Erster Teil: Der Pilger.
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Erstes Kapitel. Der Weg zur engen Pforte.

Als ich durch die Wüste dieser Welt wanderte, kam ich an einen Ort, wo eine Höhle war[1]; ich legte mich daselbst zum Schlafen nieder und hatte nun, als ich schlief, einen Traum. Siehe, ich sah an einem Ort einen Mann stehen in einem unflätigen und zerrissenen Kleid[2], sein Antlitz von seinem Hause abgewandt[3], mit einem Buch in der Hand und einer großen Last auf seinem Rücken[4]. Ich sah zu und ward gewahr, daß er das Buch öffnete und darin las, und während er las, weinte und zitterte er, und da er sich nicht länger halten konnte, brach er in den Angstschrei aus: „Was soll ich tun?“ (Apostelg. 2, 37; 9, 6.)
In diesem Zustand ging er nach Hause und suchte die Angst seines Herzens solange als möglich vor seiner Familie zu verbergen. Aber er konnte nicht lange schweigen, denn seine Unruhe zwang ihn, vor Frau und Kindern sein Herz auszuschütten, indem er sagte: „Ach meine liebe Frau und ihr, meine teuren Kinder, ich bin verloren, denn eine schwere Bürde lastet auf mir! Überdies wurde mir auch für gewiß berichtet, daß Feuer vom Himmel diese unsre Stadt[5] verzehren wird (2. Petr. 3, 7). Dabei werden wir alle, ich, du, meine teure Frau, und ihr, meine süßen Kindlein, elendiglich umkommen, wenn wir nicht beizeiten einen Weg zu unsrer Rettung finden.“
Durch diese Rede wurden die Seinen sehr bestürzt, nicht weil sie glaubten, daß das wahr sei, was er sagte, sondern weil sie dachten, es seien ihm verrückte Gedanken in den Kopf gestiegen. Da gerade die Nacht hereinbrach und sie hofften, der Schlaf werde ihn wieder zu sich selber bringen, drängten sie ihn, sich zur Ruhe zu begeben. Allein die Nacht war so unruhig für ihn wie der Tag; statt zu schlafen, brachte er sie mit Seufzen und Weinen zu. Als ihn nun die Seinen am Morgen fragten, wie es ihm gehe, antwortete er: „Ach, es wird nur ärger, immer ärger!“ und fing aufs neue an, zu ihnen zu reden wie tags zuvor; aber er fand kein Gehör. In der Meinung, seine Seelenangst durch barsches und mürrisches Wesen vertreiben zu können, spotteten sie sein und schalten ihn einen Toren; dann wieder bekümmerten sie sich gar nicht um ihn. Er zog sich daher in sein Kämmerlein zurück, um für sie inbrünstig zu beten und sein eigenes Elend zu beklagen. Er ging auch bisweilen hinaus in die Felder und las oder betete dabei und verbrachte auf diese Weise einige Tage. So sah ich ihn eines Tages im Feld umhergehen, seiner Gewohnheit nach in seinem Buche lesend, während er in tiefer Bekümmernis wie zuvor ausrief: „Was soll ich tun, daß ich selig werde?“ (Apostelg. 16, 30.)
Ich sah auch, daß er bald hierhin, bald dorthin blickte, als wollte er davonlaufen; er blieb jedoch stehen, ungewiß, wie mir schien, welchen Weg er einschlagen solle. Ich sah dann, daß ein Mann namens Evangelist sich ihm näherte und ihn fragte, warum er denn so schreie. „Ach Herr,“ antwortete er, „ich ersehe aus dem Buch in meiner Hand, daß ich verurteilt bin zu sterben und danach vor Gericht zu erscheinen (Hebr. 9, 27), und finde nun, daß ich weder zu dem ersten willig, noch zu dem andern geschickt bin[6].“
Hierauf sprach der Evangelist: „Warum bist du denn nicht willig zu sterben, da doch dieses Leben von so vielen Übeln und Plagen begleitet ist?“ — „Weil ich fürchte,“ antwortete der Mann, „die auf meinem Rücken liegende Last werde mich noch tiefer hinabdrücken als in das Grab, ja mich in die Hölle hinunterstoßen, und, Herr, wenn ich nicht einmal geschickt bin, ins Gefängnis zu gehen, so werde ich noch viel weniger geschickt sein, vor dem Richter zu erscheinen und die Vollziehung der Strafe zu ertragen. Daran dachte ich und mußte deshalb so sehr weinen und rufen.“
„Wenn es so mit dir steht,“ sagte der Evangelist, „warum bleibst du denn hier stehen?“ — „Ach,“ erwiderte er, „ich weiß ja nicht, wohin ich mich wenden soll!“ Der Evangelist gab ihm hierauf ein Blatt Papier, auf welchem geschrieben stand: „Entfliehe dem zukünftigen Zorn!“ (Matth. 3, 7) Der Mann las diese Worte, und den Evangelisten ängstlich anblickend, fragte er: „Wohin soll ich denn fliehen?“ Der Evangelist wies mit dem Finger über ein sehr weites Feld hin und sprach: „Siehst du dort jene kleine enge Pforte[7]?“ — „Nein,“ antwortete der Mann. „Siehst du auch nicht jenes scheinende Licht[8]?“ fragte der andre. Er sagte: „Ich meine, ich sehe es.“ — „Gut,“ fuhr der Evangelist fort, „behalte nun jenes Licht im Auge und gehe geradeswegs darauf zu, so wirst du bald die Pforte finden. Wenn du dort anklopfen wirst, wird man dir sagen, was du weiter zu tun hast.“
Ich sah nun, daß der Mann zu laufen anfing. Als er aber nahe an seinem Hause vorbeikam und seine Frau und Kinder ihn sahen, riefen sie ihm nach, er solle wieder umkehren; allein er hielt sich die Ohren zu und lief weiter[9], indem er ausrief: „Leben, Leben, ewiges Leben!“ Er sah auch nicht einmal hinter sich[10], sondern eilte geradezu durch die Ebene hin.
Nun kamen auch die Nachbarn herbei, und als diese ihn so laufen sahen, ließen die einen ihren Spott über ihn aus, andre drohten ihm, und etliche schrien ihm nach, er solle wieder zurückkehren. Unter diesen Leuten waren ihrer zwei, die entschlossen sich, ihm nachzulaufen und ihn mit Gewalt zurückzuholen, der eine hieß Störrig, der andre Willig. Der Mann war ihnen zwar schon eine gute Strecke voraus, allein da sie sich einmal vorgenommen hatten, ihm nachzusetzen, führten sie ihren Vorsatz auch aus und hatten ihn in kurzer Zeit eingeholt. Da sprach der Mann: „Liebe Nachbarn, warum kommt ihr mir nach?“ Sie erwiderten: „Dich zu bewegen, mit uns wieder umzukehren.“ Er aber antwortete: „Das kann auf keinen Fall geschehen. Ihr wohnt in der Stadt Verderben, die ja auch mein Geburtsort ist; ich weiß aber gewiß, wenn ihr dort sterbet, es sei früher oder später, so werdet ihr tiefer hinabsinken als in das Grab, in einen Ort, der mit Feuer und Schwefel brennt. Darum besinnt euch nicht lang, liebe Nachbarn, und geht mit mir!“
Störrig. Was sagst du? Wir sollten mit dir gehen und allen unsern Freunden und Vergnügungen den Rücken kehren?
„Ja,“ erwiderte Christ — denn so hieß er — „deshalb, weil alles, was ihr verlassen werdet, nicht wert ist, mit dem Geringsten verglichen zu werden, was mir in Aussicht steht[11]. Wollt ihr nun mit mir gehen, werdet ihr alles dessen gleicherweise auch teilhaftig werden; denn wo ich hingehe, da ist kein Mangel, sondern volle Genüge[12]. Kommt, und ihr werdet finden, daß ich wahr geredet habe.“
Störrig. Was für Güter sind es denn eigentlich, die du suchst und um derentwillen du die ganze Welt verlässest, sie zu erlangen?
Christ. Ich suche ein unvergängliches und unbeflecktes und unverwelkliches Erbe, das behalten wird im Himmel (1. Petr. 1, 4), welches denen ganz gewiß zufallen wird, die ernstlich danach trachten[13]. Hier ist ein Buch; überzeugt euch selbst, wenn ihr wollt!
Störrig. Ach, geh weg mit deinem Buch! Willst du mit uns zurück oder nicht?
Christ. Daran ist nicht zu denken, da ich nun einmal meine Hand an den Pflug gelegt habe[14].
Störrig. So komm denn, Nachbar Willig, und laß uns ohne ihn wieder nach Hause gehen; es gibt eben eine Art verschrobener Köpfe, die, wenn sie einmal einen tollen Gedanken gefaßt haben, sich damit weiser dünken denn sieben, die da Sitten lehren (Spr. 26, 16).
Willig. Behandle diese Sache nur nicht so geringschätzig, mein Freund! Wenn dem so ist, wie der gute Christ da sagt, so sind die Güter, wonach er trachtet, besser als die, die wir besitzen. Ich bin daher willens, mit meinem Nachbar zu ziehen.

„Siehst du dort jene kleine enge Pforte?“ (
S. 27.
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⇒ GRÖSSERES BILD
Störrig. Was sagst du? Noch ein Narr mehr? Ich rate dir, wieder mit mir umzukehren. Wer weiß, wohin dich dieser hirnkranke Mensch noch führen wird! Kehr um, kehr um und sei gescheit!
Christ. Nein, geselle dich nur zu mir, Nachbar Willig! All das Gute, von dem ich euch sagte, werden wir dort antreffen und noch viel Herrlicheres dazu. Glaubst du mir nicht, so lies doch selbst einmal in diesem Buch, und siehe, die Wahrheit alles darin Gesagten[15] ist mit dem Blute dessen bekräftigt, der es gemacht hat (Hebr. 9, 17-22).
Willig. Wohlan, Nachbar Störrig, mein Entschluß steht also fest; ich will mit diesem guten Mann gehen, und sein Los soll das meine sein. Aber, mein lieber Freund Christ, weißt du auch sicher den Weg zu dem Ort, auf dem wir hinzukommen trachten?
Christ. Durch einen Mann, namens Evangelist, bin ich belehrt worden, daß ich nach einer kleinen Pforte, die vor uns liegt, hineilen soll. Dort werden wir weitere Anweisung über den Weg bekommen.
Willig. Komm denn, mein lieber Nachbar, wir wollen gehen! — So gingen die beiden miteinander.
Störrig. Und ich will wieder nach Hause gehen, denn mit solchen verrückten Schwärmern will ich mich nicht aufhalten.
Ich sah dann in meinem Traum, nachdem Störrig weggegangen war, daß Christ und Willig über die Ebene hingingen. Dabei entspann sich folgendes Gespräch unter ihnen:
Christ. Nun, lieber Nachbar, wie steht’s mit dir? Ich bin froh, daß du dich hast bewegen lassen, mit mir zu gehen. Hätte Störrig die Macht und den Schrecken der Dinge, die noch unsichtbar sind, auch so gefühlt wie ich, er würde uns nicht so leichthin den Rücken gekehrt haben.
Willig. Hör, Nachbar Christ, da wir nun beide hier ganz allein sind, so erzähle mir doch weiter, was für Güter es eigentlich sind, die wir suchen, und wie wir derselben teilhaftig werden können.
Christ. Es sind himmlische Güter, die kann man besser im Herzen begreifen, als mit der Zunge davon reden; doch weil du ein so großes Verlangen danach hast, sie kennenzulernen, so will ich dir davon aus meinem Buch vorlesen.
Willig. Glaubst du denn, daß die Worte, die in deinem Buch stehen, auch gewißlich wahr sind?
Christ. Ja gewiß, denn es kommt von dem, der nicht lügen kann[16].
Willig. Nun, das ist gut. Was sind’s aber für Güter?
Christ. Es ist ein ewigwährendes Königreich, in dem wir immerdar wohnen sollen[17], und ein ewiges Leben, das wir ererben können[18].
Willig. Das ist köstlich; und was noch mehr?
Christ. Dort empfangen wir Kronen der Ehren[19] und Kleider[20], darin wir leuchten wie die Sonne des Himmels[21].
Willig. O wie herrlich! Und was noch mehr?
Christ. Da wird kein Leid noch Geschrei noch Schmerz mehr sein, denn der König dieses Ortes wird abwischen alle Tränen von unsern Augen (Offenb. 21, 4).
Willig. Und was werden wir allda für Gesellschaft finden?
Christ. Wir werden dort umgeben sein von den Seraphim und Cherubim, so herrlichen Geschöpfen, bei deren Anblick unsre Augen wie geblendet sein werden. Auch werden wir dort zusammenkommen mit Tausenden und aber Tausenden, die alle vor uns zu diesem Ort eingegangen sind. Da ist keiner unter ihnen, der noch Übels tut, sondern alle gehen einher in Liebe und Heiligkeit; sie wandeln im Lichte des Angesichtes Gottes und stehen in Seiner Gegenwart, Seines ewigen Wohlgefallens sich erfreuend. Mit einem Wort: Dort werden wir schauen die Ältesten mit ihren goldenen Kronen (Offenb. 4, 4), die reinen Jungfrauen mit ihren goldenen Harfen (Offenb. 14, 1-5), all die Märtyrer, die aus Liebe zu dem Herrn jenes Ortes und um der Wahrheit willen sich von der Welt entzweisägen, auf dem Scheiterhaufen verbrennen, von wilden Tieren zerreißen und in die Tiefe des Meeres werfen ließen (Hebr. 11, 33-40) — nun sind sie alle glückselig und überkleidet mit Unsterblichkeit gleichwie mit einem Gewand (2. Kor. 5, 2-4).
Willig. Man wird schon entzückt, wenn man von diesen Dingen nur hört; allein, wenn man diese Herrlichkeiten wirklich erlangen kann, wie können wir ihrer teilhaftig werden?
Christ. Das hat der Herr, der Herrscher dieses Landes, in diesem Buch gesagt; und wenn wir wahrhaftig danach Verlangen tragen, so wird uns das alles aus Gnaden und umsonst zuteil werden[22].
Willig. Ich freue mich, mein lieber Reisegefährte, von alledem zu hören; komm, wir wollen unsre Schritte beschleunigen!
