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Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

Erster Teil: Der Pilger. (continued 3)

Reading edition

Christ hob an zu singen:

Was ist die Erde mit ihren vergänglichen Schätzen? Seelen voll himmlischen Hungers und Durstes zu letzen, Sind sie zu klein, Göttliche Güter allein Können uns dauernd ergötzen.

Auf der andern Seite dieses Gefildes angekommen, sahen die Pilger hart an der Straße ein altes Denkmal stehen von seltsamer Gestalt. Es schien eine Frau zu sein, die in die Gestalt einer Säule verwandelt war. Sie blieben davor stehen und betrachteten es lange, ohne seine Bedeutung zu erraten. Endlich entdeckte Hoffnungsvoll ganz oben eine Inschrift von ungewöhnlicher Schreibart. Da er aber kein Gelehrter war, so rief er Christ (denn dieser war ein Gelehrter) herbei, doch einmal zuzusehen, ob er nicht diese Schriftzeichen entziffern könnte. Christ kam, und nachdem er ein wenig buchstabiert hatte, las er folgende Worte: „Gedenket an Lots Weib!“ (Luk. 17, 32.)

Nun erkannten sie, daß das die Salzsäule wäre, in welche Lots Weib verwandelt worden, weil sie mit begierigem Herzen nach Sodom zurückgeblickt hatte, daraus sie zu ihrer Errettung floh (1. Mos. 19, 26).

„O mein Bruder,“ rief Christ bewegt aus, „ist das Auffinden der Salzsäule gerade jetzt nach des Demas Einladung, den Hügel Gewinn zu besehen, nicht eine wunderbare Fügung! Wären wir seiner Lockung gefolgt, wie du wolltest: wir wären ebenso wie dieses Weib zu einem warnenden Denkmal geworden.“

Mit tiefer Beschämung sprach Hoffnungsvoll: „Ich erkenne meine große Torheit, und ich muß die Gnade des Herrn preisen, der mich nicht hingab in meines Herzens Gelüste und die Strafe noch aufschob, die ich ebensowohl wie dieses Weib verdient habe.“

„Wir wollen es unserm Herzen tief einprägen, was wir hier sehen,“ sagte Christ. „Dieses Weib entging einem Strafgericht, denn sie kam nicht in Sodom um; aber sie fiel in ein andres, denn sie wurde, wie wir sehen, in eine Salzsäule verwandelt.“

„Ja,“ versetzte Hoffnungsvoll, „sie soll uns ein warnendes Beispiel der göttlichen Strafgerichte sein. Gleicherweise wurden Korah, Dathan und Abiram mit den 250 Männern, die mit ihnen in ihrer Sünde umkamen, zu einem warnenden Zeichen (4. Mos. 26, 9. 10). Aber wie können nur Demas und seine Gefährten so ruhig nach diesen Schätzen suchen, da dieses Weib, weil sie nach ihren Gütern bloß zurückblickte (denn wir lesen nicht, daß sie auch nur einen Schritt vom Wege abwich), in eine Salzsäule verwandelt worden ist? Zumal da sie dieses Denkmal sehen müssen, sobald sie nur ihre Augen aufheben.“

„Allerdings,“ erwiderte Christ, „muß man sich darüber verwundern. Ihr Herz ist schon ganz verhärtet, und ich weiß sie mit nichts anderm zu vergleichen als mit Dieben, die selbst noch vor den Augen des Richters, ja unter dem Galgen stehlen. Von den Einwohnern zu Sodom wird gesagt, daß sie böse waren und sehr wider den Herrn sündigten. Und o wie gütig war Er gegen diese Menschen gewesen! Das Land war ja vor der Zerstörung gleich einem Garten des Herrn. Darum entbrannte Sein Zorn desto furchtbarer, und Er ließ Feuer und Schwefel auf sie herabregnen. So werden alle, die angesichts solch warnender Beispiele in ihren Sünden fortfahren, ein desto schwereres Gericht empfangen.“

Hoffnungsvoll. Du hast ohne Zweifel die Wahrheit gesagt, und o welche Gnade ist es, daß wir, besonders aber ich, nicht selbst ein solches Denkmal des göttlichen Zorns geworden sind! Wir wollen nicht aufhören, Gott dafür zu danken, in Seiner Furcht zu wandeln und allewege an Lots Weib zu denken.

Ringe recht, wenn Gottes Gnade Dich nun ziehet und bekehrt, Daß dein Geist sich ganz entlade Von der Last, die ihn beschwert. Nimm mit Furcht ja deiner Seele, Deines Heils mit Zittern wahr; Denn des Weges zu verfehlen, Schwebst du stündlich in Gefahr. Liegt nicht alle Welt im Bösen? Steht nicht Sodom in der Glut? Seele, wer soll dich erlösen? Eilen, eilen ist hier gut. Eile, wo du dich erretten Und nicht mit verderben willst; Mach dich los von allen Ketten, Flieh als ein gejagtes Wild! Lauf der Welt doch aus den Händen, Dring ins stille Zoar ein; (1. Mos. 19, 22. 23) Eil, den Lauf wohl zu vollenden, Mache dich von allem rein!

Fußnoten:

Schlussvignette, Kapitel I, 7
Schlussvignette, Kapitel I, 7
Kopfstück, Kapitel I, 8
Kopfstück, Kapitel I, 8

Achtes Kapitel. Nach großer Freude eine schwere Verirrung.

A
A

Auf ihrem Wege kamen nun die Pilger an einen herrlichen Strom. Der König David nennt ihn Gottes Brünnlein[109] und Johannes den Strom des lebendigen Wassers[110]. Der Weg zog sich gerade am Ufer dieses Stromes entlang. Hier wanderten Christ und sein Gefährte mit großer Wonne, und durch jeden Trunk aus diesem Wasser des Lebens ward ihr ermatteter Geist sehr erquickt. Auf beiden Seiten des Stromes standen Fruchtbäume aller Art, deren Blätter das Blut der erhitzten Wanderer kühlten. Grüne, das ganze Jahr mit Lilien prangende Wiesen begleiteten den Strom, hier konnten sich die Pilgrime zum Schlafe niederlegen und im Frieden ruhen[111]. Wachten sie auf, so aßen sie von den Früchten der Lebensbäume und tranken von dem Wasser des Stromes. Das taten sie viele Tage und Nächte. Dabei sangen sie:

Wie herrlich ist’s, ein Schäflein Christi werden Und in der Huld des treusten Hirten stehn! Kein höhrer Stand ist auf der ganzen Erden, Als unverrückt dem Lamme nachzugehn. Was alle Welt nicht geben kann, Das trifft ein solches Schaf bei seinem Hirten an. Hier findet es die angenehmsten Auen, Hier wird ihm stets ein frischer Quell entdeckt; Kein Auge kann die Gnaden überschauen, Die es allhier in reicher Menge schmeckt. Hier wird ein Leben mitgeteilt, Das unaufhörlich ist und nie vorübereilt. Doch ist dies nur der Vorschmack größrer Freuden, Es folget nach die lange Ewigkeit! Da wird das Lamm die Seinen herrlich weiden, Wo der kristallne Strom das Wasser beut; Da siehet man erst klar und frei, Wie schön und auserwählt ein Schäflein Christi sei!

Nach diesen Tagen der Erquickung traten die Pilger ihre Reise wieder an (denn sie hatten ihr Ziel noch nicht erreicht); nachdem sie noch einmal gegessen und getrunken, brachen sie auf.

Jetzt sah ich in meinem Traum, daß, noch ehe sie weit gegangen waren, sich auf einmal der Weg von dem Strom immer weiter entfernte und dabei rauh und immer rauher wurde, was die beiden Wanderer mit Traurigkeit, ja mit Verdruß erfüllte; denn ihre Füße waren von dem vielen Gehen empfindlich geworden. Gleichwohl durften sie nicht vom Weg abweichen und wanderten, wenn auch sehr entmutigt[112], doch still weiter, indem sie sich nach einem angenehmern sehnten. Sie bemerkten bald, daß sich an der linken Seite der Straße eine Wiese — Abwegswiese genannt — hinzog, auf welche ein Steg hinüberführte.

„Liegt diese Wiese längs des Weges,“ sagte Christ, „so laß uns hinübergehen!“ Er trat an den Steg und bemerkte einen Fußpfad, der auf der andern Seite des Zaunes immer der Straße entlang zu laufen schien. „Das ist ja, wie ich’s wünsche,“ rief er, „da drüben gehen wir besser; komm, lieber Hoffnungsvoll, wir wollen es versuchen.“

„Aber wie, wenn dieser Pfad von unserm Weg abführen sollte?“ versetzte Hoffnungsvoll.

„O nein!“ sagte Christ. „Das fürchte ich nicht. Sieh nur, geht er nicht beständig neben dem Weg her?“

So ließ sich Hoffnungsvoll von seinem Gefährten überreden und folgte ihm über den Steg. Sie gingen auf diesem Fußpfad allerdings angenehmer, auch erblickten sie bald einen Mann, namens Selbstvertrauen, der denselben Pfad eingeschlagen hatte. „Wohin geht dieser Fußpfad?“ riefen sie ihm nach.

„Nach der Pforte des Himmels,“ antwortete er.

„Siehst du?“ sagte Christ, „habe ich es dir nicht gesagt? Nun wissen wir doch, daß wir auf dem rechten Weg sind.“

Nun folgten sie ihrem Führer; aber die Nacht überfiel sie, und es wurde so finster, daß sie ihn nicht mehr sehen konnten. Zu ihrem Entsetzen hörten sie ihn bald darauf in eine tiefe Grube hinabstürzen, in der er elendiglich umkam. Der Fürst dieses Landes hatte die Grube machen lassen, um all die ruhmredigen Narren hier zu Fall zu bringen. Christ und sein Gefährte riefen, erhielten aber nichts zur Antwort als das Ächzen des Sterbenden.

„Ach, wo sind wir hingeraten?“ klagte Hoffnungsvoll, und Christ wußte vor Scham nichts zu erwidern. Indes hatte sich ein furchtbares Wetter zusammengezogen, das sich Donner und Blitz und Regengüssen über die Pilgrime entlud.

„Ach,“ seufzte Hoffnungsvoll, „daß ich auf meinem Weg geblieben wäre!“

„Wer konnte denken,“ sagte Christ, „daß dieser Weg uns irreführen würde?“

„Mir wollte er von Anfang nicht gefallen,“ erwiderte Hoffnungsvoll, „wie ich dir auch bemerklich machte. Jedoch wollte ich dir nicht widerstehen, denn du bist älter als ich.“

Christ. O lieber Bruder, zürne mir nicht! Es ist mir sehr leid, daß ich dich vom Weg ab in eine so große Gefahr geführt habe. Vergib mir, ich hatte nichts Böses im Sinn.

Hoffnungsvoll. Sei ruhig, lieber Bruder, ich vergebe dir, und ich glaube, es soll uns noch zum Besten dienen.

Christ. Du bist barmherzig; aber wir dürfen hier nicht stehenbleiben; wir wollen versuchen zurückzugehen.

Hoffnungsvoll. Aber, lieber Bruder, laß mich vorangehen!

Christ. Nein, erlaube mir, vorauszugehen, damit, wenn uns irgendeine Gefahr droht, sie mich zuerst treffe; denn durch meine Schuld haben wir uns beide vom Weg entfernt.

Hoffnungsvoll. Nein, du sollst nicht vorangehen; denn weil dein Gemüt in Unruhe ist, so könnte es dich leicht wieder vom Weg abführen.

Kaum hatten sie versucht, den Rückweg anzutreten, da hörten sie zu ihrer Ermutigung eine Stimme, die ihnen zurief: „Richte dein Herz auf die gebahnte Straße; darauf du gewandelt hast, und kehre wieder um!“ (Jer. 31, 21.)

Indes war aber das Wasser sehr angewachsen, und der Weg wurde äußerst gefährlich. Ich dachte dabei: „Wieviel leichter ist es doch, den guten Weg zu verlassen, als ihn wieder zu erreichen!“

Gleichwohl wagten sie den Rückweg, aber es war schon so finster und die Flut schon so hoch, daß sie oft in der äußersten Lebensgefahr schwebten. Alle ihre Mühe, den Steg in der Nacht wieder zu erreichen, war umsonst. Endlich fanden sie einen kleinen Zufluchtsort, wo sie bis zum Tagesanbruch aushalten wollten, und da sie sehr ermüdet waren, wurden sie bald vom Schlaf übermannt.

Nicht weit von der Stelle, wo sie lagen, war eine Burg, Zweifelsburg genannt, die der Riese Verzweiflung bewohnte, auf dessen Grund und Boden die Pilgrime jetzt schliefen. Am frühen Morgen erhob sich der Riese, um nach seiner Gewohnheit sein Gebiet zu durchstreifen, und bald gewahrte er die schlafenden Fremden.

Mit grimmiger und barscher Stimme hieß er sie aufstehen und fragte sie: „Wer seid ihr, und was habt ihr hier zu tun?“

Zitternd schlugen sie ihre Augen auf. „Wir sind Pilgrime,“ sagten sie, „und haben den Weg verloren.“

„Ihr habt euch an mir vergangen, rief der Riese; denn mein Gebiet habt ihr betreten, mit mir müßt ihr nun gehen!“

Sie waren sich ihrer Schuld wohl bewußt und fanden daher keine Kraft in sich, dem Gewaltigen zu widerstehen, der sie vor sich her in seine Burg trieb, wo er sie in einen finstern, schmutzigen Kerker warf. Hier lagen sie vier Tage, ohne einen Bissen Brot, ohne einen Trunk Wasser zu genießen. Kein Lichtstrahl drang in ihre Finsternis; kein Mensch fragte, wie es ihnen gehe. Sie waren hier in übler Lage, dazu fern von Freunden und Bekannten[113]. Christ war ganz untröstlich, weil sein Rat zu einem so schrecklichen Ausgang geführt hatte.

Der Riese Verzweiflung hatte eine Frau, mit Namen Mißtrauen. Als sie sich zur Ruhe begeben hatten, erzählte er ihr, wie er zwei Pilgrime, die sein Gebiet betreten, eingefangen und in den Kerker geworfen habe. „Was meinst du, was soll ich nun mit ihnen tun?“ fragte er sie. Die Frau erkundigte sich, was das für Leute wären, woher sie kämen und wohin sie reisten. Nachdem sie dies erfahren, riet sie ihm, den Männern zuerst einmal mit einer tüchtigen Tracht Prügel aufzuwarten. In der Frühe des andern Morgens begab sich der Riese also nach dem Rat seiner Frau, mit einer Keule von wildem Apfelholz bewaffnet, zu seinen Gefangenen und jagte sie im Kerker herum, als ob sie Hunde wären, obwohl sie ihn nicht mit einem einzigen Wort beleidigt hatten. Danach fiel er über sie her und schlug sie so entsetzlich, daß sie auf dem Boden liegenblieben, ohne sich rühren zu können. Darauf verschloß er den Kerker wieder und überließ sie ihrem Jammer. Sie brachten denn auch den ganzen Tag nur mit Seufzen und Klagen hin.

In der folgenden Nacht besprachen sich der Riese und seine Frau weiter über die Gefangenen, und als letztere erfuhr, daß sie noch am Leben wären, riet sie ihm, dieselben zu bereden, sich selbst das Leben zu nehmen.

