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Im Sattel durch Zentralasien

VII. KAPITEL. Chinesisch-Turkestan.

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Abends waren wir in Tru foa, wo wir sehr gut unterkamen. Meine neue Stütze war willig und schnell.

In glühender Hitze zogen wir am 14. April durch Steppe und Wüste; wir hatten über Mittag in der Sonne plus 45 Grad, und ich war froh, als ich die ersten Obstbäume, die teilweise schon Blüten angesetzt hatten, bei unserm heutigen Ziel, San foa, erblickte. Am nächsten Morgen hatten wir nur plus 1 Grad, es wurde aber bald wieder drückend heiß. Wir hatten wieder nur einen kleinen Marsch nach San to lin, wo wir auch gutes Unterkommen fanden. Hier in Turkestan sind von 30 zu 30 Kilometer offizielle, von der Regierung erbaute Rasthäuser, die, soviel ich gesehen habe, stets gut instand gehalten sind. Kurz nach der Ankunft bemerkte ich, daß mein Thermometer fehlte. Der Ortsvorsteher stellte sofort einen Reiter, der nach dem letzten Quartier zurückritt, um dort danach zu suchen. Am Nachmittag wusch ich, zum Gaudium der Bevölkerung, besonders der Weiber, zuerst meine Stute, dann meine Wäsche im Dorfbach.

Mein Diener Djang tsche Tschang

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Wir näherten uns nun allmählich dem Thien Schan, der felsig und kahl ist, genau wie alle anderen Gebirge im Osten Chinas. Merkwürdig war der stete Wechsel der Temperatur während des Marsches. Kurz hintereinander ging es durch heiße und dann wieder ganz kalte Luftschichten. Das Gelände war heute ziemlich quellenreich, doch gehen die kleinen Bäche meist nicht sehr weit, sondern versiegen im Sande. Wir waren oft gezwungen, erhebliche Umwege zu machen, um nicht in dem durchweichten Boden stecken zu bleiben. Einmal saßen wir doch fest und mußten alles abladen, um die Karre mit vereinten Kräften wieder herauszuziehen. Gegen 3 Uhr erreichten wir Lo tung, das einen Kavallerieposten von 30 Mann in einem Lager hat. Die Kavalleristen sind fast alle verheiratet. Der Ort hat eine schöne große Quelle und eine ganze Menge Bäume. Mein, neuer Diener, mit Namen Djang tsche Tschang, bewährte sich durchaus; er war fleißig und aufmerksam, ob auch ehrlich, das konnte natürlich erst die Zeit lehren. Ich merkte jetzt erst, was für ein unglaublich fauler Mistfink mein alter Mafu gewesen war und ärgerte mich, daß ich den Menschen für mein teures Geld so weit mitgeschleppt hatte.

Lo tung

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Es ging heute durch Ausläufer des Thien Schan bergauf und bergab. Überall war steinbesäte Wüste. An einer Stelle war der Telegraph zerrissen und Kavalleristen flickten ihn; das mag etwas schönes geworden sein! Mitten in der Wüste stand ein Gasthof und ein Pferdestall, an dem die Yamenreiter ihre Pferde wechselten. Natürlich war alles teuer und schlecht, wir aßen das letzte Stück Fleisch aus Hami, von nun ab mußten wir uns wieder auf Reis beschränken. Gegen Abend setzte Staubsturm ein, der die ganze Nacht über wehte und durch die das Fenster darstellende Öffnung in der Wand ganze Staubwolken hineinwarf. Wir ritten weiter durch steile Felsberge. Unser beabsichtigtes Quartier, das wir gegen Mittag erreichten, war derartig überfüllt, daß ich beschloß, den Marsch noch fortzusetzen, nachdem ich eines der eingespannten Tiere im kaiserlichen Ponystall hatte umtauschen lassen. Man brachte uns ein noch ganz rohes Tier, das erst gefesselt werden mußte; die Chinesen ließen den sehr unruhigen Pony so lange mit der Fessel ziehen, bis er beinahe zusammenbrach, erst dann machten sie die Fessel ab; das Tier hatte sich die Lehre gemerkt und ging nun sehr gut. Wir passierten noch einige Kilometer Felsberge und gelangten dann in eine schräge Ebene, in der uns der Sturm wieder voll faßte. In den Bergen war es dafür drückend schwül gewesen. Gegen Abend langten wir in Kosch an, wo wir die Nacht blieben. Am 19. April herrschte noch immer eisiger Sturm, trotzdem das Thermometer gar nicht tief stand; man wurde beinahe vom Pferde herabgeweht. Zuerst ging es 20 Kilometer durch mit vereinzelten Tamarisken, bestandene Ebene; an einem kleinen, hübsch gelegenen Orte wechselten wir die Pferde, dann fing wieder der steinige Weg an; es war vollkommen so, als ob man über Schotter auf einer neuen Chaussee marschiert und für die armen Pferde sehr anstrengend. Der Wind ließ nicht nach und benahm einem vollkommen den Atem.

Kleines Felsennest hinter Kosch (Turkestan)

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Rasthaus in der Wüste

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Gegen drei Uhr nachmittags langten wir in einem einzelnen kleinen Hof, mitten in den Felsbergen, an. Hier wohnte der Beamte, der die kaiserliche Post besorgt und die posttragenden Reiter kontrolliert. Er ist ein Hunanese, und wie alle Leute aus dieser Provinz, außerordentlich freundlich. Da den Pferden die Beine sehr wehtaten, beschloß ich, zu bleiben und wurde von dem Beamten sofort liebenswürdig aufgenommen. Natürlich mußte ich mit der ganzen Gesellschaft in einem Raume wohnen; von sieben Menschen rauchten sechs Opium, und obgleich ich trotz Staubsturm die Türe nicht zumachen ließ, war es vor Gestank kaum auszuhalten. Die Nacht fror es wiederum stark; der arme Dicke war am Morgen ganz steif gefroren, wollte durchaus nichts fressen und ließ bedenklich den Kopf hängen. Da kein Stroh zu haben war, mußten die Tiere auf den nackten Steinen stehen. Heute ging es durch ganz kahle Berge und dann in einen weiten Kessel, der von hohen Felsbergen eingefaßt war. Am jenseitigen Ausgang lag unser heutiges Reiseziel, Tu Dundse, ein Hof, in dem die Pferdestation sich befindet. Wir wurden auch hier von dem betreffenden Beamten freundlich aufgenommen, die Tiere bekamen schönes Heu und einen guten Stall, legten sich bald hin und fühlten sich sehr wohl. Es blieb den ganzen Tag über kalt und windig. Der Beamte klagte mir sein Leid, es sei fast das ganze Jahr über nicht anders. Nachmittags ging ich noch einmal auf Antilopenjagd, sah auch einmal einen Sprung von vieren, die aber schon auf 2000 Meter absprangen und bald in den hohen Felsen verschwanden. Ich kroch noch stundenlang umher, entdeckte aber nichts mehr.

In jedem dieser Höfe, in denen die Pferde gewechselt werden, befindet sich stets noch ein Mann, der die Telegraphenlinien in Ordnung halten soll! Wie alle in Turkestan befindlichen Chinesen, rauchen sie Opium. Ich habe keinen angetroffen, der es nicht tat. Mein Menü bestand hier morgens, mittags und abends aus Reis, etwas anderes war nicht aufzutreiben.

Rasthaus in der Wüste zwischen Hami und Turfan

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Bei großer Kälte und Staubsturm brachen wir am 21. April früh auf. Zuerst ging es drei Stunden lang durch hohe Berge, dann in die Ebene, wo uns der aus Norden kommende Sturm erst recht faßte. Es war einer der schlimmsten, die ich erlebt habe. Man kam nur noch mit Not vorwärts. Um 3 Uhr hatten wir 70 Kilometer hinter uns und langten an einem einsam in der Wüste liegenden Gehöft an, in dem die Pferde gewechselt werden sollten. Das Haus sah zu elend aus, und da ein größerer Ort nur noch 20 Kilometer entfernt sein sollte, ließ ich weiter marschieren. Um 6 Uhr trafen wir in Tschy-go-tai ein, hatten mithin eine Tagesleistung von 90 Kilometern hinter uns, ohne daß die Pferde auffallende Müdigkeit zeigten. Der Ort hatte ein stark befestigtes Soldatenlager, das wie eine Zitadelle die Gegend beherrschte. Das Lager war mit 30 Kavalleristen besetzt. Nachdem ich die letzten vier Tage nur von Reis gelebt hatte, waren Eier und Hammelfleisch, die es hier für teures Geld gab, willkommene Beigaben des Küchenzettels.

Heiligengrab vor Pitschan

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Über Nacht legte sich endlich der Sturm. Am 22. April morgens hatte ich wieder einmal großen Zank, da mir nur ein Pferd zur Karre gestellt wurde. Es geht hier durch Wüste, in der vereinzelt an Quellen kleine Oasen liegen. Um Mittag, als wir endlich bebaute Gegend erreichten, zeigte das Thermometer plus 49 Grad. Die Zugpferde hatten bereits mehrfach versagt, man sah es allen Tieren an, daß sie einem Hitzschlag nahe waren. Es war merkwürdig, wie belebend auf Mann und Pferd der Anblick der grünen Felder und Bäume, zwischen denen wir nun durchmarschierten, wirkte. Gegen drei Uhr langten wir in Pitschan, einem großen Orte mit gemischter Bevölkerung, an. Die Chinesen wohnen in einem befestigten Mauerviereck, außerhalb desselben die Mohammedaner. Ich setzte großes Reinemachen an; die Pferde wurden sämtlich gewaschen, die Sachen geklopft und gesonnt und der Beschlag dort, wo es nötig war, von einem geschickten Schmied für billiges Geld erneuert. In der Gegend, in die wir jetzt kamen, gilt anderes Geld; auf den Tael gehen nur noch 400 Kupfer-Cash, so daß letzterer fast annähernd unserm Pfennig entspricht. Besonderen Spaß machte meinem neuen Chinesen am Abend das Bürsten meiner Katzenfelldecke, weil sie elektrische Funken abgab; er begriff gar nicht, was das wäre, und hielt es wahrscheinlich für irgendwelche Hexerei. Genau wie in der Türkei ruft hier abends der Muezzin sein Gebet, allerdings nicht vom hohen Minaret, sondern vom Dach seines Hauses.

Ich hatte den Abmarsch am 22. April, der Hitze wegen, morgens um 5 Uhr befohlen, aber wie stets, waren die Chinesen nicht pünktlich und wir kamen erst um 6 Uhr fort. Zuerst ging es durch das breite, im höchsten Anbau befindliche Pitschan-Tal; überall führten die kleinen, geschickt geleiteten Kanäle das Wasser in die Felder. Die Aprikosen blühten bereits und unterbrachen mit ihren roten Blüten sehr angenehm das satte Grün der Pappeln, Weiden und Tamarisken. Als wir das Tal durchkreuzt hatten und wieder in der Ebene waren, hörte mit einem Schlage jede Vegetation auf und wir befanden uns wieder in der südlich von hohen, kahlen Bergen begrenzten Wüste. Nur ab und zu traf man in tief eingeschnittenen Tälern kleine Oasen. Gegen Mittag wurde es wieder glühend heiß, plus 49 Grad. Die armen Pferde kamen kaum noch vorwärts, und ich war froh, als wir von weitem das mit grünem Blätterschmuck umgebene Liang mutjin endlich vor uns sahen. In den Herbergen war alles besetzt; daher forderte ich unter Vorzeigung meines Passes bei dem Verwalter der kaiserlichen Pferdewechselstelle Quartier. Er hatte nur ein schlechtes Zimmer zur Verfügung, weshalb er mich gern abgewiesen hätte, ich hörte jedoch nicht auf ihn und blieb, sonst hätte ich biwakieren müssen. Nachmittags saß ich draußen und schrieb, was eine wahre Völkerwanderung von Schantus und Chinesen durcheinander veranlaßte. Jeder von ihnen hatte eine Frage zu stellen und schließlich malte ich zur allgemeinen Freude jedem seinen Namen mit deutschen Lettern in die Hand.