Christ. Ich kann nicht so rasch gehen, wie ich wohl möchte, denn die Last, die ich auf dem Rücken habe, hindert mich daran.
Hierauf sah ich in meinem Traum, daß, nachdem sie miteinander zu reden aufgehört, sie zu einem morastigen Sumpf kamen, der mitten in der Ebene war, und wie sie beide, da sie darauf nicht achthatten, plötzlich hineinfielen. Der Name des Sumpfes war Verzagtheit. Nachdem sie nun eine Weile darin umhergewatet und vom Schlamm schon über und über beschmutzt waren, fing Christ an, wegen seiner Last auf dem Rücken zu versinken.
„Ach, Nachbar Christ,“ rief Willig, „wo bist du denn nun?“
Christ erwiderte: „Wahrlich, ich weiß es nicht!“
Da wurde Willig sehr aufgebracht und sagte in ärgerlichem Ton zu seinem Gefährten: „Ist dies die Glückseligkeit, von der du mir so viel vorgeredet hast? Haben wir am Anfang unsrer Reise schon so viel Unglück, was haben wir noch ferner zu erwarten, bis wir am Ende unsres Weges sind? Komme ich hier noch mit dem Leben davon, so magst du meinetwegen jenes schöne Land allein in Besitz nehmen.“ Und hiermit setzte er ein- oder zweimal alle Kraft ein und arbeitete sich so mit großer Mühe aus dem Schlamm heraus, und zwar an der Seite des Sumpfes, die seinem Hause am nächsten lag, und machte sich eiligst davon. Christ sah ihn nie wieder.
So lag nun Christ allein im Sumpf der Verzagtheit und wälzte sich hin und her. Er arbeitete mit aller Macht, aus dem Morast herauszukriechen, und zwar nach der Seite zu, die seinem Hause abgekehrt und der engen Pforte zunächst lag. Wegen der schweren Last auf seinem Rücken gelang es ihm jedoch nicht ganz, festen Boden zu gewinnen. Doch ich sah in meinem Traum, wie ein Mann namens Beistand zu ihm kam und ihn fragte, was er denn da mache.
„Herr,“ sagte Christ, „ein Mann namens Evangelist hieß mich diesen Weg gehen und wies mich nach der engen Pforte dort, um dem zukünftigen Zorn zu entrinnen; nun bin ich auf dem Weg dahin hier hereingefallen.“
Beistand. „Warum gabst du nicht acht auf die Fußtapfen[23]?“
Christ antwortete: „Mich überkam solche Furcht, daß ich den nächsten Weg einschlug, und so geriet ich in den Sumpf.“
„Nun, so gib mir deine Hand!“ sagte Beistand. Christ tat es, und er zog ihn heraus; danach stellte er ihn auf einen festen Grund und hieß ihn seines Weges weitergehen[24].
Ich selbst trat nun zu dem, der ihn herausgezogen, und sprach zu ihm: „Herr, weshalb wird wohl dieser Sumpf, der auf dem Weg von der Stadt Verderben zu jener Pforte liegt, nicht wegsam gemacht, damit die armen Reisenden um so sicherer dahin gelangen könnten?“
Er antwortete: „Dieser sumpfige Pfuhl ist ein Ort, der nie ausgeräumt werden kann, denn er ist der Abflußort, in welchen der Abschaum und Unflat, der durch die Erkenntnis der Sünde entsteht, beständig abfließt; darum heißt er auch der Sumpf der Verzagtheit. Denn wenn dem Sünder über seinen verlorenen Zustand die Augen aufgehen, so steigen in seiner Seele viel Furcht und viele Zweifel und allerlei beängstigende Sorgen auf. Die fließen nun alle an dieser Stelle zusammen. Und das ist die Ursache, weshalb dieser Boden so schlecht ist.
Es ist aber des Königs Wille nicht, daß dieser Ort so bleibe[25]. Seine Arbeiter sind auch unter Anleitung königlicher Feldmesser schon seit mehr als 1900 Jahren damit beschäftigt, um dies Stück Land wegsam zu machen. Ja, soviel ich weiß,“ sagte er, „sind hier wohl schon zum wenigsten 20000, ja Millionen Karren voll der besten Unterweisungen zu allen Zeiten und aus allen Orten des Königreiches herbeigeschafft und eingefüllt worden, um womöglich diese Stelle zu bessern. (Die Sachverständigen sagen nämlich, daß dies die besten Materialien seien, dem Ort einen guten Grund zu geben.) Allein er ist immer noch der Sumpf der Verzagtheit und wird es bleiben, wenn sie auch alles getan haben, was sie konnten.
Es sind zwar unter Anleitung des Gesetzgebers gute und sichere Fußtapfen sogar mitten durch den Pfuhl gelegt worden; aber um die Zeit, in der dieser Ort seinen Unflat und seine bösen Dünste am meisten aufsteigen läßt, was bei eintretendem Witterungswechsel zu geschehen pflegt, so sind diese Spuren kaum sichtbar. Und wenn sie auch wahrgenommen werden, so werden die Leute oft von Schwindel ergriffen und tun Fehltritte. Die Folge davon ist, daß sie sehr beschmutzt werden. Doch der Weg ist gut, wenn man einmal durch die enge Pforte eingegangen ist.“
Ich sah nun, daß Willig mittlerweile wieder zu Hause angelangt war und daß seine Nachbarn ihn bald besuchten. Einige nannten ihn einen verständigen Mann, weil er wieder umgekehrt sei; andre hießen ihn einen Toren, weil er sich mit Christ in Gefahr begeben habe; etliche aber spotteten seiner als über einen Feigling und sprachen: „Hätten wir wie du dieses Wagestück einmal unternommen, dann würden wir’s um einiger Schwierigkeiten willen wahrlich nicht so schnell aufgegeben haben.“ — So saß denn Willig ganz kleinlaut unter ihnen. Endlich aber faßte er sich doch wieder ein Herz, da ließen sie denn auch von ihm ab und fingen an, ihren Spott über den armen Christ loszulassen und sich hinter seinem Rücken über ihn lustig zu machen. Soviel, was Willig betrifft.
Als Christ nun einsam weiterwanderte, ward er in der Ferne jemand gewahr, der quer über das Feld schreitend auf ihn zukam. Sie trafen gerade da zusammen, als jeder des andern Weg überschreiten wollte. Es war ein Herr mit Namen Weltklug aus der Stadt Fleischesklugheit, einer sehr großen Stadt, nahe bei dem Ort gelegen, da Christ herkam. Dieser Mann, mit dem Christ zusammentraf, hatte bereits von ihm gehört. Christs Abreise aus der Stadt Verderben hatte nämlich in der ganzen Gegend Aufsehen erregt und war nicht nur in der Stadt, da er gewohnt, sondern auch in andern Orten zum Stadtgespräch geworden. Da Herr Weltklug in diesem schwer beladenen, tiefgebeugten Wanderer Christ zu erkennen glaubte, redete er ihn also an:
„Ei, wohin, mein Freund, mit dieser schweren Last?“
Christ. Ja, schwer ist sie, so schwer, als nur jemals ein armes Geschöpf eine getragen hat. Und weil du mich fragst: Wohin? so will ich dir sagen, daß ich nach der engen Pforte dort wandere, denn dort soll mir, wie ich belehrt bin, ein Weg gezeigt werden, auf dem ich meine schwere Bürde loswerde.
Weltklug. Hast du nicht Frau und Kinder?
Christ. Ja, ich bin aber mit dieser Bürde so beladen, daß ich jetzt die Freude, die ich früher an ihnen hatte, nicht mehr haben kann. Ich habe wohl Frau und Kinder, doch ist es mir, als hätte ich keine (1. Kor. 7, 29).
Weltklug. Willst du mir folgen, wenn ich dir einen Rat gebe?
Christ. Sehr gerne, wenn er gut ist! Denn guter Rat ist’s gerade, was ich nötig habe.
Weltklug. So will ich dir denn raten, daß du dich selbst von deiner Bürde sogleich losmachst; denn eher hast du keine Ruhe im Herzen, keine Freude über die Güter, mit denen Gott dich gesegnet hat.
Christ. Das ist es eben, was ich suche. Ich möchte dieser Bürde los sein, aber ich selbst vermag das nicht, und in der ganzen Gegend kann mich niemand davon erlösen, darum habe ich auch den Weg nach der engen Pforte eingeschlagen.
Weltklug. Wer hat dir diesen Weg gewiesen?
Christ. Ein edler, würdiger Mann; sein Name ist, wie ich mich erinnere, Evangelist.
Weltklug. Verwünsche ihn für seinen Rat! Gibt es doch in der ganzen, weiten Welt keinen beschwerlichern und gefährlichern Weg als diesen; das wirst du finden, wenn du seinem Rat weiter folgst. Du hast, wie ich merke, schon etwas davon erfahren; denn ich sehe die Spuren vom Sumpf der Verzagtheit noch an dir. Doch ist dies nur der Anfang von den Trübsalen dieses Weges, welche derer warten, die ihn gehen. Höre auf mich, ich bin älter als du. Auf diesem Weg, den du nun gehst, wirst du nichts als Beschwerden, Schmerzen, Hunger, Blöße, Schwert, Löwen, Drachen, Finsternis, kurz, den Tod selbst und wer weiß was noch alles antreffen. Daß es sich so verhält, das haben viele bezeugt. Da es dir noch an Erfahrung fehlt, solltest du auf den Rat älterer Männer hören und dich nicht durch einen Fremden verführen lassen.
Christ. Ach Herr, diese Bürde auf meinem Rücken ist für mich viel schrecklicher als alles, was du genannt hast. Wahrlich, was mir auch begegnen mag, es soll mich nicht kümmern, wenn ich nur dieser Bürde loswerde.
Weltklug. Wie kamst du denn zu dieser Last?
Christ. Durch das Lesen dieses Buches.
Weltklug. Hab’ mir’s doch gedacht! Es ist dir eben gegangen wie andern schwachen Menschen auch, die sich mit zu hohen Dingen abgeben und dann in solchen verzweifelten Zustand geraten. Die Verwirrung treibt diese Leute, wie auch dich, solche verzweifelte Abenteuer zu unternehmen, um — sie wissen selbst nicht was, zu erlangen.
Christ. Ich weiß wohl, was ich erlangen möchte: Erleichterung von meiner schweren Bürde.
Weltklug. Aber warum suchst du Erleichterung auf diesem Weg, der augenscheinlich mit so vielen Gefahren verbunden ist, besonders da ich dich (wenn du mich nur geduldig anhören wolltest) anweisen könnte, wie du das, wonach du verlangst, erreichen kannst, ohne dich den Gefahren auszusetzen, denen du auf diesem Wege selbst in die Arme läufst? Die Hilfe ist ganz nahe zu haben; und überdies will ich noch das hinzufügen, daß du anstatt Ungemach Ruhe und Frieden und viele Freunde finden wirst.
Christ. O entdecke mir bitte dieses Geheimnis!
Weltklug. Gewiß! Dort in jener Stadt — sie heißt Sittsamkeit — wohnt ein Herr namens Gesetzlich, ein sehr erfahrener und berühmter Mann, der die Kunst besitzt, die Leute von solchen Bürden wie die deine zu befreien. Ich kann dir versichern, daß er auf diese Weise schon viel Gutes gestiftet hat; ja überhaupt hat er die Geschicklichkeit, auch die zu heilen, die durch ihre Last schon ein wenig im Kopf gelitten haben. Geh zu ihm, er wird dir schnell helfen. Sein Haus ist kaum ein Büchsenschuß weit von hier. Solltest du ihn selbst aber nicht zu Hause antreffen, so ist doch sein Sohn Höflich da, ein zuvorkommender junger Mann, ebenso geschickt wie der alte Herr selbst. Dort, sage ich dir, kannst du von deiner Last befreit werden. Und solltest du dann nicht gern in deinen Geburtsort zurückkehren, wozu ich dir allerdings auch nicht raten würde, so magst du deine Familie in diese Stadt kommen lassen, wo du um einen mäßigen Preis eines der leerstehenden Häuser kaufen kannst. Auch die Lebensmittel sind dort gut und wohlfeil, und was deinen Aufenthalt noch angenehmer gestalten wird, ist, daß du bei ehrbaren Nachbarn in gutem Ruf und Ansehen stehen wirst.
Christ dachte ob dieser Rede eine Weile nach, kam aber bald zu dem Entschluß: Wenn das wahr ist, was dieser Herr sagt, so tue ich am besten daran, seinem Rat zu folgen; so fragte er: „Und welcher Weg führt mich zu dieses trefflichen Mannes Haus?“
Weltklug. Siehst du dort jenen Berg[26]?
Christ. Jawohl, ganz gut!
Weltklug. Dahin mußt du deinen Weg nehmen; das erste Haus, zu dem du gelangst, ist das seine.
Christ kehrte sich nun von seinem Weg ab und begab sich nach dem Hause des Herrn Gesetzlich, daß ihm allda geholfen werden möchte. Aber je näher er dem Berg kam, desto höher erschien er ihm, ja gewaltige Felsen hingen so drohend über den Weg her, daß Christ, ihren Einsturz befürchtend, nicht weiterzugehen wagte. Seine Bürde erschien ihm jetzt drückender, als da er noch auf seinem ersten Wege war. Dazu brachen Feuerflammen aus dem Berg hervor[27], daß Christ bange war, er möchte davon verzehrt werden. Er zagte und bebte vor Furcht, und Reue stieg in ihm auf, Herrn Weltklugs Rat befolgt zu haben.
Als er nun so dastand, sah er den Evangelisten ihm entgegenkommen; bei dessen Anblick wurde er schamrot. Der Evangelist kam immer näher, sah ihn mit zorniger und ernster Miene an und begann also mit ihm zu reden:
„Was tust du hier, Christ?“ Zitternd stand Christ vor ihm, ohne ein Wort zu erwidern.
„Bist du nicht der Mann,“ fuhr der Evangelist fort, „den ich vor der der Stadt Verderben in Jammer stehend fand?“
Christ. Ja, Herr, ich bin es.
Evangelist. Habe ich dir nicht den Weg zur engen Pforte gewiesen?
Christ. Jawohl, werter Herr.
