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Meyers Konversationslexikon Band 15

Übersicht (continued 28)

Reading edition

Symbiotes, s. Milben, S. 606.

Symblepharon (griech.), Verwachsung des Augenlides mit dem Augapfel, entsteht meist durch ausgedehnte Verbrennungen oder Ätzungen der Bindehaut und muß operativ beseitigt werden.

Symbol (griech., lat. symbolum), Erkennungs- oder Merkzeichen; daher auch s. v. w. Parole, meist aber gleich Sinnbild (s. d.) gebraucht. Im heidnischen Kultus war S. ein für den Geheimdienst gewähltes Sinnbild, besonders eine Formel oder ein Merkwort, woran sich die in die Mysterien Eingeweihten erkannten; daher in der christlichen Kirche s. v. w. Sakrament und insbesondere die sinnlichen Zeichen, welche bei den Sakramenten gebraucht werden (Wasser, Brot, Wein); endlich auch s. v. w. Glaubensbekenntnis, als Erkennungszeichen der zu einer Religionspartei Gehörigen (s. Symbolische Bücher).

Symbolik (griech.), Wissenschaft und Lehre von den Symbolen (Sinnbildern), insbesondere den religiösen. Die S. lehrt uns, den hinter einem Zeichen oder Sinnbild verborgenen tiefern Sinn erkennen, welchem etwas Geistiges, Unsichtbares oder Undarstellbares zu Grunde liegt. Der Ursprung der S. ist auf die Hieroglyphen- oder Bilderschrift der alten Ägypter zurückzuführen, von denen sie durch Vermittelung der Juden auf die ältesten Christen übergegangen ist. Die Ägypter symbolisierten ihre Götter durch Tiere, Verbindungen von menschlichen und tierischen Gestalten oder Gliedern, Hieroglyphen oder durch mystische Zeichen, welche sich auf ihren Kult bezogen. So ist z. B. die geflügelte Sonnenscheibe das Symbol des Siegs des Guten über das Böse, der Sperber das Sinnbild des Horus, die Uräusschlange das Zeichen der königlichen Würde. Die ältesten Christen bedienten sich der Sinnbilder, um sich durch nicht jedermann verständliche Zeichen vor Verfolgungen zu schützen. Sie entnahmen dieselben sowohl dem Tier- und Pflanzenreich als dem Alten und Neuen Testament. Das Lamm war z. B. das Symbol für den Opfertod Christi, das Kreuz und der Gute Hirt für Christus selbst, der Weinstock das Sinnbild der christlichen Verheißung und die Palme das Siegeszeichen der Märtyrer. Die Zahlensymbolik gehörte im Altertum mehr zur Astrologie; doch gab es auch bei Juden, Heiden und Christen gewisse heilige Zahlen. Die Sieben war z. B. die heilige Zahl der

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Symbolik - Symbolische Bücher.

Juden (siebenarmiger Leuchter), und die Christen deuteten sie später auf die sieben letzten Worte am Kreuz, auf die sieben Sakramente, die sieben Werke der Barmherzigkeit etc. Die Drei war das Zeichen der heiligen Dreieinigkeit und der drei christlichen Tugenden (Glaube, Liebe, Hoffnung), die Vier das Symbol der vier weltlichen Tugenden, der vier Elemente etc., die Fünf das Sinnbild der Wundenmale Christi. Die Tiersymbolik wurde im Mittelalter sehr umständlich ausgebildet, indem namentlich die naturwissenschaftlichen Lehrbücher, die sogen. Bestiarien (s. Bestiaire), gewisse Tiere zu Vertretern besonderer Eigenschaften, Tugenden und Lastern machten, für welche sie von der bildenden Kunst als Symbole benutzt wurden. Die vier Evangelisten hatten schon frühzeitig ihre Symbole (Matthäus einen Engel, Markus einen Löwen, Lukas einen Ochsen, Johannes einen Adler). Der Löwe war das Sinnbild der Stärke und des Edelmuts, der Adler das der königlichen Würde, der Pfau das des Hochmuts, das Einhorn das der Unschuld, der Hund das der Treue, das Schwein das der Völlerei etc. Auf mittelalterlichen Grabsteinen ist der Löwe sehr häufig das Attribut der Männer, der Hund das der Frauen. Die geläufigsten Tier- und Pflanzensymbole wurden auch von der Kunst der Renaissance übernommen und haben sich bis auf die Gegenwart in der Kunst und im Gebrauch des gewöhnlichen Lebens erhalten. So sind z. B. Kreuz, Herz und Anker die Symbole von Glaube, Liebe und Hoffnung. Neben der Tier-, Pflanzen- und Zahlensymbolik gibt es noch eine Farbensymbolik, die ebenfalls alten Ursprungs ist. Weiß gilt als Symbol der Unschuld, Grün als das der Hoffnung, Blau als das der Treue, Rot als das der Liebe etc. Vgl. Creuzer, S. und Mythologie der alten Völker (3. Aufl., Leipz. 1836-43, 4 Bde.); Bahr, S. des mosaischen Kultus (Heidelb. 1837-39, 2 Bde.; Bd. 1, 2. Aufl. 1874); Münter, Sinnbilder der alten Christen (Altona 1825); Piper, Mythologie und S. der christlichen Kunst (Weim. 1847-51, 2 Bde.); W. Menzel, Christliche S. (Regensb. 1854, 2 Bde.). Im engern Sinn versteht man unter S. oder symbolischer Theologie diejenige Disziplin, welche sich mit den kirchlichen Bekenntnisschriften und deren Lehrinhalt unter beständiger Vergleichung der Lehrbegriffe der verschiedenen Kirchen und Konfessionen beschäftigt. Je nachdem bei der Aufstellung und Beleuchtung dieser Gegensätze das rein historische oder das dogmatisch-polemische Interesse vorwaltet, ist die S. ein integrierender Teil der Dogmengeschichte, oder sie fällt mit der Polemik (s. d.) zusammen. Eine S. aller christlichen Kirchenparteien lieferten: Marheineke (Heidelb. 1810-14, 3 Bde.; 1848), Winer (4. Aufl. von P. Ewald, Leipz. 1882), Köllner (Hamb. 1837-44, 2 Bde.), Guericke (3. Aufl., Leipz. 1861), Matthes (das. 1854), Hofmann (das. 1857), Plitt (Erlang. 1875), Reiff (Basel 1875), Öhler (Tübing. 1876), Scheele (Upsala 1877 ff.; deutsch, 2. Aufl., Leipz. 1886, 3 Bde.), Wendt ("S. der römisch-katholischen Kirche", Gotha 1880 ff.), Philippi (Gütersl. 1883), Graul ("Die Unterscheidungslehren der verschiedenen christlichen Bekenntnisse", 11. Aufl., Leipz. 1884) und namentlich der katholische Theolog Möhler (s. d.), dessen Werk eine große Reihe protestantischer Entgegnungen, besonders von Nitzsch und Baur, hervorgerufen und das Interesse an der katholisch-protestantischen Streitsache neu belebt hat, während die hierher gehörigen Untersuchungen von Matth. Schneckenburger (s. d.) neue Bahnen für das Verständnis der innerprotestantischen Lehrgegensätze eröffnet haben.

Symbolische Bücher, Schriften, durch welche eine Kirche den Glauben, an dessen Bekenntnis ihre Mitglieder sich teils untereinander erkennen, teils von andern religiösen Genossenschaften unterscheiden, urkundlich bezeugt. Schon die alte katholische Kirche legte ihren Taufbekenntnissen den aus der Mysteriensprache entlehnten Namen Symbol bei, da ja auch die Taufe als ein Mysterium galt. Die theologischen Streitigkeiten des 4. und der folgenden Jahrhunderte mußten die Zahl der Symbole noch erhöhen, und dreien von ihnen, dem sogen. Apostolischen (s. d.), dem Nicäisch-Konstantinopolitanischen (s. d.) und dem sogen. Athanasianischen (s. d.), verschafften als sogen. allgemeinen oder ökumenischen Symbolen die weltliche Macht der Kaiser und das Ansehen der Konzile absolute Geltung in der Kirche. Die Reformatoren des 16. Jahrh. haben diese allgemeinsten Grundlagen der christlich-katholischen Weltanschauung nicht angetastet; zugleich machte sich jedoch das Bedürfnis geltend, ein gemeinsames Bekenntnis des evangelischen Glaubens abzulegen und die Unterscheidungslehren, welche zur Trennung von der römischen Kirche geführt hatten, klar und bestimmt hinzustellen. In den auf Luthers Tod folgenden theologischen Streitigkeiten wurde das Unterschreiben derselben insbesondere für die Geistlichen obligatorisch, namentlich seit 1580 beim Erscheinen des Konkordienbuchs von den sich dazu bekennenden Fürsten und Ständen bestimmt ausgesprochen worden war, daß bei der darin enthaltenen Lehre allenthalben beharrt werden sollte. Gleichwohl tauchte schon im 17. Jahrh. der Gedanke auf, daß die Verpflichtung auf s. B. eine unevangelische Beschränkung der Glaubens- und Gewissensfreiheit sei; das folgende Jahrhundert regte die Frage an, ob man die Geistlichen auf sie verpflichten solle, nicht "weil" (quia), sondern "inwiefern" (quatenus) sie mit der Heiligen Schrift übereinstimmten, und mit der letztern Formel behalf sich namentlich der Rationalismus. In unserm Jahrhundert gewann der Grundsatz, daß sich die Geistlichen streng an die Lehrformen der symbolischen Bücher zu halten hätten (Symbolzwang), besonders in Norddeutschland neue Geltung. Selbst wo, wie in Preußen, die Union herrscht, will man doch bald in der Augsburgischen Konfession, bald in dem sogen. Apostolikum eine unantastbare Autorität erkennen, ohne welche eine die Gemüter der Gemeinden verwirrende Lehrwillkür einreißen müsse. Die Gegner des Symbolzwanges machen geltend, daß derselbe den Protestantismus im Prinzip bedrohe und durch Aufhebung der Lehrfreiheit (s. d.) den Fortschritt in der Wissenschaft beeinträchtige; sie wollen daher den protestantischen Geistlichen nur eine pietätvolle, von pädagogischem Takt geleitete Berücksichtigung der symbolischen Bücher und ihres Lehrgehalts zur Pflicht gemacht wissen. Fast bei allen kirchlichen Streitigkeiten der neuern Zeit stand die Frage des Symbolzwangs im Vordergrund. Über die symbolischen Bücher der verschiedenen christlichen Religionsparteien s. die besondern Artikel: Glaubensbekenntnis, Griechische Kirche, Römisch-katholische Kirche, Lutherische Kirche, Reformierte Kirche etc. Vgl. Schleiermacher, Über den eigentlichen Wert und das bindende Ansehen symbolischer Bücher (Frankf. 1819); Johannsen, Die Anfänge des Symbolzwanges unter den deutschen Protestanten (Leipz. 1847); Scheurl, Sammlung kirchenrechtlicher Abhandlungen, Abteil. 1 (Erlang. 1872); Winer, Komparative Darstellung des Lehrbegriffs der verschiedenen christlichen Kirchenparteien (4. Aufl. von Ewald, Leipz. 1882).

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Symi - Sympathie.

Symi (im Altertum Syme, türk. Sumbeki), kleine türk. Insel an der Südwestküste Kleinasiens, 79 qkm (1,43 QM.) groß mit der Stadt S., die angeblich 16,000 ausschließlich christliche Einwohner zählt, welche berühmte Schwammfischer sind.

Symmachie (griech.), Schutz- und Trutzbündnis, von den griechischen Staaten untereinander geschlossen und zwar meist so, daß ein mächtigerer (z. B. Athen) die Hegemonie hatte. Berühmt ist namentlich die S. (Seebund) Athens mit den Städten und Inseln des Ägeischen Meers 476-404 v. Chr.

Symmachus, 1) von Geburt ein Samaritaner, später Jude, vielleicht auch Christ, verfaßte eine griechische Übersetzung des Alten Testaments.

2) Quintus Aurelius, röm. Redner und Epistolograph, um 340-402 n. Chr., bekleidete unter Theodosius d. Gr. wichtige Staatsämter, wie die Präfektur 384 und das Konsulat 391, und war ein unerschrockener Vorkämpfer des sinkenden Heidentums, dem jedoch selbst seine christlichen Gegner wegen der Reinheit seines Lebens und seiner Gelehrsamkeit die Achtung nicht versagen konnten. Außer drei unvollständigen Lobreden auf Valentinian I. und dessen Sohn Gratian aus dem Jahr 369 und Bruchstücken von fünf Senatsreden besitzen wir von ihm eine für die Kenntnis der Zeit und Persönlichkeit des Verfassers nicht unwichtige Briefsammlung in zehn Büchern, deren letztes wie bei Plinius die amtliche Korrespondenz (relationes) des S. und seines Sohns mit den Kaisern enthält. Eine treffliche Gesamtausgabe seiner Schriften besorgte Seeck (in den "Monumenta Germaniae historica", Bd. 6, Berl. 1883).

3) Cölius, Papst seit 498, aus Sardinien gebürtig, ließ 502 auf einer Synode zu Rom jede Einmischung von Laien in die Angelegenheiten der römischen Kirche verpönen und starb 19. Juli 514.

Symmelie (griech.), Verwachsung von Gliedern; angeborne Mißbildung, die an einfachen und Doppelmißbildungen angetroffen wird, meist an nicht lebensfähigen. Das gewöhnlichste Beispiel der S. ist die Sirenenbildung (s. d.).

Symmetrie (griech.), das Ebenmaß oder die Übereinstimmung bei der Anordnung der Teile eines Ganzen in Hinsicht auf Maß und Zahl. Die S. zeigt sich besonders darin, daß sich das Ganze in zwei hinsichtlich der Anordnung des Einzelnen übereinstimmende Hälften teilen läßt. S. in diesem Sinn zeigt in der anorganischen Natur die Kristallform, im Pflanzenreich namentlich die Bildung der Blüten und Früchte, vorzugsweise aber der Körper der höhern Tierklassen, bei welchem im normalen Zustand die gleichen oder ähnlichen Teile an jeder Hälfte dieselbe Stelle einnehmen. Die Wahrnehmung dieser S. oder ebenmäßigen Anordnung der gleichartigen Teile wird durch Hervorhebung eines Mittel- oder Augenpunkts unterstützt und erleichtert. Doch ist diese strenge S. keineswegs bei allen Kunstwerken zu beobachten, da sie oft den Eindruck des Steifen, Unnatürlichen und Gezwungenen hervorbringen würde, wie in der Stellung und Gruppierung der Figuren in der Malerei und Plastik, bei Anordnung theatralischer Szenen etc. Am meisten eignet sie sich für die Architektur, indem das mangelnde symmetrische Verhältnis der einzelnen Teile eines Bauwerks einen mehr oder weniger störenden Eindruck hervorbringt. In der Gartenkunst, wo früher ebenfalls symmetrische Anordnung üblich war, ist dieser Zwang durch Auskommen der sogen. englischen Anlagen, welche die Natur nachzuahmen suchen, meist beseitigt worden. Vom meßbaren Räumlichen ist der Ausdruck S. auch auf zeitliche Verhältnisse übertragen worden, doch ist hier der Ausdruck Eurhythmie zutreffender (vgl. Rhythmus). In der Mathematik ist S. die Übereinstimmung der Teile eines Ganzen untereinander. Symmetrisch ist z. B. jeder Kreis, jede Ellipse, jede Parabel und Hyperbel gebildet, auch jedes gleichseitige Dreieck, Viereck etc. Symmetrische Funktionen mehrerer unbestimmter Größen, z. B. a, b, c, sind algebraische Ausdrücke, worin jene Größen alle auf ganz gleiche Art vorkommen, so daß man sie beliebig miteinander vertauschen kann, ohne daß dadurch der Wert des Ausdrucks geändert wird: a+b, ab+ac+bc.

Symmikta (griech., "Vermischtes"), Titel für Sammlungen von allerhand Aufsätzen etc.

Sympathetisch (sympathisch, griech.), mitleidend, mitfühlend, auf Sympathie (s. d.) beruhend, seelenverwandt, gleichgestimmt.