Der Kavallerist, der uns seit Tschy-go-tai begleitete, war ein ganz durchtriebener Geselle. Wenn wir nicht mehr weit vor dem Quartier waren, trabte er voraus, und wenn wir ankamen, trat er uns schon als Gentleman in Zivil entgegen, d. h. er hatte die Zeichen seiner Uniform abgelegt, irgendeinen Jungen zum Pferdeabwarten engagiert, und tat, als ob er mich nie gesehen hätte. Zu seinem Kummer rief ich ihn heute heran, um ihm einen Auftrag zu geben. Er wollte zuerst nicht kommen, bis ich sehr deutlich wurde. Die Menge lachte ihn natürlich aus.

Der Abend war drückend schwül, wie ein Gewitterabend zu Hause. Staubsturm und wieder einmal der übliche Zank wegen der Pferde leiteten den 24. April ein. Trotz meines Passes vom Auswärtigen Amt, des Begleitschreibens vom Yamen Hami, des mitgegebenen Beamten und des Kavalleristen, tat der Verwalter der Pferdewechselstelle so, als ob ich ihn überhaupt nichts anginge. In meinem Begleitschreiben vom Yamen Hami stand, daß mir die Pferdewechselstelle stets einen mit drei Tieren bespannten Karren zu stellen hätte. Ich hatte diese um vier Uhr morgens beordert, jedoch erst um 6 Uhr erschienen zwei elende Kracken mit der Karre. Mein Beamter war natürlich im Opiumdusel und zu schlapp, um irgend etwas zu sagen; kurzum, ich mußte selbst wieder eingreifen. Erst zankte ich mich eine Weile mit den sehr wenig Chinesisch verstehenden Schantus herum, die ihrerseits wieder mit meinem Yamenbeamten Höflichkeiten austauschten. Sie warfen ihm vor: "Du verstehst ja unsere Sprache nicht", woraufhin er erwiderte: "So eine Frechheit. Ihr versteht meine Sprache nicht", was die ganze Überhebung des Chinesen kennzeichnet. Schließlich liefen die Schantus weg, weil sie Angst vor Prügel hatten; der Verwalter aber ließ sich immer noch nicht sehen. Ich schickte in das Haus, er möchte herauskommen; er kam nicht. Das war mir nun doch zu viel, ich ging hinein und hielt ihm meinen Paß unter die Nase mit dem Bemerken, daß, wenn nicht binnen fünf Minuten 3 Ponies und Leute zur Stelle wären, ich dafür sorgen würde, daß er seinen Posten verliere. Das half endlich, sofort war alles da und wir kamen glücklich fort.

Es ging durch meist unbebautes Gelände und schließlich einen in tief eingeschnittener Schlucht fließenden Bach entlang. Der Staubsturm wurde immer schlimmer, dicke Wolken des hier rötlichen Staubes wirbelten durch die Luft und erschwerten das Atmen und das Sehen. Auch in Tschönn-tschin-kau, wo wir gegen 1 Uhr ankamen, mußte ich wieder auf der Pferdewechselstelle Unterkunft suchen. Der Verwalter tat höchst großspurig; doch achtete ich nicht darauf und überhörte gänzlich seine unverschämte Anrede: "Niti mingtse!" (Dein Name)! Als ihm dann einer von den Leuten erzählte, daß ich Offizier sei, war er plötzlich wie ausgewechselt, lud mich zum Essen ein und war sehr freundlich. Er war schon 60 Jahre alt und hatte eine hübsche junge Frau, die bloß nach mir guckte und vor Neugierde beinahe verging, bis ich ihr schließlich meine europäischen Sachen zeigte.

Der Dicke wollte nicht fressen, ließ den Kopf hängen und schien Leibschmerzen zu haben; wahrscheinlich hatte er zu kalt gesoffen. Der Staubsturm ließ auch am 25. April nicht nach, im Gegenteil, er nahm zu, er kam aber jetzt aus Osten, also von hinten, so daß man es nicht so schlimm empfand. Durch steinige Ebene, bedeckt von unzähligen kleinen Erdhügeln, die wie Brunnen aussahen, zogen wir weiter. Ich konnte mir zuerst ihre Bedeutung gar nicht erklären, bis ich herausfand, daß die ganze Wüste über und über von nord-südlich gehenden unterirdischen Wasserleitungen durchzogen ist. Die Erdhügel sind durch Herausschaffen der Erde aus den unterirdischen Kanälen entstanden. Sie haben oben Öffnungen, um in die meterhohen Kanäle hineinzusteigen. Letztere bringen das von den nördlichen Bergen herunterkommende Wasser zu den menschlichen Ansiedelungen. Über der Erde geleitet, würde es wohl bald im Sande versiegen. Mehrfach an verfallenden unbewohnten Gehöften vorbei erreichten wir gegen Mittag endlich Turfan. Schon von weitem sah man einen hohen Turm bei einem mohammedanischen Grabmal. Es ging durch Vorstädte mit landwirtschaftlichen Betrieben und den üblichen kleinen Bewässerungsgräben, die zum Leidwesen der Reisenden oft mit ihren hohen Ufern die Straße kreuzen, so daß der Wagen festsitzt. Die eigentliche Stadt ist mit Wall, Graben und Tortürmen im chinesischen Stil versehen. Wir kamen am Yamen vorbei und zu einem Gasthaus, welches mir nicht gefiel; also weiter. Noch zwei andere Herbergen sagten mir ebensowenig zu. Der Hamier Yamenbeamte, dem es zu lange dauerte, wurde unverschämt, so daß er nur mit knapper Not der Strafe entging. Schließlich langten wir wieder beim Yamen an. Ich benutzte die Gelegenheit und gab Paß und Visitenkarte ab, um mich anzumelden. Ein chinesischer Junge übernahm nun die Führung und brachte uns nach einem in der Vorstadt, nicht weit vom Tore, gelegenen Schantu-Gasthaus, das gleich einen sehr guten Eindruck machte. Es war tadellos sauber, hatte ein festes Sonnendach über dem ganzen Hof und einen guten Stall. Ich war froh, endlich untergekommen zu sein und ließ sofort auspacken. Der Hamier Yamenbeamte bekam kein Trinkgeld und wurde entlassen.

Ich machte Toilette und ließ mir von einem Schantufriseur die Haare schneiden, wofür er 120 Cash, also ungefähr 30 Pfennig forderte; er bekam natürlich nur ein Viertel davon und zog schimpfend ab. Bald darauf kamen Leute vom Yamen Turfan und brachten mir als Geschenk ihres Herrn Pferdefutter und Essen, was ich sehr zuvorkommend fand. Um 5 Uhr ging ich hin, ließ mich anmelden und wurde von Wönn ta lauye empfangen. Ich fand einen vornehmen, liebenswürdigen Hunanesen, der sehr leidend war. Nach den üblichen Fragen nach woher und wohin, Alter, Eltern usw. ließ ich als Dank mein Geschenk, eine Halfter mit Trense, überreichen. Ich ahnte nicht, daß der alte Herr nicht mehr reitet, sonst hätte ich ihm etwas anderes geschenkt. Beim Abschied ließ er mir zu Ehren die Haupttore öffnen und begleitete mich noch hinaus. Wahrscheinlich war er sehr erstaunt, daß ich ohne jeglichen Dienertroß, also ganz entgegen chinesischer Sitte, angekommen war; er fragte mich sofort, wo denn meine Leute und Pferde seien.

Der Staubsturm wurde immer übler; namentlich litten die armen Pferde darunter. Mein guter Dicker wollte noch immer nichts fressen und war ganz schwach. Ich hatte fortwährend eine Unzahl Jungen um mich, die sich aber viel anständiger benahmen als die chinesischen Rangen gleichen Alters. In dem Gasthaus kaufte ich von einer Türkin zwei der hier üblichen Mützen, von denen ich eine zum allgemeinen Jubel aufsetzte. Abends sandte mir der Yamen einen Hammel, eine Ente, ein Huhn, Reis und Brennholz als Geschenk.

Die Türkinnen hier sind hübsch und sehr viel freier als die Chinesinnen, man sieht sie überall unverschleiert auf der Straße. Über dem offenen oder in zwei bis drei Zöpfe geflochtenen Haar tragen sie als Kopfbedeckung rote, grüne oder blaue Velvetmützen, als Anzug ganz bunte Kleider mit weiten Hosen und über alles ein bis an die Knie gehendes Oberkleid. Die Kleider bestehen meistenteils aus Kattun in den schreiendsten Farben; hier müßte für unmodern gewordene Farbenzusammenstellungen ein gutes Absatzfeld sein. Als Schuhwerk tragen sie entweder hohe, weiche Kniestiefel mit Pariser Hacken oder Pantoffeln; viele gehen auch barfuß. Silberne Ohr- und Fingerringe in chinesischem Geschmack dienen als Schmuck. Die Männer tragen einen langen, vorn offenen, gesteppten Rock und ein über die Hosen gehendes Hemd, bunte Kappe, bunten Gürtel und hohe rindslederne Stiefel.

Wen Li Schan, Mandarin in Turfan

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Am nächsten Morgen kam mit großem Pomp Wönn la lauye, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Der alte Herr, dem das Gehen und besonders das Treppensteigen schwer fällt, war wieder sehr liebenswürdig. Natürlich interessierte er sich ganz außerordentlich für meine europäischen Sachen. Leider verstand ich ihn sehr schlecht, da er Südchinesisch spricht und nebenbei auch noch stottert. Er saß wohl über eine Stunde bei mir und fuhr dann ab, nicht ohne sich erkundigt zu haben, ob ich alles Notwendige bekommen hätte und ob ich nicht irgendeinen Wunsch hätte. Über Mittag schickte er mir wieder ein Diner, das mir sehr gut schmeckte. Nachmittags wanderte ich durch die Stadt, die auch in ihrem mohammedanischen Teil einen vollkommen chinesischen Eindruck macht, wenn nicht die anders gearteten Kostüme und die bärtigen Männer wären. Übrigens trägt man hier schon sehr viel den Turban. Im Innern zeigen die Häuser, die von außen wie chinesische Bauten aussehen, orientalischen Charakter, gewölbte Decken mit viereckigem Loch als Rauchfang, kein Fenster, oder nur ein ganz kleines vergittertes, Teppiche am Fußboden, die Feuerstelle mit dem Fußboden in gleicher Höhe und vor dem Feuer eine viereckige Vertiefung, von der aus geheizt wird und in welcher Kohlen und Holz aufbewahrt werden.

Waschende Türkin

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Als ich zurückkam, fand ich den Turfaner Yamenbeamten im Streit mit einem alten Schantu. Dieser hatte das Pferdefutter für mich zu liefern und behauptete, 40 Cash zu wenig erhalten zu haben. Der Mann vom Yamen wollte mich veranlassen, zu seinem Herrn zu gehen, um den Streit zu schlichten, in der Annahme, daß ich für ihn Partei nehmen würde. Mir fiel es aber gar nicht ein, mich in den Zank der Gesellschaft zu mischen. In diesem Augenblick kam ein junger Schantu dazu und sagte mir: "Der vom Yamen hat gestern drei Viertel deines Essens für einen Tael verkauft und das Brennholz gestohlen." Mir war sofort klar, daß er die Wahrheit sprach; ich drohte dem Beamten, wenn er nicht binnen kürzester Zeit die Sachen zur Stelle schaffe, würde ich zum Yamen gehen, wo sein Herr dann entscheiden solle, wer die Prügel zu bekommen habe. Das Holz kam umgehend zum Vorschein, das Essen war in einer halben Stunde da. Die Schantus waren nun doppelt liebenswürdig gegen mich, weil sie gesehen hatten, daß ich unparteiisch Recht sprach. Die Frau des Geschäftsführers brachte mir europäischen Zucker, also einen großen Luxusartikel, der Alte brachte mir Tee und der Junge bettelte so lange, bis ich ihm versprach, ihn für freie Station und 2 Taels in bar, also herzlich wenig, mit nach Kaschgar zu nehmen. Auch mein Chinese Djang tsche Tschang, der eigentlich nach Urumtschi (Chung Miautse) zu seiner Mutter wollte, entschloß sich, mich nach Kaschgar zu begleiten. Da er recht abgerissen aussah, schenkte ich ihm, praktisch damit sein Trinkgeld verbindend, für die letzten zwölf Tage 1 Tael und gab ihm 2 Taels Zuschuß, damit er sich anständig anziehen könne. Jetzt konnte ich mich doch mit meinen beiden Genossen als richtiger Lauye sehen lassen, denn ohne mindestens zwei Diener gilt hier in China ein Mensch gar nichts. Der Schantu hieß Emin, war gegen 18 Jahre alt, anscheinend aus besserer Familie und machte einen offenen Eindruck. Mein Chinese redete zwar etwas viel, war aber ehrlich; dafür konnte ich schon manche schlechte Eigenschaft mit in den Kauf nehmen.

