Viertes Buch Der Herzog
Reading edition
Am Tiberiassee erging sich mit seinem Lieblingsschüler Chajjim Vital Calabrese der Meister der Kabbala, Rabbi Isaak Luria. Aus der Mirjamquelle tranken die Männer, fuhren hinaus auf den See. Der Meister sprach von seiner Lehre. Es schwebten die Geister über den Wassern, der Nachen stand still. Es war ein Wunder, daß er nicht sank; denn schwer vom Leben von Millionen war der Rabbi und sein Wort.
Zurück zum Quell der Mirjam kehrten die Männer. Und wieder tranken sie. Da änderte die Quelle plötzlich ihren Lauf. Einen Bogen in die Luft bildete sie, zwei senkrechte Strahlen, einen Querstrahl darüber. Hinein in den Bogen trat der Rabbi als dritter senkrechter Strahl. So ward aus ihm und dem Quell der Buchstab Schin, der Anfang des erhabensten Gottesnamens Schaddai. Und der Buchstab wuchs und wuchs und spannte sich über den See und spannte sich über die Welt. Als der Schüler Chajjim Vital zurückfand aus seiner Verwirrung, floß die Quelle wie früher, doch der Rabbi Isaak Luria war nicht mehr da.
Es war aber dieses Mittelglied des allerheiligsten Buchstabens das einzige, was er niedergeschrieben von seiner Lehre. Denn die Worte seiner Lehre fielen von seinen Lippen und waren wie Schnee. Er ist da, er ist weiß und leuchtet und kühlt; doch halten kann man ihn nicht. So fiel von seinem Mund die Lehre und man konnte sie nicht halten. Der Rabbi schrieb sie nicht nieder und duldete auch nicht, daß ein anderer sie schrieb. Weil das Geschriebene verwandelt ist und der Tod des Gesprochenen. So ist auch die Schrift nicht das Wort Gottes, sondern Maske und Verzerrung und ist, was Holz ist vor dem lebendigen Baum. Erst im Mund des Wissenden steht sie auf und lebt.
Allein nachdem der Rabbi verschwunden war, konnte sich der Schüler nicht enthalten, die Lehre aufs Papier zu zeichnen mit den geschwätzigen, lügnerischen Zeichen der Schrift. Und er schrieb das Buch vom Lebensbaum und er schrieb das Buch von den Verwandlungen der Seele.
Ach, wie weise war der Meister gewesen, daß er seine Erkenntnis nicht besudelt durch die Schrift, daß er die Lehre nicht verzerrt durch den üblen Zauber der Buchstaben. In seine Gesichte war Elia der Prophet getreten, Simon ben Jochai in seine Nächte. Die Sprache der Vögel war ihm erschlossen, der Bäume, der Flamme, des Steins. Die Seelen derer in den Gräbern konnte er sehen und die Seelen der Lebenden, wenn sie sich an den Sabbat-Abenden zum Paradies schwangen; auch konnte er von den Stirnen der Menschen ihre Seelen ablesen, sie an sich ziehen, mit ihnen sprechen, sie dann wieder zu ihren Eignern entlassen. Die Kabbala hatte sich ihm geweitet, durchsichtig war ihm der Leib der Dinge, er sah in Einem Körper, Geist und Seele; Luft, Wasser, Erde war voll von Stimmen und Gesichten, er sah das Weben Gottes in der Welt, die Engel kamen und hielten Zwiesprach mit ihm. Er wußte, daß überall Geheimnis war, aber ihm schlug das Geheimnis das Aug auf, schmiegte sich ihm wie ein folgsamer Hund. Wunder blühten an seinem Weg. Der Baum der Kabbala ging durch ihn durch, seine Wurzeln waren tief im Innern der Erde, seine Wipfel im Himmel fächelten das Gesicht Gottes.
Ach, aber wie wandelte sich in den Büchern des Schülers diese Weisheit. In wilder Unzucht keimte aus ihnen Narrheit und Erkenntnis. Falsche Propheten und Messiasse wuchsen aus den Buchstaben, Zauberei und Wirrwarr, Entrückung und Wunder und Hurerei und Machttaumel und Gottesversunkenheit entgoß sich aus ihnen in die Welt. Das fahle Antlitz des Simon ben Jochai schaute aus diesen Buchstaben, und im Gestrüpp seines silbernen Bartes lagen gesichert und entrückt Myriaden von Frommen und Heiligen, und es prunkten aus den Zeichen dieser Bücher nackt und frech die Brüste der Lilith, und an ihren Zitzen hingen taumelnd und lallend und mit schwindenden Sinnen die Kinder der Lust und der Macht.
Und dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria Aschkinasi:
„Es kann geschehen, daß in Einem Menschenleib nicht nur Eine Seele eine neue Wanderung erleidet, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich mit diesem Leib zu neuer Erdenwanderung einen. Mag sein, die eine ist Balsam, die andere Gift; mag sein, die eine war eines Tieres, die andere eines Priesters und Beflissenen. Nun sind sie in Eines gebannt, Einem Leib zugehörig wie rechte und linke Hand. Sie durchdringen sich, sie verbeißen sich ineinander, sie schwängern sich, sie fließen ineinander wie Wasser. Wie immer aber, sich zermalmend, sich aufbauend, stets ist solche Vereinigung Hilfe von einer Seele zur andern um der Sühnung der Schuld willen, um die sie die neue Wanderung erleidet.“
Dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria, des Adlers der Kabbalisten, der geboren war in Jerusalem, der sieben Jahre sich kasteite, einsam an den Ufern des Nils, der seine Weisheit nach Galiläa trug und Wunder tat unter den Menschen, der niemals seine Lehre entweihte durch Schrift und Papier, und der geheimnisvoll verschwand auf dem Tiberiassee im achtunddreißigsten Jahre seines Lebens.
Der Fürstbischof von Würzburg fuhr behaglich durch das gesegnete Land. Wohlig atmete der dicke Herr, bequem zurückliegend in den weichen Polstern des gut federnden Wagens, den milden Duft der ersten Obstblüte; alles schwamm in junger Sonne, flaumig lag und zärtlich das junge Grün auf Boden, Baum und Strauch. Der Bischof reiste nach Stuttgart zur Taufe des Erbprinzen. Er war heiterster Laune. Das feine Land! Das reiche, gesegnete Land! Das war nun Rom und der Kirche gesichert.
Friedrich Karl von Schönborn, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, der erste Diplomat der Kirche, von den Katholiken als das große Weltorakel, der deutsche Ulysses gefeiert, von den Evangelischen als tückische Schlange, Haman und Herodes begeifert und verlästert, war ein jovialer, behäbiger Herr. Sehr weltmännisch, am Wiener und am päpstlichen Hofe zu Hause, vielgereist und beweglich, war er von einer weit überschauenden, gütigen Menschenverachtung, sah er in einem gütigen Absolutismus, in einem heiteren Katholizismus das Heil der Welt. Die Masse war dumpf, dumm und finster, das war gottgewollt, das hatte Gott nun so eingerichtet, Lebensklugheit forderte, sich damit abzufinden. Es war schmerzlich, daß soviel Elend in der Welt war; je nun, man mußte das beklagen. Doch es genügte, zuweilen darüber zu seufzen; immer darob Trübsal zu blasen oder verkniffen finster auf Aenderung solcher Naturordnung zu sinnen, war Sache von Toren und dunklen Schwärmern. Er, Schönborn, hatte seine besten Jahre in Italien verbracht, hatte seine diplomatischen Künste in Venedig erlernt, er liebte die helle, südliche Luft, er fand sie in seinem Würzburg wieder. Sein Katholizismus kam ihm tief aus dem Blut, sein Essen und Trinken, wie er stand und ging, war katholisch. Er sah die Kirche, wie er sie in Italien mit allen Sinnen eingesogen hatte. Die Sammlungen des Vatikan waren ein Teil davon, die venetianische Diplomatie war ein Teil davon, selbst das Albanergebirge war ein Teil davon. Alles, was schön war in der Welt, und das war, Gott sei Dank! sehr vieles, Messen und Kirchen und Wein und Kunstwerke und Staatsstreiche und eine schöne Predigt und eine gut gewachsene Frau, alles was hell und heiter war in der Welt, war römisch und katholisch. Aber was dumpf war und verquollen und nebelig und spinnwebfarben, das war evangelisch, sächsisch, brandenburgisch. Er haßte den Protestantismus nicht; denn er haßte nichts auf der Welt. Aber er war ihm tief zuwider. Diese graue, nüchterne Liturgie, diese fahle, verzwickte, dunstige Theologie, das war schlechte Luft, war Pöbelweisheit, steriles Gewäsche. Die Apostel selber, wenn sie heute wiederkämen, verstünden nichts von den Dingen, um die diese sogenannten Theologen stritten. Nicht atmen konnte man in dieser dumpfen, grauen Welt. Aber, gloria in excelsis! von diesen heiteren schwäbischen Fluren hob sich der Nebel jetzt, er, Friedrich Karl, hatte sein gut Teil dazu beigetragen, dem Land die helle, katholische Luft zu schaffen, die ihm soviel besser anstand. Jetzt fuhr er, einen neuen Herzog im rechten Glauben zu taufen. Ei, wohl war es eine gut eingerichtete Welt! Ei, wohl war es eine Lust zu leben. Und er atmete fröhlich die milde Luft und er scherzte mit seinen klugen Räten und er schenkte den Kindern an seinem Wege Münzen und er schaute wohlgefällig auf das artige Aufwartemädchen im Wirtshaus. Und sein schwerer Leib schwankte zufrieden und sein feistes, kluges Gesicht strahlte Heiterkeit über alle seine Umgebung.
Aber dem Land ging er auf wie ein blutig roter, Unglück kündender Vollmond. Ach, der Sieg, den man im Stettenfelser Handel errungen, war nur eine kurze Aufhellung gewesen. Jetzt zeigte sich, daß das Land umstellt war, daß die Maschen des Netzes von allen Seiten geknüpft waren. Was halfen alle Klauseln und fürsorglichen Reversalien gegen die höllisch schlauen Interpretierungskünste der Würzburger Räte! Und selbst wenn man dagegen aufkam, wenn man sie säuberlich Punkt um Punkt widerlegte, frommte es doch zu nichts; denn hinter den Würzburgern stand das Militär, standen die Bajonette der herzoglichen Armee. Hatte der Jud den Leib und das Geld genommen, so kam jetzt der Katholik und fraß die Seele. Katholizismus, das hieß Preisgabe seiner selbst, Preisgabe aller menschlichen und politischen Freiheit. Das hieß Militär-Absolutismus, hieß Löcherung aller bürgerlichen Tugend und Tüchtigkeit, hieß eine große, dumpfe Masse von Knechten und ein kleines Häuflein zuchtloser Höflinge schrankenlos darüber. Katholizismus, das hieß die Herrschaft Beelzebubs, hieß Ueppigkeit, Schamlosigkeit, Tyrannei, Hurerei, Völlerei. Wie eine Raupe schlug das Land um sich. Aber es war ein kraftloses, hoffnungsloses Umsichschlagen. Der Jud hatte gut vorgearbeitet, so hatte der Katholik leichtes Werken. Resigniert und stumpf, eingeschüchtert von dem herrischen Gewese der Beamten, den Fußtritten der katholischen Offiziere, hockten in den Schenken die Bürger, hatten für die neuerliche Ankunft des Würzburgers nur ein ohnmächtiges, höhnisch stumpfes Gelächter. Da hat man’s ja! Da sieht man’s ja! Aber weiter nicht wirkte der Zorn sich aus, und alle saßen sie jetzt wie der schweinsäugige Konditor Benz giftig und geduckt.
Die Geheimen Räte Harpprecht und Bilfinger stemmten sich schwer und kräftig den Absichten des Herzogs entgegen. Doch wenn sie auf administrativem Gebiet manches erreichten, so besagte das nicht viel. Denn sie sahen sehr wohl, die Gefahr kam von anderer Seite her, sie lag in der Katholisierung der Armee. Und die war nicht aufzuhalten. Die Würzburger Herren, die Räte Fichtel und Raab, sahen denn auch den Bestrebungen der Württemberger still, vergnügt und kennerisch zu; ja, sie ließen ihnen höflich und mit ironischem Wohlwollen gelegentlich sogar einen kleinen Vorsprung. Es war amüsant zuzuschauen, wie die beiden schweren, biederen Protestanten sich fruchtlos abzappelten, während sie ihre Pläne einfach von der Zeit reifen ließen. So gewiß dem April der Mai, so gewiß mußte ihren Projekten die Erfüllung folgen.
Nur eine ernsthafte Schlappe erlitten die Katholischen. Der Elferausschuß des Parlaments benützte eine leichte Erkrankung des Weißensee, an Stelle des zweideutigen Mannes einen zuverlässigen Evangelischen und Demokraten zu setzen, den Regierungsrat Moser, den Publizisten, der sich im Stettenfelser Handel so sichtbarlich ausgezeichnet hatte. Da saßen nun die Elf, wüteten, tobten, fluchten. Mannhaft und ernst vertrat die Sache des Landes der Präsident Sturm, grobzornig und unflätig schimpfend die Bürgermeister von Brackenheim und Weinsberg, schwungvoll pathetisch Moser, doch düster und Weltverachtung in den Mundwinkeln der Konsulent Neuffer. Ja, Neuffer saß nicht mehr auf den Stufen des Throns. Er hatte erkannt: die Macht fuhr nicht brausend und alles niederrennend einher, mit Donner und Blitz und in großem Glanz, wie er es sich vorgestellt; nein, sie war zusammengesetzt aus lauter kleinen Kniffen, sie kämpfte mit lauter schäbigen Tricks und meskinen Mittelchen, kurz, es war um sie nicht besser bestellt als um die Freiheit. Es stank hier wie dort aus tausend Löchern, alles war ekles Flickwerk, Macht oder Freiheit, Absolutismus oder Demokratie, es war nur ein prunkender Mantel, unter dem sich widerliche, kleinliche, alberne Gelüste und Gefühlchen versteckten. Da war es schon besser, auf der Seite zu stehen, auf die man von Geburt geworfen war. Er kehrte finster und menschenverachtend der Sache des Hofs den Rücken und stellte seinen verkniffenen, gravitätischen Fanatismus wieder in den Dienst des Volkes, des Parlaments, der Evangelischen.
Doch ob man ernsthaft sachlich und gewichtig opponierte wie Sturm oder mit düsterem Eifer wie Neuffer oder mit grobem Geschimpf wie die Bürgermeister Jäger und Bellon, es fruchtete wenig. Auf die mannigfachen, umständlichen Reklamationen, Beschwerden, Petitionen, submissesten Vorstellungen des Parlaments kam aus der herzoglichen Kanzlei hochfahrend kurzer oder überhaupt kein Bescheid. Hingegen hörte man von drohenden und gewalttätigen Reden des Herzogs, er wolle ein Bataillon Grenadiere vors Landhaus marschieren und es den Kujonen drinnen machen lassen, wie schon einmal ein Herzog von Württemberg getan. Mehrmals äußerte er, nun werde er bald dieser tückischen und aufrührerischen Hydra den Kopf zertreten. Eine Reklamation des parlamentarischen Ausschusses wegen der Regelung des Pupillenwesens war in besonders scharfen und unklugen Worten abgefaßt. Karl Alexander ließ sich daraufhin von dem Geheimrat Fichtel, der als erster Kenner des Verfassungswesens galt, gutachtlich bestätigen, keine Landschaft dürfe Beschwerden und Gegenvorstellungen erheben, in welchen die Ehrfurcht gegen den Fürsten so außer acht gelassen sei. Der Urheber solchen Schriftstücks verdiene, daß ihm der Kopf vor die Füße gelegt werde. Audienzen landschaftlicher Deputationen beim Herzog hatten keine bessere Folge. Ja, das vierschrötige Gehabe des Bürgermeisters von Brackenheim erbitterte Karl Alexander einmal derart, daß er auf den Mann losging, ihm mit dem flachen Degen seine Untertanenpflicht beizubringen; knapp und mit Mühe konnte der atemlose Deputierte sich retten.