Am Morgen fand sich der Riese wieder bei den Unglücklichen ein, und da er sie noch sehr an den Wunden des vorigen Tages leiden sah, riet er ihnen, einem so elenden Leben durch Messer, Strick oder Gift ein Ende zu machen, denn aus diesem Gefängnis würden sie nie wieder herauskommen. Sie wagten es, ihn um Befreiung zu bitten, aber mit gräßlichen Gebärden, brüllend wie ein Löwe, fiel er über sie her und hätte sie ohne Zweifel umgebracht, wenn er nicht plötzlich von heftigen Krämpfen, wie er sie zuweilen bei Sonnenschein bekommt, befallen worden wäre. Dadurch war er des Gebrauchs seiner Hand für eine Zeitlang beraubt und zog sich deshalb zurück, sie ihren Gedanken überlassend. Die Gefangenen beratschlagten nun miteinander, ob es das beste wäre, seinem Rat zu folgen oder nicht, und begannen darüber folgendes Gespräch:

„Bruder,“ sagte Christ, „was sollen wir tun? Wir führen jetzt ein jämmerliches Leben. Ist es nicht besser, augenblicklich zu sterben als so zu leben? Der Tag müsse verloren sein, darin ich geboren bin. Warum bin ich nicht gestorben von Mutterleibe an? (Hiob 3, 3. 11.) Viel lieber ist mir das Grab als dieser Kerker. Soll uns dieser Riese noch länger peinigen?“

Illustration from Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

„Wer seid ihr, und was habt ihr hier zu tun?“ (

S. 137.

.)

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Hoffnungsvoll. Allerdings, unsre Lage ist entsetzlich, und der Tod, der uns daraus erlöste, wäre uns willkommen; aber laß uns wohl bedenken, daß der Herr des Landes, dahin wir gehen, gesagt hat: „Du sollst nicht töten!“ Keinem andern dürfen wir das Leben nehmen, noch weniger aber dem Rat des Riesen folgen und uns selbst umbringen. Wer einen andern tötet, kann nur den Leib töten; tötest du dich selbst, so tötest du Leib und Seele zugleich. Du sprichst von der Ruhe im Grab, mein Bruder; hast du die Hölle vergessen, in die sich die Mörder hinabstürzen? Du weißt, „ein Totschläger hat nicht das ewige Leben bei ihm bleibend“ (1. Joh. 3, 15). Überdies hat der Riese nicht alle Gewalt in seinen Händen; andre, die ebenso wie wir in seinem Gefängnis waren, sind wieder entkommen. Wer weiß, Gott, der Schöpfer der Welt, läßt ihn vielleicht sterben, oder er vergißt einmal die Tür zuzuschließen, oder er wird wieder einmal, während er bei uns ist, von seinen Krämpfen befallen und verliert den Gebrauch seiner Glieder. Sollte dies je wieder geschehen, so werde ich mich ermannen und das Äußerste versuchen, um seinen Händen zu entgehen. Ein Tor bin ich gewesen, daß ich es nicht eher versucht habe. Laß uns nur noch ein wenig aushalten, mein Bruder, vielleicht kommt bald die Zeit unsrer Erlösung. Laß uns nur nicht Selbstmörder werden!

Durch diesen Zuspruch beruhigte Hoffnungsvoll einstweilen das Gemüt seines Bruders, und so verharrten sie denn den Tag über miteinander im Finstern in ihrer traurigen und kummervollen Lage.

Gegen Abend kam der Riese wieder in den Kerker, um zu sehen, ob sie seinen Rat befolgt hätten. Er fand sie aber noch am Leben — am Leben, dies ist fast alles, was man von ihnen sagen kann, da sie vor Hunger und Durst und dem brennenden Schmerz der Wunden in diesem finstern Loch kaum noch Atem schöpfen können —; und mit grimmiger Wut rief er ihnen zu, da sie seinen Rat verachtet, so solle es schlimmer mit ihnen werden, als wenn sie nie geboren wären.

Zitternd und bebend vernahmen sie diese Worte, vor denen Christ in Ohnmacht fiel. Da er wieder zu sich gekommen war, sprach er aufs neue davon, ob es für sie nun doch nicht besser sei, sich das Leben zu nehmen.

„Mein Bruder,“ hob Hoffnungsvoll wieder tröstend an, „gedenke doch nur daran, wie tapfer du sonst gewesen bist! Apollyon konnte deiner nicht mächtig werden; alle jene Schrecknisse im Tal der Todesschatten übermochten dich nicht. Durch wie viele Prüfungen, Angst und Nöte bist du schon gegangen! Und jetzt solltest du völlig verzweifeln? Du siehst, auch ich, von Natur viel schwächer als du, schmachte mit dir in demselben Kerker. Hat mich der Riese nicht ebensosehr verwundet wie dich? Auch ich genieße keinen Bissen Brot, keinen Tropfen Wasser, ich liege ebenso wie du in Finsternis und Trauer. Aber laß uns nur noch ein wenig dulden! Wie männlich warst du auf dem Markt der Eitelkeit! Nicht Ketten konnten dich schrecken, nicht Gefängnis, nicht blutiger Tod. Welche Schande, wenn wir nun verzweifeln wollten!“

Wieder war es Abend geworden, und als der Riese und seine Frau sich zurückgezogen hatten, fragte sie ihn, wie es mit den Gefangenen stände und ob sie seinem Rat gefolgt. Er antwortete: „Es sind halsstarrige, durchtriebene Menschen! Lieber erdulden sie alle Grausamkeit, als daß sie sich selbst umbringen.“ Sie erwiderte: „Dann führe sie morgen einmal in den Burghof und zeige ihnen die Gebeine und Schädel derer, die du schon in die andre Welt befördert hast, und mache es ihnen klar, daß du sie vor Ablauf einer Woche ebenso in Stücke zerreißen werdest, wie du es mit andern ihresgleichen getan.“

Der Tag war kaum angebrochen, so begab sich der Riese in den Kerker und trieb die Gefangenen hinauf in den Hof, der mit Menschengebeinen bedeckt war. „Diese,“ sagte er, „sind einst Pilgrime gewesen wie ihr; sie sind in mein Gebiet gekommen wie ihr, und ich habe sie in Stücke zerrissen, sobald es mir gefiel. So werde ich in wenigen Tagen auch mit euch tun. Jetzt geht zurück in euren Kerker!“ Und als sie sich umwandten, schlug er sie und trieb sie mit unbarmherzigen Hieben wieder hinab. Ihr Jammer überstieg an diesem Tag alle Grenzen.

Am Abend unterhielten sich der Riese und seine Frau wieder über die Gefangenen. Er sprach seine Verwunderung darüber aus, daß er sie weder durch Schläge noch durch Überredung aus der Welt schaffen konnte. Frau Mißtrauen sagte: „Ich fürchte sehr, daß sie noch in der Hoffnung leben, es werde jemand kommen und sie aus dem Kerker befreien, oder daß sie Dietriche bei sich haben, wodurch sie zu entkommen hoffen.“

„Meinst du, liebe Frau?“ antwortete der Riese. „Dann will ich sie morgen früh gleich durchsuchen.“

Um Mitternacht fingen Christ und Hoffnungsvoll an zu beten und beteten fort bis zu Tagesanbruch. Auf einmal rief Christ wie erschrocken aus: „O ich Tor! Ich liege hier in diesem stinkenden Kerker und könnte frei und fröhlich meine Straße ziehen! Ich habe ja den Schlüssel der Verheißung in meinem Busen, der gewiß alle Schlösser der Zweifelsburg öffnet.“

„Was sagst du? Das ist ja herrlich, lieber Bruder!“ rief Hoffnungsvoll. „Nimm ihn heraus und versuch’s damit!“

Christ zog ihn hervor und versuchte es sogleich an der Kerkertür, die sich augenblicklich öffnete, so daß Christ und Hoffnungsvoll heraustreten konnten. Sie gingen bis zu der äußern Tür, die auf den Burghof führt, und öffneten sie ebenfalls mit dem Schlüssel der Verheißung. Nun kamen sie an das große eiserne Tor, das letzte Hindernis. Das Schloß ließ sich nur mit großer Mühe und vereinter Anstrengung aufschließen, allein auch dieses gelang endlich. Sie stießen es auf, um in Eile zu entfliehen. Jedoch das Knarren des eisernen Tores war so laut, daß der Riese darob erwachte und sich eilends aufmachte, um seinen Gefangenen nachzujagen. Seine Glieder wurden aber gelähmt durch plötzlich eintretende Krämpfe, so daß er sich nicht von der Stelle bewegen konnte. Die Pilger eilten davon und erreichten bald wieder des Königs Heerstraße, wo der Riese ihnen nichts mehr anhaben konnte.

Bei dem Steg blieben sie stehen und berieten miteinander, wie man die Wanderer, die ihnen etwa nachkommen würden, vor dem Gebiet des Riesen warnen könnte. Sie beschlossen, daselbst eine Säule aufzurichten, worauf sie folgende Worte eingruben: „Über diesen Steg geht es nach der Zweifelsburg, wo der Riese Verzweiflung haust, der den König der himmlischen Stadt verachtet und Seinen heiligen Pilgern nach dem Leben steht.“

Diese Inschrift ward nachmals von vielen gelesen, und diese entgingen dadurch der Gefahr.

Als sie nun die Warnungssäule errichtet hatten, erhoben sie ihre Stimme und sangen:

Mache dich, mein Geist, bereit, Wache, fleh und bete, Daß dich nicht die böse Zeit Unverhofft betrete! Oft schon ist Satans List Über viele Frommen Zur Versuchung kommen.

Fußnoten:

Schlussvignette, Kapitel I, 8
Schlussvignette, Kapitel I, 8
Kopfstück, Kapitel I, 9
Kopfstück, Kapitel I, 9

Neuntes Kapitel. Bei den Hirten auf den lieblichen Bergen.

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Die Pilger erreichten bald die lieblichen Berge, welche dem Herrn des Hügels, von dem wir zuvor gesprochen, gehörten. Die Abhänge dieser Berge waren mit den anmutigsten Gärten, Baumanlagen und Weingärten bedeckt, zwischen denen man grüne Wiesen sah, durch welche frische Gebirgsbäche herabrauschten. Hier stillten sie den Durst, wuschen sich und aßen von den Früchten des Weinstocks nach Herzenslust. Auf einer Anhöhe nahe an der Heerstraße trafen die Pilger Hirten, die ihre Herden weideten. Zu diesen gingen sie hin, und, auf ihre Stäbe gelehnt, wie müde Pilger zu tun pflegen, wenn sie stillstehen, um mit jemand am Weg zu reden, fragten sie: „Wem gehören diese lieblichen Berge, und wes sind die Herden, die ihr weidet?“

Hirten. Diese Berge sind Immanuels Land und liegen im Gesichtskreis Seiner Stadt. Ihm gehören diese Schafe, und Er hat Sein Leben für sie gelassen (Joh. 10, 12).

Christ. Ist dies der Weg zur himmlischen Stadt?

Hirten. Ja, ihr seid auf dem rechten Weg.

Christ. Wie weit ist es noch bis dahin?

Hirten. Zu weit für alle, die ohne die Gnade des Herrn wandern.

Christ. Ist der Weg sicher oder gefährlich?

Hirten. Er ist sicher für die Gerechten, aber die Übertreter fallen auf demselben[114].

Christ. Gibt es hier eine Ruhestätte für ermüdete Pilger?

Hirten. Der Herr dieser Berge hat uns befohlen, gastfrei zu sein[115], und was wir haben, steht euch zu Gebote.

Ich sah nun in meinem Traum, daß die Hirten, als sie diese Männer als Reisende erkannten, sie fragten über ihr Woher und Wohin, besonders wie es ihnen gelungen sei, dieses Gebirge zu erreichen, da erfahrungsgemäß nur wenige von allen, die sich auf den Weg nach der himmlischen Stadt begeben haben, bis hierher zu kommen pflegten. Alle diese Fragen wurden zu voller Zufriedenheit der Hirten beantwortet, und mit großer Freundlichkeit sagten sie zu den Pilgern: „Seid willkommen auf den lieblichen Bergen!“

Weise, Erfahren, Wachsam und Aufrichtig — dies sind die Namen der Hirten — führten sie in ihre Zelte und bereiteten ihnen ein stärkendes Mahl. Sie baten die Pilger, eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen, damit sie besser miteinander bekannt würden und sie sie desto mehr mit den guten Früchten der Berge erquicken könnten. Mit Freuden nahmen sie diese Einladung an, und weil es schon sehr spät war, begaben sie sich zur Ruhe.

Am frühen Morgen wurden sie von den Hirten geweckt, die ihnen die wichtigsten Punkte des Gebirges zeigen wollten. Dazu waren die Pilger gern bereit, und sie genossen, indem sie miteinander dahingingen, die herrliche Aussicht, die sich im Glanz des Morgenlichtes nach allen Seiten hin öffnete. Zuerst kamen sie auf die Spitze eines Berges, der senkrecht in eine große Tiefe abfiel; es war der Berg des Irrtums. Die Hirten hießen sie hinabsehen. Mit Entsetzen wurden sie in der Tiefe Menschen gewahr, die hinabgestürzt waren und zerschmettert am Boden lagen.

Was bedeutet das? fragte Christ.

Die Hirten antworteten: „Habt ihr niemals von solchen gehört, die in Irrtum verfielen, weil sie Hymenäus und Philetus gefolgt hinsichtlich des Glaubens an die Auferstehung der Toten[116]?“

Sie antworteten: „Ja!“

Hierauf sagten die Hirten: „Diese sind es, welche da am Fuße des Berges zerschmettert liegen; sie liegen noch immer unbegraben da und sollen andre warnen, nicht zu hoch zu steigen und dem Rand dieses Abgrundes nicht zu nahe zu kommen.“

Von hier aus bestiegen sie einen andern Berg, den Berg der Warnung. Auf die Anweisung der Hirten, in die Ferne zu blicken, bemerkten sie dort zwischen einer Menge Gräber Menschen umherirren, die wie Blinde keinen Ausweg finden konnten und oft an die Grabeshügel stießen.

Christ fragte: „Was bedeutet das?“

Die Hirten antworteten: „Habt ihr nicht ein wenig vor diesen Bergen einen Steg gesehen, der links vom Weg auf eine Wiese hinüberführt?“

Sie erwiderten: „Ja!“

„Über diesen Steg,“ sagten die Hirten, „geht ein Fußpfad gerade nach der Zweifelsburg, wo der Riese Verzweiflung haust. Diese Blinden, die ihr zwischen den Gräbern umherirren seht, sind Pilgrime gewesen wie ihr. Wo der Weg rauh wird, sind sie über den Steg gegangen und auf der Wiese in die Hände jenes Riesen gefallen, der sie eine Zeitlang in seinem Burgverlies gehalten, ihnen dann die Augen ausgestochen und sie an die Gräber geführt hat, zwischen denen sie bis auf diesen Tag umherirren. An ihnen ist das Wort des Weisen erfüllt: Ein Mensch, der vom Weg der Klugheit irrt, der wird bleiben in der Toten Gemeinde“ (Spr. 21, 16).

Mit Tränen in den Augen sahen Christ und Hoffnungsvoll einander an, ohne ein Wort zu den Hirten zu reden.