Geschäftsführer und seine Frau Türken aus Turfan in meinem Gasthaus

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Dem armen Pony ging es dauernd schlechter, er hatte ausgesprochenen Verschlag, die Beine waren dick angelaufen, die Augen trieften und er hatte starke Kreuzschmerzen, dabei war er ganz stumpfsinnig und wollte nichts fressen. Für mich war das ein harter Schlag, daß der gute Dicke, der mich so treu bis hierher geschleppt hatte, nun mit einem Male versagte, denn er war mir sehr ans Herz gewachsen.

Ganz spät kam noch ein Brief vom Yamen, in dem ich für den 27. April zu einem kleinen Frühstück eingeladen wurde. Am nächsten Morgen spazierte ich also dorthin, nicht ahnend, daß man mir zu Ehren ein größeres Essen angeordnet hatte. Zuerst mußte ich warten, da der Mandarin sich noch nicht erhoben hatte. Unter üblichem Trommelwirbel stand er endlich auf. Nach einer weiteren Stunde des Wartens trommelte es zum zweiten Male, ein Zeichen, daß der Mandarin bereit sei, seine Gäste zu empfangen. Ich kam als erster an. Allmählich stellte sich eine ganze Anzahl von Chinesen aus der Haute volée Turfans ein. Wir bekamen zuerst Süßigkeiten und Mandelmilch, dann rauchte alles. Hierauf schlug die Trommel zum dritten Male und der erste Diener meldete, daß angerichtet sei. Übrigens war die sehr zahlreiche Dienerschaft nicht nur sehr gut angezogen, sondern auch vorzüglich geschult. Wir wurden zum Eßzimmer geleitet, wo uns ein Diner allerersten Ranges vorgesetzt wurde. Peinlich war mir, daß ich in meinem nichts weniger als salonfähigen Reisekostüm erschienen war, aber das ließ sich nun nicht mehr ändern und hinderte mich auch nicht, es mir recht gut schmecken zu lassen. Während des Essens erschien meine Stütze in seinem neuen Anzug und meldete, daß es dem Pony immer noch nicht besser gehe; zugleich fragte er an, ob wir nicht lieber erst morgen aufbrechen wollten, da es ohnedies sehr heiß sei; das Thermometer zeigte 37½ Grad. Ich bestellte den Karren auf abends, um die Nacht durchzumarschieren. Mein Chinese beging nun einen groben faux pas, indem er es sich in dem Eßzimmer in einem der Lehnstühle bequem machte. Da er auch noch Lust zeigte, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, schickte ich ihn sofort mit einem Auftrag nach Hause. Um 12 Uhr empfahl ich mich, nochmals für die vielen mir erwiesenen Aufmerksamkeiten dankend. Der Boden brannte mir unter den Füßen, des kranken Ponys halber. Zu Hause fand ich das arme Tier völlig teilnahmslos vor und überlegte schon, ob ich es nicht lieber erschießen sollte, denn verkauft hätte ich es in diesem Zustande keinesfalls. Aber man klammert sich ja auch bei kranken Tieren stets, wie der Ertrinkende an den Strohhalm, an die Hoffnung auf Besserung. Der Pony, der mich persönlich ganz genau kannte, nahm von mir etwas altes Brot und dann geschnittenes Stroh mit Kleie gemischt an, legte sich aber nicht hin, da er anscheinend Angst vor dem Aufstehen hatte.

Nachmittags ging ich zum Telegraphenamt, um nach Deutschland zu melden, daß ich noch am Leben sei; da ich den chinesischen Ausdruck für Telegraph nicht wußte, irrte ich erst eine Zeitlang umher, ohne ihn zu finden. Schließlich malte ich in einem Laden einem intelligenten Kaufmann denselben auf, er verstand auch sofort, wohin ich wollte, und bald waren wir an Ort und Stelle. Hier gab es nun einen ergötzlichen Auftritt. Zuerst war der Draht bei Karaschar gerissen; einem on dit zufolge soll er immer gerissen sein. Dann verstand kein Mensch europäische Schrift, und ich selbst beherrsche nicht soviel chinesische Schriftzeichen, um ein Telegramm aufsetzen zu können. Schließlich bequemte sich einer der Beamten doch dazu, notdürftig Englisch zu können. Nach Deutschland zu telegraphieren, war unmöglich; ich schrieb daher ein Telegramm nach Kaschgar an das russische General-Konsulat auf, in dem ich bat, das Telegramm an meinen Vater nach Deutschland weiter zu geben. Selbstverständlich bezahlte ich dafür, obwohl es sehr zweifelhaft war, ob es überhaupt abgehen, und ebenso ungewiß, ob es unverstümmelt in Kaschgar ankommen würde. Wie ich dann später in Kaschgar erfuhr, ist das Telegramm dort unverstümmelt angekommen und in der liebenswürdigsten Weise vom russischen General-Konsul Exzellenz Petrofsky nach der Heimat weitergegeben worden. Die Kosten waren nicht hoch, das ziemlich lange Telegramm kostete nur 1,89 Taels.

Zu Hause packte ich dann, lohnte meinen großen Stab von wirklich netten hilfsbereiten Jungen ab und bedachte auch die schöne Frau des Geschäftsführers, die mir den Zucker geschenkt hatte, mit 200 Cash Trinkgeld.

Derwisch in Tocktsun

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Mein Diener wanderte zum Yamen, um nochmals meinen Dank zu bestellen und zu melden, daß ich abmarschiere. Der Mandarin erwiderte dies sofort durch seinen Abgesandten mit der Visitenkarte des Beamten und dem Wunsche einer glücklichen Reise. Nach und nach trafen dann noch ein Begleiter vom Yamen, zwei Kavalleristen, sowie mit einem alten Schantumann vier Karrenponies, dieses Mal auffallend gute, ein. Der arme Dicke wurde hinten angebunden und unter allgemeinem Wunsche der Schantus für glückliche Reise ritt ich in die dunkle Nacht ab.

Vorbei an der Turfaner Neustadt, wo die Chinesen wohnen, ging es auf höchst übeln, in der Nacht doppelt unangenehmen Wegen nach Westen. Wir konnten die Pferde, wenigstens solange es durch angebaute Gegend ging, nicht führen, da uns die Hunde von allen Seiten wie toll anfielen. Bald wurde es empfindlich kalt, nach der hohen Tageshitze doppelt unangenehm. Mir schien, als habe ich noch nie eine so lange Nacht erlebt; ich fror wie ein Schneider und war froh, als wir morgens gegen 8 Uhr die ersten Häuser von Tocktsun erblickten. Merkwürdig gut bekam dem Dicken der lange Marsch; er entwickelte morgens einen gewaltigen Appetit und legte sich nach dem Fressen hin, um famos zu schlafen. Ich war ganz glücklich darüber, daß das Tier durchgekommen war. Diese Ponies sind ein ganz merkwürdig zäher Schlag Tiere, ich glaube, ein Pferd wäre sicher dabei eingegangen.

Tocktsun ist ein Städtchen mit gemischter Bevölkerung, es hat eine Kavallerie-Garnison von 80 Mann. Emin hatte schon heute Heimweh und wollte wieder zurück. Natürlich dachte ich nicht daran, ihn wegzulassen, ohne daß er das Geld, das ich ihm dummerweise als Vorschuß bezahlt hatte, wieder herausgab. Als ich ihm drohte, ihn sofort zum Yamen zu schicken, heulte er mir etwas längeres vor, doch ließ ich mich dadurch gar nicht rühren, sondern entschied, daß er weiter mitgehen müsse. Die Chinesen meinten, er sei eben noch ein Kind, dabei war der Bengel 18 Jahre alt und einen vollen Kopf größer als ich.

Bei empfindlicher Kälte ritten wir am 29. April morgens 4 Uhr ab, zuerst durch steinige Ebene bis an einen Gebirgszug, der den Weg kreuzt. Ich trabte mit meinem Yamenbegleiter und den Kavalleristen voraus. Wir passierten am Anfang der Berge eine der einsamen Poststationen, dann waren wir zwischen fast senkrechten, sehr hohen Felswänden. Der Boden der Schlucht war äußerst steinig, außerdem ging es die ersten 15 Kilometer dauernd in einem Bachbett entlang. Die Berge sind gänzlich vegetationslos, die nördlichen Wände an flacheren Stellen teilweise mit übergewehtem Wüstensande bedeckt. Einmal sahen wir eine vereinzelte Wildente. Wir marschierten unaufhörlich, die Schlucht nahm kein Ende. Die Sonne brannte glühend heiß herunter, das Thermometer zeigte plus 49 Grad; nirgends fand man ein bißchen Schatten. Die Pferde ließen bedenklich die Köpfe hängen und der arme Dicke mußte schon getrieben werden. Zuweilen trafen wir größere Eselherden, die als Lasttiere für Waren benutzt werden. Der Esel kostet hier nur einen Tael, sehr gute bis 3 Taels. Merkwürdig ist, daß große Herden von ungefähr 100 Stück nur von einem einzigen Manne geleitet werden. Ich sah in den Eselkarawanen nur Hengste. Einmal passierten wir eine Karre ohne Bespannung, die Tiere hatten versagt und der Führer war mit sämtlichen Tieren vorausgeritten, um sie zu tränken. Gegen ein Uhr erreichten wir die ersehnte Tränke. Aus einer hundert und mehr Meter hohen Felswand kam an einer porös aussehenden Stelle klares Quellwasser heraus. Es war nicht viel, aber trotzdem lagerten an dieser Stelle Hunderte von Eseln, viele Karren und eine Menge Reisende auf Pferden; es war ein hübsches buntes Bild. Was jedoch noch angenehmer in unsern Ohren klang, war, daß unser heutiges Ziel, die Poststation Orwulac, nicht mehr fern sein sollte. Um 1½ Uhr waren wir zur Stelle. An einer Erweiterung der Schlucht lag eine Häusergruppe, bestehend aus dem Posthause und dem Gung Kwan, dem Rasthause für mit Regierungspaß versehene Reisende. Man findet diese Einrichtung in den meisten größeren Städten, auf den Zwischenstationen seltener, und eigentlich braucht man hier nichts zu bezahlen. Diesen Gung Kwan hatte der kommandierende Offizier aus Karaschar mit seiner Sippschaft ganz mit Beschlag belegt. Ich zog trotzdem mit meinen Tieren in den noch leeren Stall, aus dem mich seine Herrlichkeit sofort wieder herausbefördern wollte. Da er nicht sehr höflich war, wurde ich grob; seine Leute sprangen ein und belehrten mich, daß ich einen Ta-jen (Exzellenz) vor mir hätte. Hierauf erklärte ich, das treffe sich ausgezeichnet, denn auch ich sei ein deutscher Ta-jen; im übrigen würde jeder, der meine Pferde auch nur anfasse, sofort von mir höchst persönlich Hiebe besehen; natürlich wagte keiner mehr, etwas zu sagen. Später zog ich selbst um, weil ich einen noch besseren Stall fand; für die Menschen aber war durchaus kein Unterkommen zu finden. Inzwischen verging Stunde auf Stunde und die Karre kam nicht. Meine armen Tiere waren ganz verhungert; sowie sich nur ein Mensch sehen ließ, wieherte die Stute, in der Hoffnung, er bringe Fressen. Ich legte mich hin und schlief mit dem Sattel als Kopfkissen bald ein. Endlich um 9 Uhr langte die Karre an; die Tiere hatten unterwegs in der Hitze versagt. Nun bekamen die Pferde Futter und auch wir etwas zu essen. Übrigens war der alte Schantu, den mir der Yamen Turfan mitgegeben hatte, rührend gut zu mir. Er suchte mich immer zu trösten, teilte redlich sein bißchen Stroh und sein Brot mit mir und trieb von irgendwo noch Tee und heißes Wasser auf. Der alte Mann verdient wirklich einen Ehrenplatz in meinem Reiseberichte, denn auch weiterhin sorgte er stets für mich, ehe er irgendwie an sich selbst dachte.

