Erster Teil: Der Pilger. (continued 2)
Reading edition
So ging er denn voran, und Apollyon kam auf ihn zu. Er war ein Ungeheuer, schauerlich anzusehen. Er war mit Schuppen bedeckt gleich einem Fisch — und das ist sein Stolz —, er hatte Flügel wie ein Drache, Füße wie ein Bär; aus seinem Bauch kam Feuer und Rauch, und sein Maul war gleich eines Löwen Rachen. Er sah Christ an mit einem Blick von Grausamkeit und Verachtung und begann also ihn auszufragen:
„Wo kommst du her, und wo willst du hin?“
Christ sprach: „Ich komme von der Stadt Verderben, von dem Ort alles Übels, und wandere nach der Stadt Zion.“
Apollyon. Also bist du mein Untertan; denn dies ganze Land ist mein; ich bin sein Fürst und Gott. Warum entläufst du so deinem König? Hoffte ich nicht, daß du mir noch nützlich sein könntest, mit einem Schlag schmetterte ich dich zu Boden!
Christ. Ich bin allerdings in deinem Reich geboren, aber dein Dienst war hart, und von deinem Sold konnte man nicht leben; denn der Tod ist der Sünde Sold (Röm. 6, 23). Deswegen, da ich zu reiferen Jahren kam, wünschte ich sehnlichst eine Veränderung.
Apollyon. Kein Fürst oder Herr läßt seine Untertanen so leichthin gehen, und auch ich werde, daß du es nur eben weißt, dich nicht so leichten Kaufes preisgeben. Daß du dich über den Dienst und Sold beklagst, so sei nur zufrieden und kehre wieder mit mir um, denn was unser Land darbietet, das sollst du haben!
Christ. Ich habe mich schon einem andern Herrn, nämlich dem König aller Könige, zugesagt; wie kann ich mich nun als ehrlicher Mann so leicht wieder zu dir kehren?
Apollyon. Du wirst erfahren, was man im Sprichwort sagt: du wirst vom Regen in die Traufe kommen; denn es ist an der Tagesordnung, daß die, so sich als Seine Diener ausgeben, Ihm nach kurzer Zeit wieder entlaufen und zu mir zurückkehren[73]. Tue du auch also, und alles wird noch gut werden.
Christ. Ich habe Ihm mein Wort gegeben, ich habe Ihm den Eid der Treue geschworen, verließe ich Ihn nun, so verdiente ich ja als ein Abtrünniger, als ein Verräter den Tod.
Apollyon. Ganz dasselbe hast du mir getan, und doch will ich alles übersehen, wenn du jetzt wieder zurückkehrst.
Christ. Was ich dir zugesagt habe, das habe ich als ein Unmündiger getan; auch kann mein Herr, unter dessen Fahne ich nun stehe, mich dieses Versprechens entbinden, sowie Er mir alles vergeben kann, was ich als dein Knecht getan habe. Aber ich sage dir’s offen, du Verderber Apollyon, Sein Dienst, Sein Sold, Seine Diener, Seine Herrschaft, Sein Volk und Sein Land, das alles ist mir viel lieber, als was du mir bietest. Darum laß ab von mir! Es bleibt dabei: Ich bin Sein Diener, und Ihm will ich folgen.

Apollyon kam auf ihn zu, ein Ungeheuer, schauerlich anzusehen (
S. 79.
).
⇒ GRÖSSERES BILD
Apollyon. Aber bedenke nur einmal bei kaltem Blut, was dir auf dem Wege noch alles begegnen kann. Es wird dir nicht unbekannt sein, daß Seine Diener meist ein schlimmes Ende nehmen, weil sie wider mich handeln und meine Wege verlassen[74]. Wie viele von ihnen sind schon eines schmählichen Todes gestorben! Du hältst es für besser, Ihm zu dienen als mir, und siehe, Er hat noch niemals Seine Stadt verlassen, um einen einzigen Seiner Diener aus meinen Händen zu erretten. Aber alle Welt weiß es, wie oft ich schon meine treuen Diener durch List oder Gewalt aus Seiner Hand befreit habe, und so will ich auch dich freimachen.
Christ. Wenn Er mit Seiner Hilfe eine Weile verzieht, tut Er es nur in der Absicht, die Liebe und Treue der Seinen zu prüfen. Was du ein schlimmes Ende nennst, das halten sie für eine besondere Gnade ihres Herrn; denn nach gegenwärtiger Erlösung verlangen sie nicht so sehr, sie warten einer himmlischen Verklärung, wenn der Herr kommen wird in Seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit Ihm[75].
Apollyon. Du bist Ihm ja in Seinem Dienst schon untreu gewesen, wie magst du nur auf Belohnung hoffen?
Christ. Worin, Apollyon, bin ich Ihm untreu gewesen?
Apollyon. Schon am Anfang deiner Reise bist du mutlos geworden und im Sumpf der Verzagtheit beinahe versunken. Du hast verkehrte Wege betreten, um deiner Bürde entledigt zu werden, da du doch ruhig die Hilfe deines Fürsten hättest erwarten sollen. Du bist in einen Sündenschlaf verfallen und hast das Köstlichste verloren, das du besaßest; du warest im Begriff umzukehren, da du die Löwen erblicktest; erzählst du von deiner Reise und all deinen Erfahrungen, so strebst du innerlich nur nach dem Lob der Menschen.
Christ. Dies alles ist wahr, und noch viel mehr, was dir entgangen ist; aber der König, den ich ehre und dem ich diene, ist gnädig, und es ist viel Vergebung bei Ihm. Überdies haben mich all diese Gebrechen schon in deinem Lande beherrscht, wo ich sie eingesogen habe; ich habe unter dieser Last geseufzt und geweint, und mein Herr hat mir Vergebung und Frieden geschenkt.
„Ich bin ein Feind dieses Königs,“ schrie der Satansengel in grimmiger Wut, „ich hasse Ihn, Seine Gesetze und Sein Volk; ich bin gekommen, mit dir zu kämpfen!“
Christ sagte: „Hüte dich, Apollyon, und siehe wohl zu, was du tust, denn ich bin auf des Königs Heerstraße und auf dem Weg der Heiligung, darum laß ab von mir!“
Da stellte sich Apollyon quer über den ganzen Weg und sagte: „Ich habe nicht die geringste Furcht. Bereite dich zum Tode! denn ich schwöre es beim Abgrund der Hölle: Du sollst nicht weiterkommen, hier sollst du dein Leben enden!“ Und sogleich schoß er ihm einen feurigen Pfeil nach der Brust; aber Christ hielt ihm den Schild entgegen und entging der Gefahr. Rasch zog er nun das Schwert zum Kampf, während der Feind auf ihn eindrang und ihn mit Pfeilen, wie mit einem Hagelwetter, überschüttete. Christ kämpfte tapfer, bis er, an Haupt, Hand und Fuß verwundet, endlich zurückweichen mußte.
Apollyon setzte den Kampf desto heftiger fort, doch faßte auch Christ wieder Mut und widerstand ihm mannhaft. Stundenlang dauerte dieser heiße Kampf, und durch die erhaltenen Wunden schon sehr geschwächt, war Christ schließlich fast ganz erschöpft. Der Feind, diesen Vorteil wahrnehmend, drang auf ihn ein, begann mit ihm zu ringen und warf ihn mit furchtbarer Gewalt auf die Erde nieder, wobei ihm das Schwert aus der Hand fiel. Siegesgewiß sprach Apollyon: „Jetzt bekomme ich dich sicher!“ indem er ihn beinahe erdrückte, so daß Christ an seinem Leben verzagte. Aber bevor der Satansengel zu seinem letzten Schlag ausholen konnte, um mit seinem Opfer ein Ende zu machen, wurde Christ von Gott gestärkt, daß er seine Hand schnell nach dem Schwert ausstrecken und es ergreifen konnte. Triumphierend rief er aus: „Freue dich nicht, mein Feind, daß ich daniederliege; ich werde wieder aufkommen!“ (Micha 7, 8) — und in demselben Augenblick gab er ihm einen Stoß, worauf der Feind, wie zum Tode verwundet, zurückwich. Als Christ dies sah, rief er ihm nochmals zu: „In dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat“ (Röm. 8, 37). Alsbald breitete Apollyon seine Drachenflügel aus und floh davon, und Christ sah ihn nicht wieder[76].
Wer es nicht selbst wie ich mit angesehen und angehört, kann sich nicht vorstellen, welch ein gellendes Geheul und erschreckendes Gebrüll Apollyon während des Kampfes erhob — gleich einem Drachen schrie er; während Christ aus dem Innersten seines Herzens tiefes Seufzen und Klagen vernehmen ließ. Erst als er gewahr wurde, daß er mit seinem zweischneidigen Schwert Apollyon verwundet habe, blickte er fröhlich zum Himmel auf. Das war aber auch der furchtbarste Kampf, den ich je gesehen.
Nachdem nun alles überstanden war, sprach Christ: „Ich will dem Herrn danken, der mich erlöst hat von des Löwen Rachen, der mir Kraft gegeben, gegen den Verderber zu streiten.“ Er erhob deshalb seine Stimme und fing an zu singen:
„Der alte Fürst des Abgrunds, zornentbrannt, Hat seinen Engel wider mich gesandt; Mit Höllenkräften furchtbar angetan, Flog er einher, verrannte mir die Bahn. Ich war verloren! Herr, wer ist wie Du? Du hörtest mein Gebet, Du kamst herzu. Du gabst das gute Schwert mir in die Hand, Dir sei der Ruhm! Du hast mein Leid gewandt!“
Von unsichtbarer Hand wurden ihm nun Blätter gereicht vom Baum des Lebens, welche er auf seine im Kampf erhaltenen Wunden legte; und alsbald war er geheilt. Er ruhte ein wenig und erquickte sich an den Gaben, die er kurz vor dem Kampf erhalten hatte: an Brot und Wein. Neugestärkt ging er dann mit gezücktem Schwert weiter, denn er erwartete jeden Augenblick einen neuen Angriff. Jedoch er kam ohne weitern Kampf durch das Tal.
An dessen Ende schloß sich noch ein andres an, das Tal der Todesschatten, und Christ mußte notwendig auch hindurchgehen, zumal der Weg zur himmlischen Stadt mitten durch dasselbe führte. Dies Tal ist einer Einöde gleich. Der Prophet Jeremia beschreibt es also: „Es ist eine Wüste, ein wildes, ungebahntes Land, dürr und finster, da niemand wandelt noch ein Mensch wohnt“ (Jer. 2, 6). Wie wir sehen werden, hatte Christ allhier noch einen schwereren Stand als im Kampf mit Apollyon.
Am Eingang dieses Tales nun begegneten ihm zwei Männer, die aufs eiligste zurückflohen. Sie stammten von jenen Männern ab, die einstmals dem Gelobten Land ein böses Geschrei machten (lies 4. Mose 13).
„Wohin so eilig?“ redete Christ sie an.
„Zurück, zurück!“ riefen sie, „wenn dir dein Leben lieb ist, so komm mit uns!“
Christ fragte: „Weshalb? Was gibt’s denn?“
Sie antworteten: „Du fragst noch? Wir gingen denselben Weg wie du, so weit als wir nur wagen durften. Aber es fehlte nicht viel, so hätte es kein Umkehren mehr gegeben. Nur noch ein wenig weiter und wir wären verloren gewesen und hätten dir diese Nachricht nicht überbringen können.“
„Aber was ist euch denn begegnet?“ fragte Christ.
„Wir waren schon beinahe im Tal der Todesschatten,“ sagten sie, „aber zum Glück sahen wir vor uns hin und entdeckten die Gefahr.“
Christ fragte: „Was habt ihr denn da gesehen?“
Sie sprachen: „O das Tal selbst ist schwarz wie die Nacht; Gespenster, Feldteufel und Drachen des Abgrunds schwärmen da herum; man hört ein beständiges Geschrei und Geheul wie von vielen Tausenden, die in Ketten und Banden liegen[77]; finstere Wetterwolken verbergen den Himmel, und ohne Unterlaß breitet der Tod seine Fittiche darüber aus. Kurz, es ist ein wahrer Schreckensort, in dem alles wüst durcheinanderliegt[78].“
„Durch all das, was ihr da sagt,“ versetzte Christ, „wird es mir zur Gewißheit, daß dies eben der Weg ist, der zum Lande des Friedens führt[79].“
„Nun, mag es auch der deine sein, unser Weg ist es nicht!“ Mit diesen Worten eilten sie zurück, und Christ ging mit gezücktem Schwert voran in der Erwartung eines plötzlichen Angriffs.
Ich sah nun in meinem Traum, daß sich zur rechten Seite des Tales ein tiefer Abgrund entlangzog, derselbe, in welchen zu allen Zeiten ein Blinder den andern gestürzt hat und beide elend umgekommen sind. Links aber war ein gefährlicher Pfuhl voller Schlamm und Morast, in welchem selbst ein guter Mensch, wenn er hineinfällt, keinen Grund finden kann. Das ist der, darein König David versank, und er würde ohne Zweifel darin umgekommen sein, wenn nicht der, der da mächtig ist, ihn herausgezogen hätte[80].
Was Christ besonders ins Gedränge brachte, war, daß der Weg hier so schmal wurde, daß man kaum den Sumpf vermeiden konnte, ohne in den Abgrund zu stürzen, und hinwiederum, wollte er sich vor dem Abgrund hüten, so stand er in Gefahr, in den Schlamm zu geraten; außerdem umgab ihn eine so dichte Finsternis, daß er oft nicht wußte, wohin er seinen Fuß setzen sollte. So ging Christ bekümmert fort, und ich hörte ihn ganz kläglich seufzen.
In der Mitte des Tales öffnete sich der Schlund der Hölle und spie, furchtbar brausend, Feuer und Rauch aus. Was sollte Christ hier beginnen? Das Schwert konnte ihn diesmal nicht retten; er mußte es in die Scheide stecken und eine andre Waffe ergreifen: die Waffe des anhaltenden Gebets[81]. So hörte ich ihn schreien: „O Herr, errette meine Seele!“ (Ps. 116, 4.) So ging er eine große Strecke weiter, während die Feuerflammen ihn umzischten und bald ein herzzerreißendes Klagegeschrei, bald ein entsetzliches Brausen in seine Ohren schallte. Oft meinte er, jetzt solle er in Stücke zerrissen oder wie Kot auf der Gasse zertreten werden.