Die Hirten führten die Pilger in ein tiefes Tal, wo eine Tür zu bemerken war, die in das Innere des Berges zu führen schien. Kaum war die Tür geöffnet, so drang ein entsetzlicher Schwefelgeruch heraus. Von den Hirten dazu aufgefordert, sahen sie hinein, doch der Raum war finster und voller Rauch. Dazwischen hörten sie ein Getöse von prasselndem Feuer und ein Geschrei wie von Gequälten.

Darauf fragte Christ: „Was bedeutet denn dies?“

Die Hirten antworteten: „Dies ist ein Nebenweg zur Hölle, ein Weg, den die Heuchler zu gehen pflegen, namentlich, die ihre Erstgeburt verkaufen wie Esau; solche, die ihren Meister verraten wie Judas; solche, die das Evangelium lästern wie Alexander (1. Tim. 1, 20), und solche, die sich der Lüge und Verstellung ergeben wie Ananias und Saphira“ (Apostelg. 5, 1-11).

Illustration from Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

„Seid willkommen auf den lieblichen Bergen!“ (

S. 145.

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Hoffnungsvoll sprach zu den Hirten: „Und hatte nicht jeder von diesen das Aussehen eines Pilgers gleichwie wir?“

„Ja,“ erwiderten die Hirten, „und zwar ziemlich lange.“

„Wie weit,“ fragte Hoffnungsvoll, „mochten sie wohl auf ihrer Pilgerschaft schon gekommen sein, als sie noch verstoßen wurden?“

„Manche über diese Berge hinaus, viele jedoch nicht bis hierher,“ war die Antwort der Hirten.

„O,“ riefen die Pilger, „wie nötig ist’s also, daß wir den Herrn, den Allmächtigen, um Kraft anflehen!“

„Ja,“ sagten die Hirten, „und sie auch wohl anwenden, wenn sie euch verliehen ist.“

Christ und Hoffnungsvoll wünschten nun ihre Reise fortzusetzen. Die Hirten waren es zufrieden und geleiteten sie noch bis an das Ende des Gebirges. Auf der letzten Anhöhe, Klar genannt, wo man mit bewaffnetem Auge schon die Tore der himmlischen Stadt sehen konnte, blieben sie stehen. Sie gaben den Pilgern ihr Fernrohr. Diese aber waren von dem, was sie auf diesen Bergen gesehen hatten, so tief erschüttert, daß ihnen die Hand zitterte und sie keinen sichern Blick durch das Glas zu tun vermochten; indes glaubten sie doch die Tore und etwas von der Herrlichkeit der Stadt zu erkennen.

Indem sie sich zum Weitergehen anschickten, sangen sie:

Wie wird uns sein, wenn endlich nach dem schweren, Doch nach dem letzten ausgekämpften Streit Wir aus der Fremde in die Heimat kehren Und einziehn in das Tor der Ewigkeit, Wenn wir den letzten Staub von unsern Füßen, Den letzten Schweiß vom Angesicht gewischt Und in der Nähe sehen und begrüßen, Was oft den Mut im Pilgertal erfrischt!

Beim Abschied gab ihnen der Hirt Weise eine Beschreibung des Weges mit. Erfahren sprach: Hütet euch vor dem Verführer! Wachsam warnte sie, auf dem bezauberten Grund zu schlafen. Aufrichtig wünschte ihnen Gottes Geleit auf den Weg.

Da erwachte ich von meinem Traum.

Fußnoten:

Schlussvignette, Kapitel I, 9
Schlussvignette, Kapitel I, 9
Kopfstück, Kapitel I, 10
Kopfstück, Kapitel I, 10

Zehntes Kapitel. Die Geschichte von Kleinglaube.

A
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Abermals schlief ich ein und träumte: Ich sah dieselben Pilger den Berg hinab längs der Landstraße nach der Stadt zu gehen. Ein wenig jenseits des Gebirges liegt auf der linken Seite eine Landschaft mit Namen Einbildung, von wo ein krummer Fußpfad auf den Weg der Pilger herüberführte. Hier trafen sie mit einem lebhaften jungen Mann zusammen, der aus jener Gegend kam, sein Name war Unwissend.

Christ fragte ihn nach seiner Heimat und nach dem Ziel seiner Reise.

Er antwortete: „Mein Herr, ich bin in der Gegend geboren, die ihr hier zur linken Seite seht, und ich reise nach der himmlischen Stadt.“

Christ. „Aber wirst du auch zur Pforte der Stadt eingehen können? Du wirst dort viele Schwierigkeiten finden.“

Unwissend. Ei, ich werde ebensogut hindurchkommen wie andre gute Menschen.

Christ. Aber was willst du an der Pforte vorzeigen, das dir Einlaß gewährt?

Unwissend. Ich kenne den Willen meines Herrn und habe ein rechtschaffenes Leben geführt; ich gebe einem jeden das Seine, ich bete, ich faste, ich erfülle alle meine Pflichten Gott und Menschen gegenüber, ich gebe Almosen und habe mein Vaterland verlassen, um das himmlische zu suchen.

Christ. Aber du bist ja nicht zur engen Pforte am Eingang dieses Weges hereingekommen, ein krummer Weg hat dich hierher geführt, und darum — du magst von dir halten, was du willst — fürchte ich sehr, du wirst von dem Richter eher für einen Dieb und Mörder erklärt als zur Pforte des Himmels eingelassen werden.

Unwissend. Meine Herren, ihr seid mir ganz fremd, ich kenne euch nicht. Folgt nur immerhin der Religion eures Landes, aber laßt mich auch der meinen folgen. Ich hoffe, alles wird noch gut werden. Was die Pforte betrifft, von der ihr redet, so weiß ja alle Welt, daß sie sehr weit von unsrer Landschaft abliegt, und niemand von uns ist der Weg dahin bekannt; allein dies ist auch nicht nötig, da wir, wie ihr seht, einen so angenehmen Fußsteig haben, der in kurzer Frist zur Straße führt.

Da Christ hörte, wie weise sich der junge Mann dünkte, sagte er leise zu Hoffnungsvoll: „An einem Narren ist mehr Hoffnung denn an ihm (Spr. 26, 12) und: Ob der Narr auch selbst närrisch ist in seinem Tun, so hält er doch jedermann für einen Narren (Pred. 10, 3). Was wollen wir mehr tun? Sollen wir weiter mit ihm sprechen oder für jetzt vorausgehen und ihn über das nachdenken lassen, was er bereits gehört hat? Wir können uns ja zuweilen nach ihm umsehen und ihm vielleicht noch nützlich werden.“

Hoffnungsvoll sprach:

„Wie kann ein Blinder richtig gehen, Wenn er dem Führer folget nicht? Ach, möchte er die Wahrheit sehen Und seinem Kopfe folgen nicht! So könnt’ es uns ja noch gelingen, Daß wir ihn mit zum Himmel bringen.

So laß uns also, da es nicht ratsam ist, ihm alles auf einmal zu sagen, ein paar Schritte vorausgehen, wenn es dir beliebt, und ihn von Zeit zu Zeit weiter unterweisen, soviel als wir denken, daß er aufnehmen kann.“

Da sie also ihren Lauf beschleunigten, blieb Unwissend in einiger Entfernung hinter ihnen zurück. Plötzlich wurde es dunkel um sie her, und es begegnete ihnen ein Mann, der, mit sieben starken Stricken gebunden, von sieben unsaubern Geistern zu jener Tür zurückgetrieben wurde, die, wie die Pilger gesehen, in das Innere des Berges und in den Abgrund führt[117]. Christ fing an zu zittern, und auch seinem Gefährten Hoffnungsvoll wurde es bang. Während die Teufel diesen Mann wegführten, glaubte Christ in ihm einen gewissen Abtrünnig aus der Stadt Abfall zu erkennen, jedoch nicht mit völliger Sicherheit, da der Gebundene das Haupt wie ein ertappter Dieb niedersenkte. Hoffnungsvoll sah ihm nach und bemerkte auf seinem Rücken einen Zettel mit der Aufschrift: „Ein leichtfertiger Bekenner und fluchwürdiger Verleugner des Herrn.“

Christ sprach hierauf zu seinem Gefährten: Eben fällt mir ein, was einst hier in dieser Gegend einem guten Mann begegnet sein soll. Er hieß Kleinglaube, war dabei redlich und wohnte in der Stadt Aufrichtig. Der Vorfall war dieser.

Beim Eingang in diesen Hohlweg kommt von der Breitwegpforte ein Weg herab, der wegen der vielen Mordtaten, die schon darauf verübt worden sind, Totmannsstraße genannt wird. Dieser Kleinglaube, welcher wie wir jetzt sich auf der Pilgerreise befand, setzte sich dort nieder und schlief ein. Nun begab es sich, daß gerade von der Breitwegpforte drei handfeste Kerle herabkamen; ihre Namen waren Zaghaft, Kleinmut und Schuld — drei Brüder. Als sie Kleinglaube erblickten, rannten sie mit Windeseile auf ihn zu. Dieser war eben aus seinem Schlaf aufgewacht und schickte sich an zur Weiterreise. Als er nun plötzlich mit drohender Stimme angerufen wurde und sich von drei Männern umringt sah, entfiel ihm aller Mut, sich zur Wehr zu setzen oder die Flucht zu ergreifen. „Gib deine Börse her!“ rief Zaghaft ihm zu. Er zögerte, denn er wollte sein Geld nicht gern missen. Kleinmut drang nun auf ihn ein, griff in seine Tasche und zog einen Beutel mit Silber heraus. „Diebe, Diebe!“ schrie Kleinglaube, aber Schuld schlug ihn mit seiner Keule auf das Haupt und streckte ihn mit einem Schlag zu Boden. Da lag Kleinglaube nun schwer verwundet und in Gefahr, hier zu verbluten, während die Diebe noch eine Weile um ihn herumstanden. Da sie aber von fern jemand kommen hörten und befürchteten, es möchte ein gewisser Großgnade aus der Stadt Gutezuversicht sein, so machten sich sich aus dem Staube und überließen den armen Mann sich selbst. Nach einiger Zeit kam Kleinglaube zu sich, richtete sich mühsam auf und versuchte kriechend fortzukommen. Das war also die Geschichte.

Hoffnungsvoll. Haben sie ihn gänzlich ausgeraubt?

Christ. Nein, seine Kleinodien, die den Händen der Diebe entgingen, sind ihm geblieben[118]. Der gute Mann war jedoch über den erlittenen Verlust, nämlich des größten Teiles seines Reisegeldes, fast untröstlich. Außer seinen Kleinodien besaß er zwar noch ein wenig Kleingeld, doch kaum soviel, um bis ans Ende seiner Reise damit auszukommen; ja, er war, wenn ich recht unterrichtet bin, sogar genötigt, unterwegs zu betteln, um sein Leben zu fristen; denn seine Kleinodien durfte er nicht verkaufen. Aber soviel er auch umherging und bettelte, er mußte den größten Teil seiner Reise mit hungrigem Magen zurücklegen[119].

Hoffnungsvoll. Aber war das nicht ein Wunder, daß sie ihm sein Zeugnis, auf welches hin er an der Pforte des Himmels eingelassen werden sollte, nicht abnahmen?

Christ. Allerdings; daß sie es nicht fanden, lag jedoch nicht an seiner Vorsicht, denn durch den Überfall war er so bestürzt, daß er weder die Geistesgegenwart noch das Geschick besaß, irgend etwas zu verbergen. So geschah es also mehr durch die gütige Vorsehung Gottes als durch seine Bemühung, daß ihnen dies köstliche Ding entging[120].

Hoffnungsvoll. Welch ein Trost muß das für ihn gewesen sein, daß sie seine Kleinodien nicht bekamen!

Christ. Das hätte es sein können, wenn er sich dessen recht bewußt gewesen wäre. Allein, wie mir erzählt wurde, war er auf seinem Weg durch diesen Vorfall noch so von Angst und Schrecken erfüllt, daß er lange Zeit seines Schatzes, den er bei sich trug, gar nicht mehr gedachte. Und ob auch zuweilen ein Gedanke daran ihm aufleuchtete wie ein freundlich Sternlein in dunkler Nacht, so verdrängte ihn doch gleich wieder die stets neu aufsteigende Betrübnis über den erlittenen Verlust, wodurch seine Seele allen Trostes beraubt wurde.

Hoffnungsvoll. Ach der arme Mann! Wie ist ihm dadurch das Leben verbittert worden!

Christ. Ja, wie bitter! Versetzen wir uns einmal in diese Lage: in fremder Gegend plötzlich überfallen, beraubt und verwundet zu werden. Wie würde uns da zumute sein! Es ist ein Wunder, daß er nicht gar am Leben verzagte, der Arme! Man hat mir gesagt, daß er den ganzen übrigen Teil seines Weges unter bitterm Wehklagen und Seufzen zurückgelegt habe, und einem jeden, zu dem er kam, habe er eingehend seine Leidensgeschichte erzählt, nämlich wie und wo er ausgeraubt und verwundet worden sei, wer es getan und was er alles verloren, und wie er nur mit knapper Not sein Leben davongebracht habe.

Hoffnungsvoll. Aber auch das ist ein Wunder, daß ihn die Not nicht dazu trieb, etliche seiner Kleinodien zu versetzen oder zu verkaufen, um sich dadurch auf seiner Reise einige Erleichterung zu verschaffen.

Christ. Wie unbedacht du sprichst! Wofür sollte er sie auch verpfänden, oder an wen hätte er sie denn verkaufen können? In jener ganzen Gegend werden diese Dinge für nichts geachtet, und die Erquickung, die er bedurfte, war dort auch nicht zu finden. Überdies, wenn er am Tor der himmlischen Stadt seine Kleinodien nicht hätte vorzeigen können, so hätte er — das wußte er sehr wohl — von seinem Erbteil dort müssen ausgeschlossen bleiben; und wahrlich, das wäre für ihn schlimmer gewesen als ein spitzbübischer Überfall von zehntausend Dieben.

Hoffnungsvoll. Warum ereiferst du dich so, lieber Bruder? Esau verkaufte sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht[121], und diese Erstgeburt war sein größtes Kleinod. Warum hätte es nicht auch Kleinglaube ihm gleichtun können?