Der Verkehr war hier sehr stark, es war gerade Reisezeit. Die ganze Nacht über hörte das Kommen und Gehen von Menschen, Karren usw. nicht auf. Mehrfach wurde mir zu meinem nicht geringen Ärger von Unterkunft Suchenden ins Gesicht geleuchtet, obwohl meine kümmerliche Schlafstelle in der Stallecke keineswegs mit einem Zimmer in der ersten Etage des Berliner Zentralhotels zu vergleichen war. Natürlich konnte sich jedesmal der Betreffende von dem Anblick des schlafenden fremden Teufels nicht trennen, dazu kam noch das Geschrei der unzähligen Esel, es war eine recht herzerquickende Nacht!

Auch am 30. April ritt ich voraus. Es ging noch ein Stück in der Schlucht weiter, die einmal durch einen enormen Felssturz ein ganzes Stück lang verschüttet war. Man sieht noch die Spuren des alten Weges; der neue windet sich jetzt zwischen den abgestürzten Blöcken hindurch. Das Tal erweitert sich, und nach 40 Kilometer Marsch hatten wir die Ebene vor uns, in der man in der Ferne wiederum hohe Berge sah. Auffallend viele Tierkadaver lagen am Wege, ein Zeichen, wie schwer es die armen Tiere hier in dem tiefen, steinigen Sande haben. Es war wieder glühend heiß, plus 50 Grad C; um ein Uhr waren wir in Kümmisch, einem kleinen Dorf mit ganz gemischter Bevölkerung, wo Schantus, Dunganen und Bekenner der konfuzianischen Lehre bunt durcheinander wohnen. Ich fragte, ob hier Mischheiraten vorkämen, was mit Entrüstung von allen Seiten zurückgewiesen wurde. Kaum zwei Wochen weiter, konnte ich mich wiederholt von dem Gegenteil überzeugen, alles heiratete lustig durcheinander. Mein Schantudiener wollte nicht mehr mit dem Chinesen in einem Zimmer schlafen, natürlich nur, um mir Schwierigkeiten zu machen. Letzterer erwies sich als ein sehr brauchbarer Diener, während der andere ein bäuerischer und noch dazu ganz kindischer Mensch war. Die Chinesen haben hier an einem Bergabhang eine schöne große Quelle, die in ein Becken fließt; letzteres ist vollkommen verschlammt und morastig, und das überfließende Wasser ist infolgedessen gar nicht mehr genießbar. Trotzdem denkt kein Mensch daran, das ganz flache Becken einmal zu reinigen.

Poststation im Gebirge vor Kümmisch

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

1. Mai. Unsere heutige Tagesleistung betrug 70 Kilometer. Wir marschierten wieder ganz früh ab; ich ritt voraus, um auf Antilopen zu pirschen, sah jedoch nur einmal solche ganz in der Ferne. Bald befanden wir uns in den Bergen, die aber nicht so hoch und steil waren wie die letzten. Nach 45 Kilometer Marsch erreichten wir Kara Kysyl, das die Chinesen Lu-fu-gu nennen; auf den Karten ist ein Flecken gezeichnet, in Wirklichkeit ist es nur ein großes Gehöft in einer Talerweiterung. Das Gasthaus war gestopft voll, ich zählte allein über 100 Ponies, ohne die Maultiere und Esel. Der Geschäftsführer des Gasthauses wollte mit meinem Karren einige Kisten nach Karaschar mitsenden, was ich jedoch untersagte, da ich kein Mietskutscher sei. Am Nachmittag schlief ich etwas Vorrat, da wir die Nacht durch marschieren wollten. Dann ging es weiter in die nur schwach vom zunehmenden Monde erleuchtete Nacht. Der Weg war gut und im schlanken Trab kamen wir schnell vorwärts. Um 11,45 Uhr hatten wir bereits 45 Kilometer hinter uns und waren an einer Poststation, in der noch Licht brannte. Nach längerem Klopfen wurde uns geöffnet und wir bekamen von dem natürlich eifrig Opium rauchenden Beamten sehr guten Tee vorgesetzt. In keiner der vielen Poststationen, die ich passierte, habe ich einen Beamten getroffen, der nicht rauchte. Der Weg blieb auch weiterhin gut und hell genug, obwohl der Mond verschwand. Einmal sahen wir in der Dunkelheit einen Fuchs, dessen Körper phosphoreszierte, so daß wir zuerst glaubten, es sei ein Licht.

In der Herberge Kara Kysyl

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Um 4½ Uhr morgens waren wir in Usch Dalla und kamen leidlich gut unter. Mein Pferd war trotz der gewaltigen Anstrengung nicht sehr müde; wir hatten innerhalb der letzten 24 Stunden 270 Li, etwa 135 km, zurückgelegt. Vier Stunden später traf die Karre ein; meine Leute hatten mehrfach Antilopen gesehen, die uns in der Dunkelheit entgangen waren. Unangenehm bemerkbar machten sich jetzt schon die vielen Fliegen, besonders die Stute war sehr empfindlich dagegen und schüttelte den ganzen Weg über den Kopf; übrigens ging sie jetzt ganz vorzüglich und von dem alten Widerristdruck war gar nichts mehr zu merken; auch der gute Dicke befand sich wohler, so daß ich daran denken konnte, ihn in einigen Tagen wieder zu reiten.

Kara Kysyl Pferdefüttern mittels eines zwischen zwei Karren gebundenen Sackes

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Am nächsten Morgen merkte man den Tieren doch etwas den langen Marsch an. Emin stand wieder einmal nicht auf und machte damit sein Maß voll. Ich ärgerte mich dabei noch weniger über ihn, als über mich selbst, daß ich mich so hatte über die Ohren barbieren lassen. Schon morgens war es drückend schwül. Es ging durch Steppe, die viele sumpfige Stellen aufwies und teilweise mit Bäumen bestanden ist. Ich war recht froh, als wir um 12 Uhr in Tsching sui choa anlangten, einem Nest mit schlechtem Gasthause. Emin bekümmerte sich, wie üblich, um nichts und da er außerdem, anstatt mein Essen zu besorgen, ausging, riß mein Geduldsfaden und er ward entlassen. Zur Strafe nahm ich ihm die für mein Geld gekauften Decken weg und gab sie meinem chinesischen Diener. Merkwürdig war nun zu beobachten, wie sich sofort zwei Lager bildeten, die den Vorgang besprachen. Die einen meinten, ich täte ganz recht, da der Bengel faul und schmutzig wäre, die andern erklärten, es sei unrecht, so ein Kind hier hilflos auszusetzen. Ein alter Kavallerist bat mich, Emin wenigstens noch bis Karaschar mitzunehmen, aber als ich ihm vorschlug, sein Pferd zu diesem Zweck herzugeben, zog er doch lachend ab. Im Laufe des Abends erschien Emin noch ein paar Mal, um ein Trinkgeld zu erbetteln, jedoch ohne Erfolg.

Rasthaus in der Steppe vor Karaschar

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Die Stute hatte leider hinten rechts eine angelaufene Sehnenscheide; wahrscheinlich infolge von Überanstrengung. Durch sumpfige Gegend, in der wir auffallend viel graue, unsern Ringelnattern gleichende Schlangen sahen, von denen die Chinesen behaupten, sie seien sehr giftig, zogen wir weiter. Die Bauern hatten hier zur Überschwemmung ihrer wenigen Felder wieder einmal die Wege als Wasserleitung benutzt, so daß man gezwungen war, stets abseits im Sumpfe zu reiten. Infolgedessen verloren meine Tiere mehrere Eisen. Die Gegend hatte auffallend viel Wasserwild.

Mehrfach kamen wir an Filzjurten der Mongolen vorbei. Hier residieren zwei Fürsten, denen auch die großen, hier weidenden Pferdeherden gehören. Diese Gegend stellt hauptsächlich den Pferdebedarf bis Schansi, von dort ab findet man den nordmongolischen Pony wieder häufiger vertreten. Der hiesige Pony hat mehr Exterieur als der nordmongolische; er erinnert in seinem ganzen Bau mehr an unser Pferd, zeigt also ein edleres Gepräge als unser alter Freund aus dem Norden. Er hat einen feineren Kopf und längeren Hals, Schopf, Mähne und Schweif sind sehr stark; letzterer reicht bis auf die Erde, und gelegentlich findet man auch ebenso lange Mähnen. Die Farben sind genau so bunt, wie die der nordmongolischen Ponies. Die Tiere werden im allgemeinen gut gehalten, verhältnismäßig selten findet man gedrückte oder lahme; der Preis ist erheblich niedriger als im Osten. Ein leidlich guter Pony mittlerer Klasse kostet zwischen 18 und 25 Taels, aber auch für 10 bis 15 Taels kann man schon einen ganz annehmbaren bekommen.

Das sogenannte Ili-ma also im Kreise Ili gezogene Pferd, das sich nur durch besondere Größe auszeichnet, gefiel mir weniger, da die beim Pony nun einmal vorhandenen häßlichen Points infolge der Größe beim Pferde mehr hervortreten. Besonders der unverhältnismäßig große Kopf fällt auf. Maultiere kommen hier weniger vor.

Gegen Mittag näherten wir uns Karaschar; das eigentlich mitten im Sumpfe liegt. Meine beiden Begleiter baten mich, doch das große Pferd zu reiten, was ich ihnen zu Gefallen denn auch tat; natürlich machte es bei der Bevölkerung sehr viel Eindruck. Die Stadt an sich ist nicht groß und war fast vollkommen verlassen. Ganze Häuserreihen standen leer; das infolge des sumpfigen Untergrundes herrschende Fieber hatte die Leute vertrieben. Wir ritten zuerst in die südliche und dann in die westliche Vorstadt, in denen sich das Hauptleben abspielt. Alle Gasthäuser waren überfüllt oder die Leute wollten mich nicht aufnehmen, und dazu herrschte eine schreckliche Hitze; doch ich hatte in China schon Geduld gelernt und suchte ruhig weiter. Sowie man nämlich heftig wird oder zu schimpfen anfängt, ist es vorbei und man bekommt überhaupt kein Quartier. Schließlich hatten wir alle vorhandenen Herbergen abgeklappert und kamen zum Ausgangspunkt zurück. Dort war in einem großen Gasthofe gerade ein Zimmer frei geworden, das ich sofort mit Beschlag belegte. Zwei chinesische Lauyes mit ihrem gesamten Gesinde hatten alles übrige besetzt; der eine kam von Urumtschi (Chung Miauts) der andere aus Aksu. Mein Diener mußte sofort ausgehen und sich noch einige Sachen kaufen, um im Yamen anständig auftreten zu können. Ich besorgte unterdessen, von etwa hundert Zuschauern umgeben, in Hemdsärmeln die Pferde. Der Lauye aus Aksu kam, um mich zu besuchen, und konnte sich nicht genug wundern, daß ich diese Arbeit selbst verrichtete, obwohl ich doch auch ein Lauye sei. Er begriff nicht, daß es mir viel wichtiger war, meine Tiere nicht unversorgt zu lassen, als was die Leute über mich dächten. Bald erschien einer vom Yamen und brachte Mais und Stroh als Pferdefutter. Gegen 4 Uhr kam auch Dschang zurück; es hatte zwar etwas lange gedauert, aber er war wirklich, nach chinesischen Dienerbegriffen, tadellos angezogen, was mich 3 Taels kostete. Er wanderte gleich zum Yamen, um meinen Besuch dort anzumelden. Ich aß einen Bissen Brot und einige Eier, sattelte dann, zog mich um und ritt auf dem großen Pferde, mit meinem Turfaner Begleiter als Vorreiter und dem guten Dicken blank hinterher, zum Yamen. Die Wirkung war die gewünschte, bei meiner Ankunft wurde ich mit drei Böllerschüssen empfangen und die große Mitteltür wurde geöffnet. Mein Diener war besser angezogen, als die ganze Yamengesellschaft, was ich mit Genugtuung feststellte. Ich tauschte mit dem Mandarin die üblichen Redensarten aus und zog mich dann zurück, erhielt wieder meine drei Böllerschüsse und ritt auf meiner Stute stolz an der gesamten aufmarschierten Yamengesellschaft vorbei, während die Stute einen großen Köter, der sie hinten in die Beine biß, ebenso wie die Böller mit Verachtung strafte.

