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Jud Süß

Zweites Buch Das Volk (continued 2)

Reading edition

Dann rückte mit seiner langweiligen, zähen, enervierenden Nörgelei und Reklamiererei der parlamentarische Ausschuß an. Verlangte in einer zweiten Audienz dringlich und unumwunden jetzt, nach erfolgtem Friedensschluß, Abrüstung. Blaurot lief der Herzog an, der Atem setzte ihm aus. Nur mühsam zwang er sich, die Deputation anzuhören, nicht mit Fäusten über sie herzufallen, sie nicht verhaften, nicht kreuzweis schließen zu lassen. Höchst unwirsch und ungnädig, unter Atemnot und Husten, Flüche und Beschimpfungen polternd, jagte er schließlich die Verängstigten, Entsetzten fort. Berief den Süß.

Der trug, wie stets, ein fertiges Projekt in der Tasche. Karl Alexander empfing ihn nach dem Bad, im Schlafrock, der Neuffer rieb ihm den lahmenden Fuß, der Schwarzbraune lief, mit Tüchern, Kämmen, Bürsten, ab und zu. Lächelnd, verbindlich setzte Süß den feinen, giftigen Plan auseinander. In einer so wichtigen Angelegenheit solle Seine Durchlaucht sich nicht begnügen, mit den elf Herren des parlamentarischen Ausschusses zu verhandeln. Der Ausschuß müsse aus den übrigen Abgeordneten verstärkt werden.

Was damit gewonnen sei, fragte der Herzog, die blauen, gewalttätigen Augen unverwandt auf dem glatten, lächelnden, gewandten Mund des Juden.

Es seien natürlich, fuhr Süß leichthin und fließend fort, bei solcher Ergänzung nur diejenigen Deputierten beizuziehen, deren treue und loyale Gesinnung gegen den Herzog feststehe.

Karl Alexander sah dem Juden aufmerksam auf die Lippen, dachte scharf nach, wandte die Worte des Süß hin und her. Begriff, daß auf diese Art die Opposition mühelos aus dem Parlament ausgeschaltet, die Landschaft in eine Vereinigung ohnmächtiger Hanswürste gewandelt werden könnte. Sprang auf, daß der Kammerdiener Neuffer, der ihm den lahmenden Fuß rieb, zurücktaumelte. „Er ist ein Genie, Süß!“ jubelte er los, stapfte, den einen Fuß bloß, im Zimmer herum, aufgewühlt. Der Schwarzbraune, in seinen Winkel zurückgewichen, folgte mit langsamen, rollenden Augen den Bewegungen seines Herrn. Dann, mit einem Ruck, blieb Karl Alexander stehen, zweifelnd, fragte bedenklich, wie denn die zuverlässigen Abgeordneten herauszufischen seien. Doch Süß, bescheiden-stolz lächelnd, erwiderte, der Herzog möge ihm das überlassen, ihn, sei ein einziger Aufrührer unter den beigezogenen Deputierten, mit Schimpf und Schande über die Grenze jagen.

Denselben Abend noch konferierte Süß mit Weißensee. Teilte ihm mit, der Herzog halte es für notwendig, in einer so wichtigen Affäre den Ausschuß zu verstärken; wer wohl nach des Prälaten Meinung von den Abgeordneten Verständnis für die großen Probleme und Sinn genug für die europäische Bedeutung Karl Alexanders habe, um mit Gewinn für den Fürsten und somit fürs Volk bei solcher Ergänzung beigezogen zu werden. Behutsam saß der andere, rühmte die Umsicht und Gewissenhaftigkeit des Herzogs, nannte nach langen Umschweifen, zögernd, vorsichtig, zwei, drei Namen. Bog sogleich wieder ab und sprach, verbindlich, von anderem, Belanglosem. Süß ging höflich darauf ein, meinte dann, gelegentlich, beiläufig, der Präsident des Hofkirchenrats scheine dem Herzog alt und ausgeschöpft, ob er, Weißensee, zeitlebens in Hirsau sitzen wolle, ein Berater von seinem diplomatischen Blick und seiner Erfahrung und Gelehrsamkeit wäre in Stuttgart hocherwünscht. Lüstern, sehr gelockt, schnupperte der Prälat, griff zu, lächelnd und betrübt über die eigene Schwäche und Verräterei, nannte seufzend, als Süß wieder auf den einzuberufenden Landtag zu sprechen kam, die geforderten Namen, verriet in den nicht genannten die Verfassung und wer ihr anhing. Ach, es war durchaus nicht die beste aller denkbaren Welten, wie gewisse à la mode-Philosophen wollten, es war eine schlecht eingerichtete, widerwärtige Welt. Nur der Einfältige konnte sich rein halten; wer klug war und kompliziert und nicht ganz abseits bleiben wollte vom fließenden Leben, der mußte unsauber und zum Verräter werden.

Ausgeschrieben wurde die Tagung. Ausgeschlossen wurden nach der Liste des Weißensee alle Abgeordneten der Opposition, ihre Proteste nicht beachtet. Herzogliche Kommissarien erschienen mit starkem militärischem Geleit in den einzelnen Städten, Aemtern, redigierten gewalthaberisch Wünsche, Vollmachten, bindende Aufträge der Bevölkerung an die Deputierten.

Unter solchen Auspizien trat der Landtag zusammen, der über die auf Jahrzehnte hinaus wichtigste Frage schwäbischer Politik, die Unterhaltung eines ansehnlichen stehenden Heeres, zu entscheiden hatte. Nicht im Landschaftshause in Stuttgart hielt dieses Rumpfparlament seine Sitzungen ab, der Herzog hatte verfügt, daß die Session der bequemeren Kommunikation mit seiner Person wegen in seinem Ludwigsburger Schloß unter seinen Augen stattzufinden habe. Die kleine Stadt quoll über von Soldaten, die Deputierten tagten bewacht von einem starken Militäraufgebot, immer gefährdet, von ihren Schützern beim kleinsten Wort der Opposition festgenommen zu werden. Der Herzog erschien nach einer nonchalanten Eröffnungsrede überhaupt nicht mehr; er nahm Parade ab, hielt kriegerische Uebungen in der Umgegend, während seine Minister lässig, gnädig den Deputierten auf schüchterne Fragen vage, hochmütige Antworten gaben.

Auf diese Manier wurden die ungeheuren Militärforderungen des Herzogs genehmigt, dazu Verdoppelung der Jahressteuer und der Dreißigste von allen Früchten. Geltung haben sollte dieser Steuermodus, solange die bedenklichen Zeiten dauerten und das Land es vermöge. Nicht schärfer wagten unter den Musketen der Soldaten die sonst so bedächtigen, vorsichtig um jedes Jota feilschenden Herren diese entscheidende Klausel zu präzisieren, und als sie in einer inoffiziellen Besprechung bescheiden die Frage aufwarfen, wer denn über die Bedenklichkeit der Lage und die Leistungsfähigkeit des Landes solle zu befinden haben, wurden Süß und Remchingen so grob, hochfahrend und drohend, daß die Deputierten mürb und erschrocken auf genauerer Festlegung dieses wichtigsten Punktes nicht bestanden. Niemals hatte, seit es eine Verfassung im Land gab, ein württembergischer Herzog vom Parlament solche Zugeständnisse erreicht wie Karl Alexander und sein Jude.

Zwei Wochen nach der Tagung wurde der Prälat von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, Präsident des Hofkirchenrats in Stuttgart.

Kurz nach diesem Sieg des Süß über das Parlament starb auf dem Familienschloß Winnenthal des Herzogs Bruder, Prinz Heinrich Friedrich. Seitdem Karl Alexander seine Geliebte gehabt und sie dann breitlachend, hochmütig, die Flennende, Aufgelöste, ihm wieder zugeschickt hatte, verzehrte sich der schwächliche Mann in Ohnmacht und grellen Rachephantasien. Er begann vorsichtig und ziemlich ziellos neue Zettelei mit der Landschaft, aber die Herren hielten ihn nicht für den rechten Mann und blieben reserviert. Er sah oft mit gequälten, gedrosselten Blicken auf das sanfte, dunkelblonde Geschöpf, dessen Dasein jetzt eine einzige traurige Bitte um Nachsicht war. Einmal legte er ihr die kraftlosen, schweißigen Hände um den schönen, vollen, gesunden Hals, drückte langsam zu, würgte, ließ erschrocken ab, streichelte sie: „Du kannst ja nichts dazu, du kannst ja nichts dazu.“ Er malte sich wilde, phantastische Racheszenen aus: wie er die Geliebte ersticht, den Leichnam vor sich quer übers Pferd nimmt, durchs Land jagt, das Volk groß zur Rache aufruft. Oder wie er den Bruder fängt, ihn zwingt, der Geliebten die Füße zu küssen, wie er dann beide tötet, die Frau feierlich wie eine Kaiserin bestatten läßt, den Bruder einscharren wie einen Hund. Und er selber thront, ein theatralischer Rachegott, über allem. Tun aber konnte er von all dem nichts, er konnte sich nur daran verzehren und sterben.

Karl Alexander, sowie er den Tod des Bruders erfuhr, sandte den Minister Forstner und den Kriegsrat Dilldey nach Schloß Winnenthal, die Verlassenschaft des Toten zu versiegeln und insbesondere seine Briefschaften zu beschlagnahmen. Er hatte gerade während der Tagung des Rumpfparlaments von neuerlichen Zetteleien seines Bruders mit der Landschaft gehört, er brannte darauf, Beweise, schwarz auf weiß, in die Hand zu kriegen wider gewisse Parlamentarier von der Opposition. Ei, wie wollte er sie packen, ei, wie wollte er sie zwiebeln, der Hydra den Kopf zertreten.

Seine Abgesandten fanden auf dem stillen Schloß spärliche, bestürzt schleichende Dienerschaft, und an der Leiche, starrend, apathisch das blonde Geschöpf. Dem Herzog brachten sie nichts zurück als belanglose Schreiberei.

Der schäumte. Er war gewiß, der parlamentarische Ausschuß, die Elf, hatten Konventikel gehabt mit dem Toten, Kabale gemacht, ihm die Regierung zuzuschanzen. Er wütete gegen die Abgesandten, die ihm nur Wertloses beigeschafft hatten. Wegpraktiziert hatten sie das Belastende, verbrannt. Verhunzt hatten sie, absichtlich zerschmissen und kaputt gemacht die gute Gelegenheit, das Spiel zu entdecken.

Süß schürte, hetzte. So ein Moment, die Verhaßten zu stürzen, kam nicht wieder. Er hakte ein bei dem alten, sinnlosen Verdacht des Herzogs. Waren es nicht die gleichen Männer, die Karl Alexander seinerzeit die Reversalien abgepreßt hatten, jene unseligen Religionsversicherungen, die sich dann in Stuttgart in der Reinschrift anders lasen als damals in Belgrad im Konzept? Die den Bogenwechsel vorgenommen hatten, ein Blatt eingeschmuggelt in die endgültige Fassung? Hochauf schäumen machte Süß den alten Argwohn des in allem Diplomatischen kindlichen Soldaten. Jene, die Herren, mochten Uebung haben im Verschwindenlassen eines Schriftstücks. War die jetzige erfolglose Suche nach den sicher vorhandenen Dokumenten des Hochverrats nicht recht eigentlich Beweis und Bestätigung ihrer damaligen Praktiken, Zeugnis des geheimen Einverständnisses mit dem meuterischen Parlament?

Karl Alexander war es müde – und Süß pries die Weisheit solchen Entschlusses – mit diesem zweigesichtigen Kabinett weiter zu regieren, das, wenn nicht aus Hochverrätern, im besten Fall aus schwerfälligen Schikanierern, Pedanten, Angsthasen, Kompromißlern, Linkshändern bestand. In Ungnaden entlassen wurden die Minister Forstner, Neuffer, Negendank, Hardenberg. Nur Bilfinger blieb. An den weit über Württemberg ragenden, festen, gelehrten Mann wagte sich der kluge Süß nicht, auch genierte er wenig, beschäftigte sich mehr mit seinen Studien, hielt sich in der Politik, wenn auch drohend und bedenklich, im Schatten. Und schließlich schätzte der Herzog die Unterhaltung des festungsbaukundigen Mannes zu sehr, als daß Süß hier viel hätte ausrichten können.

Aber mit in den großen Sturz geriet der Kammerdirektor Georgii, der das Wort geprägt hatte von der hebräischen Garde. Zu spät hatte der um Brot und Stellung besorgte Mann jenen unseligen Scherz bereut, zu spät sich an Süß anzubiedern versucht. Tief genoß der Jude seinen Triumph, als er diese ungelenken Annäherungsversuche wahrnahm. Er spielte mit dem plumpen, schwerfälligen Herrn, behandelte ihn jetzt mit besonderer Verbindlichkeit, daß der Aufatmende schon glaubte, Süß habe von jenem Hohnwort nichts gehört oder es vergessen. Schreckte ihn dann wieder durch eine Anspielung, eine undurchsichtige Drohung. Bis er endlich selber dem Kammerdirektor seinen Sturz mitteilte. Er hatte ihn zur Tafel geladen. Man saß, ein kleiner Kreis, unter dem Deckengemälde, dem vielfigurigen Triumph des Merkur, hatte von goldenem und silbernem Schüssel- und Tellerwerk raffinierte, gewürzte Speisen gegessen, aus den kostbaren Kelchen fremde, starke Weine getrunken. Nun saß man schwer, dampfte, verdaute. Da sagte der Jude leicht und verbindlich zu dem Kammerdirektor, er bedaure, daß Serenissimus seine erfahrenen Dienste so gar nicht mehr schätze; aber der Herzog möge eben die alte Garde partout nicht mehr leiden, nicht riechen könne er sie mehr. Und zur neuen gehöre der Kammerdirektor eben einmal nicht. Der schwere Herr sah ihn fassungslos an, stammelte etwas, starrte verloren vor sich hin, schlotternden Kopfes, schwankte bald fort. Er war arm, ein gerader, beschränkter Mensch, gebannt in Enge und Konvention, er hatte sieben Kinder und kein Geld. Nun war er also in Ungnade, schimpflich aus seinem Amt gejagt. Er ging heim, erhängte sich.

Ein großer Beamtenschub kam. Bisher waren viele biedere, gemütliche, schwäbische, langsame, gutartige Männer an hohen Stellen gesessen; jetzt rückten glatte, flinke Leute an, viele Ausländer, gewandt, vielwortig, in mancherlei komplizierten Geschäften zu Haus, die Kreaturen des Süß, die Scheffer, Thill, Lautz, Bühler, Mez, Hallwachs. An allen entscheidenden Stellen saßen sie, alle Zugänge zum Herzog hielten sie besetzt. Süß selber aber lehnte noch immer jedes Amt ab, er hatte nichts als den Titel Geheimer Rat und Oberhoffinanzdirektor, auch Schatullenverwalter Ihrer Durchlaucht der Frau Herzogin; aber er war, und alle Höfe wußten dies, der wahre Regent des Landes, er hielt auch ohne Siegelring seine Hand über dem Herzogtum.