Evangelist. Wie kommt es denn, daß du so bald abgewichen bist? Du bist ja nicht mehr auf diesem Weg.
Christ. Ich traf, sobald ich aus dem Sumpf der Verzagtheit gekommen war, mit einem Herrn zusammen, der mich bewog, nach der Stadt, die vor mir lag, abzubiegen. Er redete mir ein, ich würde daselbst einen Mann finden, der mich von meiner Bürde erlösen könnte.
Evangelist. Was war das für ein Mann?
Christ. Er schien ein vornehmer Herr zu sein und redete mir viel zu und brachte es am Ende so weit, daß ich seinem Rat folgte; so kam ich denn hierher. Da ich aber den Berg erblickte und ihn so über den Weg hangen sah, stand ich plötzlich still, damit er nicht etwa auf mein Haupt herabstürze.
Evangelist. Was sagte dieser Herr?
Christ. Er fragte mich, wohin ich ginge, und ich sagte es ihm.
Evangelist. Was fragte er noch weiter?
Christ. Er fragte, ob ich Familie hätte. Ich antwortete: „Ja, ich bin jetzt aber so mit meiner Bürde, die ich auf dem Rücken habe, beladen, daß ich an ihr nicht mehr wie vormals Freude haben kann.“
Evangelist. Und was sagte er darauf?
Christ. Er empfahl mir, in aller Eile mich meiner Bürde zu entledigen. Ich erwiderte, daß es eben das wäre, was ich suchte, und eben darum sei ich auf dem Weg nach jener Pforte, um dort weiter unterwiesen zu werden, wie ich zu dem Ort meiner Erlösung kommen könnte. Er sagte mir, daß er mir einen bessern Weg zeigen wolle, der auch kürzer sei und nicht mit so viel Mühsalen verbunden wie der, welchen du mir gewiesen. Der Weg würde mich zu dem Hause eines Herrn bringen, der es verstände, solche Lasten abzunehmen. Ich glaubte ihm und wandte mich von jenem Weg ab auf diesen, damit ich vielleicht desto eher von meiner Bürde könnte befreit werden. Als ich aber hierher kam und die Dinge sah, wie sie wirklich sind, stand ich bestürzt still vor der Gefahr, die mir drohte. Nun aber weiß ich nicht, was ich tun soll.
Da sprach der Evangelist: „Bleib einen Augenblick stehen, damit ich dir Gottes Wort kundtun kann.“ Zitternd blieb Christ stehen, und der Evangelist sagte: „Sehet zu, daß ihr den nicht abweiset, der da redet. Denn so jene nicht entflohen sind, die Ihn abwiesen, da Er auf Erden redete, viel weniger wir, so wir den abweisen, der vom Himmel redet“ (Hebr. 12, 25). Weiter sprach er: „Der Gerechte wird des Glaubens leben. Wer aber weichen wird, an dem wird Meine Seele kein Gefallen haben“ (Hebr. 10, 38). Er wendete dies auch sofort an und sagte: „Du bist der Mann, der in dies Elend hineinrennt; du hast angefangen, den Rat des Allerhöchsten zu verwerfen und deinen Fuß abzuwenden vom Pfad des Friedens und dies sogar auf die Gefahr hin, ewig zu verderben.“
„Weh mir!“ rief Christ, „ich bin verloren!“ und wie tot fiel er zu Boden. Aber der Evangelist, da er das sah, griff ihn bei seiner rechten Hand und sprach: „Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben (Matth. 12, 31) und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh. 20, 27). Diese Worte riefen Christ ins Leben zurück; zitternd richtete er sich auf, und der Evangelist fuhr fort:
Gib nun mit größerm Ernst acht auf das, was ich dir jetzt sage. Ich will dir auch sagen, wer der war, der dich verführte, und wer der ist, zu dem er dich sandte. Der Mann, der dir begegnete, heißt Weltklug und ist mit Recht also genannt, und zwar weil seine Lippen nur die Lehren dieser Welt verkündigen[28], wie er sich deshalb auch zu der Kirche der Stadt Sittsamkeit oder Moral hält; und ferner, weil er jene Lehren allen andern vorzieht, da sie ihm nicht das Kreuz auferlegen[29], und weil er fleischlich ist, sucht er meine Wege, obgleich sie recht sind, zu verkehren. — Was den Rat dieses Mannes betrifft, so sind darin drei Stücke, die du gänzlich verwerfen mußt:
Erstlich mußt du seinen Rat verwerfen, dadurch er dich von dem Weg abbrachte, auf den ich dich geführt hatte; auch deine eigene Einwilligung in diesen Rat mußt du verabscheuen, denn das heißt den Rat Gottes verwerfen, und das um eines Weltweisen willen. Der Herr spricht: „Ringet danach, daß ihr durch die enge Pforte eingehet!“ (Luk. 13, 24), die Pforte nämlich, dahin ich dich sende; „denn die Pforte ist eng, die zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die sie finden“ (Matth. 7, 14). Von dieser engen Pforte und dem Weg, der dahin führt, hat dieser gottlose Mensch dich abwendig gemacht und dich beinahe ins Verderben gebracht; laß dir’s daher herzlich leid sein, daß du dich von ihm hast verleiten lassen, und verabscheue dich selbst, ihm Gehör gegeben zu haben.
Zum andern mußt du auch darum seinen Rat verwerfen, weil er bemüht war, dir das Kreuz verhaßt zu machen[30], das du doch höher zu achten hast als alle Schätze Ägyptens[31]; denn der König der Herrlichkeit spricht: „Wer sein Leben will behalten, der wird’s verlieren“ (Mark. 8, 34. 35) und: „So jemand zu Mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht Mein Jünger sein“ (Luk. 14, 26; vgl. Joh. 12, 25; Matth. 10, 37-39). Deshalb sage ich dir: Wenn dich jemand bereden will, daß das dein Tod sei, was, wie die Wahrheit selber spricht, dein ewiges Leben sein wird, so mußt du eine solche Lehre verwerfen.
Zum dritten mußt du es verabscheuen, daß er deinen Fuß auf einen Weg lenkte, der zur Knechtschaft des Todes führt, und mußt bedenken, zu wem er dich sandte, und wie unvermögend derselbe ist, dir deine Bürde abzunehmen.
Der Mann, zu dem er dich gesandt, Erleichterung zu erlangen, heißt Gesetzlich; er ist der Sohn der Sklavin oder Magd, die nun dienstbar ist mit ihren Kindern (lies Gal. 4, 21-27), und bedeutet auf eine geheimnisvolle Weise den Berg Sinai, von dem du gefürchtet hast, er werde dir aufs Haupt fallen. So sie nun mit ihren Kindern dienstbar ist, wie kannst du erwarten, durch sie frei zu werden? Dieser Gesetzlich ist nicht imstande, dich von deiner Last zu erlösen. Es ist noch niemals ein Mensch durch ihn von seiner Last befreit worden, und es wird auch nimmermehr geschehen; denn durch des Gesetzes Werk kann keiner seiner Last loswerden[32]. Darum ist Herr Weltklug der Wahrheit fern und Herr Gesetzlich ein Betrüger, und sein Sohn Höflich ist, so freundlich er sich auch gibt, ein Heuchler und kann dir nicht helfen. Glaube mir, hinter all der Prahlerei jener törichten Leute liegt nichts andres als die Absicht, dich um dein Heil zu bringen, indem sie dich von dem rechten Weg ableiten, auf welchen ich dich gebracht habe.
Nach diesen Worten erhob der Evangelist seine Stimme und rief den Himmel zur Bekräftigung und zum Zeugen dessen an, was er gesagt hatte, und alsbald kam eine Stimme und Feuer aus dem Berge, unter dem der arme Christ stand, heraus, daß ihm die Haare zu Berg standen. Die Stimme aber redete also: „Die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in alledem, das geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, daß er’s tue!“ (Gal. 3, 10.)
Christ erwartete nun nichts andres als den Tod und begann sehr kläglich zu jammern und verfluchte die Zeit, in der er sich mit Herrn Weltklug eingelassen hatte. Er nannte sich wohl tausendmal einen Narren, daß er auf seinen Rat achtgehabt. Er ward auch tief beschämt, wenn er bedachte, daß die Vorspiegelungen dieses Herrn Weltklug, eines ganz fleischlich gesinnten Menschen, eine solche Macht auf ihn ausüben konnten, ihn vom rechten Weg abzubringen. Lange wagte Christ nicht aufzublicken. Endlich fragte er:
„Herr, was meinst du, ist noch Hoffnung da für mich? Kann ich wohl wieder umkehren und auf die enge Pforte zugehen? Werde ich wohl um meines Fehltritts willen nun aufgegeben und dort mit Schanden abgewiesen werden? Ich bereue es tief, auf den Rat jenes Mannes gehört zu haben. Kann mir die Sünde noch vergeben werden?“
Der Evangelist antwortete: „Deine Missetat ist groß, denn du hast zwiefältig gesündigt: Du hast den guten Weg verlassen und den verbotenen betreten. Wohl wird dich der Mann an der engen Pforte aufnehmen, denn er ist den Menschen sehr geneigt. Hüte dich aber, weiche nicht wieder ab, damit du nicht umkommst auf dem Weg, denn Gottes Zorn wird bald entbrennen“ (Ps. 2, 12).
Der strenge Blick des Evangelisten hatte sich gemildert, und da Christ sich entschlossen zeigte, nach der engen Pforte zurückzuwandern, küßte er ihn und gab ihm seinen Segen.
Ohne Verweilen eilte Christ nun davon und redete mit niemand, der ihm begegnete, blieb auch nicht stehen, um jemand zu antworten. Er lief wie einer, der auf verbotenem Grund und Boden sich befindet, und fühlte sich solange unsicher, bis er wieder auf dem Weg war, den er auf Herrn Weltklugs Rat verlassen hatte.
Es gibt im Leben ein Herzeleid, das ist wie die weite Welt so weit, Das ist wie Bergeslasten schwer, das ist so tief wie das tiefe Meer. Das ist das tiefe Herzeleid, wenn um die Sünde die Seele schreit, Wenn die Träne rinnt um der Sünde Last, wenn um die Sünde die Wang’ erblaßt. Und dieses tiefe Herzeleid, das heilt kein Balsam dieser Zeit, Das stillt kein Zauber von Lieb’ und Lust, das tötet kein Tod in der Menschenbrust. Und für das bittre Herzeleid hat unser Mittler Sein Herz geweiht: Durch Christi Blut und Gerechtigkeit wird uns gestillt dies Herzeleid.
Fußnoten:


Zweites Kapitel. Der Weg zum Frieden.

In kurzem hatte nun Christ die Pforte erreicht. Über ihr bemerkte er mit großer Freude die Inschrift: „Klopfet an, so wird euch aufgetan!“ (Matth. 7, 7) und indem er zu wiederholten Malen anklopfte, sprach er bei sich selbst:
Wird Er mir auftun Seine Gnadentür? Wird Er den schnöden Knecht nicht von sich weisen? Ach, dürft’ ich eingehn, wahrlich für und für Wollt’ ich die Größe der Erbarmung preisen!
Endlich erschien ein ehrwürdiger Mann an der Pforte, namens Gutwillig, der fragte, wer da wäre, von wannen er käme und was er begehre.
Christ antwortete: „Hier ist ein armer, beladener Sünder. Ich komme aus der Stadt Verderben, reise aber nach dem Berg Zion, um dem zukünftigen Zorn zu entrinnen. Da der Weg, wie ich belehrt bin, durch diese Pforte geht, so bitte ich dich, lieber Herr, mir den Eingang zu gestatten.“
„Von Herzen gern,“ sagte Gutwillig, der Pförtner, und somit öffnete er ihm die Pforte. Als Christ nun eintreten wollte, zog ihn der andre beim Arm schnell herein.
„Was soll das bedeuten?“ fragte Christ. Jener antwortete: „Sieh dort in geringer Entfernung liegt ein festes Schloß, das von Beelzebub, der Teufel Obersten, befehligt wird; von dort aus schießt er und die, welche bei ihm sind, gerade dann seine feurigen Pfeile[33] nach den Pilgrimen ab, wenn sie im Begriff sind, zu der engen Pforte einzugehen, um sie womöglich noch vor ihrem Eintritt zu töten.“ Christ bemerkte diese Gefahr erst, als er sich schon gerettet sah, und sprach: „Ich freue mich mit Zittern.“
Als er nun eingetreten war, fragte Gutwillig: „Wer hat dich denn hierher gewiesen?“
Christ. Der Evangelist hieß mich hierhin gehen und anklopfen, wie ich denn nun auch getan. Er sagte, daß du, Herr, mir weisen werdest, was ich weiter tun müsse.
Gutwillig. Da ist eine offene Tür vor dir, und niemand kann sie zuschließen (Offenb. 3, 8).
Christ. Nun fange ich an, die Frucht meines gewagten Unternehmens zu ernten.
Gutwillig. Aber wie kommt’s, daß du allein bist?
Christ. Weil von meinen Nachbarn niemand wie ich die drohende Gefahr erkannte.
Gutwillig. Wußten einige um deine Herreise?
Christ. Ja, meine Frau und meine Kinder sahen es zuerst, daß ich wegzog, und riefen mir nach, ich sollte wieder umkehren; auch etliche meiner Nachbarn schrien mir nach; aber ich hielt mir die Ohren zu und setzte meinen Weg fort.
Gutwillig. Ist dir niemand von ihnen nachgelaufen, dich zur Umkehr zu überreden?
Christ. Störrig und Willig holten mich allerdings ein; als sie aber sahen, daß sie nichts bei mir ausrichten konnten, kehrte Störrig spottend wieder um, während Willig noch eine kleine Strecke mit mir ging.
Gutwillig. Warum ist er den Weg nicht weiter mit dir gezogen?
Christ. Wir kamen miteinander bis an den Sumpf Verzagtheit, in den wir beide fielen; darüber verlor Nachbar Willig gänzlich den Mut, daß er es mit mir nicht weiter wagen wollte. Deshalb arbeitete er sich an der Seite, die nach seinem Hause zuging, heraus und sagte zu mir, ich möge seinetwegen das herrliche Land nur allein in Besitz nehmen; also ging er seines und ich ging meines Weges, er seinem Nachbar Störrig nach, ich zu dieser Pforte.
