IM FLÜSTERTONE
Reading edition
Abziehbilderbogen
(1)
EIN Huhn steht auf dem Hofe und sieht aus, als habe es die Hände in den Hosentaschen.
Es blickt mich hühnisch an — mich, der ich schreibe, daß es aussieht, als habe es die Hände in den Hosentaschen.
Es weiß nicht, daß ich schreibe, es sähe aus, als habe es die Hände in den Hosentaschen.
Belassen wir es in seiner Nichtwissenheit!
(2)
Ein junger Mann, der zu den kühnsten Hoffnungen berechtigt, liegt im Bett und streckt die Füße über den Bettgiebel hinaus.
Er hat zweierlei Strümpfe an.
Einen schwarzen und einen grauen.
Ich habe dem nichts hinzuzufügen.
(3)
Ein Auto pfeilt durchs Dorf und zermalmt einen Mistkäfer, den die Sehnsucht nach Erlebnissen in die weite Welt getrieben hatte.
Ist es, frage ich, ist es nicht töricht, wenn Ernst Zwibinsky der Ältere erklärt, um den Mistkäfer sei es nicht schade, und er hätte ja doch früher oder später ein Ende gefunden?
Wie wenig hat jener Zwibinsky den Sinn des Lebens erfaßt!
Laßt uns ihn gemeinsam verachten!!
(4)
Johanna Würmchen, sechsundvierzig Jahre alt und äußerst unbescholten, erhebt sich Punkt zwölf Uhr mitternachts, um den Sonnenaufgang nicht zu verpassen.
Der Kalender steht auf Dezember.
Hätte sich Johanna um sieben Uhr erhoben, wäre vollauf Zeit gewesen, zum Sonnenaufgang zurecht zu kommen.
Ich bitte um ihre Adresse, Wiederholungen obiger Unangebrachtheit vermeiden zu helfen.
(5)
Der europäischen Kultur und ihrer Begleiterscheinungen über und überdrüssig, dampfte Pippin, Edler von Krachgehirn, gen Hinterafrika, um sich zu barbarisieren.
In Vitzpatuchpoma betrat er Land und drang urwaldeinwärts.
Nach drei Nachtmärschen erreichte er eine primitive Hütte, woselbst er sich niederließ und mit Wohlgefühl schwängerte.
Da erklang aus der Hütte ein Grammophon: «Puppchen, du bist . . .»
. . . von Jean Gilbert, obwohl er bloß Max Winterfeld heißt und im Automobil komponiert.
Pippin, Edler von Krachgehirn, zögerte keine Sekunde, sich von der allergiftigsten Schlange bebeißen zu lassen.
(6)
Hinaus mit den Fremdwörtern!
Das war die Losung und nicht die Parole.
Endlich waren sie alle hinaus.
Draußen ist es kalt.
Die Fremdsprachen weigern sich, die Überläufer mit den fremden Gesichtern aufzunehmen.
Nun stehen sie herum, die Ausgetriebenen, nicht Fisch, nicht Fleisch, zwiefältig mißhandelt, — und verhungern.
Atze sie, deutscher Sprachverein, und laß den Frierenden wollene Strümpfe stricken!
(7)
Hier liegt die Tafel Schokolade.
Dort sitzt der Mensch und hat einen schmerzenden, hohlen Zahn. —
Darüber nicht zu lachen, ist der erste Schritt ins Christentum.
(8)
Der Laubfrosch Nepopomuk war ein gar sensibel besaitet Gemüt, hatte aber seinen Dickkopf für sich.
Kauerte, sofern Regen zu gewärtigen stand, auf der obersten Leitersprosse und blusterte sich in der grasigen Niederung seines Glashauses prophetisch auf, wenn sonnige Tage im Anzug waren.
Glaubt ihr, er habe damit die Dispositionen des großen Unbekannten, der jenseits der Wolken thront, über den Haufen geworfen?
Glaubt ihr das?
Meiner Treu, Der über den Wolken hat Wichtigeres zu tun, als Obacht zu geben auf kleine Nepopomuks.
Die Sonne scheint, und der Regen fällt — ohne das Hinzutun irgendwessen.
(9)
Drehorganist Schrimpf, der mit Onkel Rübezahl auf du und du steht, mußte vom Gebirge ins Tal hinunter, geriet in eine Herberge und erblickte in dieser einen pompösen, wandverzierenden Buntdruck, der keinen Geringeren als Hindenburg darstellte.
In Politicis und auch sonst mangelhaft beschlagen, erkundigte sich Schrimpf, wer das sei.
In Dalldorf interniert wurde der Herr Drehorganist.
(10)
Dem Konstantin Funkelpunze kleckte es, eine zur Ehe hitzig entschlossene Maid aufzugabeln und daraus die Konsequenzen zu ziehen.
Die Ehe, die sich in welcher Hinsicht auch immer glücklich anließ, fiel buchstäblich ins Wasser, als der Dampfer, welcher den hochzeitsreisenden Funkelpunze benebst Gattin an Bord trug, havarierte und mit Mann, Maus, Kind und Kegel untersank.
Ein freundlicher Amerikafahrer fischte die junge, verheißungsvolle Ehe aus den Fluten und schickte sie mir per Flaschenpost.
Ich offeriere: Ehe, so gut wie ungebraucht, preiswert zu verkaufen.
(11)
Ein Schutzmann steht auf dem Altmarkte und teilt Gebärden aus.
Die Welt leert sich, der Schutzmann jedoch wankt und weicht nicht von seinem Posten.
Er berechtigt, wenn nicht alles trügt, zu der Frage, wozu er da ist.
Wozu, wozu, wozu ist der Schutzmann da?
Was ist überhaupt ein Schutzmann??
Ein Schutzmann, lieben Leute, ist dazu da, daß er da ist. Punktum.