Christ. Wohl hat Esau sein Erstgeburtsrecht verkauft, und also tun noch viele und schließen sich dadurch gleich diesem Nichtswürdigen selbst aus von dem größten Segen; aber du mußt einen Unterschied machen zwischen beider Lage; Esaus Erstgeburt war vorbildlich, Kleinglaubens Kleinodien aber nicht. Bei Esau war der Bauch sein Gott, bei Kleinglaube aber nicht. Esaus Gebrechen lag in seiner Fleischeslust, was von Kleinglaube nicht gesagt werden kann. Auch hatte Esau nichts anderes als die Befriedigung seiner Lüste im Auge, denn er sagte: „Siehe, ich muß doch sterben; was soll mir denn die Erstgeburt?“ (1. Mos. 25, 32). Aber Kleinglaube ward, wiewohl ihm nur ein geringes Maß von Glauben verliehen war, vor solcher Verirrung bewahrt, und daher achtete er seine Kleinodien zu hoch, als daß er sie verkauft hätte wie Esau seine Erstgeburt. Aus der Schrift ist nirgends zu ersehen, daß Esau auch nur ein Fünklein Glaube besessen habe. Kein Wunder also, wenn jemand, von fleischlichem Sinn beherrscht (wie das immer der Fall ist bei einem Menschen, in dem kein Glaube zum Widerstand ist), dem Teufel seine Erstgeburt, seine Seele, ja sein Alles so leichten Kaufes preisgibt. Ein solcher ist wie ein Wild in der Brunst, das niemand aufhalten kann (Jer. 2, 24). Ist sein Sinn erst einmal auf die Befriedigung seiner Lüste gerichtet, so sucht er dieselbe auch um jeden Preis zu erlangen. Aber Kleinglaube war doch von andrer Art: sein Herz war auf göttliche Dinge gerichtet; seine Nahrung war geistlich und von obenher; wie sollte er also bei solcher Gesinnung seine Kleinodien verkaufen, um sein Herz mit eitlen Dingen zu füllen, selbst wenn sich ein Käufer gefunden hätte. Wird ein Mensch wohl einen Pfennig geben, um seinen Bauch mit Heu zu füllen? Oder kann jemand eine Turteltaube bewegen, vom Aas zu fressen wie ein Rabe? Ein Ungläubiger mag, um seine fleischlichen Lüste zu befriedigen, sich selbst und alles, was er hat, verpfänden, verschreiben oder verkaufen; nie und nimmer tut das einer, der Glauben, seligmachenden Glauben besitzt, und wenn es auch nur in einem geringen Maß sein sollte. Hierin, mein lieber Bruder, liegt dein Irrtum.

Hoffnungsvoll. Ich erkenne das an, aber doch hätten mich deine scharfen Worte beinahe erzürnt.

Christ. Ei, warum denn? Erwäge die Sache selber, darüber wir sprachen, und es wird alles gut zwischen dir und mir stehen.

Hoffnungsvoll. Aber höre, lieber Christ, davon bin ich überzeugt, daß jene drei Kerle nichts als Feiglinge waren. Nahmen sie nicht Reißaus, als von ferne menschliche Schritte an ihr Ohr drangen? Warum zeigte Kleinglaube nicht mehr Mut? Meines Erachtens hätte er sich einmal zur Wehr setzen und erst dann ergeben sollen, als ihm keine Hilfe mehr in Aussicht stand.

Christ. Daß sie Feiglinge sind, haben schon viele gesagt, aber wenige haben es auch zur Zeit der Anfechtung gefunden. Großen Mut hat allerdings Kleinglaube nicht bewiesen. Aber ich merke an dir, mein Bruder, daß du an seiner Stelle auch nur einen Angriff gewagt und dann klein beigegeben hättest. Wohl kannst du jetzt, da die Feinde weit von uns sind, von großem Mut sprechen, aber wenn sie dir selber begegnet wären, so würden sie dich schon auch auf andre Gedanken gebracht haben. Bedenke ferner, daß diese herumstreichenden Straßenräuber unter dem König des bodenlosen Abgrunds dienen, der ihnen, sooft sie’s bedürfen, selber Beihilfe leistet, und dessen Stimme ist wie das Brüllen des Löwen (1. Petr. 5, 8). Ich bin auch einmal wie Kleinglaube von diesen drei Spitzbuben überfallen worden und fand es in der Tat erschrecklich; und als ich mich, wie es einem Christen gebührt, ihnen mannhaft entgegenstellte, war auf ihren Ruf auch gleich ihr Meister zur Stelle. Und wahrlich, ich hätte keinen Heller, wie man zu sagen pflegt, für mein Leben gegeben, wäre ich nicht nach Gottes gnädigem Willen mit einem bewährten Harnisch angetan gewesen. Und ob ich gleich so geharnischt war, fand ich es doch schwer, als ein Mann den Kampf zu bestehen. Kein Mensch vermag zu sagen, was in solchem Kampf einem begegnet, als der ihn selbst bestanden.

Hoffnungsvoll. Gut, aber sie liefen ja, wie du siehst, davon, schon als sie einen gewissen Großgnade auf dem Weg vermuteten.

Christ. Allerdings haben sie und ihr Meister oft die Flucht ergriffen, wenn Großgnade sich nur sehen ließ; das ist auch kein Wunder, denn es ist einer von des Königs Helden. Ich denke, du wirst aber einen Unterschied machen zwischen Kleinglaube und einem dieser Helden. Nicht alle Untertanen des Königs sind auch Helden und können wie jener solche Taten vollbringen, wenn es zum Treffen kommt. Erwartet man von einem kleinen Kind, daß es wie David den Kampf mit dem Riesen Goliath aufnimmt? Oder sucht man bei einem Zaunkönig die Stärke eines Ochsen? Etliche sind stark, etliche schwach; etliche haben einen großen Glauben, etliche sind kleingläubig. Dieser Mann war einer von den Schwachen, und daher leicht zu überwinden.

Hoffnungsvoll. Ich wünschte, daß die Diebe es mit Großgnade selber zu tun bekommen hätten.

Christ. Auch er wäre nicht so leicht Herr über sie geworden; denn obgleich Großgnade seine Waffen vortrefflich zu führen versteht, wird auch er nur solange die Oberhand behalten, als er seine Gegner mit des Schwertes Spitze von sich halten kann. Gelingt es aber Zaghaft und Kleinmut oder einem andern, auf ihn einzudringen, wird es schwer halten, sich vor dem Niederfallen zu bewahren. Und wenn einer einmal daliegt, so weißt du wohl, was er noch ausrichten kann. Wer Großgnade recht genau ins Angesicht sieht, der wird da verschiedene Narben wahrnehmen, die meine Worte bestätigen. Ja, ich hörte sogar, daß er von einem solchen Kampf gesagt haben soll: „Wir verzagten auch am Leben und hatten bei uns beschlossen, wir müßten sterben“ (2. Kor. 1, 8. 9). In welch Trauern, Klagen und Seufzen kam David durch diese schlimmen Gesellen und deren Helfer! Ja auch Heman (Ps. 88) und Hiskia, Helden zu ihrer Zeit, mußten alle Kräfte aufbieten, um im Kampfe mit ihnen nicht den kürzeren zu ziehen, und nichtsdestoweniger wurden sie dabei gewaltig mitgenommen. Petrus wollte auch einst versuchen, was er ausrichten könnte. Aber obschon er der Fürst unter den Aposteln genannt wird, so trieben sie’s doch also mit ihm, daß ihm zuletzt vor einer elenden Magd bange ward.

Ihr König ist überdies ganz nahe und auf ihr erstes Rufen bereit und eilt, wenn ihnen der Untergang droht, wo möglich gleich zur Hilfe herbei. Von ihm steht geschrieben: „Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken; und wenn er daherbricht, so ist keine Gnade da. Wenn man zu ihm will mit dem Schwert, so regt er sich nicht, oder mit Spieß, Geschoß und Panzer. Er achtet Eisen wie Stroh, und Erz wie faules Holz. Kein Pfeil wird ihn verjagen; die Schleudersteine sind ihm wie Stoppeln; die Keule achtet er wie Stoppeln; er spottet der bebenden Lanze“ (Hiob 41, 17-21). Was kann ein Mann in einem solchen Fall tun? Ja, wenn einer Hiobs Pferd dann stets zur Verfügung hätte und Gewandtheit und Mut dazu, es zu reiten, so könnte man wohl große Dinge ausrichten; denn „es stampft auf den Boden und ist freudig mit Kraft und zieht aus, den Geharnischten entgegen. Es spottet der Furcht und erschrickt nicht und flieht vor dem Schwert nicht, wenngleich über ihm klingt der Köcher und glänzen beide, Schwert und Lanze. Es zittert und tobt und scharrt in die Erde und läßt sich nicht halten bei der Drommete Hall. Sooft die Drommete klingt, spricht es: Hui! und wittert den Streit von ferne, das Schreien der Fürsten und Jauchzen“ (Hiob 39, 21-25). Aber solche Fußgänger wie wir sollten nie ein Zusammentreffen mit dem Feind herbeiwünschen noch denken, daß wir es bessermachen würden als solche, von denen wir hören, daß sie unterlegen sind; noch sollten wir uns kitzeln mit Gedanken an unsre eigene Mannhaftigkeit, denn solche unterliegen gewöhnlich noch am ersten im Streit. Als Beispiel diene uns nochmals Petrus. Wie hatte er sich vermessen; wenn auch alle Jünger den Herrn verließen, wolle er mit Ihm in den Tod gehen, und wer ist durch jene Bösewichter je schmählicher zuschanden geworden als er?

Wenn uns daher solche Räubereien auf der Heerstraße zu Ohren kommen, so laß uns zweierlei beachten:

Erstens müssen wir geharnischt hinausgehen und ja den Schild mit uns führen; denn weil dieser ihm fehlte, konnte er, der so mutig den Speer gegen Leviathan einlegte, denselben nicht bezwingen. Das ist gewiß, wenn wir den nicht haben, fürchtet er sich nicht im geringsten vor uns. Darum sagte einer, der sich auf diesen Streit wohl verstand: „Vor allen Dingen aber ergreifet den Schild des Glaubens, mit welchem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösewichts“ (Eph. 6, 16).

Und zweitens wollen wir den König anflehen, daß Er uns durch Seine starken Helden beschirmen wolle, ja, daß Er selbst bei uns sei und uns geleite auf unserm Weg. Über diesen Geleitsmann jauchzte David mitten im finstern Tal[122], und Mose wollte lieber sterben als einen Schritt weiterziehen ohne seinen Gott[123]. O mein Bruder, wenn der Herr mit uns zieht, so dürfen wir uns nicht fürchten vor vielen Tausenden, die sich umher wider uns legen (Ps. 3, 7). Aber ohne Ihn müssen die gewaltigsten Helden unter die Gefangenen gebeugt werden und unter die Erschlagenen fallen (Jes. 10, 4).

Auch ich bin schon im Gefecht gewesen, und ich bin durch die Güte des Herrn noch am Leben, wie du siehst; aber ich kann mich meiner Tapferkeit nicht rühmen. Ich wäre froh, wenn ich nicht wieder zu solch einem Kampf genötigt würde; aber ich fürchte, wir haben noch nicht alle Gefahren überstanden. Nun, der Herr, der mich von dem Löwen und Bären errettet hat, der wird mich auch aus der Hand aller Feinde erretten (1. Sam. 17, 37).

Hierauf sang Christ:

Wär auch mein Glaub’ wie Senfkorn klein, Und daß man ihn kaum merke, Wollst Du doch in mir mächtig sein, Daß Deine Gnad’ mich stärke, Die das zerbrochne Rohr nicht bricht, Den glimmend Docht auch vollends nicht Auslöschet in den Schwachen. Herr Jesus, der Du angezünd’t Das Fünklein in mir Schwachen, Was sich von Glauben in mir find’t, Du wollst es stärker machen. Was Du begonnen, das vollführ Bis an das End’, daß dort bei Dir Auf Glauben folg das Schauen.

Fußnoten:

Schlussvignette Kapitel I, 10
Schlussvignette Kapitel I, 10
Kopfstück, Kapitel I, 11
Kopfstück, Kapitel I, 11

Elftes Kapitel. Durch einen falschen Apostel betört. Über den bezauberten Grund.

S
S

So gingen die Pilger ihres Wegs, und Unwissend folgte. Bald kamen sie an eine Stelle, wo sich der Weg auf eine solche Weise teilt, daß sie den rechten Weg durchaus nicht von dem falschen zu unterscheiden wußten. Während sie noch miteinander berieten, kam ein schwarzer Mann mit einem hellstrahlenden Kleid[124] auf sie zu und fragte, warum sie hier stehengeblieben. Sie antworteten, daß sie nach der himmlischen Stadt gingen, aber nicht wüßten, welchen von beiden Wegen sie einschlagen sollten.

„Folget mir,“ sagte der Mann, „auch ich gehe dahin.“

Sie folgten ihm auf dem sich an die Straße anschließenden Weg, der aber, wie sie bald merkten, immer mehr von der himmlischen Stadt, der sie doch zustrebten, abführte, so daß sie diese schließlich gar nicht mehr sehen konnten. Dennoch folgten sie ihm; aber nach und nach, ehe sie es gewahr wurden, sahen sie sich in Schlingen verstrickt, aus denen sie, aller Anstrengung ungeachtet, sich nicht zu befreien vermochten. Der Schwarze ließ nun sein Kleid fallen, und sie erkannten, in wessen Hände sie gefallen waren. Da lagen sie nun eine geraume Zeit und schrien laut, als sie keinen Ausweg mehr finden konnten.

„Ach,“ sagte Christ zu seinem Gefährten, „nun sehe ich; daß ich mich habe in die Irre führen lassen. Sagten uns nicht die Hirten beim Abschied: Hütet euch vor dem Verführer! Nun hat sich an uns das Wort des Weisen erfüllt: Wer mit seinem Nächsten heuchelt, der breitet ein Netz aus für seine Tritte“ (Spr. 29, 5).

Hoffnungsvoll. Sie versahen uns auch mit einer genauen Beschreibung des Weges, wir haben aber nicht darin gelesen und uns nicht vor dem Weg des Mörders gehütet. Da war David weiser als wir, denn er sagt: „Ich bewahre mich in dem Wort Deiner Lippen vor Menschenwerk, vor dem Weg des Mörders“ (Ps. 17, 4).

So lagen sie nun im Netz gefangen und beweinten ihre Torheit mit heißen Tränen. Endlich sahen sie einen Glänzenden mit einer Geißel in der Hand auf sie zukommen.

„Woher kommt ihr?“ fragte er, „und was tut ihr hier?“

„Wir sind arme Pilgrime,“ antworteten sie, „und wandern nach Zion. An jenem Scheideweg hat uns ein schwarzer Mann in einem hellen Kleid vom Weg abgeführt. Wir sollten ihm nur folgen, sagte er, er gehe auch nach Zion.“

„Das ist ein Verführer, ein falscher Apostel, der sich in einen Engel des Lichts verstellt hat,“ sprach der Glänzende, indem er die Schlingen auseinanderriß. „Folgt mir!“ fuhr er fort und führte sie auf den rechten Weg zurück.

„Wo habt ihr zuletzt geruht?“ fragte er.

„Bei den Hirten auf den lieblichen Bergen,“ antworteten sie.

„Haben sie euch nicht eine Beschreibung des Weges mitgegeben?“

„Ja.“

„Habt ihr nicht am Scheideweg in dieser Beschreibung nachgesehen?“

Sie mußten bekennen, daß sie dies nicht getan, daß sie es gänzlich vergessen hatten.

„Haben euch die Hirten nicht vor dem Verführer gewarnt?“ fragte der Glänzende weiter.

„Ja,“ sagten die Pilger, „aber wir ahnten nicht, daß es dieser angenehme, süßredende Mann sein könnte[125].“

Hierauf stellte er ihnen ihre große Torheit vor Augen, befahl ihnen, sich niederzulegen, und züchtigte sie scharf mit seiner Geißel. „Welche ich liebhabe,“ sprach er, „die strafe und züchtige ich[126]. So seid nun fleißig und tut Buße (Offenb. 3, 19). Geht nun weiter und achtet genau auf die andern Anweisungen der Hirten!“

So bedankten sie sich für alle ihnen erwiesene Güte und wanderten vorsichtig weiter auf dem richtigen Weg, indem sie sangen:

König, dem wir beide dienen — Ob im Geist, das weißest Du — Rette uns durch Dein Versühnen Aus der ungewissen Ruh’! Vater, Deine treue Gnade Brauche sanft und herbe Zucht, Wenn wir nur auf unserm Pfade Dir noch bringen reife Frucht. O Du Hort des neuen Lebens, Geist des Lichtes und der Kraft, Zücht’ge doch uns nicht vergebens Auf der kurzen Wanderschaft!