Mandarin in Karaschar

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Im Gasthaus machte ich dem Mandarin aus Aksu meinen Gegenbesuch. Er schien ein Lebemann zu sein, denn das einzige, was ihn interessierte und wonach er sich sofort sehr eingehend erkundigte, waren die Verhältnisse der Demimonde in Europa. Während wir uns unterhielten, kam der Ortsmandarin, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Die Sache verlief wie üblich; ich zeigte ihm meine Waffen, das Fernglas, den photographischen Apparat und die Landkarte, was denn auch meist genügt. Er lud mich für morgen früh zum Essen ein, was ich dankend annahm. Abends engagierte ich dann noch einen zweiten Chinesen, einen gewesenen Kavalleristen, als Diener für 4 Taels monatlich. Nach dem Abendessen besuchte mich wieder der Mandarin aus Aksu. Am 5. Mai früh bekam ich ein schönes heißes Bad, während ich sonst immer mit einem kalten Bade vorlieb nehmen mußte. Der Yamen hatte mir Leute geschickt für sogenannte kleine Arbeit; ich verteilte diese und ritt um 7½ Uhr mit Vor- und Nachreiter und mit einem Begleiter vom Yamen zu dem Mandarin zum Frühstück. Der Empfang war wie gestern, dann gab es ein verhältnismäßig kurzes Essen, zu dem außer mir noch sechs Personen geladen waren. Der Mandarin mußte sich in mein Fremdenbuch eintragen, ich photographierte ihn und ging dann zurück in die Stadt, in der ich einige Besorgungen erledigte. Mir fiel hierbei ein alter Mann auf, den ich nach seinem Alter fragte. Er war 98 Jahre alt, hatte noch alle Zähne im Munde und ging aufrecht und stolz wie ein Dreißigjähriger.

Karaschar — Mongole

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Die Leute hier waren alle sehr freundlich. Ich hörte mehrmals die Bemerkung fallen: "Dieser Europäer ist sehr friedfertig"; mir schien das ein schlechtes Licht auf meine Vorgänger zu werfen. Über Mittag schickte der Yamen einen Diener. Ich mußte meinem neuen Diener seine sämtlichen Sachen aus dem Leihhause auslösen; das war wieder ein schöner Reinfall für mich! Im ganzen kostete mich der Scherz 3 Taels; von jetzt ab mußte er aber seine Sachen in meinem Zimmer deponieren, sonst wäre er wohl bald mit samt den Sachen auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Karaschar hat ganz gemischte Bevölkerung. In der Umgegend leben sehr viele Mongolen, die von den Chinesen "Dase" genannt werden; ob dies ein Spottname ist, konnte ich nicht feststellen, jedenfalls werden die Mongolen nicht nur von den Chinesen und Türken gründlich ausgebeutet, sondern auch überall verhöhnt. Die Stadt liegt am Chai du gol, dessen schmutziges, ganz trübes Wasser die Tiere merkwürdig gern saufen. Das Brunnenwasser ist überall schlecht. Die große Stute hatte ein stark entzündetes Auge und auch die Sehnenscheidenentzündung hatte sich noch nicht gebessert, so daß ich noch einen Ruhetag zugab, der auch dem Dicken, der sich sonst gut aufführte, sehr zu gute kam.

Mandarin mit Familie

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Für den folgenden Tag mietete ich mir Ponies zur Antilopenjagd, und beschloß, einem der Mongolenfürsten einen Besuch zu machen. Wir ritten mit meinem Turfaner Yamenbegleiter und zwei Kavalleristen am 6. Mai ganz früh los, ich auf einem ganz netten Paßgänger-Schimmel, in nördlicher Richtung hinaus in die Steppe. Nach 20 Kilometer hatten wir die ersten mongolischen Jurten vor uns, deren große, schöne Hunde uns sofort wütend anfielen. Die Hunde wurden festgehalten und wir fanden bei den Mongolen freundlichste Aufnahme. Ihre Jurten sind rund und mit Filzdecken belegt, die Tür ist ungefähr einen Meter hoch und drei Viertelmeter breit. Von dem etwa drei Fuß hohen, gitterförmigen Rand laufen aufwärts zu einem Reifen von ungefähr einem Meter Durchmesser Stäbe zusammen, die das Dach bilden. Die Öffnung hat einen Windschutz; in der Mitte des Zeltes steht auf einem Dreifuß ein großer Kessel; das Feuer wird mit Kamelmist genährt. An den Wänden hängen die Gebrauchsgegenstände, und unten sind die Filzdecken und die Pelze wie eine Bank zusammengelegt. Gegenüber der Tür sieht man einen Altar mit Räuchergefäßen, auf dem kleine Metallbecken stehen; in diesen befindet sich Fett. Ich bekam sofort Milch vorgesetzt, ferner Milchtee und in kleinen Holzgefäßen Mehl in Tee aufgeweicht. Ein Kavallerist diente als Dolmetscher. Als wir abritten, mußten wiederum alle Hunde festgehalten werden; sie sind dunkelfarbig, so groß wie unsere Schäferhunde und gehen rücksichtslos auf jeden Fremden los.

Straßenbild aus Karaschar

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Mitten im hohen Grase fanden wir weiter nördlich ein menschliches Skelett, von der merkwürdigen Bestattungsart der Mongolen herrührend. Diese überlassen ihre Toten einfach den wilden Tieren in der Steppe Einmal sahen wir flüchtige Antilopen, sonst bemerkten wir nur große Herden von Ziegen, Schafen, Pferden, Rindvieh und Kamelen. Überall sah man die runden Jurten noch gerade über das hohe Gras hinwegragen.

Nach weiteren 25 Kilometern kamen wir an ein Dorf, an dessen Eingang ein gefallenes Maultier von Hunden herumgezerrt wurde. Das Dorf beherbergt einige Kaufleute, Schantus und Chinesen, die die Mongolen ordentlich übers Ohr hauen.

Wir wandten uns nach Westen und waren nach etwa vier Kilometern am Lauwang-fu, dem Yamen des mongolischen Fürsten, der sich jedoch nicht zu Hause befand, sondern mit seinen sämtlichen Leuten und Herden nördlich in den Bergen frisches Weideland bezogen hatte. Wahrscheinlich bewohnt er auch dort nur eine Jurte. Der im chinesischen Stil groß angelegte Yamen war unglaublich verwahrlost; überall nisteten Scharen von Tauben, nicht eine einzige Wand stand gerade, fast alle waren eingefallen oder im Einfallen begriffen. Die Räume waren meist leer, nur einige Prunkgemächer waren eingerichtet; es standen aber Karren, Geschirre usw. darin. Einige Mongolen als Wache hatten in einem der Höfe ihre Jurten aufgeschlagen. Wir bekamen wieder Milch und Tee vorgesetzt. In einem neu erbauten Tempel schien sich eine Art Druckerei zu befinden, wenigstens sah ich eine Unmenge von Holzclichés, mit denen die bekannten Tempelfahnenbilder hergestellt werden. Auf dem Rückweg veranstaltete einer der Kavalleristen ein Privatwettrennen mit einem Kamelreiter; das Kamel erwies sich als schneller.

Karaschar — Schuster

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Wir futterten im Dorf ab, und ich ging dann voraus, um noch auf Antilopen zu pirschen. Da sich die Sonne inzwischen hinter Wolken verkrochen hatte und ich ohne Kompaß war, machte es mir große Mühe, die Richtung zu halten. Ich erinnerte mich, beim Herausreiten an einem Hügel vorbeigekommen zu sein, auf dem drei Bäume standen. Diesen Hügel fand ich mit dem Zeiß wieder und steuerte darauf los. Später traf ich noch einen mongolischen Hirten, der mich zurechtwies. Da keiner die Sprache des andern verstand, war die Unterhaltung ziemlich spaßig. Ich sagte: "Karaschar", woraufhin er einen großen Sprung vorwärts machte und dann zischend eine Linie auf der Erde zog. Ich mußte also ein Wasser überschreiten. Große Freude seitens des Mongolen, als ich begriffen hatte. Mehrfach fielen mich noch die großen Hunde an; ich mußte jedesmal mit schußfertigem Karabiner warten, bis sie abgerufen wurden, denn nur über ihre Leiche hätte der Weg weitergeführt, und unnötig wollte ich den Mongolen ihre treuen Wächter nicht wegschießen.

Ich passierte den Bach und hatte bald einen befahrenen Weg vor mir, der nach Süden führte. Es regnete leise. Endlich war ich bei unsern ersten Mongolen, die mich sehr freundlich bewillkommneten. Alles suchte mich schon; der Schantu war bereits vorausgeritten, um die Kavallerie in Karaschar zum Suchen zu requirieren. Allmählich stellten sich die beiden Kavalleristen ein und wir ritten heimwärts; es war die höchste Zeit, da meine Pferde vor Müdigkeit zusammenzubrechen drohten. Gegen neun Uhr kamen wir ins Gasthaus, wo auch schon über mein langes Ausbleiben große Aufregung herrschte. Der Mandarin hatte bereits die ganze Schwadron alarmiert, und diese war gerade aufgebrochen, um nach mir zu fahnden, als die Nachricht von meiner Rückkunft eintraf.

Türken in Kurla

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Bei glühender Hitze marschierten wir am 7. Mai früh ab. Mittels Fähre ging es über den Chai du gol und dann in die Steppe, an deren Anfang gerade ein Mongolendorf lag. Die Stute lief weg und mitten in eine große weidende Pferdeherde hinein. Die Mutterstuten schlossen sich sofort zum Kreise zusammen und nahmen die Füllen in die Mitte. Der Leithengst griff die Stute an und biß ihr einen großen Fetzen Fleisch in der Sattellage heraus. Gegen Mittag wurde die Hitze immer schlimmer, wir hatten um ein Uhr 55 Grad Celsius. Um 3 Uhr löste sich die Schwüle und es trat Staubsturm ein. Am Nachmittag gelangten wir in Felsberge und marschierten dem Kurla-gol entlang, der hier als reißender Gebirgsstrom das Gebirge durchbricht. Wir machten bei einem Kaufmann, der unterwegs sein Zelt aufgeschlagen hatte, kurze Rast und bekamen Milch, Tee und Brot.

Um 6 Uhr abends gelangten wir nach einem Marsch von 70 Kilometer nach Kurla, wo wir ganz gut unterkamen. Der Bek des Ortes schickte mir Pferdefutter. In meinem Gasthaus hatten sich zwei Damen der Demimonde etabliert. Ich ahnte zuerst gar nicht, wen ich vor mir hatte, und sagte zu einem neben mir stehenden Chinesen: "Was habt ihr hier für hübsche Frauen," woraufhin er nur kurz antwortete: "Einen Tael". Da wußte ich genug. Den ganzen Abend über hörte ich ihren Gesang zur Mandoline. Sie schienen gar nicht abgeneigt, mit mir Freundschaft zu schließen, aber sowie ich nur hinsah, hatte ich sofort eine ganze Herde von Neugierigen um mich herum.

Die Pferde waren am 8. Mai morgens von dem gestrigen Marsch in der Hitze und über die felsigen Wege derartig ermüdet, daß ich beschloß, erst am Abend aufzubrechen, um so mehr, da wir einen Marsch von 90 Kilometer vor uns hatten. Es war schon um vier Uhr morgens so schwül, daß man nicht mehr schlafen konnte. Im Laufe des Vormittags erhielt ich Besuch von den beiden Mädchen, die vor Neugierde fast umkamen, meine europäischen Sachen zu sehen. Heute war hier Basartag; ich mischte mich mitten in die Volksmenge auf den Straßen. Was war das für ein buntes Treiben! Dazu die farbigen Kostüme beider Geschlechter, es gab wirklich ein hübsches Bild. Wie bei uns auf den Jahrmärkten schreit alles durcheinander, seine Waren anpreisend. Man sieht sehr viel Bettler, die, meist zu dreien, singend um eine Gabe betteln. Sie begleiten ihren Gesang mit der Gitarre und einer Klapper; diese besteht aus einem Stock mit einem großen Ring, an dem mehrere kleine Ringe hängen. Hauptsächlich werden Eßwaren, Kattune, Obst, Fleisch, Mützen, Stiefel und Süßigkeiten feilgeboten. Mitten durch die Stadt fließt der Chro-ma-gol, in dem die gesamte Stadtjugend badet. Der Fluß hat ganz klares, durchsichtiges Wasser, das sehr kalt ist.

