat unsern Blick erhellt.
Sie waren noch nicht weit gegangen, als Mutherz sie daran erinnerte, daß in dieser Gegend es war, wo Christ mit Abtrünnig aus der Stadt Abfall zusammentraf, der das Malzeichen seiner Abtrünnigkeit auf dem Rücken trug. „Das war ein Mensch,“ fuhr der Führer fort, „der, nachdem er einmal die abschüssige Bahn betreten hatte, auf kein Zureden mehr hören wollte. Bei dem Kreuz und Grab hieß ihn jemand aufsehen; aber auf den Boden stampfend und zähneknirschend wandte er sich ab und lief seiner Stadt zu. Ehe er zur Pforte kam, begegnete ihm der Evangelist, der sich erbot, ihm Handreichung zu tun, um ihn wieder auf den rechten Weg zu bringen; aber Abtrünnig widersetzte sich ihm, und nachdem er ihn mit Schmähungen überhäuft, entkam er über die Mauer und entging also seinen Händen.“
An der Stelle, wo Kleinglaube vormals ausgeplündert worden war, trafen sie einen Mann mit einem bloßen Schwert, und sein Angesicht war mit Blut bespritzt. „Wer bist du?“ fragte ihn Mutherz. Er antwortete: „Ich bin ein Pilger, der gen Zion reist; mein Name ist Kämpfer-für-die-Wahrheit. Während ich also des Weges ging, da umringten mich plötzlich drei Männer und forderten von mir, daß ich mich entweder ihnen anschließe oder sogleich den Rückweg antrete, wenn nicht, müsse ich auf der Stelle mein Leben lassen. Ich sagte ihnen, ich sei mein Leben lang ein ehrlicher Mann gewesen, und sie könnten deshalb nimmermehr erwarten, daß ich mit Dieben gemeinschaftliche Sache mache (Spr. 1, 10-16). Weiter erklärte ich ihnen, daß, da ich naturgemäß meine Vaterstadt nicht ohne triftigen Grund verlassen hätte, ich ebensowenig von meinem jetzigen Weg abzubringen sei. Was mein Leben anbetreffe, tat ich ihnen ferner zu wissen, so sei dasselbe viel zu teuer erkauft (1. Kor. 6, 20), als daß ich es so leicht wegwerfen sollte. Zudem stehe es ihnen keineswegs zu, mich vor eine solche Wahl zu stellen, es geschehe daher auf ihre Gefahr, wenn sie es mit mir aufzunehmen gedächten. Diese drei Kerle — sie hießen Hitzkopf, Unbesonnen und Naseweis — drangen nun auf mich ein; ich aber zog mein Schwert. So fochten wir, einer gegen drei, wohl gegen drei Stunden lang. Sie haben mir, wie ihr seht, einige Denkzeichen ihres Mutes hinterlassen; sie haben jedoch auch ein Andenken von mir mitgenommen. Sie sind eben erst davongegangen; ich vermute, sie haben, wie man zu sagen pflegt, Wind von eurer Ankunft bekommen und sich deshalb aus dem Staub gemacht.“
Mutherz. Aber das war ein ungleicher Kampf, drei wider einen!
Kämpfer. Allerdings; aber was sind wenig oder viele für den, der die Wahrheit auf seiner Seite hat? „Wenn sich schon ein Heer wider mich legt,“ hat einer gesagt, „so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht; wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf Ihn“ (Ps. 27, 3). Auch habe ich in alten Urkunden gelesen, daß einer es mit einem ganzen Heer aufgenommen hat, und wie viele hat Simson mit einem Eselskinnbacken getötet? (Richt. 15, 15. 16.)
Mutherz. Aber warum schriest du denn nicht um Hilfe.
Kämpfer. Das habe ich getan. Ich schrie zu meinem König, der mir jederzeit unsichtbare Hilfe geben und mich stärken kann. Daran genügte mir.
Mutherz. Du hast dich wacker gehalten. Laß mich doch dein Schwert sehen!
Er reichte es ihm. „Wahrlich, das ist eine echte Jerusalemsklinge[227]!“ rief Mutherz aus, nachdem er es eine Weile betrachtet hatte.
Kämpfer. Ja, das ist’s. Und wenn einer eine solche Klinge recht zu gebrauchen versteht, so kann er es mit einem Engel aufnehmen. Sie hält jeden Kampf aus, ihre Schneide wird nimmer stumpf, und sie durchdringt Mark und Bein, auch Seele und Geist und alles (Hebr. 4, 12).
Mutherz. Aber du hast lange gefochten; mich wundert, daß du nicht ermattet bist.
Kämpfer. Ich focht, bis mein Schwert mir an meiner Hand festklebte, so daß Hand und Schwert wie aus einem Guß wurden. Und als das Blut mir über die Finger lief, da stritt ich mit dem allergrößten Mut.
Mutherz. Du hast wohlgetan. Du hast bis aufs Blut widerstanden in dem Kämpfen wider die Sünde (Hebr. 12, 4). Komm mit uns! Du sollst unser Gefährte sein.
Sie nahmen ihn und wuschen ihm die Wunden und reichten ihm etwas zur Erquickung. Während sie miteinander gingen, fragte ihn Mutherz, welcher große Freude an ihm hatte (denn er liebte solche, die sich als tüchtige Streiter bewährten), mancherlei Dinge und das auch um der allgemeinen Erbauung willen.
Mutherz. Was für ein Landsmann bist du?
Kämpfer. Ich bin im Finsterland geboren, wo auch meine Eltern noch leben.
Mutherz. Finsterland? Liegt das nicht auf derselben Küste wie die Stadt Verderben?
Kämpfer. Ja, da liegt’s. Was mich bewog, den Pilgerstab in die Hand zu nehmen, war dies: Ein gewisser Herr Wahrhaftig kam in unsre Gegend und erzählte manches von Christs Pilgerreise: wie er, Frau und Kinder verlassend, aus der Stadt Verderben auszog; wie er eine Schlange tötete, die ihm auf dem Weg widerstand, und schließlich sein Ziel erreichte. Auch ward erzählt, welche ehrenvolle Aufnahme er in allen Herbergen seines Herrn und besonders an der himmlischen Pforte fand. Dort soll er unter Posaunenschall und Glockengeläute von einer Schar Glänzender empfangen worden sein, nachdem man ihn in goldene Gewänder gekleidet (Ps. 45, 14-16) — und noch vieles andre, was ich nicht alles wiederholen kann. Kurz, jener Mann gab von Christs Geschichte und seiner Reise eine solch lebendige Schilderung, daß mein Herz wie von Feuer brannte, ihm eiligst nachzuwandern; weder Vater noch Mutter konnten mich davon abhalten. So machte ich mich auf den Weg und bin nun bis hierher gekommen.