Sympathetische Kuren, Heilungen von Krankheiten, die nicht durch die Einwirkung von Arznei- oder andern allgemein bekannten Heilmitteln, sondern durch eine geheimnisvolle Kraft solcher Körper geschehen, die mit dem Kranken oft gar nicht in unmittelbare Berührung zu kommen brauchen. Als die hier wirksame Kraft nahm man eine Sympathie des Menschen- oder Tierkörpers mit Geistern, Sternen, andern Menschen, Tieren, Pflanzen, Steinen an, wofür man jedoch die Beweise schuldig blieb. Man hängt dem Kranken Amulette um, nimmt mit gewissen Gegenständen Handlungen vor, die auf den entfernten Kranken einwirken sollen, oder "bespricht" die kranke Stelle durch Beschwörungen und Gebete. Die Wirksamkeit aller sympathetischen Mittel ist nicht nur nicht erwiesen, sondern auch im höchsten Grad unwahrscheinlich; doch ist der Glaube an die Heilkraft derselben im Volk noch überaus verbreitet. Die Wirksamkeit sympathetischer Kuren, wenn eine solche überhaupt vorhanden ist, scheint vornehmlich darauf zu beruhen, daß in dem Kranken der feste Glaube erweckt werde, daß das Mittel helfen werde; denn durch diesen wird die Hoffnung auf Genesung und dadurch die Lebensthätigkeit des Organismus, die "Naturheilkraft", angeregt, durch welche dann die Krankheit überwunden wird, wenn dies überhaupt möglich ist. Am leichtesten wird dies bei Krankheiten geschehen, die im Nervensystem oder im Seelenleben ihren Sitz haben. S. K. feiern namentlich auch in solchen Fällen Triumphe, bei welchen oft eine plötzliche Heilung ohne äußeres Zuthun erfolgt. So sieht man häufig Warzen in ganz kurzer Zeit vollständig verschwinden, und wenn gegen dieselben vorher zufällig eine sympathetische Kur angewandt worden war, so erscheint dem urteilslosen Beobachter deren Wirksamkeit erwiesen

Sympathetisches Gefühl, s. Mitgefühl.

Sympathetische Tinte, s. Tinte.

Sympathie (griech., "Mitempfindung"), unwillkürliche und daher grundlos scheinende Zuneigung zu andern, auch wohl zu lebendigen oder leblosen Gegenständen, die entweder physiologische (angeborne S.) oder psychologische (entstandene S.) Gründe haben und im letztern Fall auf ganz zufälligen und deshalb den Schein der Grundlosigkeit der S. erzeugenden Assoziationen beruhen kann (vgl. Antipathie). In der Physiologie versteht man unter S. (consensus) die Eigenschaft eines Organismus, vermöge deren durch die gesteigerte oder herabgestimmte Thätigkeit eines Organs auch die eines andern gesteigert oder herabgestimmt wird. Diese Erscheinung wird durch das Nervensystem, das Gefäßsystem oder das Zellgewebe vermittelt, und zwar wirkt das erstere

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Sympathikus - Symphoricarpus.

besonders durch psychische Vermittelung oder Reflex. Zu den Erscheinungen der S. rechnet man die Ausbildung der Stimme mit eintretender Mannbarkeit, die gleichzeitige Steigerung der Thätigkeit der Leber, Speicheldrüsen, des Pankreas etc. zur Zeit der Verdauung, das Niesen bei Einwirkung von Licht auf das Auge etc. Häufiger aber werden die Erscheinungen der S. in Krankheiten beobachtet. So ruft die Erkrankung des einen Auges eine "sympathische" Affektion des andern hervor. Vorzugsweise schreibt man derartige Verbindungen dem Sympathikus zu. Andre Arten der Übertragung von Krankheiten, welche früher auch wohl unter den Gesichtspunkt der S. fielen, werden zur Metastase gerechnet. Vgl. Idiopathie und Sympathetische Kuren.

Sympathikus (sympathischer Nerv, Eingeweide- oder sympathisches Nervensystem), derjenige Teil des Nervensystems, welcher die unwillkürlichen Thätigkeiten des sogen. vegetativen Lebens regelt und so im Gegensatz zu dem animalen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) steht. Die zu ihm gehörigen Nerven verzweigen sich hauptsächlich an den Eingeweiden. Auch bei niedern Tieren findet sich vielfach ein S. vor, steht aber immer mit dem animalen Nervensystem an irgend einer Stelle in Zusammenhang. Letzteres ist auch bei den Wirbeltieren der Fall, doch wird die Verbindung nicht direkt mit dem Gehirn oder Rückenmark, sondern mit den Rückenmarksnerven getroffen. Zu beiden Seiten der Wirbelsäule (s. Tafel "Nerven des Menschen II", Fig. 5) verläuft nämlich je ein Strang, der sogen. Grenzstrang oder Stamm des S., welcher aus einer Kette von Ganglien besteht, von Wirbel zu Wirbel durch einen feinen Nerv mit dem benachbarten Rückenmarksnerv verbunden ist und mit dem Steißbeinknoten endet. Vom Grenzstrang gehen dann die peripherischen Nerven des S. aus und vereinigen sich in der Nähe der größern Eingeweide zu Geflechten, in welche, wie überhaupt in den Verlauf dieser Nerven, zahlreiche kleinere Ganglien eingelagert sind. Ein besonders großes Geflecht dieser Art ist der Plexus solaris, das Sonnengeflecht, das unmittelbar unter dem Zwerchfell liegt. Die Herznerven des S. entspringen bei den höhern Wirbeltieren vom Hals. Auch im Kopf liegen sympathische Ganglien und Geflechte, so z. B. in den Speichel- und Thränendrüsen. Die Endungen der sympathischen Nervenfasern in den von ihnen versorgten Organen (Herz-, Darm-, Harn-, Geschlechtswerkzeuge etc.) sind noch wenig bekannt. Gewöhnlich treten sie an die glatten Muskelfasern heran und veranlassen deren vom Willen unabhängige Zusammenziehungen. Da sie auch die Muskulatur in den Wandungen der Blutgefäße als sogen. Gefäßnerven (s. d.) innervieren, so verengern sie durch ihre Thätigkeit deren Weite und sind daher von großem Einfluß auf den Blutzufluß , somit auf die Ernährung der Organe.

Sympathisch (griech.), s. Sympathetisch.

Sympathische Färbung, s. Schutzeinrichtungen.

Sympathisieren (franz.), mit jemand gleich empfinden, gleiche Neigung haben.

Sympetalae (griech.-lat.), s. Monopetalen.

Symphonie (griech., ital. Sinfonia), ein in Sonatenform geschriebenes Werk für großes Orchester. Das griechische Symphonia ("Zusammenklang") ist im Altertum Bezeichnung für das, was wir jetzt Konsonanz der Intervalle nennen. Als zu Anfang des 17. Jahrh. in Florenz sich die Oper entwickelte, erhielt die (sehr kurze) Instrumentaleinleitung den Namen S., welcher jedenfalls auch schon den Instrumentalstücken der im Madrigalenstil komponierten Pastorales eigen war. Die S. entwickelte sich zunächst besonders in der neapolitanischen Oper. Ihre Vorgeschichte ist durchaus die der Ouvertüre (s. d.), welche bekanntlich außer in Frankreich auch den Namen S. weiterführte. Je ausgeführter ihre Form wurde, desto mehr eignete sie sich zum Vortrag als selbständiges Stück (sie wurde dann zur Kammermusik gerechnet, da Orchestermusik als deren Gegensatz noch nicht existierte); um die Mitte des vorigen Jahrhunderts begannen die Komponisten (Grétry, Gossec, Sammartini, Stamitz, Cannabich) besondere Symphonien für allmählich vergrößertes Orchester zu schreiben und trennten die drei bis dahin noch lose zusammenhängenden Teile der Ouvertüre. Haydn vollendete die Form durch Übertragung der indes durch D. Scarlatti und Ph. E. Bach entwickelten Form des Sonatensatzes, welcher seinerseits erst kurz vorher von der Ouvertüre den Gegensatz mehrerer Themen angenommen hatte; Haydn war es auch, der zwischen den langsamen und den Schlußsatz das Menuett einschob (ebenfalls im Anfchluß an die Sonate). Viel höher aber steht noch das Verdienst Haydns, die Orchesterinstrumente nach ihrer Klangfarbe individualisiert zu haben; damit hat er erst die S. zu dem gemacht, was sie heute ist. Was Mozart und besonders Beethoven hinzugebracht haben, ist hauptsächlich die Verschiedenheit ihrer eignen Natur: der jovialere Haydn scherzt und neckt in seinen Symphonien, der sinnige Mozart schwärmt, und der finstere, leidenschaftliche Beethoven grollt oder reißt mit sich fort. Zudem hat Beethoven das Orchester erheblich vergrößert (vgl. Orchester). Eine Neuerung von ihm ist auch die Ersetzung des Menuetts durch das Scherzo sowie in der neunten S. die Einführung des Chors und die Umstellung der Sätze Adagio und Scherzo, die seitdem mehrfach nachgeahmt wurde. Beethoven hat den Inhalt der S. im ganzen bedeutungsvoller, die tiefsten Tiefen des Seelenlebens ergreifend gestaltet, die einzelnen Sätze zu längerer Dauer ausgeführt und dem Finale statt der rondoartigen mehr eine an Form und Charakter dem ersten Satz nahekommende Gestalt gegeben. Die Symphoniker seit Beethoven haben die Form nicht mehr weiter zu entwickeln vermocht; nichtsdestoweniger würde es ein arger Fehlschluß sein, wollte man sie als ausgelebt ansehen; die Symphonien von Schumann, von Brahms und Raff beweisen, daß sie noch zur Füllung mit immer neuem Inhalt tauglich sein wird. Die symphonischen Dichtungen der neuesten Zeit (Berlioz, Liszt, Saint-Saëns) sind nicht eigentliche Fortbildungen der Form der S.; der Gedanke ist schon dadurch ausgeschlossen, daß sie eine eigentliche definierbare Form überhaupt nicht haben. Sie gehören zur Kategorie der sogen. Programmmusik (s. d.), deren wesentlichste Repräsentanten sie sind. Die Programmmusik ist aber eine gemischte Kunstform, deren Gestaltungsprinzipien nicht musikalischer, sondern poetischer Natur sind; in erhöhtem Maß gilt das natürlich von der S. mit Chören (Symphoniekantate, franz. Ode-symphonie), zu welcher Gattung Beethovens neunte S. nur bezüglich ihres letzten Satzes gehört.

Symphonische Richtung, s. Symphonie und Programmmusik.

Symphoricarpus Juss. (Schneebeere), Gattung aus der Familie der Kaprifoliazeen, Sträucher mit kurzgestielten, rundlichen oder eiförmigen, ganzrandigen Blättern, kleinen, weißen oder rötlichen Blüten in kurzen, achselständigen Trauben oder Ähren und eiförmiger oder kugeliger, zweisamiger Beere. Sechs

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Symphosius - Synandrisch.

nordamerikanische und mexikanische Arten, von denen S. racemosa Mich. in Nordamerika, mit weißen, sehr schwammigen Beeren, als Zierstrauch kultiviert wird.

Symphosius (Symposius), röm. Dichter aus dem 4. bis 5. Jahrh. n. Chr., Verfasser einer Sammlung von 100 Rätselgedichten von je drei ziemlich reinen Hexametern (bei Riese, "Anthologia latina", Bd. 1, Leipz. 1869, und Bährens, "Poetae latini minores", Bd. 4, das. 1882). Vgl. Paul, De Symposii aenigmatibus (Berl. 1854).

Symphysis (griech.), feste, knorpelige Verbindung zwischen zwei Knochen, z. B. S. ossium pubis, Schambeinfuge.

Symphytum L. (Schwarzwurzel, Beinwurzel, Beinwell), Gattung aus der Familie der Asperifoliaceen, ausdauernde, meist borstig behaarte Kräuter mit starken Wurzeln, abwechselnden, ganzen, manchmal am Stengel weit herablaufenden Blättern, daher geflügelten Stengeln, in Wickelähren gestellten, röhrenförmigen Blüten und glatten Nüßchen. Etwa 16 Arten in Europa, Nordafrika, Westasien. S. asperrimum Bieb., auf dem Kaukasus, mit stachlig behaarten Blättern und schönen, erst purpurnen, dann himmelblauen Blüten, findet sich als Zierpflanze in Gärten und ist als treffliches Viehfutter empfohlen worden. S. officinale L. (Schwarzwurz, Wallwurz), mit spindeliger, ästiger, außen schwarzer Wurzel, aufrechtem, 30-90 cm hohem, ästigem, steifhaarigem Stengel, runzeligen, rauhhaarigen, lang herablaufenden Blättern und gelblichweißen und violettroten Blüten, auf feuchten Wiesen, an Ufern der Flüsse im größten Teil von Europa, war früher offizinell. S. asperrimum (kaukasische Comfrey) wird als perennierende Futterpflanze gebaut; sie liebt einen warmen, zeitweise feuchten und fruchtbaren Lehmboden, eignet sich aber auch vorzüglich, vegetationsarme Landstrecken mit minder gutem Boden allmählich unter beschattende Pflanzendecke zu bringen. Sie liefert bereits im zweiten Jahr ihrer Anpflanzung vier starke Schnitte mit einem Gesamtertrag von 7500 kg pro Hektar. Der Nährwert des Krauts kommt dem des Klees sehr nahe. Dasselbe eignet sich nicht zur Heubereitung, liefert aber gutes Sauerfutter.

Symplegaden (Insulae Cyaneae), zwei kleine Felsen an der Mündung des Thrakischen Bosporus in den Pontus Euxinus, die der Sage zufolge früher fortwährend aneinander stießen und alle dazwischen hinsegelnden Schiffe zertrümmerten, bis sie seit der Argonautenfahrt auf des Orpheus Saitenspiel unbeweglich stehen blieben.

Symploke (griech., "Verknüpfung"), Wortfigur, die Verbindung von Anaphora und Epiphora (s. d.), z. B. bei Fragen, welche mit demselben Wort beginnen, und auf welche dieselbe Antwort erfolgt: Was ist der Thoren höchstes Gut? Geld! Was verlockt selbst den Weisen? Geld! Was schreit die ganze Welt? Geld!

Sympodium (Scheinachse), s. Stengel, S. 288.

Symposion (griech.), s. v. w. Trinkgelage (s. d.); auch Titel zweier Dialoge des Platon und Xenophon.

Symptom (griech.), Anzeichen, eine Erscheinung, aus deren Auftreten man schließt, wie etwas steht; insbesondere Krankheitszeichen, d. h. die Erscheinungsform, unter welcher sich eine Krankheit äußert. Gelbsucht ist z. B. das S., unter dem sich mannigfache Krankheiten des Darms oder der Leber äußern, Fieber ist S. sehr zahlreicher ansteckender Krankheiten. Aus der Deutung der Symptome ergibt sich die Diagnose. Symptomatologie, Lehre von den Krankheitssymptomen (s. Semiotik).

Symptomatische Mittel, s. Palliativ.

Synagoge (griech.), das Gotteshaus der Israeliten, wie es sich in und nach dem babylonischen Exil aus Versammlungen zur Feststellung aller Lebensverhältnisse nach und nach zum Bethaus ohne Opferkultus entwickelt hat, und dessen zur Zeit Esras teilweise schon eingeführte Gebetordnung noch heute die Grundlage des jüdischen Gottesdienstes bildet. In allen ansehnlichen Städten Judäas waren schon im 1. Jahrh. nach Esra Räumlichkeiten, wo allsabbatlich und an den Festtagen, später am zweiten und fünften Tag der Woche, den Markt- und Gerichtstagen, anfänglich in freier Auswahl, dann nach festgesetzter Reihenfolge ein Abschnitt aus dem Pentateuch und bald auch ein Prophetenabschnitt (Haftara) vorgelesen und in Gemeinschaft gebetet wurde. Auch außerhalb Palästinas, wo Jerusalem allein 480 Synagogen besessen haben soll, gab es viele und schöne Synagogen; als größte wird die in Alexandria erwähnt. Neben dem Bethaus befand sich oft das Lehrhaus; nicht selten wurde das höhere Studium in jenem selbst betrieben, was den Namen Judenschule für S. veranlaßte. Seit dem 5. Jahrh. fanden hinsichtlich der Anlegung und der Anzahl derselben vielfache beschränkende Gesetze statt. Die wesentlichsten Bestandteile jeder S. sind: dem Eingang gegenüber die die Gesetzrollen enthaltende heilige Lade (Aron Hakodesch), Repräsentant der ehemaligen Bundeslade; daneben ein Leuchter, dem siebenarmigen Leuchter des Tempels entsprechend; in der Mitte die Almemor oder Bimah genannte Estrade, für die Vorlesungen bestimmt, und das ewige Licht. Männer und Frauen sitzen gesondert. Zur Abhaltung der öffentlichen Andacht sind mindestens zehn über 13 Jahre alte männliche Israeliten erforderlich (Minjan). Die Gebete und biblischen Lektionen verrichtet der Vorbeter; Vorträge an Sabbaten und Festtagen hält der Rabbiner oder der Prediger. In neuerer Zeit hat die Orgel in vielen Synagogen Eingang gefunden und ist neben der hebräischen die Landessprache mehr in Aufnahme gekommen. - S. in anderm Sinn heißt zuweilen auch die Judenheit, als Gegensatz zur Christenheit (ecclesia). Die große S. (kenesseth hagdolah) nennen talmudische und rabbinische Quellen eine aus 120 Gelehrten bestehende Versammlung, welche unter dem Präsidium Esras die religiösen Angelegenheiten ordnete; geschichtlich ist aber darunter nur eine von Esra bis auf Simon den Gerechten (gestorben um 292 v. Chr.) reichende Thätigkeit der Schriftgelehrten, die sich auf Redaktion der biblischen Bücher, Feststellung und Weiterbildung des mündlich überlieferten Gesetzstoffes der Tradition, auf kulturelle Einrichtungen und Ähnliches bezog, zu verstehen.