Ich besuchte eine Kwantse, d. h. ein Restaurant, in dem zwei Gitarrespieler und ein Tamburinschläger Musik machten. Drei hübsche, junge Schantumädchen forderten mich gleich auf, Platz zu nehmen. Es gab Früchte wie getrocknete Weinbeeren, Lotoskerne, Mandeln, dann Tee und Reiswein, der dem Mohammedaner anscheinend nicht als Wein gilt. Eines der Mädchen führte zur Musik einen aus einzelnen Pas bestehenden graziösen Tanz auf, der jedesmal in einer Pose wie beim Bauchtanz, mit der Front nach irgendeinem der Anwesenden, endigte. Ich kam zuerst an die Reihe; man rief mir von allen Seiten zu: "Cü lai, cü lai" (steh auf, steh auf), was ich denn auch tat. Einer nach dem andern kam nun daran und erhob sich mit einer Verbeugung gegen das Mädchen. Ich gab für die Musik und für die Tänzerinnen Geld und kehrte dann in meinen Gasthof zurück. Bald darauf erschien ein Chinese bei mir und forderte mich auf, in sein Zimmer zu kommen, er habe dort etwas für mich. Richtig war es die hübsche Tänzerin, die sie herbeigebracht hatten, in der Hoffnung, sich einen Kupplerlohn zu verdienen. Ich ließ mich jedoch nicht erbitten; das Mädchen fühlte sich verschmäht und weinte, aber ich konnte ihr nicht helfen.

Melkende Frau

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Um 6 Uhr, das Thermometer zeigte immer noch plus 31 Grad, marschierten wir ab. Zuerst durch Kurla mit allen seinen hübschen kleinen Gärten, dann an den Bergen entlang. Nach 40 Li machten wir kurze Rast in einem einzelnen Gasthause; nach 110 Li ebenso in einem Posthause, in dem eine einzelne Schantufrau waltete; sie kochte uns Tee und Eier. Ich war todmüde und schlief auf dem Lager der Frau eine halbe Stunde vorzüglich. Gegen 8 Uhr morgens — es war schon wieder drückend schwül und die Tiere infolgedessen sehr müde — langten wir endlich in Tschot Wu an. Wir hatten einen Marsch von 90 Kilometer hinter uns. Der uns begleitende Mann vom Yamen war ein Schantu, der jedoch, als bei einer chinesischen Behörde Angestellter, vollkommen als Chinese angezogen war. Er hatte das Gesicht ganz und den Kopf halb rasiert und trug nach chinesischer Sitte einen Zopf, so daß ich den Unterschied tatsächlich nicht bemerkt haben würde, wenn mein Diener mich nicht darauf aufmerksam gemacht hätte.

Gegen Mitternacht vom 9. zum 10. Mai brachen wir bei Vollmond wieder auf. Wenn die Saaten bei den Dörfern hoch sind, soll es hier massenhaft Wildschweine geben, jetzt waren leider keine da; sonst durchquerten wir nur reichlich mit Bäumen bestandene Steppe. Um 9 Uhr erreichten wir Hsia-jen-kou, wo wir gut unterkamen und ich die Pferde baden ließ. Der eine der mich begleitenden Kavalleristen bot mir fortwährend seinen hübschen Schimmel zum Kauf an, doch sollte ich 35 Taels geben, was mir zu viel war. Um 7 Uhr abends ritten wir weiter, durch angebaute Gegend. In einem der Dörfer hing ein menschlicher Kopf am Wege; meine Leute hielten sich lange darüber auf; man ist es hier weniger gewöhnt, die Köpfe so schnell fallen zu sehen, wie im Osten. Für die Gasthäuser war jetzt schlechte Zeit, da die Reisenden alle im Freien schliefen und die Pferde einfach grasen ließen. Fast alle Häuser haben in dieser Gegend an der Außenfront Kangs; wenn es noch heißer wird, schläft alles draußen. Am 11. Mai, bald nach Sonnenaufgang, waren war in Yang Hsa. Sämtliche Gasthäuser hatte der aus Kaschgar kommende Taotai belegt; dabei wußte kein Mensch, ob er selbst überhaupt kommen würde. Ich mußte mich mit einer ziemlich übeln Bude begnügen; dafür erschien bald der Ortsvorsteher, ein Türke, um sich bei mir zu entschuldigen, daß kein besseres Quartier vorhanden sei; brachte auch gleich Mais, Stroh, Heu und Eier als Geschenk mit, was ich sehr anerkannte.

Kavallerist in Bugur, dessen Pony ich später kaufte

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Eine große Unannehmlichkeit, unter der ich hier litt, waren die Läuse, von denen ich mich nie ganz freizuhalten vermochte. Trotzdem ich Tag für Tag badete und so sauber wie nur irgend möglich war, verging kaum ein Tag, wo ich nicht eines dieser widerlichen Tiere fing. So lange ich im eigentlichen China war, geschah dies nicht, was eigentlich für die so oft angezweifelte Reinlichkeit der Chinesen spricht.

Den ganzen Nachmittag kamen Leute, die mich um meinen ärztlichen Rat baten. Die meisten litten an einer Augenentzündung, die sich besonders in eiternden Tränendrüsen äußerte. Die ersten, die ankamen, wusch ich mit einer ganz leichten Sublimatlösung sauber aus. Kaum hatten die Leute nur die Sublimat-Pastillen gesehen, als jeder etwas von der wertvollen Medizin haben wollte. Natürlich muß der Europäer Sachen haben, die gegen jeden Schaden helfen. Dieses blinde Vertrauen zu einem Europäer, wie zu einem höherstehenden Wesen, das in jedem Falle helfen kann, obwohl ich persönlich mehr als tausend Mal erklärt habe, daß ich nicht Arzt sei, ist einfach lächerlich. Ich konnte nur peinliches Reinhalten und Kühlen mit kaltem Wasser empfehlen, da ich selbst nichts an Arzneien hatte, ein Rat, der ungefährlich war und vielleicht auch half.

Gegen 8 Uhr abends marschierten wir weiter. Die Straße war mit hohen Bäumen dicht eingefaßt, man ritt wie in einer Laube. Um 4 Uhr morgens waren wir in Bugur, in dessen Gasthaus meine Stube wiederum von Kranken, besonders von Weibern, gestürmt wurde. Mein Kavallerist lag mir dauernd mit seinem Pony in den Ohren, bis ich schließlich das hübsche Tier für 22 Taels kaufte. Es erwies sich als etwas stolprig und scheute vor jeder Kleinigkeit, war also wohl ein Blender.

Bugur

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13. Mai. Ich ritt, wie stets, voraus und war schon gegen 2 Uhr am Ziel in Arbatai, wo ich bald mit dem Sattel unterm Kopf fest schlief. Man lernt das sehr schnell: Tag für Tag schlief ich die Hälfte meiner Ruhezeit, nämlich bis die Karre kam, auf den harten Steinen ohne jede Bequemlichkeit und gewöhnte mich vollkommen daran. Der folgende Tag war wohl der bisher schwülste, und es war unmöglich, den Tag über zu schlafen. Als wir um 5 Uhr nachmittags abmarschierten, brach denn auch der Staubsturm los, legte sich aber gegen 9 Uhr wieder. Um 1 Uhr hatten wir nach sehr scharfem Ritt die 70 Kilometer bis Tockenä hinter uns und kamen gut unter. Ich schlief trotz unzähliger Moskitos bald ein, um am 14. Mai früh, am ganzen Leibe zerstochen, von ihrem abscheulichen Surren geweckt zu werden. Es war gerade hell geworden und die Karre kam an. Die Abkühlung nach dem Staubsturm war ganz besonders angenehm, trotz der 18 Grad fror ich beinahe und zog mir meinen dicken Sweater an. Dann nahm ich ein Bad im Flußwasser, was mir aber nicht bekam, denn mein ganzer Körper zeigte bald kleine Bläschen, die auf das unangenehmste juckten. Es war der allen Tropenreisenden bekannte Ausschlag, "roter Hund" genannt, der mir noch mehrere Tage zu schaffen machte. Ich dachte jetzt nur noch daran, so schnell als möglich aus dieser Moskitohölle fortzukommen. Denn trotzdem ich den ganzen Tag über ein qualmendes Strohfeuer im Zimmer unterhielt, so daß mir die Augen tränten, waren die Moskitos nicht zu verscheuchen.

Gegen Mittag fing es leicht an zu regnen, und als wir um 4 Uhr nachmittags abritten, hatte ein richtiger Landregen eingesetzt. Der Kavallerist und der Yamenbegleiter wären nur zu gern dageblieben, denn der Chinese haßt den Regen wie die Pest, aber ich ließ mich auf nichts ein. Bald waren wir wie die Katzen naß, was mir sehr angenehm vorkam. Den Weg schnitten von Norden kommende, teils flache, teils bis einen Meter tiefe, schnell fließende Wässer von dunkelroter Farbe. Einmal trafen wir unterwegs zwei etwa 14jährige hübsche junge Schantumädchen, die gerade von einem im schärfsten Trab reitenden Manne eingeholt und angehalten wurden. Auf unsere Frage, um was es sich denn da handle, kam als Antwort: "die Liebe"; also zwei Durchgängerinnen.

Es hatte gerade aufgehört zu regnen, als wir um 8 Uhr abends an den inmitten von Gärten gelegenen Vorstädten von Kutscha anlangten. Noch eine ganze Zeit lang ritten wir durch Vorstädte, ehe wir den Basar erreichten, in dem noch lebhaftes Treiben herrschte. Überall sah man die Leute auf den mit Filzteppichen bedeckten Kangs vor den Häusern sitzen, allenthalben hörte man zur Gitarre singen; die Verkäufer schrien ihre Eßwaren aus, Kinder spielten auf den Straßen, und man hatte das Gefühl, bei einem friedlichen, glücklichen Volk zu sein. Die Weiber gehen hier alle ganz weiß gekleidet. Durch die Mitte der Stadt fließt ein Bach, dessen Brückenbelag abgenommen war, wahrscheinlich aus Furcht vor dem infolge des starken Regenfalles zu erwartenden Hochwasser. Guter Rat war teuer; der Kavallerist benutzte die Gelegenheit, um im Dunkel zu verschwinden, wofür ich ihm morgen beim Yamen zu verklagen beschloß. Endlich wies uns ein des Weges kommender Karrenführer nach einer einen halben Kilometer oberhalb liegenden Furt, die wir glücklich in der Dunkelheit passierten. Dann ging es durch eine Menge dunkler Gäßchen und endlich hielten wir am Ziel, dem Hause des Aksakals, der hier die russischen Interessen vertritt. Ich hatte den alten Mann in Bugur getroffen und er hatte mich gebeten, in seinem Hause in Kutscha Wohnung zu nehmen, was ich gern annahm. Die Leute im Hause waren bereits durch einen vorausgesandten Brief über mein Kommen unterrichtet. Man nahm mich sehr freundlich auf und gab mir ein hübsches Zimmer, Tee, Brot und Süßigkeiten. Der Stall war allerdings weniger gut. Infolge meines Ausschlages konnte ich leider nicht schlafen und wälzte mich bis zum Morgengrauen ruhelos auf den Filzteppichen herum.

Die Karre kam am 15. Mai erst gegen 7 Uhr morgens an; die Tiere waren in dem teils knietiefen Schlamm nur langsam vorwärts gekommen. Für den Vormittag setzte ich großes Reinemachen an, dann wanderte Dschang zum Yamen, um mich anzumelden. Er erschien wieder in Gala, und beguckte sich fortwährend im Spiegel. Kleider machen Leute, man ahnt gar nicht, was bei anständiger Behandlung, gutem Essen und guter Kleidung alles aus einem schmutzigen, verlausten Kuli werden kann. Gegen 11 Uhr ritt ich dann selbst mit Vorreiter und einem berittenen Schantu als Führer durch die stark belebten Straßen zum Yamen. Man ließ mich erst warten, die Böllerschüsse und das Öffnen des Haupttores fielen weg. Dagegen war eine ganze Unzahl von Dienern, darunter mehrere mit Mandarinenknopf, aufmarschiert. Zum ersten Male sah ich hier auch Schantus mit dem Abzeichen der chinesischen Mandarinen, es sind solche, die eine Art Dolmetscherposten am Yamen innehaben und bei den Gerichtsverhandlungen gegen Schantus den Beamten unterstützen. Bald kam auch der Mandarin, wieder ein Hunanese. Er ist lange in Peking gewesen und spricht ein sehr schönes Hochchinesisch, so daß wir uns die kurze Zeit unseres Zusammenseins sehr gut unterhielten.