Befreit auf atmete das Land, streckte sich in fröhlicher Erwartung. Aus der Krieg. Zurückkehren werden jetzt die Söhne, Männer, Liebsten. Geruhig, sicher wird jetzt das Leben fließen, nicht stoßweise, mit Lücken hier und Mangel dort und immer neuen Schikanen. Die jungen, festen Männer wird man wieder haben, ihre entbehrten Fäuste für die Arbeit, die Männer wieder fürs Regiment im Hauswesen, fürs Bett. Einteilen wird man sich sein Geschäft können, nicht ins Ungefähr wird man wirtschaften. Die Pferde wird man wieder haben, die lieben, kräftigen Rösser, sie werden abgerackert sein, aber man wird sie schon glatt und hoch bringen. Alle Aecker wird man bestellen wie früher, den Weingarten wird man nicht weiter verludern lassen, das Haus nicht verdrecken und verfallen. Die kleinen Bürger in den Städten werden ihr Auskommen haben wie vor dem Krieg, die Materialien für ihre Hantierung, Eßwaren reichlich und Wein. Nicht wird man vor Wagen, mit schönen Dingen hochbepackt, sich sagen müssen: Je, ist alles für die Soldaten! Selber im Land wird man haben, was man macht. Nach Westen alle Blicke, von wo die Truppen wieder herkommen, die Männer, die Pferde, die Zelte, Wagen, Troß, Proviant, das Entbehrte zurück, das Ersehnte, Mangelnde, Dung und Saft zurück. Nach Westen alle Blicke wie in Dürre nach aufziehenden Wolken.

Die fressende Enttäuschung, als der Landtag kläglich resignierte, als die Armee nicht aufgelöst wurde. Ins Feuer flogen, auf den Mist die Bilder des Herzogs, Belgrad, die siebenhundert Axtmänner. Verzweiflung brach aus, Rottierer hoben sich, drohender als bei Beginn des Krieges, aber rascher noch und energischer zur Ruhe gebracht. Mit Quartier belegt, denn Kasernen mangelten, alle Untertanen, auf je zwei Familien kam ein Soldat, überall im Land lagen sie bei Bürgern und Bauern. Spionierer gingen herum, wer murrte, verdächtig war, wurde mit doppelter Last beladen. Hatten die vielmögenden Herren des Parlaments so rasch gekuscht vor des Herzogs Truppen, so wurde der gemeine Mann doppelt eingeschreckt von den Garnisonen, von den fremden, katholischen Offizieren und ihrer Brutalität.

Ringsum die Länder, die freien Städte blühten auf jetzt im Frieden; im Herzogtum sah der Friede schlimmer her als der Krieg. Denn hatte Karl Alexander draußen Geld nur für sein Militär gebraucht, so mußte er es jetzt haben für die Truppen und seine Hofhaltung, die üppiger glänzte von Tag zu Tag.

Süß, es war ein Wunder, es war Zauberei, schaffte das Geld. Als hätte er eine Wünschelrute, spürte er jeden versteckten Fleck, es an den Tag zu scharren. Während des Krieges hatte er die Schraube erst angesetzt, jetzt, langsam, mit unheimlicher Ruhe und Fertigkeit, drehte er zu. Niedergehalten von dem würgenden Druck der Soldaten, schrie nicht das gequetschte Land, stöhnte gequält, blutete veratmend seinen Saft aus, seufzte gedrosselt, verging. Auflagen, immer neue, Stempel auf alles, auf Schuhe selbst und Stiefel. Giftige Witze flogen auf: nächstens werden auch die Menschen gestempelt, auf die flache Hand gebrannt oder auf die Fußsohlen, zu vier Groschen das Paar.

Auch unter Eberhard Ludwig und der Gräveniz waren Aemter und Stellen verschachert worden. Süß raffinierte das System, setzte eine eigene Behörde dafür ein, das Gratialamt, jede freiwerdende Stelle kunstgerecht an den Meistbietenden zu versteigern, neue Aemter, Titel, zu solchem Behuf zu schaffen. Gekauft werden mußte jeder Posten, vom Expeditionsrat bis herunter zum Schultheiß und Dorfrichter, ja bis zum Badmeister und besoldeten Abdecker. Nicht alte Tradition, nicht noch so erwiesene Befähigung gaben den Landeskindern Anspruch auf ein Amt; wer kein Geld hatte, mochte zusehen, sich auf andere Art oder im Ausland fortzubringen. In Preußen machte der Stuttgarter Christoph Matthäus Heidegger rasche Karriere, in Württemberg hatte es ihm nichts genützt, daß seine Väter ein Jahrhundert hindurch Richter gewesen waren. Dem mittellosen Friedrich Christoph Koppenhöfer konnte selbst der warme Fürspruch Bilfingers nicht zu einer Professur in Tübingen verhelfen; in Sankt Petersburg, bei den Hyperboreern, mußte sich der ausgezeichnete schwäbische Physiker Ansehen und Würden erlehren. Dafür saßen jetzt aus allen Winkeln der Welt gewandte Geschäftsleute in den herzoglichen Aemtern. Wie sollte man Sachkunde finden, fördernde Verwaltung bei Beamten, die ihren Posten teuer bezahlt hatten, die keine andere Legitimation hatten als solche Zahlung, kein anderes Ziel kannten als wucherische Verzinsung des angelegten Kapitals.

Aber die ergiebigste kommerzielle Affäre, eine Quetsche, die nie versagen konnte, blieb die Justiz. Die Methode des Süß war von genialer Simplizität. Das Recht wurde nach den Prinzipien kaufmännischer Rentabilität verwaltet. Wer Geld hatte, konnte es kaufen und, was er wollte, mit Brief und Siegel legalisieren. Wer kein Geld hatte, dem nützte das bestverbriefte Recht nichts.

Sehr geschickt verwertete Süß jenes Reskript, mit dem Karl Alexander seine Regierung angetreten hatte. Die Grävenizschen Beamten waren darin vor Gericht gefordert, Landeskommissionen eingesetzt worden zur Bestrafung von Bestechung und Unterschleif; das Volk hatte diese Verordnung bejubelt, das erhabene Antlitz der Themis leuchte daraus, dichtete der Hofpoet. Süß machte mit wenigen meisterlichen Strichen aus diesem Antlitz ein anderes, wulstbackiges, frech blinzelndes: Gott Mammons. Ein Fiskalatsamt wurde eingesetzt zum Vollzug der herzoglichen Ordre. Spionierer reisten im Land herum, fanden sich freiwillig, spürten die reichen und vermöglichen Leute auf, die ohne Schutz standen, nicht versippt waren mit Herren am Hof oder vom Parlament. Dann hängte man ihnen einen Prozeß an, sie hätten ihr Vermögen unrechtmäßig erworben, schlug durch Drohungen, Erpressungen, falsche Zeugen auch den Redlichsten so lange weich, bis er, die Untersuchung los zu sein, die geforderte Summe zahlte. Selbst gegen längst Verstorbene wurden Prozesse instruiert, wenn sie nur Vermögen hinterlassen hatten.

Ueber die Grenzen hinaus Aufsehen erregte der Fall des Kammerrats und Hauptzollers Wolff. Dem eigenbrötlerischen, rechthaberischen Mann wurde grundlos der Prozeß gemacht. Der Expeditionsrat Hallwachs, eine Kreatur des Süß, schlug ihm einen Vergleich vor, Wolff bequemte sich nicht, bestand auf seinem Recht. Das Verfahren ging weiter, es wurde ihm seine Bissinger Mühle genommen. Als ihm die Pfändung seines Weinbergs angesagt wurde, sprang der sanguinische Mann dem herzoglichen Beamten, der ihm die Verfügung überbrachte, an die Gurgel. Jetzt wurde seinem Sohn der bereits erteilte Heiratskonsens wieder entzogen, der junge Mann zum Militär gepreßt. Der entschlossene, gereizte Mann beugte sich nicht, drang bis zum Herzog vor, hielt bei währendem Konferenzrat eine wilde Anklagerede gegen das Fiskalatsamt, wurde mühsam von den Schweizern entfernt. Karl Alexander, stark beeindruckt, forderte die Akten ein, ließ sich aber dann von dem Hofkanzler Scheffer beschwatzen, es sei alles in Ordnung und Fug, Wolff sei ein Radaubruder und Querulant. Nun wurde der Kriminalprozeß gegen ihn verschärft, Gefängnis gegen ihn verfügt. Er floh ins Ausland, verkam. Seine hinterlassenen Güter beschlagnahmte das Fiskalatsamt.

Sechseinhalb Tonnen Goldes quetschte innerhalb eines Jahres diese Justizbehörde in die herzoglichen Kassen. Einundeinviertel Tonnen davon berechneten die Kassiere des Süß als Spesen und Provision, über eine halbe Tonne außerdem behielt Süß zurück, sie verrechnend für gelieferte Preziosen.

In Stuttgart, trotzdem Süß noch immer kein offizielles Staatsamt innehatte, wußte man längst, daß nicht vom Schloß aus regiert wurde, auch nicht von der Residenz in Ludwigsburg, auch nicht vom Landschaftshaus. Alle diese verfluchten, kniffligen Reskripte, die so harmlos, ja wohltätig aussahen, und die einem hernach um den Hals hingen wie Mühlsteine, daß man keine Luft kriegte und schnappte, gingen aus von dem Haus an der Seegasse. Jetzt ballte man Fäuste vor diesem Haus, knurrte Verwünschungen, spie aus, ein Kühner klebte wohl einmal ein Pasquill an, aber alles nur nächtlich, heimlich, spähend nach allen Seiten. Denn der Jude hatte überall seine Leibhusaren und Spione, und wer sich gegen ihn verging, konnte unversehens auf dem Neuffen sitzen oder in den Kasematten von Hohenasperg, kreuzweis geschlossen und in ewiger Nacht.

Im Blauen Bock aber saßen politisierend, raunzend die Kleinbürger, unter ihnen der Konditor Benz. Er hütete sich wohl, sich ein zweites Mal das Maul zu verbrennen. Aber jetzt war es ja einfach, jetzt brauchte man nur zu sagen: „Ja, ja, unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“ und jeder ergänzte von selber: „Unterm jetzigen ein Jud.“ Und Murren hob sich und die Gesichter waren verzerrt von Gift und Ohnmacht, und der Konditor Benz saß und die Schweinsaugen glitzerten über den fetten, schwitzenden Backen.

Es ächzte das Land, wand sich unter dem würgenden Druck. Korn wuchs, Wein wuchs, Gewerbefleiß rührte sich, schuf. Der Herzog lag darauf mit seinem Hof und seinen Soldaten, das Land trug ihn. Zweihundert Städte, zwölfhundert Dörfer, sie seufzten, bluteten. Der Herzog sog an ihnen, sog durch den Juden. Und das Land trug ihn und den Juden.

In den Brüdergemeinden, Konventikeln, Bibelkollegien der Pietisten sammelten sich die Mühseligen und Beladenen. Sie krochen zu Gott wie getretene Hunde, leckten ihm die Füße. Ueberall im Herzogtum, trotz der scharfen Erlasse und Strafen, traten Erweckte und Erleuchtete auf. In Bietigheim pries der Prädikant Ludwig Bronnquell, ein Jünger Swedenborgs und der Beata Sturmin, der schon als Helfer in Groß-Bottwar wegen seiner Ideen über das Tausendjährige Reich und die Bekehrung der Juden einen Verweis vom Konsistorium bekommen hatte, den Süß als willkommene Geißel. Wenn man einen Hund den ganzen Tag schlage, predigte er, so gehe er durch und suche einen andern Herrn. Die gemeinen Leute seien solcher Hund. Der Herzog schlägt auf sie hinein, die Soldaten schlagen auf sie hinein, die Amtmänner, die Offiziere schlagen auf sie hinein, der vornehmste Stock aber sei der Jude Süß. Das stehen sie nicht aus, gehen also durch und suchen einen andern Herrn: Christum. Der Prädikant wurde zwar entlassen und irrte in dickem Elend in Deutschland herum. Aber seine Lehrmeinung blieb, und in ihren Versammlungen dankten die Pietisten Gott für den Juden, für die Peitsche, mit der er sie zu sich trieb.

Die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein war in Hirsau zurückgeblieben, als ihr Vater nach Stuttgart übersiedelte. Seitdem sie im Wald den Teufel gesehen hatte, konnte sie nicht mehr los von diesem Gesicht. Sie fühlte sich berufen, mit dem Teufel zu kämpfen, ihn zu Gott herüberzuziehen. Sehnsucht, aus Kitzel und Grauen gemischt, trieb sie immer wieder in den Wald, aber sie begegnete dem Teufel kein zweites Mal.

Seltsam war, daß sie von dieser Begegnung den Brüdern und Schwestern im Bibelkollegium nicht sprechen konnte. Selbst der Beata Sturmin, der Führerin, der Erweckten, der Blinden, Heiligen, hielt sie dieses Gesicht geheim. Es war ihr vorbehalten, ihre Aufgabe, ihr Beruf, mit dem Teufel zu kämpfen. Seine Augen wurden noch fressender, gewölbter, feuriger in ihrem Erinnern, sein Mund stand noch röter, lüsterner, gefährlicher in dem sehr weißen Gesicht. Luzifer war schön, dies war seine stärkste Kraft und Lockung. Ihn an der Hand zu nehmen, nicht loszulassen, zu Gott zu führen, das mußte ein Triumph sein, in dem man verging. Man mußte die Augen schließen, so wohlig war es, sich solchen Sieg auszumalen.

Die armen Brüder und Schwestern indes im Bibelkollegium sprachen von den kleinen Sendlingen des Beelzebub, von dem Herzog und dem Juden. Magdalen Sibylle hörte fast mitleidig zu. Ein Jud, ein katholischer Herzog, was waren das für winzige, harmlose Teufelchen gegen den wahren und wahrhaftigen Satan, den sie geschaut hatte, den sie zu bestehen haben wird.

Auch der Magister Jaakob Polykarp Schober hatte sein Geheimnis. Den Brüdern und Schwestern des Kollegiums sogar, die schlicht vor sich hinlebten und keine scharfen Beobachter waren, fiel der heilige Glanz auf, den das sanfte, etwas pausbäckige Gesicht des jungen Menschen aussonnte, wenn man die frommen Lieder vom Himmlischen Jerusalem sang. Er sah dann vor dem weißen Haus mit den Blumenterrassen das Mädchen im Zelt, sich dehnend und verträumt, nach fremder Sitte gekleidet, mattweißes Gesicht unter blauschwarzem Haar. Er war noch mehrmals schüchtern und in Herzensangst über den Zaun gedrungen, er hatte auch ein zweites Mal das Mädchen gesehen, aber das war an einem kahlen, widrigen Herbsttag gewesen, sie war dunkel gekleidet, und ihr Bild verfahlte vor jenem ersten, viel seltsameren, prall besonnten. Dann später einmal hatte ihn die Stuttgarter Brüdergemeinde veranlaßt, sich um die herzogliche Bibliothekarstelle zu bewerben, aber das war daran gescheitert, daß er das Geld nicht hatte, das von dem Gratialamt für die Stelle gefordert wurde. Und er war im Grund sehr froh darüber, denn so konnte er in Hirsau bleiben und um den Wald und das weiße Haus herumträumen.

Es stellte sich aber zwischen ihm und Magdalen Sibylle im Kollegium eine merkwürdige innigere Verbindung her. Die Brüder und Schwestern seufzten demütig und dankbar von den schweren, seligen Zeiten der Not und der Erweckung, von dem grauslichen Juden, den der Herr über das Herzogtum gesandt hatte, und der Magister sah das himmlische Mädchen und Magdalen Sibylle sah den Luzifer, und ihre Träume woben über alle und gingen durch ihre einfältigen Gesänge und verschlangen alle miteinander und erfüllten den kahlen, nüchternen, niederen Raum.

