Zweiter Teil: Die Pilgerin. (continued 2)
Reading edition
Barmherzig. Nun gut, ich bin über meinen Traum froh und hoffe, binnen kurzem ihn erfüllt zu sehen; dann werde ich erst recht lachen.
Christin. Ich denke, es wird hohe Zeit sein, hinunterzugehen, daß wir erfahren, was wir weiter zu tun haben.
Barmherzig. Aber nicht wahr, wenn sie uns einladen, eine Zeitlang hier zu bleiben, so laß uns ihr Anerbieten mit Freuden annehmen, damit wir mit diesen Jungfrauen noch besser bekannt werden. Weisheit, Gottesfurcht und Liebe haben es mir durch ihr liebliches und sittsames Wesen besonders angetan.
Christin. Es wird sich nun zeigen, was sie tun werden.
Also machten sie sich fertig und gingen hinunter, und man fragte sie, wie sie geruht hätten.
Barmherzig sprach: „Sehr gut! es war wirklich eine von den gesegnetsten Nächten meines Lebens.“
„Wenn wir euch zureden dürfen, eine Zeitlang hier zu verziehen,“ sagten Gottesfurcht und Weisheit, „so sollt ihr genießen, was unser Haus bietet.“
„Ja, und das von Herzen!“ fügte Liebe bei.
Sie willigten ein und blieben einen Monat und noch darüber, was allen zu hohem Genuß gereichte.
Weisheit begehrte nun auch zu erfahren, wie Christin ihre Knaben erzogen hätte, und bat sich die Erlaubnis aus, ihnen etliche Fragen vorlegen zu dürfen, was ihr gern gewährt wurde. Da fing sie bei dem jüngsten an und sprach:
„Komm, Jakob, kannst du mir sagen, wer dich erschaffen hat?“
Jakob. Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist.
Weisheit. Richtig, mein Kind. Und weißt du auch, wer dich selig macht?
Jakob. Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist.
Weisheit. Auch richtig. Aber wie macht dich Gott der Vater selig?
Jakob. Durch Seine Gnade.
Weisheit. Wie macht dich Gott der Sohn selig?
Jakob. Durch Seine Gerechtigkeit, Sein Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen.
Weisheit. Und wie macht dich Gott der Heilige Geist selig?
Jakob. Durch Seine Erleuchtung, Seine Erneuerung und Seine Bewahrung.
Da sprach Weisheit zu Christin: „Du bist zu loben, daß du deine Kinder so trefflich unterrichtest. Und wenn der jüngste schon diese Fragen so gut beantworten kann, wird es bei den andern wohl auch nicht fehlen. Ich will mich deshalb an den nächstjüngsten wenden.“
Weisheit. Komm, Joseph, willst du dich auch von mir katechisieren lassen?
Joseph. Sehr gern.
Weisheit. Was ist der Mensch?
Joseph. Eine vernünftige Kreatur, von Gott erschaffen, wie mein Bruder gesagt.
Weisheit. Was soll die größte Sorge des Menschen sein?
Joseph. Wie er möge selig werden.
Weisheit. Was hat man bei dem Wort „selig werden“ vorauszusetzen?
Joseph. Daß sich der Mensch durch die Sünde in einen Zustand der Knechtschaft und des Elends gestürzt hat.
Weisheit. Was setzt sein Erlöstwerden durch die heilige Dreieinigkeit voraus?
Joseph. Daß die Sünde ein so mächtiger Tyrann ist, daß niemand uns aus seinen Klauen herausreißen kann als Gott allein, und daß Gott so voll Liebe und Erbarmen gegen den gefallenen Menschen ist, daß Er ihn wirklich aus diesem elenden Zustand errettet.
Weisheit. Was ist Gottes Absicht in der Errettung der Menschen?
Joseph. Die Verherrlichung Seines Namens, Seiner Gnade und Gerechtigkeit usw. und die ewige Seligkeit Seiner Kreaturen.
Weisheit. Welche aber erfahren diese Erlösung?
Joseph. Alle, die Sein Heil annehmen.
Weisheit. Du bist ein lieber Junge, Joseph, du hast wohl achtgehabt auf die heilsamen Belehrungen deiner Mutter.
Hierauf sprach Weisheit zu Samuel, der der zweitälteste war: „Nun, Samuel, darf ich dir auch einige Fragen stellen?“
Samuel. Ja freilich, wenn du willst.
Weisheit. Was ist der Himmel?
Samuel. Ein Ort und Zustand der höchsten Seligkeit, weil Gott darin wohnt.
Weisheit. Was ist die Hölle?
Samuel. Ein Ort und Zustand der größten Qual, weil es die Behausung der Sünde, des Teufels und des Todes ist.
Weisheit. Warum möchtest du in den Himmel kommen?
Samuel. Um Gott zu schauen und Ihm ohne Unterlaß zu dienen; um bei Christus zu sein und Ihn zu lieben; um die Fülle des Heiligen Geistes in mir zu haben, zu der ich hier nicht in dem Maß gelangen kann.
Weisheit. Auch du bist ein lieber Junge und hast fleißig gelernt.
Sie wandte sich alsdann zu dem ältesten, der Matthäus hieß, und sagte zu ihm: „Komm, Matthäus, willst du dich auch einer Prüfung unterziehen?“
Matthäus. Ja, mit Freuden.
Weisheit. So sage mir denn, ist jemals etwas gewesen, das sein Wesen eher als Gott gehabt hätte und nicht durch Ihn erschaffen worden wäre.
Matthäus. Nein, denn Gott ist ewig, und es gibt nichts außer Ihm, und nichts hatte eher einen Anfang, als bis Gott es schuf. In sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist (2. Mos. 20, 11).
Weisheit. Was hältst du von der Bibel?
Matthäus. Sie ist Gottes heiliges Wort.
Weisheit. Ist darin nichts geschrieben, was du nicht verstehst?
Matthäus. Ja, sehr vieles.
Weisheit. Was machst du denn, wenn du an solche Stellen kommst, die dir noch unaufgeschlossen sind?
Matthäus. Ich denke: Gott ist weiser als ich. Ich bitte Ihn auch, Er möge mir nach Seiner Gnade so viel Erleuchtung schenken, als zu meinem Heil dienlich ist.
Weisheit. Was denkst du über die Auferstehung der Toten?
Matthäus. Alle, die in den Gräbern liegen, werden auferstehen, der natürliche Leib aber wird anziehen die Unverweslichkeit. Das glaube ich, weil Gott es verheißen hat, und was Gott verheißen hat, das kann Er auch tun.
Weisheit sprach hierauf zu den Knaben: „Habt denn fernerhin acht auf alles, was euch eure Mutter noch lehren wird; habt auch allezeit ein offenes Ohr für all das Gute, das euch von andern übermittelt wird, wenn sie um euretwillen erbauliche Gespräche führen. Merkt ebenfalls, und zwar mit Fleiß auf das, was Himmel und Erde euch lehren; aber insbesondere seid unermüdlich in der Betrachtung des Buches, welches euren Vater zur Pilgerreise veranlaßte. Ich für meinen Teil will euch, liebe Kinder, in der Zeit eures Hierseins unterrichten, soviel ich kann, und es soll mir eine Freude sein, wenn ihr mich über solche Dinge befragt, die zu gottseliger Erbauung dienen.“
Die Pilger hatten ungefähr eine Woche an diesem Ort geweilt, da empfing Barmherzig Besuch von einem Herrn namens Tätig, der vorgab, daß er eine Neigung zu ihr habe. Er war ein Mann von einiger Bildung und der auch auf Frömmigkeit Anspruch machte, aber es dabei noch sehr mit der Welt hielt. Er kam von da an öfters zu Barmherzig und trug ihr seine Liebe an.
Nun war Barmherzig allerdings eine liebliche Erscheinung und hatte ein sehr angenehmes Wesen; dabei war sie stets darauf bedacht, ihre Zeit treu auszukaufen, und wenn sie für sich selbst nichts zu arbeiten hatte, machte sie Strümpfe und andre Kleidungsstücke, die sie an Arme und Hilfsbedürftige verschenkte. Da nun Herr Tätig um ihre Liebesarbeit nicht wußte, so schien er davon außerordentlich eingenommen zu sein, daß er sie nie müßig fand. „Ich will darauf wetten,“ sprach er bei sich selbst, „sie wird eine treffliche Hausfrau für mich werden.“
Barmherzig entdeckte darauf diese Sache den Jungfrauen des Hauses und erkundigte sich nach ihm, denn sie kannten ihn besser als sie. Da erhielt sie den Bescheid, er sei ein sehr fleißiger junger Mann, der auch für fromm gelten wolle, aber, wie sie befürchteten, die Kraft eines gottseligen Lebens nicht kenne.
„Nein, wenn es so mit ihm steht,“ sagte Barmherzig „so will ich keinen Blick mehr auf ihn werfen, denn ich kann meiner Seele keinen Hemmschuh anlegen.“
Weisheit erwiderte ihr: „Es bedarf keines besondern Mittels, ihn abzuschrecken, denn wenn du wie bisher in deiner Liebestätigkeit für die Armen fortfährst, so wird dies seine Liebe schnell abkühlen.“
Als Herr Tätig das nächstemal wiederkam, fand er sie bei ihrer gewöhnlichen Arbeit, Kleidungsstücke für Bedürftige zu nähen.
„Wie,“ sagte er, „immer so fleißig?“
„Ja,“ antwortete sie, „entweder für mich oder für andre.“
„Und wieviel kannst du täglich wohl verdienen?“ fragte er.
„Ich tue dies,“ erwiderte sie, „um reich zu werden an guten Werken, Schätze zu sammeln, mir selbst einen guten Grund aufs Zukünftige, daß ich ergreife das wahre Leben“ (1. Tim. 6, 18. 19).
„Wie das,“ fragte er, „was tust du denn damit?“
„Die Nackenden bekleiden,“ antwortete sie.
Auf diese Worte veränderte sich seine Miene, er wandte ihr den Rücken und kam nicht wieder. Und als man ihn nach dem Grund seines Wegbleibens fragte, sagte er, Barmherzig wäre wohl ein hübsches Mädchen, aber sie habe doch sehr überspannte Grundsätze.
Nachdem er sie verlassen hatte, sprach Weisheit: „Sagte ich’s dir nicht, daß Herr Tätig bald von dir ablassen würde? Ja, er wird dir noch einen üblen Namen machen, denn trotz seines vorgeblichen Christentums und seiner scheinbaren Liebe zur Barmherzigkeit, seid ihr von so verschiedener Gesinnung, daß ich glaube, ihr werdet nie miteinander übereinstimmen.“
Barmherzig. Es hat schon mehr als einer um mich geworben, worüber ich jedoch bisher noch mit niemand gesprochen habe; aber keinem wollten meine Grundsätze gefallen, obschon sie an meiner Person nichts zu tadeln fanden. So konnte es zu keiner Verbindung kommen.
Weisheit. Obwohl man heutzutage gern von Werken der Barmherzigkeit spricht, wollen sich doch die wenigsten mit der Ausübung derselben befassen.
Barmherzig. Nun wohl, wenn niemand mich haben will, so will ich als Jungfrau sterben oder meine Grundsätze sollen mir Gattenstelle vertreten; ich kann meine Natur nicht ändern. Und einen Mann zu nehmen, der mir in meinem Tun hinderlich wäre, zu dem kann ich mich nie und nimmer entschließen. Meine Schwester Wohltätig war an einen solchen habsüchtigen Menschen verheiratet; sie konnten sich aber nie miteinander vertragen. Da sie sich aber nicht davon abbringen ließ, die Armen und Elenden zu unterstützen, so brachte ihr Mann sie zuerst öffentlich in übeln Ruf, und schließlich jagte er sie zum Haus hinaus.
Weisheit. Und dabei gab er sich für fromm aus, nicht wahr?
Barmherzig. Ja, fromm auf seine Weise und in der Art, wie die Welt ihrer jetzt voll davon ist. Ich aber passe zu keinem von ihnen allen.
In dieser Zeit wurde Matthäus, Christins ältester Sohn, krank, und seine Krankheit griff ihn heftig an, denn er hatte große Schmerzen in seinen Eingeweiden. Nicht weit von dort wohnte ein alter, wohlbewährter Arzt, Herr Geschickt. Nach diesem schickte Christin. Er kam und trat in das Zimmer, und als er den Knaben eine Weile beobachtet hatte, erkannte er, daß dieser an Leibschmerzen leide[185], und er sprach zu seiner Mutter: „Was hat der Knabe zuletzt genossen?“
Christin antwortete: „Er hat nichts Schädliches genossen.“
Geschickt. Der Knabe hat irgend etwas gegessen, das noch unverdaut im Magen liegt und das von selbst nicht weichen wird. Er muß nun entweder ein Abführungsmittel einnehmen oder daran sterben.
„Mutter,“ rief Samuel, „was war es doch, was mein Bruder am Eingang dieses Weges nahe bei der Pforte abpflückte und aß? Weißt du, dort war ein Obstgarten zur Linken, auf der andern Seite der Mauer; da hingen einige Zweige darüber herunter, von diesen Früchten hat mein Bruder gepflückt und gegessen.“
Christin. Du hast recht, mein Kind, er nahm davon und aß, der unartige Knabe; denn ich verwies es ihm, und er wollte doch nicht davon ablassen.
Geschickt. Ich merkte es wohl, daß er etwas Ungesundes gegessen hat, und jene Früchte sind eben die allerschädlichsten. Es sind Früchte aus Beelzebubs Garten. Mich wundert’s, daß niemand ihn davon abgehalten hat; viele sind schon daran gestorben.
Da fing Christin an zu weinen und rief aus: „O du böser Knabe und o ich sorglose Mutter! Was soll ich nun für meinen Sohn tun?“
Geschickt. Nun, verzage nicht! Es kann mit dem Knaben wieder besser werden; aber er muß abführen und brechen.
Christin. Ich bitte dich, lieber Herr, versuche deine ganze Kunst an ihm, es koste, was es wolle.
Geschickt. Nun, die Kosten sollen dich nicht drücken.
Herr Geschickt gab also dem Knaben ein Abführungsmittel; es war bereitet aus Bocksblut, der Asche einer jungen Kuh und etwas Saft von Isop (Hebr. 9, 13. 19; 10, 1-4). Dieses Mittel erwies sich aber als zu schwach, so bereitete er ihm ein wirksameres[186], nämlich aus dem Leib und Blut Christi (Joh. 6, 54-57). Ein oder zwei Verheißungen[187] mit einer entsprechenden Quantität Salz[188] wurden beigegeben und das Ganze zu Pillen gemacht, und zwar sollte er dreimal täglich davon nehmen, bei strengem Fasten, in einem halben Viertelmaß Bußtränen. (Ihr wißt ja, Ärzte geben ihren Kranken oft seltsame Arzneien.) Als diese Arznei fertig war und dem Knaben gereicht wurde, wollte er sie zuerst nicht nehmen, wiewohl er von schrecklichen Leibschmerzen gepeinigt war, als ob es ihn in Stücke zerreißen wollte.