Mein Diener Djo Kutscha — Leute sehen durch meinen Zeiß

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In Kutscha waren gerade zwei japanische Offiziere anwesend, über deren Mission und Absichten man sich im Yamen nicht ganz klar war. Man bat mich um Auskunft, die ich natürlich nicht geben konnte. Sie gaben vor, hier den Buddhismus studieren zu wollen und gruben augenblicklich in einem Dorfe südlich Kutscha alte Grabdenkmäler aus. Man schien sie nicht für voll zu rechnen, aber der Mandarin war seiner Sache nicht ganz sicher und fragte sehr vorsichtig. Beim Abschied begleitete er mich nach chinesischer Sitte bis zu dem geöffneten Haupttor; natürlich wurde das große Pferd gebührend angestaunt.

Im Quartier war inzwischen schon das übliche Deputat des Yamen, bestehend aus Pferdefutter, einem Hammel und zwei Hühnern angekommen. Ich ließ meinen Dank sagen und schickte dann zum hier residierenden Schantufürsten, um anzufragen, wann ihm mein Besuch angenehm sei. Er bat mich, morgen zu kommen, da er heute, am Basartage, sehr beschäftigt sei. Ich aß zu Mittag und empfing mehrere angesehene Schantus, die mir ihren Besuch machen wollten. Unter andern kam auch der erwachsene Sohn des Besitzers meiner hübschen Wohnung, der über den fremden Eindringling sehr erstaunt war, denn man hatte ihn von meinem Kommen nicht in Kenntnis gesetzt.

Nachmittags wanderte ich mit einem Chinesisch sprechenden Schantu und meinen beiden Chinesen in die Stadt, um den Basar zu besichtigen. Das war ein buntes Treiben; jede Gilde hat ihr besonderes Viertel, da waren solche, die Kattune und andere leichte Stoffe, sämtlich europäischer Herkunft, feilhielten, dann Schuster, Lederhändler, Schmiede, ferner Mützenhändler mit reizenden Mustern, meist Taschkenter Herkunft, und Schneider; vielfach sah man hier schon Nähmaschinen russischen Ursprungs. Salz wurde in großen grauen Stücken, ungereinigt, feilgehalten. Dazu erfüllten allerlei Eßwaren mit ihrem Fettgeruch die Luft. Hier hielt einer mit lebhaften Geberden einen Vortrag über Konstantinopel an der Hand eines Planes. Überall trieben sich unzählige Bettler herum. Auch das weibliche Geschlecht war reichlich vertreten, teils verschleiert, teils unverschleiert, die letzteren in der Mehrzahl. Auch solche, die sich in Samt und Seide kleiden und einen frechen Blick haben, waren da. Alle Weiber trugen große, weiße Nackenschleier und viele an der Mütze hübsche Silberverzierungen. In Betsälen hielten Derwische vor einer zahlreichen Menge männlichen Geschlechts Vorträge. Auch eines der mit Hirschgeweihen, Widderköpfen und unzähligen Fähnchen geschmückten heiligen Gräber sahen wir uns an. Dann wurde eingekauft; natürlich hatte jeder einen Wunsch. Dschang wollte neue Schuhe haben, Dscho, mein anderer Diener, einen langen Rock und eine Überziehweste, und ich mußte natürlich das Geld dazu hergeben, da die Gesellschaft keinen Pfennig besaß. Wir konnten uns mit dem Schneider nicht einigen, da er infolge meiner Gegenwart unverschämte Preise machte. Weiter wandernd, kreuzten wir den gelbe Fluten südwärts wälzenden Bach auf einer Brücke, die nur aus den zum Tragen des Belags bestimmten Balken bestand, die obendrein nicht einmal vierkantig waren. Unter Lachen und Jauchzen balancierte alles die 30 Meter lange Strecke hinüber und herüber. Drüben schäkerten drei Arm in Arm wandernde Kavalleristen mit hübschen Schantumädchen tout comme chez nous. Wir statteten dann noch einer Kwantse einen Besuch ab, in der drei Musikanten mit ihren melancholischen Weisen die Schmausenden unterhielten. Dann ging es zurück nach meinem Hause, da sich der Amban um 5 Uhr zum Besuche angemeldet hatte und ich diesen nicht verfehlen wollte. Unterwegs sahen wir noch ein Bad, das recht sauber gehalten war und in dem man von einem Mädchen bedient wurde.

Pünktlich um 5 Uhr, wie ich auf eine Anfrage seinerseits gebeten hatte, erschien mit großem Gefolge der Mandarin. Das übliche Programm wurde abgewickelt; er schwindelte mir leider noch zum Schluß eine meiner eigenen Photographien ab. Abends aß ich bei einem vornehmen Dunganen, der mich eingeladen hatte; ich machte dabei noch die Bekanntschaft des chinesischen Vorstehers des Telegraphenamtes. Derselbe, ein geborener Tientsiner, war fünf Jahre lang in Amerika gewesen und sprach geläufig Englisch, ohne irgendeinen Anklang an das sogenannte Pidgin-Englisch. Er klagte mir sein Leid über diese weltentlegene Gegend, natürlich aber hatte er nicht Geld genug, um in die Heimat zurückkehren zu können.

Am 16. Mai ritt ich um 8 Uhr früh zum Yamen des Schantufürsten, bei dem ich mich zum Besuch angemeldet hatte. Ich wurde sehr liebenswürdig empfangen und hatte Gelegenheit, in den verschiedenen Räumen besonders die schönen Teppiche und die alten Waffen des Fürsten zu bewundern. Der Fürst war schon zweimal in Peking gewesen und erkundigte sich lebhaft nach dem Aussehen Pekings und den infolge der Unruhen im Jahre 1900 hervorgerufenen Veränderungen. Mit einer gewissen Schadenfreude fragte er immer wieder nach dem Jahre der Verbannung des kaiserlichen Hofes aus Peking. Er trägt den dunkelroten Rangknopf der kaiserlichen Prinzen und machte in Auftreten und Aussehen einen durchaus vornehmen und dabei gewinnenden Eindruck. Er ist unverheiratet, so daß diese Linie der alten Nachkommen der früheren Herrscher einmal aussterben wird, was den Chinesen wohl nicht unangenehm sein wird.

Von dort aus ritten wir zur Ordu, d. h. zur alten Burg. Diese besteht nur noch aus einigen Lehmkegeln, die früher vorspringende Punkte in einem langen Befestigungswalle, der die gesamte Oase umgab, gewesen sind. Die Zwischenteile sind vollkommen verschwunden. Von der Höhe aus hat man eine herrliche Fernsicht auf das sich wie ein großer Garten ausbreitende Kutscha und Umgebung. Die Einwohner Kutschas sind nicht mit Unrecht stolz auf die Menge ihrer Gärten und betonen dies bei jeder Gelegenheit. Dann ritt ich weiter zu dem Hause, in dem die beiden Japaner wohnen sollten, traf sie aber leider nicht an; sie wurden erst abends zurückerwartet. Daher hinterließ ich einen Zettel, daß ich die Absicht gehabt hätte, ihnen meinen Besuch zu machen und mich sehr freuen würde, sie noch vor meiner baldigen Abreise zu sehen.

Masar kutscha — Wildschaf-Schädel

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Nicht weit entfernt von dem Hause liegt das größte Heiligengrab von Kutscha, ein uraltes Heiligtum. Durch eine von hohen alten Pappeln beschattete Tür und durch einen Hof gelangte man zum Eingang, an dem einige alte Mohammedaner auf den Knien lagen und Gebete murmelten. Wir hatten einen zweiten Hof vor uns, an den sich Betsäle anschlossen, dann ging es durch eine an beiden Seiten mit Tughs, Stöcken mit bunten Lappen und den zu Haufen geschichteten Köpfen des Argali (Wildschaf) verzierten Tür zum Grabe selbst. Dieses liegt in einem einfachen, mit breiter vorspringender Galerie und Gitterfenstern versehenen Hause, das auch wieder mit Tughs und Argaliköpfen geschmückt ist; ringsum stehen alte Bäume. Die Dunganen und Schantus zogen sich vor dem Eintreten ihre Überziehpantoffeln aus und verrichteten kniend ein kurzes Gebet. Draußen im Hofe war eine Schule für Knaben und Mädchen, bunt durcheinander, die laut und mit einer beneidenswerten Ausdauer ihre Lektionen hunderte von Malen wiederholten. Die Schule war nur augenblicklich im Freien, sonst befindet sie sich in einem anschließenden Hofe mit vielen kleinen Räumen, in denen mehrere alte, graubärtige Mollahs jüngeren Priestern aus dem Koran vortrugen.

Nachmittags benutzte ich eines der Badehäuser. Das sehr heiße Bad tat mir äußerst wohl und trug merkwürdig zur Beruhigung meiner durch den "roten Hund" und die damit verbundene anhaltende Schlaflosigkeit erregten Nerven bei. Der Ausschlag hatte meinen ganzen Körper ergriffen, und zwar sehr viel schlimmer, als es den meisten Leuten auf der Seefahrt infolge des Salzwassers ergeht. Nebenbei bemerkt, habe ich bei der langen Überfahrt nach China überhaupt nicht daran gelitten. Abends bekam ich wieder Besuch von dem Telegraphenbeamten, dagegen erschienen die beiden Japaner nicht. Mit der Karre gab es wieder die üblichen Schwierigkeiten; ich befahl schließlich kategorisch: "Morgen kommt sie!" und das wirkte. Der hiesige Yamen weigerte sich zum ersten Male, meine Briefe zu befördern. Ich ließ dem Mandarin sofort zurücksagen, daß ich seinem Vorgesetzten, dem Taotai in Aksu, davon Mitteilung machen würde, woraufhin sofort zwei Kavalleristen kamen, die er persönlich zur Beförderung meiner Briefe beordert hatte.

Bei bedecktem Himmel herrschte am 16. Mai eine ganz angenehme Temperatur. Ich fühlte mich auch bedeutend wohler, da infolge fehlender Sonne die Augenschmerzen, die mich in letzter Zeit etwas geplagt hatten, nachließen und ich auch endlich einmal gut geschlafen hatte. Im Laufe des Vormittags besuchte ich einen reichen Kaufmann aus Tientsin, der schon 16 Jahre hier ist und ganz gute Geschäfte macht. Er freute sich ganz außerordentlich über meinen Besuch und schenkte mir sofort eine Sonnenbrille und einen hübschen Fächer. Am Nachmittag kam endlich die Karre. Ich erledigte meine Verpflichtungen gegenüber dem mit komischer Hartnäckigkeit aufmarschierten und nicht von der Stelle weichenden Dienstpersonal, das sich plötzlich verzehnfacht hatte und am Hause Spalier bildete; jedoch belohnte ich nur nach Verdienst. Ein Dungane, der sich besonders um mich bemüht hatte, erhielt einen vollen Tael, die andern nur 50 Cash pro Kopf. Man sah recht lange Gesichter.

Um 6 Uhr nachmittags marschierten wir ab; zuerst durch die Stadt, dann durch die Gärten der Vorstadt und schließlich hinaus in die Wüste, die in wilde, zerrissene Lehmberge übergeht. Die Berge zeigen merkwürdige Schichtformen und sind alle in einem Winkel von ungefähr 15 Grad nach Westen zu geneigt. Mehrfach fand ich Quellen, die sich in salzhaltige Lagunen ergossen und bald versiegten. Ich ritt wieder mit meinen Begleitern voraus. Wir passierten einmal eine Telegraphenstation, wo der Posthalter uns liebenswürdig mit Tee und Brot bewirtete.

Es mochte wohl gegen 2 Uhr nachts sein, als wir hinter uns — wir waren gerade mitten in den Bergen — mehrere Schüsse fallen hörten. Ich befürchtete einen Überfall auf meine Karre und ritt so schnell wie möglich zurück. Richtig trafen wir die Karre haltend, während sich meine beiden Leute und der Führer seitwärts in die Berge in Deckung begeben hatten. Sie behaupteten, es wäre auf sie geschossen worden, augenscheinlich von Räubern. Ich ritt, mit dem Karabiner bewaffnet, die ganze Umgegend, soweit es möglich war, ab, fand aber nichts. Dann schickte ich den einen Kavalleristen zur Telegraphenstation zurück, um dort von dem Vorfall Meldung zu machen, da die betreffenden Schützen auf ihrem Weiterwege dort jedenfalls durchkommen mußten. Später hörten wir noch einmal ganz von weitem schießen. Der Kavallerist behauptete am nächsten Morgen, er habe sich mit Räubern herumgeschlagen; ich glaube, daß er sich nur selbst Mut geschossen hatte, im übrigen war ihm nichts zugestoßen.

