Übersicht (continued 31)
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Tangaren (Tanagridae Gray), Familie aus der Ordnung der Sperlingsvögel, schlank gebaute, zum Teil überaus prachtvolle Vögel mit schlankem, kegelförmigem, auf der Rückenfirste wenig, an der Spitze etwas herabgebogenem, vor derselben meist ausgekerbtem Schnabel, mittellangen Flügeln und Schwanz, ziemlich kräftigen, kurzen Läufen und Zehen, starker und langer Hinterzehe und gekrümmten Krallen, bewohnen die Wälder Amerikas von Paraguay bis Ka-
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Tangelbaum - Tangentometer.
nada, leben meist gesellig, fliegen gut und bewegen sich auf dem Boden recht gewandt. Einige sollen ansprechend singen, viele aber lassen nur unangenehme Laute vernehmen. Sie nähren sich hauptsächlich von Früchten, zeitweilig von Körnern und fressen sämtlich auch Insekten. Ihr Nest bauen sie auf Bäumen oder Sträuchern. Die wandernden Arten brüten nur einmal im Jahr, während die in wärmern Gegenden lebenden wohl mehrere Bruten erziehen. Wegen der bestechenden Schönheit der T. werden viele Arten in Käfigen gehalten, worin sie bei sorgfältiger Pflege auch ziemlich gut gedeihen. Die Tapiranga (Rhamphocelus brasiliensis L., s. Tafel "Stubenvögel") besitzt die Größe des Gimpels, ist glänzend dunkelblutrot, an den Flügeln und dem Schwanz schwarz, an den Schwingen und Oberflügeldecken verwaschen braunrot gesäumt; die Iris ist hochrot, der Schnabel bräunlichschwarz, die Wurzelhälfte des Unterschnabels perlmutterweiß, der Fuß schwarz. Das Weibchen ist oberseits schwarzbraun, am Bürzel und auf der Unterseite schmutzig rostbraun. Die Tapiranga bewohnt Brasilien und ist in den Gebüschen sowie in den Rohrbrüchern an den Flußufern sehr gemein.
Tangelbaum, s. v. w. Kiefer.
Tangénte (lat., Berührungslinie), eine Gerade, welche mit einer krummen Linie oder mit einer Fläche zwei zusammenfallende Punkte gemein hat. Man erhält sie, wenn man erst zwei benachbarte Punkte der Linie oder Fläche durch eine Gerade (eine Sekante) verbindet und dieselbe dann so weit um den einen der zwei Punkte dreht, bis der zweite mit diesem zusammenfällt. Beim Kreis und der Kugel steht die T. senkrecht auf dem Halbmesser, der nach dem Berührungspunkt geht. Legt man an einen Punkt einer krummen Fläche beliebig viele Tangenten, so liegen dieselben in einer Ebene (Tangentialebene). - In der Trigonometrie ist T. der Quotient aus Sinus und Kosinus. Beim alten Klavichord hießen so die auf den hintern Tastenenden stehenden Metallzungen, welche die Saiten nicht anrissen, wie die Federposen des Kielflügels, sondern nur streiften (tangierten), daher auf eine ähnliche Weise tonerzeugend wirkten wie der Bogen der Streichinstrumente (s. Klavier, S. 816).
Tangentenbussole, Vorrichtung zur Messung der Stärke eines galvanischen Stroms durch die Ablenkung einer Magnetnadel. Sie besteht (s. Figur) aus einem kreisförmig gebogenen Kupferstreifen o, dessen geradlinig nach abwärts gebogene Enden a b und c d unten mit Klemmschrauben zur Aufnahme der von den Polen der galvanischen Batterie kommenden Drähte versehen sind. Im Mittelpunkt des kupfernen Ringes schwebt auf einer Spitze inmitten eines in Grade geteilten Kreises eine Magnetnadel; der Ring kann in seinem Fußgestell so gedreht werden, daß seine Ebene mit der Magnetnadel in ihrer Ruhelage (d. h. mit dem magnetischen Meridian) zusammenfällt. Sobald nun ein galvanischer Strom durch den Kupferring geht, wird die Nadel aus ihrer Ruhelage so weit abgelenkt, bis das Drehungsbestreben der erdmagnetischen Kraft, welche die Nadel in die Ebene des Ringes zurückführen will, demjenigen des galvanischen Stroms, welcher sie senkrecht zu dieser Ebene zu stellen strebt, das Gleichgewicht hält. Da die Wirkung des Erdmagnetismus auf ein und dieselbe Magnetnadel als unveränderlich angesehen werden kann, so läßt sich aus den Ablenkungen, welche verschiedene Ströme hervorbringen, auf die Stärke dieser Ströme schließen, und zwar ergibt sich aus obiger Gleichgewichtsbedingung, daß die Stromstärken sich verhalten wie die "trigonometrischen Tangenten" der Ablenkungswinkel. Eine T. zeigt, an welcher Stelle eines Schließungskreises man sie auch einschalten mag, immer die gleiche Ablenkung und gibt dadurch kund, daß die Stromstärke in einer geschlossenen Leitung überall gleich groß ist. Eine T. zur Messung sehr starker elektrischer Ströme ist von Obach angegeben worden. Wird durch den Ring einer gewöhnlichen T. ein sehr starker Strom, z. B. derjenige einer großen dynamoelektrischen Maschine, geleitet, so erleidet die Magnetnadel eine Ablenkung von nahezu 90°, welche allerdings durch eine passende Nebenschließung verringert werden kann. Da aber der Ring der Bussole nur einen geringen Widerstand haben darf, die anzubringende Nebenschließung demnach einen noch geringern, der wegen seiner Kleinheit kaum zu messen ist, so läßt sich mit der gewöhnlichen T. eine brauchbare Messung großer Stromstärken nicht erzielen. Obach hat daher für solche Messungen die T. derart abgeändert, daß der mit einem Kupferband oder mit Drahtwindungen belegte Ring um eine mit der Ruhelage der Magnetnadel zusammenfallende horizontale Achse gedreht und der dem Ring erteilte Neigungswinkel gegen die Vertikale an einem Teilkreis abgelesen werden kann. Die Nadel selbst wird nicht auf einer Spitze balanciert, sondern sie ist, um das bei stärkerm Neigen des Ringes eintretende Kippen der Nadel zu vermeiden, mit einer in zwei Lagern drehbaren vertikalen Achse versehen. Die auf die Nadel ausgeübte Richtkraft des Stroms wird durch diese Einrichtung in dem Verhältnis von l zu dem Sinus des Neigungswinkels verringert. Man findet demnach die Stärke des Stroms, wenn man die wie gewöhnlich aus dem Ablenkungswinkel berechnete verringerte Stromstärke durch den Sinus des Neigungswinkels dividiert. Macht man den Ring um seine vertikale Achse drehbar und dreht denselben der abgelenkten Nadel nach, bis dieselbe wieder auf dem Nullpunkt der Teilung einsteht, so ist die Stromstärke dem Sinus des Winkels, um welchen die Nadel abgelenkt ist, proportional. Dieser Winkel wird an einem horizontalen, mit dem Stativ fest verbundenen Teilkreis abgelesen. Ein so eingerichtetes Instrument heißt Sinusbussole.
Tangentialbewegung, s. Zentralbewegung.
Tangentialräder (Partialturbinen), s. Wasserrad.
Tangentometer, von Prüsker in Wien angegebenes Instrument zum Höhenmessen und Nivellieren, besteht aus Stativ, worauf mittels Nuß mit Stellschrauben ein um eine Achse am Okularende auf- und abstellbares Fernrohr ruht, ähnlich dem Nivellierfernrohr, eher noch wie bei der Kippregel (s. d.).
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Tanger - Tanguten.
Die Horizontalstellung des Fernrohrs ist sehr sorgfältig konstruiert und beruht auf der Horizontalkorrektur einer Stützplatte als der Grundlage für die Messungen, auf welcher die Ständer für das Fernrohr befestigt sind, und auf der darauf selbständig zu bewirkenden Horizontalstellung des Fernrohrs selbst, also mittels zweier Libellen. Auf der Stützplatte ist am Objektivende des Fernrohrs ein Lineal (gerade, nicht Kreisbogen) senkrecht befestigt, an welchem bei Hebungen das Objektivende auf- und niedergeht und zwar mit einem entsprechend sich schiebenden Index und Nonius. Bei 0 des Index auf 0 des Lineals und im übrigen einspielenden Libellen ist die Fernrohrachse horizontal und das Instrument unmittelbar zum gewöhnlichen Nivellieren mit der Latte zu benutzen. Erhebt oder senkt man das Fernrohrende, so wird an dem geraden Lineal nun nicht der Höhen- oder Tiefenwinkel angegeben, wie man ihn zu Höhenmessungen braucht (mit Theodolit oder Kippregel), sondern man liest direkt dessen Tangente ab, kann also bei bekannter Horizontalentfernung des Instruments vom Objekt sofort den Höhenunterschied ermitteln. Vgl. Prüsker, Der T. (Wien 1879).
Tanger (arab. Tandscha), Seestadt in der marokkan. Provinz Hasbat, am westlichen Eingang der Straße von Gibraltar, amphitheatralisch am Abhang eines kahlen Kalkgebirges erbaut, hat meist unregelmäßige, enge und steil aufsteigende Straßen, schöne Moscheen, ein Franziskanerkloster mit Kapelle, dem einzigen christlichen Gotteshaus im ganzen Reich, mehrere Synagogen und Häuser europäischer Agenten, eine alte, teilweise verfallene Citadelle, aber bedeutende Befestigungen am Hafen. Dieser ist zwar klein und von geringer Tiefe, die Reede aber schön und ziemlich geräumig. T. ist der bedeutendste Seehandelsplatz Marokkos und unterhält namentlich einen sehr lebhaften Verkehr mit Gibraltar. Es liefen 1887: 806 Schiffe von 168,598 Ton. ein; der Wert der Ladungen betrug im Eingang 8,52, im Ausgang 4,4 Mill. Mk. Die Konsuln (darunter auch ein deutscher) in T. haben dort eine bedeutendere Stellung als an irgend einem andern Orte, da sie die politischen Vertreter ihrer Staaten beim Sultan von Marokko sind. Da letzterer nicht gestattet, daß Europäer in seiner Hauptstadt residieren, so läßt er seinen Minister der auswärtigen Angelegenheiten in T. wohnen, wo derselbe zugleich Gouverneur ist. Die Einwohner, 20,000 an der Zahl, sind meist Mauren; dazu kommen Juden spanischen Ursprungs und wenige Europäer. - T. hieß bei den Römern Tingis und ward unter Kaiser Claudius Hauptstadt der Provinz Tingitana oder des westlichen Mauritanien. Die Westgoten eroberten es im 5. Jahrh., im 8. Jahrh. kam es an die Araber. Die Portugiesen brachten es 1471 in ihre Gewalt. 1662 ward es als Brautschatz der portugiesischen Infantin Katharina bei deren Vermählung mit Karl II. von England an letzteres abgetreten, aber wegen der kostspieligen Unterhaltung 1684 aufgegeben, worauf es die Mauren wieder in Besitz nahmen. Am 6. Aug. 1844 ward es von einer französischen Flotte bombardiert, worauf 10. Nov. daselbst der Friede zwischen Frankreich und Marokko abgeschlossen ward.
Tangermann, Wilhelm (pseudonym Victor Granella), altkathol. Theolog und Schriftsteller, geb. 6. Juli 1815 zu Essen an der Ruhr, bezog 1840 die Akademie Münster, vollendete hier den philosophischen Kursus und begann das Studium der Theologie, das er 1842-43 in München unter Döllinger, Görres und Haneberg beendete. Darauf in das erzbischöfliche Klerikalseminar zu Köln aufgenommen, erhielt er 1845 die Priesterweihe und ward 1846 Kaplan in Neuß, 1862 in Unkel. Infolge seiner Weigerung, die vatikanischen Dekrete vom l8. Juli 1870 anzuerkennen, wurde er seines Amtes entsetzt, zog nach Bonn und übernahm 1872 das Pfarramt bei der neuen altkatholischen Gemeinde zu Köln. Von seinen Schriften nennen wir: "Wahrheit, Schönheit und Liebe", philosophisch-ästhetische Studien (Leipz. 1867); "Patriotische Lieder und Zeitgedichte" (Bonn 1871); "Aus zwei Welten", Wahrheit und Dichtung (Leipz. 1871); "Diotima", eine kulturhistorische Novelle (Köln u. Leipz. 1873); "Zur Charakteristik der kirchlichen Zustände" (das. 1874); "Herz und Welt", Dichtungen (das. 1876); "Philosophie und Christentum in ihren Beziehungen zur Kultur- und Religionsfrage" (das. 1876); "Das liberale Prinzip in seiner ethischen Bedeutung für Staat und Kirche etc." (3. Aust., Köln 1883); "Sions Harfenklänge" (Bonn 1886); "Philosophie und Poesie^, Sonettenkränze (Köln 1886); "Neuer Frühling, neues Leben. Zeitbetrachtungen" (Essen 1889). Alle diese Schriften stehen mit der geistigen Richtung, als deren unerschrockener Streiter T. eingetreten ist, im Zusammenhang, offenbaren aber über ihren tendenziösen Zweck hinaus eine poetische Anlage u. vertiefte Bildung.
Tangermünde, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Magdeburg, Kreis Stendal, am Einfluß der Tanger in die Elbe und an der Eisenbahn Stendal-T., hat Mauern und Thore aus dem Mittelalter, die 1376 begonnene gotische Stephanskirche, ein Schloß, ein spätgotisches Rathaus, eine Schifferschule, ein Amtsgericht, Zuckerraffinerie, Öl- und Schrotfabrikation, Bierbrauerei, Schiffbau, Schiffahrt, Getreidehandel, Fischerei und (1885) 5852 Einw. In der Nähe an der Tanger und der Linie Leipzig-Wittenberge der Preußischen Staatsbahn die Tangerhütte mit Raseneisensteingräberei, Eisengießerei, einem Emaillierwerk und (1885) 200 Einw. - T. erscheint schon im 12. Jahrh. als Stadt. Die dortige Burg war wiederholt Residenz der Markgrafen von Brandenburg, besonders zur Zeit Kaiser Karls IV., wurde aber 1640 von den Schweden größtenteils zerstört; von dem alten Bau ist noch der Kapitelsturm übrig. Vgl. Götze, Geschichte der Burg T. (Stendal 1871).
Tangerwicke, s. v. w. Lathyrus tingitanus.
Tangieren (lat.), berühren; Eindruck machen.
Tanguten (bei den Chinesen Sifan, d. h. westliche Barbaren), ein den Tibetern nahe verwandtes Volk in den Alpenländern westlich von den chinesischen Provinzen Schensi und Setschuan, am obern Lauf der Zuflüsse des Huangho und Jantsekiang. Sie werden seit 634 n. Chr. in den chinesischen Annalen öfters erwähnt und sind gegenwärtig den Chinesen tributpflichtig. Die T. sind von mittlerm, aber kräftigem Wuchs, mit schwarzem Haar und starkem, kurzgeschornem Bart, gerader Nase, großen, nicht schmal geschlitzten Augen und dicken, oft aufgeworfenen Lippen. Ihre Kleidung, bei beiden Geschlechtern dieselbe, besteht in einer Art Schlafrock aus Tuch oder Schaffellen. Ihre Unsauberkeit überschreitet alle Grenzen. Die Sprache der T. gehört zur tibetischen Gruppe der einsilbigen Sprachen. Die T. sind Nomaden, welche sich vornehmlich mit Schafzucht befassen; nach der Farbe der Zelte, unter welchen sie wohnen, unterscheidet man schwarze oder gelbe T. Ihre Religion ist ein durch allerhand Aberglauben entstellter Buddhismus. Alle T. werden von eignen Beamten regiert, welche einem chinesischen Beamten in Sinin (Kansu) unterstellt sind.
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Tangwiesen - Tanne.
Tangwiefen, s. Fukusme^e.
Taenia. Bandwurm.
Tanis (ägypt. T'a, T'an, hebr. Zo'an, arab. Sân), altägypt. Stadt
im nordöstlichen Nildelta, deren zuerst von Mariette, dann 1883-84 von
Flinders Petrie aufgedeckte Ruinen beim heutigen Fischerdorf Sân el
Hager unweit des Südufers des Menzalesees liegen. Schon unter der
6. Dynastie um die Mitte des 3. vorchristlichen Jahrtausends bestehend,
wurde T. um 2100 Residenz der semitischen Hyksoskönige und später
diejenige der großen Herrscher aus der 19. Dynastie, wie Ramses' II. und
Merenptahs, deren ersterer in T. einen großartigen Tempel des
Kriegsgottes Set erbaute, in dessen Ruinen nicht weniger als 14
Obelisken gefunden wurden. In sehr fruchtbarer, wild- und fischreicher
Gegend gelegen und selbst für Seeschiffe erreichbar, war T. vor der
Gründung Alexandrias wohl die größte Handelsstadt Ägyptens, sank aber
später infolge von Landanschwemmungen und des Versandens der
Tanitischen Nilmündung und wurde wahrscheinlich 174 n. Chr.
gelegentlich eines Aufstandes zerstört. Vgl. Flinders Petrie, Tanis
(Lond. 1885, Bd. 1).
Tanjore, Stadt, s. Tandschor.