„Komm, komm,“ sagte der Arzt, „du mußt es jetzt einnehmen!“
„Es ekelt mir davor!“ erwiderte der Junge.
„Es muß sein; ich will, daß du es nimmst,“ sagte die Mutter.
„Ich werde es wieder von mir geben müssen,“ versetzte der Knabe.
„Bitte, lieber Herr,“ sprach Christin zu Herrn Geschickt, „wie schmeckt es denn?“
„Gar nicht übel,“ antwortete der Doktor. Da kostete sie eine der Pillen mit der Spitze ihrer Zunge.
„O Matthäus,“ sagte sie, „die Pillen schmecken gar nicht bitter! Wenn du deine Mutter liebhast, wenn du deine Brüder liebhast, wenn du Barmherzig liebhast, ja wenn du dein Leben liebhast, so nimm sie!“
So nahm er sie denn nach vielem Zureden und einem kurzen Gebet um Gottes Segen, und das Mittel tat seine Wirkung. Es brachte ihn in einen ruhigen Schlaf und gehörigen Schweiß und befreite ihn völlig von seinen Leibschmerzen. Bald stand er wieder auf und ging an einem Stock umher und unterhielt sich mit Weisheit, Gottesfurcht und Liebe von seiner Krankheit und wie er war gesund geworden.
Als nun der Knabe gesund war, sprach Christin zu dem Arzt: „Herr, womit soll ich deine Mühe und die Sorge mich und mein Kind vergelten?“
Er antwortete: „Den Lohn mußt du dem Meister aller Ärzte entrichten nach den Vorschriften, die Er für diesen Fall geboten und verordnet hat[189].“
Christin. Mein Herr, wozu ist dieses Mittel sonst noch gut?
Geschickt. Es ist ein Universalmittel und gut gegen jegliches Übel, das einem Pilger begegnen kann, und wenn es wohl zubereitet ist, so hält es sich auch durch die Länge der Zeit hindurch, ohne zu verderben.
Christin. Bitte, lieber Herr, bereite mir zwölf Schachteln voll von diesen Pillen; denn wenn ich mit dieser Arznei hinreichend versehen bin, brauche ich mich nach keiner andern mehr umzusehen.
Geschickt. Dieses Mittel ist ebenso gut, Krankheiten vorzubeugen wie sie zu heilen. Ja, ich darf’s sagen und stehe dafür ein, daß, wenn jemand öfteren Gebrauch davon macht, er dadurch wird leben ewiglich[190]. Doch, das merke dir, liebe Christin, daß diese Pillen nur in der vorgeschriebenen Weise eingenommen werden dürfen, wenn sie zum Segen ausschlagen sollen.
Also überreichte er Christin für sich, ihre Knaben und Barmherzig von dieser Arznei, ermahnte Matthäus, sich in Zukunft vor schädlichen Früchten zu hüten, nahm alsdann Abschied von ihnen und ging seines Weges.
Wie schon zuvor erwähnt, hatte Weisheit sich den Knaben angeboten, ihnen auf allerlei nützliche Fragen zu antworten. So fragte nun Matthäus, der eben krank gewesen, warum doch die meisten Arzneien dem Gaumen bitter wären.
Weisheit. Um zu zeigen, wie unwillkommen das Wort Gottes und seine Wirkungen für ein fleischlich gesinntes Herz sind.
Matthäus. Warum pflegt die Arznei, wenn sie wirksam ist, Ausleerung und Erbrechen zu verursachen?
Weisheit. Um zu zeigen, daß, wenn das Wort kräftig wirkt, es Herz und Sinn reinigt, denn siehe, was das eine am Leib tut, das tut das andre an der Seele.
Matthäus. Was sollen wir dabei lernen, wenn wir sehen, daß die Flamme des Feuers immer in die Höhe steigt, während aber die Strahlen der Sonne und ihre angenehme Wärme nach unten wirken?
Weisheit. An dem Aufsteigen der Feuerflammen können wir lernen, wie wir mit inbrünstigem Verlangen nach dem Himmel trachten sollen. Daran aber, daß die Sonne ihre Strahlen und ihre belebende Wärme nach unten sendet, lernen wir, daß der Heiland der Welt, obgleich hoch erhaben, sich dennoch mit Seiner Gnade und Liebe zu uns herabläßt.
Matthäus. Woher haben denn die Wolken ihr Wasser?
Weisheit. Aus dem Meer.
Matthäus. Was können wir hieraus lernen?
Weisheit. Daß die Diener am Wort ihre Lehre von Gott haben sollen.
Matthäus. Warum entladen sich die Wolken auf die Erde?
Weisheit. Um darauf hinzuweisen, daß die Diener am Wort das von Gott Empfangene der Welt mitteilen sollen.
Matthäus. Warum entsteht der Regenbogen durch die Sonne?
Weisheit. Um zu zeigen, daß der göttliche Gnadenbund uns in Christus versiegelt ist.
Matthäus. Warum kommen die Quellen aus den Meeren durch die Erde zu uns?
Weisheit. Um damit anzuzeigen, daß die Gnade Gottes durch den Leib Christi zu uns kommt.
Matthäus. Warum entspringen manche Quellen auf dem Gipfel hoher Berge?
Weisheit. Um zu zeigen, daß der Geist der Gnade ebensowohl in einigen der Hohen und Mächtigen wie in vielen Armen und Geringen hervorquellen will.
Matthäus. Warum haftet das Feuer an dem Docht des Lichtes?
Weisheit. Zu zeigen, daß, wenn die Gnade nicht das Herz entzündet, kein wahres Licht des Lebens in uns ist.
Matthäus. Warum werden Docht, Talg und alles verzehrt, um das Licht auf dem Leuchter zu unterhalten?
Weisheit. Um damit anzuzeigen, daß Leib und Seele und alles, was wir sind und haben, der in uns wirkenden Gnade Gottes zur Verfügung stehen und wir uns ihr zuliebe ganz verzehren sollen, um sie bei uns kräftig zu erhalten.
Matthäus. Warum reißt sich der Pelikan mit seinem Schnabel die eigene Brust auf?
Weisheit. Damit er seine Jungen mit seinem eigenen Blut ernähre und uns lehre, daß Christus, der Hochgelobte, Seine Küchlein, das ist Sein Volk, also liebt, daß Er es durch Sein Blut vom Tod erlöst.
Matthäus. Was können wir daraus lernen, wenn wir einen Hahn krähen hören?
Weisheit. Es soll uns erinnern an des Petrus Verleugnung und seine Reue. Der Hahnenschrei kündet auch den anbrechenden Tag an; so werde dadurch eingedenk des letzten schrecklichen Tages des Gerichts!
Nachdem die Pilger sich allhier einen Monat aufgehalten hatten, teilten sie ihren Gastgebern mit, daß es nun an der Zeit sei, bald wieder weiterzuziehen.
Da sprach Joseph zu seiner Mutter: „Vergiß nicht, jemand nach dem Hause des Herrn Auslegers zu senden und ihn zu bitten, daß er uns auf unserm übrigen Weg wieder Herrn Mutherz als Geleitsmann mitgebe.“
„Du liebes Kind,“ sagte sie, „das hätte ich beinahe vergessen.“
Also setzte sie eine Bittschrift auf und bat den Pförtner Wachsam, diese durch einen zuverlässigen Boten an ihren treuen Freund, Herrn Ausleger, zu übermitteln. Als dieser die Schrift empfangen und gelesen hatte, sprach er zu dem Boten: „Gehe hin und sage ihnen, daß ich ihn senden wolle.“
Wie nun die Zeit des Abschieds nahte, versammelten sich alle Glieder des Hauses, um ihrem König Dank zu sagen, daß Er ihnen so werte Gäste zugeschickt; und sie sprachen alsdann zu Christin: „Sollen wir dir, wie wir’s den Pilgern zu tun pflegen, nicht auch etwas zeigen, worüber du dann auf dem Wege nachdenken kannst?“
So führten sie Christin, ihre Knaben und Barmherzig in ein Gemach und zeigten ihnen eine Frucht. Und sie fragten Christin: „Weißt du, was das ist?“ Sie antwortete: „Ich weiß es nicht, entweder ist es Speise oder Gift.“ Nun wurde ihr gesagt, es sei eine von den Früchten, von denen Eva gegessen und wovon sie auch ihrem Mann gegeben, daß er aß, und um deswillen sie beide aus dem Paradies hatten weichen müssen (1. Mos. 3, 6 ff.). Da hob Christin erschreckt die Hände in die Höhe über dem Ernst der Sünde.
Von hier wurden sie an einen andern Ort gebracht, wo sie Jakobs Leiter (1. Mos. 28, 12) sehen durften, und siehe, Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Alsbald wollten sie weitergehen, um den Pilgern noch etwas andres zu zeigen, da sagte Jakob zu seiner Mutter: „Bitte, sage ihnen, daß sie hier doch ein wenig länger verweilen, denn dies ist gar merkwürdig anzusehen!“ Sie kehrten wieder um und blieben stehen und weideten ihre Augen an dem so lieblichen Bild.
Weiter kamen sie in einen Saal, wo ein goldener Anker hing. „Nimm ihn herunter,“ sprachen sie zu Christin, „ihr sollt ihn mit euch nehmen, denn er ist euch durchaus notwendig, daß ihr ihn haltet als einen festen Anker eurer Seelen, der auch hineingeht in das Inwendige des Vorhangs (Hebr. 6, 19), und damit ihr unbeweglich dasteht, wenn euch Sturm und Ungewitter überfallen[191].“ Mit großer Freude nahmen sie diese Gabe an.
Alsdann führte man sie auf den Berg, auf welchem Abraham, unser Vater, seinen Sohn Isaak darbrachte, und man zeigte ihnen den Altar, das Holz, das Feuer und das Messer, denn sie sind noch zu sehen bis auf diesen Tag (1. Mos. 22). Als sie das gesehen hatten, hoben sie ihre Hände auf und priesen sich selig und sprachen: „O welch ein Mann der Liebe zu seinem Herrn und in der Verleugnung seiner selbst war Abraham!“
Weisheit brachte hierauf die Pilger in den Speisesaal, wo ein vortreffliches Saiteninstrument stand. Darauf spielte sie und sang dazu das Lied von dem, was sie soeben gesehen:
Ihr habet sie gesehen, die lockendschöne Frucht, Wovon das erste Elternpaar genossen Und so das Paradies der Menschheit zugeschlossen; Bedenkt es wohl, wenn Satan euch versucht! Wie waret ihr entzückt ob Jakobs Himmelsleiter; Das Herz hinaufgeschickt, — wallt eure Straße weiter! Der Anker, den wir euch zum Troste mitgegeben, Er spendet große Kraft in Not und in Gefahr. Wie Vater Abraham seid willig immerdar Zum Opfer und zum Dienst, gilt es selbst Gut und Leben.
Inzwischen war nun Mutherz angekommen, er meldete sich am Tor und wurde alsbald eingelassen. Mit großem Jubel empfingen ihn die Frauen und Knaben, denn ihnen allen trat aufs neue wieder vor die Seele, wie er den alten Riesen Blutdurst erschlagen und sie von den Löwen errettet hatte.
Mutherz sprach zu Christin und Barmherzig: „Mein Herr sendet einer jeden von euch zur Stärkung auf dem Weg eine Flasche Wein und etwas Gebackenes nebst ein paar Granatäpfeln, dazu auch für die Knaben einige Feigen und Rosinen.“
In Begleitung von Weisheit und Gottesfurcht brachen sie nun auf. Am Tor fragte Christin den Pförtner, ob unlängst jemand vorbeigekommen sei.
Er antwortete: „Nein, doch habe ich erfahren, daß vor kurzem auf des Königs Heerstraße, die ihr jetzt ziehen werdet, ein großer Raub verübt worden sei. Die Diebe wären aber ergriffen worden und hätten ihr Verbrechen mit dem Leben einzubüßen.“
Da erschraken Christin und Barmherzig, Matthäus aber sagte: „Mutter, fürchte dich nur nicht, solange Herr Mutherz mit uns geht und unser Führer ist!“
„Herr,“ sprach Christin nun zu dem Pförtner, „ich bin dir zu großem Dank verpflichtet für alle deine Liebe und Güte, die du mir und meinen Kindern in dieser ganzen Zeit erwiesen hast. Ich weiß nicht, wie ich dir deine Freundlichkeit vergelten soll. Ich bitte dich, du wollest aber als Zeichen meiner Achtung gegen dich dieses wenige annehmen.“ Damit drückte sie ihm ein Goldstück in die Hand. Er verneigte sich vor ihr und sagte: „Laß deine Kleider immer weiß sein und laß deinem Haupt Salbe nicht mangeln! (Pred. 8, 8) Barmherzig möge leben und nicht sterben und ihrer Werke seien viele!“ (5. Mos. 33, 6.) Und zu den Knaben sprach er: „Fliehet die Lüste der Jugend, jaget nach der Gottseligkeit (2. Tim. 2, 22) und haltet euch zu denen, die weise und ehrbar wandeln! So werdet ihr euer Mutter Herz mit Freude erfüllen und von allen Verständigen gepriesen werden.“
Sie dankten dem Pförtner und reisten ab.
Fußnoten:


Sechstes Kapitel. Im Tal der Demut und der Todesschatten.

Bald hatten sie die Höhe des Berges erreicht, da blieb Gottesfurcht plötzlich sinnend stehen und rief aus: „Ach, ich habe vergessen, was ich Christin und ihrem Gefährten mitgeben wollte; ich will zurückgehen und es holen.“ Also lief sie, um es zu holen. Als sie fort war, dünkte es Christin, als höre sie aus einem Wäldchen, das zur rechten Hand ein wenig abseits lag, eine wunderbare Melodie ertönen; sie lauschte und glaubte folgende Worte zu verstehen:
Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich nicht wert; Das zähl’ ich zu dem Wunderbaren, mein stolzes Herz hat’s nie begehrt. Nun weiß ich das und bin erfreut und rühme die Barmherzigkeit!
Und während sie noch horchte, kam es ihr vor, als ob eine andre Stimme der ersten antwortete:
Dies laß ich kein Geschöpf mir rauben, dies soll mein einzig Rühmen sein. Auf dies Erbarmen will ich glauben; auf dieses bet’ ich auch allein; Auf dieses duld’ ich in der Not; auf dieses hoff’ ich noch im Tod!
