Zweites Buch Das Volk
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Zweiundsiebzig Städte zählte das Herzogtum Württemberg und vierhundert Dörfer. Getreide wuchs, Obst, Wein. Ein schöner, edler Garten im römischen Reich hieß das Herzogtum. Bürger und Bauern waren heiter, gesellig, willig, geweckt. Geduldig nahmen sie das Regiment ihrer Fürsten hin. Hatten sie einen guten Fürsten, so frohlockten sie; war er schlecht, so war dies Fügung des Himmels, Züchtigung des Herrgotts. An zehn Goldgulden zinste jeder Württemberger, Mann, Weib, Kind, den herzoglichen Renteien.
War der Herzog gut, war der Herzog schlecht, Sonne kam und Regen kam, Weizen wuchs, Wein wuchs, gesegnet lag das Land.
Aber Fäden spannen sich von allen Seiten, Hände langten, Augen gierten, von allen Seiten wob sich Gespinst über das Land.
In Paris saß der fünfzehnte Ludwig und seine Minister. Ein Stück Württemberg, die Grafschaft Mömpelgard, war von seinem Gebiet eingezirkelt, er wartete nur darauf, sie zu verschlucken. In Berlin saß die Gräfin, zettelte mit der Reichsritterschaft, suchte hier und dort noch Letztes zu erquetschen, in Frankfurt und Heidelberg lauerten Isaak Landauer und Josef Süß, dem Herzogtum ihre Schrauben anzusetzen, der Staatssekretär des Papstes wob Fäden von Rom nach Würzburg zum Fürstbischof, das Land der Mitra zu unterwerfen, in Wien die kaiserlichen Räte ertiftelten von dem Erbprinzen, dem Katholiken, Feldmarschall des Kaisers, neue Verträge, Bindungen von Stuttgart nach Wien, in Regensburg der alte Fürst Thurn und Taxis blinzelte herüber, und in Belgrad der Feldmarschall Karl Alexander und Remchingen, sein Freund und General, wogen große Pläne.
Sie alle saßen, warteten im Kreis, beschielten sich mißtrauisch, warfen ihre großen, stummen Schatten über das Land.
Und Sonne kam, Regen kam. Weizen wuchs, Obst, Wein. Das Land lag gesegnet.
In den ersten Novembertagen starb so jäh, wie er zumeist beschlossen und gewirkt und gelebt hatte, Eberhard Ludwig, von Gottes Gnaden Herzog zu Württemberg und Teck, der römischen kaiserlichen Majestät, des heiligen römischen Reiches und des löblichen schwäbischen Kreises Generalfeldmarschall, auch Oberster über drei Regimenter zu Roß und zu Fuß.
Auf mächtigem Katafalk lag er nun, das Gesicht bläulichgelb vom Stickfluß, in großer Uniform mit vielen Orden, daraus der dänische Elefantenorden und der preußische Schwarze Adler hervorprunkten, viele Lichter um ihn, zu Häupten und zu Füßen auf Totenwacht zwei Leutnants. Kümmerlich hockte in dem großen, schweigenden Raum verstaubt und sauer Johanna Elisabetha, die Herzogin. Ihr Triumph hatte so kurz gedauert; und daß der Mann, der mit so zähem Warten, so blutigem Schweiß erkämpfte, jetzt nach den wenigen Monaten blau und tot und erstickt dalag, das hatte die andere ihm angewünscht, die Mecklenburgerin, die Hexerin, die Person. Aber sie saß da, sie allein, nicht die andere. Wer künftig in Württemberg herrschte, war ihr gleich. Der Katholik wahrscheinlich, mit seiner hochmütigen, leichtfertig aufgeputzten Frau. Aber sie war so ausgehöhlt, das interessierte sie nicht. Sie hatte nur mehr ein Geschäft auf der Welt: den zähen Brei ihrer Rache gar zu kochen. Noch saßen die Verwandten der Person an den Futternäpfen des Herzogtums, noch glänzte die Person in Reichtum und großem Glanz, noch zog sie durch hundert kleine Kanäle, durch die Verwalter ihrer Liegenschaften, durch ihre verfluchten Juden den Saft des Landes an sich. Jetzt, nun Eberhard Ludwig tot war, hatte sie keinen Schutz mehr, galt keine Rücksicht mehr. Sie, die Herzogin, wird sie von neuem peinlich anklagen, bei dem neuen Herzog, bei Kaiser und Reich. Die Person hatte ihr nach dem Leben getrachtet, sie hatte dem Erbprinzen, sie hatte dem Herzog den Tod angehext. Sie wird, die Herzogin, sich jetzt nicht im ersten Sturm ausgeben. Aber sie wird nicht ablassen von ihr; sie wird nicht schreien, aber ihre grämliche Stimme wird nicht schweigen, bis die andere bloß steht und in Lumpen und all ihrer Schmach. So saß sie an dem stolzen Katafalk, grau und kümmerlich, und drehte den armen Rest ihres Lebens in der Hand, und die schweren Blüten aus den Treibhäusern dufteten, und die großen Kerzen schwelten, und die Leutnants standen mit bloßem Degen und hielten Totenwacht.
Die Bürger, wie die Herolde den Tod des Herzogs verkündeten, nahmen die Hüte ab, waren ergriffen. Jetzt, wo der Herzog tot war, sahen sie nur mehr seine Stattlichkeit, Leutseligkeit, soldatische Tugend, Pracht, Eleganz, und sie waren geneigt, alles Elend seiner Regierung allein und ausschließlich der Gräfin und ihrer Hexerei zuzuschreiben. Nicht nur das Geld, das sie dem Land erpreßt hatte, wog man ihrer Schuld zu, man fluchte auch alle Verdammnis und Pestilenz auf sie herab, weil durch sie das alte festbegründete Ansehen des Fürstenhauses in Deutschland erschüttert und manche vorteilhafte Gelegenheit, neue Rechte und Vorzüge zu erlangen, verloren worden sei; denn man habe, um den kaiserlichen Hof nicht zu erzürnen, überall gar vorsichtig und behutsam agieren müssen, auch habe gewöhnlich gerade zur rechten Zeit das Geld mankiert. Und immer tiefer in den Kot sank das Bild der Gräfin, und immer leuchtender stieg der Herzog, und die Weiber wischten sich die Augen: Und so prächtig war er, und so freundselig sprach er mit jedem, so ein guter Herr, so ein schöner Herr!
Und es liefen, fuhren, ritten die Kuriere. Einer nach Frankfurt, da wackelte Isaak Landauer mit dem Kopf, rieb sich die fröstelnden Hände und sagte: „Ei, da wird der Reb Josef Süß es wichtig haben und große Geschäfte.“ Einer nach Berlin, da setzte der Gräfin das Herz aus und sie fiel ohnmächtig auf den Estrich. Einer nach Würzburg, da lächelte der dicke, lustige Fürstbischof und rief seinen Geheimrat Fichtel zu sich, und einer nach Belgrad, da atmete der Prinz Karl Alexander, jetzt Herzog, Herzog jetzt! hoch auf und er sah sich den Krieg hineintragen tief nach Frankreich, und er sah seine Hände drehen an den Speichen der Welt. Ueber dem allem aber und gleichzeitig sah er trübgraue Augen, hörte er eine mürrisch knarrende Stimme: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag ich Euch nicht.“ Und er betrachtete nachdenklich seine Hand, eine merkwürdige Hand, ihr Inneres war fleischig, fett, kurz, während ihr Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien.
Vor dem Spiegel aber stand Marie Auguste, da stand sie oft, und war nackt und lächelte. Mit den langen Augen unter der klaren, leichten Stirn beschaute sie ihren Leib, der weich war und schlank und von der Farbe alten, edeln Marmors. Sie dehnte sich wellig, der kleine, eidechsenhafte Kopf mit den sehr roten Lippen lächelte tiefer. Es war schön, jetzt nach Stuttgart zu fahren, durch huldigendes Volk, in goldenem Wagen, als Herzogin. Es war auch hier schön gewesen, in Belgrad, thronend über den wilden, begehrlichen, verehrenden, barbarischen Menschen. Aber es war sehr willkommen, jetzt am Kaiserhof und an den andern deutschen Höfen Verehrung aufwölken zu sehen wie Weihrauch. Sie wird die Herzogskrone ohne Perücke tragen, es war gegen die Mode, aber sie wird es doch tun, und die Krone wird klein und hoch und sehr stolz auf dem strahlendschwarzen Haar sitzen. Sie hob, die nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, tanzend fast, durch das Zimmer. Viele Herren werden an ihrem Hofe sein, deutsche, italienische, französische, nicht halbwilde wie hier; man wird ja nah an Versailles sein. Und viele, die halb frech, halb bewundernd die Prinzessin beschaut hatten, wie werden sie jetzt die Herzogin beschauen. Auch der Leibjude wird wieder am Rande ihres Kreises stehen, der hemmungslos galante, sie zuckte amüsiert die Lippen. Ah, es war gut, schön zu sein, es war gut, reich zu sein, es war gut, Herzogin zu sein. Wie herrlich, daß es Männer gab und schöne Kleider und Kronen und Lichter und Feste. Es war eine schöne Welt, es war schön zu leben.
Auf Schloß Winnenthal, vier Stunden nur vor Stuttgart, fiel Karl Alexanders Bruder, der sanfte Prinz Heinrich Friedrich, in tiefe Verwirrung, als er den Tod des Vetters erfuhr. Er lebte still in dem schönen, kleinen Schloß, las, musizierte. In den letzten Jahren hatte er eine Geliebte zu sich genommen, ein ruhiges, dunkelblondes Geschöpf, die Tochter eines kleinen Landedelmannes, mit weichen Bewegungen, schönen, tiefbefriedeten Augen und etwas schwer von Verstand. Als der Prälat Weißensee zu ihm gekommen war mit dem Projekt, ihm an Stelle des katholischen Bruders den Thron zuzuwenden, hatte der verträumte Mann mit beiden Händen zugegriffen. Aber der kluge Prälat mußte bald erkennen, daß der Prinz in seiner fahrigen, unsachlichen Manier politische Dinge als Phantasien betrachtete und sich in Farbig-Nebelhaftes verlor. Nein, mit diesem Prätendenten konnte man gegen den energischen, zufahrenden Karl Alexander nichts ausrichten. Nach dem Tod des Erbprinzen, als die Nachfolgerschaft aus müßigem Geträum greifbare Wirklichkeit hätte werden können, traf gar aus Belgrad – weiß der Himmel, woher der Feldmarschall von den Zetteleien mochte erfahren haben – ein unzweideutiges Schreiben ein, darin Karl Alexander den Bruder ernstlich vermahnte, von solchen Umtrieben und schnöder Aktion abzulassen. Erschreckt und verschüchtert zog sich der sanfte Prinz von allen Unternehmungen zurück, ja, er vermied in großer Angst jeden Umgang mit Weißensee. Jetzt, wie er den Tod des Herzogs erfuhr, stand all das bunte, phantastische Geträume wieder auf. Schwitzend, mit zittrigen Gliedern, groß erregt, ging der schwächliche Mann in dem fahlen Morgen herum, dichtete sich zusammen, was alles sein könnte, wenn er nur ein bißchen mehr Initiative hätte, wie er von der Macht Besitz ergriffe, an den Kaiser schriebe, Minister bestellte, entließe, mit Frankreich Verträge schlösse, zündende Reden an das Volk hielte. Aufseufzend kehrte er schließlich wieder in das Schlafzimmer zurück, er hatte seine liebe Geliebte nicht erst wecken wollen, leise und vorsichtig zog er sich aus, streckte sich bekümmert über seine Schwäche an ihrer Seite aus, umarmte tastend ihre großen, warmen Brüste, bis sie ihre schönen, dummen Augen aufschlug, tröstete sich an ihrer sanften Jugend und schlief endlich, seufzend, nachdenklich und befriedet, wieder ein.
Der Prälat Weißensee, auf die Todesnachricht hin, ging in kribbelnder Erregung durch seine weiten Räume mit den weißen Vorhängen. Wieviel Probleme, Komplikationen, Konflikte! Der katholische Fürst in dem stockprotestantischen Land: eine neue, unerwartete, noch nie dagewesene Konstellation im westlichen Deutschland. Er, Weißensee, hatte sich rechtzeitig eingestellt, es gab viele Möglichkeiten, er wird bei keiner ausgeschaltet werden können. Er hat sich nirgends exponiert, er hat überallhin Fäden geknüpft. Er ging auf und ab, konzipierte Pläne, verwarf, genoß wohlig Spannung, Bewegung, das Glück des großen Intrigenzettlers und Projektenmachers.
Magdalen Sibylle aber, seine Tochter, saß und die blauen Augen in dem bräunlich kühnen Gesicht arbeiteten und wechselten zwischen Hell und Dunkel. Ein Katholik, ein Heide auf dem Thron. Jetzt brach Verwirrung und große Not über das Land herein. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Land fest bleibe gegen die Versuchungen, mit denen der Götzendiener es locken, gegen die Drohungen, mit denen er es der reinen Lehre wird abspenstig machen wollen. Der heidnische Fürst fuhr einher mit Glanz und großer Gloire, er hatte Schlachten gewonnen, stand beim Kaiser in Gunst, seine Gemahlin trug sich hoffärtig und frivol. Hilf, Herr Zebaoth, daß das Volk fest bleibe in all der Not und Versuchung. Und ihr Vater, ihr Vater stand ganz vorne im Kampf, ihm lag es ob, Schild des bedrohten Evangels zu sein. Ach, sie wollte nicht sündigen gegen das vierte Gebot; aber sie hatte große Angst, ob er auch die rechte Festigkeit habe vor Gott und den Menschen. Sie flüchtete sich, wie immer in solcher Not, zu Gott, sie schlug die Bibel auf und betete um ein Orakel. Aber sie fand nur den Spruch: „Jeglichen reinen Vogel dürft ihr essen. Dies aber ist, was ihr nicht essen dürft von ihnen: den Adler und den Strauß und den Sperber und den Pelikan.“ Sie dachte lange nach, aber sie konnte bei aller Gewandtheit im Orakeldeuten keinen Zusammenhang finden zwischen der Not des Landes, der Sorge um den rechten, festen Glauben des Vaters und dem Strauß und dem Pelikan, den die Israeliten nicht essen durften. Sie beschloß, das Orakel ihrer Freundin Beata Sturmin vorzulegen, der Erweckten, der blinden Heiligen im Stuttgarter Bibelkollegium. Vorerst aber betrachtete sie, Kummer und schweres Nachdenken in dem männlich kühnen Antlitz, den Vater, der gar nicht umwölkt, sondern höchst angeregt, das feine, lebendige Gesicht arbeitend, in wohliger Spannung auf und nieder ging.
Schon eine halbe Stunde, bevor die Sitzung beginnen sollte, hatten sich die elf Herren des engeren parlamentarischen Ausschusses im Landschaftshause zusammengefunden. Es stand nur Belangloses auf der Tagesordnung; aber alles war so ungeklärt, man saß in dicker Finsternis, man wollte wenigstens einen Nebenmann tasten, Antworten aus der Nacht hören.