Die Schimmelstute Assjadah, zu deutsch Die Morgenländische, gewöhnte sich rasch an die milde schwäbische Luft; aber sie mochte die Schwaben nicht, ihre Hände nicht, ihr Enges, Muffiges, Unweites, Verquertes nicht. Sie war in Yemen geboren, mit einer Tributzahlung in die Ställe des Kalifen gekommen, von einem Untersäckelmeister an den Levantiner Daniele Foa verhandelt worden, der wieder hatte sie an seinen Geschäftsfreund, den Süß, verkauft. Süß pflegte das Tier sorglich, denn es war sein Eigentum, und er machte gute Figur darauf. Aber er liebte es nicht. Er wußte damals noch nicht, daß in allem Lebendigen etwas von ihm selber war, er ahnte es dumpf und unbehaglich, wenn Rabbi Gabriel zu ihm sprach, es rann ihm lieblich durchs Blut, wenn er bei Naemi war. Aber waren diese kurzen Stunden vorbei, versank es ihm, und er wußte es nicht.

Doch die Schimmelstute Assjadah wußte es. Sie kannte den Schritt ihres Herrn, seine Hand, seinen Schenkel, seinen Dunst. Sie dachte, während sie unter ihm leicht und ziervoll hinschritt: Er mag mich nicht. Aber er ist schön zu tragen. Man spürt ihn gar nicht. Er ist wie ein Stück von mir selber. Er hebt und senkt sich mit meinem Atem und meinen Muskeln. Wenn mich die anderen ansehen, ist mir eng, und ich gehöre nicht zu ihnen. Aber er ist ein Stück von mir. Sein Aug ist weit, und ich möchte rennen und fliegen, wenn er mich ansieht. Wenn seine Hand an meine Haut klopft, bin ich sicherer und voll Ruhe und Kraft. Ich gehöre zu ihm, und ich bin in meinem rechten Land, wenn ich bei ihm bin. Und sie reckte den Kopf hoch auf und sie wieherte hell und triumphierend den aufhorchenden Bürgern zu: Aufgepaßt! Er kommt! Er!

Denn Süß trug jetzt seine Macht offen und in aller Sonne vor sich her und zeigte kokett und prahlerisch seine Meisterschaft in den Künsten des Hofs und der Gesellschaft. Nur Eine von den Vergnügungen des Kavaliers haßte er: die modische Treibjagd. Es schien ihm unsäglich albern und widerwärtig, Tiere auf einen Haufen zu treiben und dann die wehrlosen, hin und her gescheuchten niederzuschießen. Sah er die hochgeschichteten Kadaver, so stieg ihm Uebelkeit den Magen hinauf, er konnte sich, so sehr er den groben Spott des Hofes scheute, nicht überwinden, von dem Aas der erlegten Tiere zu essen. Die Tötung der Ochsen, Kälber, Schafe, Schweine überließ man den Metzgern; es war ein ehrbarer, nützlicher Beruf, immerhin drängte man sich nicht des Pläsiers wegen dazu und hielt diejenigen, die ihn ausübten, nicht für Kavaliere. Der Jude begriff durchaus nicht, daß die Tötung eines Kalbes kleinbürgerliches Metier, die zusammengetriebener Rehe ritterliches Vergnügen war.

Sonst aber hielt er darauf, das Zentrum der höfischen Veranstaltungen zu sein. Kein Fremder von Stand kam nach Stuttgart, der nicht dem allmächtigen Günstling seine Aufwartung gemacht hätte. Er vermehrte seine Dienerschaft, daß seine Leibhusaren in ihrer weinroten Livree schier eine kleine Kompagnie bildeten. Die Minister und hohen Beamten hielt er in knechtischer Unterwürfigkeit. Sie fürchteten ihn fast mehr als den Herzog; pfiff er, so kamen sie in vollem Sprung daher. Beim leisesten Widerspruch drohte er mit Kreuzweisschließenlassen, Auspeitschen, Untermgalgenbegraben.

Süß wirbelte, und es wirbelte um ihn. Geschäfte, Politik, fürstliche Geselligkeit, Frauen. Er befahl zur Audienz, und keiner weigerte sich ihm. Er konnte, wollte er es, von einer Liebenswürdigkeit sein, vor der jede Schranke niederbrach.

Den Herzog hatte Süß durchaus in seiner Gewalt. Karl Alexander fühlte sich geheimnisvoll gebunden an diesen Mann, der als erster an seinen Aufstieg geglaubt und auf diese schwanke Basis so vertrauend sein ganzes Leben gestellt hatte. Der ihm wie durch Zauberei alle Hindernisse aus dem Weg schaffte, an denen er und seine Räte sich vergebens abzappelten. Voll ehrlicher Bewunderung, und ein ganz leises Grauen war ihr beigemischt, sah er, wie dieser Jude aus dem Nichts beibrachte, was man von ihm verlangte: Geld, Weiber, Soldaten. Und blind folgte er jedem Rat seines Finanzdirektors.

Süß hatte von frühester Jugend an ein grenzenloses Zutrauen zu sich selbst. Dennoch hatte er jetzt wohl auf Augenblicke ein gelähmtes, starres Staunen, welche Aufgabe er auf sich genommen und wie spielerisch er sie bewältigte. Wohl hatten auch bisher die großen Geldmänner seines Stammes gewaltige Entschlüsse zu fassen gehabt, die gefüllte Schale der Macht in den Händen getragen. Aber sie hatten sich im Schatten gehalten oder waren wie sein Bruder Christen geworden. Er stand, der Jude, vor ganz Europa einsam auf seinem gefährlichen Gipfel und lächelte und war elegant und selbstverständlich, und auch der späherischste Blick konnte ihm kein leises Zucken nachspotten.

Um sein Haus so fürstlich zu führen, um den Herzog ganz und immer in der Hand zu halten, brauchte er Geld, Geld in phantastischen Mengen und immer in Fluß und zu seiner Verfügung. Er hatte bei den Wiener Oppenheimers, den kaiserlichen Bankiers, seinen Verwandten, gelernt, mit großen Ziffern zu operieren. Doch jetzt lief die Administration des gesamten Herzogtums durch seine Hand, das Vermögen von zweihundert Städten und zwölfhundert Dörfern stand ihm für seine Transaktionen zur Verfügung. Bei seiner fieberhaften Betriebsamkeit warf er es dahin, dorthin, ließ es rollen in rasendem Umlauf. Er hatte Beziehungen zu allen Geldmännern Europas, durch seine zahllosen, zumeist jüdischen Hintermänner floß das schwäbische Geld die kompliziertesten Kanäle, pflanzte Plantagen in Niederländisch-Indien, kaufte Pferde in der Berberei, jagte Elefanten und schwarze Sklaven an der afrikanischen Küste. Sein Grundsatz war, sein erstrebtes Ziel, ein rasender, taumelnder Umsatz. Nicht großer Gewinn im einzelnen, aber riesiger Gewinn dadurch, daß man von allem ein winziges Bruchteil in der Hand behielt. So mühte er sich, seine Hand in allen Gelddingen Deutschlands zu haben, er kontrollierte Industrie und Kommerz in allen Ecken und Winkeln Europas und ein ansehnlicher Teil des gesamten deutschen Vermögens lief durch seine Kassen.

Seine privaten Einkünfte waren überreich. Wer am württembergischen Hof etwas erreichen wollte, bemühte sich um ihn mit Douceurs und Präsenten. Der Herzog, von Remchingen darauf aufmerksam gemacht, lachte: „Laß den Kujonen profitieren. Von jedem Profit, den er hat, profitier ich das Doppelte.“ Sein Handel mit edlen Pferden dehnte sich weit, vor allem aber wuchs sein Kommerz mit edlen Steinen. Von je hatte er Juwelen fanatisiert geliebt; doch bisher war ihm bei jeder größeren Affäre ein Portugiese in die Quer gekommen, ein gewisser Dom Bartelemi Pancorbo, ein langer, stiller, unheimlicher Mensch, der überall, wo wirklich edler Schmuck zu erlauern war, unversehens wie durch magische Mittel verständigt auf dem Platz war, mit seinem eingedrückten, entfleischten Totengesicht und immer in verschollener, schlecht sitzender, schlotternder portugiesischer Hoftracht. Am kurpfälzischen Hof hatte er hohe Titel und Würden inne, durch seine diplomatischen Beziehungen beherrschte er den Amsterdamer Markt und von da aus den ganzen deutschen Juwelenhandel. Jetzt nützte Süß seinen politischen Einfluß, den verhaßten Konkurrenten auszuschalten. Der Jude führte den Kampf wild und mit Leidenschaft; kalt, zäh, lauernd wich der andere, der hagere, unheimliche Portugiese, und nur Schritt um Schritt. Ganz tot zu machen war er nicht, sein Schatten fiel immer wieder über die Geschäfte des Süß, aber es war doch an dem, daß man die besten und seltensten Steine jetzt zuerst dem Juden anbot, und daß gewisse ganz erlesene Kostbarkeiten nur durch ihn zu erlangen waren.

War dies ein spielerischer Handel, der neben großen Gewinnen auch dicke Verluste brachte, so wußte Süß aus vielen anderen Quellen sich stetigen und sicheren Zufluß zu sichern. Er wußte es etwa einzurichten, daß in ständiger Wiederkehr, wenn die herzogliche Kasse größere Zahlungen zu leisten hatte, Besoldung der Beamten, der Truppen, kein Bargeld da war. Dann schoß er aus seinen Kassen das fehlende vor und behielt als Entgelt vom Gulden einen Groschen zurück. Bürger und Bauer sahen in dieser klar durchschaubaren Finanzoperation die Quelle ihres ganzen Unheils, und kein Mangel, keine Armut drückte so sehr wie dieser fehlende Judengroschen.

Auch die Münze hatte er gepachtet. Aber er verschmähte es, an mindergewichtigem Geld zu verdienen. Zu einem so plumpen und subalternen Manöver hatte er damals greifen müssen, als er noch ganz verkannt und gering war, beim Darmstädter Münzakkord, als ihm kein anderes Mittel übrigblieb. Jetzt war es großzügiger, an dem erhöhten Umsatz des guten Geldes zu profitieren. So war das Geld, das er prägte, das beste unter allen deutschen Scheidemünzen, das gangbarste und gesuchteste. Vor allem aber juckte es ihn, durch die Solidität seiner Münzgebarung seine Feinde mundtot zu machen. Er wußte, hier würden seine Gegner zuerst einsetzen, hier konnte er über den kleinsten Fehltritt stolpern; wurde er andererseits hier reell befunden, so mußte sein Kredit ungeheuer steigen. Gespannt wartete er auf eine Anklage, suchte sie zu beschleunigen. Der plumpe Remchingen, von anderen in solchen primitiven Finanzanschauungen bestärkt, konnte sich denn auch den zunehmenden Reichtum des Süß nicht anders erklären als mit der konventionellen Annahme, der Jude präge Schwindelgeld. Er hetzte den Herzog auf, bis der endlich eine Untersuchung anordnete. Und Süß, bescheiden-stolz lächelnd, wies die Briefe der Agenten vor, seine Stücke fielen zu schwer aus, es sei zu wenig Gewinn dabei, und sonnte sich in seiner Unantastbarkeit.

Er war beteiligt auch an vielerlei andern Akkorden und Pachtungen. Ueberall hatte er Warenniederlagen und Verkaufsstapel, und ein fürstliches Patent befreite ihn von Zoll und Akzise; auch zwangen die fürstlichen Beamten, Stadt- und Amtsvögte den Untertanen zu seinem privaten Nutzen Frondienste und Fronfuhren ab. Er ließ sich Lotterien privilegieren und kitzelte durch Glückshäfen und Spielkasinos das Geld aus allen Taschen.

So spannte er ein Netz von Unternehmungen, vielfältig verästelt, übers Land. Er dehnte sich und badete in der Macht. Aber manchmal war es ihm, als sei es nicht er, von dem der ganze glänzende Wirbel ausgehe. Dann hob er wohl die Schultern, überfrostet, wie in Abwehr. Jäh schnürte ihn eine unheimliche Gebundenheit. Die Dinge um ihn verfahlten; er sah sich schreiten in einer stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten ihre Pas, verneigten sich. Schritt da drüben in der Kette, durch viele Hände mit ihm verstrickt, nicht auch Isaak Landauer? Wie schaurig possierlich er aussah mit seinem Kaftan und den Schläfenlöckchen in dem ernsthaften, schweigenden, gezirkelten Schreiten, Neigen, Sichwinden.

Aber das trübe, nebelhafte Bild quälte ihn nur für kurze Augenblicke. Dann tauchte es hinunter vor dem Tag, der um ihn war, nebelte ins Nichts, zerweste. Und es blieb das Gold, das man wiegen und zählen, das Frauenfleisch, das man tasten, streicheln, packen, haben konnte. Es war da und blieb. Glanz, Macht, Wirbel, Leben.

In Urach war eine Leinwandkompanie, die der Familie Schertlin gehörte. Die Schertlin hatten unter Herzog Eberhard Ludwig klein angefangen, jetzt waren sie weit im Land verzweigt. Ihr Geschäft blühte, sie hatten eine Niederlassung in Maulbronn, betrieben in Stuttgart eine Seidenmanufaktur. Kräftig, glücklich und geschickt hatte seinerzeit, als die Fabrik noch klein und unbedeutend war, der Seniorchef der Familie, Christoph Adam Schertlin, ihre Umwandlung in eine Aktiengesellschaft durchgesetzt und der Gräfin Gräveniz Anteilscheine weit unterm Wert überlassen. Auf diese simple Manier war die mächtige Favoritin für das Unternehmen interessiert worden, sie verschaffte der Gesellschaft Privilegien und Aufträge. Dann später, als die Gräfin in Ungnade war und ihr in Württemberg liegendes Vermögen liquidieren mußte, konnte Christoph Adam Schertlin ihre Aktien durch gewisse Unterhandlungen mit Isaak Landauer billig zurückerwerben. Jetzt hatte er sich vom Kommerz zurückgezogen, das herzogliche Gebiet verlassen, in der freien Reichsstadt Eßlingen ein Patrizierhaus gekauft und neu eingerichtet. Dort saß er nun, stattlich, reich, Ratsherr, hoch angesehen.

Die Geschäfte der Stuttgarter, Uracher, Maulbronner Manufaktur leitete jetzt Johann Ulrich Schertlin, ein fester, kundiger, zupackender Mann, mit der erste unter den schwäbischen Industriellen. Er hatte sich eine Französin zur Frau genommen, aus der Emigrantenkolonie Pinache im Oberamt Maulbronn, die zu Ende des vorigen Jahrhunderts die vertriebenen Waldenser angelegt hatten, eine schöne, fremdartige Frau, kurzer, roter Mund in weißem Gesicht, hochmütige, längliche Augen unter rötlichblondem, leuchtendem Haar. Freunde, Verwandte konnten mit ihr nichts Rechtes anfangen. Sie war ein Staatsweib, das war nicht zu leugnen, aber sie war verdammt stolz, sie antwortete karg und kurz, meist schwieg sie gelangweilt, auch sprach sie, obwohl in Deutschland geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur stockend. Aber Johann Ulrich Schertlin konnte sich das leisten, er saß dick in Geld und Würden, er hatte ein Haus in Stuttgart, eines in Urach, abgesehen von den Manufakturen. Er stellte, Teufel noch eins, seinem Hauswesen vor, wen er für gut hielt. Und er wandelte stattlich hin mit der Frau, die er liebte, und sein Haus und Tagewerk gedieh.