Plötzlich war es ihm, als ob er von einer ganzen Schar von Feinden verfolgt würde. Da stand er eine Weile still und erwog, was zu tun sei. Sollte er umkehren oder nicht? Aber er bedachte, daß er doch wohl schon die Hälfte dieses furchtbaren Tales zurückgelegt haben müsse, und erinnerte sich daran, wie mancher Gefahr er nun schon siegreich begegnet sei, und, sagte er sich, ist nicht vielleicht der Rückweg noch gefährlicher als der vor mir liegende Teil. — Er beschloß, vorwärts zu gehen. Die Feinde rückten näher und näher heran; sie hatten ihn beinahe erreicht, als er plötzlich mit gewaltiger Stimme ausrief: „Ich gehe einher in der Kraft des Herrn Herrn!“ (Ps. 71, 16) — und die Feinde entflohen für immer.
In dieser ganzen Zeit war Christ so bestürzt, daß er seine eigene Stimme nicht mehr erkannte. Als er am Schlund des feurigen Pfuhles vorüberging, schlich ihm ein Bösewicht nach und raunte ihm abscheuliche Lästerungen ins Ohr. Er hielt dies für die Stimme seines eigenen Herzens, und da er nun den gelästert zu haben meinte, an dem sonst seine ganze Seele hing, so versetzte ihn dies in die tiefste Betrübnis. So gern er diese Lästerstimme zum Schweigen gebracht hätte, so wenig vermochte er es. Aber es fehlte ihm an der rechten Besonnenheit, sich die Ohren zuzuhalten, da er sich des Ursprungs jener Lästerungen nicht bewußt war.
Völlig trostlos war er eine beträchtliche Strecke gegangen, als er auf einmal eine menschliche Stimme vor ihm die Worte sagen hörte: „Ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn Du bist bei mir“ (Ps. 23, 4). Darüber ward er sehr froh, und zwar aus folgenden Gründen:
1. weil er daraus schließen konnte, daß auch noch andre, die den Herrn fürchteten, ebensowohl wie er in diesem Tal wären;
2. weil er um so mehr erkennen konnte, daß Gott mit ihnen sei auch in dieser Finsternis, in diesem Elend. „Warum,“ sagte er sich, „sollte Er nicht gleichfalls mit mir sein, ob ich es wohl nicht spüre[82]?“
3. weil er nun hoffen durfte, bald einen Gefährten zu finden, sobald er ihn nur eingeholt haben werde.
So ging er denn weiter und rief dem Wanderer nach, der vor ihm ging. Der wußte aber nicht, was er antworten sollte, da er sich gleichfalls einsam glaubte. Allmählich brach der Tag an, und Christ lobte den Herrn: „Er hat aus der Finsternis den Morgen gemacht!“ (Amos 5, 8.)
Als es nun völlig Tag geworden war, konnte er sich nicht enthalten, sich doch einmal nach den Gefahren umzusehen, durch die er in der Finsternis gegangen war. Jetzt erkannte er erst die Tiefe des Abgrunds auf der einen und den bodenlosen Sumpf auf der andern Seite. Er sah nun auch, welch ein schmaler Pfad zwischen beiden hindurchführte. In weiter Ferne erblickte er noch die Kobolde, Feldteufel und Drachen des Abgrunds; denn bei des Tages Anbruch kamen sie nicht in seine Nähe, allein sie wurden ihm doch offenbar, wie geschrieben steht: „Er öffnet die finstern Gründe und bringt heraus das Dunkel an das Licht“ (Hiob 12, 22).
Mit tiefer innerer Bewegung sah er sich aus den Gefahren dieses schauerlichen Weges, denen er ausgesetzt war, errettet. Nun ging auch die Sonne auf — eine neue große Gnade für Christ! Denn war der erste Teil des Tales schon gefahrvoll gewesen, so war der zweite womöglich noch gefährlicher. Von hier bis zum Ende des Tales waren den Pilgern so viele Fallstricke, Netze und Schlingen gelegt, es waren so viele tiefe Löcher, Gruben und schlüpfrige Stellen auf dem Weg, daß es unmöglich gewesen wäre, im Finstern durchzukommen, und hätte er tausend Leben gehabt, er hätte sie alle verloren. Aber nun ging die Sonne auf, und Christ rief frohlockend: „Seine Leuchte scheint über meinem Haupt, und bei Seinem Lichte gehe ich in der Finsternis“ (Hiob 29, 3).
In diesem Lichte erreichte er das Ende des Tales. Da lagen Gebeine, Asche und verstümmelte Menschenleiber — alles von Pilgern, die in frühern Zeiten den gleichen Weg gezogen waren. Während ich darüber nachsann, was doch dies bedeuten möchte, bemerkte ich unweit davon eine Höhle, in der früher ein gewaltiger Riese, namens Heide[83], und jetzt ein andrer Riese, Papst mit Namen, hauste, welche durch ihre Gewalt und Tyrannei die Pilger grausam getötet hatten, wovon noch deren Blut, Gebeine und Asche zeugten.
Zu meinem Erstaunen kam Christ jedoch ohne große Gefahr dort glücklich vorbei; denn Heide war ja schon seit langem tot, und obwohl der andre noch am Leben war, so war er wegen seines hohen Alters und der mancherlei heftigen Anfälle, die er in den jüngern Jahren erlitten, so siech und schwach geworden, daß er jetzt kaum etwas andres zu tun vermochte, als am Eingang seiner Höhle zu sitzen und hinter den vorüberziehenden Pilgern zähneknirschend und Verwünschungen murmelnd die Faust zu schütteln, aus Ärger, weil er nicht mehr fortkommen konnte.
Christ ging also unbehelligt seinen Weg, wußte aber nicht, was er von dem alten Mann, der da in der Höhle saß, denken sollte, und zwar um so weniger, als er ihm zurief: „Ihr werdet nicht eher klug werden, bevor eurer noch viel mehr verbrannt werden.“ Christ aber schwieg still, schaute ihn beherzt an und ging, ohne daß ihm etwas widerfuhr, an ihm vorbei, indem er sang:
„Rüstet euch, ihr Christenleute! Die Feinde suchen euch zur Beute, Ja, Satan selbst hat eu’r begehrt. Wappnet euch mit Gottes Worte Und kämpfet frisch an jedem Orte, Damit ihr bleibet unversehrt. Ist auch der Feind gar schnell, Hier ist Immanuel. Hosianna! Der Starke fällt Durch diesen Held, Und wir behalten mit das Feld.“
Fußnoten:


Fünftes Kapitel. Ein treuer Gefährte und ein frömmelnder Schwätzer.

Der Weg führte nun Christ über eine kleine Anhöhe, die zu dem Zweck aufgeworfen war, damit die Pilger von hier aus den Weg vor sich übersehen konnten. Als er daselbst Umschau hielt, erblickte er Getreu in einiger Entfernung seines Weges wandeln. Mit lauter Stimme rief er ihm nach, er möge ein wenig warten. Getreu wandte sich um nach ihm, und Christ rief abermals, so laut er konnte: „Warte, warte doch, bis ich zu dir komme!“
„Nein,“ antwortete Getreu, „es gilt mein Leben, der Bluträcher ist hinter mir!“
Das spornte Christ um so mehr an, alle seine Kräfte anzustrengen, und es gelang ihm, Getreu einzuholen, ja ihm zuvorzukommen. So war der Letzte zum Ersten geworden, und er konnte ein selbstgefälliges Lächeln nicht verbergen, daß er seinem Bruder den Vorrang abgewonnen hatte. Aber unerwartet strauchelte er, fiel zur Erde nieder und mußte warten, bis Getreu ihm wieder aufhalf, worauf sie in brüderlicher Eintracht weiterzogen und sich von dem unterhielten, was ihnen auf ihrer Reise begegnet war. Christ fing also an:
„Mein herzlich geliebter Bruder Getreu, ich bin sehr glücklich darüber, daß ich dich eingeholt habe und daß Gott unsre Herzen so gleichgesinnt hat, daß wir als Gefährten diesen lieblichen Pfad miteinander wandeln können.“
Getreu. Ich hatte gehofft, mein teurer Freund, ich würde schon von unsrer Stadt aus deine Gesellschaft haben; aber du warst mir in kurzer Zeit weit vorgekommen, und ich mußte diesen bangen Weg ganz allein gehen.
Christ. Wie lange bist du nach meiner Abreise noch in der Stadt Verderben geblieben?
Getreu. Bis ich nicht länger bleiben konnte; denn man hörte von nichts anderm mehr, als daß unsre Stadt in kurzer Frist mit Feuer vom Himmel vertilgt werden sollte.
Christ. Davon redet man?
Getreu. Ja, es war eine lange Zeit in jedermanns Mund.
Christ. Und doch entfloh niemand als du der Gefahr?
Getreu. Obschon, wie gesagt, ein großes Gerede davon war, mochten die meisten doch nicht recht daran glauben; denn ich hörte manche von dir und deiner verzweifelten Reise, wie sie deine Pilgerschaft nannten, sehr verächtlich reden. Aber ich glaubte es und glaube es auch noch, daß der Untergang unsrer Stadt durch Feuer und Schwefel vom Himmel erfolgen wird, und darum habe ich die Flucht ergriffen.
Christ. Hast du auch etwas von unserm Nachbar Willig gehört?
Getreu. Ja, er sei bis an den Sumpf der Verzagtheit mit dir gegangen. Man sagte, er sei auch hineingefallen, und obwohl er es leugnen wollte, glaube ich es doch, weil er von dem Schlamm noch ganz überzogen war.
Christ. Was sagten die Nachbarn zu ihm?
Getreu. Er ist seit seiner Rückkehr allen zum Gespött geworden und kann kaum noch Arbeit finden. Es steht jetzt siebenmal schlimmer um ihn, als wenn er nie aus der Stadt gegangen wäre.
Christ. Aber warum sind sie so sehr wider ihn, da ja auch sie den Weg verlästern, den er verlassen hat?
Getreu. O, sie sagen: „An den Galgen mit ihm; er ist ein Abtrünniger, er ist seinem Bekenntnis nicht treu geblieben!“ Und ich meine, Gott hat wohl selbst seine Feinde gegen ihn erweckt und ihn zum Sprichwort gemacht, weil er den Weg verlassen hat[84].
Christ. Hast du nie mit ihm gesprochen, ehe du weggingst?
Getreu. Ich bin ihm einmal auf der Straße begegnet; aber er sah, als schämte er sich vor mir, nach der entgegengesetzten Seite, und ich konnte ihn nicht sprechen.
Christ. Ich hatte anfangs gute Hoffnung für diesen Mann; aber nun fürchte ich, daß er bei dem Untergang der Stadt mit umkommen wird, denn es ist ihm widerfahren das wahre Sprichwort: „Der Hund frißt wieder, was er gespien hat, und die Sau wälzt sich nach der Schwemme wieder im Kot“ (2. Petr. 2, 22).
Getreu. Das fürchte ich auch, aber wer kann es hindern?
Christ. Lassen wir ihn, lieber Getreu! Sprechen wir nun lieber von dem, was uns selbst näher angeht. Erzähle mir doch, was dir auf dem Weg begegnet ist; denn ich bin überzeugt, daß dir mancherlei widerfahren, wo nicht, wär’s ein Wunder.
Getreu. An dem Sumpf der Verzagtheit kam ich glücklich vorüber, in welchen du, wie ich merkte, gefallen bist, und erreichte wohlbehalten die Pforte; nur begegnete mir eine Person, namens Wollust, durch die ich in nicht geringe Gefahr geriet.
Christ. Es war gut, daß du ihr entflohst. Auch Joseph wurde hart von ihr bedrängt, und er entfloh ihr wie du[85], aber fast hätte es ihn das Leben gekostet. Was hat sie dir getan?
Getreu. Du kannst dir kaum einen Begriff davon machen, außer du habest es selber erfahren, welch eine schmeichlerische Zunge sie hat. Sie drang sehr in mich, mit ihr zu gehen, und versprach mir alle möglichen Freuden.
Christ. Ja, aber sicherlich nicht die Freude eines guten Gewissens.
Getreu. Du weißt wohl, was ich meine, lauter sinnliche und fleischliche Freuden.
Christ. Gott sei Dank, daß du ihr entgangen bist! „Ihr Mund ist eine tiefe Grube; wem der Herr ungnädig ist, der fällt hinein“ (Spr. 22, 14).
Getreu. Jawohl, aber ich weiß noch nicht, ob ich ihr ganz entronnen bin.
Christ. Wie? Ich denke doch, daß du in ihr Begehren nicht gewilligt hast.
Getreu. Nein, nicht daß ich mich befleckt hätte! Denn ich erinnerte mich eines alten Spruches, den ich einstmals gelesen, welcher also lautet: „Ihre Füße laufen zum Tod hinunter; ihre Gänge führen ins Grab“ (Spr. 5, 5). Darum schloß ich meine Augen, um nicht von ihrem Blick bezaubert zu werden. Darüber spottete sie, und ich ging meines Weges.
Christ. Hast du weiter keine Gefahr bestanden?
Getreu. Am Fuß des Berges der Beschwerde redete mich ein sehr bejahrter Mann an und fragte, wer ich sei und wohin ich wandere. Ich sagte, ich sei ein Pilger und reise nach der himmlischen Stadt. „Du scheinst mir ein ehrlicher Mann zu sein,“ sprach er, „willst du nicht bei mir wohnen? Ich würde dir einen guten Lohn geben.“ Ich fragte ihn nach seinem Namen und seinem Wohnort. „Ich heiße Alter Mensch,“ sagte er, „und wohne in der Stadt Betrug.“ Ich fragte ihn nach seinem Geschäft und nach dem Lohn, den er geben wolle. „Mein Geschäft,“ erwiderte er, „sind allerlei Ergötzungen, der Lohn ist dieser, daß du mich einmal beerben sollst.“ Weiter fragte ich ihn nach seinem Hauswesen und nach seinen Dienstboten. Sein Haus, antwortete er, werde erhalten durch all die Kostbarkeiten der Welt, und seine Dienerschaft bestehe aus seinen eigenen Kindern. „Wie viele Kinder hast du denn?“ fragte ich ihn. „Ich habe nur drei Töchter,“ antwortete er, „sie heißen: Fleischeslust, Augenlust und Hoffärtiges Leben (1. Joh. 2, 16), und wenn du willst, kann ich dir eine von ihnen zur Frau geben.“ Ich fragte ihn endlich: „Wie lange soll ich bei dir wohnen?“ Er erwiderte, solange er selbst lebe.
Christ. Und wie bist du zuletzt von ihm losgekommen?