Tankred, 1) T. von Hauteville, normänn. Ritter im 11. Jahrh., dessen zehn Söhne, unter ihnen
der berühmte Robert Guiscard und Roger I., 1038
nach Unteritalien zogen, es eroberten und dort das normännische Reich
gründeten.
2) Berühmter Kreuzfahrer, Enkel des vorigen, von dessen Tochter Emma aus
ihrer Ehe mit dem Markgrasen Otto dem Guten, geb. 1078, begleitete 1096
seinen Vetter Bohemund von Tarent auf dem ersten Kreuzzug, zeichnete
sich bei der Belagerung von Nikäa durch Tapferkeit aus, besetzte
Tarsos, über dessen Besitz er sich mit Balduin entzweite, that sich vor
Antiochia hervor, besetzte Bethlehem, erstürmte bei der Eroberung von
Jerusalem zuerst mit den Seinen die Mauern und pflanzte sein Banner auf
der Moschee Omars auf. Er blieb auch nach dem Sieg bei Askalon in
Palästina und erhielt das Fürstentum Tiberias. Nach dem Tod Gottfrieds
von Bouillon suchte er die Wahl zum König von Jerusalem vergeblich auf
seinen Vetter Bohemund zu lenken. Als die Sarazenen Bohemund
gefangennahmen und dieser nach seiner Freilassung 1103 nach Europa ging,
verwaltete er dessen Fürstentum Antiochia und hielt eine harte
Belagerung durch die Sarazenen aus. Er vergrößerte das Fürstentum durch
Eroberung von Adana, Mamistra und Laodikea, rettete Edessa vor der
Einnahme durch die Seldschukken, worauf ihm auch dieses Fürstentum
übertragen wurde, und eroberte Arta. Er starb 21. April 1112. Vermählt
war er mit Cäcilie, einer natürlichen Tochter des Königs Philipp I. von
Frankreich. Wenn schon Tankreds Ruhm in der Geschichte begründet ist,
so ist derselbe doch ganz vorzüglich erhöht worden durch Tafsos
"Befreites Jerusalem", worin T. ganz als Held
erscheint. Vgl. Raoul von Caen, Gesta Tancredi (in Guizots "Collection
des mémoires"); Delabarre, Histoire de Tancrède (Par. 1822), und
Kugler, Boemund und T., Fürsten von Antiochien (Tübing. 1862).
3) T. von Lecce, König von Sizilien, natürlicher Sohn des Herzogs Roger
von Apulien und Enkel des Königs Roger II. von Sizilien, ward nach
Wilhelms des Gütigen Tod 1190 von den Sizilianern in Palermo zum König
gewählt und verteidigte den Thron mit Glück gegen Kaiser Heinrich VI. Nach
seinem Tod 22. Febr. 1194 mußte sein unmündiger
Sohn Wilhelm III. auf die Krone verzichten und
starb bald auf der Burg Hohenembs.
Tann, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Kassel, Kreis Gersfeld, in der
Rhön, an der Ulster und der Linie Fulda-T. der Preußischen Staatsbahn,
359 m ü. M., hat eine neue gotische evang. Kirche, 3 Schlösser der
Freiherren von der T. (s. Tann-Rathsamhausen), Holzwarenfabrikation,
Spinnerei und (1885)
1090 meist evang. Einwohner. Die Stadt ward 1866
von Bayern an Preußen abgetreten.
Tanna, 1) (Thana) Hauptstadt eines Distrikts in der
britisch-ind. Präsidentschaft Bombay, auf der Ostseite der Insel
Salsette, mit einem alten Fort (jetzt Gefängnis), portugiesischer
Kathedrale und l4,456 Einw. - 2) Eine der südlichsten der Neuen
Hebriden, 380 qkm (7 QM.) mit 10,000 Einw. Im Innern ein 135 m hoher,
thätiger Vulkan mit Schwefelquellen an seinem Fuß. Die Küstenstriche
sind äußerst fruchtbar. Hafenplatz ist Resolution.
Tanna, Stadt im Fürstentum Reuß j. L., Landratsamt Schleiz, an der
Eisenbahn Schönberg-Hirschberg, 538 m ü. M., hat eine evang. Kirche,
Viehmärkte, Holzhandel und (1885) 1636 evang. Einwohner.
Tannahill, Robert, schott. Dichter, geb. 3. Juni
1774 zu Paisley, trieb die Weberei und dichtete daneben Lieder, die
durch seines Freundes R. A. Smith Kompositionen bald volkstümlich
wurden. Auch gab er "Poems and songs" (1807) heraus. Am bekanntesten
wurden unter seinen Gedichten: "Jessy, the flower of Dumblane" und "The
song of the battle of Vittoria", die nur von den besten Dichtungen
Rob. Burns' übertroffen werden. Später verfiel er in Schwermut und
zuletzt in Wahnsinn; in diesem nahm er sich 17. Mai 1810 selbst das
Leben. Eine Sammlung seiner Werke nebst Biographie erschien
Glasgow 1838 (neue Ausg. 1879).
Tanne (Picea Don., Abies Lk., hierzu Tafel "Tanne"), Gattung aus der
Familie der Abietineen, meist hohe Bäume, deren Hauptäste in
unregelmäßigen Quirlen und deren Nebenäste meist zweireihig stehen,
mit einzeln stehenden, meist zweizeiligen, flachen, unterseits längs des
Mittelnervs bläulichweiß gestreiften Nadeln, aufrechten Zapfen und nach
der Reife von der Achse sich lösenden Zapfenschuppen. Die europäische
Edeltanne (Weißtanne, P. pectinata Lam., Abies alba Mill., A. Picea
L., A. pectinata Dec., A. excelsa L., P. Abies Dur., s. Tafel), einer
der schönsten Waldbäume mit in der Jugend pyramidaler, im Alter fast
walzenförmiger, unregelmäßiger, am Wipfel storchnestartig abgeplatteter
Krone, wird im Schluß über 65 m hoch, hat zuerst olivenbraune, später
weißgraue Rinde, behaarte, rauhe Zweige, an welchen die Nadeln nach zwei
Seiten flach gestellt sind. Sie werden 2-3 cm lang und sind am obern
Ende abgerundet und ausgerandet; die Blüten stehen fast nur in den
obersten Verzweigungen des Wipfels an vorjährigen Trieben, die
männlichen Blütenkätzchen sind viel länger als die der Fichte, die
senkrecht aufgerichteten, 4-6 cm langen weiblichen Blütenzäpfchen
gelbgrün, die aufrecht stehenden, 14-20 cm langen Zapfen länglich
walzenförmig, hell grünlichbraun, ihre Deckschuppen lineal zungenförmig
mit dem zwischen den Fruchtschuppen hervorragenden Teil rückwärts
gebogen. Nach der Samenreife im Oktober, oft erst im April des folgenden
Jahrs, löst sich der Zapfen ganz auf, und nur die spindelähnliche Achse
bleibt am Trieb stehen. Die Samen sind dreikantig, geflügelt. Die T. hat
eine ziemlich tief gehende Pfahlwurzel und unter der Oberfläche des
Bodens verlaufende zahlreiche Nebenwurzeln. Die Keimpflanze besitzt ge-
Tanne.
Tanne (Abies Picea).
1. Zweig mit männlichen Blütenkätzchen. --
2. Trieb mit weiblichen Blütenkätzchen. -
3. 4. Weibliche Deckschuppe mit der noch kleinen Samenschuppe von der Innen- und Außenseite, an ersterer unten die Samenschuppe mit den zwei Samenknospen. --
5. (und die Figur darüber) Die Samenschuppe in verschiedenen Entwickelungszuständen, wie 3 und 4 vergrößert. --
6. 7. Männliche Blütenkätzchen, als Knospe und vollkommen entwickelt (doppelte Größe). --
8. Staubgefäße. --
9. Nadel (doppelte Größe). --
10. Querschnitt derselben, ebenso. --
11. Keimpflänzchen. --
12. Stammknospe desselben mit abgeschnittenen Nadeln und Keimnadeln, vergrößert.
Zum Artikel »Tannen.
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Tannenberg - Tannenhäher.
wöhnlich 5-7 sehr große Keimnadeln; in der Jugend wächst die T. viel langsamer als die Fichte, vom 25. oder 30. Lebensjahr an beginnt aber ein fördersameres Wachstum, welches länger als bei irgend einem Waldbaum, mit Ausnahme der Eiche, anhält. Sie erreicht ein sehr hohes Alter. Im allgemeinen trägt sie später und seltener Früchte als die Fichte. Ihre Verbreitung ist auch viel beschränkter. Sie gehört als Waldbaum den höhern Stufen des mitteleuropäischen Berglandes (Riesengebirge, Erzgebirge, Böhmerwald, Bayrischer Wald, Fichtelgebirge, Frankenwald, Schwarzwald, Alb, Jura, Wasgenwald), den südwesteuropäischen (Burgund, Auvergne, Pyrenäen) und südosteuropäischen Gebirgslandschaften (Karpathen, Siebenbürgen, östlicher Balkan, thrakische Berglandschaft), meist in Höhen von 800-1200 m ü. M. im mittlern, von 1200 -1900 m im südlichen Europa, an. Die T. meidet die aufgeschwemmten Bodenarten des Flachlandes und liebt vor allen den Verwitterungsboden des Urgebirges. Sie gedeiht nur im Bestandsschluß zur höchsten Vollkommenheit, da sie einen erheblichen Schirmdruck erträgt und in der Jugend des Schutzes durch Altstämme bedarf. Ausgedehnte Bestände bildet sie mit der Rotbuche zusammen, auch mit der Fichte; ihr ganzes Wuchsverhalten aber stempelt sie zum Betrieb in reinen Beständen mit höherm Umtrieb (140-150 Jahre). Die T. ist sturmfest und dem Schneebruch und Insektenschäden wenig unterworfen, Wildbeschädigungen aber sehr ausgesetzt. Man verjüngt die Tannenbestände am besten in dunkeln Samenschlägen; zur Neubegründung von solchen Beständen wendet man Schirmschläge an. Man pflückt die Zapfen im September; der Same bedarf des Ausklengens nicht, da derselbe von selbst ausfällt. Ein Hektoliter Zapfen wiegt 45 kg und ergibt etwa 3 kg gereinigten Samen (4½ kg geflügelten Samen). Ein Kilogramm reinen Samens enthält 16,000 Körner. Zur Saat verwendet man pro Hektar 25 kg (Plätzesaat) bis 80 kg (Vollsaat) reinen Samen. Meist macht man Riefensaaten (0,5 m breit) mit 50 kg Samen pro Hektar. Im Saatkamp säet man 5 kg pro Ar. Der Same wird höchstens 0,8 cm tief mit Erde bedeckt. Frühjahrssaat ist wegen der Frostgefahr und des Mäusefraßes vorzuziehen. Saat- und Pflanzkämpe legt man in frostfreien Lagen, thunlichst in nicht zu geschlossenen alten Schirmbeständen an. Die zweijährigen Pflänzlinge werden umgepflanzt (verschult), im sechsjährigen Alter in die Bestände gepflanzt. Vielfach werden auch Wildlinge mit Ballen, fünf- bis sechsjährig, zur Vervollständigung der Kulturen verwendet. Man benutzt das sehr gleichmäßige und spaltbare Tannenholz wie Fichtenholz, außerdem namentlich zu Resonanzböden musikalischer Instrumente. Die T. liefert auch Harz und Terpentinöl, aber die Rinde ist zum Gerben nicht geeignet. A. venusta Dougl., in Kalifornien, mit brauner Rinde, weit herabhängenden untern und unregelmäßig abstehenden obern Ästen, zugespitzten Nadeln und dreilappigen, sehr lang zugespitzten Deckblättern, wird über 30 m hoch und bei uns als Zierpflanze kultiviert, ebenso A. amabilis Dougl., an der Westseite Nordamerikas, mit brauner Rinde, in der Jugend auf beiden Seiten bläulich gestreiften, zuletzt gleichmäßig grünen, an der Spitze oft ausgerandeten Nadeln und am Rand gezähnelten Deckblättern, über 60 m hoch werdend. P. balsamea Loud. (A. balsamea Mill., Balsamtanne), in Nordamerika, südlich bis Virginia, sehr verbreitet, mit schwärzlichgrauer Rinde, an der Spitze ausgerandeten, unterseits bläulichweiß gestreiften Nadeln, gezähnelten Deckblättern und violetten Zapfen, wird 15 m hoch und bildet eine pyramidale Krone; ihre Blätter und Zweige riechen gerieben sehr angenehm; sie liefert den Kanadabalsam. P. Nordmanniana Loud. (A. Nordmanniana Link.), im Kaukasus und im Pontischen Gebirge, 30 m hoher, meist vom Grund an regelmäßig mit Ästen besetzter Baum mit schwärzlichgrauer Rinde, ringsum gestellten, an der Spitze ausgerandeten, wenigstens am obern Teil gezähnelten und meist mit verlängerter Spitze versehenen Deckblättern und sehr großen, meist mit Harz stark bedeckten Zapfen, zählt zu den schönsten und höchsten Edeltannen, ist raschwüchsig und vollständig hart und wird daher vielfach als Zierpflanze kultiviert. P. Pinsapo Loud. (A. Pinsapo Boiss., spanische Edeltanne), in den Gebirgen des südlichen Spanien und Nordafrikas, ein 20-25 m hoher Baum mit grauschwärzlicher Rinde, ringsum stehenden, zugespitzten, gleichfarbigen oder unterseits schwach bläulichweiß gestreiften Nadeln, kurzen, gezähnelten und mit einer besondern Spitze versehenen Deckblättern und ziemlich großen, am obern Teil etwas eingedrückten Zapfen, hält in Norddeutschland in geschützten Lagen ziemlich gut aus. Amerikanische Edeltanne (P. nobilis Loud., A. nobilis Lindl.), 70 m hoher Baum Kaliforniens mit kastanienbraunem Stamm, fast ringsum gestellten, nach oben gekrümmten Nadeln, 16-18 cm langen Zapfen mit spatelförmigen, oben geschlitzt gezahnten und in eine schmal lanzettliche Spitze auslaufenden, sehr langen Deckschuppen, eine der schönsten Edeltannen, bildet in ihrem Vaterland große Wälder und ist in Norddeutschland vollkommen hart. Vgl. Schuberg, Die Weißtanne (Tübing. 1888).
Tannenberg, 1) Dorf in der sächs. Kreishauptmannschaft Zwlckau, Amtshauptmannschaft Annaberg, an der Zschopau und der Linie Schönfeld-Geyer der Sächsischen Staatsbahn, hat eine evang. Kirche, Baumwollspinnerei, Papier- und Pappenfabrikation, Gorlnäherei und (1885) 1277 Einw. - 2) Dorf im preuß. Regierungsbezirk Königsberg, Kreis Osterode, hat (1885) 247 Einw. und ist bekannt durch die Niederlage des deutschen Ordensheers gegen die Polen und Litauer 15. Juli 1410.
Tannenfalk, s. v. w. Wanderfalk, s. Falken, S. 9.
Tannenfichte, s. v. w. Weimutskiefer.
Tännengebirge, ein Gebirgsstock der Salzkammergutalpen, vom Salzachthal zwischen Golling und Werfen östlich gegen die Dachsteingruppe sich hinziehend, im Raucheck 2428 m hoch, verengert mit dem gegenüberliegenden Haagengebirge das Salzachthal zu enger Schlucht (Paß Lueg).
Tannenhäher (Nucifraga Briss.), Gattung aus der Ordnung der Sperlingsvögel, der Familie der Raben (Corvidae) und der Unterfamilie der eigentlichen Raben (Corvinae), kräftig gebaute Vögel mit langem, starkem, sanft nach der Spitze zu abfallendem Schnabel, mittellangen, stumpfen Flügeln, in welchen die vierte und fünfte Schwinge am längsten sind, mittellangem, gerundetem Schwanz und starken Füßen mit kräftigen Nägeln an den mittellangen Zehen. Der T. (Nußknacker, Berg-, Birkenhäher, N. caryocatactes Briss.), 36 cm lang, 59 cm breit, ist dunkelbraun, weiß gefleckt. nur auf Scheitel und Nacken ungefleckt, Schwingen und Schwanzfedern sind schwarz, letztere an der Spitze weiß; die Augen sind braun, Schnabel und Füße schwarz. Der T. bewohnt die Wälder Nordeuropas, Nordasiens und unsrer Hochgebirge, besonders im Gebiet der Zirbelkiefer. In Deutschland ist er sehr selten, erscheint aber in manchem Winter ziemlich häufig; im Norden
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Tannenklee - Tansillo.
wandert er regelmäßiger, doch im allgemeinen auch nur, wenn die Zirbelnüsse mißraten sind. Er klettert an den Bäumen umher und meißelt mit dem Schnabel, wie die Spechte. Seine Nahrung besteht wesentlich aus Sämereien, Nüssen, Beeren, Kerbtieren, Schnecken, kleinen Vögeln etc. Er nistet im März auf Bäumen und legt 3-4 blaß grünblaue, hellbraun gefleckte Eier, welche das Weibchen in 17-19 Tagen ausbrütet. Er wird nützlich, indem er zur Verbreitung des Arvensamens an den unzugänglichsten Stellen beiträgt. In der Gefangenschaft fällt besonders seine Mordlust auf. Vgl. Tschusi zu Schmidhoffen, Verbreitung und Zug des Tannenhehers (Wien 1888).