„Ach, der arme Mann!“ sprach Gutwillig, „achtete er die himmlische Herrlichkeit so gering, daß er, um sie zu erlangen, nicht wert hält, einige Beschwerden auf sich zu nehmen?“

Christ an der Pforte (
S. 43.
).
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„Wahrlich,“ sagte Christ, „ich habe, was Willig betrifft, die Wahrheit gesagt, und wenn ich von mir die Wahrheit reden soll, so steht’s mit mir auch nicht besser. Es ist wahr, er kehrte nach seinem Hause zurück, ich aber bin zur Seite abgewichen auf den Weg des Todes. Und dazu ließ ich mich durch die sinnlichen Vorstellungen eines Herrn Weltklug bewegen.“
Gutwillig. O mit dem bist du zusammengetroffen? Der wollte dich ohne Zweifel zu bereden suchen, dich bei Herrn Gesetzlich nach Erleichterung umzusehen. Sie sind beide rechte Betrüger. Aber folgtest du denn seinem Rat?
Christ. Ja, leider! Ich ging, um Herrn Gesetzlich aufzusuchen; als ich aber an den Berg kam, der bei seinem Hause liegt, glaubte ich, er würde auf mich herunterstürzen, und so war ich gezwungen, stillzustehen.
Gutwillig. Dieser Berg hat schon manchem den Tod gebracht und wird noch vielen den Tod bringen[34]. Wohl dir, daß du entronnen und nicht von ihm zerschmettert worden bist!
Christ. Ja, ich weiß in der Tat nicht, was dort aus mir geworden, wenn nicht gerade der Evangelist mir wieder begegnet wäre, als ich in meiner Verwirrung weder ein noch aus wußte. Aber Gottes Gnade war es, die ihn mir wieder zuführte; denn ohne die würde ich nimmermehr hierhergekommen sein. So bin ich denn nun hier, ich, der ich eher den Tod unter jenem Berg verdient hätte, als hier zu stehen und mit meinem Herrn zu reden. Doch, o welch eine Gnade für mich, daß ich dennoch hier eingelassen worden bin!
Gutwillig. Wir weisen niemand zurück, der hierher kommt, was er auch früher Böses getan haben mag; es wird keiner hinausgestoßen[35]. — Komm darum eine kleine Strecke mit mir, lieber Christ, ich will dir den Weg zeigen, den du zu gehen hast. Siehst du wohl da gleich vor dir jenen schmalen Weg? Das ist der Weg, den du gehen mußt. Er ist gebahnt von den Patriarchen und Propheten, von Christus und Seinen Aposteln, und er ist so gerade, wie ihn nur eine Richtschnur machen kann. Das ist der Weg, den wandle!
„Gibt es aber keine Abwege und Krümmungen,“ fragte Christ, „die den Wanderer irremachen können?“
„Es stoßen viele Wege daran,“ sagte Gutwillig, „aber sie sind krumm und breit[36], während der rechte Weg gerade und schmal ist, und daran kannst du den rechten Weg vom verkehrten wohl unterscheiden.“ —
Ich sah nun in meinem Traum, daß Christ ihn noch weiter fragte, ob er ihn nicht von der Last auf seinem Rücken befreien könne; denn bis dahin hätte er durch kein Mittel sich ihrer entledigen können.
„Habe nur noch ein wenig Geduld,“ sagte der Pförtner, „bald wirst du an eine Stelle kommen, wo die Last ohne dein Zutun von deinem Rücken fallen wird.“
Hierauf gürtete Christ seine Lenden und machte sich reisefertig. Gutwillig sprach noch zu ihm, wenn er jetzt von der Pforte aus eine kleine Strecke zurückgelegt haben werde, finde er das Haus des Auslegers; an dessen Tür solle er anklopfen, und der werde ihn herrliche Dinge sehen lassen. Darauf nahm Christ Abschied von dem freundlichen Pförtner, und dieser wünschte ihm eine glückliche Reise und befahl ihn dem Schutz Gottes.
Christ setzte also seinen Weg fort, bis er zu dem Haus des Auslegers kam. Hier klopfte er einmal über das andre an, bis endlich jemand ans Tor kam und fragte, wer da sei.
„Herr,“ sagte Christ, „hier ist ein Reisender, dem durch einen Bekannten des gütigen Herrn dieses Hauses geraten worden ist, hier sich unterweisen zu lassen. Ich wünsche daher mit dem Hausherrn zu sprechen.“ Dies wurde dem Herrn gemeldet, der auch nach einer kleinen Weile herauskam und Christ fragte, was sein Begehr sei.
„Herr,“ sagte Christ, „ich bin ein Mann, der aus der Stadt Verderben kommt, und ich gehe nach dem Berg Zion. Von dem Mann, der an der Pforte am Eingang dieses Weges steht, ist mir gesagt worden, daß, wenn ich hier vorspräche, du mir herrliche Dinge zeigen würdest, die mir für meine Reise sehr dienlich wären.“
Da sprach der Ausleger: „Komm herein! Ich will dir zeigen, was dir von Nutzen sein wird.“ Er befahl seinem Diener, ein Licht anzuzünden, hieß Christ ihm folgen und führte ihn zu einem besondern Zimmer, welches sein Diener aufschloß. Als dies geschehen war, sah Christ das Bild eines ehrwürdigen Mannes an der Wand hangen, und es war also beschaffen: Seine Augen waren gen Himmel erhoben, das Buch der Bücher hatte er in seiner Hand, das Gesetz der Wahrheit war auf seinen Lippen, und der Welt hatte er den Rücken gewandt; so stand er da wie einer, der eifrig mahnt und bittet, und über seinem Haupt hing eine goldene Krone.
Christ fragte: „Was soll dieses Bild darstellen?“
Ausleger: Der Mann ist einer aus Tausenden; er kann mit dem Apostel sagen: „Ob ihr gleich zehntausend Zuchtmeister hättet in Christus, so habt ihr doch nicht viele Väter; denn ich habe euch gezeugt in Christus Jesus durchs Evangelium“ (1. Kor. 4, 15) und: „Meine lieben Kinder, welche ich abermals mit Ängsten gebäre, bis daß Christus in euch eine Gestalt gewinne“ (Gal. 4, 19). Daß du ihn mit gen Himmel gerichteten Augen siehst, das Buch der Bücher in seiner Hand und das Gesetz der Wahrheit auf seinen Lippen, will andeuten, daß es sein Werk ist, nicht allein dunkle Dinge zu erkennen, sondern sie auch den Sündern auszulegen. Deshalb siehst du ihn auch stehen wie einer, der die Leute eindringlich ermahnt und bittet[37]. Daß du siehst, daß er die Welt hinter sich hat und daß über seinem Haupt eine Krone hängt, soll andeuten, daß er aus Liebe zum Herrn die Güter dieser Welt geringschätzt und verschmäht in der Gewißheit, der Herrlichkeit in jener Welt teilhaftig zu werden. — Ich habe dich nun dies Bild zuerst sehen lassen, weil der Mann, den es darstellt, der einzige ist, welchem der Herr des Orts, wohin du gehst, die Vollmacht gegeben hat, dein Führer zu sein an all den schwierigen Stellen, an welche du auf deinem Wege kommen kannst. Habe also genau acht auf das, was ich dir gezeigt habe, und drücke dieses Bild tief in dein Herz und denke daran, wenn du auf deiner Reise mit solchen zusammentriffst, welche vorgeben, dich recht zu leiten, daß deren Weg in den Tod hinabführt.
Hierauf nahm ihn der Ausleger bei der Hand und führte ihn in einen geräumigen, mehr im Innern des Hauses gelegenen Saal, welcher voller Staub war, da er niemals ausgekehrt worden war. Nachdem Christ sich hier eine Weile umgesehen hatte, rief der Ausleger einen Diener, dem er den Befehl gab, den Saal auszukehren. Als dieser nun zu kehren anfing, erhob sich ein so übermäßiger Staub, daß Christ beinahe erstickt wäre. Der Ausleger gebot hierauf einer Magd, Wasser zu bringen und den Fußboden zu besprengen, und sobald dies geschehen war, konnte man ihn mit Leichtigkeit auskehren und säubern.
„Was bedeutet nun das?“ fragte Christ.
„Dieser Saal,“ erklärte der Ausleger, „stellt das menschliche Herz dar, solange es noch nicht durch die süße Gnade des Evangeliums geheiligt ist. Der Staub ist die angeborene Sünde, das inwendige Verderben, das den ganzen Menschen verunreinigt. Jener, der zuerst kehrte, ist das Gesetz; diese, die das Wasser brachte und sprengte, das Evangelium. Wie bei der Bemühung des erstern sich ein gewaltiger Staub erhob, der die Reinigung des Saales unmöglich machte[38], du aber fast ersticktest, so macht das Gesetz, anstatt das Herz von der Sünde zu reinigen, dieselbe vielmehr lebendig[39] und kräftig[40] und bewirkt, daß sie mächtiger werde in dem Herzen[41], indem es die Sünde zwar aufdeckt und verbietet, aber keine Kraft gibt, sie zu überwinden.
Dagegen, wie die Jungfrau den Saal mit Wasser besprengte, worauf er sich leicht reinigen ließ, so wird, wenn das Evangelium mit seinen sanften, himmlischen Kräften in das Herz dringt, die Sünde besiegt und unterworfen, die Seele wird durch den Glauben gereinigt[42] und somit zubereitet, daß der König der Herrlichkeit in ihr Wohnung machen kann[43].“
Ferner sah ich in meinem Traum, daß der Ausleger Christ bei der Hand faßte und in ein kleines Gemach zog, in welchem zwei Kinder saßen. Das ältere hieß Begierde, das andre Geduld. Begierde erschien höchst unzufrieden und mürrisch, Geduld aber ganz ruhig und freundlich. Christ fragte nun: „Aus welchem Grund ist Begierde so unzufrieden?“ „Der Erzieher der Kinder,“ sagte der Ausleger, „hat ihnen kostbare Geschenke versprochen, die sie zu Anfang des nächsten Jahres erhalten sollen. Begierde will sich nicht auf die Zukunft vertrösten lassen, sie verlangt alles sogleich zu haben; Geduld hingegen wartet mit Freuden.“
Nun sah ich, wie jemand zu Begierde hereinkam und ihr eine Menge kostbarer Dinge überbrachte, welche sie mit großer Hast und mit spöttischem Lächeln annahm, da ihre stille Nachbarin leer ausging. Ich sah aber eine Weile zu und siehe, es währte nicht lange, da hatte sie schon alles vergeudet und durchgebracht, und es blieb nichts übrig als ein Häufchen alter Lumpen.
Da sprach Christ zum Ausleger: „Erkläre mir doch dieses deutlicher!“
Ausleger. Diese beiden Kinder sind Sinnbilder. Begierde ist ein Bild der Kinder dieser Welt, und Geduld ist ein Bild der Kinder der zukünftigen Welt. Wie du gesehen hast, daß Begierde alles in diesem Jahr, d. h. in dieser Welt haben will, so tun die Kinder dieser Welt, sie wollen ihr Gutes schon heute, in diesem Leben dahinnehmen; sie können nicht warten bis zum nächsten Jahr, das ist bis in die zukünftige Welt, wo ihr Teil von Gott zugemessen ist. Das Sprichwort: „Ein Vogel in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dach“ gilt bei ihnen mehr als die Zeugnisse Gottes von den Gütern der zukünftigen Welt. Wie du aber Begierde siehst alles in kurzer Zeit durchbringen und nichts andres übrigbehalten als Lappen und Lumpen, so wird es auch mit allen solchen Menschen gehen am Ende dieser Welt.
„Nun sehe ich,“ sagte Christ, „daß Geduld allein weise ist, und zwar aus verschiedenen Gründen, einmal, weil ihr Herz nach den besten Gütern trachtet, und zum andern, weil sie dann im Besitz der Herrlichkeit ist, wenn die andre in Elend und Schmach dasitzt.“
Ausleger. Ja, so ist’s, und wir können noch hinzufügen, daß die Herrlichkeit der zukünftigen Welt nimmer vergeht, während die Schätze dieser Welt im Nu vorbei sind. Deshalb hat Begierde keine Ursache, über Geduld zu lachen, darum daß sie ihr Gutes zuerst empfangen hat; vielmehr könnte Geduld über Begierde lachen, weil sie ihr Gutes zuletzt empfängt; denn das Erste muß dem Letzten weichen, das Letzte aber hört nimmer auf, da ihm kein andres folgt. Darum muß derjenige, der sein Teil zuerst genießt, notwendig eine Zeit haben, es zu verbrauchen; wer aber sein Teil zuletzt hat, der wird es für immer besitzen. Darum wird zu dem reichen Mann gesagt: „Du hast dein Gutes empfangen in deinem Leben, und Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun aber wird er getröstet, und du wirst gepeinigt“ (Luk. 16, 25).
Christ rief aus: „Nun sehe ich, daß es nicht ratsam ist, nach gegenwärtigen Gütern zu trachten, sondern zu warten auf die zukünftigen!“
Darauf sprach der Ausleger: „Da hast du recht gesagt; denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig (2. Kor. 4, 18). Obschon dies nun also ist, so stehen doch die zeitlichen Dinge und die fleischlichen Lüste in naher Beziehung zueinander, während die zukünftigen Dinge und der fleischliche Sinn einander stets fremd bleiben. Daher schließen auch die ersten beiden so schnell Freundschaft miteinander, die letztern aber lassen sich nimmer vereinen.“
Nun sah ich in meinem Traum, daß der Ausleger Christ bei der Hand nahm und ihn in einen Raum führte, wo ein Feuer an einer Mauer brannte, welches ein daneben Stehender mit Wasser auszulöschen bemüht war. Es wollte ihm aber nicht gelingen, vielmehr loderte das Feuer immer kräftiger empor.
Christ fragte: „Was soll das bedeuten?“
Der Ausleger erwiderte: „Dies Feuer bedeutet das Werk der Gnade im Menschen, welches der arge Feind, der Teufel, so sehr er sich bemüht, nicht auszulöschen vermag. Die Ursache davon sollst du gleich sehen.“ Bei diesen Worten führte er ihn an die hintere Seite der Mauer, wo dem Feuer gegenüber eine Öffnung zu bemerken war, durch welche ein Mann aus einem Gefäß, das er in seiner Hand hielt, beständig, aber unbemerkt Öl in das Feuer goß.
