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Kobolz

HAND UND AUGE

Reading edition

(Ein Reise-Erlebnis)

Personen: Die anmutige Dame Der stattliche Herr

Ort: Eisenbahn-Abteil 2. Klasse

DER Herr: «Darf ich das Fenster öffnen?»

Die Dame: «Ja.»

Der Herr: «Stört es Sie, wenn ich eine Zigarette rauche?»

Die Dame: «Nein.»

Der Herr: «Darf ich fragen, wohin Ihre Reise geht?»

Die Dame: «Ja. Nach Danzig.»

Der Herr: «Wie sich das trifft! Ausgerechnet nach Danzig fahre auch ich!»

Der Herr: «Ist es Ihnen unangenehm, mit mir im selben Abteil fahren zu müssen?»

Die Dame: «Nein.»

Der Herr: «Fahren Sie gern Eisenbahn?»

Die Dame: «Nein.»

— —

Ein Gespräch kommt nicht zustande.

Es ist frostern im Abteil. Die Dame ist zugeknöpft. Der Herr versucht es mit einem Gewaltmittel:

«Schauen Sie», spricht er, «ich hab’ ein Glasauge!» und nimmt sein linkes Auge heraus.

Die Dame taut auf: «Ach!? — Ist das echt?»

«Jawohl — es ist ein echtes nachgemachtes Auge.»

«Gott, wie goldig!»

«Nicht wahr?»

«Und ohne das Auge sehen Sie gar nichts?»

«Nein, nicht das mindeste.»

«Und mit dem Auge?»

«Sehe ich auch nichts!»

«Ja, ist denn das Auge nicht durchsichtig?»

«Doch — aber womit sollte ich hindurchsehen?»

«Haben Sie das Auge verloren?»

«Ja — ein Fräulein hat es mir mit der Hutnadel ausgestochen.»

«Wie gemein!»

«Ich habe mich gebührend gerächt.»

«Inwiefern?»

«Ich habe das Fräulein geheiratet.»

Die Dame rückt ab und knöpft sich wiederum zu. Der Herr hat seinen Reiz zur guten Hälfte verloren. Er ist verheiratet!

Der Herr steckt sein Auge ein.

Die Dame — nach langer Pause —: «Sie tragen ja gar keinen Trauring?»

«Nein, warum? Ich bin ja nicht verheiratet.»

«Sie sagten doch . . .»

«Ein Scherz.»

«Aber das falsche Auge ist doch wenigstens echt, wie?»

«Völlig echt, meine Gnädige.»

«Darf ich es mal sehen?»

«Mit Vergnügen.»

Der Herr reicht der Dame das echte falsche Auge. Die Dame nimmt es in die linke Hand.

Sie faßt das Auge scharf ins Auge und spricht:

«Es ist täuschend imitiert. Besser als diese meine linke Hand.»

«Was ist mit der Hand?»

«Sie ist künstlich. Aus Marmor.»

«Seltsam. Ein falsches Auge in falscher Hand!»

«Ich finde das weniger seltsam, als wenn ein echtes Auge in einer echten Hand läge.»

«So? Wäre das seltsamer?»

«Es wäre nicht nur seltsamer, es wäre unmöglich.»

«Es ist nicht unmöglich. — Mein Auge ist kein Glasauge. — Das Auge ist mein wirkliches, echtes Auge.»

Die Dame läßt erschreckt das Auge fallen.

Das Auge blickt die Dame wehmutig an.

Die Dame greift gerührt mit ihrer Linken nach dem Auge — — — die Hand füllt sich mit Leben, Blut durchrinnt sie, Puls klopft auf.

Das Auge zwinkert bedeutsam.

Der Herr sieht die marmornen Finger der Dame sich regen; «Ihre Hand, Gnädige, scheint lebend zu sein!»

Die Dame krümmt die Finger — und ist selbst betroffen über die Verwandlung.

Sie streicht mit der Rechten über das Auge in ihrer Linken, und das Auge schläft ein.

Der Herr nimmt es und steckt es in seine Höhle zurück.

Die Dame kann nicht anders, sie drückt einen Kuß auf das Auge.

Der Herr küßt der Dame die linke Hand.

Das Auge öffnet sich und blickt dankbar.

Die Linke der Dame streichelt die Wange des Herrn.

«Danzig —!»

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