So standen die Läufte, als Johann Jaakob Moser an Stelle des Weißensee in den Elferausschuß berufen wurde. Er war der Jüngste im Ausschuß, doch trotzdem er erst im Anfang der Dreißig stand, ein umgetriebener Mann; hitzig, wichtigmacherisch, mit einem Abenteurerhang zum Wechsel, ein Liebhaber rascher, großer Worte und pathetischer Gesten, sehr geübt mit der Feder, ein leidenschaftlicher Publizist. Von frühester Jugend an hatte sich der rastlose Mensch mit massenhaftem Wissen vollgestopft. Mit siebzehn Jahren schon hatte er Diskurse drucken lassen, mit neunzehn hatte er sich dreist und voll flinken Selbstbewußtseins an den Herzog Eberhard Ludwig herangemacht und war außerordentlicher Professor in Tübingen geworden. Mit zwanzig Jahren wechselte er hinüber an den Wiener Hof, wurde Regierungsrat, pürschte sich an den Kaiser heran. Um sich vor Zwischenträgereien zu sichern, rief man ihn nach Württemberg zurück. Es war indes mit dem starren und anmaßenden Mann nicht auszukommen, er ging nach Preußen, wurde Rektor der abgelegenen und vernachlässigten Universität Frankfurt an der Oder, warf das undankbare Amt sehr bald wieder hin und kehrte unter Karl Alexander nach Stuttgart zurück. Während dieser Jahre schrieb und redete er immerzu und in großen Massen, es gab kein Ding des Tages und der Ewigkeit, daran er nicht seine Rede und seine Feder geübt hätte. Bei alldem fand er, Skeptiker zuerst, dann Deist, noch Muße, erweckt zu werden und sich in die Reihe der Luther, Arndt, Spener, Francke zu stellen.
Er hatte durch sein rasches und kühnliches Zupacken im Stettenfelser Handel groß Aufsehen erregt und fühlte sich jetzt als berufener Erlöser Württembergs. Er beschloß, vertrauend auf seine Rhetorik, ganz einfach und schlechthin, wie Nathan der Prophet zu David, zum Herzog zu gehen und dem Fürsten kraftvoll und dringlich als Mann zum Mann ins Gewissen zu reden. Ueberzeugt von der Macht und dem Eindruck seiner Persönlichkeit erbat er sich also Audienz und ging, ausgezeichnet disponiert, publizistisch, advokatisch, prophetisch in bester Form, zum Herzog, geschwellt und in hoher Stimmung, wie ein Komödiant sich auf eine gut geübte Rolle freut, die ihm liegt. Doch die Audienz verlief unerwartet. Karl Alexander empfing ihn in Gegenwart des Süß. Moser ließ sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Er sprach gelehrt, gründlich, mit Ueberzeugung, brachte moraltheologische Argumente, Exempel aus der heiligen, der antiken, der neuen Geschichte, mischte Staatsrechtliches mit Praktisch-Billigem, brachte Vergleiche aus der Natur, kurz, er fand sich hinreißend. Der Herzog und der Jude hörten aufmerksam zu; ja, als dem im Eifer Hin- und Herschreitenden ein Sessel im Wege stand, rückte der Herzog eigenhändig ihn weg, damit Moser nicht behindert sei. Doch als der Publizist nach etwa zwanzig Minuten innehielt, den einen Arm rund und mit schöner Geste erhoben, klopfte der Herzog ihm auf die Schulter und sagte anerkennend: „Wenn das Kind, das die Herzogin erwartet, ein Junge wird, muß Er ihm die Rhetorik beibringen.“ Süß hingegen machte etliche Anmerkungen über den Unterschied in der deutschen und der welschen Deklamation. Und als der schwitzende Publizist von dem schmunzelnden Karl Alexander verblüfft entlassen war, mußte er sich gestehen: „Armes Land! Armes Vaterland! Dir kann selbst ich nicht helfen.“
Der Würzburger hatte also alle Ursach zu heiterster Laune, als er jetzt in Stuttgart einzog. Die Taufe des schwäbischen Erbprinzen unter so günstigen Auspizien war ein Triumph der katholischen Sache weit über die württembergischen Grenzen hinaus. Sie wurde denn auch mit den größten Feierlichkeiten und unter solennem Zustrom katholischer Fürsten und Herren vollzogen. Der Papst ließ bei diesem Anlaß durch einen Sondergesandten die Herzogin mit dem Ritterkreuz des Maltheserordens schmücken. Nur zwei Damen außer ihr besaßen diesen Orden, die Königin von Spanien und die Fürstin Ucella in Rom.
Marie Auguste lag ziervoll, das Pastellgesicht ganz durchsichtig, in ihrem mächtigen Prunkbett. Das Amulett des Süß mit den primitiven, bedrohlichen Vögeln und den blockigen, unheimlichen Buchstaben lag trotz des Verbots ihres Beichtvaters unter ihrem Kopfkissen; sie lächelte spitzbübisch, wenn sie dachte, wie der wohl, wüßte er es, wütete. Sie war fest überzeugt, nur das Amulett habe sie gerettet; denn die Entbindung war langwierig und schmerzhaft gewesen. Jetzt, nachdem die Geburt vorbei war, fürchtete sie sehr, sie möchte dauernd entstellt sein, und die Medici Doktor Wendelin Breyer und Doktor Georg Burkhard Seeger mußten ihr immer wieder versichern, daß keinerlei Narben und silberne Furchen den Körper Ihrer Durchlaucht verunzieren würden. Mehr aber als auf die Aerzte hörte sie auf die Beruhigungen der alten Barbara Holzin, die ungeheuer kundig und autoritativ die Aussagen der Aerzte bestätigte. Im übrigen fand Marie Auguste die Situation höchst komisch. Sie betrachtete neugierig und amüsiert dies Menschlein, das sie zur Welt gebracht. Sie hatte also, ei, ei! dem Land einen Erbprinzen geschenkt, sie beschaute sich neugierig in dem Spiegel mit dem mächtigen Rand von getriebenem Gold: nun war sie demnach im wahrsten Sinn Landesmutter. Kurios war das, kurios. Karl Alexander wußte nicht recht, was er sagen solle; er überhäufte sie ziemlich wahllos mit Geschenken, die mehr den guten Willen als den Takt des Spenders verrieten. Dann, als sie Besuche empfangen durfte, schickte sie die fließenden Augen über Remchingen, über Riolles, weidete sich an der Unbeholfenheit der Herren, die, Kindern sehr fremd, sich mühsam bewundernde Phrasen über den Säugling abzwangen.
Es taufte aber der Fürstbischof von Würzburg den Erbprinzen von Württemberg und Teck, Erbgrafen von Mömpelgard, Erbgrafen von Urach, Erbherrn von Heidenheim und Forbach usw. usw., auf den Namen Karl Eugen.
Und es krachten die Böller, es läuteten die Glocken. Galatafel, Feuerwerk. Braten wurde gegen einen Glückwunsch, gegen ein Vergelt’s Gott Wein verschenkt. Und so sehr das Volk über den katholischen Erbprinzen fluchte, war doch schon am frühen Nachmittag kein Bissen Braten, von den zahllosen ungeheuren Fässern kein Schlückchen Wein mehr da.
Süß hielt sich während dieser Feierlichkeiten sehr im Schatten. Früher hatte er sich auf jede Art an den Bischof und die Würzburger Herren herangemacht; nun schien es beinahe, als meide er sie mit Absicht. Das katholische Projekt, jetzt ausschließliches Zentrum der schwäbischen Politik, lag ganz in den Händen der Würzburger Diplomaten und der Militärs. Hatten sich die Herren darauf gerüstet, den Finanzdirektor nur mit Mühe und unter allen möglichen Tifteleien und Vorwänden auszuschalten, so sahen sie jetzt verwundert, daß er allem, was mit dieser Frage zusammenhing, sorglich auswich. Sie verstanden das nicht, sie glaubten an eine Finte, vermuteten, der Jude intrigiere direkt beim Herzog. Doch auch zu Karl Alexander kam Süß nur, wenn er gerufen wurde. Der Herzog war ungnädig, daß er in der peinlichen Eßlinger Affäre zum Spott des ganzen Reichs dem Juden seinen Willen hatte tun müssen, er zeigte dem Süß bei jeder Gelegenheit ein verdrießlich abweisendes, gereiztes Gesicht; doch der, ganz gegen seine Art, blieb zurückhaltend und gelassen, tat nichts, um die alte Vertraulichkeit des Fürsten wiederzugewinnen.
Er beschränkte sich streng auf die Verwaltung der Finanzen. Früher hatte er, da schließlich alles an irgendeinem Faden mit Geld zusammenhing, in der Eigenschaft des Finanzdirektors jedes kleinste Rädchen des Regierungsapparates kontrolliert; nun wies er fast alles, was man ihm vorlegte, zurück als nicht in sein Ressort gehörig. Die Männer der Regierung betrachteten ihn mit Mißtrauen, schnüffelten nach seinen heimlichen, gefährlichen Motiven, fühlten sich unbehaglich in der Erwartung, solche scheinbare Untätigkeit sei nur Vorbereitung eines großen Coups.
Wenn der Herzog nicht wie schon einmal die Zurückhaltung des Juden durch Stockung des Geldzuflusses empfindlich spüren mußte, so dankte er dies dem kurpfälzischen Rat, den er jetzt ständig in seiner Umgebung hielt, dem Dom Bartelemi Pancorbo. Wild zupackend stürzte sich der hagere Mann mit dem blauroten, fleischlosen Gesicht auf alles, was Süß aus den Händen ließ, hakte sich fest, drohend, wie für die Ewigkeit, auf jeden Platz, den jener freigab, schlang gierig, wovon jener die Zähne löste. Die schwierige, sehr komplizierte und verästelte Finanzierung des katholischen Projekts besorgte er fast ganz allein; damit glitt ihm die Oberleitung der Staatsgeschäfte in die Hand. Ja, er drang ein in den eigentlichsten Fug und Besitz des Juden. Da war etwa die Sache mit dem Tabaksmonopol. Auf Betreiben des Süß hatte nach mannigfachen halben Experimenten eine jüdische Sozietät in Ludwigsburg eine Tabakfabrik gegründet. Die Gesellschaft arbeitete mit großen Mitteln und auf weite Sicht, errichtete Filialen in Stuttgart, Tübingen, Göppingen, Brackenheim, griff über die Grenzen hinaus. Dom Bartelemi Pancorbo, Inhaber des kurpfälzischen Tabaksmonopols und Sachverständiger in diesen Fragen, maulte vor dem Herzog, die Abgabe, die diese Juden entrichten müßten, sei viel zu niedrig, bot mehr. Süß wich kampflos, auf den ersten Anhieb, entschädigte mit großen Opfern die jüdischen Sozietärs, überließ die wohleingerichtete Fabrik dem erstaunten, grinsenden Portugiesen.
Auch die Geselligkeit, die früher so wild um ihn wirbelte, ließ er abflauen. Es kam jetzt vor, daß er einen Flirt begann und ihn vor dem Ziel müd und gelangweilt abbrach. Unter den zahllosen Frauen seines Bettes, die er verlassen, die er zum Teil vergessen hatte, waren welche, die in jeden Spott einstimmten, der ihn ankotete; welche bewahrten das Erlebnis als etwas Kitzelndes, Verboten-Köstliches wie wohl einen Schmuck, den man, ach! nur in verschlossener Kammer vor dem Spiegel antun darf, und sie schwiegen, sprach man von ihm; welche standen an seinem Weg, wenn er vorüberritt, lächelten großäugig, standen, bis er außer Sicht war, und sie trugen es ihm nicht nach, daß er sie so bald weggeworfen, sie dankten ihm täglich für jene kurzen Stunden, sie bewahrten die Worte, die er wer weiß wie vielen gesagt und längst vergessen hatte, als teuersten Besitz.
Um jene Zeit bekam Josef Süß Augen für seinen Diener und Sekretär Nicklas Pfäffle. Er hatte den fetten, gleichmütigen, langsamen und unermüdlichen Burschen immer gut gehalten, wie man eben einen so ungewöhnlich verwendbaren und zuverlässigen Menschen hält. Aber daß dieser Mensch außer seiner Verwendbarkeit und Zuverlässigkeit auch noch andere Eigenschaften hatte, daß er Regungen und Erlebnisse hatte, die sich nicht auf seinen Herrn bezogen, dies durchzuspüren, nahm sich Süß jetzt zum erstenmal die Mühe. Er sprach darum nicht viel anders zu Nicklas Pfäffle. Es wäre untunlich, ja ganz unmöglich erschienen, zu dem blassen, fetten Burschen ein Wort über das Sachliche und Notwendige hinaus zu sprechen. Aber sein Ton war anders zu ihm, seine Augen gingen anders zu ihm, seine Haltung war vom Menschen zum Menschen.
Auch die Stute Assjadah spürte, daß ihr Herr als ein anderer auf ihr saß. Vielleicht ritt er jetzt nicht mehr in so großem Glanz als früher, vielleicht fühlte man rings im Volk, daß seine Hand nicht mehr die einzige war am Hebel des Regiments; aber die Stute Assjadah spürte, daß sie ihm jetzt anderes war als sein Kleid und sein Schmuck und Hausrat, daß er jetzt ihre Augen sah, daß er jetzt merkte, wie Ein Leben floß in ihm und ihr.
Kurz nach der Affäre mit dem Tabaksmonopol, während man in Stuttgart und Ludwigsburg fieberhaft an der Exekution des katholischen Projekts arbeitete, mit den anderen katholischen Höfen und Herren zettelte, Militärkonventionen schloß, bei Kaiser und Reich die Landschaft ins Unrecht zu setzen, die evangelischen Höfe zu begütigen suchte, während Pancorbo, nach neuen Geldquellen spähend, immer mehr in die Bezirke des Juden eindrang, zog sich der rätselvolle Mann plötzlich aus allen Geschäften zurück, nahm Urlaub, betraute mit der Wahrung des Wichtigsten den Nicklas Pfäffle, verließ mit unbekanntem Ziel und ohne jede Begleitung die Hauptstadt.