Synalöphe (griech., "Verschmelzung"), die Vereinigung zweier Silben, namentlich in zwei aufeinander folgenden Wörtern, entweder durch die Krasis (s. d.) oder durch die Elision (s. d.).

Synandrae, Ordnung im natürlichen Pflanzensystem Brauns unter den Dikotyledonen, Sympetalen, mit regelmäßigen oder zygomorphen Blüten mit fünfgliederigen Blattkreisen, meist fünf Staubgefäßen, welche bald unter sich, bald mit dem Griffel, bald auch allein mit ihren Antheren verwachsen sind, und mit unterständigem Fruchtknoten, umfaßt die Familien der Kukurbitaceen, Kampanulaceen, Lobeliaceen, Goodeniaceen, Stylideen, Kalycereen und Kompositen. Im System Eichlers bilden diese Familien mit Ausnahme der Kompositen und Kalycereen die Reihe der Kampanulinen.

Synandrisch (griech.), Bezeichnung für Blüten mit verwachsenen Staubblättern.

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Synanthereen - Synesios.

Synanthereen, s. Kompositen.

Synantherin , s. Inulin.

Synaptas, s. Emulsin.

Synapte (Synapta), s. Holothurioideen.

Synäresis (Synizesis, griech.), in der Grammatik s. v. w. Kontraktion (s. d.).

Synarthrosis (griech.), unbewegliche Knochenverbindung durch die Naht, die Knorpelfuge (Synchondrosis oder Symphysis) und die Syndesmosis (feste Vereinigung durch Bänder).

Syncelli (griech. Synkelloi), in der griech. Kirche etwa seit dem 4. Jahrh. Hilfs- oder Hausgeistliche, Vertraute der Bischöfe.

Synchondrose (griech.), s. Knochen, S. 877.

Synchronismus (griech., "Gleichzeitigkeit"), in der Geschichte das Zusammentreffen verschiedener Begebenheiten in einem und demselben Zeitpunkt. Synchronistische Geschichtserzählung nennt man daher diejenige, in welcher die in dieselbe Zeit fallenden Begebenheiten unter verschiedenen Völkern und in verschiedenen Ländern nebeneinander fortschreitend dargestellt werden. Zum Studium der Geschichte dienen synchronistische Tabellen, d. h. Verzeichnisse, in denen in nebeneinander stehenden Kolumnen die Hauptbegebenheiten der Geschichte verschiedener Völker angeführt sind.

Syndaktylie (Daktylosymphysis, griech.), Verwachsung der Finger untereinander. Kommt angeboren vor und ist entweder so vollkommen, daß man nur am Skelett die einzelnen Finger getrennt erkennen kann, oder mehr oberflächlich, so z. B. daß eine Art Schwimmhaut die ersten Fingerglieder verbindet. Erworben wird S. nach Verbrennungen. Die Behandlung besteht in der operativen Trennung der Finger, oder sie sucht durch Dehnungen und Bewegungen narbige Verwachsungen beweglicher zu machen.

Syndesmologie (griech.), Bänderlehre, Teil der Anatomie (s. d.).

Syndesmose (griech.), s. Knochen, S. 877.

Syndikalkammern (franz. Chambres syndicales), in Frankreich früher die Vorstände verschiedener privilegierter Genossenschaften sowie von gewerblichen Vereinen und Verbänden, dann solche zur Förderung eigner und allgemein gewerblicher Interessen gebildete genossenschaftliche Verbände selbst. 1791 verboten, bildete sich doch unter stillschweigender gesetzlicher Anerkennung eine große Anzahl solcher Verbände, welche 1883 auch formell gesetzlich anerkannt und geregelt wurden. Insbesondere bildeten sich nach Aufhebung des Koalitionsverbots (1864) auch viele S. von Arbeitern mit ähnlichen Einrichtungen und Zwecken wie die englischen und deutschen Gewerkvereine. Vgl. Lexis, Gewerkvereine und Unternehmerverbände in Frankreich (Leipz. 1879).

Syndikat, s. Syndikus.

Syndikatsverbrechen, s. Beugung des Rechts aus Parteilichkeit.

Syndikus (griech.), der von einer Korporation (Stadtgemeinde, Stiftung, Verein, Aktiengesellschaft) zu Besorgung ihrer Rechtsgeschäfte aufgestellte Bevollmächtigte. Die dem S. zu erteilende Vollmacht heißt Syndikat. Letzteres Wort wird auch gebraucht für ein Konsortium (s. d.), welches sich bildet, um eine Börsenoperation etc. durchzusühren. Syndi-katsklage, Klage auf Entschädigung gegen den Richter, welcher absichtlich oder infolge groben Versehens ein ungerechtes Urteil fällte. Vgl. Kronsyndikus.

Synechie (griech.), krankhafte Verwachsung.

Synedrion (griech., neuhebr. sinhedrin und sanhedrin) oder großes S. hieß die höchste, in der zweiten Hälfte des jüdischen Staatslebens, nach dem Muster der großen Synode und des biblischen 70-Ältestenkollegiums mit Bezug auf das 5. Mos., 17, 9 bezeignete Obergericht, zu Jerusalem konstituierte, aus 71 Richtern bestehende Rechtsbehörde in Staats-, Rechte- und Religionssachen, welcher das aus 23 Richtern zusammengesetzte kleine S. und das Dreimännergericht untergeordnet waren. Den Vorsitz im S. führte der vom Richterkollegium zu wählende Oberpräsident (Nassi) und Gerichtspräsident (Ab-bet-din), als dessen Stellvertreter die zwei Schreiber galten. Während unter den Makkabäern das S. weltliche und geistliche Machtbefugnis hatte, ward ihm unter Herodes die politische, unter den Römern die richterliche Gewalt entzogen, so daß es zu einer Art kirchlicher Synode wurde.

Synekdoche (griech., "Mitverstehen"), rhetor. Figur, durch welche etwas Allgemeines durch ein Besonderes, namentlich ein Abstraktes durch ein Konkretes, die Gattung durch eine Art, das Ganze durch einen seiner Teile, die Vielheit durch ein Einzelnes etc. oder auch umgekehrt veranschaulicht wird. Sie sagt z. B. "der Römer" für die Römer, "Kiel" für Schiff, "Jugend" für junge Leute, "Eisen" für Schwert etc.

Synepheben (griech.), Jugendgenossen.

Synergiden, s. Embryosack, S. 598.

Synergismus (griech.), die dogmatische Ansicht, wonach der Mensch zu seiner Bekehrung "mitwirken" müsse. Einst hatte Augustinus im Gegensatz zum Pelagianismus (s. d.) und Semipelagianismus (s. d.) alle derartige Mitwirkung verworfen, und dieser Ansicht folgte Luther, während Melanchthon den Anteil der menschlichen Willenskraft je länger, desto bestimmter in die erhaltene Fähigkeit setzte, der göttlichen Gnadenwirkung zuzustimmen. Dieselbe Vorstellung war in das Leipziger Interim übergegangen, und mehrere Theologen, darunter V. Strigel (s. d.), begünstigten sie. Aber erst seitdem Joh. Pfeffinger (s. d.) in Leipzig ("De libero arbitrio", 1555) sich für dieselbe erklärt hatte, begannen Amsdorf und Flacius zu Jena 1558 den sogen. synergistischen Streit. Die Wittenberger nahmen für Pfeffinger Partei, während der herzogliche Hof im sogen. Konfutationsbuch (1559) eine offizielle Widerlegung des S. veröffentlichte und die Verteidiger des letztern, Strigel und Hügel, 1559 gefangen setzen ließ. Bald aber schlug die Hofgunst um, zumal als 1560 in der Disputation zu Weimar Flacius die Erbsünde geradezu für die Substanz des Menschen erklärte. Jetzt wurde Strigel 1562 wieder eingesetzt, dagegen 40 dem Flacius anhängende Prediger abgesetzt. Aber unter dem 1567 zur Regierung gelangten Herzog Johann Wilhelm von Weimar änderte sich die Lage der Dinge abermals: durch eine allgemeine Kirchenvisitation wurden die Überreste ebensowohl des Strigelschen S. als des Flacianischen Manichäismus unterdrückt, und die Konkordienformel (s. d.) verdammte beides.

Synergus, s. Gallwespen.

Synesios, neuplaton. Philosoph, geb. 375 n. Chr. zu Kyrene, studierte in Alexandria als Schüler und Freund der Hypatia (s. d.) die neuplatonische Philosophie, trat um 408 zur christlichen Kirche über, ward 410 Bischof zu Ptolemais, starb aber schon 415. Seine philosophischen Ansichten, die er auch als Christ beibehielt, legte er in Reden, Briefen, Hymnen und andern Schriften nieder. Er verrät darin mannigfaltige Kenntnisse, große Belesenheit und Scharfsinn und gute, gewählte Diktion. Die beste Gesamtausgabe seiner Werke ist von Petavius

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Synesis - Synopsis.

(Par. 1631, zuletzt 1640); eine kritische Ausgabe der Reden und Homilien besorgte Krabinger (Landsh. 1850), der Hymnen Flach (Tübing. 1875). Vgl. Volkmann, S. von Kyrene (Berl. 1869).

Synesis (griech.), Sinn, Verstand; vgl. Sensus.

Synezeugmenon (griech.), s. v. w. Zeugma.

Syngenesia (griech.), 19. Klasse des Linneschen Systems, Pflanzen enthaltend, deren Antheren miteinander zu einer Röhre verwachsen sind, der Familie der Kompositen entsprechend. Daher Syngenesisten, s. v. w. Kompositen.

Syngramma Suevicum. Name der von Brenz (s. d.) verfaßten, von Schnepf (s. d.) und zwölf andern schwäbischen Geistlichen unterschriebenen Gegenschrift gegen das Buch des Ökolampadius: "De genuina verborum domini (hoc est corpus meum) expositione", welches das Wort "Leib" als das "Zeichen des Leibes" fassen wollte.

Synizesis (griech.), s. Synäresis.

Synkarp (griech.), in der Botanik ein Gynäceum, dessen einzelne Karpelle durch Einschlagen ihrer Ränder völlig geschlossen sind und miteinander verwachsen; der Fruchtknoten besitzt in diesem Fall so viel Fächer, wie Karpelle vorhanden sind.

Synklinale (griech.), s. Antiklinale.

Synkope (griech.), in der Grammatik die Verkürzung eines Wortes um eine mittlere Silbe (z. B. ewiger statt ewiger etc.); in der Musik die Zusammenziehung des unbetonten Taktteils mit dem nachfolgenden betonten zu einer einzigen Note; in der Medizin s. v. w. plötzliche Entkräftung, Ohnmacht.

Synkrasis (griech.), Vermischung.

Synkratie (griech., "Mitherrschaft"), im Gegensatz zur Autokratie diejenige Art der Staatsverfassung, nach welcher das Volk durch seine Vertreter an der Regierung einen gewissen Anteil nimmt.

Synkretismus (griech.), die ausgleichende Vereinigung streitender Parteien, Sekten, Systeme etc. durch Abschwächung der trennenden Gedanken sowie durch Aufstellung von Lehrsätzen, die jeder nach seiner Meinung deuten kann; insbesondere seit 1645 die unionistische Theologie des Georg Calixtus (s. d.), daher die Kontroverse mit ihm als synkretistischer Streit bekannt ist.

Synodalverfassung, s. Presbyterial- und Synodalverfassung.

Synode (griech.), Versammlung in kirchlichen Angelegenheiten, also s. v. w. Konzilium (s. d.). Diözesansynode (synodus dioecesalis) heißt eine S., welche ein Bischof mit den ihm untergebenen Pfarrern, Provinzialsynode (synodus provincialis) eine solche, welche ein Erzbischof mit seinen Bischöfen abhält, Nationalsynode oder allgemeine S. (synodus universalis oder nationalis) eine solche, zu der die gesamte Geistlichkeit eines Landes unter Vorsitz eines päpstlichen Legaten zusammentritt, um wichtige, die kirchlichen Angelegenheiten betreffende Fragen zu erledigen. In der protestantischen Kirche sind die Synoden die Organe der kirchlichen Selbstverwaltung und Vertretungskörper der Kirchengenossen gegenüber dem landesherrlichen Kirchenregiment. Diesen Synoden ist ein Mitwirkungsrecht bei der kirchlichen Gesetzgebung und Verwaltung eingeräumt. Nach der Kirchengemeinde- und Synodalordnung für die östlichen Provinzen Preußens vom 10. Sept. 1873 umfaßt der Kreissynodalverband (Kirchenkreis) regelmäßig eine Diözese, ausnahmsweise auch mehrere kleinere Diözesen. Die Kreissynode besteht aus sämtlichen innerhalb des Kirchenkreises ein Pfarramt definitiv oder vikarisch verwaltenden Geistlichen und der doppelten Zahl der durch die vereinigten Gemeindeorgane auf drei Jahre gewählten Mitglieder (Synodalen). Die eine Hälfte dieser gewählten Synodalen wird aus den dermaligen oder frühern Kirchenältesten, die andre Hälfte von den an Seelenzahl stärkern Gemeinden aus den angesehenen, kirchlich erfahrenen und verdienten Männern des Synodalkreises gewählt. Die Kreissynoden einer Provinz bilden den Verband der Provinzialsynoden, deren Mitglieder teils erwählt, teils landesherrlich ernannt werden. Die Generalsynode aber setzt sich aus 150 von den Provinzialsynoden, 6 von den evangelisch-theologischen Fakultäten aus ihrer Mitte gewählten, 30 vom König ernannten Mitgliedern und den Generalsuperintendenten zusammen (Generalsynodalordnung vom 20. Jan. 1876). In der Provinz Hannover bestehen Bezirkssynoden und eine Landessynode; in Schleswig-Holstein Propsteisynoden und eine Gesamtsynode; in Baden, Bayern und Württemberg Diözesansynoden und eine Landessynode, und zwar in Bayern für das rechtsrheinische und für das linksrheinische Staatsgebiet je eine Landessynode. In Oldenburg sind Kreissynoden und eine Landessynode, in Hessen Dekanatssynoden und eine Landessynode eingerichtet; im Königreich Sachsen, in Anhalt, Braunschweig, Sachsen-Weimar und Sachsen-Meiningen bestehen nur Landessynoden. Für die Wahrnehmung der laufenden Geschäfte sind, während die S. nicht versammelt ist, in der Regel die Synodalvorstände oder Synodalausschüsse (Synodalräte) berufen (s. Presbyterial- und Synodalverfassung). Vgl. Kähler, Visitation und S. (Gotha 1886).

Synodische Umlaufszeit, die Zeit zwischen zwei aufeinander folgenden gleichnamigen Konjunktionen eines Planeten mit der Sonne; synodischer Monat, die Zeit von einer Konjunktion von Sonne und Mond bis zur nächsten (von einem Neumond bis zum folgenden).

Synonymen (griech.), gleichbedeutende oder sinnverwandte Wörter. Meist stehen die durch solche Wörter ausgedrückten Begriffe als Unterarten unter einem höhern, und man gebraucht sie als gleichbedeutend, indem man hier einzelne Merkmale nicht beachtet, dort dieselben sich hinzudenkt. Im Interesse der Deutlichkeit und Bestimmtheit des Ausdrucks hat man aber das Bedürfnis gefühlt, die Bedeutung der S. festzustellen, wodurch die Wissenschaft der Synonymik entstanden ist, die vorzüglich auf einer richtigen Kenntnis und feinen Beobachtung des Sprachgebrauchs beruht. Im Sammeln und Erläutern der S. ist man erst in neuerer Zeit zu einem befriedigenden Resultat gelangt. Namentlich sind die S. der lateinischen Sprache von Dumesnil, Haase, Ernesti, Ramshorn, Döderlein, Habicht, Lübker, Schmalfeld und Schultz, die der deutschen Sprache von Aug. Eberhard, Meyer, K. Weigand und Dan. Sanders behandelt worden.

Synonymie (griech.), Sinnverwandtschaft der Wörter; rhetorische Figur, nach welcher eine Häufung von Synonymen zur nachdrücklichen Hervorhebung des Gedankens angewendet wird, wie Cicero von Catilina spricht: "Abiit, excessit, evasit, erupit".

Synopsis (griech.), zusammenfassender Überblick, übersichtliche Zusammenstellung verschiedener denselben Gegenstand betreffender Schriften; insbesondere S. der Evangelien, die Zusammenstellung derjenigen Stellen der drei ersten Evangelien, worin dasselbe in mehr oder minder gleicher Weise berichtet

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Synoptisch - Synthetische Sprachen.

wird (s. Evangelium, S. 948). Synopsen der letztern Art lieferten Griesbach, De Wette, Lücke, Planck, Matthäi, Friedlieb, Anger, Tischendorf, Schulze, Sevin. Vgl. Holsten, Die synoptischen Evangelien (Heidelb. 1886).

Synoptisch (griech.), übersichtlich, kurzgefaßt.

