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Jud Süß

Viertes Buch Der Herzog (continued 3)

Reading edition

Taumelig schlich, die Knie schwach und mit schleifendem Schlafrock, Jaakob Polykarp Schober nach dieser Unterredung über die dunklen Korridore des Hauses. Hin und her in seinem Zimmer trieb es ihn bis zum Morgen. Er sah nicht klar, es war alles voll Rauch und Nebel. Aber soviel war gewiß: Gott hatte ihn dennoch ersehen und auserlesen. Durch das Zimmer schleifte er, ruhelos, Saum und Quaste des Schlafrocks fegten den Boden. Die alte schwarzgraue Katze wachte auf, begleitete ihn. Sie war eine verwöhnte alte Katze und wollte, daß er sie in den Arm nehme oder ins Bett wie oft, und sie miaute. Aber er ging auf und ab und hörte sie nicht.

Der Jude, als der Magister ihn verlassen hatte, streckte sich, entblößte die starken Zähne. Vor dem Bild des Herzogs über seinem Schreibtisch, Karl Alexander hatte eigenhändig, mit sehr huldvoller Widmung, seine gewalttätigen Schriftzüge daruntergesetzt, verweilte er, sagte leise: „Adieu, Louis Quatorze! Fahr hin, deutscher Achill!“ Und noch einmal, wilder: „Fahr hin, deutscher Achill! Adieu, Louis Quatorze!“

Er dachte nicht mehr an das Kind. Es war ein Handel nur zwischen ihm und Karl Alexander, ohne das Kind. Er schwamm auf einem dunklen, violettroten Meer herz- und sinnausfüllenden Hasses. Wie es rauschte! Wie es in die Ohren ging und ins Innerste! Wie es wild und selig betäubend roch! Er hörte den Wutschrei des zu Tode getäuschten Fürsten, sah den blutigen Blick des Mannes, dem er das Erreichnis seines starken, ungestümen Lebens aus der Hand schlug, just wie er, eratmend, die Finger drum schließen wollte. Herrlich war es, das Knie auf die Brust des Feindes zu setzen, süß und herrlich war es, die Daumen auf die Gurgel des Feindes zu legen, wenn der Mund schnappte nach der lieben Gottesluft, zuzudrücken, fester, ganz langsam, das Auge höhnisch sieghaft in dem brechenden des andern. Das hieß leben! Das lohnte zu leben!

In sein wildes, süchtiges Geträume hinein glitt plötzlich leibhaft, lautlos und erschreckend ein Mensch. Otman, der Schwarzbraune. Er neigte sich, teilte mit, der Herzog habe dem General Remchingen die Ordre gegeben. – Welche Ordre? – Die Liste. – Ach so, die Liste der zu Verhaftenden, die Süß dem Herzog zusammengestellt hatte. Aber daß Karl Alexander ihm mitten in der Nacht so Belangloses melden ließ? Unwahrscheinlich. Sicher hatte der Schwarzbraune Wesentlicheres, Heimliches zu berichten. Aufmerksam sah Süß ihm in das verschlossene Gesicht. Da begann er auch schon, Namen aufzuzählen. Johann Georg Andreä, Johann Friedrich Bellon. Ei ja, die Verhaftungsliste, fein säuberlich alphabetisch geordnet. Aber was sollte das? Das weiß er doch, er hat doch selber die Liste aufgesetzt. Der Schwarzbraune zählte weiter her: Friedrich Ludwig Stöfflen, Johann Heinrich Sturm, Josef Süß Oppenheimer. Süß machte keine Bewegung. Auch der Schwarzbraune, die Liste geschlossen, sprach kein Wort mehr, neigte sich, ging.

Süß, allein, vergnügt fast, pfiff durch die Zähne, lächelte. Fein war das, diese Bestätigung noch zu haben. Er war im tiefsten amüsiert. Witzig, weiß Gott, war dieser Karl Alexander. Hätte er Remchingen wenigstens durch Spezialordre beauftragt, ihn zu verhaften. Aber so, ihn einfach generaliter einzufügen in die Liste, in die eigene Liste, die er selber aufgesetzt hat, das war – souverän witzig war das. Er sah die beiden, den Herzog und Remchingen, wie sie zusammensaßen, über die Liste sich beugten, wie der Herzog mit seiner klobigen, gewalttätigen Schrift hinschmierte: Josef Süß Oppenheimer, Finanzdirektor. Wie sie sich dann, der Fürst und sein General, in die Augen schauten, wortlos, arg schmunzelnd der Herzog, breit grinsend Remchingen. Guter Karl Alexander! Wohlaffektionierter, großherziger Fürst! Da sitzest du jetzt und amüsierst dich über deinen dummen Juden, der dir erst fein säuberlich die Krone aus dem Blauen herunterholt und den du hernach zum Lohn auf die Festung setzen wirst. Hoho! Zu spät aufgestanden, Durchlaucht! Dein Jud sitzt noch eine Spirale höher, hat dir schon die Schlinge um den Hals geworfen und amüsiert sich über dein ahnungsloses Amüsement. Du Fürst! Du großer Herr und Held! Du geiler, dummer Narr und Mädchenschänder und Metzger und Schuft!

Rastlos, in wellenden Gedanken, schritt er. Erinnerte sich, wie er einmal mit einem Hund gespielt, dem hungernden den Fraß immer wieder im letzten Augenblick weggerissen hatte, bis der Köter ihn scharf in die Hand biß. Er sah noch den heißen Haß, die rote, blutige Wut im Aug des gereizten und immer wieder betrogenen Tieres. Mit dir spiel ich ein wilderes Spiel, Karl Alexander. Dir reiß ich einen köstlicheren Happen weg. Streck dich in der Lust auf die Beute wie ein Tier zum Sprung! Schick aus deine Gieraugen! Schnapp, Fürst! Schnapp zu, mein Herr Herzog!

Zwei Tage noch, nicht einmal zwei Tage; nur mehr fünfundvierzig Stunden. Er lächelte tiefer, schritt einsam durch die kerzenhelle Flucht seiner Säle. Starr und weiß standen die Büsten des Solon, Homer, Aristoteles, des Moses und Salomon, unter den kleinen Pagoden ergingen sich bezopfte Chinesen, vielfigurig auf der Decke raste der Triumph des Merkur, aus den Vitrinen der kostbare Schmuck strahlte, und in seinem vergoldeten Bauer der Papagei Akiba krächzte: „Bon jour, madame!“ und „Ma vie pour mon souverain!“ Doch der einsame, ruhelos durch seine hellen Säle wandelnde Mann hörte nichts, sah nichts, war bis zum Rand gefüllt von seinen Gedanken, Bildern, Gesichten.

Der Mameluck, wie er um die gleiche Stunde ins Schloß zurückkam und sich im Schlafgemach des Herzogs auf seine Matte im Winkel streckte, hörte, wie Karl Alexander in schweren Träumen stöhnte, um sich schlug, gurgelte.

Es war schon spät am Abend, als Unser Lehrer Rabbi Gabriel Oppenheimer van Straaten in Hamburg im Hause seines Freundes Unseres Lehrers Rabbi Jonathan Eybeschütz eintraf. Das Haus war voll von Besuchern, Verehrern, Ratheischenden, und trotzdem die Schüler sie immer wieder bedeuteten, der Rabbi sei über den Büchern, in Meditation, es sei keine Aussicht, daß er sie empfange, wollten sie nicht weichen, erhofften sie noch immer wenigstens seinen Anblick. Viele waren von weither gekommen, ihn zu sehen, aus den früheren Gemeinden des Rabbi, Krakau, Metz, Prag, aber auch noch viel weiter her, aus der Provence, ja vom Schwarzen Meer. Denn der Name des Rabbi Jonathan Eybeschütz, Rabbiners von Hamburg, war in Demut verehrt über weites Land.

Aber auch verhaßt und angefeindet mit schärfster Waffe über weites Land. Ei, wie hatte Unser Lehrer Rabbi Jaakob Hirschel Emden, Rabbiner von Amsterdam, ihn verhöhnt, mit kältestem Spott zerfetzt, zerrupft, als Feind Israels, des Talmuds, der Rabbinen, des wahren Wortes ihn gebrandmarkt und verlacht. Rabbi Jonathan Eybeschütz: der Name riß die Judenheit auseinander; in allen Schulen und Bethäusern, auf allen Synoden war Kampf um diesen Namen, war Segen und Hymnus um ihn und Spott und Bannstrahl.

Wer war dieser Mann? War er ein Talmudgelehrter, eifernd, zänkisch, keifend an den Riten klebend, giftig ums Jota feilschend, den hohen Zaun des Gesetzes mit ängstlich wildem Gebläff Zoll um Zoll verteidigend? Hatte seine philosophische, historische, mathematische, astronomische Wissenschaft ihm den rechten, wort- und werkheiligen Glauben zerknabbert, ihn zum Verächter und Spötter rabbinischer Praxis gemacht? Glaubt er wirklich die Lehre der Kabbala, übt sie, ist heimlicher Jünger und Nachfahr des Messias Sabbatai Zewi, segnend, fluchend, wunderwirkend im Namen dieses Erlösers? Warum dann aber flucht er öffentlich den Jüngern des Sabbatai und tut sie feierlich in Bann? Und warum wieder schickt er seine Söhne zu den Frankisten nach Polen, den fanatischen Jüngern jenes zwielichtigen Messias? Schreibt wirklich dieser eifernde, orthodoxe Talmudlehrer den französischen Kardinälen, den Jesuvätern in Rom Briefe, sie bittend, ihn zum Zensor der hebräischen Bücher zu machen? Ist es Hohn oder was bedeutet es, daß er seine streng rabbinische Rechtgläubigkeit gegen allen solchen Verdacht ausgerechnet von dem Helmstätter Professor Karl Anton verteidigen läßt, seinem früheren Schüler, jetzt aber Christ geworden und Apologet des christlichen Evangels?

Tief neigten sich, als Rabbi Gabriel kam, die Schüler des Rabbi Jonathan. „Sei Friede mit dir!“ sagten sie, und die verschlossene Tür des Meisters sprang auf vor ihm. Mild saß im Licht der Lampe seines Studierzimmers Rabbi Jonathan Eybeschütz, der weiseste und listigste der Menschen. Freundlich, kokett, mit leisem Selbstspott und erfreut lächelte er aus seinem mächtigen, mehr breit als langen, milchig weißen Bart, der nur ganz leicht nach Art der Kabbalisten zwiegezackt war, dem bartlosen, mürrischen, steinernen Kömmling entgegen. Alles an ihm war bei betonter Würde rund und behaglich. Aus schwerster Seide schmiegte sich, unendlich kostbar, sein langer Kaftan; sehr klein kam, weiß und gepflegt aus dem weiten Aermel die Hand zur Begrüßung. Unter dem gewaltigen, weiß fließenden Bart lächelte freundlich, fast rosig und gar nicht zerwittert das Antlitz. Nur über der behaglichen, kleinen Nase und den milden, wissenden, schlauen und doch tiefen braunen Augen zackten senkrecht in die weiße, fleischige, vorgebaute Stirn die drei Falten, bildend das Schin, den Anfangsbuchstaben des allerheiligsten Namens: Schaddai.

„Es schelte mich nicht und zürne mir nicht mein Bruder und Herr!“ begrüßte er hebräisch den Gast. Er lächelte, und es war in seinem Lächeln Wissen und Schwäche und Koketterie und Schuldbewußtsein und sogar ein wenig Schalkheit. Ueber allem aber eine magische, einlullende Liebenswürdigkeit.

Doch an Rabbi Gabriel versagte diese Magie. Ueber der kleinen, platten Nase die viel zu großen trübgrauen Augen schwelten dumpfe, hemmungslose Traurigkeit, und von der schweren, breiten, nicht hohen Stirn über den dichten Brauen ging lastende, beklemmende Trübnis aus. Rabbi Jonathan Eybeschütz indes war nicht gewillt, solche Trübnis an sich herankommen zu lassen. „Hast du,“ fragte er leicht, fast munter, „hast du, Gabriel, die neue Streitschrift des Krethi- und Plethi- und Honigwälder-Mannes gelesen?“ Dies waren die wichtigsten Werke jenes Jaakob Hirschel Emden, Rabbiners von Amsterdam, seines entbranntesten Gegners. „Jetzt hat der Gute glücklich zwölf Pasquille gegen mich losgelassen, für jeden Stamm Israels eines,“ fuhr er fort, und seine braunen, weisen, listigen Augen lachten spöttisch-vergnügt, „Jaakob Hirschel aus Amsterdam ist ein Zwölf-Ender geworden.“ Mit der kleinen, gepflegten Hand blätterte er in den großen Seiten der Streitschrift. „Der arme, arme Nüchterling!“ sagte er mitleidig amüsiert. „Alles muß klar sein, alles muß hell sein, alles muß Tag sein! Er ahnt nicht, der kahle, dürre Spötter, er begreift es nicht, daß eine getrocknete Blume Heu ist und nur gut für einen Ochsen. Erläßt Sendschreiben! Beweist, daß der Sohar nicht echt ist. Daß Rabbi Simon ben Jochai ihn nicht geschrieben haben kann. Schreit: Fälschung. Als ob es auf die Feder ankäme, nicht auf die Seele, die sie führt.“ Und er wiegte spöttisch und amüsiert den milden Kopf mit dem riesigen, milchig fließenden Bart.

Aber Rabbi Gabriel ging nicht ein auf den Ton des andern. „Warum hast du die Schüler des Sabbatai in Bann getan?“ fragte er mit seiner knarrigen Stimme. „Warum biegst du aus und krümmst dich und leugnest ab? Warum läßt du dich verteidigen von einem Goj mit dummen und albernen Sophistereien? Warum resignierst du nicht? Ist es so wichtig, daß du Rabbiner von Hamburg bist und deine Stuben voll von Menschen? Warum hast du“ – und in seiner Stimme war Klagen und Drohung – „dich selber in Bann getan?“

Jonathan Eybeschütz lachte ein kleines, angenehmes Lachen behaglich aus seinem milden Bart heraus. „Laß gut sein, Gabriel,“ sagte er. „Du bist nicht sanfter geworden in den zwei Jahren, ich nicht strenger. Ich könnte sagen: ist es nicht gleich, ob einer Jud ist oder Goj oder Moslem, wenn er nur weiß um die Obere Welt? Ich könnte sagen: Gut, Karl Anton, mein Schüler, hat sich taufen lassen; aber ist nicht mehr Gemeinschaft und Bindung von ihm zu mir als von mir zu dem Reb Jaakob Hirschel Emden, der ein guter Jud ist und ein scharfer, gebenschter Kopf, aber leider ein bornierter Tagmensch, stockblind für die Obere Welt und stocktaub für ihre Stimme? Ich könnte sagen: Der Messias Sabbatai Zewi selber ist Moslem geworden, um das Prinzip, um die Idee zu retten, und sein Jünger Frank hat sich taufen lassen; soll es da mir nicht erlaubt sein, in die Vermummung eines pilpulistischen Rabbi zu schlüpfen, mit drohender Lippe und Lächeln im Herzen leere Bannflüche gegen mich selber zu exequieren? Ich könnte sagen: Es ist billig, Märtyrer sein; es ist viel schwerer, zwielichtig dastehen um der Idee willen.

Das alles könnte ich sagen. Aber ich sag es dir nicht, Gabriel.“ Er stand auf und kam groß und freundlich in seinem seidenen Kaftan auf den mürrischen, dicklichen, trüben, altfränkisch beamtenhaft gekleideten Mann zu. Sehr liebenswürdig, fast knabenhaft herzlich sagte er: „Ich räum es ein, ich bin schwach und töricht und eitel. Die Sterne haben es gut mit mir gemeint, haben mich zum Gefäß großer Weisheit gemacht, ich hätte können ein Kanal sein, aus dem mächtige Ströme gehen von der Obern zur Untern Welt und der Atem Gottes. Aber ich bin ein schlechtes, brüchiges Gefäß. Ich weiß und niemand spürt es lebendiger durch alle Eingeweide, wie selig ruhevoll es ist in Gott schweben und wie die Untere Welt eitel ist und farbiger Schaum und Haschen nach Wind. Aber ich muß hinein in sie, immer wieder. Wissen ist schön, Wissen ist jenseits vom Tun, wissend und ruhvoll sein wahrt vor neuen schlimmen Einkörperungen die Seele; und Tun ist albern, Tun ist dumm und schmutzig und tierisch und der Nachschmack schal und sehr von Uebel. Aber ich muß immer wieder hinein ins Tun und Eitelkeit und Getriebe! Laß mich dumm sein, Lieber! Laß mich schmutzig und tierhaft sein! Laß mich meinen Bart mehr pflegen als meine Seele!“ Und mit frechem Scherz schloß er: „Meine Seele werde ich finden und reinwaschen in Myriaden Jahren; aber wer steht dafür, daß ich ein zweit Mal einen so schönen Bart finde?“

Lind rieselten diese Lästerungen von den süßen, schmeichelnden, beredten Lippen des weisen und leichtfertigen verlorenen Rabbi. Der andere hörte sie, trüb, steinern, unbewegt. Er sah plötzlich eine Landschaft. Stein, Oednis, zerschrundetes Eis; zartes, höhnisches Leuchten darüber, schattende Wolke, Geierflug, finster tolle Willkür, riesige, aufs Eis geworfene Blöcke. Gelähmt fast von dem Bild erkannte er: die gleiche Entsprechung hier wie dort. Solche Ahnung hatte ihn hergetrieben von dem Mann, an den er gefesselt war, zu diesem. An den nackten, frechen Brüsten der Lilith lag jener; aber er sehnte sich und langte nach der Obern Welt; bei den Heiligen und Frommen, im silbernen Bart des Simon ben Jochai, lag dieser, aber es dürstete ihn nach den Zitzen der Lilith. Das gleiche Bild, die gleiche Entsprechung. Doch jener war näher an der Vollendung als dieser.

Er antwortete nicht, als Jonathan Eybeschütz endlich schwieg. Er sagte nur: „Friede mit dir, mein Bruder und Herr!“ und ging in das Schlafgemach, das man ihm bereitet. Jonathan Eybeschütz sah seinen runden, dicklichen, etwas gebeugten Rücken sich entfernen, das milde, leichtfertige Lächeln schwand langsam, und trotz seines milchig weißen Bartes sah er minder würdig und überlegen aus, wie er sich wieder an seine Bücher und Pergamente setzte.

Müd und nervös lehnte Karl Alexander im Wagen. Er fuhr nach Ludwigsburg, um von da ins Ausland und erst nach vollendetem Putsch zurückzureisen. Er hatte zwei anstrengende Karnevalstage hinter sich, die er trotz der geschlossenen Zeit dem Reichsgrafen Palffy zu Ehren gegeben hatte; Graf Palffy kam in Spezialmission des Wiener Hofs, es war große Huld und Aufmerksamkeit des Kaisers, daß er durch diesen Sondergesandten den geplanten Staatsstreich augenzwinkernd im vorhinein sanktionierte. In aller Frühe dann hatte sich Karl Alexander von der Herzogin verabschiedet. Er hatte die Nacht mit ihr verbracht, hatte ihr hemmungslos von seinen großen Projekten vorgeschwärmt, dies sei die letzte Nacht, die sie als kleine deutsche Fürstin verträume; fortan werde sie zählen unter den europäischen Souveränen, und bald wohl werde man sie mit anderem Titel als mit einem lumpigen Durchlaucht grüßen. Heiß und erregt hatte er seine Phantasien in die schöne, nackte Frau hineingeflüstert, sie hatte spöttisch halb, aber doch von seiner Hitze mitgerissen zugehört, hatte seine brennendere Umarmung entbrannter als lange schon erwidert. Müde jetzt von dem gefüllten und bedeutenden Abschied, leicht matt, nervös und fieberig lehnte er im Wagen. Er war doch sonst eiskalten Blutes vor mancher Entreprise gestanden, war auf dem Schlachtfeld nicht nervös geworden, wenn ihm der Gaul war unterm Arsch weggeschossen worden. Aber heut, Gift und Opperment! kribbelte es ihn durch alle Glieder, war’s ihm, als hätte er Ameisen in den Adern. Nur gut, daß er den Grafen Palffy hatte vorausfahren lassen; so konnte er jetzt wenigstens allein sein. Auch der verdammte Fuß zuckte und zerrte und wollte nicht Ruhe halten. Kein Wunder, es war ein Wetter von seltener Scheußlichkeit. Bald Sonne, bald Schloßen, es regnete und flockte, bis einen wieder grelle Sonne blendete. Es stritt alles gegeneinander. Starker, feuchter Wind ging, Wolken in rasender Eile fetzten über den Himmel. Dazu brannte es da vorne in Eglosheim, und der Feuerschein irritierte die Pferde. Ein vages Erinnern flog Karl Alexander an; in solchem fetzigen Wind war er gestanden, nicht lange her war’s, wie dort der rote Schein hatte ein starkfarbiger Mond sich gekrümmt, aus einem schwärzlichen, feindseligen Wald war es verwirrend, gespenstisch hergekommen, ein weißes, totes Mädel war auf der Erde gelegen, zwischen Blumen, im starken Wind. Blödes Erinnern. Was soll das jetzt? Er hat, weiß Gott, Besseres zu denken.

Endlich in Ludwigsburg. Auch dort nicht Ruhe. Kuriere, Meldungen von den entfernteren Garnisonen. Er empfing Scheffer, Remchingen, Pfau. Aerger, Gehetz. Wenn wenigstens das verdammte Gedudel aufhörte! Aber er selber hat angeordnet, daß vor den Zimmern des musikalischen Grafen das Orchester des Theaters spiele. Er bekam plötzlich Hunger, verlangte Fleischbrühe, wollte sie gierig hinunterstürzen, fand sie zu heiß, schmiß die Tasse an die Wand. Dazu die wimmernde Feuerglocke wegen des Eglosheimer Brandes. Der fetzende Wind, die rauchenden Kamine. Ueberall im Schloß klirrende Fenster, schlagende Türen. Das Orchester obendrein. Den Herzog litt es nirgends. Die Musiker und Komödianten feixten heimlich: es treibt ihn herum wie vor einer Première. So, endlich, kam der Abend.

In Stuttgart war es sehr still diesen Abend. Nirgends brannte ein Licht. Doch im Dunkel war Getapp von vielen Schritten, gedämpftes Klirren von Eisen und Holz, Geflüster und Hin und Her. Alle Bürgerschaft wußte, daß es in diesen Stunden um die Entscheidung ging. Die Meldung Schobers hatte gewirkt. Alle waren gerüstet, gewaffnet, voll dumpfer, klemmender Spannung, nicht ohne Zagheit, aber willens, zu kämpfen. Niemand schlief in Stuttgart in dieser Nacht, nur die kleinen Kinder. Man sagte, raunend, zum hundertstenmal das gleiche, Flüche, Wünsche, prüfte, halb zaghaft, halb in die Brust geworfen, die Waffen. Und die Nacht war voll Bereitschaft.

In Ludwigsburg indes im Schloß hatte man alle Kerzen entzündet. Der Herzog gab, bevor er ins Ausland ging, dem Gesandten des Kaisers, den Würzburger Herren einen Hofball. Die Gesellschaft war nicht zahlreich, auf die in das Staatsstreich-Projekt Eingeweihten beschränkt. Viele Militärs waren da, die beiden Röder, der General und der Major. Feixend hatte Karl Alexander den knarrenden, niedrigstirnigen Mann nach Ludwigsburg eingeladen; die berittene Stuttgarter Bürgergarde, deren Kommandant er war, werde ihn in dieser Nacht kaum benötigen; ohne auf den Witz einzugehen – denn er nahm seine Stellung bei dem Stadtreiterkorps sehr ernst – dumm und stier hatte der Major, die unförmige, behandschuhte Tatze militärisch ausgereckt, die huldvolle Einladung angenommen. Durch den Saal hin äugte das blaurote, geiernäsige, entfleischte Gesicht des Dom Bartelemi Pancorbo über der riesigen, verschollenen Halskrause; in der Nähe des Süß hielt sich der verfallene Weißensee, er schnupperte, seine klugen Augen zuckten, er witterte Schwefel, Feuer, Wetter, Untergang. Süß selber hatte einen strahlenden Abend wie in seiner besten Zeit, seine wölbigen, fliegenden Augen waren überall, er war galant, witzig, siegerisch, seine sichere, festliche Laune stach sehr ab von der flackerigen Unrast Karl Alexanders. Manchmal tauchten in die seinen die bräunlichen Tieraugen des Mamelucken, dem er, dem stumm sich Neigenden, wenige knappe, stille Weisungen gegeben hatte, und es ging dann wie ein triumphierendes Fragen und Erwidern vom Aug des einen zum andern.

In den ersten Nachtstunden sollten in Stuttgart die Häupter der Verfassungspartei verhaftet werden und die würzburgischen und bayrischen Hilfstruppen ins Herzogtum einrücken. Bis der Kurier mit der Meldung käme, daß der Putsch soweit planmäßig geglückt sei, wollte Karl Alexander unter seinen Gästen bleiben, mit dieser Gewißheit schlafen gehen. Er hatte die neue Sängerin in sein Schlafgemach bestellt, die Demoiselle Teresa, eine dralle, heißäugige, warmhäutige Person. Schon die beiden letzten Jahre durch hatte er sich gewöhnt, vor jedem Beilager mit einer neuen Frau ein Aphrodisiakum zu nehmen, denn er hätte es nicht ertragen, hätte nicht jede neue Frau seine Männlichkeit für besonders stark halten müssen; heute, nach der Abschiedsnacht mit Marie Auguste, befahl er dem Schwarzbraunen, die Dosis zu verstärken.

Der Kurier mit der Glücksnachricht kam nicht und kam nicht. Die Unrast des wartenden Herzogs fuhr den Gästen kribbelnd in die Glieder, zuckte durch den ganzen Saal. Draußen der Sturm hielt in gleicher Kraft an, Regen prasselte, einmal auch Hagel gegen die Scheiben; den Rauch der schlecht ziehenden Kamine hatte man nicht ganz aus den Räumen verjagen können. Wohl brannten Myriaden Kerzen, Musik, immer üppiger, klang, aus den ältesten Fässern der erlesenste Wein wurde geschenkt, man hatte die prunkendste Gala, die feiertäglichste Laune angetan; aber man kam über eine fiebrige, erkrampfte Lustigkeit nicht hinaus.

Karl Alexander hielt Cercle, stellte seinen Gästen lärmende, huldvolle Fragen, um dann plötzlich zu versinken, ihre Antworten zu überhören, jäh abzubrechen. Der Mameluck glitt lautlos heran, meldete, die Demoiselle Teresa sei im Privatkabinett. Der Herzog, ungeniert, sagte: „Das Mensch soll warten!“, setzte sich mit Süß zum Jeu. Der Mameluck brachte ihm, in silberner Tasse, das Aphrodisiakum. Stand still, demütig. „Hast du’s auch genügend stark genommen?“ fragte Karl Alexander. „Ja, Durchlaucht,“ erwiderte mit seiner rauhen, gleichmütigen Stimme der Mameluck.

Karl Alexander stürzte den Trank hinunter. Spielte. Gewann stark. Blieb unbeteiligt, abwesend. Den grünen Galarock zurückgeschlagen, die eine Hand bald ruhend auf der gelben Hose, bald nervös mit der goldenen Kette spielend, machte er lange Pausen zwischen Stich und Schlag. „Daß der Kurier nicht kommt!“ fieberte er. „Der Sturm,“ begütigte Süß, „die aufgeweichte Straße.“ Der Schwarzbraune war wieder da, mit seinem stillen, gleitenden Schritt. Meldete, die Demoiselle warte noch immer. „Soll sich ausziehen derweil!“ schrie der Herzog. „Ich kann meine Depeschen nicht herhexen.“

Ein Kreis ehrerbietiger Zuschauer stand um die Spielenden, begleitete das Jeu mit etwas gekünstelten, krampfhaften Witzen. Der Herzog schlug eine siegreiche Karte auf, strich wieder einen Hügel Dukaten ein. „Heut mußt du mir einen Teil wieder hergeben, Jud,“ lachte er, „des, was du mich beschissen hast.“ „Heut tu ich’s gern,“ sagte Süß. Die widrige Stimme des Majors Röder knarrte: „Wenn’s so Leib an Leib geht, dann tut sich der Jud schwerer mit dem Bescheißen. So von der Ferne her mit Papieren und Tricks und ohne daß man dem andern muß ins Gesicht sehen, geht’s leichter.“ Auch den nächsten Schlag verlor Süß. Der Herzog sah den Architekten Retti unter den Umstehenden, warf ihm hin: „Wenn das so weiter geht mit meinem Schwein, dann machen wir den Umbau, den Er für die Galerie projektiert.“ Der Architekt lachte laut, beflissen. Dom Bartelemi Pancorbo sagte unversehens mit seiner dumpfen, modrigen Stimme: „Den Stein verliert er nicht, der Jud.“ Und alle starrten begehrlich und verträumt auf den Solitär an der Hand des Finanzdirektors und sahen, wie verwirrend in ewigem Wechsel die Strahlenbündel daraus schossen.

Endlich war der Mameluck wieder hinter dem Herzog, meldete: „Man ist da.“ Karl Alexander, mit gespielter Lässigkeit, warf die Karten zusammen, schob dem Süß den ansehnlichen Haufen gewonnenen Geldes zu: „Da, Jud! Die Galerie laß ich später bauen. Das verehr ich Ihm.“ Süß, wohlwollend fast und amüsiert, dachte: „Sieh an, schenken läßt er sich nichts. Bezahlt mich, wo er glaubt, ich hab ihm ans Ziel geholfen, legt noch ein Trinkgeld darauf. Dann sperrt er mich in die Kasematten und steckt Bezahlung samt Trinkgeld wieder ein.“ Aufmerksam und dringlich sah er den Herzog an, und der, wie gezwungen von seinem Blick, sagte obenhin: „Kannst mitkommen.“ Der Schwarzbraune voran, dann hinkend, schnaufend, rot Karl Alexander, zuletzt federnd, geschwellt, weiß, jung der Jude, gingen sie.

Durch die sich neigenden Lakaien der Vorsäle erst, dann durch stille Korridore, in denen nur der fetzende Atem des Sturms war, nach dem andern Flügel des Schlosses in die Privatgemächer des Herzogs. Arbeitszimmer, kleines Zwischenkabinett, das Schlafzimmer mit der wartenden Frau. Der Mameluck riß die Tür zum Arbeitskabinett auf. Nicht der Kurier war da, den Karl Alexander erwartete, sondern vier Männer, die er nicht kannte. Zwei alte, mit eisgrauen Haaren, mager und schmächtig wie Federkiele, die anderen gedrungen, von lümmelhaftem, proletarierhaftem Gehabe. Alle vier waren stumm, verneigten sich, die jüngeren schwer und plump, die älteren hastig und wiederholt, von den im Windhauch der offenen Tür flackernden Kerzen wild beschattet und erhellt.

Der schäumende, in seiner Erwartung betrogene Herzog schrie, die Stimme fast versagend vor Wut, den Mamelucken an: „Bist du verrückt? Läßt in der Nacht, heut nacht, Gesindel zu mir?“ Schleuderte ihn mit einem Fußtritt in den Winkel. „Der Kurier!“ brüllte er. „Wo bleibt der Kurier?“

„Wir sind kein Gesindel,“ tat da einer von den Männern schwerfällig, feindselig den Mund auf. „Wir sind von der Landschaft.“ Karl Alexander fuhr auf ihn los, packte den stämmigen, lümmelhaften Menschen, schüttelte ihn: „Wollt mich überfallen? Mich meucheln? Ketzer! Mörder!“ Er schrie und geiferte, daß die Sängerin nebenan, die nackend wartete, sich ängstlich tief unter die Decken duckte, das Kreuz schlug. „Aber es ist aus mit euch!“ brüllte der entzügelte Herzog weiter. „Vermodern bei lebendigem Leib laß ich euch, Gesindel! Rottierer! Ketzer! Hunde! Zu eueren sauberen elf Brüdern vom Ausschuß schmeiß ich euch in meine tiefsten Kasematten!“

„Es ist nicht an dem, Herr Herzog,“ sagte da mit einer höflichen, feinen Stimme einer von den Alten, „es ist durchaus nicht an dem.“ Und er verneigte sich viele Male. „Es ist so, daß mit Eurer Durchlaucht allergnädigstem Permiß niemand heut nacht in Stuttgart verhaftet wird. Es werden auch sehr wenig bayrische und würzburgische Truppen einrücken, und was unter der Losung: Attempto! eingetroffen ist, sind mit Eurer Durchlaucht allergnädigstem Permiß zur Hälfte evangelische Brüder. Und wenn auch der Herr Kommandant Röder hier ist, das Stadtreiterkorps ist darum nicht weniger in Bereitschaft und wird die Stadt unter allen Umständen halten.“

Süß selber hätte nicht sachlicher, schärfer, mit weniger Worten darlegen können, wie in den Grund hinein der Putsch verraten und vertan war, als der kleine, hagere Mann, der sehr höflich und mit vielen Kratzfüßen und Permiß-Einholungen noch mehr Details aufzählte. Aber er konnte nicht zu Ende kommen und zum Zweck seiner Rede; denn der Herzog hatte nur die ersten Sätze gehört; dann begab sich mit ihm eine erschreckende Veränderung. Die Hand, die den gedrungenen, proletarisch aussehenden Deputierten noch immer festhielt, ließ allmählich locker, das Gesicht lief blaurot an, ein seltsames, wundes, tierhaftes Rasseln kam aus der Brust, der Mund schnappte hilflos, und unversehens lag der schwere Mann auf dem Boden, verkrampft und gräßlich entstellt. Die vier Bürger, wie sie das sahen, fürchteten, man werde ihnen eine Schuld geben, das Schloß war voll von Feinden, sie waren von dem Mamelucken auf geheimnisvolle, verdächtige Art, ungemeldet, durch eine Hintertüre eingelassen worden, sie besorgten, sie möchten mißhandelt oder gar kurzerhand erschlagen werden; sie machten sich eilends fort und waren froh, als sie in Sturm und Regen, abseits haltend, ihre Kutsche fanden und zitternd vor Frost und Erregung glücklich wieder auf dem Weg nach Stuttgart waren.

Karl Alexander lag indes auf dem Boden, allein mit Süß und dem Schwarzbraunen. Ueber der mächtigen, behaarten Brust hatte er sich die Kleider bis aufs Hemd aufgerissen. Verstört lauschte von nebenan und sich duckend das nackte Mädchen auf das wilde, tierhafte Rasseln, das von ihm kam. Mit unendlicher Mühe schickte er sein erstarrendes Aug mit einer wilden, grenzlos haßvollen Frage auf die Suche. Süß, ihm entgegenkommend, sagte: „Ja, Herr Herzog.“

Der Jude wußte nicht, ob er das so gewollt hatte oder wie überhaupt er gewollt hatte, daß der Herzog Verrat und Zerschmetterung des Putsches aufnehmen solle. Er fragte sich auch nicht, ob die Ermattung durch den Karneval oder das Aphrodisiakum mitschuld waren an diesem Zusammenbruch, oder ob er allein ihn und willentlich so gewirkt habe. Wie getrieben hatte er alles so geordnet, wie es dann kam, es so gelenkt, daß der erhitzte Herzog statt des erwarteten Glücksboten die nächtliche Unheilsdeputation vorfand. Daß er ins Herz treffen, daß er Sinn und Wesen des Gegners für immer lähmen und zermalmen mußte, war gewiß. Kam nun auch der äußere Zusammenbruch hinzu, so war das nicht gewollt, doch nicht unwillkommen.

Mit aller Kraft hob er den schweren Leib in einen Lehnstuhl, warf dem Schwarzbraunen hin: „Es wird gut sein, du holst den Pater Kaspar.“ Zögernd nur entfernte sich Otman und ließ den Juden mit dem Sterbenden allein.

Vereisend hörte die Sängerin im Nebenzimmer, wie eine leise, von einem wilden Gefühl bis zum Zerreißen gespannte, weißbrennende Stimme auf den jetzt stummen Herzog einsprach. Die einzelnen Worte konnte sie nicht verstehen; aber sie erstarrte vor dem grauenvollen, hassenden Triumph dieser heißen, flüsternden Stimme.

Es sprach aber der Jude dies: „Herzog! Grober, einfältiger Herzog! Dummer, stier-tölpischer Karl Alexander! Jetzt möchtest du die Ohren zumachen, was? Möchtest dich davonmachen und mich nicht mehr hören? Möchtest beten und dir vom Beichtiger Linderung und ölige Verzeihung eintröpfeln lassen? Aber das konzedier ich dir nicht. Ich laß dich nicht sterben, eh daß du mich gehört hast. Verdreh die Augen, raßle mit all deiner Lunge: du mußt mich hören. Ich spreche ganz leise, ich hebe die Stimme nicht, aber deine Ohren und dein freches, gewalttätiges Herz sind doch voll davon. Und du mußt ganz still halten und darfst nicht sterben und mußt mich hören.

Ja, das Kind ist anders gestorben. Warst hinter ihr her mit Hussa und Gegröhl, dein verfluchter, stinkender Atem war über ihr; aber sie hat dürfen lächeln und leicht sein und tausend gute Engel streckten ihr die Arme entgegen. Und du bist vor der Toten gestanden mit deinem ratlosen, dummen Metzgergesicht, und wie ich dir nicht hineinspie, hast du geglaubt, jetzt ist alles gut und es ist nichts gewesen. Sieh, Karl Alexander, sieh, du dummer, tölpischer Herzog, ich bin dir nicht in das geile Gesicht gesprungen damals, so einfältig hab ich es nicht gemacht, ich hab dich mir erst zurechtgerichtet, hab dich präpariert, daß du aussähest wie ein Mensch, ja wie ein Fürst. Bäumst du hoch? Schnaufst du? Ja, da liegst du, ein trauriges, lächerliches Stück Fleisch, höchst ridikül vor dir und den anderen. Denn sieh, du armer Narr, deine großen Gedanken, daß du zum schwäbischen Louis Quatorze dich recken solltest, deine Cäsar-Träume, die hab ich ja in dich hineingeträumt. Du warst nichts als ein kleiner, gewalttätiger Zufallsherzog all deine Tage, und ich hab dich lassen tanzen.

Glotz mich an mit deinen großen Augen. Ich drück sie dir noch nicht zu, ich bin noch nicht am Ende. Sieh, gerade mein Schlechtestes hab ich in dich hineingeträufelt, meinen verworfensten Samen. Ich hätt es können wirken, daß du mich vor aller Welt umarmtest und Bruder nanntest; ich hätt dir nur müssen die Papiere zeigen, daß ich ein Sohn vom Heydersdorff bin, ja, dem Baron und Marschall und Christen. Aber das hab ich für mein schlechtestes Teil geachtet und hab es ganz in dich hineingegossen und hab dich tanzen lassen und dich gemästet, bis daß du reif warst.“

Er ließ ab von dem Sterbenden, versank; dann wieder begann er, verändert, milder: „Ja, es hat mich zu dir gezogen, ich hätte können dein Freund sein. Aber du, wenn du so was gespürt hast, hast dich gewehrt und dagegen geknurrt, und nur mein Schlechtes hast du aufgenommen und es blühen lassen in Schuß und Saft. Du großer Herr und Held, du deutscher Louis Quatorze! Du armer Hahn und Narr!“

Draußen auf dem Korridor hastige, erregte Stimmen. Der Doktor Wendelin Breyer kam, der Kammerdiener Neuffer; hernach auch Pater Kaspar, der Beichtiger; er war nicht so leicht zu finden gewesen, er war in der Konditorei gesessen mit dem unscheinbaren, kluggesichtigen Würzburger Geheimrat Fichtel, der, nicht angesteckt von der allgemeinen Unruhe, den Triumph dieser Nacht auskostend, behaglich viele Tassen seines braunen Kaffeetranks schlürfte. Jetzt stürzte das alles her, betätigte sich hastig, hilflos, sinnlos um den Verlöschenden, grausam Entstellten, befragte verstört den Süß, der lässige, flüchtige Auskunft gab und sich bald unbemerkt aus dem Getrieb um den Sterbenden fortmachte. Im Nebengemach die Sängerin zog sich an. Die leise, heiße, hassende, sich einfressende, triumphierende Stimme haftete ihr, sie übergrausend, im Ohr; fahl, fröstelnd, geschüttelt von großäugigem Entsetzen, schlüpfte sie unordentlich in ihre Kleider, hastete, die unheimliche Stimme hinter sich, geduckt über die Korridore, atmete befreit, als sie vor dem Tor stand, das Schloß im Rücken, im stoßenden Wind.

Der Doktor Wendelin Breyer wollte den Herzog zur Ader lassen. Aber es kam nicht soweit. Der Mameluck, mit ihnen zurückgekommen, war still ganz nah an den Mann im Lehnstuhl herangetreten; mit gespannter, grausamer Sachlichkeit beschaute er die krampfhaft geballten Hände, das aufgedunsene, blauschwarze Gesicht, die vorstehende Zunge, die graß offenen, weit herausgequollenen Augen. Dann mit seiner dunklen, sonderbar rauhen Stimme sagte er so plötzlich, daß alle zusammenfuhren – die meisten hatten ihn überhaupt noch nie sprechen gehört –: „Er ist tot.“ Dem Doktor Wendelin Breyer blieb nichts übrig, als das gleiche zu konstatieren.

Während der Arzt noch, die hohle Stimme tief aus der Brust hervorgrabend, etlichen vagen Kommentar stammelte: heftig ausgebrochener Spasmus diaphragmatis, Steckfluß, stagnatio sanguinis plenaria, – still und höhnisch schaute der Schwarzbraune auf den verwirrten, sich abarbeitenden, wichtig sich habenden Mann – raunte es durch die Gänge, flog es durch die Vorzimmer, rief es der Zeremonienmeister in den Ballsaal: „Der Herzog ist tot.“ Die Musik brach ab. Das ungeheure, lähmende Entsetzen, die verfahlten, verzerrten Gesichter überall. Das ratlose Gewimmel, Durcheinanderhuschen, Sich-in-die-Ecken-drücken. Das verlegene Von-nichts-wissen-wollen der Gäste, der kaiserlichen, bayrischen, würzburgischen Herren. Die Offiziere standen herum wie dumme, große, bösartige Raubtiere, hinter denen unversehens eine Falle zuklappt. Solcher verwünschte Zufall just in diesem Moment konnte jedem einzelnen an Stellung nicht nur und Besitz, nein, ans Leben gehen. Sogar der kleine Geheimrat Fichtel verlor die Fassung; seit Jahrzehnten hatte er vor sich selber und aller Welt sich beherrscht; jetzt bekam er mit einem ein hartes, verkniffenes, keifendes Bauerngesicht und fluchte leise und unflätig vor sich hin. Erst nach zehn Minuten hatte er sich so weit, daß er in Kälte und Sachlichkeit denken konnte. Er überlegte, das Testament, das er dem Toten abgerungen, werde nun doch nicht mehr viel nützen; es blieb nur übrig, die ganze Maschinerie sofort stillzulegen, möglichst alle Spuren von Würzburg her zu verwischen und mit gutem Anstand, unkompromittiert, aus der Affäre herauszukommen.

Süß stand derweilen allein in einem verlorenen Seitenkabinett. Er kümmerte sich um nichts, das Auf und Ab der allgemeinen Erregung schlug nicht bis hierher. Der Sturm hatte sich ein wenig gelegt. Der Jude sah nichts, hörte nichts, achtete nichts, alles um ihn versank. Er wartete. Nun wird, jetzt gleich, das Kind da sein, um ihn sein wie die liebe Luft, lieblich in ihn einströmen, ihn leicht und schwebend machen. Er saß, still, mit einem gelösten, fast törichten Lächeln und wartete.

Sie kam nicht. Nichts kam. Er fühlte sich mit jedem rinnenden Augenblick kälter, leerer, schwerer werden. Und plötzlich wußte er, sie wird nie kommen. Er sah den Herzog, das schwarzblaue, entstellte Gesicht, die heraushängende Zunge, die vorquellenden Augen. Uebelkeit fiel ihn an. Er erschrak. Er begriff nicht mehr, wie ihn das hatte ausfüllen, ihn hatte hochtragen können. Was denn, um Gottes willen, hatte das mit dem Kind zu tun? Das Kind war weiß, sänftigend, mondstill. Und sein Handel mit dem Herzog, das violettrote Meer, sein Brausen, sein wilder Geruch, ja, in welcher hirnrissigen Anwandlung hatte er denn geglaubt, darüber zu dem Kind zu kommen? In dumpfer Angst suchte er Zusammenhänge, begriff sich nicht mehr. Seine Zwiesprache mit dem sterbenden Karl Alexander, die war ein wildes Zucken und Verebben gewesen wie ein Beilager mit einer Frau, aber kein Schweben und Gelöstsein. Und jetzt war er dumpf, traurig, voll Uebelkeit und weiter weg von dem Kind als je.

Es wehte ihm den Nacken hinauf, feuchtkalt. Er hob den Rücken, überfrostet, wie in Abwehr. Ein Gesicht schaute ihm über die Schulter. Es war sein eigenes Gesicht.

Er schüttelte sich, stand auf. Der Sturm hatte wieder eingesetzt; er schloß fester die Fenster. Da war eine Stimme im Wind, war in seinem Ohr, war im Zimmer, eine mißtönige, traurige Stimme, die Stimme des Oheims. Sie war nicht laut, aber sie füllte das Zimmer ganz an, sie füllte das Schloß an, die ganze Welt war voll von dieser Stimme. Da hatte er Gewißheit: er war falsch gegangen. Alles, was er gedacht, gewirkt, getrachtet hatte, sein Handel mit dem Herzog, sein ganzer künstlicher Turm und Triumph war alles falsch und Irrgang gewesen.

Seltsamerweise war er nicht enttäuscht von dieser Erkenntnis oder gar empört. Nein, es war gut so. Er sah sich wiederum schreiten in jener stummen, schattenhaften Quadrille, Rabbi Gabriel hielt seine rechte, der Herzog seine linke Hand. Sie schlängelten sich, machten ihre Pas, verneigten sich. Aber heute war keine Qual in dem nebelhaften, farblosen Bild. Denn nun lösten sich die Hände, die Tanzenden sahen sich an, still, ernsthaft, ohne Feindschaft, sie nickten einer dem andern ein letztes Mal zu, dann gingen sie auseinander.

Eine grenzenlose Mattigkeit fiel ihn an. Nie in seinem Leben war er so ausgehöhlt von dinghafter, leibhafter Schwäche und Müdigkeit gewesen. So mußte es sein, in lauem Bad sitzen und aus geöffneten Adern, ganz langsam, das Leben entströmen lassen. Dieses Schmelzen, Weichwerden, Zusammenstürzen in ihm. Dieser süße, ziehende, lüstige, alle Glieder pressende, reibende, lösende Schmerz. Dieses Sichaufgeben, Stürzen, Getragensein. Dieses Nichtwollen, dieses zum erstenmal Sichtreibenlassen, dieses selige, willenlose Vergleiten, Verströmen. Als entfließe sein Blut und mit ihm aller Drang und alle Sucht, fühlte er sich sinken in glückhafter, schmerzhafter, grenzloser Erschlaffung.

So fand ihn kurze Zeit später der alte, klapprige Leuchterbeschließer, der mit dem Löschhut kam, um das Kabinett finster zu machen. Erschreckt, wie er den blassen, hingesunkenen Mann erkannte, ließ er die Stange fallen, machte: „Jesus, der Herr Finanzdirektor!“ Aber der richtete sich matt hoch und sagte, er solle ihm was zu essen bringen, was immer, es sei ihm schwach vor Hunger. Der Alte, betreten, sich bekreuzigend, machte sich fort, brachte das Verlangte. Süß, während er mit den Händen, ziemlich gierig, aß, sagte dem Alten, er solle sich in seiner Verrichtung nicht stören lassen. Der stammelte, das gehe doch nicht an, er könne doch nicht den Herrn Finanzdirektor so im Dunkeln –. Aber Süß unterbrach ihn: „Lösch Er nur Seine Lichter und kümmer Er sich nicht um mich.“ Verstört machte sich der Alte an seine Arbeit. Der Sturm hatte wieder mit Macht und Heulen eingesetzt. Süß aß, kaute, schlang. Der Alte beschleunigte seine Hantierung, stieg auf die Leiter, löschte, schielte nach dem Finanzdirektor. Der aß immerzu, eilfertig, schlang, schmatzte. Schließlich, mit einer merkwürdig lustigen Stimme, sagte er: „Häng Er Sein Herz nicht an Menschen! Das steht doch im Neuen Testament, was?“ „Ich versteh Euer Exzellenz nicht,“ stotterte ängstlich der Alte. „Laß Er’s gut sein,“ sagte Süß, die letzten Bissen kauend, „und leucht Er mir!“ Das Kabinett blieb im Dunkeln; geführt von der kleinen Laterne des Mannes, schritt Süß durch finstere Saalfluchten in den Haupttrakt des Schlosses.

Hier saßen, in einem Nebenraum, die Führer des katholischen Projekts, Generale, Minister. Sie waren lauter Württemberger unter sich. Die würzburgischen und bayrischen Herren, der Gesandte der Apostolischen Majestät, sie hatten sich alle, ach wie hurtig! trotz Sturm und Wetter davongemacht; sogar der Astrologus des Fürstabts von Einsiedeln mitsamt seinem Fensterschweiß, Kolben, Dreiecken, vielfigurigem Hemd war, ungeachtet er die Stunde als sternrecht befunden hatte, eilends verschwunden. Da saßen nun die schwäbischen Herren, fahl, schwitzend, in dicker, angestrengter Ratlosigkeit. Atmeten auf, als Süß kam, schauten ihm als dem Retter in gespannter Hoffnung entgegen.

Der Jude schickte lind, ruhig, fast lächelnd seine braunen Augen über die hilflose Runde. Sagte dann zu dem massigen Major Röder, der mehr als die anderen stier und dumm dasaß: „Sie sehen nicht recht klar, Herr Major, was in dieser seltsamen Situation zu tun ist?“ Er trat sehr nahe an den stumpfen, verständnislos schauenden Mann und sagte, sehr liebenswürdig: „Verhaften Sie mich: und wer immer Oberhand behält, Sie sind für alle Fälle salviert.“ Das sagte er ganz leicht, höflich, fast konversierend.

Verblüfft schauten die Herren. Aber dann stieg es auf, stieg es in ihre Augen, ein hartes, arges Glitzern. Es war nicht ganz klar, wo der Jude hinauswollte; aber soviel war gewiß: wenn man ihn packte, wenn man ihn festsetzte, dann war einer da, der ganz vorne stand, auf den alle Wut zuerst sich stürzen, alles Uebelste abgeladen werden konnte. Eine lange Minute war es totenstill in dem Raum. Alle, mit den gleichen Worten fast, in der gleichen Folge fast, dachten die nämlichen Gedanken. Und alle mündeten in den Entschluß: Ja! Den Juden packen! Das ist die Rettung! Der Jud muß hängen!

Und auf solche Art war doch was getan. Auf solche Art saß man doch nicht länger in dieser drückenden, albernen, beschämenden Angst. Man stellte doch, Kreuz und Türken! in der Bataille seinen Mann: was war denn das für ein dummes, dreckiges, hosenbekleckerndes, hündisch übles Gefühl gewesen, in das man sich da hatte hineinjagen lassen, das einem so widerwärtig Herz und Magen heraufgekrochen war. Herrlich, daß man jetzt auf so gute Manier aus diesem Schweinezustand herauskam. In einer Minute wird man die ganze scheußliche, jämmerliche, lamentable Depression hinter sich und vergessen haben.

Und da stand auch schon der Major Röder auf. Er war ganz, vor sich und den anderen, Patriot, Christ, Soldat. Massig kam er, charaktervoll, von seinem Recht und seiner Biederkeit innig überzeugt, auf Süß zu, legte ihm die unförmige, behandschuhte Tatze auf die schlanke, elegante Schulter, öffnete schwer den harten Mund: „Im Namen der Herzogin und der Verfassung: ich verhaft Ihn, Jud.“

In einem einzigen Augenblick hatte sich die beklemmende Stille in tobendes, sieghaftes, tierisches Gröhlen gelöst. Der Jude lächelte still, einsam, sehr fern. Durch kotiges Geschimpf, ihn stoßend und tretend, mühten sich die Herren, das Bild dieses Lächelns nicht in ihr Inneres dringen zu lassen.

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