Getreu. Anfangs war ich ziemlich geneigt, mit ihm zu gehen, denn sein Vorschlag schien mir ganz annehmbar. Indem ich aber so mit ihm redete, sah ich auf seine Stirn, und da stand geschrieben: „Ziehet den alten Menschen mit seinen Werken aus!“ (Kol. 3, 9)
Christ. Und wie geschah dir dann?
Getreu. Wie Feuer drangen mir diese Worte in das Herz, und ich wußte nun: was er auch sagen, wie er auch schmeicheln mochte, er würde mich, wenn ich mit ihm ginge, als Sklaven verkaufen. Deshalb sagte ich ihm, er möge seine Worte nur sparen, denn ich sei nicht willens, auch nur die Schwelle seines Hauses zu betreten. Darauf verhöhnte er mich und drohte, mir jemand nachzuschicken, der mir den Weg sauer machen solle. Da ich mich umwandte, ihn zu verlassen, fiel er mit mörderischer Gewalt über mich her, als wollte er mich gar zerreißen. Wie ich seinen Händen entronnen bin, weiß ich nicht. Ich hatte etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ich sah, daß mir jemand mit Windeseile nachgelaufen kam. Gerade bei der Laube holte er mich ein.
Christ. Ach, das war eben der Ort, wo ich vom Schlaf überfallen ward und das Zeugnis aus meinem Busen verlor.
Getreu. Aber, lieber Bruder, laß mich noch ausreden! Sobald der Mann mich eingeholt hatte, schlug er mich zu Boden, daß ich wie tot dalag. Doch, als ich wieder ein wenig zu mir selber kam, fragte ich ihn, warum er so mit mir umginge. „Fluchwürdiger Sünder,“ so rief er mit Donnerstimme, „immer noch steigen arge Gedanken aus deinem Herzen auf, immer noch liebst du die Lust dieser Welt. Du bist ein Kind des Todes!“ — „Ich elender Mensch!“ rief ich laut in der Angst meines Herzens, „wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes? (Röm. 7, 24.) O laß Gnade für Recht ergehen!“ — „Ich weiß nichts von Gnade,“ erwiderte er und hätte mich ohne Zweifel umgebracht, wäre nicht jemand gekommen, der ihm gebot, von mir abzulassen.
Christ. Wer war denn das?
Getreu. Ich kannte Ihn anfangs nicht. Aber da Er an mir vorüberging, erblickte ich Wundenmale an Seinen Händen und in Seiner Seite, woraus ich schloß, daß es unser Herr gewesen, und also stieg ich den Hügel hinan.
Christ. Der dich einholte, war Mose, der Mann des Gesetzes. Er schont keines Menschen und weiß nichts von Gnade gegen diejenigen, die das Gesetz übertreten.
Getreu. Ich weiß es wohl, ich habe ihn schon mehr als einmal gesehen. Er war es, der zu mir kam, als ich noch sorglos in meinem Haus wohnte, und sagte, er wollte mir das Haus über dem Kopf niederbrennen, wenn ich noch länger säumte.
Christ. Aber sahst du das Haus auf der Spitze des Berges nicht, an dessen Seite dir Mose begegnete?
Getreu. Ja, ich sah auch zwei schlafende Löwen davor. Da aber die Sonne noch hoch stand, ging ich bei dem Pförtner vorüber und den Berg hinunter.
Christ. Das hat mir der Pförtner wohl gesagt, daß er dich habe vorbeigehen sehen; aber du hättest ein wenig da verweilen sollen, denn man sieht dort seltene, unvergeßliche Dinge. Aber bist du niemand begegnet im Tal der Demut?
Getreu. Ja, ich traf einen gewissen Unzufrieden, der mich wieder gern mit zurückgenommen hätte. „In diesem ganzen Tal,“ sagte er, „findest du keine Ehre, ja, wenn du töricht genug bist, durch dieses Tal zu gehen, so beleidigst du alle deine Freunde: Stolz, Übermut, Eigendünkel, Menschenruhm; denn ich kenne sie wohl.“
Christ. Und was gabst du ihm zur Antwort?
Getreu. „Diese alle haben wohl Anspruch auf Verwandtschaft mit mir,“ sagte ich, „denn sie waren auch in der Tat meine Verwandten nach dem Fleisch; aber seit ich ein Pilgrim geworden bin, haben sie mich verleugnet, und ich habe sie aufgegeben. Überdies hast du dieses Tal völlig falsch dargestellt; denn Demut kommt vor der Ehre, und Hochmut kommt vor dem Fall (Spr. 16, 18). Deshalb will ich lieber durch dieses Tal zu der Ehre gelangen, welche von den weisesten Leuten für Ehre gehalten wird, als das zu erwählen, was du am meisten wert erachtest.“
Christ. Trafst du sonst niemand in diesem Tal?
Getreu. Ja, einen namens Scham; aber niemand trägt seinen Namen weniger mit Recht als er. Denn alle andern, die ich auf meiner Pilgerschaft getroffen, ließen sich doch endlich von mir abweisen; aber mit diesem frechen Scham konnte man wirklich zu keinem Ende kommen.
Christ. Wieso? Was sagte er denn zu dir?
Getreu. Ja, der wollte von Religion überhaupt nichts wissen. „Es ist,“ sagte er, „für einen Mann durchaus eine entehrende Sache, sich um das Christentum zu kümmern; ein zartes Gewissen ist etwas Unmännliches; wer über alle seine Worte und Werke wachen und seine edle Freiheit verleugnen wollte, würde sich zum Spott und Gelächter der Welt machen.“ „Von jeher,“ sagte er, „sind nicht viel Mächtige, nicht viel Reiche oder Weise diesen Weg gegangen[86], welcher vernünftige Mensch möchte denn auch alles an eine ungewisse Zukunft setzen[87]! Die Pilgrime sind jederzeit die geringsten, unwissendsten und verachtetsten Leute gewesen.“ In dieser Weise ließ er sich noch über vieles andere gegen mich aus, was ich nicht alles wiederholen mag. Unter anderm sagte er noch: „Schämen sollte man sich, unter einer Predigt zu weinen und dann seufzend und schluchzend nach Hause zu kommen; den Nachbar um eines kleinen Fehlers willen um Verzeihung zu bitten und das wiederzuerstatten, was man ihm entwendet.“ Er sagte auch: „Durch das Christentum wird man der vornehmen Welt und ihren höhern Genüssen — wie er deren Laster nannte — entfremdet, indem man mit geringen Leuten Brüderschaft macht — und das ist doch fürwahr eine Schande.“
Christ. Nun, was antwortetest du hierauf?
Getreu. Anfangs wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Ja, er setzte mir so zu, daß mir das Blut ins Gesicht stieg, und er hätte mich beinahe überwunden. Endlich gedachte ich des Spruches: „Was hoch ist unter den Menschen, das ist ein Greuel vor Gott“ (Luk. 16, 15). Scham aber, so sagte ich mir, redet nur von Menschen und nicht von Gott und Gottes Wort, und am Jüngsten Tag wird das Urteil zum Leben oder zum Tod sich nicht nach den stolzen Geistern der Welt richten, sondern nach der Weisheit und dem Gesetz des Höchsten. Was Gott für gut erklärt, dachte ich, das ist gut und wenn alle Welt dawider wäre. Indem ich nun wohl erkannte, daß Gottesfurcht und ein zartes Gewissen der Herr liebt, daß die, welche in den Augen der Welt für Narren gelten, die Weisesten sind im Reich Gottes, und daß der Arme, der Christus liebt, reicher als der angesehenste Mann ist, der Ihn haßt, so rief ich in der Kraft des Herrn: „Scham, weiche von mir, du Feind meiner Seligkeit! Sollte ich dir nachgeben gegen den Willen des Herrn! Wie dürfte ich Ihm bei Seiner Wiederkunft ins Angesicht schauen[88]? Wollte ich mich jetzt der Wege des Herrn und Seiner Diener schämen, wie könnte ich dann auf den verheißenen Segen hoffen?“ — Aber dieser Scham war in der Tat ein widerwärtiger Geselle; nur mit großer Mühe konnte ich mich von ihm losmachen; immer wieder aufs neue drängte er sich heran, um mir etwas Nachteiliges gegen die Bekenner des Evangeliums ins Ohr zu flüstern, bis ich ihm endlich offen erklärte, daß alle seine Mühe vergeblich sei, denn was ihm so schlecht scheine, darin sehe ich die größte Herrlichkeit. Da ich mich dieses zudringlichen Gefährten entledigt sah, fing ich zu singen an:
Mitten in die Welt voll Streit ist der Christ gestellet, Feindesmacht von jeder Seit’ sucht, wie sie ihn fället. Doch es gilt ein Wörtlein hier auch dem schwächsten Kinde, Schreib es tief ins Herze dir: Überwinde! Überwinde, wenn die Lust kommt zu deinem Herzen! O man siegt nicht unbewußt, kämpfen ist nicht scherzen. Groß ist deiner Feinde Zahl, und sie nahn geschwinde; Wär’s des Tags zehntausendmal: Überwinde!
Christ. Es freut mich, lieber Bruder, daß du diesem Taugenichts so männlich Widerstand getan, denn er trägt, wie du sagst, seinen Namen ganz mit Unrecht. Er heißt Scham und ist doch so unverschämt, daß er uns auf der Straße nachläuft und uns vor den Leuten zu beschämen sucht, indem er das Wahre und Gute in den Kot zieht. Wäre er also nicht unverschämt, müßte er sich solches Tuns enthalten. Aber laß uns ihm nur kräftig widerstehen, denn trotz all seiner Prahlerei wird er sich doch nur bei Toren Gehör verschaffen können. „Die Weisen,“ sagt Salomo, „werden Ehre erben; aber wenn die Narren hoch kommen, werden sie doch zuschanden“ (Spr. 3, 35).
Getreu. Ich denke, wir müssen wider diesen Scham den um Beistand anrufen, welcher will, daß wir auf Erden mutig für die Wahrheit kämpfen.
Christ. Du hast recht. Aber sage mir noch: Ist dir in jenem Tal sonst nichts zugestoßen?
Getreu. Nein, ich hatte den ganzen übrigen Weg Sonnenschein; so auch im Tal der Todesschatten.
Christ. Wohl dir! Mir ist es ganz anders ergangen. Ich hatte schon beim Eintritt in das Tal einen langen, furchtbaren Kampf mit Apollyon zu bestehen. Schon verzagte ich an meinem Leben, da er mich zu Boden schmetterte und mir das Schwert aus der Hand flog. Apollyon triumphierte. Aber ich rief an den Herrn, und Er erhörte mich und half mir aus aller meiner Not. Im Tal der Todesschatten hatte ich fast den halben Weg kein Licht. Da dachte ich oftmals, ich werde umkommen; aber zuletzt brach der Tag an, die Sonne ging auf, und ich konnte das Ende des Tales ohne große Gefahr erreichen.
Ich sah nun in meinem Traum, daß Getreu, als er seitwärts blickte, einen Mann namens Schwätzer gewahr wurde, der in einiger Entfernung neben ihnen herging (denn die Straße war hier breit). Es war ein großer Mann, dessen Gestalt aber würdiger in der Ferne als in der Nähe erschien. Getreu redete ihn also an:
„Wohin, Freund? Gehst du auch nach der himmlischen Stadt?“
Schwätzer. Ja, dahin geht auch mein Weg.
Getreu. Schön, ich hoffe, du wirst uns gute Gesellschaft leisten.
Schwätzer. Sehr gern will ich mit euch wandern.
Getreu. So komm denn und laß uns heilsame Gespräche führen!
Schwätzer. Mit euch von heilsamen Dingen zu reden, das tue ich sehr gerne wie mit jedem andern, und ich bin froh, mit jemand zusammengetroffen zu sein, der also gesinnt ist. Denn ich muß sagen, es gibt nur wenige, die ihre Zeit auf Reisen so wohl anwenden. Die meisten wollen nur von unnützen Dingen reden, und das ist mir immer sehr lästig gewesen.
Getreu. Das ist allerdings betrübend. Denn wo gibt es einen edlern Gegenstand des Gesprächs als Gott und göttliche Dinge?
Schwätzer. Äußerst treffend, und — ich setze hinzu — was ist so angenehm, so heilsam als dies? Besonders für einen Menschen, der an wunderbaren Dingen seine Freude hat. Redet jemand gern von der Geschichte oder von den geheimen Kräften der Natur oder von Wundern und Zeichen, wo soll er solches wohl so nett aufgezeichnet, so lieblich und schön beschrieben finden als in der Heiligen Schrift?
Getreu. Das ist wahr. Aber der Zweck unsers Gesprächs muß sein, dadurch erbaut und gebessert zu werden.
Schwätzer. Das ist es ja, was ich sage. Es ist sehr fruchtbringend, von diesen Dingen zu reden, denn so lernt man vieles kennen wie zum Beispiel die Eitelkeit der irdischen und den Vorzug der himmlischen Güter. Dies nur im allgemeinen; im besondern lernt man dadurch die Notwendigkeit der neuen Geburt, die Unzulänglichkeit unsrer Werke, wie nötig uns die Gerechtigkeit Christi ist usw. Außerdem kann man durch Gespräche lernen, was Buße sei, was Glaube, Gebet, Geduld und dergleichen. Dadurch kann man auch die großen Verheißungen und Tröstungen des Evangeliums kennenlernen; ferner, wie man falsche Meinungen widerlegt, die Wahrheit verficht und die Unwissenden unterrichtet.
Getreu. Dies ist alles wahr, und ich freue mich, es von dir zu hören.
Schwätzer. Ach, der Mangel hieran ist ja eben die Ursache, daß so wenige verstehen, wie notwendig der Glaube und das Werk der Gnade in der Seele des Menschen zum ewigen Leben sei und daß so viele in ihrer Unwissenheit in den Werken des Gesetzes leben, durch welche ein Mensch das Himmelreich durchaus nicht erlangen kann.
Getreu. Aber, erlaube mir, himmlische Erkenntnis dieser Dinge ist eine Gabe Gottes, die niemand durch menschliche Bemühung, noch weniger durch bloße Gespräche erlangt.
Schwätzer. Das weiß ich recht gut. Denn es kann kein Mensch etwas nehmen, es werde ihm denn von oben gegeben (Joh. 3, 27). Es ist alles aus Gnaden, nicht aus den Werken. Das könnte ich dir wohl mit hundert Stellen aus der Schrift beweisen.
Getreu. Gut, aber was ist es nun, wovon wir reden wollen?
