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Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

Erster Teil: Der Pilger. (continued 4)

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Die Glänzenden sprachen mit ihnen von der himmlischen Stadt, ihrer unbeschreiblichen Schönheit und Pracht. „Nun,“ sagten sie, „kommt ihr zu dem Berg Zion, zu dem himmlischen Jerusalem und zu der Menge vieler tausend Engel und zu den Geistern der vollendeten Gerechten (Hebr. 12, 22-24). Ihr werdet eingehen in das Paradies Gottes, den Baum des Lebens werdet ihr sehen und essen von seinen unvergänglichen Früchten (Offenb. 2, 7). Ihr werdet wandeln in weißen Kleidern (Offenb. 3, 4), ihr werdet den König sehen (Offenb. 22, 4) und bei Ihm wohnen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Was euch auf Erden bedrückte, wird nicht mehr sein, weder Trübsal noch Schmerz, weder Krankheit noch Tod; denn das Alte ist vergangen (Offenb. 21, 4). Ihr werdet die Patriarchen sehen: Abraham, Isaak und Jakob, die Propheten und die Gerechten, welche Gott weggerafft vor dem zukünftigen Unglück, die nun in Wohnungen des Friedens ruhen[143].“

„Und was haben wir an diesem heiligen Ort zu tun?“ fragten die Pilger.

„Da habt ihr den Lohn zu empfangen für alle eure Arbeit, Freude für alle eure Betrübnis. Da sollt ihr ernten, was ihr gesät habt, nämlich die Frucht all eurer Gebete und Tränen, die Frucht aller Trübsale, die ihr aus Liebe zu dem himmlischen König auf dem Weg erduldet habt[144]. Mit goldenen Kronen geschmückt, werdet ihr euch freuen in dem Anschauen des dreimalheiligen Gottes, denn Ihr werdet ihn sehen, wie Er ist (1. Joh. 3, 2). Ihr werdet Ihm Tag und Nacht dienen und Ihm ohne Unterlaß danksagen und Lob und Ehre darbringen, wonach ihr euch so oft gesehnt habt in den Tagen eurer Wallfahrt. Eure Augen werden Ihn schauen, eure Ohren die freundliche Stimme des Allmächtigen hören. Da werdet ihr eure Lieben, die euch dahin vorangegangen, wieder finden und mit Freuden die Brüder empfangen, die nach euch an diesen Ort gelangen. Wenn der König der Ehren zur Erde hinabfährt auf den Fittichen des Windes, wenn die letzte Posaune ertönt, dann werdet ihr mit Ihm erscheinen in himmlischer Herrlichkeit und an dem großen Tag des Gerichts zu Seiner Seite stehen; ja, wenn Er richten wird alle die Ungerechten, es seien Engel oder Menschen, sollt auch ihr eine Stimme im Gericht haben, weil sie Seine und eure Feinde gewesen sind[145]. Unter Posaunenschall werdet ihr dann mit Ihm einziehen in die himmlische Stadt und bei dem Herrn sein allezeit.“

Unter diesen Gesprächen hatten sie sich der Pforte genähert, und hier wurden sie von einem himmlischen Heer empfangen.

„Das sind,“ so sagte einer der Engel, „Menschen, die ihren Herrn geliebt haben in der Welt und alles verlassen um Seines heiligen Namens willen; und Er hat uns ausgesandt, sie einzuholen, und nun haben wir sie an das ersehnte Ziel ihrer Reise gebracht, daß sie eingehen können und anschauen das Antlitz ihres Erlösers mit Freuden.“

Wie das Rauschen gewaltiger Ströme tönte jetzt der Jubelruf des himmlischen Heeres: „Selig sind, die zum Abendmahl des Lammes berufen sind!“ (Offenb. 19, 9.) Nun kamen ihnen auch einige von den Posaunenbläsern des Königs in blendend weißen Gewändern entgegen. Mit ihren hellen und melodischen Klängen erfüllten sie selbst die Himmel, daß es widerhallte. Diese begrüßten Christ und seinen Gefährten mit wohl tausendfachem Willkommen, und das taten sie mit Jauchzen und dem Schall der Posaunen.

Hierauf umringten sie die Begrüßten von allen Seiten, die einen gingen vor, die andern nach, etliche zur Rechten, etliche zur Linken, gleich als wenn es ihre Leibwache wäre bei ihrem Zug durch die obern Gegenden. Ununterbrochenes Jubeln und Jauchzen im höhern Chor begleitete alle ihre Schritte auf diesem Zug, so daß es jedem, der es mitansehen konnte, vorkam, als wenn der Himmel selbst zu ihrem Empfang herabgekommen sei. Indem sie nun vorwärtsgingen, gaben diese Posaunenbläser Christ und seinem Bruder in Blick und Gebärden, mit welchen sie ihre Musik begleiteten, zu erkennen, wie willkommen sie in ihrer Gesellschaft und mit welcher Freude sie selbst ihnen entgegengekommen seien.

Da ward es den beiden Pilgern zumute, als wären sie schon im Himmel, ehe sie noch dahin gelangten; also waren sie hingerissen von dem Anblick der Engel und den süßen Klängen ihrer Weisen.