Ach, daß man damals dem Prinzen das Darlehen abgeschlagen hatte, ach, daß man mit seinem jüngeren Bruder gezettelt hatte. Jetzt saß man in Dreck und großer Not. Der Prinz müßte ein Heiliger sein, wenn er jetzt, an der Macht, die Landschaft das nicht entgelten ließe. Und er war durchaus kein Heiliger. Ein Soldat, ein Feldmarschall, gewohnt an stumme, blinde Subordination. Man hörte, daß er in Belgrad mit seinen Räten durchaus nicht glimpflich verfuhr, daß er oft und abermals mit seinen Beigeordneten in wilde, tobende Zerwürfnis geraten war, bestialisch fluchte und tobte, keine Widerrede duldete und Geschirr und Zerbrechliches an den Schädeln seiner Räte zerschmiß. Kurz, daß er ein Despot war wie nur je ein heidnischer Cäsar. Man wird seine Not und Höllensabbat haben mit diesem Leviathan.
Denn man war nicht gewillt, auch nur ein Tipfelchen aufzugeben von seinen Rechten und Freiheiten. Ah, die süße Macht! Sie Elf, sie leckten den Honigseim der Verfassung. Der Rest des Parlaments war nur dazu da, zu bestätigen, was sie beschlossen. Aber sie, sie Elf, sie thronten über dem Land, sie tagten hinter verschlossenen Türen, wie die venezianische Signoria, sie spannen, handelten, schacherten unter sich und banden dem Herzog und seinen Ministern die Hände. Wohlig war es und süß, sich so wichtig und in der Macht zu fühlen. Da soll keiner herkommen und daran rühren. Man wird sich breit und kräftig hinstellen und das Land schützen vor Tyrannei und katholischer Knechtung. Denn man hat ja seinen festen Schutz und gute Verwahrung. So fest und gut ist das Gesetz, wonach der Herzog schwören muß, ihre und der protestantischen Kirche Rechte zu wahren. Von diesem Gesetz kann Rom mit all seiner schlauen Interpretierungskunst nichts wegtifteln. Diesen Riegel durchfeilt auch nicht der feinste Jesuiter. Soll er nur um sich beißen, der Heide und wütige Tyrann! An diesem Eisen wird er sich die Zähne ausknirschen. O klares Gesetz! O gesegnete Religionsreversalien! O gute, feste Verfassung und Tübinger Vertrag! O weise, heilsame, gepriesene altväterliche Vorsicht, die bissigen Herzogen solchen Maulkorb angehängt.
Pünktlich um zehn Uhr eröffnete Johann Heinrich Sturm, der Präsident, die Sitzung. Aber ehe man noch in die Tagesordnung eintreten konnte, erschien vor den verblüfften Herren der Regierungsrat Filipp Jaakob Neuffer, Bruder des Konsulenten. Er wies Dokumente vor, denen zufolge Karl Alexander als legitimer Nachfolger den württembergischen Thron übernehme und bis zu seiner Ankunft im Herzogtum die Räte von Forstner und Neuffer als amtierende Minister mit der Leitung der Staatsgeschäfte beauftrage.
Lächelnd und höflich erklärte der Rat den sehr betretenen Herren weiter, dem Herzog sei bekannt, daß man im Parlament gewisse Besorgnisse hege, die Religion und die ständischen Freiheiten anlangend. Er sei glücklich, den Herren im Auftrag Seiner Durchlaucht beruhigende Bestätigungen und Versicherungen jetzt schon überreichen zu können. Der Herzog habe Gelegenheit gehabt, noch als Prinz Fühlung zu nehmen mit einigen Mitgliedern des engeren Ausschusses über den damals möglichen, jetzt wirklich eingetretenen Fall, und die Herren hätten die abgegebenen Versicherungen für höchst wünschenswert erachtet, das nötige Vertrauen zwischen Herzog und Landschaft herzustellen.
Stumm und tief verwirrt hörten neun von den Elf diese Rede an. Selbst der ruhige, gefaßte Präsident Sturm zwang sich nur mit Mühe einige Sätze ab, in denen er die Vollmacht des Rates, jetzt also Konferenzministers, anerkannte, für die übergebenen Papiere dankte und erklärte, man werde sie in Ruhe prüfen.
Der Minister gegangen, blieben die Herren bestürzt, ratlos, mißtrauisch, tief erbost. Es gab also unter ihnen Männer, die auf eigene Faust zettelten? Die Nachbarn des Weißensee und des Neuffer rückten fast unmerklich ein wenig von ihnen ab.
Mittlerweile stellte sich der andere Neuffer, jetzt Minister, im Kriegskommissariat vor, verlangte auf Grund herzoglicher Vollmacht ein Detachement Soldaten, erhielt sie nach Anfrage bei der Landschaft. Drang, noch lag der alte Herzog nicht unter der Erde, im Ministerrat ein, verhaftete im Namen Karl Alexanders die Häupter der Grävenizschen Partei, ließ die Knirschenden, mit allen Himmels- und Höllendrohungen Protestierenden auf den Hohentwiel schaffen. In Haft Friedrich Wilhelm, der Bruder der Gräfin, der eiskalte, der seine Schwester aus der Politik ausgeschaltet hatte, sich um so fester zu setzen, Oberhofmarschall und Ministerpräsident, in Haft seine beiden Söhne, der Oberstallmeister und der Konferenzminister. Aufgehoben auch ihre kleinen Mitläufer und Kreaturen, der Kirchenratsdirektor Pfeil, der geheime Referendar Pfau, die Regierungsräte Vollmann und Scheid und die zahlreichen Subalternen ihres Anhangs. Wie sie sich gespreizt hatten! Wie sie groß und hochnäsig getan hatten und kaum gedankt, wenn man sie grüßte. Jetzt saßen sie in der Zelle und in dicker Finsternis und kein Hahn krähte nach ihnen.
Dann wartete Neuffer der Herzogin auf, teilte der aus Staub und Gram Aufleuchtenden, Triumphierenden das Geschehene mit. Ließ durch Herold und durch Anschlag bekanntgeben, daß Karl Alexander die Herrschaft übernommen habe, binnen kurzem von Belgrad eintreffen werde, gegen ungetreue Beamte, so für eigenen Vorteil das Volk bedrückten, bereits habe vorgehen lassen, alle Freiheiten, insbesondere der Religion, fürsorglich schon im vorhinein mit fürstlich wahren und treuen Worten bestätigt habe.
Jubel im Volk. Das war ein Fürst. Der griff zu ohne Ansehen der Person. Genau wie auf dem Bild, wo er Belgrad erstürmt. Bänder her, Tannenreiser her, das Bild zu bekränzen! Ein Herr und Held. Mit dem wird man gut fahren.
In der Nähe von Hirsau führte von der Landstraße ab ein Karrenweg. Von dem Karrenweg ab zweigte ein Fußpfad, verlor sich in Wald, hörte ganz auf vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick weiter. Von den Einheimischen hatte nur ein Gärtner Zutritt und ein alter Taglöhner, der Botengänge besorgte, beide mürrische Männer, die Ausfrager stehenließen. Man wußte nur, daß ein Holländer das verfallene kleine Haus von den Erben des früheren Besitzers erworben hatte. Den Behörden war er als Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten gemeldet, er hatte den großen Paß der Generalstaaten. Der Kauf war in aller Form vollzogen, allen Anforderungen der Polizei- und Rentämter wurde mit peinlicher Gewissenhaftigkeit genügt. Der Holländer wohnte dort mit einem sehr jungen Mädchen, einer Zofe, einem Diener. Man erzählte eine merkwürdige Geschichte von einem Strolch, der einen Einbruch in dem einsamen Haus versucht hatte. Er sei abgefaßt, überwältigt worden. Der Holländer habe ihm nichts getan, den Abgebrühten, Höhnenden nur eine Nacht über in ein Zimmer mit Büchern gesperrt. Schlotternd, tief verwirrt sei der Strolch andern Tags durch den Wald getorkelt, habe die Gegend für immer verlassen.
Gerüchte flogen auf, der Holländer sei der Ewige Jude, verstummten wieder. Er hielt sich fern vom Ort, machte einsame Spaziergänge, gewöhnlich im Wald, selten bekam man ihn zu Gesicht. Schließlich gewöhnte man sich an ihn. Da war nun eben ein Zaun mit gewaltigen Bäumen, und dahinter wohnte der Holländer, und wenn er verbotene Dinge trieb, so tat er das zumindest sehr still, und ohne jemand zu molestieren.
Nun lebte aber in Hirsau jener Magister Jaakob Polykarp Schober, der dort das Bibelkollegium abhielt, an dem auch Magdalen Sibylle teilnahm. Der junge, etwas fette, pausbäckige Mensch, der still vor sich hintrieb und lange, sinnierende Spaziergänge liebte, geriet auf einem solchen Spaziergang, halb unwillkürlich einem Vogel folgend, der ihn von Baum zu Baum lockte, an den hohen Zaun, überkletterte ihn ohne viel Gedanken und ohne besondere Mühe, durchschritt den Wall der hohen Bäume, stand plötzlich am Rand einer Lichtung und sah, inmitten von Tulpen und terrassenförmig steigenden Beeten anderer ihm unbekannter, sorglich gezüchteter Blumen das Haus des Holländers. Es stach fremdartig, ein blendend weißer, kleiner Würfel, in die pralle Sonne. Vor dem Haus aber war ein primitives Sonnenzelt aufgeschlagen, und darin lag, sich dehnend und verträumt, ein Mädchen, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes Gesicht unter blauschwarzem Haar. Der Magister stand still, starrte rundäugig, demütig, machte sich auf Zehen wieder fort. In Zukunft aber schlich sich in seine Vorstellungen vom himmlischen Jerusalem das Bild des Mädchens im Zelt vor dem sehr weißen Haus mit den Tulpen.
Rabbi Gabriel ließ dem Mädchen jede Freiheit. Naemi blühte still und sanft und ohne viel Begehren. Sie hatte den alten, mürben, schweigsamen Diener und ihre holländische Zofe Jantje, die nun auch schon viele Jahre gutmütig, ergeben, geschwätzig und besorgt um sie herumwirtschaftete. Manchmal hätte sie gerne Menschen gesehen; aber da der Oheim sie fernhielt, war es wohl besser so. Geträumte Menschen, gelesene Menschen waren besser als die unten lebenden.
Sie erging sich mit Lust in den Büchern, die der Oheim mit ihr las. Es waren zumeist hebräische Bücher, die vieldeutigen, geheimnisvollen der Kabbala darunter. Sie dachte sie nicht, sie sah sie. Der kabbalistische Baum, der himmlische Mensch waren ihr wirkliche, greifbare Dinge. Es tanzten die Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens einen heiligen Tanz, sie hatten ihre bunten, schimmernden Fahnen, es regten sich mit vielen Gliedern die Figuren der heiligen Wissenschaft, es klommen die Dreiecke, es sanken die Vierecke, es sprang von Gipfel zu Gipfel der fünfzackige Stern. Aber die Sieben- und Neunecke reckten viele Glieder, spießten bedrohlich nach einem, umschmiegten einen lieblich. Und alles schlang sich in vielwendigem, artigem Tanz.
Es lehrte der Oheim: Jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe der Schrift hat seinen heimlichen Sinn. Er öffnet sich, wenn du die Worte vergleichst mit anderen Stellen der Schrift, wenn du den Zahlenwert der Buchstaben zu neuen Gebilden destillierst. Sieh, hier ist Papier und ein wenig Schwärze darauf. Und ist lebendiger als ein lebendiger Mensch, ist sprechender Mund für die Ewigkeit. Ist dies nicht das Wunder der Wunder? Vor vielen tausend Jahren dachte einer, fühlte einer diesen Satz. Der Mund, der ihn zum erstenmal sprach, ist tot, das Hirn ist tot, das ihn zum erstenmal dachte. Aber seine Hand schrieb ihn nieder, und da er ihn niederschrieb, strömte Gott in die Buchstaben, und du denkst sie, spürst sie heute, nach den vielen tausend Jahren. In dem Geschriebenen ist Gott. Buchstaben leben, weben sich, Buchstab zu Zahl, Zahl zu Klang, in Ewigkeit. Was einer schreibt, das löst sich von ihm und lebt sein eigenes Wesen fort und spricht zu jedem andern. Aber wer sich heiligt, empfindet Gott in allem Geschriebenen.
So lehrte Rabbi Gabriel. Naemi hörte, mühte sich zu begreifen. Aber die heiligen Geschichten formten sich nur auf Augenblicke zu den strengen, mystischen Abgezogenheiten, die der Oheim ihnen abrang. Dann kehrten sie zurück und bekamen Farben und Fleisch und wurden in dem Blut des Mädchens zu bunten, lieblichen Fabeln und zu heroischen Abenteuern.
Sie las im Hohen Lied: Mein Geliebter hebt an und spricht: Auf, meine Schäferin! Meine Schöne! Auf und komm! Sieh, der Winter ist vorbei. Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Auf, meine Schäferin! Meine Schöne! Komm! Meine Taube! Taube im Felsenriß, auf heimlichem Hang! Laß mich schauen deine Gestalt! Laß mich deine Stimme hören! Denn deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.
Sie saß, zart und aufmerksam, und glitt mit erfüllten Augen über die großen, blockigen, hebräischen Buchstaben. Das Gesicht, sehr weiß wie das des Vaters, drehte sich auf schlankem, stolzem Hals, die Augen trugen uralte Träume, den Kopf hatte sie in die Hände gestützt, sanft rundeten sich aus zarten Gelenken die Arme.
Rabbi Gabriel erklärte, was sie da gelesen habe, deute die Schöpfung der Welt, und die Blumen seien die Erzväter, und die Stimme der Jünglinge, welche die Geheimnisse der Schrift lernen, erwirke, daß die Welt sich erhalte und die Erzväter sich offenbaren. Und er legte es auseinander und wieder zusammen, mit viel Tiefe und Scharfsinn; und schließlich versank er und verstummte. Sie hörte gläubig zu; aber kaum hatte er geendet, so wurden die Blumen wieder Blumen, und sie hörte die einfache, süße Melodie: Der Winter ist vorbei, der Regen flieht und ist vorbei. Junge Blüten erscheinen am Boden, die Zeit des Sangs ist da, der Turteltaube Stimme tönt in unserm Land. Und sie schließt die Augen und hört auf die lockende Stimme, und sie lauscht hinter die Bäume und hält den Atem an: jetzt wird, gleich wird, im nächsten Augenblick, der Schäfer sichtbar sein, der die feinen Worte läutet, die silbern klingenden. Doch niemand kommt.
Auch die Helden und Frommen der Bibel bedeuteten gewiß das, was Rabbi Gabriel ihr erklärte. Doch war er nicht da, so schaute sie Naemi mit ihren eigenen Augen. Sie selber war Tamar, die den Amnon liebte, sie war Rahel, die mit Jakob floh, sie Rebekka an der Tränke. Auch Mirjam war sie noch, die das Siegeslied tanzte über den vom Herrn ersäuften Aegyptern. Doch nicht war sie Jael, die dem Sisserah den Nagel in die Schläfe schlug, nicht Deborah, die richtete in Israel. Mit den wenigen Menschen ihrer Umwelt staffierte sie die Geschichten der Bibel aus. Hagar trug die Züge der geschwätzigen Zofe Jantje, die Propheten hatten die trübgrauen, steintraurigen Augen des Onkels und seine platte Nase, und sie redeten mit seiner knarrenden, übellaunigen Stimme.