Christin fragte Weisheit, von wem denn diese seltsamen Töne kämen.
„Es ist der Gesang der Vögel dieses Landes,“ antwortete sie, „im Frühling, wenn die Blumen hervorkommen und die Sonne warm scheint, kann man sie den ganzen Tag so jubilieren hören (Hohesl. 2, 11. 12). Durch ihre fröhlichen Weisen machen sie die Wälder, Haine und einsamen Plätze zu einem lieblichen Aufenthaltsort, daß es mich oft dorthin zieht, um mich daran zu erbauen. Wir halten aber auch einige zahm in unserm Hause, und sie sind uns in trüben Stunden eine sehr angenehme Gesellschaft.“
Inzwischen war Gottesfurcht wieder angelangt. „Siehe,“ sagte sie zu Christin, „hier bringe ich dir eine Abbildung von all den Dingen, die du in unserm Hause gesehen hast. Dadurch kannst du dich zur Stärkung und zum Trost wieder alles dessen erinnern, wenn dir das eine oder andre aus dem Gedächtnis entschwunden ist.“
Nun galt es den Berg hinabzusteigen in das Tal der Demut. Der Weg fiel hier steil ab und war schlüpfrig; aber sehr behutsam gingen sie vor und kamen glücklich hinunter. Im Tal angekommen, sprach Gottesfurcht zu Christin: „Dies ist der Ort, wo dein Mann auf den bösen Feind Apollyon stieß und wo er den heftigen Kampf mit ihm bestand. Ich weiß, du mußt davon gehört haben. Aber sei nur gutes Mutes! Solange du Herrn Mutherz als Führer und Begleiter bei dir hast, hoffen wir, wirst du besser fortkommen.“
Nachdem Gottesfurcht und Weisheit die Pilger noch der Obhut ihres Führers anbefohlen, wandten sie wieder um.
Also ging Mutherz voran, die Frauen und Kinder folgten ihm nach, und er sprach zu ihnen:
„Wir brauchen uns vor diesem Tal nicht so sehr zu fürchten, denn es kann uns kein Leid geschehen, wofern wir es uns nicht selber durch Unvorsichtigkeit zuziehen. Wohl hatte Christ gegen Apollyon einen harten Stand, doch dies war allein die Folge seiner Fehltritte, die er beim Abstieg des Berges getan hatte. Fehltritte dort bringen nämlich Kämpfe hier, und daher kommt’s auch, daß dies Tal einen so schlechten Ruf hat. Es ist leider so: wenn der gemeine Mann hört, daß an einem bestimmten Ort jemand ein Unfall begegnet ist, so gerät er gleich in den Wahn, daß dort grimmige Feinde und höllische Geister hausen müßten, während es doch die Frucht ihrer eigenen Werke ist, wenn ihnen dergleichen zustößt. Dieses Tal der Demut ist an sich ein ebenso fruchtbarer Ort wie jeder andre, über den die Vögel dahinfliegen; zudem muß hier irgendwo, wie ich meine, eine Inschrift stehen, die uns darüber Auskunft gibt, warum Christ allda so hart bedrängt worden ist.“
Da rief Jakob seiner Mutter zu: „Sieh, dort steht eine Säule, und mir scheint, als ob etwas daran geschrieben stände. Laßt uns hingehen und sehen, was es ist!“ Sie traten hinzu und lasen: „Mögen Christs Fehltritte, die er tat, ehe er hierherkam, und die Kämpfe, die er an diesem Ort zu bestehen hatte, allen Vorübergehenden zur Warnung dienen!“
Hierauf fuhr Mutherz fort: „Es gereicht dies jedoch Christ nicht zu größerer Unehre als so vielen andern, die mit ihm dasselbe Los und Schicksal gehabt haben; denn es ist leichter, diesen Berg zu ersteigen als wieder hinunterzukommen, wie das bei etlichen Bergen in allen Weltteilen der Fall ist. Aber wir wollen von dem lieben Christ nun absehen; denn er ruht jetzt nach wohl erkämpftem Sieg aus. Laßt uns Gott, der im Himmel wohnt, bitten, daß es uns nicht ärger denn ihm ergehe, wenn die Stunde der Prüfung über uns kommt.
Um wieder auf das Tal der Demut zurückzukommen, es ist das beste und fruchtbarste Stück Land in dieser ganzen Gegend. Der Boden ist fett, wie ihr’s an den Wiesen ersehen könnt. Wenn jemand zur Sommerszeit hierherkommt wie wir jetzt und einen Sinn hat für die Schönheiten in Gottes Natur, so muß ihm dieser Anblick zu hoher Freude gereichen. Seht, wie grün das Tal und wie schön es mit Lilien geschmückt ist! Ich habe auch manche Arbeiter gekannt, die in diesem Tal der Demut zu großem Wohlstand gelangt sind; denn Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt Er Gnade (1. Petr. 5, 5). In der Tat, es ist ein erstaunlich fruchtbarer Boden und bringt überflüssig ein. Mancher hat daher schon gewünscht, daß dies der nächste Weg zu seines Vaters Haus wäre und es keine weiteren Hügel und Berge mehr zu übersteigen gäbe; aber man ist hier eben noch auf dem Weg und nicht am Ende.“
Während sie noch also miteinander redeten, gewahrten sie einen Knaben, der seines Vaters Schafe hütete. Seine Kleidung war sehr dürftig, er hatte aber ein frisches, munteres Aussehen, und wie er so dasaß, sang er für sich ein Lied.
„Horcht,“ sagte Mutherz, „auf das, was der Hirtenknabe singt!“ Sie horchten, und er sang:
Mich führt durch Licht und Nächte des guten Hirten Hand; Er lehrt mich Seine Rechte in diesem Pilgerland. Bald schenkt Er reiche Gabe, bald hemmt Er meinen Flug; Doch wenn ich Ihn nur habe, so hab’ ich stets genug! Heut salbt Er mich mit Öle und decket mir den Tisch, Erquicket meine Seele und macht den Mut mir frisch. Und sollt’ ich morgen wenig aus Seiner Hand empfahn, So bleibt er doch mein König und ich Sein Untertan. Er schenkt mir Seine Gnade und Seinen Geist zum Pfand, Sein Licht erhellt die Pfade mir bis zum Heimatland. Sein Lieben ist unsäglich, drum ist Sein Preis mein Ziel; Und rühmt’ ich Ihn auch täglich, ich rühmt’ Ihn nie zu viel!
„Hört ihr’s?“ fragte Mutherz. „Ich zweifle nicht daran, daß dieser Knabe glücklicher ist und mehr von dem edlen Kräutlein, das Zufriedenheit heißt, in seinem Busen trägt als mancher, der in Samt und Seide gekleidet ist[192]. Doch wir wollen in unsrer Unterredung fortfahren:
In diesem Tal hatte unser Herr früher ein Landhaus und weilte sehr gern hier. Er liebte es, in diesen Auen zu wandeln, denn Er fand die Luft hier so angenehm. Zudem ist dies Tal der Demut ein sehr stiller Ort, fern von dem Getümmel und Getriebe dieses Lebens, wovon die Welt allenthalben so erfüllt ist. Hier kann man sich seinen ernsten Betrachtungen hingeben, ohne gestört und gehindert zu werden, wie dies anderorts so leicht geschieht. Auch wird dieses Tal nur von solchen betreten, die das Pilgerleben lieben. Und obwohl Christ hier in schwere Bedrängnis geriet, indem er mit Apollyon zusammentraf und sich mit ihm in einen heißen Kampf einlassen mußte, so kann doch auch gesagt werden, daß in frühern Zeiten manche hier Engeln begegnet sind[193], Perlen entdeckt[194] und Worte des Lebens gefunden haben[195]. Wie schon erwähnt, hatte unser Herr einen Landsitz hier und liebte es, sich da aufzuhalten. Ja, und für das Volk, das gern in diesen Gründen wandelt, hat Er ein jährliches Einkommen hinterlassen[196], das ihnen in bestimmten Fristen getreulich ausbezahlt wird, nämlich für ihren Unterhalt auf der Reise und zur Ermunterung auf die fernere Wallfahrt.“

Sie gewahrten einen Knaben, der seines Vaters Schafe hütete (
S. 261.
).
⇒ GRÖSSERES BILD
„Herr,“ sprach Samuel zu Mutherz, indem sie miteinander gingen, „mein Vater hat also in diesem Tal mit Apollyon gekämpft; aber an welcher Stelle mag dieser Kampf stattgefunden haben? denn ich sehe, das Tal zieht sich in die Länge.“
Mutherz. Das war dort drüben, wo ein enger Durchgang ist, gerade neben dem Rasenplatz Vergessenheit. Das ist wohl die gefährlichste Stelle in der ganzen Gegend; denn wenn den Pilgern irgend einmal ein Unfall begegnet, so geschieht es dann, wenn sie der empfangenen Wohltaten Gottes vergessen und nicht mehr gedenken, wie unwürdig sie derselben sind. An diesem Ort sind schon manche in harte Bedrängnis geraten. Doch wir können weiter darüber reden, wenn wir dort angelangt sind; denn es wird ohne Zweifel bis auf den heutigen Tag noch irgendeine Spur von dem Kampf oder ein Erinnerungszeichen daran vorhanden sein.
„Mir ist,“ fiel Barmherzig hier ein, „so wohl in diesem Tal, wie ich es kaum irgendwo auf unsrer ganzen Reise empfand; es stimmt so alles zu meiner Gemütsart. Hier hört man keinen Straßenlärm, kein Peitschengeknall und Wagengerassel. Solch stille Plätze sind so recht dazu angetan, daß man wieder zu sich selber kommen kann und dessen eingedenk wird, wie und was man ist und wozu der König uns berufen hat. Es ist ein Ort für solche, die zerbrochenen Herzens und zerschlagenen Geistes sind, deren Augen überfließen wie die Teiche zu Hesbon (Hohesl. 7, 5). Wohl denen, die rechtschaffen durch dies Tal gehen, die machen daselbst Brunnen, und ihre Brunnen werden gefüllt durch die milden Regengüsse, die Gott selbst vom Himmel sendet über die, welche Ihm hier von Herzen nachwandeln (Ps. 84, 6. 7). Dies ist das Tal, aus welchem der König den Seinen ihre Weinberge geben will (Hos. 2, 17), und daselbst werden sie singen, wie Christ sang trotz seiner Begegnung mit Apollyon.“
Mutherz. Es ist wahr; ich bin des öftern durch dieses Tal gezogen, und es ward mir nirgends wohler als hier. Ich habe auch manche Pilger begleitet, die alle dasselbe bezeugt haben. „Ich sehe an den Elenden,“ spricht der König, „und der zerbrochenes Geistes ist und der sich fürchtet vor Meinem Wort“ (Jes. 66, 2).
Nunmehr kamen sie an den Ort, wo der vorhin erwähnte Kampf vorgefallen war. „Dies ist die Stätte,“ sprach der Führer, „hier stand Christ, da Apollyon auf ihn eindrang. Und seht, sagte ich es nicht? es sind noch Spuren von deines Mannes Blut auf diesen Steinen zu sehen! Seht, wie da und dort noch Splitter von den zerbrochenen Pfeilen Apollyons umherliegen! Seht nur, wie sie den Boden mit ihren Füßen zertreten haben, um sich gegeneinander zu behaupten. Ja, von den Hieben, die fehlgingen, sind selbst die Steine in Stücke zerschlagen worden! Wahrlich, Christ hat sich hier als Mann erwiesen und sich tapfer gezeigt wie ein wahrer Herkules. Als Apollyon geschlagen war, nahm er seinen Weg in das nächste Tal, genannt das Tal der Todesschatten, durch das auch wir nun ziehen werden. Seht, und dort steht ein Denkmal, auf welchem Christs Kampf und Sieg zu seinem Ruhm für kommende Geschlechter eingegraben ist. Da das Denkmal gerade hart am Weg stand, traten sie hinzu und lasen die Schrift, die also lautete:
Hier fand einst statt ein furchtbar mächtig Ringen, Apollyon den Christen wollt’ bezwingen; Erbittert war der Streit, es kam zum Handgemenge, Schon bracht’ Apollyon den Treuen ins Gedränge; Doch der faßt’ Gottes Schwert, versetzt ihm Streich auf Streich — Geschlagen fuhr der Feind hinab ins Höllenreich. Drum dieses Denkmal soll es jedermann bekunden, Daß Christ im harten Kampf mit Gott weit überwunden.
Als die Pilger an dieser Stelle vorüber waren, kamen sie in das Tal der Todesschatten. Es war dies Tal länger als das erstere und wurde merkwürdigerweise von unheimlichen bösen Wesen sehr beunruhigt, was ihrer viele bezeugen können. Diese Frauen und Kinder konnten sich daher glücklich schätzen, daß sie noch Tageslicht hatten und daß Mutherz als Führer bei ihnen war.
Schon bei ihrem Eintritt in das Tal glaubten sie Jammertöne und lautes Stöhnen zu vernehmen wie von Sterbenden und solchen, die sich in äußerster Qual befanden. Darob zitterten die Knaben, und auch die Frauen entfärbten sich; aber ihr Führer hieß sie gutes Mutes sein.
Während sie weiterschritten, war es ihnen, als ob der Boden unter ihren Füßen wankte und der Weg hohle Stellen hätte; auch hörten sie ein Zischen wie von Schlangen, ohne daß sie jedoch von dergleichen etwas sehen konnten. Da fragten die Knaben: „Sind wir noch nicht am Ende dieses schrecklichen Tales?“ Der Führer sprach ihnen abermals Mut zu und hieß sie auf ihre Füße zu achten, damit sie nicht in eine Schlinge gerieten.
Um diese Zeit fing Jakob an, unwohl zu werden, wahrscheinlich aus Angst. Da gab ihm seine Mutter ein wenig von dem stärkenden Getränk, das sie in des Auslegers Haus empfangen hatte, dazu drei von den Pillen, welche Doktor Geschickt bereitet hatte. Und der Knabe erholte sich wieder.
Als sie sich ungefähr in der Mitte des Tales befanden, sprach Christin: „Mich dünkt, ich sehe dort etwas vor uns auf dem Weg, eine Gestalt, wie ich noch niemals eine gesehen habe.“ Da rief Joseph: „Mutter, was ist es?“ — „Ein abscheuliches Wesen, mein Kind, ein abscheuliches Wesen,“ antwortete sie. „Aber Mutter, wem sieht es ähnlich?“ fragte er wieder. „Ich weiß nicht, wem es gleichsieht,“ erwiderte sie, „jetzt ist es nicht mehr weit entfernt. Jetzt ist es ganz nahe.“
„Wohlan,“ sprach Mutherz, „wer sich fürchtet, der halte sich ganz nahe zu mir!“ So kam der Feind heran; aber als ihm der Führer entgegentrat, verschwand er vor ihrer aller Augen. Und sie gedachten an das Wort, das ihnen gesagt war: „Widerstehet dem Teufel, so flieht er von euch!“ (Jak. 4, 7) Mit erleichterten Herzen zogen sie weiter.