Schwätzer. Was du nun willst: Ich will dir von himmlischen oder irdischen Dingen sagen, von Sittenlehre oder Evangelium, von geistlichen oder weltlichen Dingen, aus der Vergangenheit oder Zukunft, von fremden Ländern oder von unserm Vaterland, von wesentlichen oder unwesentlichen Dingen — doch so, daß alles zu unserm Nutzen gereiche.
Hierüber verwunderte Getreu sich höchlich; er trat zu Christ, der die ganze Zeit allein gegangen war, und sagte leise zu ihm: „Welch einen wackern Gefährten haben wir bekommen! Wahrlich, das ist ein ausgezeichneter Pilgrim!“
Christ erwiderte lächelnd: „Dieser Mann, von dem du so eingenommen bist, wird mit seiner gewandten Zunge noch viele, die ihn nicht kennen, hinter das Licht führen.“
„Kennst du ihn denn?“ fragte Getreu.
„Ob ich ihn kenne? Ja, besser, als er sich selbst kennt,“ antwortete Christ.
Getreu. So sage mir, was ist es für ein Mann?
Christ. Er heißt Schwätzer. Ich wundere mich, daß du ihn nicht kennst, er wohnt ja in unsrer Stadt, die allerdings von großem Umfang ist.
Getreu. Wessen Sohn ist er denn, und wo wohnt er?
Christ. Er ist der Sohn eines gewissen Redselig. Er wohnt in der Schwatzgasse und ist allgemein bekannt unter dem Namen Schwätzer in der Schwatzgasse, und trotz seiner gewandten Zunge ist er doch ein erbärmlicher Mensch.
Getreu. Ei, mir scheint er doch ein sehr angenehmer Mann zu sein.
Christ. So scheint er allen, die ihn nicht kennen. Unter den Leuten gibt er sich gar fromm, aber zu Hause ist er ein gehässiger, widerwärtiger Mensch. Er ist wie die Bilder, die sich von fern hübsch ausnehmen, in der Nähe aber mißfallen.
Getreu. Du scherzest wohl nur, denn du hast vorhin gelächelt.
Christ. Das sei ferne, daß ich bei so etwas scherzen oder gar jemand fälschlich beschuldigen sollte! Ich will dir aber noch mehr von ihm sagen. Dies ist ein Mann für jede Gesellschaft und für jedes Gespräch. So wie er jetzt mit dir redet, so wird er auch reden, wenn er in der Bierstube sitzt, und je mehr es ihm in den Kopf steigt, desto besser fließt seine Rede. Das Christentum hat keinen Raum in seinem Herzen noch in seinem Hause noch in seinem Wandel; alles, was er davon besitzt, liegt ihm auf der Zunge, und seine Frömmigkeit besteht in nichts anderm, als daß er davon schwatzt.
Getreu. Wenn dem so ist, dann habe ich mich in diesem Mann sehr getäuscht.
Christ. Gewiß. Erinnere dich nur der Sprüche: „Sie sagen’s wohl und tun’s nicht“ (Matth. 23, 3) und: „Das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft“ (1. Kor. 4, 20). Er spricht wohl vom Gebet, von Buße und Glauben und von der neuen Geburt; aber er versteht nichts weiter, als davon zu sprechen, denn in seinem Herzen hat er nichts davon erfahren. Ich habe ihn zu Hause sowie draußen beobachtet; und ich weiß, daß es wahr ist, was ich von ihm sage. Wahre Gottesfurcht ist in seinem Hause nicht zu finden, weder Gebet noch Bußfertigkeit über die Sünde. Er gilt bei allen, die ihn kennen, als eine Schmach und ein Schandfleck des Christentums, das um seinetwillen in jenem ganzen Teil der Stadt, wo er wohnt, verlästert wird. Das Volk sagt von ihm: „Ein Teufel im Hause und ein Heiliger draußen.“ Seine arme Familie muß das in reichem Maß erfahren. Er ist ein harter Geizhals; er schilt mit dem Gesinde und ist so unvernünftig in seinen Forderungen, daß man ihm nichts recht machen kann. „Mit einem Türken,“ sagt man, „kann man eher zusammen leben als mit ihm.“ Diesem Schwätzer soll es auch nicht darauf ankommen, seinen Nächsten zu überlisten, zu betrügen und zu übervorteilen. Um in einer Sache zu seinem Ziel zu kommen, da ist ihm kein Mittel zu schlecht. Seine Söhne hat er so erzogen, daß sie jetzt schon in seinen Fußtapfen wandeln, und wenn er bei einem von ihnen eine närrische Schüchternheit findet — so nennt er das erste Erwachen des Gewissens —, so heißt er ihn einen Narren und Dummkopf und läßt ihn eine Zeitlang seine Verachtung fühlen. Kurz, nach meinen Beobachtungen hat er durch seinen gottlosen Lebenswandel viel Ärgernis hervorgerufen und manchen dadurch zu Fall gebracht, und ich befürchte, er wird noch vielen, wenn Gott es nicht verhütet, zum Verderben gereichen.
Getreu. Deinen Worten, lieber Bruder, muß ich wohl Glauben schenken, nicht allein, weil du als Augenzeuge sprichst, sondern auch, weil du von diesem Menschen nur, wie einem Christen geziemt, urteilst; nicht in böser Absicht, sondern um der Wahrheit willen.
Christ. Hätte ich ihn nicht besser gekannt als du, so würde ich vielleicht anfangs wie du von ihm geredet haben. Ja, hätte ich dies Urteil über ihn aus dem Munde von Feinden des Evangeliums, so hätte ich dasselbe für eine Verleumdung gehalten — denn solches mußten ja die Frommen zu aller Zeit über sich ergehen lassen —; aber nein, aller dieser Dinge und noch vieler andrer, um die ich genau weiß, kann ich ihn überführen. Über dies alles sind die Frommen mit ihm übel daran und schämen sich seiner. Sie können ihn weder Bruder noch Freund heißen. Wenn sie seinen Namen nur nennen hören, werden sie schamrot.
Getreu. Ich sehe wohl, daß Reden und Tun zweierlei ist, und ich will es künftig besser unterscheiden.
Christ. Gewiß ist dies zweierlei, so verschieden auch Seele und Leib voneinander sind. Denn gleichwie der Leib ohne die Seele nur ein toter Körper ist, so gibt auch dem Reden allein das Tun die Kraft und das Wesen. Die Seele des Christentums offenbart sich in der Ausübung desselben. „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich von der Welt unbefleckt erhalten“ (Jak. 1, 27). Darauf achtet Schwätzer nicht; hören und reden, meint er, macht einen guten Christen, und so betrügt er seine eigene Seele. Das Hören gleicht dem ausgestreuten Samen, und über religiöse Dinge reden können, ist kein Beweis dafür, daß in Wahrheit Früchte im Herzen und im Leben sind[89]. Laß es uns tief zu Herzen nehmen, daß die Menschen am Tag der Rechenschaft nach ihren Werken gerichtet werden. Es wird nicht gefragt werden: „Was habt ihr geglaubt? Was habt ihr geredet?“ sondern: „Seid ihr Täter des Wortes gewesen?“ Und danach wird das Urteil gefällt. Das Ende der Welt wird mit einer Ernte verglichen, und du weißt, daß man in der Ernte nichts andres als Früchte erwartet[90]. Nicht als könnte Gott etwas wohlgefallen, was nicht aus dem Glauben kommt; ich will nur zeigen, wie völlig bedeutungslos das Bekenntnis eines Schwätzers an jenem Tag sein wird.
Getreu. Das erinnert mich daran, was Mose von den reinen und unreinen Tieren sagt: „Alles, was die Klauen spaltet und wiederkäut unter den Tieren, das sollt ihr essen. Was aber wiederkäut und hat Klauen und spaltet sie doch nicht, das ist euch unrein, und ihr sollt’s nicht essen“ (3. Mos. 11, 3. 4; 5. Mos. 14, 6 ff.). Der Hase käut wieder, ist aber gleichwohl unrein, denn er spaltet die Klauen nicht — ein treffendes Abbild eines Schwätzers. Er käut wieder, d. h. er sammelt sich einige Kenntnisse auf religiösem Gebiet, um sie in seinen Reden wiederzugeben; aber er spaltet die Klauen nicht: er scheidet sich nicht von dem Weg der Sünder, sondern er bleibt unrein wie der Hase, dessen Fuß dem eines Hundes oder Bären gleicht.
Christ. Du hast meines Erachtens das rechte evangelische Verständnis von diesem Text. Laß mich noch etwas hinzufügen. Paulus nennt einen solchen Menschen ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle (1. Kor. 13, 1), das sind, wie er es an einem andern Ort erklärt (1. Kor. 14, 7), Dinge, die einen Laut von sich geben und doch nicht leben; das will sagen: ein solcher Mensch ist ohne wahren Glauben, ohne die Gnade des Evangeliums; er wird deshalb auch nicht in das Himmelreich unter die Kinder des Lebens aufgenommen, und wenn er gleich mit Engelzungen redete.
Getreu. So gern ich anfangs mit ihm sprach, so müde bin ich jetzt seiner geworden. Wie kommen wir von ihm los?
Christ. Tue, was ich dir jetzt sage, und du wirst sehen, daß er deine Gesellschaft bald satt hat, es sei denn, Gott rühre sein Herz und wandle es um.
Getreu. Nun, was soll ich denn tun?
Christ. Gehe zu ihm und fang ein ernstes Gespräch mit ihm an über die Kraft der Gottseligkeit und frage ihn geradezu, wenn er eingewilligt hat — und das wird er ohne weiteres tun — ob sich die Gottseligkeit auch in seinem Herzen, in seinem Hause und in seinem Wandel finde.
Getreu wendete sich nun wieder an den Schwätzer und sprach zu ihm: „Nun, wie geht es dir?“
Schwätzer. Ich danke, recht wohl. Wir hätten in dieser Zeit ein langes Gespräch führen können.
Getreu. Willst du, so können wir jetzt ein Gespräch beginnen, und wenn ich den Gegenstand vorschlagen darf, so möchte ich die Frage aufwerfen: Wie offenbart sich das Werk der seligmachenden Gnade Gottes im Herzen der Menschen?
Schwätzer. Wir haben also, wie ich sehe, von der Kraft einer Sache zu reden. Gewiß, eine sehr gute Frage, die ich gern beantworten will. Ich will die Sache kurz so fassen: Erstens, wo die Gnade Gottes im Herzen ist, da erhebt sich ein großes Geschrei gegen die Sünde. Zweitens —
Getreu. Ich bitte, laß uns eins nach dem andern erwägen. Es scheint mir richtiger, wenn man sagt: Da erhebt sich in der Seele ein großer Abscheu vor der Sünde.
Schwätzer. Ei, was ist denn für ein Unterschied zwischen einem großen Geschrei gegen die Sünde und einem großen Abscheu davor?
Getreu. O ein sehr großer! Es kann ein Mensch wohl aus bloßer Weltklugheit gegen die Sünde viel Redens machen; verabscheuen aber kann er sie nur durch die Kraft der göttlichen Gnade. Ich habe gar manchen schon von der Kanzel herab gegen die Sünde schreien hören, die er aber nichtsdestoweniger in seinem Herzen, in seinem Hause und in seinem Wandel sehr wohl duldete. Josephs Gebieterin schrie mit lauter Stimme, als wäre sie sehr heilig; und doch war sie eine Ehebrecherin. Manche schreien wider die Sünde, wie eine Mutter, die ihr Kind auf dem Schoß wegen seiner Unart schilt und es dann sogleich wieder herzt und küßt.
Schwätzer. Du liegst auf der Lauer, das merke ich wohl.
Getreu. O nein, ich will nur die Sachen ins rechte Licht stellen. Was aber war die zweite Äußerung der Gnade, von der du reden wolltest?
Schwätzer. Große Erkenntnis der Geheimnisse des Evangeliums.
Getreu. Dieses Kennzeichen hättest du zuerst nennen sollen, aber auch dann wäre es falsch gewesen; denn Erkenntnis, ja große Erkenntnis in den Geheimnissen des Evangeliums kann man erlangen, ohne daß deshalb ein Werk der Gnade in der Seele sein müßte. Ja, man kann alle Erkenntnis haben und doch nichts sein und mithin auch kein Kind Gottes (1. Kor. 13, 2). Als Christus Seine Jünger gefragt hatte: „Habt ihr dies verstanden?“ und sie antworteten: „Ja,“ da fügte Er hinzu: „So ihr solches wisset, selig seid ihr, so ihr’s tut“ (Joh. 13, 12. 17). Er legt den Segen nicht auf das Wissen, sondern auf das Tun. Es gibt eine Erkenntnis, die nicht von der Tat begleitet wird; es gibt Knechte, die ihres Herrn Willen wissen und nicht danach tun (Luk. 12, 47). Es mag einer Erkenntnis haben wie ein Engel, ohne doch deshalb ein Christ zu sein. Darum ist dein Kennzeichen falsch. Das Wissen gefällt Schwätzern und Prahlern; das Tun gefällt Gott. Nicht als könnte ein Herz ohne die Gnade gut sein, ohne die es immer verfinstert bleibt; aber es gibt eben zweierlei Erkenntnis. Es gibt eine Erkenntnis, die in bloßer äußerer Betrachtung besteht, und eine Erkenntnis, die von Gnade, Glaube und Liebe begleitet ist, wodurch der Mensch getrieben wird, den Willen Gottes von Herzen zu tun. Die erste genügt dem Schwätzer, der wahre Christ gibt sich ohne die andre nicht zufrieden. Seine Bitte ist: „Unterweise mich, daß ich bewahre Dein Gesetz und halte es von ganzem Herzen!“ (Ps. 11, 34.)
Schwätzer. Du liegst schon wieder auf der Lauer, das dient nicht zur Erbauung.
Getreu. So gib ein andres Kennzeichen der Gnade an!
Schwätzer. Nein, ich sehe, wir stimmen doch nicht miteinander überein.
Getreu. Gut, so will ich ein Zeichen angeben.
Schwätzer. Das steht dir frei.
