Viertes Buch Der Herzog (continued 2)
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Der Rabbi stand vor ihm, als er die Augen aufschlug. Der Rabbi sah einen verfallenen, ergreisten Mann. Den schmiegsamen, elastischen Rücken krumm und schlaff, die glatten weißen Wangen hohl und unsauber, farblos häßlich das braune Haar. Der Rabbi hatte die Tote balsamiert, jetzt ging er ab und zu, zündete die Kerzen neu, goß dämonenscheuchendes Wasser.
Nach einem langen, ewigen Schweigen fragte Süß: „Ist sie um den Herzog gestorben?“
„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
„Wenn ich fortgegangen wäre mit ihr,“ fragte Süß, „längst, weit fort, in die Stille, wäre sie dann nicht gestorben?“
„Sie ist um dich gestorben,“ sagte Rabbi Gabriel.
„Kann man mit Toten reden?“ fragte Süß.
Rabbi Gabriel zitterte. Dann sagte er: „Es steht im Buch von den Heeren der Toten: Denkt eines Verstorbenen nur recht, und er ist da. Ihr könnt ihn innerlich beschwören, er muß kommen; ihn halten, er muß bleiben. Denkt seiner mit Liebe oder mit Haß, er spürt es. Mit stärkerer Liebe, stärkerem Haß, er spürt es stärker. An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm klingt.“
„Kann ich mit ihr reden?“ fragte Süß.
Da zitterte Rabbi Gabriel stärker. Dann sagte er: „Sei rein, und sie wird in Ruhe sein. Wenn du einströmst in die dritte Welt, mit dir wird auch sie in das Meer der dritten Welt tauchen.“
Da schwieg Süß. Er aß nicht, er trank nicht. Nacht fiel ein, Tag graute herauf, er rührte sich nicht.
Der Rabbi sagte: „Der Herzog will dich sprechen.“ Süß antwortete nicht. Karl Alexander trat ein. Fuhr zurück. Fast hätte er den Mann nicht erkannt. Dieser Mensch mit den schwärzlichen, schmutzigen Stoppeln um den Mund und die Wangen hinauf, mit dem häßlich farblosen Haar, den eingesunkenen, rötlichen, stieren, triefenden Augen: war das Süß, sein Jud und Finanzdirektor, der große Kavalier, der lüsterne Traum der Frauen?
Mit rauher, heiserer Stimme, sich räuspernd und mehrmals ansetzend, sagte Karl Alexander: „Sei Er ein Mann, Süß! Verbohr Er sich nicht in Seinen Schmerz. Ich hab das Mädel gesehen, ich weiß, wie sie war. Ich spür es sehr gut, was Er da verliert. Aber denk Er, Er hat noch sehr viel anderes im Leben. Er hat die Gunst, Er hat die Liebe Seines Herzogs. Dies mag Ihm Trost sein.“
Mit einer stillen, gleichförmigen, merkwürdig gefrorenen Demut erwiderte der verwahrloste, häßliche Mann: „Ja, Herr Herzog.“
Karl Alexander wurde es unbehaglich bei diesem stillen Ja. Es wäre ihm lieber gewesen, Süß hätte seine Kränkung gezeigt und er, der Herzog, hätte ein weniges schreien und dann wieder gut sein können. Dieses mönchische Gewese paßte ihm gar nicht. Wie hatte Schütz gesagt: es roch nach Judenschul und Kirchhof. Ein vages Erinnern wellte hoch an die knarrende Stimme des Magus, an das, was er verschwieg. Er wollte glatten Tisch haben, er wird jetzt einfach mit der Katze durch den Bach fahren. Mit einer gewissen gutmütigen, grobschlächtigen Ehrlichkeit sagte er: „Es ist dumm, daß das arriviert ist, just wie ich da war. Was es eigentlich für ein Akzident war, weiß kein Mensch und wird kein Jud und kein Christ und kein Magus herauskitzeln können. Ich hab sie gefunden, da lag sie in den Blumen und war tot. Er wird natürlich supponieren, ich sei schuld daran. Aber ich vermein, da ist Er auf dem Holzweg.“
Da Süß schwieg, fügte er hinzu: „Es ist mir in der Seele leid, Jud, wahr und wahrhaftig. Er darf mich nicht für einen Debaucheur halten, der coûte que coûte seinen Willen haben muß. Natürlich hab ich ihr ein bißle meinen Hof gemacht. Aber wenn ich das hätte voraussehen können, ich hätte mich getrollt. Nicht keinen Handkuß hätte ich verlangt. Parole d’honneur! Wer hätte auch denken können, daß das Mädel so wenig Spaß versteht.“
Mit der gleichen stillen, gefrorenen Demut sagte Süß: „Ja, Durchlaucht, wer hätte das denken können.“
Karl Alexander, betreten, schwieg. Dann, mit neuem Anlauf, sagte er: „Ich glaub nicht, daß ich in Seiner Schuld bin. Aber wenn, bitt ich Ihn um Pardon in aller Form. Ich möcht nicht, daß irgend was zwischen uns soll treten. Sei Er mir nicht nachträgerisch! Tu Er mir treue Dienste wie bisher! Geb Er mir die Hand!“
Da legte Süß seine Hand, die sehr kalt war, in die große Hand des Herzogs. Eine kurze Weile standen die beiden Männer so, die Hände ohne Druck ineinander, eine pressende, engende Lähmung ging vom einen zum andern. Die Fenster waren verhängt, in dem zuckenden Licht der Kerzen regten und streckten sich die magischen Figuren, Samael, der Linke, war im Raum. So standen sie, in Wahrheit nun eine Figur jenes blassen Reigens, den sie in Traum und Nebel getanzt.
Aus der Gebundenheit riß sich der Herzog. „Bien!“ sagte er. „Bestatte Er jetzt Seine Tote! Fahr’ Er dann nach Ludwigsburg! Es gibt zu tun.“
Damit ging er. Atmete, die peinliche Affäre hinter sich, fröhlich den hellen Tag. Er hatte sich, weiß Gott, geführt als ein Fürst von Herz und Welt. Vergnügt und sehr zufrieden brach er sich eine der festlich heiteren Blumen von den Terrassen. Stapfte, das weiße Haus im Rücken, pfeifend durch den Wald, freute sich der Sonnenflecke, fuhr in guter Laune zurück in seine Hauptstadt.
Bei der Toten hockte Süß. Unter den häßlichen Stoppeln mit fahlen Lippen lächelte er ein tiefes, listiges Lächeln. Ohne Worte rief er das Kind, und das Kind hörte. Er erzählte der Toten, wie schlau er gewesen war, und er erzählte ihr von seiner vorhabenden Rache. War er nicht ein Mann? Hatte er sich nicht gezähmt und war kalt gewesen? Nicht nur nicht an die Gurgel gesprungen war er jenem, freundliche Worte hatte er ihm gesagt und die Zunge war ihm nicht lahm geworden. Die Hand hatte er ihm gereicht und hatte ihn nicht gedrosselt, seinen Dunstkreis hatte er geatmet und war nicht erstickt. Wie verwirrt er war, der andere. So gar nicht konnte er es kapieren, daß das Kind sich fortgemacht, ganz simpel davongegangen war, eh daß er Hochseine Lust hatte stillen können.
Was hatte er zuletzt gesagt? Es gibt zu tun in Ludwigsburg? Abkaufen wollte er ihm, durch Geschäfte, durch Affären abschachern ihm den Tod seines Kindes! Der Narr der, der siebenfach verblendete! Aber er war ruhig geblieben, freundlich und demütig hatte er geantwortet und war ruhig geblieben. Er freute sich wohl, der andere, daß er so wohlfeil losgekommen war. Da lag das Kind, ein Bündel totes Fleisch, ein armes Häuflein Anklage und Verwesung. Ei ja, dachte er wohl, der andere, wenn er mir im Angesicht dieser Toten nicht an die Gurgel springt, dann ist er fürderhin erst recht zu miserabel. Gefehlt, Herr Herzog! Gefehlt, allerdurchlauchtigster Herr Mörder! So simpel grob ist der Süß nicht, er ist kein Landsknecht und Bauer und Töffel, daß ihm so plump einfältige Rache genügt. Er arrangiert seine Rache raffinierter. Er siedet sie und brät sie und kocht von allen Seiten sie gar.
Er lächelte tiefer, er zog die fahlen Lippen hoch hinauf, und die Zähne, sonst glänzend weiß, lagen gelblich und beinern trocken bloß.
Rabbi Gabriel ging durch das Zimmer, dicklich, mit seinen umständlichen Schritten. „Dies ist nicht der Weg, Josef,“ sagte er plötzlich mit seiner knarrenden, mißtönigen Stimme.
Süß sah auf, sah ihn feindselig an. Ho! War der wieder da? Wollte er ihm wieder einreden? Was denn sonst blieb ihm als Rache? Wollte der sich dazwischenstellen mit seinen edlen Sprüchen? Wirf einen in einen Abgrund und sag ihm: Falle nicht! Und er sah ihn mit seinen müden, entzündeten Augen gehässig an. Aber er sagte nichts.
Auch Rabbi Gabriel schwieg. Stumm an der Leiche saßen die beiden. Ihre Gedanken gingen sehr verschieden. Aber Samael, der Linke, war im Raum, und auf allen Wegen kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu Samael, dem Linken.
Durch die jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs flog die Nachricht: Dem Reb Josef Süß Oppenheimer, Minister und großen Herrn beim Herzog von Württemberg, Retter Israels in schrecklicher, grausiger Not ist gestorben ein Kind. Er hat gehabt eine Tochter, ein einziges Kind. Ist ihm gestorben das Kind. Wird er hingehen und es begraben in Frankfurt. Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.
Da machten sich auf Männer aus allen Gemeinden, aus Ost und West und Süd und Nord, zu bestatten das Kind des Reb Josef Süß Oppenheimer, Retter Israels aus großer Not. Es kamen die Rabbiner von Fürth und von Prag und von Worms, ja, es kam aus Hamburg Unser Lehrer Rabbi Jonathan Eybeschütz, der Angefeindete und Gefürchtete, heimlicher Jünger und Nachfahr des kabbalistischen Messias Sabbatai Zewi.
Nach Hirsau in das weiße Haus mit den Blumenterrassen kamen der Rabbiner von Frankfurt und mit ihm Isaak Landauer, der große Finanzmann. Er drückte dem Süß heftig und ohne Wort die Hand. Eigentlich hätte er sich freuen müssen, daß der württembergische Finanzdirektor nun gar nicht mehr geckenhaft aussah und wie ein Goj und Kavalier; nein, mit seinem häßlichen, ungepflegten Bart und den schmuddelig hängenden Kleidern sah er sehr jüdisch aus und roch nach Ghetto. Aber Isaak Landauer, so sehr es ihn reizte, unterdrückte jede solche Bemerkung, er rieb sich fröstelnd die Hände, wackelte mit dem Kopf, strähnte sich den rotblonden, verfärbten Bart, schluckte und blieb stumm.
Dann sargte man das Kind ein. Rabbi Gabriel legte ihr ein kleines, goldenes Amulett um den Hals, umzirkt vom Schild Davids das Wort Schaddai. Er winkte dem Süß, mit gelblicher, blutloser Hand hob der den Kopf der Toten, und unter das strahlend schwarze Haar, das noch immer nicht stumpf und erloschen war, streute er ein Häuflein Erde, fette, schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Dann wurde der Sarg zugenagelt; auf ihren Schultern trugen die vier Männer, der dickliche Rabbi Gabriel, der verfallene, schmutzig gebartete Süß, der milde, welke Jaakob Josua Falk, Rabbiner von Frankfurt, und der in seinem Kaftan schlotternde Isaak Landauer, auf ihren Schultern trugen sie die Tote aus dem weißen Haus, durch die festlich heiteren Blumen, durch den Wald, an den Holzzaun. Dort warteten andere jüdische Männer, sie nahmen ihnen die leichte Bürde ab, trugen auf ihren Schultern sie weiter, und nach einer halben Meile warteten wieder andere, und aber nach einer halben Meile wieder. So trugen sie das Kind des Josef Süß Oppenheimer durch das Land und über die Grenze und bis nach der Stadt Frankfurt. Und der kleine Sarg rührte nicht den Boden, fuhr auch in keinem Wagen, von einer lebendigen Schulter auf die andere lebendige Schulter glitt er, bis in die Stadt Frankfurt. Hinter dem Sarg aber fuhr ein großer Karren. Und es standen viele Juden an der Straße des Sarges, und wenn der schweigende, karge Zug vorüberkam, sprachen sie: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter!“ Und sie streuten jeder eine Handvoll Erde in den Karren, fette, schwarze, krümelnde Erde, Erde aus Palästina, Zions Erde. Sie war bestimmt für das eigene Haupt und den eigenen Sarg; aber sie streuten sie in den Karren und gaben sie gern. Auf daß bestattet werden könne ganz in heiliger Heimaterde das Kind Unseres Lehrers und Herrn, des Reb Josef Süß Oppenheimer, der gerettet hat Israel aus schrecklicher, grausiger Not.
In der Stadt Frankfurt aber die Gräberstatt der Juden war schwarz von Volk. Sie standen lautlos, die Beweglichen, Schreienden, als Josef Süß im Angesicht des Sarges bekannte: „Gerühmt seist du, Jahve, Gott, gerechter Richter.“ Und sie antworteten im Chor: „Eitel ist und vielfältig ist und Haschen nach Wind ist die Welt; doch eins und ewig ist der Gott Israels, das Seiende, Ueberwirkliche, Jahve.“ Und dann sank der kleine Sarg in die Erde Zions, und die Erde Zions überdeckte den kleinen Sarg. Und inmitten der schweigenden Tausende sprach Süß mit ausgetrockneter, klangloser Stimme das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens. Und sie rissen Gras aus und warfen es hinter sich. Und sie sprachen: „Wie das Gras welken wir aus dem Licht.“ Und sie sprachen: „Wir gedenken, daß wir Staub sind.“ Und dann wuschen sie die Hände in fließendem, dämonenscheuchendem Wasser und verließen den Friedhof.
Und dreißig Tage in allen jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs wurde gesprochen das Gebet von der Heiligung des göttlichen Namens für die Jungfrau Naemi, Tochter des Josef Süß Oppenheimer, Unseres Lehrers und Herrn.
Nach Stuttgart zurückgekehrt, stürzte sich Süß verbissen wild in die Arbeit. Rücksichtslos drängte er sich jetzt in das katholische Projekt, riß alles an sich, was irgend an der äußersten Grenze seines Bereiches lag. Fort warf er die Krücke seiner Servilität und Liebenswürdigkeit. Mit einem maßlosen, finstern, höhnischen Hochmut behandelte er seine ganze Umgebung, ließ die Minister springen wie Lakaien. Es flackerte aus ihm eine düstere, grimmige Verachtung alles des, was man gemeinhin menschliche Würde, Freiheit und Verantwortung nannte. In grauenhafter, spielerischer Laune zwang er die Abhängigen zu immer neuen, überflüssigen Demütigungen, und standen sie entblößt, ihr bißchen Menschtum abgetan und zerfetzt, dann verhöhnte er sie mit stillem, nacktem Hohn und weidete seine abgründige Menschenverachtung an ihrer kriecherischen Geduld.
Sehr offen und im größten Ausmaß räuberte er in den herzoglichen Kassen. Er berechnete sich ungeheuerliche Provisionen, verkaufte an den Herzog zu Riesenpreisen wertlose Preziosen. Neue Lasten legte er auf das ächzende, zusammenbrechende Land, und was er auf solche Art erpreßte, leitete er unverhohlen in seine, nicht Karl Alexanders Tresors. Hatte er bisher das Herzogtum bedrückt, um Geld herauszupressen, sachlich und zweckmäßig, so würgte und drückte er jetzt das Land aus raffinierter, düsterer Freude an der Pressung. Er tat dies alles mit dreister Offenheit, legte es sichtlich darauf an, daß Karl Alexander es merke, suchte auf jede Art durch seine Geschäftsführung den Herzog zu reizen. Doch der schwieg.
Das Aussehen des Juden blieb anders. Der gleitende, federnde Gang war härter, offiziersmäßig brutaler. Härter, entschlossener auch die Wangen, und das reiche, wellende, kastanienbraune Haar, das er früher, wo es anging, frei getragen hatte, versteckte er jetzt für immer unter strenger Perücke. Aelter war, verhärteter der ganze Mann. Die dunkle Stimme hatte ihr Streichelndes, Beredendes verloren; oft gurgelte sie nun, herrisch, widerwärtig, unschön; mauschelnd, sagten die Feinde. Die wölbigen, fliegenden Augen blieben rasch und lauersam, ja, gewöhnlich sogar voll beflissener Ergebenheit; doch, ungewahrt, hatten sie wohl zuweilen ein Stechendes, sehr Giftiges und zähmten mühsam nur ein feindseliges, gelblich dunkles Feuer.
Schwerer schritt unter ihrem Reiter die Stute Assjadah. Nicht mehr trug sie den glänzenden, angehaßten und doch bewunderten, adlig freien Herrn; eine Last trug sie, einen dumpfen Fronvogt, der an sich selber schleppte, den Feind aller und von allen befeindet.
Prunkende Feste gab er nach wie vor. Doch diese Feste waren vergiftet und keine Freude für die Gäste. Er liebte es, bei solchem Anlaß dem oder jenem in größter Oeffentlichkeit in der Komödie oder sonstwie wohlzielende, herzkränkende Bosheiten zu sagen, das häusliche oder politische Elend eines Geladenen bloßzustellen; er traf sehr gut die Stelle, wo es am wehesten tat, und sehr viele seiner Gäste saßen in nagender, kribbelnder Unrast, ob sie verschont blieben.
Zu den Frauen war er von einer höhnischen, wegwerfenden Galanterie. Eine Frau hatte es gegeben; mattweiß war ihre Haut, in ihren Augen träumten die Träume der Jahrtausende; sprach sie, dann war die Stimme der Nachtigall Krächzen vor ihrer kleinen Stimme. Jetzt lag sie in Frankfurt, Erde über ihr, Erde unter ihr. Was wollten da die anderen? Sie atmeten, plapperten, lachten und spreizten, redete man ihnen gut zu, die Schenkel. Nun ja, so waren diese: aber die eine hatte gelebt.
Weißensee war aus seiner tiefen Verwirrung und Ratlosigkeit aufgetaucht, schnupperte an Süß herum. Hier gor etwas herauf, in diesem ungeheuren, maßlosen Mann, der anders war als alle anderen, schwelte etwas gar, eine grandiose, prasselnde, tausendfarbige Katastrophe. Der war nicht wie er, der war nicht der Mann, sich zu krümmen und stillezuhalten. Wollüstig schon in der Erwartung roch der Konsistorialpräsident den Schwefelgeruch des Ausbruchs, und nur die Gier, ihn mitzuerleben, hielt den Ausgehöhlten aufrecht.
Und des Süß herausfordernder Uebermut wuchs. Er gab sich offen wie der Herr des Landes, scheute keine Grenze.
In diese Zeit fiel auch die Affäre des jungen Michael Koppenhöfer. Dieser Fall lag so:
Nach zweijähriger Studienreise durch Flandern, Frankreich, England war der junge Mensch, Neffe des Professors Johann Daniel Harpprecht, verwandt auch mit Philipp Heinrich von Weißensee, in die schwäbische Heimat zurückgekehrt, um als Aktuarius in herzoglich württembergischen Dienst zu treten. Sehr groß, bräunliche, kühne Wangen, starkblaue Augen unter dunklem Haar, sah der Dreiundzwanzigjährige aus wie ein Bruder Magdalen Sibyllens. Der Jüngling hatte von seiner Reise stürmische Ideen mitgebracht von menschlicher Freiheit und menschlicher Verantwortung, einen wilden Haß gegen jede Despotie; alle die jungen, märzlich grünen, reinen Gedanken neuen, besseren Staatsgefüges, einer gerechteren, humaneren Ordnung drängten ihn mit Schuß und Saft und Ueberschuß, sprengten dem jungen, glühenden Menschen fast die Brust.
Er wohnte bei Harpprecht. Der alternde Herr, dem die Frau nach einer Ehe von wenigen Monaten in sehr jungen Jahren gestorben war, hatte den Neffen großgezogen, er hatte ihn die zwei Jahre im Ausland bitter vermißt, er warf jetzt alle seine wortarme, herbe Liebe auf den Jüngling.
Michael Koppenhöfer war durch seine Reise doppelt stolz geworden auf die vor den anderen deutschen Staatsverträgen freiheitliche Verfassung seiner Heimat. Wohl hatte er immer gewußt um die militärische Autokratie des Herzogs, die jesuitische des Würzburgers, die ökonomische des Juden. Aber ein anderes war es, in Briefen und Broschüren davon zu lesen, ein anderes, mitteninne zu stehen, die freche Unterdrückung, die nackte, höhnende Gewalt mit Augen zu schauen, mit Händen zu greifen. Der junge Mensch sah den Stellen- und Aemterhandel, den Schacher mit der Gerechtigkeit, die Ausquetschung des Volkes. Verlumpt und ausgehaust die Schertlins von Urach, außer Landes getrieben sein junger, vor allen anderen begabter Vetter und Freund Friedrich Christoph Koppenhöfer, in Verzweiflung und Tod gejagt der Hauptzoller Wolff, der Kammerdirektor Georgii. Ausgelaugt und zerfressen das reiche, schöne, gesegnete Land, zu den Fahnen gepreßt Tausende, in Lumpen und Hunger Zehntausende, zerlottert an Leib und Gewissen Hunderttausende. In Völlerei und Unzucht sich blähend ein schrankenloser Hof, in bunten Uniformen frech sich spreizend die Gewalt, höhnische Rabulisterei über die klare, edle Verfassung giftig triumphierend. Zerwuchert die Verwaltung, zerhurt die Justiz, die Freiheit, die liebe, gepriesene Freiheit ein Spott und Lumpen, mit dem der Herzog, der Jesuit und der Jud sich den Hintern wischen.
Eine heilige, fressende Empörung füllte den Jüngling an, füllte ihn ganz, spannte männlicher sein kühnes, braunes Gesicht, entzündete dringlicher die starke Bläue seiner Augen. Oh, seine schlanke, junge Beredsamkeit! Oh, sein adliges Zürnen und Sich-bäumen! Der zehrende Gram über die Fäulnis der Heimat hatte den alten Johann Daniel Harpprecht doch arg geschüttelt und zerhöhlt. Jetzt hing der feste, gerade Mann seine ganze Hoffnung an den Jungen, und die trockenen Abende des Einsamen wurden grün und blühend durch seine frische, ranke Gegenwart.
Dem Süß war der Aktuarius immer unsympathisch gewesen. Ihn hatte der hohe Wuchs des jungen Menschen, seine straffe, eckige Stattlichkeit, an der gleichwohl nichts Tölpisches, Bäurisches war, von je geärgert. Auch die offensichtliche Ehrlichkeit der politischen Ueberzeugung hatte ihn verstimmt. Hinter politischer Opposition stak gemeinhin der eigene Vorteil; wenn der nicht, dann mangelnde Begabung. Daß der Junge sich zur Demokratie seines berühmten Oheims bekannte, wäre nicht weiter verwunderlich gewesen; aber daß der Bewegliche, mit allen guten, dem Aufstieg förderlichen Gaben Bedachte durch so wildes Feuer gegen die herrschende Richtung seine Karriere gefährdete, war Beweis, daß immer noch politische Ueberzeugung an sich im Lande war, und als solcher verstimmend. Immerhin hatte Süß in der Praxis das junge Ungestüm des Aktuarius Michael Koppenhöfer so wenig gefürchtet wie das routinierte Pathos des Publizisten Moser, er hatte, vor dem Schlag in Hirsau, den wie jenen unbehelligt gelassen, und der Beamte mit der rebellantischen Gesinnung war nicht durch die leiseste Rüge geahndet worden.
Jetzt, nach Hirsau, entzündete sich finsterer das Feuer des vergifteten Mannes an der ungebrochenen freiheitlichen und guten Kühnheit des Jünglings. Den dunklen Blick richtete er auf ihn, duckte spielerisch bösartig zum Sprung. Bei der Unvorsichtigkeit des jungen Menschen fand sich sehr bald ein Grund, ihn scharf und strafweise zu verwarnen.
Der alte Johann Daniel Harpprecht hatte solche Konflikte längst vorausgesehen; doch er brachte es nicht über sich, das schöne Glühen Michaels zu dämpfen. Es war das gute Recht der Jugend, unklug zu sein, sich auf Verbogenes zu stürzen, um es gerade zu machen, auch wenn der Arm daran erlahmen mußte. Aber es schnürte ihm die Brust, preßte ihm den Atem, stieg ihm bitter die Kehle herauf, wenn er dachte, daß er seine müden Abende wieder allein sein sollte, ohne den wärmenden Schein des Jünglings. Immerhin hoffte er, sein, des Harpprecht, großes Ansehen werde den Süß hindern, stärker gegen den Michael vorzugehen.
In dem Elend des Vaterlandes, in der wüsten Verlotterung ringsumher sah der Aktuarius Michael Koppenhöfer ein großes und zartes Licht. Das war die Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin, die Tochter. Ihre blonde, pastellfarbene Lieblichkeit ging dem Schwärmerischen, leicht Entzündlichen tief ein. Als er gar hörte, wie sie den Nachstellungen Karl Alexanders sanft, aber beharrlich sich weigerte, erschien sie ihm als Symbol der menschlichen Freiheit. Die Bilder schwammen ihm eines ins andere, und er sprach von der lieben Freiheit und der holden Demoiselle Elisabeth Salomea Götzin in der gleichen Terminologie.
Jetzt glaubte Süß auch auf Harpprecht keine Rücksicht weiter nehmen zu müssen. Der junge Michael Koppenhöfer wurde, weil er trotz der Verwarnung weiterhin die Ehrfurcht gegen den Herzog außer acht gelassen und unziemliche, gottlose und lästerliche Reden gegen ihn geführt habe, seines Amtes entsetzt. Aus besonderer Huld und Gnaden wurde von einem Kriminalverfahren gegen ihn abgesehen. Doch hatte er binnen vierzehn Tagen das Land zu verlassen und wurde auf Lebzeiten seiner Grenzen verwiesen.
Dies war immer am Horizont gestanden. Aber wie es nun kam, war es doch unerwartet und warf den alten Harpprecht um. Oh, allein und kahl in dem großen, leeren Zimmer sitzen, nur mit Büchern und Pergamenten; und die einzige Kumpanei sind die Schatten in dem Raum außerhalb des Lampenlichts. Sie dichten sich zu mageren, krummen Auswanderern, zu Hungernden und zu Zerlumpten, oder sie strecken hagere, gierige Judenfinger nach einem. Wie immer, sie fallen über einen her und nehmen einem die Luft weg. Und da wäre nun der Junge, trotzig und lebendig, und wenn er seine dicken, dunklen Brauen hochzieht, zergehen die Schatten, seine starkblauen Augen jagen aus allen Winkeln die bedrohliche, erkältende Dämmerung. Aber er ist nicht da; der Jud hat ihn des Landes verwiesen, der Jud läßt ihn nicht zu ihm.
Der schwere Herr rang sich ab, entschloß sich, stand vor dem Herzog. Er hatte nie gebeten, er hatte immer nur guten Anspruch eingefordert, er war gewohnt, daß man zu ihm kam und bat. Es war dem aufrechten Mann arge Pein, als Supplikant dazustehen, und die Worte kamen ihm umständlich und stockend. Das Urteil sei gerecht und nicht einmal sehr hart. Doch solle der Herzog bedenken, vieles im Land stehe wirklich nicht gut, und wenn der junge Mensch seinen Unmut offen heraussage, sei das vielleicht besser als braute er, wie andere, im heimlichen Gift. Karl Alexander hörte finster zu, drückte dem peinvoll Dastehenden fest die Hand, versprach unsicher, er werde es überdenken.
Unwirsch forderte er Bericht ein. Süß selber kam zum Rapport. Ja, es war alles so, wie der Professor es dargestellt. Nur seien eben er, Süß, und der Professor verschiedener Meinung, was zur Wahrung fürstlicher Dignité not sei. Verdrießlich warf der Herzog dem Süß hin, in was für ärgerliche Situation er ihn gebracht habe, daß er jetzt entweder müsse retirieren oder dem verdienten und hochangesehenen Mann die erste und einzige Bitte abschlagen. Frech und giftig erwiderte Süß, er kapiere, daß es Seiner Durchlaucht schwerer falle, dem schwäbischen Professor einen Wunsch zu refüsieren als dem jüdischen Finanzienrat. Er habe aber noch andere, sehr gute Gründe gehabt, den Aktuarius aus dem Weg zu schaffen. Wenn nämlich, fügte er mit dreister Vertraulichkeit hinzu, der Herzog bei den Damen Götz nicht recht wolle avancieren, so sei des der junge Mensch mit die erste Ursach, der Seiner Durchlaucht zumindest bei der Demoiselle Elisabeth Salomea sehr in die Quere käme. Finster knurrend schwieg der Herzog.
Allein, beschloß er, jetzt erst recht den Aktuarius im Land zu lassen. Der Jud ist so hirnrissig wie insolent. Ho! Soll etwan er, Karl Alexander, Angst haben, der lumpige Demokrat und Rebellant komme bei der Demoiselle vor ihm ans Ziel? Oder vermeint der Jud, jetzt, nach Hirsau, habe er, der Herzog, Scheu vor jedem Jüngferlein und traue nicht mehr auf seine Männlichkeit? Eine grimmige Geilheit überkam ihn. Mille tonnerre! Er heißt Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, und er wird die Jungfer trotz allen rebellantischen Lausbuben klein und kirre machen. Jedenfalls scheut er die Konkurrenz nicht und wird jetzt das Urteil annullieren.
Aber wie er die Ordre diktieren wollte, nahm er sich vor, es doch noch einmal zu überdenken, und schob es auf morgen. Andern Tags ging er nach Ludwigsburg. Amüsements, Repräsentation, andere politische Geschäfte drängten vor. Der Tag kam, da das Urteil rechtskräftig wurde, und keine Gegenordre war erschienen. Der junge Michael Koppenhöfer mußte wie sein Vetter Friedrich Christoph außer Landes gehen, und der Abend des Professors Johann Daniel Harpprecht wurde kahl und ohne Licht.
Nun konnte Karl Alexander vorderhand nicht mehr gut etwas rückgängig machen. Dachte er an die Damen Götz, so war er eigentlich sehr befriedigt darüber. Doch dies gestand er sich nicht ein. Es faßte ihn vielmehr eine dumpfe Wut gegen den Juden. Der war schuld an allem; der hatte ihn vor die Wahl gestellt: Harpprecht oder ihn, den Juden.
Süß wußte, Karl Alexander hatte eigentlich nie eine bewußte Schurkerei begangen; sicherlich auch wird er sich die wahren Motive dieser Ausweisung nicht eingestehen. Darum juckte es ihn, den Herzog so darauf zu stoßen, daß dieses Urteil fortan an ihm nagen sollte. Er warf gelegentlich hin: „Jetzt wird die Affäre der Damen Götz besser marschieren, nachdem wir den jungen Koppenhöfer haben aus dem Licht geschafft.“ Der Herzog wollte zufahren, aber er brachte es nur zu einem Knurren und erwiderte ohne viel Nachdruck: „Wir? Wir?“ Süß aber begnügte sich, zu lächeln, und schwieg.
Seinen Feinden kam zu Ohren, daß dem Herzog das Vorgehen des Juden gegen den jungen Koppenhöfer zu rasch gewesen sei und nicht erwünscht. Sie begriffen nicht die Langmut des Herzogs, nützten den Anlaß, gegen solche unfaßliche Geduld Sturm zu laufen. Sie wiesen darauf hin und belegten es mit vielen Ziffern, wie Süß an dem Land presse und sauge, nur für seine Kassen, ohne daß für den Herzog was dabei herausspringe, wie er in jedem Geschäft den Herzog begaunere und bewuchere. Sie sprachen fast zwei Stunden, und Karl Alexander wies sie nicht zurück; er hörte sie zu Ende, ja, er ließ sich Details, die er nicht recht verstand, genauer erklären; vor allem ließ er sich von Dom Bartelemi Pancorbo auseinandersetzen, wie schamlos Süß ihn mit minderwertigen Steinen prelle und betrüge. Als die Herren fertig waren, entließ er sie höflich, ohne jede Aeußerung.
Andern Tags, unaufgefordert, erschien Süß in der Residenz. Er höre, sagte er, man intrigiere von neuem gegen ihn. Er möchte sich die Beschämung ersparen, daß man ein zweites Mal seine Papiere durchschnüffle. Er bitte darum wiederholt, submissest und dringlich um seine Entlassung.
„Hör, Jud!“ sagte Karl Alexander, „du hast mir im Oktober einen Stein verkauft um was mehr als fünftausend Dukaten. Was ist der Stein wert?“
„Heut keine fünfhundert,“ sagte der Jude. Und das Aug in dem des Herzogs, mit einem frechen, fatalen Lächeln fügte er hinzu: „Ja, solche Steine haben Liebhaberpreise und ihr Wert wechselt.“
„Es ist gut,“ sagte Karl Alexander. Dann schwiegen beide. Der Herzog läutete und befahl sogleich den Hofkanzler Scheffer, prestissimo. Es vergingen aber zwanzig Minuten, bis der Kanzler kam, und während dieser zwanzig Minuten sprachen die beiden Männer kein Wort. Sie dachten auch nicht einer des andern. Es war ein tiefes, wunderliches, erfülltes Schweigen in dem hellen, weiten, prunkenden Raum. Bilder und Träume kamen und gingen vom Herzog zu Süß, von Süß zu dem Herzog. Die knarrende Stimme des Magus war in diesen Träumen, und das tote Kind war darin, die Finger gestreckt im Zeichen des Schin.
Endlich kam Herr von Scheffer. Er zählte jetzt zu den Feinden des Süß, er schwitzte, da er den Juden sah, vermutete, der Herzog wolle ihn dem Juden gegenüberstellen, und er werde gegen den teufelsgewandten Mann einen schweren Stand haben.
Allein es ging anders. Der Herzog, kaum daß der Kanzler eingetreten war, nahm Haltung an und sagte streng, militärisch, eiskalt, befehlsmäßig zu dem betroffenen Minister: „Der gegenwärtige Herr Finanzdirektor klagt über Verleumdung seiner Geschäftsführung und postuliert seine Entlassung. In Ansehung seiner zu Unserm völligen, gnädigen Vergnügen geleisteten Dienste wünschen Wir, daß alles geschehe, ihn zu halten. Wollen Sie also, Exzellenz, sogleich eine Urkunde aufsetzen, eine Legitimationsurkunde oder Absolutorium oder wie Sie es benennen wollen, ein herzogliche Gesetzes-Ordre, die den Herrn Finanzdirektor für alle seine Handlungen, die vergangenen wie die zukünftigen, außer alle Verantwortung setzt. Von niemand, mag er sein, wer er will, soll er können wegen seines Tuns zur Rechenschaft gezogen werden. Wollen Sie dieses Schriftstück sogleich in aller Form aufsetzen und Uns zur Unterschrift vorlegen, daß es kann im nächsten Wochenamtsblatt publiziert werden. Wir warten.“
Die Stimme Karl Alexanders, während er dies sprach, klang so eisig gemessen, daß der erschreckte Kanzler keine Einrede wagte. Nicht der Herzog, nicht der Jude sprach ein einziges Wort, während Scheffer die Urkunde konzipierte. Wortlos auch unterzeichnete Karl Alexander. Herrschte dann, kaum noch an sich haltend, den Kanzler an: „In das Amtsblatt den Wisch!“ Zitternd retirierte der Minister.
Süß dankte mit den servilsten, devotesten Bezeugungen für die enorme, unverdiente Gnade und das extraordinäre Vertrauen. Doch seine Augen waren nicht dankbar, sie waren dreist und fordernd und höhnisch. Stumm und feindselig maßen sich die beiden Männer, und Karl Alexander erkannte, daß er sich nicht losgekauft hatte.
„Geh, Jud!“ schrie er endlich, tobend. Und Süß ging. Doch nicht wie der Kanzler. Langsam ging er und erhobenen Hauptes und mit einem tiefen, machtbewußten, bösen Lächeln.
Der Herzog aber, allein, schäumte, raste. Riß, zerrte, scheuerte sich wund an der unsichtbaren, unzerreißbaren, grauenhaften Bindung von ihm zu jenem.
Der semmelblonde Expeditionsrat Götz, der jetzt, auffällig jung, als Kammer-Prokurator in die Geheimkanzlei avanciert war, sah mit Unbehagen die galanten Bemühungen des Herzogs um seine Mutter, die Geheimrätin Johanna Ulrike Götz, und seine Schwester, die Demoiselle Elisabeth Salomea. Er wußte nicht recht, wie er sich verhalten solle. Einesteils war es ehrenvoll, wenn der Souverain einer Dame seinen Hof machte, und es war Pflicht der Untertanin, dem gottgewollten Herrn mit Leib und Seele zu gehören; auch für seine Karriere konnte solche Neigung des Souverains nur gewinnbringend sein. Andernteils führte der Weg vom Herzog und zum Herzog immer wieder über den fatalen Juden; ja, er hatte den Eindruck, Elisabeth Salomea sehe den Juden fast lieber als den Herzog. Und wenn auch Süß durch seine Stellung bei Hofe vom üblichen Gestank des Juden gewissermaßen purifiziert war, so blieb es doch eine peinliche Imagination, sich Schwester und Mutter in näherer Relation zu besagtem Juden zu denken. Der Expeditionsrat hätte auch vielleicht seinem inneren Widerstreit ein kurzes Ende gemacht, den Abschied genommen, sich mit Mutter und Schwester auf sein Landgut bei Heilbronn zurückgezogen. Doch die Affäre mit der Napolitanerin und die Erkrankung Karl Alexanders hatte ihn tief verwirrt, er sah sich seinem Fürsten in schwerer Schuld verstrickt, und sein Gewissen erlaubte ihm nicht diesen Ausweg. Stumm und in unklarer Not ließ er die Dinge laufen.
Sie gingen aber zunächst stockend und schwerfällig. Süß zog immer wieder die Bremse an und ließ den Herzog nicht vorwärtskommen. Der spielte wohl manchmal mit dem Plan, auch diesmal wie so oft die Frucht mit Gewalt zu pflücken; aber er wollte sich vor dem Juden brüsten, daß er mit den bloßen Waffen der Galanterie sich könne den Eingang in den versperrten Schoß erzwingen. So wartete er zu; doch fachte das lange Warten seine Brunst immer höher.
Er schickte den Damen, abwechselnd der Mutter und der Tochter, schöne Geschenke. Der Schwarzbraune brachte sie, der Mameluck, der immer schwieg, so daß man ihn im Volk für stumm hielt. Der geschmeidige, dunkelglänzende Mensch gefiel den Frauen, er sah so fern und melancholisch und tierhaft aus, er hatte bei den Mägden im Schloß und auch viel höher hinauf große Erfolge. Die süßen, blonden, zarten Damen Götz reizten ihn sehr; stumm, wenn er die Geschenke überbrachte, fraß er an ihrer pastellfarbenen Lieblichkeit mit seinen tiefen, wüstentraurigen Augen. Aber die Demoiselle Elisabeth Salomea, wie sie seine dringlichen und ungebührlichen Blicke gewahrte, lachte ihm nur hell und backfischhaft empfindungslos ins Gesicht.
Süß hielt die zwei Frauen fest an der Schnur. Sie waren beide töricht und maßlos in ihn verliebt, ohne daß sie aufeinander eifersüchtig gewesen wären. Sie steigerten sich vielmehr gegenseitig in der Bewunderung seiner mannigfachen Gaben. Während die Mutter sein Genie pries, sie hatte längst erkannt, daß er im Herzogtum regierte und nicht Karl Alexander, und während sie ihn rühmte, wie er so gewaltig, furchtbar und gefürchtet und doch liebenswert sei, fand die Tochter ihn männlich, kraftvoll und gleichwohl nicht plump und grobmäulig. Wie anders war er als der ungebärdige Michael Koppenhöfer, wie anders aber auch als die lauten, brutalen Offiziers. Und aneinanderlehnend, gleich Schwestern, himmelten sie von ihm, kosteten sie es aus, wie die beiden ersten Männer des Landes, der Herzog und der Jud, sie hofierten, während der Expeditionsrat unbehaglich schwieg.
Süß hätte wohl die beiden Frauen vor dem Herzog haben können. Doch er lächelte dunkel, wenn er es dachte; er tat, als seien sie zu hoch für seine Berührung, bemerkte ihr Entgegenkommen nicht, begnügte sich, sie so zu leiten, daß sie den Herzog nicht ans Ziel ließen.
Es begab sich aber um diese Zeit, daß ein holländischer Juwelenhändler einen besonders kostbaren Stein feilbot, das Auge des Paradieses genannt. Er stammte aus Indien, ein englischer Abenteurer hatte ihn von dort mitgebracht, er war wohl auf nicht ganz saubere Manier erworben. Wie immer, das Auge des Paradieses war der schönste und reinste Stein seiner Art in Europa. Der Großwesir wollte einen ungeheuren Preis dafür zahlen; bevor aber der Schatz wieder ins Morgenland entschwand, fragte der Amsterdamer Händler bei den großen Herren der Christenheit an, ob keiner den Preis des Heiden überbiete.
Wie nun die Damen Götz gelegentlich die Geschenke Karl Alexanders rühmten, sprach Süß vom Auge des Paradieses, und daß der Stein jetzt feil sei. Wer einer Dame ein solches Geschenk präsentiere, der erweise, daß er sie wirklich liebe; wer einen solchen Preis biete, an den sei keiner Dame Gunst verschleudert.
Es geschah, wie Süß es gewollt. Kitzelnd redete und leichthin die Demoiselle Elisabeth Salomea dem Herzog vom Aug des Paradieses. Karl Alexander sprach mit dem Dom Bartelemi Pancorbo über den Stein, und was er kosten könne. Ei, das sei wohl ein Demant und große Köstlichkeit, sagte mit seiner moderigen Stimme der Portugiese und streckte begehrlich den dürren Hals aus der riesigen Krause. Doch was er koste! Und er nannte den Preis, den der Großwesir geboten. Fünf Herrschaften hätte man und die zugehörigen Dörfer dafür kaufen können. Karl Alexander stutzte, wie er die ungeheure Summe hörte, und gab den Auftrag nicht.
Er ahnte, er wußte sehr wohl, wer in dem zarten, blonden Kopf die begehrliche Laune angezündet hatte. Aber er war kein Narr, daß er das gewaltige Geld – was konnte man Land und Soldaten darum kaufen! – hinwarf für ein Weib, das er schließlich ohne weiteres hätte aufs Bett schmeißen können; und durfte keiner ihn drum schelten nach dem, was er Zeit, Galanterie und Präsenter an die Weiber gehängt hatte. Allein jetzt wird der Jud ihn für einen Filz und Knauser ästimieren. Wird auf seine undurchdringliche, glatte, hundsföttische Manier den Weibern solche Mucken in den Kopf setzen, daß er vor ihnen steht als ein Filz und Harpagon. Auch seine Geilheit stieg hoch. Gift und Opperment! Kann eine Frau einem solchen mit Lust den Willen tun, der so als dreckiger Knauser vor ihr steht? Er ließ Dom Bartelemi rufen, gab dem Aufblühenden Ordre, den Stein zu erwerben.
Allein das Aug des Paradieses war, als Pancorbo eilends und giervoll zu dem Händler kam, verkauft. An wen? Der Händler wußte es nicht. Ein Mittelsmann hatte, ohne zu feilschen, den Preis des Großwesirs unwahrscheinlich hoch überboten.
„Um so besser!“ schmunzelte der Herzog, erzählte den Damen Götz die Sache, bedauerte, daß er ihnen die Freude nicht habe machen können.
Zwei Tage darauf schenkte Süß der Demoiselle Elisabeth Salomea das Auge des Paradieses. Es war ein aus der Maßen kostbares Präsent, im ganzen westlichen Deutschland sprach man davon, der junge Expeditionsrat Götz wußte durchaus nicht, was er anfangen solle.
Ungerufen erschien Süß vor dem finstern Herzog. Auf die Art, wie es Karl Alexander zu tun pflegte, rühmte er frech, schmalzig, umständlich und sehr ins Detail die angenehmen Eigenschaften der Demoiselle.
Die Faust erhoben, stapfte der wütige Karl Alexander massig und bedrohlich auf den Juden zu. Der stand und rührte sich nicht und schaute ihn an.
Doch Karl Alexander hielt ein. Schnaufte röchelnd. „Wir sind quitt, Jud!“ sagte er endlich heiser.
Aber der Jude schwieg. Und der Herzog wußte, daß er nicht erlöst war.
Unterdes hatte man in der Hofburg des Fürstbischofs von Würzburg einen besonders feinen, kniffligen Plan ausgetiftelt. Nach dem Muster der Regierung der österreichischen Niederlande sollte Württemberg eingeteilt werden in zwölf militärische Obervogteien. Jedem Obervogt sollte ein Regiment Soldaten zugeordnet, die Beamten ihm unmittelbar unterstellt sein. Das bedeutete die rein militärische Verwaltung des Landes, die Legalisierung der Militärautokratie.
Um das Parlament vollends lahmzulegen, war ein Dekret vorbereitet, das jeder Sitzung des Elfer-Ausschusses einen vom Herzog bestimmten Geheimrat beiordnete. Dieser Beamte sollte die herzoglichen Anträge begründen, zugleich aber auch acht haben auf diejenigen, welche sich gegen die Vorlagen aussprächen; sei ihre Meinung die bessere, so werde man sie annehmen, geschehe aber die Opposition aus purer Böswilligkeit und Widerspruchsgeist, so werde man eben ein Stück oder mehrere auf die Festung setzen.
Unter Vertilgung von zahllosen Schalen Kaffee arbeitete der unscheinbare Geheimrat Fichtel, assistiert von dem Konsistorialpräsidenten eine umständliche, höllisch schlaue Deduktion aus, die vor Kaiser, Reichstag und Corpus Evangelicorum diese Willkürmaßnahmen rechtfertigen sollte. Mit treuherziger Biederkeit war die Verfassung ins Gegenteil kommentiert, mit feinster advokatischer Kunst war vor allem das Argument ausgespielt, bei den zwischen Herrn und Landschaft errichteten alten Verträgen sei wohl zu beachten, in was für Zeiten solche gemacht worden; mit dem, was vor Jahren gut gewesen, sei in heutigen Tagen nicht mehr hinauszugelangen.
Tausend Hände arbeiteten geschäftig ineinander. Papst und Kaiser gaben wohlwollend ermunternde Winke, und jene alten, nebelhaften Abmachungen, die Karl Alexander bei Regierungsantritt mit den Wiener Räten getroffen hatte, wonach er den Kaiser im Franzosenkrieg, der Kaiser ihn bei Wahrung seiner Souveränität mit Truppen solle unterstützen müssen, gewannen plötzlich einen für die württembergische Verfassungspartei sehr bedrohlichen Sinn. Der alte Fürst Thurn und Taxis reiste in den österreichischen Niederlanden und gab von dort Direktiven für die Stuttgarter Verwaltungsreform. Die militärische Organisation besorgte straff und grob Remchingen, die finanzielle Süß, die diplomatische Fichtel, die Aushöhlung und Zermürbung des Parlaments Weißensee.
Karl Alexander arbeitete rastlos, fieberig. Hielt Konferenzen, schrieb selber zahllose Briefe, visitierte die Truppen. Er stürzte sich in das katholische Projekt wie in ein heilendes Bad. Kein Aderlaß hatte ihm, keine Schröpfkur der Doktoren Breyer und Seeger ihm geholfen, wenn der dumpfe Zorn über den Juden ihm das Blut dick und schwer zu Kopfe steigen machte. Jetzt hatte er ein vages Gefühl, es könne ihn das katholische Projekt frei und los machen.
Der Herzog war keineswegs fromm. Es war weiß Gott nicht die himmlische Maria gewesen, um derentwillen er sich zur römischen Kirche bekannt hatte, sondern Marie Auguste von Thurn und Taxis und ein Sack voll Dukaten. Aber er war auch trotz gelegentlicher freigeistiger Scherze nicht geneigt zu einem prinzipiellen und bedingungslosen à la mode-Atheismus. Er fühlte sich in den Riten der Kirche sehr behaglich, einem Soldaten und großen Herrn stand aus mancherlei Gründen diese Religion viel schöner an, insonderheit paßte der prunkvolle Glaube viel besser zu den reichen und prächtigen Uniformen, die er liebte. Auch war es bequem, dem milden und behäbigen Pater Kaspar zuweilen zu beichten, obzwar man seine heimlichsten und sündigsten Gedanken einem andern schwerlich sagen, ja für sich selber kaum ein zweites Mal recht packen konnte.
Jetzt wurde sein lässiger Glaube ernsthaft, gewann Kern. War früher sein Religionsbekenntnis nichts gewesen als politisches Mittel, als praktische Vorbedingung einer von Kaiser und Rom unterstützten schwäbischen Militärautokratie oder bestenfalls Dekoration, so begann sich ihm der erstrebte Absolutismus jetzt allmählich mystisch zu vernebeln. Er sah sich im Dienst einer großen, göttlichen Idee; die Macht, um die er rang, war etwas Heiliges, der Kampf um sie Gottesdienst. Er wurde zur Freude Pater Kaspars und der befreundeten geistlichen Fürsten sichtlich frömmer und strenger in der Befolgung der Bräuche.
Es war aber dies, daß er, ohne es sich zu gestehen, in solchem Gottesdienst eine Sühnung sah für seine seltsame, haßvolle, unzerstörbare Neigung zu dem Juden. Mit verschmitzter, von den Jesuiten erlernter Rabulistik machte er sich vor, er habe den Juden aus politischen Gründen nötig, nur darum toleriere er seine aufreizende Gegenwart. Sowie er aber am Ziel sei, werde er den Kujon am Kopf packen und auf die Festung setzen. Manchmal wieder sagte er sich, erreiche er den Triumph der Kirche in Schwaben, dann werde Gott ihn sicherlich belohnen und ihn lösen aus der peinvollen Bindung mit dem Juden.
Oh, er hätte nicht sollen des jüdischen Magus Orakel anrufen und annehmen. Er hatte das zweite angenommen, nun brannte ihn jenes: „Das erste sage ich Euch nicht.“ Er schrieb dringlich an seinen Freund, den Fürstabt von Einsiedeln in der Schweiz, daß der, selber ein großer Astrolog, ihm einen katholischen Stern- und Zeichendeuter schicke. Bald auch traf ein solcher Magus ein. Er war sehr anders als der Kabbalist. Der hatte in Tracht und Gewese nichts Ungewöhnliches gehabt und doch war jedem, der ihn sah, fremd und unbehaglich zumut geworden. Der Magus des Fürstabts aber rückte an mit allem Prunk und Gerät des professionellen Schwarzkünstlers. Er brachte Gestelle, Dreiecke, Fernrohre, Kolben, zauberische Hufeisen mit, verlangte ein einsames Turmzimmer, stieg nächtlich in vielfigurigem Hemd auf das Dach des Schlosses unter seltsamen Beschwörungen, ließ Erde vom Gottesacker holen, sammelte Fensterschweiß bei zunehmendem Mond, brannte Espen zu Kohlen und trieb dergleichen wunderliche Hantierung mehr. Oft auch klang um Mitternacht wildes Getöse aus seinem Zimmer, und den trotz aller Bangnis neugierig lauschenden Lakaien war es, als brause schellenklingelnd mit dickem Rollgeschirr ein Pferd durchs Fenster. Der Astrolog versprach dem Herzog, ihm für sein vorhabendes Unternehmen den sternrechten Tag, ja die Stunde aufs genaueste anzugeben. Der Herzog verhehlte sich nicht, daß der Mensch mit all seinem Zauber ihm weniger Eindruck und Zutrauen gab als mit seiner stillen, unauffälligen Gegenwart der Kabbalist; und als Süß ihm, den Astrologen geradezu ins Gesicht höhnend, auf eine Kanone wies: „Herr Herzog, dies sind die besten Stern- und Zeichendeuter,“ lachte er schallend mit. Dennoch fühlte er, nun er den christlichen Weisen berufen, sein Gewissen ruhiger; übrigens war aus dem jüdischen Hexer ohnedies nichts mehr herauszukriegen.
Karl Alexander hatte, trotzdem Süß ihm vorgeschmaust, der Lockung nicht widerstehen können, nun auch seinerseits die Damen Götz zu probieren, die der Jude mit lässigem Hohn ihm zuspielte. Allein er hatte, wohl auch in Gedanken an jenen, nicht den erhofften Genuß. Immer wütiger sich in das katholische Projekt verbeißend, hatte er dann die Damen bald ganz vernachlässigt. Da saßen jetzt die Gedemütigten; sie konnten auf ihren zarten Pastellgesichtern den Kummer nicht verstecken, insonderheit die Mutter alterte zusehends. Der Expeditionsrat knirschte vor sich hin jenen Vers aus der Komödie, darin er die Napolitanerin kennengelernt: „Die Schönheit, die uns lockt, ist Huld und süßes Wunder; die Schönheit, die gekost’t, ist wüster Dreck und Plunder,“ und er wußte nicht, wie er sich verhalten solle. Er schäumte, er dachte jetzt ernstlich daran, sich auf sein Gut bei Heilbronn zurückzuziehen, und selbst als er avancierte, knurrte sein Zorn noch leise nach.
Am meisten aber grämte das Leid der blonden, lieblichen Damen den Schwarzbraunen, Otman, den Mamelucken. Er war wie immer vor der Schwelle gelegen in jener Nacht, da Johanna Ulrike, und in jener schlimmeren, da Elisabeth Salomea zu dem Herzog gekommen war. Er hatte nicht geschlafen in jener zweiten Nacht, er hatte, vor der Schwelle kauernd, scharfhörig auf jeden leisesten Laut gelauscht, und als Elisabeth Salomea das Schloß verließ, verwandelte sich im Rücken des sie geleitenden, lärmenden Herzogs plötzlich sein verschlossenes Gesicht, und er starrte Karl Alexander mit so wildem, tierhaftem Haß nach, daß der in unwillkürlicher Abwehr den Rücken rundete.
Der Schwarzbraune wußte sehr gut alle Zusammenhänge. Er wußte, von wem Elisabeth Salomea das Aug des Paradieses hatte, und er wußte, was dieser Besitz bedeutete. Wunderlicherweise haßte er nicht den Süß darum; ja, er spürte eine sonderbare Genugtuung, daß der und nicht ein Christ sie zuerst gehabt hatte. Um so tiefer war sein fressender Haß gegen Karl Alexander.
Der Herzog hielt seinen Mamelucken wie einen guten Hund. Er glaubte wohl auch, der Schwarzbraune verstehe von seinen Affären nicht mehr als ein Tier, und hatte nichts Heimliches vor ihm. Wo Karl Alexander war, stand, saß, lehnte, hockte, kauerte, lag in einer Ecke Otman; des Nachts sogar lag er in einem Winkel des Schlafzimmers oder vor der Tür. Er war aber ein viel besserer Kombinierer, als der Herzog ahnte, er hatte Aug und Ohr gut auf und konnte sich auch Abliegendes sehr wohl zusammenreimen. Auf seine verschlossene, lautlose Manier erschien er jetzt zuweilen bei Süß, auf seine verschlossene, stille Manier, lässig, breitete er ihm diese und jene Heimlichkeit des Fürsten hin, die der Jude nicht wissen konnte und sollte. Und dann schauten die beiden Männer sich an, die fliegenden, jetzt minder gewölbten Augen des einen gingen in die stillen, tierhaften des andern, und in beider Augen war das gleiche, wilde, zähe Hassen.
Einige stillere Tage nutzte Süß, nach Hirsau zu fahren. Das weiße Haus lag jetzt ganz schweigsam. Rabbi Gabriel sprach kein Wort; die Männer begrüßten sich, sonst sahen sie sich nicht. Endlich, nach Tagen, zwang es dem Rabbi den Mund auf: „Ich sehe unter Fleisch und Knochen dein Gesicht, Josef.“
„Bin ich anders geworden?“ fragte Süß. Und, grimmiger, setzte er hinzu: „Jetzt seh ich wohl in Wahrheit aus wie ein rechter Jud. Oder bin ich noch immer meines Vaters Sohn?“
„Leid kratzt die Tünche vom Gesicht,“ sagte Rabbi Gabriel. „Du hast ein zerlittenes Gesicht, du hast ein jüdisches Gesicht. Dein Weg ist falsch, Josef,“ sagte er nach einer Weile noch, „du wirst ihn müssen zurückgehen.“ Aber Süß schwieg und änderte keinen Zug, und man konnte nicht erkennen, ob er gehört hatte. Von dem Kind sprachen sie nicht.
Süß ging durch die feierlich fröhlichen Blumenterrassen, die das Kind geliebt hatte, er starrte auf die Bilder des Kabbalistischen Baums und des Himmlischen Menschen, mit denen sie ihre Augen erfüllt hatte, er starrte auf die Seiten mit den großen, blockigen Buchstaben des Hohen Lieds, das sie vor den anderen Büchern der Bibel geliebt hatte. Aber die süßen und lieblichen Worte läuteten ihm nicht ihr holdes Gekling, eine heiße, wilde Mahnung fauchte ihn an daraus, er konnte die Seiten nicht länger anschauen.
Unvermutet, im Wald, traf er den Kirchenratspräsidenten. Weißensee hatte sich wieder zu seinem Bibelkommentar zurückgezogen, schlurfte herum in seinen geräumigen Stuben mit den weißen Vorhängen, führte nachdenklich Konversation mit dem Magister Schober. Jetzt bat er den Süß, seine Begleitung zu erlauben. Da der Jude nicht antwortete, nahm er es für Zustimmung, schloß sich ihm an. Langsam, behutsam, wortkarg ging er mit ihm durch den sonngesprenkelten Wald, folgte ihm, da er es nicht wehrte, durch die Terrassen in das weiße Haus. Saß mit ihm, stumm, in sonderbarer Befangenheit, in dem Zimmer mit den magischen Figuren. Nach einer Weile gesellte sich auch Rabbi Gabriel zu. Da hockten die drei Männer, rundrückig, schwersinnig, müde. Sie sahen, daß sie alt waren, sie spürten, wie ihnen das Leben aus den Leibern glitt, in die Vergangenheit entrann, Augenblick um Augenblick, sie spürten es deutlich, leibhaft, mit einer wehen Wollust, wie einer, der krank vor Müdigkeit die Glieder streckt, sie spürten einer des andern Druck, und sie spürten sich einer im andern in solcher lüstigen Mattheit.
Andern Tags verabschiedete sich Rabbi Gabriel von Süß. Er war gewillt, nicht mehr in das Land zurückzukehren. Süß war weicher, gelöster als sonst. So sehr er sich gegen den Rabbi aufbäumte, so höhnisch er jene Forderung, seinen Weg zurückzugehen, als weichmütiges Gefasel abtat, er hätte ihn doch gern in seiner Nähe gewußt. Es war auf dem Antlitz des dicken, häßlichen Mannes ein Abglanz des Kindes, Naemis Träume waren hinter seiner breiten, nicht hohen, vorgebauten Stirn mit den eingezackten Furchen des Schin. Wenn er nun fort ist, wird Süß sehr allein sein. Aber dies gestand er sich nicht ein; er machte sich vor, er sei verdrossen nur deshalb, weil er jetzt keinen Zeugen mehr haben wird, wie sein Weg der rechte ist und seine meisterliche Rache das einzige Mittel, ihn wieder mit dem Kinde zu verbinden.
Er stand gespalten vor dem Kabbalisten und sehr bereit, ein milderes Wort zu geben und zu nehmen. Aber der Rabbi war mürrisch und mißlaunig wie sonst. Seine Bücher und das kabbalistische Gerät war fast alles schon weggebracht. Mit seiner knarrenden Stimme gab er dem alten Diener noch die und jene kurze Weisung. Dann, nach Osten gerichtet, nach Zion, sprach er das Gebet vor Antritt einer großen Reise, je dreimal in drei Wendungen das Bekenntnis zum Vertrauen auf die Hilfe Jahves. Richtete nochmals die trübgrauen Steinaugen auf Süß, knarrte ihm kurz und mißtönig den letzten Gruß: „Friede mit dir.“ Dann ging er, gefolgt von Jantje, der dicken, watschelnden Zofe, die er in ihre Heimat bringen wollte. Süß sah seinen breiten, gedrungenen, leicht runden Rücken in der altfränkischen Tracht zwischen den Blumenterrassen, dann im Wald verschwinden. Ganz leise hatte er gewünscht, der Rabbi möchte sich noch einmal wenden. Doch mit seinem so schwerfälligen wie steten und unbeirrbaren Schritt stapfte er geradeaus und fort.
Wenige Tage später verließen auch Süß und der alte Diener das weiße Haus. Nun lag der kleine, fremdartige Bau ganz ohne Laut in besonnter Einsamkeit. Die Räume standen schmerzhaft kahl, die weißen Fensterläden waren abweisend und gespenstisch zugenagelt, die festlich heiteren Blumen verdarben und niemand erneute sie. Geraun erhob sich um das verlassene, seltsame, hochmütige Gebäu; kindisch blutrünstige Phantastereien wurden darum gewoben, drangen bis in die Hauptstadt. Im Wirtshaus zum Blauen Bock flüsterte der Konditor Benz, die Schweinsäuglein weit und bedeutsam aufgerissen, den übergrausten Gästen das neueste Geheimnis zu: in einem Wald habe die hebräische Hexelenz eine versteckte Zauberwerkstatt. Aus dem Blut von christlichen Jungfrauen, die er unter Martern gebunden vom Dach stürze, daß sie sich unten an eisernen Blumen aufspießten, koche er einen Teufelssud, sich die Sympathie des Herzogs immer neu zu gewinnen. Satanas gehe in dem Hexenschloß ein und aus in Gestalt eines fetten Mannes mit Schwanz und Horn und Pferdefuß.
Die Zofe Jantje hatte eine Katze gehabt, ein schwarzgraues, altes, unedles Tier. Rabbi Gabriel hatte die Katze nicht leiden mögen, und Jantje wagte nicht, sie auf die weite Reise mitzunehmen. Nachdenkend, bei wem das Tier am besten gewartet sei, kam sie auf den Magister Jaakob Polykarp Schober. Der Magister war, sooft es anging, an Naemis Weg gestanden, hatte fromme, ehrerbietige Worte zu ihr gesprochen, hatte auch etliche zaghafte Versuche gemacht, sie zu seinem sauberen, tiefsinnigen Glauben zu erwecken; vor allem hatte er sie durch inbrünstige Rezitation seiner Verse zu retten versucht. Als sie aber solche Bemühungen brennend und empört zurückwies, hatte er abgelassen und sich begnügt, sein Herz in Züchten an ihrem englischen Anblick zu erfreuen. Wie sie dann so plötzlich weggerafft war, ging der pausbäckige Mann tagelang in tiefster, schmerzhaftester Beklommenheit herum, fahl, die Kinderaugen vogelhaft verstört, angefüllt von innerem Vorwurf, daß er sie nicht mit mehr Eifer aus dem falschen, giftigen Fluß ihres Lebens in das gute Meer Gott hineingesteuert habe. Er war dann am Weg gestanden, als der kleine Sarg aus dem weißen Haus getragen wurde, mit einem Kranz einfacher Blumen, und er war in der Seele betrübt, als die vier finsteren Männer, die den Sarg trugen und die ausschauten wie dunkle und falsche Propheten, seine freundwillige Gabe nicht nahmen. Verdüstert ging er nach Hause, nahm Kiel und Papier zur Hand und schrieb eine gereimte „Totenklage, auch Nänie genannt, für die abgelebte Demoiselle Naemi Süßin, Jüdin, doch ehrbar“, ein Poem, welches anhub mit den Versen: „Itzt hat der harte Tod, so vielen Uebels Quelle, / Hinabgerafft auch dich, ebräische Demoiselle.“ Dieses Poem rezitierte er dann der Zofe Jantje, wobei ihm wie ihr dicke, bittere Tränen kamen.
Dem gutmütigen, redlichen Menschen also anvertraute die Zofe ihre schwarzgraue Katze, und er empfing sie gern und mit freundlichen Vorsätzen. Bei diesem Anlaß sah Süß den Magister. Der Jude ging jetzt, wenige Tage, bevor das Haus mit den Blumenterrassen verlassen wurde, um für immer in weiße Stille und Vergessenheit zu versinken, in großer Unrast und Getriebenheit herum. Stand zwischen den Tulpen, vor der Wand, in die der Himmlische Mensch, der Kabbalistische Baum gezeichnet war. Wie er den Magister sah, winkte er ihn herrisch her, tat ihm einige rauhe und hochmütige Fragen. Jaakob Polykarp Schober, der vor jeder Freundlichkeit schüchtern und sanft war, sah in dem heftigen und finstern Gewese des Juden eine Prüfung und Versuchung, vor der er seine angeborene Feigheit sogleich in die letzten Winkel zurückschickte. Der pausbäckige Mann richtete sich also herzklopfend, schnaufend und streitbar hoch und rüstete sich, die Katze im Arm, den Satanas Finanzdirektor mit der scharfen, guten Waffe seiner Gläubigkeit zu bestehen und ihn auf den rechten Weg zu zwingen. Süß, der durch Magdalen Sibylle von dem Magister wußte, auch über seine Zusammenkünfte mit Naemi unterrichtet war, hörte ihn eine Weile schweigend an, doch nicht ironisch wie sonst wohl, sondern eher nachdenklich, so daß jener schon zu hoffen begann und seinen Eifer verstärkte, wodurch ihm, infolge der heftigeren Armbewegungen, die Katze entlief. Während er, ohne seine eifernde Rede zu unterbrechen, des Tieres wieder habhaft zu werden suchte, schien der Finanzdirektor zu einem Entschluß gekommen, er winkte unversehens, doch milde, dem Magister ab, sprach von anderem. Ohne Mühe machte er den jungen Menschen zutraulich, lockerte ihn auf. So bekam er bald etliches von den privaten Umständen und Wünschen des Magisters zu hören, auch von der unbilligerweise verweigerten Bibliothekarstelle.
Er zeigte sich zur Verwunderung Schobers durchaus nicht als der wütige Holofernes, als welcher er allenthalben verschrien war. Geduldig ließ er den weit Ausholenden zu Ende reden, bekundete Interesse für seine Verse, sicherte, nachdem Weißensee sich für die Poemata ausgesprochen habe, dem Beglückten die Drucklegung mit aller Bestimmtheit zu. Die Bibliothekarstelle, schloß er, sei zwar definitiv vergeben, aber vielleicht gebe es dafür Ausweg und Ersatz. Schon andern Tages ließ er Schober wiederkommen und schlug ihm vor, als Sekretär in seine Dienste zu treten; not sei dabei Redlichkeit und Rhetorik, was beides ja der Magister in illustrem Grade besitze. Jaakob Polykarp Schober sah sich so auf eine herrliche, gottgefügte Art in die Hauptstadt und den Dunstkreis der Schwester Magdalen Sibylle kommen, sah sich in der Stuttgarter Brüdergemeinde, bei der heiligen Beata Sturmin, dem guten, freundhaften Immanuel Rieger. Er sah die Möglichkeit, dringlich und fromm dem Juden, ja vielleicht dem verirrten Herzog zuzusprechen; er hörte alle Engel im Himmel singen und sagte strahlend ja. Suchte dann die Katze, die er gestern in seiner seligen Verblüffung vergessen hatte, und trug sorgsam das schwarzgraue, unschöne Tier auf seinem Arm nach Hause.
In Stuttgart aber, in dem prunkenden Haus in der Seestraße, war nichts von der erhofften Seligkeit, sondern nur Druck und Wirrung. Magdalen Sibylle zwar fand er frei von jeder Hoffart, und war alles böser Schwatz gewesen, womit man vermeint hatte, sie zu verleumden und zu schwärzen; aber es war auch nichts mehr da von jener heiligen und beglückenden Heimlichkeit, von jenem strahlenden Anderssein, das früher um sie gewesen war und ihn hochgetragen hatte. Sein Gefühl blühte nicht mehr in ihrer Gegenwart, es blieb kahl, dies engte ihn und verwirrte ihn. War sie doch so untadelig, bieder, brav, fromm. Daß seine Ernüchterung gerade daraus kam, gestand er sich nicht ein.
Nie geahnte Qual und Wirrung aber brachte ihm seine Tätigkeit bei Süß. Er hatte reichlich Muße; denn es waren außer ihm und Nicklas Pfäffle noch zwei Sekretäre da für die weitläufige Privatkorrespondenz des Finanzdirektors. Süß befahl ihn also nur sehr spärlich zu sich. Dann aber diktierte er ihm Schriftstücke allergefährlichsten Inhalts, so beschaffene, daß sie auch dem Arglosesten die ganzen schwarzen Pläne zum Verderb evangelischer und parlamentarischer Freiheit nackt dartun mußten. Akten, von denen jede Zeile den Herzog und den Finanzdirektor schwer kompromittierten, Dokumente, die dem Magister die heimlichsten, wichtigsten, schlüsselhaftesten Details des katholischen Projekts in die Hand gaben.
Taumelig drehte und wirbelte es dem unseligen Jaakob Polykarp Schober das ganze Innere. Süß diktierte seine schwarzen, ruchlosen Heimlichkeiten mit glatter, unbewegter Stirn und Stimme; er mußte unbegrenztes Vertrauen in seinen Sekretär setzen. Schober war bei ihm in Amt und Pflicht. Sollte er nun hingehen, wortbrüchig sein, seine Wissenschaft verraten, das Vertrauen des Juden kalt beschwindeln? Es war freilich nur ein Jud: aber hatte dann nicht jeder Lump und Hundsfott ein Recht, ihn, den Schober, einen Schurken und zweizüngigen Schuft zu nennen? Wenn er aber hinwiederum schweigend zusah, wie der Glaube und die Freiheit seines Landes arglistig und schmählich zu Tode gedrosselt und viele hunderttausend evangelische Seelen in den Pfuhl und letzten Höllenschlund gestürzt wurden, war er dann nicht noch mehr ein Schelm und Verdammter?
Gezwickt und zerfetzt von allen Hunden des Zweifels war der Magister. Wie erwählt war er sich in Hirsau vorgekommen, als er die dünne Hoffnung hatte, von Gott an den Hebel großen Schicksals und Erlösung gestellt zu werden. Und nun ging sein vermessener, überheblicher Wunsch auf so grausame, zwielichtige Art in Erfüllung, daß er die Hunderttausende der schwäbischen evangelischen Brüder nur durch Preisgabe der eigenen Seele retten konnte. Qualvoll stand er und zitternd wie ein geschorener Hund. Er fiel vom Fett; jähe Hitzen überflogen ihn des Tags, wechselnd mit kaltem Schweiß, des Nachts trieb es ihn schlaflos hoch, daß er aufstand, über die alte, häßliche Katze stolpernd, stöhnend auf und ab lief.
Er ging zur Beata Sturmin, bat sie zu däumeln. Die blinde Heilige schlug auf: „Und die Kinder Israels brachen auf von Rithma und lagerten in Rimon Perez.“ Der Magister dachte lang und scharf nach, was darunter verstanden sei, und erkannte: Rithma war das, was er lassen, Rimon Perez das, was er tun sollte. Aber er brachte nicht heraus, war Rithma der Treubruch gegen den Juden und Rimon Perez die Erlösung der evangelischen Brüder, oder umgekehrt. Und er lebte weiter in Schweiß und Zweifel und arger Not und wog Tag und Nacht das Seelenheil des ganzen Landes in seinen dicken, unwissenden, unentschlossenen Händen.
Kurz und seine Unzufriedenheit kaum verbergend entließ Karl Alexander die Herren, denen er die Leitung des katholischen Projekts anvertraut hatte, aus der geheimen Sitzung. Den Juden hielt er mit ungeduldigem Wink zurück. „Er hat gar nichts gesagt, Jud!“ herrschte er den höflich Abwartenden an.
„Es war nicht wert, daß man antwortete,“ erwiderte Süß und wischte mit einer leichten Schulterbewegung glatt weg, was in der Sitzung geredet war.
Karl Alexander schnaubte leise, hieb mit den Fingerknöcheln die Tischplatte. Gift und Opperment! Es war eine Schweinerei, daß der Jud recht hatte.
Der nahm ihm, schon wieder, die Gedanken aus dem Hirn, formulierte sie. „Die Herren tifteln herum,“ sagte er mit seiner geschmeidigen, höhnischen Stimme. „Messen das Detail, den Spinnwebfaden, haben keinen Blick fürs Ganze. Was wissen denn die!“ Und sein Ton verwies sie in die unterste Region der Dummheit und Unfähigkeit. „Als ob es darauf ankäme, mit fadenscheinigen Advokatenkniffen den Reversalien da ein Komma wegzupraktizieren und dort einen I-Punkt. Was für armselige, schäbige Krämermethoden! Ein Reskript, ein einziges, genügt: Wir, Karl Alexander, Herzog von Württemberg und Teck, nehmen die Rechte, die Uns Gott gegeben und die man Uns gaunerisch, tückisch, rebellantisch abgezwackt hat, wieder an Uns. Wir sind von heut an in Wahrheit der Herr des Landes. Wir sind Württemberg! Aber davor zucken die Herren feig und lahmarschig zurück. Das verstehen sie nicht, da schütteln sie die Köpfe und haben Bedenken und Zungenschnalz und Oh und Ach und Aber. Der Gedanke ist ihnen zu einfach, zu groß, zu fürstlich, zu königlich.“
Karl Alexander bei allem dumpfen Zorn, den er gegen den Juden nährte, spürte wieder, daß nur der ihn verstand, daß nur der wußte, worauf es ankam. Mit einer widerwilligen, ingrimmigen Bewunderung sagte er sich, daß er nur durch ihn, mit ihm das katholische Projekt wird zu Ende führen können. Was Süß in seine kräftigen, unheimlich gewandten Hände nahm, das knetete er wie durch Zauber rund und fügsam. Vor seinem fanatisch schwelenden Feuer ward all die brave und gewissenhafte Mühe lächerlich, mit der die anderen zappelnd und qualvoll halbe Erfolge zettelten. Was überhaupt wußten denn die anderen? Für sie war das katholische Projekt ein Geschäft, eine Aufgabe, eine lebenswichtige Aufgabe vielleicht. Aber daß es doch in Wahrheit viel mehr war, daß dieser Staatsstreich sein, Karl Alexanders, Leben und Sinn selber war, das wußten doch, spürten doch nur er und der Jude.
Denn so hatte sich ihm langsam das Projekt umgebildet, so hatte es unter dem knetenden, hetzenden Auftrieb des Süß sich ihm ins Blut gebrannt. Erst war es ihm Politik gewesen, Mittel zur Macht, Dekoration, nichts weiter; dann war es Mystik geworden, ersehnte Lösung aus einer Bindung, Religion. Jetzt hatte es sich verwandelt in sein Leben und Blut selber. Er wird jetzt, das ist der Sinn und Krone des Planes, das Land selber werden. Nicht ein Diener oder Fürst des Landes, nicht ein Gesetzgeber oder Feldherr, dies alles ist armseliges Gestümper und Unsinn. Er wird das Land ganz in sich hineinschlingen, wird so in das Land hineinschlüpfen, daß er das Land selber ist. Das Land kann nur atmen, wenn er atmet, schreiten, wenn er schreitet, wenn er stille steht, steht es still. Leibhaft geradezu, körperhaft ward ihm diese Vorstellung. Stuttgart ist sein Herz, der Neckar seine große Schlagader, das schwäbische Gebirg ist seine Brust, der schwäbische Wald sein Haar. Er ist Württemberg, leibhaft, Württemberg nichts als er.
So Großes, süß und bluthaft schwellend Lebendiges konnte nicht mit kleinen, kniffligen Advokatenmitteln ertiftelt werden. Hatte er das gedacht? Hatte der Jude es gesprochen? Jedenfalls fuhr der jetzt fort: „Geniehaft und in Einem muß es gepackt sein. Auf solche Art muß es geschehen, daß das Land eines Morgens aufwacht und einfach in dem Herzog steckt, in seinem gottgewollten Fürsten, nichts ist als des Fürsten Haut und Fleisch und Blut. Nicht kleiner Kampf und Scharmützel und albernes, leidiges Hin und Her zuvor. Nein, selbstverständlich, naturhaft muß es geschehen, wie eine Knospe aufspringt, wenn sie soweit ist.“
Ja, ja, ja! Recht hat der Jud. Unmöglich ist es und unvorstellbar, daß man darum soll streiten und disputieren. Denn dann wäre er ein Hanswurst und alberner Fant und sein Leben Narretei und Gestümper und ein ausgeblasenes Ei. Aber das begriffen sie nicht, die Remchingen und Fichtel und Pancorbo. Sie waren treue Diener, gute Offiziers und gewitzte Diplomaten: doch das Genie, das Lebendige, um so etwas Wundervolles in seiner ganzen heiligen Selbstverständlichkeit zu fassen, das hatten sie nicht. Das hatte – es war verteufelt, es machte einem das Hirn sieden, aber es war nun einmal so – das hatte nur der Jude.
Es wurde nichts Wort von alledem zwischen dem Herzog und Süß. Aber es wellte vom einen zum andern, pulste ungesagt herüber, hinüber. So war es immer gewesen in diesen letzten Wochen. Es war Ein Leben in ihnen, der Jude antwortete wortlos durch die Tat auf wortloses Fragen, Heischen Karl Alexanders, es war, als atmete er die Luft aus, die jener einzog; sie waren Teile Eines Körpers, unlöslich verknüpft.
Immer wilder hatte der Jude die finstere, brünstige Sehnsucht des Fürsten geschürt nach dem Tag, da das Land sich in ihn wandeln solle und nichts mehr sein außer ihm, ihn hineingehetzt in seine Gottähnlichkeit, in seine cäsarisch hemmungslosen Träume, ihm sein ganzes schwelendes, fanatisches Feuer ins Blut gebrannt. Der vergiftete Fürst suchte gierig Bestätigung, neuen, wilderen Antrieb in dem heimlich einverständnisvollen Blick des Juden. Manchmal freilich, auf Augenblicke, tauchte er auf aus seinem Fieber, überlegte dann, wohinaus diese seltsame, hexerische Kumpanei führen solle. Es war unausdenkbar grauenhaft, auf Lebenszeit solchen unheimlichen Mitwisser seines Blutes und seiner vergrabensten Heimlichkeit zu haben. Man wußte selber kaum, was alles Trübes, Giftiges man zu unterst im Herzen trug, man stieß es hinunter, wenn es zutage drängte, gestand es sich selber nicht ein. Ein anderer gar, in den soviel von dem eigenen Dunkeln hinübergewachsen ist, es war nicht zu denken, daß so jemand am Tag ist, am Licht ist, lebt. Jetzt braucht er ihn, das Projekt kann nicht gewirkt werden ohne ihn; nur die heutige Sitzung wieder hat es erwiesen. Aber ist es erst gewirkt, dann wird er ihn stumm machen, vergraben wird er ihn in den tiefsten Kasematten irgendeiner Festung, wie man das Wilde, Verderbliche, Ur-Böse des eigenen Herzens nicht ans Licht läßt.
Er sah hinüber zu dem Juden, mißtrauisch, haßerfüllt. Wußte der nicht schon wieder um diese seine Gedanken? „Setz Er also das Reskript auf, wie Er es für gut hält!“ herrschte er ihn an. Süß neigte sich höflich, beflissen vor dem Atmenden, Erhitzten. Aber in seinen Augen wölkte dunkle, höhnische, wölfische, triumphsichere Erwartung.
Das Land wälzte sich stöhnend, in kaum mehr erträglicher Spannung und Beklommenheit. Es war klar, daß die Katholischen mit ihren Vorbereitungen fast am Ende waren und in allernächster Zeit schon losschlagen würden. Ueberall häufte sich Bedrohliches, das keine bloßen Vermutungen mehr erlaubte, sondern auch dem Sorglosen Gewißheit aufzwang. In der Nähe der Grenzen wurde allerorts fremdes Militär zusammengezogen, bayrisches, würzburgisches. Der Elfer-Ausschuß hatte sichere Nachricht, daß dem Herzog neunzehntausend Mann Hilfsvölker allein von Würzburg zugesagt waren; ihre Vorhut stand bereits in Mergentheim, dem Sitz des Deutschmeisterordens, wartete dort auf Befehl zum Vormarsch. Auch im Land selbst mehrten sich Soldaten, die fremde Dialekte sprachen, bayrische, fränkische. Sie marschierten des Nachts in kleinen Trupps. Die herzoglichen Schlösser und Forts barsten von Truppen. Alle Festungen, Asperg, Neuffen, Urach, Hohentwiel, das starke Schloß Tübingen waren mit den Künsten modernster Strategie instand gesetzt worden; der schlechte Weg auf den Asperg mußte in Tag- und Nachtschichten in der Fron ausgebessert werden. Ein glänzend organisierter Nachrichtendienst durch besondere Kuriere, die Vogtläufer, besorgte die Verbindung zwischen den einzelnen Festungen. Die Pulvermühlen des Landes, vor allem die ausgedehnte Fabrik des Hans Semminger, arbeiteten Tag und Nacht, Schieß- und Zündkraut herzustellen. In endlosen Transporten wurden Kanonen und Munition herbeigeschafft; das Volk, wenn es die geheimnisvollen Wagen sah, behauptete, sie enthielten lauter Rosenkränze für die vorhabende Bekehrung; aber sie bargen andere Kugeln.
Einer jener Vogtläufer, ein gewisser Bilhuber, geriet in der Nähe von Nürtingen ins Geräufe mit Johannes Kraus, dem Sohn des Stuttgarter Stadtmetzgers. Dabei nahm der Bürgerssohn dem Kurier seine Depeschen ab, Schriftstücke, die vom Eintreffen fremder Hilfsvölker handelten und die staatsverräterischen Pläne der Katholischen ins hellste Licht rückten. Der Herzog wollte den Kraus verhaften lassen. Doch der hatte sich schon nach der freien Reichsstadt Reutlingen und ein paar Tage später nach der Reichsstadt Eßlingen geflüchtet, wo sich eine größere Kolonie verfolgter verfassungstreuer Emigranten aus herzoglichem Gebiet gesammelt hatte.
Kraus hatte die kompromittierenden Depeschen dem Bürgermeister von Stuttgart übergeben, der parlamentarische Ausschuß ließ sie vervielfältigen, verbreitete sie im Volk. Dieser Beweis der unmittelbaren Bedrohung des Glaubens stieß auch die Ruhigsten aus ihrem Frieden. Ueberall bildeten sich Konventikel und Geheimbünde zur Erhaltung der Religion, Bürger und Bauer versahen sich insgeheim mit Waffen, die beherzte Zunft der Schuhmacher und Küfer in der Hauptstadt entlehnte sich von den Zunftgenossen der Freistadt Eßlingen Schrot- und Standbüchsen; aus dem Stuttgarter Zeughaus sogar verschwanden mehrmals Waffen in größeren Stapeln auf rätselhafte Art, die friedfertigsten Kleinbürger aber wiesen plötzlich schmunzelnd und mit ängstlichem Stolz ihren Freunden versteckte Gewehre. So hochauf gor es, daß der Herzog seine persönlichen Garden verstärken, den Erbprinzen außer Landes zu seinem Großvater, dem Fürsten von Thurn und Taxis, in die kaiserlichen Niederlande schaffen lassen mußte. Selbstverständlich erwog Karl Alexander unter solchen Umständen eine gewaltsame, methodische Entwaffnung des ganzen Landes; er bereitete ein Edikt vor, das unter dem Vorwand des zunehmenden Wilderns eine solche Entwaffnung anordnete. Aber das Waffentragen gehörte zu den bürgerlichen Grundrechten, war in der Verfassung festgelegt; wollte man Bürgerkrieg vermeiden, so mußte man mit der Veröffentlichung des Edikts bis zur Durchführung des Staatsstreichs warten.
Doch konnte der Herzog wenigstens bei der berittenen Stuttgarter Bürgergarde die Einstellung der Waffenübungen erzwingen. Kommandant dieser stärksten Miliz-Gruppe des Herzogtums war der Major von Röder, jener Offizier aus dem intimsten Freundeskreis Karl Alexanders. Er war guter Protestant und gleichzeitig Remchingens bester Adjutant bei der militärischen Organisation des katholischen Projekts. Der dumpfe, enge Mann fand den geplanten Staatsstreich durchaus in der Ordnung, verstand nicht die Aufregung ringsum, sah überall nur Verhetzung und bösen Willen. Wenn der Herzog mehr Raum für die Katholiken haben wollte, warum denn nicht? Das Land war groß, Platz für Kirchen war da. Verfassung? Parlament? Freiheit? Unsinn. Wichtigmacherei, aufmuckende Pöbelfaulheit, die mehr fressen und weniger arbeiten wollte. Was schrien denn die Burschen? Er war doch, Kreuztürken! ein guter Protestant, und hatte ihn doch noch nie jemand im geringsten gehindert. Konnte jedermann in die Kirche gehen, wann und wie es ihm beliebte, und die Herren Ueberschläge – so nannte er die Prälaten und Prediger – nahmen, weiß Gott, das Maul voll genug, ohne daß sie der Herzog und sein Kabinett genierten und schikanierten. Die Welt war so einfach. Man mußte nur ein bißchen guten Willen haben, treu sein, brav sein und vor allem seinem gottgewollten Fürsten gehorsamen. Merkwürdig war, daß Herr von Röder trotz solcher Anschauungen, seiner intimen Freundschaft mit dem Herzog, der führenden Stellung im katholischen Projekt beim Volk zunehmend beliebt war. Seine plumpen, banalen Scherze wurden weitererzählt, Anekdoten herumgetragen und beifällig belacht, die von einer gewissen grobianischen Leutseligkeit zeugten. Jedenfalls hatte, wie es zuweilen kommt, das Volk ohne ersichtlichen Grund auf den massigen Mann mit der niederen Stirn, dem harten Mund, den unförmigen, immer behandschuhten Händen, der brutal rissigen Stimme seine ganzen Sympathien geworfen; er war fraglos der populärste Militär in Stuttgart. Seiner Beliebtheit war es zu danken, daß die Einstellung der Waffenübungen des Stadtreiterkorps nicht zu Tumulten führte.
Unterdes lag jeder Winkel der Stadt in dumpfer Spannung. Die oberste Kirchenbehörde ordnete eine allgemeine Buß- und Betwoche an. Viele machten ihr Testament. Am Sonntag Judica drängten sich solche Massen zum Genuß des Abendmahls, daß die Kirchen lang in die Nacht hinein erleuchtet bleiben mußten. Das Parlament organisierte einen sorgfältigen Nachrichtendienst, schickte Fronreitende durch das Land nach allen Richtungen, auf Kundschaft, ob fremdes Kriegsvolk im Anzug sei. Erhielt auch bald aus Wimpfen Meldung, der bischöfliche Vortrab in Mergentheim habe das Komtureigebiet verlassen in der Richtung Ellwangen, das gleiche besagten Depeschen aus dem Hohenlohischen.
An jenem Sonntag Judica hatte der Stadtdekan Johann Konrad Rieger so wuchtig gepredigt wie noch nie. Prophetenhaft hatte er von dem Greuel gesprochen derer, so die heiligen Tafeln des evangelischen Glaubens und christlicher Freiheit zerbrechen, er hatte allen eindringlich und bedeutend die ungeheure Verantwortung vor Augen gestellt, die diejenigen, so solches unternahmen, vor Gott und Welt und Römischem Reich auf sich luden. Hatte dann rollend und mannhaft gewarnt, auch in der Hand des Schwächeren werde die ärmste Waffe stark und furchtbar, wenn Gott sie führe. Zum Ende aber hatte er, allen Samt seines glatten, dunklen, langhinhallenden Organs vor die andächtige Gemeinde breitend, zur Buße und Einkehr gemahnt mit großen, starken Worten, daß in der weiten Stiftskirche ein Schluchzen war und mächtige Ergriffenheit.
In der ganzen Stadt sprach man von dieser Predigt. Grimmig fiel solcher Triumph des Nebenbuhlers den Regierungsrat Johann Jaakob Moser an, und in einer Nacht ohne Schlaf beschloß der Publizist, nun seinerseits zum Volk zu sprechen. Aber er wird es sich nicht so leicht und billig machen wie der Prediger, wird nicht die Weihe des Hauses als wohlfeile Folie verwenden wie jener; nein, auf offenem, freiem Platz wird er zu den Bürgern sprechen, die Schergen des Herzogs nicht scheuend. Hin und her ging er in seiner Studierstube, konzipierend, mit heftigen, großen Gesten, rundete die herzaufwühlenden Worte, dünkte sich ein Gracchus, ein Harmodius oder Aristogiton, ein Marcus Junius Brutus, warf mit statuarischer Bewegung die Falten einer imaginären Toga.
Er erhitzte sich mehr und mehr, Blut drang ihm zu Kopf, Schweiß brach aus. Er führte solche Hitze zurück auf schlechte Verdauung; vielleicht hatte er des Mittags zuviel Heidelbeerwein getrunken, so daß der an sich träge Darm jetzt den Dienst ganz versagte. Er sprach seiner Frau von seinen Beschwerden, denn er hielt besorgt auf Hygiene, und die ängstliche Frau richtete ihm einen Trank Glaubersalzes zurecht. Er nahm dann wieder die Beschäftigung mit seiner vorhabenden Rede auf, und im Verein mit der damit verbundenen heftigen Bewegung tat denn auch die Medizin die gewünschte Wirkung.
Andern Tages sammelte er dunkel und bedeutend eine Menge Volkes um sich. Rottierer und Demonstrierer mußten öfters auseinandergesprengt werden in diesen letzten Tagen; es zeigten sich sogleich und drohend herzogliche Wachoffiziere, Büttel, Landhusaren. Der Publizist fühlte sich schon gröblich gepackt, in die ewige Nacht der Kasematten geschleppt. Aber er holte all seinen Mut zusammen und setzte mit krampfhafter Todesverachtung zu reden an, als es ihm im Leib öde wurde, kneipte und stach. Sei es durch die Nachwirkung der Medizin vom Vorabend, sei es, daß durch die gewaltsam erkämpfte Tapferkeit seine Natur eben doch durchbrach: er mußte vom Platz weichen, unter den höhnischen Augen der Herzoglichen und ohne den Ruhm des Konkurrenten. Andern Tages, in dem amaranthfarbenen Kabinett Marie Augustens, hielt er dann die Rede, um soviel Feuer nicht ganz unnütz gesammelt zu haben, vor ihr und Magdalen Sibylle. Die saß schlicht, friedsam und etwas behäbig, Marie Auguste aber, weiß und hauchig im Negligé, blätterte im Mercure galant, hetzte manchmal heimlich, spitzbübisch lächelnd, ihr winziges Chineserhündchen gegen die Beine des Redners; doch der, ein wenig schwitzend zwar, ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.
In ihrer Not und Bedrängnis beschloß die Bürgerschaft, nochmals eine Deputation zum Herzog zu schicken, ernst, doch mit Untertanendemut, ihm Vorstellungen zu machen. Um Karl Alexander nicht zu reizen, sandte man keine Mitglieder des Elfer-Ausschusses, deren bloßer Anblick schon ihn rasen machte, sondern drei stille, würdige Bürger, gesetzt von Ansehen und Gemüt. Sie fuhren nach Ludwigsburg, wo der Herzog seine Rüstungen betrieb. Bevor sie ins Schloß aufbrachen, nahmen sie Imbiß und ein Glas Wein im Gasthof. Der eine sagte: „Das ist eine kleine Stärkung vor einem so schweren Gang.“ „Wenn des Herzogs Gemüt so trüb ist wie heute der Tag,“ sagte der zweite, „dann scheint uns keine Sonne.“ „Sei alles Gott befohlen!“ sagte der dritte.
Vor der Türe des Saals, in dem Karl Alexander sie empfing, hockte Otman, der Schwarzbraune. Er hörte dumpf die wutschnaubende, heisere Stimme des Fürsten: „Ketzer, Mörder, Hochverräter!“ Fußgestampf dann, nach und nach endigend. Nach wenigen Minuten schon sah er die Männer zurückkehren, zweie erst, sehr bald auch den dritten. Er sah sehr wohl, wie verschreckt und verstört sie waren, er sah ihnen nach mit seinen großen, bräunlichen Tieraugen, und er lächelte tief und leise. Hastig stiegen die Männer die Treppe hinab, sprangen in die wartende Kutsche, nahmen sich nicht die Zeit, ein herausgefallenes Barett aufzuheben. Sie saßen schweigsam während der Fahrt, nur der Aelteste, einmal, betete laut und aus großer Bedrängnis: „Herr Zebaoth, aus der Tiefe schreien wir zu dir, laß uns Hilfe kommen aus deinen Bergen.“ In Stuttgart warteten viele auf die Rückkehr der Deputierten. Als sie die Gesichter sahen, zerstreuten sie sich kopfhängend und mit gepreßter Brust.
Sehr anders als das herzogliche Gebiet protestierten die freien Städte gegen die Umtriebe der Katholischen. Besonders in Eßlingen wurde Karl Alexander jetzt Tag für Tag öffentlich beschimpft und verhöhnt. Hier war eine größere Kolonie von Emigranten aus dem Herzoglichen, von Unterdrückten, widerrechtlich Beraubten, Vertriebenen. Johannes Kraus hatte sich hergeflüchtet, der junge Michael Koppenhöfer saß hier, der uralte Christoph Adam Schertlin, den nur mehr der Haß aufrechthielt. Der fressende, Eingeweide aufwühlende Hohn dieser aller, ihre giftigen, glühenden, schwelenden Reden. Aengstlich in ihre Häuser verschlossen sich die paar Anhänger des Herzogs; etwelche Katholiken auf der Durchreise wurden verprügelt. Den Expeditionsrat Fischer, früher Kammerfiskal, Vater der Sophie Fischerin, der abgedankten Mätresse des Süß, der in Geschäften in der Stadt war, wollten Eßlinger Bürgersöhne, nachdem sie ihm in seinem Gasthof eine Katzenmusik gebracht hatten, lynchen; nur mit Mühe konnte die Stadtwache den aus dem Bett Geschreckten, notdürftig Bekleideten schützen, in aller Hast brachte sie den fetten, schlotternden Mann aus dem Bannkreis der Stadt.
Zum Skandal und offenen Konflikt mit dem Herzog kam es am Sonntag der Buß- und Betwoche. In der Nacht vorher hatten, von der sich blind stellenden Stadtpolizei unbehelligt, junge Burschen zwei Strohpuppen, als der Herzog und sein Jud gekennzeichnet, an den Schandpfahl gebunden, diffamierende, unflätige Inschriften dazugeschrieben. Den ganzen Sonntag beschaute sich lachend, gröhlend, hänselnd, schreiend, pfeifend, mit schenkelschlagendem Behagen vom Greis bis zum Hosenmatz die ganze Stadt das Schandwerk. Gegen Abend dann wurde ein Scheiterhaufen errichtet, die Puppen feierlich darauf gefesselt, ein paar jener Bilder, auf denen der Herzog mit seinen siebenhundert Axtmännern Belgrad stürmt, mit Kot beschmiert, um die Puppen gereiht, das Ganze schließlich mit parodistischem Zeremoniell angezündet. Loh brannten die Puppen, gellend kreischte das entzückte Volk, drehte sich, puffte sich, krümmte sich in jaulendem, japsendem Vergnügen.
In der Menge stand der junge Michael Koppenhöfer, die starkblauen Augen in dem bräunlichen Gesicht brannten Begeisterung, tief atmete er: Oh, daß alle Tyrannen so endeten! In der Menge stand der alte Christoph Adam Schertlin, dunkel rasselte es aus seinem dürren Hals, sein Rohrstock stieß gegen den Boden, rhythmisch wie im Tanz, sein mumienbraunes, zerbröckelndes Gesicht war wild übersonnt vom Haß. In der Menge stand, schön und fremd, die Frau des Johann Ulrich Schertlin, die Französin, die Waldenserin. Sie war ärmlich gekleidet, ihr Mann war nun ganz verkommen, versoffen und ausgehaust, aber sie trug den Kopf mit dem kurzen, roten Mund so hoch wie immer. Aus den länglichen Augen warf sie hochmütige Blicke auf das gelle, kreischende Volk, das die Puppen verbrannte und den Rücken krumm machte vor dem Urbild; ihre Nachbarin richtete das Wort an sie; sie schaute fremd, verächtlich an ihr hinunter, sagte nichts, verließ langsam den Platz, mit gefeilten, kostbaren, hoffärtigen Schritten.
In der großen, nüchternen, kahlen Stube der Beata Sturmin saßen um die blinde Heilige Magdalen Sibylle, Johann Konrad Rieger, der Prediger, sein Bruder Immanuel, der Expeditionsrat, der Magister Schober. Magdalen Sibylle trug ein hechtgraues Kleid, sehr kostbar von Stoff und sehr schlicht von Ausführung und Schnitt. Sie war behäbiger geworden, die starkblauen Augen stumpfer, die bräunlichen Wangen schlaffer, alle Glieder träger. Leicht fett und zufrieden fast saß sie, eine Bürgersfrau, und hörte aufmerksam dem Stiftsdekan zu, der von seiner Predigt erzählte, von ihrer starken, gottgefälligen Wirkung, und Partien daraus wiederholte, jetzt noch hallender, geübter.
Bescheiden in seiner Ecke saß Jaakob Polykarp Schober. Der arme, gehetzte Mensch, leidend an seiner zwielichtigen Stellung bei Süß, an dem Hin und Her seines Gewissens, wollte hier ein wenig Ruhe finden vor der Unrast der eigenen Brust. Er hatte ein Gedicht gemacht, in dem er sich mit dem toten Gemahl Johannas der Wahnsinnigen verglich. Den schleppte die Fürstin im Sarg durch alles Land, an Stelle des Herzens hatte sie eine tickende Uhr setzen lassen, das Leben vorzutäuschen. So tickte ihm immerfort das Gewissen; nur hier bei den stillen, frommen Brüdern und Schwestern fand er ein wenig Ruhe. Er schaute aus seiner Ecke auf den Prediger, der auf und ab schritt, deklamierend, ausgefüllt, er schaute von ihm auf die blinde Heilige, die sanft, grau, farblos hockte und hörte, er schaute von ihr auf den Expeditionsrat Immanuel, der ehrfurchtsvoll an den Lippen seines großen und bedeutenden Bruders hing. Er sah aber auch aus seiner Ecke, wie bei aller Verehrung das Aug des hageren, bescheidenen, trotz des auffallenden Schnurrbarts unscheinbaren Mannes langsam von dem Bruder abließ, hinüber zu Magdalen Sibylle glitt, tierhaft ergeben auf ihr verweilte, die behäbig, fast matronenhaft dasaß, die großen, etwas fetten und doch kindlichen Hände lässig in dem mächtigen Schoß des weiten, hechtsilbernen Kleides. Er sah diesen demütig begehrenden Blick, er deutete diesen Blick, und langsam sah er einen Weg, seine Gewissensqual durch eine schwere, gottgefällige Tat ein weniges sanfter zu machen. Hatte er nicht durch seine ehrbare und submisse Verehrung der Demoiselle während der langen Hirsauer Jahre ein sicheres Anrecht auf sie? Aber er wird sich bescheiden, er wird, so schwer ihm das fällt, seinen Wünschen keine Statt mehr geben, er wird resignieren und dem Herrn und Bruder Immanuel Rieger den Weg ganz und gar frei lassen.
Unterdes hatte der Stiftsdekan seine Predigt und Erzählung geendet und nun ereignete sich etwas Seltsames. Magdalen Sibylle sagte nämlich, und dies mit großer Selbstverständlichkeit, ohne Hemmung und Ziererei, sie habe, angeregt durch das Exempel des lieben Bruders Jaakob Polykarp Schober, auch ihrerseits Verse gemacht. Und jetzt werde sie den Brüdern und der frommen Schwester ihre Carmina vorlesen. Was sie dann las, waren unbeschwingte, triste, banale, kahl und schal moralisierende Reimereien. Die Hörer aber merkten nichts von der Oede dieser Poemata, sie ließen sich schlicht und ehrlich packen, und dem Expeditionsrat Immanuel Rieger liefen vor Weichmut und Verehrung die Tränen über den Schnurrbart.
Als sie dann gingen, schloß sich der Magister dem Expeditionsrat an. Der schwärmte in seiner nüchternen, hilflosen Art von Magdalen Sibylle. Da raffte sich Schober zusammen, schluckte und teilte, sehr gerührt, dem andern Entschluß und Verzicht mit. Die blassen Augen des Expeditionsrats feuchteten sich, mit seiner dünnen, von Bewegtheit fast gelähmten Stimme fragte er den Freund, ob er denn glaube, daß da irgendeine Möglichkeit sei; wenn er die Augen zu ihr aufhebt, wird sich diese große, erhabene, illustre Frau nicht erstaunt und mit befremdeter Mißbilligung von soviel Vermessenheit abwenden? Aber Schober glaubte ihn trösten zu dürfen, und er war beglückt.
Magdalen Sibylle hörte seinen gestotterten Antrag ernst, doch nicht mißwollend an. Sie erbat sich Bedenkzeit, setzte sich dann hin, um in Versen zu antworten. So am Schreibtisch zu sitzen, wartend auf Reim und Rhythmus, das waren jetzt ihre besten Stunden. Das trug, das hob, das fügte sich. Irgendwo, verschwommen, dachte sie: Im Anfang war das Wort; das Wort ist Gott. Wie hold, sich vom fließenden Wort tragen zu lassen, auf Reim und Gleichmaß schwimmend in endloses Geträume, in Gott zu tauchen. Die Welt war ohne Ordnung, ohne Maß und Fug, war wild, dumm, sinnlos, schmutzig. Hier war Sinn und Fug und Reinheit, hier glitt man sänftlich weg über alles Aufwühlende, über Schlamm und bedrohliche Tiefe, plätschernd, leicht träumend. Die Hitze, die einem früher das Blut vergiftete, verdampfte harmlos-lau und behaglich in dem glatten, schaukelnden Auf und Nieder. Die Gipfel und die Schlünde der Welt ebneten sich, verebbten in platten, sehr korrekten Alexandrinern.
So saß sie auch heute, dem Immanuel Rieger antwortend. Ihre Gedanken und lässigen Triebe glitten sanft hoch und nieder, rundeten sich schließlich in einem vielwortigen, umständlichen, schlechten, ernsthaften Poem zu einem erst zögernden, dann immer festeren Ja. Die Reime häuften lang und ausführlich alle Argumente für und wider, ergingen sich über Freiheit und Verantwortung, priesen Gesetz, Ordnung, Stille, gefestigte Begrenzung.
Es kam freilich, während sie diese klugen, gelassen biederen Betrachtungen niederschrieb, ein Augenblick, in dem ihr plötzlich Reim und Rhythmus aussetzten. In einer unendlichen, tristen Müdigkeit lösten sich ihr die Glieder, sie sah gewölbte, fliegende Augen heiß auf sich, spürte sich von einer dringlichen, eingängigen Stimme schmeichlerisch überrieselt wie von wohlig lauem Wasser, und auf Sekunden erkannte sie, was für ärmlich kahler Ersatz ihre alberne Poetenspielerei war. Aber rasch schob sie als üble Anfechtung solche Erkenntnis beiseit, und mit sich finsternder Entschlossenheit, mit fast fanatischer Andacht zur Nüchternheit schrieb sie die Verse zu Ende.
Solche Mariage der Demoiselle Weißenseein, trotzdem natürlich ihre Verbürgerlichung aufgefallen war, überraschte immerhin. Der Herzog ärgerte sich, daß nun ein so alberner kleiner Pedant und Subalterner für alle Zeit offiziell an seinem Nachtisch sitzen sollte. Filzig indes war er nie gewesen, und er schenkte ihr zum Verlöbnis die Herrschaft Würtingheim, berühmt wegen ihrer herrlichen Obstkulturen. Sogar Süß schrak auf aus seinem immer ums gleiche schwelenden Gebrodel. So war die Welt; albern, klein, kahl, säuerlich, erbärmlich erwies sich im Kern alles, was zuerst und von außen so kraftvoll und süß geschimmert hatte. War übrigens nicht auch diese von Karl Alexander in Schlamm und Alltagsniedrigkeit getreten worden? Sieh da! das war zwar nicht die Absicht, aber er wird am Ende wirklich noch die Erde von einem üblen und gefährlichen Tier befreien, wenn er nur seinem privaten Trieb und Gesetz folgt. Mit keinem leisesten Gedanken kam ihn an, daß ihn an Magdalen Sibyllens Versinken Schuld treffen könnte. Die Stute Assjadah satteln ließ er, herrlich und in großem Glanz ritt er nach dem Schlößchen Magdalen Sibyllens, eine dunkle, wilde Großheit ging aus von dem Mann, der bitter und zerklüftet noch ein letztes Mal alle seine Galanterie vor der Frau spielen ließ. Magdalen Sibylle tauchte langsam nur und erst nach Tagen aus der tiefen Verwirrung dieses Gratulationsbesuchs.
Zu Weißensee sagte die Herzogin, hurtig und leicht spöttisch kamen die Worte aus dem kleinen, roten, geschwellten Mund: „Sie scheinen nicht zufrieden, liebe Exzellenz, mit der Wahl Magdalen Sibyllens?“ Und, ihm plötzlich das ziervolle, eidechsenhafte Gesicht zuwendend, das unter dem strahlend schwarzen Haar in der Farbe alten, edlen Marmors matt leuchtete, lächelte sie spitzbübisch: „Hätte sie etwa gar sollen unsern Hofjuden heiraten?“
„Ja, Durchlaucht,“ sagte Weißensee. „Hundertmal lieber.“ Und es klang aus dem Mund des feinen, liebenswürdigen Herrn so bitter und grimmig und wie ein Aufschrei, daß die Herzogin neugierig und ein wenig betreten aufsah und nach einem kleinen Schweigen von anderem sprach.
In der Antichambre schloß der Kammerdiener Neuffer die Tür hinter dem ins Kabinett des Herzogs tretenden Süß. Sogleich dann im Rücken des Finanzdirektors, erschreckend und ihn fast unkenntlich machend, verwandelte sich die Steifheit und Gravität seines Lakaiengesichtes in brutale, klobige, ohnmächtige Wut. Der Jud! Immer der Jud! Wohl hatte der Herzog einmal, als der Neuffer ihn auskleidete, in einem Anfall sinnlosen Zornes geschäumt, auf die Festung setzen werde er den Juden, drei Jahre ihn Kugeln schleifen und dann ihn hängen lassen. Was aber nützte das! Regent des Landes war und blieb doch der Jud. Der Herzog schimpfte auf seine Ratschläge, lobte die anderen: aber kam es zum Schlag, tat er doch nur, was der Jud ihm einblies.
In der andern Ecke der Antichambre hockte auf einem Teppich der Schwarzbraune. Er hatte wohl gesehen, wie das Gesicht des Kammerdieners auf einen Augenblick die Livree abwarf, und ganz im Innern amüsierte er sich über die plumpe Nacktheit des christlichen Kollegen. Aber er verharrte lautlos, tierhaft träge hockend, verschlossenen Gesichts.
Währenddes hielt Süß dem Herzog Vortrag. Heute in zwei Tagen wollten die Verschworenen losschlagen; alle Vorbereitungen waren beendet. Offiziell sollte der Herzog verreisen, um in seiner Eigenschaft als Feldmarschall des Reichs zunächst die Festungen Kehl und Philippsburg zu inspizieren, dann wegen seines Fußleidens den Danziger Medicus Hulderop, den größten Orthopäden der Zeit, zu konsultieren. Für die Zeit seiner Abwesenheit setzte Karl Alexander eine stellvertretende Regierung ein: unter dem Vorsitz der Herzogin – die sich in dieser Rolle sehr gravitätisch vorkam –, die Minister Scheffer, Pfau, den Staatsrat Lauz, die Generäle Remchingen und Röder. Diese Regierung sollte in Abwesenheit Karl Alexanders den Staatsstreich durchführen: nach Besetzung aller strategischen Punkte des Landes die Gleichstellung der katholischen Religion, Entwaffnung der Bürger, Annullierung vieler Verfassungsparagraphen, Eintreibung des Beichtpfennigs, zwangsmäßige Ablieferung allen Silbers in die herzogliche Münze und mehr derart durch Gesetz verkünden.
Süß legte noch einmal zusammenfassend dar, worauf es ankam: auf die reibungslose, kampflose Durchführung des Projekts in einer einzigen Nacht. Als konstitutioneller Herzog verließ Karl Alexander sein Land, als absoluter Souverän wird er in wenigen Stunden zurückgerufen. Zog sich die Durchführung in die Länge, kamen Reibungen dazwischen, Kampf, Blutvergießen, dann war alles verloren, dann hatten die Zauderer und Zager recht gehabt. Denn weiter als man die Verfassung verbogen hatte, ließ sie sich eben nicht mehr biegen; es ließ sich mit aller jesuitischen Kunst nichts weiter aus ihr heraustifteln. Blieb als einziges übrig, sie zu brechen, und das konnte man nicht allmählich, das konnte man nur in Einer Anspannung erreichen. Mißlang die im kleinsten, dann hatte die bloße Tatsache der Gewaltanwendung erwiesen, wie sehr man sich im Unrecht fühlte; das Corpus evangelicorum wird über einen herfallen, die Schranken der Verfassung werden dann noch viel fester und enger gestellt werden. Setzte erst Kampf ein, dann hatte die Verfassungspartei zu viele und zu mächtige Anhänger im Reich. Die geglückte Ueberrumpelung nur wird man, schmunzelnd die einen, die anderen knirschend, anerkennen. Er war bisher, wenn die anderen brutal zufahren wollten, immer für das Leise, Langsame gewesen; in diesem Fall gab es nur Eines, das Laute, Zupackende, Entscheidende, das in Einem Schoße Flor oder Verderb trug.
Mit zwingender Logik, Sachlichkeit, Wissenschaftlichkeit setzte Süß dem Herzog dies noch einmal auseinander. Glühender dann und beredter führte er aus, wie jenseits aller praktischen Erwägungen die Idee verhunzt wäre, die herrliche Idee von der Göttlichkeit fürstlicher Macht, wenn sie erst zerzettelt und zerknabbert würde durch Streitereien und Prozeßkniffe und kleine Scharmützel mit Bürgergarden und ridikülem, miserablem Kleinkampf. Hier ging es in Wahrheit um alles oder nichts. Entweder kehrte das Herzogtum naturhaft in seinen Fürsten zurück, oder dieser Stoff war zu schlecht, als daß die große Idee sich in ihm auswirken könnte.
In drängendem, schwülem Zorn stand Karl Alexander. Der Jud hatte recht, wie immer, und gut hatte er das gesagt. Aber wie abgründig er in einen hineinschaute! Fort, fort mußte er, auf ewig ins Dunkel mußte er! Und was hatte er da gesagt: dieser Stoff war zu schlecht für die große Idee? Welcher Stoff? Es war ja selbstverständlich unmöglich, daß das Projekt mißlang; aber trotzdem: welcher Stoff war zu schlecht? Das Land? Oder – wagte er es, wagte er es wirklich, der Jud? – oder er, der Fürst? Natürlich wagte er es! Hinter seiner höflichen, servilen Fratze stak höhnisch, hänselnd der freche, achselzuckende, aufreizende Zweifel. Ueber den schamlos dreisten Rebellanten! Der war hundertmal schlimmer als die stiernackig blöden Meuterer vom Parlament! Das waren verbohrte Esel! Aber dieser Lächelnde, Höfliche war wissend, und seine feixenden, unverschämten Zweifel gingen vergiftend ins Innerste. Weg mußte er! Ins Nichts mußte er! Für ewig ins Dunkel mußte er!
„Haben Euer Durchlaucht jetzt das Losungswort bestimmt?“ fragte die unbewegte, sachliche Stimme des Juden.
„Ja,“ sagte Karl Alexander, kurz, barsch, militärisch. „Es heißt: Attempto!“
Ueberrascht sah, mit einem kleinen, anerkennenden Lächeln Süß auf. „Attempto! Ich wag’s!“ das war ein frecher, ein kühner, ein fast genialer Witz. „Attempto! Ich wag’s!“ hatte Eberhard im Barte gesagt und als erster deutscher Fürst seinem Land eine Verfassung gegeben. „Attempto! Ich wag’s!“ war die große Inschrift auf dem Attribut dieses Fürsten, dem Zedernstamm, den er vom Kreuzzug mitgebracht. So hing sein Bild überall im Herzogtum. Mit diesem tapfern Wahlspruch hatte er den Großteil seiner Macht von sich abgetan und dem Volke zurückgegeben. Wenn einer im Land kein Wort Latein sprach, dieses „Attempto!“ verstand er; denn es war die Grundlage der Verfassung und aller bürgerlichen Freiheit. Und dieses gleiche „Attempto! Ich wag’s!“ wählte jetzt Karl Alexander als Losungswort, eben diese von seinem Ahn begründete Verfassung zu zerschlagen, die Macht wieder an sich zu reißen, an Stelle der ausgebildetsten Demokratie den nackten Absolutismus zu setzen. Donnerwetter! Dazu gehörte soviel Mut wie Geist. Dieser Karl Alexander war doch ein Kerl!
Gehoben, in drängendem, brustweitendem Lustgefühl ging Süß nach Hause. Er hatte diesen Mann dazu gemacht, hatte das Licht in ihm angezündet, hatte aus einem hitzigen, brünstigen, brutalen Stück Fleisch einen Fürsten geknetet. Oh, sein Weg war schon der rechte. Wie plump wäre es und simpel gewesen, ihm dazumal an die Gurgel zu springen. Jetzt hatte er sein Opfer herangemästet, hatte es erhöht, es ansehnlich und wert gemacht. Ein verhungertes Tier anzunehmen, weigerte sich der Priester wie der Gott. Das Opfer, dessen Blut er jetzt darbot, konnte bestehen.
Er ging in seinem Arbeitskabinett auf und nieder, angeregt, geschwellt, alle Kerzen brannten, auch in den anstoßenden Zimmern. Was hatte Rabbi Gabriel gesagt? An jedem Fest, das ihr dem Toten gebt, steigt er herauf, um jedes Bild, das ihr ihm weiht, schwebt er, hört jedem Worte zu, das von ihm klingt. Mit allen Gedanken hatte er und Blut und Nerven die Tote gerufen; aber sie war nicht gekommen, nur in Dämmer und Nebel hat er sie ahnen dürfen. Jetzt wird er ihr ein Opferfest bereiten, zu dem sie heraufsteigen muß. Nicht nur leibhaft wird er ihr diesen Herzog opfern, auch seine Seele hat er so präpariert, daß sie just in dem Moment aus dem Körper sich lösen soll, wenn sie in ihrer Hoffart Blüte strotzt. Und die Seele des Hoffärtigen wird eingekörpert in Feuer; in Feuer zerzuckt sie, tausendfach zerrissen in jeder Sekunde, durch eine neue Ewigkeit. Steig auf, Naemi! Steig auf, Kind, mein Kind, mein bestes, mein reinstes, Lilie im Tal, steig herauf! Ein Scherbenmal eines zerschmissenen Königtums richte ich dir auf, einen Fürsten opfere ich dir, eine Seele einkörpere ich in ewig zerzuckendes Feuer! So ruf ich dich, Naemi, mein Kind! Steig herauf! Taube im Felsenriß, auf heimlichem Hang! Laß mich schauen deine Gestalt, laß mich deine Stimme hören! Denn deine Stimme ist süß und lieblich deine Gestalt.
Er hielt ein, rief sich zurück. Ei ja, dies mußte ja noch geschehen. Er wollte nicht, unter keinen Umständen wollte er, daß es scheinen könnte, er verquicke seine Sache gegen Karl Alexander mit irgendwelcher persönlichen Sicherung oder gar mit Vorteilen für sich. Vor anderen nicht und vor sich selber nicht durfte er leisesten solchen Verdacht aufkommen lassen. Sprang für das Land Profit dabei heraus, so war das nebensächlich, nicht zu erstreben, nicht zu vermeiden; für sich selber jedenfalls wollte er jeden Gewinn daraus im vorhinein zerstören. Er war jetzt da, um das Herz dieses Fürsten Karl Alexander von Württemberg fett und hoch zu züchten, und wenn es am fettesten strotzte und schwoll, zu zerdrücken. Für solche Opferung und Sühne war er da. Was dann kam, ach, wie fern das war und wie nichts!
Er befahl den Magister Schober zu sich. Der erschien, verschreckt, aus dem Schlaf gestört, in Angst, der Finanzdirektor möchte ihn in neue Nöte des Gewissens treiben. Unglücklich, in einem nachschleifenden Schlafrock, denn der Befehl des Süß hatte ihm keine Zeit gelassen, mit runden, furchtsamen Kinderaugen, stand er vor seinem Herrn. Süß war munter, vergnügt, gütig wie lange nicht. Er fragte nach den Gedichten des Magisters, wieso die Edition sich so lange verzögere, das Geld sei der Druckerei doch schon seit Wochen angewiesen. „Wie geruhen Euer Durchlaucht geschlafen zu haben?“ fragte der Papagei Akiba. Der Magister stotterte etwas, er sitze schon über den Korrekturen, und in zwei, drei Wochen würden die Carmina säuberlich gedruckt sein. Süß, plötzlich abbiegend, legte ihm die Hand auf die Schulter, verzog pfiffig, schmunzelnd die Lippen, sagte vertraulich, jovial: „Er ist, Teufel noch eins! ein schlechter Protestant, Magister.“ Und da der Zitternde nur Unverständliches stammelte, fuhr er fort: „Ich mit meiner jüdischen, rechnerischen Moral hätte mir an Seiner Statt gesagt: Wenn ich den Juden verrat, dann verrat ich einen einzigen und dazu bloß einen Juden; aber wenn ich den Juden nicht verrat, dann verrat ich eine Million evangelischer Christen. Und dann wär ich hingegangen und hätte dem Sturm und dem Jäger oder sonst einem vom Elfer-Ausschuß die Geschichte haarklein erzählt. Ich muß sagen, Magister, Er ist von einer Treue und Diskretion, die schon zum Himmel stinkt.“
Jaakob Polykarp Schober stand schlottericht unter den hellen Kerzen, wagte nicht, den grausamen Schweiß wegzuwischen, der ihm über das fahle, dicke Kindergesicht troff, starrte aus runden, entgeisterten Augen den Juden an. „Jetzt hält Er mich wohl für verrückt?“ fragte der nach einer Weile, gutmütig. „Nein, Magister, ich bin durchaus nicht verrückt,“ sagte er, wieder nach einem Schweigen, trocken. „Oder zumindest nicht mehr als jeder andere.“
Es war totenstill in dem hellen Raum. Draußen tappte der Schritt der Nachtwache. Süß hatte sich gesetzt, krümmte sich, trotzdem die Zimmer überheizt waren, wie leicht frierend, schien den reglosen, in einer seltsam verknüllten, unbequemen Haltung stehenden Schober vergessen zu haben. Unversehens wieder begann er: „Ich will Ihm aus Seinem Dilemma heraushelfen. Geh Er hin zu den Herren vom Parlament, sag Er ihnen: die Zeit ist die Nacht zum Dienstag, die Losung: Attempto, und wenn die Herren Blutvergießen vermeiden wollen, dergestalt daß das ganze Projekt zusammenklappt wie eine Marionette nach zerschnittenem Draht, dann sollen sie den Montag abend eine Deputation nach Ludwigsburg schicken. Der Mameluck erwartet sie am Seiteneingang des linken Flügels und bringt sie zum Herzog.“
Dem Schober quollen, wie Süß das sachlich und geschäftsmäßig an ihn hinsagte, die Augen aus dem Kopf vor angestrengter Aufmerksamkeit, Unverstand und Erregung. „Bedingung ist,“ fuhr Süß mit der gleichen geschäftsmäßigen Kühle fort, „und diese Bedingung muß Er mir in die Hand schwören, daß niemals eine Menschenseele erfährt, daß ich Ihm das gesagt oder gar Ihn geschickt habe.“
„Exzellenz,“ stammelte endlich Schober, „ich versteh das nicht, ich versteh das durchaus nicht. Ich bin ja so selig, daß der Herr Sie erweckt hat und daß Sie den evangelischen Glauben salvieren wollen. Aber wenn das ketzerische Projekt zuschanden wird und man weiß nicht, daß Sie es haben kaputt gemacht, dann wird doch, mit Euer Gnaden Verlaub, die Landschaft zuerst Ihnen den Kriminalprozeß machen. Ich bin nicht stark in politicis, aber der Herzog wird Sie dann nicht können schützen.“
„Nein, der Herzog wird mich nicht schützen,“ sagte Süß trocken. „Laß Er’s gut sein, Magister,“ fügte er sanft, mild, väterlich fast hinzu. „Die Affäre ist zu kurios. Ein katholischer Herzog will ein evangelisches Land katholisch machen und ein Jud geht lieber an den lichten Galgen, eh daß er’s zuläßt. Daraus kann Er sich keinen Reim machen, und wenn Er noch so sehr ein Poet ist.“