Tannenklee, s. Anthyllis.
Tannenlaus, s. Blattläuse, S. 2.
Tannenpapagei, s. Kreuzschnabel.
Tannenpfeil, s. Kiefernschwärmer.
Tannenroller, s. Spechte.
Tannhausen, Dorf im preuß. Regierungsbezirk Breslau, Kreis Waldenburg, im Weistritzthal und im Waldenburger Gebirge, hat eine kath. Kirche, ein Schloß, Steinkohlenbergbau, mechanische Weberei, Dampfziegelei und besteht aus den Orten Blumenau (Ober-T.) mit (1885) 1941, Mittel-T. mit 1551 und Erlenbufch (Nieder-T.) mit 356 Einw.
Tannhäuser (Tanhuser), Minnesänger, vermutlich ein Salzburger oder Bayer, der um die Mitte des 13. Jahrh. am Hofe Friedrichs des Streitbaren und andrer Fürsten sich aufhielt und ein abenteuerliches Wanderleben geführt zu haben scheint. In seinen Liedern schildert er, dem Vorgang Neidharts folgend, mit Vorliebe das bäuerliche Leben und derbsinnliche Minne, nebenbei mit allerlei litterarischer Gelehrsamkeit prunkend. Auch ein didaktisches Gedicht: "Hofzucht", wird ihm beigelegt. Eine seiner Weisen erhielt sich bei den Meistersängern. Seine lyrischen Gedichte finden fich im 2. Teil der "Minnesinger" von Hagen (Leipz. 1838), die "Hofzucht" im 6. Band von Haupts "Zeitschrift für deutsches Altertum" (das. 1848). An sein bewegtes Leben und ein ihm beigelegtes Bußlied knüpft sich die bekannte Sage vom Ritter T., der im Venusberg verweilte, dann nach Rom pilgerte, um Vergebung seiner Sünden zu erlangen, und, als ihm diese versagt wurde, verzweiflungsvoll zu Frau Venus im Hörselberg (s. d.) zurückkehrte. R. Wagner hat die Sage zu einer Oper verarbeitet. Vgl. Grässe, Der T. und ewige Jude (2. Aufl., Dresd. 1861); Zander, Die Tannhäusersage und der Minnesänger T. (Königsb. 1858).
Tannieren, s. Gallieren.
Tannin, s. Gerbsäuren, S. 160.
Tanningensäure, s. Katechin.
Tanninstoffe, s. v. w. Gerbsäuren.
Tann-Rathsamhausen, Ludwig Samson Heinrich Arthur, Freiherr von und zu der, bayr. General, geb. 18. Juni 1815 zu Darmstadt als Sohn des 1848 verstorbenen bayrischen Kämmerers Freiherrn Heinrich von und zu der T. und einer Freiin von Rathsamhausen aus einer erloschenen elsässischen Familie, trat 1833 als Leutnant in die bayrische Artillerie, ward 1840 in den Generalstab versetzt, 1844 Adjutant des Kronprinzen Maximilian und bald Major, ging 1848 beim Ausbruch des Kriegs in Schleswig-Holstein dahin, wo er in kurzem in das Freischarenwesen Ordnung zu bringen wußte und bei Altenhof und Hoptrup glänzende Waffenthaten verrichtete, ward 1849 Chef des Generalstabs der unter dem Prinzen Eduard von Sachsen-Altenburg stehenden Division und trat im Juli 1850 als Oberst und Generalstabschef des Generals Willisen in die schleswig-holsteinische Armee, mit der er bei Idstedt, Missunde und Friedrichstadt kämpfte. Nach Bayern zurückgekehrt, ward er Oberstleutnant und Adjutant des Königs Maximilian II., 1855 Generalmajor, 1860 Generaladjutant des Königs und 1861 Generalleutnant und Generalkommandant in Augsburg, dann in München. 1866 wurde er zum Generalstabschef des Prinzen Karl, des Oberbefehlshabers der süddeutschen Kontingente, ernannt, schloß mit Österreich zu Olmütz die Konvention vom 14. Juni ab und leitete die Operationen der Bayern im Juli, deren unglücklicher Verlauf von der ultramontanen Presse besonders T. schuld gegeben wurde, so daß derselbe den Angriffen durch eine Anklage des "Volksboten" ein Ende machen mußte. (Vgl. "Die bayrische Heerführung und der Chef des Generalstabs, Generalleutnant Freiherr v. d. T., vor den Geschworen etc., Kissing. 1866.) T. blieb nach dem Kriege Generaladjutant des Königs und Divisionskommandeur und wurde 1869 zum General der Infanterie und Kommandeur des 1. bayrischen Korps befördert. An der Spitze desselben kämpfte er 1870 mit Auszeichnung bei Wörth, Beaumont und Sedan, erhielt Anfang Oktober den Oberbefehl über eine aus seinem Korps, der 22. preußischen Infanterie- sowie der 1. und 4. Kavalleriedivision gebildete Armeeabteilung, siegte 10. Okt. bei Orléans, das er besetzte, zog sich nach tapferer Gegenwehr gegen die französische Übermacht bei Coulmiers 9. Nov. nach Norden zurück, kämpfte 2.-10. Dez. unter dem Großherzog von Mecklenburg in mehreren blutigen Gefechten bei Orléans und kehrte Ende Dezember 1870 zur Zernierungsarmee vor Paris zurück. Er starb als Kommandeur des 1. bayrischen Armeekorps 26. April 1881 in Meran. Vgl. Zernin, Freih. Ludw. von und zu der T. (Darmstadt 1883); Helvig, Ludw., Freih. v. T. (Berl. 1884).
Tannroda, Stadt im weimar. Verwaltungsbezirk Weimar I, an der Ilm und der Eisenbahn Weimar-T.-Kranichfeld, 294 m ü. M., hat eine evang. Kirche, eine Burgruine, eine Oberförsterei, Korbflechterei, eine Dampfschneide-, Mahl-, Gips- und Lohmühle, Holzhandel und (1885) 889 Einw.
Tannwald, Stadt in der böhm. Bezirkshauptmannschaft Gablonz, an der Bahnlinie Eisenbrod-T., mit Bezirksgericht, Baumwollspinn- und Webfabrik (23,500 Spindeln und 500 mechanische Webstühle), Maschinenbauwerkstätte, Glasschleiferei, Glaskurzwarenindustrie und (1886) 2726 Einw.
Tan-ra, früher Name der Insel Quelpart (s.d.).
Tansillo, Luigi, ital. Dichter, geboren um 1510 zu Venosa im Neapolitanischen, trat früh in die Armee und erwarb sich durch seinen Mut nicht minder als durch sein poetisches Talent die Gunst des Don Garcias, Sohns des Vizekönigs von Neapel, den er nach Sizilien und später auf der Expedition gegen Tunis (1551) begleitete. Ein geistreiches, aber schlüpfriges Gedicht: "Il vendemmiatore" (Neapel 1534, Vened. 1549, Par. 1790; franz. von Mercier: "Jardin d'amour", das. 1798), begründete seinen litterarischen Ruf, zog ihm aber das Verdammungsurteil der römischen Kurie zu. Um dieselbe wieder auszusöhnen, schrieb er das religiöse Epos "Le lagrime di San Pietro", von welchem jedoch bei seinen Lebzeiten nur ein Teil gedruckt wurde, und welches er auch unvollendet hinterließ. Erst nach seinem Tod erschien das Gedicht, welches im einzelnen große Schönheiten besitzt, aber durch seine Länge und eine gewisse Monotonie ermüdet (Vened. 1606). T. starb um 1570. Außer den genannten Werken hat man
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Tansimat - Tantieme.
von ihm das dramatische Gedicht "I due pellegrini" (Neap. 1631). Die Ausgabe seiner "Opere" (Vened. 1738) enthält die beiden letztgenannten Gedichte und seine "Rime Varie", unter welchen sich viele gute befinden. Später wurden aus Handschriften publiziert die beiden Lehrgedichte: "La balia" (Vercelli 1767, Vened. 1797) und "Il podere" (Tur. 1769, Parma 1797), welch letzteres zu den besten seiner Gattung in der italienischen Litteratur gehört, sowie verschiedene "Capitoli" (Vened. 1832-31).
Tansimat,s. Tanzimat.
Tanta, Hauptstadt der ägypt. Provinz Garbieh mit (1882) 33,750 Einw. (1029 Ausländer), hat große kommerzielle Bedeutung infolge seiner zentralen Lage im Nildelta, als Kreuzungspunkt mehrerer Eisenbahnen und Kanäle, des prächtigen Grabes des wunderthätigen Scheichs Ahmed el Bedawi und seiner drei großen Messen, von welchen die im August an 500,000 Menschen hier versammelt. Die hiesige Medresse wird von nahe an 5000 Schülern besucht und steht nur der von Kairo nach. T. ist Sitz eines deutschen Konsulats.
Tantal (Columbium) Ta, chemisch einfacher Körper, findet sich als Tantalsäuresalz im Tantalit, Columbit, Yttrotantalit, Pyrochlor und andern seltenen Mineralien, wird aus diesen als schwarzes, sehr widerstandsfähiges Pulver erhalten, verbrennt beim Erhitzen an der Luft zu Tantalsäureanhydrid Ta2O5 und gibt beim Erhitzen in Chlor Tantalchlorid TaCl5. Tantalsäure H3TaO4 verbindet sich mit Basen in mehreren Verhältnissen. Atomgewicht des Tantals ist 182. T. wurde 1801 von Hatchett entdeckt.
Tautalit, Mineral aus der Ordnung der Tantalate und Niobate, findet sich in rhombischen, säulenförmigen kristallen, auch derb und eingesprengt, ist schwarz, undurchsichtig, unvollkommen metallglänzend, Härte 6-6,5, spez. Gew. 6,3-8, besteht aus tantal- und niobsaurem Eisenoxydul Fe(TaNb)2O6 mit Mangangehalt. Eine zinnreiche Varietät ist der Ixiolith. T. findet sich bei Falun in Schweden, in Finnland etc., überall in Granit eingewachsen.
Tantalos, im griech. Mythus König von Lydien oder Phrygien, Sohn des Zeus und der Pluto, Vater des Pelops und der Niobe, Großvater des Atreus und Thyestes, durfte als Liebling des Zeus an den Göttermahlen teilnehmen. Dadurch übermütig geworden, lud er selbst die Götter ein und setzte ihnen, um ihre Allwissenheit zu prüfen, das Fleisch seines eignen Sohns Pelops vor. Nach andern soll er des Zeus geheime Ratschlüsse ausgeplaudert oder Nektar und Ambrosia vom Göttertisch entwendet haben. Zur Strafe für diesen Frevel stürzten ihn die Götter in die Unterwelt, und hier mußte er (nach der Sage bei Homer) fortwährend den qualvollsten Hunger u. Durst leiden. Er stand in einem Teich, während Bäume ihre fruchtbeladenen Zweige über ihn nieder neigten; aber so oft er davon pflücken oder aus dem Teich trinken wollte, wichen Früchte und Wasser zurück. Nach Pindar schwebt er selbst in der Luft, und über seinem Haupt hängt ein stets den Sturz drohender Felsenblock. Darstellungen finden sich auf Vasenbildern, z. B. in der Münchener Sammlung (s. Abbildung).
Tautalusbecher, Vexierbecher, s. Heber, S. 256.
Tantardini, Antonio, ital. Bildhauer, geb. 1829 zu Mailand, bildete sich an der dortigen Akademie und zeigte schon in seinen ersten Arbeiten, einer Marmorbüste von Dantes Beatrice, einer Marmorstatue des Studiums und dem Grabdenkmal der Sängerin Giuditta Pasta (gest. 1865), ein eifriges Studium der Antike und der Cinquecentisten. Es folgten eine kolossale Statue des Moses für Mailand, eine Statue des Märtyrers Arnold von Brescia (in Desio bei Mailand), die sitzende Muse der Geschichte an dem Cavour-Denkmal Tabacchis in Mailand und das Denkmal des Physikers Volta in Pavia. Unter seinen kleinern Arbeiten, die sich durch meisterhafte Behandlung des Stofflichen auszeichnen, aber auch unter dem die moderne italienische Plastik beherrschenden Streben nach Koketterie leiden, sind zu nennen. eine Figur der Eitelkeit, eine Badende, eine Lesende, eine Marmorbüste Dantes, der erste Schmerz und Faust und Gretchen. T. starb 7. März 1879 als Professor der Akademie in Mailand.
Tantarer, alte ägypt. Stadt, s. Dendrah.
Tant de bruit pour une omelette! (franz.), "so viel Lärm um einen Eierkuchen!" d. h. um nichts, sprichwörtlich gewordener Ausruf, der nach einer bekannten Anekdote auf den Dichter Desbarreaux zurückgeführt wird.
Tante (franz., mit vorgeschobenem t v. altfranz. ante, engl. aunt, lat. amita), Muhme, Base, Vaters-, Mutterschwester, Frau des Oheims etc.
Tantième (franz., spr. tangtíähm, "der sovielte Teil"), der Anteil, welchen jemand von dem Gewinn eines Unternehmens bezieht. Das Tantiemesystem bildet den Gegensatz zu dem Honorarsystem, indem bei dem letztern eine bestimmte und dem Betrag nach feststehende Vergütung gewährt wird, während die T. sich nach dem finanziellen Erfolg des Unternehmens richtet und sich nach Prozentsätzen des Geschäftsgewinns bestimmt. T. beziehen gewisse Beamte, Handlungsgehilfen, Provisionsreisende, Arbeiter (s. Arbeitslohn, S. 759), Verwaltungsräte bei Aktiengesellschaften etc. Die T. kommt aber auch neben festem Gehait vor, wie dies z. B. bei den Direktoren von Aktiengesellschaften üblich ist. Für Genossenschaften ist nach dem deutschen Genossenschaftsgesetz von 1889 das Tantiemesystem ausgeschlossen, soweit es sich um die Bezahlung der Aufsichtsräte handelt. Dagegen ist das Tantiemesystem bei der Aufführung von dramatischen und musikalischen Werken das herrschende. Der Komponist wie der Dichter können hiernach als Autorenanteil einen Bruchteil von der Einnahme beanspruchen, welche sich beider Aufführung ihres Werkes (Tantiemevorstellung) ergibt. In Frankreich schon 1791 gesetzlich eingeführt, wurde die Theatertantieme erst seit 1847 von der Generalintendantur der königlichen Schauspiele in Berlin und ebenso von der Direktion des Burgtheaters in Wien verwilligt. Jetzt ist die Tantiemezahlung in der regelmäßigen Höhe von 10 Proz. allgemein üblich, und die Ausübung einer diesbezüglichen Kontrolle ist eine Hauptaufgabe der 1871 gegründeten
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Tantos - Tanzmusik,
Deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren und Komponisten, welche in Leipzig ihren Sitz hat. Im einzelnen Fall ist der zwischen dem Autor und dem Unternehmer der Aufführung abgeschlossene Vertrag, im Zweifel die "Theaterpraxis" maßgebend. Das Bundes- (Reichs-) Gesetz vom 11. Juni 1870, betreffend das Urheberrecht an Schriftwerken, Abbildungen, musikalischen Kompositionen und dramatischen Werken, sichert dem Dichter wie dem Komponisten und ihren Rechtsnachfolgern ihren Anspruch auf die Vergütung für die Überlassung des Aufführungsrechts (s. Urheberrecht).
Tantos, s. Rechenpfennige.
Tantra, Name eines spätern brahmanischen Systems, das ungefähr 500 n. Chr. in Indien entstand und über Nepal nach Tibet wanderte, wo es einen starken Einfluß auf den Buddhismus ausübte. Die Anhänger der Tantralehre (Tantrikas) verehren als Hauptgottheiten Siwa und seine Gattin Pârwatî, die hier zu strafenden und rächenden Gottheiten wurden, welche die Verteidigung der Religion des Buddha übernommen haben. Ihre Schriften, meist Dialoge zwischen beiden Gottheiten und von der Schöpfung und Zerstörung der Welt, der Götterverehrung, der Erlangung übermenschlicher Kräfte etc. handelnd, sind in Europa noch wenig bekannt.
Tanunda, Ort in Südaustralien, hat 3 deutsche Kirchen und zählt mit dem nahen Langmeil, Bethanien u. a. 900 Einw. (meist Deutsche).