Mutherz. Du bist doch auch durch die enge Pforte gekommen, nicht wahr?
Kämpfer. Ja freilich, denn Herr Wahrhaftig sagte uns, daß alles vergeblich wäre, wenn wir nicht durch die Pforte eingingen auf diesen Weg (Joh. 10, 1).
„Siehst du,“ sprach der Führer zu Christin, „die Pilgerreise deines Mannes und sein erlangter Lohn ist weit und breit bekannt geworden!“
Kämpfer. Was? ist das Christs Frau?
Mutherz. Ja, sie ist’s, und dies hier sind seine vier Söhne.
Kämpfer. Wie? und sie sind alle auch auf der Pilgerfahrt?
Mutherz. Ja, sie folgen ihm nach.
Kämpfer. Das ist mir eine tiefe Freude. Und was mag das für den lieben Mann erst sein, wenn er die, welche nicht mit ihm ziehen wollten, zu den Toren der himmlischen Stadt wird eingehen sehen!
Mutherz. Ohne Zweifel wird ihm das ein großer Trost sein, mit seiner Frau und seinen Kindern dort wieder vereinigt zu werden.
Kämpfer. Weil wir gerade davon reden, so laß mich bitte deine Meinung darüber hören! Es stellen nämlich etliche in Frage, ob dort einer den andern erkennen werde.
Mutherz. Nun, glauben sie, daß sie sich selber dort kennen und ihrer Seligkeit freuen werden, warum sollten sie nicht auch andre erkennen und an deren Heil sich freuen? Und obwohl diese irdischen Familienbande dort sich auflösen, so wird es dennoch unsre Freude erhöhen, wenn wir die sehen werden, mit denen wir hier so eng verbunden waren.
Kämpfer. Wohl, ich verstehe, was du darüber denkst. — Du wolltest gern noch einiges wissen aus der ersten Zeit meines Pilgerlebens, nicht wahr?
Mutherz. Ja. Waren deine Eltern mit deinem Entschluß einverstanden?
Kämpfer. O nein, sie gaben sich alle Mühe, mich wieder davon abzubringen.
Mutherz. Warum waren sie denn dagegen?
Kämpfer. Sie sagten, es sei ein faules Leben, und wenn ich nicht selber auch zur Faulheit und zum Müßiggang geneigt wäre, würde ich das Pilgerleben nicht erwählen.
Mutherz. Und was hatten sie sonst noch für Bedenken?
Kämpfer. Sie stellten mir vor, der Pilgerweg sei ein halsbrecherischer Weg, ja der allergefährlichste Weg, den es überhaupt auf der Welt gebe.
Mutherz. Haben sie dir gesagt, worin die Gefahren bestehen?
Kämpfer. Ja. Sie erwähnten den Sumpf der Verzagtheit, darin Christ beinahe versunken wäre. Sie sagten, wie gefährlich es sei, an der Pforte anzuklopfen, da von Beelzebubs Burg aus auf die Pilger geschossen werde. Sie erzählten mir von dem Wald und von dem finstern Gebirge (siehe Seite 63), von dem Berg der Beschwerde, von den Löwen und auch von den drei Riesen Blutdurst, Hammer und Tugendfeind. Im Tal der Demut, sagten sie, hause ein böser Geist, der Christ umbringen wollte; alsdann müsse man durch das Tal der Todesschatten gehen, wo sich Kobolde und Feldteufel aufhielten, wo das Licht Finsternis und der Weg voller Schlingen, Fallstricke, Gruben und Netze wäre. Sie berichteten von dem Riesen Verzweiflung und der Zweifelsburg und der Gefahr und dem Verderben, dem die Pilger da unterworfen wären. Dann komme man über den gefährlichen bezauberten Grund und endlich an einen Strom, über den keine Brücke führe und der gerade zwischen mir und der himmlischen Stadt hindurchfließen werde.
Mutherz. War dies alles?
Kämpfer. Nein, sie stellten mir auch vor, daß der Weg voll von Betrügern sei und solchen, die den Pilgern auflauern, um sie in die Irre zu führen.
Mutherz. Aber wie haben sie das bewiesen?
Kämpfer. Sie nannten Herrn Weltklug, der stets darauf ausgehe, jemand zu verführen; auch Werkheilig und Heuchler lägen lauernd am Weg. Nebenwege, Schwätzer und Demas würden mich durch ihre Worte hinters Licht führen und Schmeichler mich in sein Netz ziehen, oder ich würde mir einbilden, mit dem albernen Unwissend auf die Pforte zuzugehen, während ich schließlich doch bei der Höhle an der Seite des Berges anlangen und auf diesem Weg in die Hölle geraten werde.
Mutherz. Ich muß gestehen, dies alles könnte einem den Mut nehmen; aber ließen sie es dabei bewenden?
Kämpfer. Nein, höre weiter! Sie erzählten mir von vielen, die vor alters auf diesem Weg eine gute Strecke zurückgelegt hätten in der Hoffnung, etwas von der vielgepriesenen Herrlichkeit zu sehen; sie seien aber zur großen Belustigung von ganz Finsterland unverrichtetersache zurückgekehrt und hätten sich ihrer Torheit schämen müssen, um dieser Sache willen auch nur einen Fuß aus der Tür gesetzt zu haben. Sie nannten mir einige Namen, wie z. B. Störrig und Willig, Mißtrauisch, Furchtsam, Abtrünnig und den alten Atheist und andre mehr, von denen einige weit gekommen seien; aber keiner habe von dieser Reise irgendwelchen Gewinn davongetragen. Auch von einem Herrn Ängstlich war die Rede, der den Pilgerweg sehr einsam gefunden und keine fröhliche Stunde darauf verlebt habe; ein gewisser Herr Verzagt sei nahe daran gewesen zu verhungern. Ja, und was ich bald vergessen hätte, Christ selber, von dem man so viel Aufsehens gemacht, sei nach all seinen Bemühungen um eine himmlische Krone sicherlich in dem schwarzen Strom ertrunken und habe seinen Fuß nie auf das jenseitige Ufer gesetzt, was man freilich habe verbergen wollen.
Mutherz. Entfiel dir über all diesen Berichten nicht das Herz?
Kämpfer. Nein, es hat mich nicht im geringsten berührt.
Mutherz. Woher kam das?
Kämpfer. Woher? Ich glaubte dem, was Herr Wahrhaftig gesagt hatte, und das hob mich über alles hinweg.
Mutherz. So war dein Glaube der Sieg, mit welchem du überwunden hast (1. Joh. 5, 4).
Kämpfer. Ja, so war es. Ich glaubte, und damit zog ich aus und kam auf diesen Weg. Ich kämpfte wider alle, die sich mir widersetzten, und durch meinen Glauben bin ich bis hierher gekommen.