Er fuhr nach Hirsau. Er kam sich auf dieser ungewohnt einsamen Fahrt ungeheuer edelmütig und erhaben vor. Zu denken, daß er mit einem einzigen Wort, mit einer einzigen Enthüllung den Herzog ganz für sich gewinnen, sich in die Mitte des katholischen Projekts setzen, die hämischen, triumphierend grinsenden Nebenbuhler an die Peripherie zurückwerfen könnte. Zu denken, daß er einfach die Hände aufmachte, das mühsam Errungene, Einzigartige, letztes, sehnlichst erahntes Ziel aller Welt, wie Wegwurf fallen ließ. Wie edel war er, wie jenseitig, wie opferfroh! Er legte Ernst, Weltabgewandtheit, priesterhafte Getragenheit über sein Gesicht, er befahl seinem flinken, eleganten Körper, würdevoll langsam zu sein, seinen fliegenden, rastlosen Augen, ernst und sinnierend zu schauen.
Wählte er sonst für seine Besuche Zeiten, in denen er den Kabbalisten fern glaubte, so suchte er jetzt seine Gegenwart. Die verströmende Hingabe des Kindes schien ihm selbstverständliche, fast geschuldete Gegengabe des Schicksals. Naemi, obzwar ihr Gesicht, Stimme, Haltung des Vaters schon bei seiner ersten Ankunft die Verdächtigungen des Magisters doppelt leer und haltlos hatten erscheinen lassen, war durch seine neue Maske leicht verwirrt. Sie sah den Vater als Simson, der die Philister, als David, der den Goliath erschlägt. Sein neues Antlitz stimmte nicht recht dazu, und wenngleich nur flüchtig, so doch wieder und immer wieder drängte sich kitzelnd und beklemmend jenes Gesicht vor, da an dem reichen Haar Absalom im Geäst hängt, und seine Züge sind die Züge des Vaters.
Süß war sehr gekränkt; daß der Kabbalist ihm nicht die Achtung und Würdigung zeigte, auf die er jetzt doch offenbar Anspruch hatte. Einmal sagte ihm Rabbi Gabriel: „Du hast erkannt, daß du den Weg suchen mußt; das ist etwas. Aber du hast noch nicht den Weg.“
In der Stille des weißen Hauses mit den Blumenterrassen nahm Süß das Schicksal seines Vaters in die Hand, beschaute es, drehte es hin und her. In der langen Weile überkamen die alten Anfechtungen den rastlosen Mann. Wenn er nun zu seiner väterlichen Herkunft sich bekannte, wer durfte ihn darum tadeln? Er hatte zur Genüge gezeigt, daß er demütig sein konnte: hatte er nicht nach solcher Probe das Recht, aus der Demut aufzutauchen in den Glanz, der ihm rechtens zustand? Wenn er jetzt die Stricke zerschneidet, die ihn immer wieder hinunterreißen wollen zu den Verachteten, kaum daß er eine Sprosse aufwärts klomm? Wenn er den Schmutz und den Ekel und die Verachtung der Menge abstreift, die als an einem Juden an ihm kleben? Wenn er sein schönes Kind an der Hand nimmt, aus der Vermummung schlüpft wie der arabische Kalif und strahlend, daß ihnen das Grinsen stirbt, unter seine frechen Gegner tritt, nicht nur an Genie ihr Erster, nein, Christ auch und Edelmann von Geburt?
Hochmütig steilten die Tulpen in seine Träume, ein weißer, besonnter Würfel lag das Haus. Flüchtig schatteten hinter seinen Erwägungen die seltsamen Formen der magischen Figuren, die blockigen hebräischen Buchstaben, schematisch stand der himmlische Mensch, es blühte der kabbalistische Baum.
Sein Vater. In Braus gelebt, in Schmach verkommen, im Kloster gestorben. Je nun, ihn hatte das Glück verlassen, das Leben von sich gestoßen, er war ohne Erfolg. Was blieb ihm übrig als nach seiner Seele zu jagen? Wer keinen Erfolg hatte, der mußte sich wohl verkriechen und nach innen schauen. Bei ihm, Süß, lagen die Dinge anders. Er hatte Erfolg. Ihm schmiegte sich das Leben, schmeichelte ihm, duckte sich ihm, unterworfen, gezähmt.
Er sah auf. Der Oheim stand vor ihm. Ei, hatte er ihn ertappt? Der Schleicher, der Spionierer, der nach jedem Gedanken jagte, den er einem höhnisch hinhalten konnte. Ach, er wird nie mehr so unbeschwert leben können wie früher. Wenn er es täte, was doch nur natürlich und sein gutes Recht wäre, wenn er sich als Christ bekennte, immer würde er die Verachtung dieses lächerlichen, schlecht angezogenen Mannes eisig im Nacken spüren. Oh, leben können wie früher! Den Tag nehmen, wie er fällt! Wozu diese albernen, überflüssigen Grübeleien? Wenn er sie nur herausbrächte aus dem Blut, die giftig-süße, faulige Lockung, die aus dem Hause drang, von Jenseitigem und Demut und Verzichten.
Naemi kam. Und rasch flüchtete er sich in seine Maske von Stille und Getragenheit.
Während er so hin- und hergerissen wurde zwischen sich krampfender, prahlerischer Demut und zappelndem Tat- und Ehrhunger, langte unvermutet Nicklas Pfäffle an. Berichtete, eine herzogliche Kommission habe Bücher und Kassen des Süß beschlagnahmt, sie zu revidieren. Der Finanzdirektor sei verdächtigt, in amtlichen und privaten Affären formidabel defraudiert zu haben, peinliche Untersuchung sei angeordnet.
Die Feinde des Süß hatten seine Abwesenheit zu einem weiten Vorstoß genützt. Freunde, auf die er sich verlassen konnte, hatte er kaum mehr. Der Hofkanzler Scheffer, der Geheimrat Pfau waren offen zu der katholischen Militärpartei übergetreten und attackierten ihn in aller Oeffentlichkeit. Der Domänenpräsident Lamprechts zog seine Jungen als zu erwachsen aus dem Pagendienst bei ihm zurück. Remchingen, die beiden Röder, der General und der Major, die Obersten Laubsky und Tornacka, der Kammerdiener Neuffer lagen dem Herzog ständig mit Verdächtigungen des Juden in den Ohren. In der Umgebung Karl Alexanders nahmen nur Bilfinger und Harpprecht nicht an dem Treiben teil. Ihnen waren die jesuitischen Sendlinge noch mehr zuwider als der Jude.
Nun hatte Dom Bartelemi Pancorbo seit langem den Juwelenhandel des Süß genau überwacht. Er legte dem Herzog dar, der Jude mache alle Einkäufe auf dem Juwelenmarkt im Namen des Herzogs. Es seien aber hier die Preise sehr variabel; fielen sie, so erkläre, oft noch fast ein Jahr später, Süß die zu teuer gekauften Steine als Eigentum des Herzogs; stiegen sie, so halte er sie als sein Eigentum. So also, daß der Jude das ganze Risiko auf den Herzog abwälze, den Verlust den Fürsten tragen lasse, den Profit für sich einsacke. Allein zum großen Verdruß des Portugiesen machten diese Feststellungen auf Karl Alexander weiter gar keinen Eindruck; er meinte gleichmütig, dafür sei Süß eben ein Jud, im übrigen werde er künftig mehr auf der Hut sein. Weitere Konsequenzen zu ziehen war er durchaus nicht geneigt.
Merkwürdigerweise war es eine ganz belanglose Maßnahme des Süß, über die ihn seine Gegner zu Fall bringen konnten. Der Finanzdirektor hatte das Kaminfegen von Staats wegen geregelt dergestalt, daß gegen eine zu entrichtende Pauschalgebühr die Behörde die Reinigung der Schornsteine übernahm. Diese Anordnung hatte Gelächter und Unmut erregt, und der Kammerdiener Neuffer spielte Karl Alexander ein Pasquill darüber in die Hände, ein greulich illustriertes fliegendes Blatt mit dem Titel: „Untertäniges Danksagungskompliment sämtlicher Hexen und Unholde an seine jüdische Hexelenz Jud Josef Süß Oppenheimer, im Namen aller aufgesetzt und überreicht von gesamter nachtliebender Sozietät Urgroßmutter, der Zigeunerin in Endor.“
Während der Herzog dieses Blatt las, überkamen ihn die alten Gesichte. Er sah sich schreiten in jenem rätselhaften, gebundenen Tanz, er hörte die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus, er hörte, hörte körperlich, sein Schweigen, sah das Verschwiegene auf sich zukriechen, vielarmig gestaltlos. Er wollte los aus dieser verdammten Hexerei. Warum hielt er denn den Juden? Er hatte doch bloß Spott und Schererei von ihm. Rot angelaufen, schnaubend, den einen Fuß stark lahmend, stapfte er hin und her. Er wollte es ihm zeigen, dem Filou und Schelmen mit seiner Gaunerei und schwarzen Kunst. Heiser noch und wütend diktierte er die Ordre, die die Untersuchung und genaue Prüfung der Rechnungen und Bücher des Finanzdirektors befahl.
Und es lief der Hofkanzler, es liefen die Generäle, es lief der Portugiese, reckte über der Krause den dürren Hals, hackte zu mit dem entfleischten, blauroten Kopf. Eifrig hockten die Revisoren, schwitzend, vertieft, spähten durch die Brillen, ließen ihre Kiele rascheln übers Papier. Rechneten, luchsten, witterten. Bauten Säulen von Ziffern, Wälder von Ziffern. Schütteten sie aus, klaubten sie wieder zusammen. Spähten, schnüffelten, schwitzten.
Unterdes raste auf gehetzten, auf jeder Station gewechselten Gäulen der Finanzdirektor nach Stuttgart. Diese Inquisition gegen ihn, dieser Stoß und Sturz war ihm ein Wink. Das Glück, das Fatum wollte gepackt, wollte gezwungen sein. Sowie man es nicht umklammerte mit allen Sinnen, sowie man nicht unverrückt Gemüt und Willen darauf richtete, lockerte es, löste es sich. Hätte das Gesindel in Stuttgart nicht seine Lässigkeit gespürt, nie hätten sie den frechen, plumpen Angriff gewagt.
So war er in der ersten Wallung gleich nach der Meldung des Nicklas Pfäffle stürmisch aufgebrochen. Nicht sah er mehr das steinern massige Gesicht des Oheims, dachte mit keinem Gedanken mehr, ob aus den trübgrauen Augen Spott oder Gram auf ihn schaute, wischte flüchtig und rasch die Trauer des Mädchens aus seinem Sinn. Eines nur dachte er, zu Pferde, im Wagen, drehte es hin und her von allen Seiten: Was tun? Was jetzt tun? Dumm war ja, hirnrissig, was seine Gegner da gemacht hatten. Ihn für einen solchen Esel zu halten, daß man aus seinen Schriften ihm die geringste Unregelmäßigkeit nachweisen könnte! Tapsig sind diese Gojim, ohne Nase, ohne Witterung. Er mußte lächeln: nein, zu denen gehörte er wirklich nicht.
Er kalkulierte. Man wird also nichts finden. Was wird man dann tun? Eingestehen, daß man ihm unrecht getan hat? Niemals. Man wird bei irgendeiner formalen Niaiserie einhaken, ihm wegen eines an den Haaren herbeigezerrten Formfehlers einen sanften Verweis erteilen. Ihm ernster zu Leib zu gehen, hatte wohl auch Karl Alexander nie beabsichtigt. Eine Lektion wollte man ihm erteilen, ihm zeigen, daß er sich nicht zu sicher fühlen möge. Man wird es also bei einer milden Rüge bewenden lassen. Für ihn dann wäre das klügste, dem leicht gereizten Herzog äußerlich recht zu lassen, solchen sanften Tadel still einzustecken, dann aber die Affären fest mit beiden Händen zu packen, den Feinden heimzuzahlen, mit allen Mitteln sich in das katholische Projekt zu drängen.
Da war es schon wieder: warum dann nicht gleich seine Geburt ausspielen?
Nein, nein, das alles wäre dem früheren Süß angestanden. Wie er jetzt war, umsäumt mit Demut und Weltüberwindung, mußte er es anders halten. Wohl war dieser Einbruch der Feinde in seine Geschäfte und seine Papiere Wink und Zeichen. Aber nicht er ließ sich vom Glück auf die Probe stellen. Gefehlt! Er selber wird das Fatum zwingen, sich zu entschleiern, die festverschlossenen Lider aufzuschlagen.
Klar formte sich ihm, während schon die Pferde in Sicht der Hauptstadt dahinhetzten, sein Entschluß. Jeder Schritt seines Weges, jedes Wort, das er sprechen wollte, lag deutlich vor ihm. Nicht klug sein wird er, nicht geschäftstüchtig, nicht politisch. Das Schicksal herausfordern wird er. Zum Herzog gehen, seine Entlassung verlangen. Gibt sie der Fürst, gut, dann hat das Fatum gesprochen. Resignieren wird er dann, in der Stille leben irgendwo, sich versenken wie sein Vater. Hält ihn der Herzog, dann, ja dann –: als der Feind wird er dann leben, als der Rächer. Denn dann wird er sich die Demütigung bezahlen lassen. Die Hand den Feinden an den Hals! Zudrücken! Würgen! Pressen!
Bei Hof hatte man erwartet, Süß werde sich verteidigen, geschmeidig, vielwortig, advokatisch; oder auf seine Meriten hinweisen, pathetisch seine Unschuld beteuern; oder um sich schlagen, wüten. Nichts dergleichen. Gelassen ging er zum Herzog. Erwiderte auf die kollernden, polternden Vorwürfe des Tobenden mit keiner Silbe. Bat, als endlich der Herzog verschnaufend einhielt, in ruhigen, gesetzten Worten um seine Entlassung. Für allenfallsige Fehlbeträge hinterbleibe haftend sein gesamtes liegendes und mobiles Vermögen. Dem erst sprachlosen, dann sinnlos schimpfenden, wutlallenden Herzog wiederholte er höflich und steinruhig sein Verlangen. Da Karl Alexander hinkend, mit gehobenem Arm auf ihn eindrang, ging er, in bestimmten Worten auf rasche Verbescheidung seines wohlüberdachten gehorsamen Wunsches drängend.
Die Ankläger vor sich rufen ließ Karl Alexander. Fragte, die Stimme gepreßt vor Wut, ob sie Beweise gefunden hätten. Ueberhäufte, stimmlos keifend, die Stammelnden, Ausweichenden, Schlotternden mit wüsten, kotigen, pöbelhaften Schimpfworten. Im Arsch habe der Jud mehr Gehirn als sie in ihren Schlammschädeln. Er begreife nicht, wie er auf ihre ohnmächtig neidischen, hirnrissigen, blöd giftigen Stänkereien habe hereinfallen können. Was ihm der Jud lieber sei als sie saudummen Christenschelmen.
Mürrisch schickte er dem Süß die Akten zurück nebst einem riesigen Douceur und Schenkbriefen auf reiche Liegenschaften. Fahl in ihre Winkel krochen die Feinde. Fast ohne Kampf gewann sich Süß die verlorenen Positionen zurück. Dem katholischen Projekt hielt er sich noch immer fern; aber in jedem andern Bereich wieder drängte er zu, griff zu, wo man an seine Interessen streifte.