Getreu. Das Werk der Gnade im Herzen offenbart sich dem, der es an sich selbst erfährt, und denen, die um ihn sind. Wer es an sich selbst erfährt, dem offenbart es sich so: Er kommt dadurch zur Erkenntnis der Sünde, besonders der Unreinheit seines ganzen Wesens[91]; er erkennt die Sünde des Unglaubens[92], die ihn allein schon verdammen müßte[93], wenn er nicht Gnade bei Gott findet durch den Glauben an Jesus Christus. Diese Überzeugung und dieses Gefühl erweckt in ihm Traurigkeit und Scham über die Sünde. Aber nun wird der Seligmacher der Welt seiner Seele geoffenbart[94], sowie die Notwendigkeit einer Vereinigung mit Ihm für das ganze Leben[95]; es regt sich ein Hungern und Dürsten nach Ihm, das eine große Verheißung hat[96]. So stark nun sein Glaube an seinen Heiland ist, so stark ist seine Freude, sein Friede, seine Liebe zur Heiligung, so stark das Verlangen, Ihn noch mehr kennenzulernen und Ihm zu dienen in dieser Welt. Aber dennoch ist der Mensch selten fähig, das Werk der Gnade in sich selbst zu erkennen, teils wegen der noch anklebenden Sünde, teils weil die Augen des Gemüts noch nicht das rechte Licht haben. Deswegen wird bei dem, der solches Werk in sich hat, ein sehr gesundes Urteil erfordert, ehe er fest und sicher schließen kann, daß dies ein Werk der Gnade ist.
Bei andern offenbart es sich zuerst durch ein solches Bekenntnis des Glaubens an Christus, dem man es ansieht, daß es aus eigener Erfahrung kommt; dann durch ein Leben, das dem Bekenntnis gemäß ist, nämlich durch einen heiligen Wandel in der Welt, der sich als Frucht seines geheiligten Herzens ebenso in seinem Hause wie auch überhaupt im Umgang mit andern Menschen erweist, so daß man die Sünde und sich selbst um der Sünde willen im Herzen verabscheut, sie in seiner Familie unterdrückt und Gerechtigkeit in der Welt zu fördern sucht, und zwar nicht durch bloßes Sprechen, wie ein Heuchler und Schwätzer tut, sondern indem man im Glauben und in der Liebe sich der Herrschaft des göttlichen Wortes willig unterwirft[97]. Hast du etwas zu dieser kurzen Beschreibung des Gnadenwerks und seiner Offenbarung einzuwenden, so sage es; wo nicht, so erlaube mir eine zweite Frage.
Schwätzer. Meine Sache ist jetzt nicht, zu tadeln, sondern zu hören; ich erwarte deine zweite Frage.
Getreu. Hast du das, was in dem ersten Teil beschrieben wurde, an dir selbst erfahren, und gibt dein Wandel Zeugnis davon? Oder steht dein Christentum nur in Worten und auf der Zunge und nicht in der Tat und in der Wahrheit? Willst du mir darauf antworten, so sage nicht mehr — ich bitte dich —, als wozu Gott im Himmel amen sagen und was dein Gewissen rechtfertigen kann. „Denn darum ist einer nicht tüchtig, daß er sich selbst lobt, sondern daß ihn der Herr lobt“ (2. Kor. 10, 18). Dazu ist es eine große Gottlosigkeit, dich für einen Christen auszugeben, wenn dein Leben und alle deine Nachbarn dich Lügen strafen.
Bei dieser Frage errötete der Schwätzer; er faßte sich aber wieder und sagte: Du kommst jetzt auf Erfahrung, auf Gewissen und auf Gott selbst; ich muß dir gestehen: diese Wendung des Gesprächs ist mir unerwartet; du willst mich wie ein Kind ausfragen, aber ich fühle mich durchaus nicht aufgelegt, auf solche Fragen zu antworten, und ich kann dich nicht als meinen Richter anerkennen. Aber sage mir doch, wie kommst du dazu, solche Fragen an mich zu richten?
Getreu. Weil ich sehe, daß du nichts hast als einiges Wissen. Aber ich will die volle Wahrheit sagen: ich habe gehört, daß dein ganzes Christentum im Schwatzen besteht und daß dein ganzer Wandel das Bekenntnis deines Mundes Lügen straft. Man sagt, daß du ein Schandfleck unter den Christen bist, daß du dem Christentum durch deinen ungöttlichen Wandel schadest, daß du schon manchen durch dein gottloses Wesen verführt hast und ihrer noch mehr in gleicher Gefahr stehen. Dein Christentum vertrage sich auch ganz gut mit Saufgelagen, Geiz, Unzucht, Schwören und Lügen und schlechter Gesellschaft. Das Sprichwort, daß eine Hure aller Frauen Schandfleck ist, paßt auf dich: Du bist ein Schandfleck aller Gläubigen!
Schwätzer. Da du auf Gerüchte merkst und so rasch einen aburteilst, so muß ich dich für einen grämlichen, trübsinnigen Menschen halten, mit dem man nicht reden kann, und darum: Lebe wohl!
„Sagte ich es dir nicht voraus?“ sprach Christ, indem er zu Getreu trat, „deine Worte und seine Gelüste konnten nicht zusammen stimmen. Er hat lieber deine Gesellschaft als sein sündliches Leben verlassen. Laß ihn gehen; den Schaden trägt er selber davon. Er hat es uns erspart, uns von ihm loszusagen, denn bleibt er, wie er jetzt ist, so wäre er nur ein Schandfleck für uns gewesen, und der Apostel sagt: ‚Tue dich von solchen!‘“ (1. Tim. 6, 5)
Getreu. Ich bin doch froh, daß ich dieses Gespräch mit ihm hatte. Ich habe ihm offen und ohne Rückhalt die Wahrheit gesagt, vielleicht denkt er doch einmal daran zurück, wo nicht, so bin ich wenigstens rein von seinem Blut.
Christ. Du hast wohlgetan, daß du so deutlich mit ihm sprachst. Dieser Offenheit bedient man sich in unsern Tagen nur zu selten, und deshalb sind viele Menschen gegen das Christentum so widrig gesinnt. Denn eben diese schwatzhaften Toren, deren Leben von ihrem Bekenntnis so sehr absticht, sind es, welche, in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen, der Welt ein Ärgernis geben, auf das Volk Gottes Schande bringen und die Aufrichtigen betrüben. Möchte nur jeder gegen solche Schwätzer so vorgehen! Entweder sie fingen ein Leben an, wie es sich für Christen ziemt, oder es würde ihnen in der Gemeinschaft der Heiligen der Boden unter den Füßen brennen, daß sie es in deren Mitte nicht mehr länger aushielten.
Hierauf stimmte Getreu ein Lied an und sang:
Mein Gott, ach lehre mich erkennen Den Selbstbetrug und Heuchelschein, Nach Christi Namen mich zu nennen Und doch nicht Christi Glied zu sein! Ach, wirk in mir zu Deinem Ruhm, Mein Gott, das wahre Christentum! Hilf, daß ich Dir allein ergeben, Der Sünde abgestorben sei; Laß mich mir sterben, Dir nur leben, Und mach in mir, Herr, alles neu! Ach, wirk in mir zu Deinem Ruhm, Mein Gott, das wahre Christentum!
Fußnoten:


Sechstes Kapitel. Der Markt der Eitelkeit und die Treue bis in den Tod.

Fröhlich wanderten die Pilger ihres Weges weiter. Sie kamen nun durch eine Wildnis, deren Öde sie jedoch über ihrem brüderlichen Gespräch fast vergaßen. Gegen das Ende dieser wüsten Gegend rief Getreu: „O wer kommt denn dort?“ Christ wandte sich um und sprach: „Das ist ja der Evangelist, mein treuer Freund!“ — „Auch mein lieber Freund,“ versetzte Getreu, „denn er war es, der mich zur engen Pforte hinwies.“ In kurzem hatte sie der Evangelist erreicht und grüßte sie: „Friede sei mit euch, meine Geliebten!“
„Willkommen, willkommen, mein lieber Evangelist!“ rief Christ mit großer Freude. „O wie treu, wie unermüdlich hast du für mein ewiges Wohl gesorgt!“
„Tausendmal willkommen!“ rief Getreu, „wie herrlich ist es für arme Pilgrime, wenn sie mit dir pilgern können, du lieber Evangelist!“
„Wie ist es euch in dieser Zeit ergangen, meine Freunde? Was ist euch alles begegnet, und wie habt ihr euch verhalten?“ fragte der Evangelist.
Sie erzählten ihm alles, was ihnen begegnet war und unter welchen Gefahren sie diese Gegend erreicht hatten.
„Ich freue mich sehr,“ sprach der Evangelist, „nicht daß ihr mit so vielen Versuchungen zu kämpfen hattet, sondern daß ihr als Sieger bestanden seid, und daß ihr, ungeachtet mancher Schwachheit, euren Weg bis auf diesen Tag fortgesetzt habt. Ja, ich freue mich sehr um meinet-, sowie um euretwillen. Ich habe gesät, und ihr habt geschnitten, und es kommt der Tag, daß, wenn anders ihr beharrt bis ans Ende, beide, der da sät und der da schneidet, sich miteinander freuen werden (Joh. 4, 36); denn zu seiner Zeit werdet ihr ernten, so ihr nicht müde werdet (Gal. 6, 9). Die Krone wird euch vorgehalten; die unverwelkliche Krone des Lebens; so laufet nun also, daß ihr sie ergreifet! (1. Kor. 9, 24.) Manche treten in die Laufbahn, und nachdem sie eine Weile gelaufen, kommt ein andrer ihnen zuvor und nimmt ihre Krone hinweg. Haltet darum, was ihr habt, daß niemand eure Krone nehme! (Offenb. 3, 11.) Noch habt ihr den Kampf mit dem Argen nicht ausgekämpft; ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden in dem Kämpfen wider die Sünde (Hebr. 12, 4). Laßt das Himmelreich euch immer vor Augen sein und glaubt festiglich an die unsichtbaren Dinge! Laßt nichts von alledem, was von dieser Welt ist, bei euch Eingang finden! Vor allem wachet wohl über euer eigenes Herz und seine Begierden, denn das Herz ist ein trotziges und verzagtes Ding. Macht euer Angesicht wie einen Kieselstein; denn alle Gewalt im Himmel und auf Erden steht euch zur Seite.“
Christ dankte für diese Ermunterung. „Wie würden wir uns freuen,“ sprach er, „wenn du uns auf unserm Weg auch fernerhin behilflich sein würdest und uns zusprächest; und weil du, wie wir wohl wissen, ein Prophet bist, so sage uns doch, was für Gefahren uns noch bevorstehen und wie wir sie überwinden können!“ Getreu stimmte von ganzem diese Bitte ein, und der Evangelist sprach zu ihnen:
„Meine Söhne, ihr wißt aus dem Wort der Wahrheit des Evangeliums, daß ihr durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen müßt (Apostelg. 14, 22) und daß Bande und Trübsal allerorten euer warten (Apostelg. 20, 23). Darum dürft ihr nicht erwarten, daß ihr auf eurem Pilgerweg lang ohne Trübsal irgendeiner Art bleiben werdet. Ihr habt bereits die Wahrheit dieser Zeugnisse erfahren, und es wird sogleich noch mehr folgen. Ihr seid beinahe aus dieser Wildnis heraus und werdet nun in eine Stadt kommen, wo die Feinde euch sehr bedrängen, ja euch nach dem Leben stehen werden, und ohne Zweifel wird wenigstens einer von euch das Bekenntnis dessen, an dem ihr haltet, mit seinem Blut besiegeln; aber seid getreu bis an den Tod, so wird der König euch die Krone des Lebens geben (Offenb. 2, 10). Welcher von euch beiden hier stirbt, wenn auch eines gewaltsamen Todes und vielleicht unter furchtbaren Qualen, dem ist doch das bessere Los zugefallen als seinem Gefährten, denn er darf eher in die himmlische Stadt eingehen und entgeht vielen Gefahren, die dem andern bevorstehen. Wenn ihr nun dermaleinst in die Stadt kommt und sich an euch erfüllt, was ich euch zuvor gesagt, so gedenkt an euren Freund! Seid nun männlich und seid stark und befehlet Gott eure Seelen als dem treuen Schöpfer in guten Werken!“ (1. Petr. 4, 19.)
Ich sah in meinem Traum, daß sich, sobald sie am Ende der Wüste waren, vor ihnen eine Stadt ausbreitete mit Namen Eitelkeit. Das ganze Jahr hindurch wird hier ein Markt abgehalten — wohlbekannt unter dem Namen Eitelkeitsmarkt. Er heißt so, weil die Stadt, darin er gehalten wird, weniger wiegt als nichts[98] und weil alles, was dahin kommt und dort feilgehalten wird, nichts denn Eitelkeit ist nach den Worten des Weisen: „Es ist alles ganz eitel!“ (Pred. 1, 2)[99] Dieser Markt ist nicht eine Einrichtung neuerer Zeit, er besteht schon sehr lange. Laß mich dir etwas von seiner Entstehung erzählen.
Es sind nun ungefähr fünftausend Jahre her, da wanderten auch Pilgrime, gleich diesen beiden redlichen Männern, nach der himmlischen Stadt; und da Beelzebub, Apollyon und Legion mit seinen Genossen merkten, daß ihr Weg durch diese Stadt führte, beschlossen sie, hier einen Markt einzurichten, wo das ganze Jahr hindurch alle Arten von Tand feilstehen sollten, wie Häuser, Ländereien, Gewerbe, Ämter, Würden, Beförderungen, Titel, Landschaften, Königreiche, Lustbarkeiten, Vergnügungen und Genüsse aller Art, wie Dirnen, Weiber, Gatten, Kinder, Herrschaften, Dienstboten, Leben, Blut, Leiber und Seelen, Silber, Gold, Perlen, Edelsteine und wer weiß was noch alles! Ja, noch mehr, auf diesem Jahrmarkt sind allezeit zu sehen Gaukeleien, Betrügereien, Glückspiele, Schauspiele, Narrenteidinge, Affen, Schelme und Schurken und allerlei derart. Ferner gibt’s, und alles umsonst, zu sehen Diebereien, Mordtaten, Ehebruch, Meineide, sämtlich in blutroter Farbe.
Und wie man es schon auf unbedeutenden Jahrmärkten antrifft, daß man bestimmte Waren in bestimmten Straßen haben kann, so hat man auch hier gewisse Plätze, Straßen und Gassen — das sind die verschiedenen Länder und Reiche —, wo die Waren dieses Jahrmarktes am leichtesten zu bekommen sind. Es gibt hier eine englische Straße, eine französische, eine italienische, eine spanische, eine deutsche, und in jeder werden bestimmte Arten von Eitelkeiten vorzugsweise verkauft. Und gleichwie auf andern Märkten etwas ist, was der wichtigste und hauptsächlichste Artikel ist, so fanden auf diesem Markt die Waren aus Rom besonders starken Absatz. Nur die Engländer und etliche andre Völker haben keinen großen Gefallen daran.