Nach einer Weile, als Barmherzig sich gerade umwandte, siehe, da kam ein Ungeheuer schrecklich brüllend und in großen Sätzen hinter ihnen hergerannt. Seine Gestalt war wie die eines Löwen, und sein Gebrüll erfüllte das ganze Tal, so daß die Herzen der Frauen und Kinder darob erbebten. Mutherz trat nun vor und machte sich kampfbereit[197]. Das Untier kam in raschem Lauf auf ihn zu; aber als es sah, daß man ihm zu widerstehen entschlossen war, da zog es sich zurück und ließ sich nicht mehr blicken.
Bald kamen sie an eine Stelle, wo über die ganze Breite des Weges eine Grube aufgeworfen war; doch ehe sie sich anschicken konnten hinüberzugehen, überfiel sie ein dicker Nebel und eine Finsternis, so daß sie nichts vor sich sehen konnten. „Ach,“ riefen die Pilger aus, „was sollen wir nun tun?“
„Fürchtet euch nicht,“ sprach der Führer, „und wartet ruhig ab, bis uns auch aus dieser Not wird geholfen werden!“ Also blieben sie stehen, weil ihr Pfad versperrt war, und es war ihnen, als hörten sie nun um so deutlicher das Geschrei und Toben der Feinde. Auch das Feuer und der Rauch aus dem Abgrund konnten immer besser unterschieden werden.
„Nun sehe ich,“ sagte Christin zu Barmherzig, „wo mein armer Mann hat hindurchgehen müssen, und zwar ganz allein und das bei Nacht. Die höllischen Geister machten sich an ihn heran, als ob sie ihn in Stücke zerreißen wollten. Ich habe früher viel von diesem Tal der Todesschatten gehört; aber man kann es sich nicht recht vorstellen, bis man selber hineingekommen ist. Das Herz kennt sein eigen Leid, und in seine Freude kann sich kein Fremder mengen (Spr. 14, 10). Es ist schrecklich, hier zu sein.“
Mutherz. Hier ist’s, als wenn man mit großen Wassern zu kämpfen hätte und in die Tiefe hinunter müßte; es ist, als ob man auf dem Grund des Meeres säße oder in die Klüfte der Berge versänke, ja als ob die Riegel der Berge sich über uns für immer verschlossen hätten. Aber „die im Finstern wandeln und denen kein Licht scheint, die sollen hoffen auf den Namen des Herrn und sich verlassen auf ihren Gott“ (Jes. 50, 10). Was mich betrifft, so habe ich euch schon gesagt, daß ich des öftern durch dieses Tal gekommen bin und dabei viel Schwereres zu bestehen gehabt habe als jetzt, und doch stehe ich, wie ihr seht, noch vor euch. Es sei jedoch ferne von mir, mich zu rühmen, als allein dessen, der mich aus dem allem erlöst hat, und ich bin der guten Zuversicht, daß auch uns wird herrlich geholfen werden. Kommt, laßt uns den um Licht anrufen, der unsre Finsternis erleuchten kann und nicht nur dieses, sondern alle Teufel der Hölle daniederzuschlagen vermag.
Da schrien sie und beteten, und Gott sandte ihnen Licht und Rettung, so daß sie ungehindert ihren Weg fortsetzen konnten. Doch sie hatten das Ende des Tales noch nicht erreicht und wurden durch den entsetzlichen Gestank und die widerlichen Gerüche, die hier entstanden, sehr belästigt.
„Wahrlich,“ sagte Barmherzig zu Christin, „das ist kein so angenehmer Aufenthaltsort wie an der Pforte oder bei dem Ausleger oder in unsrer letzten Herberge.“
„Gewiß,“ erwiderte einer der Knaben, „aber es ist immerhin noch nicht so schlimm hier durchzugehen, als hier zu bleiben. Und daß wir diesen Weg nehmen müssen, wird dazu dienen, daß uns unsre zukünftige Heimat um so lieblicher erscheinen wird.“
Mutherz. Ganz recht, Samuel, jetzt hast du wie ein Mann geredet.
„Ja, wenn ich von dannen wieder herauskomme,“ fuhr der Knabe fort, „werde ich wohl das Licht und einen guten Weg höher schätzen als je in meinem ganzen Leben.“
Mutherz. Wir haben nun den größten Teil dieses Tales hinter uns.
„Kann man das Ende noch nicht sehen?“ fragte nach einer Weile Joseph.
„Gib lieber acht auf deine Füße,“ antwortete der Führer, „daß du nicht in einen Fallstrick gerätst, deren auf diesem Wege viele gelegt sind.“ Sehr behutsam zogen sie weiter, aber trotzdem machten ihnen diese Schlingen viel zu schaffen.
Ein wenig abseits auf der linken Seite des Weges sahen die Pilger einen Mann in einer Grube liegen, dessen Körper ganz zerfleischt und zerrissen war. „Das ist Unachtsam,“ sagte der Führer, „er liegt schon lange hier. Während er gefangen und erschlagen wurde, gelang es seinem Begleiter, namens Achtsam, zu entfliehen. Schon viele sind in dieser Gegend getötet worden, und gleichwohl sind die Leute so verwegen und leichtsinnig, daß sie sich ohne Führer auf die Pilgerfahrt begeben. Es ist ein Wunder, daß Christ hier durchkam. Aber er war seinem Gott lieb, und er hatte ein mutiges Herz, sonst wär’s ihm nimmer gelungen.“
Sie näherten sich nun dem Ende des Tales. Da, wo Christ seinerzeit eine Höhle gesehen, trat ein Riese namens Hammer hervor. Dieser pflegte die jungen Pilger durch seine trügerischen Reden hinter das Licht zu führen. Er rief mit lauter Stimme: „Herr Mutherz, habe ich dir nicht schon oft verboten, diese Dinge zu treiben?“ — „Was denn für Dinge?“ fragte Mutherz.
„Das weißt du recht wohl,“ antwortete der Riese, „aber ich will dir nun ein für allemal das Handwerk legen.“
„Aber, bitte,“ sagte Herr Mutherz, „bevor wir miteinander kämpfen, muß ich wissen, wessen du mich beschuldigst!“
Da sprach der Riese: „Du beraubst das Land in Gemeinschaft mit den ärgsten Dieben.“
„Das sind ganz allgemeine Reden,“ erwidert Mutherz, „sprich dich deutlicher aus!“
„Du treibst das schändliche Gewerbe eines Seelenverkäufers,“ sagte der Riese, „und lockst Weiber und Kinder an dich und schleppst sie in ein fremdes Land; damit schädigst du das Reich meines Fürsten.“
Mutherz. Ich bin ein Diener des Allerhöchsten. Mein Amt ist, die Sünder zur Buße zu rufen. Es ist meine heilige Pflicht, Männer, Frauen und Kinder aus der Finsternis zum Licht zu führen und aus der Gewalt Satans zu Gott. Und wenn nun dieses der Grund deines Scheltens ist, wohlan, so will ich es mit dir ausfechten, sobald du willst.
Alsbald kam der Riese mit seiner Keule heran, Mutherz zog sein Schwert und ging ihm entgegen. Der Kampf begann, und der Riese schlug Mutherz mit dem ersten Streich nieder, daß er aufs Knie sank. Da schrien die Frauen und Kinder laut auf. Mutherz erhob sich indessen schnell wieder, griff den Riesen noch einmal tapfer an und verwundete ihn an seinem Arm. So stritten sie miteinander bei einer Stunde mit großer Heftigkeit, daß der Atem aus des Riesen Nasenlöchern hervorbrach wie der Dampf aus einem kochenden Kessel.
Darauf hielten sie einen Augenblick inne, Mutherz aber wandte sich zum Gebet. Auch die Frauen und Kinder taten, solange der Kampf währte, nichts andres als seufzen und schreien. Nachdem sie Atem geschöpft und sich ein wenig erholt hatten, fielen sie wieder aufeinander los, und diesmal streckte Mutherz den Riesen mit einem wuchtigen Schlag zu Boden.
„Halt!“ schrie dieser. „Laß mich doch noch einmal aufkommen!“ Mutherz, ein Ritter, wie er war, ließ ihn nochmals gewähren, und von neuem begann der Kampf. Es fehlte wenig, so hätte ihm jetzt der Riese mit seiner Keule den Schädel zerschmettert. Als Mutherz dies gewahrte, drang er mit der vollen Hitze seines Mutes auf den Gegner ein und traf ihn unter der fünften Rippe. Da fing der Riese an zu wanken und vermochte seine Keule nicht länger zu schwingen. Mutherz schlug ihn vollends nieder und hieb ihm den Kopf ab. Hierüber jauchzten die Frauen und Kinder vor Freuden, und Mutherz pries Gott für den Sieg, den Er ihm gegeben hatte.
Sie richteten nun miteinander eine Säule auf und hefteten des Riesen Haupt daran; darunter aber schrieben sie, so daß es alle Vorübergehenden lesen konnten:
Beschaue dir dies Bild und sprich: Gott sei gepriesen, Der Seiner Pilgerschar so großes Heil erwiesen! Der, dem dies Haupt einst war, gar manchen grausam trog, Verletzte, brachte um, der hier vorüberzog, Bis Führer Mutherz ihm, ein Pilgerfreund ohn’ Zagen, Nach tapferm, heißem Strauß den Kopf vom Leib geschlagen.
Fußnoten:


Siebentes Kapitel. Redlich, ein treuer Mitpilger.

Der Weg führte nun über eine kleine Anhöhe, die zu dem Zweck aufgeworfen war, damit die Pilger hier einige Aussicht hätten. Es war derselbe Hügel, von wo aus einst Christ seinen Freund Getreu erblickte. Allda hielten sie kurze Rast, aßen und tranken von dem, was sie bei sich hatten, und ihre Herzen waren voll Lob und Dank gegen Gott ob all Seiner herrlichen Durchhilfe.
„Herr Mutherz,“ redete Christin den Führer an, „hast du aus dem Kampf mit dem Riesen keine Verletzung davon getragen?“
„Nein,“ antwortete er, „außer einer kleinen Wunde habe ich keinen Schaden erlitten. Sie soll mir als Ehrenzeichen gelten, und ich freue mich, daß ich meiner Liebe zu meinem Herrn Ausdruck verleihen durfte, indem ich mein Leben für euch aufs Spiel setzte. Ich weiß, es wird mir dies auch nicht unbelohnt bleiben.“
Christin. Aber, lieber Herr, ist dir denn gar nicht bange geworden, als du ihn mit seiner Keule herankommen sahst?
Mutherz. Ich habe gelernt, von meiner eigenen Kraft ganz abzusehen und allein auf den meine Zuversicht zu setzen, der stärker ist als alle.
Christin. Aber wie war dir zumute, als er dich mit dem ersten Hieb zu Boden brachte?
Mutherz. Nun, ich dachte, daß meinem Herrn dasselbe widerfahren sei, und daß Er dennoch zuletzt überwunden habe[198].
Matthäus. Was du auch gedacht haben magst, das eine ist gewiß, daß Gottes Güte sich wunderbar an uns erwiesen hat, indem Er uns aus der Hand unsrer Feinde errettet und uns wohlbehalten aus diesem Tal herausgebracht hat. Nein, angesichts solcher Tatsachen sehe ich wahrlich keinen Grund, warum wir je an Gottes Liebe zweifeln sollten.
Die Pilger brachen nun wieder auf und zogen weiter. Sie kamen bald an einer Eiche vorüber, unter der sie einen alten Pilger in tiefem Schlaf fanden. Daß er ein Pilger war, erkannten sie an seinem Kleid, Gürtel und Stab. Der Führer weckte ihn auf. Der alte Herr fuhr aus seinem Schlaf und rief: „Was gibt’s? Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?“
Mutherz. Nur nicht so hitzig, mein Freund! Du hast von uns nichts zu befürchten.
Dennoch sprang der alte Mann auf und blieb auf der Hut, bis er wußte, wer sie wären. Da sprach der Führer: „Mein Name ist Mutherz; ich bin der Führer dieser Pilger, die nach der himmlischen Stadt ziehen.“
„Ach, verzeiht mir,“ sagte Herr Redlich (denn so hieß er), „ich fürchtete, ihr könntet von der Bande sein, die vor einiger Zeit dem Kleinglauben all sein Geld raubte; aber ich sehe, daß ihr ehrliche Leute seid.“
Mutherz. Nun, wenn wir wirklich zu jener Bande gehört hätten, was würde es dir genützt haben, gegen uns anzugehen?
Redlich. Was es mir genützt hätte? Ei, ich hätte gekämpft auf Tod und Leben, und ich bin gewiß, daß ich nicht unterlegen wäre. Denn ein Christ kann nimmermehr überwunden werden, es sei denn, daß er klein beigibt.
Mutherz. Du hast die Wahrheit gesagt, Vater Redlich; daraus erkenne ich, daß du einer von der rechten Art bist.
Redlich. Und ich merke ebenfalls, daß du weißt, was es mit der rechten Pilgerschaft auf sich hat; denn es ist die Meinung weitverbreitet, als ob wir gar leicht über den Haufen zu werfen seien.
Mutherz. Da wir so glücklich sind, einander hier zu treffen, so laß mich doch, bitte, deinen Namen und deine Herkunft wissen!
Redlich. Meinen Namen, den kann ich dir nicht sagen; aber ich bin aus der Stadt Stumpfsinn gebürtig, die nur etwa vier Stunden hinter der Hauptstadt Verderben liegt.
Mutherz. So, das ist dein Geburtsort? Dann meine ich, so halb und halb erraten zu können, wer du bist. Dein Name ist alte Redlichkeit, ist’s nicht so?
„Redlichkeit zwar nicht,“ sagte der alte Herr errötend, „sondern Redlich ist mein Name, und ich wünschte, daß mein Wesen mit diesem mir beigelegten Namen übereinstimmte. Aber, Herr, wie konntest du erraten, daß ich dieser Mann sei, bloß weil ich dir meine Vaterstadt nannte?“
Mutherz. Durch meinen Herrn habe ich schon von dir gehört, denn Er weiß alles, was auf Erden geschieht. Ich hätte es kaum je für möglich gehalten, daß jemand aus diesem Ort sich auf die Pilgerfahrt begeben würde; denn die Stadt Stumpfsinn übertrifft an Gottlosigkeit selbst die Hauptstadt Verderben.