Tanz, gewisse von Musik begleitete und in einem bestimmten Zeitmaß ausgeführte körperliche Bewegungen, die durch technische Fertigkeit und Geschmack in das Gebiet der Kunst erhoben werden können (Tanzkunst), sowie das begleitende Musikstück selbst (s. Tanzmusik). Die Tanzkunst gehört unter die mimischen Künste; wie aber bei der Pantomime die Bewegungen der Füße den Bewegungen und Gebärden des übrigen Körpers untergeordnet sind, so finden im T. umgekehrt die Bewegungen der Füße gewissermaßen eine Begleitung (Akkompagnement) in den Bewegungen des übrigen Körpers. Man teilt den T. in den gesellschaftlichen und den theatralischen. Der gesellschaftliche T. hat das gemeinschaftliche Vergnügen, die Unterhaltung zum Zweck und schließt auch die sogen. Nationaltänze, die als Ausdruck nationaler Eigentümlichkeiten ein besonderes Interesse haben, in sich. Zu letztern gehören bei den Deutschen namentlich der Walzer (künstlich zur Allemande ausgebildet), bei den Franzosen die Menuett und Française, in England die Anglaise, in Schottland die Ekossäse, bei den Spaniern die Sarabande und der Fandango, bei den Italienern die Tarantella und der Saltarello, in Polen die Polonäse, Mazurka, der Krakowiak etc. Beim theatralischen T., der von künstlerisch gebildeten Tänzern aufgeführt wird, unterscheidet man gewöhnlich die grotesken Tänze, die mehr Ausdruck der Kraft als der Grazie, ungewöhnliche Sprünge und Gebärden erfordern; die komischen Tänze, die, ebenfalls lebhaft, sich mitunter bis zum Mutwillen steigern, und die halben Charaktere, die eine Intrige, eine Liebesaffaire darstellen und besonders Zierlichkeit und Geschmack verlangen; hierzu kommt noch das Ballett (s. d.). - Schon in den frühsten Zeiten des Altertums nahm der T. eine wichtige Stelle ein und zwar vorzugsweise zur Verherrlichung öffentlicher Feste und als Teil des Kultus; namentlich konnte in Asien der sinnliche Götterdienst des Tanzes nicht entbehren. Am meisten wurde aber die Kunst des Tanzes (Orchestik) bei den Griechen ausgebildet, bei denen sie auch das ganze Gebärdenspiel mit in sich schloß und in der innigsten Vereinigung mit Gesang, Poesie und Schauspielkunst stand (vgl. Flach, Der T. bei den Griechen, Berl. 1880). Die Römer überkamen Tänze von den Griechen, eigentliche Nationaltänze hatten sie kaum. Die Histrionen (Ludier) tankten auf den Theatern nach dem Flötenspiel, ohne dabei zu singen, und suchten durch Gebärden Ernsthaftes auf lächerliche Weise nachzuahmen. Von der altrömischen Bühne ging der T. auf die italienischen Volkstheater über; die neuere Tanzkunst ist von den Italienern und Franzosen ausgegangen. Die Gesellschaftstänze haben mehrfache Wandlungen durchgemacht. Anfangs wurde bei diesen sogen. niedrigen Tänzen (danses basses) weder gesprungen, noch gehüpft, sondern man bewegte sich nur in feierlichem Schritt (pas). Diese Tanzweise fand in Frankreich unter Ludwig XII., Franz I. und Heinrich II. Eingang. Unter Katharina von Medici erhielten die Damen üppigere Kleidung, kurze Röcke etc., und die Tänze selbst wurden lebhafter; auch verband man Maskeraden mit Bällen und tanzte die Nationaltänze der Provinzen. Unter Ludwig XIV. legte Beauchamp den Grund zu dem künstlichen theatralischen T. der Franzosen, den später besonders Noverre ausbildete. In der neuern Zeit machten sich besonders die Familien Vestris und Taglioni im Kunsttanzen berühmt; außerdem sind als hervorragende Tänzerinnen zu nennen Therese und Fanny Elßler, Fanny Cerrito, Marie Taglioni, Grisi, Lucile Grahn und Adele Granzow; als Tänzer A. Saint-Leon, K. Müller, Paul Taglioni u. a. Geraume Zeit leistete das Ballett der Großen Oper zu Paris das Höchste in dieser Kunst, bis ihm in der neuern Zeit das Ballett des Berliner Opernhauses ebenbürtig zur Seite trat. Vgl. Czerwinski, Tanz und Tanzkunst (2. Ausg., Leipz. 1882); Derselbe, Die Tänze des 16. Jahrhunderts (Danz. 1878); Voß, Der T. und seine Geschichte (Berl. 1868); Angerstein, Die Volkstänze im deutschen Mittelalter (2. Aufl., das. 1874); Klemm, Katechismus der Tanzkunst (5. Aufl., Leipz. 1887); Böhme, Geschichte des Tanzes in Deutschland (das. 1886, 2 Bde., mit Musikbeilagen); Zorn, Grammatik der Tanzkunst (das. 1887).
Tanzimat (Tansimat, arab.), s. v. w. Anordnungen; besonders die auf den Hattischerif (s. d.) von Gülhane sich gründenden organischen Gesetze, welche als Norm für die Regierung des türkischen Reichs vom Sultan Abd ul Medschid 1844 veröffentlicht wurden. Sie betreffen namentlich auch die Stellung der christlichen Unterthanen der Pforte, wurden aber nie ernstlich durchgeführt. Infolge der Reformverpflichtungen, welche die Pforte nach Ausbruch des Krimkriegs ihren europäischen Bundesgenossen gegenüber eingehen mußte, erließ der Sultan 7. Sept. 1854 eine neue Verordnung, in welcher nicht allein die vollständige Durchführung der T. befohlen, sondern zu diesem Behuf auch eine besondere Kommission niedergesetzt ward. Allgemeiner versteht das türkische Volk unter T. überhaupt Neuerungen.
Tanzkunst (Choreutik), s. Tanz.
Tanzmusik, die bei Gesellschaftstänzen üblichen Musikstucke, als deren zur Zeit beliebteste zu nennen sind: Walzer, Mazurka, Schottisch (Polka), Tirolienne (Ländler), Galopp, Polonäse, Française, Kontertanz (Anglaise) und Quadrille. Aus verschiedenen Tänzen zusammengesetzt ist der Kotillon. Haupteigenschaften guter T. sind: gut gruppierte Rhythmen, fließende, ungesuchte, gefällige und dabei pikante Melodien mit ansprechender Harmonie und interessanter Instrumentation. In der Komposition der
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Tanzwut - Tapeten.
höhern theatralischen T. oder des Balletts haben besonders Benda, Weigl, Winter, Righini, Adam, Beethoven ("Prometheus"), Spontini, Weber, Meyerbeer, Halévy, in neuester Zeit Rubinstein (Ballettmusik in der Oper "Feramors") Ausgezeichnetes geleistet, während die Musik für gesellschaftliche Tänze in unsrer Zeit vor allen durch Strauß und Lanner, denen sich Gungl, Labitzky und Lumbye beigesellten, ausgezeichnete Pflege fand. In Frankreich stehen an der Stelle der erstgenannten Walzerkönige die Quadrillenkomponisten Tolbecque, Musard, Offenbach, Lecocq, als Komponist von Ballettopern L. Delibes. - Die ältern Tänze waren ursprünglich Tanzlieder, so die deutschen Ringelreihen und Springtänze, die spanischen Sarabanden, die französischen Branles, Gavotten, Couranten, Giguen, Rigaudons, Musetten, Bourrées, Passepieds, Loures etc., die italienischen Paduanen, Gagliarden, Ciaconen, Passamezzi, die englischen Ballads, Hornpipes, dänischen Reels etc. Die Instrumentenspieler verbreiteten die Melodien, und sie mögen oft genug schon vor dem 16. Jahrh. nur von Instrumenten ohne Gesang gespielt worden sein. Eine kunstgemäße mehrstimmige Bearbeitung für Instrumente erfuhren sie, wie es scheint, zuerst im Anfang des 16. Jahrh., aus welcher Zeit uns viele gedruckte Sammlungen erhalten sind. Eine Sammlung deutscher Tanzlieder und Tanzmelodien enthält Böhmes "Geschichte des Tanzes in Deutschland" (Bd. 2, Leipz. 1886). In eine neue Phase der Entwickelung traten die Tanzstücke, als man anfing, ihrer mehrere zu cyklischen Formen zu vereinigen, wobei zunächst die Einheit der Tonart das Bindemittel bildete. In der daraus entspringenden Form der Partie (Partita) oder Suite (s. d.), die besonders für Klavier allein und für Violine allein oder mit Klavier um die Wende des 17.-18. Jahrh. mit Vorliebe gepflegt wurde, erfuhren die Tanzstücke erhebliche Weiterungen, so daß sie statt kurzer achttaktiger Reprisen ausgeführte Themen, Gegenthemen und Durchführungen erhielten. In unserm Jahrhundert finden teilweise noch die ältern Tanzstücke Pflege (besonders das Menuett), sei es in der Form der Sonate oder Suite oder in noch freiern Zusammenstellungen von Stücken verschiedener Art oder einzeln (Gavotte), teils sind auch die neuesten Tänze einer kunstvollen Ausgestaltung unterworfen worden, so von Haydn (Menuette), Beethoven ("Deutsche Tänze" und "Kontertänze"), Weber ("Aufforderung zum Tanz", Es dur-Polonäse, Ekossäsen etc.), Schubert (Walzer, Ländler, Ekossäsen), Chopin (Polonäsen, Mazurken, Walzer), Schumann ("Ballszenen", "Faschingsschwänke", "Karneval"), Brahms ("Walzer", "Ungarische Tänze" etc.), Kiel ("Deutsche Reigen", Walzer für Streichquartett), Liszt ("Valse de bravour", "Chromatischer Galopp"), Raff (Humoresken, Tarantella etc.) u. a.
Tanzwut (Tanzsucht), epidemische Volkskrankheit des Mittelalters, welche besonders in den Jahren 1021, 1278, 1375 und 1418 herrschte. Von religiösem Wahnsinn ergriffen, tanzten Tausende, bis ihnen Schaum aus dem Mund quoll, Zuckungen sich einstellten und der Unterleib unförmlich aufschwoll. Dabei gaben sie vor, während des Tanzes himmlische Visionen zu haben, und zogen häufig, wie die Flagellanten (s. d.), mit bekränztem Haupt von Ort zu Ort. Da man die Tänzer für vom Teufel Besessene hielt, nahm der Klerus allerlei Beschwörungen vor, obwohl fruchtlos, und die Angehörigen wandten sich mit Gebet um Hilfe an St. Johannes und St. Veit (daher Veitstanz). Im 14. Jahrh. trieben am Niederrhein die Johannistänzer ihr Wesen, welche ihren Tanz zu Ehren des St. Johannes aufführten. Auch der Tanz der Derwische und der Schüttlersekten in Nordamerika kann zu diesen Exaltationszuständen gerechnet werden. Manche mit tanzähnlichen Bewegungen verbundene körperliche Krankheitszustände, wie die Reitbahn- oder Manegetouren, gehören in das Gebiet der sogen. Zwangsbewegungen. S. auch Tarantel und Veitstanz. Vgl. Hecker, Die T., eine Krankheit im Mittelalter (Berl. 1832); Derselbe, Die großen Volkskrankheiten des Mittelalters (das. 1865).
Tao, s. Laotse.
Taormina, Stadt in der ital. Provinz Messina (Sizilien), Kreis Castroreale, 396 m ü. M., an der Ostküste der Insel und an der Eisenbahn Messina-Catania reizend gelegen (herrliche Ausblicke auf den Ätna und das Meer), hat ein wohlerhaltenes, in griechischer Zeit gegründetes, unter den Römern umgebautes Theater, ein großes Wasserreservoir für Bäder (sogen. Naumachia), römische Grabmäler und andre antike Baureste, ein maurisches Kastell, eine alte Mauer mit Türmen, interessante gotische Gebäude, einen Dom mit Zinnenturm und (1881) 2388 Einw. - T. ist an Stelle des nahe südlich am Kap Schiso 736 v. Chr. von Chalkidiern gegründeten, 403 von Dionysios von Syrakus zerstörten Naxos 358 als Tauromenion gegründet worden. Im Sklavenkrieg wie in den Kämpfen zwischen Oktavian und Sextus Pompejus heruntergekommen, geriet es, wenn auch durch eine römische Kolonie ausgefrischt, in Verfall und behauptete nur noch in arabischer und normännischer Zeit eine strategische Bedeutung.
Taos, Ort im N. des nordamerikan. Territoriums Neumexiko, 80 km nordnordöstlich von Santa Fé, früher von Bedeutung, jetzt nur ein ärmliches Dorf.
Taosse, s. Laotse.
Taouata (Tauata, Santa Christina), eine der Markesssinseln, 70 qkm groß mit (1885) 551 Einw. In dem Freihafen Port Anna Maria konzentriert sich der Verkehr der Inseln; hier ist auch der Sitz der französischen Behörden.
Tapachula (spr. -tschula), Stadt, s. Soconusco.
Tapajoz (spr. -schos, Tapayoso), Fluß in Brasilien, entspringt als Arinos in der Provinz Mato Grosso, wird bald schiffbar, fließt nordöstlich in die Provinz Para und fällt dort nach einem Laufe von etwa 1680 km bei Santarem rechts in den Amazonenstrom. Er bildet mehrere Wasserfälle. Dampfschiffe befahren ihn von 330 km aufwärts bis zu dem untersten derselben, der Caxoeira de Apué.
Tapanhoancanga, brasilisches, Gold, Diamant und andre Edelsteine führendes Trümmergestein, besteht aus eckigen, großen Fragmenten von Eisenoxyden (Magneteisen, Roteisen, Brauneisen), durch eisenschüssiges Bindemittel verkittet.
Tapet (lat. tapetum), Teppich oder Decke zur Bekleidung von Tischen, Wänden, Fußböden etc.; daher "etwas aufs T. bringen", s. v. w. auftischen, zur Sprache bringen. Aus dem zum Singular gewordenen Plural tapeta entstand unser Tapete.
Tapeten, Gewebe, Leder oder farbiges und gemustertes Papier zur Bekleidung der Wände. T. und Teppiche (v. lat. tapetum. griech. tapes, Decke) haben ihren gemeinsamen Ursprung im Zelte der wandernden Völkerschaften und gelangten aus diesem in die Wohnungen der seßhaften Völker. Tyros, Sidon und Pergamon waren im Altertum berühmt wegen ihrer Teppiche. Aus dem Orient, wo sich die Bildweberei und Stickerei schon früh zu hoher Vollkommenheit entwickelt hatte, brachten Araber diese Kunst nach Europa. Während man in Frankreich und Ita-
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Tapeten (Fabrikation).
lien die orientalischen Gewebe in Seide nachahmte, verarbeitete man in dem nördlichern Belgien nur Wolle und lieferte im 14.-17. Jahrh. namentlich in Antwerpen, Brüssel, Brügge, Courtrai gewirkte T. mit figürlichen Darstellungen nach Entwürfen hervorragender Künstler. Im 17. Jahrh. galten solche Wandteppiche, zu welchen selbst Rubens Vorlagen lieferte, und auf denen später mit Vorliebe Genrebilder von Teniers, Jagden u. dgl. m. nachgebildet wurden, als kostbares Besitztum. Sehr geschätzt waren die T. von Arras, unter denen diejenigen, welche Leo X. nach Kartons von Raffael anfertigen ließ, besonders berühmt geworden sind (vgl. Arrazzi). Neben den gewirkten T. fertigte man auch solche aus Seide oder Leinen, die mit Malereien oder Stickereien geschmückt wurden. Ein solcher Wandteppich befindet sich zu Bayeux in Frankreich (Departement Calvados), ein 70 m langer, 0,50 m hoher Leinwandstreifen, aus welchem in Stickerei mit Leinwandfäden die Eroberung Englands durch die Normannen dargestellt ist. Aus den Niederlanden gelangte die Teppich- und Tapetenweberei auch nach Frankreich (um 1550 Schule von Fontainebleau) und Deutschland, und unter Ludwig XIV. legte Colbert eine Teppichweberei in der Fabrik der Gebrüder Gobelin an, aus welcher die nach diesen Fabrikanten benannten Gobelins (s.d.) hervorgingen. Die Herstellung derselben (je nachdem die Kette senkrecht oder wagerecht aufgezogen wird, Hautelisse- oder Basselisseweberei genannt) ist ungemein mühsam und gleichsam ein Sticken oder Malen mit dem Faden. Auf die Kette des leinwandartigen Gewebes wird das auf durchsichtiges Papier gezeichnete Muster gelegt und mit Punkten auf die Kette übertragen, worauf jede Farbe, welche auf der Zeichnung isoliert steht, in Schußfäden mittels kleiner Spulen aus freier Hand eingezogen wird. Die Savonnerietapeten (nach dem Ort ihrer Anfertigung, einer frühern Seifenfabrik in Chaillot, benannt) ahmen persische und türkische T. nach und erfordern gleichfalls viel Handarbeit, indem die Noppen einzeln an die Kettenfäden angeknüpft werden. Schon im 11. Jahrh. wurden in Spanien Ledertapeten (Cordovatapeten) hergestellt, indem man das Leder versilberte, polierte und mit goldfarbenem Lack überzog, worauf die Muster mit hölzernen Modeln eingepreßt und der Grund von oben mit Bunzen gemustert wurde. Auch trat später Malerei hinzu. Im 16. Jahrh. wurden Ledertapeten in Venedig und Sizilien, im 17. Jahrh. in den Niederlanden und Frankreich, auch in Deutschland und England verfertigt, bis sie im 18. Jahrh. durch Seiden- und Papiertapeten verdrängt wurden. In neuerer Zeit sind sie wieder in Aufnahme gekommen, doch wird das Leder meist durch eine Nachahmung aus Papiermasse ersetzt. Ein billigerer Ersatz der Ledertapeten waren die Wachstuchtapeten, welche auch mit Wollpulver (Flocktapeten) gemustert wurden. Neben ihnen sind noch zu erwähnen: die Kattuntapeten der Holländer, atlas- und damastartig gewirkte seidene T., wie Brocatelles, Bergamées etc., die mit der Nadel auf Kanevas ausgeführten Chinatapeten, die Federtapeten (s. d.) etc.