Christ fragte: „Was bedeutet dieses?“
Der Ausleger antwortete: „So unterhält Christus ohne Aufhören durch das Öl Seiner Gnade das Werk, welches Er im Herzen angefangen hat, daher die Gläubigen, ungeachtet alles dessen, was der Teufel wider sie vornimmt, oft ein süßes, ihnen selbst unerklärliches Gefühl des Friedens empfinden. Daß du aber den Mann hinter der Mauer stehen sahst, das Feuer zu erhalten, soll dir andeuten, wie eine angefochtene Seele sich zuweilen für verlassen hält, obwohl der himmlische Freund ihr unsichtbar nahe steht[44].“
Dann sah ich, wie der Ausleger ihn wieder bei der Hand nahm und ihn an einen anmutigen Ort brachte, wo ein prachtvoller Palast erbaut war, dessen Anblick Christ große Freude bereitete. Auf dessen Zinne sah er auch Leute in goldenen Gewändern wandeln. Er fragte den Ausleger: „Dürfen wir wohl dort hineingehen?“ Der Ausleger nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm bis vor die Tür des Palastes. Daselbst hatte sich eine große Menge Menschen versammelt, ohne sich jedoch hineinzuwagen, da der Eingang von einer bewaffneten Schar versperrt wurde, die darauf bedacht war, jedem, der hindurchgehen wollte, das Leben zu nehmen. Nahe bei dem Tor saß ein Mann an einem Tisch, mit einem Buch und dem Schreibzeug vor sich, um die Namen derer aufzuschreiben, die sich den Eingang erkämpfen wollten. Das setzte Christ in Erstaunen. Lange wagte sich niemand heran, da jeder aus Furcht vor den Gewappneten zurückbebte, als plötzlich ein rüstiger Mann an den Tisch des Schreibers trat mit den Worten: „Schreibe meinen Namen auf!“ Als das geschehen war, sah Christ, daß der Mann sich einen Helm aufsetzte, sein Schwert zog und sich gerade nach dem Tor wendete. Er stürzte sich auf die gerüsteten Männer zu, die sich mit tödlichem Grimm wider ihn setzten. Allein dem Mann entfiel der Mut durchaus nicht, sondern er schlug und stieß um sich mit wildem Ungestüm. Manche Wunden empfangend und austeilend, kämpfte er sich durch alle hindurch und drang in den Palast vor[45]. Aus dem Innern, sowie von der Zinne des Palastes erscholl mit lieblicher Stimme der Zuruf:
Herein! herein! Die Kron’ der Ehren wartet dein!
Er ging hinein und wurde alsbald mit goldenen Kleidern geschmückt.
Christ lächelte und sprach: „Ich glaube zu verstehen, was das sagen will; laß mich nun, Herr, von hinnen ziehen!“
„Nein,“ sagte der Ausleger, „warte noch ein wenig, ich habe dir noch etwas zu zeigen, dann magst du deinen Weg fortsetzen.“ Und nun nahm er ihn noch einmal bei der Hand und führte ihn in einen finstern Raum, wo ein Mann in einem eisernen Käfig saß, der die Augen niederschlug, die Hände rang und sich gebärdete, als wollte ihm das Herz brechen. Als Christ nun fragte, was das zu bedeuten habe, gebot ihm der Ausleger, sich selber mit diesem Mann zu unterreden.
„Wer bist du, Unglücklicher?“ rief Christ voll Entsetzen.
„Ich bin, was ich ehemals nicht war,“ sagte der Gefangene.
„Was warst du denn ehemals?“ fragte Christ.
Der Mann antwortete: „Ich war ehemals in meinen und auch andrer Leute Augen ein eifriger Bekenner der Wahrheit; ich hielt mich würdig für die himmlische Stadt, die ich für meine wahre Heimat ansah.“
Christ fragte: „Und was bist du denn jetzt?“
„Jetzt bin ich,“ antwortete er, „ein Mann der Verzweiflung, in Verzweiflung gebannt, wie in diesen eisernen Käfig. Ich kann nicht hinaus, ach, ich kann nicht mehr hinaus!“
„Aber wie kamst du in diesen Zustand?“ fragte Christ.
Er antwortete: „Ich ließ nach zu wachen und zu beten, ich ließ meinen Begierden die Zügel schießen; ich sündigte gegen das Licht des Wortes und gegen Gottes Güte. Ich habe den Geist Gottes betrübt, und Er ist von mir gewichen; ich habe den Teufel herausgefordert, und er ist zu mir gekommen. Ich habe Gott zum Zorn gereizt, und Er hat mich verlassen; mein Herz ist verhärtet, und ich finde keinen Raum zur Buße.“
„Ist denn keine Hoffnung mehr für diesen Unglücklichen?“ fragte Christ, sich zu dem Ausleger wendend.
„Frage ihn selbst,“ entgegnete dieser, und Christ wandte sich an den Gefangenen: „Mußt du denn in diesem Käfig der Verzweiflung verschlossen bleiben? Ist für dich keine Hoffnung?“
„Für mich ist keine Hoffnung mehr,“ sagte der Gefangene.
„O,“ versetzte Christ, „der Sohn des Hochgelobten ist sehr barmherzig!“
„Ja,“ antwortete er, „aber ich habe Ihn aufs neue gekreuzigt[46]; ich habe Ihn verachtet, Seine Gerechtigkeit verworfen; ich habe Sein Blut für unrein geachtet und den Geist der Gnade geschmäht[47]. Dadurch habe ich mich selbst von allen Verheißungen der Gnade ausgeschlossen, und es bleibt mir nichts übrig als ein schreckliches Warten des Gerichts und des Feuereifers, der mich als einen Widersacher verzehren wird“ (Hebr. 10, 27).
Christ fragte weiter: „Was hat dich denn verleitet, dich selbst in diesen Zustand zu bringen?“
„Schnöde Lust, irdische Freude und Vorteile dieser Welt, bei deren Genuß ich mir viel Ergötzen versprach. Allein jedes von diesen Dingen nagt nun an meinem Herzen wie ein Wurm, der nicht stirbt, und brennt in mir wie ein Feuer, das ewig nicht erlischt.“
Christ sprach: „Aber kannst du jetzt nicht noch Buße tun und umkehren?“
Er antwortete: „Gott läßt mich keinen Raum mehr finden zur Buße. Sein Wort gibt mir nicht mehr Mut zum Glauben, ja Er selbst hat mich in diesen eisernen Käfig eingeschlossen, und kein Mensch in der ganzen Welt kann mir daraus helfen. O Ewigkeit! Furchtbare Ewigkeit! Wie werde ich ringen, ohne Aufhören ringen mit der Pein der ewigen Verdammnis!“
„Vergiß es nie, was du hier gesehen hast,“ sagte der Ausleger zu Christ mit großem Ernst. „Laß dir das Elend dieses Mannes zur beständigen Warnung dienen!“
„Ja, das ist furchtbar!“ rief Christ aus. „Gott helfe mir wachen und beten und nüchtern sein und gebe mir Kraft, die Sünde zu meiden! Aber, Herr, ist es jetzt nicht hohe Zeit, meine Reise fortzusetzen?“
„Warte noch ein wenig, nur eines sollst du noch sehen, dann magst du deines Weges gehen,“ sprach der Ausleger, indem er Christs Hand ergriff und ihn in die Kammer führte, wo ein Mann aus dem Bett stieg und im Begriff war, unter Zittern und Beben seine Kleider anzulegen.
Da fragte Christ: „Warum zittert dieser Mann so?“
Der Ausleger befahl diesem, den Grund seiner Angst Christ zu entdecken. Hierauf hob der Mann also an: Diese Nacht, als ich schlief, träumte ich, und siehe, der Himmel war schwarz wie die Nacht; es erhob sich ein unerhörtes Donnern und Blitzen, daß ich in große Bestürzung und Todesangst kam. Darauf sah ich, wie der Wind die Wolken pfeilschnell vor sich her trieb. Plötzlich erscholl der Ton einer Posaune vom Himmel herab, und in den Wolken erschien der Herr, umgeben von den Heerscharen des Himmels, die alle, wie auch der Himmel selbst, in flammendem Feuer standen. Eine Stimme rief: „Stehet auf, ihr Toten, und kommt zum Gericht[48]!“ und im Augenblick zerrissen die Felsen, die Gräber taten sich auf, und die Toten, die darin waren, kamen heraus. Einige erschienen in Freude und Wonne und hoben ihre Häupter auf, die andern aber standen in großer Schmach und Schande und suchten sich unter den Bergen zu verstecken. Da öffnete der Herr, der auf der Wolke saß, ein Buch und gebot der Welt, vor Ihm zu erscheinen[49]. Vor Ihm her aber machte ein verzehrendes Feuer Raum, wie zwischen einem Richter und den Verklagten, die vor den Schranken stehen. Dann hörte ich denen, die den Herrn in der Wolke umgaben, verkünden: „Sammelt das Unkraut, die Spreu und die Stoppeln und werfet sie in den brennenden Pfuhl[50]!“ Und sogleich tat sich der bodenlose Abgrund gerade vor meinen Füßen auf, und dicker Rauch und glühende Hitze fuhren mit erschrecklichem Getöse heraus. „Sammelt den Weizen in Meine Scheuern!“ (Luk. 3, 17; Matth. 13, 30) rief der Herr, und alsbald sah ich viele emporgehoben und hingerückt in den Wolken[51]; ich aber blieb dahinten. Ich wollte mich verbergen, aber vergebens, denn der Herr heftete Seine Augen unverwandt auf mich; alle meine Sünden traten vor meine Seele, mein Gewissen richtete und verdammte mein ganzes Leben. Darauf erwachte ich aus meinem Traum.
Christ fragte: „Was aber erschreckte dich denn so bei diesem Gesicht?“
Der Mann antwortete: „Nun, ich dachte, der Tag des Gerichts wäre gekommen, und dazu war ich nicht bereit. Das aber erschreckte mich am meisten, daß die Engel ihrer viel emportrugen und mich stehen ließen. Auch öffnete gerade an dem Ort, da ich stand, der Hölle Grund den Rachen. Dabei quälte mich mein Gewissen, und das Auge des Richters war, wie mich dünkte, beständig mit Unwillen und Zorn auf mich gerichtet.“
„Hast du nun dies alles wohl beachtet?“ sprach der Ausleger zu Christ.
„Ja, und ich spüre ebensoviel Furcht als Hoffnung,“ antwortete dieser.
„So fasse denn,“ sagte jener, „alle diese Dinge wohl zu Herzen; laß sie dir wie ein Stachel sein in deiner Seite, daß sie dich vorwärtstreiben auf dem Weg, den du zu gehen hast.“
Christ gürtete jetzt seine Lenden und schickte sich zur Weiterreise an. Der Ausleger sprach: „Der Tröster möge allezeit bei dir sein und dich, mein guter Christ, auf dem Weg geleiten, der zur himmlischen Stadt führt!“
Also trat Christ nun seine Wanderung an, indem er sagte:
Seltsame Dinge waren hier zu schaun! Ich bin gestärkt, doch regt sich Furcht und Graun. Gewalt’ge Kämpfe stehen mir bevor. Nur vorwärts bis zu Zions Tor! Du Geist des Herrn, ich fleh’ zu Dir, O neige Deine Kraft zu mir!
Nun sah ich in meinem Traum, daß zu beiden Seiten des Weges, auf dem Christ wandern mußte, eine Mauer sich hinzog, und diese hatte den Namen Heil[52]. Auf diesem Pfad lief Christ weiter, doch nicht ohne große Beschwerde wegen der Last, die er auf seinem Rücken hatte, bis er an eine Anhöhe kam, auf welcher ein Kreuz stand und etwas weiter unten ein Grab zu sehen war. Ich sah nun im Traum, daß gerade, als Christ zum Kreuze hinkam, die Bürde sich von seinen Schultern löste und den Berg hinabrollte, bis sie in der Öffnung des Grabes verschwand, und ich sah sie nicht mehr. Da ward es Christ wohl, und mit fröhlichem Herzen sagte er: „Er hat mir Ruhe gegeben durch Sein Leiden — und Leben durch Seinen Tod[53]!“ Er blieb eine Weile still und verwundert stehen, denn er war voller Erstaunen darüber, daß das Anschauen des Kreuzes ihn von seiner Last befreit hatte[54]. Er versank wieder und wieder in die Betrachtung des Kreuzes, und Tränen des Dankes und der Liebe flossen ihm die Wangen herab.

Als Christ zum Kreuze hinkam, löste sich die Bürde von seinen Schultern (
S. 56.
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Als er nun so dastand, aufschauend und in Tränen zerflossen, traten zu ihm drei leuchtende Gesandte, ihn mit den Worten grüßend: „Friede sei mit dir!“ Darauf hob der erste an: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ (Mark. 2, 5) Der zweite zog ihm seine unreinen, zerlumpten Kleider aus und zog ihm Feierkleider an[55]. Der dritte machte ein Kennzeichen an seine Stirn[56] und überreichte ihm ein Zeugnis[57] mit einem Siegel darauf[58]. Dieses Siegel sollte ihm auf seiner Reise zum Trost und an der himmlischen Pforte zur sichern Aufnahme dienen. Die Engel verließen ihn wieder. Christ hüpfte vor Freuden und zog singend seines Weges.
Komm zum Kreuz mit deinen Lasten, Müder Pilger du! Bei dem Kreuze kannst du rasten, Da ist Ruh’. Unter des Gerichtes Ruten Sieh am Kreuzesstamm Für dich dulden und verbluten Gottes Lamm! An dem Kreuze trug der Reine Deiner Sünde Lohn; Sieh, wie liebt dich dieser Eine, Gottes Sohn! Da stillt Er dein heiß Verlangen, Heilet deinen Schmerz: Frieden wirst du da empfangen, Müdes Herz! Trost, Vergebung, ew’ges Leben Fließt vom Kreuz dir zu; Bei dem Kreuz wird dir gegeben Himmelsruh’!
Fußnoten:


Drittes Kapitel. Der Weg der Beschwerde.