Der Glaube bricht durch Stahl und Stein und kann die Allmacht fassen; Der Glaube wirket all’s allein, wenn wir ihn walten lassen. Wenn einer nichts als glauben kann, so kann er alles machen; Der Erde Kräfte sieht er an als ganz geringe Sachen. Die Zeugen Jesu, die vordem auch Glaubenshelden waren, Hat man in Armut wandeln sehn, in Trübsal und Gefahren, Und des die Welt nicht würdig war, der ist im Elend gangen, Den Fürsten über Gottes Schar hat man ans Kreuz gehangen. Wir freuen uns der Tapferkeit der Streiter unsers Fürsten, Trotz aller der Verwegenheit, nach ihrem Blut zu dürsten. Wie gut und sicher dient sich’s nicht dem ewigen Monarchen! Im Feuer ist Er Zuversicht; fürs Wasser baut Er Archen. Drum woll’n wir unter Seinem Schutz, den Satan zu vertreiben, Und seinem Hohngeschrei zum Trutz mit unsern Vätern gläuben: Wenn man den Herrn zum Beistand hat und ’s Herz voll Seiner Freuden, So läßt sich’s auch durch Seine Gnad’ um Seinetwillen leiden.
Fußnoten:


Zehntes Kapitel. Über den bezauberten Grund und der Abruf aus dieser Welt.

Während sie noch also sprachen, kamen sie zu dem bezauberten Grund, wo die Luft die Wirkung hat, daß die Wanderer schläfrig werden. Diese Gegend war ganz mit Sträuchern und Dornen bewachsen bis auf einzelne Stellen wo bezauberte Lauben errichtet waren. Wenn ein Mensch in einer solchen sitzt oder schläft, so ist es fraglich — wie etliche sagen —, ob er jemals wieder in dieser Welt aufsteht oder erwacht. Durch dieses Gestrüpp nun mußte die Pilgerschar hindurch; Mutherz als Führer zog voran, Kämpfer-für-die-Wahrheit bildete die Nachhut, damit nicht etwa ein Feind oder Drache oder ein Riese oder Dieb ihnen in den Rücken falle und Unheil anrichte. Angesichts solcher Gefahren zogen die Männer ihre Schwerter, und im Gehen sprach einer dem andern Mut zu. Kleinmütig hielt sich dicht zu Mutherz, und Verzagt kam unter Kämpfers Obhut.
Noch waren sie nicht weit gekommen, da überfiel sie ein dicker Nebel und eine Finsternis dergestalt, daß eine geraume Zeit hindurch einer den andern nicht sehen konnte. Daher mußten sie die Verbindung untereinander durch gegenseitiges Zurufen zu erhalten suchen; denn sie wandelten nicht im Schauen (2. Kor. 5, 7). Man kann sich denken, daß unter diesen Umständen das Wandern sehr erschwert war, selbst für die Besten unter ihnen, wieviel mehr für die Frauen und Kinder, bei denen Herz und Fuß nur schwach und zart war. Doch gelang es ihnen, dank der aufmunternden Worte des Führers und Kämpfers, ohne Schaden hindurchkommen.
Der Weg war hier sehr mühsam und ging durch Schlamm und Morast. Auch traf man in dieser Gegend nicht ein einziges Gasthaus oder eine Herberge an, wo sich die Schwachen hätten erfrischen können. Hier hörte man keine andern Laute als solche des Keuchens, Stöhnens und Seufzens. Während der eine über einen Strauch stolperte, blieb der andre im Schmutz stecken, und die Kinder verloren ihre Schuhe im Schlamm. Bald schrie einer: „Ich bin gefallen!“ ein andrer: „Wo bist du denn?“ und der dritte: „Die Dornen halten mich so fest, daß ich nicht von der Stelle kann!“
Hierauf kamen sie zu einer Laube, welche warm war und den Pilgern große Erquickung zu verheißen schien. Oben war sie geschmackvoll zusammengeflochten, mit Zweigen schön geschmückt und unten mit Bänken und Stühlen versehen. Auch ein weiches Ruhebett stand darin, worauf die Müden sich legen konnten. Da die Pilger von dem sehr beschwerlichen Weg schon ganz ermattet waren, kann man sich denken, daß diese liebliche Laube für sie eine große Versuchung hätte werden können. Aber auch nicht ein einziger unter ihnen war, der dort auszuruhen wünschte, sondern sie gaben vielmehr genau acht auf die Winke und Befehle des Führers, der sie stets treulich auf die Gefahren aufmerksam machte. So ermannten sie sich und ermunterten sich gegenseitig zu der Verleugnung ihres Fleisches[228]. Diese Laube hieß Träge Ruhe und war in der Absicht erbaut worden, um müde Pilger anzulocken, dort zu ruhen.
Ich sah nun weiter in meinem Traum, daß sie an eine Stelle kamen, wo man leicht den Weg verlieren konnte. Bei lichtem Tage wäre der Führer über den rechten Weg nicht im Zweifel gewesen, doch in dieser Finsternis ward er ungewiß. Deshalb schlug er ein Licht an (denn er führte sein Feuerzeug[229] allezeit bei sich) und sah auf seiner Landkarte nach[230], da dort alle Wege nach und von der himmlischen Stadt verzeichnet standen. Diese Karte zeigte ihm nun, daß sie mehr nach rechts halten müßten, denn der angenehme Weg, den sie einschlagen wollten, führte in eine tiefe Schlammgrube, dazu angelegt, daß die Pilger darin umkommen sollten.
Da dachte ich bei mir selbst: Möchte doch niemand ohne eine solche Landkarte auf die Pilgerreise gehen, damit er darauf nachsehen kann, wann er über den richtigen Weg im Zweifel ist!