Heutigestags versteht man unter T. die zur Wandbekleidung angewendeten Papiertapeten, welche in Stücken (Rollen) von etwa 0,5 m Breite und 10 bis 11 m Länge oder als Borten von geringerer Breite oder auch in abgepaßten Größen (Plafond- und Füllungstapeten) einfarbig und gemustert hergestellt werden. Zur Erzeugung derselben dient im Stoff gefärbtes oder einseitig mit Farbe überzogenes (grundiertes) Papier. Man trägt die mit Leimlösung gemischte Farbe mit Bürsten oder auf der Grundier- (Foncier-) Maschine auf. Hierbei läuft das Papier von einer Rolle ab über eine große Trommel, nachdem es von einer Filzwalze die Farbe erhalten hat, welche durch hin- und hergehende Bürsten verstrichen wird. Darauf folgt ein Trocknen in einer Hängemaschine, welche sich unmittelbar an die Grundiermaschine anschließt. Sollen die T. Glanz erhalten (Glanztapeten), so werden sie nach dem Grundieren satiniert, indem man sie mit Talkum abbürstet. Glätte erhalten sie mittels Kalander (s. d.). So vorbereitet gelangen die Rollen zum Bedrucken, wobei entweder, wie beim Kattundruck, Druckformen oder neuerdings vielfach Tapetendruckmaschinen, welche in der Stunde 800-900 m Papier bedrucken, zur Verwendung kommen. Das Wesen derselben besteht in Druckwalzen aus Holz, Letternmetall oder Kupfer, in deren Peripherie die Muster entweder erhaben oder vertieft vorhanden sind. Eine solche Maschine besteht aus einem Apparat zur ununterbrochenen Zuführung des Papiers, aus so viel Druckwalzen, als Farben verwendet werden sollen, aus ebensoviel Vorrichtungen zum Auftragen der Farben, aus einem widerstandsfähigen Organ zum Auflegen des Papiers während des Druckens, endlich aus einer Vorrichtung zum Aufhängen und Trocknen der bedruckten Papiere. Auch die auf Maschinen gedruckten T. müssen nachher geglättet werden.
Besondere Arten von T. sind: Veloutierte T. (Wolltapeten, Samttapeten), auf welchen der Grund oder ein Teil des Musters mit festklebenden, gefärbten kurzen Wollhärchen (Scherwolle) oder auch fein zerriebenen Holzspänchen (Holzwolle) derart bedeckt ist, daß diese Stellen eine dichte und gleichmäßig wollige Oberfläche zeigen. Das Veloutieren wird nach dem Drucken dadurch vorgenommen, daß man die Stellen der T., welche Wolle annehmen sollen, mittels hölzerner Formen mit einem sehr zähen Leinölfirnis bedruckt oder bestreicht, dann in einem langen Kasten mit einem Boden aus Kalbleder oder Pergament ausbreitet, Scherwolle ausstreut und den Deckel des Kastens schließt. Durch Trommeln auf dem Boden desselben mit Holzstäben werden die Wollstäubchen in die Höhe geworfen und verteilen sich herabfallend auf den T., wo sie an den noch nassen gefirnißten Stellen kleben bleiben und mit antrocknen. Vergoldete und versilberte T. stellt man durch Andrucken von Blattgold oder Blattsilber an mit Leinöl bedruckte Stellen oder durch direktes Bedrucken mit pulverförmigem Gold, Silber oder Bronze her. Gepreßte (gaufrierte) T. heißen solche, welchen mittels eines besondern Walzwerks (Gaufriermaschine) ein Reliefmuster aufgedruckt ist. Gefirnißte T. Mit dem Firnissen bezweckt man, den T. ein hohen Glanz zu geben, sie gegen Feuchtigkeit zu schützen, so daß sie abgewaschen werden können, und widerstandsfähiger zumachen. Man bedient sich dazu in der Regel des Kopalfirnisses, der mit großen Bürsten wie beim Grundieren aufgetragen wird. Namentlich sind es die die Holzmaserung nachahmenden Holztapeten, welche gefirnißt werden, um ihnen das Ansehen polierter Holzflächen zu geben. Iristapeten sind solche, bei denen zwei oder mehrere nebeneinander aufgetragene Farben durch sanft verwaschene Mitteltöne ineinander übergehen, woraus ein buntes, dem Farbenreichtum des Regenbogens zuvergleichendes Ansehen hervorgeht. Die Irisierung kann entweder beim Grundieren oder beim Drucken vorgenommen werden. Vgl. Exner, Die T.-
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Tapetenzellen - Tapir.
und Buntpapierindustrie (Weim. 1869); Hoyer, Fabrikation des Papiers, der Buntpapiere und T. (Braunschweig 1887); Seemann, Die Tapete (Wien 1882); Planchon, Étude sur l'art de fabriquer les tapisseries des gobelins (Par. 1867); Guiffrey, Müntz und Pinchart, Histoire générale de la tapisserie (das. 1878-85, l00 Tafeln); de Campeaux, Tapestry (Lond. l878); Guiffrey, La tapisserie depuis le moyen-âge, etc. (Tours 1885); Müntz, La tapisserie (Par. 1888); Farabulini, L'arte degli arazzi e la nuova galleria dei Gobelins al Vaticano (Rom 1885); Havard u. Vachon, Les manufactures nationales (Par. 1889). S. auch Tapezieren.
Tapetenzellen, s. Embryosack, S. 598.
Tapetum nigrum (lat.), schwärzliche Pigmentlage, welche die Regenbogenhaut, Strahlenkörper und Aderhaut von innen bedeckt.
Tapezierbiene (Blattschneider, Megachile Latr.), Insektengattung aus der Ordnung der Hautflügler und der Familie der Bienen (Apiariae), Insekten mit sehr breitem Kopf, stumpfer Unterlippe, welche um die Hälfte länger ist als die Lippentaster, sehr langer, säbelförmiger Kieferlade, kurzen, zweigliederigen Tastern und beim Weibchen auf dem Rücken bedeutend abgeflachtem Hinterleib, welcher nach oben sticht, während beim Männchen die beiden letzten Hinterleibsringe nach unten eingekrümmt sind; zahlreiche, über alle Erdteile verbreitete Arten, welche ihre Nester in Baumlöcher, Mauerspalten, Erdhöhlen etc. bauen und aus Blattstücken gewisser Pflanzen fingerhutförmige, aneinander gereihte Zellen fertigen. Die gemeine T. (M. centuncularis L.), am Mittelleib braungelb und schwärzlich, am Hinterleib fast kahl, nur vorn mit graulichen Zottenhaaren, mit weißen, oft unterbrochenen Bändern und am Bauch mit rotbraunen Sammelhaaren, fliegt in Europa und Nordamerika und baut ihr Nest in Baumlöcher, z. B. in den Gang einer Weidenbohrerraupe, welchen sie zurechtnagt und mit sorgfältig ausgeschnittenen Blattstückchen, besonders von Rosenstöcken, tapeziert. Sie füllt die Zellen mit Honig , legt in jede ein Ei und verschließt sie mit einem Blattstück. Eine Zelle steht auf der andern. Die entwickelte Larve spinnt ein Gehäuse, überwintert, und im nächsten Frühjahr schlüpft die Biene aus.
Tapezierblei, s. Bleiblech.
Tapezieren, die Wände mit Tapeten überziehen, im weitern Sinn die Kunst des Dekorateurs, welcher in den Wohnungen Vorhänge, Gardinen, Portieren etc. anordnet; auch die Polsterung von Sitzmöbeln gehört in das Gebiet des Tapeziererhandwerks. Das T. ist zuerst von den Franzosen künstlerisch ausgebildet worden. Nachdem sie bis um die Mitte der 60er Jahre den europäischen Geschmack fast allein beherrscht hatten, machten sich zuerst die Österreicher, seit Mitte der 70er Jahre auch die Deutschen unabhängig. Vgl. Reuter, Schule des Tapezierers (2. Aufl., Weim. 1884); "Die Tapezierkunst" (Berl. 1887); Streitenfeld, Die Praxis des Tapezierers (48 Tafeln, das. 1888 ff.); Deville, Dictionnaire du tapissier (Par. 1879-1880, 2 Bde.) und Litteratur bei Tapeten.
Tapferkeit kommt mit dem Mut (s. d.) darin überein, daß sie wie dieser die Gefahr nicht scheut, aber nicht wie dieser eine aus körperlicher Organisation entsprungene, sondern auf Bewußtsein und Willen beruhende Eigenschaft ist und daher weder, wie die Tollkühnheit (s. d.), aus Unkenntnis, noch, wie die Verwegenheit, aus Geringschätzung der Gefahr, sondern im Bewußtsein der Pflicht derselben nicht achtet.
Tapferkeitsmedaillen, militärische Ehrenzeichen, welche vornehmlich für Unteroffiziere und Soldaten bestimmt sind, die sich durch eine besonders tapfere That im Krieg ausgezeichnet haben, während Offiziere Ehrenkreuze und Orden erhalten. Beinahe sämtliche Staaten haben solche Medaillen, die, in Gold oder Silber oder Kupfer verliehen, auf der Brust oder im Knopfloch am Band eines Militärordens getragen werden und meist mit einer Pension, resp. Zulage zur Löhnung verbunden sind.
Tapia, Don Eugenio de, span. Dichter und Schriftsteller, geb. 1785 zu Avila in Altkastilien, studierte zu Toledo und Valladolid, ließ sich in Madrid als Advokat nieder und redigierte während des Unabhängigkeitskampfes mehrere patriotische Blätter. Unter der konstitutionellen Regierung (1820) ward er Direktor der Staatsdruckerei und Deputierter der Cortes, deshalb aber nach der Restauration 1823 proskribiert. 1830 zurückgekehrt, wurde er zum Mitglied der Gesetzgebungskommission sowie zum Generalstudiendirektor und Mitglied der Akademie ernannt. Er starb 1860. T. veröffentlichte: "Poesia líricas, satíricas y dramáticas" (Madr. 1821, 2 Bde., und im 67. Bande der "Biblioteca de autores españoles", 1877); die satirischen Schriften: "Viage de un curioso por Madrid" und "Ensayos satíricos en prosa y verso" (unter dem Namen Machuca); das umfangreiche juristische Werk "Elementos de jurisprudencia mercantil" (1828, 15 Bde.; neue Ausg. 1845, 10 Bde.) und eine durch Reichtum des Inhalts und echt historischen Stil ausgezeichnete "Historia de la civilisacion española" (l840, 4 Bde.), sein Hauptwerk.
Tapiau, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Königsberg, Kreis Wehlau, am Ausfluß der Deime aus dem Pregel und an der Linie Seepothen-Eydtkuhnen der Preußischen Staatsbahn, hat eine evang. Kirche, ein Amtsgericht, eine Oberförsterei, ein Warendepot der Reichsbank, eine Zuckerfabrik, Biskuitfabrikation, eine Dampfsäge- und eine Dampfmahlmühle, Dampfbäckerei und (1885) 3059 meist evang. Einwohner. Dabei ein altes Schloß des Deutschen Ordens (jetzt die ostpreußische Landarmen- und Besserungsanstalt).
Tapioka, s. Kassawa.
Tapir (Tapirus L.), Säugetiergattung aus der Ordnung der Huftiere, repräsentiert allein die Familie der Tapire (Tapirina), verhältnismäßig kleine, plump gebaute Tiere mit verlängertem, schmächtigem Kopf, schlankem Hals, kurzen, aufrecht stehenden Ohren, kleinen Augen, rüsselförmig verlängerter Oberlippe, drei Schneidezähnen, einem Eckzahn und oben sieben, unten sechs Backenzähnen in jedem Kiefer, mittelhohen, kräftigen Beinen, vorn vier-, hinten dreizehigen Füßen und stummelhaftem Schwanz. Der indische T. (Schabrackentapir, Tapirus indicus Desm.), 2,4 m lang, 1 m hoch, mit 8 cm langem Schwanz und sehr gleichmäßigem Haarkleid, ist am Kopf, Hals und Vorderteil des Leibes bis hinter die Schulterblätter und an den Beinen schwarz, sonst grauweiß, lebt in Hinterindien, Südchina und auf Sumatra und wurde in Europa erst 1772 bekannt. Über sein Freileben ist nichts bekannt. Der amerikanische T. (T. americanus L.), bis 2 m lang, 1,7 m hoch, schwärzlich graubraun, mit kurzer, steifer Nackenmähne, lebt im südlichen und östlichen Südamerika, während ihn im Norden und Westen sowie in Mittelamerika andre Arten ersetzen. Er bewohnt dichte Wälder, durch welche er regelmäßige Pfade bricht, meist einsam oder in kleinen Familien, erinnert in seinem Wesen vielfach
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Tapisseriearbeit - Tarabulus.
an die Schweine, wälzt sich in jeder Pfütze, schwimmt und taucht vortrefflich und läuft längere Zeit auf dem Grunde der Gewässer hin. Er ist sehr friedlich und furchtsam, und nur in seltenen Fällen stürzt er blind wütend auf den Feind. Er hält sich am Tag meist verborgen und ruht, geht in der Dämmerung und in der Nacht seiner Nahrung nach, die aus allerlei Pflanzenstoffen, besonders Blättern, besteht, und richtet in Plantagen oft große Verwüstungen an. Das Weibchen wirft ein gestreiftes Junge. Fleisch und Fell werden benutzt, Klauen und Haaren schreibt man Heilkräfte zu. In der Gefangenschaft hält er gut aus, hat sich aber noch nicht fortgepflanzt.
Tapisseriearbeit, die Kunst, aus farbigen wollenen oder seidenen Fäden, Perlen etc. vermittelst der Nadel auf Kanevas nach Mustern Teppiche, Schuhbesätze, Schmuck für Ofenschirme, Bürsten, Kasten, Hosenträger u. dgl. m. anzufertigen. Besondere Geschäfte sorgen für den Bedarf von Vorlagen und Material. Die T. wird vornehmlich von Dilettanten betrieben. Während bisher naturalistische Blumenmuster, Figuren und ganze Bilder nachgeahmt wurden, hat J. Lessing in den "Altorientalischen Teppichmustern" (Berl. 1877) stilistisch mustergültige Vorbilder für die Straminstickerei auf Kanevas geboten. Vgl. Handarbeiten, weibliche.
Tapolcza (spr. tápolza), 1) Markt im ungar. Komitat Zala, mit Nonnenkloster, (1881) 2913 Einw., Weinbau, Schwefelquelle, Badeanstalt und Bezirksgericht. - 2) Badeort im ungar. Komitat Borsod, 3 km von Miskolcz, mit einer ergiebigen indifferenten Therme von 25° C., die mehrere Teiche bildet.
Tapotement (franz., spr. -pott'mang), das Klopfen bei der Massage.
Tapp, süddeutsches Kartenspiel mit 36 Blättern (As bis Sechs), welche wie im Sechsundsechzig rangieren. Drei Personen sind nötig; jeder erhält 11 Karten, 3 Karten bleiben als Talon. Coeur ist stets höchste Farbe; die andern Farben rangieren gleich. Man spielt Coeurfrage (mit Einnehmen des Talons und Ekartieren), Solo in schlechter Farbe und Coeursolo. Bei Solo zählt der Talon für den Spieler, darf aber nicht angesehen werden. Zum Gewinnen muß der Spieler 61 Points haben. Die Pointzahl, welche er darüber hat, wird ihm bei Frage zum vierten Teil, bei schlechtem Solo zur Hälfte und bei Coeursolo voll ausbezahlt. Ein angesagter Tout kostet doppelt.
Tappert, mantelartiges, bis auf die Füße reichendes Überkleid mit und ohne Kapuze, welches vom Anfang des 14. bis zum Anfang des 16. Jahrh. in Frankreich, England, Deutschland und den Niederlanden getragen wurde.
Tappert, Wilhelm, Komponist und Musikschriftsteller, geb. 19. Febr. 1830 zu Ober-Thomaswaldau bei Bunzlau in Schlesien, erhielt seine Ausbildung von 1848 bis 1850 am Schullehrerseminar zu Bunzlau sowie von 1856 bis 1858, nachdem er mehrere Jahre als Schullehrer gewirkt, in Berlin durch Kullak und Dehn. Später war er wieder mehrere Jahre in Groß-Glogau als Lehrer thätig, bis er 1866 in Berlin seinen bleibenden Wohnsitz nahm. Hier hat er als Kritiker, namentlich als Verteidiger der neudeutschen Schule, Hervorragendes geleistet, redigierte auch von 1878 bis 1881 die "Allgemeine Deutsche Musikzeitung". Außer zahlreichen Beiträgen für diese sowie für andre Blätter veröffentlichte er: "Musik und musikalische Erziehung" (Berl. 1867), "Musikalische Studien" (das. 1868), "Das Verbot der Quintenparallelen" (Leipz. 1869), "Wagner-Lexikon. Wörterbuch der Unhöflichkeit, enthaltend grobe, höhnende, gehässige und verleumderische Ausdrücke, welche gegen den Meister Richard Wagner etc. gebraucht worden sind" sowie einen Band "Gedichte" (Berl. 1878) und gab auch Bearbeitungen altdeutscher Gedichte mit Klavierbegleitung heraus.
Taprobane, alter Name der Insel Ceylon.
Tapti, Fluß in Britisch-Indien, entspringt in den Zentralprovinzen und mündet nach einem Laufe von 720 km unterhalb Surate in den Golf von Cambay.
Tapu, s. Tabu.