Nun hatte aber Süß einen Geschäftsfreund, einen gewissen Daniele Foa in Venedig, der ihm aus der Levante Kapital, Pferde, Juwelen, Stoffe und Wein vermittelte. Auch die Schimmelstute Assjadah hatte er beigebracht. Diesen Daniele Foa kannte Süß schon von der Pfalz her, wo ihm seine Unterstützung in dem Kampf gegen Dom Bartelemi Pancorbo sehr wertvoll gewesen war. Der Levantiner, ein großzügiger, gerissener Geschäftsmann, hatte den Rhein hinauf, hinunter einen ausgedehnten Handel mit Textilien in Gang gesetzt und benützte den Einfluß des Süß, jetzt ins Schwäbische hinüberzugreifen. Er erhielt Freiheiten und Gerechtsame, stieß aber hart auf die Konkurrenz der Schertlinschen Manufakturen, die überall in diesen Gegenden ausgezeichnet eingeführt waren. Süß, der dem Levantiner gern gefällig sein wollte, machte sich mit gewohnter, kalter Umsicht daran, diese Konkurrenz rücksichtslos niederzutreten. Die Fabriken der Schertlin wurden schikaniert, ihre Privilegien ins Wertlose kommentiert, ihre Verträge mit dem Kammergut gekündigt, Akzise und Steuern so erhöht, daß sie nicht weiter konkurrieren konnten. Dagegen errichtete der Finanzdirektor als Strohmann des Daniele Foa auf eigenen Namen eine Manufaktur, und die Zollbehörden wagten es nicht, dem Allmächtigen die Gebühren in der gewaltigen vorgeschriebenen Höhe zu berechnen, es wurden von seinen Sendungen nur ganz geringe oder gar keine Abgaben erhoben.

Auch die Schertlin persönlich begann man zu bedrängen. Einem hängte unter nichtigem Vorwand das Fiskalatsamt einen Prozeß an, aus dem er sich nicht herauswinden konnte, zwei jüngere Schertlin wurden, trotzdem sie hohen Loskauf boten, zur Armee eingezogen. An den alten Christoph Adam freilich, der in dem freien Eßlingen saß, konnte man nicht heran, und auch an Johann Ulrich wagte man sich vorläufig noch nicht. Aber die Hand des Juden lag schwerer auf dieser Familie als auf den anderen, und Johann Ulrich würgte an dem Kummer über den Niedergang seines Geschäfts, an der Schmach, zwei junge Schertlin zur Armee gepreßt zu sehen, an dem Gram, seine schöne Frau nicht in den fürstlichen Glanz setzen zu können, den er für sie träumte.

Da bekam endlich Süß eine Schlinge in die Hand, den Johann Ulrich zu fangen. Der eine junge Schertlin, der Soldat, hatte Urlaub erhalten nach Eßlingen zu seinem Großvater und kam von dort nicht zurück. Verhandlungen zwischen dem Herzog und der Stadt über die Auslieferung von Deserteuren schwebten, waren aber noch nicht abgeschlossen. Auf Betreiben des alten Ratsherrn weigerte sich die Stadt, den jungen Menschen herauszugeben. Da fingen die Leibhusaren des Süß einen Brief Johann Ulrichs auf, in dem er den Alten bestärkte in der Ablehnung, den Deserteur den herzoglichen Kommissarien zu überlassen. Dies war Kriegsverbrechen, Hochverrat.

Süß, alle Trümpfe in der Hand, ging langsam, sänftlich vor. Zunächst wurde Johann Ulrich aufgefordert, sich herzoglichen Kriegs-Inquisitoren zu stellen. Da der stolze Mann knirschend fernblieb, wurde er aufgehoben, auf den Hohentwiel gebracht. Man munkelte, ein Militärgericht werde ihn aburteilen, lebenslänglich Kugeln zu schleifen.

In dem verödeten Haus saß blaß die Französin. Das neugierige Mitleid der Verwandten und Befreundeten hörte sie schweigend, die kurzen, roten Lippen fest verkniffen. Als man es müde ward, die Hochmütige zu trösten, die einem ja doch nicht den Gefallen tat, zu jammern, und sie allein ließ, erschien bei ihr der Rat Bühler vom Fiskalatsamt, ein weitläufig Verschwägerter der Schertlin. Die hatten als vor einer Süßischen Kreatur immer vor ihm ausgespuckt. Jetzt kam er wichtig, fraß seine Genugtuung, spielte den Großmäuligen, protzig Mitleidigen, fand die Waldenserin in ihrem starren, hochmütigen Kummer sehr apart, riet ihr, sie solle den Süß aufsuchen. Der werde verleumdet, er sei im Geschäft hart auf hart, das sei natürlich, aber rachsüchtig sei er nicht.

Ob die Waldenserin ihren Mann liebte, wußte niemand, und sie selbst nicht. Aber wie sein Prozeß immer näher kam, ging sie zu Süß.

Sie war aus gutem Haus, in ihrer Familie lebte die Tradition französischen Hoflebens, Glanz und herrenhaftes Gehabe. Sie sah die Säle des Juden, die weinroten Lakaien, die Pagen. Die Teppiche, Statuen, Chinoiserien. Das war anders als die solide Behäbigkeit der Schertlin. Das war die Fülle, der Ueberfluß, jenes Ueberflüssige, das das Leben aus einem Gezwungenen, zu Tragenden zu etwas Leichtem, Herrlichem, Liebens- und Sehnenswertem machte. Süß war guten Humors und die Frau gefiel ihm. Er traktierte sie ganz als große Dame, sprach, da er sah, es war ihr lieber, nur Französisch, streichelte sie mit mondänen Komplimenten, redete mit keinem Wort von ihrer Bedrängnis. Das war ihre Luft; wäre sie nicht als Supplikantin gekommen, sie wäre ihm wie von selbst zugefallen. So aber, wie er plötzlich mit zynischer Galanterie eine Brücke schlug von ihrem Anliegen zu seiner Begierde, stand sie eine kleine Weile reglos, totenhaft fahl. Dann warf sie ihm ins Gesicht, sie schäme sich, daß sie nicht eh bedacht habe, sie habe mit einem Juden zu tun. Worauf er sich glatt und ohne eine Miene zu ändern, lächelnd und tief verneigte: „Dann also nicht!“ sie höflich zur Tür geleitete und ihr Abschied nehmend die Hand küßte.

Er entließ Johann Ulrich aus seiner Haft, begnügte sich, die Affäre durch das Fiskalatsamt regeln zu lassen. Johann Ulrich kam mit einer Geldbuße davon, die allerdings so hoch war, daß sein Handel daran für immer erlahmen mußte.

In der Waldenserin brannte die Begegnung mit Süß weiter. Bisher hatte sie nicht gewußt, ob sie ihren Mann liebte oder nicht. Jetzt wußte sie, daß sie ihn verachtete. Er hatte die Pflicht zum Erfolg. Er war sie nicht wert, wenn er keinen Erfolg hatte. Sie verachtete ihn, weil er nicht Glanz und Ueberfluß und weinrote Lakaien und Chinoiserien vor sie hinbreiten konnte wie jener, weil er sich von jenem hatte besiegen lassen, weil sie seinethalb so kläglich vor jenem gestanden war. Sie verachtete ihn, weil sie seinethalb die Galanterie des Süß zurückgewiesen hatte. Der war Welt, zu dem gehörte sie, Johann Ulrich war Bürgerpöbel. Sie sprach von alledem zu Johann Ulrich kein Wort, nicht einmal von ihrem Besuch bei dem Juden. Er tobte gegen den Süß, schrie, vermaß sich blutrünstigster Heimzahlung. Aber es war hohles Gepolter. Sie sah ihn aus ihren länglichen Augen mit kalter, hochmütiger Gleichgültigkeit an, und er wußte so gut wie sie, daß er zerknickt und ohne Kraft war und nie etwas tun werde.

Er verkam mehr und mehr. Die Manufaktur in Urach wurde versteigert, versteigert die Filialen in Stuttgart und Maulbronn. Der Levantiner erwarb sie. Man bot, Hohn und Almosen, ihm eine Verwalterstelle in seinen früheren Fabriken. Vielleicht hätte er akzeptiert, hätte nicht die Frau, den Süß hinter dem Angebot witternd, scharf und kurz abgelehnt. Auch die anderen Schertlin gerieten mit in den Sturz. Verkauft die Häuser in Urach und Stuttgart, verkauft die Weinberge und Felder. Nur der alte Christoph Adam hielt sich, in Eßlingen. Er trug den großen, verwitternden Kopf noch höher, stieß noch heftiger mit dem Rohrstock gegen den Boden, den goldenen Knopf fest umschließend mit dürrer, doch nicht zitternder Hand.

Johann Ulrich wie viele andere, die bei währendem Regiment des Süß von Haus und Geld gekommen waren, traf Vorbereitungen, sich einem Auswandererzug anzuschließen, der nach Pennsylvanien wollte. Die Waldenserin widersetzte sich. Es gab einen kurzen, wilden Kampf. Er schlug sie, aber er blieb im Land. Er machte einen Kramladen auf in Urach. Verlotterte mehr und mehr, saß in den Kneipen, besoff sich, fluchte gotteslästerlich gegen den Herzog und die höllische hebräische Wirtschaft. Aber während man sonst jede solche Unmutsäußerung schwer strafte, ließ man ihn ruhig gewähren. Auch sein Kramladen wurde vom Amt in jeder Weise unterstützt. Die Behörden mußten von einflußreicher Stelle einen Wink bekommen haben.

Die Waldenserin ging herum, in ihrem ärmlichen Kleid so stolz wie früher. Hochmütige Blicke warf sie mit den länglichen Augen. Wollte eine Kundschaft sich in einen breiteren Diskurs einlassen, antwortete sie karg und kurz. Meist schwieg sie gelangweilt. Auch sprach sie, obwohl in Deutschland geboren, fast immer welsch und die Landessprache nur stockend.

Durch die prunkenden Säle des Süß schleifte Isaak Landauer seinen Kaftan, aufdringlich am Aermel trug er das württembergische Judenzeichen, das niemand von ihm verlangte, das S mit dem Horn. Die glänzenden Spiegel warfen zwischen Lapislazuli und Gold sein Bild zurück, den klugen, fleischlosen Kopf mit den Schläfenlöckchen, dem schütteren, rotblond verfärbten Bart. Der Finanzdirektor zeigte ihm sein Haus. Der Mann im Kaftan stand vor den Vasen, Gobelins, klingelnden Pagoden, sah mit aufreizend spöttischem Lächeln hinauf zu dem Triumph des Merkur, klopfte mit der dürren, kalten Hand die Schimmelstute Assjadah, schritt durch die beiden Pagen, die Söhne des Domänenpräsidenten Lamprechts, die in Haltung am Eingang zu den Privatgemächern standen. Prüfte mit den Fingern die kostbaren Stoffe der Möbel, nannte mit stupender Sachkenntnis die Preise. Stand kopfschüttelnd vor den Büsten des Moses, Homer, Salomo, Aristoteles, äußerte: „So hat Moses, unser Lehrer, sein Tage nicht ausgesehen.“ Aber aus dem Bauer krächzte der Papagei Akiba: „Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“

Süß hatte Isaak Landauer lang erwartet. Er hatte für diesen Besuch sein Palais sorglicher vorbereitet als für den Besuch manches Fürsten. Er lauerte auf eine Bewegung der Ueberraschung, staunenden Anerkennens; dem Mann im Kaftan, gerade dem zu imponieren, verspürte er eine aufreizende, quälende Gier. Aber Isaak Landauer wiegte nur den Kopf, rieb die fröstelnden Hände, lächelte, sagte: „Wozu, Reb Josef Süß?“

Durch das Kabinett ging neugierig die Sophie Fischerin, die Tochter des Kammerfiskals Fischer, die der Finanzdirektor seit zwei Wochen als seine erklärte Mätresse im Haus hielt, ein großes, stattliches Mädchen, weiß, üppig, rotblond, sehr schön, leicht ordinär. Als Süß sie wegen der Störung anfuhr, warf sie einen lässigen Vorwand hin, beschaute, die Lippen geschürzt, den Isaak Landauer, entfernte sich.

„Wozu, Reb Josef Süß?“ wiederholte Isaak Landauer. „Wozu gleich dreißig Diener? Könnt Ihr besser essen, besser schlafen, wenn Ihr habt dreißig Diener statt drei? Ich begreife, daß Ihr Euch die Schickse haltet, ich begreife, daß Ihr ein schönes Zimmer zum Essen wollt, ein gutes, breites Bett. Aber wozu den Papagei? Was braucht ein Jud einen Papagei?“

Süß schwieg, bis unters Haar erfüllt von zehrendem Aerger. Dies war nicht Einfältigkeit, dies war Hohn, klarer, offensichtlicher Hohn. Was kein Minister sich erkühnte, der Mensch im Kaftan tat es mit der schlichtesten Selbstverständlichkeit: machte sich ihm ins Gesicht hinein lustig über ihn. Und er war machtlos gegen ihn, er brauchte ihn, er konnte nur schweigen. Sicherlich wird er auch wieder von den altmodischen Geschichten anfangen, die für die Gegenwart ganz ohne Sinn und Bezug sind, dem Ravensburger Kindermordprozeß und solcher Narretei. Und er, Süß, mußte das alles anhören. Es war unmöglich, Geschäfte zu machen ohne Isaak Landauer. Ach wenn man diesen kompromittierenden Burschen beiseite drängen könnte! Aber man mußte froh sein, wenn er einen an sich heran ließ. Es gab vorläufig keinen Weg um ihn herum.

Man sprach von den Affären, die zu erledigen waren, belauerte sich, schacherte scharf. Eigentlich war Süß überall der Gebende; aber er mußte viel mehr sprechen als der andere und kam sich trotz allen Großgetues wie in der Verteidigung vor. Im Blick Isaak Landauers hielt keine noch so kunstvoll gepinselte Tünche stand, er drang sofort dahinter, alles Scheinwesen zerfiel vor ihm; mit kopfwackelndem Unglauben räumte er das schimmernde Beiwerk weg und nahm in seine fröstelnden Hände das Herz der Süßischen Dinge, die Ziffer. Je größer Süß sich spreizte, so leidiger füllte ihn Aerger und Unbehagen. Er gestand es sich nicht ein, aber der andere hatte ihn am Seil, der Mann im Kaftan ließ ihn tanzen.