Synoptische Karten, Wetterkarten, welche die gleichzeitig über einem großen (Gebiet herrschende Witterung darstellen. Dieselben werden nach den an einen Zentralort telegraphisch eingesandten Witterungsnachrichten zusammengestellt. Für Deutschland geschieht das von der deutschen Seewarte (s. d.) in Hamburg, und zwar werden bei der Zeichnung dieser Karten diejenigen Depeschen zu Grunde gelegt, welche von einer größern Anzahl von Orten täglich eintreffen und die Witterung des Morgens 8 Uhr, von einzelnen Hauptstationen außerdem auch noch die Nachmittags 2 Uhr angeben. Das Gebiet, aus welchem die deutsche Seewarte ihre Morgentelegramme erhält, erstreckt sich nach Westen bis nach der Westküste von Irland, nach Süden bis Corsica und Süditalien, nach Osten bis Moskau und nach Norden bis Bodö, nördlich vom Polarkreis. Ganz besonders wertvoll werden die synoptischen Karten für das Studium der Witterungsveränderungen und sind daher für das Aufstellen von Wetterprognosen (s. d.) ganz unentbehrlich (s. Meteorologie).

Synostosis (griech.), Knochenverbindung durch Knochensubstanz, Knochenverwachsung.

Synovia (griech.), Gelenkschmiere, s. Gelenk.

Synovialhaut, s. Gelenk.

Synovitis, s. Gelenkentzündung.

Syntagma (griech.), Sammlung mehrerer Schriften oder Aufsätze verwandten Inhalts, dann überhaupt eine Zusammenstellung verschiedener Bemerkungen; im altgriechischen Heer eine Abteilung von etwa 250 Mann (s. Phalanx); im Neugriechischen s. v. w. Verfassung.

Syntax (griech.), die Lehre von der Verbindung der Wörter zu Sätzen, also die Satzlehre, bildet neben der Formenlehre als dem ersten den zweiten Hauptteil der Grammatik. Obwohl sich über die naturgemäße Ordnung der Worte, wie sie das innere oder logische Verhältnis der in die Rede aufgenommenen Vorstellungen verlangt, allgemeine Grundsätze aufstellen lassen, deren Inbegriff die allgemeine S. bilden würde, so macht doch der eigentümliche Bau der einzelnen vorhandenen Sprachen für eine jede derselben eine besondere S. nötig, die wiederum in zwei Hauptteile, die Rektionslehre und die Topik oder Lehre von der Wortfolge, zerfällt. Die Begründung der vergleichenden Sprachwissenschaft hat dann auch zu einer historischen und vergleichenden Betrachtungsweise der S. Veranlassung gegeben. Die historische S. geht darauf aus, die Entwickelung und Umbildung der S. in einer und derselben Sprache zu verfolgen; die vergleichende S. hat die Geschichte der S. in mehreren Verwandten Sprachen zum Gegenstand. Vgl. Dräger, Historische S. der lateinischen Sprache (2. Aufl., Leipz. 1878-81, 2 Bde.); Delbrück und Windisch, Syntaktische Forschungen (Halle 1871-88, Bd. 1-5); Jolly, Ein Kapitel vergleichender S. (Münch. 1872).

Synthema (griech.), alles, was auf Verabredung beruht; eine in verabredeten Zeichen bestehendeSchrift; daher Synthematographie, die Kunst, mit solchen Zeichen in die Ferne zu korrespondieren.

Synthesis (griech., Synthese), Zusammenstellung, Verknüpfung (im Gegensatz zur Analysis, d. h. Zerlegung, Trennung), insbesondere die Verbindung von Vorstellungen und Begriffen untereinander, wie sie in der Auffassung der sinnlichen Erscheinungen stattfindet, insofern hierbei die Mannigfaltigkeit der wahrgenommenen Merkmale in eins zusammenfließt. Hiernach versteht man unter einer synthetischen Erklärung eine solche, bei welcher sich der Begriff aus dem zusammenfassenden Denken ergibt, indem seine Merkmale vorher bekannt sind und auch die Art ihrer Verknüpfung nicht zweifelhaft ist. Ein synthetisches Urteil ist ein solches, dessen Prädikat nicht mit dem Subjektsbegriff schon gegeben ist, wie z. B. in dem Urteil: alle Körper nehmen einen Raum ein, sondern als eine neue Bestimmung zu jenem hinzutritt, wie in dem Urteil: jeder Veränderung liegt eine Ursache zu Grunde. Ist dabei das Urteil von der Erfahrung abhängig, so wird es (mit Kant) S. a posteriori, im entgegengesetzten Fall S. a priori genannt. Analog ist die Unterscheidung der synthetisch (progressiv) und analytisch (regressiv) gebildeten Schlußreihen, insofern man entweder von gewissen Prämissen aus fortschreitend Folgerungen zieht, oder rückwärts zu den letzten Gründen zu gelangen sucht. Ebenso versteht man unter synthetischer Methode diejenige, bei welcher, von den Prinzipien ausgehend, die Folgerungen entwickelt, unter analytischer Methode dagegen diejenige. bei welcher die Prinzipien aus den Thatsachen abgeleitet werden. - S. heißt auch die Darstellung chemischer Verbindungen aus den Elementen oder aus einfachern Verbindungen durch Einführung von Atomen oder Atomgruppen. Die S. besitzt als Untersuchungsmethode neben der Analyse (s. d.) eine große Bedeutung für die Chemie und feierte den ersten Triumph 1828, als Wöhler den Harnstoff aus den Elementen darstellte. Diese große Entdeckung blieb aber ganz vereinzelt, bis Berthelot auf die Wichtigkeit der S. für die organische Chemie hinwies. Seitdem wurden durch S. unter anderm erhalten: Essigsäure, Ameisensäure, Alkohol, Benzol, Kreatin, Guanidin, Krotonsäure, Senföl, Cholin, Vanillin, Pikolin, Indigo, Muskarin, Coniin etc., auch wurden Methoden ausgearbeitet zur S. ganzer Körpergruppen, wie der Alkohole, Phenole, Aldehyde, Säuren, Basen etc. Von besonderm Interesse ist die S. solcher Verbindungen, welche im Organismus durch den Lebensprozeß gebildet werden, weil die künstliche Darstellung dieser Substanzen lehrt, daß in den lebenden Organismen dieselben Gesetze walten wie in der sogen. toten Natur. Auch für die Praxis haben die Erfolge der S. hohe Bedeutung und dürften solche in Zukunft noch mehr gewinnen. Alizarin, Vanillin, Indigo und Senföl werden künstlich dargestellt und spielen bereits neben dem Krapp, der Vanille, den aus der Indigopflanze und den Senfsamen gewonnenen Produkten eine Rolle in der Industrie. Man hat auch schon synthetisch gewonnenen Alkohol auf den Industrieausstellungen gezeigt, und da man von der Ameisensäure und Essigsäure leicht zur Stearin- und Palmitinsäure gelangen kann, da anderseits auch Glycerin durch S. darzustellen ist und die genannten Säuren mit dem Glycerin sich leicht zu Fetten vereinigen lassen, so ist die Möglichkeit der Gewinnung von Fett ohne Pflanzen und Tiere gegeben. Die moderne Chemie wendet die S. hauptsächlich an, um über die Konstitution der Verbindungen Aufschluß zu erhalten.

Synthetische Sprachen, seit A. W. Schlegel Bezeichnung für solche Sprachen, in denen die grammatischen Verhältnisse, wie z. B. im Latein und Griechischen, vorherrschend auf dem Weg der Flexion gebildet werden, im Gegensatz zu den analytischen

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Syntonine - Syphilis.

Sprachen (s. d.), wie Französisch, Italienisch, Deutsch, in welchen zum gleichen Zweck meistens mit Artikeln, Hilfszeitwörtern etc. zusammengesetzte Ausdrücke angewendet werden.

Syntonine, s. Proteinkörper.

Syphax, König der Massäsylier im westlichen Numidien, ward im zweiten Punischen Krieg von Scipio 207 v. Chr. für die Sache Roms gewonnen, aber bald darauf dadurch, daß Hasdrubal ihm seine dem Masinissa verlobte Tochter Sophonisbe (s. d.) zur Gattin gab, wieder auf die Seite der Karthager gezogen. Er führte den Krieg gegen Scipio anfangs nicht ohne Glück, ward aber 203 erst von Scipio, dann im eignen Land von Lälius und Masinissa geschlagen und gefangen genommen. Er starb als Gefangener in Tibur, nachdem er vorher (wie von Polybius und Tacitus berichtet, aber von Livius bestritten wird) im Triumph des Scipio aufgeführt worden war.

Syphilid, jeder infolge allgemeiner Syphilis auftretende Hautausschlag.

Syphilis (griech., Lustseuche, Venerie, Franzosenkrankheit, lat. Luës, Morbus gallicus), die wichtigste der ansteckenden Geschlechtskrankheiten, da sie nicht allein örtliche, auf die Stelle der Ansteckung beschränkte Veränderungen herbeiführt, sondern sich auf dem Weg der Lymph- und Blutbahn dem ganzen Körper mitteilt und so zu einer Konstitutionskrankheit wird. Der krankmachende Stoff (virus syphiliticum) ist seinem Wesen nach noch nicht erforscht; man vermutet, daß es eine Bakterienart sei, hat auch schon eine Reihe von Syphilisbacillen aufgefunden, welche mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit als Ursache der S. bezeichnet wurden, allein sichere Ergebnisse sind bisher noch nicht gewonnen. Am meisten ist es wohl die Ähnlichkeit der syphilitischen Gewebsveränderungen mit denen, welche durch die Tuberkelbacillen hervorgebracht werden, welche den Gedanken an eine ähnliche bacilläre Ursache immer wach erhält, und vor allem die Analogie mit andern ansteckenden Krankheiten, bei denen in den letzten Jahren die Bacillen tatsächlich aufgefunden sind. Die S. würde alsdann in die Gruppe der Wundinfektionskrankheiten einzureihen sein. Die Übertragung findet nur von Mensch zu Mensch statt, Tiere leiden nicht an S., die Luft überträgt den Ansteckungsstoff nicht. Der Hergang der Ansteckung wird in der Regel der Fälle so vermittelt, daß a) ein mit syphilitischem Geschwur (Schanker) an der Haut oder Schleimhaut behaftetes Individuum etwas von dem Wundsekret dieses Geschwürs in eine kleine Schrunde der Haut eines bis dahin nicht syphilitischen Individuums überträgt, worauf sich an dieser Stelle ein primäres Schankergeschwür entwickelt. Diese Art der Übertragung vollzieht sich gewöhnlich beim Beischlaf an den Genitalien, kann aber auch von syphilitischen Geschwüren der Lippen, der Finger etc. aus erfolgen; b) durch Überimpfung von Blut und Lymphe eines an konstitutioneller S. leidenden Menschen in eine Wunde eines andern; c) durch Übertritt des Gifts vom Blut einer syphilitischen Mutter auf das in ihrem Uterus sich entwickelnde Kind. Die Krankheitserscheinungen sind 1) primäre oder örtliche, an der Stelle der stattgehabten Ansteckung sich entwickelnde Entzündungen und Geschwürsbildung; 2) sekundäre, durch Aufnahme des Gifts in den Körper bedingte Allgemeinerscheinungen. Manche Ärzte unterscheiden auch wohl als 3) tertiäre S. solche Erkrankungen, welche noch jahrelang nach der Ansteckung in verschiedenen innern Organen beobachtet werden; da diese späten Nachschübe meist an Leber, Nieren, Gehirn vorkommen, so hat man sie auch als Eingeweide-S. (viscerale S.) bezeichnet. Die primäre S. ist eine entzündliche Zellenwucherung, welche, an der Impfstelle langsam wachsend, einen etwa bohnengroßen Knoten hervorbringt, welcher sich derb anfühlt und als Gummigeschwulst im Sinn Virchows aufzufassen ist. Die Zellen dieses Knotens zerfallen fettig, die dünne bedeckende Hautschicht wird abgestoßen, nach 4-6 Wochen ist aus ihm ein Geschwür, der harte Schanker, entstanden. Als hartes, induriertes Geschwür wird es bezeichnet im Gegensatz zu einfachen, nicht auf S. beruhenden Hautgeschwüren, welche nicht immer ihrem Namen "weicher Schanker" entsprechen und daher leicht zu Verwechselungen Anlaß geben; die Frage, welche von beiden Geschwürsformen vorliegt, wird oft erst durch die spätern Folgezustände sicher entschieden. Während bei einfachen Geschwüren der Verlauf meist ein schneller ist, das Geschwür bei guter Reinhaltung rasch heilt, höchstens zur Bildung schmerzhafter Schwellungen der Leistendrüsen führt, so stellt sich beim syphilitischen Geschwür langsame schmerzlose Schwellung der Nachbardrüsen ein, welche den Übertritt des Gifts ins Blut anzeigt und nun die sekundären Erscheinungen einleitet; man nennt diese geschwollenen Lymphdrüsen indolente Bubonen. In ihrem nun folgenden sekundären Stadium, in welchem der Körper mit dem Gift als durchseucht gedacht wird (daher konstitutionelle S.), treten gewöhnlich etwa zwei Monate nach der Ansteckung sehr mannigfache Hautausschläge auf, welche in Form von Flecken, Knötchen, Schuppenwucherung, nässenden Entzündungen auftreten und als Syphilid en zusammengefaßt werden. Sie verursachen höchst selten das Gefühl von Brennen und Jucken und treten in der Kälte deutlicher hervor als in der Wärme. Die häufigste Form ist ein rotfleckiger Ausschlag (Roseola syphilitica), welcher in Gestalt von halblinsengroßen, runden, geröteten Flecken auf der Haut des Gesichts, am Rumpf und an den Extremitäten auftritt. Nach längerm Bestehen bekommen die Flecke ein schmutzig braun-rotes Ansehen und verschwinden endlich mit schwach kleienförmiger Abschelferung der Oberhaut. Eine andre Ausschlagsform ist der Lichen syphiliticus, bestehend aus kupferroten, nicht juckenden Knötchen, die vereinzelt oder in Gruppen auftreten und an den verschiedensten Körperstellen vorkommen. Die Psoriasis syphilitica (Schuppenausschlag) besteht in einer reichlichen kleienartigen Abschelferung der Epidermis, die auf mehr oder weniger dicht stehenden, geröteten Hautflecken stattfindet. Die Psoriasis syphilitica hat die Eigentümlichkeit, daß sie die Kniee und Ellbogen (wo die nicht syphilitische Psoriasis am häufigsten vorkommt) immer verschont und dagegen sehr gern an den Handtellern und an der Fußsohle sich zeigt, die ihrerseits von nicht syphilitischen Schuppenausschlägen fast ausnahmslos verschont bleiben. Das pustulöse, aus Eiterbläschen bestehende Syphilid (Ecthyma syphiliticum) befällt namentlich den behaarten Kopf und das Gesicht. Aus den beim Kämmen der Haare etc. zerkratzten Pusteln entstehen zuweilen tiefe Geschwüre mit gerötetem Hof, welche äußerst hartnäckig sind. Seltener als die genannten Hautausschläge kommen die blasen- und bläschenförmigen Syphiliden vor. Die Blasen hinterlassen nach ihrem Zerplatzen oder Eintrocknen einen Schorf, unter welchem sich ein Geschwür entwickelt (Schmutzflechte, Rupia syphilitica). Große Blasen kommen bei neugebornen Kindern als Zeichen angeborner S. häufig, bei Erwachsenen um so seltener vor (Pemphi-

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Syphilom - Syracuse.

