ICH BIN, ICH WAR
Reading edition
ICH bin eine Blume. Ich blühe auf der Heide.
Ich bin eine Blume und blühe auf der Heide.
Da kommt eine Kuh und frißt mich ab.
Nun bin ich eine Blume gewesen. Nun bin ich keine Blume mehr.
Wie bin ich traurig!
— — — — —
Ich bin eine Kuh und grase.
Niemand merkt mir an, daß ich traurig bin.
Grasen ist fade, Kuhsein ist fade; als Blume hatte ich es besser.
Aber muß man als Kuh nicht stoisch sein und tragen, was man aufgebürdet kriegt?
Geduldig sein und grasen und sich fassen, möh. —
Es ist schließlich gar nicht so traurig, Kuh zu sein.
Die Sonne scheint, die Wiese duftet, der Himmel bläut — und da soll ich traurig sein?
Ich bin lustig.
Aber es ist nicht die Blumenlustigkeit, die mich durchglüht, es ist die Lustigkeit der Kühe.
Ich mache mutwillige Sprünge und möhe und muhe.
Die Welt ist schön, muh.
Muh, schön ist die Welt.
Und ich bin doch traurig!
(Ich war eine Blume!!)
— — —
Da kommen zwei vermummte Kerle. Die fackeln nicht lange: Einer packt mich hinterrücks und ringelt mir den Schwanz zusammen, das tut weh. Der andere schlingt mir eine Kette ums Gehörn und knufft mich. Sein Spießgeselle peitscht auf mich ein. Ich weiß nicht, was gehauen und gestochen ist.
(Einst war ich eine Blume.)
Man führt mich hinweg von meiner Wiese. Ade, du Wiese, ade!
— — —
In der Abendstunde erreichen wir ein Gehöft.
Einst war ich eine Blume, ich denke dran.
Blume bin ich nimmer; bin eine armselige, wehrlose Kuh, muh.
(Hilft mir der Stoizismus etwas?)
Rasch tritt der Tod die Kühe an: Eine Ledermaske mit einem bösen Stirnbolzen wird mir aufgestülpt — — — ein Schlag, und ich stürze hin. Da hilft kein Muhen.
Mit einem Rohrstock pfählt man mir das arme Hirn. Das macht mich traurig. Oder lustig? Ich weiß nicht, ich glaube, ich bin tot.
Kuh bin ich gewesen.
Blume bin ich gewesen.
Ich entsinne mich wirr . . . es ist mir, ja . . . vor langer, langer Zeit — war ich ein Falter. Aber ich weiß es nicht.
Daß ich Blume war, weiß ich mit Sicherheit. Ich lege meinen Huf dafür ins Feuer.
Es ist vorbei.
Bin weder Kuh noch Blume mehr.
— — — — —
Bin Wurst. Salamiwurst. Ich koste das Pfund 1.80 M.[2] Ich bin erstklassige Ware, elektrisch hergestellt.
Den Stoizismus habe ich behalten. Dennoch stimmt es trübe, Wurst sein zu müssen, wenn man Blume hat sein dürfen.
Ich bin mir Wurst. Ich nehme es hin. Muh. (Eigentlich dürfte ich als Wurst nimmer muhen. Ich nehme das Muh als anachronistisch zurück.)
Ich habe keine Freude mehr auf der Welt.
Ich bin eine kalte Wurst. Nichts tangiert mich.
Wenn ich mein Leben überdenke, so muß ich frank gestehen: Wurst sein, das ist das Schlimmste nicht. Mensch sein ist weitaus schlimmer!
Doch Kuh sein, das ist schöner als Wurst sein.
Das Allerallerschönste freilich war: Blume sein, Blume gewesen sein, Blume sein gedurft zu haben.
Mir war’s verstattet.
Ich war Blume, ich war Blume!
O Blumen, ihr seid glücklicher als Kuh und Wurst!
O Blumen, nichts auf Erden ist glücklicher denn ihr.
O Blumen — —
* * *
Vom wurstigen Standpunkt gesehen, ist es vielleicht das Vorteilhafteste, Kuh zu sein.
Die Kuh ist besser dran als die Blume.
Denn während eine Kuh sehr wohl Blumen fressen kann, kann eine Blume nichts fressen.
Und eine Wurst kann auch nichts fressen: nicht Kuh, nicht Blume.
Kuh gewesen sein gedurft zu haben ist also — mit Vorbehalt — noch erhebender als Blume gewesen sein gedurft zu haben.
Ich wünsch’ euch eine gute Nacht und mir, wieder Kuh werden zu dürfen.