Die Helden aber hatten die Haltung des Vaters, sein Gesicht, seine Augen, die großen, gewölbten, fliegenden, seine schmiegsame, beredte, beredende Stimme. Ach, der Vater! Der helle, glänzende! Oh, daß er so selten kam! An seinem Hals hängen, das war Leben, und was sonst war, das war nur die Erwartung, daß er wiederkommen werde. Und alle die Helden der Schrift sah sie in seinem Bild. Simson, der die Philister schlug, trug seinen olivgrünen Rock und stapfte eilig, glänzend und gefährlich in seinen klirrenden Reitstiefeln. David, wie er dem Goliath obsiegte, wiegte sich in dem roten, zierlich geschweiften Frack, in dem der Vater das letztemal gefahren kam, und der gehobene Arm mit der Schleuder warf artig gefältelte Manschetten zurück. Und ach! auch dies sah sie mit einem heimlichen, lüsternen Grauen, das Haar, daran Absalom im Baume sich verfing, war das reiche, gelockte, kastanienfarbene Haar des Vaters, und wenn David wehklagte: O Absalom! Mein Sohn! dann jammerte er mit der knarrenden Stimme des Oheims, und es waren die feuervollen, geliebten Augen des Vaters, die er zudrückte.
Festlich fuhr der neue Herzog die Donau hinauf in der Jacht, die sein Schwiegervater ihm geschenkt hatte. Reglos am Kiel hockte unergründlichen Auges der Schwarzbraune. Neben der Herzogin saß massig der General Remchingen, hochrot das Weingesicht unter der weißen Perücke; schnaufend und modisch machte er in seinem plärrenden Oesterreichisch der schönen Frau seinen Hof. Der Soldat strahlte, hundert verwogene, draufgängerische Pläne blühten jetzt der Reife entgegen. Es war eine der ersten Handlungen des Herzogs, daß er den Freund zum Präsidenten des Kriegsrats und Höchstkommandierenden in Württemberg ernannte.
Glänzender Empfang in Wien. Die Majestäten äußerst huldvoll. Hochamt. Bankett in der Burg. Oper. Der alte Fürst Thurn und Taxis war dem Schwiegersohn nach Wien entgegengefahren; auch die beiden geistlichen Freunde hatten es sich nicht nehmen lassen, dem Herzog ihre Glückwünsche bis Wien entgegenzutragen. Als die Jacht anlegte, stand der Fürstbischof von Würzburg mit seinen Geheimräten Raab und Fichtel, stand der Fürstabt von Einsiedeln am Ufer, küßten den Herzog erfreut und herzlich, tätschelten blinzelnd Marie Augustens Hand.
Nach der Oper, die Majestäten und die Herzogin haben sich schon zurückgezogen, sitzen Karl Alexander, der Fürst von Thurn und Taxis, die beiden Prälaten noch zusammen. Dunkelgelber Tokaier leuchtet ölig, der Herzog hat sich in Belgrad an ihn gewöhnt, säuft ihn in großen Zügen, derweilen die Jesuiten sich an Schlücklein behagen. Die Luft ist schwer von Kerzen und Wein.
Karl Alexander, vor diesen Befreundeten und Vertrauten, kehrt sein Herz nach außen. Ah, er war nicht gewillt, als kleiner Dutzendfürst in seinem Land zu versauern. Sein Ehrgeiz ging nach mehr als darüber zu wachen, daß seine Untertanen brav ihren Wein bauten, ihre Leinwand woben, ihren Kleinen den Rotz schneuzten und die Hemdzipfel reinhielten. Regieren lassen wird er seine Räte, er wird herrschen. Er war nicht umsonst solange im Feldlager gewesen. Er war Soldat, ein Soldatenherzog. Hat er solange für ein anderes, wenngleich befreundetes Haus gefochten und gesiegt, wieviel besser wird er können für sich selber fechten und siegen. Ludwig der Vierzehnte hat erobert, das kleine Venedig hat ein gut Teil Griechenland gefressen, von Schweden aus hat der zwölfte Karl seine Fahnen durch halb Europa getragen, in Potsdam rüstet man auf Eroberungen. Er spürt es, er ist der Mann dazu, aus seinem kleinen Staat einen größeren zu machen, vielleicht, will’s Gott, einen großen. So, wie es jetzt ist, jedenfalls läßt er sein Land nicht. Da stößt man sich ja blau und kaput an all den Ecken nach innen und außen und kann keinen Arm und kein Bein ausstrecken. Soviel Strateg ist er und versteht er von der Kriegskunst, daß sein kleines Land der Lage nach der Kern ist zu einem größeren. Und auch die Zeit, der Krieg mit Frankreich, ist günstig. Wenn man nur richtig vorstößt nach den württembergischen Besitzungen jenseits des Rheins, nach der Grafschaft Mömpelgard, die so mitteninne liegt im Französischen, und von da aus weiter: für einen Militär ist das eine exzellente Basis. Dann das viele Kleinzeug mitten im Herzogtum und an den Grenzen, die Reichsstädte Reutlingen, Ulm, Heilbronn, Gmund, Weil die Stadt, er begreift nicht, wie seine Vorgänger das haben so üppig wuchern und florieren lassen. Er wird sorgen, daß das dem Herzog nicht wie Steine im Magen soll liegen, sondern wie gedeihlicher Fraß.
„Euer Liebden sind sehr kühn,“ lächelte der alte Thurn und Taxis und schnupperte mit dem feinen Windhundgesicht an seinem Tokaier. Wohlgefällig hörte er auf die temperamentvollen Projekte des Schwiegersohns. Er hielt das alles für bare Utopie, er glaubte nicht, daß sich davon auch nur ein Jota werde durchsetzen lassen; aber mein Gott! der Herzog war Soldat, man verlangte keine politische Einsicht von ihm. Es war nett, anregend, amüsant, daß er so soldatisch ins Zeug ging. Zwei Monate in seiner Residenz, und das Feuer legt sich.
Die beiden Kirchenfürsten lauschten aufmerksam den starken Worten Karl Alexanders. Sie hatten seine Katholisierung mit großem Eifer betrieben, einmal weil man jeder irrenden Seele zum Licht verhelfen soll, dann weil es ein starkes Propagandamittel war, den Württemberger herüberzuziehen, vor allem aber aus Spielerei. Große politische Pläne hatten sie wirklich nicht damit verfolgt. Nun Gott es aber so glücklich gefügt hatte und dem Neugewonnenen ein so mächtiges Relief gegeben, konnte man schmunzelnd die vielerlei Komplimente über die eigene weise Voraussicht einstecken. Vor allem aber galt es, die unerwartete Chance nach Kräften auszunützen. Solch Feuer, wie es der Herzog da abbrannte, war immer gut. Daran war manches Süpplein zu wärmen.
Sachte begann der dicke Würzburger Fürstbischof. Der Bruder Herzog trage sich mit großen Plänen, zu denen ihm jeder christ-katholische Fürst Gutes wünschen müsse. Aber er vergesse, daß Gott ihn ausersehen habe, in einem rebellischen und ganz verstockten Babylon zu herrschen. Diese verfluchten Evangelischen hätten die gottgewollten Rechte der deutschen Fürsten beknabbert wie die Ratten, daß sie nun gottsjämmerlich ramponiert in Fetzen hingen.
Der Herzog: Der Württemberger sei nicht schlecht, sei ein loyaler Untertan und dem Fürsten treu. Es sei nur diese verfluchte Bande vom Parlament, diese obstinate Kompanie von filzigen Eseln, die ihm seinerzeit die Apanage geweigert, diese sperrigen, hochverräterischen Hammel, die mit seinem Bruder gezettelt. Aber er sei auf dem Qui vive gewesen und habe sich nicht um seinen Thron bescheißen lassen, und jetzt, an der Macht, werde er es ihnen heimzahlen und sie kuranzen, daß sie sollen Blut schwitzen. Und so wolle er kein Fürst sein und Soldat, so er ihnen nicht den Fuß werde auf den frechen Nacken setzen.
Es lächelte der Abt: so einfach sei das nicht. Fürs erste habe der Bruder Herzog Vorausversicherungen gegeben für die Religion und allerhand Reversalien. Das sei Papier, Papier, Papier, schrie schwer vom Wein und wild der Herzog. Und gelassen der Jesuit: Gewiß; aber vorläufig bindend. Auch die Bibel sei zuletzt nur Papier, und doch stehe auf ihr Rom und die Welt.
Geschmeidig mischte der Würzburger sich ein: Karl Alexanders Kraft und Weisheit, die Hilfe und List seiner Freunde, seine Soldaten und die Güte seiner Sache würden das Papier schließlich zerreiben. Die Katholisierung des Herzogtums, Basis und Eckpfeiler all dieser Pläne, sei schwer, aber nicht unmöglich. Man denke an die vorbildlich kluge und geglückte Katholisierung von Pfalz-Neuburg. Nur katholische Offiziere und Soldaten zunächst. Da kann keine Landschaft einreden. Dann alle Hofchargen mählich nur mit Katholiken besetzt, und schließlich alle Beamtenstellen im Land. Die Protestanten werden entlassen ohne Rücksicht, alle. Ei, wie sprangen damals in der Pfalz die Seelen in den guten Glauben! Wie viele wurden auf so einfache Manier der ewigen Verdammnis entrissen. Zuerst die Beamten, die Familie hatten, die am meisten um ihre Existenz fürchteten. Ei, wie rasch sie von der alleinseligmachenden Lehre überzeugt waren, ei, wie sie die protestantische Ketzerei abschworen, ei, wie sie liefen, hasteten, die guten, wackeren Seelen, atemlos, in den Schoß der Kirche.
Man lachte, trank. Mancherlei Wege öffneten sich. Der Fürstbischof versprach, er werde durch seinen grundgescheuten Geheimrat Fichtel Richtlinien ausarbeiten lassen, speziell auf Württemberg zugeschnitten. Man trennte sich angeregt, voll Hoffnung.
Andern Tages erschienen bei dem Herzog drei kaiserliche Räte, mit ihm über den französischen Krieg zu beraten, in den der Kaiser unbesonnen hineingeglitten war. Karl Alexander, bis jetzt vor den kaiserlichen Räten immer nur Bittender, Lästiger, besoldeter General, blähte sich nun, umworben. Lässig, mit großer Geste, schmiß er den Ministern die zwölftausend Mann Subsidien hin, um die man ängstlich ihn bat. Mit vieler Verklausulierung und in dunklen Andeutungen versprach ihm dafür der kaiserliche Geheimvertrag Schutz und Mehrung seiner Souveränität gegen eventuelle Uebergriffe seiner Landschaft.
Als der Herzog Wien verließ, küßte ihn die römische Majestät vor Hof und Volk auf beide Wangen.
Josef Süß, wie er den Tod Eberhard Ludwigs erfuhr, stand eine kurze Weile ohne Atem, den sehr roten Mund halb offen, die linke Hand gehoben wie in leichter Abwehr, alles Blut zum Herzen. Am Ziel. Er war am Ziel. Ganz plötzlich stand er oben. Er hatte es so heiß gewünscht, er hatte hochfahrend getan vor sich und den anderen, als stünde er längst oben, aber innerlich war er immer zernagt und zerschüttelt von Zweifeln gewesen. Und nun mit einem Mal war es da, es war wie ein Treffer, ein einmaliger, unter hunderttausend Losen, er hatte die rechte Eingebung gehabt, und er stand stolz und geniehaft vor dem klugen Isaak Landauer, der gelächelt hatte und mit dem Kopf gewackelt über seinen Glauben an den kleinen Prinzen und sich die fröstelnden Hände gerieben.
Ah, nun wird er stolz und mächtig herschreiten. Hundert glänzende Säle taten sich auf vor ihm. Mit einem Ruck schnellte er hoch. Er wird jetzt, Gleicher unter Gleichen, mit den Großen der Welt an prunkenden Tafeln sitzen; die eben noch verächtlich den Fuß gegen ihn hoben, werden vor ihm den Rücken rund machen. Die ihn antichambrieren ließen, werden vor seiner Tür warten, bis er sie vorläßt. Und Frauen, weiße, glänzende, vornehme, die sich seine Liebe gnädig gefallen ließen, werden ihm jetzt bettelnd die stolzen Leiber zutragen. Mit Wucher wird er die Fußtritte zurückzahlen, die er hat hinnehmen müssen. Er wird sehr hoch thronen und wird sich weiden an seiner Dignité, er wird den großen Herren weisen, daß ein Jud den Kopf noch zehnmal höher tragen kann als sie.
Er verkaufte seine Häuser in Heidelberg und Mannheim, erließ in hochfahrendem Ton eine Bekanntmachung, wer im Pfälzischen Forderungen an ihn habe, möge sie präsentieren. Mittlerweile kaufte er unter der Hand durch Mittelsleute in Stuttgart in der Seegasse das Palais einer heruntergekommenen Adelsfamilie, ließ es aufs prächtigste renovieren, ergänzte seine Dienerschaft, seine Garderobe, seinen Marstall. Traf umständliche Vorbereitungen, dem Herzog fürstlich und feierlich entgegenzufahren.
Unter solchen Anstalten fand ihn Isaak Landauer. Unansehnlich, schmuddelig saß der große Finanzmann in ungefälliger, eckiger Haltung in einem großen Sessel, wärmte sich die mageren, blutlosen Hände, durch seine Schläfenlocken, seinen Kaftan, seine verwahrloste Judentracht den Süß tief reizend. Er hatte, mußte Süß enttäuscht und geärgert konstatieren, offenbar weder Bewunderung noch Neid für ihn. „Ihr habt Glück gehabt, Reb Josef Süß,“ sagte er, kopfwackelnd, gutmütig, leicht spöttisch. „Es hätte auch können schief gehen, dann hättet Ihr Euer ganzes Geld an den Schlucker verloren.“ „Jetzt ist er jedenfalls kein Schlucker,“ sagte Süß ägriert. „Das meine ich eben,“ gab der andere bereitwillig zu. Und, vertraulich, autoritativ: „Was macht Ihr für Gewese und Gepränge und große Geschichten? Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann, es ist unpraktisch, es ist bloß zu Schaden. Was macht Ihr Euch dick und stellt Euch in die Sonne? Es ist nicht gut, wenn sich ein Jud hinstellt, wo ihn alle sehen. Laßt Euch sagen von einem alten Geschäftsmann, ein Jud stellt sich besser in den Schatten.“ Und mit einem kleinen, gurgelnden Lachen: „Eine Schuldverschreibung in der Truhe ist besser als eine Goldbordüre am Rock.“ Und gutmütig, mit sachtem Spott, prüfte er die Stickerei an den Aermeln des Süß, während der andere, angewidert fast, sich ihm zu entziehen suchte.
So sind diese Jungen, dachte Isaak Landauer, als er den Süß verlassen hatte. Sie sinken, sinken bis zu den Gojim. Sie brauchen Lärm, Glanz, gestickte Röcke. Sie müssen sich bestätigt fühlen von den anderen. Von dem feinen, heimlichen Triumph in Kaftan und Schläfenlöckchen ahnen sie nichts, diese Flächlinge.
Süß höhnte vor sich: Wie feig er ist. Immer sich verstecken. Wozu denn Macht, wenn man sie nicht sehen läßt? Diese dummen, ängstlichen, altmodischen Vorurteile. Nur ja die Christen nicht aufmerksam machen. Nur ja sich in den Schatten ducken. Gerade ins Licht stellen werde ich mich und allen mitten ins Aug schaun.