Nach kurzer Wanderung bemerkten sie dicht an der Landstraße eine zweite Laube. Darin fanden sie zwei Männer schlafend, nämlich Sorglos und Tollkühn. So weit waren diese beiden auf ihrer Pilgerfahrt gekommen; aber hier hatten sie sich, müde von dem beschwerlichen Weg, niedergesetzt, um ein wenig auszuruhen. Da die Pilger die gefährliche Lage dieser Schläfer erkannten, beratschlagten sie, ob sie an ihnen vorübergehen oder wenigstens einen Versuch machen sollten, sie aufzuwecken. Es war das letztere beschlossen. Mit großer Vorsicht traten sie hinzu, um ja nicht selber von den dargebotenen Genüssen Gebrauch zu machen, und riefen die Männer bei Namen. Aber da war keine Stimme noch Antwort. Der Führer rüttelte sie; da sprach der eine von ihnen: „Ich will dir bezahlen, wenn ich mein Geld kriege.“ — Mutherz schüttelte den Kopf. „Ich will fechten, solange ich mein Schwert in meiner Hand halten kann,“ murmelte der andre. Darüber lachte eins von den Kindern. „Was bedeutet das?“ fragte Christin. „Sie reden im Schlaf,“ gab der Führer zur Antwort, „ob ihr sie stoßt oder schlagt, werden sie euch allezeit auf diese Weise antworten. Sie sind jenem gleich, der vorzeiten oben auf dem Mastbaum schlief, und als die Wellen schon auf ihn eindrangen, sagte er: Wann will ich aufwachen, daß ich’s mehr treibe? (Spr. 23, 34. 35.) Ihr wißt ja, wenn Leute im Schlaf reden, so sagen sie alles mögliche; aber es besteht kein Zusammenhang in ihren Worten, auch werden dieselben weder durch den Glauben noch durch die Vernunft geleitet. Eines ist sicher, es bringt immer Unglück, wenn Pilger auf ihrer Reise unachtsam und sorglos werden. Zudem ist dieser bezauberte Grund für den Feind der Pilgrime eine der letzten Gelegenheiten, ihnen zu schaden; darum ist er auch, wie ihr seht, beinahe an das Ende des Weges gelegt, und er gewinnt dadurch um so leichter den Vorteil über uns. Denn zu welcher Zeit, denkt der Feind, werden jene Toren so sehr danach verlangen sich zu setzen, als wenn sie müde sind? Und wann würden sie müde sein, wenn nicht am Ende ihrer Reise? Daher kommt es, wie gesagt, daß dieser bezauberte Grund so nahe am Land der Vermählung liegt und am Ende ihres Laufes. Folglich müssen die Pilger hier doppelt wachen, daß es ihnen nicht geht wie diesen Männern.“
Unter Furcht und Zittern schritten sie weiter; doch baten sie den Führer wieder Licht zu machen. Er tat es; so konnten sie den übrigen Teil dieses finstern Weges im Schein einer Laterne zurücklegen[231].
Die Kinder fingen nun an, recht müde zu werden, und riefen zu dem, der alle Pilgrime liebhat, ihnen den Weg leichter zu machen. Bald erhob sich ein Wind, der den Nebel verscheuchte, und es ward etwas heller, so daß sie einander wieder sehen konnten und wußten, wo sie gingen. Doch waren sie noch nicht am Ende des bezauberten Grundes.
Nach einer Weile drangen Laute an ihr Ohr wie von einer feierlichernsten Stimme. Und als sie diesen Tönen näher kamen, war es ihnen, als sähen sie einen Mann auf den Knien liegen, die Hände gefaltet und die Augen nach oben gerichtet, und er schien inbrünstig mit einem zu reden, der in der Höhe war; doch konnten sie seine Worte nicht verstehen. Leise gingen sie vor; da stand jener auf und eilte nach der himmlischen Stadt zu.
Mutherz aber rief ihm nach: „Halt ein, Freund, laß uns deine Gesellschaft genießen, da du, wie es den Anschein hat, nach der himmlischen Stadt gehst!“
Der Mann blieb stehen, und sie kamen zu ihm.
„Ich kenne diesen Mann,“ sagte Redlich, als er ihn erblickte.
„Nun, wer ist’s denn?“ fragte Kämpfer.
Redlich. Er ist aus der gleichen Gegend, wo ich herkomme; sein Name ist Standhaft, und er ist fürwahr ein treuer Pilger.
Als Standhaft nun den alten Redlich sah, sprach er: „Ei, Vater Redlich, bist du’s?“
Redlich. Ja, ich bin’s.
Standhaft. Wie freue ich mich, dich hier zu treffen!
Redlich. Es war auch für mich keine geringere Freude, dich auf den Knien zu sehen.
„Du hast mich auf den Knien gesehen?“ fragte Standhaft errötend.
Redlich. Ja; dieser Anblick hat mir in der Seele wohlgetan.
Standhaft. Und was hast du dabei gedacht?
Redlich. Nun, ich freute mich, einen rechtschaffenen Mann auf dem Weg zu finden in der Hoffnung, in ihm einen neuen Gefährten zu gewinnen.
Standhaft. Wenn du nur nicht zu große Hoffnungen in mich gesetzt hast!
Redlich. Deine Befürchtung bestätigt mir nur, daß es zwischen dem König der Pilger und deiner Seele richtig steht, denn Er sagt: „Wohl dem, der sich allewege fürchtet!“ (Spr. 28, 14.)
Kämpfer. Aber, Bruder, sag uns doch, aus welcher Ursache lagest du denn vorhin auf den Knien? War es um einer besondern Gnadenerweisung willen oder — —?
Standhaft. Nun, während ich so wie ihr über den bezauberten Grund schritt, kam mir die große Gefahr, in der ich schwebte, so recht zum Bewußtsein und wie viele hier — bald am Ziel ihrer Reise — noch zugrunde gingen. Auch dachte ich über die Art des Todes nach, mit welcher dieser Ort den Menschen bedroht. Sie sterben nicht an einer heftigen Krankheit; es gibt für sie kein schweres Ringen mit dem Tod. Im Schlaf gehen sie sanft hinüber, ohne etwas davon zu merken. Ja, sie geben sich sogar willig diesem Todesschlaf hin.
„Hast du auch die beiden in der Laube schlafend gesehen?“ unterbrach ihn der alte Redlich.
Standhaft. Freilich, Sorglos und Tollkühn waren’s, und sie werden wohl dort liegen, bis sie verwesen[232]. Aber laß mich in meiner Erzählung fortfahren! Während ich mich also diesen Betrachtungen hingab, stellte sich plötzlich eine ältere Person in glänzendem Aufzug vor mich hin und bot mir ihr Haus, ihren Beutel und ihre Liebe an. Nun war ich allerdings sehr müde und matt; dazu bin ich arm wie eine Kirchenmaus, und das wußte wohl die Hexe auch. Nun lehnte ich ihr Anerbieten zwei- oder dreimal ab; allein sie machte sich nichts aus meiner Weigerung und lächelte nur. Ich fing an, ärgerlich zu werden; aber sie kümmerte sich nicht darum, sondern machte mir neue Anträge und verhieß mir viel Ehre und Glück, wenn ich mich ihr anvertraue. „Denn,“ sprach sie, „ich bin die Beherrscherin der Welt, und in meiner Macht liegt es, die Menschen glücklich zu machen.“ Darauf fragte ich sie nach ihrem Namen; sie sagte, sie sei Madam Seifenblase. Dies schreckte mich noch mehr von ihr ab; sie aber verfolgte mich immer mehr mit ihren Lockungen. Da warf ich mich auf meine Knie, hob meine Hände auf und betete unter Tränen zu dem, der versprochen hat zu helfen[233]. Und eben, als ihr herzukamt, da ging diese Frau ihrer Wege. So fuhr ich fort im Gebet, für diese große Errettung zu danken; denn ich bin fest überzeugt, sie hatte nichts andres im Sinn, als mich in meinem Lauf zu hindern.