gus syphiliticus. s. Tafel "Hautkrankheiten", Fig. 3). Außer diesen Ausschlägen kommen auch in der Haut wirkliche Gummiknoten vor, namentlich im Gesicht und an der Stirn, wo sie als Corona Veneris bezeichnet werden. Alle diese syphilitischen oder gummösen Entzündungsknoten, gleichviel ob sie in der Haut als derbe rote Knoten oder in den Schleimhäuten als dicke Wucherungen auftreten, oder ob sie in der Iris, in Leber, Nieren oder Gehirn, Knochenhaut oder Knochenmark mehr als flache Geschwülste oder große Knoten hervorwuchern, sie alle haben eine gleiche Struktur wie der primäre Schankerknoten, sie bestehen aus weichem Bindegewebe und können 1) bei geeigneter Behandlung verfetten und so völlig zurückgebildet werden, oder 2) sie können, wenn sie oberflächlich liegen, geschwürig zerfallen, und 3) sie bilden sich teilweise zurück, teilweise schrumpfen sie und hinterlassen derbe, strahlige, weiße oder gefärbte Narben. Durch diese große Mannigfaltigkeit in der äußern Erscheinung der S. ist es bedingt, daß nahezu in jedem Organ Erkrankungen vorkommen, welche durch gewisse Eigentümlichkeiten als spezifisch syphilitische erkannt werden. Es gibt an der Regenbogenhaut des Auges eine zu Verwachsungen führende Entzündung (Iritis syphilitica, s. Tafel "Augenkrankheiten" , Fig. 5), es gibt im Kehlkopf gummöse Neubildungen, welche große, strahlige Narben hinterlassen (s. Tafel "Halskrankheiten", Fig. 3); an den Knochen kommen sowohl knöcherne Auswüchse (Exostosen) als Defektbildungen, eine Art von Knochenfraß (Caries sicca) vor, welche durch bohrende Schmerzen (dolores osteocopi) ausgezeichnet sind. In der Leber bringt die S. Narben hervor, durch welche das Organ in unregelmäßige Lappen eingeteilt wird (hepar lobatum), in der Nase führen syphilitische Geschwüre zur Bildung stinkender Borken (Ozaena syphilitica) und Einfallen der Nase; im Gehirn und Rückenmark können Lähmungen aller Art durch gummöse Knoten entstehen; an der Haut wuchern warzige Gebilde (Feigwarzen, Kondylome) mit breiter Basis und höckeriger Oberfläche hervor; in den Lungen kann die S. eine besondere Art der Schwindsucht bedingen, und endlich kommen im Herzen Geschwülste, im Darm Geschwüre vor, welche der S. zuzuschreiben sind. Personen, welche an konstitutioneller S. leiden, erleben oft viele Jahre hindurch immer neue Organerkrankungen, so daß sie schließlich an Erschöpfung, nicht selten unter allgemeiner Amyloidentartung zu Grunde gehen. Die Behandlung richtet sich zunächst auf die Behandlung des primären Geschwürs. Dieses heilt bei gründlicher Reinhaltung, event. unter gleichzeitiger Anwendung von Quecksilber ohne Schwierigkeit. Die konstitutionelle S. wird mit richtiger und frühzeitiger Anwendung von Quecksilber in Form von Einreibung von grauer Quecksilbersalbe oder subkutaner Einspritzung von Sublimat (Lewin) oder innerlicher Darreichung von Kalomel (Ricord) oft vollständig geheilt. Bei veralteter S. sind Jodkalium, der Gebrauch von Schwefelbädern, wie Aachen, Nenndorf und andern warmen Bädern, von guter Wirkung. Die S. ist von den Eltern auf die Kinder übertragbar. Frauen, welche zur Zeit der Konzeption bereits an sekundärer S. leiden oder auch erst während der Schwangerschaft syphilitisch werden, bringen fast immer unreife, tote Früchte durch Abortus oder Frühgeburt zur Welt. In andern Fällen wird das Kind zwar ausgetragen, stirbt aber bei oder kurz nach der Geburt ab. Nur selten wird das Kind einer syphilitischen Mutter längere Zeit am Leben erhalten. In diesem Fall sind entweder schon gleich bei der Geburt Symptome der S. an dem Kind vorhanden, oder die S. ist noch latent, und die Symptome derselben treten erst nach Wochen oder Monaten hervor. Die meisten der Kinder mit angeborner S., welche am Leben bleiben, haben die Krankheit von dem zur Zeit der Zeugung syphilitischen Vater geerbt. Es ist sicher konstatiert, daß die S. vom Vater auf das Kind übergehen kann, ohne daß die Mutter syphilitisch infiziert ist oder von dem kranken Kind, welches sie in ihrem Schoß birgt, infiziert wird. Auch die von einem syphilitischen Vater herstammende vererbte S. verrät sich in manchen Fällen gleich bei der Geburt durch deutliche Zeichen, während in andern erst später charakteristische Störungen auftreten. Die erstere Gruppe von Fällen bietet für die Behandlung wenig Aussicht, meistens gehen die Kinder, namentlich wenn schwere Knochenleiden oder Pemphigus vorhanden sind, zu Grunde. Dagegen hat die Behandlung der angebornen, aber anfangs latent gebliebenen S. günstige Erfolge aufzuweisen. Gewöhnlich gibt man den Kindern kleine Dosen Kalomel oder läßt Sublimatbäder anwenden. Dabei muß man die Kräfte des Kindes durch Zufuhr einer möglichst zweckmäßigen Nahrung (Muttermilch) aufrecht erhalten. Dem syphilitischen Kind eine Amme zu geben, ist nicht rätlich, weil letztere der Gefahr der Ansteckung ausgesetzt ist. Die S. erregte zuerst am Ende des 15. Jahrh. als Franzosenkrankheit (Morbus gallicus) die Aufmerksamkeit der Ärzte und richtete bei den damaligen Sitten und der Unkenntnis über ihre zweckmäßige Behandlung furchtbares Unglück an. Der Name S. ist zuerst von dem Italiener Fracastoro (1521; vgl. dessen "S. oder gallische Krankheit", deutsch, Leipz. 1880) gebraucht worden. Vgl. Ricords Vorlesungen über S. (übersetzt von Gerhard, Berl. 1848); v. Bärensprung, Die hereditäre S. (das. 1864); Geigel, Geschichte, Pathologie und Therapie der S. (Würzb. 1867); Lewin, Die Behandlung der S. mit subkutaner Sublimatinjektion (das. 1869); Zeißl, Pathologie und Therapie der S. (5. Aufl., Stuttg. 1888); Weil, Über den gegenwärtigen Stand der Lehre von der Vererbung der S. (Leipz. 1878); Rosenbaum, Geschichte der Lustseuche im Altertum (Halle 1888).

Syphilom, Gummigeschwulst, s. Syphilis.

Syphon, s. Siphon.

Syphonoid (griech.), ein mit dem Pulsometer (s. d.) verwandter Wasserhebeapparat, welcher sich von diesem durch seine Heberform, durch das Vorhandensein eines besondern Raums für Dampfkondensation und dadurch, daß er den Dampf nicht direkt auf die Wasseroberfläche läßt, sondern einen dazwischengeschalteten, schlecht wärmeleitenden Schwimmer wirken läßt, durch welchen ein starker Dampfverlust verhütet und die Steuerung des Dampfes mittels eines Hahns bewirkt wird, unterscheidet. Vgl. Uhland, Der praktische Maschinenkonstrukteur, S. 95 (Leipz. 1878).

Syra (bei den Alten und neuerdings wieder offiziell Syros), 1) eine der Kykladen, fast mitten im Archipel gelegen, 80 qkm (1,45 QM.) groß und bis 431 m hoch, erzeugt Getreide und Wein und hat (1879) 26,946 Einw., welche vornehmlich vom Handel leben. Derselbe ist vorwiegend Kommissions- und Speditionshandel und versorgt fast ausschließlich die sämtlichen Inseln des Archipels mit ihren Bedürfnissen. Auf S. befindet sich ein deutsches Konsulat. - 2) (Neu Syra), Stadt, s. Hermupolis.

Syracuse (spr. ssirrakjuhs), Stadt im nordamerikan. Staat New York, am Südende des Onondagasees, hat ein Irrenhaus, ein Asyl für Blödsinnige, ein Zuchthaus und (1880) 51,792 Einw. In der Nähe un-

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Syrakus (Provinz und Stadt).

gemein ergiebige Solen. S. hat außer seinem Salzhandel noch Hochöfen, Maschinenbau und Brauerei.

Syrakus (Siracusa), Provinz des Königreichs Italien, umfaßt den südöstlichen Teil der Insel Sizilien, wird im N. und W. von den Provinzen Catania und Caltanissetta, im Süden und O. vom Afrikanischen und Ionischen Meer begrenzt und hat ein Areal von 3697 qkm (nach Strelbitsky 3729 qkm = 67,73 QM.) mit (1881) 341,526 Einw. Der Boden ist sehr fruchtbar und liefert Getreide (besonders Weizen, 1887: 586,620 hl), Öl (48,281 hl), Wein (1,770,942 hl), Südfrüchte in Überfluß, auch zur Ausfuhr. Von geringerer Bedeutung ist die Viehzucht mit Ausnahme der Schafzucht (1881: 100,631 Schafe), wichtig dagegen die Seefischerei. Die Provinz zerfällt in die drei Kreise Modica, Noto und S. (s. Karte "Sizilien"). Die gleichnamige Hauptstadt liegt auf der mit dem Festland durch einen Damm verbundenen Insel Ortygia, am Endpunkt der von Messina kommenden Eisenbahn, ist durch Wassergräben mit Mauern an der Landseite und durch ein Kastell an der Südseite der Insel befestigt, hat aber nur einen Umfang von 4 km (gegen 33 km Umfang des antiken S.). Die Bedeutung der Stadt liegt in dem großen Hafen, welcher die ganze Bucht zwischen der Insel Ortygia im N. und dem Vorgebirge Plemmyrion (Massolivieri) im SO. umfaßt und für die Aufnahme der größten Flotte geeignet ist. Unter den öffentlichen Bauten sind hervorzuheben: der Dom Santa Maria del Piliero (in die gewaltigen Säulen eines dorischen Tempels eingebaut); die Kirchen San Giovanni (aus dem 12. Jahrh.) und Santa Lucia; der elegante Palazzo Communale u. a.; ferner von Privatgebäuden: der gotische Palast Montalto und der Palazzo Lanza. S. hat ein Lyceum, ein Gymnasium, eine technische Schule, ein Seminar, ein Museum (mit zahlreichen Antiquitäten, darunter eine Statue der Venus, ein kolossaler Kopf des Neptun u. a.), eine Bibliothek mit über 10,000 Bänden, ferner eine Filiale der Nationalbank, mehrere selbständige Banken, eine Handelskammer, Wohlthätigkeitsanstalten, Fabrikation von Chemikalien und Töpferwaren, lebhaften Handel (besonders mit Agrumen, Wein, Öl, Seesalz etc.) und (1881) 19,389 Einw. Im Hafen liefen 1887: 1215 Schiffe mit 158,084 Ton. ein. S. ist Sitz der Präfektur, eines Erzbischofs, eines Zivil- und Korrektionstribunals, eines Assisenhofs etc. sowie mehrerer Konsulate. Von der Größe der antiken Stadt zeugen nicht unbedeutende Trümmerreste, so: Überbleibsel von drei noch sehr altertümlichen dorischen Tempeln, Aquädukte, Reste der Stadtmauer, ein Altar, die Trümmer der Bergfeste Euryalos, große Steinbrüche, darunter die Latomia del Paradiso mit dem "Ohr des Dionysios", einer durch eigentümliche Akustik ausgezeichneten Grotte, sowie die Latomia dei Cappuccini; das griechische Theater aus dem 5. Jahrh.; ein römisches Amphitheater aus der Zeit des Augustus; die Arethusaquelle etc. Aus altchristlicher Zeit haben sich geräumige Katakomben erhalten. Schöne Gartenanlagen enthält die Villa Landolina im antiken Stadtgebiet, wo sich die Grabstätte des Dichters Platen befindet. Am Kyaneflüßchen, zum Anapo gehend, gedeiht die Papyrusstaude in besonderer Üppigkeit.

[Geschichte.] S. (Syracusä), im Altertum die größte und reichste Stadt Siziliens, lag anfangs auf der hart vor der Küste gelegenen, zuerst von Phönikern besetzten Insel Ortygia, von wo sich die Stadt später über das Festland ausbreitete. Zur Zeit ihrer größten Ausdehnung, wo sie über eine Million Einwohner zählte, bestand sie aus fünf Hauptteilen: der Insel Ortygia (Nasos) mit der Quelle Arethusa, den Tempeln der Artemis und Athene, den großen Getreidemagazinen, dem von Hieron erbauten Palast und der im nördlichen Teil von Dionysios I. erbauten Akropolis; der 66 m hoch ansteigenden Halbinsel Achradina, dem Hauptteil und Mittelpunkt der Stadt, mit der von Säulengängen umgebenen Agora, dem Prytaneion etc.; Tycha, dem an den nördlichen Teil von Achradina westlich anstoßenden, volkreichsten Teil der Stadt; Neapolis, auf der Südwestseite von Achradina, mit dem Haupttheater und Tempeln der Demeter, Kora etc.; Epipolä, einer die ganze Stadt beherrschenden Höhe nordwestlich von Neapolis, welche Dionysios I. mit einer starken Mauer umgeben ließ, durch das Fort Euryalos krönte und mit in den Bereich der die Stadt umgebenden Befestigungen zog. Neapolis und Achradina enthielten große Steinbrüche (Latomien), welche tief in die Erde gingen und als Gefängnisse benutzt wurden. S. besaß zwei treffliche, durch tiese Buchten gebildete Häfen, einen kleinern (Lakkios) im N. von Ortygia und einen größern, der mit Ketten gesperrt werden konnte, im W. der genannten Insel. Südlich von S., in der Nähe der Quelle Kyane, lagen das Olympieion und der Hafenort Daskon. S. war eine dorische Niederlassung, 734 v. Chr. von den Korinthern auf Ortygia gegründet und nach der sumpfigen Ebene Syrako, westlich vom großen Hafen, benannt. Wiewohl der Zeit nach die zweite griechische auf Sizilien gegründete Kolonie, wurde sie doch bald durch Betriebsamkeit und Handel dem Rang nach die erste und gründete selbst neue Niederlassungen auf Sizilien (Akrä, Kasmenä, Kamarina u. a.). Sie hatte eine aristokratische Verfassung. Die Gamoren hatten die Regierung in den Händen, zuerst mit einem König an der Spitze, später ohne einen solchen. Aus den Gamoren, den Nachkommen der ersten Kolonisten, wurden die Magistrate und Mitglieder des Hohen Rats gewählt, welche das Volk in ihren Versammlungen leiteten. 491 wurde die Aristokratie der Gamoren von der demokratischen Partei gestürzt, welche aber keine geordnete Verfassung herzustellen vermochte. So ward es Gelon (s. d.) leicht, die Gamoren nach S. zurückzuführen und sich dann selbst 485 der Herrschaft zu bemächtigen. Unter ihm erreichte S. seine höchste Blüte, seine Flotten beherrschten die umliegenden Meere, und die meisten Städte Siziliens standen unter seinem Einfluß. Namentlich sein Sieg über die Karthager am Himera 480 machte S. zur mächtigsten Stadt Siziliens. Er verband die Neustadt auf dem Felsplateau Achradina mit Ortygia durch einen Damm und umgab das Ganze mit einer kolossalen Mauer, außerhalb welcher noch die Vorstädte Tycha, Neapolis und Epipolä entstanden. Auf Gelon folgte sein Bruder Hieron I. (477-467) und auf diesen der dritte Bruder, Thrasybulos, der aber schon 466 vertrieben ward. An die Stelle der Tyrannis trat jetzt eine demokratische Verfassung. Zur Sicherstellung der Demokratie ward eine dem athenischen Ostrakismos ähnliche Maßregel in dem Petalismos ("Blättergericht", weil mit beschriebenen Olivenblättern abgestimmt wurde) eingeführt, doch ward derselbe als die Ochlokratie nur befördernd bald wieder aufgehoben. Die innern Unruhen benutzend, strebten sich mehrere von S. abhängige sizilische Städte frei zu machen und suchten zu diesem Zweck Unterstützung bei den Athenern nach. Diese, schon längst eifersüchtig auf die mächtige Handelsstadt, sandten auch 415 eine große Flotte unter Nikias und Lamachos nach Sizilien (sizilische

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Syrdarja - Syrien.