Tapu (türk.), Besitztitel für Immobilien und die mit denselben verbundene Steuer.
Taquary (Tacoary), Fluß in der brasil. Provinz Mato Grosso, entspringt an der Grenze der Provinz Goyaz, hat viele Krümmungen, bildet mehrere Wasserfälle und mündet links in den Paraguay.
Taquary, deutsche Kolonie in der brasil. Provinz Rio Grande do Sul, am schiffbaren Fluß gleiches Namens, 80 km von Porto Alegre, hat Ausfuhr von Holz und landwirtschaftlichen Produkten.
Tara (ital., ursprünglich arab., Abzug), das Gewicht der Umhüllung (Kiste, Faß etc.) verpackter Waren. Der Unterschied zwischen Gesamtgewicht und T. ist das reine oder Nettogewicht der Ware. Reine oder Nettotara ist die durch besondere Wägung eines jeden Stücks ermittelte und in Abzug gebrachte T.; usanzmäßige, usuelle T. (Uso- oder Usanztara) ist die durch Herkommen bestimmte T., insbesondere bei den über See bezogenen Kolonialwaren, für welche das Bruttogewicht berechnet und als Gewichtsvergütung für die T. ein durch bestimmtes Prozent (daher auch Prozenttara) als Abzug an der Kaufsumme verstattet wird. Hierher gehört auch die gesetzliche T. des Zollwesens, welches, um das Tarieren und die oft unthunliche Abnahme der Umhüllung zu ersparen, feststehende, nach Art der Gegenstände und der Verpackungsweise bestimmte Tarasätze (Zolltara) vom Bruttogewicht der zollpflichtigen Ware in Abzug bringen läßt. Supertara oder Sopratara ist die an manchen Orten neben der gewöhnlichen T. vorkommende besondere Vergütung auf das Gewicht. Reduzierte T., die T., welche aus der am Orte der Verpackung festgesetzten Originaltara nach einem usanzmäßigen Verhältnis in das Gewicht des Bestimmungsortes umgerechnet wurde. Tarieren heißt das Abwägen der Warenumhüllung zum Behuf der Taraermittelung.
Tara, Hügel inmitten der irischen Grafschaft Meath, 10 km südsüdöstlich von Navan. Auf ihm stand der Palast (Teaghmor) der alten Könige von Irland, und hier versammelte sich 554 das letzte Parlament unter König Diarmid. O'Connell hielt hier 1843 eine große Volksversammlung ab.
Tara, Kreisstadt im asiatisch-russ. Gouvernement Tobolsk, an der Mündung der Tara in den Irtisch, mit (1885) 8654 Einw., welche Handel mit Talg, Hauten, Pelzwerk, Getreide und Butter treiben.
Tarabulus (Tripolis), Stadt im asiatisch-türk. Wilajet Schâm (Syrien), am Libanon, unweit des Mittelmeers, hat ein altes Kastell, gegen 20 Moscheen, 18 Kirchen und 7 Klöster, starke Getreideausfuhr, Seiden- und Baumwollmanufakturen, Schwammfischerei, Handel mit Seide, Seife, Tabak, Orangen etc., welche die fruchtbare Umgebung liefert, und 17,000 Einw. Schiffsverkehr 1886: 310 Dampfer von 328,686 Ton. und 929 Segelschiffe von 275,747 T. Die Stadt ist Sitz eines deutschen Konsuls. - T. ist das alte Tripolis, eine phönikische Bundesstadt. Von den Kreuzfahrern wurde es 1109 erst nach fünfjähriger Belagerung erobert und war dann 180 Jahre lang
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Taracanae pulvis - Taraschtscha.
Sitz einer fränkischen Grafschaft, bis es 1289 vom Sultan Kilawun erstürmt ward.
Taracanae pulvis, s. v. w. Antihydropin (s. d.).
Tarafa, berühmter arab. Dichter, kurz vor Mohammed, Neffe des Amrilkais (s. d.), im jugendlichen Alter umgekommen (worüber eine hübsche Sage in Rückerts "Morgenländischen Sagen und Geschichten", Stuttg. 1837). Seine "Moallaka" ist einzeln herausgegeben von Reiske (Leid. 1742) und Vullers (Bonn 1829), seine sämtlichen Gedichte in Ahlwardts Ausgabe der sechs alten Dichter (Lond. 1870).
Tarai, s. Himalaja, S. 541.
Tarancon, Bezirksstadt in der span. Provinz Cuenca, am Rianzares und der Eisenbahn Aranjuez-Cuenca, mit prächtigem Sck)loß des Herzogs von Rianzares, lebhaftem Handel und (1878) 4588 Einw.
Tarandus, Renntier.
Taranis, der Donnergott der alten Gallier; Menschenopfer wurden ihm dargebracht, und Eichen waren sein Idol, weshalb noch das spätere Mittelalter in Gallien Eichenklötze verehrte.
Tarantás (russ.), bedeckter Wagen auf langen Tragbäumen, das gewöhnliche Gefährt bei Relsen auf russischen Landstraßen.
Tarantel (Tarantula Walck.), Spinnengattung aus der Ordnung der Webspinnen und der Familie der Zweilungigen (Dipneumones), Wolfsspinnen, deren vordere Kopffläche steil abfällt und verhältnismäßig hoch oben auf einer Querschwiele die vier vordersten, unter sich fast gleichen, kleinen Augen trägt; je zwei große Augen stehen in den beiden hintern Reihen, eine mehrzähnige, stark entwickelte Klaue bewehrt die weiblichen Taster, und von den vier langen Beinpaaren ist das dritte das kürzeste. Sie spinnen keine Fangnetze, sondern erjagen ihre Beute im Lauf, jagen aber meist nur nachts. Die schwarzbäuchige T. (T. melanogastra Walck.), über 2 cm lang, oberseits gelbbraun, dunkel gezeichnet, unterseits schwarz, an den Beinen unregelmäßig schwarz und weiß gefleckt, lebt in Südfrankreich, in der Türkei und in den pontischen Steppen in steinigen, unbebauten Gegenden. Die apulischeT. (T. Apuliae Walck., s. Tafel "Spinnentiere"), 3,5 cm lang, rehfarben, auf dem Hinterleib mit schwarzen, rötlichweiß eingefaßten Querstrichen, am Bauch mit schwarzer Mittelbinde, auf dem Vorderleib schwarz, rötlich gezeichnet, lebt in Spanien und Süditalien, baut einen etwa 30 cm langen Gang in die Erde, tapeziert diesen mit Gespinst und überwintert darin, nachdem sie ihn mit versponnenen Blättern etc. verschlossen hat. Im Sommer jagt sie auf Heuschrecken und andre Insekten. Den weißen Eiersack, welcher 600-700 Eier enthält, schleppt sie mit sich herum; die im Hochsommer ausgeschlüpften Jungen bleiben in der Nähe der Mutter, bis sie selbständiger geworden sind. Der Biß der T. hat besonders im Süden und in der heißesten Jahreszeit üble Folgen, er erzeugt Schmerz, Entzündung, Ermattung, Unbehagen, Zuckungen, große Reizbarkeit, Melancholie, Tobsucht. Gewisse Farben und musikalische Dissonanzen sollen den Zustand verschlimmern, der in der kalten Jahreszeit sich bessert, aber zuweilen regelmäßig wiederkehrt. Man heilt die Kranken durch Querschnitte über die Wunde und Einreiben mit Ammoniak, auch durch Behandeln der Wunde mit Öl oder Branntwein; in Italien und Spanien aber scheinen mit dem Zustand eigentümliche Idiosynkrasien verbunden zu sein, und das Volk heilt sich durch einen wilden Tanz ( "Tarantella"), welcher nach bestimmten Melodien getanzt wird und heftigen Schweiß hervorruft; dieser, noch mehr der feste Glaube bringt den Gebissenen (Tarantati) Genesung. Wahrscheinlich steht dieser Volksglaube. mit der mittelalterlichen Tanzseuche (Tarantismus), welche in Apulien und andern Teilen Italiens herrschte, in Zusammenhang. Vgl. Bergsöe, Über die italienische T. und den Tarantismus (Kopenh. 1865, dänisch). Tarantella, ein neapolitanischer, aber wahrscheinlich ursprünglich tarentinischerTanz, wenn man nicht annehmen will, daß er seinen Namen von der Wolfsspinne, der Tarantel (s. d.), erhielt. Die von ältern Schriftstellern mitgeteilten Proben von Heiltänzen für den Tarantelbiß haben wenig Ähnlichkeit mit der modernen T. Letztere hat eine äußerst geschwinde Bewegung (Presto) und steht im 3/8- oder 6/8-Takt. Wie alle andern Tänze ist auch die T. von der Kunstmusik aufgegriffen und eine Lieblingsform brillanter Solostücke (für Klavier, Violine, Cello etc.) geworden.
Taranto, Stadt, s. Tarent.
Tarantschen, Name für die mit iranischem Blut vermischten Turko-Tataren im Kuldschagebiet, welche sich von chinesischen Einflüssen freier gehalten haben als ihre Nachbarn und Verwandten, die Dunganen. Sie sind Mohammedaner, ohne aber die Vorschriften des Islam streng einzuhalten. Ihre Vorfahren wurden von den Chinesen im 18. Jahrh. nach der Eroberung der Dsungarei aus Ostturkistan in das Ilithal übergesiedelt, teils wegen ihrer Teilnahme an dem Aufstand von 1756, teils zur Wiederbevölkerung des verödeten Landes überhaupt. Während des Dunganenaufstandes bildeten die T. ein eignes Reich, das infolge von Unruhen von den Russen in Verwaltung genommen, durch den Vertrag vom 14. Febr. 1881 aber wieder an China zurückgegeben wurde. Darauf siedelten an 80,000 T. auf russisches Gebiet über. Sie sind sämtlich Ackerbauer.
Tarapacá, Provinz des südamerikan. Staats Chile, liegt am Stillen Ozean zwischen Rio Camarones und Rio Loa, erstreckt sich bis zum Gipfel der Kordilleren, die sie von Bolivia trennen, und hat ein Areal von 50,006 qkm (908 QM.). Die Küstenkordillere steigt bis 1770 m an; hinter derselben breitet sich die wüste Pampa de Tamarugal (1000 m ü. M.) aus, mit reichen Lagern von Salpeter und Borax (Ausfuhr 1885: 9,478,000 Ztr.). Das Innere bietet Weiden für Schafe, Lamas, Alpakos und Vicuñas. Ergiebige Silberminen liegen in der Nähe der Küste, und Guano findet sich in Mengen nördlich vom Rio Loa bis Patillos. Ackerbau ist nur an wenigen durch Bewässerung begünstigten Stellen möglich. T. hat etwa (1885) 45,086 Einw., der Mehrzahl nach Chilenen. Die Provinz wurde 1883 von Peru an Chile abgetreten. Hauptstadt ist Iquique. Die ehemalige Hauptstadt T., in 1158 m Meereshöhe im Innern gelegen, hatte früher ergiebige Silbergruben, ist aber jetzt nur ein Dorf mit (1876) 1038 Einw.
Tarapoto, Stadt im südamerikan. Staat Peru (Departement Loreto), 374 m ü. M., an einem Nebenfluß des Rio Mayo, hat Baumwollweberei und (1876) 4740 Einw. Tarar (Aspirator), s. Mühlen, S. 848.
Tarare (spr. rár), Stadt im franz. Departement Rhône, Arrondissement Villefranche, an der Turdine und der Eisenbahn Lyon-Roanne, mit Handelskammer, Marmorbrüchen, lebhafter Industrie in Musselin, Tarlatan, Samt, Plüsch, Stickereien, Druckwaren, Handel und (1886) 11,651 Einw. Westlich davon der erzreiche Mont T. (719 m).
Taraschtscha, Kreisstadt im russ. Gouvernement Kiew, hat 3 Kirchen und (1885) 15,801 Einw., die sich großenteils mit Ackerbau beschäftigen.
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Tarascon - Tardieu.
Tarascon (spr. -kóng), 1) (T. sur Ariége) Stadt im franz. Departement Ariége, Arrondissement Foix, am Ariége und an der Eisenbahn Toulouse-T., mit Schloßruinen, Eisengruben, Wollspinnerei, Fabrikation von Eisenwaren und (1881) 1404 Einw. - 2) (T. sur Rhône) Stadt im franz. Departement Rhônemündungen, Arrondissement Arles, am Rhône, über welchen eine Hängebrücke nach dem gegenüberliegenden Beaucaire führt, hat alte Ringmauern, ein auf einem Felsen unmittelbar am Rhône sich erhebendes, trefflich erhaltenes Schloß (ein festungsartiger gotischer Bau, einst König Renés Residenz), eine auf den Resten eines römischen Tempels errichtete gotische Kirche (Ste.-Marthe), ein Kommunalcollège, Handelsgericht, wichtige Fabrikation von Wollen-, Seiden-, Baumwollen- und Leinenstoffen etc., Bereitung von Fleischwürsten ("saucissons d'Arles"), Schiffbau und (1886) 5881 Einw. T., an der eigentlichen Spitze des Rhônedeltas gelegen, war immer von großer Bedeutung für den Verkehr, wie sich auch heute dort die Linien nach Nîmes, Remoulins und St.-Remy von der Eisenbahn Paris-Marseiile abzweigen.
Tarasp, die einzige kathol. Gemeinde des Graubündner Thals Engadin, 1401 m ü. M., mit (1880) 346 Einw., berühmt durch ihre Heilquellen. Im Revier Schuls-T.-Fettan folgen sich in bunter Reihe Säuerlinge, Bitter-, Salz-, Schwefel- und Stahlwässer. Dem frühern Mangel an Einrichtungen und Kommunikationen ist abgeholfen; ein großartiges Etablissement ist zu Nairs. Oberhalb Vulpera zeigt man die "Todeslöcher", kleine Trichteröffnungen im Boden, aus deren Spalten Kohlensäure aufsteigt. Die Löcher haben etwa 1 m Durchmesser und 2-2½ dcm Tiefe, und die Kohlensäure liegt darin etwa l0 cm hoch. Vgl. Arquint, Der Kurort T. und seine Umgebung (Chur 1877), und die Schriften von Killias (9. Aufl., das. 1886), Pernisch (3. Aufl., das.1887).
Tarawera, Vulkan auf der Nordinsel von Neuseeland, im Seendistrikt, welcher 1886 durch eine Eruption die berühmten Sinterterrassen des Rotomahanasees vollständig zerstörte.
Taraxacum Haller. Gattung aus der Familie der Kompositen, sehr kurzstengelige Kräuter mit grundständiger Rosette ungeteilter, gezahnter, buchtiger oder schrotsägeförmiger Blätter, blattlosen, einköfsigen Blütenschäften und länglichen Achänen mit einfachen, ungleich langen Pappushaaren. Auf der ganzen nördlichen Erdhälfte verbreitet. T. vulgare Schrk. (Leontodon T. L., gemeiner Löwenzahn, Butterblume, Pfaffenröhrlein), sehr gemein an Wegen, auf Wiesen etc., ausdauernd, stark milchend, mit walzig spindelförmiger Wurzel, kahlen, lanzettlichen, buchtig fiederspaltigen Blättern und hohlem, kahlem Blütenschaft und gelben Blüten, wächst gemein auf der nördlichen Erdhälfte, die Wurzel mit dem Kraut ist offizinell und wird gegen Stockungen im Unterleib als mild lösendes Mittel angewandt. Das Kraut gibt gutes Futter für Ziegen und Rindvieh; die jungen Blätter benutzt man auch als Salat.
Tarazona, Bezirksstadt in der span. Provinz Saragossa, am Queiles, in einem rebenbedeckten Hügelgelände, hat ein Priesterseminar und (1878) 8270 Einw. Die Stadt ist Bischofsitz.
Tarbagatai, Gebirge im russisch-asiat. Gebiet Semipalatinsk, an der Grenze gegen die chinesische Mongolei und das Gebiet Semiretschinsk, erstreckt sich nach O. bis zum See Ulungur in der Dsungarei und bildet die Wasserscheide zwischen dem dsungarischen Steppengebiet und dem Saissanbecken. Die mittlere Kammhöhe des Gebirges ist 2300 m, doch gibt es mehrere 3000 m hohe Piks. Ewigen Schnee trägt aber erst der östlich abgezweigte Musstau. S. Karte "Zentralasien".
Tarbert, zwei Fjorde (Lochs) in Schottland, die sich an ihrem obern Ende bis auf 1½ km nähern und die Halbinsel von Kintyre (s. d.) fast vom Hauptland abtrennen. Ein Kanal durchschneidet die Landenge. Das gleichnamige Dorf am östlichen Loch hat (1881) 1629 Einw.
Tarbert, kleine Hafenstadt in der irischen Grafschaft Kerry, am Ästuar des Shannon, mit (1881) 712 Einw. Dabei die befestigte Insel T. mit Leuchtturm.