Redlich. Ihre Absicht war ohne Zweifel keine gute. Ich meine aber sie auch schon gesehen oder von ihr gelesen zu haben.
Standhaft. Vielleicht beides.
Redlich. Madam Seifenblase! Ist sie nicht eine große, stattliche Frau von etwas dunkler Gesichtsfarbe?
Standhaft. Ganz recht. Du hast’s getroffen. So sieht sie aus.
Redlich. Spricht sie nicht sehr glatt und schmeichelnd und lächelt einem nach jedem Satz an?
Standhaft. Es stimmt ganz genau; das ist ihre Art und Weise.
Redlich. Trägt sie nicht an ihrer Seite einen großen Geldbeutel, in dem sie mit der Hand immer wieder wühlt, als ob das ihres Herzens Wonne wäre?
Standhaft. Ja, so ist es. Und wenn sie die ganze Zeit hier gestanden, du hättest mir keine genauere Schilderung ihrer Person geben können.
Redlich. So ist der, welcher ihr Bild entworfen hat, ein Künstler gewesen, und der, welcher von ihr geschrieben, hat die Wahrheit gesagt.
Mutherz. Dieses Weib ist eine Zauberin, und eben durch die Kraft ihrer Zauberkunst ist diese Gegend bezaubert. Wer sein Haupt in ihren Schoß legt, der kann es ebensogut auf den Block des Scharfrichters legen; und wer seine Augen auf ihre Schönheit heftet, der wird für Gottes Feind geachtet[234]. Sie ist es, welche alle diejenigen in hohem Ansehen erhält, die Feinde der Pilger sind. Ja, sie ist es, die schon manchen Pilger mit ihrem Geld bestochen und von seinem Weg abgebracht hat. Sie ist eine gewaltige Schwätzerin. Sie wie auch ihre Töchter schleichen jederzeit dem einen oder andern Pilger nach, ihm die Herrlichkeiten dieses Lebens anpreisend und anbietend. Sie ist eine freche, schamlose Person und will mit jedermann anbinden. Die armen Pilger verlacht sie stets mit Hohn und erhebt dagegen die Reichen hoch (lies Jakobus 5, 1-6). Geht jemand darauf aus, reich zu werden, von dem redet sie wohl von Haus zu Haus. Schmausereien und Gastereien liebt sie sehr und findet sich gern da ein, wo eine voll besetzte Tafel ist. Schon an manchen Orten hat sie sich für eine Göttin ausgegeben und wird deshalb von vielen angebetet. Sie hat ihre gewissen Zeiten, wo sie mit ihren Betrügereien öffentlich auftritt, und sie behauptet, daß keine andern Schätze mit den ihren zu vergleichen seien. Sie verspricht, bei Kindern und Kindeskindern zu bleiben, sofern man sie nur lieben und hochachten wolle. Sie will Gold wie Staub aus ihrer Börse werfen an gewissen Plätzen und für gewisse Leute. Sie hat’s gern, wenn man sie aufsucht, wohl von ihr redet, und liegt gern an jemandes Busen. Sie wird nie müde, ihre Herrlichkeiten anzupreisen, und wer das beste von ihr denkt, den liebt sie am meisten. Sie verheißt Kronen und Königreiche, wo man nur ihrem Rat folgt, und doch hat sie viele an den Galgen und zehntausendmal mehr in die Hölle gebracht.
„O welche Gnade,“ rief Standhaft aus, „daß ich ihr widerstanden habe! Denn wohin würde sie mich wohl geführt haben?“
Mutherz. Wohin? Das weiß Gott allein. Soviel ist gewiß, sie würde dich in viel schädliche und törichte Lüste gezogen haben, welche die Menschen versenken ins Verderben und Verdammnis (1. Tim. 6, 9). Sie war’s, die Absalom gegen seinen Vater aufhetzte und Jerobeam wider seinen Herrn. Sie überredete Judas, seinen Herrn zu verkaufen, und bewog Demas, den Weg der Gottseligkeit zu verlassen. Niemand kann das Unheil aufzählen, das sie gestiftet hat. Sie richtet fortwährend Zwietracht an zwischen Obrigkeiten und Untertanen, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Nachbar und Nachbar, zwischen Mann und Frau, ja im Menschen selber, nämlich zwischen Fleisch und Geist. Darum, lieber Freund Standhaft, mache deinem Namen Ehre und stehe fest!
Unter dem Eindruck dieses Gesprächs hatte sich bei den Pilgern Freude mit Zittern gemischt, doch machten sie schließlich ihrem Herzen Luft und sangen:
Jesus, hilf siegen, Du Fürste des Lebens, Sieh, wie die Finsternis dringet herein, Wie sie ihr höllisches Heer nicht vergebens Mächtig aufführet, mir schädlich zu sein! Satan, der sinnet auf allerhand Ränke, Wie er mich sichte, verstöre und kränke. Jesus, hilf siegen und laß mich nicht sinken, Wenn sich die Kräfte der Lüge aufblähn Und mit dem Scheine der Wahrheit sich schminken; Laß doch viel heller dann Deine Kraft sehn; Steh mir zur Rechten, o König und Meister, Lehre mich kämpfen und prüfen die Geister! Jesus, hilf siegen im Wachen und Beten; Hüter, Du schläfst ja und schlummerst nicht ein. Laß Dein Gebet mich unendlich vertreten, Der Du versprochen, Fürsprecher zu sein; Wenn mich die Nacht mit Ermüdung will decken, Wollst Du mich, Jesus, ermuntern und wecken! Jesus, hilf siegen, wenn ich nun soll scheiden Von dieser jammer- und leidvollen Welt; Wenn Du mich rufest, gib, daß ich mit Freuden Mög zu Dir fahren ins himmlische Zelt! Laß mich, ach Jesus, recht ritterlich ringen Und durch den Tod in das Leben eindringen!