Da saß er nun in der alten Macht, straffte die Zügel, und jeder im Herzogtum spürte seine Hand. Was in der Zwischenzeit geschehen war, wurde überprüft, korrigiert. Die Kaminfeger-Verordnung, schon zurückgezogen, wurde nun doch Gesetz; die fliegenden Blätter verschwanden, nur heimlich im Abort des „Blauen Bocks“ zeigte der Konditor Benz seinen Vertrauten das Dankschreiben der nachtliebenden Sozietät an Seine jüdische Hexelenz. Auch der Domänenpräsident Lamprechts schickte seine Söhne wieder in den Dienst des Juden; er hatte es sich anders überlegt, sie waren doch nicht zu alt.
So schien äußerlich die Stellung des Süß in Stuttgart wie früher. Auch trieb er wieder die brausende Geselligkeit von eh. Doch war er herrischer, minder liebenswürdig. Er leistete sich bissige, schädliche Witze, hielt auch nicht still, wenn man sich auf seine Kosten erlustierte. Den General Remchingen, als der ihn einmal in seiner gewohnten Art wegen seines Judentums gröblich verschimpfierte, sah er an von oben bis unten, von unten bis oben, und als vor seinem seltsam dringlichen, drohenden Blick dem General das Grinsen verging, lachte ihm plötzlich der Jude seinesteils greulich und unheimlich ins Gesicht.
Marie Auguste konstatierte bedauernd, daß ihr Hausjud bei weitem nicht mehr so nett und amüsant sei. Ach, es war so vieles weniger amüsant geworden!
Auch die Beziehungen zwischen dem Herzog und Süß hatten sich geändert. Karl Alexander war sehr häufig mit ihm zusammen, zeigte ihm, sein Mißtrauen wettzumachen, dicke Gunst und Gnade. Aber oft sagte er sich, es wäre eigentlich besser, des Juden ledig zu sein. Wenn er gleichwohl nichts dazu tat, so schob er es auf Befürchtungen, Süß wisse zuviel, könne ihn zu leicht kompromittieren; auch wäre es töricht, ihn, nachdem er sich dermaßen am Land gemästet, mit allem Fett aus den Grenzen zu lassen. Er gestand sich nicht, daß, was ihn an den Juden band wie das, was ihn abstieß, viel tiefer und unheimlicher in seinem Blut lag.
Auch jetzt geschah es wohl, daß Süß plötzlich die Hände fallen ließ, in sich versank, in rätselvoller Gelähmtheit weitab war. Dann streckte wohl aus dem Winkel, in den er ihn gescheucht, Dom Bartelemi Pancorbo den zerdrückten, blauroten Kopf, schickte hinter faltigem Lid das Aug nach dem Solitär an des Juden Hand. Blinzelte, krümmte die Finger zum Griff. Doch er war sehr vorsichtig geworden und begnügte sich, zu äugen und zu tasten.
Marie Auguste stand vor dem Spiegel, nackt, reckte sich, beschaute sich. Angstvoll, genau, Zug um Zug, Glied um Glied. Atmete auf, lächelte. Nein, nein, sie war heil geblieben, sie war nicht entstellt. Sie war glatt und glau und rank wie früher. Mit den kleinen, fleischigen Händen tastete sie, knetete sie an ihrem Leib. Oh, er war weich wie früher und doch fest. Mit den länglichen Augen prüfte sie ernsthaft und schonungslos den kleinen, eidechsenhaften Kopf im Glas. Die Beschwerden der langen Schwangerschaft, die wilden Qualen der Entbindung hatten keinen Zug und keine Zerrung hinterlassen. Klar und leicht und ohne Runzel rundete sich unter dem strahlend schwarzen Haar die Stirn, keine Falte schnitt von dem Backen herunter zu den sehr roten Lippen. Sie hob, die nackte Frau, mit halb hieratischer, halb obszöner Gebärde beide Arme eckig zum Kopf, daß das schwarze Gekräusel in den Achseln sichtbar war, und feucht atmend, lächelnd, schritt sie mit biegsamen Schritten, tanzend fast, durch das Zimmer. Oh, noch glitt sie wie fließendes Wasser über die Erde, noch spielten ihr gehorsam und wie von selbst alle Glieder schmiegsam ineinander. Und sie dehnte sich wellig und sie lächelte tiefer und der Tag lag blau und schwerlos vor ihr.
Doch in der nächsten Nacht schon schlich die gleiche Angst sie an, kroch heran, umklammerte sie immer fester, atemklemmender. Und den andern Tag stand sie noch länger vor dem Spiegel, prüfte sie noch länger jede Biegung ihres Leibes, Fleisch und Haut. Eine krankhafte, grauenvolle Furcht vor dem Altern war in ihr. Es war nicht auszudenken, daß dieses Haar verfärben, diese Haut verrunzeln, dieses Fleisch vermürben sollte. Sie wird mühsam einherhumpeln, hüsteln, spucken, die Männer werden froh sein, wenn sie die zeremoniösen Handküsse und Konversationen hinter sich haben, die Frauen sie nicht beneiden. Ihre Augen schleierten sich, wenn sie es dachte; sie war vergiftet mit solchen Vorstellungen.
Erwog sie, daß das Kind ihr Welken beschleunigte, so ärgerte sie sich über den Säugling. Er war ihr fremd, er war durchaus kein Teil von ihr, es war unbegreiflich, daß das da einmal in ihrem Leib sollte gewachsen sein. Es war ein großes, gesundes Kind, vom Vater hatte es die starke Nase, die wulstige Unterlippe; trotzdem sah es hübsch und geweckt aus. Man versicherte Marie Auguste, das Kind stehe ihr sehr gut, sie gebe als Mutter ein scharmantes und zärtliches Bild, aber sie konnte Tieferes für den Säugling nicht fühlen als etwa für den kleinen modischen Pinscher, von dem sie wußte, daß er hübsch aussah, wenn er unter dem Saum ihres weiten Rockes vorlugte.
Ihr Tag war wie früher bis zum Rand gefüllt mit bunter, lärmvoller Heiterkeit. Aber sie war jetzt fahriger, nervöser. Herr von Riolles begann sie zu langweilen, auch war sie seinen spitzen Geistreicheleien nicht mehr recht gewachsen, der Jude war weniger amüsant und fügte sich nicht mehr so in jedes Spiel, Remchingen mit seinen plumpen Zoten widerte sie geradezu an. Dafür zog sie jetzt den Deputierten Johann Jaakob Moser in ihren Kreis und wandte alle Mittel an, die Omphale dieses stattlichen, pathetischen, feurig von sich überzeugten Publizisten zu werden.
Für den Regierungsrat war das ein großes Glück. Wenn auch der Herzog und Süß, nobel genug, seine Niederlage still für sich ausgekostet und nichts davon weitergeschwatzt hatten, so war doch sein Selbstbewußtsein arg ramponiert. Jetzt unter dem Wohlgefallen und der Gunst der Herzogin richtete es sich auf wie gebeugtes Korn bei der rechten Witterung. Kotz Donner! Er mußte doch ein Kerl sein, wenn jemand wie Marie Auguste, in ganz Europa berühmt um ihre Schönheit, die erste Dame Deutschlands, ihm, dem Gegner, so offensichtlich ihre Huld zeigte. Den Krämerseelen im Parlament mochte es vielleicht nicht ganz eingehen, daß er, der Demokrat, der große Tyrannenhasser, soviel zu Hofe ging. Doch mochten diese Aermlichen denken was immer: er fühlte sich Ulyß genug, der schwäbischen Circe zu widerstehen.
Der imposante, wichtig sich habende, eitle Mann verbrachte also jede Stunde, die er durfte, bei der Herzogin. Er war bei ihrem Lever, er saß, war sie im Bad, auf den Holzbrettern, die, nur den Kopf freilassend, die Wanne bedeckten. Er deklamierte mühelos und feuervoll, die großen Augen seines massigen Cäsarenkopfes blitzten, der Degen schwankte rhythmisch auf und ab, lang hinrollend flossen die Worte aus seinem Mund. So saß er, Schwabens Demosthenes, und sein mächtiger Schädel bebte, daß die Perücke stäubte. Er perorierte der Herzogin von allem Möglichen, er las ihr Manuskripte vor, für Zeitschriften bestimmte, und größere Werke und Broschüren, theologische, juristische, nationalökonomische, Abhandlungen über politische Tagesfragen, doch auch Aesthetisches, Botanisches, Mineralogisches; denn Johann Jaakob Moser war sehr gelehrt. Er rezitierte alles mit dem gleichen Feuer und mit vielem Ausdruck. Gewöhnlich hörte Marie Auguste nicht recht hin; sie ließ sich frisieren, während er sprach, oder maniküren, las wohl auch den Mercure galant; häufig hätte sie nicht sagen können, ob er ihr deutsch vorlas oder lateinisch. Aber das gleichmäßige Geräusch, das dieser Cicero mit solcher Beflissenheit hervorbrachte, ging angenehm ins Ohr, es war auch amüsant, die stattliche, bewegte Statur des erregten, komödiantischen Mannes vor Augen zu haben, und es kitzelte, daß dieser Demokrat und Fürstengegner sie so jungenhaft und gegen sich selber knirschend anschwärmte. Manchmal dann, wenn er seine großen, etwas leeren Augen himmelnd und dringlich auf sie richtete, glitt sie mit langsam fließendem Blick in den seinen und lachte, wenn er, sich rötend, schwerer atmete. Er aber, zu Hause, schilderte umständlich und mit vielen geläufigen Worten seiner Frau die Schönheit der Herzogin, und wie sie offensichtlich Wohlgefallen an ihm finde, wie aber sein Herz gepanzert sei mit dreifachem Erz. Und er warf sich auf die Knie und betete zusammen mit seinem Weib brünstig und in sehr wohlgesetzter Rede, Gott möge ihm auch künftig die Kraft leihen, gegebenenfalls den Mantel im Haus der Herzogin zurückzulassen.
Unter den Frauen schloß sich jetzt wie früher Marie Auguste an eine einzige enger an, Magdalen Sibylle. Ihr schmeichelte sie, schmiegte sich an sie, machte sich klein, sprach zu ihr wie eine dumme, kleine Schwester zu der alles wissenden älteren. Ach, Magdalen Sibylle, wie war sie ernsthaft und gescheit und voll Erfahrung und Gewissen. In ihrem, der Herzogin, kleinen Kopf flatterte alles bunt und wirr durcheinander wie farbige Mücken und alles glitt an ihr ab wie Wasser und nichts haftete. Aber Magdalen Sibylle bewahrte alles, was gesagt wurde und was geschah, sorgsam auf und betrachtete es und gab sich damit ab und verwandelte es in ihr Eigen. Darum war sie auch so schwer von Erlebnissen und Erfahrungen, und sie, die Herzogin, war ganz klein und dumm vor ihr, trotzdem sie doch eine Krone trug und im eigentlichsten Sinn Landesmutter war und sogar Inhaberin des Maltheserkreuzes.
Magdalen Sibylle war mit Zurückhaltung freundschaftlich zu ihr, suchte sich, so gut es gehen wollte, in das wellenhaft wandelbare Geschöpf einzuspüren. Manchmal freilich überkam sie fast ein Grauen vor solch tänzelnder Schwerlosigkeit. War denn diese Frau, an der alles abglitt, Mann, Kind, Land, diese nicht zu haltende, nur ihrer leiblichen Gestalt lebende, war sie denn wirklich, war sie nicht ein Gebild aus Luft, eine Spiegelung, etwas Entwestes, ein farbiger Schatten?
Das große Mädchen mit den bräunlichen, männlich kühnen Wangen war müde geworden. Der tiefe Glanz der blauen Augen, so unwirklich und unwahrscheinlich unter dem dunklen Haar, wurde blasser, die Haltung der straffen Glieder lässiger, fraulicher. Sie hatte sich abgekämpft, sie war niedergebrannt, nun war sie still und nicht mehr geneigt, wild und empört zu lodern.
Sie war durch Demut und Entzückung der Brüdergemeinde gegangen, die Schrift hatte ihr Klang und Sinn gehabt, sie hatte Gott geschaut, die Apostel hatten sich an ihr Bett gesetzt und mit ihr gesprochen. Dann hatte sie im Wald den Teufel gesehen, sie war, Fackel und heiliger Brand, ausgezogen, ihn zu bestehen. Und dann waren der Herzog und der Jud gekommen und hatten wie eine große Schlammflut ihren Garten überschwemmt und verwüstet. Alle Blüte und Frucht und Baum und Grün war tot und verschlammt gewesen, und als die Wasser sich verlaufen hatten, war nichts geblieben als nasser, unfruchtbarer Kot.
Und dann war die Werbung des Süß gekommen. Sie hatte trotz der ersten Enttäuschung ihn für eine große, lebenzeugende Sonne angeschaut und hatte sich ihm ganz erschlossen, alle Poren des Leibes und der Seele ihm willig und mit gewußter, grenzenloser Hingabe geöffnet. Aber er war eine Sonne gewesen, die nicht wärmt und die fahl und mitleidlos und unerreichlich ihre Straße zieht. Sie hatte allen Willen darauf gerichtet, ihn zu begreifen, sie hatte sich mitreißen lassen von ihm, und sie hatte auch, mehr als jeder andere, von seinen Verwicklungen gespürt, mehr verstanden von seiner Isolierung, seinen Kämpfen, seinen Niederlagen, seiner Gelähmtheit, seinem neuerlichen Aufstieg. Aber ihr scheues und ihr offenes Werben um ihn blieb ohne Krone; er war zu ihr von einer sehr höflichen, vertrauensvollen Freundschaftlichkeit, doch alle männliche Glut war verascht.
Sie verzweifelte daran kein zweites Mal; sie beschied sich. Sie ging ihre graue und sonnenlose Straße. Sie überlegte klar, fest, sachlich: sie hätte zur Gutsherrin getaugt, ein großer Landedelmann etwa, nicht sich verschließend vor der Welt, doch am stärksten und sichersten auf seinem Boden, bei seinen Bauern, wäre ihr der Rechte gewesen. Nun hatte sie ein böser Irrstern in die falsche Welt getrieben. Sie selber war nicht schuldlos daran: ungerufen erscheint Beelzebub nicht, wer, wie sie damals im Wald, ihn sieht, der hat sich im Innersten, Verstecktesten nach ihm gesehnt. Sei es wie immer, es war unsinnig, darüber weiterzugrübeln. Jetzt jedenfalls war sie an diesen Hof gebannt, der ihr ein sinnlos wirbelndes Durcheinander bunter Tiere erschien, und der einzige Mensch unter ihnen, zu dem es sie mit tausend Stricken zog, war durch seine höfliche, vertrauensvolle Freundschaftlichkeit ihr ach! tausendmal ferner als damals der Teufel im Wald von Hirsau.
Häufiger wieder ging sie zu Beata Sturmin. Schon war ihr die blinde Heilige kein törichtes, altes Mädchen mehr, die Stille, in der sie selber lebte, war ihr in Gegenwart der gefriedeten, frommen, begnadeten Frau minder kahl und dumpf, ja, manchmal fühlte sie diese Stille fast körperlich wie einen guten, warmen Mantel.