Tarbes (spr. tarb), Hauptstadt des franz. Departements Oberpyrenäen und der ehemaligen Grafschaft Bigorre, in reichbebauter Ebene, am Adour und an der Eisenbahn Bayonne-Toulouse gelegen, von welcher hier die Linien nach Bagnères, Auch und Morceux abzweigen, hat eine Kathedrale mit gotischer Kuppel, eine Kirche St.-Jean aus dem 14. Jahrh., eine stattliche Kavalleriekaserne (vor derselben steht das Denkmal des Chirurgen Larrey), einen schönen öffentlichen Garten mit Museum, ein treffliche Reitpferde lieferndes Gestüt, einen Hippodrom (jährlich im August große Pferderennen) und (1886) 21,090 (Gemeinde 25,146) Einw., welche Eisengießerei, Maschinenbau, Fabrikation von groben Wollenstoffen u. Filz und Marmorschneidemühlen sowie Handel mit Vieh und landwirtschaftlichen Produkten betreiben. Der Staat besitzt in T. eine Waffenfabrik und Kanonengießerei. Von Bildungsanstalten bestehen daselbst ein Lyceum, eine Lehrerbildungsanstalt, ein geistliches Seminar und eine Bibliothek (16,000 Bände); T. ist Sitz eines Bischofs, eines Gerichts- und Assisenhofs wie eines Handelsgerichts. - Die Stadt hieß unter römischer Herrschaft Tarba und gehörte zu Aquitania tertia, sodann zu Novempopulania. Mehrmals von den Goten, Arabern und Normannen zerstört, blühte sie als Hauptstadt der Grafschaft Bigorre wieder auf, war bis 1370 in der Gewalt der Engländer und litt später sehr durch die Hugenottenkriege.
Tardando (ital.) , s. v. w. Ritardando (s. d.).
Tardieren (franz.), zögern, zaudern, säumen.
Tardieu (spr. -djöh), 1) franz. Kupferstecherfamilie. Nicolas Henri T., geb. 1674 zu Paris, Schüler Audrans, stach zahlreiche Blätter nach Rigaud, Lebrun, Domenichino u. a.; starb 1749. Sein Sohn Jacques Nicolas T., genannt Cochin, geb. 1718, gest. 1795 als Hofkupferstecher des Kurfürsten von Köln, hat besonders Porträte gestochen. Von seinen Neffen lieferte Pierre Alexandre T., geb. 1756 zu Paris, Schüler von I. I. Wille, gest. 1844, schätzbare Porträte und Blätter nach Raffael, Domenichino, van Dyck, David u. a., während Jean Baptiste Pierre T., geb. 1746 zu Paris, gest. 1816, und Antoine François T., geb. 1757 zu Paris, gest. 1822, Landkartenstecher waren. Des letztern Sohn Pierre T., geb. 1784 zu Paris, stach Karten zu Werken v. Humboldts, v. Buchs, Brönsteds, Ségurs u. a. Ambroise T., geb. 1790 zu Paris, gest. 1837, stach Landkarten, Porträte und Architekturstücke.
2) Auguste Ambroise, Mediziner, geb. 10. März 1818 zu Paris, studierte daselbst, wurde 1850 Chefarzt am Spital Lariboisière, 1861 Professor an der Pariser medizinischen Fakultät, 1864 beratender Arzt des Kaisers, 1867 Präsident des Komitees für öffentliche Gesundheitspflege. Er übernahm 1870 die Leitung des Hotel-Dieu in Paris und starb 12. Jan. 1879. Seine ersten Arbeiten waren klinischer Natur, später wandte er sich der gerichtlichen Medizin zu und gewann für diese eine große Bedeutung, namentlich
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Tardigrada - Targum.
durch die Ableitung von Erfahrungssätzen aus den überaus zahlreichen Fällen, die seiner Begutachtung unterlagen. Seine Hauptwerke sind: "Étude médico-légale sur l'attentat aux moeurs" (6. Aufl. 1872; deutsch von Theile, Weim. 1860); "Étude médico-légale et clinique sur l'empoisonnement" (2. Aufl. 1874; deutsch von Theile u. Ludwig, Erlang. 1868). Außerdem schrieb er: "Dictionnaire d'hygiène publique et de salubrité" (2. Aufl. 1862, 4 Bde.); "Étude médico-légale sur la pendaison, la strangulation et la suffocation" (2. Aufl. 1879); "Étude médico-légale sur la folie" (2. Aufl. 1879), "sur l'avortement" (4. Aufl. 1881) und "sur l'infanticide" (2. Aufl. 1879) u. a.
Tardigrada, s. Spinnentiere, S. 154.
Tarént (Taranto), befestigte Seestadt und Kreishauptort in der ital. Provinz Lecce, auf einer Insel zwischen dem großen Golf von T. und dem lagunenartig ins Land hineinragenden Mare piccolo gelegen, ist durch eine sechsbogige Brücke und einen alten byzantinischen Aquädukt mit dem Festland verbunden und Station der Eisenbahn von Bari nach Reggio di Calabria. Die Lage von T. ist eine so überaus günstige, daß diese Stadt, wie es im Altertum der Fall war, zum Organ bestimmt erscheint, durch welches Italien mit dem Orient in Beziehungen tritt. Es hat im Mare piccolo einen tiefen, völlig geschützten Hafen, und auch der äußere Golf bietet in seiner Verengerung mit den beiden vorgelagerten, trefflich zur Verteidigung geeigneten Inseln San Pietro und Paolo einer ganzen Flotte sichern Schutz. Zwei Eisenbahnen, die eine an der ganzen West-, die andre an der Ostseite der Halbinsel bis zum Golf von T. verlängert, finden hier ihren natürlichen Endpunkt. Treffliches Quellwasser sprudelt im Mare piccolo wie im Mare grande selbst empor. So dürfte sich T., namentlich wenn das Projekt der Verlegung des Kriegshafens von Neapel und der Werfte von Castellammare dorthin zur Ausführung gelangen sollte, neuerlich zu großer Bedeutung erheben. Auch der Handel hebt sich schon einigermaßen. 1886 sind im Hafen 408 Schiffe mit 144,962 Ton. eingelaufen. Der Warenverkehr zur See (Einfuhr von Kohle, Holz, Getreide, Ausfuhr von Öl, Wein, Hülsenfrüchten etc.) beläuft sich allerdings erst auf 65,000 Ton. Fischerei, auch Austernzucht, Handel, Oliven-, Feigen- u. Weinbau sind die Haupterwerbszweige der als sehr indolent geltenden Bewohner, deren man 1881: 25,246 zählte. Die Stadt dehnt sich jetzt nur auf der kleinen felsigen Halbinsel zwischen den Meeren aus und hat wenig Reste des Altertums wie des Mittelalters aufzuweisen. Sie ist Sitz eines Erzbischofs, eines Unterpräfekten, eines Zivil- und Korrektionstribunals, eines Hauptzollamtes sowie eines deutschen Konsuls und hat ein Lyceum, ein Gymnasium etc. - T. ist das Tarentum (Taras) der Alten. Taras wurde 708 v. Chr. von den spartanischen Partheniern unter dem Herakliden Phalanthos gegründet und durch seine geschützte Lage und seinen vorzüglichen Hafen eine der mächtigsten griechischen Pflanzstädte in Unteritalien. 272 ward dieselbe von den Römern erobert, nachdem Pyrrhos, der für sie seit 280 gegen Rom Krieg geführt, 275 Italien verlassen hatte. Im zweiten Punischen Krieg ward sie 211 von Hannibal erobert, die Römer behaupteten sich indes in der Burg und bemächtigten sich von da aus 209 der Stadt wieder. Diese ward geplündert und zum Teil zerstört, und gegen 30,000 Einw. wurden in die Sklaverei verkauft. 123 ward die Stadt mit römischen Bürgern bevölkert und blühte seitdem wieder auf. Das dortige Erzbistum soll 378 gegründet worden sein. Im Mittelalter stand die Stadt erst unter den byzantinischen Kaisern, ward dann von den Sarazenen erobert und endlich dem Königreich beider Sizilien und mit diesem 1861 dem Königreich Italien einverleibt. T. ist die Vaterstadt des Musikers Giovanni Paësiello. Der französische Marschall Macdonald (s. d.) wurde von Napoleon I. zum Herzog von T. ernannt. Vgl. Döhle, Geschichte Tarents bis auf seine Unterwerfung unter Rom (Straßb. 1877); de Vincentiis, Storia di Taranto (Neap. 1878 ff., 5 Bde.); Gagliardo, Descrizione topogratica di Taranto (Tarent 1886).
Tarent, Goif von, ein fast viereckiger, zwischen den Vorgebirgen Santa Maria di Leuca und Nao in die Apenninenhalbinsel eindringender Golf, der von den Halbinseln von Apulien und Kalabrien begrenzt wird, im Altertum der Hauptsitz griechischer Kultur in Unteritalien. Tarent, Metapont, Herakleia, Sybaris, Thurii, Proton und andre Griechenstädte blühten an seinen Ufern, denen jetzt, versumpft und ungesund, wie sie sind, zwei Eisenbahnen, welche sie wieder mit der Ost- und Westküste der Halbinsel verbinden, neues Leben zuzuführen bestimmt sind.
Tarentaise (spr. -rangtâhs^), Landschaft im franz. Departement Savoyen, das Hochthal der Isère mit seinen Seitenthälern, durch welches die Straße über den Kleinen St. Bernhard führt, reich an Wäldern und Weiden, von einem kleinen, lebhaften und sich ausfallend von den Umwohnern unterscheidenden Menschenschlag bewohnt. Wichtigster Ort Moutiers.
Tarfabaum, s. Tamarix.
Targovist (Tirgovist, Targu-Vestia), ehemals (von 1383-17l6) Hauptstadt der Walachei, jetzt Hauptort des Kreises Dimbowitza und heruntergekommen, liegt 262 m hoch am Fuß der Karpathen, durch Zweigbahn mit der Linie Roman-Verciorova verbunden, und hat 29 griechisch-orthodoxe Kirchen (darunter die schöne Metropolitankirche), eine alte kath. Kirche, Ruinen des Schlosses der Woiwoden, ein Tribunal, ein Arsenal (seit 1865), Gymnasium und 7125 Einw. (ehedem über 40,000).
Targowicz (Targowice), Stadt im russ. Gouvernement Kiew, Kreis Uman, an der Siniusca, mit 2000 Einw. Hier 14. Mai 1792 Konföderation des polnischen Adels gegen die Konstitution von 1791.
Targum (chald., Plur. Targumim, "Übersetzung"), Name der chaldäischen Übersetzungen und teilweise Umschreibungen des Alten Testaments, die vom Beginn des zweiten jüdischen Staatslebens an, als sich das Bedürfnis einstellte, den Synagogenbesuchern, welche der hebräischen Sprache nicht mehr mächtig waren, die Bibelvorlesungen (s. Sidra, Haftara) zu übersetzen und, wenn erforderlich, durch Umschreibung zu erklären, entstanden sind. Die Übersetzung und Deutung geschah durch besonders angestellte Übersetzer. Jahrhunderte ward, wie dies mit dem mündlichen Gesetz (s. Midrasch, Talmud) üblich war, das T. nicht niedergeschrieben. Die erste schriftliche Fixierung geschah nach dem 3. Jahrh. n. Chr. und zwar mit dem fast wortgetreuen T. Onkelos (aramäische Form des griechischen Eigennamens Akylas), einer Pentateuchübersetzung, welche im Gegensatz zu T. jeruschalmi (das jerusalemische T. des Jonathan ben Usiel) T. babli heißt und im ostaramäischen Dialekt abgefaßt ist. Westaramäische Targumim sind zu Ruth, Esther, Hoheslied, Prediger, Klagelieder, Psalmen, Sprüche, Hiob und Chronik vorhanden. Sie sind meistens weitschweifige, mit Geschichte, Sage und Legende verquickte Textum-
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Tarieren - Tarn-et-Garonne.
schreibungen. Ein vorzügliches Lexikon zu den Targumim gab Levy (3. Ausg., Leipz. 1881), das T. Onkelos Berliner (Berl. 1884), eine "Chrestomathia targumica" Merx (das. 1888) heraus.
Tarieren, s. Tara.
Tarif (arab.), ein Verzeichnis verschiedener Waren oder Leistungen mit beigesetzten Preisen, namentlich ein amtlich festgestelltes Verzeichnis, daher Zolltarif (vgl. Handelsverträge), Münz-, Steuertarif, insbesondere im Verkehrswesen: Droschken-, Post-, Schiff-, Eisenbahntarif etc. Tarifieren, in einen T. mit bestimmtem Tarifsatz aufnehmen; daher tarifierte Münzen, solche, welchen durch den gesetzlichen Münztarif ein bestimmter Kurs gegeben ist.
Tarifa, alte befestigte Stadt in der span. Provinz Cadiz, an der Straße von Gibraltar, der südlichste Ort des europäischen Festlandes, mit Hafen und Leuchtturm (auf der Insel T.) und (1878) 12,234 Einw.; benannt nach dem Berberhäuptling Tarifa ibn Malik, welcher zuerst in Spanien landete.
Tarija (spr. -richha), ein Departement der südamerikan. Republik Bolivia, zwischen den Departements Chuquisaca und Potosi und der Argentinischen Republik, 296,500 qkm (5385 QM.) groß. Den Westen durchzieht die östliche Kordillere, der Osten erstreckt sich durch die Chaco boreal bis zum Paraguay. Die wichtigsten Flüsse sind der Pilcomayo und der Tarija (oberer Rio Vermejo), die beide dem Paraguay zueilen. T. bietet sowohl fruchtbare Ackerländereien als vorzügliche Weiden und schöne Waldungen dar. An nutzbaren Mineralien ist es arm. Die Industrie ist ganz unbedeutend. Die Bevölkerung schätzte man 1882 auf 53,389 Seelen, ohne etwa 50,000 wilde Indianer. - Die Hauptstadt T., 1770 m ü. M., in fruchtbarem Thal, wo viel Tabak gebaut wird, hat ein Franziskanerkloster (ehemals berühmtes Missionskollegium mit Bibliothek) und etwa 8300 Einw.
Tarik, arab. Feldherr, Sohn Zejjads, ward 711 von dem Oberfeldherrn der Araber in Afrika, Musa, mit 12,000 Mann nach Spanien geschickt, landete bei Gibraltar (Gebel al T., "Felsen des T."), besiegte in der siebentägigen Schlacht bei Ieres de la Frontera 19.-25. Juli 711 die Westgoten unter Roderich, eroberte, indem er den Sieg rasch verfolgte, den größten Teil der Halbinsel, wurde aber von dem auf ihn neidischen Musa, obwohl er ihm seine ungeheure Beute demütig darbrachte, seiner Würde entsetzt und, mit Ketten belastet, in den Kerker geworfen, rächte sich zwar nach seiner Befreiung, indem er Musas Sturz herbeiführte, starb aber unbelohnt und in Vergessenheit.
Tarlatan (franz. tarlatane), eine Sorte glatter baumwollener Gaze, welche meist einfarbig hergestellt und zu Ballkleidern und zum Ausputz benutzt wird. Die Stoffe sind sehr wohlfeil, vertragen aber das Waschen nicht. Grüner T. ist oft mit Schweinfurter Grün gefärbt, welches sich staubartig ablöst und der Trägerin des Kleides durch Einatmen der arsenikhaltigen Farbe gefährlich werden kann.
Tarma, Stadt im Departement Junin der südamerikan. Republik Peru, im tiefen, aber fruchtbaren Chanchamayothal, 3053 m ü. M., hat eine höhere Schule, Fabrikation von Ponchos etc. aus Vicuñawolle und (1876) 3834 Einw.
Tarn, Fluß im südlichen Frankreich, entspringt am Fuß des Pic de Malpertus im Lozèregebirge, durchfließt in vorherrschend westlicher Richtung die Departements Lozère, Aveyron, T., Obergaronne und Tarn-et-Garonne und mündet 6 km unterhalb Moissac nach einem Laufe von 375 km (wovon 148 km schiffbar) rechts in die Garonne. Nebenflüsse sind rechts: der Aveyron, links: Dourbie und Agout. Der T. bildet oberhalb Albi den prächtigen, 19 m hohen Wasserfall Saut de Sabo.
Tarn, franz. Departement, aus den ehemaligen Diözesen von Albi, Castres und Lavaur des Languedoc gebildet, grenzt im N. und NO. an das Departement Aveyron, im SO. an Herault, im S. an Aude, im W. an Obergaronne und im NW. an Tarn-et-Garonne und hat einen Flächenraum von 5743 qkm (104,7 QM.). Das Land ist die nach SW. geneigte plateauartige Abdachung des zentralen Hochfrankreich, im O. gegen 600, im W. wenig über 100 m hoch. Es lehnt sich im SO. an die rauhen Berge von Lacaune (1266 m), im S. an die Montagne Noire an. Während es in den höhern Gebenden nur für Viehzucht und Industrie geeignet ist, überwiegt nach W. hin in den sich immer breiter öffnenden fruchtbaren Flußthälern mit dem mildern, fast mediterranen Klima der Ackerbau, der sich auch auf Wein- und Seidenkultur erstreckt. Der Hauptfluß ist der Tarn, welcher fast alle Gewässer des Departements (Rance, Agout, Aveyron u. a.) aufnimmt. Die Bevölkerung belief sich 1886 auf 358,757 Einw. (darunter ca. 17,000 Reformierte). Von der Oberfläche kommen (1882) 309,805 Hektar auf Äcker, 52,755 auf Wiesen, 59,510 auf Weinberge, 77,677 auf Wälder, 37,894 Hektar auf Heiden und Weiden. Hauptprodukte sind: Getreide (3 Mill. hl), insbesondere Weizen, Roggen und Mais; ferner Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Hanf und Flachs, Wein (bei Gaillac und Albi, in guten Jahren bis 1 Mill. hl), Obst, Kastanien, Rindvieh (117,874 Stück), Schafe (410,177). Schweine (127,788), viel Geflügel (besonders Hühner und Tauben), Kaninchen. Der Bergbau liefert Steinkohlen (Gruben bei Carmaux mit einem Erträgnis von 330,000 Ton.); auch hat das Departement mehrere Mineralquellen, darunter die von Trébas. Die Industrie hat namentlich in der Schafwollwarenfabrikation große Bedeutung; dieselbe verfügt über 55,000 Spindeln, 5000 Hand- und 140 mechanische Webstühle und hat ihre Hauptsitze zu Castres und Mazamet. Andre Industriezweige sind: Seidenspinnerei, Gerberei, Fabrikation von Stahl, Sensen, Glas, Fayence u. a. Der ziemlich lebhafte Handel vertreibt die Natur- und Industrieprodukte des Landes. Das Departement wird von der Eisenbahnlinie Figeac-Toulouse und der von ersterer abzweigenden Linie über Albi nach Castres und Castelnaudary mit Seitenlinien nach Carmaux und Mazamet durchzogen. Es zerfällt in die vier Arrondissements: Albi, Castres, Gaillac und Lavaur; Hauptstadt ist Albi. Vgl. Bastié, Description du département du T. (Graulhet 1876-77, 2 Bde.).