Nun sah ich in meinem Traum, wie Christ, als er also fröhlich seines Weges zog, in ein Tal kam. Dort erblickte er etwas abseits vom Weg drei schlafende Männer mit Fesseln an ihren Füßen. Der eine von ihnen hieß Albern, der andre Träge und der dritte Eigendünkel. Als Christ sie so daliegen sah, trat er näher zu ihnen hin, ob er sie vielleicht aufwecken könnte, und rief ihnen mit lauter Stimme zu: „Ihr seid gleich denen, die oben auf dem Mastbaum schlafen (Spr. 23, 34), mitten im ungestümen Meer, über einer Tiefe, die keinen Grund hat. Wacht auf und kommt her! Wenn ihr wollt, so will ich euch helfen, von euren Fesseln loszukommen; denn wenn der, welcher umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge (1. Petr. 5, 8), über euch kommt, so werdet ihr gewiß ein Raub seiner Zähne werden.“ Bei diesen Worten schlugen sie ihre schlaftrunkenen Augen auf und antworteten ihm, ein jeder nach seiner Weise. Albern sprach: „Ich sehe keine Gefahr;“ Träge wollte nur noch ein wenig länger schlummern, und Eigendünkel sagte trotzig: „Jeder muß auf seinen eigenen Füßen stehen.“ Sie legten sich alle drei gleich wieder zum Schlafen nieder, und Christ ging seines Wegs. Gleichwohl verdroß es ihn, wenn er daran dachte, daß Menschen, die in solcher Gefahr schweben, die Güte dessen, der sich aus freien Stücken ihnen zu helfen erbot, so wenig achteten, indem er sie aufgeweckt, ihnen einen guten Rat gegeben und beim Entledigen der Fesseln behilflich sein wollte. Während er noch darüber betrübt war, bemerkte er mit Erstaunen, wie über die Mauer, die sich zur Linken des Wegs hinzog, zwei Männer herüberstiegen und eiligen Schrittes sich ihm näherten. Der eine hieß Werkheilig, der andre Heuchler. Diese machten sich nun an Christ heran, der sie also anredete:
„Woher kommt ihr, meine Herren, und wohin geht eure Reise?“
Sie antworteten: „Wir sind im Lande der Hoffart geboren und wandern um des Ruhmes willen nach dem Berg Zion.“
„Warum seid ihr nicht durch die enge Pforte, die am Anfang dieses Weges steht, hereingekommen?“ fragte Christ. „Wißt ihr nicht, daß geschrieben steht: Wer nicht zur Tür hineingeht, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und ein Mörder?“ (Joh. 10, 1.)
„In unserm Lande,“ erwiderten sie, „gilt der Eingang durch die Pforte für einen großen Umweg; bei uns ist es gebräuchlich, den kürzesten Weg einzuschlagen und dann über die Mauer zu steigen — so machten wir’s auch.“
Christ. „Aber fürchtet ihr euch denn nicht, den Willen des Herrn, zu dessen Stadt wir reisen, so sehr zu verletzen?“
„Damit beunruhige dich nicht,“ sagten sie mit sichtlicher Verachtung; „wir handeln nach einem guten alten Brauch unsers Landes und können es mit vielen Zeugnissen beweisen, daß man es schon länger als tausend Jahre so gehalten hat.“
„Aber,“ fragte Christ, „wird eure Gewohnheit vor dem Gesetz bestehen können?“
„Da sie ein mehr als tausendjähriges Alter für sich hat,“ erwiderten jene, „wird sie vor einem unparteiischen Richter ohne Zweifel als gesetzlich gelten. Was sollte wohl darauf ankommen, auf welche Weise man diesen Weg erreicht, wenn man ihn nur wirklich betritt. Du, soweit wir merken, bist zwar durch die Pforte gekommen und bist gleichwohl nur auf dem Weg und nicht weiter als wir auch, die wir nun von der Seite über die Mauer hergekommen sind. Inwiefern sollten wir dir in etwas nachstehen?“
„Der Unterschied zwischen uns ist bedeutend genug,“ erwiderte Christ. „Ich wandle nach der Richtschnur des Meisters, ihr nach eurem eigenen Rat. Schon jetzt geltet ihr vor dem Herrn als Diebe; wie könnt ihr am Ende des Weges als treu erfunden werden? Ihr habt von euch selber, ohne Seine Leitung, den Weg betreten, und ebenso werdet ihr durch euch selbst, ohne Seine Gnade, ihn wieder verlieren.“
Hierauf wußten sie nichts weiter zu sagen als: er möge sich um sich selbst bekümmern.
Ich sah dann, wie sie alle drei ihres Weges wanderten, ohne viel miteinander zu sprechen. Die beiden Männer sagten zu Christ: „Aber meine doch ja nicht, daß wir die Gesetze und Verordnungen weniger gewissenhaft beobachten als du. Nein, du hast durchaus nichts vor uns voraus als das Kleid, das du trägst, das dir, wie wir denken, einer deiner Nachbarn gab, um die Schande deiner Blöße zu decken.“
Aber Christ antwortete: „Durch Gesetze und Verordnungen werdet ihr, die ihr nicht durch die Pforte hereingekommen seid, nicht selig werden. Das Kleid, das ich trage, habe ich von dem Herrn des Orts empfangen, wohin ich gehe, und zwar, wie ihr recht saget, um meine Blöße zu decken, denn ich hatte vorher nichts als Lumpen, und so trage ich es als ein Zeichen Seiner besondern Güte gegen mich. Daneben ist mir dies sehr tröstlich auf meiner Pilgerschaft, denn ich denke: Wenn ich einmal zu den Toren der Stadt kommen werde, so wird der Herr mich gewiß anerkennen, weil ich mit Seinem Rock bekleidet bin, den Er mir an jenem Tage, da Er mich der Lumpen entledigte, aus freier Gnade schenkte. Überdies habe ich noch ein Zeichen an meiner Stirn, darauf ihr vielleicht noch nicht geachtet habt, welches mir von einem der Vertrautesten meines Herrn an eben dem Tag, da mir die Last von den Schultern fiel, aufgedrückt wurde. Dazu kann ich euch noch sagen, daß Er mir damals ein besiegeltes Zeugnis gab, das mich, so oft ich es lese, trösten wird auf dem Weg, den ich wandle. Auch ist mir befohlen, solches an der himmlischen Pforte abzugeben, daß ich gewiß hineingehen darf. Ich bezweifle, daß ihr eins von diesen Dingen habt. Ihr könnt sie nicht haben, weil ihr nicht zur Pforte hereingekommen seid.“
Auf dies alles aber gaben sie keine Antwort, sondern sahen einander an und lachten. Unterdessen gingen sie miteinander weiter, Christ war ihnen jedoch allezeit etwas voraus. Er sprach nur noch mit sich selbst, bald mit Seufzen und bald mit getrostem Mut; auch las er oft in dem Zeugnis, das ihm jenes leuchtende Wesen gegeben hatte, wodurch er sehr erquickt ward.
Die drei Wanderer erreichten nun den Berg der Beschwerde, wo der schmale Weg steil bergan führte, während zur Rechten und zur Linken breite Wege sich bequem in der Ebene hinzogen. Christ war keinen Augenblick in Zweifel, welchen Weg er zu nehmen habe; er trank aus der Quelle[59], die am Fuß des Berges hervorsprudelte, und stieg singend den Berg hinan:
Den Berg hinan! Ist er auch noch so steil, Er schreckt mich nicht zurück vom ew’gen Heil. Der schmale, steile Pfad geht himmelwärts, Der breite, leichte Weg zu ew’gem Schmerz.
Die andern beiden kamen unterdessen auch an den Fuß des Berges, sie konnten sich jedoch nicht entschließen, einen so beschwerlichen Weg zu nehmen, zumal da man hier zwei andre bequeme Wege zur Auswahl hatte, die, wie sie hofften, mit dem Weg, auf dem Christ wandelte, zusammentreffen würden. Der eine Weg hieß Gefahr, der andre Verderben. Nun trennten sich die beiden Wanderer, der eine wählte den Weg der Gefahr, der ihn in einen undurchdringlichen Wald führte; der andre betrat den Weg des Verderbens, auf dem er in finstere Gebirge hineingeriet, wo er strauchelte und fiel und nie wieder aufstand[60].
Als ich meine Blicke wieder Christ zuwandte, sah ich, wie er den Berg hinauflief; aber vom Laufen kam er bald zum Gehen und vom Gehen zum Klettern auf Händen und Knien, denn der Weg wurde immer steiler. Sehr erwünscht war es ihm, als er etwa in halber Höhe des Berges eine anmutige Laube bemerkte, die vom Herrn des Berges zur Erquickung der müden Wanderer allda errichtet worden war. Darein trat Christ und setzte sich nieder, etwas auszuruhen. Wie er so dasaß, zog er sein Zeugnis aus seinem Busen und las zu seiner Stärkung darin. Er betrachtete auch eine Weile mit Wohlgefallen sein Gewand, das er erhalten, als er beim Kreuz gestanden. Endlich versank er in einen tiefen Schlaf, wobei ihm das Zeugnis aus der Hand fiel. Schon hatte sich der Tag geneigt, als ihn jemand aufweckte und ihm zurief: „Gehe hin zur Ameise, du Fauler; siehe ihre Weise an und lerne!“ (Spr. 6, 6) Beschämt fuhr er auf, eilte hinweg und hielt in seinem Lauf nicht mehr inne, bis er die Spitze des Berges erreicht hatte.
Als er nun hier oben stand, kamen ihm zwei Männer in großer Eile entgegengelaufen. Der eine hieß Furchtsam, der andre Mißtrauisch. Christ sprach zu ihnen:
„Was macht ihr, meine Herren; warum lauft ihr den verkehrten Weg?“
Furchtsam antwortete, daß sie auf der Reise nach der Stadt Zion gewesen und dazu diesen beschwerlichen Berg heraufgestiegen wären. „Aber,“ sagte er, „je weiter wir auf diesem Weg gekommen, desto größere Gefahren sind uns begegnet, deshalb kehren wir um und gehen nun zurück.“
„Ja,“ setzte Mißtrauisch hinzu, „gerade vor uns lagen ein paar Löwen im Weg. Ob sie schliefen oder wachten, wissen wir nicht. Wir konnten aber nicht anders denken, als daß sie uns in Stücke zerreißen würden, wenn wir in ihre Nähe kämen.“
„Ihr setzt mich in Schrecken!“ rief Christ den Fliehenden zu. „Wohin soll ich mich wenden, um sicher zu sein? Gehe ich zurück in meine Heimat, so komme ich dort gewiß um, da die Stadt Verderben ein Raub des Feuers und Schwefels werden soll. Erreiche ich aber die himmlische Stadt, so bin ich geborgen. Ich muß es wagen. Umkehren ist doch nichts andres als Tod und Verderben; vorwärtsgehen, da ist zwar Furcht des Todes, aber danach ein ewiges Leben. Wohlan, ich setze meinen Weg fort!“ Und so geschah’s. Mißtrauisch aber und Furchtsam liefen den Berg wieder hinunter.
Wie nun Christ seinen Weg weiterzog, fing er gleichwohl an über das nachzudenken, was jene zwei Männer ihm gesagt hatten. Im Bewußtsein der nahen Gefahr bedurfte er einer Stärkung und suchte deshalb nach dem Zeugnis. Er fühlte danach, aber siehe, er fand es nicht. Er suchte mit steigender Angst, aber vergebens! Er wußte zuerst gar nicht, was er anfangen sollte, denn es fehlte ihm ja gerade das, was ihm schon so oft zu großem Trost gewesen war. Und dieses Zeugnis sollte er ja an der himmlischen Pforte vorzeigen. Als er nun so ganz bestürzt und bekümmert dastand, fiel ihm endlich ein, daß er in der Laube geschlafen hatte[61]. Tiefe Reue erfüllte ihn, er fiel auf seine Knie und bat Gott, daß Er ihm diese Torheit vergeben möge. Darauf kehrte er wieder um, sein Zeugnis zu suchen.
Wer aber vermag die Betrübnis zu schildern, die Christ auf dem ganzen Rückweg im Herzen empfand! Bald seufzte er, bald weinte er, aber am meisten schalt er sich selbst wegen seiner Torheit, an jenem Ort, der nur zu einer kurzen Erholung von seiner Müdigkeit bereitet war, dem Schlaf sich überlassen zu haben. So ging er zurück, auf dem ganzen Weg sorgfältig bald auf die eine, bald auf die andre Seite blickend mit dem heißen Verlangen, den verlorenen Brief wiederzufinden. Er lief, bis er der Laube ansichtig wurde. Ihr Anblick aber erneuerte ihm seine Traurigkeit um so mehr, da er ihm zu Gemüte führte, wie er so übel getan, daß er dort geschlafen hatte.
„Ach, ich elender Mensch!“ rief Christ aus, „der ich schlafen konnte, da es noch Tag war[62]; der ich schlafen konnte, da ich in einer so gefährlichen Lage war; daß ich das zur Bequemlichkeit des Fleisches benutzte, was der Herr zur Erquickung des Geistes der Pilgrime bestimmt hat! Wie viele Tritte habe ich nun vergeblich getan! So ist es den Kindern Israel ergangen um ihrer Sünden willen; von den Grenzen Kanaans mußten sie zurückwandern zum Schilfmeer; ich nun muß mit Schmerzen diesen Weg zurücklegen, den ich hätte mit Freuden tun können, wenn ich mich nicht diesem sündlichen Schlaf hingegeben hätte. Wie weit könnte ich nun schon sein! Nun muß ich diesen Weg dreimal gehen, den ich sonst nur einmal hätte zu ziehen brauchen. Und nun überfällt mich auch noch die Nacht; denn der Tag hat sich schon geneigt. Ach, hätte ich doch nicht geschlafen!“
So erreichte er die Laube wieder, wo er erst eine Zeitlang saß und weinte. Endlich sah er sich bekümmert nach der Schrift um und erblickte sie unter der Bank; zitternd vor Verlangen ergriff er sie und steckte sie in seinen Busen. Wer kann die Freude des Pilgers beschreiben, da er sein Zeugnis wieder hatte! Es war ja die Versicherung seines Lebens und seiner Aufnahme in den ersehnten Hafen. Er dankte Gott, der ihm die Augen auf die rechte Stelle gelenkt, und mit Freudentränen machte er sich wieder auf den Weg.