Ich sah nun, daß die Pilgerschar mittlerweile in das Land der Vermählung gekommen war, wo die Sonne Tag und Nacht scheint. Hier ruhten sie, da sie sehr müde waren, eine Weile aus. Und weil dieses Land ein Gemeingut der Pilger ist und seine Obstgärten und Weinberge dem König des himmlischen Landes gehören, so durften sie nach Belieben von allem hier Gebotenen Gebrauch machen. Aber schon bald waren sie reichlich erquickt, und da die Glocken läuteten und die Posaunen fortwährend so lieblich erschallten, konnten sie nicht weiterschlafen, und auch fühlten sie sich so gestärkt, als ob sie eine ganze Nacht geruht hätten. Auf den Straßen hörten sie Stimmen, die da riefen: „Es sind einige Pilger zur Stadt gekommen!“ Und ein andrer erwiderte: „Und ebenso viele sind übers Wasser gegangen und heute zu den goldenen Toren eingezogen!“ Wieder andre riefen: „Eben jetzt ist eine ganze Schar der Glänzenden zur Stadt gekommen: daran merken wir, daß noch mehr Pilger unterwegs sind, denn jene sind gekommen, um ihnen zu dienen und sie nach ihrem Kummer zu trösten!“
Die Pilger erhoben sich nun und wandelten unter den Klängen dieser Musik auf und ab, während himmlische Gesichte ihre Augen entzückten. In diesem Land gab es nichts, das sie in irgendeiner Weise unangenehm berührt hätte; nur als sie das Wasser des Stromes, den sie überschreiten sollten, kosteten, schien dieses ihrem Gaumen ein wenig bitter zu sein; aber es ward süß nach dem Genuß.
Es wurde hier auch ein Namensverzeichnis aller Pilger geführt, die vorzeiten da durchkamen, nebst Beschreibung aller ihrer denkwürdigen Taten, die sie vollbracht. Weiter erfuhren unsre Pilger von dem verschiedenen Wasserstand des Stromes, daß nämlich beim Übergang der einen Flut, bei andern Ebbe wäre; etliche seien fast trockenen Fußes hinübergekommen, während bei andern der Fluß fast seine Ufer überflutet habe.
An diesem Ort pflegten die Kinder der Stadt in des Königs Gärten zu gehen und Blumensträuße für die Pilger zu pflücken, die sie ihnen zum Zeichen ihrer Liebe überreichten. Hier wuchsen auch Kampfer, Lavendel, Safran, Kalmus, Zimt, alle Arten von Weihrauchbäumen, Myrrhen und Aloe und andre feine Gewürze. Mit diesen wurden die Kammern der Pilger während ihres Aufenthalts durchräuchert und ihre Leiber gesalbt, um sie auf den Übergang über den Strom vorzubereiten, wenn die ihnen gesetzte Stunde gekommen wäre.
Nachdem sie nun eine Zeitlang hier gewohnt und auf die gute Stunde gewartet hatten, da verbreitete sich eines Tages das Gerücht im ganzen Ort, es wäre aus der himmlischen Stadt eine Botschaft von großer Wichtigkeit angekommen, und zwar an Christin, die Frau des Pilgers Christ. Es ward nach ihr geforscht, und als der Bote das Haus gefunden, übergab er ihr einen Brief mit folgendem Inhalt: „Heil dir, du fromme Frau! Ich bringe dir die Nachricht, daß der Herr dich ruft, und Er erwartet dich binnen zehn Tagen in Kleidern der Unsterblichkeit vor Seinem Angesicht.“
Als der Bote den Brief vorgelesen hatte, da gab er ihr, um sich als echter Gesandter auszuweisen, ein gewisses Zeichen und ermahnte sie, sich eilends aufzumachen. Dieses Zeichen war ein mit Liebe geschärfter Pfeil, der ganz sanft in ihr Herz drang und allmählich so stark bei ihr wirkte, daß sie zu der bestimmten Zeit hinübergehen mußte.
Wie nun Christin sah, daß ihre Zeit gekommen war und daß von dieser Gesellschaft sie als Erste über den Strom gehen würde, da rief sie Herrn Mutherz, ihren Führer, zu sich und teilte ihm mit, wie die Sachen ständen. Er drückte ihr seine herzliche Freude darüber aus und fügte bei, er würde sich glücklich schätzen, wäre diese Botschaft an ihn ergangen. Sie bat ihn ferner um seinen Rat, wie alles für ihre Reise zu ordnen sei. „So und so muß es sein,“ sprach er, „und wir, die wir zurückbleiben, wollen dich bis an das Ufer des Stromes begleiten.“
Hierauf rief sie ihre Kinder und segnete sie. Sie sagte ihnen, daß sie zu ihrem Trost das Zeichen auf ihren Stirnen gesehen und wie sie sich freue, mit ihnen dort zusammenzutreffen und daß sie ihre Kleider weiß erhalten sollten. Das wenige, das sie besaß, vermachte sie den Armen und gebot ihren Söhnen und Töchtern, bereit zu sein, wenn der Bote auch für sie käme.
Nun ließ sie Kämpfer-für-die-Wahrheit zu sich kommen und sagte zu ihm: „Herr, du hast dich allerorten treu und standhaft erwiesen. Sei getreu bis an den Tod, so wird dir mein König die Krone des Lebens geben (Offenb. 2, 10). Ich möchte dich auch bitten, ein Auge auf meine Kinder zu haben, und wenn du sie zu irgendeiner Zeit schwach siehst, so sprich ihnen Mut zu. Was meine Töchter betrifft, meiner Söhne Frauen, so sind sie treu gewesen, und die Erfüllung der Verheißung, die ihnen gegeben ist, wartet ihrer am Ende.“

„Ich komme, Herr, bei Dir zu sein und Dich zu preisen!“ (
S. 330.
)
⇒ GRÖSSERES BILD
Standhaft gab sie einen Ring.