Die Geschäfte beendet und signiert, kam Isaak Landauer diesmal nicht auf den Ravensburger Kindermord zu sprechen, sondern auf eine andere jüdische Historie aus den württembergischen Läuften. Das war die Sache mit dem großen Judenkünstler Abraham Calorno aus Italien – es mochte jetzt gut ein Jahrhundert her sein, unter Herzog Friedrich I. – und seinem Generalkonsul Maggino Gabrieli. Der Herzog hatte diese welschen Juden mit großen Versprechungen ins Land gezogen. Er war von dem aimablen Wesen, der Gelehrsamkeit, dem finanztechnischen Geschick des großen Judenkünstlers wie verhext, er hatte grenzenloses Zutrauen zu ihm, wies alle Beschwerden der Pfaffen und der Landschaft barsch und ungnädig zurück, ja, er verbannte der Juden wegen den Oberpfaffen Osiander aus dem Herzogtum, und Abraham Calorno und die Seinen saßen groß und prächtig in Stuttgart. Aber schließlich endete die Geschichte doch mit Graus und Schrecken, etliche wurden martervoll hingerichtet, der Rest nackt und bloß aus dem Land gejagt, Juden auf lange Zeit nicht mehr ins Herzogtum gelassen. „Nagende Würmer haben sie uns geschimpft,“ sagte Isaak Landauer. „Nun ja, nagen sie selber etwa nicht? Was lebt, nagt. Einer nagt am andern. Jetzt seid Ihr dran, Reb Josef Süß. Nagt, nagt, solang sie Euch dalassen!“ Und er lachte sein kleines, gurgelndes Lachen.

Als der Mann im Kaftan den unmutig zuhörenden Finanzdirektor endlich verließ, schritt er im Vorzimmer durch das spöttische und grimmige Getuschel Wartender. Unter der Tür begegnete er neuen Besuchern: dem Präsidenten des Kirchenrats, Weißensee, und seiner Tochter. Magdalen Sibylle, wie sie Isaak Landauer sah, hielt ihn für den Süß. So hatte sie sich, schmuddelig und mit Kaftan und Schläfenlöckchen, nach gelegentlichen Judenbildern den kleinen, widerlichen Sendling Beelzebubs ausgemalt.

Dem Prälaten Weißensee hatte Süß, wie er als Präsident des Kirchenrats ihm einen Dankbesuch machte, beiläufig und sehr höflich gesagt, er habe gehört, der Herr Präsident habe eine so aimable Demoiselle Tochter. Es sei nicht wünschenswert, daß der Flor der schwäbischen Damen fern von der Residenz blühe; Ludwigsburg und Stuttgart seien nicht reich genug, daß sie eine Dame der Art entbehren könnten, wie man ihm die Demoiselle Weißenseein schildere. Weißensee schnupperte verbindlich, freute sich an dem ehrenvollen Interesse Seiner Exzellenz. Es war ihm dann leichter gelungen, als er erwartet hatte, seine Tochter zu vermögen, daß sie mit ihm nach Stuttgart gehe, dem Süß aufzuwarten. Sie vermutete in der Aufforderung des Vaters Berufung und Schickung. Wo sonst sollte sie ihre Sendung erfüllen, wo eher dem Teufel wieder begegnen können als bei seinen kleinen Sendlingen, bei dem Herzog und dem Juden? So fuhr sie mit ihrem Vater in die Residenz, wach und in Bereitschaft.

Als sie erfuhr, daß Isaak Landauer nicht der Jude sei, spürte sie leise Enttäuschung und saß in stärker gespannter Erwartung. Sie wurden vor den andern vorgelassen. An dem Lakaien in Haltung vorbei schritt sie vor dem Vater in das Kabinett, sah den Süß, erkannte, daß er der Teufel war, schwankte, sank um. Die Sinne zurück, hatte sie eine dunkle, samtene Stimme im Ohr: „Ich bin desolat, daß der Demoiselle Tochter der Akzident zustößt just wie sie das erstemal meine Schwelle passiert.“ Ihr Vater erwiderte etwas. Ein Riechfläschchen wurde ihr unter die Nase gehalten. Jetzt nicht die Augen aufmachen, jetzt nicht gezwungen sein, ihn zu sprechen, ihm ins Aug zu schauen. Wie sie endlich wohl oder übel lebendig werden mußte, sah sie Beelzebubs Augen, die fliegenden, heißen, gewölbten, um ihre Brust, ihre Hüften gleiten, und sie schämte sich wild und gekitzelt.

Süß hatte das Mädchen in ihrer Schlaffheit auf und ab gesehen, er sah, daß sie schön war, ungebraucht, voll Saft. Ihre Ohnmacht, der ungeheure Eindruck, der offensichtlich von ihm zu ihr ging, war ihm nach der ungemütlichen Unterhaltung mit Isaak Landauer Labsal und große Bestätigung. Wie sie lag und atmete! Wie bräunlichblaß und männlich kühn das Gesicht geschnitten war, wie erregend der Schwung der starken Brauen. Während Lakaien nach Essenzen liefen, nach einem Arzt, überlegte er, ob er es wagen solle, ihr das Mieder zu öffnen. Mit Weißensee, dem alten, servilen Höfling, brauchte man nicht viel Umstände zu machen.

Aber da schlug sie die Augen auf, starkblau in seltsamem Widerspiel zu dem dunklen Haar. Er richtete sie vollends hoch, glitt mit Blick und Tonfall und sanfter Berührung streichelnd, ergeben, galant, demütig um sie herum, brauchte alle geölte Kunst seiner langen Uebung. Ueber das holperichte Gestammel des Mädchens, das die verwirrten Augen aus dem bräunlich fahlen Gesicht drohend halb, halb gezogen auf ihn hielt, breitete er seine gewandte Konversation. Stellte Sänfte, Wagen, Arzt zur Verfügung. Hielt den sich verabschiedenden Präsidenten mit keinem Wort zurück. Geleitete selbst durch die ehrfurchtsvoll grüßende Antichambre Magdalen Sibylle stützend vors Haus an den Wagen. Während sie die Eingangshalle durchschritten, kreuzte sie die Sophie Fischerin. Faul schleifte das blonde, üppige Geschöpf durch den Raum, äugte neugierig, schief, gehässig nach Magdalen Sibylle.

Vor dem Haus in der Seegasse gaffendes Volk. Nacht, trübes Gemisch von Regen und Schnee, Windstöße, die Kleider unbehaglich um die Glieder peitschend. Die Leute stehen gepreßt, harren aus, schauen zu, wie die Karossen vorfahren, leuchtend, lärmend durch die Nacht, zur Redoute des Süß.

Pechpfannen flackern am Eingang. Alle Fenster strahlend. Weit auf das Tor, weinrot ragend der Huissier mit seinem Stab, drei Lakaien zum Oeffnen der Wagentüren.

In rascher Folge die Kutschen. Es ist keiner der öffentlichen Bälle, an denen Süß verdienen will, wo er durch Listen kontrollieren läßt, wer von Hof, Beamtenschaft, Volk fehlt. Hat er durch seine öffentlichen Feste der Haupt- und Residenzstadt Stuttgart einen rauschenderen Karneval aufgezwungen als je zuvor, sie genötigt, bei diesen Redouten auf einen Sitz für seine Tasche mehr Geld zu verbrauchen und zu verbrausen als sonst in Wochen, so sollte dieser intime Maskenball lediglich der privaten Schaustellung seiner Größe und seines Glanzes dienen. Nur die ersten Herren, nur die schönsten Damen aus der Umgebung des Herzogs waren zu diesem Fest geladen.

Hinter den Leibhusaren des Süß, hinter den städtischen Bütteln reckt sich das Volk die Hälse aus, unter den Mänteln der Aussteigenden etwas von den Kostümen der Gäste zu erspähen. Anlangen die Minister, die Generäle, der Hof. Sehr hager und die Hakennase doppelt mächtig über der spanischen Halskrause seines Grandenmantels der Geheimrat Schütz. Aber Remchingen, hochrot und massig, schwitzt schon in der Kutsche im dicken, pelzigen Rock seines Bojarenmantels. Seine Laune wird noch knurriger, wie er im Tor mit Herrn von Riolles zusammentrifft, einem jener vagierenden Kavaliere, die, an allen Höfen zu Haus, den Klatsch der internationalen Hocharistokratie durch Europa tragen, Verwalter und Makler des mondänen Rufs der großen Gesellschaft. Ein paar Weiber pruschen heraus, selbst die Polizeisoldaten müssen grinsen, wie sie den mageren, kleinen, zappeligen Herrn sehen, der einen Chinesen darstellt, doch ohne auf die Allongeperücke zu verzichten. Er sieht auch gar zu possierlich aus, wie er zwerghaft, mit dem lasterhaften, vergreisten Knabengesicht neben dem wuchtigen Remchingen einhertrippelt. Der General klirrt massig und imposant neben dem kleinen, geckigen Welschen; aber er weiß, die Herzogin wird, sei es aus Lust an Abwechslung, sei es um ihn wütig zu machen, heute wie immer in den letzten Tagen den albern schwatzenden Franzosen ihm vorziehen.

Zu Fuß drängt sich der Landschaftskonsulent Neuffer durch das Volk, undefinierbar von Tracht, düster und scharlachfarben; Gemurr und Schimpfworte folgen ihm; er ist neben Weißensee der einzige Parlamentarier, der geladen ist. Ihn überholt die vornehme, sorglich alles Auffällige meidende Karosse des alten Fürsten Thurn und Taxis. Der Fürst ist gestern zu Besuch aus Regensburg eingetroffen; sein magerer, eleganter Windhundschädel hebt sich aus dem weinroten Kostüm eines genuesischen Nobile, er freut sich darauf, diese Tracht, in der er besonders schlank erscheint, zum erstenmal vorzuführen. Aber er hat offenbar Pech mit diesem verdammten Juden. Hat damals in dem Schlößchen Monbijou der blaßgelbe Salon seinen blaßgelben Rock geschlagen, so hat jetzt diese hebräische Bestie ihre ganzen Domestiken in Weinrot gesteckt, so daß man ihn, den Fürsten, für einen Lakaien halten muß, daß jedenfalls sein weinrotes Kostüm um allen Effekt gebracht ist. Doch neben dem verärgerten Fürsten watschelt klein, dick und unscheinbar der Geheimrat Fichtel, mit Briefen des Würzburger Bischofs auf zwei Tage in Stuttgart; er steckt kugelig in Pumphosen und türkischem Rock, vergnügt unter dem Fez schaut sein schlauer Kopf, jovial winkt er mit der kleinen, fleischigen Hand dem über die Katholiken raunenden Volk zu.

Eine wackelige, dunkle Kutsche fuhr vor, ein einziger Diener hintenauf in einer ganz alten, ausgestorbenen Tracht; ein langer Herr stieg heraus, merkwürdig lautlos, blaurotes, entfleischtes Gesicht, glitt durch verstummendes Volk ins Portal, der kurpfälzische Geheimrat Dom Bartelemi Pancorbo; der Herzog selbst hatte den widerwilligen Süß veranlaßt, den jetzt auf lange in Stuttgart weilenden Juwelenhändler einzuladen. Dom Bartelemi Pancorbo erschien wie stets, den eingedrückten Totenkopf herausgereckt aus schlotternder, schlecht sitzender, verschollener Hoftracht, er brauchte weiter kein Kostüm.

Pünktlich zur festgesetzten Stunde fuhr die herzogliche Karosse vor. Karl Alexander entstieg ihr, heute nur leicht hinkend, als antiker Held mächtig und imposant: Marie Auguste aber, die Taille dünnstielig aus dem üppigen pfauenblauen Reifrock herauswachsend, den Eidechsenkopf zierlich züngelnd, war die Göttin Minerva. Sie trug eine Perücke diesmal, einen artigen Goldhelm darauf, um die Brust schmiegte sich die Andeutung einer feinen, goldenen Rüstung; ein Page trug ihr den Schild nach, ein anderer die Eule.

Schon wollten die Fanfaren einsetzen, das herzogliche Paar zu begrüßen, schon erschien Süß an der Türe des Empfangssaals, schon rangierte man sich im Saal, als der Herzog im Vestibül verzog. Er hatte an Seite seines Kirchenratspräsidenten ein Mädchen gesehen, groß und schön von Wuchs, im Gewand einer Florentiner Gärtnerin; wie sie, den Mantel abnehmend, sich den riesigen, bebänderten Strohhut zurechtsetzend, auf einen Augenblick die Maske abnahm, sah er männlich kühne, bräunliche Wangen, starkblaue Augen in seltsamem Widerspiel zu dunkeln, dichten Brauen. Er fühlte sich gepackt wie seit Jahren nicht mehr beim Anblick einer Frau, die Beine wurden ihm schwach, ein hohles Gefühl kroch ihm den Magen herauf. Die Herzogin, leicht lächelnd, schickte die flinken Augen von Karl Alexander zu dem Mädchen, das die Larve sogleich wieder vorgenommen hatte. „Ich denke, Euer Liebden, wir sollten hineingehen,“ sagte sie. Da kam auch schon Süß, schlank und elegant in sarazenischem Kostüm, sie einzuholen. „Wer ist die Dame?“ fragte Karl Alexander. „Die Demoiselle Tochter des Weißensee, supponier ich,“ antwortete der Jude, „die Demoiselle Magdalen Sibylle Weißenseein.“ Dann betraten die Herrschaften den Saal, tief in die Knie sanken, sich neigend, die Gäste, Fanfaren klangen.

Da die Herzogin Komödie sehr liebte, begann Süß den Abend mit der Aufführung einer kleinen italienischen Oper „Der Wüstling wider Willen“. Die neue Sängerin trat bei diesem Anlaß zum erstenmal auf, Graziella Vitali, eine Napolitanerin, ein kleines, lebendiges Ding, leicht fett, gelbes, hübsches, etwas derbes Gesicht mit zappelnden Augen. Süß hatte sich von ihrer Wirkung auf den Herzog viel versprochen, so was war sonst Karl Alexanders Schlag und Pläsier. Daraufhin hatte Süß auch der Sängerin große Aussichten gemacht, und als sie nach der Komödie dem Herzog präsentiert wurde, strich sie höchst beflissen um ihn herum, bot sich vor aller Augen mit Gesten, Blicken ihm an, nur darauf wartend, daß er sich mit ihr in ein verschlossenes Kabinett zurückziehe. Aber Karl Alexander hatte nur zerstreutes, beiläufiges Interesse für sie, er sagte was wie: Auf später, auf später! Es war offensichtlich, daß ihm für heute eine andere im Sinn lag. Die Napolitanerin hatte alle Mühe, ihre strahlende, beflissene Maske zu wahren, und als sie dann den Süß allein zu sprechen kriegte, sprang sie ihm fast ins Gesicht.

Magdalen Sibylle hat auch während der Komödie die Maske kaum abgenommen. Hinter ihr, unter dem großen Strohhut, versteckt sie das nervöse, zuckende Gesicht. Sie hat sich gern zwingen lassen, mit dem Vater hierherzukommen; aber jetzt versagt sie. Sie hat die Kraft nicht, den Teufel zu bestehen. Wäre sie nie in diesen Saal gegangen. Sie ist ganz zerrissen und zerstört von der Aufgabe. Wäre sie in Hirsau geblieben. Wäre sie dem Teufel nicht begegnet. Jetzt nagt und kaut sie an dem Bissen und kann ihn nicht hinunterschlucken und ist krank daran. Es war Eitelkeit und Vermessenheit, den Teufel mit ihren armen Händen zu Gott hinüberzuziehen. Seit sie erkannt hat, daß der Jud der Teufel ist, hat sie eine nagende Ratte in der Brust. Wie hat sie zu Gott geschrien. Aber Gott schwieg. Die Bücher der Demut, Erkenntnis, Versenkung sind Papier. Sie starrt in die Luft, sie will in Gott untertauchen; aber die Luft bleibt leer, kein Gesicht erscheint, es trägt sie nicht, alles ist schlaff und kahl und dumm und tot. Im Swedenborg stehen Worte und sie klingen nicht und sie packen sie nicht, sie läuft zur Beata Sturmin, der Heiligen, Blinden, aber sie kann ihr nichts mehr sagen, die Heilige ist ein armes, krankes, altjüngferliches Geschöpf, kahle, säuerliche Luft ist um sie her.