Redlich. Ja, wir liegen noch weiter ab von der Sonne, und sind daher kälter und unempfindlicher. Aber wohnte einer gleich mitten in einem Eisberg, so müßte dennoch sein erstarrtes Herz auftauen, sobald die Sonne der Gerechtigkeit über ihm aufgeht. Und so ist es mir gegangen.
Mutherz. Ich glaub’s, Vater Redlich, ich glaub’s; denn ich weiß, daß dies wahr ist[199].
Der alte Herr wandte sich hierauf zu den Pilgern; er grüßte sie alle aufs herzlichste, fragte sie nach ihrem Namen und wie es ihnen bisher auf ihrer Pilgerreise ergangen sei.
„Ich denke,“ hob Christin an, „meinen Namen hast du schon nennen hören, denn der liebe Christ war mein Mann, und diese vier Knaben sind seine Kinder.“
Über dieser Mitteilung geriet der Alte fast außer sich vor Freude; er lachte und sprang und bewillkommte sie mit tausend Segenswünschen. „Ja,“ sprach er, „von deinem Mann habe ich vieles gehört, von seiner Reise und seinen Kämpfen, die er bei seinen Lebzeiten erduldet. Ich kann dir versichern, der Name deines Mannes hat überall einen guten Klang; sein Glaube, sein Mut, seine Beharrlichkeit und seine Treue haben ihn berühmt gemacht.“
Nachdem er nun die Namen der Knaben erfahren, sprach er zu ihnen: „Matthäus, werde du Matthäus, dem Zöllner, gleich, nicht in der Sünde, sondern in der Nachfolge! (Matth. 9, 9.) Samuel, sei du gleich dem Propheten Samuel, der ein Mann des Glaubens und des Gebets war! (1. Sam. 7, 8. 9.) Joseph, sei du keusch wie Joseph in des Potiphars Haus und fliehe die Versuchung! (1. Mos. 39.) Und du, Jakob, tritt in die Fußstapfen des Jakobus, des Gerechten, des Bruders unsers Herrn!“ (Gal. 1, 19.)
Auch von Barmherzig wurde ihm erzählt, wie sie ihre Heimat und Freundschaft verlassen hätte, um Christin und ihre Söhne zu begleiten. Und der alte Redlich sprach zu ihr: „Barmherzig ist dein Name; Gutes und Barmherzigkeit werden dir folgen dein Leben lang, und du wirst einst den Herrn, die Quelle der Barmherzigkeit, schauen von Angesicht zu Angesicht.“
Der Führer Mutherz hatte seine herzliche Freude an diesem neuen Reisegefährten, und während sie miteinander gingen, hatten sie folgendes Gespräch:
Mutherz. Vater Redlich, hast du nicht auch einen gewissen Herrn Ängstlich gekannt, der aus deiner Gegend auf die Pilgerschaft gezogen ist?
Redlich. Ja, ich kannte ihn sehr wohl. Er war ein Mann, der das eine besaß, das not tut; aber er war einer der ängstlichsten Pilger, die ich je in meinem Leben getroffen habe.
Mutherz. Ich merke wohl, du kennst ihn, denn du hast ihn ganz richtig geschildert.
Redlich. Wie sollte ich ihn nicht kennen? Ich bin lange Zeit sein Gefährte gewesen, und wir sind ein gutes Stück Weges miteinander gepilgert. Schon in den ersten Anfängen seines neuen Lebens hatte ich Umgang mit ihm.
Mutherz. Und ich war sein Führer von meines Herrn Hause bis an die Tore der himmlischen Stadt.
Redlich. Nun, dann kann dir seine allzu große Ängstlichkeit nicht verborgen geblieben sein.
Mutherz. Ich weiß es. Ich habe ihn dessenungeachtet doch recht liebgewonnen; denn Leuten meines Berufs wird des öftern die Führung solcher Seelen anvertraut.
Redlich. Nun denn, so laß uns doch etwas hören von ihm, wie er auf seiner Pilgerfahrt durchgekommen ist.
Mutherz. Ach, er war immer in Angst, daß er das Ziel seiner Sehnsucht nicht erreichen möchte. Jede Kunde von bevorstehenden Hindernissen und Gefahren, die an sein Ohr drang, versetzte ihn in nicht geringen Schrecken. Umkehren wollte er dennoch um keinen Preis. „Lieber tot als ungetreu,“ konnte man ihn oft sagen hören, und doch war er mutlos bei jeglicher Schwierigkeit und stolperte über jeden Strohhalm, der auf dem Weg lag. Bei dem Sumpf der Verzagtheit soll er über einen Monat jammernd auf und ab gegangen sein, ehe er es wagte, seinen Fuß hineinzusetzen, obwohl mehrere der vorübergehenden Pilger ihm dazu hilfreiche Hand boten. Dann auf einmal, es war an einem sonnigen Morgen, nahm er einen Anlauf und kam, ich weiß nicht wie, glücklich hinüber. Es war auch ihm selber wie ein Wunder. Ich glaube, er hatte eben solch einen Sumpf der Verzagtheit in seinem Herzen, sonst hätte es anders um ihn stehen müssen. So kam er denn an die Pforte, die am Eingang dieses Weges ist, und auch da währte es eine geraume Zeit, bis er den Mut fand, anzuklopfen. Als sich die Pforte öffnete, trat er zurück und machte andern Platz, die nach ihm angekommen waren, weil er sich unwürdig achtete, einzutreten. Zitternd und zagend stand der arme Mann da — ein Bild des Erbarmens! Zurückgehen wollte er natürlich nicht. Endlich faßte er sich ein Herz, schlug mit dem Klöpfel, der an der Tür hing, ein- oder zweimal sachte an. Alsbald ward ihm geöffnet, aber er bebte zurück wie zuvor. „Du Zitternder, was begehrst du?“ fragte der Torwächter. Ängstlich fiel zur Erde nieder. Jener, da er den armen Mann in so großer Schwachheit fand, sprach: „Friede sei mit dir! Steh auf, die Pforte ist offen; komm herein, du bist ein Gesegneter des Herrn!“ Nur langsam erhob er sich, und zitternd trat er ein, wagte es jedoch lange nicht, seine Augen aufzuheben. Freundlich ward er aufgenommen und bewirtet, und man wies ihm den Weg, den er nun nehmen sollte. So kam er denn an das Haus meines Herrn, des Auslegers. Wie bei der engen Pforte, so machte er es auch hier wieder. Er fürchtete sich anzuklopfen, und doch wollte er nimmermehr umkehren. Trotz der kalten Nächte schlich er eine lange Zeit um das Haus herum und stand in Gefahr, vor Hunger und Kälte zu verderben. Überdies hatte er ein dringendes Empfehlungsschreiben an meinen Herrn in der Tasche, daß er ihn aufnehmen und ihm alle Erquickung und Tröstung des Hauses zukommen lasse und ihm auch einen tüchtigen und beherzten Führer mitgeben möchte, weil er selber nicht mehr Herz habe als ein Küchlein. Ja, so groß war seine Niedergeschlagenheit, daß er, obschon er mehrere andre anklopfen und hineingehen sah, selbst es dennoch nicht zu tun wagte. Endlich gewahrte ich von meinem Fenster aus einen Menschen vor der Tür auf und ab gehen. Ich trat zu ihm hinaus und fragte, wer er wäre. Aber, der arme Mann! Die Tränen standen ihm in den Augen, und so entdeckte ich denn die Ursache seines Kummers. Als mein Herr dies erfuhr, gab er mir den Auftrag, den Mann hereinzuführen; allein ich muß gestehen, daß es mir schwer wurde, ihn dazuzubringen. Indessen gelang es mir doch, und mein Herr nahm sich seiner mit der größten Liebe an. Von all den guten Gerichten, die noch von der Tafel übrig waren, ward ihm auf einem Teller vorgesetzt. Hierauf überreichte er meinem Herrn sein Empfehlungsschreiben. Als dieser es gelesen, ward ihm die Erfüllung seiner Bitte zugesagt. Während seines Aufenthaltes bei uns schien er wieder ein wenig Herz zu fassen und zuversichtlicher zu werden; denn mein Herr, das mußt du wissen, hat ein besonders großes herzliches Erbarmen gegen die Verzagten und tut alles, um ihnen Mut zu machen. Nachdem ihm nun alle Merkwürdigkeiten des Ortes gezeigt worden waren und er sich bereit machte, seine Reise nach der himmlischen Stadt fortzusetzen, gab ihm mein Herr, wie er es einstmals Christ getan, eine Flasche mit stärkendem Getränk und einige Erfrischungen mit auf den Weg. So zogen wir aus, und ich ging vor ihm her; allein der Mann war einer von wenig Worten, nur seufzte er oft laut auf.
Bald erreichten wir den Ort, wo die drei Bösewichter hingen; da sprach er die Befürchtung aus, daß es auch mit ihm ein solches Ende nehmen werde. Nur da schien er froh zu sein, als er das Kreuz und das Grab erblickte. Hier wünschte er ein wenig zu verweilen, um diese Stätte anzuschauen, und darauf erhellte sich sein Angesicht ein wenig. Bei dem Berg der Beschwerde machte es mit ihm gar keine Schwierigkeiten, er fürchtete sich auch nicht vor den Löwen; denn du mußt wissen, daß er sich weniger über dergleichen Dinge ängstigte, sondern seine größte Sorge war die, ob er auch zuletzt werde in Gnaden angenommen.
Im Palast Prachtvoll machte ich ihn mit allen Gliedern des Hauses bekannt; allein er war zu schüchtern, sich in ihre Gesellschaft zu begeben, und suchte lieber die Einsamkeit auf. Nichtsdestoweniger boten ihm erbauliche Gespräche hohen Genuß, und oft stellte er sich hinter einen Vorhang, um unbemerkt zuzuhören. Auch an altertümlichen Sachen hatte er großes Gefallen und sann gern bei sich darüber nach. Späterhin gestand er mir, er wäre an der engen Pforte und im Hause des Auslegers gern ein wenig länger geblieben, doch habe er nicht den Mut gehabt, diese Bitte auszusprechen.
Der Abstieg vom Berg in das Tal der Demut vollzog sich bei ihm mit der größten Leichtigkeit, wie ich es kaum je mit einem andern erlebt habe; denn er fragte nichts danach, wie tief es hinabginge, wenn er nur zuletzt selig würde. Ja, ich glaube, zwischen ihm und diesem Tal bestand eine ganz besondere Übereinstimmung, sah man ihn doch auf der ganzen Pilgerreise nie fröhlicher einhergehen als hier. Er warf sich da nieder, als wollte er den Erdboden umschlingen, und küßte selbst die Blumen, die darauf wachsen[200]. Jeden Morgen stand er schon bei Tagesanbruch auf, um talauf und talab zu wandern.
Am Eingang des Tales der Todesschatten aber, da schien es, als sollte ich um meinen Mann kommen. Nicht daß er irgendwelche Neigung gehabt hätte umzukehren, davor hatte er immer einen Abscheu, sondern eine wahre Todesangst bemächtigte sich seiner. „O die Kobolde, die Kobolde, sie wollen mich ergreifen!“ schrie er einmal über das andre; und es gelang mir nicht, es ihm auszureden. Er erhob ein solches Zetergeschrei, daß zu befürchten war, das ganze höllische Heer könnte sich darob versammeln, um uns zu überfallen. Wunderbarerweise blieb alles ruhig, als wir hindurchzogen, wie nie zuvor oder seitdem es gewesen ist. Ja, unser Herr hielt die Feinde zurück, daß sie sich nicht regen durften, bis Herr Ängstlich hindurch wäre.
Es würde zu weit führen, wollte ich dir alle Einzelheiten der Reise nach erzählen, einen oder zwei Vorfälle nur will ich noch erwähnen. Als wir auf den Eitelkeitsmarkt kamen, meinte ich, er wolle mit allen Leuten auf dem Markt anbinden; ich besorgte, man würde uns beiden die Köpfe zerschlagen, so eifrig trat er gegen ihre Torheiten auf. In dem bezauberten Grund war er sehr wachsam. Als er aber den Fluß erreichte über den keine Brücke führt, da war er wieder in schweren Ängsten. „Jetzt, ach, nun muß ich in die Tiefe versinken,“ jammerte er, „ich werde mich nie an dem Angesicht des Herrn erquicken dürfen, um dessentwillen ich diesen weiten Weg zurückgelegt habe!“
Eben hier erlebte ich wieder etwas Seltsames. Der Wasserstand war gerade zu dieser Zeit so niedrig, wie ich es sonst noch nie angetroffen habe. So kam er denn hinüber, wobei das Wasser ihm nicht viel höher als über die Schuhe ging. Als er nach der Pforte der himmlischen Stadt hinanstieg, nahm ich Abschied von ihm und wünschte ihm eine gute Aufnahme droben. Er sprach: „Amen, amen.“ Noch einmal winkte ich ihm zu, und bald war er meinen Blicken entschwunden.
Redlich. So ist es ihm am Ende doch noch gut ergangen.
Mutherz. Daß es mit ihm noch gut werden würde, daran hegte ich nie einen Zweifel. Er war ein Mann von ungewöhnlich himmlischer Gesinnung; nur war er immer niedergedrückt, und das machte ihm sein Leben so mühsam und andern beschwerlich (Ps. 88). Seine tiefe Abscheu vor der Sünde war wirklich vorbildlich, und er fürchtete sich so sehr davor, jemand Unrecht zu tun, daß er sich oft Erlaubtes versagte, damit er nur niemand Anstoß gäbe[201].
Redlich. Aber was mochte wohl die Ursache davon sein, daß ein so frommer Mann sein ganzes Leben hindurch in solcher Dunkelheit wandeln mußte?
Mutherz. Der Ursachen mögen verschiedene sein. Eine ist, daß es der weise Gott so haben wollte. Die einen müssen pfeifen, die andern klagen (Matth. 11, 16. 17). So war nun Ängstlich einer, der den Baß spielen mußte. Er und seinesgleichen blasen die Baßposaunen, deren Töne tiefer klingen als die andrer Musikinstrumente, wiewohl manche sagen, der Baß sei der Grundton in der Musik. Ich meinerseits kann ebenfalls eine Bekehrung nicht als echt anerkennen, die nicht mit einer Traurigkeit des Herzens beginnt[202]. Die erste Saite, die der Musiker beim Spielen seines Instruments berührt, ist die Baßsaite. So rührt Gott auch diese Saite zuerst, wenn die Seele Ihm wohlgefällig erklingen soll. Es lag aber hier nur an der Unvollkommenheit des Herrn Ängstlich, daß er bis an sein Ende keinen andern Ton als diesen anzuschlagen wußte.