Jetzt stand die Stadt vor ihren Augen, und es dünkte sie, als hörten sie drin das Geläute aller Glocken, sie zu bewillkommnen. Aber nichts entzückte sie mehr als der beseligende Gedanke, selbst dort in solcher Gesellschaft zu leben, und das in alle Ewigkeit. O welche Zunge, welche Feder vermag die überschwengliche Freude ihres Herzens auszudrücken!

Als sie nun die Pforte erreicht hatten, sahen sie darüber mit goldenen Buchstaben geschrieben: „Selig sind, die Seine Gebote halten, auf daß sie Macht haben an dem Holz des Lebens und zu den Toren eingehen in die Stadt“ (Offenb. 22, 14).

Nun sah ich in meinem Traum, daß die beiden Glänzenden sie an dem Tor rufen hießen. Als sie dies taten, erschienen einige Männer über der Zinne, nämlich Henoch, Mose, Elia u. a., zu denen die Engel sagten: „Diese Pilger kommen von der Stadt Verderben und haben ihre Pilgerschaft in der Liebe zum Herrn vollendet.“ Die Pilger überreichten ihnen zugleich die Zeugnisse, die sie am Anfang ihrer Reise empfangen hatten. Diese wurden dem König vorgelegt, und als Er sie gelesen, sprach Er: „Wo sind die Männer?“ „Sie stehen vor der Pforte,“ war die Antwort. Da befahl der König: „Tut die Tore auf, daß hereingehe das gerechte Volk, das den Glauben bewahrt!“ (Jes. 26, 2.)

Indem die Pilger nun eintraten, wurden sie verklärt und mit Kleidern angetan, die glänzten wie Gold. Selige Geister reichten ihnen Harfen zum Lobe Gottes und Kronen als Ehrenzeichen, während, wie ich im Traum hörte, unter dem Freudenklang aller Glocken die Bewohner der himmlischen Stadt ihnen entgegenriefen: „Gehet ein zu eures Herrn Freude!“ (Matth. 25, 23.) Überströmt von unendlicher Wonne stimmten nun auch die Pilger mit lauter Stimme in den Lobgesang ein und sprachen: „Dem, der auf dem Stuhl sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ (Offenb. 5, 13.)

Ich schaute in meinem Traum durch die offenen Tore, während die Pilger durch dieselben eintraten, und siehe, die Stadt leuchtete wie die Sonne am Mittag; die Straßen waren von lauterm Gold, und auf denselben wandelten viele mit Kronen auf ihren Häuptern und Palmenzweigen in ihren Händen und goldenen Harfen zum Preise Gottes.

Und ich sah auch viele allda, die Flügel hatten, und sie riefen ohne Aufhören einander zu: „Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr!“ (Offenb. 4, 8), und die Pforte wurde geschlossen. — Als ich dies gesehen, da wünschte ich, auch selbst unter ihnen zu sein.

O wie blinken Zions Mauern, da sich endet alles Trauern Und ein ew’ger Sabbat ist! Da der Engel Harfen klingen und die Auserwählten singen: Hochgelobt sei Jesus Christ! Doch werd’ ich es auch ererben, was durch Leiden und durch Sterben Jesus mir verdienet hat? Werd’ ich auch zur Rechten stehen, mit den Heil’gen dürfen gehen In die schöne Gottesstadt? Wer nicht allem will entsagen und Ihm nach sein Kreuze tragen, Kann auch nicht Sein Jünger sein. Wer nicht Leib und Seel’ und Leben Ihm will ganz zu eigen geben, Geht in Salem nimmer ein.

Als ich so über alles, was ich geschaut, in Gedanken versunken war, wandte ich mich um und gewahrte, daß mittlerweile auch Unwissend den Strom erreichte, wo er alsbald einen Fährmann antraf, der ihn in dem Nachen der eitlen Hoffnung ohne Mühe hinüberbrachte. Er stieg auch sogleich den Berg hinan zur Pforte; aber niemand geleitete ihn, niemand kam ihm mit dem Gruß des Friedens entgegen. Er las die Inschrift über der Pforte und, als müsse man ihm sogleich auftun, klopfte er ohne alle Besorgnis an. Es erschienen Männer auf der Zinne und fragten, woher er komme und was er begehre.

„Tut mir auf,“ sagte er, „denn ich habe vor dem König gegessen und getrunken, und auf den Gassen unsrer Stadt hat Er uns gelehrt.“

„Wo ist dein Zeugnis, daß wir es dem König überreichen?“

Er suchte in seinem Busen und fand keins.

„Hast du kein Zeugnis?“ fragten die Männer, und er verstummte. Als der König dies erfuhr, wollte Er nicht herabkommen, ihn zu sehen; jene beiden Engel aber, die Christ und Hoffnungsvoll geleitet hatten, erhielten Befehl, Unwissend an Händen und Füßen zu binden und hinauszustoßen (Matth. 22, 13). Sie hoben ihn auf und trugen ihn durch die Luft zu jener Tür am Fuß des Gebirges, die in den Abgrund führt, und warfen ihn da hinein.

Da sah ich denn, daß es sogar am Himmelstor noch einen Weg zur Hölle gibt, so gut als von der Stadt Verderben.

Nun erwachte ich und merkte, daß es ein Traum war.

Fußnoten:

Schlussvignette, Kapitel I, 12
Schlussvignette, Kapitel I, 12

Pilgerreise zur seligen Ewigkeit.

Verzierung 1, S. 191
Verzierung 1, S. 191

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