Expedition der Athener 415-413). Die Athener eroberten 414 die Vorstädte Epipolä und Tycha und

hatten S. schon auf der Landseite eingeschlossen, als nach dem Tode des Lamachos der Spartaner Gylippos ihre Verschanzungen durchbrach und sie zwang, sich auf den Angriff zur See zu beschränken. Unter Führung des Gylippos und des Hermokrates erbauten die Syrakusier 413 eine Flotte, entrissen den Athenern ihre befestigte Stellung auf dem Vorgebirge Plemmyrion, Ortygia gegenüber, und brachten ihnen in einer Seeschlacht eine Niederlage bei. Durch Demosthenes verstärkt, versuchten die Athener einen

nächtlichen Angriff auf Epipolä, der mißlang, lieferten den Syrakusiern, um die Ausfahrt aus dem Hafen zu erzwingen, eine unglückliche Seeschlacht und wurden, 40,000 Mann stark, auf dem Abzug zu Lande am Assinaros vernichtet. 7000 Gefangene wurden in die Latomien auf Achradina geworfen, wo sie meist verschmachteten, Nikias und Demosthenes hingerichtet. Unter dem Einfluß des Volksvorstehers

Diokles wurde darauf in S. eine neue, völlig demokratische Verfassung eingeführt, deren erste Bestimmung die Wahl der Magistrate durch das Los war. Zugleich wurden geschriebene, sehr strenge Gesetze gegeben. Der gleichwohl überhandnehmenden Zügellosigkeit zu steuern und sich gegen die Eroberungs-

pläne Karthagos zu schützen, übertrug das Volk dem

tapfern Dionysios I. (s. d.) das Oberkommando über die Armee, bahnte ihm aber dadurch den Weg

zur Tyrannis (406). Dionysios drängte nach mehreren Kriegen die Karthager in den westlichen Teil Siziliens zurück und befestigte die Herrschaft von S. über die Osthälfte der Insel und einen Teil Unteritaliens. In S. erbaute er auf der Nordspitze der

Insel Ortygia die Feste Hexapylon und umgab die

Stadt mit einer hohen Quadermauer, welche auch die Vorstädte Tycha und Epipolä umfaßte und 20 km lang war; die Einwohnerzahl stieg auf eine Million. Im kleinen Außenhafen legte Dionysios 50, im großen innern 100 Docks für Kriegsschiffe an. Die wohlbefestigte Regierung übernahm nach ihm 367 sein

Sohn Dionysios II., ein Wollüstling, der 357 von

Dion vertrieben wurde, aber 346 zurückkehrte. Endlich nötigte ihn 343 Timoleon, seine Herrschaft niederzulegen. Letzterer zerstörte die Burg , stellte die demokratische Verfassung wieder her und zog durch Häuser- und Äckerverteilung an 60,000 neue Ansiedler in die entvölkerte Stadt. Die nach seinem Tod entstandenen Unruhen benutzte Agathokles (s. d.), um sich unter der Verheißung einer reinen Demokratie zum Tyrannen aufzuwerfen (317). Seine strenge und gewalttätige Regierung erhielt wenigstens Ruhe im Innern, wodurch es noch möglich wurde, daß sich S. gegen die in Sizilien immer weiter fortschreitenden und S. schon belagernden Karthager halten konnte. Nach Agathokles' Tod (289) warf sich Mänon, der Mörder jenes, zum Herrscher auf, ward aber von Hiketas vertrieben, der sich drei Jahre lang behauptete. Als er gegen die Agrigentiner zu Felde

zog, stritten in der Stadt Thynion und Sostratos

um die Herrschaft. Zur Stillung dieser Unruhen riefen die Syrakusier den damals in Italien kriegführenden Pyrrhos (277) herbei, der S. von den Karthagern befreite und seinen Sohn zum König von

Sizilien einsetzte. Nach seinem Weggang wählten

aber (275) die Syrakusier Hieron II. zu ihrem Feldherrn und 269 zum König. Dieser stand den Römern im ersten und zweiten Punischen Krieg mit Erfolg bei und sicherte sich dadurch seine Herrschaft im östlichen Teil der Insel. Sein Enkel und Nachfolger

(seit 215) Hieronymus trat dagegen im zweiten

Punischen Krieg auf die Seite der Karthager und beschleunigte dadurch seinen Sturz (214) und den Untergang der Selbständigkeit von S., das 212 nach

tapferer Verteidigung durch Archimedes von Marcellus erobert wurde. Seitdem ward S. mit dem östlichen Teil Siziliens römische Provinz. Der alte Glanz der Stadt verschwand für immer, und die Bevölkerung nahm immer mehr ab. Vergebens suchte sie Augustus durch eine Kolonie zu heben. Gegen Ende des 5. Jahrh. n. Chr. ward S. von germanischen Völkerschaften, die zur See ankamen, besonders von den Vandalen, 884 aber von den Sarazenen geplündert. Kaiser Heinrich VI. schenkte 1194 die Stadt

den Genuesen, die ihm gegen Tankred beigestanden hatten; doch befreiten sich die Syrakusier mit Hilfe der Pisaner bald wieder. S. kam hierauf unter spanische Herrschaft und ward Residenz des Statthalters. Infolge einer Seeschlacht, die bei S. 1718 zwischen den Engländern und Spaniern geschlagen wurde, mußten die letztern die Stadt den Österreichern einräumen, bekamen aber 1755 die Insel Sizilien wieder. 1100,1542, 1693und 1735 litt S.bedeutend durch Erdbeben. Vgl. Arnold, Geschichte von S. (Gotha 1816); Privitera, Storia di Siracusa

antica e moderna (Neap. 1879, 2 Bde.); Cavallari u. Holm, Topografia archeologica di Siracusa (Pal. 1884; deutsch bearb. von Lupus: "Die Stadt S. im

Altertum", Straßb. 1887).

Syrdarja, Fluß, s. Sir Darja.

Syria Dea, Göttin, f. Derketo.

Syrien (türk. Suria), ein Land der asiat. Türkei, an der Ostküste des Mittelländischen Meers, bezeichnete ursprünglich den gesamten Umfang des assyrischen Reichs, bis der Name in abgekürzter Form durch die Griechen auf die Gebiete westlich des Euphrat beschränkt wurde, und heute versteht man darunter alles Land zwischen dem Euphrat und der Arabischen Wüste im O. und dem Mittelmeer im W., dem Taurus im N. und der Grenze Ägyptens im Süden, d. h. das heutige Wilajet Surija und die südwestliche Hälfte von Haleb (Aleppo) sowie die selbständigen

Bezirke Libanon und Jerusalem (s. Karte "Türkisches Reich"). Infolge des Parallelismus seiner von N. nach Süden streichenden Gebirge, welche, wenn auch von tiefen Querspalten durchschnitten, den Taurus im N. mit den von NW. nach SO. ziehenden Küstengebirgen des Arabischen Meerbusens verbinden, ist das

Land von ziemlich gleichförmiger Oberflächenbildung.

Ihrer Ausdehnung und mittlern Höhe nach stehen die syrischen Gebirge zwar hinter den großen ostwestlich gerichteten Systemen Asiens zurück, bewirken aber dennoch infolge ihrer nordsüdlichen Aufrichtung eine sehr ungleiche Verteilung des Regens. Da im Mittelmeerbecken die Westwinde vorherrschen, so ist nur der Westabfall des Landes reich an Regen; dagegen sind die östlichen Abdachungen und innern Hochebenen sehr arm an Niederschlägen, Quellen und Flüssen und bilden zum größten Teil vegetationsarme Steppen oder kahle Wüsten. Während von der Küste weit landeinwärts die Gebirge durchaus der Kalkformation angehören und nur stellenweise, wie in der Spalte

des Jordanthals, vulkanische Gebilde zu Tage kommen, treten dieselben weiter ostwärts und bis tief in die Wüste hinein, namentlich in der Südhälfte von S., in Hunderten von Trachyt- und Basaltkegeln einzeln oder in größern Gruppen und von der verschiedensten Höhe auf (z. B. Dschebel Hauran 1782 m).

Die größten, als nackte Felsen über die Waldregion ansteigenden Erhebungen der Kalkgebirge finden sich

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Syrien (Geschichte).

im N.: der Amanos der Alten (Gjaur Dagh), 1850 m hoch, der Kasios (Dschebel Akraa), 1770 m, der Libanon, 3063 m; landeinwärts der Hermon (Dschebel el Scheich), 2860 m, und der Antilibanon, 2670 m. Die südliche Fortsetzung des Libanon und Antilibanon (vgl. Palästina) steigt nirgends zu mehr als 1000-1200 m Höhe an; ihre meist abgerundeten Gipfel und Scheitelflächen sind daher bis oben hinauf angebaut, und dasselbe gilt von den östlich sich anschließenden Hochflächen (die alten Landschaften Hauran und Baschan, 700-900 m hoch) und um Damaskus (700 m), die zum Teil aus sehr ergiebigem Thonboden bestehen. Bei dieser Beschaffenheit der Oberfläche sind die Flußthäler (von dem nur als Grenzfluß Bedeutung habenden Euphrat abgesehen) zum größten Teil kurze Querthäler, in denen nur aus den höhern Küstengebirgen (Amanos, Kasios, Libanon) eine größere Wassermenge mit starkem Gefälle unmittelbar dem Meer zufließt. Die wenigen längern Flüsse verlaufen in nordsüdlichen Längsthälern zwischen den Parallelketten des Kalkgebirges und zwar in entgegengesetzter Richtung nach N. und Süden, weil die bedeutendste Bodenanschwellung gerade in der Mitte Syriens unter 34° nördl. Br. liegt. Dort steigt das breite Thal zwischen dem Libanon und Antilibanon (jetzt Bekaa genannt, im Altertum Bukka) zu fast 1200 m an und entsendet nach N. den größten syrischen Strom, den Orontes (El Asi), nach Süden den Lita (Litani), welcher zuletzt scharf nach W. umbiegt und in einem kurzen Querthal das Meer erreicht, und in einer östlichen Parallelfalte den Jordan (s. d.). Was das Klima anlangt, so hat S. eigentlich nur zwei Jahreszeiten, eine mit, die andre ohne Regen. Von Anfang Mai bis Ende Oktober ist die regenlose Zeit, mit vorherrschenden Nordwestwinden; gegen Ende Oktober bezeichnen Gewitter den Beginn der Zeit, wo Südwest- und Südwinde Regen bringen. Die Temperaturunterschiede sind bedeutend: im Innern des Landes, in der Wüste und auf den Hochebenen sinkt das Thermometer häufig unter 0°, und in Damaskus, Jerusalem (mittlere Jahrestemperatur +17° C.) und Aleppo fällt öfters Schnee. Die Sommerhitze in Damaskus und sonst im Innern ist natürlich bedeutender als an der Küste, wird aber noch sehr von dem Ghor (Thal des Jordan) übertroffen. S. ist kein unfruchtbares Land und war einst angebauter als heute. Sein Küstenland gehört der Mittelmeerflora an, die sich durch immergrüne, schmal- und lederblätterige Sträucher und rasch verblühende Frühlingskräuter auszeichnet; das Plateau hat orientalische Steppenvegetation mit vielen Dornsträuchern und wenig zahlreichen Bäumen (Labiaten, Disteln, Eichen, Pistazien, Koniferen etc.); das Ghor (s. d.) gehört der subtropischen Flora an. Die hauptsächlichsten Ausfuhrartikel sind: Weizen, Süßholz, Rosenblätter, Aprikosen, Rosinen, Oliven und Öl, Tabak, Galläpfel, Seide, Kokons (1877 wurden 1,925,000 kg Kokons und 140,000 kg rohe Seide produziert) und Südfrüchte. Unter den Haustieren spielen die Schafe (meist Fettschwänze) eine große Rolle, nächst ihnen die Ziegen. Das Rindvieh ist klein und wird nur im Libanon geschlachtet. Der indische Büffel kommt im Jordanthal vor, das Kamel hauptsächlich in der Wüste; auch Pferde, Esel, Hühner sind häufig. Die viel vorkommenden Heuschrecken werden von den Beduinen gegessen. Die Bevölkerung von S. zerfällt der Abstammung nach in Nachkommen der alten Syrer (Aramäer), Araber, Juden, Griechen, Türken und Franken, der Religion nach in Mohammedaner, Christen verschiedener Bekenntnisse und Juden. Die Syrer nahmen zum Teil den Islam und die arabische Sprache an, zum Teil blieben sie Christen. Die Araber zerfallen in seßhafte und Nomaden, letztere äußerlich Mohammedaner, eigentlich aber Sternanbeter. Türken sind nur in geringer Zahl vorhanden. Von der gesamten, auf etwa 2 Mill. Seelen (14 auf 1 qkm) geschätzten Einwohnerschaft des Landes bekennen sich vier Fünftel zum Islam. Unter den Christen überwiegen die fanatischen griechisch-orthodoxen (Patriarchate von Jerusalem und Antiochia); sie sprechen meist arabisch. Armenier und Kopten finden sich fast nur in Jerusalem; wichtiger sind die Jakobiten, namentlich im N. verbreitet, ihrem Glauben nach Monophysiten. Die römisch-katholische Kirche, vertreten durch Lazaristen, Franziskaner und Jesuiten, besitzt in S. zwei Filialkirchen, die griechisch-katholische und die syrisch-katholische, mit gewissen Vorrechten. Zu ihr gehören auch die Maroniten (s. d.) im Libanon, deren Patriarch von Rom bestätigt wird. Protestanten, Bekehrte der amerikanischen Mission, gibt es nur ein paar tausend. Die Juden zerfallen in spanisch-portugiesische Sephardim und Aschkenazim aus Rußland, Österreich und Deutschland; außerdem gibt es ca. 50 Familien der Samaritaner in Nabulus. Von mohammedanischen Sekten sind aufzuführen: die Drusen (s. d.) im Libanon und Hauran, zum größern Teil von den alten Syrern, zum Teil von eingewanderten Araberstämmen abstammend; die Nossairier (s. d.), welche auf dem nach ihnen genannten Dschebel Nasairijeh ihre Sitze haben; die Ismaeliten (s. d.), die mit den berüchtigten Assassinen identisch sind, und die Metâwile, eine Abart der Schiiten, südlich von den Drusen im Libanon und in Galiläa zwischen Saida und Tyros.

[Geschichte.] Die Urbewohner Syriens, sämtlich Semiten, zerfielen in mehrere Stämme, von denen derjenige der Aramäer (s. Aramäa) oder der eigentlichen Syrer der bedeutendste war. Das Land zerfiel damals in einzelne Städte mit Gebieten unter besondern Oberhäuptern. Schon im frühsten Altertum werden Damaskus, Hamath, Hems oder Emesa, Zoba u. a. erwähnt. Ein altes wichtiges Emporium war die Palmenstadt Tadmor oder Palmyra; nicht minder berühmt als Mittelpunkt des Sonnenkultus war Baalbek oder Heliopolis. Eine größere Rolle in der Weltgeschichte als die eigentlichen Syrer spielten die an der Westküste wohnenden Völker, die Kanaaniter, Phöniker und Israeliten oder Juden. Die eigentlichen Syrer vermochten sich oft fremder Unterdrücker nicht zu erwehren; insbesondere machte David einen großen Teil ihres Landes zu einer Provinz des jüdischen Reichs. Bei der Teilung desselben rissen sie sich wieder los, und in Damaskus entstand ein selbständiges Reich, welchem nach und nach die Häuptlinge der übrigen Städte tributpflichtig wurden. Nach mannigfachen Schicksalen ward S. 730 v. Chr. von Tiglat Pilesar II. zu einer Provinz des assyrischen Reichs gemacht; die Griechen, welche das Land zuerst als assyrische Provinz kennen lernten, gaben ihm davon den Namen Syria. Nach dem Fall des assyrischen Reichs ward S. eine Provinz von Babylonien (um 600), dann von Persien (538) und von Makedonien (333), bis es endlich durch die Seleukiden 301 wieder zu einem selbständigen Reich erhoben ward. Der Gründer dieser Dynastie, Seleukos Nikator (301-280), dehnte die Grenzen seines Reichs nach O. bis zum Oxus und Indus aus und machte S. zum Mittelpunkt desselben. Durch Erneuerung und Gründung vieler griechischer Städte (Seleukeia am Tigris, Seleukeia am Orontes, Antiocheia u. a.)

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Syringa - Syrische Sprache und Litteratur.

suchte er in seinem Reich, welches 72 Satrapien umfaßte, den Wohlstand zu heben. Aber seinen Nachfolgern fehlte zum Zusammenhalten dieses Reichs die nötige Kraft und Energie. Schon 256 rissen die Parther Iran von S. los und beschränkten 150 das Reich auf das eigentliche S., und auch dieses ward 85 großenteils dem armenischen König Tigranes unterwürfig, bis es 64 von Pompejus zur römischen Provinz gemacht wurde. Im 4. Jahrh. n. Chr. trennte Konstantin d. Gr. Kommagene und Kyrrhestika vom übrigen S. und machte daraus eine eigne Provinz, Namens Euphratensis; das übrige Land aber ward später von Theodosius dem jüngern in Syria prima und Syria secunda eingeteilt. Unter Justinian wurden die wichtigsten Städte Syriens von den Persern genommen, darunter Antiochia. Dann brachen 635 die Araber verwüstend ins Land ein, eroberten es und bekehrten die Einwohner zum größten Teil zum Islam. Erst unter der Herrschaft der arabischen Kalifen hob sich S. wieder. Doch ward das Land den Kalifen bald von rebellischen Statthaltern und diesen wieder durch die turkmenische Miliz entrissen. Auch durch die Kreuzzüge litt das Land sehr. Saladin, Sultan von Ägypten, entriß S. 1187 den Kreuzfahrern wieder, und unter seinen Nachfolgern kam es an die Mamelucken. Schwer litt es dann durch die Einfälle der Mongolen unter Dschengis-Chan. 1517 eroberte der Osmanensultan Selim I. S., und fortan bildete es eine türkische Provinz. Doch empörten sich die dortigen Paschas häufig gegen die Pforte. 1833 kam S. unter die Herrschaft Mehemed Alis, Vizekönigs von Ägypten; durch die Intervention der europäischen Mächte 1840 aber kehrte es unter die unmittelbare Herrschaft der Pforte zurück. Der unaufhörliche Wechsel der Herrscher, verheerende Kriege und die Barbarei der mohammedanischen Gewalthaber haben Land und Volk völlig ruiniert, so daß es jetzt wenig mehr als eine schwach bevölkerte, sterile Einöde voll Ruinen ist. In neuerer Zeit hat S. namentlich durch die Kämpfe der Drusen (s. d.) und Maroniten (s. d.) die Aufmerksamkeit Europas wieder auf sich gezogen; infolge der blutigen Verfolgungen, denen besonders im Juni 1858 die Maroniten ausgesetzt waren, namentlich der Christenmetzelei in Damaskus vom Juli 1860 bis Juni 1861, besetzten französische Truppen das Land. Vgl. Vogüé, Architecture civile et religieuse du I. au VI. siècle dans la Syrie centrale (Par. I866-77, 2 Bde.); Derselbe, Inscriptions sémitiques de la Syrie (das. 1869-77); Burton und Drake, Unexplored Syria (Lond. 1872); Zwiedineck, S. und seine Bedeutung für den Welthandel (Wien 1873); Sachau, Reise in S. und Mesopotamien (Leipz. 1883); Lortet, La Syrie d'aujourd'hui (Reise 1875 bis 1880, Par. 1884); Bädeker, Palästina und S. (2. Aufl., Leipz. 1880); über die neuere Geschichte: de Salverte, La Syrie avant 1860 (Par. 1861); Edwards, La Syrie 1840-62, histoire etc. (das. 1862); Abbé Jobin, La Syrie en 1860 et 1861 (Lille 1862); Jochmus, The Syrian war (Berl. 1883, 2 Bde.).