So hurtig er jedoch den Berg hinaufstieg, so ging die Sonne doch unter, ehe er den Gipfel erreicht hatte; und aufs neue über die Sünde seines Schlafs trauernd, brach er in die Worte aus: „O du sündlicher Schlaf, um deinetwillen überfällt mich die Nacht! Ich muß wandern ohne das Licht der Sonne; Finsternis muß den Schritt meiner Füße bedecken; und ich muß das Schreien der geängsteten Kreaturen wegen meines Sündenschlafes hören!“ Jetzt gedachte er auch dessen, was Mißtrauisch und Furchtsam ihm erzählt hatten; wie sie sich vor dem Anblick der Löwen entsetzt hätten. Und so sprach er zu sich selbst: „Diese Tiere gehen des Nachts auf ihren Raub aus, wenn sie mir allhier im Finstern begegnen, wie sollte ich entkommen, daß ich nicht von ihnen in Stücke zerrissen werde?“
Unter solchen Gedanken ging er seines Weges fort. Doch während er seinen unglückseligen Fehltritt beklagte, hob er seine Augen auf und siehe, da stand gleich vor ihm ein stattlicher Palast, der Prachtvoll hieß. Er verdoppelte seine Schritte, um hier womöglich noch Herberge zu finden. Er war aber nicht weit gegangen und an einen sehr engen Weg gekommen, der nicht mehr fern von der Wohnung des Pförtners war, als er sah, daß zwei Löwen ihm den Weg versperrten. „Nun stoße ich auf die Gefahr, durch welche Mißtrauisch und Furchtsam sich haben zurücktreiben lassen,“ dachte er. (Die Löwen waren angekettet, aber er sah die Ketten nicht.) Voll Angst blieb er stehen, und da er nichts vor sich sah als den Tod unter den Zähnen dieser reißenden Tiere, war er im Begriff, umzukehren. Dies bemerkte der Pförtner, dessen Name Wachsam war, von seinem Häuschen aus und rief ihm deshalb zu: „Ist deine Kraft so gering[63]? Fürchte dich nicht vor den Löwen! Sie sind an Ketten und liegen deshalb hier, um den Glauben der Pilger zu prüfen. Halte dich mitten auf dem Weg, und sie werden dir kein Leid tun.“
Zitternd ging er vorwärts, indem er sich genau nach dem Rat des Pförtners in der Mitte hielt; die Löwen brüllten ihn an, aber sie verletzten ihn nicht, und jauchzend vor Freude klatschte er in die Hände und eilte der Türe zu, an der der Pförtner stand.

Die Löwen waren angekettet, aber er sah die Ketten nicht (
S. 66.
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„Herr, was ist das für ein Haus?“ fragte er. „Kann ich wohl diese Nacht hier Herberge finden?“
„Dieses Haus,“ so antwortete der Pförtner, „hat der Herr des Berges erbaut, und zwar zur Ruhe und Sicherheit der Pilgrime. Aber woher kommst du, und wohin geht dein Weg?“
Christ. Ich komme von der Stadt Verderben und wandere nach dem Berg Zion; aber da die Sonne untergegangen ist, möchte ich, wenn es sein kann, hier übernachten.
Pförtner. Wie heißest du?
Christ. Jetzt ist mein Name Christ; vorher hieß ich Gnadenlos. Ich bin aus dem Geschlecht Japhets, den Gott in den Hütten Sems will wohnen lassen (1. Mos. 9, 27).
Pförtner. Aber warum kommst du so spät? Die Sonne ist ja schon untergegangen.
Christ. Ich wäre schon eher gekommen, wenn ich elender Mensch nicht in der Laube, die an der Seite des Berges steht, eingeschlafen wäre. Ja, ich wäre gleichwohl noch früher hier gewesen, aber ich verlor im Schlaf mein Zeugnis. Ich war schon auf dem Gipfel des Berges, da ich es erst vermißte, und so war ich genötigt, mit betrübtem Herzen zu dem Ort zurückzugehen, wo ich geschlafen hatte. Da fand ich endlich wieder, was ich verloren hatte, und so bin ich denn jetzt hier angekommen.
„Wohlan,“ sagte der Pförtner, „ich werde eine von den Jungfrauen dieses Hauses rufen, die dich, wofern ihr deine Aussage genügt, nach der Sitte unsers Hauses bei den übrigen Gliedern der Familie einführen wird.“ Der Pförtner Wachsam schellte, und sogleich erschien Einsicht, eine edle Jungfrau, an der Haustür und fragte, was man verlange.
„Dieser Mann,“ sagte der Pförtner, „ist auf der Reise von der Stadt Verderben nach dem Berg Zion, aber da er müde ist und die Dunkelheit ihn überfallen hat, so wünscht er hier zu übernachten. Ich sagte ihm, ich wollte dich rufen. So möge es dir belieben, mit ihm selber zu reden und danach zu tun, was dich nach den Regeln unsers Hauses gut dünkt.“
Sie fragte ihn, von wannen er komme und wohin er wolle, auch wie er auf diesen Weg gekommen, was er auf dem Weg gesehen und was ihm begegnet wäre. Er beantwortete all diese Fragen und erzählte seine Erlebnisse. Endlich erkundigte sie sich auch nach seinem Namen. Er heiße Christ, gab er zur Antwort, und seine Freude, hier übernachten zu dürfen, sei um so größer, weil er erfahren, daß dieses Haus von dem Herrn des Berges zur Erquickung und Sicherheit der Pilger erbaut sei.
Da lächelte sie, wobei aber ihre Augen feucht wurden, und sie sprach nach einer kurzen Pause: „Ich will noch zwei oder drei von meinen Hausgenossen herbeirufen.“ Hierauf eilte sie zur Tür und rief Weisheit, Gottesfurcht und Liebe heraus. Diese nun führten ihn nach einer kurzen Unterredung bei den übrigen Familiengliedern ein. Manche von ihnen kamen und hießen ihn schon auf der Schwelle des Hauses willkommen und sprachen: „Komm herein, du Gesegneter des Herrn! (1. Mos. 24, 31.) Dies Haus ist von dem Herrn des Berges in der Absicht erbaut, um Pilger, wie du einer bist, darin zu bewirten.“ Da verbeugte er sich und folgte ihnen nach ins Haus. Als er eingetreten war und sich niedergesetzt hatte, reichten sie ihm einen Labetrunk und beschlossen, die Zeit, während das Abendbrot bereitet würde, zur gegenseitigen Erbauung zu benützen. Gottesfurcht, Weisheit und Liebe wurden dazu ausersehen, und so entspann sich folgendes Gespräch:
Gottesfurcht. Also, lieber Christ, da wir nun einmal die Freude haben, dich für diese Nacht in unserm Haus zu beherbergen, so laß uns, um die Zeit recht auszukaufen, zu unser aller Nutz und Frommen von dem sprechen, was du auf deiner Pilgerfahrt bisher erfahren hast.
Christ. Von Herzen gern! Wie wohl tut mir eure Teilnahme an meinem Ergehen!
Gottesfurcht. Was hat dich zuerst bewogen, solch ein Pilgerleben zu erwählen?
Christ. Ich ward durch einen Mark und Bein durchdringenden Warnungsruf, der an mein Ohr drang, aus meiner Vaterstadt vertrieben. Ich hörte nämlich von dem unvermeidlichen Verderben, das mich treffen würde, wenn ich daselbst verbliebe.
Gottesfurcht. Wie kam es denn, daß du bei deiner Auswanderung gerade auf diesen Weg gelenkt wurdest?
Christ. Ich sehe da Gottes Hand darin; denn als ich so voll Furcht vor dem Verderben auszog, wußte ich nicht, wo ich mich hinwenden sollte. Als ich noch zitternd und weinend dastand, da kam zur rechten Stunde ein Mann, namens Evangelist, zu mir, dieser wies mich zur engen Pforte, die ich sonst nie gefunden hätte. So kam ich auf den Weg, der gerade zu diesem Haus führt.
Gottesfurcht. Aber kamst du nicht auch zu dem Haus des Auslegers?
Christ. Ja, und dort habe ich Dinge gesehen, die sich unauslöschlich in meinem Herzen eingeprägt haben, besonders dreierlei, nämlich wie Christus dem Satan zum Trutz das Werk Seiner Gnade im Herzen unterhält; wie ein Mensch sich durch seine Sünde aller Hoffnung der göttlichen Gnade verlustig gemacht; und dann den Traum dessen, der in seinem Schlaf meinte, der Tag des Gerichts sei gekommen.
Gottesfurcht. Hörtest du ihn seinen Traum erzählen?
Christ. Ja, das war ein schreckenvoller Traum: es schnitt mir durchs Herz, als er ihn erzählte, aber dennoch bin ich froh, ihn gehört zu haben.
Gottesfurcht. Ist das alles, was du im Haus des Auslegers gesehen?
Christ. Nein, er nahm mich bei der Hand und brachte mich zu einem stattlichen Palast; hier sah ich, wie dessen Bewohner in goldenen Kleidern einhergingen und wie ein tapferer Mann kam, der seinen Weg gerade durch die bewaffnete Schar nahm, die ihm am Tor den Eingang versperrte, und wie er aufgefordert wurde, einzutreten und die ewige Herrlichkeit in Besitz zu nehmen. Beim Anblick alles dessen war mein Herz davon ganz hingenommen, und ich wäre in dem Hause dieses guten Mannes gern noch lange verblieben, doch ich hatte ja noch einen weiten Weg vor mir.
Gottesfurcht. Und was hast du sonst noch auf dem Weg gesehen?
Christ. Ich war nur eine kleine Strecke weitergekommen, da sah ich einen, der blutend an einem Holz hing. Dessen Anblick genügte schon, daß sich die Bürde, unter der ich bis dahin seufzend einherging, von meinen Schultern löste und herabfiel. Es war ein Wunder vor meinen Augen, denn ich hatte dergleichen zuvor niemals gesehen. Und wie ich so dastand und Ihn ansah — denn ich konnte meinen Blick von Ihm nicht abwenden — da war ich plötzlich von drei leuchtenden Gestalten umgeben. Eine von ihnen sagte: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ Die andre zog mir meine Lumpen aus und gab mir dieses gestickte Kleid, das du mich jetzt tragen siehst. Die dritte drückte mir das Zeichen auf, das ich auf meiner Stirn habe, und gab mir dieses besiegelte Zeugnis. (Hiermit griff er mit seiner Hand in den Busen, das Zeugnis vorzeigend.)
Gottesfurcht. Sahst du nicht noch mehr als das?
Christ. Das, was ich bereits erzählt habe, ist wohl das Beste. Doch sah ich allerdings auch noch andres, nämlich drei Männer: Albern, Träge und Eigendünkel, nicht weit ab vom Weg, den ich kam, schlafend, und sie lagen da mit Fesseln an den Füßen. Aber meinst du wohl, daß ich sie hätte wirklich aufwecken können? Ich sah auch, wie Werkheilig und Heuchler über die Mauer hereinstiegen, um, wie sie vorgaben, nach Zion zu gehen. Sie hatten sich aber beide bald verirrt, wie ich es ihnen vorher sagte. Sie hatten es aber nicht glauben wollen. Über dies alles war es keine geringe Anstrengung, diesen Berg zu ersteigen, und ebenso gefahrvoll, an den Löwen vorüberzukommen. Und fürwahr, wäre dieser treue Mann, der Pförtner, der an der Tür steht, nicht gewesen, so weiß ich nicht, ob ich mich nicht am Ende doch noch zur Umkehr entschlossen hätte. Jetzt aber danke ich Gott, daß ich nun soweit bin, und euch danke ich für die freundliche Aufnahme.
Nun hielt es Weisheit für gut, an Christ einige Fragen zur Beantwortung zu richten.
Weisheit. Denkst du nicht noch zuweilen an deine Landsleute, von denen du ausgezogen bist?
Christ. Ja, aber mit großer Scham und Abscheu. Wahrlich, wenn ich nach dem Lande, von welchem ich ausgegangen bin, Verlangen getragen hätte, hätte ich ja Gelegenheit gehabt, wieder umzukehren; aber ich begehre eines bessern, nämlich eines himmlischen Vaterlands (Hebr. 11, 15. 16).
Weisheit. Trägst du aber nicht noch manches von deinem alten Wesen an dir?
Christ. Ja, aber ganz gegen meinen Willen; besonders meine geheimen fleischlichen Gedanken, an denen alle meine Landsleute, so wie ich, sich ergötzten, aber jetzt sind mir alle diese Dinge eine Qual, und wenn ich könnte, wie ich wollte, so würde ich sie ganz und gar aus meinem Herzen verbannen. Aber, wenn ich das Gute tun will, so finde ich, daß mir das Böse anhangt (lies Römer 7, 15-21).
Weisheit. Ist dir’s nicht zuweilen, als wenn die Dinge überwunden wären, die dich zu andern Zeiten in Verwirrung bringen?
Christ. Dies ist nur selten; aber das sind glückselige Stunden, in denen ich dieses erfahre.
Weisheit. Erinnerst du dich wohl, wodurch dir bisweilen deine Anfechtungen als überwunden erscheinen?
Christ. Ja, nämlich wenn ich daran gedenke, was ich am Kreuz sah; wenn ich das Kleid betrachte, mit dem der Herr mich beschenkt hat; auch wenn ich in die Schrift blicke, die ich in meinem Busen trage; oder wenn ich an den Ort gedenke, wohin ich wandere: dann ist mir’s, als seien alle Anfechtungen überwunden.
Weisheit. Und warum ist dein Verlangen nach dem Berg Zion so groß?
Christ. Wie kannst du wohl so fragen? O da hoffe ich den zu sehen, der tot am Kreuz hing und nun lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit; da hoffe ich Befreiung von allem dem, was mich jetzt quält und anficht; da ist kein Tod mehr; da werde ich in der lieblichsten, edelsten Gemeinschaft leben. Mich verlangt bei dem Herrn zu sein, den ich liebe, der mich von meiner Last befreit hat; ich bin der Krankheit meines Herzens müde. Ich sehne mich dahin, wo ich nicht mehr sterben werde, wo ich unter denen wandeln darf, die ohne Unterlaß rufen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herr!“ (Offenb. 4, 8)
Unter diesem Gespräch hatte sich Liebe Christ genähert und fragte ihn: „Hast du Familie? Bist du verheiratet?“
Christ antwortete: „Ich habe eine Frau und vier Kinder.“
Liebe. Aber warum hast du sie nicht mitgebracht?