Nach kurzer Zeit erblickten sie auf der Straße einen Mann, der langsam und ohne Begleitung ihnen entgegenkam. Da sprach Christ zu seinem Gefährten: „Dort sehe ich einen Mann auf uns zukommen, der Zion den Rücken gekehrt hat.“

Hoffnungsvoll erwiderte: „Ich sehe ihn wohl; laß uns nun auf unsrer Hut sein, vielleicht ist er auch ein Verführer.“

Als er nun — sein Name war Atheist (Gottesleugner) — mit den Pilgern zusammentraf, redete er sie an und fragte nach dem Ziel ihrer Reise.

„Wir gehen,“ antwortete Christ, „nach dem Berg Zion.“

Bei diesen Worten brach Atheist in ein lautes Gelächter aus.

Christ. Was soll dein Gelächter bedeuten?

Atheist. Daß ihr so unwissende Menschen seid und einen so beschwerlichen Weg geht, von dem ihr nichts als Elend ernten werdet.

Christ. Warum? Meinst du, wir würden nicht angenommen werden?

Atheist. Nicht angenommen? Es gibt in der ganzen weiten Welt keinen solchen Ort, wie ihr euch träumen lasset.

Christ. In dieser Welt allerdings nicht, aber in der zukünftigen.

Atheist. Auch ich habe in meinem Vaterland von dieser Stadt gehört, ich habe mich aufgemacht, sie zu sehen, habe nun zwanzig Jahre lang gesucht und nichts gefunden[127].

Christ. Wir beide haben es nicht nur gehört, sondern es auch geglaubt, daß es eine solche Stadt gibt.

Atheist. Hätte ich es damals nicht auch geglaubt, ich wäre nicht so weit gegangen, um sie zu suchen. Wäre sie zu finden gewesen, ich hätte sie gefunden, denn ich bin weiter gekommen als ihr. Da ich aber nichts fand, kehrte ich wieder um und will nun lieber das Leben genießen, als mich eitler Hoffnungen zu getrösten.

„Sollte es wohl wahr sein, was dieser Mann sagt?“ sprach Christ, indem er sich zu seinem Gefährten wandte.

„Hüte dich,“ antwortete Hoffnungsvoll, „dies ist ein Verführer. Wieviel hat es uns schon gekostet, daß wir einem solchen Menschen Gehör gaben! Wie? es sollte keine himmlische Stadt geben? Haben wir nicht von den lieblichen Bergen aus schon ihre Tore erblickt? Sollten wir nicht auch jetzt im Glauben wandeln[128]? Laß uns vorwärts gehen, sonst möchte der Mann mit der Geißel wieder über uns kommen. Du hättest mir die Ermahnung geben sollen, die ich dir jetzt zurufen muß: Laß ab, mein Sohn, zu hören die Zucht, und doch abzuirren von vernünftiger Lehre (Spr. 19, 27). Ja, ich sage: Höre nicht auf den Verführer, mein Bruder, laß uns glauben, auf daß wir unsre Seelen erretten“ (Hebr. 10, 39).

Christ. Ich weiß es wohl, lieber Bruder, ich zweifelte nicht an der Wahrheit unsres Glaubens, ich wollte dich nur prüfen und mich über die Festigkeit deines Glaubens freuen. Dieser Mann ist verblendet von dem Gott dieser Welt[129]. Wir wollen gehen, denn wir erkennen die Wahrheit, und in der Wahrheit ist keine Lüge (1. Joh. 2, 21).

Hoffnungsvoll freute sich und sprach: „Wie wird uns sein, wenn wir die Herrlichkeit Gottes sehen!“

Sie wandten sich also von diesem Mann ab, der ihrer lachte und seines Weges ging.

Bald darauf kamen die Pilger in eine gewisse Gegend, wo die Schwere der Luft den Wanderer matt und schläfrig macht. Hoffnungsvoll fühlte sich denn auch hier auf einmal so dumpf und träge, daß er seine Augen kaum noch offen halten konnte. „Laß uns hier ein wenig schlummern,“ sagte er zu seinem Gefährten.

„Nicht einen Augenblick,“ versetzte jener, „wir möchten sonst schlafen, um nie wieder aufzuwachen.“

„Warum, mein Bruder?“ sagte Hoffnungsvoll. „Ist doch der Schlaf dem Wanderer süß, und wir würden nachher desto frischer weiterziehen.“

Christ. Erinnerst du dich der Warnung des Hirten nicht mehr, auf dem bezauberten Grund zu schlafen? So laß uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern laß uns wachen und nüchtern sein! (1. Thess. 5, 6).

Hoffnungsvoll. Ich erkenne meinen Fehler; wäre ich hier allein gewesen, ich wäre in den Todesschlaf versunken. Wie wahr ist es doch, was der Weise sagt: „Zwei sind besser als einer“ (Pred. 4, 9). Bis hierher ist mir deine Gesellschaft zum Segen gewesen, und du wirst für deine Treue wohl belohnt werden.

Christ. Komm denn, laß uns, um uns der Schläfrigkeit an diesem Ort zu erwehren, ein nützliches Gespräch miteinander führen.

Hoffnungsvoll. Von Herzen gern.

Christ. Womit wollen wir denn anfangen?

Hoffnungsvoll. Wir wollen zuerst von dem reden, wie Gott angefangen hat, sich unser anzunehmen.

„Gut,“ sprach Christ, „aber zuvor laß mich dir noch etwas vorsingen:

Freundschaft, du Himmelsgabe, die uns der Herr gesandt, Daß unser Herz sich labe hier in dem Pilgerstand! Balsam bist du den Wunden, Mut gibst du uns zum Streit, Trost in den schweren Stunden, Schutz in Versuchungszeit. Freundschaft, du sollst uns nützen, daß wir mit Liebeskraft Stets uns ermuntern, stützen, stärken zur Wanderschaft, Reizen zu guten Werken und zur Genügsamkeit, Wo wir Gefahren merken, warnen zur rechten Zeit.

„Und nun,“ fuhr er fort, „sag mir doch einmal: Was brachte dich denn eigentlich zuerst auf den Gedanken, dich auf die Pilgerreise zu begeben?“

Hoffnungsvoll. Du meinst wohl, was mir den ersten Anstoß gab, auf das Heil meiner Seele bedacht zu sein.

Christ. Ja, das meine ich.

Hoffnungsvoll. Ich ergötzte mich lange an den Dingen, die auf unserm Jahrmarkt zu sehen und zu kaufen waren, die mich aber schließlich, wenn ich mich nicht von ihnen losgemacht hätte, ohne Zweifel ins Elend und Verderben gestürzt haben würden.

Christ. Was für Dinge waren denn das?

Hoffnungsvoll. Mein Herz hing an den Gütern und Vergnügungen der Welt, ich entheiligte den Namen und den Tag des Herrn, ich hatte große Freude an Schmausereien und Trinkgelagen, ich verfiel in Lüge und Unzucht. Aber da hörte ich von dir und deinem lieben Getreu, der um des Glaubens willen auf dem Eitelkeitsmarkt sein Leben ließ, daß das Ende aller dieser Dinge der Tod sei und daß um ihretwillen der Zorn Gottes über die Kinder des Unglaubens komme (Eph. 5, 6).

Christ. Warst du sogleich von dieser Wahrheit überzeugt?

Hoffnungsvoll. Nein, anfangs widerstand ich noch, ich wollte es nicht erkennen, daß die Sünde ein so großes Übel, daß sie die Ursache der Verdammnis sei. Wurde ich von dem Wort des Herrn getroffen, so suchte ich meine Augen vor dem Licht zu verschließen.

Christ. Was war aber die Ursache, daß du den ersten Wirkungen des Geistes Gottes also widerstrebtest?

Hoffnungsvoll. Die Ursachen waren diese: 1. Ich wußte nicht, daß dies Gottes Werk in mir war, ebensowenig daß Gott bei der Bekehrung eines Sünders damit anfängt, indem Er ihn zur Erkenntnis der Sünden bringt; 2. war mir die Sünde noch sehr angenehm, und ich war nicht geneigt, mich von ihr zu scheiden; 3. mochte ich meine alten Freunde nicht aufgeben, da mir ihre Gesellschaft ein Genuß war, und 4. wurde ich zuweilen durch das immer mehr aufwachende Gewissen von einer unerträglichen Unruhe befallen.

Christ. Du wurdest also, wie es scheint, zeitweise deiner Unruhe los?

Hoffnungsvoll. Allerdings, aber sie verließ mich nur, um bald wieder in verstärktem Maße zurückzukehren.

Christ. Aber was war es denn, was dir deine Sünden immer wieder aufs neue zu Gemüte führte?

Hoffnungsvoll. Mancherlei, z. B. wenn ich einem Frommen auf der Straße begegnete, wenn ich ein Wort der Heiligen Schrift zu hören bekam, ja, wenn mich die geringste Unpäßlichkeit anwandelte, wenn ich von der Krankheit oder dem Tod eines Nachbarn hörte, so wachte die Angst meines Herzens wieder auf, ich sah mich schon auf dem Sterbebett, ja vor dem Richterstuhl des Allwissenden.

Christ. Hast du es nicht dann und wann versucht, diese quälenden Gedanken von dir abzuschütteln?

Hoffnungsvoll. Suchte ich dieser Unruhe zu entgehen, so wurde sie desto größer, und die Stimme des Gewissens ließ sich desto vernehmlicher hören; wollte ich zur sündlichen Ergötzung zurück, so verdoppelte sich meine Qual.

Christ. Und wie machtest du es dann?

Hoffnungsvoll. Ich dachte, ich müsse mich bestreben, mein Leben zu bessern, sonst würde ich gewiß verdammt werden.

Christ. Und hast du wirklich den Versuch gemacht, dich zu bessern?

Hoffnungsvoll. Ja, ich mied nicht nur meine Sünden, sondern auch meine bisherigen Freunde; ich fing auch an zu beten und zu lesen, ich beweinte meine Sünden, ich bemühte mich, mit meinem Nächsten die Wahrheit zu reden und was dergleichen religiöse Übungen mehr sind, die ich nun nicht alle aufzählen will.

Christ. Und wurdest du dadurch befriedigt?

Hoffnungsvoll. Eine Zeitlang wohl, ich freute mich meiner Besserung; aber plötzlich überfiel mich wieder die vorige Angst.

Christ. Wie kam das, da du dich doch nun gebessert hattest?

Hoffnungsvoll. Diese erneute Unruhe wurde namentlich durch folgende Sprüche hervorgebracht: „Alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein unflätig Kleid“ (Jes. 64, 5). „Durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch gerecht“ (Gal. 2, 16). „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren“ (Luk. 17, 10) und andre ähnliche Stellen. Daraus zog ich nun den Schluß: Wenn alle meine Gerechtigkeit wie ein unflätig Kleid ist, wenn durch des Gesetzes Werke niemand gerecht wird und wir dennoch unnütze Knechte sind, selbst, wenn wir unsre Schuldigkeit erfüllt haben, so ist es ja eine Torheit, daß ich durch die Werke des Gesetzes die Seligkeit verdienen will. Zum Beispiel: jemand ist einem Kaufmann tausend Mark schuldig, auch wenn er nachher alles andre sogleich bezahlt, was er von ihm bezieht, so bleiben doch die tausend Mark im Schuldbuch stehen, und der Kaufmann kann den Schuldner in das Gefängnis bringen lassen, bis er alles bezahlt hat.

Christ. Wie hast du das auf dich selber angewandt?

Hoffnungsvoll. In dem Buch des allwissenden Gottes, so sagte ich mir, stehen alle meine Sünden, steht meine große Schuld verzeichnet. Wenn ich mich nun auch bessere, wer tilgt meine alte Schuld aus Gottes Buch? Wie will ich der Verdammnis entgehen, die ich durch meine früheren Übertretungen verdient habe?

Christ. Das ist eine sehr gute Anwendung, aber fahre bitte fort!

Hoffnungsvoll. Betrachtete ich überdies mein gegenwärtiges Leben genau, so entdeckte ich immer neue Sünden, ich entdeckte Sünden an meinen besten Werken; ich sah mein grundloses Verderben, und mein Herz wollte verzweifeln. Hatte ich mich früher recht gedünkt, so fand ich nun an einem einzigen Werk so viele Sünden, daß sie allein schon mich hätten verdammen müssen, wäre auch mein übriges Leben engelrein gewesen.

Christ. Und was fingst du nun an?

Hoffnungsvoll. Ich wußte nicht, was ich tun sollte, bis mich Getreu entdeckte, den ich noch von früher her kannte. Kannst du nicht, so sagte er mir, die Gerechtigkeit eines Menschen erlangen, der niemals gesündigt hat, so kann dich die Gerechtigkeit der ganzen Welt nicht retten.

Christ. Glaubtest du seinen Worten?

Hoffnungsvoll. Hätte er mir das damals gesagt, als ich an meiner Selbstbesserung Gefallen hatte, so hätte ich ihn wohl für einen Narren gehalten. Da ich nun aber gedemütigt war und die Schwachheit und Sünde kannte, die meinen besten Taten anklebten, so mußte ich ihm wohl recht geben.

Christ. Aber was hast du dabei gedacht, als er dir von einem völlig sündlosen Mann sagte, von einem Reinen unter denen, da keiner rein ist?

Hoffnungsvoll. Anfangs freilich, das muß ich gestehen, klangen mir seine Worte wie ein Märlein; doch wurde ich im weitern Verlauf des Gesprächs vollkommen davon überzeugt.

Christ. Fragtest du nicht, wer der Mann sei und wie du durch Ihn gerechtfertigt werden könntest?

Hoffnungsvoll. Ja; und er sagte mir, daß es der Herr Jesus sei, der da sitzt zu der Rechten der Majestät in der Höhe (Hebr. 1, 3). „Durch Ihn allein,“ fuhr er fort, „kannst du gerecht werden; du mußt vertrauen auf alles, was Er in den Tagen Seiner Erniedrigung getan, was Er am Stamm des Kreuzes erduldet hat[130].“ Ich fragte ihn weiter, wie dieses Mannes Gerechtigkeit eine solche Kraft und Gültigkeit haben könne, einen andern vor Gott zu rechtfertigen. Er sprach zu mir, daß Er der allmächtige Gott wäre, was Er getan und gelitten, sei um meinetwillen geschehen, Sein Gehorsam und Seine Genugtuung werden mir zugute kommen, wenn ich an Ihn glaube[131].

Christ. Und was tatest du nun weiter?

Hoffnungsvoll. Ich gab es zu, daß der Herr wohl die Sünden der Welt getragen habe, daß Er allen andern Menschen ein gnädiger Heiland sei, aber ich konnte nicht glauben, daß Er auch mich erretten wolle.

Christ. Und was hat Getreu dir darauf geantwortet?