Syringa L. (Flieder, Syringe, Lilak), Gattung aus der Familie der Oleaceen, Sträucher mit gestielten, entgegengesetzten, glatten, ganzrandigen, selten fiederig eingeschnittenen Blättern, wohlriechenden Blüten in reichen, endständigen Rispen und länglichen, meist zusammengedrückten, lederigen Kapseln. Sechs Arten in Osteuropa und dem gemäßigten Asien. S. vulgaris L. (gemeiner Flieder, türkischer, spanischer Flieder, fälschlich Holunder, Jelängerjelieber), ein 2-6 m hoher Strauch mit herzförmig länglichen Blättern, lila und weißen Blüten und konkaven Blumenkronabschnitten, soll 1566 durch Busbecq von Konstantinopel nach Flandern gekommen sein und im Orient wild wachsen; wahrscheinlicher aber stammt er aus den östlichen Karpathen, aus Ungarn und Siebenbürgen; gegenwärtig wird er in zahlreichen Formen als Zierstrauch kultiviert. Das ziemlich feste, schön geflammte Holz wird von Drechslern und Tischlern benutzt. S. persica L. (persischer Flieder), ein kleinerer Strauch mit kleinern, elliptisch-lanzettförmigen Blättern, länger gestielten, fleisch- oder rosenroten, auch weißen Blüten und ziemlich flachen Blumenkronabschnitten, wächst in Daghestan, aber ebensowenig wie der vorige in Persien, wird, wie auch einige andre Arten und Blendlinge (S. chinensis Willd., S. Rothomagensis Ren., wahrscheinlich aus S. vulgaris und S. persica entstanden), als Zierstrauch kultiviert. Ebenso S. Josikaea Jacq. aus Ungarn, mit elliptischen Blättern und knäuelförmig zusammengedrängten, eine Rispe bildenden, tief violettblauen Blüten ohne Duft.

Syrinx, nach griech. Sage Tochter des arkadischen Flußgottes Ladon, ward, von Pan verfolgt, in ein Schilfrohr verwandelt, dem der Wind süß klagende Töne entlockte. Pan schnitt von dem Schilf Röhrchen, eins immer kleiner als das andre, und bildete hieraus eine Pfeife, der er den Namen S. gab. Syringen hießen auch die unterirdischen Begräbnishöhlen der ägyptischen Könige bei Theben.

Syrische Christen, s. v. w. Nestorianer.

Syrische Sprache und Litteratur. Die syrische Sprache ist die wichtigste Sprache der aramäischen Gruppe der semitischen Sprachen (s. Semiten) und tritt zuerst in palmyrenischen Inschriften des 1. Jahrh. n. Chr. auf. Nachdem sie im 1. Jahrtausend n. Chr. ihre Blütezeit gehabt, ward sie seitdem durch die stammverwandte arabische Sprache mehr und mehr verdrängt und ist jetzt, abgesehen von einigen verderbten Volksmundarten in Kurdistan und Mesopotamien (bearbeitet von Nöldeke in "Grammatik der neusyrischen Sprache am Urmiasee", Leipz. 1868; von Prym und Socin: "Der neuaramäische Dialekt des Tûr-Abdîn", Götting. 1881, 2 Bde.; von Socin: "Die neuaramäischen Dialekte von Urmia und Mosul", Tübing. 1882), welche auf sie zurückzuführen sind, nur noch Schrift- und Gelehrtensprache. Die besten Grammatiken derselben lieferten P. Ewald (Erlang. 1826), Hoffmann (Halle 1827; in neuer Bearbeitung von Merk, 1867-70), Uhlemann (2. Aufl., Berl. 1857) und Nöldeke (Leipz. 1880), kürzer Nestle (mit Litteratur, Chrestomathie und Glossar, 2. Aufl., Berl. 1888); Wörterbücher Castellus (hrsg. von Michaelis, Götting. 1788), Bernstein (Berl. 1857 ff., unvollendet); mit Glossarien versehene Chrestomathien Hahn und Sieffert (Leipz. 1826), Bernstein und Kirsch (Lond. 1867, 2 Bde.), Oberleibner (Wien 1826), Rödiger (2. Aufl., Halle 1868), Wenig (Innsbr. 1866), Zingerle (Rom 1871-73), Cardahi (das. 1875) und Martin (Par. 1875). Eine neue vollständige Sammlung des syrischen Wortschatzes mit Beiträgen der hervorragendsten Kenner des Syrischen gibt R. P. Smith heraus ("Thesaurus syriacus", bis jetzt 5 Hefte, Oxf. 1868-80). Die Schrift der Syrer, eine jüngere Nebenform der phönikischen, die etwas Eckiges und Steifes hat (s. die "Schrifttafel"), hieß in ihrer ältesten Gestalt Estrangelo; aus ihr ist die kufische Schrist der Araber, die Mutter des spätern arabischen, persischen und türkischen Alphabets, entstanden. Aus der jüngern syrischen Schrift sind (durch Vermittelung der Nestorianer) die Schriftarten der Uiguren, Mongolen, Kalmücken u. Mandschu

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Syrjänen - Syrphus

hervorgegangen. Von der ältesten syrischen Litteratur ist nichts bekannt. Die zahlreichen erhaltenen Schriftdenkmäler rühren meist aus den ersten Jahrhunderten n. Chr. her und sind vorwiegend christlich-theologischen Inhalts. Doch fanden damals auch die Geschichte und Philosophie sowie die Naturwissenschaften unter den Syrern Pflege, in welchen Fächern diese im 8. und 9. Jahrh. Lehrer der Araber wurden, wie sie überhaupt als Vermittler älterer Kulturen einen großen Einfluß in Vorderasien ausgeübt haben. Der letzte klassische Schriftsteller der Syrer ist Bar-Hebräus (gest. 1286), jakobitischer Weihbischof zu Maraga. Das älteste noch vorhandene Denkmal der christlich-syrischen Litteratur ist eine Übersetzung des Alten und Neuen Testaments, die sogen. Peschito (s. d.). Für die Kirchengeschichte sind die meist schon mehrfach herausgegebenen Werke der syrischen Kirchenväter von großem Interesse; eine Auswahl derselben hat Bickell zu übersetzen begonnen (Kempten 1874 ff.). Unter den historischen Werken ist namentlich die Chronik des Bar-Hebräus zu erwähnen. Die um das Jahr 515 geschriebene Chronik des Josua Stylites hat der französische Orientalist Martin herausgegeben in den "Abhandlungen für die Kunde des Morgenlandes" (Leipz. 1876). Die berühmte indische Märchensammlung "Pantschatantra" ist schon im 6. Jahrh. auch ins Syrische übertragen worden, und diese alte Version (hrsg. mit Übersetzung u. d. T.: " Kalilag und Damnag" von Bickell, nebst einer Einleitung von Benfey, Leipz. 1876) ist ursprünglicher als das auf die Gegenwart gekommene indische Original. Ebenso sind manche gar nicht mehr oder nicht in ihrer ursprünglichen Gestalt erhaltene Werke des klassischen Altertums in syrischen Versionen oder arabischen Übertragungen derselben bewahrt. Den Text eines syrischen historischen Romans: "Julianos der Abtrünnige", gab Hoffmann heraus (2. Ausg., Kiel 1887). Die Poesie der Syrer ist lediglich kirchlicher und liturgischer Art und entbehrt alles wahrhaft dichterischen Geistes. Der älteste Hymnendichter ist der Gnostiker Bardesanes; neben ihm ist noch Ephräm der Syrer zu nennen. Die reichsten Sammlungen syrischer Handschriften besitzen Rom, Paris und das Britische Museum zu London. Vgl. Nestle, Litteratura syriaca (Bibliographie, Berl. 1888).

Syrjänen, ein Volk nordfinn. Stammes, wohnt in den russischen Gouvernements Wologda und Archangel und ist nahe verwandt mit den Permiern und Wotjaken. Im Gouvernement Archangel wohnen die S. nur im Kreis Mesen an der Petschora und dem obern Lauf des Flusses Mesen; in Wologda bilden sie fast die ganze Masse der ländlichen Bevölkerung in den Kreisen Ustsyssolsk und Jarensk; ihre Zahl wird auf 85,500 angegeben. Einst wohnten sie an der Kama und Wjatka und nennen sich deshalb noch beute Kama -Männer (Komi-mort, Komi-jas und Komi-woitur). Als Stephan, Bischof von Perm, zu Ende des 14. Jahrh. mit ungewöhnlicher Energie unter den finnischen Völkern der permischen Gruppe das Christentum verbreitete und ihre Götzen verbrannte, wanderten die S. in die Flußgebiete der Petschora, Wytschegda und des Mesen aus. Die S. sind bekannt durch Fleiß und Ehrlichkeit, gehören der griechischen Kirche an, unterscheiden sich in Kleidung und Sitte wenig von den Russen, wohnen in gut gebauten Dörfern, beschäftigen sich mit Landwirtschaft, Viehzucht, Jagd und Fischerei und sind wohlhabender als ihre russischen Nachbarn. Vom Januar bis in den April begeben sie sich in Gesellschaften von 10-20 Mann tief hinein in die Urwälder, oft über 500 km von den Wohnstätten, mit Hilfe eines kleinen Kompasses (madka) und machen Jagd auf Bären, Wölfe, Luchse, Füchse, Marder und hauptsächlich auf Eichhörnchen, von welch letztern sie in guten Jahren bis 900,000 Stück verkaufen. Roggen, Gerste, Talg und Häute schicken sie nach Archangel, Wild nach Petersburg und Moskau, Eichhörnchen-, Marder- und Fuchsfelle auf die Jahrmärkte von Nishnij Nowgorod und Irbit. Die Sprache der S. gehört zu der finnisch-ugrischen Gruppe des uralaltaischen Sprachstammes und ist am nächsten mit der permischen verwandt. Vgl. Castrén, Elementa grammaticae syrjaenae (Helsingf. 1844); Wiedemann, Grammatik der syrjanischen Sprache (Petersb. 1884); Derselbe, Syrjänäsch-deutsches Wörterbuch (das. 1880).

Syrlin, Jörg, Bildschnitzer, war seit ca. 1450 in Ulm thätig, wo er eine Anzahl von Chorstühlen, Singepulten und selbständigen Bildwerken in Holz ausgeführt hat, unter denen das Chorgestühl im Münster (1469-74) durch Feinheit der Charakteristik in den Figuren und durch die naturalistische, von edlem Schönheitssinn verklärte Detailbehandlung eine erste Stelle in der deutschen Bildnerei des 15. Jahrh. einnimmt. Er hat auch den Steinernen Brunnen auf dem Marktplatz zu Ulm geschaffen. Sein gleichnamiger Sohn ist in Ulm und Blaubeuren ebenfalls als Bildschnitzer thätig gewesen.

Syrmien, ehemals Herzogtum in Slawonien, benannt nach der römischen Stadt Sirmium (s. d.), umfaßte den östlichen Teil der von der Drau, Save und Donau umflossenen sogen. Syrmischen Halbinsel, stand erst unter den ungarischen Königen, dann unter den Türken, nach deren Vertreibung 1688 Kaiser Leopold I. das italienische Haus Odescalchi damit belehnte. Später kam S. an das Haus Albani. Das jetzige kroatisch-slawonische Komitat S. grenzt an die Komitate Torontál, Bács-Bodrog und Veroviticz sowie an Bosnien und Serbien, hat ein Areal von 6848,5 qkm (124,4 QM.), ist gebirgig (Fruska-Gora), fruchtbar (vorzüglicher Weizen und Wein, Mais, Obst, Kastanien), hat (1881) 296,678 Einw. (meist Serben) u. lebhafte Pferde-, Vieh-, Bienen- und Seidenraupenzucht. Komitatssitz ist Vukovar (s. d.).

Syrnium, s. Eulen, S. 906.

Syrokomla, Wladyslaw (eigentlich Ludwig Kondratowicz), poln.Dichter, geb. 17. Sept. 1823 zu Jaskowice in Litauen, lebte bis 1853 als Landwirt in Zalucz am Niemen, später in Borejkowszczyzna bei Wilna und starb in letzterer Stadt 15. Okt. 1862. S. war kein Dichter von hohem Gedankenflug. aber vom Feuer echter Begeisterung und tiefem, auf, richtigem Gefühl erfüllt, zugleich von einer ungewöhnlichen Einfachheit im Ausdruck. Unter seinen zahlreichen im Volkston gehaltenen poetischen Erzählungen (Gawedy) sind hervorzuheben: "Urodzony Jan Deborog", "Janko Cmentarnik", "Noc hetmanska" und "Zgon Acerna" auf den Tod Klonowicz' (f. d.), dessen trübe Lebensschicksale ein Spiegelbild der seinigen bildeten. Weniger erfolgreich versuchte er sich) auf dramatischem Gebiet ("Kaspar Karlinski" u.a.). S. lieferte auch eine Geschichte der polnischen Litteratur ("Dzieje literatury w Polsce", 2. Ausg., Warsch. 1874, 3 Bde.) sowie eine treffliche metrische Übersetzung der polnisch-lateinischen Dichter Janicki, Sarbiewski, Szymonowicz, Klonowicz u. a. (Wilna 1852, 6 Bde.). Eine Gesamtausgabe seiner Dichtungen erschien in 10 Bänden (Warsch. 1872). Seine Biographie schrieb I. I. Kraszewski(Warsch. 1863).

Syrphus, Schwebfliege; Syrphidae, Familie aus der Ordnung der Zweiflügler, s. Schwebfliegen

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Syrrhaptes - Szajnocha.

Syrrhaptes, Steppenhuhn.

Syrte, Name zweier Busen des Mittelländischen Meers an der Küste Nordafrikas. Die Große S. (Dschûnel Kebrit, auch Golf von Sidra), zwischen der Landschaft Tripolis und dem Plateau von Barka, bildet den am weitesten nach Süden einbiegenden Teil des Mittelmeers; die Kleine S. (auch Golf von Gabes) liegt südlich von der Bai von Tunis zwischen den Landschaften Tunis und Tripolis.

Syrup (Sirob, arab., lat. syrupus), s. Sirup.

Syrus, röm. Dichter, s. Publilius Syrus.

Sysran (Ssysran), Kreisstadt im russ. Gouvernement Simbirsk, unweit der Wolga, an der Eisenbahn Morschansk-Orenburg, hat 7 Kirchen, eine Stadtbank, eine Realschule und (1885) 28,624 Einw., welche Acker- und Gartenbau, Industrie in Leder, Eisen und Talg und Handel mit Getreide und Salz treiben. S. wurde I683 angelegt.

Syssitien (griech.), gemeinschaftliche Männermahle in den altdorischen Staaten Griechenlands, besonders Sparta, wo sie auch Pheiditien hießen. Zur Teilnahme an den täglichen S. waren alle männlichen Bürger Spartas vom 20. Lebensjahr an verpflichtet und mußten hierzu einen Beitrag in Naturalien und Geld entrichten. Das Hauptgericht war die berühmte schwarze Blutsuppe, Schweinefleisch in Blut gekocht und mit Essig und Salz gewürzt. An jedem Tisch speisten in der Regel 15 Personen, welche auch im Krieg Zeltgenossen waren.