Mit großer Pracht fuhr er nach Frankfurt. Besuchte seine Mutter, sich ihr in seinem Glanz zu zeigen. Die schöne alte Dame – von ihr hatte er das sehr weiße Gesicht und die wölbigen, fliegenden Augen – lebte in behaglichem Wohlstand ein leeres Leben. Ach, wie waren früher ihre Tage erfüllt gewesen. Mit gehetzten Pferden hatte die Schauspielerin Michaele Deutschland durchjagt, und alle Straßen waren voll von Männern, Abenteuern, Begierden, Triumphen, Kümmernissen, Wirbel gewesen. Jetzt ließ sich ihr Dasein nur mehr äußerlich mit den Farben von Erlebnissen antünchen, sie mußte jedes Nichts aufblasen, um den Schein von Wichtigkeit und Geschäftigkeit zu wahren, sie füllte die Stunden mit Körperpflege, unterhielt eine vielfältige, lärmende Korrespondenz, kroch in das Leben ihrer zahllosen Bekannten hinein. Süß blähte und spiegelte sich vor ihr, sie weidete sich an seinem Glanz, sog, die Augen groß und töricht, seine lärmenden, gedunsenen Prahlereien ein. Er, vor der willigen, bewundernden Hörerin, steigerte sich immer höher.
In den farbigen Schaum ihrer Reden hinein erschien Rabbi Gabriel. Eben noch hatte mit lüsternem Triumph Süß von den Frauen geredet, die sich in seinen Zimmern drängten, und Michaele hatte gierig zugehört. Jetzt zerdrückte das breite, steinerne, mürrische Antlitz des Alten alle diese leichten, bunten Gesichte wie ein gewaltiger Block. Ja, er wußte, daß der neue Herzog schon von Wien aufgebrochen war, bald eintreffen werde. Süß war natürlich auf dem Weg zu ihm. Er sprach mit so kaltem, müdem Spott, daß alles Errungene kahl und zweifelswürdig erschien. Dann fragte er beiläufig, wann endlich Süß nach Hirsau kommen werde, das Kind habe seinen Anblick not. Da Süß sich wand, ausbog, bestand er nicht weiter, nur die drei Falten vertieften sich in der Stirn. Er sah von der Mutter zum Sohn, vom Sohn zur Mutter. Ging bald.
Michaele war fahrig, flatternd, ängstlich wirr wie ein hirnloser Vogel gewesen, solang er da war. Süß hatte die Mutter noch nie in seiner Gegenwart gesehen. Auch er holte nur mühsam seinen in alle Ecken geschlagenen Stolz und großen Glanz wieder zusammen. Langsam und nicht ganz sicher stelzte er sich den alten Prunk wieder an und machte sich vorsichtig lustig über den Alten. Allein die Mutter stimmte nicht ein, und sein Abschied war nicht ganz so strahlend und befriedigt wie sein Auftritt.
In rascher Fahrt nach Regensburg. Lärmend, in heiterster Laune empfing ihn der Herzog. Sehr rot unter der weißen Perücke fiel ihn Remchingen mit groben Witzen an; er mochte die Juden nicht leiden, der da mit seiner überhöflichen, geschmeidigen Art war ihm doppelt zuwider. Auch, der alte Thurn und Taxis verhielt sich reserviert; er hatte es dem Juden nicht vergessen, daß er damals in Monbijou mit seinem blaßgelben Salon seinen blaßgelben Frack geschlagen hatte.
Sehr wohlgefällig aber und amüsiert lächelte ihm die Herzogin entgegen. Ziervoll hob sich die schmale Taille mit dem spöttischen Kopf aus dem mächtig ausschweifenden, dunkelblauen Samtrock, in dem das winzige Hündchen fast verschwand. Gnädig reichte sie dem Juden zum Kuß die kleine, fleischige, gepflegte Hand, während sie mit der andern artig und preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des Rockes hielt. Ei, was mochte er für dunkle und ruchlose Gedanken mit in ihre Hand hineingeküßt haben. Er hatte noch immer diese Augen von hemmungsloser, beredter Ergebenheit. Und wie modisch bis ins letzte Härlein er sich trug. Es war amüsant, so einen Juden um sich herum zu haben, der aussah wie der galanteste Herr von Versailles und sein arges jüdisches Herz, das doch sicherlich voll war von jeder Bosheit und giftigem Gewürm, hinter so einem feinen, hirschbraunen Rock verbarg.
Hernach dann, als sie nur zu zweien waren, fragte ihn der Herzog nach der Stimmung im Land. Er fragte etwas von oben her und beiläufig; aber Süß durchschaute sofort und innerlich erheitert über so primitive Methoden seine Unsicherheit und wie sehr ihm an seinem Urteil lag. Sogleich stellte er sich auf Geschäft ein, auf Sachlichkeit, Konzentration, sorglichste Witterung. Saß, der kluge Finanzmann, mit gespannten Nerven, in Tätigkeit jede Sicherung. Drehte alle Räder seines Kalküls an, zerteilte rasch und präzis für alles zu Sagende Gründe und Gegengründe, rieb sie blitzblank, zählte, wog, rechnete. Holte den Herzog mehr aus als dieser ihn.
Drei Dinge, sah er, wollte dieser Herzog hören: daß das Volk, unzufrieden, von ihm Erlösung aus aller Not erwarte, daß er der größte deutsche Feldherr sei, dem das Land die Mittel zu einer stattlichen Kriegsmacht als etwas Selbstverständliches schulde, daß das Parlament sich zusammensetze aus einer Bande filziger, eigensüchtiger, querköpfiger, rebellantischer Lumpen. Klug richtete Süß seine Antworten so ein, daß sie alle hinausliefen auf Bestätigung solcher Grundsätze.
Unvermittelt schlug ihn der Herzog auf die Schulter: „Mit Seinem Magus hat Er mich nun doch nicht angeschmiert, Er Sapperlotter von einem Juden.“ Süß zuckte zusammen, antwortete gegen seine Gewohnheit schleppend, unfrei, gezwungen, er habe sich die kabbalistischen Berechnungen auch was kosten lassen; kein Wunder, daß sie solid seien und stimmten. Der Herzog, lauernd und auch seine Laune nicht sehr echt: der Rabbi habe doch aber ein schlimmes Ende prophezeit. Wenn die Berechnungen so solid seien, warum Süß dann sein Geld und seine Dienste an ihn kette. Und Süß, nach einer Weile: was der Rabbi für gut und schlecht halte, das liege auf einem andern Gebiet, und nicht spintisierende Menschen wie Seine Durchlaucht und er brauchten sich um dergleichen subtile, metaphysische Dinge nicht hinter den Ohren zu krauen.
Er verstummte plötzlich, behindert am Atem, den Kopf seitlich gezogen. Es war ihm, als schaue ihm ein Mensch über die Schulter, ein Mensch mit seinem eigenen Gesicht, aber ganz im Dämmer, nebelhaft. Auch der Herzog schwieg. Die Dinge um ihn verloren ihm ihre Farbe, der Jude vor ihm verfahlte. Er sah sich schreiten in einem seltsamen, unwirklichen Tanz, vor ihm im Reigen schritt der Unheimliche, der Magus, Rabbi Gabriel, die eine seiner Hände haltend, die andere hielt Süß.
Aus dem Gesicht riß ihn der Jude. Lenkte auf anderes. Der Herzog hatte verächtlich und erbittert von seinem Bruder gesprochen, dem Prinzen Heinrich Friedrich, und seinen Zetteleien mit der Landschaft. Hier hakte er ein, machte sich behutsam lustig über den sanften, untüchtigen Verschwörer, sprach dann von seiner Geliebten, dem stillen, dunkelblonden, dümmlichen Geschöpf. Der Herzog hörte interessiert, belustigt, boshaft zu. Ei potz! Das Geschöpf hatte ein mageres Fressen an dem sanften Heinrich, das war ein dünner Braten ohne Sauce. Er lachte maßlos, in seine Augen stieg ein arges, planendes Glitzern. Der Jude kannte das Mädel natürlich, er solle sie schildern. Süß beschrieb sie vorsichtig, zerlegte sie kennerisch, die Tochter des kleinen Landedelmanns, sanft, groß, schwer, ihre Blondheit, ihre warme, dumpfe Jugend. Der Herzog lauschte hämisch, gierig, befriedigt; sein Plan war offensichtlich reif geworden. „Er ist ein Kenner, Jud,“ lachte er. „Er versteht sich auf Christenfleisch, Er Filou.“
Süß, allein, lächelte tief, siegreich, überdachte seinen Weg. Er war klar. Dem Herzog schmeicheln, unbedenklich, ohne Furcht vor Uebertreibung. Dem Herzog Geld schaffen, und durch Geld Weiber, Soldaten, Gloire. Mehr, immer mehr. Nicht übermäßig daran verdienen, aber so viel schaffen, daß man reich wurde, blieb auch nur ein kleiner Teil kleben. Keine Rücksichten auf die Landschaft. Sich klar und offen gegen sie stellen. Sie en canaille trätieren. Einziges Ziel: Geld für die herzoglichen Kassen.
Er hatte Karl Alexander von der rechten Seite genommen. Er hatte auch gut getan, das Palais in Stuttgart zu kaufen. Als er Regensburg verließ, dem Herzog voraus, war er herzoglich württembergischer Geheimer Finanzrat. Der Bestallung beigefügt war ein Dekret der Herzogin, das ihn zu ihrem Schatullenverwalter ernannte.
In Stuttgart ungeheure Vorbereitungen zum Empfang des neuen Fürsten. Drei Ehrenpforten mit stolzen lateinischen Inschriften und vielen allegorischen Figuren, unzählige Fahnen, Girlanden. Die Straßen gesäumt mit Volk, frostrot und angeregt durch den hellen, lustig klaren Dezembertag. Ueberall Ausrufer, die das Bild des Herzogs feilbieten, das berühmte Bild, wie er an der Spitze der siebenhundert Axtmänner höchst kriegerisch unter regnenden Kugeln die Festung Belgrad erstürmt. Süß hat das Bild in vielen tausend Drucken herstellen lassen, dem Herzog und dem Volk zur Freude und sich zum Verdienst, und nun balgen sich Bürger und Bauern um den billigen, patriotisch herzwärmenden Wandschmuck. Die ganze Stadt getaucht in Musik, Böllerschüsse, Geschrei. Endlich, zwei Meilen lang, der Festzug: Beamte, Offiziers, Soldaten zu Fuß und zu Pferd, Läufer, Pagen. Sechzehnspännig die Gala-Karosse des Herzogs. So fuhr er ein auf schneeglitzernden Straßen unter einem strahlend hellblauen Dezemberhimmel, und tausend bunte Fahnen wehten in die fröhliche Luft.
Herzen und Mäuler offen, freuten sich die Stuttgarter ihres imposanten Souveräns, der, den Pelzmantel über der breiten, vielbesternten Brust zurückgeschlagen, mit mächtigem Schädel und herrischen Augen dasaß, und mehr noch vielleicht ihrer wunderschönen Herzogin, die unter vielem weißem Rauchwerk, den kleinen, fremdartigen Eidechsenkopf unter dem Diadem, mit gelassener Neugier ziervoll und lächelnd auf sie niederblickte. Ei, was spottete sie innerlich über die Schwaben, die ihr zujubelten, ei, wieviel Lächerliches entdeckte sie an dem Sprecher der Tübinger Universität, dem dicken, befangenen, schwitzenden Professor, der sich abarbeitete an der schwäbelnden Deklamation der schwungvollen Verse, mit denen er das fürstliche Paar begrüßte. Sie hörte ernsthaft und aufmerksam zu, als er von den Völkern sprach, die der Herzog mit seinem Zepter zu weiden berufen sei, als er pathetisch verkündete, Karl Alexanders Name fasse alles zusammen, was man von Karl dem Großen und anderen Karlen spreche, was sich am Griechen Alexander weise, was Gottes Volk an Simson preise, was Herkules besessen habe, als er ihn schließlich mit dem römischen Cäsar verglich. Und nicht einmal da zeigte sie ihr Amüsement, als er den Herzog rühmte, er sei schon deswegen ewig in der Zeit, weil wie der Prinz von Ithaka sein Geist nach einem Mentor sah. Aber innerlich fragte sie sich, wer wohl dieser Mentor sei, der kleine, behutsame Geheimrat Fichtel mit seinem schwarzen Kaffee oder mit seiner Fuchsschläue und seiner Galanterie der elegante Jud.
Der stand bescheiden und in höchster Ehrfurcht ganz hinten in einer Ecke beim Gesinde. Er hatte es für klug gehalten, still und ohne großes Aufsehen in Stuttgart einzufahren, er hatte sein stattliches Haus bezogen und war vorderhand nicht sehr aufgefallen. Aus seinem Leibdiener, dem stillen, phlegmatischen Nicklas Pfäffle war nichts herauszukriegen; es war eben ein großer Herr vom Hofstaat des neuen Herzogs. Allgemach erst erfuhr man, daß der Geheime Finanzrat, trotzdem er aussah und sich hielt wie jeder andere große Herr, ein ganz gemeiner, ungetaufter Jud war. Nun war eigentlich den Juden der Aufenthalt im Herzogtum verboten. Die Herren von der Landschaft machten auch schele Gesichter und hätten den neuen Finanzrat am liebsten aus dem Land geschafft; aber man wollte nicht um solch ein kleines Ding sogleich Hader mit dem neuen Herzog haben. Das Volk begaffte den Juden neugierig und mißtrauisch; allein man sagte sich, bei den verwickelten Finanzverhältnissen des Kammerguts und bei der Schläue der Juden, die die Grävenizschen Finanzen verwalteten, müsse man dem Herzog billig auch seinerseits einen Hofjuden zugestehen. Ferner mußte man zugeben, daß der neue Jud sich vorläufig anständig und unauffällig führte, und jetzt bei der Erbhuldigung hielt er sich trotz seines großen Titels und seiner stolzen Uniform bescheiden im Winkel.
Aber drei Tage später, beim Empfang der Landschaft, war er schon ganz anders. Stolz, kalt, scharf stand er unter den Ministern und blickte ablehnend fremd auf das Gewimmel der Landschaft. Das kleine Häuflein des Kabinetts, unter ihm der Jude, stand in bunten, prunkenden Uniformen, hochmütig getrennt von der dichten, schwärzlichen Masse der Parlamentarier. Vierzehn Prälaten zählte diese Kammer und siebzig Abgeordnete der Städte und Aemter. Nur wenige wie der feine, kluge Weißensee und der verarbeitete Konsulent Veit Ludwig Neuffer hielten sich über der Lage; die meisten trugen besorgte, befangene, schwitzende Gesichter und standen trotzig und unsicher vor der kalt blickenden, hoffärtigen Gruppe der Minister. Unter denen war der Präsident des Conseils, Forstner, und der zweideutige, geschmeidige Neuffer, die schon bei Lebzeiten des alten Herzogs die Stützen Karl Alexanders gewesen waren und die Pläne der Landschaft mit dem Prinzen Heinrich Friedrich gestört hatten. Dann Andreas Heinrich von Schütz mit der mächtigen Hakennase, Kreatur ursprünglich der Gräveniz, der sich unter jeder Regierung hielt. Nichts Gutes versah sich die Landschaft von diesen dreien, nichts Gutes auch von dem Juden, dessen Beiziehung zu dem feierlichen Empfang eigentlich eine Anmaßung war. Wie eitel und üppig der Kerl dastand! Es war, weiß Gott, eine Herausforderung der löblichen Landschaft. Nun, wart Er nur, man wird noch Wege finden, Ihm Mores beizubringen.