Bei der Beata Sturmin traf sie öfters den Stadtdekan Johann Konrad Rieger, Stuttgarts besten Prediger, und seinen jüngeren Bruder Immanuel Rieger, Expeditionsrat. Johann Konrad, der Prediger, konnte seine flutende Beredsamkeit auch in der ruhigen Stube der Heiligen nicht zügeln. Er war ein gutmütiger, rechtschaffener Mann, aber warum sollte er nicht wuchern mit dem Pfund, damit die Gnade des Herrn ihn begabt? Und er breitete seine schönen, dunkelhallenden Worte vor seine Hörer wie kostbaren Samt, damit sie sich daran ergötzten. Magdalen Sibylle ward durch den beredsamen Mann an Johann Jaakob Moser erinnert, den sie zuweilen bei Marie Auguste traf, und einmal sprach sie auch von dem Publizisten und seiner geübten Rhetorik, harmlos und ohne große Anteilnahme. Aber da schwoll der sonst so gütige Prediger giftig an, er geiferte gegen die satanische Eitelkeit jenes Redners, und wie überhaupt solche profane Rhetorik Blendwerk sei und Erfindung des Teufels, und die blinde Heilige konnte die Wut des Mannes gegen den weltlichen Konkurrenten nur mühsam zähmen, bis er endlich, noch lange nachgrollend, sich beschied.
Immanuel Rieger, der Expeditionsrat, hörte ehrbar und andächtig zu, wenn sein berühmter Bruder sprach. Er war ein kleiner, hagerer, unscheinbarer Mensch; um seinem knabenhaft schüchternen Gesicht ein bißchen Männlichkeit zu geben, trug er der Mode zuwider einen kurzen Schnurrbart. Sehr geneigt, an jedem Menschen nur das Gute zu sehen, betrübte es ihn tief, daß sein Bruder über den allseitig verehrten Publizisten sich derart abfällig äußerte; doch seine Bescheidenheit wagte nicht, seine abweichende Meinung anders als durch leicht wehrende Handbewegungen kundzutun. Es war dem fleißigen und gewissenhaften Beamten ein tiefes, inneres Bedürfnis, es war seine Erholung und einzige Lust, große Männer verehren zu dürfen, und es war nicht sehr schwer, ihm als großer Mann zu gelten. Es gab so viele Leute, die Gott mit hohen Gaben reich begnadet hatte, er sah gerne voll Hingebung und wahrer Bewunderung zu ihnen auf, er war selig, in dem Kreis der blinden Heiligen mit so vielen wahrhaft bedeutenden Männern und Frauen verkehren zu dürfen.
Zu Magdalen Sibylle blickte er in hemmungsloser Verehrung, knienden Herzens empor. Welche Frau! Welche Märtyrerin! Dieses reinste und tugendhafteste Weib des ganzen schwäbischen Kreises, was mußte sie gelitten haben, wieviel tausend Tode mußte sie gestorben sein, als der ketzerische Souverän sein Aug auf sie warf. Sein Aug auf sie warf, eine andere Formulierung wagten seine dreistesten Träume nicht. Und wie würdig trug sie, diese mit allen Wundern des Leibes und der Seele begabte Heilige, ihre Dornenkrone.
Schüchtern wagte der kleine, unscheinbare, schnurrbärtige Herr manchmal ein Wort an sie. Er sprach nicht von seiner ungeheuren Bewunderung, nie hätte er sich des erkühnt, er sprach von einem gemeinsamen Bekannten, dem Magister Jaakob Polykarp Schober in Hirsau. Magdalen Sibylle lächelte ein kleines, zwielichtiges Lächeln. Ach Hirsau! Ach der dickliche, gutmütige, pausbäckige Magister! Der Duft gebratener Aepfel und der andächtige, plärrende Gesang vom Himmlischen Jerusalem floß in ihrer Erinnerung zusammen. Unterdes sprach der Expeditionsrat Rieger weiter von dem Magister, er erzählte bescheiden, umständlich und mit großer Achtung von seinen Poesien, von dem Lied: „Nahrungssorgen und Gottvertrauen“ und auch von jenem andern: „Jesus, der beste Rechenmeister“, und Magdalen Sibylle hörte den ehrbaren Worten des Expeditionsrats still und friedlich zu.
Die grenzenlose, andächtige Verehrung, die aus seinem ganzen Wesen so selbstverständlich zu ihr aufstieg, tat ihr wohl. Ihr Leben bei Hof, auch wenn sie nur die nötigsten Visiten erstattete und empfing, warf ihr zahllose Menschen vor die Augen, die sich vor ihr sehr künstlich und krampfig zierten und vermummten, mit ihrer sehr absonderlichen Stellung nichts anzufangen wußten. Sie war Mätresse des Herzogs und Pietistin und Freundin der katholischen Herzogin, das reimte sich nicht, daraus konnte man nicht klug werden. So stieg aus den Menschen, mit denen sie zusammenkam, ein dumpfes Gemisch von Spottlust und Befangenheit und Unbehagen und frecher Neugier und Servilität zu ihr auf, dergestalt, daß ihr ein unverfälschtes, freies Menschenwort sehr selten ins Ohr klang. Deshalb ging ihr die naive, selbstverständliche Bewunderung des Mannes freundlich ein.
Sie sehnte sich immer mehr nach Ruhe und kleinem Leben. Dem wilden und leeren Getriebe des Hofes, dem glänzenden und aufreibenden Apparat der Macht schrieb sie es zu, daß Süß kein inneres Aug für sie hatte, und dieses höfische Dasein ward ihr mehr und mehr zuwider. Es gor etwas hoch in ihr von dem dumpfen, vererbten Haß ihrer Vorfahren gegen die glänzenden, brausenden Herren; unter den Eltern ihrer Mutter war einer Führer im Aufstand des Armen Konrad gewesen und schmählich hingerichtet worden. Sie richtete ihr Haus vor dem Tor immer schlichter ein, kleidete sich immer fraulicher und bürgerlicher, verschmähte, wo es ging, die Perücke. Karl Alexander, der wenig mit ihr zu reden wußte und sie eigentlich nur mehr deshalb hielt, weil er glaubte, diese Liaison stehe ihm gut und sei populär, sah erstaunt zu, begnügte sich aber, da auch die Herzogin belustigt mehr als chokiert schien, mit verständnislosem Kopfschütteln.
Wer aber Magdalen Sibyllens Verbürgerlichung mit tiefem, machtlosem und erbittertem Kummer sah, war Weißensee. Er war der Tochter nie nahegekommen, ja, das ernsthafte, schwersinnige Mädchen war ihm die Jahre in Hirsau über eigentlich etwas unbequem gewesen. Aber doch war sie seine Erfüllung und heimlicher Stolz. Sie war aus feinerem Stoff als die anderen Menschen, sie war anders, über ihnen. Sie hatte ihre eigene Luft um sich, und selbst der Skeptiker, auch wenn er lächelte, sprach zarter zu ihr und unwillkürlich achtungsvoller. Der sehr kluge und urteilskräftige Mann wußte genau, daß ihm bei aller Begabung letzte menschliche Schwerkraft fehlte, daß er kernlos war; Magdalen Sibylle aber hatte diesen Kern, ihr Schritt, ihr Atem, ihre Stimme hatte jenes natürliche innere Gewicht, er sah in ihr seine Vollendung, daß sie seiner Lenden Kind war, schien ihm Rechtfertigung vor sich selbst. Er wagte an ihr auch keine heimliche innere Kritik. Einerlei, was sie war, ob Dame, ob Heilige, sie war jedenfalls gemeinen Menschen fern und unerreichlich, war anders, Inhalt und Zweck einer höheren, in sich geschlossenen Welt. Als dann der Herzog kam und sie zertrampelte, konnte dies, so sehr es ihn umwarf und aushöhlte, an ihr Bild in seinem Inneren nicht rühren. Sie war in Gestalt eines schwäbischen Mädchens Athena, unter die Sterblichen sich mischend, oder eine Halbgöttin zumindest.
Wie sie aber in Kleidung, Lebenshaltung und Wort mehr und mehr verbürgerte, zerbrach ihm dieser sein liebster Gedanke, seine kräftigste Stütze und bestes Argument gegen Selbstvorwurf und nagendes Nichtgenügen. Oh, diese schien nicht nur, sie war eine Bürgerfrau. Die philadelphische Schwärmerin, die marmorstarre Herzogsmätresse, ihrer Allmacht nicht achtend, mit der Seele auf einem anderen Stern zu Haus, waren Verpuppungen gewesen. Die nüchterne Bürgerfrau, praktisch im Alltag wirkend und an ihm zufrieden, war die ridiküle, endgültige, höchst ordinäre letzte Form und Wirklichkeit. Wäre sie Komödiantin geworden, Vagantin, Herzogin, Hure, Heilige, nichts hätte seinen Glauben an sie entwurzelt. Nur dies Eine durfte nicht sein, in die Reihen der braven, gemeinen, niedrigen, alltäglichen anderen durfte sie nicht zurückschrumpfen, diese Enge, diese schlechte, muffige Luft durfte nicht die ihre sein.
Mit feiner Spürung witterte er, daß auch an dieser nüchtern endgültigen Wandlung Magdalen Sibyllens der Jude schuld war. Auch jetzt nicht überkam ihn billiges Rachegelüst. Nur die Neugier verstärkte sich, die feine, rätselvolle, kitzelnde, bohrende Neugier: Was wird jener tun im gleichen Fall? Wie wird sein Gesicht sich ändern, seine Haltung, seine Hände? Diese Neugier stach ihn spitz, war wellig um ihn, wenn er einschlief, kroch ihm juckend, kratzend vom Kreuz her die Wirbelsäule hinauf, füllte ihn ganz an.
Mit dem Glauben an die Tochter brachen seine letzten Hemmungen nieder. Er hatte damit rechnen müssen, daß seine Stellung bei Hof, seine Teilnahme an dem katholischen Projekt auf die Dauer sich nicht vereinen lassen werde mit der Zugehörigkeit zum engeren parlamentarischen Ausschuß. Aber als man ihn dann, seine Krankheit nutzend, in der mildesten Form aus der Elfer-Kommission ausschloß, wurmte es ihn doch tief und schmerzhaft. Er nahm nun ohne weitere Rücksichten immer offener Partei für die Regierung des Herzogs. Klüger und von feinerer Witterung als der plumpe Remchingen, der gierige Pancorbo, hatte er sich an den Treibereien gegen Süß nicht beteiligt, der scheinbaren Lähmung und Ohnmacht des Juden nicht trauend. So konnte er jetzt am leichtesten die Verbindung zwischen den Trägern des katholischen Projekts und dem Finanzdirektor herstellen, ohne den es nun einmal offensichtlich nicht ging. Er kam im Hause des Süß mit den Kapuzinern aus Weil der Stadt zusammen, auch mit einem italienischen Abbé, einem Abgesandten des Fürstabts von Einsiedeln. Ging Weißensee zu solchen Zusammenkünften, so betrat er zwar das Haus des Süß der Form wegen durch die Hintertür, doch tat er es am lichten Tag und so ostentativ, daß solche Heimlichkeit als Herausforderung wirken mußte. Von den alten Freunden Bilfinger und Harpprecht löste er sich immer mehr; sie sahen ihn ernst, traurig und ohne Haß in heil- und ruchlose Verstrickung sinken.
Enger von Tag zu Tag schmiegte er sich dem Herzog an, nützte jetzt bedenkenlos die seltsame Stellung als illegitimer Schwiegervater. All seine Menschenkunde bot er auf, sich den Launen Karl Alexanders einzupassen, und der Herzog, seinen engeren Ratgebern noch grollend wegen der Intrigen gegen den Süß und vor diesem unbehaglich und ohne die frühere Vertraulichkeit, ließ sich die Schmeichelei und Willigkeit des Weißensee gern gefallen. Viele von den kleinen Diensten, die früher der Jude besorgt hatte, Entlohnung persönlicher Verpflichtungen, Zuführung und Abfertigung von Frauen und mehr dergleichen, nahm nun unmerklich und gewandt der Kirchenratsdirektor auf sich. Der würzburgische Geheimrat Fichtel freute sich, daß sein verehrter Freund nun hemmungslos Hofmann geworden; viel lieber als den zwielichtigen Juden, mit dem man sich so schwer zurechtfand, sah er den von ihm wohlgelittenen Weißensee als Vertrauten und intimsten Begleiter des Herzogs. Er gönnte dem Konsistorialdirektor von Herzen Einfluß und Macht, und oft, wenn er, behaglich den heißen Kaffeetrank schlürfend, mit ihm zusammensaß, gab er ihm, doch nur vorsichtig und indirekt, Winke, wie er solche Vertraulichkeit des Herzogs noch weiter nähren und festigen könne.
Weißensee lenkte, um ihn enger zu fesseln, Karl Alexander auf raffinierte, lasterhaft künstliche Abwege, und der an sich gesunde Mann, der an solchen Genüssen im Grund wenig Geschmack fand und derbere Kost vorzog, glaubte es doch seiner fürstlichen und weltmännischen Reputation schuldig zu sein, auch von diesen Tafeln zu probieren. Der Prälat verschaffte ihm Frauen, die ihm eigentlich gar nicht gefielen, die aber in dem übersättigten Paris gerade Mode waren, und er verschaffte ihm welsche Arcana und Aphrodisiaca; er führte ihn immer tiefer in den vergifteten Garten und machte sich als Mentor unentbehrlich. Seltsam war, daß die Herzogin Karl Alexander nicht gern in dieser Freundschaft sah. Sie war durchaus nicht prüde, sie liebte es, sich von lasterhaften Dingen erzählen zu lassen, und bekam dabei ein angestrengt nachdenkliches, verträumtes Gesicht; sie liebte auch auf ihre Art das Antlitz des Vaters, das zerknittert war von vielen kundigen und verderbten Fältchen. Doch das Gesicht des Weißensee, vielleicht weil seine Verderbtheit nicht ursprünglich, sondern umwegig war, gehörte zu den wenigen, die sie nicht leiden mochte.
Karl Alexander pflegte große, glänzende Jagden zu veranstalten, er wandte ungeheure Summen daran; in einem seiner Wälder ließ er einen künstlichen See anlegen, das Wild hineinzutreiben. Bei solchem Anlaß regte Weißensee an, man solle doch einmal in ganz kleiner Gesellschaft jagen gehen. Eine Jagd wie die heutige sei eine Repräsentation, kein Divertissement. Der Herzog stimmte zu. Später gelegentlich sprach der Kirchenratsdirektor von dem schönen, wildreichen Forst bei Hirsau; es wäre vielleicht willkommene Abwechslung, dort einmal ohne Jagdschloß, Komfort, große Dienerschaft, inkognito, nur von zwei, drei Herren akkompagniert, ein paar Tage zu bleiben, auszuruhen, die Krone abzutun, wie ein Landedelmann sich den Freuden der Jagd hinzugeben. Welche Ehre es ihm sei, die Durchlaucht als Gast in seinem Haus dort zu begrüßen, davon wolle er nicht erst reden. Karl Alexander nahm ohne Umstände und vergnügt an, Weißensee hatte Tag und Stunde seiner Proposition geschickt gewählt; auch traf es sich gut, daß der Herzog nur zweimal in dem berühmten Kloster gewesen war. Schon für die allernächste Zeit, und um das Inkognito zu wahren, in großer Heimlichkeit wurde die Partie festgesetzt.
Von da an zeigte Weißensee eine merkwürdige Geschäftigkeit und Gehobenheit. Er verjüngte sich, sein Gang wurde schmiegsamer, behender, seine klugen Augen faßten mit tieferem Glanz nach Menschen und Dingen. Sehr suchte er die Gesellschaft des Süß; wann immer es anging, war er um ihn. Ein kleines, wollüstiges Lächeln um den feinen, schmeckerischen Mund hörte er zu, wenn er sprach, den schmalen, gescheiten Kopf beflissen, wie schnuppernd vorgeneigt. Wenn Süß es nicht achtete, schaute er ihn dann wohl auf und ab, gierig fraß er seinen Anblick in sich hinein, und der andere, leicht überfrostet und nicht wissend, woher, stockte unbehaglich und verstummte endlich ganz.
Rabbi Gabriel verließ das Haus mit den Blumenterrassen, begann eine seiner einsamen Reisen.
Durchquerte von West nach Ost Schwaben, wandelte in Augsburgs stattlichen, alten Straßen, scheu umgafft. Fuhr, blöd und mißtrauisch angestarrt, in die farbige Residenzstadt des bayrischen Kurfürsten. Bog nach Süden in die Berge. Am Fluß lag behäbig hingebreitet, bunt, ein lärmender Markt. Von da an wurde das Tal enger, verwinkelter, die Straße folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Hoch oben auf einer Matte lag zwischen weiten, weißlich braunen, riesig getürmten Wänden ein kurfürstliches Jagdhaus.
Die Straße gabelte sich. Rabbi Gabriel tauchte in dicken, endlosen Forst. Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang stieg er, der hell und fröhlich laut durch den dunklen Wald seine Bahn brach. Der Kabbalist überschritt die Grenze, betrat kaiserliches Gebiet. Schweigend und in großer Einsamkeit lag die Gegend; wo das Flußtal sich weitete, nach einer Wanderung von fast zwei Tagen, stieß er auf ein paar ärmliche Häuser um eine kleine Kirche. Hier nächtigte er.
Wenige Meilen später sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem er bisher gefolgt war. Vorher zweigten drei Nebentäler ab, von Gießbächen gebildet, die in den Fluß des Haupttales mündeten. Er folgte dem ersten. Es stieg nicht sehr rasch an, war freundlich ernst, die Bergwände waren hoch hinauf bewaldet. Er folgte dem zweiten. Es war sehr kurz, stieg rauh und beschwerlich und endete bald in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter, grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Er folgte dem dritten. Dies war länger und weiter als die anderen. Der Bach, der es gebildet, hatte minder starkes Gefäll, oft verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Rabbi Gabriel stieß auf Weidengehölz, auf Moorboden. Weiter oben stand eine verlassene, ganz kleine Hütte, die letzte offenbar dieser Gegend.
Der Tag war bewölkt, nicht warm, aber schwül. Der dickliche Mann atmete schwer, wanderte weglos und mühsam.
Hinter der Hütte, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig stand plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume standen groß und sehr still, kein Hauch ging, kein Blatt rührte sich. Nur undeutlich sah man durch die Bäume die riesigen, weißen Bergwände, die weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Beklemmend lastete die Luft, der Hain der alten, ernsten, fahlfarbigen Bäume war zwischen den Bergen wie aus einer südlichen Landschaft hergehext, leibhaft fast lag die tiefe, drückende Stille, das ganze, reglose Tal war verzaubert, man stand eingesperrt in ihm wie am Ende der Welt.
Der Rabbi hockte nieder, schwer, müde, leicht ächzend, unter einen Baum. Er zog heraus einen Brief des Süß in hebräischen Lettern, einen ernsthaften, mit einer fast gekränkten Frommheit angeschminkten Brief. Er vertiefte sich in die Schriftzüge, trank sie ein. Senkte dann den Kopf zum Schoß, zwang das Gesicht des Mannes vor sich, der nach seiner Seele jagte, des Mannes, an den er gefesselt war. Ihm helfen! Der verschütteten Seele an den Tag helfen, daß die eigene, mit jener verkettete, leichter atme.
Doch dieses Tal war zur Vertiefung nicht der rechte Ort. Oh, dieser Druck der reglosen Luft! Hatte Samael, der Linke, seine mächtigsten Geister hierhergeschickt, ihn zu engen und von seinem Werk abzuziehen? Errette meine Seele vom Schwert und mein Leben aus der Gewalt des Hundes!
Unheimlich reglos, leichenhaft, standen die fremdartigen, unerwarteten Bäume. Ei, Dämonen überall, gestaltlos und in Myriaden Gestalten, waren um den Menschen und beirrten den zur oberen Welt Dringenden. Eingebannt in Millionen Dinge büßen die Seelen der Toten, eingebannt in Tier und Pflanze und Stein. Eingekörpert in die summende Biene ist die Seele des Schwätzers, der das Wort mißbraucht, in die zuckende Flamme der Unkeusche, in den stummen Stein der Schmähsüchtige und Verleumder. Rabbi Isaak Luria, der weise war vor den anderen Menschen, sah die Seelen, die aus den Körpern herausgingen, auch der Lebenden, wenn sie an den Sabbat-Abenden zum Paradies emporflogen.
Oh, könnte er jenes Mannes Seele sehen! Zu ihr reden, mit ihr reden, ihr helfen. Die Seele des Menschen, der dahinhetzt über die Erde nur um der Güter dieser Erde willen, fährt nach dem Tode in Wasser. Ruhelos im Wasser wellt sie hin und her, zerwälzt, zerrieben, hundertfach zerstäubt in jedem Augenblick. Kennten die Menschen diese Pein, sie hörten nicht auf zu weinen. Mann, rastloser, jagender, gehetzter! Denk es! Denk es, Mann!
Dumpfer umschnürte es ihn, drückender, atemsperrender. Zwang ihn, aufzuschauen. Zwischen dem Laub tausend Augen waren auf ihm, die Augen des Kindes, die bräunlich goldenen, erfüllten, ja, sein Herz setzte aus, Naemis Augen. Und sie riefen, flehten mit dringlicher, inniger, angstvoller Beschwörung: „Hilf!“
„Hilf!“ riefen sie, immer dringlicher, gepreßter, flehender, und ließen nicht ab von ihm. Er strich sich über die Stirn, strich sich das Geträume weg, lehnte den Kopf zurück, schaute hinauf zum Himmel. Da waren Wolkenfetzen, seltsam geordnet, sie standen starr und zogen nicht. Jäh erkannte er, sie formten Buchstaben, zwei hebräische Buchstaben, die sagten: „Hilf!“ Weg riß er das Antlitz, da sah er, die Aeste des Baumes, unter dem er saß, formten die gleichen Buchstaben: „Hilf!“ Die Wurzeln die gleichen: „Hilf!“ Aufsprang er, schwer atmend, schwitzend, trockenen Gaumens, überschauert die Haut des Rückens; die Eingeweide kroch es herauf, engte wie Reifen die Brust. Er ging zurück. Die Rinnsale in den Bergwänden, der Lauf des Baches, alles immer wieder formte die gleichen Buchstaben, das ganze stumme Tal war ein Mund, seine Wände, Steine, Wasser flehten dringlich, beschworen ihn, schrien in Not und Graus: „Hilf!“
Da hastete der dickliche Mann in seinen schweren Kleidern das Tal hinab, keuchte, stolperte, fiel, hastete weiter. Kam zu Menschen, hetzte seine Straße zurück, auf Maultieren, Pferden, im Wagen. Im Nacken die bräunlich goldenen, dringlichen, angstvollen Augen des Kindes, gepreßt ins Hirn die jagenden, beschwörenden, schreienden Buchstaben: „Hilf!“
In Hirsau, in den stillen, geräumigen Stuben des Weißensee, mit den großen Vorhängen, saßen mit dem Hausherrn der Herzog, der geschmeidige Geheimrat Schütz mit der Hakennase, der knarrende Major von Röder mit den rohen, fast immer behandschuhten Tatzen. Noch hingen im Raum die kindlich verschwärmten Gesichte Magdalen Sibyllens, noch sah der Vater das Mädchen sitzen im stillen Kreis der Lampe über ihrem Buch mit kindhaft wichtigem Antlitz, verschlossen. Sah sie, wie sie früher war, die bräunlichen, flaumigen, männlich kühnen Wangen, die blauen, starken Augen in dem seltsamen Widerspiel zu dem dunklen Haar. Wieviel Licht, ach, und Hoffnung hatte er gesogen aus diesem Gesicht! Wie trüb und frostig war es erloschen!
In dem Raum, der noch erfüllt war von seinen Erwartungen, von seiner Arbeit an dem Bibelkommentar und von den Träumen des Mädchens, soff und gröhlte jetzt mit seinen Kumpanen der vergnügte Herzog. Karl Alexander fühlte sich jung, frisch, sauwohl. Er hatte den grünen Rock weit offen, das Wams gelüftet, das blonde, melierte Haar frei. Das war ein blitzgescheiter Gedanke gewesen, hierher zur Jagd zu gehen. In Stuttgart und Ludwigsburg standen die Affären vortrefflich, das katholische Projekt marschierte mit guter Chance. Dazu das neue Mensch an der Oper, die Ilonka, die ihm vortrefflich anschlug; man hätte sie eigentlich können mitnehmen. Aber nein, es war doch besser so. Tags nur Wind ins Gesicht, abends Wein und gutes, kräftiges Männergespräch. Keine Weiber! Keine Politik! Kein Parlamentsgesindel! Wie war man jung! Man spürte, mille tonnerre! nichts von seinen Fünfzig. Wie konnte man noch lachen und an nichts als einem bißchen Wald und einem guten Schuß seine Lust haben.
Der Neuffer ging auf und ab und schenkte Wein ein. Im Dämmer, außerhalb des Lichtkreises der Lampe, hockte stumm der Schwarzbraune. Karl Alexander trank stark, streckte die Beine vor sich, lachte dröhnend über die plumpen Zoten Röders, die feinen Weißensees, über die sehr schweinischen Anekdoten, die Herr von Schütz vornehm und untermischt mit vielem Französisch hernäselte. Erzählte dann selber, Geschichten aus dem Feldlager, Aventüren aus seiner Venetianer Zeit.
Mit ingrimmiger Lust hörte Weißensee zu. Wenn man es recht überlegte, war der Jude daran schuld, daß er jetzt mit dieser Roheit und stumpfem Gewäsch seine weißen Stuben verschmutzen mußte. Ei nun, wenn man was wissen wollte, wenn man neugierig war, dann mußte man wohl zahlen für solche Neugier. Aber lohnen wird es, es wird lohnen!
Als die Herren zu Bett gingen, schwer vom Wein, sagte Weißensee dem Herzog, er habe für den morgigen Nachmittag eine Surprise bereit. Er rate submissest, man solle ausschlafen morgen, dann gut tafeln und dann werde er Seine Durchlaucht in den Wald führen und seine feine Ueberraschung vorzeigen. „Weißensee!“ lachte der Herzog. „Alter Fuchs! Exzellenz! Präsident! Ich bin zufrieden mit Ihm. Er weiß für jeden Tag was Neues. Er ist ein sehr brauchbarer Prälat.“ Und er klopfte ihm auf die Schulter und torkelte in sein Schlafzimmer.
Anderen Tags, dampfend vom vielen Essen, dunstend von den alten Weinen des sachkundigen Weißensee, fuhr man. Erst die Landstraße entlang, dann abzweigend einen Karrenweg. Ließ hier den Wagen zurück, folgte einem Fußpfad, stand schließlich vor einem starken, sehr hohen Holzzaun. Bäume sperrten den Blick weiter.
Da standen nun die Männer vor dem Zaun. Föhn ging. Der Wein war ihnen noch nicht verflogen. Sie schnauften, schwitzten, rissen Witze. Dahinter stecke also die Ueberraschung; ob es denn lohne; ob Weißensee nichts verraten wolle. Der bat, sie möchten die Mühe nicht scheuen, kletterte voran über den Zaun. Sie folgten prustend, mühsam. Drangen weiter, neugierig, angeregt, amüsiert.
Gelangten an die Blumenterrassen, den weißen Würfel des Hauses. Standen, staunten. Wirre Vorstellungen zuckten auf in Karl Alexander: Venedig, Belgrad. Doch keiner wußte mit dem weißen, fremdartigen Ding mitten in dem schwäbischen Wald was anzufangen.
„Das Haus gehört dem Magus,“ sagte Weißensee, „dem Oheim des Herrn Finanzdirektors.“ Verblüffte, großäugig dumme Gesichter. Ein leicht übler Nachgeschmack des Weines stieg dem Herzog auf, er fühlte sich plötzlich schwerer, spürte den lahmenden Fuß, den schlechten, holperichten Weg durch den Wald. Mit einer schleierigen Befangenheit schaute er auf das Haus, in einem vagen Gefühl, als blickten daraus steinerne, trübgraue Augen auf ihn. „Dem Magus? So?“ sagte er dann mit einer heiseren, belegten Stimme. „Ei freilich ist das eine Surprise.“
„Das ist nicht alles,“ lächelte Weißensee mit feinem, breitgezogenem, genießerischem Mund. „Befehlen Euer Durchlaucht, daß wir nähertreten?“
Karl Alexander riß sich zusammen, räusperte sich frei. „Der alte Hexer ist mir ohnehin noch einen Bescheid schuldig,“ lärmte er. „Scheuchen wir den Schuhu in seinem Gemäuer auf!“
Näher traten die Herren, pochten, gingen, da niemand sich rührte, ins Haus. Der alte, gebrechliche Diener kam ihnen entgegen: was sie suchten? – Seinen Herrn. – Der sei nicht da. Empfange im übrigen auch niemanden, setzte er verdrießlich hinzu. So würden sie sich das Haus ein wenig anschauen, meinte Weißensee. Was ihnen beifalle, kläffte mürrisch der Diener. Sie sollten sich scheren. Hier habe niemand was zu suchen.
„Maul halten!“ schrie der zornige Major Röder. Doch der Alte wiederholte zäh keifend: „Niemand hat hier was zu suchen. Niemand hat hier zu befehlen, nur mein Herr.“
„Und der Herzog von Württemberg,“ sagte Karl Alexander. Und an dem erstarrten Diener vorbei gingen die Herren ins Zimmer. Beschauten scheu und spöttisch die Folianten, die Zeichnungen des Kabbalistischen Baumes, des Himmlischen Menschen, die seltsamen Inschriften. Tauschten über das magische Gewese und Gewerke ironische Anmerkungen aus. Doch der unheimliche Raum hemmte den gewohnten Lärm und machte sie bänglich und gedämpft.
„Kotz Donner!“ schrie plötzlich Karl Alexander in die Befangenheit hinein, „wir sind hier doch in keiner Kirche. Den Wein, Neuffer! Wenn der alte Hexer nicht zu Haus ist, wollen wir sehen, ob wir seine Geister nicht durch ein gutes Glas Wein an unseren Tisch hexen können.“
„Wollen wir nicht erst auch die anderen Stuben anschauen?“ bat Weißensee. „Vielleicht spüren wir doch noch etwas auf!“ Und seine feine, lange Nase schnupperte, und seine klugen, rastlosen Augen gingen in alle Winkel.
Während Neuffer den Wein zurechtstellte, besah man die wenigen anderen Räume des kleinen Hauses. Vor einer Tür stand Jantje, die dicke, plappernde Zofe, sie suchte die Herren zurückzuhalten. Doch sie drängten sie beiseite und schoben sich ins Zimmer. Da saß im äußersten Winkel angstvoll, großäugig und abwehrend empört in östlicher Gewandung das Mädchen. Zurückprallten vor der Lieblichkeit des mattweißen Gesichts, des blauschwarzen Haars, der redenden, erfüllten Augen die Herren. „Daß dich der Langschwänzige!“ fluchte halblaut der Herzog vor sich hin. „So was also hält sich mein Jud! So was versteckt er vor mir, der Filou! Möcht sich allein delektieren an dem Braten.“
Noch immer war ein paar Schritte Raum zwischen dem Mädchen und den Herren. Ein Schweigen fiel ein. Naemi war aufgesprungen, stand hinter ihrem Sitz, zurückweichend ganz in die Ecke. Die Männer, gehalten durch das Fremdartige der Erscheinung, blieben in der Nähe der Tür, starrten.
In die Stummheit hinein sagte höflich die geschmeidige Stimme des Konsistorialpräsidenten: „Die Demoiselle ist die Tochter des Herrn Finanzdirektors.“ Und, auf die mundaufreißende Verblüffung der Herren, liebenswürdig lächelnd: „Ja, das war meine Ueberraschung.“
„Kotz Donner! Kotz Donner!“ sagte mehrmals hintereinander knarrend der Major Röder; sonst fiel ihm nichts ein. Doch der Herzog, aus seiner Ueberraschung zurück, enthusiasmiert, mit seinen großen blauen Augen an ihr fressend, erging sich geläufig in entzückten, modischen Bildern: „Ein Meisterstück das Mädel! Ein Kopf wie aus Ebenholz und Elfenbein. Wie eine Fabel aus Morgenland.“ Gewandt stimmte der Geheimrat Schütz zu: Der Finanzdirektor sei ein Genie; aber das Produkt seiner Lenden sei doch noch besser als alle Geburten seines Hirns.
Weißensee schwieg. Und hätte doch, der feine Kenner, dem Herzog zu Dank das Mädchen besser preisen können als dieser selbst zusamt dem trockenen Schütz und dem plumpen Röder, der kein anderes Kompliment fand als sein rülpsendes: „Kotz Donner! Kotz Donner!“ Doch Weißensee stand stumm. Er schaute nur das Mädchen an, schaute es auf und ab, ein tieferes Lächeln um seine genießerischen Lippen. Ei ja, mein Herr Geheimer Finanzienrat, gewiß doch, diese war wohl ein Kleinod und sehr wert, gehütet zu sein. Achtes Weltwunder! Hebräische Venus! Augen hat sie wie aus dem Alten Testament. Und sieht nicht aus, als wäre sie nur lieblich anzuschauen. Zu der Magdalen Sibylle kamen die Apostel und sprachen zu ihr. Zu dieser mögen die Propheten kommen. Sie waren schlauer als ich, Herr Finanzdirektor; aber doch nicht schlau genug. Hätten sie noch ferner und heimlicher müssen hüten. Voilà! Jetzt werden wir sehen, was Sie für kurioses Gesicht ziehen.
Mittlerweile hatten die anderen ferners von dem Mädchen groß Rühmens gemacht. Selbst Herr von Röder fand ein Weiteres und sagte: „Wer hätte dem alten Fuchs solch Junges zugetraut?“ Naemi aber stand in ihrer Ecke, den ganzen Leib gespannt in Scheu und Abwehr, und schaute auf die Männer. „Wie heißt Sie denn, Demoiselle?“ fragte jetzt der Herzog. Und, da sie nicht antwortete: „Sulamit? Salomea? Sollen Wir jemandes Kopf zu Ihren Füßen legen?“
Doch Naemi schwieg weiter, sich windend in fast leiblichem Schmerz vor Widerwillen und Scheu. „Vom Vater hat sie sie nicht, diese Schüchternheit,“ konstatierte Herr von Schütz. Aber der Major von Röder fuhr grob und ungeduldig auf das Kind los: „Gib Antwort, Judenbalg, wenn dein Herzog dich fragt.“
„Halt’s Maul, Röder!“ sagte Karl Alexander. Und zu der Verschreckten, in ihre Ecke sich Pressenden, freundlich wie zu einem Kind: „Ich tu dir nichts, ich freß dich nicht. Gemslein, verschüchtertes! Mimosa! Sei Sie nicht so zimpferlich!“
Jantje, die Zofe, hatte sich mittlerweile neben das Mädchen geschoben, dick und gutmütig stand sie neben ihr, in heller Angst und Ratlosigkeit. „Ich bin wirklich dein Landesherr,“ fuhr leicht ungeduldig Karl Alexander fort, „dein und deines Vaters wohlaffektionierter Herzog und Herr. Und jetzt sag endlich, wie du heißt!“
„Die Demoiselle heißt Naemi,“ sagte statt ihrer die Zofe. „Nun wissen wir’s also,“ grunzte befriedigt Röder. „Naemi, komischer Name!“ und pruschte heraus. Aber der Herzog befahl: „Komm Sie her, Naemi! Küsse Sie Ihrem Landesvater die Hand!“ Die Zofe sprach auf das Kind ein, schob sie sanft vor. Langsam, die Augen am Boden, und wie gezogen schritt sie, und mit gierigen Blicken, fröhlich gespannt, schaute Weißensee zu.
Sie gingen in die Studierstube, trinken. Zwangen das Kind, ihnen Bescheid zu tun. An den Wänden blühte der Kabbalistische Baum, ketteten sich blockige Buchstaben und verwirrende Bildzeichen, schaute starr der Himmlische Mensch. Das Kind nippte. Doch weiter war sie nicht zu halten. Sie floh, schloß in ihr Zimmer sich ein, überschauert, zitternd den ganzen Leib und eiskalt.
In der Studierstube aber, unter den Trinkenden, konstatierte Herr von Schütz, auf die magischen Bilder weisend: „Zuerst hat es hier nach Judenschul und Kirchhof gerochen. Jetzt riecht es nach Paris hier und nach Parfüm und nach Mercure galant, und die ganze Gespensterluft ist weg. Merkwürdig, wie ein bißchen frisches Weiberfleisch den gelehrtesten Magus um sein Prestige bringt.“
Man brach auf. Röder und Schütz voraus, dann der Herzog mit Weißensee, als letzter Neuffer. Der schwere Herzog stützte sich vertraulich auf den feinen, schlanken Weißensee. „Das hat Er schlau gemacht,“ freute er sich. „Da werden wir noch lang unseren Spaß haben. So ein Heimlicher und Duckmäuser, mein Jud. Na, wir werden ihn frozzeln, daß er soll rot und blaß werden.“
So aber lag es nicht in der Absicht Weißensees. Jetzt fortgehen und den Juden ein weniges aufziehen, was war da groß? Darum hatte er sich nicht die Mühe gemacht. Der Jud war schlau, der Jud wußte, was er an dem Kind hatte. Er wird sie außer Landes schicken, fernab, jedenfalls wird er sie nicht an den Hof bringen wie er, Weißensee. Der Jud war gewitzt; und selbst wenn es ihn kitzelte, der Jud hatte den Magus, der ihn hielt. Ging aber der Herzog jetzt, dann war er kein zweites Mal nach Hirsau zu bringen. Dann mußte des Weißensee große, verzehrende Neugier auf immer ungestillt bleiben.
Der Kirchenratsdirektor sah das Kind vor sich, in die Ecke gepreßt, die großen Augen in dem mattweißen Gesicht verschüchtert, angewidert, und ein streichelndes, zärtliches Gefühl kam über ihn. Aber dieses Gefühl zerstäubte in der wilden, zerreißenden Neugier, die ihn ganz anfüllte, ihm süß beklemmend die Eingeweide heraufkroch, den Atem schnürte.
Er verlangsamte den Schritt, bat den Herzog, er solle sich nicht überanstrengen, riet, kleine Rast zu machen. Neuffer hatte noch Wein, Weißensee bediente den Herzog. Der trank. Weißensee lenkte immer von neuem die Rede auf das Mädchen; mit seiner höflichen, geschmeidigen Stimme, in halben Worten, sehr kennerisch, rühmte er ihre Reize, wie jung und doch reif sie sei. In solcher Blüte seien diese Jüdinnen schön und einzigartig, über allen Frauen, kühles Feuer wie südlicher Wein. Doch diese Blüte daure sehr kurz, dann seien sie welk und zum Abscheu. So müßten sie genommen werden, so, scheu und heiß wie die; wer der den Schaum abtrinke, der habe ein seltenes Glück gekostet und das ihm bleiben werde seiner Tage.
So träufelte er sein feines Gift in den Herzog. Karl Alexander trank, fühlte sein Blut wellen, steigen, fallen. Der Abend kam, Föhn ging in warmen Stößen, in den Bäumen nebelte vor ihm das Bild des Mädchens, ihre weichen, scheuen Formen; er schnaufte leise. „So mögen die Weiber ausgeschaut haben,“ sprach Weißensee seine Träume vor sich hin und sie galten dem Herzog, „die Weiber, die der König Salomo sich hielt. Tausend Weiber hielt er sich. So waren die Könige aus dem Alten Testament. Des Herrn Finanzdirektors seinem Testament.“ Und er lachte ein kleines, stilles Lachen.
Karl Alexander stand plötzlich auf, klopfte sich Reiser und welkes Laub des Waldbodens vom Rock, sagte, die Stimme gepreßt, zu Weißensee, er wolle noch ein weniges allein im Wald spazierengehen. Weißensee möge ihn bei den anderen Herren entschuldigen; sie sollten nicht auf ihn warten, sollten nach Hause kehren, ihm den Wagen zurückschicken; den Neuffer behalte er da. Der Konsistorialpräsident neigte sich, ging. Erst wie er allein war, atmete er hoch, breitete die Arme, verzerrte das bewegliche Gesicht, stieß seltsame, schnurrende, glucksende Laute aus.
Karl Alexander ging indes, so rasch es der lahmende Fuß zuließ, gefolgt von dem Kammerdiener, zurück durch den Wald, in den der Abend einfiel. Als er an das Haus mit den Terrassen kam, war es schon ganz dunkel, fetzig, schwärzlich zogen schnelle Wolken, kein Mond war, in starken, warmen Stößen riß ihm der Wind den Atem weg. Das gute Abenteuer! Jung war man, jung! Stieg über Zäune, schlich nächtlich durch den Wald. Ei, gut war das, besser als mit dem lausigen Parlamentsgesindel sich über Paragraphen streiten. Hätte man noch die Larve vorm Gesicht, fühlte man sich wie in Venedig so jung.
Schlug kein Hund an? Vielleicht hatte der Magus Zauberkreise gezogen, die Schwelle mit Hexerei gebannt, daß, wer sie überschritt, sich nicht regen konnte.
Er ließ den Neuffer zurückbleiben, umstrich späherisch das Haus. Er hatte sich den einfachen Grundriß leicht gemerkt. Dort war das Zimmer des Mädchens, es lag dunkel. Wo das Licht brannte, das war der Raum mit den magischen Zeichnungen. Sollte sie dort –? An dem Spalier war leicht hinaufzuklettern. Er wird ja sehen.
Leicht ächzend kletterte er ins Fenster. Ja, dort saß sie, Arme schlaff, ganz still, mit ihren großen, ängstlichen, ratlosen Augen. Pst! rief er sie flüsternd an, schmunzelnd, blinzelnd, schlau.
Sie schrak auf, sah das rote, massige Gesicht, die blauen, gierig hervorquellenden Augen. Warf krampfig den Oberkörper zurück, starrte vergraust auf den Schnaufenden. Er lachte: „Hab ich Sie erschreckt? Dummes Kind! Hab Sie keine Angst!“ Er schwang sich vollends ins Zimmer, kam schnaufend, schwitzend auf sie zu: „Gelt, da schaut Sie, was Ihr Landesvater für ein Kletterer ist.“ Sie, im letzten Augenblick, flatterte in die äußerste Ecke des Zimmers, sinnlos unhörbare Gebete lallend, kauerte sich in sich zusammen. Er, ihr nach, sprach beruhigend wie zu einem kleinen Kinde auf sie ein; doch seine grauenhafte Freundlichkeit ließ sie noch schreckhafter schauern. Die Augen wie gefrorene Seen, die Lippen weiß, starrte sie auf ihn, bis er endlich ungeduldig, brutal sie an sich riß, küssend über die Eiskalte herfiel, nach ihrer Brust tastete. Unter den Händen fort glitt sie ihm, schrie mit kleiner, tonloser Kinderstimme nach dem Oheim, riß sich los, gewann die Tür, wehte eine Treppe hinauf. Die Treppe führte zum Dach.
Oben angelangt, atmete sie heftig, hastig die nächtige Föhnluft ein. Der warme, feuchte Wind nahm sie in seine Arme, trieb sie vor. Sie lauschte hinter sich, es blieb still. Sie breitete die Arme, fühlte sich frei, der Oheim hatte geholfen, jetzt wehte der feuchte, wohlige Wind den Dunst und Atem des Tieres fort von ihr. Sie schritt, tanzend fast, vor an den Rand des sehr flachen Daches. Kamen nicht Stimmen aus dem Wald? Die tiefe, samten streichelnde des Vaters und die knarrende, mißlaunige und doch, oh! so tröstliche des Oheims. Und sie lächelte in die Nacht hinaus.
Da stapfte es die Treppe herauf, schnaufend, leise fluchend. Das Tier. Aber jetzt blieb sie ohne Angst. Da wehte es schon her vom Wald, ein Wagen mit luftigen Pferden bespannt, hielt am Dach. Lächelnd, mit gleitendem Schritt stieg sie ein.
Karl Alexander, wie er oben war, sah nichts. Sie war doch die Treppe heraufgeweht, und die bot keinen andern Ausgang. Hatte sie, Gift und Opperment! von den hexischen Künsten des Alten gelernt, sich in den Nachtvogel dort verwandelt, segelte sie dort als der schwarze Wolkenfetzen und lachte ihn aus? Verfluchtes, kleines Mensch! Er stand enttäuscht und grimmig, starker Wind ging, riß ihm den Rock zurück, die schweißklebenden Haare. Alter Esel, der er war! Hätte er doch unten den Judenbalg genommen, den zimpferlichen, über den Tisch ihn geworfen, nicht achtend das Gezier und Getue. Wozu in Teufels Namen war er der Herr? Jetzt kam er um seine Nacht, und die in Hirsau hatten recht, wenn sie ihn auslachten.
Verdrießlich tappte er sich die Treppe wieder hinunter. Der Fuß schmerzte ihn und er war hundsmüde. Mühsam und umständlich durchs Fenster stieg er aus dem Haus. Da hörte er flüsternd, furchtsam und erregt heiser die Stimme des Kammerdieners: „In den Blumen liegt sie!“ Er dachte, sie habe sich dort versteckt, lachte: „der Racker!“ hastete stolpernd durch das unsichere Dämmerlicht der Nacht in der Richtung, die Neuffer gewiesen.