System (griech., das "Zusammengestellte"), jedes nach einer gewissen regelrechten Ordnung aus Teilen zusammengesetzte Ganze. In diesem Sinn redet man von einem Nervensystem, insofern die Verbindung der Nerven deren Zusammenwirken zu den Zwecken des tierischen Lebens bedingt; von einem Tonsystem oder der Reihenfolge der Töne nach bestimmten Intervallen; von einem Planetensystem, das durch die Abhängigkeit der Bewegung der einzelnen Planeten von einem Zentralkörper, der Sonne, zu stande kommt; ferner von Eisenbahn-, Verwaltungs-, Ackerbausystemen etc. Insbesondere aber versteht man unter S. ein geordnetes Ganze von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die vollendete Form aller wissenschaftlichen Darstellung, welche dadurch gewonnen wird, daß alle Begriffe aus einem oder einigen höchsten Prinzipien hergeleitet und entwickelt werden, wobei sich das Verfahren nach der Art, wie ein Ganzes wissenschaftlicher Erkenntnisse überhaupt zu stande kommt, verschiedenartig modifiziert. Die unterste Form systematischer Darstellung oder der Systematik ist die Klassifikation, insofern dieselbe lediglich die Verhältnisse logischer Über- und Unterordnung zu berücksichtigen hat, wobei der Zusammenhang des Mannigfaltigen mehr ein äußerlicher ist. Diese Systematik gestaltet sich nicht allein nach der verschiedenen Natur und Erkenntnisquelle der einzelnen Wissenschaften verschieden, sondern es machen sich auch innerhalb des Gebiets einer einzelnen Wissenschaft im Lauf der Zeit Veränderungen nötig, je nachdem man bei Ableitung und Begründung des Details bald von diesem, bald von jenem Standpunkt ausgeht, wodurch nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt der Wissenschaft verschiedene Modifikationen erleiden muß. Die Darlegung der allgemeinen Formen des systematischen Verfahrens ist Aufgabe der Logik, während deren nähere Anwendung auf besondere Gebiete wissenschaftlicher Erkenntnis der einzelnen Wissenschaft überlassen bleibt. In der Naturwissenschaft versteht man unter S. die wissenschaftliche Aneinanderreihung der Naturkörper nach gewissen gemeinsamen Merkmalen zu Arten, dieser zu Gattungen, dieser weiter zu Familien, Ordnungen und Klassen. Je nachdem man hierbei von einem einzelnen Merkmal oder einigen wenigen ausgeht oder die Gesamtheit derselben berücksichtigt, unterscheidet man künstliche und natürliche Systeme. Künstliche Systeme hat man namentlich in der Botanik gehabt, z. B. solche, welche nach der Beschaffenheit des Stammes alle Pflanzen in Kräuter und Bäume trennten, oder nach der Beschaffenheit der Fortpflanzungswerkzeuge (wie Linné) oder nach der Frucht (wie Gärtner) einteilten. Sie wurden schon am Ende des vorigen Jahrhunderts durch das alle Merkmale gleichmäßig berücksichtigende und der in der allgemeinen Tracht (Habitus) sich aussprechenden natürlichen Verwandtschaft Rechnung tragende natürliche System (von Jussieu) ersetzt (weiteres s. Pflanzensystem). In der Zoologie hat man niemals eigentlich künstliche Systeme gehabt, da sich hier die natürliche Verwandtschaft deutlicher ausprägt; doch hat auch das zoologische S. im einzelnen selbstverständlich die größten Veränderungen erfahren. Der Zug der modernen Forschung geht dahin, die natürlichen Systeme der Lebewesen zu genealogischen Systemen umzugestalten (vgl. Darwinismus, S. 567 f.). Über Geologische Systeme s. Geologische Formation.

Systematik (griech.), die Kunst der systematischen Darlegung (s. System), Anleitung dazu. Systematisch, ein System bildend, planmäßig.

Système de la nature, Titel des berühmten philosophisch-materialistischen Buches im Geiste der französischen Encyklopädisten, das pseudonym 1770 erschien, und als dessen Verfasser jetzt der Baron v. Holbach (s. d.) gilt.

Systole (griech.), in der Prosodie im Gegensatz zur Diastole (s. d.) die Verkürzung einer von Natur langen Silbe durch die Aussprache, welche regelmäßig in der Senkung des Versfußes unmittelbar vor der folgenden Hebung eintritt, z. B. "Obstupui steteruntque comae" (Vergil); in der Physiologie die Zusammenziehung der Herzmuskulatur (weiteres s. Blutbewegung, S. 60).

Sytschewka (Ssytschewka), Kreisstadt im russ. Gouvernement Smolensk, an der Wasusa und der Bahnlinie Wjasma-Rshew, mit (1885) 4984 Einw.

Syzygien (griech.), in der Astronomie gemeinsame Bezeichnung für Konjunktion und Opposition, also für diejenigen Stellungen eines Planeten zur Sonne, wo beide, von der Erde aus betrachtet, entweder gleiche oder um 180° verschiedene Länge haben.

Szabadka (spr. ssá-), s. Maria-Theresiopel.

Szabolcs (spr. ssáboltsch), ungar. Komitat am linken Theißufer, grenzt an die Komitate Szatmár und Bereg im O., Ung und Zemplin im N., Borsod und Szolnok im W. und Bihar im Süden und umfaßt 4917 qkm (89,3 QM.). Der Boden bildet eine im O. bewaldete, im W. und NW. aber längs des Laufs der Theiß mit Sodaseen und Morästen angefüllte, doch überaus fruchtbare Ebene mit fetten Weiden. Nur der sogen. Nyir, eine sandige Fläche mit dünenartigen Erhebungen, ist weniger fruchtbar. Hauptfluß ist die Theiß mit der Szamos. Die Einwohner (1881: 214,008), meist Ungarn, betreiben die Rindvieh-, Schaf- und Schweinezucht im großen. Hauptort des Komitats, welches die Ungarische Staatsbahn durchschneidet, ist die Stadt Nyiregyháza.

Szajnocha (spr. schai-), Karl, poln. Dichter und Geschichtschreiber, geb. 1818 zu Komaro bei Sambor in Galizien, wurde 1835 als Gymnasiast zu Lemberg wegen eines politischen Gedichts, das man bei ihm

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Szalay - Szasz

fand, mit schwerer Gefängnishaft bestraft, die seine Gesundheit zerrüttete und ihm den Weg zu höherer Bildung verschloß, und schlug nun die schriftstellerische Laufbahn ein, indem er Gedichte, Erzählungen und Dramen aus der Vorzeit Polens in Lemberger Zeitungen veröffentlichte. Bald wandte er sich jedoch von diesen poetischen Versuchen ab, einem ernsten und vertieften Studium der polnischen Geschichte zu und ließ als nächste Frucht desselben zwei mit verdientem Beifall aufgenommene Schriften erscheinen: "Boleslaw Chrobry" (Lemb. 1848) und "Pierwsze odrodzenie Polski" ("Die Wiedergeburt Polens", das. 1849), worin die Zeiten Wladislaw Lokieteks und Kasimirs d. Gr. treu und anschaulich geschildert werden. Bedeutenderes noch leistete er in "Jadwiga i Jagiello" (Lemb. 1855, 3 Bde.; 2. Aufl. 1861, 4 Bde.), seinem Hauptwerk, das sein Talent für historische Malerei im vollsten Glanz erscheinen läßt. S. war inzwischen (1853) Kustos der Ossolinskischen Bibliothek in Lemberg geworden, doch mußte er die Stelle schon nach wenigen Jahren wegen Erblindung wieder aufgeben. Er starb, bis zuletzt litterarisch thätig, 10. Jan. 1868 in Lemberg. Von seinen Schriften sind noch hervorzuheben: "Lechicki poczatek Polski" ("Der lechische Ursprung Polens", Lemb. 1858); die vortrefflichen "Szkice historyczne" (das. 1854-69, 4 Bde.) und "Dwa lata dziejów naszych" ("Zwei Jahre polnischer Geschichte"), eine Schilderung der Kriege Polens mit den Kosaken (das. 1865-69, 2 Bde.). Eine Sammlung seiner historischen Werke (mit Biographie von Kantecki) erschien unter dem Titel: "Dziela Karola Szajnochy" (Lemb. 1876-78, 10 Bde.).

Szalay (spr. ssállai), Ladislaus von, ungar. Historiker und Staatsmann, geb. 18. April 1813 zu Ofen, widmete sich von 1824 bis 1826 in Stuhlweißenburg und Pest philosophischen und juridischen Studien, begann 1833 die Advokatenpraxis und ward infolge seiner Schrift "Das Strafverfahren mit besonderer Rücksicht auf die Strafgerichte" (Pest 1840) zum Schriftführer der vom Reichstag zur Ausarbeitung eines Strafkodex niedergesetzten Kommission gewählt. 1843 wurde er von der Stadt Karpfen als Deputierter zum Reichstag entsendet, wo er sich der liberalen Opposition anschloß. Er beteiligte sich seit 1844 teils als Redakteur, teils als Mitarbeiter am "Pesti Hirlap". Seine Abhandlungen, worin er namentlich für administrative Zentralisation und Reform des Komitatswesens seine Stimme erhob, erschienen gesammelt als "Publicistai dolgozatok" (Pest 1847, 2 Bde.). Sein "Státusférfiak könyve" (Pest 1847-52) enthält Lebens- und Charakterschilderungen bedeutender reformatorischer Staatsmänner. Von der ungarischen Regierung 1848 zu ihrem Gesandten bei der deutschen Zentralgewalt in Frankfurt ernannt, ging er dann in derselben Eigenschaft nach London, ward aber hier nicht anerkannt, begab sich darauf in die Schweiz und kehrte später nach Pest zurück, wo er 1861 zum Reichstagsabgeordneten gewählt wurde. Er starb 17. Juli 1864 in Salzburg. Seine Hauptwerke (in ungarischer Sprache) sind: "Geschichte Ungarns" (Leipz. 1850-60, 6 Bde.; deutsch von Wögerer, Pest 1866 bis 1875, 3 Bde.); "Nikolaus Esterházy von Galantha, Palatinus von Ungarn" (das. 1862-66, 2 Bde.); "König Johann und die Diplomatie" (im "Budapesti Szemle" 1858-60); "Ungarisch-geschichtliche Denkwürdigkeiten" (Pest 1858-60, 3 Bde.). Vgl. Flegler, Erinnerungen an L. v. S. (Leipz. 1866).

Szamarodny (spr. ssá-), s. Tokayer.

Szamos (spr. ssámosch), Nebenfluß der Theiß in Ungarn, entspringt im Biharer und Aranyoser Gebirge in zwei Quellflüssen, die sich bei Deés vereinigen, fließt dann nordwestlich, nimmt die Kraszna auf und mündet in der Nordwestecke des Szatmárer Komitats bei Ocsva-Apathi.

Szamos-Ujvár (spr. ssámosch-, Armenierstadt), Stadt im ungar. Komitat Szolnok-Doboka (Siebenbürgen), an der Klausenburg-Bistritzer Bahn, Sitz eines griechisch-kath. Bischofs, mit schöner armenischer Kirche, altem Schloß, bischöflichem Palais, Franziskanerkloster, griechisch-katholischer theologischer Akademie, (1881) 5317 meist armen. Einwohnern, lebhaftem Getreide- und Viehhandel, Lederindustrie, Landesstrafanstalt und Bezirksgericht. In der Nähe das Schwefelbad Kérö.

Szanthó (spr. ssánto), Markt im ungar. Komitat Abauj-Torna, am Hegyaljagebirge, mit (1881) 4279 Einw., Weinbau und Bezirksgericht.

Szapary (spr. ssápp-), 1) Ladislaus, Graf, öfterreich. General, geb. 22. Nov. 1831 zu Pest, trat 1848 in die österreichische Kavallerie, ward 1857 Major, 1860 Flügeladjutant des Kaisers, 1862 Kommandant des 1. (jetzt 13.) freiwilligen Husarenregiments, mit welchem er 1866 in Italien wichtige Dienste leistete, 1869 Generalmajor und Brigadekommandeur in Pest, 1874 Feldmarschallleutnant und Kommandeur der 20. Division, mit der er 1878 in Bosnien einrückte. Nach der Verstärkung der Okkupationsarmee ward er zum Kommandeur des 3. Armeekorps ernannt, nahm an der völligen Okkupation hervorragenden Anteil und erhielt im Oktober das Militärkommando in Temesvár, dann in Kaschau. Er starb 28. Sept. 1883 in Preßburg.

2) Julius, ungar. Staatsmann, Vetter des vorigen, geb. 1. Nov. 1832, ward 1861 Deputierter für Szolnok und in rascher Karriere Ministerialrat im Ministerium des Innern und Staatssekretär im Kommunikationsministerium (August 1870), welcher Stellung er aber schon im Mai 1871 entsagte, um dann 5. März 1873 Minister des Innern zu werden. Er bekämpfte da die Schäden des alten Regimes mit Nachdruck und übernahm bei der Rekonstruktion des Ministeriums Tisza im Dezember 1878 das Finanzportefeuille, das er bis zum Februar 1887 innehatte.

Szárvady (spr. ssar-). Wilhelmine, s. Clauß.

Szarvas (spr. ssárwasch). Markt im ungar. Komitat Békés, an der Körös, Station der Ungarischen Staatsbahn, mit (1881) 22,504 Einw. (Slawen und Ungarn), evang. Obergymnasium und Bezirksgericht.

Szász (spr. ssaß). Karl, ungar. Schriftsteller, geb. 15. Juni 1829 zu Nagy-Enyed in Siebenbürgen, studierte daselbst und gewann schon 1847 mit einer poetischen Erzählung einen Preis. Nach der Revolution, in deren letzten Kämpfen er als Honvéd mit focht, studierte er Theologie, wirkte als Gymnasiallehrer in Nagy-Körös, wurde dann calvinistischer Seelsorger zuerst in Kézdi-Vásárhely, dann in Kun-Szent-Miklós, vertrat den Fülöpszallaser Bezirk auf dem Reichstag von 1865 und trat 1867 als Sektionsrat im Kultusministerium in den Staatsdienst. Zwei Jahre später wurde er zum Schulinspektor und 1876 zum Ministerialrat im Ministerium ernannt. S., der Mitglied der Akademie und der Kisfaludy-Gesellschaft ist und von beiden wiederholt mit Preisen ausgezeichnet wurde, hat auf dem Felde der Lyrik und poetischen Erzählung ("Almos", "Salamon") sowie des Dramas ("Zrinyi", "Herodes", "Georg Frater"), besonders aber als poetischer Übersetzer eine reiche Thätigkeit entwickelt und unter anderm das Nibelungenlied, Dantes "Göttliche Komödie", zwei Bände Gedichte von Goethe, mehrere Dramen von Shakespeare, Ten-

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Szászkabánya - Szécsény.

nysons Idylle, Lustspiele von Molière u. a. ins Ungarische übersetzt. Auch sein Buch "A vilápirodalom eposzai" ("Die großen Epen der Weltliteratur", Budapest 1882, 2 Bde.) enthält zahlreiche ausgezeichnete Übersetzungsproben. - Auch seine Brüder, Dominik, geb. 1838, reformierter Bischof von Siebenbürgen, und Béla, geb. 1840, jetzt Professor der Philosophie in Klausenburg, haben sich, der erstere auf theologisch-politischem Gebiet, der letztere als Lyriker, einen litterarischen Namen gemacht.

Szászkabánya (spr. ssáhßkabanja), Markt im ungar. Komitat Krassó-Szörény, mit (1881) 2812 Einw., Kupfer- und Schwefelkiesbergbau, Kupferschmelzhütten und Bezirksgericht.

Szatmár (spr. ssátt-), ungar. Komitat am linken Theißufer, von den Komitaten Bereg, Ugocsa, Marmaros, Szolnok-Doboka, Szilágy, Bihar und Szabolcs begrenzt, umfaßt 6491 qkm (117,9 QM.), ist im Süden und O. gebirgig, im übrigen Teil eben und stellenweise sumpfig. Die Theiß fließt an der Nordgrenze und nimmt die Szamos, Kraszna und den Tur auf. S. hat (1881) 293,092 Einw. (meist Ungarn) und ist in der Ebene sehr fruchtbar. In den gebirgigen Gegenden blüht Rindvieh-, Schaf-, Schweine- und Bienenzucht. Das Mineralreich liefert Gold, Silber, Kupfer und Antimon; auch sind Glashütten und Sägemühlen in Betrieb. Hauptort ist Nagy-Károly. - Die Stadt S. (seit der 1715 erfolgten Vereinigung der Städte S. und Németi auch S.- Németi), königliche Freistadt im Komitat S. und Station der Ungarischen Nordostbahn, liegt an beiden Ufern der Szamos, ist Sitz eines römisch-kath. Bischofs und Domkapitels sowie eines Gerichtshofs und einer Finanzdirektion, hat eine Kathedrale, 2 Klöster, ein katholisches und ein reform. Gymnasium, eine Lehrer- und eine Lehrerinnenpräparandie, eine theologische Diözesanlehranstalt, ein Seminar und (1881) 19,708 ungar. Einwohner, die Gewerbe, Handel und auf dem benachbarten S.-Hegy (einer städtischen Ansiedlung mit 2000 reform. Einwohnern) auch Weinbau betreiben. S. hat eine Dampfmühle, ein königliches Tabaksmagazin und am Domplatz eine Büste des ungarischen Dichters Kölcsey.

Szczawnica (spr. sstschá-), Badeort in der galiz. Bezirkshauptmannschaft Neumarkt, in den Karpathen, nahe der ungarischen Grenze, mit mehreren Heilquellen (alkalisch-muriatischen Säuerlingen, Natron- und Natronlithion-, jod- und bromhaltigen Quellen), besuchter Trink- und Badeanstalt (ca. 3000 Kurgäste) und (1880) 2140 Einw.

Széchényi (Szécsényi, beides spr. sséhtschenji), ein ungar. Adelsgeschlecht, das seit dem Schluß des 16. Jahrh. emporkommt und vom 17. Jahrh. ab bedeutende Kirchenfürsten und Staatsmänner aufweist:

1) Georg, 1645 Domherr von Gran, 1647 Bischof von Fünfkirchen, 1649 von Veszprim, 1658-68 von Raab, 1668-85 Erzbischof von Kalocsa, zugleich Administrator des Raaber Bistums, 1685-95 Graner Primas; ein "Wunder der Freigebigkeit" ("prodigium munificentiae") genannt.

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