Zutrauen hatten die Stände nur zu einem einzigen von den Ministern, und daß der Herzog den ins Kabinett berufen hatte, machte den Neuffer und den Juden wieder wett. Das war Georg Bernhard Bilfinger, der Philosoph und Physiker. Karl Alexander hatte den behäbigen Mann mit dem offenen, fleischigen, energischen Gesicht kennengelernt, als er gewisse Berechnungen und Festungsentwürfe von ihm nachzuprüfen hatte. Und so mißtrauisch er gegen alle Philosophie war, konnte er der Lockung nicht widerstehen, den zuverlässigen Mathematiker und Festungsbauer in sein Kabinett zu rufen statt eines Juristen.
Die beiden Gruppen, die kleine der Minister und die große der Parlamentarier, standen sich gegenüber wie zwei feindliche Tiere, das eine groß, plump, schwärzlich, hilflos, das andere klein, schillernd, bunt, beweglich, gefährlich. Aber trotz der betonten äußeren Distanz liefen Fäden von der einen Gruppe zur andern, Fäden von dem Parlamentarier Neuffer zu seinem Bruder, dem Minister, von dem ernsthaften, biedern, patriotischen Landschaftspräsidenten Sturm zu dem ernsthaften, biedern, patriotischen Geheimrat Bilfinger und schon von dem nervösen, feinen, neugierigen Diplomaten Weißensee zu dem merkwürdigen, zweideutigen, glatten, eleganten, neuen Finanzienrat, dem Juden, der hebräischen Exzellenz.
Die Versammlung wartete sehr lange, eine Stunde fast über die angesetzte Zeit. Und noch immer kein Huldigungsmarsch, noch immer nicht die Präsentierkommandos der Garden im Vorsaal, noch immer die Türen verschlossen, die aus den Privatgemächern des Herzogs führten. Schwitzend in dem überheizten Saal, knurrend, finster traten die Repräsentanten des Volkes von einem Fuß auf den andern, auch die Minister begannen unruhig zu werden. Daß der Herzog vom ersten Augenblick an das Parlament dergestalt brüskierte, kam unerwartet. War es Absicht? Laune? Zufall? Vergeßlichkeit?
Nur Einer wußte es. Der Jude stand, lächelte, kostete den seltsamen Triumph, den sich Karl Alexander ausgedacht, verstehend und genießerisch mit. Die Landschaft hatte mit seinem Bruder gezettelt? Gut, so mochte sie sich jetzt die Beine in den Bauch warten, dieweilen er sich mit der Freundin seines Bruders, dem sanften, dunkelblonden, ruhevollen Geschöpf vergnügte.
Der Geheimrat Andreas Heinrich von Schütz las die Verfassungsakte vor, die der Herzog beschwören mußte. Beigefügt waren auch jene Bestätigungen und Versicherungen, die Karl Alexander noch als Prinz abgegeben hatte und die Neuffer unmittelbar nach dem Ableben Eberhard Ludwigs den Herren vom Parlament überreicht hatte. Furchtbar umständlich, vorsichtig, langatmig war alles festgelegt. Nicht sehr laut, mit gleichmäßiger, gewandter Stimme, durch die mächtige Hakennase leicht französelnd, las Herr von Schütz das endlose Schriftstück, der Saal war überheizt, eine Winterfliege summte, von den vielen Menschen in ihren schweren Kleidern ging Dunst, Atem, leises Geschnauf aus. Unwirsch, verärgert sah Karl Alexander in die vielen stumpfen Werkeltagsgesichter, die sich bemühten, pathetisch zu blicken, unwirsch, verärgert hörte er auf den Vortrag dieser steifen, feierlichen Urkunden, von denen jedes Wort für ihn Bindung, frechen, anmaßlichen, rebellantischen Zwang bedeutete. Und das näselte so fort, endlos, endlos. Er mußte an sich halten, um nicht dreinzufahren, nicht plötzlich laut und verdrießlich zu gähnen. Er kam aus einer Umarmung, er spürte noch in allen Poren die sanfte, warme Haut des dunkelblonden Geschöpfs, er hörte noch ihr hemmungsloses, stilles, verströmendes Geflenn, das ihm Gesicht, Arme, Brust feuchtete, er war erfüllt von einem schlaffen, rohen Grinsen. Sehr anstößig schien es den Herren von der Landschaft, wie er mit belegter, heiserer Stimme – eine Nachwirkung des Genusses, aus dem er kam – asthmatisch, empörend gleichgültig und mit den Gedanken offensichtlich wo ganz anders die feierliche Eidesformel nachsprach. „Ich konfirmier und bestätige bei meinen fürstlich wahren Worten mit gutem, reifem Vorbedacht und aus freiwilligem Herzen.“ Und das klang, als sage er seinem Kammerdiener, das Rasierwasser sei nicht warm genug.
Gedrückt und voll Besorgnis entfernten sich die Abgeordneten. Hätte er sie beschimpft wie der verlebte Fürst, der Eberhard Ludwig, wäre er mit unflätigem Gekeife über sie hergefallen wie jener, dagegen hätte man viel leichter aufkommen können als gegen diese formlos verächtliche, verblüffend nonchalante Manier. Wie er sie hatte warten lassen wie lästig lumpige Bettler! Wie gleichgültig er, mit gelangweiltem Gerülpse, die Akte beschworen hatte! O schöne Freiheit! Man wird noch hart für dich kämpfen müssen. O süße Macht der herrschenden Familien, man wird viel Aerger und Verdruß haben, dich zu wahren.
Karl Alexander, nachdem die Abgeordneten fort waren, streckte sich, warf sich in einen Sessel, war vergnügt. Denen hatte er es gegeben. Wie sie sich wegschlichen, die Schwänze eingezogen. Er schnaubte durch die Nase, sehr zufrieden mit sich. Ein guter Anfang, ein guter Tag. Erst dem sanften Heinrich Friedrich eins versetzt, dem Duckmäuser, dem Aufmucker, und dann das freche, filzige, schwitzende Pöbelpack heimgeschickt, begossen, würgend an dem hinuntergefressenen Verdruß.
Er entließ auch die Minister, schmunzelte, sie verabschiedend, zu Süß: „Hab noch was zu trösten, was Blondes, Flennendes. Hat Gusto, der Duckmäuser, mehr Gusto, als ich ihm zugetraut.“ Lachte schallend und schlug den geschmeichelten Süß auf die Schulter.
„Ich will selbst regieren,“ sagte er zu einer Stuttgarter Deputation. „Ich will selbst mein Volk hören und ihm helfen.“ Eine Flut von Bittschriften brach herein, mit eigener Hand nahm er sie. „Ich will dir und mir helfen,“ sagte er einem Bittenden. Ins ganze Land ließ er ergehen, er werde sich durch keine Mühe und Schwierigkeit von dem, was zu wahrer Aufnahme und Flor des Herzogtums gereichen werde, abhalten lassen, werde sorgen, daß in allen Stücken ohne Schleich, Intrigen und Verwicklungen nach der altberühmten württembergischen Treu und Redlichkeit gehandelt werde. Wer immer eine Beschwerde in solchen Stücken gegen einen Beamten habe oder sonst in diesem Behuf ein Anliegen, möge es umständlich zu Papier bringen und ihm, dem Herzog, zu eigenen Händen kommen lassen.
Drei Sonntage nacheinander wurde dieser Wille des neuen Herrn von allen Kanzeln des Landes verlesen; gedruckt war er angeschlagen am Rathaus jeder Gemeinde. Es jubelte das Volk: das war ein Fürst; der ließ nicht durch seine Kanzlei regieren, der regierte selbst. Wie Schnee im Mai schmolzen die Grävenizischen. Machten sich fort, wurden verbannt, auf Festung gesetzt. Der treibt unsere Treiber hinwiederum ein! schmunzelten die Bauern. Aufblühte an dem Sturz der Grävenizischen die saure Herzogin-Witwe. Das Bild Karl Alexanders aber, wie er Belgerad erstürmt mit seinen Axtmännern, ging reißend ab, und als gar ein Reskript das Niederknien der Supplikanten vor dem Herzog verbot, denn nur Gott gebühre solche Ehrerweisung, da mußte Süß eine neue riesige Auflage drucken lassen, und es gab kein Bürger- und kein Bauernhaus im Herzogtum, darin das Bild nicht am besten Platze hing. Und die Herren vom Parlament machten schele Gesichter.
Den Prozeß gegen den früheren Hofmarschall, den Gräveniz, und seine Schwester förderte der Herzog mit allem Nachdruck, doch ohne rechten Erfolg. Wohl saß der ehemals Allmächtige auf der Festung Hohentwiel; aber wollte man sich nicht Zwang und Ungerechtigkeit vorwerfen lassen, so mußte man vorsichtig und langsam vorgehen. Was gar die Gräfin anlangte, so war sie außer Landes, die evangelischen Höfe unterstützten sie gegen den katholischen Herzog, und die leise, behutsame Hand Isaak Landauers löste immer wieder alle Fäden, aus denen die plumperen württembergischen Räte der Gräfin ein Netz knüpfen wollten. Wohl wurde ein spezialiter verordnetes Kriminalgericht gegen sie eingesetzt, der erste Jurist des Herzogtums, der um seiner strengen Rechtlichkeit willen in ganz Deutschland angesehene Tübinger Professor Moritz David Harpprecht erhob peinliche Anklage gegen sie wegen Bigamie, gedoppelten, wiederholten, durch viele Jahre fortgesetzten Ehebruchs, wegen dreier Mordanschläge gegen Eberhard Ludwigs Gemahlin, wegen Majestätsverbrechens, wegen Kindsabtreibung, wegen Fälschung, Betrugs, Unterschleifs, auch erkannte dies Gericht die Todesstrafe gegen sie. Ein besonderer württembergischer Agent, der Baron Zech, wurde nach Wien gesandt, Bestätigung und Exekution dieses Urteils durchzusetzen, und er gab viel Geld aus, die kaiserlichen Räte zu gewinnen, an hundertunddreiundvierzigtausend Gulden. Aber sei es, daß Isaak Landauer noch mehr ausgab, sei es, daß er einfach geschickter war, die Geschichte wurde langwierig und versackte schließlich in einen umständlichen, komplizierten Geld- und Vergleichshandel.
Dem Herzog wurde diese Affäre wie überhaupt die ganze Regiererei vom Kabinett aus bald öde und unbehaglich. Er hatte schöne Manifeste erlassen, die Liebe seines Volkes errungen, und seine Räte, der polternde General Remchingen, der geschmeidige Diplomat Schütz, der schlaue Finanzmann Süß, versicherten ihm Tag für Tag, jetzt seien alle Mißstände abgestellt, Württembergs goldenes Zeitalter angebrochen. Wo in Deutschland gab es einen zweiten so pflichtbewußten Fürsten? Stolz vor Gott, den Menschen und sich selbst, geschwellt von dem Gefühl, den Titel, mit dem eine Adresse der Tübinger Universität ihn angeredet, den Titel: treuester Hirt und Wonne des Menschengeschlechts sich zu Recht verdient zu haben, überließ er die Erfüllung seiner Versprechungen seinen Räten und fuhr, sich freuend auf das Soldatenleben, hungrig nach neuer Gloire, zur Armee.
Süß hielt Konferenz mit dem Geheimrat Bilfinger und dem Professor Harpprecht über den Prozeß gegen die beiden Gräveniz. Die Herren saßen in dem prunküberladenen Arbeitskabinett des Süß, der Jude schlank, elegant; gewichtig, breit die beiden Württemberger. Der Prozeß stand nicht gut. Wien hatte nahegelegt, den früheren Oberhofmarschall von der Festung zu entlassen und seinen Vergleichsvorschlag anzunehmen; er wollte seine württembergischen Güter gegen eine niedrige Summe abtreten. Auch das peinliche Verfahren gegen die Gräfin war man in Wien zu bestätigen nicht geneigt, man verwies auf den Weg finanziellen Ausgleichs. Dieser Kompromiß schien den beiden Württembergern mager und der herzoglichen Dignité nicht entsprechend. Süß hingegen meinte, der greifbarste Erfolg sei der, der sich in einer hohen Ziffer ausdrücke, und eine so real denkende Dame wie die Gräfin könne schwerer als mit einer hohen Geldbuße nicht bestraft werden. Die geldliche Regelung solle man ihm überlassen, er werde sie bestimmt zur Zufriedenheit des Herzogs erledigen. Die beiden ernsthaften und gerechten Männer fanden diese Anschauung frivol und jüdisch, auch wußten sie, daß Süß Geschäfte mit der Gräfin hatte, und trauten ihm nicht recht. Aber schließlich war der württembergische Agent erfolglos aus Wien zurückgekehrt, es blieb keine andere Lösung als ein Vergleich, der Jude machte das wirklich besser als jeder andere, und der Herzog glaubte bedingungslos an seine glückliche und geschickte Hand. Verdrossen fügten sie sich darein, daß Süß die weiteren Verhandlungen führe.
Dies durchgesprochen, bat Süß den Juristen noch um einige Deduktionen über umstrittene Befugnisse der Landschaft. Das war eine Frage, die den beiden Württembergern das Herz von Grund auf bewegte. Harpprecht, der Jurist, der langsame, bedächtige, umsichtige Mann, gewohnt, die Dinge rundum zu drehen, genau und von allen Seiten zu beschauen, und Bilfinger, der vertraute Freund des großberühmten Philosophen Wolf, von seiner Professorentätigkeit in Petersburg her über ganz Europa bekannt, geneigt, die Dinge ernsthaft und aus großer Höhe zu übersehen, aufrechte Patrioten beide, ruhevolle, sachliche Männer beide, verschlossen sich nicht der Erkenntnis, daß einige wenige herrschende Bürgerfamilien auf der Verfassung saßen wie auf privatem ererbtem Eigentum und die Repräsentantenstellen des Volkes gleichwie sonstigen persönlichsten Besitz, wie Häuser, Möbel, Wechsel sich überkamen, unter sich verschacherten; sie wußten, daß die Fahne der Freiheit immer dazu mißbraucht wird, daß einzelne sich Fetzen daraus schneiden für ihren privaten Vorteil. Aber sie waren trotzdem tief und von ganzem Herzen überzeugt, daß das Landesgrundgesetz und die landständischen Freiheiten die Pfeiler des Staates waren, und sie interpretierten alle strittigen Grenzfragen zwischen Fürsten und Volk aus dem freiheitlichen und verantwortungsschweren Ernst heraus, aus dem der erste württembergische Herzog, in kleinem Land ein wahrhaft großer Fürst, die Verfassung testiert hatte. Sicherung der Volksfreiheit war sein erstes Prinzip gewesen, „Attempto! Ich wag’s!“ seine Parole. Und daß der Fürst durch die Verfassung manchmal vielleicht selbst im Nützlichen, das er anstrebte, gehindert werden könnte, schien ihm nur ein kleines Uebel gegen das große Gute, daß er durch ein Grundgesetz und seine Schranken vor vielen und großen Fehlgriffen bewahrt werde.