Tarn-et-Garonne, franz. Departement, aus Teilen der Guienne (Quercy, Rouergue, Agenais), der Gascogne (Lomagne, Armagnac) u. des Languedoc (Diözese Montauban) zusammengesetzt, grenzt im N. an das Departement Lot, im O. an Aveyron, im SO. an Tarn, im S. an Obergaronne, im SW. und W. an Gers und Lot-et-Garonne und hat einen Flächenraum von 3720 qkm (67,8 QM.). Es ist ein Hügelland von 200-300 m Höhe, in welches die drei großen Flüsse Garonne (mit der Gimone), Tarn und Aveyron, die sich hier vereinigen, und deren Spiegel bei ihrem Eintritt in das Departement kaum höher, zum Teil sogar niedriger als 100 m liegt, breite, überaus fruchtbare Thäler eingeschnitten haben. Der Schifffahrt dient außer Garonne und Tarn der Seitenkanal der Garonne. Das Klima ist im allgemein
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Tarnkappe - Tarock.
nen mild. Die Bevölkerung belief sich 1886 auf 214,046 Seelen (1861: 232,551), darunter ca. 10,000 Reformierte. Von der Oberfläche kommen 223,536 Hektar auf Äcker, 22,366 auf Wiesen, 48,720 auf Weinberge, 48,050 auf Wälder, 10,138 Hektar auf Heiden und Weiden. Die wichtigsten Produkte sind: Getreide (durchschnittlich 2 Mill. hl), vor allem Weizen, dann Hafer und Mais, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Hanf, Flachs, Futterrüben, Wein (bis zu 1 Mill. hl), Obst, Holz, Seide, treffliche Pferde, Rindvieh (89,039 Stück), viel Geflügel, Marmor und Bausteine. Neben dem Ackerbau, als der Haupterwerbsquelle der Bewohner, ist die Industrie von keinem großen Belang und nur durch einige Seidenfilanden, Seidenabfallspinnereien, Papier-, Kerzen- und Seifenfabriken vertreten. Von größerer Bedeutung ist der Handel mit den Landesprodukten, für welche Montauban der Hauptstapelplatz ist. Die Eisenbahn von Bordeaux nach Toulouse (mit der Abzweigung von Montauban nach Lexos) durchschneidet das Departement. Es zerfällt in drei Arrondissements: Castelsarrasin, Moissac und Montauban; Hauptstadt ist Montauban. Vgl. Moulenq, Documents historiques surleTarn-et-Garonne (Montauban 1879-85, 3 Bde.).
Tarnkappe (v. altd. tarnan, verbergen, auch Tarnhaut, Nebelkappe), in der deutschen Mythologie ein Mantel, welcher unsichtbar machte und zugleich die Kraft von zwölf Männern verlieh. Vgl. Elfen und Zwerge.
Tarnobrzeg, Studt in Galizien, an der Weichsel und der Eisenbahn Dembica-Rozwadow, Sitz einer Bezirkshauptmannschaft und eines Bezirksgerichts, mit (1880) 3460 Einw.
Tarnogrod, Stadt im russisch-poln. Gouvernement Lublin, Kreis Bjelgorai, an der galizischen Grenze, hat starke Leinweberei und (1885) 5436 Einw. (viele Juden); geschichtlich merkwürdig durch den hier 26. Nov. 1715 geschlossenen Bund des polnischen Adels gegen die sächsische Armee.
Tarnopol, Stadt in Ostgalizien, am Sereth und an der Eisenbahn Lemberg-Podwoloczyska (Linie nach Odessa), Sitz einer Bezirkshauptmannschaft, eines Kreisgerichts und einer Finanzbezirksdirektion, hat ein Obergymnasium, Unterrealschule, Lehrerbildungsanstalt, Jesuitenkollegium mit Privatgymnasium, Stärkefabrikation, Dampfmühle, Ziegelbrennerei, lebhaften Handel und (1880) 25,819 Einw. (darunter 13,500 Juden).
Tarnow, Stadt in Galizien, nahe der Mündung oer Biala in den Dunajec, Station der Karl Ludwigs-Bahn (Krakau-Lemberg), in welche hier die Staatsbahnlinie Stroze-T. einmündet, ist Sitz einer Bezirkshauptmannschaft, eines römisch-katholischen Bischofs und Domkapitels, eines Kreisgerichts, einer Finanzbezirksdirektion und eines Hauptzollamtes, hat eine alte Domkirche, ein schönes Rathaus, eine theologische Lehranstalt, ein bischöfliches Seminar, ein Obergymnasium, eine Lehrerbildungsanstalt, mehrere Klöster, eine Waisenanstalt, Sparkasse, Fabrikation von landwirtschaftlichen Maschinen, Zichorienfabrik, Glashütte, Dampfmühle, bedeutenden Handel und (1860) 24,627 Einw. (davon 11,349 Juden).
Tarnow, Fanny, Schriftstellerin, geb. 27. Dez. 1783 zu Güstrow in Mecklenburg, lebte auf dem väterlichen Gut Neubuckow, ging 1816 nach dem Tod ihrer Mutter zu einer Freundin nach Petersburg, wo sie viel mit Klinger verkehrte, verließ aber des rauhen Klimas wegen Rußland bald wieder und hatte seit 1820 ihren Wohnsitz in Dresden, seit 1828 in Weißenfels, zuletzt in Dessau, wo sie 20. Juni 1862 starb. Ihre Romane und Novellen, deren lange Reihe "Natalie" (Berl. 1811) eröffnete, und zu denen auch das Buch "Zwei Jahre in Petersburg" (Leipz. 1833) gehört, waren zu ihrer Zeit bei der Frauenwelt sehr beliebt, ohne daß sie auf künstlerischen Wert Anspruch machen könnten. Gesammelt erschienen eine "Auswahl" (Leipz. 1830, 15 Bde.) und "Gesammelte Erzählungen" (das. 1840-42, 4 Bde.). Vgl. Amely Bölte, Fanny T., ein Lebensbild (Berl. 1865).
Taruowitz, Kreisstadt im preuß. Regierungsbezirk Oppeln, Knotenpunkt der Linien Breslau-T., Kreuzburg-T., T.-Schoppinitz und T.-Tarnowitzerhütte der Preußischen Staatsbahn, 326 m ü. M., hat eine evangelische und eine kath. Kirche, eine Synagoge, ein Realgymnasium, eine Bergschule, ein Kreiswaisenhaus, ein Rettungshaus, ein Amtsgericht, eine Berginspektion, den Vorstand des Oberschlesischen Knappschaftsvereins, Bergbau auf Eisen, ein großes Eisenwerk, Fabrikation von Trottoirplatten, Stöcken, Seife, Tüten und Zigarrenspitzen, Dampfmahl- und Schneidemühlen und (1885) 8618 meist kath. Einwohner. In der Nähe die Friedrichsgrube, eine Bleierzgrube, deren Erze in der nahen Friedrichshütte verhüttet werden. T. ward 1526 angelegt und erhielt 1562 Stadtrechte.
Tarnowski, Stanislaus, Graf, poln. Litterarhistoriker, geb. 7. Nov. 1837 zu Dzikow in Galizien, studierte zu Krakau und Wien, erlitt 1863-65 anläßlich des Aufstandes eine zweijährige Haft, begründete dann mit Szujski die konservative Zeitschrift "Przeglad Polski", war 1867-70 Reichsratsabgeordneter, wandte sich dann aber ganz den wissenschaftlichen Studien zu und wurde im November 1871 zum ordentlichen Professor der polnischen Litteratur an der Krakauer Universität und 1884 zum Mitglied des Herrenhauses ernannt. Unter seinen zahlreichen literarhistorischen Monographien (in poln. Sprache), die sich insgemein durch Gründlichkeit, Schärfe des Urteils und Eleganz der Sprache auszeichnen, sind hervorzuheben: "Geschichte der vorchristlichen Welt", "Über den polnischen Roman am Anfang des 19. Jahrhunderts", "Über den Verfall der polnischen Litteratur im 18. Jahrhundert", "Über die Lustspiele Fredros". "Shakespeare in Polen" und insbesondere sein klassisches Hauptwerk: "Die polnischen politischen Schriftsteller des 16. Jahrhunderts" ("Pisarze polityczni XVI wieku"; Krak. 1886, 2 Bde.).
Taro, s. Colocasia.
Tarock, kompliziertes Spiel unter drei Personen mit einer eignen, 78 Blätter starken Karte, die französischen Ursprungs sein soll. Zu den gewöhnlichen 52 Blättern kommen noch hinzu: 4 Cavalls (Reiter), 21 Tarocks, Trümpfe oder Stecher (Karten mit I bis XXI bezeichnet) und ein einzelnes Blatt, der Skis. Die Kartenfolge läuft in den roten Farben vom As herab zur Zehn und in den schwarzen umgekehrt von der Zehn herab zum As. Der Geber gibt in Würfen zu 5 jedem 25 Blätter, die drei letzten behält er noch für sich, weil er das Recht hat, 3 Karten in den Skat zu legen. 59 Blätter sind leere (Latons), 19 aber Zähler. Der König gilt 5, die Dame 4. der Cavall 3, der Bube 2. Der I (der Pagat), der XXI (der Mond) und der Skis gelten an sich je 5, können aber beim Ansagen als Matadore oder als Tarocks unter Umständen noch besonders zählen. Der Skis (richtiger Sküs, von excuser) sticht weder, noch wird er gestochen; er erscheint bald als T., bald als Laton, bald als Bild, ja auch in allen drei Eigenschaften zusammen. Als T. benutzt man den Skis, wenn man 9 Tarocks neben ihm hat (man sagt
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Tarots - Tarquinius Superbus.
dann 10 Tarocks an), ferner, wenn man T. fordern will oder ein Mitspieler T. gefordert hat. In letztern Fällen sagt man: "Ich skisiere (exküsiere) mich!" legt den Skis in seine Stiche und gibt aus diesen einen Laton oder leeren T. an den ab, welcher den letzten Stich machte. Als Bild fungiert der Skis beim Ansagen eines halben (skisierten) Königreichs oder einer halben oder skisierten Kavallerie (3 Könige, resp. 3 Bilder einer Farbe und der Skis). 4 Könige gelten als ganzes Königreich, 4 Bilder einer Farbe als ganze oder natürliche Kavallerie. Hat man zu 15 Latons den Skis, so darf man 16 Latons ansagen. Als Laton benutzt man auch den Skis, wenn man ein Blatt einer angezogenen Farbe nicht weggeben will. Da der Skis nicht sticht, kann man nicht die Vole mit ihm machen, wohl aber sich stichfrei spielen. Man muß den Skis vor den 5 letzten Blättern ablegen, weil er sonst dem Gegner zufällt. Hat der Geber Skat gelegt, so folgt das Ansagen. 10 Tarocks gelten 10, jeder T. über 10 gilt 5, eine ganze Kavallerie 10 etc. Diese Posten werden jedem Ansagenden von den Mitspielern sogleich bezahlt. Jede Ansage muß auf Verlangen aufgezeigt werden. Nach dem Ansagen beginnt das Spiel. Hierbei wird Farbe bekannt; wer Renonce ist, muß mit einem T. stechen. Bei den Tarocks sticht die höhere Zahl die niedere. Soviel man in seinen Stichen über 26 Augen erlangt, hat man gewonnen, was daran fehlt, muß bezahlt werden. Ein besonderes Ziel des Spielers ist es, den Pagat zu ultimieren, d. h. den letzten Stich mit ihm zu machen, bez. das Ultimieren des Pagat zu verhindern. Für den ultimierten Pagat erhält man von jedem Mitspieler l0 Points, für den ultimo abgestochenen muß der Pagatist jedem andern 10 Points geben. Das Stichfreispielen sagt man an beim 1. oder 13. Stich, die Vole darf man auch vor den letzten sechs Blättern noch melden. In den Skat legen darf man alle Latons, alle Bilder mit Ausnahme der Könige, aber einen T. nur dann, wenn man nur 3 oder weniger u. nicht den XXI hat. Den Skis legt man nur, wenn man die Vole machen will. Vgl. Werner, Das moderne Tarockspiel (Wien 1883); Ulmann, Illustriertes Wiener Tarockbuch (das. 1887).
Tarots (franz., spr. -oh), Tarockkarte (s. Tarock); in der Typographie s. v. w. Unterdruck, Untergrund auf Wechselformularen, Wertpapieren etc., ähnlich dem Muster der Rückseite der Tarockkarte; tarotiert, mit solchem Unterdruck versehen.
Tarpau, s. Pferde, S.945.
Tarpawlings (spr. tarpáh-), s. Jute, S. 341.
Tarpejischer Fels, südliche Spitze des Kapitolinischen Hügels in Rom (über der heutigen Kirche Santa Maria della Consolazione), von wo in den ältern Zeiten der Republik und dann wieder zur Kaiserzeit Verbrecher und Vaterlandsverräter hinabgestürzt wurden. Benannt war die Stätte nach Tarpeja, der Tochter des kapitolinischen Burgvogts Spurius Tarpejus, durch deren Verrat, wie die Sage berichtet, sich die Sabiner unter Titus Tatius der wichtigen Burg bemächtigt hatten, wofür Tarpeja, statt belohnt, von ihnen getötet wurde. Sie hatte auf dem Felsen auch ihr Grab, wo ihr alljährlich Totenopfer dargebracht wurden. Vgl. Krahner, Die Sage von der Tarpeja (Friedland 1858).
Tarporley (spr. tárrporli), altes Marktstädtchen in Cheshire (England), 16 km südöstlich von Chester, mit Strumpfwaren- und Lederhosenfabrikation und (1881) 2669 Einw.
Tarquinii, im Altertum eine durch ihre Kunstübung berühmte Stadt Etruriens, wahrscheinlich Mutterstadt der zwölf Bundesstädte, lag auf einem Hügel am Fluß Marta. Durch die Kriege mit Rom im 4. Jahrh. v. Chr. kam die Stadt herab und lag schon zur Kaiserzeit in Ruinen. Dieselben finden sich auf dem Hügel Turchina bei Corneto, namentlich die griechischen Einfluß verratende Nekropole, deren Aufdeckung die Museen Europas mit den herrlichsten Vasen und andern Kunstwerken gefüllt und in Corneto die Gründung eines etruskischen Museums veranlaßt hat.
Tarquinius Priscus, Lucius, fünfter röm. König (616-578 v. Chr.), Sohn des Korinthers Demaratos und einer Tarquinierin, geboren zu Tarquinii, wanderte, da er dort als Sohn eines Fremdlings keine Ehrenstelle erlangen konnte, auf den Rat seiner mit der Gabe der Weissagung ausgestatteten Gemahlin Tanaquil nach Rom aus. Hier machte er sich sowohl beim König Ancus Marcius als beim Volk sehr beliebt; er wurde daher vom sterbenden König zum Vormund seiner beiden Söhne ernannt und konnte sich nach dessen Tod selbst der Herrschaft bemächtigen. Er vollendete die Unterwerfung Latiums, besiegte die Sabiner und verwendete die gewonnene Beute zur Ausführung großer Bauten. Dahin gehören vor allen: der große Abzugskanal (cloaca maxima), wodurch namentlich das Forum trocken gelegt wurde, die Anlage des Circus maximus, der Beginn einer Stadtmauer und des kapitolinischen Tempels. Der dritten Stammtribus, den Luceres, gewährte er die Aufnahme in den Senat, indem er aus ihnen als Patres minorum gentium 100 neue Senatoren den frühern 200 hinzufügte. Da seine Absicht, drei neue Tribus, wahrscheinlich aus den Plebejern, zu bilden, scheiterte, begnügte er sich, die Zahl der Ritter, die dadurch auf 1800 stieg, zu verdoppeln, ohne den drei alten Centurien neue unter besondern Namen hinzuzufügen. Er wurde von den Söhnen des Ancus, denen er den Thron entzogen, 578 ermordet, sein Tod aber durch die Klugheit der Tanaquil so lange verhehlt, bis es seinem Schwiegersohn Servius Tullius gelungen war, sich die Nachfolge zu sichern.