Mitten nun durch die Stadt, wo dieser Jahrmarkt gehalten wird, geht der Weg zur himmlischen Stadt; und wer also nach dem Berg Zion reisen und nicht hier durch diese Stadt ziehen wollte, der müßte die Welt räumen (1. Kor. 5, 10)[100]. Selbst der Herr der Herrlichkeit, da Er auf Erden wandelte, mußte den Weg zu Seinem eigenen Land durch diesen Ort nehmen, und zwar gerade an einem Markttag. Beelzebub, der Vorsteher des Jahrmarkts, lud Ihn ein, etwas von seinen Eitelkeiten zu kaufen, ja Er sollte alles zum Geschenk haben, wenn Er ihm Ehre erweisen wollte. Und weil Er von so hoher Abkunft war, führte Ihn der Satan von Straße zu Straße und zeigte Ihm in kurzer Zeit alle Reiche der Welt, ob der Hochgelobte nicht zu bewegen wäre, etwas von seinen Eitelkeiten zu kaufen. Aber der Herr hatte nicht Gefallen an dieser Ware; Er verließ die Stadt, ohne auch nur einen Heller an eine dieser Eitelkeiten verwandt zu haben. (Lies Matth. 4, 1-11.) Dieser Markt also besteht seit uralter Zeit und ist sehr groß.
Die Pilger nun mußten, wie gesagt, notwendig über diesen Jahrmarkt kommen. Kaum hatten sie die ersten Schritte in die Stadt getan, als alle Marktleute, ja die ganze Einwohnerschaft sich erregte und mit großem Tumult auf sie zuströmte, und das aus verschiedenen Gründen.

Die Pilger auf dem Eitelkeitsmarkt (
S. 112.
).
⇒ GRÖSSERES BILD
Erstens: Ihrer fremdartigen Kleider wegen wurden sie von dem Volk mit Erstaunen angegafft, aller Augen richteten sich auf sie; einige sagten: „Es sind Narren,“ andre: „Tollhäusler,“ wieder andre: „Ausländer“[101].
Zum andern: Gleichwie sie sich über ihre Kleidung verwunderten, so sehr fiel ihnen ihre Sprache auf. Sie redeten natürlich die Sprache Kanaans; die aber hier Markt hielten, waren Kinder dieser Welt. So kamen sie von einem Ende des Marktes bis zum andern den Leuten fremd und unverständlich vor[102].
Drittens: Was den Kaufleuten am unbegreiflichsten erschien, war, daß sie die Waren nicht der geringsten Aufmerksamkeit wert achteten, und wenn man sie anhielt, etwas zu kaufen, so hielten sie sich die Ohren zu und beteten: „Wende meine Augen ab, daß sie nicht nach Eitlem sehen!“ (Ps. 119, 37), und sie blickten in die Höhe, zum Zeichen, daß ihr Wandel im Himmel wäre[103].
Da jemand spöttisch die Frage an sie richtete, was sie denn kaufen wollten, und sie mit Festigkeit und Ernst erwiderten: „Wir kaufen Wahrheit“ (Spr. 23, 23), so brach von allen Seiten der bitterste Spott und Hohn gegen sie los; und einige riefen den andern zu, sie ins Angesicht zu schlagen. Kurz, alle Ordnung des Jahrmarkts verkehrte sich in ein entsetzliches Getümmel. Die Sache wurde vor den Obersten des Marktes gebracht, der sogleich einige seiner vertrautesten Freunde abschickte, die Fremden, die einen solchen Auflauf veranlaßt hätten, zu verhören.
So wurden die Pilger festgenommen und vor Gericht geführt.
„Woher kommt ihr? Wohin geht eure Reise? Und warum erscheint ihr in so ungewöhnlicher Tracht?“ Dies waren die Fragen, die man ihnen im Verhör vorlegte.
„Wir sind Gäste und Fremdlinge auf Erden,“ antworteten sie; „wir wandern nach unsrer Heimat, nach dem himmlischen Jerusalem. Weder den Einwohnern der Stadt noch den Marktleuten haben wir Veranlassung gegeben, uns so zu mißhandeln und aufzuhalten; ausgenommen, daß wir einem, der uns fragte, was wir kaufen wollten, die Antwort gaben: Wir kaufen Wahrheit.“
Diese Aussage war ausreichend, um auch die Richter zu überzeugen, daß sie nichts andres seien als tolle und verrückte Leute, die einzig und allein beabsichtigten, den ganzen Markt in Verwirrung zu bringen.
Daher legte man von neuem Hand an sie; sie wurden geschlagen, mit Kot beworfen und in ein Gefängnis gelegt, wo sie, den Augen des Volkes ausgesetzt, eine Zeitlang der Gegenstand des allgemeinen Hohnes, der ausgesuchtesten Bosheit waren. Und der Oberste des Marktes weidete sich an diesem Schauspiel. Indes blieben aber die Pilger geduldig, vergalten nicht Scheltwort mit Scheltwort, sondern segneten dagegen (1. Petr. 3, 9); sie übten Güte für erlittenes Unrecht, so daß einige besonnene Männer, die weniger vom Vorurteil befangen waren als die andern und die Geduld der Fremdlinge mit Bewunderung beobachtet hatten, sich ihrer gegen die erbitterte Menge annahmen. Nun aber wandte sich deren Zorn auch gegen diese Bessergesinnten. „Ihr seid,“ so rief man ihnen zu, „ebenso nichtsnutzig wie die beiden da am Pranger und wohl ihre geheimen Verbündeten und verdient die gleiche Strafe!“
„Es sind,“ erwiderten jene, „soviel wir sehen können, redliche und friedliche Männer, die niemand etwas zuleide tun. Mancher ist auf unserm Markt, der eher ins Gefängnis, ja an den Schandpfahl gehörte als diese Männer, die man so schändlich mißhandelt.“
Eine Weile noch fiel Rede auf Gegenrede, währenddessen sich die Pilger ruhig und besonnen verhielten. Aber bald kam es von Worten zu Händeln und blutigen Auftritten, und es entstand die größte Verwirrung.
Hierauf mußten die armen Pilger aufs neue vor ihren Richtern erscheinen; sie wurden hart verklagt, daß sie die Ursache am letzten Aufruhr auf dem Jahrmarkt wären; man stäupte sie in grausamer Weise, man legte sie in Ketten und führte sie den Markt auf und ab, zum abschreckenden Beispiel für andre und zu verhindern, daß jemand für sie spräche oder sich ihnen anschlösse. Sie benahmen sich dabei so ruhig und trugen die Schande mit so viel Sanftmut und Ergebung, daß mehrere auf dem Markt — indes nur eine geringe Zahl im Vergleich mit der Menge — für sie gewonnen wurden. Dies setzte die andern in desto größere Wut, und sie beschlossen den Tod der Fremdlinge. Darum drohten sie ihnen, daß Pranger und Ketten für sie zu gelinde Strafen seien, daß sie vielmehr sterben sollten, und zwar um des angerichteten Schadens willen und weil sie alles Volk auf dem Markt erregt hätten. Man führte sie wieder in das Gefängnis zurück und legte ihre Füße in den Stock, bis das Urteil über sie gefällt sein würde.
Hier gedachten sie der Worte ihres treuen Freundes, des Evangelisten, die so genau in Erfüllung gegangen waren, und wurden dadurch nicht wenig in ihrem Glauben gestärkt. Es wurde ihnen auch ganz gewiß, daß einer von ihnen hier sterben werde; einer sagte es dem andern zum Trost, daß das Los dessen, der hier sein Leben lassen werde, das schönste sei, und jeder wünschte heimlich, daß es ihm selbst zuteil werden möchte. Doch, indem sie sich der allweisen Führung dessen überließen, der alle Dinge regiert, blieben sie mit völliger Ergebung in ihrer gegenwärtigen Lage und sahen ruhig der Entscheidung entgegen.
Nachdem nun eine gelegene Zeit gekommen war, wurden sie im Beisein ihrer Feinde und Ankläger vor das Gericht gestellt, dessen Vorsitzender Gotthaß war. Die Anklage gegen beide war dem Wesen nach ein und dieselbe. Man beschuldigte sie, sie seien Feinde und Störer des Handels, sie hätten Unruhen und Spaltungen in der Stadt erregt, ja eine Anzahl der Einwohner, dem Gesetz ihres Fürsten zum Trotz, für ihre gefährlichen Grundsätze gewonnen.
Getreu verantwortete sich nun hierauf zuerst und sprach: „Ich habe mich nur gegen das gesetzt, was sich selbst gegen den Allerhöchsten aufgeworfen hat. Störung und Unruhe mache ich nicht, denn ich bin ein Mann des Friedens. Sind etliche für uns gewonnen worden, so geschah es durch die Erkenntnis unsrer Unschuld und Redlichkeit, und sie haben sich nur vom Schlechten zum Bessern gewendet. Was den König betrifft, von dem ihr redet, so spreche ich ihm und allen seinen Dienern hiermit öffentlich Hohn, ist er doch Beelzebub, der Feind unsers Herrn.“
Hierauf wurde ausgerufen, wer etwas zugunsten seines Königs und Herrn gegen diesen Gefangenen vor den Schranken vorzubringen habe, solle sogleich auftreten und sein Zeugnis ablegen. Da traten drei Zeugen herzu, nämlich Neid, Aberglaube und Schmeichler.
Man fragte sie, ob sie den Gefangenen kennten und was sie für ihren König und Herrn zu sagen hätten.
Da trat Neid vor und sprach: „Mein Herr, ich kenne diesen Mann schon lange und will es auf meinen Eid vor diesem hochwürdigen Gericht bezeugen, daß er —“
„Halt!“ rief der Richter, „man lasse ihn zuerst schwören!“ Es geschah, und Neid fuhr fort: „Mein Herr, dieser Mann ist trotz seines schönen Namens einer der schlechtesten Menschen in unserm Land. Er achtet weder Fürsten noch Volk, weder Gesetz noch Sitte. Er benützt jede Gelegenheit, um jedermann seine verderblichen Ansichten beizubringen, die er Grundsätze des Glaubens und der Heiligkeit nennt. Ich habe ihn einmal selbst sagen hören, das Christentum und die Sitten unsrer Stadt Eitelkeit ständen einander schnurstracks gegenüber, und es sei schlechthin unmöglich, beide zu vereinigen. Indem er also spricht, Herr Richter, verdammt er nicht allein alle unsre löblichen Handlungen, nein, er verdammt somit auch uns selbst, die wir sie tun.“
„Hast du sonst noch etwas gegen ihn zu sagen?“ fragte der Richter.
„Mein Herr,“ erwiderte Neid, „ich hätte allerdings noch mehr zu sagen, fürchte jedoch der Versammlung lästig zu werden. Allein, falls das Zeugnis der übrigen Herren noch nicht zur Verurteilung des Angeklagten hinreichen sollte, werde ich das meine weiter auszuführen wissen.“ So ward ihm befohlen abzutreten.
Darauf wurde Aberglaube hereingerufen. Der Richter befahl ihm, den Gefangenen anzusehen und sein Zeugnis wider ihn für seinen Herrn und König kundzutun. Nachdem er den Eid abgelegt, begann er also:
„Herr Richter, ich stehe zwar in keiner nähern Bekanntschaft mit diesem Mann, wünsche ihn auch nicht näher kennenzulernen; dies jedoch weiß ich gewiß, daß er eine wahre Pest für unsre Stadt ist. Ich habe neulich mit ihm gesprochen und es selbst aus seinem Mund gehört, daß unser Gottesdienst wertlos sei, daß wir dadurch das Wohlgefallen Gottes nicht erlangen können. Was folgt hieraus deutlicher, mein Herr, als daß wir unsre Gottesverehrungen umsonst darbringen, daß wir noch in unsern Sünden sind und endlich ewig verdammt werden? Dies ist es, was ich zu sagen habe.“
Hierauf mußte Schmeichler vortreten, und nachdem er den Eid geleistet, ward er aufgefordert, zugunsten seines Herrn und Königs gegen den Gefangenen zu sprechen.
„Mein Herr Richter und ihr verehrte Herren!“ sagte er, „ich habe diesen Kerl schon lange gekannt und ihn Dinge sagen hören, die nicht zu dulden sind. Er hat Beelzebub, unsern erhabenen Fürsten, gelästert und verächtlich gesprochen von seinen ehrenwerten Freunden, als da sind: Herr Altermensch, Herr Fleischeslust, Herr Üppig, Herr Ruhmsucht, der alte Herr Unzucht, der edle Herr Geizhals und alle unsre übrigen Edelleute. Auch hatte er die Frechheit, zu sagen: wenn alle von seiner Gesinnung wären, so würde keiner von diesen edlen Herren länger in der Stadt geduldet werden. Ja, er hat sich erdreistet, auch dich, mein edler Herr, seinen Richter, einen gottlosen Buben zu schelten und in der verächtlichsten Weise von dir zu reden, sowie auch die meisten vom Adel in unsrer Stadt mit den gemeinsten Schimpfnamen zu belegen.“
Nachdem Schmeichler seine Rede vollendet, wandte sich der Richter an den Gefangenen, der vor der Anklagebank stand, und sprach: „Du Abtrünniger, du Ketzer, du Verräter, hörst du, was diese edlen Herren wider dich zeugen?“
„Darf ich einige Worte zu meiner Verteidigung sprechen?“ fragte Getreu.
„Schweig, Bube!“ so schrie der Richter mit Zorn, „du verdienst nicht länger zu leben, du verdienst auf der Stelle den Tod. Doch — damit jedermann meine Großmut erkenne — laß hören, was du zu sagen hast!“
„Was zuerst die Anklage des Herrn Neid betrifft,“ sprach Getreu mit ruhigem Ernst, „so habe ich gesagt: Wenn eine Regel, ein Gesetz, eine Sitte oder ein Volk gegen Gottes Wort streitet, so läuft solches dem wahren Christentum schnurstracks entgegen. Ist dies unrecht, so überführe man mich meines Irrtums, und ich bin bereit, öffentlich zu widerrufen.
Was zweitens Herrn Aberglaube und seine Anklage betrifft, so habe ich gesagt, daß zur Verehrung Gottes ein von Gott gewirkter Glaube erforderlich ist; dieser aber kann nur aus einer göttlichen Offenbarung des Willens Gottes hervorgehen. Alles, was sich nun in die Gottesverehrung hineingedrängt hat und nicht mit der göttlichen Offenbarung übereinstimmt, kann nur durch einen bloß menschlichen Glauben geübt werden, der uns nicht zum ewigen Leben dient.