Den alten Redlich redete sie also an: „Siehe, ein rechter Israeliter, in welchem kein Falsch ist!“ (Joh. 1, 47.) Und er antwortete ihr: „Ich wünsche dir einen heitern Tag, wenn du nach dem Berg Zion ausziehst, und werde mich freuen, wenn du trockenen Fußes über den Strom kommst.“
„Ob naß oder trocken,“ erwiderte Christin, „ich sehne mich, hinüberzugehen. Mag das Wetter dann sein, wie es will, wenn ich dorthin komme, werde ich Zeit genug haben, mich auszuruhen und zu trocknen.“
Nach dem kam Hinkfuß herein, sie zu sehen. Sie sprach zu ihm: „Deine bisherige Reise ist sehr beschwerlich gewesen, aber dadurch wird auch deine Ruhe um so süßer sein. Wach und sei bereit, denn der Bote kann zu einer Stunde kommen, da du es nicht meinst.“
Nach ihm trat Verzagt und seine Tochter Furchterfüllt ein. Sie sprach zu ihnen: „Erinnert euch stets mit Dankbarkeit eurer Errettung aus der Hand des Riesen Verzweiflung und aus der Zweifelsburg. Dieser Gnade allein habt ihr es zuzuschreiben, daß ihr sicher bis hierher gelangt seid. So wachet denn und laßt die Furcht fahren; seid nüchtern und haltet fest an der Hoffnung bis ans Ende!“
Zu Kleinmütig sagte Christin: „Du bist aus dem Rachen des Riesen Tugendfeind erlöst worden, auf daß du wandeln mögest in dem Licht des Lebens und den König sehest mit Freuden. Ich rate dir nun, tue Buße wegen deiner Furchtsamkeit und deinem Zweifel an Seiner Güte, bevor Er zu dir sendet, auf daß du nicht, wenn Er kommt, um deswillen mit Beschämung vor Ihm stehen müssest.“
Der Tag kam heran, an dem Christin von hinnen ziehen sollte. Die Straße war voll von Leuten, welche sie wollten abreisen sehen. Aber siehe, das Ufer jenseits des Stromes war voll von Rossen und Wagen, welche von oben herab gekommen waren, um sie zu den Toren der Stadt zu geleiten. Sie trat hervor und ging hinein in den Fluß und winkte den am Ufer Stehenden ein Lebewohl zu. Die letzten Worte, die man von ihr hören konnte, waren: „Ich komme, Herr, bei Dir zu sein und Dich zu preisen!“ Ihre Kinder und Freunde wandten wieder um, denn die, welche auf Christin gewartet, hatten sie schon ihren Augen entrückt. Sie aber zog mit ihnen und ging zu dem Tor ein unter all den Freudenbezeugungen, die ihrem Gatten vor ihr zuteil geworden waren. Bei ihrem Abschied weinten ihre Kinder; Mutherz aber und Kämpfer spielten vor Freuden auf wohlklingenden Zimbeln und Harfen. Ein jeglicher begab sich hierauf an seinen Ort.
Nach einiger Zeit kam abermals ein Eilbote zu der Stadt, und sein Auftrag galt Hinkfuß. Nachdem er ihn gefunden, sprach er: „Ich komme zu dir im Namen dessen, den du geliebt hast, und dem du nachgefolgt bist, wenn auch auf Krücken. Mein Auftrag ist, dir zu sagen, daß Er dich erwartet an seinem Tisch, mit Ihm am Tage nach Ostern das Abendmahl zu halten in Seinem Reich. Darum bereite dich zur Reise!“ Er gab ihm auch ein Zeichen, daß er der rechte Bote sei, und sprach: „Ich habe den silbernen Strick und die goldene Schale zerbrochen[235]“ (Pred. 12, 6).
Hierauf rief Hinkfuß seine Mitpilger zu sich und sagte zu ihnen: „Es ist nach mir gesandt, und Gott wird euch sicherlich auch heimholen.“ Er bat nun Kämpfer, seinen letzten Willen aufzunehmen. Und da er außer seinen Krücken und guten Wünschen nichts zu vermachen hatte, sprach er: „Diese Krücken hinterlasse ich meinem Sohn, der in meine Fußstapfen treten soll, mit vielen warmen Wünschen, daß er sich besser als ich bewähren möge.“ Er dankte noch Mutherz für sein Geleit und alle seine Freundlichkeit und schickte sich zur Reise an. Als er an den Strom kam, rief er aus: „Nun werde ich dieser Krücken nicht mehr bedürfen, denn da drüben sind Wagen und Rosse, die auf mich warten.“ Die letzten vernehmbaren Worte waren diese: „Willkommen, o Leben!“ So schied er dahin.
Nach diesem erhielt Kleinmütig Nachricht, daß des Eilboten Horn vor seiner Tür erschollen sei. Der Bote trat ein mit dem Bericht: „Ich bin gekommen, dir anzuzeigen, daß der Meister deiner begehrt und daß du in kurzer Frist Sein Angesicht im Lichte schauen sollst. Und dies nimm zum Zeichen, daß meine Sendung wahr ist: „Finster werden, die durch die Fenster sehen“ (Pred. 12, 3). Alsbald rief Herr Kleinmütig seine Freunde zusammen, erzählte ihnen von der erhaltenen Botschaft und fuhr fort: „Dieweil ich gar nichts habe, das ich jemand vermachen könnte, wozu sollte ich ein Testament machen? Was meinen Kleinmut betrifft, so will ich den zurücklassen, denn dort, wohin ich gehe, ist kein Platz für ihn; auch ist er nicht wert, dem ärmsten Pilger verliehen zu werden. Darum bitte ich dich, Kämpfer, ihn nach meinem Abscheiden in einem Winkel zu verscharren.“ Als der Tag seiner Abreise kam, begab er sich wie die andern an den Fluß. Seine letzten Worte waren: „Harre aus im Glauben und in der Geduld!“ Und er kam hinüber auf das jenseitige Ufer.
Nach Verlauf etlicher Wochen meldete sich der Bote bei Herrn Verzagt mit der Botschaft: „O du zitternder Mann, hiermit sollst du erinnert werden, dich fertig zu machen, auf den nächsten Sonntag bei dem König zu sein, zu jauchzen vor Freude über der Erlösung aus allen deinen Zweifeln. Und zum Beweis der Echtheit meiner Botschaft höre dies: Die Heuschrecke soll beladen werden“ (Pred. 12, 5).
Als seine Tochter Furchterfüllt den Sachverhalt erfuhr, wünschte sie mit ihrem Vater zu ziehen. Verzagt sprach zu seinen Freunden: „Ihr wißt, wie es mit mir und meiner Tochter gewesen und wie beschwerlich wir mit unserm Zustand allen Gefährten gefallen sind. Mein und meiner Tochter Wille ist, daß unsre Verzagtheit und knechtische Furcht nach unserm Abscheiden von keinem Menschen mehr mögen besessen werden. Aber ich weiß wohl, daß sie sich nach meinem Tod von selbst wieder andern anbieten werden. Ach es sind, um es euch offen zu gestehen, Gespenster, die wir am Anfang unsrer Pilgerreise aufnahmen und die wir hernach nicht mehr loswerden konnten. Und sie werden auch ferner umherwandern und bei Pilgern Aufnahme suchen. Aber wir bitten euch, schließt ja die Türen vor ihnen zu!“
Zur bestimmten Stunde begaben sie sich an den Strom. Die letzten Worte von Verzagt waren: „Fahr hin, Nacht! Willkommen Tag!“ Seine Tochter ging singend durch den Fluß; aber keiner konnte verstehen, was sie sang.
Bald darauf kam ein Bote in die Stadt, der nach Herrn Redlich fragte. Er trat in sein Haus und überbrachte ihm folgende Nachricht: „Dir wird geboten, dich über acht Tage fertig zu halten, vor deinem Herrn in seines Vaters Haus zu erscheinen. Und mein Zeichen ist dieses: ‚Gedämpft sind alle Töchter des Gesangs‘ (Pred. 12, 4).“ Da berief Redlich seine Freunde zu sich und sprach zu ihnen: „Ich sterbe; ich werde aber kein Testament machen. Was meine Redlichkeit betrifft, so soll sie mit mir gehen; wer nach mir kommt, möge sich dies gesagt sein lassen.“
Am Tage seines Scheidens trat der Fluß an manchen Stellen über seine Ufer. Redlich hatte aber noch bei seinen Lebzeiten einen namens Gutgewissen bestellt, ihn dort zu treffen. Dieser stellte sich nun ein, reichte ihm die Hand und half ihm hinüber. Seine letzten Worte waren: „Die Gnade herrscht!“ So verließ er die Welt.