Hoffnungsvoll. Er ermunterte mich, zu dem Herrn zu gehen. Ich hielt dies für Vermessenheit, bis er mir versicherte, daß ich ja eingeladen sei, zu Ihm zu kommen[132]. Er gab mir alsdann ein Buch, vom Herrn selbst eingegeben, um mich desto beherzter zu machen, die Einladung anzunehmen; und er bezeugte von diesem Buch, daß jedes Wort, jeder Buchstabe fester stehe als Himmel und Erde[133]. Hierauf fragte ich, was ich tun müßte, wenn ich zu Ihm käme. Getreu erwiderte, daß ich auf den Knien[134] vom Grunde meines Herzens den Vater im Himmel anflehen müßte[135], daß Er mir Seinen Sohn wolle offenbaren[136]. Ich fragte weiter, wie ich Ihm meine Bitten vortragen müßte: „Du findest Ihn,“ sagte er, „das ganze Jahr auf dem Thron der Gnade, um Vergebung der Sünden zu schenken allen, die zu Ihm kommen[137].“ Nun wandte ich noch ein, ich wisse nicht, was ich sagen sollte, wenn ich zu Ihm käme. Da hieß er mich also beten: „Gott, sei mir Sünder gnädig; verleihe es mir, Deinen Sohn zu erkennen und an Ihn zu glauben; denn ich weiß, daß ich ohne Seine Gerechtigkeit und ohne den Glauben an Ihn auf ewig verloren bin. Herr, ich habe gehört, daß Du ein barmherziger Gott bist, daß Du Deinen Sohn verordnet hast zum Heiland der Welt und daß Du willig bist, Ihn den armen Sündern zu schenken, — und wahrlich, ich bin ein großer Sünder! Herr, hier bin ich, erhöre mich und verherrliche Deinen Namen und errette meine Seele durch Deinen Sohn Jesus Christus! Amen.“

Christ. Und hast du getan, wie er dich’s lehrte?

Hoffnungsvoll. Ja, freilich, und das nicht nur einmal, sondern immer wieder.

Christ. Und wurde dir der Sohn Gottes geoffenbart?

Hoffnungsvoll. Ich mußte mich oft auf meine Knie niederwerfen und immer wieder beten; aber wie ehern war der Himmel über mir.

Christ. Was tatest du denn da?

Hoffnungsvoll. Ja, ich wußte wirklich nicht, was ich tun sollte.

Christ. Kam dir nie der Gedanke, vom Beten abzulassen?

Hoffnungsvoll. Jawohl, unzähligemal.

Christ. Aber wie kam es, daß du es doch nicht tatest?

Hoffnungsvoll. Ich war mir dessen bewußt, daß ohne die Gerechtigkeit Christi mich die ganze Welt nicht erretten konnte. Unterlasse ich das Beten, dachte ich, so muß ich sterben, und das Ärgste, was mir vor dem Thron der Gnade widerfahren kann, ist auch nur der Tod. In diesem Augenblick kam mir das Wort des Propheten in den Sinn: „Ob auch die Erfüllung der Verheißung verzieht, so harre ihrer: sie wird gewiß kommen und nicht ausbleiben“ (Hab. 2, 3). Also verharrte ich im Gebet, bis mir der Vater den Sohn offenbarte.

Christ. Und wie ward Er dir denn geoffenbart?

Hoffnungsvoll. Ich sah Ihn nicht mit meinen leiblichen Augen, aber mit den Augen meines Verständnisses, und das ging also zu: Eines Tages war ich über die Maßen betrübt, die Menge und Größe meiner Sünden beugten mich in den Staub. Von ganzem Herzen hatte ich gebetet, und es kam keine Hilfe. Bin ich verloren? Bin ich auf ewig von Dir verstoßen, mein Gott? Und während ich von solchen Gedanken erfüllt war, dünkte es mich, als ob sich der Himmel öffnete und der Herr Jesus auf mich niederblickte und mir zuriefe: „Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du selig werden!“ (Apostelg. 16, 31.) „Ach, Herr,“ sagte ich, „ich bin ein großer, sehr großer Sünder.“ Und Er antwortete: „Laß dir an Meiner Gnade genügen!“ (2. Kor. 12, 9.) „Was ist Glauben?“ fragte ich. „Wie soll ich glauben?“ Er sprach: „Wer zu Mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an Mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten“ (Joh. 6, 35). Und ich verstand, daß Glauben und Kommen ein und dasselbe sei, und daß jeder, der sich von Grund der Seele nach der Erlösung durch Jesus Christus sehnt, wahrhaftig an Ihn glaubt. Mit Tränen fragte ich weiter: „Aber, Herr, kannst Du denn wirklich einen so großen Sünder, wie ich bin, annehmen und selig machen?“ Und ich hörte Ihn sagen: „Wer zu Mir kommt, den werde Ich nicht hinausstoßen“ (Joh. 6, 37). Darauf sagte ich: „Aber wie muß ich Dich betrachten, wenn ich komme, damit mein Glaube der rechte sei?“ Er antwortete: „Jesus Christus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen (1. Tim. 1, 15); Er ist des Gesetzes Ende; wer an Ihn glaubt, der ist gerecht (Röm. 10, 4); Er ist um unsrer Sünden willen dahingegeben und um unsrer Gerechtigkeit willen auferweckt (Röm. 4, 25); Er hat uns geliebt und gewaschen von den Sünden mit Seinem Blut (Offenb. 1, 5); Er ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen (1. Tim. 2,5); Er lebt immerdar und bittet für uns“ (Hebr. 7, 25). Aus alledem kam ich zu der Erkenntnis, daß ich die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, allein im Sohn und die Versöhnung für meine Sünden in Seinem Blut suchen müsse; denn alles, was Er aus Gehorsam gegen den Willen Seines Vaters getan, und daß Er die Strafe auf sich genommen, sei nicht geschehen für Ihn, sondern für die, welche solches zu ihrer Seligkeit annehmen und Ihm dafür dankbar sind. Darüber ward mein Herz voller Freude, meine Augen voll Tränen, ich glühte in Liebe zu dem Herrn Jesus Christus, zu Seinem Volk und hatte Lust zu Seinen Wegen.

Christ. Das war in der Tat eine Offenbarung Christi an deiner Seele. Aber sage mir doch, was für eine Wirkung dieses auf deinen Geist hatte.

Hoffnungsvoll. Es ging mir darüber ein Licht auf, daß die ganze Welt, trotz ihrer vermeintlichen Gerechtigkeit, der Verdammnis anheimfallen wird. Ich erkannte, daß Gott der Vater, Seiner Gerechtigkeit unbeschadet, den Sünder, der um Gnade fleht, rechtfertigen kann. Ich blickte mit tiefer Beschämung auf mein Leben, auf meine große Unwissenheit zurück, denn nie vorher hatte ich etwas von dieser Schönheit und Herrlichkeit Jesu Christi geahnt. Ich sehnte mich nach einem heiligen Leben, ich sehnte mich, den Namen des Herrn Jesus zu ehren und zu verherrlichen. Ja, jeden Tropfen Blutes in meinen Adern wollte ich zur Ehre des Herrn vergießen.

Ich sah nun in meinem Traum, daß Hoffnungsvoll sich umwandte, und da er Unwissend nachkommen sah, sprach er zu Christ: „Sieh doch, wie dieser junge Mann so gemächlich hinter uns hergeht!“

Christ. Ich sehe es wohl, er meidet unsre Gesellschaft.

Hoffnungsvoll. Aber ich denke, es würde ihm nichts geschadet haben, hätte er bisher mit uns Schritt gehalten.

„Das meine ich auch,“ erwiderte Christ, „aber hierüber wird er andrer Meinung sein.“

Sie beschlossen nun, noch einen Versuch zur Rettung seiner Seele zu wagen. Sie erwarteten ihn, und Christ redete ihn liebreich an: „Warum wanderst du ganz allein?“

„So ist es mir lieber,“ antwortete Unwissend, „als mit einer Gesellschaft zu gehen, die mir nicht zusagt.“

Christ sprach im Flüsterton zu Hoffnungsvoll: „Sagte ich dir’s nicht, daß wir ihm nicht genehm sind?“ und fuhr fort, sich an Unwissend wendend: „Nun, wie geht es dir? Wie steht es zwischen Gott und deiner Seele?“

Unwissend. Ich hoffe gut; denn mein Herz ist immer voll von guten Gedanken, die mir meine Wanderschaft versüßen.

Christ. Sage uns, bitte, was sind das für gute Gedanken?

Unwissend. Ich beschäftige mich mit Gott und dem Himmel.

Christ. Das tun die Teufel und die verdammten Seelen auch.

Unwissend. Aber ich denke nicht nur daran, sondern habe auch ein Sehnen danach.

Christ. Das haben ihrer viele, die doch nicht ins Himmelreich kommen werden. Der Faule begehrt und kriegt’s doch nicht (Spr. 13, 4).

Unwissend. Ich habe aber um ihrerwillen alles verlassen.

Christ. Das bezweifle ich; denn alles zu verlassen ist schwerer, als sich’s viele einbilden. Aber sage mir doch einmal, was gibt dir die Überzeugung, daß du um Gottes und des Himmels willen alles verlassen hast?

Unwissend. Das sagt mir mein eigenes Herz.

Christ. Der Weise spricht: „Wer sich auf sein Herz verläßt, ist ein Narr“ (Spr. 28, 26).

Unwissend. Das ist gesagt von einem bösen Herzen; aber mein Herz ist gut.

Christ. Wie willst du das beweisen?

Unwissend. Es tröstet mich mit der Hoffnung des Himmels.

Christ. Damit kann es dich aber sehr betrügen; denn das Herz kann den Menschen mit Hoffnungen trösten, die zu hoffen er gar keinen Grund hat.

Unwissend. Aber mein Herz und Leben stimmen überein, und darum ist meine Hoffnung wohl begründet.

Christ. Wer gibt denn dir das Zeugnis, daß dein Herz und Wandel übereinstimmen?

Unwissend. Mein Herz selbst sagt es mir.

Christ. Also wiederum dein Herz. Darüber kann nur Gottes Wort entscheiden, jedes andre Zeugnis hat hierin keinen Wert.

Unwissend. Aber ist das nicht ein gutes Herz, das gute Gedanken hat? Und ist das nicht ein gutes Leben, das mit Gottes Geboten übereinstimmt?

Christ. Ja, das ist ein gutes Herz, das gute Gedanken hat, und das ist ein gutes Leben, das mit den Geboten Gottes übereinstimmt; aber es ist ein Unterschied, etwas zu haben oder es sich nur einzubilden.

Unwissend. Bitte, was nennst du denn gute Gedanken und ein Leben, das mit Gottes Geboten übereinstimmt?

Christ. Es gibt gute Gedanken verschiedener Art: einige betreffen uns selbst, andre Gott, andre Christus, oder sie haben irgendein andres Ziel.

Unwissend. Was sind denn gute Gedanken in bezug auf uns selbst?

Christ. Solche, die mit dem Wort Gottes übereinstimmen.

Unwissend. Wann stimmen denn unsre Gedanken über uns selbst mit dem Wort Gottes überein?

Christ. Wenn wir dasselbe Urteil über uns fällen, welches Gottes Wort fällt. Um mich deutlicher auszudrücken, so sagt das Wort Gottes von den Menschen in ihrem natürlichen Zustand: „Da ist keiner, der gerecht sei, auch nicht einer; sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer“ (Röm. 3, 10. 12) und: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf und immerdar“ (1. Mos. 6, 5; 8, 21). Wenn wir nun so von uns selber denken und das in uns selbst empfinden, dann sind es gute Gedanken, weil sie mit Gottes Wort im Einklang stehen.

Unwissend. Ich werde niemals glauben, daß mein Herz so böse sei. Ich habe ein gutes Herz.

Christ. So hast du eben in deinem Leben noch keine guten Gedanken über dich selbst gehabt. — Aber höre mich weiter: So wie das Wort Gottes unser Herz richtet, so richtet es auch unsern Wandel. Wenn nun die Gedanken unsers Herzens und unsre Wege mit diesem Urteil übereinstimmen, so sind beide gut.

Unwissend. Erkläre dich deutlicher!

Christ. Gottes Wort sagt von den Menschen, daß sie die rechte Bahn verlassen haben (Spr. 2, 13), den Weg des Friedens nicht wissen (Röm. 3, 17), ihren Weg verkehren (Spr. 2, 15) und auf ihre krummen Wege abweichen (Ps. 125, 5). Wenn nun ein Mensch mit tiefgebeugtem Herzen so von seinem Wandel denkt, dann hat er gute Gedanken darüber, weil sie mit dem göttlichen Wort übereinstimmen.

Unwissend. Was nennst du gute Gedanken in bezug auf Gott?

Christ. Ebenfalls diejenigen, die von Seinem Wesen und von Seinen Eigenschaften das denken, was Sein Wort davon zeugt, worüber ich mich jetzt nicht näher aussprechen möchte. Um aber noch Gottes Verhältnis zu uns zu erwähnen, so haben wir darin richtige Gedanken von Ihm, wenn wir daran denken, daß Er uns besser kennt, als wir uns selbst kennen, daß Er Sünde an uns bemerkt, die vor unsern Augen verborgen ist[138]; wenn wir uns ferner dessen bewußt, daß unsre heimlichsten Gedanken Ihm bekannt und vor Seinem Flammenauge die verborgensten Falten unsers Herzens bloß und aufgedeckt sind[139]; wenn wir weiter daran denken, daß unsre eigene Gerechtigkeit vor Ihm ein Greuel ist, und daß Er es nicht dulden kann, wenn wir auch nur das geringste Vertrauen auf unsre Werke setzen wollten.

Unwissend. Hältst du mich denn für einen solchen Tor, als ob ich nicht an Gottes Allwissenheit glaubte oder mich vor Gott auf meine guten Werke verlassen wollte?

Christ. Nun, wie denkst denn du in dieser Sache?

Unwissend. Ich glaube so gut wie du an Christus und hoffe durch den Glauben an Ihn selig zu werden.

Christ. O wie kannst du an Christus glauben, da du dich für so vortrefflich hältst? Nur ein geängsteter Geist, nur ein zerschlagenes Herz sucht den Erlöser und findet Ihn; nur Sünder macht der Heiland selig; du aber hast den bodenlosen Abgrund deines verdorbenen Herzens nicht erkannt und ebensowenig, daß wir nur durch Christi Blut und Gerechtigkeit vor Gott bestehen können. Wie kannst du noch sagen, du glaubest an Christus?

Unwissend. Du kannst sagen, was du willst — mein Glaube ist rechtschaffen.

Christ. Wie lautet dein Glaubensbekenntnis?

Unwissend. Ich glaube, daß Christus für die Sünder gestorben ist und daß Gott in Ansehung meines Gehorsams gegen Sein Wort aus Gnaden mich rechtfertigen und vom Fluch erlösen wird. Oder mit andern Worten: Christus macht kraft Seines Verdienstes meine gottesdienstlichen Übungen vor Seinem himmlischen Vater angenehm, und so werde ich gerechtfertigt[140].

Christ. Erlaube mir eine Antwort auf dieses dein Glaubensbekenntnis:

1. Du hast einen eingebildeten Glauben, der mit Gottes Wort nicht im Einklang steht.

2. Dein Glaube ist falsch, weil er die Rechtfertigung durch die Gerechtigkeit Christi beiseitesetzt und sie deiner eigenen beimißt.

3. Nach diesem Glauben rechtfertigt Christus nicht deine Person, sondern deine Handlungen und deine Person nur um deiner Handlungen willen, und das ist grundfalsch.

