TROPFEN AUS HEITERM HIMMEL
Reading edition
AUF der Wiese steht ein Greis und will eine Kneippkur machen.
Er ist barfuß und barhaupt.
Über ihm hängt ein wunderschöner, blauer, wolkenloser Himmel.
Der Greis hält Ausschau nach einer Kuh, die fern am Waldrande Bedürfnis über Bedürfnis verrichtet.
Da tropft dem Greis etwas aufs Haupt.
Ein dicker Tropfen.
Der Greis greift mit der Hand auf seinen Schädel und wischt den Tropfen ab.
Dann lugt er auf zum Himmel.
Der Himmel glänzt in seidiger Bläue.
«Wie?» denkt der Greis, «ein Tropfen aus heiterm Himmel?»
Und er begibt sich von dem Flecke, auf dem er gestanden, weg und pflanzt sich anderswo auf.
Daselbst hält er wiederum Ausschau nach jener bedürfnisstrotzenden Kuh.
Er steht nicht lange — der Greis —, so kleckt ihm ein zweiter Tropfen aufs Haupt.
Aufschauend zum Himmel, wundert er sich ins Fäustchen und wischt sodann den nassen Tropfen sich vom Schädel.
Der Himmel lacht. Mit Recht.
«Wenn das so weitergeht,» denkt unser Greis bei sich, «das kann ja gut werden!»
Und er bleibt stehen, wo er steht.
Er will herauskriegen, wo die Tropfen herkommen; auch will er wissen, ob ihrer noch mehr herunterklecken.
Abermals wendet er sein Augenmerk nach jener fladenden Kuh und vergißt über sie das Tropfen.
Es währt nur kurze Zeit, so tropft dem Greis ein dritter Tropfen auf den Kopf.
Der Greis runzelt die Stirn und betrachtet den Himmel. Der thront unschuldig und engelisch-rein über der Szenerie.
Der Greis legt sich ins grüne Gras und läßt den Himmel nicht aus dem Auge.
Es kleckt kein Tropfen mehr vom Himmel.
«Aha,» denkt sich der Greis, «dies geschieht, weil ich Obacht gebe».
Und er paßt auf. Er wendet keinen Blick vom Himmel.
— — — — —
Auf der Wiese liegt ein Greis. Er hat eine Kneippkur machen wollen, aber er muß aufpassen, ob es tropft. Er ist überzeugt, daß in dem Augenblicke, wo er den Himmel außer acht läßt, ein Tropfen ihm aufs Haupt kleckt.
Der Greis schläft darüber ein.
Er träumt, daß ihm ein Tropfen auf den Kopf kleckt. Er stellt sich anderswohin, und ein zweiter Tropfen kleckt. Er bleibt stehen, und ein dritter Tropfen kleckt. Da legt er sich ins grüne Gras und spannt auf den Himmel. — Dies träumt der Greis.
Die Kuh möhkt plötzlich dicht bei ihm.
Davon erwacht der Greis, erhebt sich ächzend und begibt sich an die Kneippkur.
Ihm ist, als seien drei Tropfen auf seinen Kopf gekleckt.
Dies ist jedoch völlig unmöglich. Denn der Himmel ist blau, heiter und wolkenlos.
Hat der Greis geträumt?