Nach diesem ward es ruchbar, daß Kämpfer-für-die-Wahrheit gleichfalls seine Aufforderung zur Abreise empfangen habe, und zwar unter dem Merkmal: „Der Eimer zerfällt an der Quelle“ (Pred. 12, 6). Von seinen Freunden, die er um sich versammelte, verabschiedete er sich also: „Ich gehe zu meinem Vater, und wiewohl ich unter großen Beschwerden hierher gelangt bin, so gereut mich doch jetzt die Mühe nicht, die ich darum gehabt habe. Mein Schwert soll der erben, der mir in meiner Pilgerschaft nachfolgen wird, und meinen Mut und meine Gewandtheit verleihe ich dem, der sie erlangen kann. Meine Striemen und Narben nehme ich mit mir zum Zeugnis, daß ich den Kampf dessen gekämpft habe, der nun mein Vergelter sein wird.“ Am Tag der Abreise begleiteten ihn viele zum Ufer. Mit den Worten: „Tod, wo ist dein Stachel?“ stieg er in den Fluß. Und als er tiefer hinabsank, rief er: „Hölle, wo ist dein Sieg?“ (1. Kor. 15, 55.) So kam er hinüber, und mit Posaunenschall ward er empfangen.
Danach kam eine Aufforderung an Standhaft. Der Eilbote legte sie ihm offen in seine Hände. Ihr Inhalt war: Er solle sich zum Abschied aus diesem Leben bereitmachen, denn sein Meister wolle nicht, daß er länger fern von Ihm bleibe. Standhaft hatte anfangs einige Bedenken. Doch der Bote sprach: „Du brauchst an der Wahrheit meiner Botschaft nicht zu zweifeln, hier ist das Zeichen: ‚Das Rad wird zerbrochen am Born‘ (Pred. 12, 6).“ Er berief hierauf den Führer Mutherz zu sich und sprach zu ihm: „Lieber Herr, wiewohl ich auf meiner Wallfahrt deine Gesellschaft nur kurze Zeit genießen durfte, so bist du mir doch stets sehr förderlich gewesen. Ich weiß, du wirst wieder zu deinem Herrn zurückkehren, um noch andre Pilger hierher zu geleiten. Ich bitte dich, bei deiner Rückkunft zu meiner Frau und meinen fünf Kindern zu schicken, die ich beim Antritt meiner Pilgerreise zurückließ, und ihnen ausführlichen Bericht über mich zu erstatten. Sage ihnen von meiner glücklichen Ankunft an diesem Ort und von meinem seligen Abscheiden. Erzähle ihnen auch von Christ und Christin, und wie sie mit ihren Kindern ihrem Mann nachgefolgt ist, auch von ihrem herrlichen Ende und ihrem jetzigen Aufenthaltsort. Außer meinen Gebeten und Tränen habe ich nichts, das ich meiner Familie schicken könnte. Es ist wohl genug; wenn du sie damit bekannt machst, könnte sie vielleicht dadurch gewonnen werden.“
Also ordnete Standhaft alle seine Angelegenheiten, und als sein Tag kam, begab auch er sich zum Fluß. Dieser hatte zu der Zeit nur wenig Wasser und einen ruhigen Lauf, weshalb Standhaft in der Mitte des Stromes stillstand und sich mit folgenden Worten an seine Freunde wandte:
„Dieser Strom ist vielen ein Schrecken gewesen, ja, ein bloßer Gedanke daran versetzte mich früher schon in Angst. Jetzt aber ist es in meinem Herzen ganz still, ich stehe sicher. Meine Füße ruhen auf demselben Grund, worauf die Füße der Priester standen, welche die Bundeslade trugen, während Israel über den Jordan ging (Jos. 3, 17). Wohl ist dies Wasser dem Gaumen bitter und dem Magen kalt, aber der Gedanke an die herrliche Zukunft und an das himmlische Geleit, welches jenseits auf mich wartet, glüht wie ein Feuer in meinem Herzen. Ich sehe mich nun am Ziel meiner Reise, die Tage der Mühe und Arbeit sind zu Ende. Ich darf nun bald den sehen, dessen Haupt mit Dornen gekrönt war und dessen Angesicht um meinetwillen verspeit ward. Bisher habe ich im Glauben gelebt; nun aber ziehe ich dahin, wo ich im Schauen leben und bei dem sein werde, dessen Nähe meine Wonne ist. Ich habe von nichts lieber gehört als von meinem Herrn, und wo ich nur Seine Fußstapfen auf Erden erblickte, da habe auch ich meine Füße hinzusetzen begehrt. Sein Name ist mir gewesen wie eine ausgeschüttete Salbe (Hohesl. 1, 3), ja lieblicher als aller Weihrauchduft. Nichts klang in meinen Ohren süßer als Seine Stimme; nach Seinem Angesicht habe ich mich stärker gesehnt als nach dem Licht der Sonne. Seine Worte waren meine Speise und Stärkung in der Schwachheit. Er hat mich erhalten und meine Übertretungen fern von mir sein lassen, ja, meine Schritte sind fest geworden auf Seinem Weg.“
Als er noch so redete, wurden seine Gesichtszüge verklärt, seine Starken krümmten sich in ihm (Pred. 12, 3). „Nimm mich auf, denn ich komme zu Dir!“ waren seine letzten Worte, und man sah ihn nicht mehr.
Aber unaussprechlich herrlich war es mitanzusehen, wie die Luft voll war von Rossen und Wagen, von Posaunenbläsern und Flötenspielern, von Sängern und Geigern, um die Pilger zu bewillkommnen, während sie hinaufzogen und einer dem andern in das herrliche Tor der Stadt folgte.
Was der Christin Kinder betrifft, nämlich ihre vier Söhne mit ihren Frauen und Kindern, so konnte ich an dem Ort nicht so lange verweilen, um auch sie noch hinübergehen zu sehen. Doch ist mir jüngst zu Ohren gekommen, daß sie noch am Leben und der ganzen dortigen Gemeinde zum Segen sind.
Sollte es mein Los sein, jene Gegend wieder einmal zu durchziehen, so kann ich vielleicht denen, die es begehren, dann weitere Auskunft geben. Inzwischen sage ich meinen Lesern Lebewohl.
Fußnoten:
