← Table of contents
Meyers Konversationslexikon Band 15

Übersicht (continued 39)

Reading edition

Theriak (griech.), altes Universalarzneimittel in Form einer Latwerge, angeblich vom Leibarzt Kaiser Neros, Andromachus, erfunden, ist aus 70 Stoffen zusammengesetzt und wurde bis in die neuere Zeit in den Apotheken Venedigs, Hollands, Frankreichs mit gewissen Feierlichkeiten und unter Aufsicht von Magistratspersonen gefertigt. Jetzt wird es nur noch bei Tierkrankheiten benutzt. Nach der "Pharmacopoea germanica Ed. I." bereitet man T. aus 1 Teil Opium, 3 Teilen spanischem Wein, 6 Teilen Angelikawurzel, 4 Teilen Rad. Serpentariae, 2 Teilen Baldrianwurzel, 2 Teilen Meerzwiebel, 2 Teilen Zitwerwurzel, 2 Teilen Zimt, 1 Teil Kardamom, 1 Teil Myrrhe, 1 Teil Eisenvitriol und 72 Teilen gereinigtem Honig.

Theriakwurz, s. Valeriana.

Theriodónten, s. Reptilien, S. 738.

Thermä, Name mehrerer alter Orte mit warmen Quellen. Am bekanntesten sind: Thermae Himerenses, an der Nordküste von Sizilien, westlich von Himera, dessen Einwohner es nach der Zerstörung ihrer Stadt gründeten, seit Ende des ersten Punischen Kriegs im Besitz der Römer; heute Termini. Ein zweites T. (Thermae Selinuntinae) lag an der Südwestküste von Sizilien bei Selinus; heute Sciacca.

Thermäischer Meerbusen, im Altertum Name des Golfs von Saloniki (in ältester Zeit Thermä).

Thermästhesiometer (griech.), Vorrichtung zur Prüfung des Temperatursinns, beruht im wesentlichen auf der Applizierung eines erwärmten, resp. abgekühlten Thermometers.

Thermen (griech.), "warme Quellen", d. h. solche, welche eine höhere Temperatur besitzen als die mittlere Jahrestemperatur der Orte, an denen sie auftreten. Sie sind eine besondere Art der Mineralquellen (s. d.), eben durch diese erhöhte Temperatur charakterisiert, wogegen ihr Gehalt an gelösten Mineralbestandteilen oft ein auffallend geringer ist. Nach der am meisten verbreiteten Ansicht verdanken sie ihre hohe Temperierung der Erdwärme, indem sie aus bedeutenden Tiefen, in denen die Gesteine eine hohe, sich den Wässern mitteilende Temperatur besitzen, emporsteigen (vgl. Erde, S. 746). - Bei den Römern führten diesen Namen (thermae) zum Unterschied von den gewöhnlichen Bädern (balnea) die unter Augustus von Agrippa eingeführten öffentlichen Anstalten, welche die Einrichtung der griechischen Gymnasien (Ringplatz, offene und bedeckte Säulenhallen, Konversatsonszimmer, Räume für den Unterricht und die verschiedenen Übungen, namentlich auch für das Ballspiel, allgemeines Badebassin u. a.) mit warmen Bädern verbanden. Die umfangreichsten und prächtigsten Anlagen dieser Art befanden sich in Rom und sind zum Teil noch in Trümmern vorhanden, insbesondere die des Caracalla (Rekonstruktion s. Tafel "Baukunst VI", Fig. 11); der Erhaltung nach nehmen die wichtigste Stelle ein die beiden T. von Pompeji (den Plan der einen s. Bad, S. 222, Fig. 2).

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

41

642

Thermia - Thermochemie.

Vgl. "Le terme dei Romani" (Zeichnungen von Palladio, hrsg. von Scamozzi, Vicenza 1785); Canina, L'architettura romana, Bd. 1; Overbeck, Pompeji (4. Aufl., Leipz. 1884); Marquardt, Privatleben oer Römer, Bd. 1 (2. Aufl., das. 1886).

Thermia (das alte Kythnos), griech. Insel im Ägelschen Meer, zu den Kykladen gehörig, 76 qkm (1,38 QM.) groß, gebirgig, aber wohl angebaut, mit (1879) 2923 Einw., die vorliegend Seeleute oder Weinbauer sind. Die Hauptstadt Kythnos, im Zentrum der Insel, ist Sitz eines griechischen Bischofs, hat einen Hafen und (1879) 1523 Einw. An der Nordostküste befinden sich mehrere hauptsächlich salzsaure Soda und Magnesia enthaltende Quellen von 40-55° C., von denen die Insel ihren modernen Namen hat.

Thermidor (auch Fervidor, franz., "Hitzemonat"), der elfte Monat im franz. Revolutionskalender, vom 19. Juli bis 17. Aug. Merkwürdig ist der 9. T. des Jahrs II (27. Juli 1794), an welchem Robespierre gestürzt ward, dessen Gegner sich deshalb Thermidoristen nannten.

Thermik (griech.), Lehre von der Wärme (s. d.).

Thermische Anomalie, s. Isanomalen.

Thermobarograph, s. Meteorograph.

Thermobarometer, s. Barothermometer.

Thermo-cautère (griech.-franz., spr. -kotähr), s. v. w. Paquelinscher Brennapparat.

Thermochemie (griech.), die Lehre von den durch chemische Prozesse bedingten Wärmeerscheinungen. Die neuere Physik lehrt bekanntlich, daß der Wärmezustand eines Körpers bedingt werde durch die Art der Bewegung der kleinsten Massenteilchen, der Moleküle. Je schneller sich diese Teilchen bewegen, je größer ihre lebendige Kraft ist, um so wärmer erscheint uns der Körper, dem sie angehören; je geringer dagegen die Geschwindigkeit der Moleküle ist, um so weniger Wärme wird der Körper zu enthalten scheinen. Mithin muß, wenn durch irgendwelche äußere Einwirkung oder innere Veränderung die Bewegung der Moleküle in einem beliebigen Massensystem geändert wird, auch der Wärmezustand dieses Systems eine Veränderung erleiden. Wenn sich zwei isolierte Gasatome, die sich vollkommen unabhängig voneinander bewegen, zu einem Molekül vereinen, so werden bedeutende Bewegungsgrößen zerstört, da die früher frei beweglichen Atome durch die chemische Verbindung gezwungen sind, sich innerhalb bestimmter Grenzen zu bewegen. Der scheinbare Wärmeinhalt des Systems wird also nach der Vereinigung der beiden Atome ein geringerer sein, es wird während der Vereinigung Wärme nach außen abgegeben. Mithin wird bei der chemischen Vereinigung zweier Atome stets Wärme frei. Zur Trennung der chemisch vereinten Atome ist die Anziehungskraft zu überwinden, welche die Atome zwingt, sich innerhalb bestimmter Grenzen zu bewegen; den Atomen ist eine so lebhafte Bewegung mitzuteilen, daß sie sich voneinander losreißen, sich unabhängig voneinander bewegen können. Es wird also bei der Zersetzung einer chemischen Verbindung Wärme von außen zugeführt werden müssen, es wird Wärme gebunden werden und zwar genau so viel, wie bei der Entstehung der betreffenden Verbindung frei geworden war. Da nun aber bei der Entstehung einer chemischen Verbindung um so mehr Wärme frei wird, je größer die durch die Affinität zerstörten oder richtiger in Wärme verwandelten Bewegungsgrößen der Elementaratome oder nähern Bestandteile der fraglichen Verbindung waren, so gibt die frei werdende Wärmemenge ein relatives Maß der bei der Entstehung der fraglichen Verbindung sich betätigenden Verwandtschaftskräfte ab, vorausgesetzt, daß nicht anderweitige physikalische oder chemische Vorgänge, welche sich neben der eigentlichen Reaktion abspielen, von Wärmeerscheinungen begleitet sind. Das letztere ist nun gewöhnlich der Fall, so daß die thermochemischen Daten nur mit Vorsicht als Maß für die chemischen Verwandtschaftskräfte zu benutzen sind. Wenn bei der Vereinigung von Wasserstoff und Chlor zu gasförmiger Chlorwasserstoffsäure 22 Kal. entwickelt werden, so ist diese Wärmeentwickelung nicht durch die bei der Vereinigung der beiden Gase in Frage kommende Affinität allein bedingt, sondern es kommen noch andre Faktoren in Betracht. Der Prozeß ist nicht: H+Cl==HCl, sondern: H2+Cl==2HCl, d. h. es müssen erst die Wasserstoff- und die Chlormoleküle in die diskreten Atome zerlegt werden, ehe die letztern sich zu Chlorwasserstoff vereinigen können. Die oben angeführte Wärmetönung gibt also die Bildungswärme des Chlorwasserstoffs, vermindert um die Zersetzungswärme der Wasserstoff- und der Chlormoleküle. Aus dem Umstand, daß jede Wärmetönung, wie sie durch die direkte Beobachtung gegeben wird, als eine Differenz angesehen werden muß, ergibt sich auch die Erklärung für die sonst schwerverständliche Thatsache, daß viele Verbindungen unter Wärmeabsorption entstehen. Nichtsdestoweniger haben die thermochemischen Daten als relatives Maß der bei einem chemischen Prozeß zum Ausgleich kommenden Affinitäten ihren hohen Wert. Man darf eben nur auf solche Prozesse bezügliche Zahlen direkt miteinander vergleichen, welche analog verlaufen und Produkte von analoger Konstitution liefern, so daß man eine annähernde Gleichheit der sekundären Wärmeerscheinungen annehmen kann. Die letztern werden sich dann bei der Differenzierung aufheben.

Es gibt eine Reihe wichtiger chemischer Prozesse, deren Verlauf teils wegen der Langsamkeit der Reaktion, teils wegen der geringen Beständigkeit der dabei entstehenden Produkte und aus ähnlichen Gründen keiner genauen thermischen Untersuchung unterzogen werden kann. Will man nun dennoch einen Aufschluß über die durch derartige Prozesse bedingten Wärmeerscheinungen erhalten, so muß man mittels Rechnungsoperationen aus anderweitigen Versuchsdaten erschließen, was die direkte Beobachtung nicht ergeben kann. Die Handhabe für diese Rechnungen bietet der sogen. zweite Hauptsatz der T., welcher aussagt, daß, wenn ein System einfacher oder zusammengesetzter Körper unter bestimmten äußern Umständen und Bedingungen chemische und, wie wir gleich hinzusetzen können, physikalische Veränderungen erleidet, die dabei auftretende Wärmeabsorption oder Emission allein von dem Anfangszustand und dem Endzustand des Systems abhängig ist und dieselbe bleibt, welches immer die Beschaffenheit und die Aufeinanderfolge der Zwischenzustände sei. Es geht daraus hervor, daß, wenn ein System von zwei verschiedenen Anfangszuständen zu demselben Endzustand oder von einem und demselben Anfangszustand zu zwei verschiedenen Endzuständen übergeführt wird, die Differenz der diesen beiden Prozessen entsprechenden Wärmetönungen diejenige Wärmetönung ergibt, welche dem übergang des Systems aus dem einen Anfangs-, bez. Endzustand in den andern entspricht. Die Affinitätskräfte beruhen auf der Zerstörung von Bewegungsgrößen oder richtiger auf ihrer Verwandlung in Wärme. Jedes bewegte Massensystem strebt aber dem Zustand des stabilen Gleichgewichts zu, und das Gleichgewicht ist am stabilsten, wenn das System den größtmöglichen Verlust an lebendiger Kraft er-

643

Thermochrose - Thermoelektrizität.

litten hat. Mithin ist stets die wahrscheinlichste Reaktion, vorausgesetzt, daß nur die Affinitätskräfte den Verlauf derselben bedingen, diejenige, bei welcher die Atome den größten Verlust an lebendiger Kraft erleiden, bei welcher also die größte Wärmemenge entwickelt wird. Dies Prinzip der größten Arbeit, das am meisten bestreitbare und auch bestrittene Prinzip der T., ist nur eine erste Annäherung, welche man unter Vernachlässigung aller sekundären Kräfte erhält, und welche ihren Wert nur so lange bewahren kann, als diese Vernachlässigung statthaft ist. Unter dieser Voraussetzung hat das Prinzip für die Beurteilung der Wahrscheinlichkeit einer Reaktion seinen großen Wert. Ein Problem, an dessen Lösung man oft gezweifelt hat, ist das, was eintritt, wenn man eine Säure auf das Salz einer andern Säure einwirken läßt. Bringt man z. B. Natriumsulfat und Salpetersäure zusammen, so könnten folgende Reaktionen eintreten: die Salpetersäure könnte die Schwefelsäure vollkommen verdrängen, so daß in der Lösung schließlich nur Natriumnitrat und freie Schwefelsäure vorhanden wären. Es könnte aber auch eine nur teilweise Verdrängung der Schwefelsäure eintreten, so daß wir eine Mischung von Natriumnitrat und Natriumsulfat, von freier Salpetersäure und freier Schwefelsäure in der Endlösung anzunehmen hätten. Die Schwefelsäure würde sich dann aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Natriumsulfat zu Natriumbisulfat vereinigen. Die T. hat die vollkommene Sicherheit dafür verschafft, daß die zuletzt erwähnte Teilung im Schoß der Lösung vor sich geht. Die T. liefert also nicht allein die Mittel, um die Affinitätskräfte einer genauen relativen Messung zu unterziehen, sie gibt zugleich Aufschluß über die Wirkungen dieser Kräfte in Fällen, wo alle rein chemischen Methoden bisher versagt haben. Sie gibt die Handhabe, um über die Möglichkeit, in vielen Fällen sogar über die Wahrscheinlichkeit des Verlaufs eines chemischen Prozesses von vornherein zu entscheiden, und eröffnet der theoretischen chemischen Forschung dadurch ganz neue Bahnen. Vgl. Berthelot, Méchanique chimique (Par. 1879, 2 Bde.); Thomsen, Thermochemische Untersuchungen (Leipz. 1882-1886, 4 Bde.); Naumann, Lehr- und Handbuch der T. (Braunschw. 1882); Jahn, Grundsätze der T. (Wien 1882); Horstmann, Theoretische Chemie einschließlich der T. (Braunschw. 1885); Ditte, Anorganische Chemie, gegründet auf die T. (deutsch von Böttger, Berl. 1886).

Thermochrose (griech., Wärmefärbung), s. Wärmestrahlung.

Thermoelektrizität (griech.), durch Wärme hervorgerufene Elektrizität. Lötet man einen Bügel m n (Fig. 1) von Kupfer an einen Wismutstab o p und erwärmt die eine Lötstelle, so zeigt eine innerhalb des Bügels auf einer Spitze schwebende Magnetnadel a durch ihre Ablenkung, daß ein elektrischer Strom entstanden ist, welcher an der erwärmten Lötstelle vom Wismut zum Kupfer übergeht. Wird die Lötstelle unter die Temperatur der umgebenden Luft abgekühlt, so entsteht ein thermoelektrischer Strom von entgegengesetzter Richtung. Verbindet man einen Antimonstab mit dem Kupferbügel, so geht der Strom an der erwärmten Lötstelle vom Kupfer zum Antimon. Einen solchen aus zwei Metallen, welche an zwei Stellen miteinander verlötet sind, gebildeten Bogen nennt man ein geschlossenes thermoelektrisches Element (Thermoelement). Zwei Metallstäbchen, welche bloß am einen Ende zusammengelötet sind, während die freien Enden Leitungsdrähte tragen, bilden ein offenes thermoelektrisches Element (Fig. 2), das zu einem geschlossenen wird, wenn man die Drahtenden miteinander in leitende Verbindung bringt. Die verschiedenen Metalle lassen sich in eine Reihe (thermoelektrische Spannungsreihe) derart ordnen, daß, wenn man aus zwei derselben ein Element bildet und die Lötstelle erwärmt, der positive Strom von dem in der Reihe höher stehenden Metall zu dem tiefer stehenden übergeht; diese Reihe ist: Wismut, Quecksilber, Platin, Gold, Kupfer, Zinn, Blei, Zink, Silber, Eisen, Antimon. Einige Schwefel- und Arsenmetalle sowie einige Oxyde, z. B. Kupferkies, Arsenikkies, Bleiglanz, Pyrolusit etc., stehen noch über dem Wismut, eine Legierung aus 2 Teilen Antimon mit 1 Teil Zinn noch unter dem Antimon. Zur Konstruktion möglichst wirksamer Thermoelemente wählt man zwei Metalle, welche in der Spannungsreihe weit voneinander entfernt stehen, z. B. Wismut und Antimon. Die Wirkung wird verstärkt, wenn man mehrere Elemente nach Art der Voltaschen Säule zu einer thermoelektrischen Säule (Thermosäule, Fig. 3) verbindet; mehrere Stäbchenschichten, deren Zwischenräume mit einer isolierenden Substanz ausgegossen sind, werden, zu einem Bündel vereinigt, in eine Fassung p (Fig. 4) gebracht, so daß ihre Endstäbchen mit den Stiften x und y in leitender Berührung stehen. Eine solche Thermosäule in Verbindung mit einem Galvanometer (Multiplikator) wird Thermomultiplikator genannt und bildet ein sehr empfindliches Mittel zum Nachweis und zur Messung der strahlenden Wärme. Marcus hat eine größere Thermosäule konstruiert, worin einerseits eine Legierung aus 10 Teilen Kupfer, 6 Teilen Zink und 6 Teilen Nickel, an-

41*

644

Thermograph - Thermometer.

derseits eine solche aus 12 Teilen Antimon, 5 Teilen Zinn und 1 Teil Wismut angewandt wird. Die eine Reihe der Lötstellen wird durch Flammen erwärmt, die andre durch Wasser oder Eis gekühlt. 30 Elemente dieser Art erzeugen einen Elektromagnet von 75 kg Tragkraft. Weit günstigere Resultate gibt die Thermosäule von Noë, deren 20 Elemente sternförmig angeordnet sind, von der Mitte aus durch einen Bunsenschen Brenner erwärmt werden und durch Vermittelung kupferner Blechspiralen die Wärme an die Luft abgeben. Ebenfalls auf Luftkühlung eingerichtet ist die Clamondsche Thermosäule; auch sie wird von einem cylindrischen Hohlraum aus geheizt, um welchen die Elemente in übereinander geschichteten Kränzen aufgebaut sind. Vier solche Säulen zu je 400 Elementen, welche zusammen pro Stunde 3,2 cbm Gas verzehren, ersetzen 50 Bunsenelemente und können demnach elektrisches Kohlenlicht erzeugen. Leitet man durch ein Thermoelement einen galvanischen Strom, so bringt derselbe an der Lötstelle eine Temperaturveränderung hervor, welche derjenigen entgegengesetzt ist, die einen Thermostrom von gleicher Richtung erzeugen würde. Geht z. B. der galvanische Strom vom Antimon zum Wismut, so erwärmt sich die Lötstelle; sie kühlt sich dagegen ab, wenn der Strom vom Wismut zum Antimon übergeht (Peltiers Phänomen).

Thermograph (griech.), s. Registrierapparate.

Thermographie (griech.), graphische Darstellung der Schwankungen der Körpertemperatur bei fieberhaften Krankheiten; auch ein dem Naturselbstdruck (s. d.) ähnliches Verfahren mechanischer Vervielfältigung, von Abate in Neapel erfunden, das aber nur geringe Verbreitung gefunden hat.

Thermohypsometer (griech.), s. Barothermometer.

Thermolyse (griech.), s. v. w. Dissociation.

Thermometer (griech., Wärmemesser), Instrument zur Bestimmung der Temperatur. Bei den gewöhnlichen Thermometern mißt man die durch das Fallen und Steigen der Temperatur veranlaßten Volumveränderungen einer in einem Gefäß mit Kapillarrohr eingeschlossenen Flüssigkeit, besonders des Quecksilbers. Das Gefäß ist am besten cylindrisch, weil es bei dieser Form im Verhältnis zu der von ihm aufgenommenen Quecksilbermenge der Umgebung eine größere Oberfläche darbietet. Je größer die Kapazität des Gefäßes im Verhältnis zum Querschnitt des Kapillarrohrs ist, desto merklicher wird das Steigen oder Sinken des Quecksilbers bei gleicher Änderung der Temperatur sein. Das Rohr des Thermometers muß überall gleiche innere Weite haben, so daß ein Quecksilberfaden an allen Stellen desselben gleiche Länge behält. Bei der Anfertigung des Thermometers wird die Luft vollständig aus dem Instrument entfernt. Der Raum über dem Quecksilber muß absolut luftleer sein, so daß letzteres das Rohr beim Umkehren des Instruments bis in die äußerste Kuppe füllt. Das fertige T. wird in schmelzendes Eis getaucht und der Stand des Quecksilbers bestimmt. So erhält man den Gefrierpunkt. Zur Bestimmung des Siedepunktes hängt man das T. in einer Röhre auf, durch welche der Dampf von kochendem destillierten Wasser strömt, und markiert den Stand des Quecksilbers. Durch den Druck der äußern Luft auf das luftleere Instrument wird das Gefäß des letztern etwas zufammengepreßt und dadurch die Skala etwas verrückt. Es ist deshalb der Gefrierpunkt nach längerer Zeit wiederholt zu bestimmen. Den Raum zwischen Gefrier- und Siedepunkt teilt Reaumur in 80, Celsius in 100 Teile oder Grade. Auf den Fahrenheitschen Thermometern ist der Eispunkt mit 32, der Siedepunkt mit 212 bezeichnet, der 0-Punkt liegt also 3.2° F. unter dem Eispunkt. Die Grade über dem Gefrierpunkt werden durch das Zeichen +, die unter dem Gefrierpunkt durch - bezeichnet. Um die Angaben einer der verschiedenen Skalen in eine andre zu übertragen, dienen folgende Formeln:

t° C. = 8/10 t° R. oder 9/5 t + 32° F.,

t° R. = 10/8 t° C. oder 9/4 t + 32° F.,

t° F. = 5/9 (t -32)° C. oder 4/9 (t - 32)° R.

Vergleichnng der Thermometerskalen.

C. R. F. C. R. F.

-40 -32 -40 35 28 95

-35 -28 -31 40 32 104

-30 -24 -22 45 36 113

-25 -20 -13 50 40 122

-20 -16 - 4 55 44 131

-15 -12 5 60 48 140

-10 - 8 14 65 52 149

- 5 - 4 23 70 56 158

0 0 32 75 60 167

5 4 41 80 64 176

10 8 50 85 68 185

15 12 59 90 72 194

20 16 68 95 76 203

25 20 77 100 80 212

30 24 86

Bei Siedepunktbestimmungen ist immer der Barometerstand zu berücksichtigen, weil das Sieden einer Flüssigkeit von dem auf ihr lastenden Druck abhängig ist. Die Thermometerskalen beziehen sich stets auf normalen Barometerstand von 760 mm. Über den Siedepunkt des Wassers hinaus trägt man die Skala empirisch auf und kann sie bis fast zum Siedepunkt des Quecksilbers ausdehnen. Bei -40° gefriert das Quecksilber, und man bedient sich daher zur Messung

Fig. 1. Rutherfords Maximum- und Minimumthermometer.

niedriger Temperaturen des Alkoholthermometers, welches ebenso wie das Quecksilberthermometer angefertigt und nach einem solchen graduiert wird. Rutherfords Maximum- und Minimumthermometer (Thermometrograph, Fig. 1) gibt die höchste und die niedrigste Temperatur an, welche in einer gewissen Zeit geherrscht hat. Es besteht aus einem Weingeist- und einem Quecksilberthermometer, deren Röhren horizontal liegen. In der Röhre des Quecksilberthermometers schiebt das Quecksilber einen feinen Stahlcylinder vor sich her, läßt ihn aber liegen, wenn es sich bei fallender Temperatur zusammenzieht. Im Weingeistthermometer befindet sich ein feines Glasstäbchen, welches aus

645

Thermometer (zu verschiedenen Zwecken).

dem Weingeist nicht herauszufallen vermag; es folgt dem beim Sinken der Temperatur sich zusammenziehenden Weingeist, bleibt aber liegen, wenn der Weingeist sich wieder ausdehnt. Das Sixsche Maximum- und Minimumthermometer (Fig. 2) besteht aus einer heberförmig gebogenen Röhre n o p, deren unterer Teil Quecksilber enthält. Das Gefäß d und der linke Schenkel sind bis auf das Quecksilber mit Weingeist gefüllt; im rechten Schenkel, der mit dem Gefäß q endigt, befindet sich über dem Quecksilber ebenfalls Weingeist. Jeder Schenkel der Röhre enthält in seinem mit Weingeist gefüllten Teil einen Stahlstift a und b, von denen der letztere bei steigender Temperatur, der erstere bei fallender Temperatur durch das Quecksilber hinaufgeschoben und beim Rückgang des Quecksilbers stehen gelassen wird. Der Stift a gibt also das Minimum, der Stift b das Maximum der Temperatur seit der letzten Einstellung an. Die Einstellung wird durch einen kleinen von außen an die Röhre gehaltenen Magnet bewirkt, durch welchen man die beiden Stifte wieder bis zu den Quecksilberkuppen herabzieht. Das Six-T. ist namentlich zum Messen der Temperatur der Meerestiefen sehr geeignet. Zur Messung der menschlichen Blutwärme gebrauchen die Ärzte ein kleines Maximumthermometer, das sogen. Fieberthermometer (Fig. 3, natürliche Größe), von dessen Quecksilbersäule das obere Stück durch eine ganz kleine Luftblase von dem übrigen Queck-Silber abgetrennt ist. Beim Steigen wird der abgetrennte Faden vorgeschoben und bleibt bei der Abkühlung an der erreichten Stelle stehen. Durch Schwingen des Thermometers muß vor jeder neuen Beobachtung der abgetrennte Faden wieder bis zum übrigen Quecksilber zurückgeführt werden, wobei eine doppelte Umbiegung der Röhre eine völlige Vereinigung mit diesem verhindert. Beim Gebrauch steckt man das Gefäß des Thermometers in die Achselhöhle oder in den After des Kranken und wartet 10 Minuten bis zur Ablesung. Die Einteilung gestattet, Zehntelgrade abzulesen, und braucht nur im Bereich der vorkommenden Bluttemperaturen ausgeführt zu sein. Das Geothermometer zum Messen der Temperatur in Bohrlöchern ist ein Ausflußthermometer, es besitzt ein großes cylindrisches Gefäß, welches mittels Korks zwischen zwei durch Schrauben verbundene Metallplatten eingeklemmt ist; die Röhre ist oben offen u. so kurz, daß der Endpunkt der Skala noch unter der zu messenden Temperatur liegt. Füllt man nun das Rohr vollständig mit Quecksilber u. überläßt das Instrument einige Zeit neben einem gewöhnlichen T. sich selbst, so kann man die Temperatur, welche es anzeigt, als T notieren; senkt man es dann ins Bohrloch, so dehnt sich das Quecksilber aus, und ein Teil desselben fließt aus. Nach dem Versuch zeigt das Geothermometer t1° und ein gewöhnliches T. daneben t°, wobei t1 kleiner ist als t. Die Temperatur im Bohrloch ist dann x=t-t1+T. Für wissenschaftliche Zwecke wendet man das Luftthermometer (s. Ausdehnung, S. 110) an, bei welchem die Ausdehnung oder Druckzunahme eines bestimmten Volumens Luft gemessen wird. Dieses Instrument gibt zwischen 0 und 100° dieselben Grade an wie das Quecksilberthermometer, über 100° hinaus gibt dagegen letzteres stets höhere Temperaturen an. Das Quecksilber dehnt sich nämlich von 0-100° gleichförmig, von 100° an aber in einem stärkern Verhältnis aus. Nur die Ausdehnung der Luft ist der absorbierten Wärmemenge stets proportional, und deshalb muß man auch, wenn es sich um genaue Bestimmung höherer Temperaturen handelt, stets das Luftthermometer anwenden. Die Benutzung desselben ist aber umständlich, da man die Temperatur nicht direkt ablesen, sondern jedesmal durch einen mehr oder minder umständlichen Versuch ermitteln muß. Das Metallthermometer von Breguet (Fig. 4) ist ein spiralförmig gewundenes, 1-2 mm breites Band, das aus Silber, Gold u. Platin besteht. Drei Streifchen dieser Metalle sind so aufeinander gelötet, daß sich das Gold in der Mitte zwischen dem stärker ausdehnbaren Silber u. dem weniger ausdehnbaren Platin befindet, und dann zu einem sehr dünnen Band ausgewalzt. Das eine Ende der Spirale A ist an einem Stativ befestigt, das andre B trägt einen Zeiger cd, der über einer Kreisteilung schwebt. Beim Wechsel der Temperatur windet sich die Spirale auf oder zu und bewegt so den Zeiger, dessen Angaben nach einem guten Quecksilberthermometer reguliert werden. Das Instrument ist äußerst empfindlich. Bei dem abgebildeten Metallthermometer hängt ein an der Nadel cd befestigtes Stäbchen in das Quecksilbergefäß H H herab, welches mit dem Messingbügel N N A nur durch das Spiralband in leitender Verbindung steht. Wird nun das Quecksilbergefäß mit dem einen, der Messingbügel mit dem andern Pol eines galvanischen Stromerzeugers verbunden, so geht der Strom durch das Spiralband, welches sich infolgedessen erwärmt, und die Nadel dreht sich um eine der Stärke des Stroms entsprechende Anzahl von Graden. Das Quadrantenthermometer (Fig. 5) enthält ein innen aus

646

Thermometer (Tiefsee -T.).

Kupfer, außen aus Platin bestehendes, kreisförmig gebogenes Band fgh, dessen eines Ende f befestigt ist, während das andre t t mittels eines Hebelwerks boa durch den gezahnten Bogen cd einen Zeiger z z in Bewegung setzt, sobald sich das Band mehr streckt oder biegt. Bei abnehmender Temperatur bewirkt die Spiralfeder s s eine Drehung in entgegengesetzter Richtung. Auf demselben Prinzip beruht das Metall-Maximum- und Minimumthermometer von Herrmann und Pfister (Fig. 6). Das eine Ende der Spirale s s, welche aus zwei Metallstreifen, außen Stahl, innen Messing, zusammengelötet ist, ist an einen festen Metallzapfen a angeschraubt, das andere Ende b ist frei. Steigt die Temperatur, so dehnt sich das Messing stärker aus als der Stahl, die Spirale öffnet sich etwas, ihr freies Ende geht nach links u. schiebt den leicht beweglichen Zeiger cd mittels des Stifts p vor sich her; beim Erkalten schließt sich die Spirale wieder mehr, ihr freies Ende bewegt sich nach rechts, läßt den Zeiger cd auf der erreichten Maximaltemperatur stehen und schiebt nun den Zeiger fg mittels des Stifts q nach rechts, wo derselbe bei erneuter Erwärmung stehen bleibt und das Temperaturminimum anzeigt. Die bogenförmige Skala wird durch Vergleichung mit einem Quecksilberthermometer graduiert. Solche Spiralen eignen sich sehr gut zur Konstruktion selbstregistrierender T. (s. Registrierapparate, S. 664).

Das Tiefseethermometer von Negretti und Zambra ist ein gewöhnliches Quecksilberthermometer mit cylindrischem Gefäß, dessen Hals verengert und auf besondere Weise zusammengezogen ist (Fig. 7 u. 8). Jenseit dieser Verengerung ist das Thermometerrohr mehr ausgebogen und bildet eine kleine Bucht zur Aufnahme von Quecksilber. Das Ende der alsdann gerade verlaufenden Röhre bildet ein Reservoir für das aus dem cylindrischen Gefäß abfließende Quecksilber. Wird der Apparat zunächst so gehalten, daß dies Gefäß sich unten befindet, so füllt das Quecksilber die ganze Röhre bis zu einem Raum in dem Reservoir am Ende derselben, welcher für die Ausdehnung des Quecksilbers genügt, sobald die Temperatur steigt. Kommt nun aber durch eine plötzliche Umkehrung des Apparats das cylindrische Gefäß nach oben, so zerreißt das Quecksilber bei der Verengerung des Halses, u. der abgerissene Teil des Quecksilbers fließt die Röhre hinab und füllt das Reservoir u. einen Teil der Röhre oberhalb desselben, entsprechend der jedesmaligen Temperatur zur Zeit der Umkehrung; die Röhre ist deshalb von dem Reservoir aus nach oben in Grade eingeteilt und bildet die Thermometerskala. Um das Instrument zur Beobachtung vorzubereiten, muß das cylindrische Gefäß nach unten gebracht werden und so lange in dieser Lage verharren, bis es bei seinem Herablassen in das Wasser die Temperatur seiner Umgebung angenommen hat (Fig. 7). Will man nun für irgend eine Tiefe des Meers, eines Sees oder eines Flusses die Temperatur bestimmen, so muß man das T. umkehren, so daß das cylindrische Gefäß nach oben kommt (Fig. 8), und es in dieser Lage halten, bis die Ablesung nach dem Heraufholen des Thermometers gemacht ist. Die Menge des Quecksilbers in dem untern graduierten Teil der Röhre ist nämlich so gering, daß sie von einer Änderung der Temperatur während des Heraufholens nicht oder nur sehr unbedeutend beeinflußt wird (ausgenommen, wenn diese sehr beträchtlich sein sollte). Dagegen wird sich das Quecksilber in dem cylindrischen Gefäß mit der Ab- und Zunahme der Wärme zusammenziehen oder ausdehnen. In dem letztern Fall wird etwas Quecksilber die Verengerung am Hals des Gefäßes passieren, in die oben erwähnte seitliche Ausbuchtung gelangen und dort verbleiben, solange das Gefäß aufwärts gerichtet ist; somit bleibt die Quecksilbermenge bei dieser Lage des Thermometers in dem untern Teil der Röhre unverändert. Die nach dem Heraufholen des Thermometers mittels der eingeteilten Lotleine an der Oberfläche erfolgende Ablesung desselben gibt also in der That die wirkliche Temperatur der betreffenden, durch die Lotleine bestimmten Tiefenschicht

647

Thermomètre automoteur - Theromorphie.

des Wassers an, und das Instrument selbst ist ein genauer Registrierapparat. Bei der Umkehrung des Thermometers in die Lage (Gefäß nach oben) in irgend einer Tiefe muß große Vorsicht angewendet werden. Zu diesem Zweck ist das Instrument in ein hölzernes Gehäuse (s. Figur) eingefügt, welches zum Teil mit Schrotkugeln angefüllt ist, die sich frei von einem Ende zum andern bewegen können, und deren Gewicht so reguliert ist, daß sie den ganzen Apparat gerade schwimmend im Wasser erhalten; dieser selbst ist mittels eines Taues, welches durch eine Öffnung des hölzernen Gehäuses so nahe wie möglich bei dem cylindrischen Gefäß geht, mit der Lotleine befestigt. Bei dem Herablassen wird das T. mit dem Gefäß in der Lage nach unten herabgezogen; bei dem Heraufziehen aber wird der Apparat, infolge des Widerstandes des Wassers, sich umkehren, und das Gefäß kommt in die Lage nach oben (s. Figur). Die Vorrichtung zum Schutz gegen den Wasserdruck besteht in einer das T. umgebenden starkwandigen, hermetisch verschlossenen Glashülle, welche zum größten Teil mit Quecksilber angefüllt ist. Vgl. Gerland, Das T. (Berl. 1885).

Thermomètre automoteur (franz., spr. otomotör), s. Nachtfrost.

Thermomultiplikator, s. Wärmestrahlung.

Thermon, im Altertum Hauptort des erweiterten Ätolien in Griechenland, wozu seit ca. 300 v. Chr. auch Westlokris, Doris, Ötäa und Äniania gehörten, lag am Ostufer der Trichonis (See von Vrachori) und war weniger eine Stadt als ein Komplex von Tempeln, Versammlungsräumen etc. und Sitz des Ätolischen Bundes. T. wurde 218 v. Chr. von Philipp V. von Makedonien geplündert und zerstört, wobei allein 2000 Statuen weggeführt wurden, und blieb seitdem unbedeutend. Seine Ruinen sind wahrscheinlich in Paläo-Bazaro bei Petrochori zu suchen.

Thermopathogenie (griech.), Lehre von der Entstehung des Fiebers.

Thermophore (griech.), s. Radiophonie.

Thermopylen ("Thor der warmen Quellen"), Engpaß an der Grenze der griechischen Landschaften Lokris und Malis (im jetzigen Nomos Phthiotis und Phokis), zwischen dem von Sümpfen umränderten Malischen Meerbusen und einem Ausläufer des Bergs Öta, so benannt nach den daselbst befindlichen warmen Schwefelquellen, war bei einer Länge von mehr als einer Stunde nur 50-60 Schritt breit, an vielen Stellen aber noch weit enger und war als Haupteingang von Thessalien nach Hellas von alters her ein wichtiger strategischer Punkt. Das vom Spercheios herabgeführte Alluvium hat die Küste hier bedeutend verändert und vorgeschoben; kleine Bäche bilden jetzt neben dem Weg einen bodenlosen Sumpf, durch welchen ein Steindamm mit mehreren Brücken führt. - Berühmt ist der Paß besonders durch die heldenmütige Ausopferung des Leonidas und seiner Spartiaten im Juli 480 v. Chr. Während sich die hellenische Bundesflotte an der Nordspitze von Euböa, am Vorgebirge Artemision, aufstellte, übernahmen die Spartaner die Verteidigung der T. gegen das unermeßliche persische Heer. Die dort aufgestellte griechische Schar bestand aus nicht ganz 6000 Mann, darunter bloß 300 Spartiaten unter dem Oberbefehl des Königs Leonidas, welcher die alte Vermauerung des Passes erneuern und den Paß über den Öta am Kallidromos durch 1000 Phoker besetzen ließ. Als Xerxes zum Angriff schritt, schlugen die Griechen die Perser zwei Tage lang, zuletzt selbst die persische Leibwache zurück. Da führte der Malier Ephialtes 20,000 Perser unter Hydarnes auf dem Fußpfad, den die Phoker zu bewachen versäumten, über das Gebirge den streitenden Griechen in den Rücken. Als diese die Kunde von ihrer Umgehung erhielten, beschloß Leonidas, dem Befehl, den Paß zu hüten, gehorsam, mit den Spartiaten zu bleiben und bis auf den letzten Mann zu kämpfen. Die übrigen ließ er zur Verteidigung ihrer Heimat abziehen, mit Ausnahme von 400 Thebanern, die er als Geiseln für die Treue dieser Stadt mitgenommen hatte. Aber auch die 700 Thespier blieben freiwillig bei ihm. Um 10 Uhr vormittags des dritten Tags, als von beiden Seiten die persische Übermacht zum Angriff schritt, führte Leonidas seine Schar mitten unter die Feinde, um ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen; als die Lanzen zersplittert und die Kräfte erschöpft waren, zogen sich die Hellenen auf einen kleinen Hügel südlich von den Quellen zurück, wo sie einer nach dem andern den Pfeilen der Perser erlagen. Von den Thebanern dagegen retteten sich viele dadurch, daß sie nach Leonidas' Tode die Waffen streckten und den Persern beteuerten, daß sie nur gezwungen gegen sie gekämpft hätten. Das Haupt des Leonidas ließ Xerxes auf einen Pfahl stecken, und den Rumpf soll er an das Kreuz haben schlagen lassen. Die Griechen aber widmeten dem Andenken der Helden ein Denkmal mit der Inschrift des Simonides:

Wanderer, meld es daheim Lakedämons Bürgern: erschlagen

Liegen wir hier, noch im Tod ihrem Gebote getreu.

Im J. 191 siegte der römische Konsul Manius Acilius Glabrio über Antiochos d. Gr. und die Ätolier, indem der Legat M. Porcius Cato die Umgehung über das Gebirge ausführte. Auch im griechischen Freiheitskampf wurde hier mehrere Male (6. Sept. 1821, dann 8. und 14. Juli 1822) gekämpft.

Thermosäule, s. Thermoelektrizität.

Thermostat (griech.), Gestell zum bequemen Erhitzen eines Körpers über der Lampe, speziell eine Vorrichtung zur selbsttätigen Regulierung der Temperatur beim Erhitzen. Erreicht die Quecksilbersäule eine bestimmte Höhe, die nicht überschritten werden soll, so schließt sie durch einen in das Thermometer eingeschmolzenen Platindraht einen elektrischen Strom, der nun entweder nur den Wächter durch eine elektrische Klingel herbeiruft, oder auch direkt auf die Flamme wirkt, indem er den Zufluß von Leuchtgas verringert.

Thermotherapie (griech.), Behandlung der Krankheiten mittels heißer Bäder, heißer Bähungen etc.

Thermotonus (griech.), bei Pflanzen mit reizbaren und periodisch beweglichen Organen der durch die Wärme bedingte bewegliche Zustand derselben; vgl. Pflanzenbewegungen.

Théroigne de Méricourt (spr. teroannj d' merikuhr), "die Amazone der franz. Revolution", geb. 13. Aug. 1762 zu Luxemburg, hieß eigentlich Anna Josephe Terwagne, ward in Paris Kurtisane, that sich beim Zug der Pariser nach Versailles (Oktober 1789) hervor, trat in den Dienst der Jakobiner und agitierte für sie in Belgien, wo sie 1790 der kaiserlichen Polizei in die Hände fiel. Nach einjähriger Haft in Wien kehrte sie Anfang 1792 nach Paris zurück, wurde als Verräterin vom Pöbel 10. Aug. beim Sturm auf die Tuilerien ausgepeitscht und starb 9. Juni 1797 im Irrenhaus. Vgl. Fuß, Théroigne de Méricourt (Lüttich 1854).

Theromorphie (griech.), tierähnliche Bildung, sowohl eine Mißbildung als eine atavistische Form, welche auf die Abstammung des Menschen vom Tier hindeutet.

648

Theron - Thespis.

Theron, Sohn des Änesidemos aus Gela, Tyrann von Akragas (Agrigent) seit 489 v. Chr., zeichnete sich durch Gerechtigkeit und Milde aus, eroberte Himera, kämpfte 480 in der Schlacht daselbst gegen die Karthager und starb 472. Pindar feiert ihn als Sieger in den Olympischen Spielen. Sein Grabmal zu Akragas galt für ein berühmtes Kunstwerk.

Thersandros, einer der Epigonen, Sohn des Polyneikes und der Argeia, zog mit gegen Theben und ward nach des Eteokles und seines Vaters Tod König von Theben. Später zog er mit gegen Troja und kam in Mysien im Kampf mit Telephos um.

Thersítes, nach griech. Mythus der häßlichste Mann in dem vor Troja lagernden Heer der Griechen, Sohn des Agrios und Verwandter des Diomedes, ein boshafter und schmähsüchtiger Schreier, ward von Odysseus wegen Verleumdung des Agamemnon öffentlich gezüchtigt und nach späterer Sage von Achilleus getötet, weil er dem Leichnam der Amazonenkönigin Penthesileia die Augen ausgerissen hatte. Vgl. Jacobs, Die Episode des T. (in den "Vermischten Schriften", Bd. 6, Leipz. 1844).

Thesa (Tasa, Teja), Stadt in Marokko, östlich von Fes, am Ued el Assar, ein strategisch sehr wichtiger Punkt, hat 3500 Einw., welche mit einer kleinen Garnison des Sultans in der von einer doppelten Mauer umgebenen Stadt leben, aber dieselbe kaum verlassen können, da der die Umgegend bewohnende Stamm der Riata in Wahrheit Herr des ganzen Gebiets ist.

Thesaurus (griech., "Schatz"), bei den alten Griechen s. v. w. Schatzkammer, Schatzhaus. Die in der Regel unterirdischen Schatzhäuser (Thesauren) der alten Herrschergeschlechter gehörten zu den bedeutendsten Anlagen der griechischen Vorzeit; die übliche Grundform derselben war die eines kreisrunden, durch Überkragung horizontaler Schichten kuppelartig geschlossenen Gemachs (am bekanntesten das sogen. Schatzhaus des Atreus zu Mykenä). In der historischen Zeit errichteten die einzelnen Staaten innerhalb des Bezirks allgemein angesehener Heiligtümer (z. B. der zu Olympia und Delphi) eigne Thesauren zur Aufnahme der von ihnen dargebrachten Weihgeschenke. - T. ist außerdem ein in früherer Zeit sehr beliebter und auch jetzt noch vorkommender Titel für Sammlungen von Monographien, zerstreuten Bemerkungen etc., welche, in einem größern Werk vereinigt, ein ganzes wissenschaftliches, besonders sprachliches, Gebiet umfassen, ebenso für umfangreichere, zum Gebrauch für Fachgelehrte bestimmte Wörterbücher. Bekannt sind namentlich: der "T. linguae graecae" von Henricus Stephanus und "T. linguae latinae" von Rob. Stephanus, der "T. antiquitatum graecarum" von Gronovius und "T. antiquitatum romanarum" von Grävius.

Theseus, einer der berühmtesten Heroen des Altertums, Sohn des Königs Ägeus von Athen und der Äthra, ward bei seinem Großvater Pittheus in Trözen erzogen. Herangewachsen, nahm er das Schwert seines Vaters, welches dieser selbst für ihn unter einem Felsblock verborgen hatte, als Erkennungszeichen und ging damit nach Athen. Unterwegs erschlug er die Räuber Periphetes, Sinis, Skiron, Kerkyon, Prokrustes u. a. In Athen angekommen, sollte er auf Anstiften seiner Stiefmutter Medeia (s. d.) vergiftet werden; Ägeus erkannte den Sohn aber am Schwert, und Medeia mußte fliehen. T. machte sich zunächst um das Land verdient, indem er den marathonischen Stier erlegte. Als darauf die Gesandten des Minos nach Athen kamen, um den jährlichen Tribut von sieben Jünglingen und sieben Jungfrauen für den Minotauros zu holen, ließ sich T. unter die Zahl der ausersehenen Opfer aufnehmen, und es gelang ihm, mit Hilfe der Ariadne (s. d.) den Minotauros zu töten (s. Mtnotauros, mit Abbildung). Nach dem Tode des Ägeus trat er die Herrschaft über Attika an und zeichnete sich durch weise Herrschermaßregeln sowie durch kühne Heldenthaten aus. Er stiftete die Panathenäischen und Isthmischen Spiele, zog mit Herakles gegen die Amazonen und erhielt als Siegespreis die Königin Antiope oder Hippolyte, die ihm den Hippolytos gebar, half dem Peirithoos die Kentauren vertreiben und stieg mit demselben in die Unterwelt, um die Persephone zu entführen; hier aber wurden beide gefesselt zurückgehalten, bis sie Herakles befreite. Später nahm T. an dem Argonautenzug und an der kanonischen Jagd teil. Bei seiner Zurückkunft nach Athen den Menestheus, Sohn des Peteos, auf dem Thron findend, ging er nach Skyros, wo er seinen Tod durch einen Sturz von einem Felsen oder durch Verrat des Königs Lykomedes fand. T. war der ionische (speziell athenische) Hauptheros, den seine Verehrer zu gleichem Glanz wie die Dorier ihren Herakles zu erheben suchten, insbesondere Repräsentant des volkstümlichen Königtums. Er erhielt bald Heroendienst in Athen, und es wurde ihm ein prachtvoller Tempel errichtet. Noch jetzt führt ein im Mittelalter als christliche Kirche, dann als Museum benutzter, kunstgeschichtlich höchst bedeutsamer Tempel in Athen den Namen Theseion, wiewohl wahrscheinlich mit Unrecht (s. Athen, S. 997). Die Darstellung des T. auf Kunstwerken ähnelt sehr der des Herakles, nur ist er stets jugendlich aufgefaßt und in seiner ganzen Erscheinung schlanker, die Keule weniger schwer, als die Herakleische. Besonders auf attischen Monumenten (Metopen und Fries des sogen. Theseions in Athen) sind seine Thaten gern dargestellt worden. Vgl. Stephani, Der Kamps zwischen T. und Minotauros (Leipz. 1842); Roßbach, T. und Peirithoos (Tübing. 1852).

Thesiger, Frederick, s. Chelmsford.

Thesis (griech.), ein Satz, namentlich ein zum Beweis aufgestellter (These); in der Metrik der Gegensatz von Arsis (s. d.), ebenso in der Musik.

Thesmophorien (griech.), altes mysteriöses Fest, welches in Athen und vielen andern Orten Griechenlands Anfang November nach Bestellung der Wintersaat gefeiert wurde, und zwar zu Ehren der Demeter Thesmophoros, d. h. der gesetzgebenden Demeter, der Gründerin des Ackerbaues, der bürgerlichen Gesellschaft sowie der rechtmäßigen Eheverbindung. Von der Festfeier, die der Hauptsache nach in einer Prozession der Frauen nahe dem Demetertempel am Vorgebirge Kolias bestand und mit einem Festschmaus unter mimischen Tänzen und Spielen endete, waren die Männer streng ausgeschlossen. Vgl. Mommsen, Heortologie. Antiquarische Untersuchungen über die städtischen Feste der Athener (Leipz. 1864).

Thesmotheten (griech.), s. Archonten.

Thespiä, Stadt im alten Böotien, westlich von Theben, von deren Einwohnern 700 in den Thermopylen kämpften und fielen, wurde von Xerxes zerstört, dann wieder aufgebaut, um später (372 v. Chr.) von den ihr stets feindlichen Thebanern aufs neue zerstört zu werden. T. war Geburtsort des Praxiteles und der Phryne und blühte noch in römischer Zeit. Ruinen bei Erimokastro.

Thespis, nach der griech. Sage der Erfinder des Dramas, speziell der Tragödie, indem er den dithyrambischen Chören bei den Dionysien (Bakchosfesten)

649

Thesprotia - Theuriet.

einen Monolog (und also einen Schauspieler) hinzufügte, der in der Regel eine auf Bakchos bezügliche mythische Geschichte enthielt, war aus Ikaria in Attika gebürtig und lebte um 540 v. Chr. Falsch ist die Nachricht, daß T. mit einer wandelnden Bühne aus einem Karren herumgezogen sei; doch ist der Thespiskarren für wandelnde Bühnen seit Horaz sprichwörtlich geworden. Vgl. Schauspielkunst, S. 414.

Thesprotia, Landschaft im alten Epirus, reichte vom Ambrakischen Meerbusen (Golf von Arta) bis an den Thyamis (Kalamas) und ward vom Acheron (heute Phanariotiko) durchströmt. Die Thesproter, die schon in der "Odyssee" als ein seefahrendes, von Königen beherrschtes Volk genannt werden, waren ein illyrischer Stamm, welcher erst allmählich sich hellenisierte; zur Zeit des Peloponnesischen Kriegs war ihr Staat der mächtigste in Epirus.

Thessalien, alte Landschaft im nördlichen Griechenland, grenzt gegen W. an Epirus, von dem es der Pindos trennt, gegen N. an Makedonien, gegen O. an das Ägeische Meer, gegen S. an den Pagasäischen und Malischen Meerbusen und an das Gebiet der Doloper und Änianen. Die Hauptgebirge sind: der Olympos (2985 m), Ossa (1953 m), Pelion (Plessidi, 1620 m) im N., der Othrys (1728 m) im S., der Pindos (2168 m) im O. Die Gebirge im N. und S. sind leicht zu überschreiten, so daß T. wiederholt Völkerwanderungen und Eroberern zum Durchzugsland diente. Ein nur 800 m hoher Gebirgszug, die berühmten Kynoskephalä, teilt die von jenen Bergen umringte thessalische Ebene, die einst ein Binnensee gewesen ist, in zwei wohlbewässerte Hälften. Hauptfluß ist der Peneios. Der Boden war fruchtbar; besonders gab es gute Weiden, weshalb die Pferdezucht in T. zu Hause war. Die Thessalier waren als Pferdebändiger ebenso berühmt wie als Zauberer. Die einzelnen Stadtgebiete waren (vom Beginn der Olympiaden bis ins 3. Jahrh. v. Chr.) in vier Bezirke (sogen. Tetraden) verteilt. Diese waren: Hestiäotis, nebst dem Gebiet der Perrhäber, der westliche und nördliche Teil des Landes mit den Städten Trikka, Gomphi, Ithome; Pelasgiotis, im O. längs der Halbinsel Magnesia mit Larissa, der größten Stadt des Landes, Krannon, Pherä, Skotussa; Thessaliotis, der südwestliche Teil der thessalischen Ebene, mit Kierion und Pharsalos, und Phthiotis oder Achaia Phthiotis, der Süden u. Südosten des Landes mit Halos und Thebä Phthiotides, wozu als fünfte Landschaft noch der Küstenstrich Magnesia mit der Stadt Demetrias kam, der ein selbständiges Gemeinwesen bildete. S. Karte "Altgriechenland". - Als älteste Bewohner des Landes werden Pelasger genannt, welche die Ureinwohner unterjochten und zu Leibeignen machten, die unter dem Namen Penesten einen ähnlichen unterdrückten Stand bildeten wie die Heloten in Sparta. Die "Ilias" kennt den Namen T. noch nicht. Der Tradition nach fielen 60 Jahre nach Trojas Fall die wahrscheinlich illyrischen Thessalier, ein Teil der Thesproter, aus Epirus in T. ein und veranlaßten dadurch die Dorische Wanderung. Sie wurden später hellenisiert, blieben aber geistig unbedeutend. Um so mehr leisteten sie in athletischen Künsten. Unter den edlen Geschlechtern waren schon zur Zeit der Perserkriege die Aleuaden in Larissa und die Tyrannen zu Pherä, die ihren Ursprung auf Jason zurückführten, berühmt. Unter dem spätern Tyrannen Alexander war T. der Schauplatz eines Kriegs mit den Thebanern unter Pelopidas. Dann stand T. im Bund mit Theben gegen Sparta. Nach Alexanders Ermordung (359) riefen die Aleuaden gegen dessen Nachfolger Tisiphonos und Lykophron den König Philipp von Makedonien zu Hilfe, der sich aber bald selbst zum Herrn des Landes machte. Von da an blieb T. in makedonischer Abhängigkeit, und wenn auch für Augenblicke der Ätolische Bund im Besitz des Landes war, so war es doch schon so weit makedonisiert, daß es keinen weitern Versuch machte, die frühere Selbständigkeit wiederzuerlangen. Als Philipp III. mit den Römern Krieg führte, standen die Thessalier auf seiner Seite. Nach der Schlacht bei Kynoskephalä, in der ersterer besiegt wurde, ward T. mit den andern griechischen Staaten bei den Isthmischen Spielen für frei erklärt (196) und bildete bis 146 einen Bund, um dann unter römischen Einfluß zu gelangen. Es behielt zwar seine Verfassung, wurde aber als Provinz behandelt. Unter den Kaisern wurde es förmlich zu einer solchen gemacht und, da es nicht groß genug war, zu Makedonien geschlagen. Konstantin d. Gr. machte es dagegen zu einer eignen Provinz und stellte es unter die Präfektur Illyrien. Hierauf kam es zum byzantinischen und zu Anfang des 13. Jahrh. zum lateinischen Kaisertum, obwohl sich während dieser Zeit manchmal eigne Dynasten in Besitz des Landes setzten und darin zu behaupten wußten. 1460-1881 war T. in der Gewalt der Türken. Jetzt bildet es die griechischen Nomarchien Larissa und Trikkala. S. Karte "Griechenland".

Thessalonicher, Briefe an die, zwei Schriften des neutestamentlichen Kanons, welche vom Apostel Paulus wahrscheinlich zu Korinth abgefaßt worden sind, ihre Veranlassung in seinem Interesse für die erst kürzlich von ihm gestiftete Gemeinde zu Thessalonich haben und insbesondere ihre Erwartungen von der Zukunft Christi berichtigen sollen. Neuerdings ist die Authentie wenigstens des zweiten dieser Briefe fast gänzlich zweifelhaft geworden. Vgl. P. Schmidt, Der erste Thessalonicherbrief (Berl. 1885).

Thessalonike, Stadt, s. Saloniki.

Thetford, Stadt in der engl. Grafschaft Norfolk, an der Kleinen Ouse, hat Malzdarren, Handel und (1881) 4032 Einw. T. war früher Hauptstadt Ostanglias; die Ruinen eines Palastes und mehrerer kirchlicher Gebäude zeugen noch von seiner ehemaligen Bedeutung.

Thetis (nicht zu verwechseln mit Tethys), in der griech. Mythologie Tochter des Nereus und der Doris, wider ihren Willen Gemahlin des Peleus (s. d.), Mutter des Achilleus. Als Peleus sie wegen des gefährlichen Mittels, durch das sie ihren Sohn unsterblich machen wollte (s. Achilleus), tadelte, stieg sie zu ihrem Vater in die Tiefen des Meers zurück, und nur bisweilen begab sie sich auf die Erde, um ihrem Sohn Achilleus dle zärtlichste Muttersorge zuwidmen.

Theuerdank, s. Pfinzing.

Thëurgie (griech.), die vorgebliche Kunst, sich durch gewisse Zeremonien und Handlungen mit den Göttern und Geistern in nähere Verbindung zu setzen und sie zu Hervorbringung übernatürlicher Wirkungen für sich zu gewinnen. Die T. hat ihren Ursprung bei den Magiern der Chaldäer und Perser. Auch die Ägypter rühmten sich, große Geheimnisse darin zu besitzen. Unter den Philosophen spielte sie bei den Neuplatonikern eine große Rolle, namentlich bei Jamblichos und Proklos. Auch im Mittelalter kommen häufig Spuren von ihr vor. Vgl. Lobeck, Aglaophamus (Königsb. 1829, 2 Bde.), und Litteratur bei Magie.

Theuriet (spr. töria), André, franz. Dichter und Romanschreiber, geb. 1833 zu Marly le Roi bei Paris, studierte die Rechte in Paris und erhielt 1857 eine Anstellung im Finanzministerium. In demselben

650

Theux de Meylandt - Thibaudin.

Jahr veröffentlichte die "Revrte des Deux Mondes" ein Gedicht von T.: "In memoriam", das sehr bemerkt wurde, dann aber schwieg er lange. Erst 1867 erschien "Le chemin des bois", ein Band Gedichte, in welchen er den Wald besang, und die ihn zum Liebling der Frauenwelt machten (in 2. Aufl. 1877 von der Akademie gekrönt). Weitere Werke von T. sind : "Les paysans de l'Argonne, 1792", episches Gedicht (1871), "Le Bleu et le Noir, poème de la vie réelle" (1872); dann die Romane: "Mademoiselle Guignon" (1874), "Le mariage de Gérard", "Une Ondine" (1875), "La fortune d'Angèle" (1876), "Raymonde" (1877); ferner: "Le filleul d'un Marquis" (1878), "Le fils Maugars" (1879), "Le sang des Finoël" (1879), "Tante Aurélie", "Mariage de Gérard" (1884), der Novellenband "L'amoureux de la préfète" (1888), "Deux soeurs", Roman (1889), u. a. Die französische Akademie erkannte T. auch als Romanschriftsteller 1878 einen ihrer ersten Preise zu. Als solcher zeichnet er sich ebenfalls durch einen tiefen Sinn für die Natur und ein seltenes, an George Sand erinnerndes Talent aus, landschaftliche Stimmungsbilder zu entwerfen, und entschädigt dadurch für eine manchmal etwas lockere Erzählung oder ungenügende Charakterzeichnung. T. ist seit geraumer Zeit eine der Stützen der "Revue des Deux Mondes".

Theux de Meylandt (spr. thö), Barthélemy Theodore, Graf de, belg. Staatsmann, geb. 25. Febr. 1794 auf Schabroek im Limburgischen, studierte zu Lüttich die Rechte, ward Advokat daselbst, im November 1830 Mitglied des Kongresses, 1831 Mitglied der Deputiertenkammer und im Dezember d. J. Minister des Innern. Nachdem er 1832 mit seinen Kollegen zurückgetreten, ward er im August 1834 mit der Bildung eines neuen klerikalen Ministeriums beauftragt, worin er nebst der Präsidentschaft das Portefeuille des Innern und später das des Auswärtigen übernahm. Nach dem Sturz dieser Verwaltung 1840 ward T. in den Grafenstand erhoben und war noch eine Zeitlang als Minister ohne Portefeuille thätig. 1846 trat er abermals an die Spitze eines klerikalen Kabinetts, mußte aber schon 13. Aug. 1847 infolge des Siegs der liberalen Linken bei den Wahlen zurücktreten und war bis 1870 eins der Häupter der klerikalen Partei in der Kammer. Ende 1871 wurde er in einem neuen klerikalen Ministerium Präsident und Minister ohne Portefeuille. Er starb 21. Aug. 1874 auf seinem Gut Meylandt bei Hasselt.

Thiaki, jetziger Name von Ithaka.

Thianschan (Tienschan, "Himmelsgebirge"), mächtiges Gebirge in Zentralasien (s. Karte "Zentralasien"), das vom 96.° östl. L. v. Gr. in der Wüste Gobi bis zum 65.° in die Ebenen der Bucharei unweit der Stadt Bochara reicht, und etwa 2600 km lang ist. Im O. schmal, wächst das Gebirge nach W. zu an Breite und zerteilt sich hier in spitze, winkelig auseinander gehende Höhenzüge (Terek-Tagh, Alexanderkette, Transilenischer Alata u. a.), so daß die Breite schon am Westrand des Sees Issikul 1500 km beträgt. Die einzelnen Hauptketten erscheinen kulissenartig übereinander geschoben, so daß die nördlichste im W. schon unter dem 77. Meridian endigt, wo die südlichste im O. kaum begonnen. Die Längsthäler herrschen vor, die größern öffnen sich nach W., so das Thal des Ili im N., welches sich zu einem breiten Steppengebiet erweitert, oder das des Tschu. Mit Zunahme der Breite nimmt die Starrheit und Unzugänglichkeit ab, doch ist unsre Kenntnis der Hauptzüge noch sehr lückenhaft, viele Gipfel sind nur aus großer Ferne visiert worden; auch tragen die einzelnen Ketten nicht immer einheitliche Namen. Die äußerste Kette im NO., welche die Dsungarei vom Tarimbecken trennt, reicht im Massiv des Bogdo-ola in die Schneeregion (hier 4000 m), auch das Quelle gebiet des Ili ist von Gletschern umstarrt, und den Issikul umgeben Gipfel von 4500 m; die höchsten Erhebungen scheinen aber dem mittlern Teil anzugehören, wo der Chan-Tengri 6500 m, nach einigen sogar 7500 m erreichen soll. Die meisten Paßeinsenkungen sind hier vergletschert, am Ostfuß des Chan-Tengri führt der Musartpaß (3900 m) als einziger gangbarer aus dem Tekesthal in das Tarimbecken und verbindet so Kuldscha mit Aksu. Die westlichen Pässe sind aber für den Verkehr wichtiger, insbesondere ist der Terek Dawan (3727 m) von alters her Hauptstraße zwischen Ost- und Westturkistan gewesen. Erloschene Vulkane finden sich in beträchtlicher Menge am Westrand des Tarimbeckens, dagegen ist das Vorhandensein thätiger Vulkane bisher nicht festgestellt worden. Das Rauchen des früher als Vulkan bezeichneten Beschan, südlich vom Juldusplateau, ist brennenden Kohlenlagern zuzuschreiben. Vgl. Sewerzow, Erforschung des Thianschangebirgssystems 1867 (Ergänzungsheft zu "Petermanns Mitteilungen", Gotha 1875).

Thianschan-Nanlu, das westliche Becken des Han-hai, besser Tarimbecken genannt ; s. Han-hai.

Thianschan-Pelu, chines. Name der Dsungarei.

Thibaudeau (spr. tibodoh), Antoine Claire, Graf, franz. Staatsmann und Historiker, geb. 23. März 1765 zu Poitiers, ward Advokat daselbst, 1792 Konventsdeputierter, schloß sich der Bergpartei an und stimmte für den Tod des Königs. Nach dem Sturz Robespierres trat er auf die Seite der Gemäßigten, ward im März 1795 Präsident des Konvents, dann Mitglied des Wohlfahrtsausschusses und 1796 Präsident des Rats der Fünfhundert, nach der Revolution vom 18. Brumaire Präfekt von Bordeaux, dann Staatsrat und 1803 unter Erhebung in den Grafenstand Präfekt der Gironde, später der Rhonemündungen. Nach der zweiten Restauration 1815 verbannt, ging er zunächst nach der Schweiz, dann nach Prag, wo er ein Handelshaus errichtete. Nach der Julirevolution von 1830 kehrte er nach Frankreich zurück, beteiligte sich hier aber nicht an den öffentlichen Angelegenheiten. 1852 von Napoleon III. zum Senator ernannt, starb er 8. März 1854. Er schrieb unter anderm: "Mémoires sur la Convention et le Directoire" (Par. 1824, 2 Bde.); "Mémoires sur le Consulat et l'Empire" (das. 1835, 10 Bde.); "Histoire générale de Napoléon Bonaparte" (das. 1827 bis 1828, 5 Bde.; deutsch, Stuttg. 1827-30); "Histoire des États généraux et des institutions représentatives en France" (Par. 1843, 2 Bde.). Nach seinem Tod erschien: "Ma biographie; mes mémoires 1765-92" (Par. 1875).

Thibaudin (spr. tibodäng), Jean, franz. General, geb. 13. Nov. 1822 zu Moulins-Engilbert (Nièvre), trat 1841 in die Schule von St.-Cyr, ward 1843 Infanterieleutnant, diente anfangs in Algier, kämpfte 1859 als Hauptmann in Italien, befehligte 1870 als Oberst das 67. Linienregiment in der Rheinarmee, fiel nach der Kapitulation von Metz in deutsche Gefangenschaft und wurde in Mainz interniert. Von hier entwich er im Dezember unter Bruch seines Ehrenworts nach Frankreich und stellte sich hier dem Kriegsminister wieder zur Verfügung. Nachdem er den Namen seiner Mutter, Comagny, angenommen, wurde ihm das Kommando der 2. Division des 24. Armeekorps bei der Armee Bourbakis und nach der

651

Thibaut IV. - Thienemann.

Absetzung des Generals Bressolles das des Korps selbst übertragen, mit welchem T. 1. Febr. 1871 nach der Schweiz übertrat. Nach dem Krieg wurde er zwar von der Untersuchungskommission nicht verurteilt, aber mit Rücksicht auf eine Reklamation der deutschen Regierung in Inaktivität versetzt. Jedoch schon 1872 wurde er rehabilitiert, zum Obersten des 32. Linienregiments ernannt und, da er sich als eifriger Republikaner zeigte, bald zum Brigadegeneral und, nachdem er unter Farre Direktor des Infanteriewesens im Kriegsministerium gewesen war, 1882 zum Divisionsgeneral befördert. Da er bei der Ministerkrisis Ende Januar 1883 sich bereit erklärte, die Ausführung des Prätendentengesetzes gegen die in der Armee dienenden Prinzen von Orléans zu übernehmen, ward er 30. Jan. 1883 zum Kriegsminister ernannt, nahm aber schon im Oktober d. J. auf Verlangen der übrigen Minister seine Entlassung, da er sich weigerte, dem König von Spanien einen Besuch zu machen. 1885 wurde er zum Kommandanten von Paris ernannt, aber wegen seiner Beziehungen zu der durch den Ordensschacher belasteten Frau Limouzin im November 1887 abgesetzt.

Thibaut IV. (spr. tiboh), Graf von der Champagne und Brie, seit 1234 König von Navarra, geb. 1201, war ein eifriges Mitglied der Adelskoalition, die sich die Minderjährigkeit Ludwigs IX. zu nutze machen wollte. Aber der schönen Mutter Ludwigs, Blanche von Kastilien, gelang es, den Grafen auf ihre Seite zu ziehen und ihn später gegen die Rache seiner frühern Freunde zu schützen. Dafür überließ er ihr, als er den Thron von Navarra erbte, die Grafschaften Blois, Chartres und Sancerre. T. starb 1253 in der Champagne nach der Rückkehr aus dem Heiligen Land. Großen Ruhm erwarb sich T. als Trouvère besonders durch seine Liebeslieder; Dante und Petrarca zählen zu seinen aufrichtigsten Bewunderern. Seine Gedichte, welche sich trotz ihres kunstvollen Baues durch den leichten und graziösen Fluß der Verse, Innigkeit und Wahrheit der Gefühle und durch reine und klare Sprache auszeichnen, nehmen eine Art Mittelstellung ein zwischen der nordfranzösischen Lyrik und der Poesie der Troubadoure, und man wird kaum fehl gehen, wenn man annimmt, daß die zartesten und duftigsten Blüten seiner Dichtung unter dem Einfluß des liederreichen Hofs von Navarra erblüht sind. Von den 66 überlieferten Liedern sind 39 Liebeslieder, die andern Kampflieder, fromme Rügelieder etc.; sie sind herausgegeben von Lévesque de la Ravallière (Par. 1742, 2 Bde.) und von Tarbé (Reims 1851). Vgl. Delbarre, Vie de T. (Laon 1850).

Thibaut (spr. tiboh), Anton Friedrich Justus, ausgezeichneter Lehrer des röm. Rechts, geb. 4. Jan. 1772 zu Hameln, studierte in Göttingen, Königsberg und Kiel, ward 1798 Professor in Kiel, 1802 nach Jena und 1806 nach Heidelberg berufen, wo er 28. März 1840 starb. Sein Hauptwerk ist das "System des Pandektenrechts" (Jena 1803, 2 Bde.; 9. Aufl. von Buchholtz, das. 1846). Gemeinschaftlich mit Löhr und Mittermaier gab er Bd. 6-23 des "Archivs für die zivilistische Praxis" (Heidelb. 1823-40) heraus. Seinen "Juristischen Nachlaß" veröffentlichte Guyet (Berl. 1841-42, 2 Bde.). Als Kenner der klassischen Musik bewies er sich in der Schrift "Über Reinheit der Tonkunst" (Heidelb. 1825, 6. Aufl. 1884). Vgl. E. Baumstark, A. F. J. T. (Leipz. 1841).

Thibet, Land, s. Tibet.

Thièle (spr. tjähl, Zihl), linksseitiger Nebenfluß der Aare, 134 km lang, entsteht als Orbe in dem französischen Jurasee Lac des Rousses (1075 m ü. M.), durchfließt, im Val de Joux auf Schweizergebiet übergetreten, den Lac de Joux (1009 m ü. M.) und den Lac Brenet, verschwindet von hier an durch einen Trichter, in welchem die Werke einer Mühle sich befinden, unter den Kalkfelsen und kommt erst 4 km weiter als "Source de l'Orbe" aus einer hohen Felswand wieder hervor (783 m). Bald wieder einen ansehnlichen Bergstrom bildend, zieht die T. durch das enge Thal von Valorbe, betritt unterhalb des Städtchens Orbe ein weites Sumpfland und mündet, schon unter dem Namen Toile oder (Obere) T., in den Neuenburger See (435 m). Als Mittlere Zihl verläßt der Fluß sein großes Läuterungsbassin und erreicht jetzt in geradem, kanalisiertem Lauf den Bieler See. Die Untere T., vom Austritt aus diesem Seebecken bis zur Aare, ist jetzt, nach Ausführung großer hydrotechnischer Arbeiten, mit der Aare selbst vereinigt und erreicht deren altes Bett bei Meienried-Buren (430 m). S. Juragewässerkorrektion.

Thielmann, Johann Adolf, Freiherr von, preuß. General, geb. 27. April 1765 zu Dresden, trat 1782 in ein sächsisches Chevaulegers-Regiment, ward 1784 Leutnant, 1790 zu einem Husarenregiment versetzt, machte die Feldzüge am Rhein mit, ward 1798 Stabsrittmeister und focht 1806 bei Jena. Am 15. Okt. d. J. an Napoleon I. gesandt, ward er ganz von Bewunderung für diesen erfüllt und betrieb die Allianz Sachsens mit Frankreich. Er diente als Major und Flügeladjutant im polnischen Feldzug, ward 1809 Oberst und Generaladjutant sowie kurz darauf Generalmajor, deckte im Kriege gegen Österreich Sachsen, ward 1810 Generalleutnant, kommandierte 1812 in Rußland eine Kavalleriebrigade und zeichnete sich besonders in der Schlacht an der Moßkwa aus, wofür er in den Freiherrenstand erhoben wurde. 1813 war er dafür, daß Sachsen sich von Napoleon lossage, und suchte als Kommandant von Torgau die dort versammelten Truppen zur Vereinigung mit den Alliierten zu bewegen. Als ihm dies nicht gelang, ging er im Mai allein zu denselben über, ward erst Befehlshaber eines Streifkorps, dann des sächsischen Korps, das er 1814 in Frankreich befehligte, trat 9. April 1815 in preußische Dienste über, führte 1815 bei Ligny und besonders bei Wavre das 3. Armeekorps, ward 1816 kommandierender General des 7., 1819 des 8. Korps und starb als General der Kavallerie 10. Okt. 1824 in Koblenz. Vgl. v Minckwitz, Die Brigade T. in dem Feldzug von 1812 in Rußland (Dresd. 1879).

Thielt, Arrondissementshauptstadt in der belg. Provinz Westflandern, Knotenpunkt der Eisenbahnen Lichtervelde-T. und Deynze-Ingelmünster, hat ein Kommunalcollège, Spitzenklöppelei, Leinweberei, Ölfabrikation, Handel und (1888) 9850 Einw.

Thiene (spr. ti-ene), Distriktshauptstadt in der ital. Provinz Vicenza, an der Eisenbahn Vicenza-Schio gelegen, hat einen Palast mit Fresken von Veronese, bedeutende Tuchfabrikation und (1881) 5217 Einw.

Thienemann, Friedrich August Ludwig, Ornitholog, geb. 25. Dez. 1793 zu Gleina an der Unstrut, studierte seit 1813 in Leipzig Medizin und Naturwissenschaften, bereiste seit 1820 den Norden Europas, namentlich Island, ward 1825 als Inspektor des königlichen Naturalienkabinetts nach Dresden berufen und 1839 zum königlichen Bibliothekar ernannt, legte aber schon 1842 aus Gesundheitsrücksichten diese Stelle wieder nieder und starb 24. Juni 1858 in Trachenberg bei Dresden. Seine Hauptwerke sind

652

Thienen - Thiers

die "Systematische Darstellung der Fortpflanzungsgeschichte der Vögel Europas" (mit seinem Bruder G. A. W. Thienemann und Chr. L. Brehm, Leipz. 1825 bis 1838, 5 Abtlgn.) und "Fortpflanzungsgeschichte der gesamten Vögel" (das. 1845-56, 10 Hefte mit 100 Tafeln); "Reise im Norden Europas" (das. 1824 bis 1827, 2 Bde.).

Thienen, Stadt, s. Tirlemont.

Thiengen, Stadt im bad. Kreis Waldshut, an der Wutach und der Linie Mannheim-Konstanz der Badischen Staatsbahn, 350 m ü. M., hat eine kath. Kirche, ein Schloß, 2 Bezirksforsteien, Baumwollspinnerei und -Weberei, Verbandstofffabrikation, Viehhandel und (1885) 2231 meist kath. Einwohner.

Thierfelder, Albert, Komponist, geb. 30. April 1846 zu Mühlhausen i. Th., einer der letzten Schüler von Moritz Hauptmann, wirkte als Dirigent zuerst in Elbing, dann in Brandenburg und wurde 1886 als Universitätsmusikdirektor nach Rostock berufen. Er schrieb eine Symphonie in C moll, Sonaten, ein Klavierquartett, das Chorwerk "Zlatorog" (Text von Rud. Baumbach) für Chor, Solo und Orchester, mit verbindender Deklamation, u. a.

Thierry (spr. tjerri), 1) Augustin, hervorragender franz. Geschichtschreiber, geb. 10. Mai 1795 zu Blois, besuchte die Normalschule in Paris, widmete sich dem Studium der Geschichte, namentlich der französischen und englischen, ward 1830 Mitglied der Akademie und starb erblindet 22. Mai 1856 in Paris. Er schrieb: "Histoire de la conquête de l'Angleterre par les Normands" (Par. 1825, 4 Bde.; deutsch, Berl. 1830-1831, 2 Bde.), "Lettres sur l'histoire de France" (Par. 1827, 13. Aufl. 1868), "Dix ans d'études historiques" (1834, 11. Aufl. 1868), "Récits des temps mérovingiens" (1840, 2 Bde., in vielen Ausgaben; deutsch, Elberf. 1855), die von der Akademie mit einem Hauptpreis gekrönt wurden, "Essai sur l'histoire de la formation et des progrès du tiers-état" (1853, neue Ausg. 1868), welche Werke zuletzt in 9 Bänden (Par. 1883) gesammelt erschienen, und gab den "Recueil des monuments inédits de l'histoire du tiers-état" (das. 1843-70, 4 Bde.) heraus. Vgl. Aubineau, M. Aug. T., son système historique et ses erreurs (2. Aufl., Par. 1879).

2) Amédée, namhafter franz. Geschichtschreiber, Bruder des vorigen, geb. 2. Aug. 1797 zu Blois, erhielt eine Professur in Besançon, ward nach der Julirevolution zum Präfekten des Departemnts Obersaône ernannt, 1831 in die Akademie aufgenommen, 1838 Requetenmeister im Staatsrat und 1860 Senator; starb 27. März 1873. Er schrieb: "Histoire des Gaulois jusqu'à la domination romaine" (Par. 1828, 3 Bde.; 6. Aufl. 1877, 2 Bde.); "Histoire de la Gaule sous la domination romaine" (1840-47, 3 Bde.; 4. Aufl., 2 Bde.); "Récits (und "Nouveaux récits") de l'histoire romaine au V. siècle" (1860-1878, 6 Bde.: "Alaric", "Placidie", "Derniers temps de l'Empire d'Occident", "Saint Jérôme, la société chrétienne à Rome et l'emigration romaine en Terre Sainte", "Saint Jean Chrysostome et l'impératrice Eudoxie", "Nestorius et Eutychès"); "Tableau de l'Empire romain" (das. 1862 u. öfter); "Histoire d'Attila et de ses successeurs" (das. 1864; 6. Aufl. 1876, 2 Bde.; deutsch, Leipz. 1874).

Thiers (spr. tjähr), Arrondissementshauptstadt im franz. Departement Puy de Dôme, malerisch am steilen Abhang des Besset (623 m) über der Durolle gelegen, Station der Eisenbahn von St.-Etienne nach Clermont-Ferrand (Abzweigung nach St.-Germain des Fossés), hat 2 Kirchen aus dem 11. Jahrh., viele mittelalterliche Häuser, ein Handelsgericht, Collège, Gewerbeschule, Handelskammer u. (1886) 11,753 Einw. T. ist der Mittelpunkt einer ausgedehnten Messerindustrie, welche über 400 Werkstätten mit gegen 12,000 Arbeitern beschäftigt, und betreibt außerdem Fabrikation von Papier, Quincaillerien, Kerzen, Decken, Asphalt und Leder sowie lebhaften Handel.

Thiers (spr. tjähr), Louis Adolphe, franz. Staatsmann und Geschichtschreiber, geb. 15. April 1797 zu Marseille als Sohn eines Advokaten, studierte in Aix die Rechte, ließ sich 1820 daselbst als Advokat nieder, begab sich aber schon im September 1821 mit seinem Freund Mignet nach Paris, um dort als Journalist seine Talente geltend zu machen. Er schrieb zuerst für den "Constitutionnel", das vornehmste Organ der liberalen Partei, und veröffentlichte außer einer mehrfach aufgelegten Schrift über Jean Law (1826, neue Ausg. 1878) 1823-27 seine "Histoire de la Révolution française" in 6 Bänden (15. Aufl. 1881, 10 Bde.; deutsch von Jordan, Leipz. 1854), welche seinen Ruhm als Historiker begründete. Als Karl X. durch die Ernennung des Ministeriums Polignac der liberalen Partei den Krieg erklärte, gründete diese unter der Leitung von T., Armand Carrel und Barrot im Januar 1830 den "National", der durch die Kraft und Kühnheit seiner Polemik gegen die bestehende Dynastie bald großen Einfluß gewann. Besonders elektrisierte die Massen das von T. erfundene Schlagwort: "Le roi règne, mais ne gouverne pas". Als 26. Juli 1830 die berüchtigten Ordonnanzen erschienen, versammelten sich die Redakteure aller liberalen Journale im Büreau des "National" und erließen unter T.' Leitung einen Protest gegen diese Regierungsmaßregel. Nachdem Sieg der Revolution führte T. die Unterhandlungen mit dem Herzog von Orléans, der auch 31. Juli auf dem Stadthaus den von T. an der Spitze einer Deputation wiederholten Antrag, den Thron zu besteigen, annahm. Als die Ordnung wiederhergestellt war, wurde T. 11. Aug. zum Staatsrat und Generalsekretär, sodann Anfang November von Laffitte zum Unterstaatssekretär der Finanzen ernannt. Zu derselben Zeit von der Stadt Aix in die Deputiertenkammer gewählt, bildete er sich rasch zu einem Redner aus, dessen Präzision und Gewandtheit bald Anerkennung fanden. Hierdurch und durch seine administrativen Gaben den regierenden Kreisen empfohlen, ward er nach Périers Tod 11. Okt. 1832 Minister des Innern, 25. Dez. 1832 des Handels und der öffentlichen Arbeiten. Bei der Umgestaltung des Kabinetts 4. April 1834 übernahm er wieder das Departement des Innern. Während ihn die Strenge, die er bei der Unterdrückung der demokratischen Unruhen in Paris und Lyon zeigte, auf immer mit seinen alten republikanischen Freunden entzweite, ward er dem Hof noch unentbehrlicher und behauptete sich 1834-36 trotz mehrfacher Ministertwechsel im Kabinett, die "Politik des Widerstandes" mit Erfolg verfechtend. Im Februar 1836 erhielt er den Vorsitz im neuen Kabinett zugleich mit dem Portefeuille des Auswärtigen, mußte aber schon 26. Aug. 1836 zurücktreten, da der König dem schon beschlossenen Einschreiten in Spanien zu gunsten des Liberalismus seine Zustimmung versagte, und stand nun zwei Jahre lang an der Spitze der dynastischen Opposition. Seit 13. Dez. 1834 war er auch Mitglied der Akademie. Am 1. März 1840 als Minister des Auswärtigen wieder an die Spitze des Kabinetts gestellt, bewirkte er die Zurückführung der Leiche Napoleons I. von St. Helena und die Befestigung von Paris. Sein Plan, der Quadrupelal-

653

Thiers (Louis Adolphe).

lianz vom 15. Juli entgegen den Vizekönig von Ägypten zu unterstützen und in dem allgemeinen Krieg die Rheingrenze wiederzugewinnen, scheiterte an der Weigerung des friedfertigen Königs. T. reichte daher 21. Okt. seine Entlassung ein und griff den schon früher gefaßten Plan wieder auf, die Geschichte Napoleons I. zu schreiben, zu welchem Behuf er 1841 bis 1845 dessen Schlachtfelder in Deutschland und Italien bereiste. In der Kammer gesellte er sich wieder zur Opposition, deren Führung er jedoch nicht erlangte, obwohl er bei den Verhandlungen über die Regentschaft (1842), die Jesuiten (1845) und die Rechte der Universität (1846) heftig gegen die Regierung auftrat. Als die Februarrevolution von 1848 den König zwang, das Ministerium Guizot zu entlassen, sollte T. mit Barrot ein neues bilden, durch welches Ludwig Philipp den Sturm besänftigen wollte. Dasselbe kam aber nicht mehr zu stande, und T. hielt es für geraten, nach Proklamierung der Republik Paris zu verlassen. Er blieb Orléanist und nahm in der Nationalversammlung eine Mittelstellung ein. Den Plänen Napoleons wirkte er eifrig entgegen und ward daher beim Staatsstreich 2. Dez. 1851 verhaftet und dann in das Ausland entlassen. 1852 ward ihm die Rückkehr nach Frankreich gestattet, wo er sich elf Jahre lang vom öffentlichen politischen Leben fern hielt und sich ganz der schriftstellerischen Thätigkeit widmete. Die Frucht derselben war die "Histoire du Consulat et de l'Empire" (Par. 1845 bis 1862, 20 Bde.; Register 1869; deutsch von Bülau, Leipz. 1845-62, 20 Bde.; von Burckhardt und Steger, das. 1845-60, 4 Bde.). 1863 wurde T. in Paris in den Gesetzgebenden Körper gewählt und ward hier der Führer der kleinen, aber mächtigen Opposition. Er bekämpfte in glänzenden Reden ("Discours prononcés au Corps législatif", Par. 1867) besonders den falschen Konstitutionalismus und die auswärtige Politik des Kaiserreichs, sowohl in Zollfragen als namentlich die Intervention in Italien, welche die Gründung der italienischen Einheit, und sein Verhalten 1864-66 in der deutschen Frage, welches Sadowa zur Folge gehabt habe. Um das legitime Übergewicht Frankreichs zu behaupten, drang er auch auf Aufrechthaltung eines tüchtigen stehenden Heers nach altem System, da er von allgemeiner Wehrpflicht und Volksbewaffnung nichts wissen wollte. Mit um so größerer Energie widersetzte er sich 15. Juli 1870 der übereilten Kriegserklärung und erklärte mit später bestätigter Einsicht Frankreich für nicht gerüstet. Nach dem Sturz des Kaiserreichs übernahm er im September eine Rundreise an die Höfe der Großmächte, um sie zu einer Intervention für Frankreich zu veranlassen, kehrte aber Ende Oktober unverrichteter Sache zurück und begann nun im Auftrag der Regierung Unterhandlungen mit dem deutschen Hauptquartier über einen Waffenstillstand, die ebenso erfolglos endeten. Bei den Wahlen für die Nationalversammlung ward er in 20 Departements zum Deputierten und, da alle Parteien ihr Vertrauen auf ihn setzten, schon 17. Febr. 1871 von der Versammlung zum Chef der Exekutivgewalt gewählt. Seine erste Aufgabe war, den Frieden mit Deutschland zu stande zu bringen; er führte selbst die Verhandlungen mit Bismarck und rettete wenigstens Belfort. Am 1. März setzte er die Annahme des Friedens in der Nationalversammlung durch und bewog 10. März diese, ihren Sitz nach Versailles zu verlegen. Der Kommuneaufstand in Paris 18. März brachte T. in die höchste Bedrängnis, und nur seinem Mut und Selbstvertrauen sowie seiner unermüdlichen Thätigkeit war es zu danken, daß derselbe überwunden und gleichzeitig 10. Mai der definitive Friede mit Deutschland abgeschlossen wurde. Daran schlossen sich die erfolgreichen Maßregeln zur Beschassung der nötigen Geldmittel. Am 31. Aug. 1871 ward er auf drei Jahre zum Präsidenten der Republik ernannt. Nun begannen aber die Schwierigkeiten des Parteigetriebes in der Nationalversammlung. Die monarchistischen Parteien sahen sich in ihren Hoffnungen auf T.' energische Unterstützung getäuscht und rächten sich durch gehässige Angriffe und Ränke, obwohl T. den klerikalen Ansprüchen möglichst nachgab. Als daher T., überzeugt, daß die Herstellung des Königtums in Frankreich, besonders des orléanistischen, eine Unmöglichkeit und die Republik die einzig mögliche Regierungssorm sei, 11. Nov. 1872 die definitive Konstituierung der Republik von der Nationalversammlung verlangte, beschloß die klerikal-monarchistische Majorität derselben, da die Zahlung der Kriegsentschädigung an Deutschland und die Räumung des Gebiets durch den Vertrag vom 15. März 1873 gesichert waren, T. zu stürzen. Am 19. Mai brachte die Rechte eine Interpellation ein über das neue Ministerium, welches T. berufen hatte, um seine Verfassungsvorschläge für die Republik durchzuführen; nach heftiger Debatte ward 23. Mai ein Tadelsvotum gegen dies Ministerium mit 360 gegen 344 Stimmen angenommen und, als T. darauf seine Entlassung gab, diese mit 368 gegen 338 Stimmen genehmigt. T. zog sich darauf wieder vom öffentlichen Leben zurück und nahm nur an wichtigen Abstimmungen in der Deputiertenkammer teil. Nach dem Staatsstreich vom 16. Mai 1877 richteten sich die Hoffnungen aller Republikaner wieder auf T. als das Haupt einer gemäßigten Republik, aber er starb plötzlich 3. Sept. 1877 zu St.-Germain en Laye infolge. eines Schlaganfalls und wurde am 8. in Paris feierlich bestattet. 1879 wurde ihm ein Standbild in Nancy, 1880 ein solches in St.-Germain errichtet. T., von kleiner Gestalt, aber scharf geschnittenen, lebendigen Zügen, war einer der bedeutendsten Staatsmänner Frankreichs im 19. Jahrh. und jedenfalls der populärste. Seine Doktrin war die des konstitutionellen Systems, in welchem der aufgeklärte, wohlhabende Bürgerstand die beste Sicherung seiner geistigen und materiellen Güter erblickte, und welches T. unter der Julimonarchie verwirklicht zu sehen gehofft hatte. Deshalb war ihm die militärische Demokratie eines Napoleon III. verhaßt. Aber über allen Doktrinen stand bei T. seine Nation, Frankreich. Dessen Ruhm und Größe zu vermehren, war sein höchstes Ziel, wie er denn auch ein echter Franzose mit allen Vorzügen und Schwächen dieses Volkes war; er besaß eine unermüdliche Arbeitskraft, feine, edle Bildung, Scharfblick, eine sanguinische Elastizität des Geistes und echten Patriotismus, dabei aber eine naive Selbstsucht und Eitelkeit. Als Geschichtschreiber verherrlichte er die Freiheitsideen der französischen Revolution und den Kriegsruhm Napoleons I. in schwungvoller Sprache und glänzender Darstellung, jedoch keineswegs stets wahrheitsgetreu und unparteiisch. Ganz erfüllt von der Idee, daß Frankreichs berechtigte Suprematie das politische Gleichgewicht Europas bedinge und die kleinen deutschen und italienischen Staaten für diese Suprematie notwendig seien, war er ein heftiger Gegner der italienischen und deutschen Einheitsbestrebungen und, obwohl Voltairianer, ein Beschützer des Kirchenstaats. T.' "Discours parlementaires" wurden von Calmon (1879 bis 1883, 15 Bde.) herausgegeben. Vgl. Laya, Étu-

654

Thiersch.

des historiques sur la vie privée, politique et littéraire de M. T. 1830-46 (Par. 1846 2 Bde.); Derselbe, Histoire populaire de M. T. (das. 1872); Richardet, Histoire de la présidence de M. T. (das. 1875); Eggenschwyler,T.' Leben und Werke (Bern 1877); Jules Simon, Le gouvernement de M. T. (Par. 1878, 2 Bde.); Derselbe, T., Guizot, Remnsat (das. 1885); Mazade, M. T. (das. 1884); P. de Remusat,A. T. (das. 1889).

Thiersch, 1) Friedrich, namhafter Philolog, geb. 17. Juni 1784 zu Kirchscheidungen bei Freiburg a. d. Unstrut, vorgebildet in Naumburg und Schulpforta, studierte seit 1804 in Leipzig und Göttingen Theologie und Philologie, ward 1808 Kollaborator am Gymnasium zu Göttingen und Privatdozent an der Universität, 1809 Professor an dem neuerrichteten Lyceum zu München, begründete hier das 1812 mit der Akademie verbundene philologische Institut und zur Vereinigung der jüngern Gelehrten die "Acta philologorum Monacensium" (Münch. 1811-29, 4 Bde.) und ward 1826 nach der Verlegung der Universität Landshut nach München ordentlicher Professor der Philologie und Direktor des philologischen Seminars daselbst. 1831-32 war er in Griechenland, wo er nach dem Tod Kapo d'Istrias' an der Regierung teilnahm und namentlich für Erwählung des Prinzen Otto von Bayern zum König wirkte; 1848 wurde er zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften erwählt. Er starb 25. Febr. 1860. T. ist die Wiederbelebung der philologischen Studien in Bayern zu danken. Von seinen Schriften gehören hierher: "Griechische Grammatik, vorzüglich des Homerischen Dialekts" (Leipz. 1812, 3. Aufl. 1826); "Griechische Grammatik für Schulen" (das. 1812, 4. Aufl. 1855); "Über die Epochen der bildenden Kunst unter den Griechen" (Münch. 1816-19, 2 Bde.; 2. Aufl. 1829); die Bearbeitung des Pindar (Leipz. 1820, 2 Bde.); "Allgemeine Ästhetik in akademischen Lehrvorträgen" (Berl. 1846). Er hat aber auch sehr segensreich auf die Gestaltung des höhern Schulwesens überhaupt eingewirkt; er veröffentlichte hierüber: "Über gelehrte Schulen, mit besonderer Rücksicht auf Bayern" (Stuttg. 1826-37, 3 Bde. in 12 Abtlgn.); "Über den Zustand der Universität Tübingen" (Münch. 1830; "Über die neuesten Angriffe auf die Universitäten" (Stuttg. 1837) und "über den gegenwärtigen Zustand des öffentlichen Unterrichts in den westlichen Staaten von Deutschland, in Holland, Frankreich und Belgien" (das. 1838, 3 Bde.). Auch sonst vertrat er die Grundsätze freierer Lebensgestaltung. In der Schrift "Über den angenommenen Unterschied zwischen Nord- und Süddeutschland" (Münch. 1810) trat er für die angefeindeten Norddeutschen auf, in "Über Protestantismus und Kniebeugung in Bayern" (drei Sendschreiben an Döllinger, Marb. 1844) für seine protestantischen Glaubensgenossen. Noch schrieb er: "De l'état actuel de la Grèce et des moyens d'arriver à sa restauration" (Leipz. 1833, 2 Bde.). Sein Leben beschrieb sein Sohn Heinrich T. (Leipz. 1866-67, 2 Bde.). - Sein Bruder Bernhard, geb. 26. April 1794 zu Kirchscheidungen, 1817 Lehrer in Gumbinnen, 1818 in Lyck, 1823 in Halberstadt, 1832 Direktor des Gymnasiums in Dortmund, gest. 1. Sept. 1855 als Emeritus in Bonn, veröffentlichte: "Über das Zeitalter und Vaterland des Homer" (Halberst. 1824, 2. Aufl. 1832), eine Ausgabe des Aristophanes (nur Bd. 1 und 6, Leipz. 1830) und der "Thesmophoriazusen" von Aristophanes (Halberst. 1832), Forschungen über die westfälischen Femgerichte u. a. T. ist der Dichter des Preußenliedes.

2) Heinrich Wilhelm Josias, Sohn von T. 1), der wissenschaftliche Vertreter des Irvingianismus in Deutschland, geb. 5. Nov. 1817 zu München, studierte daselbst Philologie, in Erlangen Theologie, ward 1839 Privatdozent der theologischen Fakultät zu Erlangen und 1843 Professor in Marburg, legte aber 1850 diese Stelle nieder, um als Pastor an der sich damals in Norddeutschland bildenden irvingianischen Gemeinde zu wirken, lebte seit 1864 ohne Amt in München, Augsburg und Basel, wo er 3. Dez. 1885 starb. Unter seinen Schriften sind zu nennen: "Versuch zur Herstellung des historischen Standpunktes für die Kritik der neutestamentlichen Schriften" (Erlang. 1845); "Vorlesungen über Katholizismus und Protestantismus" (2. Aufl., das. 1848, 2 Bde.); "Über christliches Familienleben" (8. Aufl., Augsb. 1888); "Die Kirche im apostolischen Zeitalter" (3. Aufl., das. 1879); "Döllingers Auffassung des Urchristentums" (Erlang. 1862); "Die Strafgesetze in Bayern zum Schutz der Sittlichkeit" (Münch. 1868); "Die Gleichnisse Christi" (2. Aufl., Frankf. 1875); "Die Bergpredigt Christi" (2. Aufl., Augsb. 1878); "Über den christlichen Staat" (Frankf. 1875); "Christian Heinr. Zellers Leben" (Basel 1876, 2 Bde.); "Die Anfänge der heiligen Geschichte" (das. 1877); "Über die Gefahren und Hoffnungen der christlichen Kirche" (2. Aufl., das. 1878); "Inbegriff der christlichen Lehre" (das. 1886); ferner außer der Biographie seines Vaters (s. oben): "Griechenlands Schicksale vom Anfang des Befreiungskriegs bis auf die gegenwärtige Krisis" (Frankf. 1863). Vgl. Wigand, H. W. T.' Leben, zum Teil von ihm selbst erzählt (Basel 1887).

3) Karl, Mediziner, Bruder des vorigen, geb. 20. April 1822 zu München, studierte daselbst, in Berlin, Wien u. Paris, ward 1848 Prosektor für pathologische Anatomie in München, machte den zweiten schleswig-holsteinischen Krieg unter Stromeyer als freiwilliger Arzt mit und stellte 1854 bei einer Choleraepidemie in München experimentelle Untersuchungen über die Ansteckungsfähigkeit der Cholera an. 1854 wurde er als Professor der Chirurgie nach Erlangen, 1867 nach Leipzig berufen. 1870 machte er als konsultierender Generalarzt im 12. Armeekorps den Krieg gegen Frankreich mit. T. zählt zu den ersten Chirurgen der Gegenwart. Nach einem von ihm in Gemeinschaft mit Wunderlich entworfenen Plan wurde das neue Stadtkrankenhaus zu Leipzig, ein Musterinstitut ersten Ranges, erbaut. Seine hervorragendsten Untersuchungen beziehen sich auf die Wundheilung, deren feinere Vorgänge er mikroskopisch zu erforschen suchte. Die gewonnenen Resultate wurden im "Handbuch der Chirurgie" von Billroth und Pitha veröffentlicht. Auch die praktische Seite der Wundheilung förderte T. als einer der ersten durch Einführung der Salicylsäure als Verbandmittels. über den Epithelialkrebs lieferte er eine bahnbrechende Arbeit (Leipz. 1865).

4) Ludwig, Maler, geb. 12. April 1825 zu München als Sohn von T. 1), besuchte die dortige Akademie, um sich unter Schwanthaler der Bildhauerkunst zu widmen, ging aber nach einigen Jahren zur Malerei über, worin er Schüler von Heinrich Heß, Schnorr und insbesondere von Schorn wurde. Nachdem er eine Sakuntala (1848) und eine Kamisardenszene gemalt, begab er sich nach Rom und malte Szenen aus dem italienischen Volksleben sowie einen Hiob unter seinen Freunden. 1852 reiste er mit seinem Vater nach Athen, schmückte die dortige byzantinische Kirche des heil. Nikodemus mit Fresken und wurde 1856 nach Wien berufen, wo er in der griechischen Kirche ebenfalls Fresken ausführte. Nachdem

655

Thiersheim - Thiviers.

er für den Baron Sina die in Rom entworfenen Kartons: Charon als Seelenführer, Bakchos' Einzug in den Hain von Kolonos und Thetis' Klage um Achilleus ausgeführt hatte, folgte er 1860 einem Ruf nach Petersburg, wo er zahlreiche Bilder in den Kapellen der Großfürsten Nikolaus und Michael und in der protestantischen Katharinenkirche malte. Nach seiner Rückkehr entstanden für die Stiftskirche in Kempten die Auferweckung der Tochter des Jairus und Christus in Gethsemane, 1866 die Predigt des Paulus auf dem Areopag und in den folgenden Jahren Christus am Teich Bethesda, eine Ceres, die ihre Tochter sucht, ein Christus in der Wüste, Alarich in Athen als Sieger gefeiert und eine Kreuztragung Christi.

5) Friedrich, Architekt, Sohn von T. 2), geb. 18. April 1852 zu Marburg, besuchte 1868-73 das Polytechnikum in Stuttgart und bildete sich dann im Atelier von Mylius und Bluntschli für den praktischen Beruf aus. 1877 und 1878 bereiste er Italien und Griechenland und entwarf dann mit dem Maler Keuffel die Kartons für die dekorativen Malereien im Haupttreppenhaus des neuen Stadttheaters in Frankfurt a. M. Auf Grund dieser Arbeiten wurde er 1879 als Professor der Architektur an die Kunstakademie und die technische Hochschule in München berufen. Er beteiligte sich an der Konkurrenz um den Zentralbahnhof in Frankfurt a. M., wobei sein Entwurf angekauft wurde, und 1881 an der Konkurrenz um die Rheinbrücke in Mainz. Hier erhielt sein mit den Ingenieuren Lauten und Bilfinger entworfenes Projekten ersten Preis. In weitern Kreisen wurde sein Name durch die Konkurrenz um das deutsche Reichstagsgebäude bekannt, bei welcher ihm ebenfalls der erste Preis zuerkannt wurde. Jedoch ward nicht er, sondern Wallot mit der Ausführung des Gebäudes betraut. T. veröffentlichte: "Die Königsburg von Pergamon" (Stuttg. 1882).

Thiersheim, Flecken im bayr. Regierungsbezirk Oberfranken, Bezirksamt Wunsiedel, hat eine evang. Kirche, ein Amtsgericht und (1885) 1178 Einw.

Thiessow, Dorf und Seebad im preuß. Regierungsbezirk Stralsund, Kreis Rügen, auf der Südspitze der Halbinsel Mönchgut, hat eine Lotsenstation und 189 Einwohner.

Thietmar (Dietmar), Bischof von Merseburg, Geschichtschreiber der Zeit der sächsischen Kaiser, geb. 976 als Sohn des Grafen Siegfried von Walbek, mit dem sächsischen Kaiserhaus verwandt, im kaiserlichen Stift zu Quedlinburg, im Klosterberge und in Magdeburg gebildet, wurde 1002 Propst des von seinem Großvater gestifteten Klosters Walbek, 1009 Bischof von Merseburg und starb 1. Dez. 1019. Er schrieb eine Chronik in acht Büchern, welche die Geschichte von 908 bis 1018 umfaßt und an die Geschichte Merseburgs, Sachsens und der Wendenkriege wertvolle Mitteilungen zur Reichsgeschichte anschließt. T. ist in der Geschichte seiner Zeit gut unterrichtet, wahrheitsliebend und anschaulich in der Darstellung; namentlich sind die drei letzten Bücher (1014-18) fast wie ein Tagebuch. Weniger gut ist sein lateinischer Stil und die Komposition, da er immer neue Zusätze und Nachträge hinzufügte, die sich, da die eigne Handschrift Thietmars erhalten ist, leicht erkennen lassen. Die einzige zuverlässige Ausgabe ist die von Lappenberg in den "Monumenta Germaniae historica", Script. III (besonders, Hannov. 1889), die beste Übersetzung die von Laurent (2. Aufl., Berl. 1879).

Thimothygras, s. Phleum.

Thing, s. Ding.

Thinis, die älteste Stadt Ägyptens und Heimat des ersten Pharao, Mena oder Menes, des Begründers des ägyptischen Reichs und der Stadt Memphis, lag in Oberägypten westlich vom Nil, wo sich ca. 18 km südlich von Girge bei El Cherbe und Kôm es Sultân seine Reste erhalten haben, unweit der mit ihm in engen Beziehungen stehenden Totenstadt Abydos (s. d. 2).

Thiocyanverbindungen, s. Rhodanverbindungen.

Thionville (spr. tiongwil), Stadt, s. Diedenhofen.

Thioschwefelsäure, s. Unterschweflige Säure.

Thiosulfate, Unterschwefligsäuresalze, z. B. Natriumthiosulfat, unterschwefligsaures Natron.

Thirlmere (spr. thirlmihr), kleiner See in der engl. Grafschaft Cumberland, 1877 von der Stadt Manchester angekauft, die ihn in ein großes Reservoir für neu zu erbauende Wasserwerke verwandelt hat.

Thirsk, Stadt in Yorkshire (England), malerisch am Ostrand der Ebene von York und am Fuß der Hambletonhügel gelegen, mit (1881) 3337 Einw.

Thirst-quenchers (engl., spr. thörst-kwenntschers, "Durstlöscher"), moussierende Pastillen gegen Durst.

Thisted, dän. Amt, den nordwestlichsten Teil von Jütland umfassend, 1688 qkm (30,6 QM.) mit (1880) 64,007 Einw. Die gleichnamige Hauptstadt im sogen. Thyeland, am nördlichen Ufer des Limfjords, Endpunkt der Bahnlinie Struer-T, hat eine ansehnliche Kirche und (1880) 4184 Einw., die recht lebhaften Handel, Fischerei und Industrie treiben. T. ist Sitz eines deutschen Konsuls.

Thisted, Valdemar Adolf, dän. Dichter, bekannt unter dem Pseudonym Em. Saint-Hermidad, geb. 28. Febr. 1815 zu Aarhus, studierte Theologie in Kopenhagen, ward 1845 Adjunkt an der Realschule seiner Vaterstadt, 1855 Pfarrer im nördlichen Schleswig und 1862 nach größern Reisen im Süden zu Tömmerup auf Seeland, von welcher Stelle er sich 1870 entbinden ließ. Er starb 1889. Von seinen meist auch ins Deutsche übersetzten Werken sind hervorzuheben die Romane und Schilderungen: "Vandring i Syden" (1843); "Havfruen" (1846); "Tabt og funden" (1849, 2 Bde.); ferner: "Episoder fra et Reiseliv" (1850) und "Romerske Mosaiker" 1851), die Früchte einer Reise nach Italien; der Roman "Sirenernes Ö" (1853); das romantische Drama "Hittebarnet" (1854; "Neapolitaniske Aquareller" (1853) und "Hjemme og paa Vandring" (1854), novellistische Reisestudien; dann die Dichtungen: "Örkenens Hjerte" (1849) und "Bruden" (1851), nebst "Digte" (1861); endlich der Roman "Familieskatten" (1856). Großes Aufsehen erregten seine "Breve fra Helvede" ("Briefe aus der Hölle", 4. Aufl. 1871, unter dem Pseudonym M. Rowan). Thisteds Schriften zeichnen sich durch glänzende Darstellung und reiche Phantasie aus, leiden aber unter großer Weitschweifigkeit.

Thivä (Thebai), Hauptstadt einer Eparchie des griech. Nomos Attika und Böotien, an der Stelle der Kadmeia, der Burg des alten Theben (s. d. 2), gelegen, Sitz eines Bischofs, mit (1879) 3509 Einw. Aus dem Altertum hat sich nur wenig erhalten, abgesehen von den zahlreichen Quellen, die in den thebanischen Mythen eine Rolle spielen. In der Nähe wurden jüngst von der Deutschen Archäologischen Schule die Reste des von Pausanias geschilderten, berühmten Kabirentempels ausgegraben.

Thiviers (spr. tiwjeh), Stadt im franz. Departement Dordogne, Arrondissement Nontron, an der Eisenbahn Limoges-Périgueux, hat eine romanische Kirche, ein Schloß, Fabrikation von Fayence, Handel mit Vieh, Trüffeln und Käse und (1881) 2127 Einw.

656

Thizy - Thomas.

Thizy (spr. tisi), Stadt im franz. Departement Rhône, Arrondissement Villefranche, an der Eisenbahn St.-Victor-Cours, mit bedeutender Fabrikation von Leinwand und Kattun, Färberei und Appretur und (1881) 3759 Einw.

Thlinkit, Indianerstamm, s. Koloschen.

Thoas, nach griech. Mythus König von Lemnos, wurde, als die Frauen von Lemnos alle Männer aus der Insel töteten, von seiner Tochter Hypsipyle (s. d.) gerettet, später aber von den Lemnierinnen entdeckt und ins Meer versenkt. Nach andrer Überlieferung entfloh er nach der Insel Sikinos bei Euböa oder nach Chios oder nach Taurien, dessen aus der Geschichte der Iphigenie (s. d.) bekannter König T. nun mit dem lemnischen identifiziert wurde.

Thöl, Johann Heinrich, Autorität auf dem Gebiet des Handels- und Wechselrechts, geb. 6. Juni 1807 zu Lübeck, ward 1830 Privatdozent und 1837 Professor der Rechte in Göttingen, 1842 zu Rostock, kehrte aber 1849 an erstere Universität zurück und starb 16. Mai 1884 in Göttingen. Er hat sich namentlich durch "Das Handelsrecht" (Bd. 1 u. 2, Götting. 1841-48; Bd. 3, Leipz. 1880; Bd. 1, 6. Aufl., Leipz. 1879; Bd. 2: Wechselrecht, 4. Aufl. 1878) bekannt gemacht. Außerdem erwähnen wir von ihm: "Volksrecht, Juristenrecht" (Rost. 1846); "Einleitung in das deutsche Privatrecht" (Götting. 1851); "Ausgewählte Entscheidungsgründe des Oberappellationsgerichts der vier Freien Städte Deutschlands" (das. 1857); "Zur Geschichte des Entwurfs eines allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuchs" (das. 1861); "Protokolle der Leipziger Wechselkonferenz" (das. 1866); "Theaterprozesse" (das. 1880); "Handelsrechtliche Erörterungen" (das. 1882). Vgl. die Gedächtnisschriften von Frensdorff (Freiburg 1885) und Ehrenberg (Stuttg. 1885).

Tholen, Insel der niederländ. Provinz Zeeland, durch die Osterschelde und Mündungsarme der Maas gebildet, 24 km lang, 11 km breit. Auf der Ostküste die Stadt T., mit 2 Kirchen und (1887) 2758 Einw.

Tholey, Flecken im preuß. Regierungsbezirk Trier, Kreis Ottweiler, hat eine kath. Kirche, ein Amtsgericht, Eisenerzgruben und (1885) 1155 Einw.; die ehemalige Benediktinerabtei ward 1793 aufgehoben.

Tholos (griech.), ein aus übereinander nach innen vortretenden Steinschichten gebildeter Kuppelbau. Solche den ältesten Zeiten Griechenlands angehörende Kuppelbauten sind bei Mykenä, Orchomenos u. a. O. entdeckt worden. Früher für Schatzhäuser gehalten, gelten sie jetzt als Gräber von Fürsten.

Tholuck, Friedrich August Gotttreu, protest. Theolog, geb. 30. März 1799 zu Breslau, studierte daselbst und in Berlin erst orientalische Sprachen, dann Theologie und ward durch den Verkehr mit den damaligen frommen Kreisen in Berlin für die pietistische Richtung gewonnen, von welcher sogleich sein Erstlingswerk: "Die wahre Weihe des Zweiflers" (1823; 9. Aufl. u. d. T.: "Die Lehre von der Sünde und dem Versöhner", Gotha 1870), zeugte. Seit 1824 außerordentlicher Professor der Theologie in Berlin, folgte er, von einer wissenschaftlichen Reise nach England und Holland zurückgekehrt, 1826 einem Ruf als ordentlicher Professor nach Halle, wo er namentlich auch durch einen ausgebreiteten Privatverkehr mit den Studierenden sowie als Prediger und (seit 1867) Oberkonsistorialrat erfolgreich bis zu seinem 10. Juni 1877 eingetretenen Tod wirkte. Vorübergehend war er 1828 und 1829 preußischer Gesandtschaftsprediger zu Rom. Außer der genannten Schrift und Kommentaren zur Bergpredigt (5. Aufl., Gotha 1872), zu den Psalmen (2. Aufl., das. 1873), zum Römerbrief (5. Aufl., Halle 1856), Johannesevangelium (7. Aufl., Gotha 1857) und Hebräerbrief (3. Aufl., Hamb. 1850) sowie zahlreichen Predigten ("Predigten über die Hauptstücke des christlichen Glaubens und Lebens", 4 Bde.; 6. Aufl., Gotha 1877) veröffentlichte er: "Die Glaubwürdigkeit der evangelischen Geschichte" (Hamb. 1837, 2. Aufl. 1838); "Das Alte Testament im Neuen" (das. 1836, 7. Aufl. 1877); "Der Geist der lutherischen Theologen Wittenbergs im 17. Jahrhundert" (das. 1852); "Das akademische Leben des 17. Jahrhunderts" (Halle 1853-54, 2 Bde.); "Das kirchliche Leben des 17. Jahrhunderts" (Berl. 1861-62, 2 Abtlgn.); "Lebenszeugen der lutherischen Kirche vor und während der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs" (Halle 1861); "Geschichte des Rationalismus" (Bd. 1, Berl. 1865) u. "Stunden christlicher Andacht" (Hamb. 1840; 8. Aufl., Gotha 1870). Eine Gesamtausgabe seiner Werke erschien Gotha 1863-67, 11 Bde. Vgl. Kähler, A. T., ein Lebensabriß (Halle 1877); L. Witte, Tholucks Leben (Bielef. 1885-86, 2 Bde.).

Thomar, Stadt in der portug. Provinz Estremadura, Distrikt Santarem, am Nabào und der Eisenbahn Lissabon-Oporto, hat ein altes Schloß, 2 Kirchen, ein großes Kloster des Christusordens (dessen Hauptsitz ehemals die Stadt war), Baumwollindustrie und (1878) 5105 Einw. Unfern die Ruinen des alten Nabantia.

Thomas, einer der zwölf Jünger Jesu, im vierten Evangelium nach griechischer Übersetzung des aramäischen Namens Didymus, d. h. Zwilling, genannt und als Typus der Schwergläubigkeit behandelt, daher das sprichwörtliche ungläubiger T. Der ältesten Tradition zufolge predigte er das Christentum in Parthien oder in Indien. Ebendeshalb betrachten auch die seit etwa 600 in Malabar wohnenden syrischen Christen (Thomaschristen) den T. als Stifter ihrer Kirche; vgl. Germann, Die Kirche der Thomaschristen (Gütersl. 1877). Der geschichtliche Kern dieser Traditionen dürfte sich auf eine gewisse Verbindung oder doch wenigstens Bekanntschaft alter christlicher Missionäre mit den parthisch-indischen Grenzländern reduzieren. Die Legenden nennen als vom Apostel T. getauft mit großer Bestimmtheit einen uns durch viele Münzen und Inschriften bekannten König parthischer Abkunft, welcher in Peschawar am Indus geherrscht: Gundaphoras oder Gondophares; vgl. Gutschmid, Rheinisches Museum für Philologie (1864). Dem T. zugeschrieben werden unter den Apokryphen die "Acta Thomae" und das "Evangelium secundum Thomam" (vgl. Lipsius, Apokryphe Apostelgeschichten, Bd. 1, Braunschw. 1883; Bonnet, Acta Thomae, Leipz. 1883). In der römisch-katholischen Kirche ist dem T. der 21. Dezember, in der griechisch-katholischen der 6. Oktober sowie der erste Sonntag nach Ostern (Thomassonntag) geweiht.

Thomas, 1) Charles Louis Ambroise, Komponist, geb. 5. Aug. 1811 zu Metz, war 1828-32 Schüler des Pariser Konservatoriums und errang im letztgenannten Jahr mit der Kantate "Herman et Ketty" den römischen Preis. Nach dreijährigem Aufenthalt in Italien nach Paris zurückgekehrt, debütierte er 1837 als dramatischer Komponist mit der komischen Oper "La double échelle", welche jedoch so wenig wie sieben weitere Arbeiten dieser Gattung einen nennenswerten Erfolg hatte. Erst mit den komischen Opern: "Le Caïd" (1849) und "Le songe d'une nuit d'été" (1850), gelang es ihm, die Teilnahme des Publikums in vollem Maß zu gewinnen

657

Thomas a Kempis - Thomas von Celano.

und in die Reihe der ersten dramatischen Komponisten Frankreichs zu treten. Von seinen während der folgenden Jahre aufgeführten sechs Opern fand nur "Psyche" (1857) einigen Beifall, wogegen "Mignon" (1866) vollständig durchschlug und nicht nur in Paris, sondern auch im Ausland glänzenden Erfolg hatte. Eine günstige Aufnahme fand auch "Hamlet" (1868), während sein letztes Werk, "Françoise de Rimini" (1882), nur einen mäßigen Erfolg hatte. T.' Musik zeichnet sich durch angenehme, wenn auch bisweilen an Trivialität streifende Melodik, geistvolle Orchestration und namentlich durch effektvolle Behandlung der Singstimmen aus, steht jedoch an Originalität hinter der seiner Vorgänger auf dem Gebiet der großen wie der komischen Oper weit zurück. Unter seinen sonstigen Werken befinden sich ein Requiem, eine solenne Messe, ein Streichquintett und -Quartett, eine Phantasie für Klavier und Orchester, Klavier- und Gesangstücke u. a. Auch als Musikpädagog hat sich T. ausgezeichnet, nachdem er 1871 als Nachfolger Aubers zum Direktor des Konservatoriums erwählt war, welcher Anstalt er schon Jahre zuvor als Komposttionslehrer angehört hatte. Seit 1868 ist er auch Kommandeur der Ehrenlegion.

2) George H., amerikan. General, geb. 1816 in Southampton County (Virginia), ward in West Point erzogen, 1840 Leutnant der Artillerie, diente in Florida u. Texas und machte auch den mexikanischen Krieg mit. Beim Ausbruch des Bürgerkriegs 1861 Kavallerieoberst in der Unionsarmee, erhielt er den Oberbefehl über die Reiterei auf dem westlichen Kriegsschauplatz, siegte 19. März 1862 bei Mill Spring, zeichnete sich in der Schlacht am Chickamanga (19. und 20. Sept. 1863) durch seine Standhaftigkeit und Umsicht aus, befehligte 1864 ein Korps unter Sherman auf dem Marsch nach Atlanta, dann in Tennessee, siegte 15.-16. Dez. 1864 bei Nashville, erhielt nach dem Krieg ein Militärkommando im Süden, dann das in San Francisco und starb daselbst 28. März 1870. Bescheidenheit und Uneigennützigkeit zeichneten ihn als Menschen, Tapferkeit, Ausdauer und methodische Bildung als Soldaten aus. Sein Leben beschrieben R. W. Johnson (Philad. 1881) und van Horne (New York 1882).

3) Theodor, Violinspieler und Dirigent, geb. 11. Okt. 1835 zu Esens in Ostfriesland, kam als Kind nach New York, wo er sich, nachdem er durch Schüllinger und Mayrhoffer eine gründliche musikalische Erziehung erhalten hatte, zunächst als Quartettspieler eine geachtete Stellung errang. Einen ungleich größern Wirkungskreis aber fand er von 1869 an, als er sich an die Spitze eines eignen Orchesters stellte und eine wahrhaft geniale Kraft als Dirigent entfaltete. Seitdem haben die außerordentlichen Leistungen seiner Kapelle sowie die vielseitigen, alle Richtungen der klassischen Musik umfassenden Programme der von ihm in New York und in den größern Städten der Union veranstalteten Konzerte seinen Namen zu einem der populärsten des Landes gemacht. 1877 folgte er einem überaus vorteilhaften Engagement als Direktor des neuerrichteten Konservatoriums in Cincinnati, kehrte jedoch schon nach zwei Jahren nach New York und zu seiner frühern Dirigentenwirksamkeit zurück.

4) Sydney Gilchrist, Techniker, geb. 1850 in oder bei London, besuchte die Royal School of mines, bemühte sich seit 1870 um die Entphosphorung des Roheisens im Bessemerkonverter und verband sich 1876 mit seinem Vetter Percy Gilchrist, der als Chemiker auf den Bleanaoneisenwerken beschäftigt war, zur Vornahme größerer Verfuche. 1877 nahm er sein erstes Patent auf ein Verfahren, welches für die Eisenindustrie kaum minder bedeutungsvoll wurde als der Bessemerprozeß. Seiner Gesundheit halber ging er 1882 nach Australien, 1883 nach Algier und starb 1. Febr. 1885 in Paris.

5) Karl, Pseudonym, s. Richter 10).

Thomas a Kempis, s. Thomas von Kempen.

Thomas von Aquino (T. Aquinas), berühmter Scholastiker, geb. 1225 auf dem Schloß Roccasecca im Neapolitanischen aus einem alten Adelsgeschlecht, ward im Kloster Monte Cassino erzogen und trat gegen den Willen seiner Eltern 1243 zu Neapel in den Dominikanerorden ein, studierte in Köln und Paris und trat hier 1248 als Lehrer der scholastischen Philosophie mit solchem Beifall auf, daß er den Beinamen eines Doctor universalis und angelicus erhielt. Papst Urban IV. berief ihn 1261 nach Italien zurück, worauf T. zu Bologna, Pisa und Rom lehrte. Seit 1272 zog er sich in dasselbe Kloster zu Neapel zurück, in das er zuerst eingetreten war, und starb 6. März 1274 im Kloster Fossanuova bei Terracina auf der Reise zum Konzil von Lyon. T. ward 15. Juli 1323 kanonisiert und galt für den größten Kenner der Aristotelischen Philosophie. Als einer der Hauptverfechter des Realismus übte er einen großen Einfluß in den scholastischen Streitigkeiten seiner Zeit aus. Seine in vielen Einzelausgaben gedruckten Hauptwerke sind: der Kommentar über des Petrus Lombardus vier Bücher Sentenzen; ferner "Summa theologiae" (hrsg. von Nicolai u. a., 13. Aufl., Regensburg 1884, 8 Bde.; deutsch von Schneider, das. 1886 ff.), der erste vollständige Versuch eines theologischen Systems; "Summa fidei catholicae contra gentiles"; "Quaestiones disputatae et quodlibetales" und "Opuscula theologica". Er begründete besonders die Lehren vom Schatz der Kirche an überflüssigen Werken, von der Transsubstantiation und von der Infallibilität des Papstes. Seine Schriften (Gesamtausgabe, Parma 1852-72, 25 Bde., und auf Veranlassung des Papstes Leo XIII., Rom 1882 ff.; Auswahl, Turin 1886, 3 Bde.) genossen lange in der katholischen Kirche eine Art von kanonischem Ansehen, und namentlich war er stets die Hauptautorität der Dominikaner. Doch trat schon um 1300 der Franziskaner Duns Scotus gegen ihn auf und gründete die philosophisch-theologische Schule der Skotisten, mit welcher die Thomisten auf den Universitäten in Fehde lebten. Letztere verteidigten namentlich im Anschluß an T. die strenge Lehre Augustins von der Gnade und bestritten die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria. In beiderlei Beziehung ist die spätere Kirche von der Lehrautorität des heil. T. abgewichen. Vgl. Werner, Der heil. T. (Regensb. 1858-59, 3 Bde.); Jourdain, La philosophie de saint Thomas d'Aquin (Par. 1858, 2 Bde.); Baumann, Die Staatslehre des heil. T. (Leipz. 1873); Holtzmann, T. und die Scholastik (Karlsr. 1874); Eucken, Die Philosophie des T. und die Kultur der Neuzeit (Halle 1886); Frohschammer, Die Philosophie des T. (Münch. 1889); ferner Thömes, Divi Thomae Aquinatis opera et praecepta (Berl. 1875, Bd. 1); Schütz, Thomas-Lexikon (Paderb. 1881).

Thomas von Celano, geistlicher Dichter des 13. Jahrh., Verfasser des berühmten Liedes "Dies irae, dies illa" war zu Celano in den Abruzzen geboren und einer der ersten Jünger des heil. Franziskus von Assisi. Als sich 1221 der Bettelorden der Minoriten am Rhein niedergelassen hatte, wurde er von Cäsarius von Speier, dem ersten Minister der deutschen

Meyers Konv.-Lexikon, 4. Aufl., XV. Bd.

42

658

Thomas von Kempen - Thomasschlacke.

Ordensprovinz, zum Kustos der Konvente zu Worms, Mainz und Köln und 1222 zu seinem Stellvertreter und zum alleinigen Kustos der Rheingegenden ernannt. Nach achtjähriger Verwaltung dieses Amtes begab er sich wieder nach Assisi und schrieb hier im Auftrag des Papstes Gregor IX. das Leben des heil. Franziskus, das nie im Druck erschien. Weiter ist von seinem Leben nichts bekannt. Einige schreiben T. noch zwei Sequenzen zu: "Fregit victor virtualis" und "Sanctitatis nova signa"; doch bleibt das "Dies irae etc." das Werk, dem er allein seinen Ruhm verdankt. Man hat von diesem in der römisch-katholischen Kirche zu einem stehenden Gesang am Fest Allerseelen und beim Totenamt erhobenen Liede drei bedeutend voneinander abweichende Texte: den wahrscheinlichen Urtext, wie er von einer Marmorplatte in der Kirche des heil. Franziskus zu Mantua kopiert worden sein soll; den sogen. Hämmerlinschen, wie ihn Felix Hämmerlin (Malleolus) herstellte, und den kirchlichen, der durch die Autorität des tridentinischen Konzils festgestellt und 1576 in einem römischen Missale bekannt gemacht worden ist. Übersetzungen dieses Liedes sind in vielen Sprachen erschienen; unter den deutschen sind besonders die von Clodius, Herder, A. W. Schlegel, Fichte, A. L. Follen und H. A. Daniel hervorzuheben. Noch öfter wurde das Gedicht komponiert, so von Palestrina, Pergolese, Astorga, Durante, Joseph und Michael Haydn, Jomelli, Mozart (im "Requlem"), Cherubini, Neukomm, Abt Vogler, G. Weber, Winter u. a. Vgl. Lisco, Dies irae, Hymnus auf das Weltgericht (Berl. 1840); Daniel im "Thesaurus hymnologicus" (Halle 1844).

Thomas von Kempen (T. a Kempis), berühmter asketisch-mystischer Theolog des Mittelalters, eigentlich Thomas Hamerken oder Hämmerlein (Malleolus), geb. 1380 zu Kempen (Kampen) im Kölnischen, besuchte die Schule der Brüder des gemeinsamen Lebens in Deventer, trat 1407 in das Augustinerkloster zu Agnetenberg bei Zwolle, ward 1423 Priester und Subprior und starb als Superior desselben 1471. Unter seinen Schriften (zuletzt hrsg. von F. X. Kraus, Trier 1868; übersetzt von Silbert, 2. Ausg., Wien 1840, 4 Bde.) sind am verbreitesten geworden die "Vier Bücher von der Nachfolge Christi" ("De imitatione Christi", etwa 5000 mal aufgelegt; nach dem 1441 geschriebenen, in Brüssel befindlichen Autograph hrsg. von Hirsche, Berl. 1874; im Faksimile von Ruelens, Lond. 1879). Nachdem früh seine Autorschaft desselben bestritten war, wurde dieselbe 1652 vom Pariser Parlament und auch durch die neuere Kritik, allerdings gegen vielfachen Widerspruch, behauptet. Vgl. Malou, Recherches sur le véritable anteur du livre de l'Imitation de Jésus-Christ (3. Aufl., Tournai 1858); Kettlewell, The authorship of the De imitatione Christi (Lond. 1877); Derselbe, Thomas a Kempis and the brothers of common life (2. Aufl. 1884); Hirsche, Prolegomena zu einer neuen Ausgabe der Imitatio Christi (Berl. 1873-83, 2 Bde.; Keppler in der Tübinger "Theologischen Quartalschrift" (1880). Verfehlt ist der noch von Wolfsgruber ("Van der navolginge cristi ses boeke", Wien 1879; "Giovanni Gersen", Augsb. 1880) vertretene Versuch der Benediktiner, das Buch für einen Benediktinerabt von Vercelli mit Namen Gersen, von dem man nichts näheres weiß, in Anspruch zu nehmen. Doch ist anzuerkennen, daß die Unterschrift in dem sogen. Autographum (Finitus et completus ... per manus fratris Thomae Kempensis) den Thomas ebensogut als Abschreiber (und T. hat in der That viele Bücher abgeschrieben) wie als Verfasser bezeichnen kann. Auch kann man sich nach dem augenblicklichen Stande der Dinge dem Eindruck nicht verschließen, daß es nach aller Wahrscheinlichkeit Handschriften gibt, die über die Zeit des T. hinausgehen, womit freilich nicht gesagt ist, daß gerade Gersen der Verfasser wäre.

Thomaschristen, s. Thomas (Apostel) und Nestorianer.

Thomasin von Zirkläre, mittelhochdeutscher Dichter, aus Friaul, verfaßte 1215-16 ein Lehrgedicht in zehn Büchern. "Der welsche Gast", d. h. der Fremdling aus Welschland (hrsg. von Rückert, Quedlinb. 1852), eine umfassende, auf die höfischen Kreise berechnete Tugendlehre.

Thomasius, 1) (Thomas) Christian, deutscher Rechtslehrer, geb. 1. Jan. 1655 zu Leipzig, studierte daselbst die Rechte und Philosophie, trat dann als akademischer Lehrer auf und hielt (1688) die ersten Vorlesungen in deutscher Sprache. Seine Freimütigkeit zog ihm viele Feinde unter den Theologen zu, und schon war in Dresden ein Verhaftsbefehl gegen ihn ausgewirkt, als er über Berlin 1690 nach Halle entfloh, wo er an der Ritterakademie Vorlesungen begann. Später (1694) wurde er an der zum Teil durch seine Mitwirkung neugegründeten Universität zu Halle Professor der Rechte, Geheimrat und Rektor. Er starb daselbst 23. Sept. 1728. T. hat viel zur Einführung einer bessern Methode in der Behandlung aller Wissenschaften und namentlich der Philosophie durch Verwerfung der hergebrachten philosophischen Terminologie beigetragen. Auch hat er zuerst die Hexenprozesse und die Tortur mit den Waffen des Geistes bekämpft. Seine Denkart charakterisieren besonders seine "Vernünftigen und christlichen, aber nicht scheinheiligen Gedanken und Erinnerungen über allerhand gemischte philosophische und juristische Händel" (Halle 1723-25, 3 Bde.; Anhang 1726) sowie seine "Historie der Weisheit und Thorheit" (das. 1693, 3 Tle.). Seine systematischen Schriften betreffen meist das Naturrecht und die Sittenlehre. Vgl. H. Luden, T. nach seinen Schicksalen und Schriften (Berl. 1805); Dernburg, T. und die Stiftung der Universität Halle (Halle 1865); B. A. Wagner, Christ. T. (Berl. 1872); Nicoladini, Christ. T. (das. 1887).

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings