Erstes Buch Die Fürsten (continued 2)
Reading edition
„Ah, Er gehört zu den Wiener Oppenheimers?“ fragte Karl Alexander interessiert. „Nur ein Vetter dritten Grades,“ erwiderte der Jude. „Aber die Wiener mag ich nicht, sie haben nicht den rechten inneren Sinn für die großen Herren. Sie denken nur an ihre Ziffern.“
„Er gefällt mir, Jud,“ und der Prinz schlug ihm die Achsel und nickte ihm zu, ehe er, einen Kopf größer als die meisten, wieder auf den Ring der Gäste zutrat, die sie umstanden.
Karl Alexander trank, tanzte, sagte den Frauen derbe Galanterien. Später saß er am Spieltisch, Gewinn und Verlust lauter kommentierend, als es Sitte war. Die Bank hielt der junge Lord Suffolk, steif, zeremoniös, schweigsam, mit sparsamen Gesten. Der Prinz gewann, ringsum verlor man. Schließlich hielt er allein dem Engländer Widerpart, heiß, mit etwas benommenem Kopf. Verlor plötzlich in wenigen Schlägen alles, was er hatte. Lachte, zu sich kommend, ein wenig unfrei. Ringsum ein Kreis gespannter Zuschauer. Man glaubte, der Engländer werde Kredit anbieten. Aber der saß, höflich, korrekt, stumm vor dem erhitzten, verlegenen Prinzen. Wartete. Plötzlich stand Süß halb hinter ihm, schmiegsam, gewandt, leise: Wenn Seine Hoheit ihm die hohe Ehre vergönnen wolle. Der Prinz nahm an, gewann.
Bevor er ging, sagte er dem Juden, er habe dem Neuffer Auftrag gegeben, ihn beim Lever vorzulassen.
Süß stand verneigt, hoch atmend, küßte die Hand des Prinzen.
Isaak Landauer arbeitete mit Süß an den Geschäften der Gräfin. Die Energie der Gräfin, ihre Zähigkeit in dem Kampf um den Herzog würdigte er mit vielen Sympathien, und er mühte sich, ihren Handel möglichst schlau und sachgerecht zu Ende zu führen. Mit einer Berechnung, die Süß staunende Hochachtung abzwang, wußte er die schärfsten Gegner der Gräfin in dieses große Anleihegeschäft hereinzuziehen, so daß gerade ihre Feinde an der Erhaltung der gräflichen Güter geldlich interessiert waren. So sehr Süß das geschäftliche Genie Landauers bewunderte, schränkte er dennoch seine Zusammenkünfte mit ihm nach Möglichkeit ein. Er fand, daß der Alte ihn vor dem Prinzen kompromittiere. Der lachte schallend über Kaftan und Löckchen, fragte gelegentlich den Süß, ob er nicht einmal seinem Freund den Neuffer schicken solle, daß er ihm die Perücke kämme. Landauer wiederum wiegte den Kopf, lächelte: „Ihr könnt doch sonst rechnen, Reb Josef Süß. Was steckt Ihr Zeit und Geld in den Schlucker, der nicht gut ist für zweitausend Taler?“
Süß wäre um eine Antwort verlegen gewesen. Gewiß, er sah in dem Prinzen das Ideal aristokratischer Haltung. Die Selbstverständlichkeit, die Sicherheit, mit der er sich gab, das Lärmende, Herrenhafte bei aller Gutmütigkeit, das fürstlich Ausfüllende bei der Dürftigkeit der Mittel imponierte ihm. Aber das war schließlich keine Erklärung. Es hatten ihm auch andere gefallen und imponiert, deshalb steckte man doch noch lange kein Geld in einen so unsicheren Kunden. Was ihn zu dem Prinzen trieb, war ein Anderes, Tieferes. Süß war gemeinhin kein Spieler. Aber er war gewiß, Glück war eine Eigenschaft. Wer jenes heimliche Wissen nicht besaß, jene Gabe, auf Augenblicke zu wissen, untrüglich, unumstößlich, dies oder jenes Unternehmen, dieser Würfel, dieser Mensch bringt Glück, der mochte von den Geschäften die Hand lassen, auf jeden Aufstieg im Leben verzichten. Und untrügliche Witterung band ihn an Karl Alexander. Der Prinz war sein Schiff. Das Schiff mochte abgetakelt aussehen jetzt, dürftig, nicht verlockend, kluge Finanzleute wie Isaak Landauer mochten die Nase rümpfen. Aber er, Süß, wußte, daß dies sein Schiff war, und er vertraute sich diesem unansehnlichen Schiff an, ohne Bedingung und mit allem, was er war und was er hatte.
Karl Alexander behandelte ihn vertraulicher als sonst große Herren, um ihn je nach Laune um so brutaler auszulachen. Keinen Morgen fehlte Süß beim Lever. Einmal, Neuffer ließ ihn ohne weiteres zu, kuschte sich erschreckt ein Mädchen unter die Decke. Der Feldmarschall, während der Braunschwarze ihn mit Kübeln Wassers übergoß, prustete lachend, sie solle sich vor dem Beschnittenen nicht genieren, und verlegen und beglückt tauchte in den Kissen die junge Aufwärterin auf, mit der auch Süß geschlafen hatte.
Süß nahm die Vertraulichkeiten des Feldmarschalls als Geschenke hin und ließ sich seine Ausbrüche nicht verdrießen. Hatte ihm der Prinz, nachdem er ihn für Mittag bestellt, durch Neuffer sagen lassen, heut stehe ihm der Humor nicht nach hebräischem Gestank, so erschien er des Abends dennoch mit der gleichen lächelnd beflissenen Dienstwilligkeit. Nie hatte ihn ein Mensch so gefesselt wie Karl Alexander, er studierte jede kleinste Geste von ihm mit stiller Aufmerksamkeit, seine Vertraulichkeiten beglückten ihn, seine Brutalitäten imponierten ihm, alles, was der Prinz tat und ließ, diente nur, den Juden fester an ihn zu binden.
Mittlerweile kam Nicklas Pfäffle zurück und meldete, Rabbi Gabriel werde kommen.
Die Gräfin war fort, für seine Geschäfte brauchte Süß den Kabbalisten nicht mehr, die Verbindung mit der Gräfin, die Beteiligung an der Aktion Isaak Landauers war hergestellt. Süß, der glückliche Mensch des Augenblicks, vergaß den Anlaß, aus dem er den Rabbi berufen, wußte nur mehr, daß er ihm keinen andern Anlaß genannt als den dringenden Wunsch, in sein Auge zu sehen, von seinen Lippen zu hören. Er kam sich edel vor und hochherzig, daß er es wagte, an das Verkapselte zu rühren, und hatte in sich jedes Erinnern weggewischt, daß er den Unheimlichen, Unbehaglichen aus sehr anderen Gründen beschickt hatte.
Aber wie Rabbi Gabriel vor ihm stand, war seine schöne, elegant federnde Sicherheit jäh und unerklärbar weg. Er dachte noch: Daß er sich immer so altmodisch trägt! Aber das dachte er eigentlich schon nur nebenher und unüberzeugt. Das scheue, dumpfe Gefühl war über ihm, das unentrinnbar wie die Luft, die man atmete, überall lag, wo Rabbi Gabriel erschien.
„Du hast mich wegen des Mädchens beschickt?“ begann die knarrige, mißlaunige Stimme. Der andere wollte erwidern, heftig, sich wehren, er hatte mehrere flinke, schöne Sätze vorbereitet, aber die endlose, hoffnungslose Traurigkeit, die von den trübgrauen Augen ausging, lähmte ihn, wand sich um ihn wie Schnüre. „Oder ist es nicht wegen des Mädchens?“ Und trotzdem die Stimme jetzt müde klang und ohne Hebung, schnitt sie wie Hohn, und Süß in seiner guten Haltung und in seinen prächtigen Kleidern schien merkwürdig klein und gedrückt vor dem dicklichen, unansehnlichen Mann, den man für einen höheren Beamten halten mochte oder für einen Bürger.
Er konnte doch sonst so sicher und überzeugend sprechen. Oh, wie behend hüpften ihm die Worte von den Lippen und sprangen an dem Partner hinauf und kletterten hoch an ihm und schmiegten sich in jede Lücke und schwache Stelle. Warum fiel seine Rede jetzt so matt und unüberzeugt, daß er halb im Satz verstummte, ehe er zu Ende war? Gewiß, gab er zu, er habe versprochen, das Kind zu sich zu nehmen. Aber es sei nicht gut, wenn er das jetzt tue. Für ihn nicht und für das Kind nicht. Er habe so tausend Geschäfte und sei so gehetzt und hin und her getrieben. Und bei Rabbi Gabriel sei Naemi doch ganz anders behütet, und wenn er, Süß, sich auch für Bildung interessiere und Geistiges, für das Mädchen komme doch das Weltmännische weniger in Frage, als eben die Dinge, die der Oheim besser verstehe als er.
Er flickte diese Argumente zusammen, hastig, fahrig und ohne Kraft. Verstummte. Sah die trübgrauen Augen vor sich, in dem massigen, blutlosen Gesicht die kleine Nase, die breit wuchtende Stirn, senkrecht über der Nase zerschnitten von drei Furchen, scharf, tief, kurz, und er sah, diese Furchen bildeten den heiligen Buchstaben, das Schin, den Anfang des Gottesnamens, Schaddai.
Rabbi Gabriel nahm sich nicht die Mühe, auf die Einwürfe des andern zu erwidern. Er schaute ihn nur an, langsam, mit den trüben steinernen, wissenden Augen, und schwieg.
Und während dieses Schweigens sprang plötzlich schmerzhaft das Verkapselte auf, und das Jahr lag bloß, jenes seltsame und unbegreifliche Stück Leben, das Jahr in der kleinen, holländischen Stadt, das Süß geflissentlich und doch mit einem geheimen Stolz, etwas Störendes und höchst Unpassendes, vor sich und aller Welt versteckte. Er sah das weiße, verschlossene Antlitz der Frau, voll Hingabe und doch so unsagbar fremd, er sah die rührenden, gelösten Glieder, er sah die Tote, die verlöscht war wie sie aufgeglommen, kaum die neue Kerze gezündet. Er sah das Kind, sich selber in einer seligen und gleichzeitig so entsetzlich drückenden Ratlosigkeit. Er sah den Oheim, den unbehaglichen, unheimlichen, der jäh da war wie selbstverständlich und wie selbstverständlich wieder mit dem Kind ins Dunkle zurücktauchte, sehr selten nur, in einem Zwischenraum von Jahren wieder am Tag.
„Das Kind ist jetzt vierzehn Jahr,“ sagte endlich Rabbi Gabriel. „Es macht sich seinen Vater aus meinem Wort. Es ist nicht gut, wenn dann die Wirklichkeit und mein Wort so auseinanderklafft. Ich bin wie der Heidenprophet Bileam,“ fuhr der Kabbalist fort mit einem mißgelaunten Lächeln, „ich sollte fluchen, wenn ich ihr von dir spreche, und ich muß segnen. Ich werde sie also ins Land bringen,“ schloß er, „daß sie dich sieht.“
Süß erschrak strudelnd tief. Das Kind! Da saß dieser Mann vor ihm, ganz gleichmütig, und sagte ihm einfach: Ich werfe dein Leben um. Ich setze mitten in dein Leben voll Glanz und Frauen und Wirbel das Kind, die Tochter, Naemi. Ich hebe dein Leben aus den Angeln, ich reiße die Kapsel auf, ich reiße dein Herz aus den Angeln.
„Ich bleibe noch hier,“ sagte der Kabbalist, „dich aus der Nähe zu beschauen. Wann ich sie bringe, wohin, wie, das sage ich dir noch.“
Als Rabbi Gabriel gegangen war, saß der andere in Wut und Wirrsal. Als kleiner Junge nicht einmal hatte er sich so schelten und dumm machen lassen. Aber er wird es dem Alten sagen, er wird schon die rechten Worte finden, er wird ihm schon dienen, dem alten Hexer in seinem schäbigen, unmodernen Rock.
Aber tief innen wußte er, daß er das nächstemal genau so stumm und klein sitzen wird wie jetzt.
In Schloß Freudenthal stand vor der Gräfin ihre Mutter, ein gewaltiger Fleischkloß, der sich nur mit Mühe fortbewegen konnte. Erdiges Bauerngesicht unter eisgrauem Haar äugte die Uralte mit harten, gierigen Blicken die Oberaufsicht über Schloß und Gut, Dienerschaft und Bauern schindend, Geld raffend, langsam, gierig, unersättlich.
Aufgelöst tobte, jammerte die Gräfin: „Aus, Mutter, es ist aus! Davongejagt. Des Hofs verwiesen. Er küßt die alte dürre Gans in Stuttgart und alle Welt schaut zu. Er will ihr ein Kind machen. Davongejagt. Nach dreißig Jahren davongejagt wie eine Hure, die nicht fürs Bett getaugt hat.“
„Knet ihn, Tochter,“ rief mit röchelnd tiefer, heiserer Stimme die Alte. „Laß ihn bluten. Hat’s ihn Geld gekostet, wie er heiß war, laß es ihn mehr kosten, wenn er kalt wird. Knet ihn! Walz ihn aus, bis kein Heller mehr herausgeht.“
„Und Friedrich hat dazu geraten!“ empörte sich die Gräfin – Friedrich Wilhelm war ihr Bruder. „Gib’s ihm, Mutter! Zeig’s ihm! Mach ihn klein! Schlag ihn!“
„Ich werde ihn kommen lassen, ich werde hören, ich werd’s ihm zeigen,“ versprach die Alte. „Aber das ist nicht wichtig,“ schloß sie und saß da, quellend von Fett, kolossig wie ein asiatischer Götze, das erdfarbene Gesicht strotzend unter dem eisgrauen Haar. „Du hast Wagen hergeschickt mit Sachen. Das ist gut, Tochter. Schick mehr. Schick außer Landes. Haben, das ist es. Besitzen. Geld haben, Sachen haben. Das andere ist nicht wichtig.“
Die Gräfin wartete, verzehrte sich. Isaak Landauer kam, berichtete, brachte Papiere. Alles Geldliche lief glatt, glänzend. Sie fragte nach dem Kabbalisten. Ja, der war jetzt auf dem Wege nach Wildbad. Es war schwer, ihn zu dirigieren. Ihro Exzellenz möge sich gedulden, in zwei, drei Wochen werde er ihn in Freudenthal haben.
Kaum war der Alte weg, kam die Nachricht von der Zusammenkunft des herzoglichen Paares in Teinach. Es war groß und feierlich zugegangen wie bei einem Beilager. Die verschlissene Elisabeth Charlotte hatte sich und ihre Hofdamen – dies Kuriositätenkabinett von Vogelscheuchen, höhnte die Gräfin – neu und kostbar gekleidet. Die Gesandten der Höfe, die sich um die Herzogin verdient gemacht, waren zugezogen worden, das ganze Kabinett, ihr Bruder, der Gräfin Bruder! der Schuft, der glatte, giftig züngelnde, hielt eine Rede bei der Festtafel. Auch der engere Ausschuß des Parlaments war geladen. Die Hofkapelle spielte:
Der itzt den Feind vertrieben, Nun danket Gott nach großer Not!
und ihr Bruder, ihr Bruder! stand dabei, barhaupt und fromm, und Schütz senkte ergriffen die Hakennase. Am ersten Abend gab es Ballett: Die Heimkehr des Odysseus. Ah, wie mochten sie alle gegrinst haben, als die böse Circe sich in den Feuerberg stürzte, und wie mochten sich die zähen alten Hofschneppen die Triefaugen wischen, als die fromme Penelope am Spinnrocken saß. Aber sie konnten warten, sie konnten noch lange warten, bis sie sich in den Feuerberg stürzen wird. Dann zog sich das herzogliche Paar zurück und vor der Tür des Schlafgemachs spielte das italienische Quartett während der Beiwohnung. Guten Appetit, Lux! Schmeckt’s? So was hast du lange nicht gehabt. Spieß dich nicht auf den Knochen! Am zweiten Tag gab es Feuerwerk, prasselnde Raketen schrieben die Initialen der Herzogin flammend an den Himmel, das Volk, den Wanst gestopft mit kostenlosen herzoglichen Würsten, die Blase voll kostenlosen herzoglichen Weins – da ihre Aufsicht fehlte, wird der Kellerer um etwa hundertachtzig Gulden betrügen – schnupfte gerührt hinauf und gröhlte: Es lebe die Herzogin!
Als die Gräfin die Meldung erhalten hatte, schloß sie sich ein und schrieb. Den Brief schickte sie durch einen Kurier nach Stuttgart. Er ging an den Kammerdiener des Herzogs, enthielt eine Anweisung auf dreihundert Gulden und das Versprechen weiterer achthundert, falls er ihr vom Blut des Herzogs verschaffe.
Dieser Brief war übereilt und töricht, und schon wenige Stunden, nachdem der Kurier abgegangen, bereute die Gräfin. Niemals hatte sie dergleichen schriftlich aus der Hand gegeben. Zum erstenmal, daß sie sinnlose Wut nicht hatte zu Ende toben lassen, ehe sie handelte. Auch Isaak Landauer war schuld mit seinem verflucht zögernden Kabbalisten.
Als der Kammerdiener Eberhard Ludwigs den Brief erhalten hatte, rechnete er. Vor dem Fest in Teinach wäre er wahrscheinlich noch der Gräfin zu Willen gewesen. Jetzt nach dem Teinacher Zeremoniell war es ausgemacht, daß die Gräfin nichts mehr zu hoffen hatte. Es waren also von ihr die achthundert Gulden herauszuholen, vielleicht ein paar Hundert mehr, und sonst nichts. Der Herzog hinwiederum wollte vor der Gräfin Ruhe haben, er wäre sicher dankbar für einen Vorwand, sie aus dem Lande zu jagen. Es war also klar, wo der Vorteil lag. Der Kammerdiener ging somit zu dem Präsidenten der Landschaft, ließ sich von dem für seine Tapferkeit tausend Gulden zahlen und übergab den Brief dem Herzog.
Eberhard Ludwig stand, der schwere, dumpfblütige Mann, einen Augenblick starr gebunden vor dem Unfaßlichen. Winkte dann dem Diener heftig Entfernung, schluckte, keuchte, stapfte auf und nieder, schnaubte durch die Nase. Jedes Blutteilchen gor dunkle Wut. Er war also betrogen. Er, er! der Herzog war dreißig Jahre von einer verfluchten Hexe und Vettel betrogen. Die andern, die Bürgerkanaille, die greinenden Pfeffersäcke von der Landschaft, die kahl und dürr predigenden Pfaffen vom Konsistorium, der schäbige Preußenkönig, die ewig beleidigte, zitronensaure Johanna Elisabetha, sie hatten recht, sie hatten dreißig Jahre, dreißig Jahre! recht gehabt gegen ihn, den Herzog.
Mord und Marter! Er hat Frauen gehabt von allen Sorten, blonde, schwarze, kastanienfarbene. Hat sich in kleine, spitze Brüste vergafft und in mächtige, schwimmende, in massige Hüften und in knabenhaft gestraffte, in feine, lange, braunglänzende Schenkel und in weiche, rosig-fette. Er hat müde, schlaffe, lässige Weiber gehabt und rasende, die das Mark aus den Knochen holten bis auf den letzten Zoll. Haben sich Weiber in ihn vernarrt ohne Zahl, herrliche, üppige, umstrittene. Er ist ja auch, Teufel noch eins, ein Kerl in Saft und Schuß und steht in aller Gloria dieser Welt. Haben sich an ihn gehängt mit Herz und Schoß und allem Blut, haben erlöst gestöhnt unter seinem Griff. Waren bessere, Kreuztürken, waren bessere dabei als die Christl. Aber er hat sich an keine verloren. Er hat sie gehabt und hat gelacht und ist darüber weg.
Daß ihm gerade die Christl so im Blut stak, dieses dumpfe Verhaftetsein und Beklommenheit und Nicht-Wegkönnen, natürlich war das nicht mit rechten Dingen zugegangen. Und er hat’s nicht gemerkt und saß mit dem Gift und verruchten Zauber im Leib. Oh, oh! Das Hurenmensch, das vermaledeite! Die Zeilen jenes Protokolls krochen auf ihn zu, wandelten sich in fratzenhafte, scheusälige Bilder. Die schwarze Kuh mit dem abgehauenen Kopf, der Bock mit den abgeschnittenen Hoden. Sie mochte sich wohl eine Puppe von ihm gemacht haben, einen Teraph, sein Herz und lebendiges Blut in das Bild hineinzuzaubern, und der Satan, der neunschwänzige, mochte wissen, was für verfluchte und unflätige Hantierung sie mit dem Gebannten getrieben.
Aber jetzt war er ihr auf das Handwerk gekommen. Jetzt war es aus mit allem Zauber und vermaledeiter Hexerei. Er wird ihr zeigen, daß er auch den letzten Tropfen ausgeschwitzt von ihrem Höllengift und Satanstrank.
Er schrieb, siegelte, befahl Räte, Offiziere. Ein hastiges, heimliches, wichtiges Gewese hub an.
Schon andern Tages in aller Frühe erschien ein Detachement Husaren in dem Dorfe Freudenthal. Die Soldaten rückten vor das Schloß, besetzten alle Ausgänge. Der Führer, Oberst Streithorst, gefolgt von seinem Adjutanten, ging, an dem schlotternden Kastellan vorbei, in die Vorhalle. Hier trat ihm der Haushofmeister entgegen, an allen Türen tuschelte aufgeregte, ängstlich neugierige Dienerschaft. Die Exzellenz sei nicht zu sprechen, erklärte hastig der Haushofmeister, die Exzellenz sei noch zu Bette. So werde er einige Minuten warten, entgegnete gelassen der Offizier und setzte sich. Und der Haushofmeister dringlich, überhastet: die Frau Gräfin sei unpaß, sie bedaure sehr, überhaupt nicht empfangen zu können. Wenn der Herr Oberst Ordres von Seiner Durchlaucht bringe, möge er sie dem Sekretär übergeben. Der Oberst, immer korrekt und kühl, es sei ihm leid, er habe Befehl, unter allen Umständen die Frau Gräfin selbst zu sprechen.
Ueber dem erschien die Mutter der Gräfin. Kolossig stand die erdfarbene Uralte in der Tür, die zu den Zimmern der Tochter führte. Der Oberst salutierte, wiederholte, unerregt und sachlich, seinen Auftrag. Die Alte mit ihrer röchelnden, tiefen Stimme herrschte ihn an, er solle sich scheren; er wisse so gut wie sein Herr, ihre Tochter sei reichsunmittelbare Gräfin, nur der Römischen Majestät unterstellt. Der Offizier achselzuckte, er sei kein Jurist, und so gehe sein Auftrag, und er gebe der Frau Gräfin eine halbe Stunde Zeit, sich anzukleiden; dann werde er die Tür sprengen lassen. Keifend und massig pflanzte die Alte sich hin: das sei Landfriedensbruch, und man werde sich bei schwäbischer Reichsritterschaft beschweren, und sein Herr werde es schwer büßen müssen, und er werde schimpflich kassiert werden. Es seien jetzt noch sechsundzwanzig Minuten, erwiderte der Oberst.
Die Gräfin indes, in rasender Eile, fegte in ihren Zimmern herum, verbrannte Papiere, schichtete, siegelte, übergab ihrem Sekretär. Als der Offizier bei ihr eindrang, lag sie in einem prunkvollen Nachtgewand zu Bett, richtete sich hoch, ganz empörte Unschuld. Fragte mit schwacher Stimme, was man von ihr wolle. Herr von Streithorst entschuldigte sich, er habe strikte Order von dem Herrn Herzog selbst, Ihre Exzellenz unter Bedeckung fortzubringen. Kreischen der Zofen, haßerfüllte, röchelnde Beschimpfungen der Alten, Ohnmacht der Gräfin. Der Offizier unerschütterlich. Als sie wieder zu sich kam, während die Alte den Oberst als Mörder begeiferte, sagte sie, die Stimme gebrochen und wie die eines kleinen Mädchens, sie sei in seiner Gewalt, sie wisse, daß er sie wegführen könne, ehe die Reichsritterschaft gewaffneten Widerstands fähig sei. Sie sei sehr ernstlich krank, dieser Ueberfall habe ihr schlimm zugesetzt, und wenn er darauf bestehe, sie in solchem Zustand wegzubringen, so werde das ihr Tod sein. Sie sprach mühsam, in Atemnot, ringsum flennten die Zofen. Es dauerte vier Stunden, bis der Oberst sie in der Kutsche hatte und sie inmitten der Reiter in den regnichten Tag wegführen konnte. Die Mutter und zwei Zofen begleiteten sie. An ihrem Weg standen dumm glotzend ihre Bauern. Aber die Freudenthaler Juden hatten sich in ihrem Betsaal versammelt, in großer Angst um Leib und Gut, und beteten für ihre Schützerin.
Die Gräfin wurde nach Urach gebracht und dort als Standesperson in allem Respekt gehalten, durfte aber Schloß und Park nicht verlassen. Sie gab sich hochfahrend, schikanierte die Dienerschaft bis aufs Blut und verblüffte sie durch ungeheure Trinkgelder. Den Kommissaren des Herzogs verweigerte sie jede Auskunft, sie habe als regierende Reichsgräfin nur dem Kaiser Red und Antwort zu stehen. Als gar die schwäbische Reichsritterschaft sich in die Sache mengte und über ihre durch die Verhaftung der Gräfin in dem reichsfreien Rittergut Freudenthal verletzten Rechte klagte, triumphierte sie, und ihr Sachwalter erhob in Wien Klage in einer Sprache, wie sie gegen das württembergische Haus noch nie geführt worden war. Ueberall im Reich sprengten ihre Agenten Gerüchte aus, wie groß die Rechtsunsicherheit sei im Herzogtum, wenn nicht einmal die Freiheit ritterschaftlicher Person gewahrt würde. Isaak Landauer erklärte, sacht den Kopf wiegend, dem Gesandten der Generalstaaten, unter solchen Umständen sei es eine mißliche Sache, in Württemberg Kapital stehen zu lassen, seine Worte wurden in den Kontoren der großen Geldleute kolportiert und wirkten gefährlich weiter.
Im herzoglichen Kabinett verfolgte Geheimrat Schütz aufmerksam und bewundernd alle Schachzüge der Gräfin. Er ließ sie lange gewähren; dann aber bremsten er und der Bruder der Gräfin jäh und wirksam. Bei den Reichsrittern war einzusetzen. Der Herzog, selbstherrlich, haßte diese Körperschaft und lag ständig mit ihr in Fehde. Er lief rot an, nannte man nur den Namen, und hatte blindwütig mit eigener Hand aus dem Kirchenlied: O heiliger Geist, kehr’ bei uns ein, die Verse gestrichen: Laß uns dein’ Salbungskraft empfinden, stärk’ uns zu deiner Ritterschaft. Aber diesmal mußte er sich überwinden, er mußte nachgeben. War die Ritterschaft der Teufel, so war die Gräfin seine Großmutter. Er anerkannte also die Klage der Ritter, entschuldigte sich höflich und in bester Form und gewährte auch andere Genugtuung, vor allem war er bereit, in einer strittigen Frage über die Befreiung der Ritter vom Weinzoll nachzugeben. Da bei weiterem Widerstand nur Ehre, bei Nachgeben aber etwa siebzigtausend Gulden zu gewinnen waren, zog die Ritterschaft ihren Protest zurück. Damit war auch die Wiener Klage erledigt.
Der Wind war aus den Segeln der Gräfin genommen, überall flauten ihre Anhänger ab. Schütz benutzte ungesäumt diese Flauheit, dem Handel für alle Zeit ein Ende zu machen. Die Gräfin wurde nach der Festung Hohen-Urach gebracht in engeren Gewahrsam, niemand von ihren Freunden hatte Zutritt. Die Dämme, bisher der Volkswut entgegengestellt, wurden niedergerissen. Allerorts erschienen Pasquille und schmähliche Karikaturen, in Kannstatt wurde eine Puppe mit den Zügen der Gräfin unterm Gejohl des Pöbels erst ins Hurenhaus gebracht, dann gestäupt und auf den Schindanger geworfen.
Unterdes suchte die Mutter ihren ältesten Sohn auf. Der aalglatte, eiskalt hochmütige Minister saß vor der schimpfenden Greisin geduckt wie ein Hosenmatz. Er legte dar, der Uebermut und politische Ehrgeiz der Schwester hätte auf die Dauer sie alle ins Unglück gestürzt, so habe er eingreifen müssen. Jetzt, wo sie politisch außer Spiel gesetzt sei, werde er sein Bestes tun, ihren Abgang zu retten. Er denke nicht daran, ihr Vermögen anzutasten.
Der Vergleich, den man der Gräfin vorlegte, war denn auch von Anfang an günstig. Es zeigte sich, wie fein Isaak Landauer alles eingefädelt hatte. Alle Welt war interessiert, der Gräfin in Württemberg liegendes Vermögen zu retten. Der kaiserliche Gesandte, ihr Bruder, der Sachwalter des Kammergutes, wer immer in der Affäre mitzureden hatte, wirkte in solchem Sinn. So mußte sie zwar ihre Güter Brenz, Gochsheim, Stetten, Freudenthal abtreten und sich zu der Zusage bequemen, keine Forderungen und Ansprüche weiter an das fürstliche Haus zu machen, desgleichen das Herzogtum nie wieder zu betreten: aber Isaak Landauer hatte eine letzte ungeheure Summe für sie erpreßt, deren Höhe selbst ihre Juden nur zu flüstern wagten, und die Nutznießung vieler Liegenschaften blieb ihr auf Lebenszeit. Sie zählte zu den vermögendsten Damen des römischen Reichs, als sie das Herzogtum verließ.
Eine starke militärische Eskorte begleitete sie außer Landes. Ihre Straße war gesäumt von johlendem, Kot schmeißendem Volk. Vor ihr, hinter ihr, in endloser Reihe schleppten Wagen Kleider, Hausrat, Zierat.
Erst als das letzte Stück über der Grenze war, folgte, allein in der Kutsche, erdfarben, kolossig, unbeweglich die Alte.
Bei dem Prälaten von Hirsau, Philipp Heinrich Weißensee, Konsistorialrat und Mitglied des engeren parlamentarischen Ausschusses, war ein Gast eingekehrt, der Geheimrat Fichtel vom Hof des Würzburger Fürstbischofs. Die beiden Herren waren seit Jahren befreundet, der schlanke, weltmännische Protestant und der unscheinbare Diplomat des Fürstbischofs mit dem kleinen, klugen Gesicht. Beide passionierte Puppenspieler, undurchsichtig für ihre Umgebung, schlossen sie sich gegenseitig die Mechanik ihrer Künste auf, freuten sich kennerisch an dem feinen Getriebe der zahllosen Fädchen württembergisch-protestantischer Parlamentspolitik und höfisch katholischer Diplomatie. Der Jesuitenschüler wie der protestantische Prälat liebten die Politik um ihrer selbst willen; wenig lag ihnen am Ziel, viel an seiner kunstgerechten Verfolgung.
Im Herzogtum schätzte man Weißensee, aber er war den meisten unbehaglich. Seine gelassene Liebenswürdigkeit und die leicht skeptische Ueberlegenheit seiner weitschichtigen Bildung legten eine feine Wand von Fremdheit und Undurchdringlichkeit zwischen ihn und die zahllosen Bekannten, die seine großen, behaglichen Räume füllten. Er war ein ausgezeichneter Mathematiker, war eng befreundet mit den beiden besten Theologen des westlichen Deutschlands, dem stillen, ernsthaften, wahrhaft frommen Johann Albrecht Bengel und dem geraden, festen Georg Bernhard Bilfinger. Seine kritische Ausgabe des Neuen Testaments, bis jetzt freilich nur zum kleineren Teil erschienen, war weit über Württemberg hinaus berühmt, sein Wort mit ausschlaggebend im landschaftlichen Ausschuß.
Aber es fehlte seiner mannigfachen Beschäftigung die Wärme. Wohl erfüllte er alles, daran er Hand legte, bis in jede Ecke mit Tätigkeit und sachkundigem Betrieb. Doch, ob es das Neue Testament war oder ein Referat im Landtag oder die Anpflanzung einer neuen Sorte in seiner Obstkultur, er nahm es spielerisch, es gab nichts, das ihm über die Nerven hinaus ins Herz drang.
In den weiten Räumen mit den mächtigen, weißen Vorhängen ging groß und schlicht seine Tochter Magdalen Sibylle herum, neunzehnjährig, bräunliches, männlich kühnes Gesicht, weite, blaue, erfüllte Augen, sehr merkwürdig und verwirrend unter dem dunkeln Haar. Die Mutter war früh gestorben, zu der immer gleichbleibenden, lauen Freundlichkeit des Vaters fand sie keinen Weg. Der Umgang mit der Tochter des Stuttgarter Landschaftskonsulenten, Beata Sturmin, und die Lektüre Swedenborgs hatten die Vereinsamte in pietistische Zirkel getrieben.
Denn es blühten die Konventikel im Land, die Bibelkollegien. Trotz aller Verbote und Strafen traten unter der Not der Zeit überall im Herzogtum Gläubige und Erweckte auf. Freilich gab es in dem kleinen Hirsau keine Heilige wie Magdalen Sibyllens Stuttgarter Freundin und Führerin, die blinde Beata Sturmin, die mit Gott im Gebet rang, ihm die Ohren mit Verheißungen rieb, die er erhören mußte, ihm durch wahllos zufälliges Aufschlagen von Bibelstellen Orakel abnötigte. Aber es lebte in dem stillen Ort ein gewisser Magister Jaakob Polykarp Schober, der die Schriften De Poirets, Böhmes, Bourignons, Leades, Arnolds gelesen hatte, auch die verbotenen Bücher vom Ewigen Evangelium und der Philadelphischen Sozietät, ein gutmütiger, einfältiger Mensch, der sanft vor sich hintrieb und lange sinnierende Spaziergänge liebte. Der hielt in Hirsau ein Bibelkollegium ab, und daran nahm auch Magdalen Sibylle teil, die Tochter des Prälaten. Die weiten, blauen Augen unter dem dunkeln Haar in ein Fernes, Erträumtes versenkt, saß sie groß und schön mit dem männlich kühnen, bräunlichen Gesicht unter den Frommen, Armseligen, Gedrückten, Blassen, Verhutzelten des Collegium Philobiblicum, sie suchte durch zufälliges Aufschlagen der Schrift Orakel, sie kämpfte im Gebet mit Gott, daß er ihrem Vater Gnade und Erweckung fließen lasse.
Der würzburgische Geheimrat war ihr in tiefer Seele zuwider, und sie grämte sich ab, den Vater in dieser weltlichen, heidnischen Gesellschaft zu sehen. Der Katholik hatte von dem neumodischen Zeugs mitgebracht, das die Kannibalen erfunden haben, Kaffee hieß es, und von dem mußte man ihm einen schwarzen, stark riechenden Saft bereiten. Magdalen Sibylle schaute mit scheuen, angewiderten Augen, wie auch der Vater von dem Teufelstrank genoß, und betete mit aller Inbrunst, Gott möge ihn nicht daran vergiften lassen.
Da saßen nun die beiden Männer bei solchem Trank oder beim Wein und sprachen endlos über die eitlen Dinge des Reiches und ganz verruchten Kirchenbabylons, Politik und Geld und Verfassung und Titel und Militär und Prozesse. Statt von dem Gesicht Gottes und seiner Herrlichkeit, wie es Dienern Christi ziemte.
Der Geheimrat kam natürlich auch auf den Prinzen Karl Alexander zu sprechen, der jüngst bei dem Fürstbischof zu Gast gewesen. Weißensee kannte den Prinzen auch. Ein scharmanter Herr. Sein Ruf drang von der untern Donau bis an den Neckar. Ein edles Blatt am Zedernbaume Württembergs. Der Geheimrat sprach von den finanziellen Schwierigkeiten des Prinzen, er habe ja auch eine Eingabe an die Landschaft gemacht, soviel er wisse, um Erhöhung seiner Apanage. Ja, Weißensee hatte die Eingabe gelesen, der Stil sei ihm bekannt vorgekommen. In der Kanzlei des Prinzen jedenfalls sei das Schriftstück nicht entstanden; jetzt, nachträglich, sei es ihm, als erkenne er in gewissen Wendungen die Manier seines verehrten Freundes, schloß er lächelnd.
Die Herren saßen bequem in dem lauen Abend, tranken. Aber seitdem die Rede auf diese Affäre gekommen war, fiel Rede und Antwort in längerem Abstand, gewogener, und unter der lässigen Maske barg sich Bereitschaft. Wie die Dinge jetzt lägen, meinte Weißensee, vorsichtig, ausholend, sei es sehr erwägenswert, dem verdienten Prinzen die kleine Summe zu gewähren.
Das würde den Bischof menschlich gewiß sehr freuen, antwortete langsam der Geheimrat Fichtel, und man konnte seinem klugen, kleinen Gesicht ablesen, wie er vorsichtig die Worte formte, daß sie nichts sagen, doch alles bedeuten sollten. Der Bischof sei ja dem Prinzen sehr befreundet. Aber der bischöfliche Stuhl als solcher habe gar kein, sein verehrter Freund möge ihn wohl verstehen, aber auch gar kein Interesse daran, ob die Landschaft dem Prinzen helfe oder nicht. Die bischöflichen Kassen seien wohlgefüllt; wenn Seine Eminenz den württembergischen Herren den Vorrang gelassen habe, dem Prinzen aus der Not zu helfen, so sei das eine höfliche Geste, sonst nichts. Der Geheimrat verstummte, schlürfte seinen Kaffee.
Weißensee betrachtete ihn aufmerksam, sagte sacht: „Wenn ich Sie recht verstehe, Lieber, liegt dem Bischof wirklich nichts daran, ob wir das Geld geben oder nicht.“
Die Herren sahen sich an, behutsam, freundlich. Dann sagte der Katholik: „Wenn ich im Ausschuß säße, ich würde dagegen stimmen. Gerade jetzt, nach dem Zusammenbruch der Gräveniz, keine Konzession an das fürstliche Haus.“
Und die beiden Diplomaten lächelten sich zu, höflich, verständnisvoll, einander sehr gewogen, mit dünnen, feinen Lippen.
Als das Gesuch des Prinzen im landschaftlichen Ausschuß zur Sprache kam, war man geneigt, es zu bewilligen. Nach dem Sturz der Gräfin waren die Elf gemütlichen Humors, gebelustig. Das Referat hatte der plumpe, polternde Bürgermeister von Brackenheim, Johann Friedrich Jäger. Er führte aus, der Prinz Karl Alexander sei ein großer Herr und Feldmarschall, trage die württembergische Gloire über den Erdkreis und verbreite den Respekt vor schwäbischer Courage und Maulschellen bei Mohren, Türken und sonstigen Heiden; auch habe der Herzog das Saumensch, das pockennarbige, abgeschafft. So könne man sich nobel zeigen und die paar tausend Gulden spendieren. So ungefähr ging auch die Stimmung der andern. Da erhob sich Weißensee und mit seiner feinen, höflichen, geschmeidigen Stimme warf er wie beiläufig hin, die Großmut und noble Manier der wohllöblichen Herren Kollegen sei hoch zu schätzen, auch gönne er dem verdienten Helden das Geld. Nur sei die Frage, ob es praktisch sei, gerade jetzt den Herzoglichen entgegenzukommen. Der Herzog habe endlich mit der Gräfin Schluß gemacht, gut. Aber das sei ja schließlich nur seine vermaledeite Pflicht und Schuldigkeit gewesen, und wenn man jetzt durch besonderes Entgegenkommen danke, so stemple man dadurch die Selbstverständlichkeit gewissermaßen zur Gnade und sanktioniere auf solche Art hinterher die Halsstarrigkeit, die der Herzog die dreißig Jahre hindurch bewiesen. Er stimme also dafür, das Gesuch Karl Alexanders abzulehnen, ohne daß dies eine Gehässigkeit gegen den sympathischen Prinzen bedeuten solle.
Die Mitglieder des Ausschusses wiegten die schwerfälligen Schädel, schwankten, waren schon überzeugt. Weißensee hatte sie gepackt, wo sie am schwächsten waren. Ja, das war es! Dem Herzog zeigen: keinen Schritt geben wir nach. Unsere Privilegien sind nicht auf dem Papier, wir brauchen sie. Das war etwas.
Das Gesuch des Prinzen Karl Alexander, Kaiserlichen Feldmarschalls, Hoheit, wurde abgelehnt.
Rabbi Gabriel hielt sich in Wildbad still, zurückgezogen. Gegen abend pflegte er in der Umgegend spazierenzugehen. Regenwetter hatte eingesetzt. Er ging durch die feuchte, laue Luft, den Schritt schwerfällig, den Rücken leicht rund, den Kopf geradeaus, den Blick auf niemand. Er ging, so unauffällig er war, zwischen Verstummenden, Aufschauenden, Betroffenen. Geraun stand auf hinter ihm, das Gerede vom ewigen Juden war wieder da. Dreimal durchforschten die Behörden die Papiere des gleichmütig mürrischen Herrn. Sie waren in Ordnung. Er war legalisiert von den Generalstaaten als Mynheer Gabriel Oppenheimer van Straaten, er hatte den großen Paß, der alle Behörden ersuchte, ihm jeden Vorschub zu tun.
Der Prinz Karl Alexander hatte natürlich auch von dem seltsamen Badegast gehört, und daß er mit seinem Leibjuden, dem Süß, zusammenstecke. Es kam den Prinzen nachgerade eine leise Ungeduld an, wie er da so endlos auf das Geld von der Landschaft wartete, und er begann sich zu langweilen. Er hatte sich in Venedig und auch sonst wie so viele andere große Herren mit Sternlesekunst und anderer Magie abgegeben, vor allem sein Freund, der Fürstabt von Einsiedeln, beschäftigte sich viel mit solchen Dingen. Erst in Würzburg hatte er wieder von einem Magus erzählt, den er jetzt an seinem Hof hielt und in den er großes Vertrauen setzte. Der Prinz verlangte also von Süß geradezu, er solle ihm den Kabbalisten beibringen und vor ihn hinstellen. Süß wand sich und drehte sich. Er wußte, Rabbi Gabriel wird sich zu solcher Schaustellung nie hergeben. Schließlich fand er einen Ausweg. Wenn der Rabbi bei ihm sei, werde er dem Prinzen Botschaft schicken. Suche dann der Prinz ihn auf, so ergebe sich zwanglos eine Zusammenkunft mit dem Rabbi. Karl Alexander erklärte lachend sein Einverständnis.
Der Kabbalist sagte zu Süß: „Ich werde also das Mädchen ins Schwäbische bringen. In der Nähe von Hirsau hab ich ein kleines Landhaus gefunden, ganz abgelegen. Laß das Haus kaufen. Es ist mitten im Wald, weitab von den Menschen. Nichts Schlechtes kann dort an sie hin.“
Süß nickte stumm. „Es wäre gut,“ fuhr Rabbi Gabriel mit seiner knarrigen Stimme fort, „wenn auch du dich wegmachtest aus dem Leben hier und deinen Geschäften. Wenn du in der Stille bist, am Ufer, dann siehst du, daß dein Rauschen und Getrieb wirbelndes Nichts ist. Es ist Narrheit, daß ich an dich hinrede,“ schloß er unwirsch. Er sah das Gesicht des Süß, er sah Fleisch und Knochen und Blut und kein Licht, und er war zornig auf jene tiefe und heimliche Bindung, die ihn gerade an diesen Menschen zwang zu immer weiteren Niederlagen. Oh, wieviel Ströme mußten kreisen, bis aus diesem Stein Leben sprang.
Wie er gehen wollte, ward die Türe aufgerissen, und an Dienern in Haltung vorbei kam der Prinz ins Zimmer, leicht hinkend, lärmend: „Ah, Er hat Besuch, Süß?“ und warf sich in einen Sessel. Rabbi Gabriel neigte sich, nicht tief und ohne Hast, und beschaute gleichmütig und aufmerksam den Prinzen, während Süß in tiefer Verbeugung stand. Vor dem ruhigen, trübgrauen Auge des Kabbalisten verlor der Prinz seine polternde Sicherheit, ein peinliches Schweigen legte sich zwischen die drei, bis Süß es löste: „Dies ist Seine Hoheit, Oheim, der Prinz von Württemberg, mein erhabener Gönner.“ Da Rabbi Gabriel noch immer schwieg, sagte der Prinz, und sein Lachen klang nicht ganz frei: „Er ist wohl der geheimnisvolle Fremde, von dem hier alles schwatzt? Er ist Alchimist, kann Gold machen, was?“
„Nein,“ sagte Rabbi Gabriel, unerregt. „Ich kann kein Gold machen.“
Der Prinz hatte den Handschuh ausgezogen, wippte ihn gegen den Schenkel. Aus dem massigen, bartlosen Gesicht mit der kleinen, platten Nase starrten ihn unbehaglich die viel zu großen grauen Augen an mit traurigem, trübem Feuer. Er hatte sich den Magus ganz anders vorgestellt; er erinnerte sich des amüsierten Kitzels, mit dem er gewissen magischen Séancen sonst beigewohnt hatte. Das hier war so dumpf, als wiche langsam die Luft aus dem Zimmer.
„Ich habe viel Interesse für alchimistische Experimente,“ sagte er nach einer Weile. „Wenn Ihr zu mir ziehen wollt, nach Belgrad,“ – er gebrauchte jetzt das höflichere Ihr – „ich bin nicht reich, Euer Neffe weiß das wahrscheinlich besser als ich, aber ein auskömmliches Jahrgehalt wird zu beschaffen sein.“
„Ich bin kein Goldmacher,“ wiederholte der Kabbalist.
Wieder das Schweigen, das trist rinnend, lähmend das Zimmer füllte, sich um die Menschen legte, ihre Sicherheit, Unbedenklichkeit wegdrängte. Plötzlich, mit einer jähen Bewegung, als wollte er Fesseln mit Gewalt zerhauen, riß der Prinz die linke Hand hoch, dem Kabbalisten vors Auge. „Aber das könnt Ihr mir nicht abschlagen, Magus!“ lärmte er mit einem bewölkten Lachen. „Sagt mir, was Ihr drinnen lest!“ und drängte ihm die Handfläche vor das Gesicht. Es war eine merkwürdige Hand. Während ihr Rücken schmal, lang, behaart, knochig erschien, war ihr Inneres fleischig, fett, kurz.
Rabbi Gabriel hatte einen Blick auf die Hand nicht vermeiden können. Eine wilde, erschreckte Bewegung kaum unterdrückend, wich er einen halben Schritt zurück. Beklommenheit, grauer noch, enger, drückender nebelte herab. „Sprecht doch!“ drängte der Prinz. „Ich bitte Euch, erlaßt es mir!“ entgegnete, kaum noch gefaßt, der Kabbalist.
„Wenn Ihr mir Schlechtes zu prophezeien habt, glaubt Ihr, ich falle in Freisen wie eine blutarme Jungfer? Ich bin in hundert Schlachten gestanden, ich habe mich übers Sacktuch duelliert, der Tod ist mir um Fingerbreite vorbeigepfiffen.“ Er versuchte zu lachen. „Glaubt Ihr, ich kann’s nicht hören, wenn ein alter Jud mir Unheil wahrsagt?“ Und da der andere schwieg: „Kriecht nicht in Starrsinn wie eine Schildkröte in ihr Haus! Heraus mit der Sprache, mein Kalchas, mein Daniel!“
„Ich bitte Euch, erlaßt es mir!“ sagte der Kabbalist. Er hob nicht die Stimme, aber seine Augen schauten, vereiste Seen, auf den Prinzen, daß der einen Augenblick kein Wort fand. Scharf, tief, kurz zackten die drei Furchen in die breite Stirn des Rabbi wie ein fremder, unheimlicher Buchstab. Aber da sah der Prinz den Süß, der gespannt und verängstigt zurückgewichen war, und er bäumte hoch, daß er so lächerlich und klein vor dem Alten stehe, und, ihm nochmals die Hand vor die Augen drängend, schrie er herrisch: „Rede!“
Rabbi Gabriel sagte, und sein mürrischer Alltagston fiel unheimlicher in die Erregung des Prinzen, als alle großen Gesten und magisches Gewese es hätten tun können: „Ich sehe ein Erstes und ein Zweites. Das Erste sag ich Euch nicht. Das Zweite ist ein Fürstenhut.“
Der Prinz, verblüfft, lachte durch die Nase. „Mille tonnerre! Ihr gebt’s dick, Herr Magus. Ganz Gold und Purpur. Nicht so obenhin wie sonst ein Chiromant und Astrologus: großer Glanz und Gloire oder so. Sondern rund und nett und klar ein Fürstenhut. Kotz Donner! Da kann sich mein Vetter freuen.“
Rabbi Gabriel erwiderte nicht. „Ich reise heute abend,“ wandte er sich an Süß. „Es bleibt bei dem, was ich dir sagte.“ Er neigte sich vor dem Prinzen, ging.
„Er ist nicht sehr höflich, Sein Oheim,“ sagte Karl Alexander zu Süß und versuchte, seine Betretenheit zu zerlachen. „Sie müssen ihn entschuldigen, Hoheit,“ beeilte sich der Jude zu erwidern und mühte sich, auch er, seiner Erregung Herr zu werden. „Er ist knurrig und ein Sonderling. Und wenn auch seine Manier zu beklagen und zu tadeln ist,“ schloß er, wieder beherrscht und der Alte, „was er zu sagen hatte, war um so erfreulicher.“
„Ja,“ meinte der Prinz, vor sich hinschauend und mit dem Degen Linien des Fußbodens nachzeichnend, „aber das, was er verschwieg.“
„Er hat so seine Kauzgedanken,“ beschwichtigte Süß. „Was er für wichtig hält und für ein großes Malheur, darüber lacht unsereiner, der das Leben anschaut, wie es wirklich ist. Ein Fürstenhut ist was Reales. Das Unheil, von dem er nichts verraten wollte, ist sicher Geträume für unsereinen und überhirnisch Zeug.“
„Der Fürstenhut!“ lachte der Prinz. „Sein Oheim sieht bedenklich weit. Muß der Tod noch groß reine waschen, ehe daß ich an der Reihe bin. Vorläufig lebt mein Vetter noch und dann sein erwachsener Sohn und denken nicht daran, um die Ecke zu gehen. Hat vielmehr mit seiner Frau Herzogin Friede geschlossen, daß er ihr noch mehr lebendige Kinder mache.“ Der Prinz stand auf, streckte sich. „Ho, Jud! Will Er mir eine Hypothek geben auf den württembergischen Thron?“ Und schlug ihn laut lachend auf die Schulter. Süß schaute ihm ehrerbietig ins Auge: „Ich stehe Eurer Hoheit zur Verfügung mit allem, was ich habe. Mit allem, was ich habe,“ wiederholte er. Der Prinz hörte zu lachen auf und schaute den Finanzmann an, der sehr ernst und mit größerer Ehrfurcht noch als sonst vor ihm stand. „Genug der Spaß!“ sagte Karl Alexander plötzlich, rückte die Schultern, als würfe er etwas Fremdes und Lästiges von sich, und strammte sich. „Die kleine Kosel hat mich um türkische Schuhe gebeten,“ sagte er dann in seinem alten Ton, „mit kleinen blauen Steinen. Schaff Er sie mir, Jud! Und das Beste!“ Und während er hinausging, leicht hinkend: „Aber daß Er mich nicht mehr bescheißt als um drei Dukaten.“ Und er lachte schallend.
Rabbi Gabriel verließ Wildbad mit der gewöhnlichen Post. In seinem soliden, etwas altfränkischen Rock, wie man ihn in Holland vor zwanzig Jahren getragen hatte, dicklich, den Rücken leicht rund, sah er aus wie ein verdrießlicher Bürger oder wie ein mürrischer hoher Beamter. Bevor er kam, hatte in der Postkutsche muntere Unterhaltung geflattert, jetzt saß man stumm und ungemütlich, und Rabbi Gabriels Nachbar rückte unmerklich von ihm ab.
Kaum aus dem Ort, begegnete die Post einer prunkhaften Reisegesellschaft. Es war der Fürst Anselm Franz von Thurn und Taxis, der Regensburger, der mit Glanz und großer Suite das Waldschlößchen Eremitage bezog, das er gemietet hatte. Der Fürst, ein feiner, älterer Herr, der Schädel lang, sehr aristokratisch, an den Kopf eines Windhundes gemahnend, Witwer, war begleitet von seiner einzigen Tochter, Marie Auguste. Die Prinzessin, über Deutschland hinaus um ihre Schönheit gefeiert, auf zahllosen Bildern, Pastellen Bewunderer lockend, saß neben ihrem Vater mit der gewohnten Teilnahmslosigkeit der schönen Frau, die weiß, daß viele Augen jeder ihrer Bewegungen folgen. Mit lässiger Neugier schaute sie in den besetzten Postwagen, und ihr kleines, leicht spöttisches, hochmütig liebenswertes Lächeln verflog nicht vor dem Blick des Kabbalisten. Ihr Vater hatte ihr in seiner sachten Art Andeutungen gemacht, in Wildbad werde sie wichtige und, wie er hoffe, angenehme Entscheidungen zu treffen haben. So fuhr sie jetzt in der blinkenden Kutsche, bereit, zu jedem Erlebnis lieber Ja als Nein zu sagen, jung, lässig und doch hungrig. Unter strahlend schwarzem Haar äugte klein, ziervoll, eidechsenhaft das Gesicht, von der matten Farbe alten, edlen Marmors, spitz zulaufend, langäugig, klare, leichte Stirn, feine, gegliederte Nase, klein, geschwellt, spöttisch der Mund.
Die Damen in Wildbad waren erbittert über die neue Gastin. Die Prinzessin von Kurland, die Tochter des Gesandten der Generalstaaten, an die Wand gedrückt, verzogen hochmütig die Lippen und fanden die Thurn und Taxis männersüchtig und kokett. Die aber ging, den kleinen, ziervollen Kopf sehr hoch, mit lässigem, schwer deutbarem Lächeln ihre Straße, die gesäumt war von Bewunderern.
Der erste Abend, an dem die Prinzessin Marie Auguste in Gesellschaft erschien, war ein guter Abend für Josef Süß. In betontem Gegensatz zu den andern Herren machte er nicht den leisesten Versuch, den Regensburger Fürstlichkeiten vorgestellt zu werden. Während etwa der junge Lord Suffolk durch seine starre, großäugige, verblüffte Verliebtheit lächerlich wurde, hielt sich Süß an die jetzt vernachlässigten Damen, denen er bisher gehuldigt und bei denen er heute in doppelter Gnade stand. Selten nur und wenn es seine Damen nicht bemerken konnten, flogen seine großen, braunen Augen zu der Prinzessin, dann aber starrte aus seinem sehr weißen Gesicht so hemmungslos ergebene Bewunderung, daß Marie Auguste den stattlichen, eleganten Herrn mit ungenierter Neugier auf und ab sah. Im übrigen schritt sie mit ihrem leisen, erregenden Lächeln ziervoll und ein wenig spöttisch durch die Huldigungen des Abends.
Der sonst Gipfel solcher Feste war, und auf den man ihre Spannung gelenkt hatte, Karl Alexander, Prinz von Württemberg, Kaiserlicher Feldmarschall, Held von Belgrad, Peterwardein und sonst vieler Schlachten, blieb wider Erwarten dem Abend fern. Grimmig saß er in seinem Zimmer beim Sternwirt, allein, auf dem Tisch eine einzige Kerze. Er saß im Schlafrock, den verwundeten, gichtischen Fuß, der heute besonders schmerzte, mit Tüchern umwickelt, er saß vor Flaschen und Karaffen. Aus dem Dunkel tauchte zuweilen Neuffer, der Kammerdiener, das Glas aufzuschenken, und im Schatten hockte der Schwarzbraune. Der Prinz saß, soff, fluchte. Die Flüche aller Sprachen, allen Unflat des Feldlagers fluchte er gegen die Landschaft. Am Nachmittag, mit der gewöhnlichen Briefpost, hatte er ein Schreiben des parlamentarischen Ausschusses erhalten, das nackt und ohne Umschweife sein Gesuch um ein Darlehen ablehnte.
Karl Alexander schäumte. Er wußte sich populär im Herzogtum, sein Bild hing in zahllosen Stuben, das Volk schrie ihm Hoch. Und nun schickten ihm diese Kanaillen vom Parlament, diese ausgefressenen Rotzbuben und hochnäsige Populace einen solchen Dreck und Geschmier.
So saß er, soff, fluchte. Riß dann die Felle weg, mit denen Neuffer ihm den Fuß umwickelt, stapfte auf und nieder. Eine Krone! Da hatte ihm dieser alte Jud eine Krone geweissagt. Der Scharlatan! Eine nette Krone! Ein Lump und hergelaufener Bettler war er, dem die Bande einen solchen Scheißbrief hinzuschmeißen wagte. Er lärmte so grausam und lästerlich, daß der vom Fest heimkehrende Süß tief erschreckt noch in der Nacht den Kammerdiener befragte, was denn los sei. Aber Neuffer, der den Juden nicht leiden konnte, wich aus.
Andern Tages, gegen Mittag, er hatte schon zweimal vergeblich angefragt, machte Süß dem Prinzen seine Aufwartung. Er trat behutsam ins Zimmer, er trug neue Strümpfe von besonderer Art, die er dem Prinzen zeigen wollte; Seine Hoheit hatten immer für modische Dinge großes Interesse. Auch wollte er ihm von dem gestrigen Fest erzählen. Aber so grimmig hatte er ihn nie gefunden. Nackt und mächtig stand er da, während Neuffer und der Schwarzbraune ihn mit Kübeln Wassers übergossen und immer wieder abrieben. Er schmiß ihm den Brief der Landschaft hin, und während Süß geduckt und hurtigen Auges ihn überflog, polterte er triefend, prustend auf ihn ein: „Ein netter Magus, Sein Oheim! Mit dem hat Er mich sauber angeschmiert! Schaut gut aus, meine Krone!“
Süß war ehrlich erbittert über die grobe Ablehnung der Landschaft und schickte sich an, dem Prinzen in gewandten Worten seine zornige Verachtung solcher Flegelei und seine tatbereite Ergebenheit zu versichern. Aber der Prinz, gereizt gegen jedermann, wie er den Süß elegant, mit dem gemeinen Brief in der Hand stehen sah, befahl plötzlich: „Neuffer! Otman! Taufts den Juden! Er soll schwimmen lernen!“ Und der Kammerdiener und der Schwarzbraune gossen sogleich in mächtigem Schwall das Waschwasser gegen Süß, kläffend drang der Hund des Prinzen auf ihn ein, und der Jude retirierte eilends und erschreckt, die Hosen und die neuen Strümpfe patschnaß, die Schuhe verdorben, hinter ihm das schallende Lachen des Prinzen und der Diener.
Süß nahm es dem Feldmarschall nicht weiter übel. Große Herren hatten solche Launen, das war nun einmal so. Sie hatten das Recht dazu, man mußte sich darein finden. Und während er die nassen Kleider wechselte, überlegte er, er werde sich das nächste Mal ebenso höflich präsentieren, ja noch devoter als bisher, und vermutlich besser aufgenommen werden.
Am gleichen Tag traf der würzburgische Geheimrat Fichtel ein. Der unscheinbare Mann mit dem kleinen, klugen Gesicht suchte noch am Nachmittag den Prinzen auf. Ja, am Würzburger Hof wußte man bereits von der unvermuteten und ganz besonderen Insolenz der Landschaft. Der Herr Fürstbischof sei tief ergrimmt und voll Verachtung für solch erbärmliche und freche Knauserei, die diese dummdreiste Populace einem so großen und hochberühmten Feldherrn zu Schimpf getan habe. Aber sein Herr habe in seiner Weisheit ein anderes Heilmittel gefunden, das der Not des Prinzen abhelfen könne und der arroganten Rotüre zum Exempel und großem Aerger dienen werde.
Bevor er sich aber weiter explizierte, bat er um gnädige Erlaubnis, sich den Kaffeetrank bereiten zu dürfen, den er gewohnt war. Als er dann, neben dem stattlichen Prinzen doppelt unscheinbar, vor der heißen schwarzen Brühe saß, setzte er sacht und sachlich das Heiratsprojekt mit der Thurn- und Taxisschen auseinander, der schönsten Prinzessin im römischen Reich und immens begütert. Desgleichen werde sich eine insolente und rebellantische Landschaft gelb ärgern, wenn der Prinz katholisch werde. Der Herr Fürstbischof sei selbstverständlich bereit, dem Prinzen auszuhelfen, auch wenn er die Mariage ausschlüge. Aber er halte diese Lösung für die beste und gönne Seiner Hoheit von Herzen das viele Geld und die schöne Frau und der Landschaft den schönen gelben Aerger. Und der Geheimrat trank in behaglichen kleinen Schlucken seinen Kaffee.
Karl Alexander, wie er allein war, stapfte auf und nieder, den Schädel noch benommen von dem einsamen Gelage der Nacht, atmete, fuhr sich durch das starke blonde Haar. Die Füchse! Schau an die Füchse! Katholisch wollten sie ihn haben. Der Schönborn, der Friedrich Karl, der gute, lustige, freundhafte Kumpan. So ein Fuchs!
Er lachte. Ein Spaß. Kotz Donner! Ein exzellenter Spaß. Die weitaus mehreren hohen Offiziere waren katholisch, die Katholiken waren die besseren Soldaten. Er für sein Teil dachte seit Venedig sehr frei in Religionssachen, die katholische Messe hatte ihm immer gefallen, für den Soldaten war das Katholische mit seinem Weihrauch und Heiligenbildern und Skapulieren eigentlich das Passendere. Und wenn er seinen Freunden in Würzburg und Wien damit einen Gefallen tat, so besser. Sich tat er jedenfalls keinen Tort damit. Eine schöne, reiche Prinzessin. Zu Ende das ewige blödsinnige Lamento und Abschinderei um den Taler. Und der Possen, der herrliche, exzellente Possen, den er der aufsässigen Landschaft spielte. Kreuztürken! Anschauen wird er sich die Regensburgerin auf alle Fälle.
Als Süß kam, den Tag darauf, rief er ihm schallend in guter Laune entgegen: „Bist trocken, Jud? Ist die Taufe gut bekommen?“ „Ja,“ erwiderte Süß, „wenn Euer Hoheit Ihren Spaß daran gehabt haben.“ „Wenn ich jetzt dreißigtausend Gulden verlang, würdest sie mir geben?“ „Befehlen Sie!“ „Und würdest mir die Gurgel zudrücken, daß ich Blut schwitz! Ho! Ich hab jemand, der gibt mir das Geld ohne einen Heller Zins!“ „Sie wählen sich einen andern Geldmann?“ fragte erschrocken der Jude. „Nein,“ lachte behaglich der Prinz. „Fürs erste brauch ich dich mehr als je. Ich will noch wenigstens zwei Wochen bleiben; aber ich möchte heraus hier aus dem Loch von Gasthof. Miet Er mir die Villa Monbijou! Installier Er sie, daß man in Versailles nicht daran mäkeln kann, mit Möbeln und Livree. Ich ernenne Ihn zu meinem Hoffaktor und Schatullenverwalter.“ Süß küßte dem Prinzen die Hand, dankte überschwänglich.
Karl Alexander schickte den Schwarzbraunen nach dem Schlößchen Eremitage, zu fragen, wann er aufwarten dürfe. Fuhr dann, so kurz der Weg war, in seiner soliden Kutsche vor, die trotz der neuen Lackierung noch reichlich altmodisch aussah; den Neuffer und den Kutscher aber hatte Süß bereits in neue Livree gesteckt.
Auf Eremitage wurde der Feldmarschall mit größter Aufmerksamkeit empfangen. Außer dem Fürsten und Marie Auguste war noch der erste Thurn- und Taxissche Intendant anwesend und der Geheimrat Fichtel. Franz Anselm von Thurn und Taxis war ein alter, erfahrener, sehr skeptischer Herr. Wohlwollend, heiter, neugierig, von umständlichen, sehr guten Manieren liebte er Gesellschaft, medisierte gern und glaubte an nichts und niemand. Man hatte so viele gemeinsame Bekannte, am Wiener Hof, in Würzburg, in der Armee, im internationalen Adel. Der Fürst machte kleine, boshafte Anmerkungen, Karl Alexander sprach viel und lebhaft, stimmte bei, nahm in Schutz. Der Fürst hielt den feinen, langen Windhundschädel höflich hingeneigt, hörte aufmerksam zu. Karl Alexander gefiel ihm. Gewiß, er war etwas plump und erhitzte sich, was man nicht soll; auch hatte er wenig Urteil. Aber er hatte Temperament und, mon Dieu, er war Feldmarschall, war Held, man verlangte Siege von ihm, keinen Verstand.
Marie Auguste sprach zunächst wenig. Sie saß da, sehr fürstlich in dem taubengrauen Samtkleid, mit den kleinen, fleischigen, gepflegten Händen artig und preziös, wie es die Sitte vorschrieb, die obersten Falten des mächtig ausschweifenden Rockes haltend. Sehr weiß rundeten sich aus feinen Gelenken die bloßen Arme, venetianische Spitzen fielen über den Ellbogen. Mit dem matten Glanz alten edlen Marmors leuchtete unter Spitzen Brust und Nacken, hob sich der schlanke Hals. Klein, ziervoll, eidechsenhaft äugte unter strahlend schwarzem Haar das pastellfeine Antlitz. Mit unversteckter, wohlgefälliger Neugier beschaute sie aus den lebhaften, fließenden, dringlichen Augen den Prinzen, der neben dem schlanken Vater ungeheuer breit und männlich wuchtete.
Der Geheimrat Fichtel sprach von einem Bravourstück Karl Alexanders. Marie Auguste erzählte, und schaute den Prinzen an, von einer welschen Opera in Wien, die sie gesehen, Der Held Achilles, wo Achilles, nachdem er die Leiche geschleift, etliches sehr Edle gesungen habe. „Ja,“ bemerkte der Fürst, „in der Antike war man überhaupt edel.“ Karl Alexander meinte, er handle nach dem Gefühl des Augenblicks und glaube nicht, daß er viel Anlage zum Edelmut habe. Worauf die Prinzessin, die Augen fest auf dem Errötenden, lächelte, es sei ja auch gar nicht von ihm die Rede gewesen. Und alle lachten.
Es wurden eisgekühlte Getränke gereicht, für den kleinen Würzburger Geheimrat Kaffee.
Dem blonden Württemberger gefiel die schwarze Prinzessin ausnehmend. Mille tonnerre! Wenn die in dem weiten Belgrader Schloß einem Ball präsidierte, da würden sie Augen machen, Türken und Ungarn und all das wilde Volk da unten. Das war eine Gouverneurin, mit der man Staat machen konnte, in Wien und überall. Und wo sie noch dazu die Dukaten mitbrachte, das wüste Belgrader Schloß zu renovieren. Ein Fuchs der Würzburger, der Schönborn, und ein Freund, Kreuztürken, wirklich ein Freund und guter Kumpan, ihm sowas zuzuschanzen. Und die war nicht nur repräsentativ. Ein Racker, da kannte er sich aus. Die Augen, der Mund! Das war was fürs Bett. Er strahlte übers ganze Gesicht und mußte an sich halten, nicht mit der Zunge zu schnalzen. Eine Prinzessin von der kleinen, geschmackvollen Agraffe in dem strahlend schwarzen Haar – Kotz Donner, die haben es dick, die Regensburger – bis zu dem Atlasschuh, der manchmal unter dem taubengrauen mächtigen Samtrock herauslugte, eine Prinzessin, und doch ein Staatsweib. Die war anders als die saure Durlacherin, die Frau seines Vetters, des Herzogs. Da brauchten sich nicht erst Kaiser und Reich bemühen, daß man der Kinder mache. Und wie gescheit sie schwatzen konnte! Wie sie züngelte, der Racker, und ihn aufzog und die Augen fließen ließ! Das wird gute Bilder geben, er und die da. Da wird Eberhard Ludwig Augen machen. Er, Karl Alexander, brauchte sich keine kostspielige Hure zuzulegen. Sein legitimes Weib wird schöner sein und ein besserer Bettschatz als die teuerste wälsche Mätresse und ihm den Beutel füllen, nicht leeren.
Und das Parlament! Diese verfluchte Bürgerkanaille! Er mußte hochatmen vor geschwellter Befriedigung. Krank, gelb und krank werden sie sich ärgern. Da lohnte es sich, katholisch zu werden.
Er schaute Marie Auguste an, der Fürst sprach gerade mit den beiden andern Herren, er schaute sie an mit dem geilen, einschätzenden, gewalttätigen, leicht verwilderten Blick des Soldaten, der eine Frau ohne große Umstände aufs Bett zu werfen pflegt, und die Prinzessin tauchte ein in diesen Blick mit ihrem kleinen, schwer deutbaren Lächeln.
Als er ging, war Karl Alexander fest entschlossen, Katholik zu werden.
Josef Süß hatte das Schlößchen Monbijou mit großem Aufwand installiert, vor allem war er stolz auf die kleine Galerie und den anstoßenden gelben Salon. Den hatte freilich eigentlich Nicklas Pfäffle aufgetrieben, der dick und phlegmatisch Händler und Handwerker in weitem Umkreis durcheinandergewirbelt hatte.
So spreizte sich das neue Hotel des Feldmarschalls in großer Pracht, und der Prinz haute den Süß auf die Schulter: „Er ist ein Hexer, Süß. Und um wieviel bescheißt Er mich bei dem Handel?“ Der Braunschwarze nahm sich trefflich aus in diesem Rahmen, der Prinz glänzte Zufriedenheit, und selbst Neuffer, der einen Pick auf den Juden hatte und durch ständige kleine Intrigen den Nicklas Pfäffle aus seinem Gleichmut zu hetzen suchte, mußte zugeben, daß er es nicht besser hätte machen können.
Auch der Geheimrat Fichtel, dem Karl Alexander das neue Logis zeigte, bevor er darin die erste Fête gab, machte viel Rühmens. Im stillen aber fand er an allem einen Stich ins Ueberladene, Parvenuhafte, und er veranlaßte den Prinzen, da und dort etwas wegnehmen zu lassen. An seinen Herrn, den Fürstbischof, berichtete er, der Prinz habe sich von einem Hebräer einrichten lassen; so sei es kein Wunder, daß er etwas östlich installiert sei, und daß sein Wildbader Schlößchen mehr nach Jerusalem als nach Versailles schmecke.
Aehnliche Empfindungen hatte der alte Fürst Anselm Franz an dem Festabend, den Karl Alexander gab. Der alte Fürst, der Wert auf gutes Aussehen legte, war freilich auch gereizt, weil er einen blaßgelben Rock gewählt hatte, der sich in dem blaßgelben Hauptsaal von Monbijou nicht gut ausnahm. Karl Alexander hatte zu einer kleinen Spieloper eingeladen: Die Rache der Zerbinetta, da er wußte, Marie Auguste habe Freude an Komödie, Musik, Ballett. Süß mußte durch seine Mutter, die in Frankfurt lebte und noch viele Beziehungen zu Theaterleuten hatte, die kleine Truppe in aller Eile aus Heidelberg zusammenstapeln.
Die Gesellschaft war klein und glänzend. Der Prinz wollte erst den Süß ausschließen, aber den hungrigen und ergebenen Hundeaugen seines Faktors hatte schließlich seine Gutmütigkeit nicht standhalten können, zum großen Aerger Neuffers war der Jude erschienen. In hirschbraunem, silberbesticktem Rock, gewandt und glücklich, glitt er zwischen den Gästen herum. Als ob die ganze Fête nur für ihn gemacht wäre, giftete Neuffer.
Wie aber prangte, weinrot in Atlas und Brokat, Marie Auguste. Die Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens schlang sich stolz um ihre Brust, an den Puffärmeln trug sie in Demanten den auszeichnenden Stern, den ihr der Kaiser anläßlich eines Patronats verliehen. Sie sprach wenig. Aber die Prinzessin von Kurland wie die Tochter des Gesandten der Generalstaaten – beide hatte sie mit devotester Liebenswürdigkeit als die Aelteren begrüßt – glaubten in allen Ecken immer nur ihre lässige, kindliche Stimme zu hören. Sie schworen sich zu, in keiner Gesellschaft mehr zusammen mit der Regensburgerin zu erscheinen, überhaupt werden sie Wildbad in den nächsten Tagen schon verlassen. Unabhängig voneinander faßten sie diesen Entschluß, und Süß versicherte jede der beiden Damen mit den nämlichen Worten seiner Untröstlichkeit.
Man unterhielt sich über die neueste Nachricht, die von Stuttgart gekommen war: die Herzogin glaubte sich wieder schwanger zu fühlen. Hebammen und Aerzte bestärkten sie in diesem Glauben, das Konsistorium ordnete bereits Gebete für sie an, und Neugierige beschauten sich den Hagedorn in Einsiedel, welchen einst Eberhard im Barte gepflanzt hatte nach seiner Rückkehr aus Palästina, und der jetzt unerwartet neue Triebe bekam. Ein glückliches Zeichen!
Der Geheimrat Fichtel riß ein paar derbe, zotige Witze über den armen Eberhard Ludwig und seine sauren vom Kaiser befohlenen Bettfreuden; die Freundschaft Brandenburgs zu Württemberg sei immer eine bittere Angelegenheit gewesen, und der König von Preußen war der Brautführer dieses Beilagers. Es folgten körperliche Vergleiche zwischen der Herzogin und der abgeschafften Gräveniz. Die Herren in der Ecke um den Geheimrat pruschten heraus, das Gesicht des Fürsten war voll von lüsternen Fältchen. Die Damen erkundigten sich nach dem Grund der fröhlichen Laune. Süß übermittelte. Gekicher. Man hänselte den Juden wegen der Triebe des palästinensischen Hagedorns. Dröhnendes Gelächter. Selbst das schwer deutbare Lächeln auf dem Pastellgesicht Marie Augustens löste sich in herzhaft lauten Schall.
Karl Alexander höhnte: „Ein feiner Magus, dein Oheim! Der Erbprinz glücklich verheiratet, der alte Herzog setzt einen zweiten Erben in die Welt. Da hast du mich fein angeschmiert mit deinem Zauberonkel.“
Marie Auguste hatte niemals so in der Nähe einen lebendigen Juden gesehen. Mit gruselnder Neugier erkundigte sie sich: „Schlachtet er Kinder ab?“ „Nur ganz selten,“ tröstete der Geheimrat Fichtel, „im allgemeinen hält er sich lieber an große Herren.“ Die Prinzessin meditierte angestrengten Gesichts, ob wohl die Juden so ähnlich ausgesehen hätten, die Christum gekreuzigt haben. Der sei bestimmt nicht dabei gewesen, versicherte der Geheimrat.
Süß drängte sich mit kluger Taktik so wenig wie möglich in ihr Bereich und begnügte sich, sie mit seinen heißen, gewölbten Augen aus ehrfürchtiger Ferne zu bewundern. Nach der Oper ließ sie sich ihn vorstellen. Seine hemmungslose Ergebenheit schmeichelte ihr. „Er ist ganz wie ein Mensch,“ sagte sie verwundert zu ihrem Vater. Karl Alexander gewann bei ihr durch seinen netten, galanten Hof- und Leibjuden. Ja, noch in die Erregung seines ersten Kusses hinein, während er noch erfüllt war von der Wärme ihres kleinen und üppigen Mundes, lächelte sie, sich das Kleid zurechtstreichelnd: „Nein, was Euer Liebden für einen amüsanten Hofjuden haben!“ Damit kehrten sie aus dem kleinen Kabinett in den Hauptsaal zurück.
Der Prinz hatte übrigens, ohne daß er es recht wußte, das dunkle Gefühl, dieser wilde und kennerische Kuß sei nicht ihr erster gewesen.
Im Elfer-Ausschuß des Parlaments war man schlechter Laune. Die Schwangerschaft der Herzogin hatte sich als Irrtum herausgestellt, und jetzt kam noch obendrein die Meldung von des Prinzen Karl Alexander bevorstehender Vermählung mit einer Katholischen und seinem Uebertritt – Rücktritt hatten es frecher Weise die Jesuiten genannt – in die römische Kirche. Wollte man ehrlich sein, so mußte man sich sagen, daß man an diesem höchst ärgerlichen Religionswechsel des populärsten Mannes im Herzogtum nicht ganz unschuldig war.
Der Prälat Weißensee hatte auf die ersten Meldungen hin von dem Verkehr des Prinzen mit den Regensburgern die Drähte erkannt, an denen der Würzburger Hof und sein Freund Fichtel den Württemberger zogen. Er war voll lächelnder Anerkennung für diese feine Strategie; aber bei dem spielerischen, blutarmen Interesse, mit dem er seine Politik betrieb, ging ihm der Abfall des Prinzen nicht sehr zu Herzen. Er sah natürlich voraus, daß er im landschaftlichen Ausschuß als der eigentlich Schuldige, der die Darlehensverweigerung vorgeschlagen hatte, schel werde angeschaut werden. Aber er wußte, daß man sich von seiner Ueberlegenheit, wenn auch leicht unbehaglich, werde überreden lassen, und hatte sich wirksame Verteidigung zurechtgelegt. Des weiteren war er ehrlich überzeugt, daß praktisch der Uebertritt des Prinzen nicht viel zu bedeuten habe. Wenn auch die Hoffnung auf die Schwangerschaft der Herzogin zerplatzt war, es stand noch so vieles zwischen dem Prinzen und dem Thron. Er fragte sich ernstlich, ob eine so vage Aussicht die viele Mühe lohne, die die Jesuiten an die Konversion des Prinzen gewandt. Jenun, das Herzogtum und sein Parlament war auf Tatsachen gestellt, seiner Politik war kurze Frist gegeben; aber die katholische Kirche, und er seufzte neidvoll, war so etwas Altes, Stein-Ewiges, die Jesuiten hatten es gut, sie konnten säkulare Politik treiben, mit langen Fristen für späte Generationen.
Im Elfer-Ausschuß schimpfte man zunächst ein Breites, Grobes, Blödes auf den Prinzen. Endlich machte Johann Heinrich Sturm, der Präsident und Erste Sekretär, ein ernsthafter, bedachter, ruhevoller Mann, dem ziellosen, unsachlichen Geschimpfe ein Ende und fragte nach positiven Vorschlägen. Der grobe Bürgermeister von Brackenheim erklärte geradezu, eigentlich sei Weißensee an allem schuld, und es sei seine verdammte Pflichtigkeit, das Verrenkte wieder gerad zu machen.
Weißensee, lächelnd und beiläufig, fand, es sei nicht viel verrenkt. Nachdem der Prinz so auf eins, zwei habe konvertieren können, sei wohl für den rechten Glauben wenig an ihm verloren. Der Uebertritt habe für die Katholischen nur Propagandawert, den Feldmarschall könne man beglückwünschen, daß er jetzt aus der Geldklemme sei und die Landschaft nicht weiter behelligen müsse. An andere praktische Folgen denke in der wohllöblichen Versammlung doch selber niemand.
Aber der grobe Brackenheimer beharrte: wenn auch das Herzogspaar, Gott sei Dank, noch rüstig sei und der Aussicht auf Nachfahrenschaft nicht beraubt, wenn auch der Erbprinz da sei und gesund, nachdem Rom Politik auf so weite Sicht mache, müsse man rechtzeitig Gegenminen legen.
Warum nicht? meinte leichthin Weißensee. Man könne sich ja, durchaus unverbindlich und heimlich, ins Benehmen setzen mit des Prinzen Bruder Friedrich Heinrich. Für alle Fälle nur, akademisch mehr. Von diesem frommen und sanften Herrn drohe weder evangelischer noch ständischer Freiheit die geringste Gefahr.
Beklommenheit, Schweigen, Bedenken auf den Elf. Roch das nicht ein bißchen nach Hochverrat? Akademisch nur, gewiß, für alle Fälle nur, unverbindlich nur. Immerhin.
Der Vorsitzer und Erste Sekretär, Sturm, der gerade, ehrliche Mann, eng verhaftet seinem Vaterland, haßte so jesuitische Mittel. Er wußte schmerzhaft, es war ohne sie nicht auszukommen. Aber nur in der äußersten Not. Nur dann, nur dann.
Der Landschaftskonsulent, Hofgerichtsassessor Veit Ludwig Neuffer, wollte von solchen Plänen nichts wissen. Der noch junge Mann, knochiges, finsteres Gesicht, schwarzes, filziges Haar tief in die Stirn gewachsen, war ursprünglich ein wilder Fürstenhasser gewesen und entbrannter Verehrer aller Volksfreiheit. Seinem Vetter, der dem Prinzen Karl Alexander den Kammerdiener machte, hatte er mit Schimpf und Hohn die Freundschaft aufgesagt, trotzdem sie zusammen aufgewachsen waren in Haus und Spiel und Schule. Jetzt aber, er hatte zuviel gesehen, war er knurrig resigniert, das Böse war notwendig, er sehnte sich fast danach, mit dem grimmigen, zerstörerischen Wunsch nach Bestätigung, nach immer mehr Befestigung seines bitteren Wissens. Ja, anläßlich des Wildbader Aufenthalts hatte er seinen Vetter, den Kammerdiener, wieder gesehen, wenn er ehrlich sein wollte, hatte er ihn geradezu aufgesucht, und er hatte sich auf eine merkwürdige, höhnische, bissige Art mit ihm ausgesöhnt. Hatte der doch recht. Das war nun offenbar Naturgesetz, das mußte so sein: einige wenige standen droben, und die andern waren alle Hundsfötter, Stiefellecker. Ein Katholik auf dem württembergischen Thron? Gut so, das war eben Fürstenrecht, göttliche Schickung, und das Volk, Kotz Donner, hatte sich zu fügen.
Der geschmeidige Weißensee, immer sacht und beiläufig, explizierte weiter. Belgrad sei weit, es handle sich ja nur um Theoretisches, um Sicherungen für Eventualia, Problematisches. Selbstverständlich dürfe Geschriebenes nicht aus der Hand gegeben werden. Und das Corpus Evangelicorum habe man auf seiner Seite.
Die Schädel stierten, schwer, unbehaglich. Auch schon die entfernteste Möglichkeit eines katholischen Herzogs schien unfaßbar, unerträglich, machte krank. Ein katholischer Fürst war nicht anders denkbar denn als Despot, als Tyrann. Und dieser gar mit seinen Beziehungen zum Wiener Hof, dem Erzfeind aller Religionsfreiheit, jeder parlamentarischen Selbständigkeit. Die schönen Freiheiten! Sie Elf, die da saßen, rieten, tagten, sie waren diese Freiheit. Sie waren bedroht, sie selber, sie persönlich durch den katholischen Prinzen.
Man beschloß, Weißensee solle mit dem Bruder des Feldmarschalls verhandeln, mit dem sanften, protestantischen, ungefährlichen Prinzen Friedrich Heinrich. Aber ganz privatim und ganz unverbindlich und in aller, aller Heimlichkeit.
In Regensburg, im Dom, bei der Trauung Karl Alexanders, Geläut, Weihrauch, eine glänzende Versammlung. Der Kaiser hatte einen Abgesandten geschickt, der päpstliche Nuntius Passionei war da mit einem Handschreiben des Heiligen Vaters, der Fürstbischof von Würzburg, die besten Repräsentanten der kaiserlichen Armee, unter ihnen Karl Alexanders vertrautester Freund, der General Franz Josef Remchingen, der Jesuitenzögling, rotes, wulstiges, gewalttätiges Gesicht, weinselig leuchtend unter der weißen Perücke.
Kein schöneres Brautpaar im römischen Reich. Der Prinz ragend wie eine Zeder, prunkend mit dem Stab des Feldmarschalls, dem Orden des goldenen Vließes. Marie Auguste, den kleinen, ziervollen Kopf leuchtend im Glanz alten edlen Marmors über weißem Atlas und Brokat, um die Brust die Schärpe des Thurn- und Taxisschen Hausordens, an den Puffärmeln in blassem Gold den Stern des Kaisers, im Ausschnitt das Kreuz des päpstlichen Ordens. Weich federnden Schrittes, unter der Brautkrone, einem Wunderwerk der Juwelierkunst, zu dem Süß die einzelnen Teile überall aus Europa zusammengestöbert, trug sie ihr junges, schwer deutbares Lächeln in den Dom.
Höchst unbefangen war sie und eher geneigt, in all der Feierlichkeit und Gravität überall einen Rest von Komik zu erspähen. Mit der lässigen Neugier ihrer fließenden Augen musterte sie die Gäste, und während der Bischof sie feierte, daß sie den großen Türkensieger, den Löwen in der Schlacht, dem christkatholischen Glauben rückgewonnen habe, dachte sie, daß sicher der Geheimrat Fichtel sich während des ganzen Banketts nur auf seinen Kaffee freuen werde. Und wie komisch es sei, daß jetzt der Jude feierlich im Dom stehe. Er sei übrigens ganz nett und amüsant und gar nicht werwolfartig, wie sie sich ursprünglich die Juden vorgestellt. Eigentlich seien seine Manschetten sogar mehr à la mode wie die ihres Mannes. Komisch, jetzt hatte sie also einen Mann. Und sicher wird jetzt der Jud mit seinen großen, fliegenden Augen aus dem weißen Gesicht ihren Nacken unter dem Brautschleier anstarren.
Und es flackerten feierliche Kerzen, es brauste die Orgel, es wölkte der Weihrauch, es leuchteten selige Knabenstimmen zum Himmel.
Andern Tages noch, während Trompeten aus Silber zum Bankett riefen, bestiegen die Neuvermählten die Yacht, die sie die Donau hinunterführen sollte, ein Geschenk des Fürsten. Sie reisten mit großem Hofstaat, Jägern, Dienern, Heiducken, Zofen. Am Kiel hockte, die Beine gekreuzt, Otman, der Schwarzbraune, starrte aus uralten, grundlosen Tieraugen die Donau hinunter.
Am Ufer standen der Fürst, der Würzburger Bischof, der Geheimrat Fichtel, weiter rückwärts zwischen ihnen und der Dienerschaft Josef Süß. Leichter Wind wehte, die Luft war hell und anregend, man war fröhlich gelaunt. Scherzworte flogen zum Ufer und zurück, während die Anker heraufgeholt wurden. Marie Auguste stand in einem hellen, heitern Reisekleid, beschattete die Augen, schaute auf den weichenden Hafen. Der Fürst und der Geheimrat hatten sich schon zurückgewandt, das Letzte, was sie sah, war das schlaue, zufriedene Antlitz des Jesuiten und, elegant und in einer Haltung hemmungsloser Ergebenheit, der Jude.
„Ich hätte nie geglaubt,“ lächelte sie zu Karl Alexander, „daß jemand so elegant sein könnte und dabei so demütig wie dein guter Jud.“ „Der gute Jud!“ lachte dröhnend der Prinz. „Städte und Dörfer könnte man sich kaufen um das, was der uns beschissen hat.“ Und auf ihr erstauntes Gesicht erklärte er sachlich: „Das ist sein gutes Recht. Dafür ist er ein Jud. Aber er ist sehr verwendbar,“ fügte er voll Anerkennung hinzu; „er schafft alles, Juwelen, Möbel, Dörfer, Menschen. Sogar Alchimie und schwarze Kunst.“ Lachend erzählte er ihr die Geschichte von Rabbi Gabriel. „Da hat er mich schön beschissen, dein guter Jud. Eine Krone! Da sind noch zwei dazwischen. Der Erbprinz ist pudelgesund. Auf der Jagd war er, wie er mir seinen Gratulationsbrief schrieb. Und der Herzog, ob seine Herzogin noch so sauer ist, wenn’s der Teufel will, kann sie doch Kinder kriegen wie Kaninchen.“ Und er lachte schallend und tätschelte ihre Hand, während das Schiff in leichtem Wind zwischen heiteren Ufern die blaugrünen Wellen hinunterglitt.
Vorne hockte reglos der Schwarzbraune und starrte über den Kiel nach Osten. In den Augen der Prinzessin waren die letzten Bilder der Heimat, das schlau fröhliche des Jesuiten und das servil elegante des Juden.
Noch bevor sie an der serbischen Grenze waren, erreichte sie eine Staffette des Süß. „Er hat es wichtig, dein Jud,“ lächelte Marie Auguste. „Was hat er denn so eilig zu verkaufen?“
Karl Alexander riß die Depesche auf, las. Der Erbprinz war gestorben, unvermutet, während der Stuttgarter Hof einen Ball hielt.
Er reichte das Papier der Prinzessin. Das Blut schoß ihm zu Kopf, er hörte eine knarrende, mißlaunige Stimme, sah durch sein tanzendes Blut über trübgrauen, steintraurigen Augen drei kurze, tiefe Furchen, drohend, unheimlich wie ein fremder, verschlossener Buchstab.