„O,“ rief Christ, indem ihm Tränen in die Augen traten, „wie gern hätte ich das getan! Aber sie waren alle sehr gegen meine Reise eingenommen.“
Liebe. Du hättest ihnen doch zureden, hättest ihnen die große Gefahr, wenn sie zurückblieben, zeigen sollen.
Christ. Das tat ich auch; ich erzählte ihnen, wie Gott mir kund getan, daß unsre Stadt zerstört werden soll; aber es war ihnen lächerlich, und sie glaubten mir nicht.
Liebe. Hast du denn auch zu Gott gerufen, daß Er deine Worte an ihnen segnen wolle?
Christ. Ja, mit heißem Flehen; denn du mußt wissen, daß meine Frau und meine armen Kinder mir sehr teuer waren.
Liebe. Entdecktest du ihnen auch deine Traurigkeit, deine Furcht vor dem Untergang? denn der Untergang eurer Stadt stand dir wohl deutlich genug vor Augen.
Christ. Ja, nur allzu deutlich. Sie sahen mich trostlos weinen und zittern vor den Gerichten, die über unserm Haupt schwebten; aber dies alles bewog sie nicht, mit mir zu fliehen.
Liebe. Aber was hatten sie denn einzuwenden, daß sie nicht mit dir gingen?
Christ. Was soll ich sagen? Meine Frau fürchtete, diese Welt zu verlieren, und meine Kinder waren den törichten Lüsten der Jugend ergeben; so ließen sie sich bald durch dieses, bald durch jenes zurückhalten, und ich mußte allein gehen.
Liebe. Hast du sie etwa durch ein eitles Leben abgeschreckt, deinen Ermahnungen zu folgen?
Christ. Ich kann zwar mein Leben nicht loben, denn ich bin mir manches Fehltritts bewußt. Ich weiß auch, daß ein Mensch durch seinen Wandel leicht niederreißen kann, was er durch heilsame Lehren und ernste Vorstellungen in andern zu ihrem Besten aufzubauen trachtet. Aber das darf ich sagen: ich hütete mich auf das äußerste, irgend etwas Unziemliches zu tun, was sie von dieser Reise hätte abhalten können. Ja, eben deshalb sagten sie, ich sei allzu ängstlich und entsage manchem, worin sie nichts Übles sehen könnten. Wenn sie irgend etwas an mir zurückgeschreckt hat, so war es meine große Furcht, wider Gott zu sündigen oder meinem Nächsten irgendein Unrecht zu tun.
Liebe. Allerdings, so ist es schon von alters her gewesen, denn Kain erwürgte seinen Bruder, weil seine Werke böse waren, und die seines Bruders gerecht (1. Joh. 3, 12); und wenn deine Frau und deine Kinder daran Anstoß genommen haben, so zeigen sie, daß sie sich nicht mit Gott versöhnen lassen wollen, und deine Seele ist rein von ihrem Blut[64].
Unter solchen Gesprächen war die Zeit des Abendessens herbeigekommen, zu welchem Christ mit viel Liebe eingeladen wurde. Es war eine Tafel mit auserlesenen Gerichten und reinem Wein, darin keine Hefe war[65], und alle Reden, die sie über Tisch führten, handelten von dem Herrn des Berges, nämlich, was Er getan, warum Er solches getan, und zu welchem Zweck Er dies Haus erbaut habe. Aus dem, was sie sagten, konnte ich merken, daß Er ein großer Kriegsheld gewesen und mit dem gestritten und den überwunden, der des Todes Gewalt hatte[66], jedoch nicht ohne eigene große Gefahr. „Darum habe ich Ihn auch,“ sagte Christ, „desto lieber. Denn wie ich’s sagen höre und wohl glaube, so hat Er es getan, indem Er dabei Sein kostbares Blut vergoß. Was aber alle Seine Werke der Gnade mit Herrlichkeit krönte, ist, daß Er solches aus reiner Liebe zu den Menschen tat.“
Überdem waren einige unter den Hausgenossen, die Ihn gesehen und mit Ihm geredet hatten, seit Er am Kreuz gestorben war; und diese hatten es aus Seinem eigenen Mund vernommen, daß Er den armen Pilgern mit solcher Liebe zugetan wäre, wie sie vom Aufgang bis zum Niedergang nicht gefunden werde. Dazu gaben sie auch einen Beweis für das, was sie behaupteten, nämlich, daß Er sich zum Heil der Armen selbst entäußert habe Seiner Herrlichkeit[67], und daß sie Ihn hätten sagen hören, Er wolle nicht allein wohnen auf dem Berg Zion[68]. Ja, sie fügten noch dies bei, daß Er viel Pilger zu Fürsten gemacht, obwohl sie von Natur als Bettler geboren waren und ihr Anfang und Ursprung nur Staub war[69].
Das Gespräch dauerte bis tief in die Nacht, und nachdem sie sich dem Schutze des Herrn befohlen, begaben sie sich zur Ruhe. Den Pilger führten sie in eine geräumige, obere Kammer, deren Fenster sich gegen Sonnenaufgang öffneten. Der Name der Kammer war Friede. Nach sanfter Ruhe erwachte er bei Tagesanbruch und sang:
Wie wohl ist mir in Jesu Lieb’ und Sorgen! In Seiner Treu’ gebettet und geborgen Läßt Er mich durch Vergebung meiner Sünden Auf Erden schon des Himmels Pforte finden.
Er wollte von dannen ziehen, aber die Freunde baten ihn, zuvor noch die Merkwürdigkeiten ihres Hauses in Augenschein zu nehmen, und führten ihn zuerst in das Archiv, wo sie ihm unter andern Urkunden von höchstem Alter den Stammbaum des Herrn zeigten, woraus zu ersehen war, daß Er der Sohn des Alten der Tage sei, von Ewigkeit geboren[70]. Hier waren auch ausführlich Seine Taten verzeichnet, sowie die Namen vieler Hunderte, die Er in Seinen Dienst genommen, und wie Er sie in Wohnungen versetzt, die weder durch die Länge der Zeit noch durch die Vergänglichkeit der Natur zerstört werden können[71].
Auch einige der denkwürdigen Taten lasen sie ihm vor, die etliche von Seinen Dienern vollbracht hatten, wie sie Königreiche bezwungen, Gerechtigkeit gewirkt, Verheißungen erlangt, der Löwen Rachen verstopft, des Feuers Kraft ausgelöscht, des Schwertes Schärfe entronnen, kräftig geworden aus der Schwachheit, stark geworden im Streit und der Fremden Heere daniedergelegt (Hebr. 11, 33. 34).
In andern Urkunden des Hauses zeigten sie ihm, wie geneigt der Herr sei, jeden in Seine Gnade aufzunehmen, wenn er auch früher Ihn und Seine Sache auf das ärgste beschimpft hätte. Viele andre Dinge lernte hier Christ noch kennen: Altes und Neues, aus der Vergangenheit und Gegenwart, Drohungen und Verheißungen, die ihre gewisse Erfüllung haben, die einen zum Schrecken und Entsetzen der Feinde, die andern zum Trost und zur Erquickung der Pilger.
Am folgenden Tag führten sie ihn in die Rüstkammer und zeigten ihm alle Arten von Waffen, die der Herr für die Pilgrime bereitet hatte, wie Schwerter, Schilde, Helme, Brustharnische und Beinschienen, die nicht veralten; und dies alles in solcher Menge, daß man damit so viel Menschen zum Dienst des Herrn hätte ausrüsten können, als Sterne am Himmel sind (lies Eph. 6, 10-18).
Sie zeigten ihm auch einige Werkzeuge, damit etliche Seiner Knechte wunderbare Dinge ausgerichtet hatten, so den Stab Moses; den Hammer und Nagel, womit Jael den Sisera erschlug; die Krüge, Posaunen und Fackeln, damit Gideon und seine Schar die Midianiter in die Flucht jagte. Sie zeigten ihm Samgars Ochsenstecken, mit welchem er sechshundert Philister schlug, wie auch den Eselskinnbacken, womit Simson eine so mächtige Tat verrichtete; ihm ward auch die Schleuder und der Stein gezeigt, womit David den Riesen Goliath getötet, desgleichen das Schwert, damit der Herr dermaleinst den Menschen der Sünde töten wird an dem Tag, an welchem Er sich zur Beute aufmachen wird. Noch manche andre herrliche Dinge durfte er sehen, über welche alle Christ sich hoch erfreute. Nachdem dies geschehen, begaben sie sich wieder zur Ruhe.
Ich sah dann in meinem Traum, daß er des Morgens sich anschickte, weiterzureisen. Sie aber baten ihn, noch bis zum folgenden Tag zu bleiben. „Denn dann,“ sagten sie, „wollen wir dir, wenn es nur helles Wetter ist, die lieblichen Berge zeigen, was noch viel zu deiner Stärkung auf der Pilgrimschaft beitragen wird, weil sie dem ersehnten Hafen noch näher liegen als der Ort, wo du jetzt weilst.“ Er willigte ein und blieb.
Am andern Morgen führten sie ihn auf die Zinne des Hauses und hießen ihn gegen Süden ausschauen. Er tat also und siehe, in weiter Ferne erblickte er eine äußerst liebliche Gebirgsgegend, geschmückt mit Wäldern, Weinbergen, den anmutigsten Baum- und Blumengärten, Bächen und Springbrunnen — ein herrliches Bild[72].
Christ fragte nach dem Namen des Landes. „Dies ist,“ sagten sie, „Immanuels Land, welches ebenso, wie dieser Berg, allen Pilgrimen gemeinschaftlich gehört und für sie bestimmt ist, und wenn du dahin kommst, wirst du von dort schon das Tor der himmlischen Stadt sehen, wie es dir auch die Hirten, die dort leben, weisen werden.“
Nun war die Stunde des Abschieds gekommen; doch ehe sie den Pilger entließen, gingen sie noch mit ihm in die Rüstkammer. Als er nun dahin kam, ward er von Kopf bis zu Fuß ausgerüstet mit erprobten Waffen für die Kämpfe, die er auf dem Weg zu bestehen haben würde.
In voller Rüstung trat er nun mit seinen Freunden aus dem Haus. Bei der Pforte fragte er den Pförtner, ob er keinen Pilger habe vorübergehen sehen.
Er antwortete: „Ja.“
„Kanntest du ihn nicht?“ fragte Christ.
Er sprach: „Ich fragte nach seinem Namen, und er sagte mir, er heiße Getreu.“
„O,“ rief Christ aus mit freudigem Erstaunen, „den kenne ich; das ist mein Landsmann, mein nächster Nachbar gewesen; er kommt aus der Stadt Verderben. Wie weit mag er wohl schon voraus sein?“
„Er wird jetzt unten am Berg angekommen sein,“ erwiderte der Pförtner.
„Der Herr sei mit dir, lieber Freund!“ sprach Christ zu dem Pförtner, „und segne dich reichlich für all das Gute, das du mir erwiesen hast!“
Er wollte nun Abschied nehmen, aber Bescheidenheit, Gottesfurcht, Liebe und Weisheit wollten ihm bis hinunter an den Fuß des Berges das Geleit geben. So gingen sie miteinander fort, indem sie ihre früheren Gespräche wieder aufnahmen, bis sie dahin kamen, wo der Berg steil abfällt.
Da sagte Christ: „So beschwerlich es war, diesen Berg zu ersteigen, so gefährlich scheint es mir, wieder hinabzukommen.“
„Ja,“ sprach hierauf Weisheit, „es fällt dem Menschen schwer, in das Tal der Demut hinabzugehen, wie du jetzt tust, ohne bisweilen anzustoßen oder zu straucheln, darum haben wir dich bis hinunter begleiten wollen.“
Christ ging sehr vorsichtig, aber dennoch glitt er ein- oder zweimal aus.
Als sie am Fuß des Berges angekommen waren, beschenkten ihn die treuen Freunde mit Brot und Wein und getrockneten Trauben und ließen ihn dann seines Weges gehen.
Steil und dornig ist der Pfad, der uns zur Vollendung leitet; Selig ist, wer ihn betrat und zur Ehre Jesu streitet; Selig, wer den Lauf vollbringt und nicht kraftlos niedersinkt! Überschwenglich ist der Lohn der bis in den Tod Getreuen, Die der Lust der Welt entflohn, ihrem Heiland ganz sich weihen, Deren Hoffnung unverrückt nach der Siegeskrone blickt. Den am Kreuz wir bluten sahn, der hat uns den Lohn errungen Und zu Seines Himmels Höhn sich vom Staub emporgeschwungen. Sieger in der Todesnacht, sprach Er selbst: „Es ist vollbracht!“ Auf denn, Mitgenossen, geht mutig durch die kurze Wüste! Seht auf Jesus, wacht und fleht, daß Gott selbst zum Kampf uns rüste; Der im Schwachen mächtig ist, gibt uns Sieg durch Jesus Christ!
Fußnoten:


Viertes Kapitel. Das Tal der Demut und der Todesschatten.

Wie ich in meinem Traum sah, wanderte nun Christ durch das Tal der Demut. Er hatte erst eine kleine Strecke des Weges zurückgelegt, als er den Engel des Abgrunds, der Apollyon heißt (Offenb. 9, 11), durch das Feld auf ihn zukommen sah. Christ geriet hierüber in sehr große Angst. Sollte er zurückfliehen oder standhalten? So bange es ihm war, so erkannte er es doch für das beste, sein Heil im Kampf und nicht in der Flucht zu suchen, da sein Rücken, unbeschirmt, wie er war, leicht mit den feurigen Pfeilen dieses Bösewichtes durchbohrt werden konnte. Er entschloß sich, es mit ihm zu wagen und das Feld zu behaupten. „Denn,“ sagte er zu sich selbst, „hätte ich auch weiter nichts als meines Lebens Rettung im Auge, so würde es doch das beste sein, nicht zu fliehen.“