Endlich in bezug auf Herrn Schmeichler erkläre ich (indem ich mich seiner Schimpfworte enthalte), daß der Fürst dieser Stadt samt allen seinen Anhängern, die eben genannt wurden, eher in der Hölle als in dieser Stadt zu sein verdienten. Der Herr, mein Gott, sei mir gnädig!“
Hierauf wandte sich der Richter an die Geschworenen, die der ganzen Verhandlung aufmerksam beigewohnt hatten: „Meine Herren Geschworenen, ihr seht hier diesen Menschen, um deswillen ein so großer Aufruhr in der Stadt entstanden ist. Ihr habt auch gehört, was diese ehrenwerten Herren wider ihn gezeugt haben; seine Erwiderung, sein Geständnis habt ihr vernommen. Eure Sache ist es nun, ihn zum Tod zu verdammen oder ihn freizusprechen. Doch erscheint es angemessen, euch zuerst unser Gesetz vorzuhalten.
Zu den Zeiten Pharaos des Großen, des Dieners unsers Fürsten, ward ein Gesetz gegeben, daß, wenn Leute von einer andern Religion sich vermehren, alle ihre Knäblein im Wasser sollen ertränkt werden, damit sie nicht zu mächtig würden.
Ebenso ward ein Gesetz erlassen zu den Zeiten Nebukadnezars des Großen, eines andern Dieners unsers Fürsten, daß ein jeder, der nicht niederfiele, sein goldenes Bild anzubeten, in den glühenden Ofen geworfen werden sollte.
Desgleichen ward ein Gesetz ausgegeben in den Tagen des Darius, daß wer in dreißig Tagen etwas bitten würde von irgendeinem Gott oder Menschen, ohne von dem König Darius allein, solle den Löwen vorgeworfen werden.
Dieser Rebell nun hat alle diese Gesetze ihrem wesentlichen Inhalt nach gebrochen, nicht allein in Gedanken — schon das dürfte man nicht dulden — sondern auch in Wort und Tat, was schlechterdings nicht ungestraft bleiben darf.
Was das Gesetz Pharaos betrifft, so war dieses bloß auf die Vermutung hin gegeben, um dadurch einem Unheil vorzubeugen, das Verbrechen selbst lag noch gar nicht vor. Was das zweite und dritte Gesetz betrifft, so seht ihr, daß er wider unsre Religion streitet, und wegen des Hochverrats, den er eingestanden, verdient er den Tod.“
Dann zog sich das Geschworenengericht zurück. Es war zusammengesetzt aus den Herren Blindmann, Übelgesinnt, Boshaft, Lüstling, Schlüpfrig, Hitzkopf, Hochmut, Feindselig, Lügner, Grausam, Finsterling und Unversöhnlich.
Jeder von ihnen gab sein besonderes Urteil gegen den Angeklagten ab, und hernach beschlossen sie einstimmig, ihn vor dem Richter für schuldig zu erklären.
Herr Blindmann, der den Vorsitz hatte, sagte: „Ich sehe deutlich, daß dieser Mensch ein Ketzer ist.“
Herr Übelgesinnt sprach: „Weg mit einem solchen Kerl von der Erde!“
„Recht so!“ sagte Herr Bosheit, „denn schon sein Blick ist mir unerträglich.“
Herr Lüstling sprach: „Ich habe ihn nie leiden können!“
„Auch ich nicht,“ versetzte Herr Schlüpfrig, „denn er hat mein Tun immer verdammt.“
„Hängt ihn! Hängt ihn!“ rief Herr Hitzkopf.
„Er ist ein jämmerlicher Bube!“ sagte Herr Hochmut.
„Mein Innerstes empört sich gegen ihn!“ schrie Herr Feindselig.
„Ein Landstreicher ist er!“ sagte Herr Lügner.
Herr Grausam stimmte dahin, daß das Hängen viel zu gut für einen solchen Menschen sei.
„Wir müssen ihn aus dem Weg räumen!“ rief Herr Finsterling.
„Und sollte ich auch die ganze Welt zum Lohn haben,“ sagte Herr Unversöhnlich, „ich könnte mich nun und nimmer mit ihm aussöhnen. Darum laßt uns ohne weiteres auf seine Hinrichtung antragen!“
Wirklich wurde Getreu zum Tod verurteilt. Während man ihn nach seinem Gefängnis abführte, sannen die Herren nur darauf, wie man ihn auf die qualvollste Weise zu Tode bringen könne.
Der Verurteilte wurde nun hinausgeführt, um mit ihm nach ihrem Gesetz zu verfahren. Zuerst wurde er gegeißelt, darauf mit Fäusten geschlagen, mit Messern gestochen und gesteinigt. Der Leichnam wurde mit Schwertern zerhauen und auf dem Scheiterhaufen zu Asche verbrannt.
So starb Getreu den Märtyrertod.
Ich ward aber gewahr, daß über der Menschenmenge, die sich zu der Hinrichtung versammelt hatte, ein feuriger Wagen mit Rossen stand, der auf Getreu wartete; dieser nahm ihn, sobald seine Feinde die Hinrichtung vollzogen, auf und führte ihn unter Posaunenschall durch die Wolken zu der Pforte des Himmels.
Christ wurde in sein Gefängnis zurückgeführt, wo er noch eine Zeitlang ausharren mußte. Der Herr aber, der alle Dinge, auch die Wut der Feinde, nach dem Rat Seines Willens lenkt, schickte es so, daß Christ ihnen entkam und seines Weges weiterziehen konnte. Alsbald hob er an zu singen:
Wohl dir, du Kind der Treue, Du hast und trägst davon Voll Danks und ohne Reue Den Sieg und Ehrenkron’; Gott gibt dir selbst die Palmen In deine rechte Hand, Und du singst Freudenpsalmen Dem, der dein Leid gewandt!
Fußnoten:


Siebtes Kapitel. Ein neuer Begleiter und die Gefahren an der Silbergrube.

Ich sah nun in meinem Traum, daß Christ nicht allein weiterzog, denn es gesellte sich einer zu ihm mit Namen Hoffnungsvoll; das war er geworden durch die Beobachtung des stillen Duldens der beiden Pilger bei aller Schmach und Verfolgung, das männliche Bekenntnis des Getreu, das er im Angesicht des Todes ablegte. Und wie das Blut der Märtyrer immer der Same der Kirche gewesen ist, so erhoben sich aus der Asche des Getreu neue Bekenner des Herrn. Er schloß mit Christ einen Bruderbund und bot sich ihm zum Begleiter an, indem er versicherte, in kurzer Zeit würden ihm noch viele andre folgen.
Sie hatten erst eine kleine Strecke Weges zurückgelegt, als sie einen Mann einholten, der vor ihnen herging; er hieß Nebenwege. „Was für ein Landsmann bist du, lieber Herr?“ redeten sie ihn an, „und wohin geht deine Reise?“
„Ich komme aus der Stadt Schönwort und bin auf dem Weg nach der himmlischen Stadt,“ erwiderte er, ohne aber seinen Namen zu nennen.
„Aus Schönwort[104]?“ entgegnete Christ, „kann von dort auch etwas Gutes kommen?“
Nebenwege. Nun, das will ich meinen.
Christ. Bitte, wie soll ich dich denn anreden, mein Herr?
Nebenwege. Ich bin dir fremd, wie du es mir bist. Gehst du diesen Weg mit mir, so soll mir deine Gesellschaft lieb sein; wo nicht, muß ich mich auch zufrieden geben.
Christ. Von Schönwort meine ich schon gehört zu haben; es soll, wie ich mich erinnere, ein wohlhabender Ort sein.
Nebenwege. Ja, das kann ich dir versichern, und ich habe dort manche reiche Verwandte.
Christ. Bitte, wer sind denn deine Verwandten dort, wenn ich fragen darf?
Nebenwege. O beinahe die ganze Stadt und insonderheit Herr von Rückwärts, Herr von Wetterfahne, Herr von Schönwort, von dessen Ahnen die Stadt ihren Namen bekommen hat, ebenso Herr Glatt, Herr Achselträger, Herr Allerweltsfreund und unser Pfarrer, Herr Zweizüngig, meiner Mutter Bruder; kurz und gerade heraus gesagt: ich bin ein Mann geworden von sehr gutem Stande, obschon mein Großvater nur ein Bootsmann war, der nach dem einen Ufer hinsah, wenn er nach dem andern ruderte, und auch mir selbst hat dieser Beruf den größten Teil meines Vermögens eingebracht.
Christ. Bist du verheiratet?
Nebenwege. Ja, und zwar habe ich eine sehr tugendreiche Frau. Sie ist die Tochter einer ebenfalls sehr tugendreichen Mutter, und ihre Großmutter war Frau Falschheit; sie stammt also aus einer sehr vornehmen Familie und hat einen so hohen Grad von Bildung erlangt, daß sie ebensogut mit Fürsten als mit Bauern umzugehen weiß. Unser Christentum ist allerdings nicht das strengste; allein dies zeigt sich nur in zwei nebensächlichen Punkten: Wir fahren niemals gegen Wind und Strom und sind immer nur dann eifrig, wenn das Christentum in silbernen Pantoffeln geht; wir bekennen uns dazu, wenn die Sonne scheint und alles Volk uns zujauchzt.
Christ wendete sich zu Hoffnungsvoll, indem er ihm zuflüsterte: „Es fällt mir ein, daß dies ein gewisser Nebenwege von Schönwort sein muß. Ist er es, so haben wir an ihm einen argen Schelm, wie’s nur einen in der ganzen Gegend geben kann.“
„Frage ihn doch,“ sagte Hoffnungsvoll, „seines Namens sollte er sich ja nicht schämen.“
„Du redest ja,“ sagte Christ, sich wieder zu jenem wendend, „wie einer, der klüger ist als die ganze Welt. Trügt mich nicht alles, so meine ich dich zu kennen; bist du nicht Herr Nebenwege aus Schönwort?“
Nebenwege. Dies ist nicht mein Name; allerdings werde ich spottweise von denen so genannt, die mich nicht leiden können; ich muß diese Schmach dulden wie viele gute Leute vor mir.
Christ. Hast du aber den Leuten nie Veranlassung gegeben, dich also zu heißen?
Nebenwege. Nein, niemals! Das einzige, was mir etwa einen solchen Schimpfnamen hätte zuziehen können, ist dies, daß ich so glücklich gewesen bin, in meinen Ansichten mit dem Geist der Zeit jedesmal übereinzustimmen, wodurch ich allerdings immer gewonnen habe. Was mir nun auf diese Weise zugefallen ist, sehe ich als einen Segen an; aber sicherlich sollten boshafte Menschen mich deswegen nicht mit Schmach belegen.
Christ. Dachte ich mir’s doch, daß du der Mann wärest, von dem ich habe reden hören; und, um dir meine Meinung offen zu gestehen, so fürchte ich, daß dieser Name bei dir mehr zutrifft, als du es wohl vor uns zugeben willst.
Nebenwege. Nun, bildest du dir dies ein, so kann ich nicht helfen; doch du wirst finden, daß ich ein guter Gefährte bin, willst du mich als solchen annehmen.
Christ. Wenn du mit uns gehen willst, mußt du gegen Wind und Wetter kämpfen, was, wie ich gemerkt, nicht deine Absicht ist. Du mußt dem Christentum ebenso treu bleiben, wenn es im Bettlergewand als wenn es in Silberpantoffeln einhergeht, und dich zu ihm halten, ob es in Ketten und Banden liegt oder ob die Menge des Volkes ihm auf der Straße zujauchzt.
Nebenwege. Du darfst mir nichts aufbürden und dich nicht zum Herrn aufwerfen über meinen Glauben. Laß mir meine Freiheit, und ich will mit euch gehen.
Christ. Nicht einen Schritt weiter, es sei denn, daß du unserm Beispiel folgst, wie ich es dir vorschlage.
Nebenwege. Meinen alten Grundsätzen gedenke ich nicht untreu zu werden, sind sie doch harmlos und vorteilhaft. Wollt ihr mich nicht mit euch ziehen lassen, so tue ich wie vorher und gehe allein, bis mich jemand einholt, der mit meiner Gesellschaft zufrieden ist.
Ich sah nun in meinem Traum, daß Christ und Hoffnungsvoll ihn verließen und in einiger Entfernung vor ihm hergingen. Als aber einer von ihnen sich umwandte, sah er, daß drei Männer dem Herrn Nebenwege eiligst nachkamen und ihn mit tiefer Verbeugung begrüßten, deren Gruß er mit gleicher Höflichkeit erwiderte. Die Namen dieser Männer waren: Herr Haltwelt, Herr Geldlieb und Herr Sparmann. Sie erkannten einander sogleich als Schulkameraden, denn sie waren miteinander bei einem gewissen Herrn Greifmann zur Schule gegangen, einem Schulmeister im Marktflecken Gewinnsucht in der Grafschaft Habsucht, die im Norden liegt. Dieser Lehrer unterwies sie in der Kunst, etwas an sich zu raffen, es sei durch Gewalt oder durch Betrug oder Schmeichelei oder mit Lügen oder auch unter dem Schein, ein gutes Werk dabei zu tun. Und diese vier Herren hatten es in dieser Kunst ihres Lehrers selbst auch zur Meisterschaft gebracht, daß jeder von ihnen einer solchen Schule hätte vorstehen können.
Nach der gegenseitigen Begrüßung sprach Herr Geldlieb zu Herrn Nebenwege: „Wer sind diese vor uns?“ denn Christ und Hoffnungsvoll gingen nur in geringer Entfernung voraus.
Nebenwege. Das sind entfernte Landsleute von uns, die auf ihre besondere Weise eine Pilgerreise machen.
Geldlieb. Ei, warum warten sie nicht auf uns, daß wir uns ihrer Gesellschaft hätten erfreuen können? Denn wir sind doch allesamt Pilgrime.
Nebenwege. Ja, das sind wir wohl; aber diese Männer sind so streng, sie hängen so sehr an ihren eigenen Begriffen; sie schätzen die Meinungen andrer so gering, daß sie den Allerbesten, wenn er nicht in allen Dingen mit ihnen übereinstimmt, aus ihrer Gesellschaft stoßen.
Sparmann. Das ist schlimm; wir lesen von gewissen Menschen, die allzu gerecht und deshalb so streng sind, daß sie alle verdammen, nur sich selbst nicht. Aber sage mir, in was für Punkten stimmtet ihr nicht überein?