(Ich habe mich dieser bildlichen Sprache bedient, um besonders jugendliche Leser dadurch zum Nachdenken zu veranlassen. Auch im Buch der Offenbarung, Kapitel 14, 2. 3, lesen wir, wie die Erlösten gleich einem Chor von Sängern ihre Loblieder vor dem Thron singen und auf ihren Harfen spielen.)
Rechtschaffen. Wie man aus deinem Bericht entnehmen kann, war Herr Ängstlich dennoch kein Feigling. Schwierigkeiten, Löwen und den Markt der Eitelkeit fürchtete er gar nicht; nur Sünde, Tod, Hölle waren die Dinge, die ihn schreckten, weil er noch einige Zweifel über seine Aufnahme in der himmlischen Stadt hegte.
Mutherz. Du hast recht. Seine Angst rührte von einer Gemütsschwachheit her, keineswegs von Schwäche seines Geistes, wie dies sein frommer Pilgerwandel hinlänglich bewies. Für seinen Herrn wäre er, wie man zu sagen pflegt, durchs Feuer gegangen. Aber was ihn bedrückte, hat noch niemand so leicht abschütteln können.
Christin. Deine Mitteilungen über Herrn Ängstlich haben mir sehr wohl getan. Ich habe bisher gemeint, es ginge niemand so wie mir; nun aber sehe ich, daß der Lebensgang dieses frommen Mannes mit dem meinen manche Ähnlichkeit hat. Darin sind wir allerdings verschieden, daß seine Beängstigungen zum Ausbruch kamen, während ich sie bei mir verschlossen hielt. Er war so niedergeschlagen, daß er es nicht einmal wagte, an den zum Aufenthalt der Pilger eigens bestimmten Häusern anzuklopfen, während die Sorge um mein Seelenheil mich hierin um so kühner machte.
Barmherzig. Wenn ich gleichfalls mitreden darf, so muß ich bekennen, daß dergleichen Beängstigungen sich auch bei mir finden. Der Gedanke an den Feuersee oder an die Möglichkeit, vom Herrn ausgestoßen zu werden, hat mich mehr in Schrecken versetzt als irgend etwas andres. O, dachte ich, wenn ich im Paradies eine Wohnstätte erhalte, so will ich für dieses Glück gern eine ganze Welt darangeben!
Matthäus. Mich hat ebensolche Furcht auf den Gedanken gebracht, daß ich weit entfernt sei von dem, was zu unsrer Seligkeit gehört. Wenn es aber mit diesem frommen Mann so stand, warum sollte es dann nicht auch mit mir gut gehen?
„Wo diese Furcht fehlt, da ist auch keine Gnade[203],“ sagte Jakob. „Obgleich die Furcht vor der Hölle noch keine Gnade in sich schließt, so ist doch das gewiß, daß da keine Gnade ist, wo keine Furcht Gottes ist.“
Mutherz. Du hast das Richtige getroffen, Jakob; denn die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang, und das ist gewiß: Wo kein Anfang ist, da ist auch kein Fortgang und kein Ziel. Doch wir wollen hier unser Gespräch über Herrn Ängstlich abbrechen.
Daß ich Dein auf ewig sei, sei die größte meiner Sorgen, Daß ich einst verklärt und frei steh’ am Auferstehungsmorgen, Diese Bitte, dieser Sinn nehme mich, o Jesus, hin!
Ich sah nun, daß sie in ihren Gesprächen fortfuhren, denn Redlich begann von einem andern zu erzählen, der Eigenwillig hieß, und sprach: „Er selbst gab sich für einen Pilger aus; aber ich bin überzeugt, daß er nicht durch die Pforte am Eingang dieses Weges eingegangen ist.“
Mutherz. Hast du jemals darüber mit ihm gesprochen?
Redlich. Ja, etlichemal; aber wie er hieß, so war er auch, nämlich eigenwillig. Er ließ sich auf keine Weise belehren, sondern was ihm sein Herz eingab, das tat er und war sonst zu nichts anderm zu bewegen[204].
Mutherz. Aber was waren denn seine Grundsätze? Sie müssen dir doch wohl bekannt sein.
Redlich. Er hielt dafür, es könne einer ebensowohl in den Sünden andrer Pilger leben als ihren Tugenden nachfolgen; wenn er beides täte, würde er gewiß selig werden.
Mutherz. Wie? Wenn er gesagt hätte, es könne auch dem Besten begegnen, daß er in eine Sünde falle, so wäre das nicht zu tadeln; denn in der Tat, solange wir in diesem Leibe wallen, sind wir jeder Sünde fähig, wenn wir im Wachen und Beten nachlassen. Aber wenn ich dich recht verstehe, so war seine Meinung, daß die Sünden, die andre Pilger begangen haben, auch ihm erlaubt seien zu tun, wenn er sich ihrer Tugenden befleißige.
Redlich. Ja, du hast es richtig erfaßt, denn so dachte und lebte er auch.
Mutherz. Aber worauf gründete er denn seine Behauptung?
Redlich. Nun, er stützt sich dabei auf die Heilige Schrift.
Mutherz. Wie kann das sein? Bitte, Vater Redlich, laß uns Näheres darüber hören!
Redlich. Das will ich gern tun. Er sagte: „David, der Geliebte Gottes, hat eines andern Weib genommen; deshalb steht mir solches auch zu. Salomo hat mehrere Weiber gehabt; folglich kann ich es auch so halten. Sara und die gottesfürchtigen Wehmütter in Ägypten haben gelogen, durch eine Lüge hat sich auch Rahab am Leben erhalten; darum darf ich das auch tun. Die Jünger haben auf ihres Meisters Geheiß den Esel seinem Besitzer weggenommen, also ist mir solches auch erlaubt. Jakob hat den Segen der Erstgeburt bei seinem Vater durch List und Verstellung an sich gebracht, und deswegen kann ich auch so tun.“
Mutherz. Das sind allerdings starke Gründe. Aber war das wirklich seine Überzeugung?
Redlich. Ich habe diese Beweisführungen oft aus seinem Munde vernommen.
Mutherz. Das ist eine Behauptung, der man auch nicht die allergeringste Berechtigung zuerkennen darf.
Redlich. Du mußt mich recht verstehen. Er behauptete nicht, daß jeder das tun dürfe, sondern nur die, die auch solche Tugenden wie jene hätten.
Mutherz. Wie kann man nur einen solch falschen Schluß ziehen! Das ist geradeso, als wenn man spräche: Weil fromme Menschen aus Schwachheit gesündigt haben, deshalb sei es erlaubt, es aus Vorsatz und Mutwillen zu tun. Oder weil ein Kind durch einen starken Windstoß umgeworfen ward oder über einen Stein stolperte und hinfiel und sich im Kot beschmutzte, so dürfe man nun vorsätzlich sich hinlegen und wie ein Schwein sich im Kot wälzen. In solche Verblendung gerät man eben durch den Betrug der Sünde, und es muß sich erfüllen, was geschrieben steht: „Sie stoßen sich an dem Wort und glauben nicht daran, wozu sie auch gesetzt sind“ (1. Petr. 2, 8). Wenn jener die Tugenden der heiligen Männer zu besitzen glaubt, während er sich ihren Sünden ergibt, so ist dies keine geringere Täuschung als die erstere. Die Sünde des Volkes zu verschlingen[205], wie ein Hund den Kot aufleckt, ist kein Zeichen davon, daß man die Tugenden des Volkes Gottes besitzt. Und ich kann auch nicht glauben, daß einer, der dieser Meinung ist, zur selben Zeit im Glauben und in der Liebe steht. Nun, du wirst ihm gewiß kräftig widerstanden haben; was hat er dir darauf geantwortet?
Redlich. Er sagte: aus Überzeugung so zu handeln, scheine ihm bei weitem ehrlicher, als es zu tun und doch das Gegenteil zu glauben.
Mutherz. Das ist eine recht gottlose Antwort; denn gegen besseres Wissen und Gewissen den Lüsten die Zügel schießen zu lassen, kann doch nur schlecht genannt werden; aber noch ärger ist es, zum Sündigen ein Recht zu beanspruchen. Der eine bringt solche, die es sehen, ohne seinen Willen zu Fall, der andre sucht sie absichtlich zu Fall zu bringen.
Redlich. Es sind ihrer viele, die so denken, es aber nicht offen aussprechen wie er, und daher kommt es, daß das Pilgerleben heutzutage bei den Leuten in so geringer Achtung steht.
Mutherz. Was du sagst, ist leider nur allzu wahr; doch wer in der Furcht Gottes seine Straße zieht, wird dem allem entrinnen.
Christin. Es gibt seltsame Meinungen in der Welt. Ich kenne einen, der sagte, es habe auf dem Sterbebett noch Zeit, Buße zu tun.
Mutherz. Solche Leute sind nichts weniger als weise[206]. Wäre auch jemand, der innerhalb einer Woche einen Weg von zwanzig Meilen zurückzulegen hätte, wohl so töricht, sich erst in der letzten Stunde dazu anzuschicken?
Redlich. Du hast recht, und doch machen’s viele von denen, die sich Pilger nennen, in der Tat so. Ich bin, wie du siehst, ein alter Mann und habe in meinem langen Leben allerlei Beobachtungen gemacht.
Da waren Leute, die beim Antritt ihrer Reise sich gebärdeten, als wenn die ganze Welt ihnen weichen müßte, und siehe da, nach kurzer Frist starben sie dahin wie die Kinder Israel in der Wüste und haben das Gelobte Land mit keinem Fuß betreten. — Andre dagegen, die nichts zu versprechen schienen und von denen man eher hätte denken mögen, daß sie es keinen Tag aushalten würden, haben sich als wackere Pilgrime erwiesen. — Ich habe solche gesehen, die mit sehr raschem Lauf vorwärts eilten, aber nach kurzer Zeit ebenso schnell wieder zurückliefen. — Gar manche, die anfangs bei jeder Gelegenheit das Pilgerleben rühmten, haben späterhin ebenso heftig dawider geredet. — Von andern, die auch der himmlischen Stadt zupilgerten, habe ich zuversichtlich sagen hören: „Es gibt einen solchen Ort!“, aber, bevor sie dort anlangten, sind sie wieder umgekehrt und haben sein Dasein in Abrede gestellt. — Ich habe gehört, wie manche sich rühmten, was sie alles tun würden, wenn sie auf Widerstand stoßen sollten; aber schon beim ersten falschen Gerücht haben sie ihren Glauben, ihre Pilgerschaft und alles darangegeben. —
Während sich die Pilger auf ihrem Weg also erbauten, kam einer ihnen entgegengelaufen und rief: „Ihr Männer, Frauen und Kinder, wenn euch euer Leben lieb ist, so nehmt euch in acht, denn die Räuber sind vor euch!“
Mutherz. Das sind die drei, die damals Kleinglauben überfallen haben. Wohlan, wir sind bereit, ihnen zu begegnen.
Indem sie weiterzogen, hielten sie bei jeder Biegung des Weges Umschau, ob sich die Bösewichter irgendwo zeigten. Aber sei es, daß sie von Mutherz gehört hatten oder daß sie auf eine andre Beute lauerten — sie ließen sich nirgends blicken.
Fußnoten:


Achtes Kapitel. In der Herberge des Gajus und auf dem Eitelkeitsmarkt.

Christin verlangte nun für sich und ihre Kinder nach einer Herberge, denn sie waren alle sehr müde. Da sagte Redlich: „Dort ein wenig vor uns liegt eine solche, in der ein sehr trefflicher Jünger, namens Gajus, wohnt“ (Röm. 16, 23). So beschlossen sie, dort einzukehren, und das um so lieber, weil der alte Redlich ihm ein so gutes Zeugnis gab.
Bei der Herberge angekommen, traten sie alsbald ein, ohne anzuklopfen, wie man dies ja an der Tür eines Gasthauses nicht zu tun pflegt. Sie fragten nach dem Herrn des Hauses. Dieser kam, und sie erkundigten sich, ob sie die Nacht über hier bleiben könnten.
Gajus. Ja, wenn ihr redliche Leute seid, denn mein Haus ist nur für Pilger: Kommt, ich will euch gleich die Zimmer zeigen.
Es herrschte nun unter ihnen große Freude, als sie vernahmen, daß der Wirt ein Freund der Pilger sei.
Mutherz. Was hast du zum Abendessen, lieber Gajus? Diese Pilger sind heute weit gereist und sehr müde.
Gajus. Es ist schon spät, deshalb können wir nicht mehr nach Speise ausgehen; wenn ihr aber mit dem, das da ist, fürlieb nehmen wollt, so seid ihr willkommen.
Mutherz. Wir sind zufrieden mit dem, was du im Hause hast; denn soweit ich dich erprobt habe, fehlt es bei dir nie am Nötigen.
Hierauf lief der Wirt hinunter in die Küche und gab dem Koch die Anweisung, für soviel Pilger ein Abendessen zu bereiten. Dann kam er wieder herauf und sprach zu seinen Gästen: „Ihr seid mir, liebe Freunde, herzlich willkommen; es ist mir eine Freude, euch in meinem Hause aufzunehmen. Wenn es euch gefällt, so laßt uns, bis das Essen fertig ist, ein nützliches Gespräch miteinander führen.“ Dazu waren sie alle gern bereit.
Gajus. Wessen Gattin ist diese Frau, und wessen Tochter ist diese Jungfrau?
Mutherz. Die Frau ist die Gattin von Christ, einem frühern Pilger, und dies sind ihre vier Kinder. Die Jungfrau ist eine Bekannte von ihr, die sich ihr angeschlossen hat. Die Knaben arten alle ihrem Vater nach und suchen in seine Fußstapfen zu treten, wo sie nur irgendeine Spur von ihm entdecken können. Und wo der alte Pilger ausgeruht hat, da wünschen auch sie eine Weile zu rasten.