4. Dieser Glaube ist betrüglich und wird dich an dem großen Tag der Offenbarung der göttlichen Gerichte zuschanden werden lassen: Denn durch den wahrhaft rechtfertigenden Glauben erkennt die Seele, daß sie durch das Gesetz verlorengeht, und nimmt ihre Zuflucht zu der Gerechtigkeit Christi. Die Gerechtigkeit Christi dient nicht dazu, deinen Gehorsam zu deiner Rechtfertigung vor Gott angenehm zu machen, sondern dich selbst vor Ihm zu rechtfertigen; und diese Gerechtigkeit hat Er uns dadurch erworben, daß Er durch Sein Tun und Leiden an unsrer Statt die Forderungen des Gesetzes erfüllte. Der wahre Glaube nun ergreift diese Gerechtigkeit, und in dieses Kleid gehüllt und so geschützt, wird die Seele Gott dargestellt ohne irgendeinen Makel, von Ihm angenommen und von der Verdammnis freigesprochen.

Unwissend. Wie, Christi Tun und Leiden sollte zu unsrer Rechtfertigung vor Gott ausreichen, ohne daß wir etwas dazu tun? Dann könnte ja jeder nach seinem Belieben in Sünden leben; denn was liegt daran, wie wir leben, wenn wir durch die Gerechtigkeit, welche Christus selbst vollbracht hat, gerecht werden, so wir es nur glauben?

Christ. Unwissend ist dein Name, und unwissend bist du auch. Eben deine Antwort bestätigt meine Worte. Unwissend bist du in dem, was rechtfertigende Gerechtigkeit ist, und ebenso unwissend darin, wie du durch den Glauben an dieselbe deine Seele vor dem Zorngericht Gottes retten mögest. Ja, hättest du nur ein Fünklein Glauben an den Erlöser, du würdest wissen, daß Seine überschwengliche Gnade in dem Herzen des Erlösten eine brennende Liebe erweckt gegen Seinen Namen, Sein Wort, Seine Wege und Sein Volk, daß er dann nicht in der Sünde beharren kann, sondern dem zu leben trachtet, der ihn so teuer erkauft hat.

Hoffnungsvoll. Frage ihn einmal, ob Christus sich je ihm offenbart hat in seinem Herzen.

Unwissend. Offenbaren? Kann auch ein vernünftiger Mensch an Offenbarungen glauben? Ich glaube, daß alles, was ihr beide und euresgleichen von diesen Sachen sprecht, nichts andres als das Erzeugnis eines kranken Gehirns ist.

Hoffnungsvoll. Armer junger Mann, du weißt nicht, daß der Mensch Christus nicht erkennen kann, es sei denn, daß ihm der Sohn vom Vater offenbart werde.

Unwissend. Das ist euer Glaube, aber der meine nicht. Ich zweifle jedoch nicht, daß der meine ebensogut ist wie der eure, wenn ich gleich nicht so viele Grillen im Kopf habe wie ihr.

Christ. Gestatte mir, ein Wort dareinzureden. Es ist ganz ungeziemend, von dieser Sache so verächtlich zu reden. Wie mein lieber Gefährte es getan, so bezeuge auch ich es freimütig, daß niemand Jesus Christus recht erkennen kann als durch die Offenbarung Gottes des Vaters[141]. Auch der Glaube, durch welchen die Seele Christus ergreift, muß, wenn er rechter Art sein soll, durch die überschwengliche Größe Seiner mächtigen Kraft gewirkt werden (Eph. 1, 19). Von der Wirkung dieses Glaubens ist dir, wie ich merke, noch nichts bekannt. So wache denn auf, laß deinen Hochmut fahren, demütige dich und flehe um Gnade! So wirst du durch Seine Gerechtigkeit, welche die Gerechtigkeit Gottes ist, von der Verdammnis erlöst werden.

Unwissend. Mit euch kann ich nicht Schritt halten; geht voraus, ich will ein wenig hinter euch bleiben.

Sie versuchten es noch einmal, ihn zurückzuhalten, und sprachen:

Halte ein und überlege, Sünder, ach wo willst du hin? Kehre um von deinem Wege; denn ein Abgrund endet ihn. Wende dich zu dem Erbarmer, dem Befreier Jesus Christ! Er verstößt dich nicht, du Armer; komm zu Ihm, so wie du bist!

Christ wandte sich nun zu seinem Gefährten und sprach: „Komm, lieber Hoffnungsvoll, ich sehe, daß wir wieder allein wandern müssen!“

Ich sah nun in meinem Traum, daß sie ihre Schritte beschleunigten, während Unwissend hintennachhinkte.

„Mich dauert dieser arme Mann sehr,“ sagte Christ zu Hoffnungsvoll, „es wird sicherlich ein schlimmes Ende mit ihm nehmen.“

Hoffnungsvoll. Ach, solcher Leute gibt es viele in unsrer Stadt, ganze Familien, ja ganze Straßen und sogar Pilgrime. Und sind sie schon bei uns in solcher Menge vertreten, wie viele werden ihrer erst in Unwissends Heimat sein!

Christ. Ja, es erfüllt sich an ihnen das Wort: „Er hat ihre Augen verblendet, daß sie nicht sehen“ (Joh. 12, 40). Aber — da wir ja allein sind — sage mir doch, was denkst du von diesen Leuten? Glaubst du, daß sie nie eine Überzeugung von ihren Sünden haben und folglich nie über ihren gefährlichen Zustand in Furcht geraten?

Hoffnungsvoll. Beantworte du bitte diese Frage selbst, du bist der Ältere.

Christ. Nun ja, das will ich gerne tun. Ich denke, zuweilen mag das wohl der Fall sein, daß sie ihre Sünden und deren Folgen erkennen; allein in ihrer Verblendung merken sie nicht, wie heilsam solche Erkenntnis ist, und deswegen suchen sie diese lästigen Gedanken von sich abzuschütteln und verharren, indem sie sich selbst schmeicheln, auf dem Weg, den sie nach eigenem Gutdünken erwählt haben.

Hoffnungsvoll. Hiervon bin ich gleichfalls überzeugt, daß diese Furcht dem Menschen heilsam ist und ihn antreibt, sich auf die Pilgerreise nach Zion zu begeben.

Christ. Ohne Zweifel hat jene Furcht, wenn sie rechter Art, diese Wirkung; denn also steht geschrieben: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“ (Ps. 111, 10).

Hoffnungsvoll. Wie würdest du die rechte Furcht beschreiben?

Christ. Die wahre Furcht offenbart sich folgendermaßen:

1. Sie wird erzeugt durch heilsame Sündenerkenntnis.

2. Sie treibt die Seele an, den Heiland der Sünder zu suchen und zu erfassen.

3. Sie erweckt und unterhält in der Seele eine tiefe Ehrfurcht vor Gott, Seinem Wort und Seinen Wegen; sie macht das Gewissen zart und behutsam, weder zur Rechten noch zur Linken zu weichen, und läßt nicht zu, daß wir etwas tun, was Gottes Namen verunehren, den innern Frieden stören, den Geist betrüben oder den Feinden Anlaß zum Lästern geben könnte.

Hoffnungsvoll. Ganz recht. Ich glaube, daß du die Wahrheit sagst. — Was meinst du, sind wir nun bald über den bezauberten Grund hinweg?

Christ. Warum fragst du? Bist du etwa dieses Gesprächs müde?

Hoffnungsvoll. Nein, gewiß nicht; ich wollte bloß wissen, wo wir uns jetzt befinden.

Christ. Wir haben nur noch etwa zwei Meilen zu gehen. Doch laß uns wieder auf unsre Sache kommen. — Die Unwissenden erkennen es nicht, daß, wenn das Gewissen erwacht, dies ihnen zum Segen ausschlägt; darum suchen sie dieses zu übertäuben.

Hoffnungsvoll. Wie kommt das?

Christ. 1. Sie denken, solche Furcht sei durch den Teufel gewirkt (obgleich doch wahrlich die rechte Furcht eine Wirkung Gottes ist), und in diesem Wahn widerstehen sie ihr als einer Sache, die sie schnurstracks ins Verderben bringt.

2. Sie denken, jene Furcht gehe dahin, sie in ihrem Glauben wankend zu machen; aber leider haben die armen Leute doch gar keinen Glauben, und darum verhärten sie ihr Herz dawider.

3. Sie stehen in der falschen Voraussetzung, es gezieme ihnen nicht, sich zu fürchten, und darum werden sie in Verachtung derselben nur frecher und vermessener.

4. Sie sehen, daß jene Furcht ihre erbärmliche Selbstgerechtigkeit zunichte macht, und deswegen widerstehen sie ihr mit aller Macht.

Hoffnungsvoll. Ich weiß davon etwas aus eigener Erfahrung; denn ehe ich mich selber kannte, war’s auch so mit mir.

Christ. Gut, wir wollen nun unser Gespräch über Unwissend abbrechen und eine andre lehrreiche Frage aufwerfen.

Hoffnungsvoll. Recht gern. Aber du mußt den Anfang machen.

Christ. Nun, also! Hast du nicht ungefähr vor zehn Jahren in unsrer Gegend einen gewissen Zeitdiener gekannt, der damals großes Aufsehen erregte, weil er sich von der Welt und Sünde abwandte?

Hoffnungsvoll. Ja freilich, wie sollte ich den nicht gekannt haben! Er wohnte in Gnadenlos, einer Stadt ungefähr zwei Meilen von Ehrbarkeit entfernt; seine Wohnung stieß an die eines gewissen Kehrum.

Christ. Richtig, er wohnte mit ihm unter einem Dach. Dieser Mann war einst sehr beunruhigt; ich denke, daß er einige Erkenntnis seiner Sünden und ihrer traurigen Folgen hatte.

Hoffnungsvoll. Ich denke es auch; denn da mein Haus nicht weit von dem seinen entfernt war, kam er öfter zu mir, und zwar mit vielen Tränen. Wahrlich, ich hatte mit dem Mann großes Mitleid und hegte einige Hoffnung für ihn. Aber an ihm kann man sehen, daß nicht alle, die Herr, Herr! sagen, in das Himmelreich kommen (Matth. 7, 21).

Christ. Eines Tages sagte er mir, daß er entschlossen sei, gleichwie wir auf die Pilgrimschaft zu gehen. Aber auf einmal machte er die Bekanntschaft eines gewissen Hilfdirselbst und zog sich dann ganz von mir zurück.

Hoffnungsvoll. Weil wir gerade jetzt auf ihn zu sprechen gekommen sind, laß uns doch einmal untersuchen, worin die Ursache liegt, daß er und andre seinesgleichen so schnell abfällig geworden sind.

Christ. Das kann sehr lehrreich werden; aber diesmal mußt du den Anfang machen.

Hoffnungsvoll. Gut. Meiner Ansicht nach lassen sich folgende vier Ursachen feststellen:

1. Obschon das Gewissen solcher Menschen aufgeweckt wurde, blieb doch ihr Herz unverändert. Wenn daher das Gewicht der Schuld abnimmt, schwindet sogleich auch das, was sie dazu bewog, ein frommes Leben anzufangen, und so kehren sie dann natürlich wieder zu ihrem alten Wandel zurück. Also, sage ich, sie haben Verlangen nach dem Himmel bekommen, aber nur aus Furcht vor den Flammen der Hölle. Wenn aber ihre Gedanken von der Hölle und ihre Furcht vor der Verdammnis etwas abgenommen haben, dann erkaltet auch ihr Verlangen nach dem Himmel, und so fallen sie wieder in ihr früheres Wesen zurück.

2. Ein andrer Grund liegt darin: es ermächtigt sich ihrer eine knechtische Furcht, ich meine die Furcht vor den Menschen, „denn vor Menschen sich scheuen, bringt zu Fall“ (Spr. 29, 25). Wiewohl sie also nach dem Himmel zu trachten scheinen, solange die Flammen der Hölle an ihnen gleichsam züngeln, so kommen sie doch wieder auf andre Gedanken, sobald der erste Schrecken sich ein wenig gelegt hat, und denken, man müsse doch auch klug sein und sich nicht selbst der Gefahr aussetzen, alles zu verlieren (sie wissen aber selbst nicht was), oder sich wenigstens nicht in unvermeidliches und unnötiges Ungemach hineinbringen. Und so stürzen sie sich denn aufs neue der Welt in die Arme.

3. Die Schmach, welche das Bekenntnis des Evangeliums begleitet, liegt ihnen wie ein Stein im Weg. Sie sind stolz und hochmütig, das Evangelium von Christus ist aber in ihren Augen gering und verächtlich. Darum, sobald sie die Furcht vor der Hölle und dem zukünftigen Zorn verloren haben, kehren sie zu ihren frühern Wegen zurück.

4. Die Schuld und die Gedanken an den Schrecken sind ihnen eine Qual. Sie lieben also nicht, ihr Elend anzusehen, bevor sie darin sind. Und doch würde der frühere Hinblick auf dasselbe ihnen vielleicht Anlaß geben, dort ihre Zuflucht zu suchen, wo sie der Gerechte gefunden und auch sie Rettung fänden; weil sie aber, wie ich vorhin bemerkte, die Gedanken an Schuld und Strafe scheuen, so geschieht es, daß, wenn sie einmal den ersten Schrecken von Gottes Zorn überwinden, sie ihre Herzen immer mehr verhärten und solche Wege erwählen, die sie je länger, je mehr dazu führen.

Christ. Du bist der Sache sehr nahe gekommen, denn der Grund alles dessen liegt darin, daß ihr Herz und Willen nicht verändert worden ist. Es ist nur die Angst des Verbrechers, der vor seinem Richter steht. Er zittert und bebt und scheint wahrhaft reuig zu sein; aber der Grund davon ist lediglich die Furcht vor dem Galgen und nicht, weil er Abscheu vor seinem Verbrechen hat. Es ist klar ersichtlich, sollte man einen solchen Menschen nur in Freiheit setzen, er würde wieder ein Dieb und Taugenichts sein. Das würde jedoch nicht der Fall sein, wenn wirklich eine Umwandlung seines Herzens stattgefunden hätte.

Hoffnungsvoll. Ich habe dir nun die Gründe ihres Abfalls angegeben, so zeige mir nun die Art und Weise, wie es geschieht.

Christ. Das will ich gern tun.

1. Sie fangen damit an, ihre Gedanken von der Erinnerung an Gott, den Tod und das zukünftige Gericht abzuziehen.

2. Danach lassen sie ab vom stillen verborgenen Gebet im Kämmerlein, vom Kampf gegen die anklebende Sünde, vom Wachen, vom Trauern über die Sünde und dgl.

3. Sie fühlen sich beengt in der Gemeinschaft lebendiger und wahrer Christen.

4. Danach werden sie laß in den öffentlichen Übungen des Gottesdienstes, wie im Hören und Lesen des göttlichen Wortes, Besuch des Gottesdienstes und dgl.

5. Sodann beginnen sie, wie man sagt, das Kleid gläubiger Leute mit Kot zu bewerfen, und zwar in der teuflischen Absicht, um damit ihren Abfall von ihrem Bekenntnis zu rechtfertigen.

6. Hierauf treten sie in Verbindung mit weltlichgesinnten, losen und liederlichen Menschen.

7. Darauf suchen sie insgeheim, nichtige Gespräche weiterzutragen, und sind froh, wenn sie bei einem, der für fromm gilt, auch dergleichen finden können, damit sie es auf sein Beispiel um so dreister tun können.