Es handelte sich um gewisse Steuerentwürfe und Monopolvorschläge des Süß, die zweifellos gegen den Geist der Verfassung verstießen; doch war der Wortlaut brüchig und ein findiger und skrupelloser Tiftler konnte allenfalls durch die Bresche dringen. Harpprecht, sekundiert von Bilfinger, redete sich warm, und Süß hörte aufmerksam und höflich zu. Aber plötzlich sah der Gelehrte die Augen des Finanzmanns, diese großen, gewölbten, süchtigen, klugen, lauernden, gewissenlosen Raubaugen. Gesehen hatte er sie oft, aber jetzt mit einem Mal erkannte er sie. Was waren vor diesen Augen Freiheit, Verfassung, Gewissen, Volk? Ein Mittel für etliche Jobber, emporzuklimmen, wo er stand, an dem Baum zu rütteln, auf dem er saß, an seinem Baum, dem Herzog. Der Gelehrte sah, daß dieser Mann in der Verfassung und ihren Vertretern nichts erblickte als die Konkurrenz, daß er sie haßte mit dem bedenkenlosen Haß des Konkurrenten. Vor dem klugen, raffenden, lauernden, giervollen und von keiner Idee gereinigten Blick des Juden zerwesten alle diese großen Dinge zu Dumme-Jungen-Träumen, wurden angeschleimt, lächerlich. Er kam sich albern vor, wie er vor diesem Handelsmann vom Geist der Gesetze sprach, von ihrem schönen und würdevollen Sinn. Er sprach wie an eine hohle, farbige Larve hin; der andere klaubte aus seinen Worten sicher nur das heraus, was er für seine schmierigen und selbstsüchtigen Projekte brauchen konnte. Harpprecht brach ziemlich unvermittelt ab, der langsamere Bilfinger hatte auch gespürt, was den Freund hemmte. Die beiden Württemberger entfernten sich bald, kühl, verdrießlich, von dem unentwegt höflichen Süß respektvoll geleitet.
Unter der Türe trafen sie in Kaftan und Schläfenlöckchen Isaak Landauer. Süß hatte ihn hergebeten, die Finanzangelegenheiten der Gräfin mit ihm zu regeln. Die beiden Männer verstanden sich, ohne daß sie einander auch nur hätten andeuten müssen, wohinaus sie wollten. Es kam darauf an, einen Vergleich zu formulieren, der dem äußeren Schein nach für den Herzog, in Wahrheit für die Gräfin günstig war. Scharf schachernd rückten die beiden gegeneinander vor. Jeder hatte noch seine besonderen Interessen, denn jeder hatte Ansprüche an den Herzog sowohl wie an die Gräfin. Schließlich rechnete Süß für den Herzog einen Gewinn von dreihundertunddreiundzwanzigtausend Gulden heraus, aber faktisch hatte der Herzog an die Gräfin hundertundachtundfünfzigtausend Gulden zu zahlen. Bei der Uebergabe dieser Summe zog allerdings Süß der Gräfin dreißigtausend Gulden ab für angebliche Darlehen und Vorschüsse, und dem Herzog stellte er für seine Dienste in dieser Angelegenheit weitere fünftausend Gulden in Rechnung.
So endete der Liebeshandel der Gräfin, der so viele Jahre hindurch das Herzogtum in Wirren und Empörung gestürzt hatte, mit einem ansehnlichen Gewinn für den Geheimen Finanzienrat Josef Süß Oppenheimer. Die Gräfin lebte fortan in Berlin ein glanzvolles und unruhiges Leben. Die saure Herzogin-Witwe hatte zeitlebens gekränkelt, ihr Uebel nahm überhand, die Aerzte wunderten sich, daß sie immer wieder aufkam. Sie aber starrte voll kahlen, grauen, staubigen Hasses hinüber nach Berlin zu der Feindin, der Person, und sie starb erst drei Wochen nach ihr.
Karl Alexander war in den Festungen, bei den Schanzern, im Feldlager, ritt, fuhr herum, befahl, war groß tätig. Feierte ein herzliches Wiedersehen mit dem alten, sehr klugen, etwas steifen und trockenen Oberbefehlshaber, dem Prinzen Eugen. Vor der französischen Uebermacht wich der vorsichtige Prinz zurück, bezog ein festes Lager bei Heilbronn. Schon standen wieder die Franzosen im Herzogtum, schrieben Brandschatzungen aus, Lieferungen. Doch Verstärkungen der Reichsarmee, vor allem von Karl Alexander bewirkt, zwangen sie über den Rhein zurück. Mit wildem Eifer betrieb jetzt der Herzog die militärische Sicherung der Grenzen. Die Festungen wurden ausgebaut, Schanzen angelegt, immerzu hatte der Herzog Konferenzen mit Bilfinger. Ein sehr weitausschauendes Projekt von wahrhaft strategischem Genie wurde ernsthaft und mit Geschick in Angriff genommen. Von Rottweil bis Rottenburg wollte man an einigen Stellen die Berge eskarpieren, da und dort kleine Schanzen aufwerfen; so war diese Grenze absolut zu passieren impraktikabel. Auf dem Schwarzwald wollte man von Schiltach bis Oberndorf Linien ziehen, bis an den Neckar, den Heuberg durch Verhaue sichern. Zur Besetzung dieser Befestigungen genügten fünf Bataillone und zehn bis zwölf Schwadronen. Und mit so verhältnismäßig kleinen Mitteln schuf man ein schwäbisches Thermopylä, an dem jeder welsche Xerxes sich den Schädel einrennen mußte.
Die Landschaft war den Plänen Karl Alexanders zunächst nicht entgegengetreten. Das Herzogtum hatte während der Regierung Eberhard Ludwigs unter den Einfällen, Brandschatzungen, Plünderungen, Raub, Mord und Gewalt der Franzosen zu sehr gelitten, als daß es nicht den starken, sachverständigen, soldatischen Schutz durch seinen jetzigen Fürsten aus ganzem Herzen gewürdigt hätte. Als aber die Franzosen über den Rhein zurückgeworfen waren und die unmittelbare Gefahr verschwand, wurden die Landstände schwierig. Sie reizten den Herzog durch mannigfache umständliche und pedantische Beschwerden. Jeden Augenblick erschien eine Deputation bei ihm mit Reklamationen über seine Maßnahmen bei der Aushebung und bei den Kriegsrüstungen, ärgerte ihn durch ihre dicken, stieren, kleinbürgerlichen Gesichter, durch ihre stumpfe, selbstbewußte Schwerfälligkeit. Schwierigkeiten überall. Der Ersatz der Truppen vollzog sich tröpfelnd und zögernd, Pferde, Material, Proviant wurde ohne rechte Lust und nie in dem geforderten Maße nachgeschoben, die Kriegssteuern gingen zäh ein, der Vollzug stockte, die Kassen waren erschöpft. Der Herzog, an sich zum Argwohn geneigt, begann seinen Räten zu mißtrauen, sie hielten es insgeheim mit der Landschaft. Er berief seinen Juden ins Lager.
Der hatte jedes unscheinbarste Detail der württembergischen Politik gespanntest belauert, gewogen, gewertet und wartete längst mit Gier auf diesen Augenblick. In seiner scharfen, klaren, sehr wachen Art hatte er sich seine Ziele abgesteckt, alle Schritte minutiös berechnet, jeder Zoll seines Weges, seines Terrains lag vor ihm wie eine mit mathematischer Präzision ausgeführte Landkarte.
So fuhr er prächtig und entschlossen ins Lager. Karl Alexander empfing ihn unverzüglich. Es war Nacht, Kerzen brannten, in einem Winkel hockte der Schwarzbraune. Der Herzog saß mit Bilfinger über geometrischen Tabellen. Er polterte seinen ganzen Unmut und Verdruß sogleich und jähzornig heraus, vor diesen beiden ließ er sich gehen. Sein Argwohn gegen die Minister, gegen Neuffer und Forstner vor allem, hatte sich verstärkt. Sie hatten ihn seinerzeit, als er noch Prinz war, dazu bewogen, der Landschaft jene Reversalien und feierlichen Urkunden auszustellen, um bei der Thronübernahme allen Intrigen für den Prinzen Heinrich Friedrich den Boden wegzuziehen. Jetzt redete er sich ein, die Ausstellung und Unterzeichnung dieser Urkunden sei überflüssig gewesen, und zudem hätten ihn die beiden Räte dabei betrogen. Sie seien im Einverständnis mit der aufsässigen und heimtückischen Landschaft, man habe aus der Reinschrift einen Bogen ausgelassen oder wegpraktiziert; die Reinschrift laute anders als das Konzept, das ihm vorgelegen habe. Unmutig und erschreckt hörte Bilfinger diese grund- und sinnlosen Reden an, die der Herzog zornig und ohne viel Zusammenhang herauskläffte. Er zwang sich zur Ruhe, suchte den Herzog mit sachlichen Gründen zu überzeugen, daß er nichts anderes unterzeichnet habe, als was die Verfassung ohnehin von ihm verlangt und was seit dem Tübinger Vertrag alle seine Vorgänger beschworen hatten. Daß also die rechtzeitige Signierung nichts als eine schöne Geste, bei der Stimmung im Land aber zweckmäßig, ja unbedingt notwendig gewesen sei. Auf seine dringlichen Einreden schwieg Karl Alexander schließlich, unüberzeugt. Süß beschränkte sich darauf, genau zuzuhören; sein Gesicht mit dem vieldeutigen Lächeln stach in dem Geflacker der Kerzen weiß und ruhig ab von dem roten, erregten des Fürsten und seines Festungsbauers. Plötzlich wandte sich Karl Alexander an ihn: „Und Er, Jud?“ Süß, achselzuckend, meinte, es sei allerdings auffallend, daß die klaren und weisen Befehle des Herzogs so schlecht und unvollständig ausgeführt würden. Sehr wohl sei es möglich, daß die Geheimräte mit aufsässigen Parlamentariern Konventikel hätten; aber ob untreu oder nicht, auf alle Fälle seien sie nach so ungenügenden Resultaten Unfähige, Diffikultätenmacher, Schikaneure. Was er denn vorschlage, fragte der Herzog. Nach seinen Erfahrungen bei den österreichischen Kriegslieferungen, erwiderte Süß, müsse man sehr hohe Geldbußen auf jede passive Resistenz setzen. Mit Geldstrafen komme man am weitesten. Der Bürger wie der Bauer hänge am Besitz, er opfere sein Leben lieber als sein Geld. Der Herzog sagte, er werde es sich überdenken, Süß solle Spezialvorschläge ausarbeiten. Der Jude erklärte, das habe er bereits getan, legte ein Bündel Akten und Berechnungen vor. Bilfinger setzte neu an, alle Gründe gegen den Argwohn des Herzogs säuberlich zusammenzutragen, mildere, langsamere Maßnahmen zu empfehlen. Karl Alexander, unwirschen Blickes, unterbrach ihn, begann von den geometrischen Tabellen zu sprechen, die vor ihm lagen.
Anderen Tages schon gab er Remchingen Ordre, die Vorschläge des Süß in strengste Praxis zu übersetzen. Die beiden Männer arbeiteten nun zusammen, der General die Faust, der Jude das Gehirn. Remchingen verhöhnte den Süß mit plumpen, unflätigen Späßen. Süß haßte und verachtete ihn, doch er ließ sich zu keinem Widerstand verlocken, empfing den Hohn und Schmutz des Soldaten in ein glattes, unempfindliches, verbindliches Lächeln. Nötigte durch seine unerhörte Sachlichkeit, Findigkeit, seine immer neuen Schliche und Tricks dem General knurrende, spöttische, widerwillige Bewunderung ab. Gemeinsam war den beiden Männern nur der unbedingte Ehrgeiz, dem Herzog zu gefallen, ihm Soldaten und Geld zu schaffen, gemeinsam auch die tiefe, selbstverständliche Ueberzeugung, das Volk gehöre dem Fürsten wie seine Hunde und seine Pferde; verbrecherische Frechheit sei es, mucke es nur im geringsten gegen ihn auf.
Wie durch Zauber war nun alles da, was früher weder Zureden noch Gewalt hatten schaffen können. Hatte die Werbetrommel bisher mit allem Gelärm nur ein paar tausend Freiwillige, und viel verrackertes Kruppzeug darunter, auf nicht sehr stattliche Beine gebracht, so barsten jetzt die Depots von Rekruten. In den Remonten tummelten sich die Pferde, die Kammern stapelten Uniformen, es bauchten sich von Geld und Wechseln die Kassen, Scheunen und Magazine boten keinen Raum mehr für das eindringende Getreide, den hoch sich schichtenden Proviant. Es quoll, strömte, junge, schäumende Flut nach der tristen Ebbe. Ueberall Nachschub, Reserven. Karl Alexander, triumphierend, schwoll an und rühmte vor aller Welt das Genie und die Geschicklichkeit seines Geheimen Finanzienrates.
Uebers Volk aber senkte es sich bleiern, luftraubend. Wohl hatte es früher schon eine Art Zwangsmusterung gegeben; aber nur für Aushauser, für Vagabunden, arbeitsscheue, junge Kerls, die den Gemeinden zur Last fielen. Jetzt wurde diese Rekrutierung auf die gesamte unverheiratete Jugend des Landes ausgedehnt. Wer sich loskaufen wollte, mußte eine ungeheure Summe bezahlen. Verheiratete waren befreit von der Rekrutierung; wer aber vor dem fünfundzwanzigsten Jahr heiraten wollte, mußte den fünften Teil seines Vermögens als Taxe erlegen. Die Pferde wurden gemustert, alle tauglichen requiriert, die Regierung zahlte mit langfristigen Anweisungen. Handel und Hantierung wurde mit schweren Kriegsabgaben belastet, die Steuern mit Härte eingetrieben.
Ei, wie verschwanden die Kränze und Bänder von den Bildern des Herzogs. Beste Jugend stak, fluchend, in der Montur. Mütter, Weiber, Bräute flennten. Verluderten in der Abwesenheit der Männer. Durch das Heiratsverbot mehrten sich die unehelichen Kinder; Abtreibung, Kindsmord nahm zu. Die Felder wurden schlechter bestellt, es mangelte an Menschen, die besten Pferde waren mit Gewalt weggetrieben. Teuerung drohte, Lebensmittel, Waren verschwanden. Laut fluchte es jetzt, empörte sich. Scharfe Erlasse verboten bei Leib- und Lebensstrafe jede respektlose Aeußerung gegen die herzoglichen Verordnungen, jede Turbierung und Unruhestiftung. Es wurden auch etwelche Raunzer und Nörgler festgenommen und prozessiert. Die gelle Empörung verstummte, aber die Flüche murrten weiter, wo man vor Lauschern sicher war. Stumpf stierten die Weiber nach Westen, wohin die Söhne, die Liebsten verschwunden waren, aufgegriffen, knirschend, in die alberne, verfluchte Uniform gepreßt. Ueber ihren schlecht bestellten Aeckern knurrten die Bauern: O die schönen, fetten, glatten Rösser! Jetzt werden sie zu Schindmähren gerackert vor diesen saudummen Kanonen!
Dem Süß rührte diese Stimmung nicht die Haut. In der Kurpfalz, als er dort das Stempelpapier eingeführt hatte, war er an Aufläufe vor seinem Haus, Beschimpfungen, Pasquille gewöhnt worden; das prallte ab von ihm wie Wasser von einer Teerjacke. Wer konnte an ihn heran? Er saß an der Macht, er war der nächste Ratgeber des Fürsten, keiner wußte ihn so zu behandeln wie er. Keiner verstand es wie er, mit unterwürfiger, demütiger Miene die bollernden Zornausbrüche des jähen, an soldatische Unterordnung gewöhnten Mannes hinzunehmen und sich, hinausgejagt, als wäre nichts geschehen, eine Stunde später von neuem zu präsentieren. Die Beamten des Herzogs hatten Weisung, sich in allen geldlichen Dingen unbedingt an seine, des Hoffaktors, Ratschläge zu halten, keine Finanzverordnung ging aus ohne sein Wissen und Willen. Und was wäre nicht mit Geld verquickt gewesen? Wer die Finanzen regierte, regierte das Land.