Gajus. Das ist also Christs Frau und dies seine Kinder? Ich kannte schon deines Mannes Vater, ja dessen Großvater. Viele fromme und sehr würdige Männer sind diesem Geschlecht entsprossen, ihre Vorfahren wohnten zuerst in Antiochia[207]; ich denke, dein Mann wird dir wohl von ihnen erzählt haben. Ihrer etliche haben sich durch ihren gottgefälligen Wandel und ihr mutiges Bekenntnis, wo es galt, die Sache ihres Herrn und Seines Volkes zu vertreten, besonders hervorgetan. Ich habe von vielen Verwandten deines Mannes gehört, die um der Wahrheit willen unzählige Martern erduldet haben. Stephanus, einer der ersten aus der Familie, aus welcher dein Mann stammt, ward gesteinigt (Apostelg. 7). Jakobus, ein andrer dieses Geschlechts, ward mit dem Schwert enthauptet (Apostelg. 12, 2). Petrus und Paulus stammen ebenfalls von dieser Linie ab; so waren unter den Vorfahren deines Mannes Ignatius, der den wilden Tieren vorgeworfen ward; Romanus, der, nachdem man ihm die Zunge herausgeschnitten, auf dem Marterstock erdrosselt ward; Polykarp, der seine Liebe zum Herrn auf dem Scheiterhaufen besiegelte. Einer ward in einem Korb an die Sonne gehängt, daß ihn die Wespen verzehren sollten; ein andrer in einem Sack ins Meer geworfen, um ertränkt zu werden. Es wäre ganz unmöglich, alle Glieder dieses Geschlechts aufzuzählen, die um ihres Glaubens willen Schmach oder gar den Tod erlitten hatten. Daher kann ich mich nur darüber freuen, daß dein Mann vier solch wackere Knaben hinterlassen hat. Ich hoffe, sie werden den Namen ihres Vaters aufrechterhalten, in seine Fußstapfen treten und wie er bis ans Ende beharren.
Mutherz. Es sind in der Tat hoffnungsvolle Knaben, und sie scheinen ihres Vaters Wege von Herzen zu erwählen.
Gajus. Das ist’s, was ich meine, und deshalb wünsche ich, daß Christs Familie sich ausbreite und vermehre und zahlreich werde auf dem ganzen Erdenrund. Darum möge sich Christin für ihre Söhne beizeiten nach Frauen umsehen, damit dieses edle Geschlecht der Welt erhalten bleibt.
Redlich. Wahrlich, es wäre schade, wenn dieses Geschlecht ausstürbe!
Gajus. Aussterben kann es nicht, wohl aber vermindert werden; darum folge Christin meinem Rat!
An Christin sich wendend, sprach er: „Es freut mich, dich und deine Freundin Barmherzig zusammen hier zu sehen; ihr seid mir ein liebes Schwesternpaar. Und wenn ich raten darf, so nimm Barmherzig in deine nähere Verwandtschaft auf. Will sie es, so laß sie Matthäus, deinem ältesten Sohn, gegeben werden; so erhältst du dir eine Nachkommenschaft auf Erden.“
Also ward diese Heirat beschlossen und späterhin vollzogen.
Gajus fuhr fort: „Ich will nun ein Wort zum Besten der Frauen reden, um ihre Schmach von ihnen zu nehmen. Allerdings sind Tod und Fluch durch eine Frau in die Welt gekommen (1. Mos. 3), aber auch Leben und Heil; denn als die Zeit erfüllt war, da sandte Gott Seinen Sohn, der von einem Weib geboren ward (Gal. 4, 4). Ja, um zu beweisen, wie sehr Evas Töchter die Tat ihrer Mutter verabscheuten, so ist dieses Geschlecht im Alten Bund nach Kindern sehr begierig gewesen in der Hoffnung, daß diese oder jene vielleicht die Gnade erlangte, die Mutter des Heilands der Welt zu werden. Und als der Heiland erschien, wie hoch haben sich da zuerst Frauen vor andern gefreut! (Luk. 1, 42-50.) Ich lese nirgends, daß ein einziger Mann Christus aus seinen Mitteln auch nur durch einen Pfennig unterstützt hätte; aber etliche Frauen, die Ihm nachfolgten, taten Ihm Handreichung von ihrer Habe (Luk. 8, 2. 3). Eine Frau war es, die Seine Füße mit ihren Tränen benetzte (Luk. 7, 37-50). Eine Frau war es auch, die Seinen Leib zu Seinem Begräbnis salbte (Joh. 12, 1-8). Es waren Frauen, die um Ihn trauerten und klagten, als Er nach Golgatha hingeführt ward (Luk. 23, 27); Frauen, die zugegen waren, als Er vom Kreuz abgenommen ward, und die bei dem Grab saßen, darein man Ihn gelegt hatte (Matth. 27, 61). Wiederum waren es Frauen, die an Seinem Auferstehungsmorgen zum Grab gingen (Luk. 24, 1) und die den Jüngern die Nachricht brachten, daß Er von den Toten auferstanden wäre (Luk. 24, 22. 23). Also haben die Frauen große Gnade empfangen, als die auch Miterben sind der Gnade des Lebens“ (1. Petr. 3, 7).
Nun ließ der Koch sagen, das Essen sei gleich bereit, und schickte einen, der den Tisch decken, Teller zutragen, sowie Salz und Brot auflegen sollte.
„Der Anblick des gedeckten Tisches und all die Zurüstungen zum Mahl,“ sagte Matthäus, „machen meinen Hunger noch größer, als er zuvor war.“
Gajus. So mögen auch alle heilsamen und tröstlichen Lehren in diesem Leben in dir ein größeres Verlangen erwecken, am Abendmahl des großen Königs in Seinem Reich teilzuhaben; denn alle Predigten und guten Schriften hienieden sind im Vergleich zu dem Mahl, das unser Herr uns in Seinem Reich bereiten will, nur wie das Decken des Tisches.
Die Speisen wurden nun heraufgebracht und den Pilgern vorgesetzt, zuerst eine Hebeschulter und eine Webebrust (3. Mos. 10, 14. 15), um damit anzudeuten, daß sie das Mahl mit Gebet und Dank gegen Gott beginnen sollten; denn mit der Hebeschulter erhob David sein Herz zu Gott[208], und mit der Webebrust, worin sein Herz lag, pflegte er sich an die Harfe zu lehnen, wenn er darauf spielte[209]. Beide Gerichte waren frisch und wohlschmeckend, und sie aßen alle reichlich davon.
Danach ward eine Flasche Wein aufgetragen, derselbe war so rot wie Blut[210]. „Trinket davon, soviel ihr wollt,“ sagte Gajus, „das ist der Saft des echten Weines, der des Menschen Herz erfreut“ (Ps. 104, 15). Und sie tranken und wurden froh.
Hierauf kam eine Schüssel mit gut eingebrockter Milch. Gajus aber sprach: „Laßt diese den Knaben, daß sie dadurch zunehmen[211]!“
Weiter ward ein Teller mit Butter und Honig gebracht. „Eßt davon nach Herzenslust,“ sagte Gajus, „denn dadurch werden sich bei euch Erkenntnis und Verstand vermehren. Dies war unsers Herrn Speise in Seiner Kindheit, wie geschrieben steht: Butter und Honig wird Er essen, wann Er weiß, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen“ (Jes. 7, 15).
Hernach trug man eine Schüssel mit sehr wohlschmeckenden Äpfeln auf. Da fragte Matthäus: „Dürfen wir auch Äpfel essen, da diese Frucht es war, wodurch die Schlange unsre erste Mutter betrogen hat[212]?“
Gajus antwortete:
Es hat ein Apfelbiß der Menschheit Los gewendet, Verheißne Gottesherrlichkeit in Schmach und Tod geendet, Der Schlange List den unheilvollen Sieg gewann. Laß dich nicht Sodomsäpfel sünd’ger Lust betrügen, Ansonst der Menschenfeind, der Vater aller Lügen, Dich in des Todes Netz verstricken kann. Doch wenn nach Gottesliebe deine Seele krank[213], So fleh den Vater aller guten Gaben, Mit Himmelsmanna Geist und Seel’ zu laben Und mit der Gottesrebe edlem Purpurtrank.
Matthäus. Ich hatte deshalb Bedenken, weil ich vor einiger Zeit durch das Essen von Früchten krank geworden war.
Gajus. Verbotene Früchte sind schädlich, nicht aber die, welche uns der Herr beschert.
Während sie noch so redeten, ward ihnen ein Körbchen mit Nüssen vorgesetzt. Da sagten einige über Tisch: „Nüsse verderben die Zähne, besonders die der Kinder.“ Gajus erwiderte:
Tiefe Worte gleichen harten Nüssen; Willst du ihren süßen Kern genießen, Brich mit Fleiß die Schalen, Gottes Güte Schmeckt nach treuer Arbeit dem Gemüte, Wie sie sich in Seinem teuren Sohne Offenbart zum sel’gen Gnadenlohne.
Unter heitern Gesprächen saßen sie sehr lange beisammen. „Mein lieber Wirt,“ sagte der alte Herr Redlich, „während wir deine Nüsse knacken, so löse mir doch bitte dieses Rätsel:
Wer ist der Narr — der dennoch weise tut — Der stets weggibt und also mehrt sein Gut?“
Alle waren gespannt darauf, was Gajus antworten würde. Dieser saß eine Weile still, und dann sagte er:
Wer Armer Flehen stets mit Freuden gibt Gehör, Verliert nicht, nein, gewinnt dadurch unendlich mehr.
„Ich muß gestehen, lieber Herr,“ meinte Joseph, „ich habe nicht gedacht, daß du’s lösen könntest.“
„O,“ erwiderte Gajus, „das weiß ich aus einer reichen Erfahrung. Die Erfahrung ist bekanntlich die beste Schule. Von meinem Herrn habe ich gelernt, wohltätig zu sein[214], und gefunden, daß man dabei gewinnt. Einer teilt aus, und hat immer mehr; ein andrer kargt, da er nicht soll, und wird doch ärmer. Mancher ist arm bei großem Gut, und mancher ist reich bei seiner Armut“ (Spr. 11, 24; 13, 7).
„Mutter,“ flüsterte Samuel seiner Mutter ins Ohr, „es ist so schön in dem Haus dieses guten Mannes, laß uns doch etliche Zeit hier bleiben, mein Bruder Matthäus kann sich ja hier mit Barmherzig verheiraten, ehe wir weitergehen.“ Als Gajus vernahm, was Samuel gesagt hatte, sprach er: „Das soll mir eine echte Freude sein, mein Kind.“
Die Pilger beschlossen, sich hier einen Monat aufzuhalten, und Barmherzig ward dem Matthäus zur Frau gegeben. Nach ihrer Gewohnheit widmete sich Barmherzig in dieser Zeit wieder ihrer Liebestätigkeit und nähte fleißig Röcke und Kleider für die Armen, wodurch sie den Pilgrimen einen guten Ruf verschaffte.
Doch wir sind unsrer Geschichte vorausgeeilt. Nach dem Essen wünschten die Knaben und Barmherzig, sich zur Ruhe zu begeben, denn sie waren müde von der Reise. Die übrigen freuten sich so sehr über ihr Zusammensein, daß sie sich nicht voneinander trennen konnten; so blieben sie die ganze Nacht auf und unterhielten sich über ihren Herrn und ihre Reiseerlebnisse. Unter diesen Gesprächen fing der alte Herr Redlich an einzunicken. Da sprach Mutherz: „Wie, alter Freund, du fängst an, schläfrig zu werden? Komm, wisch dir den Schlaf aus den Augen, ich will dir ein Rätsel aufgeben.“ — „Also, laß hören!“ erwiderte Redlich. Mutherz sagte:
Wie kann man sich den Tod erküren Und doch sein Leben nicht verlieren?
„O weh,“ rief Herr Redlich, „das ist eine schwere Aufgabe! schwer aufzulösen, aber noch schwieriger, in die Tat umzusetzen. Bitte, guter Wirt, übernimm du meine Rolle und löse das Rätsel auf; ich will hören, was du sagst.“
„Nein,“ versetzte Gajus, „es ist dir vorgelegt, und man erwartet von dir die Antwort.“
Da sagte der alte Redlich:
Wer da leben will, der sterbe; Wer nicht stirbt, der lebet nicht. Ehe denn das Fleisch verderbe, Scheinet uns kein Gnadenlicht.
Gajus. Das ist richtig. Die Schrift und die Erfahrung bestätigen das; denn solange der Mensch sein eigenes Ich nicht in den Tod gibt, kann bei ihm das wahre Leben nicht zur vollen Ausgestaltung kommen. Und ebenso gewiß ist, daß ein Mensch kein lebendiges Denkmal der göttlichen Gnade sein kann, solange er noch in Ketten und Banden der Sünde gefangenliegt.
In solcher Unterhaltung saßen sie beieinander, bis der Tag anbrach. Als sich nun alle zur Morgenandacht versammelt hatten, hieß Christin ihren Sohn Jakob ein Kapitel aus der Bibel vorlesen. Und er las das 53. Kapitel des Propheten Jesaja. Nachdem dies geschehen, fragte Redlich, warum es hier heiße, der Heiland werde „aus dürrem Erdreich“ kommen, und daß Er „keine Gestalt noch Schöne“ hatte.
Mutherz. Auf das erste antworte ich: Weil das Volk Israel, aus dem Christus kam, die Kraft und den Geist der Gottseligkeit fast gänzlich verloren hatte. Auf das zweite erwidere ich: Diese Worte sind vom Standpunkt derer gesprochen, die nicht glaubten; denn in ihrer Verblendung beurteilten sie unsern Herrn nach der Niedrigkeit Seiner äußern Erscheinung. Gerade wie diejenigen, welche nicht wissen, daß Edelsteine mit einer unscheinbaren Kruste umgeben sind; wenn sie einen solchen finden, werfen sie ihn wieder weg wie einen gewöhnlichen Stein, weil sie seinen Wert nicht erkennen.
Gajus sprach nun zu seinen Gästen: „Da ihr einmal hier seid und Mutherz ja ein erprobter Kämpfer ist, so laßt uns nach dem Frühstück sehen, ob wir nicht gemeinsam etwas Gutes ausrichten können. Etwa eine Meile von hier haust nämlich ein Riese namens Tugendfeind, der des Königs Straße in dieser Gegend unsicher macht. Ich weiß, wo sein Versteck ist. Er ist Anführer einer großen Räuberbande. Wie herrlich wäre das, wenn wir diesen Unhold unschädlich machen könnten!“
Alle willigten ein, und so zogen sie aus, Mutherz mit seinem Schwert, Helm und Schild, und die übrigen mit Speeren und Stangen bewaffnet. Als sie sich dem Aufenthaltsort des Riesen näherten, war dieser gerade daran, einen gewissen Kleinmütig, den seine Helfer zu ihm geschleppt hatten, auszuplündern, um ihn nachher zu verzehren; denn er war von Natur ein Menschenfresser. Sobald er nun Mutherz und seine Begleiter bewaffnet am Eingang der Höhle gewahrte, fragte er sie nach ihrem Begehr.
Mutherz. Dich wollen wir haben; denn wir sind gekommen, das Blut all der Pilger zu rächen, die du von des Königs Heerstraße weggeführt und erschlagen hast; darum komm heraus aus deiner Höhle!
Der Riese rüstete sich zum Kampf und trat hervor und focht mit Mutherz bei einer Stunde lang, bis ihnen der Atem ausging.