Ja, da lag sie zwischen den Blumen. Die Blumen schwankten heftig im Wind hin und her, schüttelten tausend Arme, sie aber lag ganz reglos. Er rief sie schäkernd an: „Racker! Wie bist du bloß herausgekommen?“ Da sie nicht antwortete, griff er sie sacht beim Arm, bog ihr den Kopf zurück, tastete hastig, erschreckt sie ab. Erkannte, daß sie tot war. Begriff nicht.
Fetziges Gewölk jagte. Starkfarbig krümmte sich, wenig Licht gebend, der junge Mond. Der Diener stand abseits, scheu. Der Herzog von Württemberg aber kniete an der Leiche der jungen Jüdin, im Föhn, zwischen den Blumen, in dumpfem, ratlosem Unbehagen, ein armer, kleiner Mensch in Wind und Nacht.
Was eigentlich war geschehen? War sie ins Leere getreten? War es Absicht? Auf irgendeine Art war er mit dieser Toten verknüpft, war er Ursach dieses Todes.
Bah! Er hatte geschäkert ein weniges. Wer konnte ahnen, daß die Jungfer so zimpferlich war. Er hatte andere solchen Alters ganz anders angepackt; und was für welche! Töchter ersten schwäbischen Adels! Da brauchte die Jüdin sich nicht so zu haben und zu zieren. Es kam vor, daß Kinder, gab man ihnen nur ein böses Wort, ins Wasser gingen, sich was antaten. Das kam vor. Die waren eben verrückt, die gehörten nicht ins Leben. Da war der, so vielleicht Ursach war, ohne Schuld.
Dennoch konnte er das klemmende, pressende Unbehagen nicht loswerden. Der Jud hatte sie versteckt, so tief und heimlich versteckt, und nun lag sie doch und war starr und steif und der Jud hat sie mit aller Schläue nicht wahren können. Das blies einen an, wer weiß woher, und man war ausgelöscht. Absonderlich war das und sehr verwickelt. Da war sie vorhin noch im Licht gesessen und ihre Augen hatten gebrannt von Leben und jetzt lag sie da in der Nacht und kein warmer Wind half ihr vorm Erkalten.
Der Wald lag schwärzlich, feindselig und voll Geheimnis. Stimmen kamen aus ihm, verwirrend, höhnisch. Den Mann im Föhn überschauerte es. Kindheitsmärchen nebelten herauf, bliesen ihn an, Vorstellungen von einem Zauberwald, gefüllt mit verdammten Geistern, es zerrte ihn im Nacken, an den Haaren, lange, gespenstische Arme streckten sich. Und plötzlich wieder schritt er in jenem stummen, schattenhaften Tanz; der Magus vor ihm hielt seine rechte Hand, Süß hinter ihm die linke. Tanzte da nicht auch nickend, sich neigend das Mädchen mit im Reigen? Und er hörte die knarrende, mißlaunige Stimme des Magus. Er hörte deutlich jeden Laut, strengte sich an, zu verstehen; aber er verstand nicht. Dies quälte ihn. Und alles war so trüb, nebelhaft, farblos.
Mit einem knurrenden, bösen Laut riß er sich los aus der Gebundenheit. Er war hundsmüde, er wird jetzt schlafen. Da lag eine Tote im Wind. Je nun, er hat schon viele Tote gesehen. Wenn er eine Attacke befahl und dann lagen die Toten herum, war schließlich auch er die Ursach. Das war Unsinn und überhirnisch, darüber lange zu meditieren. Was hing er mehr Gedanken an die tote Jüdin als an tausend brave christliche Offiziere und Soldaten, die rings um ihn, durch ihn gestorben waren? Dafür war er der Herzog. Das hatte Gott so eingerichtet, daß, wo er hintrat, Leben blühte oder Tod einfiel.
Er wird also jetzt schlafen gehen. Und das Mädchen? Sie so liegen lassen? Ihr schadet freilich kein Wind und kein Regen mehr. Wenn er jetzt geht, dann ist die Affäre aus, fertig, finito. Die Domestiken werden morgen das Mädchen finden, den Süß benachrichtigen. Der wird sich zergrübeln, warum sie eigentlich und wieso tot ist. Aber vermutlich wird er weiter keinen Schnaufer tun. Hüten wird er sich. Eingraben in aller Stille wird er sein Mädchen und das Maul halten. Und die mit ihm waren, Weißensee und die anderen, item. Aus sein wird die Affäre, tot und stumm und begraben, und Schluß. Ex, ex, ex!
Er wird also – Nein, er wird nicht. Soll er sich etwa davonmachen? Hoho! Das könnte ja aussehen, als hätte er Angst vor dem Juden. Wecken wird er die Domestiken, einen Reitenden wird er dem Süß schicken, ihn abwarten hier, ihm sagen: Nette Historien stellst du an, du Filou! Da findet man dein Mädel, im Wind, tot. Hättest du sie nicht versteckt, du Jud, du Heimlicher, du Heimtückischer, hättest du sie nach Stuttgart gebracht, nie wäre das arriviert.
Ein großer Schlag und dickes Unwetter mußte das ja sein für den Juden. Das verfluchte, unheimliche, rätselvolle Pack! Erst zwang er einen in die Lächerlichkeit und das Unbehagen mit dem Eßlinger Handel hinein. Und auf einmal hatte er dann dieses sonderbare Kind, und wie man es anfassen wollte, war es tot. Die Geschichte wäre nie aus und ex gewesen, auch wenn er jetzt einfach wegginge und nach Stuttgart zurückführe und niemals jemand ein Wort darüber spräche. Das Gesicht dieses Kindes war schwerer zu vergessen als tausend tote, verzerrte, zerstümmelte Soldatengesichter. Er rief sich das Gesicht des Juden zurück, sehr weiß mit den roten, kurzen, üppigen Lippen, den fliegenden, wölbigen Augen. Mattweiß war es wie das Gesicht des Kindes. Wie sich der Kerl gleich zuerst an ihn herangemacht hatte, in ihn hereingeschlüpft war mit seinem verfluchten, sklavischen, orientalischen Hundeblick. Freilich, wenn man es durchdachte, war damals nicht viel aus ihm herauszuholen gewesen. Ein kleiner Prinz, dem nicht einmal das Parlament die paar Batzen Vorschuß verwilligte, groß Kapital und Zins war aus dem nicht herauszuschlagen. Und wenn es schließlich auch anders ging und der Süß sein Vertrauen sich mit Wucher bezahlen ließ, gut war ihm zum Ende das Geschäft doch nicht bekommen. Wenn ihm schon an dem Juden Jecheskel soviel lag, mußte ihm wohl das Kind, das zärtlich gehütete, noch viel mehr sein. Und da lag es jetzt auf dem Boden, ein Häuflein Würmerfraß, und lag im Wind und war tot.
Los sein! Den Juden los sein! Er wird ihm aufsagen. Er soll sein ganzes Vermögen und Gold und Edelsteine und Verschreibungen und was er sich alles aus dem Land ergaunert hat, mit sich nehmen, ungehindert. Er wird ihm noch ein riesiges Douceur zulegen. Aber fort soll er! Gehen soll er!
Nein, er soll doch nicht gehen. Das wäre, als hätte er ein übles, drückendes Gefühl bei seinem Anblick. Er wird ihm doch nicht aufsagen.
Aber Schluß jetzt! Er wird sich das später überlegen. Jetzt wird er sich, Teufel noch eins! schlafen legen. Er ging ans Tor, pochte laut, brutal. Wies dem öffnenden, verschlafenen, mürrischen alten Diener die Leiche. Ging ohne weitere Erklärungen an dem Versteinerten vorbei. Das tierhafte Gestöhn des Alten, das Gewinsel, Gezeter, Gelalle der aufgelösten Zofe. Karl Alexander kümmerte sich um nichts, ging ins Haus, hatte für die zaghaften Vorstellungen des Neuffer, der sich in dem verzauberten Haus mit der Toten ängstigte, nur eine zornige Grimasse. Warf sich in den Kleidern auf eine Ottomane. Schlief röchelnd, schnarchend, totenhaft tief.
Als er erwachte, strahlte klarer Tag ins Zimmer. Er fühlte sich steif und schmutzig. In einer Ecke, eingenickt, kauerte der Neuffer. Karl Alexander streckte sich. Ah, er wird jetzt das unbehagliche Haus verlassen, nach Hirsau zurückkehren, in den bequemen Räumen des Weißensee baden, gut frühstücken. Den Juden abwarten, ihm auf die Schulter klopfen, ein paar fürstlich huldvolle Trostworte sagen. Und damit war dann diese Jagdpartie erledigt, und es war nur schade, daß sie nicht so angenehm endigte wie sie anging. Er trat hart auf, daß der Neuffer aus dem Schlaf schrak und sich aufrappelte. Ging dann, bis der sich zurechtmachte, in die Studierstube. Da lag die Tote, die Fenster waren verhängt, große Lichter brannten, auch das magische Bild des Himmlischen Menschen war verhängt. Zu Häupten des Mädchens aber stand Rabbi Gabriel. Ueber der platten Nase die trübgrauen Augen hoben sich nicht, als der Herzog eintrat. Der Rabbi fragte nichts, forschte nichts. Mit seiner knarrenden, mißlaunigen Stimme sagte er: „Gehen Sie, Herr Herzog!“ Und der Herzog, betreten, ging. Er zürnte nicht, es war eine große Dumpfheit und Benommenheit über ihm, er verließ das Haus, er sah nicht, wie festlich und heiter die Blumen in dem hellen Tag standen, er sprach nicht mit dem Neuffer, der ihm ängstlich und nach einem Menschenwort gierig folgte, er ging eilends, ging durch den Wald, und bis er an den Karrenweg kam, wo der Wagen wartete, sprach er kein Wort.
Noch in der Nacht, ohne daß man ihn benachrichtigt, war Rabbi Gabriel gekommen. Er schien nicht groß erstaunt, die sehr dichten Brauen zogen sich zusammen, die drei senkrechten Falten zackten noch tiefer in die breite, nicht hohe Stirn. Den Segensspruch sprach er, der zu sprechen war beim Anblick eines Toten: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Er bettete das Mädchen, zur Brust faltete er ihr die starren Arme, richtete der Toten Zeige-, Mittel- und Goldfinger so, daß sie das Schin bildeten, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: Schaddai. Er verhängte die Fenster, entzündete Kerzen, verhängte das Bild des Himmlischen Menschen. Wasser goß er hinter sich, da er das Totenzimmer betrat, Wasser zu Häupten, Wasser zu Füßen des Mädchens. Denn es scheucht das Wasser die Dämonen, die der Tod anlockt. Nur Samael, der Linke, der Engel des Todes, läßt sich nicht vertreiben. So blieb der Rabbi allein mit der Toten und mit Samael, dem Linken.
Zwischen die Knie senkte er den Kopf, in die Erde hinein sprach er die drei Hymnen, der großen Heiligung, der Entzückung in den dritten Himmel, der Heere der Toten. Da war die Seele des Mädchens da, und der Linke konnte sie nicht verbergen. Ach, Rabbi Gabriel hatte gewußt, sie war noch da, sie wird nicht auf geradem Fluge eingehen in die Obere Welt; noch wartete ein Werk auf sie in der Untern Welt, und darum auch hatte das Kind gerufen. Er aber konnte sie nicht erreichen, und so war sie gestorben, eh daß er gekommen war.
Ein kleines, verlorenes Bündel hockte der dickliche Mann in dem Raum, der ganz erfüllt war von Samael, dem Linken, und der flatternden, verschüchterten Seele des Kindes. Und er sprach zu ihr mit seiner knarrenden, mißtönigen Stimme; doch er konnte ihr nichts sagen, sie war ja schon über der Schwelle der dritten Welt, und so sehr sie es wollte, er konnte sie nicht halten.
Und da er spürte, wie es sie weitertrieb und wie der Linke sie überdeckte, rief er der Entgleitenden nach mit jenen Worten der Schrift, die sie am liebsten liebte: „Wie warst du mir süß, Naemi, meine Tochter! Liebe! Liebliche! Lilie des Tals! Rose von Saaron!“
Da spürte er ein letztes flatterndes Grüßen. Aber Samael war stärker als er und trieb sie weiter. Da fiel er auf sein Angesicht, nie war er so schwer und erdig gewesen wie jetzt, und er lag viele Stunden in grauenvoller Schwäche. Und die Kerzen brannten, und die Tote hatte die Finger gestreckt im Zeichen des Schin; aber kein Zeichen half, niemand war im Raum, und er blieb allein und hilflos und stumpf und in herzschnürender Not mit Samael, dem Linken.
Mit halben Worten deutete der Herzog dem Weißensee an, was geschehen war. Der Reitende an Süß war längst unterwegs. Karl Alexander, während er den Juden erwartete, entfaltete eine lärmende Heiterkeit, aß mächtig, trank, zotete, jagte.
Weißensee hörte nur, daß das Kind tot war. Es gelang ihm, im Angesicht des Herzogs höflich und gefaßt zu bleiben. Allein, zersplitterte er wie Glas. Der Jud war ihm über. Wieder hatte der Jud gesiegt. Das Kind war tot. Es war nicht beschmutzt, besudelt, zerknickt, es war einfach tot; entschwebt, rein, aus Höhen geisterhaft und lieblich lächelnd. Der Jud war kein komischer, zerknitterter, schmieriger Kuppler wie er, der Jud war tragisch fast und ein Märtyrer, sein Kleinod war nicht getrübt und verschlammt; wie ein anderer mit kotiger Hand danach greifen wollte, hat es sich aufgelöst in die reine Gottesluft. Jetzt hat es keinen Sinn mehr, neugierig zu sein, jetzt kitzelte es ihn durchaus nicht mehr, das Gesicht des Juden zu sehen. Schlaff saß er, ausgehöhlt, zerkrümmt im Lehnstuhl, lallte ziemlich sinnlos und immer wieder vor sich hin: „Nenikekas, Judaie! Nenikekas, Judaie!“
Unterdes jagte Süß nach Hirsau. Als er die Meldung erhielt, der Herzog sei in Hirsau, er solle sogleich und ohne eine Minute Verzug hinkommen, war ihm der Gaumen kalt geworden vor Schreck. Gewißheit war ihm, daß dem Kind etwas drohte, vielleicht schon geschehen war. Doch in Hirsau, im Hause des Weißensee, hieß es, der Herzog sei ausgefahren, er sei wohl im Wald, ob er den Herrn Konsistorialpräsidenten sprechen wolle. Aber Süß wartete den zögernden, hilflos verwirrten Weißensee nicht erst ab, er eilte sogleich weiter in den Wald. Der Karrenweg. Der Holzzaun. Die hohen Bäume. Die Blumenterrassen. Das weiße Haus. Kein Diener. Kein Herzog. Kein Rabbi. Wie gezogen, ohne kleinste Irrung, ohne Ueberlegen, Verweilen, geraden Weges schritt er in das große Studierzimmer. Die verhängten Fenster. Die großen Kerzen. Die Tote, Arme zur Brust, Zeige-, Mittel-, Goldfinger im Zeichen des Schin. Süß fiel um. Lag viele Stunden ohne Besinnung.