Sie hat den Juden seit damals nicht wieder gesehen. Er hat mehrmals nach ihrem Befinden fragen lassen, ihr Blumen geschickt, auch einmal den Vater besucht, aber sie hat ihn gemieden. Einmal nur hat sie ihn gesehen, auf dem Schloßplatz, reitend auf seiner Schimmelstute Assjadah, sehr glänzend. Fluch, Haß, Neid prallte gegen den schlanken Rücken des Reiters, aber er prallte ab daran, Luzifer schaute nicht um. Sie sah ihm nach, ohnmächtiger als das fluchende Volk. Die hatten wenigstens Worte, ihr schrumpften Herz, Zunge, Schultern unter ihrer Ohnmacht.

Sie hatte lange geschwankt, ehe sie zu der Assemblée gegangen war. Nun war ihr der Abend eine Enttäuschung und arge Verstörung. Süß kümmerte sich nicht um sie, er hatte kaum ein kaltes Wort glatt höflicher Begrüßung an sie gerichtet. Sie konnte nicht wissen, daß dies kluge Berechnung war, sie sah nur, Luzifer hatte kein Aug für sie. Sie nahm die Larve ab von dem bräunlich kühnen, bewegend verstörten, zuckenden Gesicht: Luzifer hatte kein Aug für sie. Dies schlug sie tiefer als eine Niederlage.

Aber ein anderer sah jetzt zum zweitenmal das bräunliche, bewegte Antlitz, sah es lange kennerisch, genießerisch, sah es auf und ab, die starkblauen, dringlichen Augen, ihr seltsames Widerspiel zu dem dunklen Haar. Kotz Donner, diese Weißenseein! So was gab es also; so was war eine Schwäbin, eine Untertanin. War eine Schwäbin besonderer Art. Das hätte Karl Alexander nie gedacht, daß dem Weißensee, dem Fuchs, so ein feines Gewächs im Haus heraufblühe. Er war auf das Fest gegangen mit der vagen, ziellosen Gier nach was Neuem. Er hatte Arbeit hinter sich, war ausgeruht, fühlte sich frisch. Das war was anderes, Neues. Jetzt hatte die Soirée ein Ziel. Die welsche Komödiantin, von der Süß ihm vorgeschwärmt, machte ihm nur neuen Appetit auf die feste, junge, besondere Schwäbin.

Bald nach der Oper tafelt man. Das Souper ist weitläufig und voll Pracht. Die Masken werden abgenommen, die erhitzten Gesichter schauen aus den Kostümen fremdartig und vertraut und reizen doppelt. Gewürzte Speisen, starke, fremde Weine, kräftige Trinksprüche. Aus einem Wunderwerk von Pastete springt ein Kinderquartett heraus, Paris und die drei Göttinnen, aber Paris reicht keiner von ihnen, er reicht der Herzogin den Apfel. Der Geheimrat Fichtel, dick und kugelig in seinem türkischen Kostüm, bringt einen Toast aus, in ganz pfiffigen Alexandrinern, voll von feinen, boshaften Spitzen gegen die Landschaft, und die katholischen Offiziere huldigen lärmend dem Herzog.

Gnomen tanzen herein, plündern die Schmuckvitrinen, überreichen possierlich den Frauen die glitzernden Geschenke, die Süß ihnen bestimmt hat. Dom Bartelemi schaute scharf zu, wie sie Stein um Stein, Kettlein um Kettlein, Spänglein um Spänglein verteilten. Der ungeheuer lange Mensch, die rechte Schulter kurios hochgezogen, das blaurote, entfleischte Gesicht auf dürrem Hals aus der zeremoniösen Krause der altertümlichen Portugiesertracht reckend, schickte hinter faltigem Lid die länglichen, starren, schmalen Augen auf unablässige Wanderschaft. Tief in den Höhlen lagen sie, lauerten sie aus dem zerdrückten Totenkopf. Der kurpfälzische Geheimrat, auch Tabakmanufaktur- und Kommerzien-Generaldirektor ließ sich von den Damen die einzelnen Geschenke weisen, wertete sie sachkundig. Mit tiefem Unbehagen hörte Süß die hohle, kalte, langsame Stimme, die seine Offerten so oft unterboten, ihm so manchen Handel gehindert, ihn so lange klein und unscheinbar gemacht hatte. Angewidert sah er und kalt überschauert die ausgeglühte Leidenschaft, mit der Dom Bartelemi die flirrenden Steine durch seine langen, dürren, blauroten Hände rieseln ließ. Sie schauten sich an, sie beschielten sich, zwei stoßgierige Raubvögel, alt, kahl, ungeheuer erfahren der eine, der andere kleiner, jünger, spielerisch wilder.

„Feine Steine, gute Steine,“ sagte Dom Bartelemi. „Aber ein Dreck gegen den Solitär. Laßt mich Euren Solitär anschauen,“ sagte er zu Süß. Und, den Solitär zärtlich zwischen den Spinnenfingern, bellte er mit seiner kellerigen Stimme durch die aufhorchenden Gäste: „Was verlangt Ihr für den Stein, Herr Finanzdirektor?“ „Ich verkauf ihn nicht,“ sagte Süß. „Ich biete Euch die pfälzische Tabakmanufaktur,“ drängte der Portugiese. „Ich verkauf ihn nicht,“ wiederholte heftig der Jude. Zögernd gab Dom Bartelemi den Stein zurück, und die Herzogin erklärte: „Nun steckt sich mein Jud die pfälzische Tabakmanufaktur an den Finger.“

Aber da schickte der welsche Konfisier das Dessert herein. Es war ein herrliches Kunstwerk, und der Konditor Benz hätte eine Woche nicht schlafen können vor Neid, wenn er es gesehen hätte. Es stellte aus Kuchen und Gefrorenem Festungen dar, die Karl Alexander erobert hatte, und ein ganz besonders bewundertes Schaustück bildete den Triumph des Merkur nach, der oben auf der Decke posaunte.

Nach Tafel, während der Ball beginnt, sitzt das Herzogspaar mit den bevorzugtesten der Gäste im Wintergarten. Marie Auguste medisiert mit Herrn von Riolles, der in seinem weiten Kimono mit dem kahlen, beweglichen, gelüstigen Gesicht unter den Pflanzen wie ein maskierter Affe wirkt. Dom Bartelemi klopft und kratzt an Stuck, Marmor, Lapislazuli herum, steht vor den Schmuckvitrinen. Aber der Geheimrat Fichtel sitzt vor seinem Kaffee und führt mit seinem Freund Weißensee ein hintergründiges, umwegiges diplomatisches Gespräch. Und Remchingen läßt seinen Unmut über die Herzogin an Süß aus und überschüttet den Gelassenen, Höflichen mit plump unflätigen Späßen.

Abseits sitzt der Herzog mit Magdalen Sibylle. Gleich nach Tafel, er hat stark getrunken, hat er dem Süß einen Wink gegeben, er solle ihm sein Schlafzimmer und das Kabinett überlassen und die Magdalen Sibylle auf irgendeine Manier dorthin bringen. Den Süß, wie er das hörte, stach es fein und ganz spitz, er sah das Mädchen, wie sie ihn im Wald das erstemal erblickte und schrie und davonlief, und später in seinem Arbeitszimmer, wie sie umfiel und bräunlich-fahl und ohnmächtig und sehr jung dalag; eigentlich gehörte die Magdalen Sibylle ganz ihm, man brauchte keine scharfen Augen zu haben und sah, daß das Mädel ein einziger Drang zu ihm war, und er hatte, wie jetzt Karl Alexander von ihr sprach, eine rasende Begier nach ihr. Aber er war so gewohnt, daß erst das Geschäft und der Herzog kam und Weiber und Geilheit und Sentiment erst hinterher, daß er sogleich mit dem üblichen hemmungslos ergebenen Blick sagte, er freue sich, Seiner Hoheit dienen zu dürfen. Er mache Seine Durchlaucht bloß submissest darauf aufmerksam, daß die Demoiselle, soviel er wisse, eine Erweckte sei, somit schwer traktabel und leicht Zustände kriegend; auch sei seines Bedünkens dieses Faß noch nicht angestochen. „Hat Er’s probiert?“ lachte schallend der Herzog, und nochmals: „Hat Er’s probiert?“ Und gerade nach so was jücke es ihn heut, und daß sie eine Pietistin sei, würze den Braten doppelt. Und er nickte dem Weißensee, der nicht fern mit Fichtel und Schütz Konversation machte, jovial und gnädig zu.

Wie er jetzt mit ihr im Wintergarten saß, begann er also, sie um ihre Pietisterei zu hänseln. Er sei zwar ein Katholik und ganz gemeiner Ketzer, aber sein Hofkirchenrat, der doch darin kompetent sein müsse, ihr Herr Vater voran, sei gar nicht einverstanden mit den schwärmerischen Lehrmeinungen; er habe erst gestern ein Reskript unterzeichnen müssen, das einer gewissen Frau von Molk die Abhaltung sektiererischer Zusammenkünfte bei schwerer Strafe verbiete. Wie er die Beata Sturmin gesehen habe, die Heilige, das Haupt der ganzen Bewegung, habe er sich gedacht, so viel sei sicher, daß der Umgang mit Engeln eine Frau nicht just reizvoll mache; jetzt, da er sie kenne, die Magdalen Sibylle, vermeine er, daß der Verkehr mit Gott und den Engeln doch viel für sich habe. Ob sie ihn nicht ein weniges unterweisen wolle. Magdalen Sibylle hörte dem platten Gewitzel gequält zu. Sie hatte Furcht vor Karl Alexander, vor seinem erhitzten Gesicht, seinen gefräßigen Augen. Seine Frivolitäten reizten sie nicht, sie fühlte sich leer von Gott, sonst wäre sie ob solcher Lästerung wohl aufgewallt und hätte nicht gebangt, auch diesem wütigen Nebukadnezar ihre zornige Verachtung ins Gesicht zu glühen. Jetzt fühlte sie nur Widerwillen, sie war so müd und traurig, und Gott blieb im Dunkel sitzen, Gott würdigte sie keiner Antwort, Gott verwarf sie.

Sie hörte wieder die laute, polternde Stimme Karl Alexanders. Sie solle nicht glauben, er verstehe gar nichts von ihren Dingen. In Venedig habe er sich viel mit Geistersehern abgegeben, und wenn er auch keinen Swedenborg gelesen habe, so kenne er doch auch in Deutschland einen Magus, der in die Zukunft schauen könne und erstaunlich gute Relation mit unserm Herrgott habe. Es sei freilich ein alter Jud, Magdalen Sibylle sei ihm lieber, und wenn er fürderhin eine Auskunft vom lieben Gott brauche, rechne er darauf, daß er sich an sie wenden dürfe. Dabei nahm er ihr die Larve ab, und seine gefräßigen und gewalttätigen Augen drangen zügellos auf sie ein.

Es war furchtbar heiß im Wintergarten, die fremdartigen Bäume und Gewächse bewegten sich im Schein der Kerzen wie Menschen, Musik schwamm erregend herein, Magdalen Sibylle hatte rasende Kopfschmerzen, die Augen und die Worte des Herzogs zerrten an ihr wie etwas Scharfes, Schneidendes. Sie sah, wie die Worte herauskamen aus seinem üppigen, geilen und bedrohlichen Mund, auf sie zukamen, sie stachen, zwickten, an der Haut ihrer Seele rissen. Sie fühlte sich gespannt zum Zerreißen, gleich wird sie etwas Wildes, Unsinniges tun; da, im letzten Augenblick, erlöst sie ein Page der Herzogin, bringt ihr den Auftrag, Ihrer Durchlaucht aufzuwarten.

Marie Auguste saß in einem größeren Kreis. Süß war um sie, Herr von Riolles, der Geheimrat Schütz, dann der junge Aktuarius Götz, blond, dumm, frisch, aus einer der angesehensten Familien, im Schäferkostüm, mit seiner Mutter, der Geheimrätin Götz, und seiner Schwester Elisabeth Salomea. Die beiden Damen, Mutter und Tochter, sahen sich lächerlich ähnlich, sie sahen aus wie Schwestern, beide blaßfarbig, zart und langgliedrig, sehr hübsch, mit hellem, reichem Haar und großen, schwärmerischen, törichten Augen. Sie saßen, flachsblond und lieblich, in nicht sehr originellen, etwas aus der Mode gekommenen Schäferinnenkostümen, und himmelten mit ihren hellen, naiven Stimmen, ihren liebenswerten, unklugen Augen die Herzogin an. Eben schritt träg und statiös die Sophie Fischerin zurück in den Wintergarten, die schöne, üppige Mätresse des Süß, und Marie Auguste konnte sich nicht enthalten, ihren Hausjuden ein weniges mit ihr aufzuziehen. Der hatte nämlich, offenbar als Entgelt für die Tochter, die Ernennung des Vaters, des Kammerfiskals Fischer, zum Expeditionsrat durchgesetzt. Süß stand in seinem sarazenischen Kostüm männlich rank und elegant vor den Damen; gewandt und unverlegen spöttelte er zurück, gewiß, die Jungfer Fischerin sei ihm eine liebe und willkommene Hausdame gewesen; aber nachdem Seine Durchlaucht geruht hätten, ihren Vater in ein so angesehenes Amt zu erheben, könne er ihre Dienste doch wohl nicht mehr in Anspruch nehmen; die Tochter eines so hohen Beamten, das schicke sich doch nicht. Er lächelte und schloß frech-gleichgültig, er werde sie also morgen aus seinem Hause entlassen. Die kleine Gesellschaft war erstaunt über die zynische Offenheit, mit der er seine Mätresse so elegant höhnend entlohnte und entließ. Die Herzogin amüsierte sich, auch Herrn von Schütz gefiel diese weltmännische Art offensichtlich, der junge, dumme Aktuarius Götz wußte nicht recht, was er machen solle, er legte großes Gewicht auf korrekte Form, er wußte nicht, solle er dem Juden beipflichten oder ihm zu Leib, er entschied sich schließlich für ein stummes, martialisches Gesicht. Die zarten und süßen Damen Götz aber, Mutter wie Tochter, bestaunten die überlegene Eleganz, mit der dieser Kavalier eine Amour beendete, und schauten voll Bewunderung und zärtlichen Interesses zu ihm auf.