„Was habt ihr denn eigentlich auf meinem Grund und Boden zu tun?“ fragte Tugendfeind, als sie ein wenig innehielten.
Mutherz. Wie du ja schon weißt, sind wir gekommen, den Tod unsrer Brüder zu rächen.
Der Kampf begann aufs neue, und der Riese brachte Mutherz zum Weichen; aber er drang wieder vor und schwang sein Schwert so geschickt um des Riesen Kopf und Seite, daß diesem die Waffe aus der Hand fuhr. Schnell schlug er ihn zu Boden und hieb ihm das Haupt ab. Nach vollbrachter Tat kehrten sie mit dem Pilger Kleinmütig in die Herberge zurück. Auch das Haupt des Riesen nahmen sie mit und steckten es, wie sie es schon mit andern getan, auf einen Pfahl zum Schrecken für die, welche gleiche Gewalttaten versuchen wollten.
Kleinmütig mußte nun erzählen, wie er in Tugendfeinds Hände geraten sei, und er sprach: „Ich bin ein kränklicher Mann, wie ihr seht, und weil der Tod täglich an meine Tür klopfte, so dachte ich, es würde daheim mit mir doch nimmer besser werden. Deshalb wandte ich meiner Vaterstadt Ungewiß den Rücken und begab mich auf die Pilgerreise. Ich bin zwar nach Leib und Geist äußerst schwach, aber ich wollte doch gern, wiewohl ich nur kriechen kann, mein Leben als Pilgrim zubringen. An der Pforte zu Anfang dieses Weges nahm mich der Hausherr liebreich auf und machte mir keine Schwierigkeit weder wegen meines schwächlichen Aussehens noch wegen meines schwachen Gemütes, sondern er versah mich für die Reise mit allem Nötigen und hieß mich auf das Ende hoffen. Auch im Hause des Auslegers erfuhr ich große Freundlichkeit, und weil man den Berg der Beschwerde für mich als zu steil erachtete, so ward ich von einem Diener hinaufgetragen[215]. Wahrlich, ich habe viel Beistand und tröstliches Zureden von Pilgern erfahren, obwohl keiner so langsam gehen wollte, wie ich zu gehen genötigt war. In der Räubergasse nun trat mir dieser Riese entgegen und forderte mich Armen, Schwachen, der ich vielmehr einer Herzensstärkung bedurft hätte, zum Kampf auf. Er kam und schleppte mich in seine Höhle. Ich aber hoffte immer noch, aus seinen Händen zu entkommen; denn ich hatte gehört, daß nach den Gesetzen der Vorsehung kein Pilger, der gewaltsamerweise gefangengenommen wird, wofern sein Herz seinem Herrn völlig ergeben bleibt, durch die Hand seiner Feinde sterben darf. Geplündert zu werden erschien mir nicht als das Schlimmste, und wie ihr seht, bin ich ja mit dem Leben davongekommen, wofür ich dem Herrn, als meinem Erretter, und euch, als Seinen Werkzeugen, danke. Noch bin ich nicht aller Gefahr entronnen, neue Angriffe habe ich zu gewärtigen; aber ich bin entschlossen zu laufen, wenn ich kann; zu gehen, wenn ich nicht laufen kann, und zu kriechen, wenn die Beine mich nicht mehr tragen. Wiewohl ich, wie ihr seht, von gar schwachem Mute bin, so ist doch mein Angesicht fest auf das Ziel gerichtet, mein Herz weilt schon jenseits des Stroms, der keine Brücke hat. Dafür sei Ihm Preis, der mich geliebt hat!“
Der alte Redlich wandte sich nun mit der Frage an ihn: „Hast du nicht vor einiger Zeit die Bekanntschaft eines Pilgers, des Herrn Ängstlich, gemacht?“
Kleinmütig. Ei freilich habe ich ihn gekannt, er kam aus der Stadt Stumpfsinn, die vier Meilen nördlich von der Hauptstadt Verderben und ebenso weit von meinem Geburtsort entfernt liegt. Er war mein Oheim, meines Vaters Bruder. Er und ich waren so ziemlich gleicher Gemütsart; er war ein wenig kleiner als ich, sonst sahen wir uns im allgemeinen sehr ähnlich.
Redlich. Ja, es stimmt, was du sagst; denn du hast sein blasses Aussehen, den Blick seiner Augen, und deine Sprache klingt wie seine.
Kleinmütig. Das haben aus unserm Bekanntenkreis viele gesagt, und was ich in seinem Innern gelesen, das habe ich auch zum großen Teil in mir selbst empfunden.
„Komm Freund, sei guten Mutes!“ sagte der freundliche Wirt. „Du bist mir und meinem Haus willkommen! Was du wünschest, fordere nur getrost, meine Diener werden dir mit Freuden zur Hand gehen.“
Da sprach Kleinmütig: „Das ist eine unerwartete Gunst und wie ein Sonnenstrahl aus finsterm Gewölk. Das hat der Riese Tugendfeind wohl nicht gedacht, daß seine böse Tat zu meinem Glücke ausfallen würde.“
Kaum hatte Kleinmütig ausgeredet, da kam einer gelaufen und erzählte, daß ungefähr anderthalb Meilen von dort ein gewisser Unlauter, ein Pilger, auf der Stelle, wo er sich gerade befand, vom Blitz erschlagen worden sei[216].
„Ach,“ rief Kleinmütig aus, „ist er erschlagen? Er holte mich vor einigen Tagen ein und bot mir seine Gesellschaft an. Er war auch bei mir, als der Riese Tugendfeind mich angriff; aber er war leichtfüßig und entrann. Allein es scheint, er entkam zum Tode, und ich ward ergriffen zum Leben.“
So führst Du doch recht selig, Herr, die Deinen, Ja selig und doch meist verwunderlich! Wie könntest Du es böse mit uns meinen, Da Deine Treu’ nicht kann verleugnen sich? Die Wege sind oft krumm und doch gerad, Darauf Du läßt die Kinder zu Dir gehn; Da pflegt’s oft wunderseltsam auszusehn; Doch triumphiert zuletzt Dein hoher Rat.
Um diese Zeit wurden Matthäus und Barmherzig verheiratet; auch gab Gajus dem Jakob, Matthäus’ Bruder, seine Tochter Phöbe zur Frau. Sie blieben hierauf noch etwa zehn Tage in diesem gastlichen Haus, indem sie ihre Zeit nach Pilgerweise treu auskauften.
Als nun die Stunde des Abschieds nahte, machte ihnen Gajus ein Mahl, und sie aßen und tranken und waren fröhlich. Danach trat Mutherz zu dem Wirt und forderte die Rechnung. Aber Gajus erwiderte, daß alle Pilger in seinem Hause jahraus, jahrein unentgeltliche Aufnahme fänden; eine Vergütung dafür erhalte er von dem barmherzigen Samariter, der ihm versprochen hätte, bei Seiner Rückkehr alle Auslagen treulich zu bezahlen (Luk. 10, 35).
Da sprach Mutherz zu ihm: „Mein Lieber, du tust treulich, was du tust an den Brüdern und Gästen, die von deiner Liebe gezeugt haben vor der Gemeinde; und du wirst wohl tun, wenn du sie abfertigst würdig vor Gott“ (3. Joh. 5. 6). Darauf nahm Gajus Abschied von ihnen allen und von seiner Tochter und insbesondere noch von Kleinmütig. Er gab ihm auch ein Fläschchen mit einem stärkenden Getränk mit auf den Weg. Als sie nun zur Tür hinaustraten, stellte sich Kleinmütig, als wollte er zurückbleiben. Dies wahrnehmend, rief Mutherz ihm ermunternd zu: „Komm, lieber Freund, geh doch mit uns; ich will dein Führer sein, und es soll dir ebensowenig an etwas gebrechen wie den andern.“
Kleinmütig. Ach, ich muß einen Begleiter haben, der zu mir paßt. Ihr seid alle rüstig und stark, ich aber muß sehr behutsam vorgehen. Daher möchte ich lieber hinten nachkommen, damit ich nicht wegen meiner vielen Gebrechlichkeiten mir und euch zur Last werde. Ich bin, wie schon gesagt, ein Mann von schwachem Geist und werde leicht irre und nehme Anstoß an dem, was andre ertragen können. Ich kann kein Lachen hören. Ich habe kein Gefallen an Schmuckgegenständen. Unersprießliche Fragen kann ich nicht leiden. Ja, ich bin so schwach, daß ich mich selbst an dem stoße, was andre Freiheit haben zu tun. Ich habe noch keine völlige Erkenntnis der Wahrheit, ich bin ein sehr unwissender Christ. Oftmals, wenn ich vernehme, wie sich andre freuen in dem Herrn, werde ich dadurch sehr niedergeschlagen, weil ich es nicht also kann. Es geht mir wie einem Schwachen unter den Starken, wie einem Kranken unter den Gesunden und wie einem verachteten Lichtlein (Hiob 12, 4. 5); denn so ist der, dessen Füße gleiten wollen, in den Augen dessen, der sicher steht, so daß ich nicht weiß, was ich anfangen soll.
Mutherz. Aber, lieber Bruder, es ist meine Pflicht, die Kleinmütigen zu trösten und die Schwachen zu tragen (1. Thess. 5, 14). Du mußt durchaus mit uns gehen[217], wir wollen auf dich warten, wir wollen dir hilfreich die Hand bieten[218]; wir wollen uns alles dessen entschlagen, sei es in Worten oder Werken, was dir Ärgernis geben könnte[219]; wir wollen uns in deiner Gegenwart auf keine strittigen Fragen und Erörterungen einlassen, wir wollen uns dir lieber soviel als möglich anpassen, als daß wir dich zurücklassen sollten[220].
Mutherz und Kleinmütig standen immer noch in eifrigem Gespräch vor dem Gasthaus, da kam geradeswegs Herr Hinkfuß vorbei, mit seinen Krücken in der Hand, der gleichfalls die Pilgerschaft angetreten hatte.
Kleinmütig rief ihm entgegen: „Guten Tag, Freund, wie kommst du hierher? Ich beklagte es eben, keinen passenden Gefährten zu haben; du aber bist so ganz nach meinem Wunsch. Sei mir also willkommen, lieber Herr Hinkfuß; ich hoffe, du und ich werden einander schon behilflich sein.“
Hinkfuß. Wie freut es mich, guter Herr Kleinmütig, mit dir hier zusammenzutreffen! Deine Gesellschaft soll mir angenehm sein, und lieber will ich dir eine meiner Krücken leihen, als dich wieder von mir zu lassen.
Kleinmütig. Danke sehr, du meinst es gut; aber ich gedenke doch nicht zu hinken, ehe ich lahm bin. Indes, wenn es not tut, kann sie mir als Waffe gegen die Hunde dienen.
Hinkfuß. Meine Krücken und ich stehen dir jederzeit zu Diensten, mein lieber Kleinmütig.
So machten sie sich denn auf den Weg; Mutherz und Redlich gingen voran, Christin und ihre Kinder folgten nach und Kleinmütig und Hinkfuß hinterdrein.
„Lieber Herr Mutherz,“ hob jetzt der alte Redlich an, „bitte, erzähle uns, während wir gehen, etwas Erbauliches von frühern Pilgern!“
Mutherz. Das will ich gerne tun. Von Christ, wie er mit Apollyon im Tal der Demut kämpfte und von seinem gefahrvollen Weg durch das Tal der Todesschatten habt ihr wohl schon gehört. Auch von dem Pilger Getreu hat man euch gewiß berichtet, was für Anfechtungen er zu bestehen hatte durch die Dame Wollust, den Alten Menschen, Unzufrieden und Scham, vier so gefährliche Bösewichter, wie man sie sich kaum ärger denken kann.
Redlich. Ja, ich meine von ihnen gehört zu haben. Aber den schwersten Stand hatte der gute Getreu dem Scham gegenüber, das war doch ein ganz unverschämter Geselle.
Mutherz. Ja, wie die Pilgrime auch mit Recht von ihm sagten: er hat von allen den unrichtigsten Namen.
Redlich. Aber bitte, lieber Herr, wo war das auch, daß Christ und Getreu mit Schwätzer zusammentrafen? Das war doch auch ein ganz durchtriebener Mensch.
Mutherz. Ein selbstzufriedener Tor, und dennoch hat er viele Nachfolger.
Redlich. Beinahe hätte er sogar Getreu hinters Licht geführt.
Mutherz. Ja, aber Christ hat ihn darauf gebracht, seine Tücke zu durchschauen.
Ich sah nun in meinem Traum, daß der Führer der Pilger an einer gewissen Stelle stehenblieb, und er sprach: „Hier in dieser Gegend war es, wo der Evangelist zu Christ und Getreu trat und ihnen zuvor sagte, was für Drangsale ihrer auf dem Eitelkeitsmarkt warteten.“
Redlich. Das war aber keine ermutigende Botschaft, die er ihnen überbrachte.
Mutherz. Allerdings; er hat es jedoch nicht unterlassen, sie zugleich für die bevorstehende schwere Prüfung zu stärken. Und wir dürfen nicht vergessen: sie waren Leute wie Löwen so mutig, ihre Angesichter waren wie Kieselsteine. Wie unerschrocken standen sie vor dem Richter!
Redlich. Ja, und wie tapfer hat Getreu beharrt bis ans Ende!
Mutherz. Das hat er getan, und eine herrliche Frucht ist daraus erwachsen, nämlich Hoffnungsvoll und einige andre wurden, wie die Geschichte erzählt, durch seinen Tod bekehrt.
Redlich. Du bist von allem wohl unterrichtet; bitte, fahre fort zu erzählen!
Mutherz. Unter allen, mit denen Christ in Fühlung kam, nachdem er den Eitelkeitsmarkt im Rücken hatte, war doch Nebenwege der abgefeimteste.
Redlich. Nebenwege? Wer war das?
Mutherz. Ein Kind der Bosheit, ein Heuchler durch und durch; einer, der den Frommen spielte, aber sich immer so zu stellen wußte, je nachdem er gerade unter Menschen war, daß er sicher sein konnte, niemals etwas um deswillen zu verlieren oder zu leiden. Er hatte seine besondere Religion, die für jede Gelegenheit paßte. Und seine Frau stand ihm hierin in nichts nach. Im Handumdrehen ging er von einer Meinung zur andern über; ja, er rechtfertigte das auch, daß man das tun könnte. Soviel ich aber habe erfahren können, so hat es mit seinen Nebenwegen doch ein schlechtes Ende genommen. Ich habe auch niemals gehört, daß eines seiner Kinder bei den wahrhaft Gottesfürchtigen die geringste Achtung genossen hätte.