Mit geblähten Nüstern, wohlig, schnupperte Süß die Luft der Macht, in der er jetzt lebte. Seit seinen glücklichen Maßnahmen zur Auffüllung des Heeres war er der eigentliche Herrscher im Herzogtum. Er war sehr hoch, er war nah am Gipfel, es überrieselte den Rücken wie laues Wasser, sah man hinunter, wo es kribbelte und sich abzappelte, um heraufzuklimmen. Manchmal wohl, wenn sein Vorzimmer voll war von Wartenden, Aengstlichen, Bittstellern, ging er allein in seinem Arbeitskabinett auf und ab, die sehr roten Lippen in dem weißen Gesicht lächelnd offen, lauschte hinaus auf das Geflüster, das kaum hörbar hereindrang, dehnte die Brust, atmete, lächelte, schickte die ganze Antichambre wieder fort, ohne sie zu empfangen. Oh, es war süß, süß und herrlich war es, Macht zu haben unter den Menschen. Nicht ohne wohlig schauernden Kitzel spürte er den geduckten, ohnmächtigen Haß, der sein Gesicht servil grüßte, seinen Rücken bespie. Haß des Volkes ist gut, hatte Isaak Landauer gesagt, Haß bedeutet Macht, Haß bedeutet Kredit.
Ein Wort wurde ihm hinterbracht, das im Volk umging; der kleine, feiste, schweinsäugige Konditor Benz hatte es aufgebracht, der im Wirtshaus „Zum Blauen Bock“ mit anderen Kleinbürgern zu politisieren pflegte: Unterm vorigen Herzog hat eine Hur regiert, unterm jetzigen ein Jud. Süß ließ den Konditor vor sich kommen, der kleine, feiste Mann, schwitzend, mit feig ausweichenden Augen leugnete. Süß versammelte sein ganzes Hausgesind, und vor den Grinsenden, Sich-anstoßenden, die alle wußten, daß er das Wort geprägt hatte, mußte der kurzhalsige, schnaufende Mensch auf Ehr und Gewissen und bei seinem Heiland versichern, er wisse nichts davon und habe sich nie ein respektloses Wort über Seine Exzellenz erlaubt. Dann, dem lächelnden Süß die Hand küssend, nach rückwärts schreitend, konnte er sich entfernen. Süß aber klagte fromm dem Herzog, wie er um der treuen Dienste willen, die er ihm leiste, beim Volk in Verruf komme.
Er führte sein Haus auf fürstliche Art. Als Innenarchitekten hatte er einen Sizilianer berufen, den Meister Ubaldo Raineri, der vor allem durch Aufträge des französischen Hochadels bekannt und in Mode war. Seine Gemächer strotzten von prunkvollen Teppichen, Gobelins, von verschnörkelten, geschweiften Möbeln, von Stuck, von Lapislazuli und Gold, von Vasen und Büsten. Neben Homer, Solon und Aristoteles hatte der Architekt, war es Unschuld oder Hohn, die Büsten des Moses und des Salomo gestellt. Auf dem Deckengemälde des Speisesaals spreizte sich in vielfigurigem Fresko der Triumph des Merkur. Auf der Decke des Schlafzimmers aber ergötzte sich schlaff und schleierigen Auges Leda mit dem Schwan; von dem Prunkbett, das nackt, frech und mächtig zwischen zahlreichen Spiegeln stand, schwatzten, breit und grob lachend, die Bürger in den Wirtshäusern, wisperten gekitzelt die jungen Mädchen. Er war stolz darauf, als erster im westlichen Deutschland die von Paris kultivierte exotische Mode einzubürgern. Figuren von Chinesen, kleine, klingelnde Pagoden standen in seltsamem Widerspiel zwischen Moses und Solon, zwischen Homer, Salomon und Aristoteles. Das Erstaunen und die Freude der Damen aber war in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba, der Bon jour, madame krächzte und Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben? und Ma vie pour mon souverain. Seine Tafel war erlesener als sonst eine im Land, er speiste nur von Gold und Silber, es war ein Wunder, woher er alle die fremden Fleischsorten, Muscheln, Früchte nahm, die, bisher in Schwaben nie gesehen, jeden Monat neue, auf seinen Tisch kamen. Mit schelen Blicken sah der Konditor Benz auf die Kuchen, süßen Pasteten, Kunstwerke aus Eis und Früchten, die der welsche Konfisier des Juden auf ziervolle, immer wechselnde Manier bereitete.
Die weinrote, silberknöpfige Livree des Juden war bald überall bekannt. Er hielt sich Sekretär, Bibliothekar, Läufer, Heiducken, Koch, Kellerer. Durch die Domestiken schritt mit fettem, blassem, phlegmatischem, unbeteiligtem Gesicht Nicklas Pfäffle, sah alles, ordnete, ergänzte. Der Kammerdiener des Süß hatte schwere Arbeit. Den Mercure galant mußte er auswendig wissen. Der Geheime Finanzienrat legte Wert darauf, der eleganteste Herr im Herzogtum zu heißen, seine Garderobe wurde alle zwei, drei Wochen ergänzt. Er hatte eine wilde Vorliebe für Schmuck. Der Solitär, den er am Finger trug, war berühmt, die Schnallen der Schuhe, auch die Handschuhe waren mit der Mode wechselnd steinbesetzt. In seinem Boudoir, wie in seinem prunkenden Schlafzimmer waren Vitrinen mit Schmuck aufgestellt, durch seine Beziehungen zu den Amsterdamer und zu gewissen italienischen Juwelieren immer anders und reizvoll aufgefüllt. Er pflegte aus diesen Kästen seine Besucherinnen, Damen des Hochadels ebenso wie Mädchen aus dem Volke, zu beschenken. Man höhnte, schimpfte grimmig darüber, verspottete ihn ins Gesicht, daß er solche Mittel brauche; aber er lächelte, er wußte, gegen diese Manier gab es keinen Widerstand, die Beschenkte blieb ihm, gierig, verhaftet. An die Herren aber pflegte er, dies war sein Lieblingshandel, scharf und hart feilschend, Juwelen zu verschachern. Es war herrlich, die kleinen Kostbarkeiten, so viele, durch seine Hände rieseln zu lassen, einen kleinen Stein gegen Haufen Goldes zu vertauschen, und wieder Haufen Goldes gegen einen kleinen Stein, spürend: soviel Macht lag in dem kleinen Stein.
Nicht groß, aber erlesen war sein Marstall. Er handelte gern um Pferde mit großen Herren bis hinauf nach Holland. Kaufte, verkaufte, tauschte. Die drei schönen Araber der Herzogin hatte er beschafft. Auch für den eigenen Gebrauch hielt er sich einen arabischen Schimmel, die Stute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische. Der Levantiner Daniele Foa hatte sie ihm verkauft, sie stammte aus den Ställen des Kalifen. Er liebte die Stute nicht eigentlich, aber er hielt sie gut; er wußte, wie prinzlich er auf dem nicht großen, nervösen, ziervollen Tier aussah. Selbst der Polterer Remchingen mußte dem Süß zugestehen, zu Pferde sehe er fast aus wie unsereins.
Der Zutritt zu Süß war schwerer zu erlangen als zum Herzog. Es kostete viele Briefe, Gelauf und Schererei, bis man eine Stunde zur Audienz bestimmt bekam, und dann oft schickte er den Wartenden wieder weg. Er war des Herzogs Bankier und hatte den Titel Geheimer Finanzienrat. Nichts sonst; nie stand unter einem politischen Akt seine Unterschrift. Die Verfassung verbot dem Juden jedes Staatsamt, und Süß war klug genug, sich vorläufig mit dem Besitz der Macht auch ohne ihre Titel zufrieden zu geben. Er wußte, kein Minister, auch der Herzog nicht, der fast immer bei der Armee weilte, er, er war der Regent des Herzogtums. Ihm warteten die Fremden von Stand auf, zu den kleinen Zirkeln, die er um sich versammelte – klüglich noch mied er es, größere Feste zu geben – drängte man sich eifriger als zu den Assembléen der Minister. Schon bildete sich eine Partei, die offen zu ihm hielt, darauf sah, ihn zu begleiten, wenn er ausritt, sein Genie und seine Geschicklichkeit, seine Verdienste um Herzog und Volk vor aller Welt rühmte, ihn wie ein Hofstaat umgab. Der Tübinger Jurist Johann Theodor von Scheffer, Regierungsrat, ausgezeichneter Kenner des Staatsrechts, war einer der ersten, die sich offen zu ihm bekannten, die Räte Bühler und Mez von der herzoglichen Kammer folgten, der Waisenhauspfleger Hallwachs, der Requettenmeister Knab, die Räte Crantz, Thill, von Grunweiler. Der Domänenpräsident von Lamprechts gar schickte seine beiden jungen Söhne in den Dienst des Finanzienrats, daß sie bei ihm Manier und höfische Sitte lernten wie Pagen. Die hebräische Garde taufte man diesen Hofstaat, der Kammerdirektor Georgii hatte das Wort erfunden, Süß vergaß es ihm nicht, und man machte sich mit vielen billigen Witzen lustig über die Judenzer. Bald aber zeigte es sich, daß diese Judenzer den Mantel nach der rechten Seite gehängt hatten. Immer klarer erwies es sich, daß das Haus in der Seegasse die eigentliche Residenz des Herzogtums war. Auch die mächtige Hakennase des Geheimrats von Schütz tauchte jetzt in den Sälen des Süß auf, der finstere, verzehrte Landschaftskonsulent Neuffer sog als grimmige Bestätigung menschlicher Niedertracht die Atmosphäre des Juden ein, und leicht, elegant, geschmeidig schnupperte sie der kluge, neugierige Weißensee.
Die Frauen, die an dem Palais an der Seestraße vorübergingen, schielten neugierig und gekitzelt durch die mächtigen Torflügel in die Vorhalle, wo massig in seiner weinroten, silberknöpfigen Livree der Huissier ragte. Ritt Süß auf seinem Araberschimmel glänzend durch die Straßen, so langten voll begehrlichen Grauens viele Frauenblicke nach ihm. Man wisperte wilde, unheimliche und lüsterne Geschichten von ihm, wie er in Frauenfleisch wühle, wüte, sich mit schwarzen Mitteln den Frauen ins Blut brenne, sie dem Teufel verschreibe. Der Herzog hielt mehr auf den Geschmack seines Juden als auf den seiner anderen Vertrauten, und Süß mußte dem Unersättlichen unter allen möglichen Vorwänden immer neue Weiber ins Lager schicken. Machte sich Remchingen lustig über die Orgien des Beschnittenen, medisierte er neidisch, er kapiere nicht, wie ein anständiges Christenmensch dem Hebräer ins Bett kriechen könne, er müsse heillose schwarze Magie brauchen, so lachte dröhnend der Herzog, ein wohlschaffenes Gesicht und stramme Schenkel seien die beste Magie. Auch betraute er den Süß, ihm die Weiber für Oper und Ballett auszuwählen, und manchmal lachte er, der Jud sei ein Lecker und habe ihm aus vielen Schüsseln vorgeschmaust. Es zog auch ein langer Zug von Frauen, jungen und reifen, blonden und schwarzen, schwäbischen und welschen, lauen und heißen durch das vielspiegelige Schlafzimmer unter der üppigen Leda des Deckengemäldes. Doch der Jude, so prahlerisch er sonst sich spreizte, versperrte sich zäh und verriet keinen seiner Erfolge, die schweren, die ihn stolz machten, so wenig wie die zahllosen sehr leichten. Unter den vielen lärmenden, protzenden Kavalieren war er der einzig Schweigende, und weder die joviale Zudringlichkeit Karl Alexanders noch die verbindlich schmeichelnde Neugier Weißensees, noch die grob spöttischen Anzapfungen Remchingens konnten seiner ausweichenden Liebenswürdigkeit die leiseste Andeutung entlocken. Wenn dennoch bei Hof, in den Schenken, unter den Soldaten viele saftige, ungewöhnliche, sicher nicht erfundene Details aus dem Bett des Juden begrinst, begeifert, belacht, bezotet wurden, so trugen des jene Frauen Schuld, die, stolz auf den gefährlichen, so anderen, von aller weiblichen Neugier umwitterten Mann, ihre unheimliche Heimlichkeit einer Freundin unter vielen Schweigensbeschwörungen, Kichern, Tränen in den Busen flüstern mußten.
Als der Jude sein Palais fertig installiert hatte, kam auf seine dringlich ergebene Einladung, begleitet von Remchingen, die Herzogin, sein Haus zu inspizieren. Preziös trug sie den kleinen, ziervollen Kopf von der Farbe alten, edlen Marmors durch die strahlenden Räume, äugte aus den langen, fließenden Eidechsenaugen auf die Chinoiserien, lächelte vor dem Papagei Akiba, der Ma vie pour mon souverain krächzte, klingelte mit den kleinen, sehr gepflegten Fingern an den Miniaturpagoden, ließ sich von Süß einen merkwürdig geformten, nicht sehr wertvollen Giftring schenken, schritt mit kleinen, gleitenden Füßen an den tief sich neigenden weinroten Lakaien vorbei zu den Ställen und reichte der edlen Schimmelstute Assjadah ein Stück Zucker. Genoß befriedigt die hemmungslose Ergebenheit des Süß. Andere hatten kleine Mohren, einen Schwarzbraunen vielleicht, ihrethalb sogar einen Chineser; aber so einen Juden mit Haus und Papagei und solch einem feinen Schimmel, santa madre di Loretto, den konnte nicht einmal Versailles aufweisen.
Aber, schon in der Karosse, zwischen gaffendem, barhäuptigem Volk sagte sie über den Nacken des tief auf ihre Hand geneigten Finanzienrats mit ihrer langsamen, aufreizenden Stimme: „Alles fein, Jud, alles schön. Aber das Zimmer, wo die kleinen Christenkinder geschlachtet werden, hat Er mir doch nicht gezeigt.“ Und lachte ihr kleines, glockiges, amüsiertes Lachen und fuhr davon.
Süß aber stand barhaupt vor seinem Haus und das Volk gaffte und stieß sich an, und er achtete es nicht und schaute ihrer Karosse nach mit den wölbigen, fliegenden, beredten Augen, die sehr roten Lippen leicht offen in dem weißen Gesicht.
Mit dem zunehmenden Frühling verließ Rabbi Gabriel plötzlich, wie es seine Art war, das weiße, kleine Haus mit den Blumenterrassen. Er reiste, unscheinbar, ohne Diener, sein massiges, schweres Gesicht tauchte hier auf, dort; er zeigte nie Eile, hatte nirgendwo besondere Geschäfte; aber er blieb auch nirgendwo rasten, er reiste stetig und, so zickzack seine Fahrt ging, immer weiter wie auf vorgezeichnetem Weg.
Tauchte in die Berge. Saß zwei Tage lang in einem Bauernhaus an einer kleinen Brücke über einen Wildbach, schaute zu, wie die geflößten Stämme das strudelnde Wasser hinabtrieben, sich stauten, überkreuzten, liegen blieben, in dem schwellenden Bach weiterschwammen. Hörte Nächte hindurch das endlose Geläute des Viehs, das auf die Almen getrieben wurde. Fuhr den langsamen Paß hinauf, der nach Süden führte. Wind kam von Mittag, es hatte geregnet, feuchte, schwere Luft ging, dunkelbläulich lagen die Berge. Er stieg aus, stapfte dem beschwerlich knarrenden Wagen voraus. Auf dem nassen, sonnglänzenden Weg schleppte eine große Schnecke ihr Gehäus; sorglich wich er, im letzten Augenblick, ihr aus. Eine Viertelstunde später zerknirschte sie sein Wagen.