8. Nachher fangen sie an, kleine Sünden ohne Scham öffentlich zu treiben.

9. Und endlich, wenn sie sich auf diese Weise verhärtet haben, zeigen sie sich, wie sie sind. So schwimmen sie denn wieder auf dem reißenden Strom des Verderbens und, wenn nicht ein Wunder der Gnade es verhindert, müssen sie in ihrem Selbstbetrug ewig verlorengehen.

Fußnoten:

Schlussvignette, Kapitel I, 11
Schlussvignette, Kapitel I, 11
Kopfstück, Kapitel I, 12
Kopfstück, Kapitel I, 12

Zwölftes Kapitel. Durch die Fluten der letzten Trübsal und Eingang in die himmlische Stadt.

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Unter diesen Betrachtungen legten sie die letzte Strecke des bezauberten Grundes zurück und betraten das Land der Vermählung, wo ihnen sogleich eine lieblich erfrischende Luft entgegenwehte. Da ihr Weg hier hindurchführte, so erquickten sie sich daselbst eine Zeitlang. „Siehe, der Winter ist vergangen,“ rief Hoffnungsvoll, „die Blumen sind hervorgekommen im Land, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube läßt sich hören in unserm Land“ (Hohesl. 2, 12). Hier geht die Sonne nicht unter, das Tal der Todesschatten ist weit entfernt, der Riese der Verzweiflung dringt hier niemals ein; die Zweifelsburg sieht man nicht mehr; die himmlische Stadt, zu der sie wanderten, strahlte ihnen in hellem Licht entgegen, und es begegneten ihnen schon einige der Glänzenden, die hier an den Grenzen des Himmels gewöhnlich zu lustwandeln pflegen. Hier ward nun die Verlobung zwischen der Braut und dem Bräutigam erneuert, ja wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so freut sich ihr Gott über sie (Jes. 62, 5). Hier hatten sie auch keinen Mangel an Korn und Wein, sondern fanden alles das im Überfluß, was sie auf ihrer ganzen Pilgerreise gesucht hatten. Von der Stadt her drangen laute Stimmen an ihr Ohr, welche riefen: „Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! siehe, Sein Lohn ist bei Ihm!“ (Jes. 62, 11), und von den Einwohnern des Landes wurden sie genannt: „Das heilige Volk, die Erlösten des Herrn“ (Jes. 62, 12).

Während sie hier wanderten, durchströmte eine nie gekannte Freude ihr Herz. Sie kamen nun der Stadt immer näher, und immer vollkommener wurde deren Anblick; sie sahen schon die Mauern von edlem Gestein, sie sahen die Perlentore und die Straßen von lauterm Gold. Dieser Glanz und diese Herrlichkeit, welche die darauf fallenden Sonnenstrahlen zurückwarfen, erweckten in ihrem Herzen eine unendliche Sehnsucht nach dem Herrn. Daher legten sie sich eine Weile nieder und riefen in ihrem Heimweh aus: „Findet ihr meinen Freund, so sagt Ihm, daß ich vor Liebe krank liege!“ (Hohesl. 5, 8). Als sie sich wieder ein wenig gefaßt hatten, zogen sie weiter. Der Weg führte sie an lieblichen Obst- und Weingärten vorüber, deren Türen nach der Straße hin offen standen. Der Gärtner stand am Weg, und den fragten sie: „Wem gehören diese herrlichen Weinberge und lieblichen Gärten?“ Er antwortete: „Dies sind die Besitzungen des Königs, die Er für sich und zur Erquickung der Pilger angelegt hat.“ Hierauf führte der Gärtner sie in die Weingärten und hieß sie sich erfrischen mit den darin wachsenden köstlichen Früchten. Er zeigte ihnen auch des Königs Lustgänge und Sommerlauben, in denen sich aufzuhalten Seine Lust war. Allda verweilten sie ein wenig und schliefen ein.

Nun bemerkte ich in meinem Traum, daß die Pilger in ihrem Schlaf mehr redeten als während ihrer ganzen Reise, und da ich mich darüber verwunderte, sprach der Gärtner zu mir: „Warum machst du dir hierüber Gedanken? Es liegt in der Natur der Früchte dieser Weingärten, daß sie so glatt eingehen und der Schläfer Lippen reden machen“ (Hohesl. 7, 10).

Als sie dann erwachten, sah ich, daß sie sich anschickten, zur Stadt hinaufzugehen; allein der Widerschein der Sonne auf der Stadt war so blendend (denn sie war von lauterm Gold, Offenb. 21, 18), daß sie dieselbe nicht mit bloßen Augen anschauen konnten, sondern nur durch ein dunkles Glas, welches sie dazu vorfanden[142].

Indem sie weiterwanderten, begegneten ihnen zwei Männer, deren Angesicht leuchtete wie Sonnenglanz, und ihr Gewand strahlte wie lauteres Gold. Diese fragten die Pilger nach ihrer Heimat, über ihre Pilgerreise, wo sie unterwegs gerastet, welche Beschwerden und Gefahren ihnen begegnet und was für Tröstungen und Freuden ihnen zuteil geworden seien. Nachdem sie diese Fragen beantwortet hatten, sprachen die Männer zu ihnen: „Nur zwei Hindernisse noch, und ihr seid in der himmlischen Stadt!“

„Möchtet ihr doch bei uns bleiben!“ baten die Pilger.

„Wir werden euch geleiten,“ erwiderten die Männer, „aber nur durch euren eigenen Glauben könnt ihr überwinden.“

Ich sah nun, daß sie miteinander fortwanderten und der Stadt immer näher kamen, als sie mit Bestürzung einen breiten Strom vor sich erblickten, der sie noch von der Stadt des Friedens trennte. Der Weg führte gerade auf den Strom zu, ohne daß man irgendeine Spur von einer Brücke bemerken konnte; und der Strom war tief.

„Hier müßt ihr hindurch,“ sprachen die Männer, „oder ihr könnt nicht zur himmlischen Pforte gelangen.“

„Gibt es aber nicht noch einen andern Weg zur Pforte?“ fragten die Pilger.

„Für euch gibt es durchaus keinen andern Weg. Henoch und Elia sind die einzigen seit Grundlegung der Welt, denen ein andrer Pfad geöffnet wurde, und bis zum Schall der letzten Posaune wird es keinem andern mehr vergönnt sein, diesen Pfad zu gehen.“

Darüber wurden die Pilger, besonders Christ, sehr entmutigt und blickten bald hierhin, bald dorthin; allein sie konnten keinen Ausweg finden, um diesen Strom zu umgehen.

„Ist denn das Wasser an allen Stellen gleich tief?“ fragten sie die Männer.

„Je nach eurem Glauben,“ erwiderten diese, „werdet ihr den Fluß tiefer oder seichter finden; in diesem Fall jedoch können wir euch keine Hilfe leisten.“

Kaum waren sie in das Wasser gestiegen, als Christ schon anfing zu sinken und seinem Freund zurief: „Ich versinke in tiefen Wassern; die Wogen gehen über mein Haupt, und alle ihre Wellen bedecken mich!“ (Jona 2, 4.)

„Sei getrost, mein Bruder,“ sprach Hoffnungsvoll, „ich fühle festen Grund!“

„Ach, lieber Freund,“ rief Christ, „die Angst des Todes hat mich ergriffen! Ich werde das Land nicht sehen, darin Milch und Honig fließt.“ — Tiefe Finsternis umgab ihn, er verlor die Pforte jenseits aus den Augen, ja, nicht einmal der großen Treue konnte er sich mehr erinnern, mit der ihn der Herr sein Leben lang gehalten und getragen hatte. Alle seine Worte verrieten den Schrecken seiner Seele und die Furcht seines Herzens, er werde in dem Strom umkommen und niemals durch die Pforte einziehen dürfen. Alle seine Sünden wachten auf und beunruhigten ihn, und zuweilen schien es, als wenn er mit unsichtbaren Feinden zu kämpfen hätte. Hoffnungsvoll hatte daher genug zu tun, das Haupt seines Bruders über Wasser zu halten, ja zuweilen schien es, als sänke er ganz unter, und erst nach einer Weile kam er halbtot wieder empor.

„Mein Bruder,“ so suchte Hoffnungsvoll von neuem zu trösten, „ich sehe die Pforte schon, ich sehe Männer in glänzendem Gewand, die zu unserm Empfang bereitstehen.“

Aber Christ antwortete: „Auf dich warten sie, auf dich; du hast gehofft, solange ich dich kenne.“

„Auch du hast deine Hoffnung bewahrt,“ erwiderte Hoffnungsvoll.

„Ach, Bruder,“ sagte Christ, „wäre ich gerecht vor Ihm, gewiß, Er würde mir jetzt zu Hilfe kommen; aber meine Sünden sind zu groß, darum bin ich in dieser Not, und Er hat mich verlassen.“

„Lieber Bruder,“ sprach Hoffnungsvoll, „laß dich erinnern, was von den Gottlosen geschrieben steht: Sie sind in keiner Gefahr des Todes, sondern stehen fest wie ein Palast; sie sind nicht in Unglück wie andre Leute und werden nicht wie andre Menschen geplagt (Ps. 73, 4. 5). Die Angst und Bangigkeit deines Herzens, durch welche du in diesen Wassern hindurch mußt, sind nicht ein Zeichen davon, daß dich Gott verlassen hat; sie sollen vielmehr dazu dienen, dich zu prüfen, ob du der Güte gedenken werdest, womit Er dich bisher geleitet, und ob du in deiner Not auch dein Vertrauen auf Ihn allein setzest.“

Nun sah ich im Traum, daß Christ hierüber eine Weile in Gedanken versunken war. Hoffnungsvoll redete ihm weiter zu: „Sei getrost! Jesus Christus macht dich gesund.“ Da rief Christ auf einmal mit lauter Stimme: „O ich sehe Ihn wieder! und Er versichert mir: So du durch Wasser gehst, will Ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht sollen ersäufen“ (Jes. 43, 2). Nun faßten sie beide wieder Mut, und der Feind verstummte, bis sie vollends hinüber waren. Sogleich spürte Christ Boden unter sich, so daß er gewiß treten konnte, und es fand sich auch, daß der übrige Teil des Flusses seicht war. So erreichten sie glücklich das jenseitige Ufer.

Illustration from Pilgerreise zur seligen Ewigkeit

„Mein Bruder,“ tröstete Hoffnungsvoll, „ich sehe die Pforte schon!“ (

S. 184.

)

⇒ GRÖSSERES BILD

Hier standen bereits jene beiden Männer in glänzendem Gewand, die ihrer warteten und sie freundlich begrüßten. „Wir sind dienstbare Geister,“ sagten sie, „ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit“ (Hebr. 1, 14). Und sie wandten sich miteinander der Pforte zu.

Nun lag aber die Stadt auf einem sehr hohen Berg; doch an der Seite der beiden Männer, die die Pilger am Arm führten, kamen sie ohne Mühe hinauf. Auch hatten sie das Gewand der Sterblichkeit im Fluß abgestreift; denn ob sie schon damit angetan hineingegangen waren, kamen sie doch ohne dasselbe heraus. So ging es leicht und schnell aufwärts, wiewohl der Grund, auf dem die Stadt gebaut stand, höher war als die Wolken. Unter lieblichen Gesprächen schwebten sie durch die Luftregionen empor, voll Freude darüber, daß sie so glücklich durch den Strom gekommen waren und daß so herrliche Begleiter zu ihrem Dienst bereit waren.

Notes in this chapter

Note 1 · Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle (Ps. 65, 10).Note 2 · Und er zeigte mir einen lautern Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Kristall (Offenb. 22, 1).Note 3 · Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser; Er erquicket meine Seele (Ps. 23, 2. 3).Note 4 · Und das Volk ward verdrossen auf dem Weg (4. Mos. 21, 4).Note 5 · Ich bin elend und ohnmächtig, daß ich so verstoßen bin; ich leide Deine Schrecken, daß ich schier verzage (Ps. 88, 16).Note 6 · Die Wege des Herrn sind richtig, und die Gerechten wandeln darin; aber die Übertreter fallen darin (Hos. 14, 10).Note 7 · Gastfrei zu sein vergesset nicht, denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt (Hebr. 13, 2).Note 8 · Hymenäus und Philetus sind von der Wahrheit irregegangen und sagen, die Auferstehung der Toten sei schon geschehen, und haben etlicher GlaubNote 9 · Die Missetat des Gottlosen wird ihn fangen, und er wird mit dem Strick seiner Sünde gehalten werden (Spr. 5, 22).Note 10 · Das unvergängliche und unbefleckte und unverwelkliche Erbe, das behalten wird im Himmel (1. Petr. 1, 4).Note 11 · So der Gerechte kaum erhalten wird, wo will der Gottlose und Sünder erscheinen? (1. Petr. 4, 18.)Note 12 · Ich weiß, an wen ich glaube, und bin gewiß, Er kann mir bewahren, was mir beigelegt ist, bis an jenen Tag (2. Tim. 1, 12).Note 13 · Daß nicht jemand sei ein Gottloser wie Esau, der um einer Speise willen seine Erstgeburt verkaufte (Hebr. 12, 16).Note 14 · Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir (Ps. 23, 4).Note 15 · Wo nicht Dein Angesicht vorangeht, so führe uns nicht von dannen hinauf (2. Mos. 33, 15).Note 16 · Er selbst, der Satan, verstellt sich zum Engel des Lichts (2. Kor. 11, 14).Note 17 · Achtet auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten und weichet von ihnen; denn durch süße Worte und prächtige Reden verführen sie dieNote 18 · Auf daß sie nicht samt der Welt verdammt werden (1. Kor. 11, 32).Note 19 · Die Arbeit der Narren wird ihnen sauer, weil sie nicht wissen in die Stadt zu gehen (Pred. 10, 15).Note 20 · Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen (2. Kor. 5, 7).Note 21 · Der Gott dieser Welt hat der Ungläubigen Sinn verblendet, daß sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Klarheit Christi (2. KNote 22 · Daß alles durch Ihn versöhnt würde zu Ihm selbst, machte Er Frieden durch das Blut an Seinem Kreuz, durch sich selbst (Kol. 1, 20).Note 23 · Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur GerechtigkeitNote 24 · Kommet her zu Mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; Ich will euch erquicken (Matth. 11, 28).Note 25 · Himmel und Erde werden vergehen; aber Meine Worte werden nicht vergehen (Matth. 24, 35).Note 26 · Kommt, laßt uns knien und niederfallen vor dem Herrn, der uns gemacht hat (Ps. 95, 6).Note 27 · Wenn du den Herrn, deinen Gott, suchen wirst, so wirst du Ihn finden, wenn Du Ihn wirst von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen (5. MoNote 28 · Der Apostel schreibt: Es hat Gott wohl gefallen, daß Er Seinen Sohn in mir offenbarte (Gal. 1, 15. 16).Note 29 · Lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit zu dem Gnadenstuhl, auf daß wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns HilfNote 30 · Unsre unerkannte Sünde stellst Du ins Licht vor Deinem Angesicht (Ps. 90, 8).Note 31 · Herr, Du erforschest mich und kennst mich; Du verstehst meine Gedanken von ferne (Ps. 139, 1. 2).Note 32 · Sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und trachten, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind also der GerechtigkeNote 33 · Petrus sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Fleisch und Blut hat dir das nicht offenbarNote 34 · Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht (1. Kor. 13, 12).
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