In diesen Kreis trat jetzt Magdalen Sibylle. Die Herzogin hatte bemerkt, wie sehr sich Karl Alexander mit ihr beschäftigte, auch ihr gefiel das Mädchen mit dem bräunlich kühnen, bewegten Antlitz und dem seltsamen Widerspiel der blauen Augen zu dem dunklen Haar. Neugierig wollte sie näher beschauen, was an ihr Attraktives sei. Sie reichte ihr wohlwollend die Hand zum Kuß, betrachtete sie lässig und ungeniert. Magdalen Sibylle hatte einen kleinen, scheuen Seitenblick hinüber zu Süß. Der hatte sich, wie sie kam, tief verneigt, jetzt stand er ernst und förmlich. Sie war wie erlöst, daß sie den Herzog nicht mehr hören mußte, sie spürte das Wohlwollen, das von der Herzogin zu ihr herüberging, aber die gleichgültige Förmlichkeit im Gesicht des Süß verwirrte sie von neuem. Sie saß stumm, während die anderen weiter leicht und belanglos konversierten, und plötzlich löste sich Furcht, Spannung, Enttäuschung, Empörung, Erwartung in ein ungehemmtes Schluchzen, das sie vor die Herzogin hinwarf. Betretenheit und leichtes Schmunzeln bei den anderen, Marie Auguste streichelte mit der kleinen, zierlichen, fleischigen Hand die große, kalte des Mädchens. Süß aber nützte geschickt die Gelegenheit, sagte, er werde sorgen, daß sie sich beruhige, führte die Befangene, Geschüttelte fort. Es feixte der Chinese Riolles, es lächelte der Spanier Schütz, der Phantasieschäfer Aktuarius Götz fand wieder keinen anderen Ausweg als eine kriegerische Miene. Aber die Herzogin, unbefangen weiterschwatzend, suchte mit den Augen ihren Gemahl und konstatierte befriedigt, wie er, da Süß das Mädchen in seiner Nähe vorbeiführte, ihm zublinzelte.

Das Zimmer, in das der Jude Magdalen Sibylle führte, war kühl, wenn man aus den von Kerzen, Wein und Menschen überheißen Sälen kam. Es war das Zimmer vor dem Schlafgemach, durch eine Portière sah man das Prunkbett mit den goldenen Amoretten. Hierher hatte man aus den übrigen Räumen allerlei Dinge zusammengestellt, die dort dem Maskenfest im Weg gestanden wären, Zerbrechliches, Porzellan, Chinoiserien, das Bauer mit dem Papagei Akiba. Der Lärm des Festes klang hier nur sehr leise, nach den menschenvollen Sälen wirkte das kleine Zimmer mit seiner frischeren Luft, seiner Leere, Stille, Kühle wohlig sänftigend.

Magdalen Sibylle saß auf einem niedrigen Diwan, ruhiger atmend, gelöster die Haltung. Sie sah groß aus, wie sie so dasaß, warm und gelockert von all der Wirrung und Erregung, und Süß, der geschmeidig und verbindlich vor ihr stand, begehrte sie sehr. Es traf sich schlecht und ungeschickt, daß jetzt der andere kommen wird, der wahrscheinlich gar nicht zu schmecken verstand, was Köstliches ihm da zufiel.

Das Mädchen schaute langsam mit seinen großen, erfüllten Augen den Mann an. Süß hielt es für angebracht, den Blick mit jener hemmungslosen Hingabe zu erwidern, in der er geübt war, und solcher Hingabe im besonderen Fall etwas Väterlichkeit beizumischen. Armer Luzifer! dachte Magdalen Sibylle. Er ist ein sehr Verirrter und Unglücklicher. Es hat keinen Sinn, zu eifern und ihm mit wilder und empörter Beschwörung zu Leib zu rücken. Ich werde ihn ganz sacht an der Hand nehmen und ihm mit sänftlichen Worten zureden, bis er zu Gott zurückfindet. Wie konnte ich zweifeln, ob ich die Kraft haben werde zu meiner Sendung. Er wartet ja nur darauf, daß jemand komme und ihn mit Gott versöhne.

„Ich bin untröstlich, Demoiselle,“ sagte mittlerweile mit seiner dunklen, streichelnden Stimme der Jude, „daß Ihnen immer in meiner Gegenwart ein Akzident unterläuft. Das erstemal, als ich das Glück hatte, Sie zu sehen, im Wald von Hirsau, unter den Bäumen, liefen Sie vor mir davon. Als Sie mir dann mit Ihrem Herrn Vater die Ehre Ihrer Aufwartung machten, wurde Ihnen in meinem Hause nicht wohl. Heute, wo ich glaubte, nach meinen bescheidenen Kräften alles getan zu haben, meine Gäste in guten Humor zu setzen, sehe ich zu meinem schmerzhaftesten Bedauern, daß ich es wieder nicht getroffen habe. Ist meine Visage wirklich so abominabel und widerwärtig, Demoiselle? Oder sind es vielleicht doch nur fatale Zufälle?“ Und er neigte sich zu ihr, die groß und gerötet auf dem Diwan saß.

„Simulieren Sie nicht länger, Herr Finanzdirektor,“ sagte sie plötzlich mit einem tapferen Anlauf und sah ihn groß, fromm und dringlich an. „Ich weiß sehr gut, daß Sie Luzifer sind, Sohn des Belial, und Sie wissen, daß ich gesandt und gekommen bin, mit Ihnen zu ringen und Sie Gott zu unterwerfen.“

Süß hatte viel Uebung mit Weibern, er war an Ueberraschungen gewöhnt, er verlor nie seine Fassung und zeigte sich nie perplex. Aber diese Anrede kam ihm völlig unerwartet, verschlug ihm die Sprache, er wußte, zum erstenmal, keine Antwort. Es schickte sich glücklich für ihn, daß Magdalen Sibylle offenbar auch gar keine Antwort erwartete, sondern nach einer Atempause weitersprach. Sie begreife es sehr wohl, daß er glaube, Gott, sein Widersacher, werde ihn zurückstoßen; es sei gewiß auch ein ungeheurer Entschluß, von tausendjährigem Trotz zu lassen. Aber wenn dieser Trotz und arge Verstocktheit erst abfalle, dann sei die Seele wie befreit von bösem Schorf und bade in Gott wie in liebem, lauem, sichtigem Wasser. Dergleichen redete sie mehr und dringlich und streckte ihm im Eifer die Hand hin.

Süß hatte sich mit der ihm eigenen Flinkheit auf das pietistische Diktionär eingestellt, er ergriff ihre Hand, begann eine rasch präparierte Antwort, und sie waren beide auf dem besten Wege, als plötzlich der Herzog im Zimmer stand. Mit weiteren Pupillen, erschreckt, hilfesuchend, starrte Magdalen Sibylle auf Süß, gepreßt, hörbar atmend. Aber der Jude sagte verbindlich, er müsse zurück zu seinen Gästen, und auf einmal war sie allein mit dem Herzog, und der Papagei gellte: Ma vie pour mon souverain, und im Nebenraum in hellerem, nacktem Licht stand das freche, prunkende Bett. Karl Alexander sagte mit heiserer, unfreier Stimme etwas Scherzendes, Belangloses. Sie sah sein rotes Gesicht, das leicht schwitzte, sie sah seine Augen, die sich verdunkelten und verwilderten, roch seinen trunkenen, erhitzten Dunst. Sie ging mit mühsamen Schritten zur Tür, lallte eine Entschuldigung, wollte Süß nach, zurück zu den Gästen. Aber die Tür war verschlossen. Karl Alexander lachte ein belegtes Lachen, schnallte umständlich den kostbaren antikischen Brustpanzer ab, schweigend, daß nur ihr Atem hörbar war. Kam mit grauenhafter Freundlichkeit auf sie zu, nahm ihre Hand in die seine, die seltsam war, der Rücken schmal, lang, knochig, behaart, das Innere fleischig, fett, kurz. Sie wich zurück, er faßte sie fester, dünstend, erhitzt fauchend. Sie bekam ihre Kraft zurück, wehrte sich wild, doch ohne Aussicht, gegen den schweren, starken, erregten Mann. Fetzen ferner Musik kamen herein, sie schrie, erregt und krächzend flatterte der Papagei.

Draußen der Maskenball entlöste sich immer mehr den Zügeln gemessener Form. Aus allen schattigeren Winkeln Gekreisch, Gegröhl, gekitzelte, halbe Schreie. Anerkennend meinte Herr von Riolles zu Herrn von Schütz, selbst am Hofe der polnischen Majestät hebe die Freude die Schwingen nicht höher.

Süß, aus dem Kabinett zurück, stürzte sich mit einer gewissen grimmigen Erhitztheit in das Gewühl. Er wich der Herzogin aus, die ihn mit einem kleinen, lüsternen und amüsierten Lächeln nach Magdalen Sibylle fragte, und machte den Damen Götz, Mutter wie Tochter, für die sich auch der Herzog interessierte, mit so wütiger Dringlichkeit den Hof, daß der Aktuarius Götz, da er seine drohende Miene nicht beachtet sah, sich in einer Ecke stumm und ratlos besoff, während die beiden Damen die zynischen Galanterien des Juden hingegeben und töricht himmelnd erwiderten. Die kleine napolitanische Komödiantin, gelb, leicht fett und verderbt, hatte sich an den alten Fürsten Thurn und Taxis herangemacht. Sie tat, als wüßte sie nicht, wer er sei, als streiche, kitzle, schmeichle sie nur wegen seines eleganten und distinkten Aussehens und Geweses um ihn herum. Der alte Fürst, als er sah, daß er trotz der gleichfarbigen Domestikenlivree auch in Weinrot wirkte, lebte auf, sein Aerger fiel zusehends von ihm ab. Zumal sich auch Remchingen um die Komödiantin bemühte und sie den stark trunkenen General, der mit schon verglasenden Augen an ihr fraß, geschickt neben dem feinen, alten, reichen Fürsten abfallen ließ. Aber aus seiner Ecke starrte der Aktuarius Götz auf die Napolitanerin, hingerissen, mit Augen, von Schwärmerei viel mehr noch als von Trunkenheit verschleiert; und während sie den General fernhielt und den alten Fürsten anzog, fand sie noch Gelegenheit, mit einem einzigen, doch unendlich beredten Blick den jungen, dummen, blonden, frischen Schäfer für immer in ihre Geleise zu zwingen.

Weißensee, der Konsulent Neuffer und der Würzburger Geheimrat Fichtel waren mit Schütz und Herrn von Riolles beim Pharao gesessen, jetzt trank der Würzburger seinen Kaffee, Weißensee und Neuffer kosteten von dem schweren, schwarzroten Sekt, der im westlichen Deutschland nur bei Süß zu finden war, und man sprach von Politik. Eifrig und mit düsterer Dringlichkeit sog Neuffer, in seinem scharlachenen, zusammengestapelten Kostüm komisch anzusehen und viel bespöttelt, die absolutistischen Theorien ein, die der Jesuit mit feiner und sachter Selbstverständlichkeit entwickelte.

Weißensee indes war nicht so bei der Sache wie sonst wohl. Er schnupperte mit dem klugen, mageren Kopf rastlos herum, er fragte den und jenen, ob er seine Tochter nicht gesehen habe; aber niemand hatte Magdalen Sibylle gesehen. Und Weißensee schwitzte an den langen, feinen Händen, und seine skeptischen Augen suchten bedrängt rechts und links.

Plötzlich, wie er den Süß sah, entschuldigte er sich bei den zwei anderen Herren, flatterte in seinem seidenen Venetianer Mantel ungewohnt hastig auf ihn zu und fragte nach seiner Tochter. Süß sagte leichthin, die Demoiselle habe etwas Kopfschmerz, sie habe sich in ein stilleres und kühleres Zimmer zurückgezogen. Der Kirchenratspräsident, ziemlich aus der Fassung, wollte zu ihr. Aber Süß meinte, es sei wohl am besten, die Demoiselle ruhen zu lassen; zumal, soviel er wisse, Serenissimus selbst sich um sie bemühe. Dabei schaute er den Weißensee mit einem unentwegten, frechen und verbindlichen Lächeln an. Der begann zu zittern, mußte sich setzen. Süß, nach einem kleinen Schweigen, meinte unvermittelt, immer lächelnd, der Herzog habe sich über den neuen Kirchenratspräsidenten ungewöhnlich gnädig geäußert, Rangerhöhung und Orden würden wohl nicht lang auf sich warten lassen. Weißensee nickte ein paarmal auf eine seltsame, abwesende, greisenhafte Art, starrte mit höflichem, leicht verzerrtem Lächeln in das Getobe des Festes, begann sehr plötzlich, die Stimme belegt und unsicher, und ohne den Süß anzuschauen, von seinem geräumigen Haus in Hirsau zu erzählen. Er malte den behaglichen Landsitz: Weinberge, Erntekranz, Haus und Hof wohlbestellt, dörflicher Friede; wie er dort an seinem Neuen Testament gearbeitet, in Muße, die Händel der Welt sehr ferne, verbrausend, nur ab und zu ein bißchen Schaum, man genießt ihn kennerisch; und wie zwischen all dem schlicht und still und sachlich und erfüllt seine Tochter herumgegangen sei.

Mitten in diesem Geträume, davon er mehr zu sich als zu Süß redete, verstummte er so plötzlich, wie er begonnen hatte. Er sah verfallen aus, der elegante Venetianer Mantel hing schlaff, unorganisch, wie zusammenklappende Fledermausflügel um ihn herum. Der Jude, stehend vor dem Sichpreisgebenden, hilflos, versunken Sitzenden, schaute ihn auf und ab, spöttelte mit leichter, wacher, schleierloser Stimme in sein Schweigen hinein: „Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie so sentimentalisch sein könnten.“ „Nicht doch, nicht doch!“ erwiderte eifrig, sich zusammenraffend, Weißensee. „Ich bin kein Deserteur am Leben, Exzellenz. Ich bin nie keiner Aventüre ausgewichen, all meine Tage nicht. Neugier war das Prinzipium, nach dem ich meine Existenz eingerichtet.“ Er versuchte sein gewohntes, leichtfertiges Lächeln. „Es muß ein sehr rastloser Stern sein, unter dem ich geboren bin. Er hat mich nie stille stehen lassen, hat mich durch viele Länder und übers Meer gejagt und hat mich heißen allen Kreaturen Gottes und des Satans in die Töpfe gucken. Ah, meine Souvenirs!“

Aber während er sich mühte, diese Souvenirs herbeizurufen, geschah es, daß sich ihm das weiße, lächelnde Gesicht des Juden mit den gewölbten braunen Augen und den üppigen Lippen verzerrte. Es geschah, daß er plötzlich ganz genau wußte, wie wenige Schritte von ihm hinter einer versperrten Tür sein Kind sich abrang, um sich schlug, mit versagenden Kräften, aussichtslos. Er sah sie, er sah, wie die Wärme aus ihren bräunlich kühnen Wangen wich, wie die starkblauen Augen unter dem dunklen Haar sich stier und glasig verdrehten. Und in dieses Gesicht hinein hörte er die sachliche, zifferscharfe Stimme des Süß: „Wie die Dinge heute abend liegen, darf ich Ihnen Orden und Rangerhöhung mit aller Bestimmtheit in Aussicht stellen.“

Das Merkwürdige war, daß er dabei diesen Mann, der mit dem frechen und verbindlichen Lächeln vor ihm lehnte, durchaus nicht haßte. Er spielte bloß mit dem Wunsch und der Vorstellung, daß der andere so fahrig und zerrissen dasitzen möge, während er, Weißensee, lächelnd und wach vor ihm stünde. Er benahm sich dann weiterhin ganz wie immer, nur war alles, was er tat und sagte, beklemmend unwirklich, wie aus Schlaf heraus gedämpft, marionettenhaft. Er verneigte sich immerzu, höflich, freundlich, er erwiderte ein Scherzwort der Herzogin, er sprach sacht und diplomatisch mit dem Geheimrat Fichtel, er setzte auf eine abgründige und sehr feine Zote des Herrn von Riolles eine noch feinere und obszönere. Aber alle diese Stimmen klangen seltsam mechanisch und scheppernd und die Menschen gingen puppenhaft und sehr künstlich und alles war wie aus Wachs. Auch der Herzog, der jetzt wieder schwer und groß und mit müden, schlaffen und gelösten Gliedern, mehr hinkend als sonst, im Saal war, schien ihm wie eine Wachspuppe, wie hinter Rauch und Nebel.