Er überschritt, tief durch Schnee watend, die Paßhöhe. Freier wehte es, warm und wohlig ihm entgegen. Gesegnet breitete sich, hoch durchblüht, das Land. Er kam an einen weiten, sehr großen See. Verweilte. Hockte lange Stunden am Ufer, unbeweglich, schwer, wie besonnter Stein. Dunkelgrün standen satten Laubes die Orangenbäume, weiter unten klommen silbern und leicht Oliven die Uferhänge hinauf.
Unterdes fuhr Süß nach Hirsau. Seitdem der Oheim das Kind ins Land gebracht, seit seiner wortlos höhnischen Mahnung hatte er das Verkapselte niemals wieder so fest schließen können wie früher. Ein Hauch davon kroch über seine Papiere, wenn er rechnete, schlich sich in seine Nächte, wehte ihm in den Nacken, wenn er glanzvoll und angehaßt auf seiner weißen Stute Assjadah durch die Straßen ritt, daß das Tier unruhig wurde, leise bäumte, wieherte. Es kam vor, daß er, der sachliche Rechner, der die Dinge scharf und nüchtern und nackt in ihren Grenzen sah und bei ihrem Namen nannte, am lichten Tag überschreckt zusammenfuhr, atmete, die Schultern hochzog wie in Abwehr; ein Gesicht schaute ihm über die Schulter, im Dämmer, nebelhaft, und es war sein eigenes.
Längst trieb es ihn, nach Hirsau zu fahren in das weiße Haus mit den bunten, fröhlich feierlichen Terrassenbeeten. Was ihn, ohne daß er es sich gestand, immer wieder hemmte, war die Nähe Rabbi Gabriels, das Atemsperrende, Unbehagliche, Lastende seiner unausweichlichen, müden, fordernden, trübgrauen Augen.
Er gestand sich auch jetzt nicht ein, daß es die Abwesenheit des Alten war, die ihn nun auf einmal so rasch den Entschluß zur Fahrt hatte fassen lassen. Er fuhr zu Naemi, er fuhr, nur von Nicklas Pfäffle begleitet, er war so leicht und frei wie noch nie. Er fuhr zu seinem Kind, und er war schon bei seinem Kind, und alle seine Ziffern und Politik und Macht und Eitelkeit blieb lahm und staubig dahinter. Er sah den jungen Acker und er roch seinen Duft, und er rechnete nicht, wieviel dieses Feld bringen werde und wie man aus dem Umsatz dieses Getreides neue Steuern quetschen könne, sondern er sah nur die sanfte Farbe des jungen Korns und roch den wehenden Wind über dem Feld. Und er freute sich an den hohen, feierlichen Bäumen des Waldes ohne Berechnungen des Forstetats, ja er freute sich am Moos und, jungenhaft, an den Eichkätzchen, mit denen doch finanztechnisch gar nichts anzufangen ist. Und als er einen Bauernburschen sah, den Arm um die Hüften seines Mädchens, nickte er ihnen zu, und nur ganz ferne tauchte ein Gedanke auf an die raffinierte Steuerbelastung der jungen Ehen. Er fuhr zu seinem Kind, und sein Herz war schon bei seinem Kind. Wann endlich wird er den kleinen, weißglänzenden Würfel des Hauses sehen und die Blumenterrassen davor und sein Kind darin? Da, von der Landstraße ab, der Karrenweg. Er verläßt den Wagen, biegt, immer stärkeren Schrittes, in den Fußpfad ein. Hier der Zaun, er öffnet das versteckte Tor, jetzt die hohen Bäume, die Beete jetzt, und jetzt, atmend, hingegossen hängt das Kind an seinem Hals, vergehend.
Spricht nichts. Spricht eine lange, ewige Weile nichts. Hängt an ihm, verströmend, klammert sich, trinkt ihn mit ihren großen, erfüllten Augen in sich hinein. Süß steht und all das Gespannte, Aeugende, Lauersame fällt von ihm ab. Gelöst läßt er sich treiben in dem lauen, wohligen Fluß der Stunde.
Wie schön ist sein Kind! Sie ist ganz vollendet. Es ist kein Zug an ihr, keine leiseste Bewegung, kein Haar, kein Flackern in der Stimme, das er anders wünschte. Schön ist sein Kind vor den Frauen, zart ist sie und rein ist sie, reinglühend wie ein zartes Licht, ihn selber glüht sie rein. Er hat mit ihr seine zutunliche Freude an der alten, watschelnden, herzlich ergebenen Zofe Jantje, er, dem alles Gewächs und Getier kalte, erdstumme Dinge waren, lernt die einzelnen Blumen verstehen, als sprächen sie; sie haucht den Dingen von ihrem sanften Atem ein, und er spürt ihr Leben in den Dingen.
War der Rabbi da, so hatte er fast Scheu vor dem Mädchen, er stand zwischen ihnen wie eine Wand. Jetzt wagten sich Wünsche und Ziele an sie hervor, die bisher geschwiegen hatten wie geduckte Hunde. Warum versteckt er das Kind vor den Menschen? Eine Königin von Sabah, eine Königin Esther soll sie werden. Strahlen soll sie vor aller Welt, Fürsten sollen kämpfen um sie, sollen bei ihm betteln um sie, aus phantastischen Reichen sollen Prinzen kommen und Gold und Gewürz und alle Schätze Edoms vor ihre kindlichen Füße legen.
Aber da stand er mit Naemi in der Bibliothek. Tafeln waren da mit magischen Figuren und astrologische Tabellen, und plötzlich überkam es ihn, als seien die Augen des Alten irgendwo im Zimmer, als starrten sie auf ihn, trübgrau, mürrisch, lähmend traurig. Und die goldenen Träume, mit denen er eben noch das Kind behängt hatte, schienen ihm plötzlich Schleim und Ekel.
Doch da sprach Naemi. Mit ihrer kleinen, kindlichen Stimme sprach sie von dem Kabbalistischen Baum, dem Himmlischen Menschen, den heiligen Buchstaben-Ziffern des Gottesnamens; ihre erfüllten Augen standen groß und fromm in dem sehr weißen Gesicht und die schwere, lähmende Luft war fort. Süß setzte nicht wie an seinem Schreibtisch mit amüsiertem Hohn den Zeichen der Kabbalah die höchst realen Ziffern seiner Hauptbücher entgegen, wehrte sich auch nicht mit stumpfem, gebundenem Trotz wie in der würgenden Gegenwart Rabbi Gabriels.
Und dann, belebter, sprach sie von den Menschen der heiligen Geschichten. Ihr Aug, hingegeben, verströmend, hing an ihrem Vater, und kühnen Schrittes trat David ins Gemach, stolz blickend, mit der Schleuder, Simson stürmte vor, und rechts und links sanken die Philister, voll heiligen Zornes jagte Juda der Makkabäer die Heiden aus dem Tempel. Und alle waren sie er, flossen sie in eins mit ihm, borgten von ihm ihre Kraft, Schönheit, ihren Eifer und Sturm. Doch da mit einemmal stockte sie und wölkte sich. Sie sah Absalom, hängend mit dem reichen Haar im Geäst. Und sie griff, die Augen groß auf, die Schultern überschauert, nach der Hand des Vaters, hielt sich an ihr, der warmen, lebendigen, hielt sich sehr fest. Er erwiderte den Druck, aber er ahnte nicht, was sie bewegte.
Drei Tage lebte er so, schwerlos und gelöst vom Wirbel seines Alltags. Am dritten Tage plötzlich, er war allein im Zimmer und Nicklas Pfäffle stand vor ihm, fetten, unbewegten Gesichts, fiel die Außenwelt ihn an, das Zurückgelassene. Er sah seine Akten, auf Unterschrift wartend, getürmt, er sah die wirbelnde Welt, und sie wirbelte ohne ihn. Beamte, Geschäftsleute, alle jagten, hetzten, kribbelten hinauf, zielten hin, wo er stand, gefährdeten ihn, und er hatte seine Hand nicht im Getriebe, er saß hier fernab, kümmerte sich um nichts. Was alles konnte ihm entgleiten mittlerweile, was alles gegen ihn gewendet werden. Unbegreiflich, daß er so ruhig hier saß, unbegreiflich, daß er die Tage her an nichts gedacht hatte. Die Blumen sanken ihm zurück in ihre Stummheit, nichts mehr spürte er vom Hauch und Leben der Dinge, die Ziffern und Figuren der heiligen Wissenschaft waren ihm albernes Zeug. Vor ihm standen Rentabilitätsberechnungen, herzogliche, Reskripte, Intrigen der Landschaft, komplizierte Geschäfte, Leben, Macht. Mit halber Seele nur schaute er auf sein Kind, das ihm, verströmend, im Arm lag. Er riß sich los, und schon lag das Mädchen, das weiße Haus, die feierlich frohen Blumenterrassen wesenlos hinter ihm und die Kapsel sprang zu.
Wie er durch den Wald ging, mit Nicklas Pfäffle, rasch, dem Karrenweg zu, sah er plötzlich unter einem Baum am Rand einer Lichtung ein Mädchen, bräunlich kühnes Gesicht, starkblaue, große Augen seltsam unter dunklem Haar, die Hände hinterm Kopf verschränkt, hinstarren schräg hinauf durch die Stämme. Aber nicht in der Haltung einer Ruhenden, sondern angestrengt, gekrampft. Er ging gerade auf sie zu; sie war schön, sehr anders als die Mädchen im Lande, auf dem bräunlich kühnen Gesicht standen sonderbare, nicht alltäglich schwäbische Gedanken. Erst als er auf dem weichen Waldboden ganz nah an ihr war, sah sie ihn, sprang auf, starrte ihn an aus schreckgeweiteten Pupillen, schrie: „Der Teufel! Der Teufel geht durch den Wald!“ lief fort. Dem erstaunten Süß erklärte der gleichmütige, alleswissende Nicklas Pfäffle: „Die Magdalen Sibylle Weißenseein. Tochter des Prälaten. Pietistin.“
In der Kutsche überlegte Süß, es sei praktischer, nun er schon unterwegs sei, gewisse Geschäfte mit seinen Frankfurter Geldleuten persönlich zu erledigen. Allein dies war ein Vorwand, mit dem er sich selbst belog. Was not tat, war nicht persönliche Besprechung jener Affären in Frankfurt, was ihm not tat, was er ersehnte nach dem seltsamen und unsichern Hin und Her in dem Haus mit den Blumenterrassen, das war Bestätigung seiner selbst, seiner Macht, seines Erfolges, Widerhall, Sicherung. Er schickte nach seinem Sekretär, nach Dienerschaft. Fuhr groß und glänzend in Frankfurt ein.
Es standen staunend und erregt die Frankfurter Juden, steckten wackelnde Köpfe zusammen, schnalzten verwundert, bewundernd, hoben vielbeweglich die beredten Arme. Ei, der Josef Süß Oppenheimer! Ei, der württembergische Hoffaktor und Geheime Finanzienrat! Ei, was hatte er es weit gebracht! Sein Vater war Schauspieler gewesen, seine Mutter, die Sängerin, schön, elegant, nun ja, nun ja, aber eine leichte Person, keine Ehre für die Judenheit, sein Großvater, Reb Selmele, das Andenken des Gerechten zum Segen, ein braver Mann, Kantor, ein frommer, geachteter Mann, aber doch ein kleiner, armer Mann. Und nun der Josef Süß, so hoch, so glänzend, so mächtig, viel höher als sein Bruder, der Darmstädter, der Getaufte, der sich hat taufen lassen, um Baron zu werden. Ei, wie sichtbarlich hat der Herr ihn erhöht. Trotzdem er ein Jud ist, reißen die Gojim die Mützen vor ihm herunter und bücken sich bis zum Boden, und wenn er pfeift, kommen die Räte und Minister gerannt, als wäre er der Herzog selbst.
Süß schleckte gelüstig die Bewunderung. Er machte eine Spende, hoch zum Erstarren, für die Synagogenbedürfnisse, die Armen. Der Gemeindepfleger kam und der Rabbiner, Rabbi Jaakob Josua Falk, ein ernsthafter, kleiner, nachdenklicher Mann, welke Haut mit dicken Adern, tiefliegende Augen, sie bedankten sich, und der Rabbiner gab ihm Segenswünsche auf den Weg.
Und er stand vor seiner Mutter, und die schöne, alte, törichte Frau breitete ihre eitle Bewunderung unter seine Füße wie einen weichen Teppich. Er badete in dieser lauen, ungehemmt über ihn hinwellenden Bestätigung, aus hundert blanken Spiegeln strahlte alles Erreichte berauschend auf ihn zurück; seine heimlichsten Träume kramte er aus versteckten Winkeln vor diese willigste Hörerin, die selig lächelnd seine Hand tätschelte. Zäh entschlossen, von keiner Nachwallung des weißen Hauses beirrt, bis zum Rand gefüllt mit kühnen, unerhörten Entwürfen, kehrte er nach Stuttgart zurück.
Der Krieg war aus, Karl Alexander fuhr heim in seine Hauptstadt. Er war schlechtgelaunt. Der nächste Zweck zwar war erreicht worden, er hatte sein Land vor Ueberfall und Plünderung gewahrt. Auch waren alle Operationen kunstgerecht, methodisch vor sich gegangen, alle taktischen Fragen ausgezeichnet gelöst, er hatte gezeigt, daß er ein Faktor war, daß man mit ihm als Feldherrn wie als Besitzer einer ansehnlichen Armee rechnen mußte. Aber eigentlich waren das doch recht magere Resultate und weit entfernt von der Gloire, von der er geträumt. Verdrossen saß er in seiner Kutsche, das Uebel seines lahmenden Fußes hatte sich verstärkt, sein Asthma bedrängte ihn.
Eine Diligence kam entgegen, bog respektvoll aus vor der herzoglichen Kutsche, hielt. Unter den in Demut erlöschenden Gesichtern erkannte Karl Alexander ein mürrisches, unerregt grüßendes. Breit, blaß, platte Nase unter mächtiger Stirn, trübgraue Augen. Er erschrak leicht, es war ihm, als höre er die knarrige Stimme: „Das Erste sag ich Euch nicht.“ Jäh schnürte ihn unheimliche Gebundenheit. Er sah sich plötzlich schreiten in einem stummen, schattenhaften Tanz, der Rabbi vor ihm hielt seine rechte, Süß hinter ihm seine linke Hand. Schritt da ganz vorne, durch viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch der dicke, lustige Friedrich Karl, der Schönborn, der Würzburger Bischof? Wie schaurig possierlich er aussah. Und alles war trüb, nebelhaft, farblos. Tiefer verdrossen fuhr er weiter.
In Stuttgart hob sich von allen Seiten Aergerliches. Die Herzogin hatte ihn erfreut begrüßt; in der Nacht dann, in seinem Arm, hatte sie in ihrer leisen, leicht spöttischen Art gefragt, was er ihr alles Schönes in Versailles erbeutet habe; als Braut habe sie geträumt, er werde dem französischen Ludwig die Perücke herunterreißen und sie ihr als Trophäe bringen. Es war gewiß harmlose Neckerei gewesen, aber ihn hatte sie tief gewurmt.