Nebenwege. Nach ihrer schroffen Art meinen sie jedem Wetter Trotz bieten zu müssen; ich dagegen bin dafür, Wind und Wetter abzuwarten. Sie wollen für Gottes Sache alles wagen; ich suche jeden Vorteil zu benutzen, um Leben und Vermögen sicherzustellen. Sie halten an ihren Grundsätzen fest, und wenn sie alle Menschen gegen sich hätten; aber ich stelle mich in Religionssachen so, wie Zeit und Umstände und eigene Sicherheit es erfordern. Sie halten es mit dem Christentum auch im Bettlergewand und unter Verachtung; ich aber bekenne mich nur dann zu ihm, wenn es in goldenen Pantoffeln im Sonnenschein einhergeht und Beifall erntet.
Haltwelt. Ganz recht! Dabei bleibe nur, mein werter Herr Nebenwege! Ich kann den nicht anders als für einen Toren erklären, der das, was er sich bewahren könnte, dennoch verliert. Laß uns klug sein wie die Schlangen! Heu muß man machen, solange die Sonne scheint. Im Winter liegt die Biene still; wenn die Blumen blühen, da regt sie sich. Gott schickt zuweilen Regen, zuweilen Sonnenschein. Sind sie töricht genug, im Regen zu wandern, so wollen wir auf günstiges Wetter warten. Ich muß gestehen, diejenige Religion ist mir die liebste, bei welcher wir die Gaben Gottes, mit denen Er uns gesegnet hat, bewahren können. Wer sich von seinem gesunden Menschenverstand leiten läßt, muß erkennen, daß Gott, da Er uns einmal die Güter dieses Lebens reichlich mitteilt, auch haben will, daß wir sie um Seinetwillen genießen sollen. Abraham und Salomo wurden reich bei ihrer Religion, und Hiob sagt, daß dem Gerechten Silber in Fülle zufallen soll (Hiob 22, 25, a. Übers.). Aber dann muß man nicht sein wie diese Männer, die du uns beschreibst.
Sparmann. Ich denke, wir sind hierüber alle einig und brauchen also kein Wort weiter zu verlieren.
Geldlieb. Nein, das brauchen wir nicht, denn wer weder der Schrift noch der Vernunft glaubt — und beide sind auf unsrer Seite —, der kennt weder seine Freiheit, noch sorgt er für sein Wohl.
Nebenwege. Meine Brüder, erlaubt mir, euch zur Verkürzung des Weges und zur Bewahrung vor allerlei Bösem eine Frage vorzulegen. Ich setze den Fall, ein Mann, sei es ein Geistlicher oder ein Geschäftsmann, sähe sich in die günstige Lage versetzt, irdischer Güter teilhaftig zu werden, könnte sie aber nicht anders erlangen, als daß er den Schein eines außerordentlichen Eifers für gewisse Punkte des Christentums annähme, die ihm sonst völlig gleichgültig wären; könnte er sich nicht dieses Mittels bedienen und dabei dennoch ein ehrlicher Mann bleiben?
Geldlieb. Ich sehe deiner Frage wohl auf den Grund, und es möge mir erlaubt sein, daß ich versuche, darauf eine gründliche Antwort zu geben. Zuerst in Hinsicht des Geistlichen. Stellt euch einen würdigen Mann vor, der nur ein sehr geringes Einkommen hat und sein Augenmerk deshalb auf eine fettere Pfründe richtet. Er hat Hoffnung, sie zu erlangen, jedoch nur so, daß er sein Amt eifriger verwalte, noch viel öfter und häufiger predige und der neuen Gemeinde zuliebe einige seiner Grundsätze aufgebe. Hier sehe ich in der Tat nicht, warum ein Mann, vorausgesetzt, daß er einen Ruf habe, nicht dies, ja noch weit mehr tun und dabei doch ein ehrlicher Mann bleiben könne, denn:
1. Sein Verlangen nach einem größern Einkommen ist gesetzmäßig; dies ist unwidersprechlich, denn die göttliche Vorsehung bietet es ihm dar. Darum mag er es zu erlangen suchen, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen.
2. Sein Verlangen nach einem größern Einkommen macht ihn überdies zu einem fleißigern, eifrigern Prediger, also auch zu einem bessern Menschen, der seine Pflicht treuer erfüllt, was ja dem Willen Gottes vollkommen gemäß ist.
3. Wenn er seiner künftigen Gemeinde zuliebe einige seiner bisherigen Grundsätze aufgibt, so zeigt er ein großes Maß von Selbstverleugnung, ein einnehmendes, nachgiebiges Wesen, wodurch er offenbar desto geschickter zu seinem Amt wird.
4. Aus diesem allem schließe ich, daß ein Geistlicher, der ein kleines Einkommen mit einem größern vertauscht, deswegen nicht für gewinnsüchtig gelten kann. Im Gegenteil, da er sich dabei mehr vervollkommnet, muß er als ein solcher angesehen werden, der seiner Bestimmung treu bleibt und die Gelegenheit zum Guten ergreift, die Gott ihm darbietet.
Was nun den zweiten Teil der Frage betrifft, so denke man sich einen Geschäftsmann, der nur ein kleines Geschäft und kärgliches Auskommen hat, fände aber dadurch, daß er fromm würde, Gelegenheit, sein Geschäft auszudehnen, einflußreiche Freunde zu erwerben, vielleicht eine reiche Frau zu bekommen oder eine ausgedehntere, bessere Kundschaft für seinen Laden zu erlangen: dies könnte ich für durchaus zulässig erklären.
Hier meine Gründe:
1. Frömmigkeit, möge sie entspringen, woraus sie will, ist immer eine Tugend.
2. Es ist nicht gegen das Gesetz, eine reiche Frau zu nehmen oder sich um bessere Kunden zu bemühen.
3. Erlangt er dies durch Frommwerden, so erlangt er etwas Gutes durch Gutes, indem er selbst gut wird. So hat er dann eine gute Frau, gute Kunden und guten Gewinn, und zwar infolge seiner Frömmigkeit. Wer könnte dies für etwas andres als für ein rechtes, Gott wohlgefälliges Streben halten?
Mit allgemeinem Beifall nahm man Herrn Geldliebs so gründliche Antwort auf die Frage des Herrn Nebenwege auf. Sie kamen dadurch zu dem Schluß, so zu handeln, sei sehr weise und vorteilhaft. Diese Antwort schien auch allen unwiderleglich zu sein, so beschlossen sie, da Christ und Hoffnungsvoll noch nicht allzuweit voraus waren, sich sogleich mit dieser Frage an sie zu machen, sobald sie sie würden eingeholt haben, und das um so mehr, da sie Herrn Nebenwege früher widersprochen hatten. So riefen sie ihnen nach, und jene blieben stehen, bis sie zu ihnen kamen. Unterdessen beschlossen die Nachkommenden, daß nicht Herr Nebenwege, sondern der alte Herr Haltwelt ihnen die Frage vorlegen sollte, weil sie fürchteten, die Besprechung würde, wenn sie Herr Nebenwege führte, eine zu erregte werden.
So kamen sie denn heran, und nach kurzer Begrüßung legte Herr Haltwelt Christ und seinem Gefährten die Frage vor und forderte sie auf, wenn sie könnten, darauf zu antworten.
Christ. Selbst ein Anfänger im wahren Christentum kann tausend solcher Fragen beantworten. Soll man Christus nicht um des Brotes willen nachfolgen[105], wie dies doch offenbar ist, so ist es ja wahrhaft abscheulich, Ihn als Larve vorzunehmen, um die Welt zu gewinnen. Auch ist nie jemand dieser Meinung gewesen als Heiden, Heuchler, Teufel und Zauberer.
1. Heiden. Die Heiden Hemor und Sichem hatten ihre Augen auf die Töchter und das Vieh des Patriarchen Jakob geworfen. Da sie dies unter keiner andern Bedingung erlangen konnten, als daß sie die Beschneidung annahmen, so sagten sie zu ihren Volksgenossen: „Wenn wir alles, was männlich unter uns ist, beschneiden, gleichwie sie beschnitten sind, so wird ihr Vieh und ihre Güter und alles, was sie haben, unser sein.“ Töchter und Vieh wollten sie haben: die Religion sollte nur das Mittel sein, dazu zu gelangen. (Lies 1. Mose 34, 20-24.)
2. Heuchler. Die heuchlerischen Pharisäer waren derselben Religion zugetan. Sie wendeten lange Gebete vor und fraßen dabei der Witwen Häuser. Ihr Lohn war desto schwerere Verdammnis (Luk. 20, 47).
3. Teufel. Judas, den der Herr einen Teufel nannte (Joh. 6, 70), hatte denselben Sinn. Er war fromm um des Beutels willen, den er trug; aber er wurde verworfen als ein Kind des Verderbens.
4. Ebenso Simon der Zauberer, der die Gabe des Heiligen Geistes um schnöden Gewinnes willen begehrte; das Urteil aber aus des Petrus Mund über ihn war: „Daß du verdammt werdest mit deinem Geld!“ (Apostelg. 8, 18-23).
5. Auch kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß der Mensch, welcher um irdischer Vorteile willen fromm wird, ebenso um irdischer Vorteile willen der Frömmigkeit wieder entsagt. Wie Judas die Welt liebte, als er ein Bekenner Christi wurde, ebenso verkaufte er hernach seine Frömmigkeit und seinen Herrn und Meister um der Welt willen. Wer also diese Frage bejaht, wie ihr getan habt, und wer jene Antwort als gültig anerkennt, der ist heidnisch, heuchlerisch, ja teuflisch gesinnt; und euer Lohn wird sein nach euren Werken.
Bei dieser Antwort sahen sie einander mit sichtbarer Bestürzung an und konnten kein Wort darauf finden. Hoffnungsvoll stimmte Christ vollkommen bei, und so entstand eine große Stille unter ihnen. Herr Nebenwege und seine Genossen wußten nun keinen andern Rat, als langsamer zu gehen, um der unangenehmen Gesellschaft loszuwerden.
„Verstummen diese Männer,“ sagte Christ zu seinem Gefährten, „schon vor dem Urteil der Menschen, die doch Erde und Asche sind, wie wollen sie vor dem Richterspruch Gottes bestehen, der ein verzehrendes Feuer ist?“
Christ und Hoffnungsvoll eilten nun voraus, und in kurzer Frist erreichten sie ein angenehmes Gefilde namens Ruhe, wo es den Pilgrimen innig wohl ward. Aber diese Ebene war sehr schmal, so daß sie geschwind darüber waren. Nun war am Ausgang des Gefildes ein kleiner Hügel, den man Gewinn hieß, und in dem Hügel eine Silbergrube. Viele Pilgrime, die vor ihnen des Weges gekommen waren, hatten sich nach dem Hügel hinlocken lassen, um die Silbergrube zu sehen, denn es war eine Seltenheit. Als sie sich aber zu nahe an den Rand des Schachtes gewagt hatten, war der betrügliche Grund unter ihren Füßen gewichen, und sie waren rettungslos in die unergründliche Tiefe hinabgestürzt. Andre wurden hier wenigstens so gelähmt, daß sie ihr Leben lang nicht wieder zu rechter Kraft kommen konnten.
Ich sah dann in meinem Traum, daß ein wenig vom Weg ab, der Silbergrube gegenüber, einer namens Demas[106] stand, gleich einem vornehmen Herrn, der die Vorübergehenden einlud, herzukommen und zu sehen.
„Kommt herüber,“ rief er auch Christ und Hoffnungsvoll zu, „ich habe euch etwas zu zeigen!“
„Was ist denn dort so Bedeutendes,“ antwortete Christ, „um uns von dem Wege nach Zion abwenden zu können?“
Demas. Hier ist ein Silberbergwerk und Leute, die darin nach Schätzen graben: hier könnt ihr mit wenig Mühe euch reich machen!
Hoffnungsvoll. Komm, Freund Christ, wir wollen hingehen und es uns ansehen!
Christ. Ich komme nicht; ich habe früher schon viel von diesem Ort gehört und weiß, daß ihrer viele da ums Leben gekommen sind. Dazu ist der Reichtum nur ein Fallstrick für die, die ihm nachjagen, und ist sehr hinderlich auf der Pilgerreise[107].
Da rief Christ dem Demas zu: „Ist dieser Ort nicht gefährlich? Ist er nicht schon manchem ein Hindernis auf seiner Pilgerfahrt geworden[108]?“
„Man muß sich nur vorsehen,“ entgegnete Demas, indem er errötete.
„Nicht um einen Schritt,“ sagte Christ, „wollen wir uns der Silbermine nähern, sondern still unsern Weg fortsetzen.“
Hoffnungsvoll. Was gilt’s! wenn Nebenwege kommt und dieselbe Einladung erhält, so wird er sich gewiß verführen lassen, dahin zu gehen, um zu sehen.
Christ. Ohne Zweifel; denn seine Grundsätze stimmen zu dem Weg, und ich fürchte sehr für ihn.
Demas rief ihnen nun nochmals zu: „Wollt ihr denn nicht herüberkommen, um die herrlichen Dinge zu sehen?“
Christ aber antwortete ihm rund heraus: „Du bist ein Feind der rechten Wege des Herrn; du bist deines Abfalls wegen schon gerichtet, warum willst du uns in gleiche Verdammnis stürzen? Wenden wir uns jetzt vom Wege ab, so werden wir einst vor dem Herrn, unserm König, mit Schanden dastehen müssen, wo wir doch mit Freudigkeit vor Ihm erscheinen sollten.“
„Ei,“ beteuerte Demas, „ich bin ja euer Bruder. Wartet ein wenig, so will ich mit euch gehen!“
„Wie heißest du?“ fragte Christ. „Bist du nicht Demas?“
Demas. Ja, ich bin es, aber ich bin Abrahams Sohn.
Christ. Ich kenne dich wohl. Gehasi ist dein Urgroßvater gewesen (lies 2. Kön. 5, 20-27) und Judas dein Vater, und du bist in ihre Fußtapfen getreten. Deine Worte sind nichts als teuflischer Trug. Dein Vater hat als ein Verräter am Strang geendet, und du verdienst kein besseres Los. Sei versichert, wenn wir zum König kommen, dann werden wir Ihm von deinem Verhalten Nachricht geben.
Und so zogen sie ihres Weges weiter.
Indessen war Nebenwege mit seinen Genossen nachgekommen, und auf den ersten Wink gingen sie sämtlich zu Demas hinüber. Ob sie nun in den Schacht gestürzt sind, als sie über dessen Rand blickten, oder ob sie hinabgestiegen sind, um nach Schätzen zu graben, oder ob sie durch die gewöhnlich aufsteigenden Dämpfe erstickt wurden — ich weiß es nicht, aber sie alle haben den Weg nach Zion nie wieder betreten.