Aber dennoch gelang es ihm, beim Anblick des Herzogs eine kleine, neue Hoffnung hochzuschüren. Er verjagte seine Gesichte, er hieß sein Wissen stumm sein und wollte es nicht wahr haben. Mit einer eiligen, flatternden Bewegung raffte er den Venetianermantel und trat dem Herzog in den Weg, der ganze Mann ein einziges, dringliches, flehendes Fragen, ob es vielleicht doch nicht geschehen sei. Aber der Herzog sah ihn nicht, er wollte ihn offenbar nicht sehen, er hatte kein Aug für ihn; er ging, trotzdem Weißensee ganz nah an ihm war, starr gerade vor sich hinschauend an ihm vorbei, mit einem merkwürdig scheuen und gewalttätigen Rülpsen.

Da war Weißensee auf einmal furchtbar alt und müde. Er suchte sich eine stille Ecke und geriet an den Tisch, wo der einsame Aktuarius Götz saß und soff. Der fühlte sich sehr geehrt durch die Gesellschaft des Herrn Kirchenratspräsidenten, stand, wiewohl schon stark unter Wein, zeremoniös auf und machte vielerlei umständliche Reverenzen. Und dann saßen die beiden Männer, der alte, feine, traurige, zerrissene, und der junge, plumpe, in Hilflosigkeit und Schwärmerei dumpf brodelnde, enttäuschte, und sie waren stumm und starrten in das festliche und überhitzte Getriebe und tranken.

Karl Alexander aber ging satt, stolz und befriedigt durch den Saal. Wohl hatte er manchmal ein kleines, verlegenes und trotziges Lachen wie wohl ein Knabe, der etwas angerichtet hat, sich damit brüstet, um sich über seine Scham wegzuhelfen. Aber gerade darum stellte er es so an, daß jeder es sehen mußte, daß er aus einer Umarmung kam. Er winkte seiner Frau, die ihn wie fragend ansah, mit einer weiten Geste zu, die sie mühelos als ein stolzes Eingeständnis deuten konnte. Er ging an den Pharaotischen vorbei, wo glühende und über die Störung im geheimen sehr erboste Spieler sich ehrfürchtig erhoben, und versicherte, daß er sich heute abend außerordentlich, aber ganz außerordentlich amüsiere. Er stürzte durstig zwei große Gläser Tokaier hinunter und war sehr betrunken. Er machte sich an seinen Schwiegervater, der jetzt ganz in der Napolitanerin aufging, was Karl Alexander anerkennend und gönnerisch zur Kenntnis nahm. Er fiel dem alten Fürsten mehrmals um den Hals, sagte zärtlich: „Euer Liebden! Euer Liebden! Ist recht, daß sich Euer Liebden so jung fühlen.“ Dann prahlte er eitel und sentimental mit seiner italienischen Jugend, seiner lombardischen Kampagne, seinen venezianischen Aventüren. Cassano hat er zwar mit dem lahmen Fuß bezahlen müssen, aber es war kein zu hoher Preis. Ah, Venedig, Venedig! Vagabundieren, die Maske vor dem Gesicht, und Frauen und Duelle und hohe Politik und Alchimisten und Geisterseher und die Lagune und die Paläste und über allem die heimliche Hand der Zehn. Sie, die Graziella Vitali, ruft es ihm zurück, so ein Hui, so ein wohliges, rasches, welsches Parfüm wie sie ist. Und seine Augen schätzen die Napolitanerin ab, eingehend und kennerisch. „Es geht Euer Liebden nicht schlecht,“ lallte er, „es geht mir auch nicht schlecht. Suum cuique! Suum cuique! Der Herrgott hat uns alle beide in diesem Mistbeet Welt auf ein Plätzchen gesetzt, wo es warm und mollig und viel Sonne ist.“ Und er tätschelt anerkennend den nackten, gelben, mürben Arm der Komödiantin und gratuliert dem Alten zu dem feinen Hühnchen, das er da zu rupfen im Begriff sei.

Süß weicht dem Herzog aus. Er ist neidisch und erbittert, er weiß, Karl Alexander wird ihm jetzt die Affäre mit Magdalen Sibylle schildern, klotzig und umständlich und mit allen Details, und er ist nicht in der Laune, sich von diesen Freuden, deren Primeurs eigentlich ihm gebührten, erzählen zu lassen. Die Gedanken daran los zu werden, schaukelt er in den hohen Wellen seines Festes. Ihn zu feiern, daß er auf der Welt ist, seinen Geburtstag zu feiern, sind all diese Lichter angezündet, diese Tafeln und prunkvollen Räume gerichtet, diese schönen Damen und großen Herren gekommen. Er ist sehr hoch hinaufgelangt, niemals in Deutschland stand ein Jud so hoch und glänzend wie er. Und er wird noch ganz anders dastehen. Schon ist sein Adelsgesuch auf dem Weg nach Wien zum Kaiserhof; er wird – Karl Alexander, ihm von Tag zu Tag mehr verpflichtet, muß ihm das durchsetzen – nobilitiert sein. Er ist kein Narr wie Isaak Landauer, er läuft nicht in Kaftan und Schläfenlöckchen; aber er denkt auch nicht daran, sich wie sein Bruder durch das billige Mittel eines Glaubenswechsels Titel und Rang zu schaffen. Durch sein Genie, nur durch sein Glück und sein Genie wird er ganz oben stehen. Er hat rechtzeitig auf den Herzog gesetzt, wie der noch klein war und ganz gering. Er wird auch die paar Stufen nicht mankieren, die noch zu steigen sind. Er wird Jude bleiben und wird trotzdem, und gerade das wird sein Triumph sein, adlig sein und Landhofmeister und den rechten Platz im Herzogtum einnehmen in aller Form und vor aller Welt.

Man tanzte. Er füllte Herz und Aug und Ohr mit dem bunten, huldigenden Lärm. Sein Geträume kletterte hinauf an den Läufen der Geigen, die Pauken dröhnten seine Macht in den Saal, die Schönheit der Frauen, der seidene Prunk der Herren huldigte ihm. Er schaut hinein in sein Fest, träumt seine Hoffart hinein, den sehr roten Mund halb offen, ein verzücktes Lächeln in dem weißen Gesicht. Doch plötzlich wischt ihm ein Unsichtbares die befriedigte, genießerische Sattheit fort vom Antlitz. Weggeblasen der farbig gekräuselte, fröhliche Schaum, verfahlt das bunt rauschende Fest; wohl sieht er die Musikanten sich abarbeiten, aber er hört keine Musik mehr. Er sieht sich schreiten in einem andern nebelhaften, grinsenden, beklemmenden Tanz. Vor ihm, seine Hand haltend, schreitet sein Oheim, Rabbi Gabriel, hinter ihm, an seiner andern Hand schleift, stärker hinkend, der Herzog den lahmen Fuß. Ganz vorn aber, durch viele Hände mit ihm verkettet, ist das nicht Isaak Landauer, der kopfwackelnd, dürr, in albern flatterndem Kaftan, rhythmisch die Beine setzt?

Wie er sich aus dem Gesicht reißt, steht in seiner verschollenen Portugiesertracht Dom Bartelemi Pancorbo vor ihm, aus tiefen Höhlen langen die lauersamen Augen nach ihm, langsam kriecht ihm die kellerige, makabre Stimme ins Ohr: „Wie ist’s, Herr Finanzdirektor? Ich leg zu der Tabakmanufaktur noch die Schnapssteuer auf ein Monat: laßt Ihr ihn ab, den Solitär?“

Und das Fest ging weiter. Für den zweiten Teil des Abends hatte Nicklas Pfäffle, der gleichmütig, schläfrig und präzis den komplizierten Mechanismus des Balles leitete, eine Ueberraschung ausgedacht. Die Decke mit dem Gemälde vom Triumph des Merkur öffnete sich, auf einer Flugmaschine erschien der Knabe Cupido, er schwebte über den Gästen, streute Rosen, huldigte in zierlich gedrechselten Alexandrinern dem herzoglichen Paar, gratulierte dem Süß zum Geburtstag. Es war ein sehr anstelliger Knabe, er sprach seine Verse sehr hübsch, und wenn Cupido auch ein weniges schwäbelte, so war das, meinte Remchingen sehr laut, immerhin besser, als wenn er etwan gemauschelt hätte.

Als unmittelbar darauf der Tanz wieder einsetzte, kam es zu einer kleinen Störung. Ein verdächtig aussehender, verwahrloster Mensch stand auf einmal im Saal und hielt eine Ansprache. Man sammelte sich lachend um ihn, glaubte, sein Gewese sei Maskenscherz, so war er wohl auch hereingekommen. Aber es zeigte sich bald, daß die wilden und unflätigen Reden gegen die hebräische Justiz und die ganze hebräische Raub-, Mord- und Sauwirtschaft ernst gemeint waren.

Der Verwahrloste, Fluchende war Johann Ulrich Schertlin. Er hatte in Stuttgart einen kleinen Handel zu erledigen gehabt, war in die Kneipe zum Blauen Bock gegangen, hatte sich unter schimpfenden Kleinbürgern besoffen, während der Konditor Benz schweigend, giftig und befriedigt zuhörte und nur einmal sagte: „Unterm vorigen Herzog regierte eine Hur,“ worauf allgemeines Grunzen und Gegrinse entstand. Dort also hatte Johann Ulrich Schertlin gesessen, er hatte sich wohl gefühlt wie lange nicht, denn jetzt stand er nicht unter dem länglichen, vorwurfs- und verachtungsvollen Aug der Waldenserin, er hatte viel getrunken und war schließlich in das Haus des Juden gegangen, um dem die Meinung zu sagen. Etliche von seinen Trinkkumpanen waren mitgezogen, die standen nun draußen im Schnee im Schein der Kerzen, der aus den Festsälen auf die Straße fiel, die Kutscher der herrschaftlichen Wagen, die zur Heimfahrt vorgefahren waren, hatten sich ihnen zugesellt, und da standen sie nun, mehr neugierig als empört, bis Johann Ulrich in Ketten auf die Wache geführt würde. Der aber stand eben inmitten der seidenen Gäste, schmutzig, stinkend, voll von schlechtem Wein, maßlos und unflätig schimpfend. Schon wollte man ihn der Polizei übergeben; doch Süß, wie er hörte, das sei der Schertlin, gab Befehl, ihn für diese Nacht ins Narrenhäusel zu sperren und ihn morgen seiner Frau nach Urach heimzuschicken.

Und das Fest ging weiter. Karl Alexander hat, sehr betrunken, von der Affäre mit Johann Ulrich wenig gemerkt und nichts begriffen. Jetzt endlich gelingt es ihm doch, sich des Süß zu bemächtigen, und er setzt sich abseits mit ihm, willens, einem Kenner von den gehabten Genüssen zu reden. Er schnaubt und schnauft, er ist wirklich sehr betrunken, er hat das Kostüm des antiken Heroen nicht ganz richtig zugeschnallt, er sitzt warm, weindunstig, rotköpfig, schwer, er lacht und lallt und klopft dem ehrfürchtig und ergeben zuhörenden Juden die Schenkel. „Ein delikater Bissen!“ schmatzt und schnalzt er. „Das hat Er gut gemacht, Jud, daß Er mir die hat eingeladen. Ich werd’s Ihm auch am rechten Douceur nicht mangeln lassen. Ein deutscher Fürst läßt sich nicht lumpen. Ein delikater Bissen!“ Er schilderte Magdalen Sibylle, malte mit seinen roten, plumpen Händen, die seltsam waren mit dem schmalen Rücken und dem kurzen, fetten Innern, die Einzelheiten ihres Körpers, Schenkel, Brüste. „Ein Füllen, ein wildes! Schlägt aus und bockt und beißt und glüht. Und ist eiskalt, wenn sie sich dreinfinden muß.“ Er wies auf die kleine, gelbe, geschwinde Napolitanerin, die bei allem Getue mit dem alten Fürsten Zeit fand, ihm zuzuäugen, spitzbübisch, die Zunge lasterhaft im Mundwinkel. „Das da ist ein Wind, ein Hui, ein wohliges Parfüm. Mag Seine Durchlaucht der Herr Schwiegerpapa glücklich werden damit.“ Er gluckste ein kleines, verächtliches Lachen. „Aber die andere, die meine Herzdame, Kotz Donner! die ist kein welsches Gelump. Knickst nicht und knickt einem nicht zusammen im Arm.“ Er lehnte sich verträumt und sentimental zurück. „Die meine ist wie ein See im Wald,“ sagte er mit einer vagen, rudernden Handbewegung. „Wie ein See im Wald,“ wiederholte er lallend, sank ein wenig vornüber, machte die Augen zu, schnaufte.

Süß wollte sich schon, wütend, vorsichtig und ehrerbietig entfernen, da begann Karl Alexander von neuem, malend, fuchtelnd, wichtig. „Augen hat sie, das Luder! Augen! Weißt du, an was ich hab denken müssen? Das rätst du nicht. Das rätst du dein Tage nicht.“ Ein Lachen stieg auf in ihm, still zuerst, röchelnd dann, glucksend, ihn schütternd, immer lauter: „An deinen Magus hab ich denken müssen, an den Zauberonkel – Augen hat sie, das Luder! – Der Magus – Das Erste sag ich Euch nicht –“ Jäh packte ihn Zorn: „Sagt er mir nicht, der Zauberhund, der verfluchte, hintertückische! Soll er’s verschlucken, soll er erwürgen dran und ersticken, der Hexer, der jüdische, vermaledeite!“

Süß, erschreckt, sehr blaß, war zurückgewichen, atmend, machte eine abwehrende, beschwörende Handbewegung. Aber Karl Alexander, mühsam, betrunken und zornig, richtete sich hoch, versuchte eine stolze, statuarische Feldherrnhaltung einzunehmen so wie auf dem Bild mit den siebenhundert Axtmännern und Belgrad, gröhlte, rülpste, schrie: „Mir kann einer prophezeien, was er mag. Ich fürcht mich nicht. Attempto! Ich wag’s! Ich bin Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck! Von Gottes Gnaden! Ich steh über dem Schicksal! Der deutsche Achill! Von Gottes Gnaden!“ Und er stand wie sein eigenes Monument.

Sehr bald aber fiel er zurück in seinen Stuhl. Lächelte unvermittelt. „Wie ein See im Wald,“ lallte er noch, schnaubte, schnarchte, rasselte, röchelte, schlief ein.

Und das Fest ging weiter. Tobend, wie ein Füllen, das ohne Reiter und Zügel übers Feld rast. Sein Gelärm drang hinaus auf die Straße, wo Johann Ulrich weggeführt wurde inmitten seiner wispernden Kumpane, ernüchtert, müd, fahl, drang weiter über die Stadt, über das Land, das schlief, ächzte, sich wand, sich hin und her warf, aus dem Schlaf auffuhr, vor sich hinmummelte, knurrte. Und wieder einschlief und weitertrug.

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