In einem kleinen Gasthause rasteten wir eine Stunde, dann zogen wir weiter in die Steppe und um 8 Uhr morgens waren wir nach 90 Kilometer Marsch in Chrotsy, wo wir gute Unterkunft fanden. Natürlich hatten meine Chinesen nichts Eiligeres zu tun, als sofort den ganzen Ort von der Schießerei in Kenntnis zu setzen und vor jedem einzelnen mit dem Abenteuer zu prahlen. Die Gebärdensprache, die ich von weitem beobachtete, wirkte höchst komisch. Nun kamen die Chinesen zu mir, um mich auszufragen. Ich ließ sie zuerst einmal meine Nationalität erraten; sie waren lange im Zweifel, bis schließlich einer meinte, ich könne nur ein Deutscher sein, denn die andern seien zu faul, ihre Sprache zu lernen. Das Kompliment ging mir glatt herunter und ich bekannte Farbe. Ein Offizier war auch in dem Dorfe und besuchte mich sofort, um sich über die Räuber zu erkundigen. Mit seinem Mute schien es nicht weit her zu sein, denn, wie ich später hörte, hatte er den Abmarsch sofort um zwei volle Tage verschoben und seine gesamte Begleitung zum Erkunden vorausgeschickt. Ich freundete mich unterdessen mit seinem netten kleinen Sohne an, als mit einem Male der weniger nette Vater erschien und das Söhnchen aus meiner Stube heraushieb, leider merkte ich die Absicht zu spät, sonst hätte ich mir diese Exekution in meinem Zimmer auf das energischste verbeten.

Wir marschierten wieder die Nacht hindurch und waren am 19. Mai morgens um 8 Uhr in Bait scheng am gleichnamigen Flusse, der jetzt wenig Wasser führte. Bei starkem Regen, der hier allerdings nur alle paar Jahre einmal eintritt, soll er regelmäßig die sämtlichen, niedrig gelegenen Häuserreihen wegschwemmen, was die Leute jedoch nicht hindert, sie immer wieder aufzubauen. Die Stadt ist schmutzig und eng ineinander gebaut. Ich kam im besten Gasthause unter, in dem drei andere Zimmer von Damen der Halbwelt besetzt waren. Ein Kaufmann aus Andischan brachte mir als Geschenk 50 Eier, Salz und Radieschen, der Yamen sandte sofort Pferdefutter und Leute, kurzum, ich wurde auch hier ebenso gut und liebenswürdig aufgenommen, wie stets in Turkestan. Ich ließ mich beim Yamen anmelden und sagen, daß ich ungefähr um 4 Uhr meinen Besuch machen wolle. Die Zwischenzeit benutzte ich, um mich endlich einmal etwas auszuschlafen. Auf dem Yamen fand ich einen ganz jungen, sehr angenehmen Beamten, der mir meinen Besuch bald erwiderte und sich natürlich in das unvermeidliche Fremdenbuch eintragen mußte. Zu meinem Schmerz entdeckte ich, daß die Chinesen meinen einzigen Thermometer zerbrochen, außerdem zwei gute deutsche Riemen verloren und dann noch ohne meine Erlaubnis mit meinem Gelde eingekauft hatten. Sofort wurde wieder die alte strenge Wirtschaft eingeführt und kein Cash herausgerückt. Daß mich trotzdem der zuletzt engagierte Chinese Dscho hinten und vorn betrog, war mir längst klar, nur konnte ich es ihm nicht beweisen, da ich nicht jedem Verkäufer nachlaufen konnte, um ihn auszufragen, nebenbei wird sich wohl Dscho mit den Verkäufern den Profit geteilt haben. Er muß es aber ziemlich schlau angefangen haben, da ich die landesüblichen Preise ganz genau kannte. Bai tscheng hat auch einen Schantu-Prinzen, von denen es hierzulande eine ganze Anzahl gibt.

Er will nicht — Bai tscheng

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Lächerlich ist es, was für gute Geschäfte die Halbweltdamen hier machen. Ich beobachtete, daß das Zimmer der einen, eines allerdings sehr hübschen Mädchens, den ganzen Nachmittag von Chinesen besetzt war; man hörte ohne Unterlaß das Geklimper der Gitarre, und jeder ließ einen Obolus da, wofür er nur eine Tasse Tee bekam und allenfalls eine Pfeife rauchen durfte. Am Abend war das Mädchen dann außerhalb vergeben. Besonders die hübscheste von den dreien war förmlich mit Goldschmuck behängt. Was das Mädchen an Ohrringen, Fingerringen, einem mit Gold und Steinen besetzten Gürtel an sich trug, mußte mindestens einen Wert von 1000 Mark darstellen. Übrigens sind diese Mädchen sämtlich Türkinnen; eine Chinesin würde dies Gewerbe niemals so öffentlich betreiben, während bei den Türkinnen kein Mensch Anstoß daran nimmt.

Am 20. Mai war wieder einmal ein derartiger Staubsturm, daß ich beschloß, erst am Abend weiter zu marschieren. Ich ging über Mittag in die Stadt und kaufte als Andenken einige silberne Fingerringe und einen kupfernen, außen verzinnten Wasserkrug, auf den ich mir auf der einen Seite in chinesischen, auf der andern in türkischen Lettern den Namen der Stadt einritzen ließ. Dann machte ich dem Kaufmann aus Andischan meinen Gegenbesuch. Er verhandelt Stoffe russischen Ursprungs gegen Felle, die dann nach Rußland gehen; es wird hier wenig mit barem Geld gearbeitet. Trotzdem der Staubsturm nicht nachgelassen hatte, marschierte ich um 4 Uhr ab. Unterwegs trafen wir den von der Jagd zurückkommenden Schantuprinzen, vor dem alle des Weges Kommenden oder vielmehr Reitenden, denn zu Fuß geht hier kein Mensch, schleunigst den Sattel räumten und ihre Verbeugung machten. Nach dem Thien Schan zu sah man überall die Feuer der Hirten lodern; im übrigen waren wir hier in der Steppe, die zu dieser Zeit sehr gute Weide hatte. Unser Ziel hieß Chonesse.

Hübsche Turkestanerin in Bai tscheng

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Wir kreuzten, nachdem wir am 21. gegen drei Uhr aufgebrochen waren, einen reißenden, etwa einen Meter tiefen Fluß in einer Furt, durch welche die Sutschis, d. h. Wassermänner, vorausgingen, um den Weg zu zeigen. Weiterhin ging es in Lehmberge mit den merkwürdigsten Formen. Nach ungefähr 30 Kilometer Marsch hatten wir eine um eine kleine Quelle herum entstandene Ansiedlung vor uns. Die Quelle entspringt unterhalb einer weit vorspringenden Bergnase, ist mittels eines ausgehöhlten Stammes in ein Becken geleitet und hat herrliches süßes Wasser, was in dieser Gegend immerhin eine Seltenheit ist. Ringsherum ist sonst vollkommene Wüste. Manche Berghänge sehen infolge der Salzablagerungen ganz weiß aus. Früher hat dicht bei der Quelle ein großes Rasthaus der Fürsten von Kaschgar gestanden; seit der chinesischen Eroberung zerfällt der Yamen und man sieht jetzt nur noch die Grundmauern.

Zwanzig Kilometer von hier, in den rötlich erscheinenden Bergen, befindet sich ein großes Kupferbergwerk, in dem gegen 1000 Menschen arbeiten sollen. Dieses Bergwerk deckt den Hauptbedarf an Kupfer im ganzen westlichen Turkestan bis zum Pamir. Tag und Nacht, zu jeder Stunde sind nach der oben erwähnten Quelle Eselkarawanen unterwegs, um in Fässern das Wasser nach dem Bergwerk zu schleppen; das dortige ist schlecht, und da der Bedarf naturgemäß sehr groß ist, sind Hunderte von Eseln mit dieser Arbeit beschäftigt. Das Gasthaus ist, wie alle in Turkestan, groß angelegt und sauber gehalten, wie man im eigentlichen China kaum ein gleiches findet, darin haben die Chinesen für die Reisenden glänzend gesorgt. Auch in diesem einzeln gelegenen Gasthaus befand sich wieder ein Frauenzimmer, welches auf die Gunst der Reisenden spekulierte. Bei mir fand sie keinen Anklang.

Am 22. Mai hatten wir einen langen beschwerlichen Marsch durch Wüste und durch ebensolche Lehmberge wie gestern, in denen mehrfach salzige Quellen entspringen. Unter der drückenden Hitze hatten die armen Tiere schwer zu leiden. Von meinen Begleitern waren sowohl der vom Yamen als auch einer der Kavalleristen erbärmlich schlecht beritten, ich ritt daher stets mit dem zweiten Kavalleristen voraus, und zwar heute den guten Dicken, der vorzüglich ging. Das Tier war wirklich eine wahre Perle, das geborene Distanzpferd, das sich durch nichts aus seiner Ruhe bringen läßt. Um 5 Uhr nachmittags hatten wir 70 Kilometer hinter uns und Hala jürgun erreicht, das schon in der Aksu-Ebene liegt. Über Nacht sprang der Wind nach Norden um und brachte etwas Kühlung; ich marschierte daher am 23. Mai schon morgens weiter; zuerst nach Sametei, wo mittags gefuttert und gerastet wurde. Man sieht hier in der Gegend auffallend viele Leute mit Kropf, Boghra, wie sie sagen; fast möchte ich behaupten, daß von 40 Jahren aufwärts jeder einen Kropf hat. Die Leute führen diese entsetzliche Krankheit, die sie aber weiter gar nicht stört, auf die sumpfige und bittere Beschaffenheit des Wassers zurück. Das Land war schon wieder teilweise angebaut, zwischendurch kamen aber gelegentlich noch ganz wüste Striche. Die kleinen Bäche, die nordsüdlich gehen, führten jetzt alle Wasser, das meist dunkelbraun gefärbt war.

Den Abend benutzten wir zum Weitermarsch nach Aksu. Im Norden stand eine schwarze, regendrohende Wand, in der es unablässig blitzte. Wir kamen aber trocken morgens um 2½ Uhr mit müden Pferden vor Aksu an, durchritten weit ausgedehnte Vorstädte und hielten schließlich am verschlossenen Stadttore, das ausnahmsweise schnell geöffnet wurde. Durch leere Straßen, angekläfft von ganzen Herden von Kötern, vorbei am Tamtam schlagenden Nachtwächter, ging es zur großen Kwann-dienn, für die "Schweinestall" noch eine sehr milde Bezeichnung ist. Dazu war bis auf ein Zimmer alles besetzt. Ich befahl, weiter zu reisen. Wir ließen uns die inneren Abschlußgatter der einzelnen Stadtteile öffnen und versuchten es bei andern Gasthöfen mit noch weniger Erfolg; sie waren noch schmieriger als der erste und übertrafen in dieser Beziehung alles, was ich bis jetzt gesehen hatte. Schließlich kehrten wir doch in den ersten Gasthof zurück, der immerhin noch der beste war. Ich ließ das einzige freie Zimmer im wahrsten Sinne des Wortes ausmisten, brachte die Pferde unter und schlief wie üblich auf den Steinen, bis die Karre kam.

Aksu — Siesta

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Als ich mir Geld geben ließ, fiel es mir auf, daß die Cashrollen gegen gestern recht mager geworden waren. Ich faßte zuerst Dschang, der natürlich vorgab, von nichts zu wissen, aber an dessen Benehmen ich sofort merkte, daß nicht alles in Ordnung war. Echt chinesisch schob er alles auf seinen Kameraden, wollte jedoch den Verlust von 100 Cash, den ich angab, aus seinem eigenen Gelde ersetzen, woraus ich schloß, daß das Gestohlene mindestens dreimal soviel betrug. Ich hatte bald Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser Ansicht zu überzeugen. Als Dscho, den ich ausgeschickt hatte, zurückkam, stellte ich sofort Haussuchung an; in seinen Decken, in seinen Kleidern, überall kamen gestohlene Cashrollen zum Vorschein. Er war aber derartig im Vorschuß bei mir, daß ich ihn, um nicht noch mehr Geld zu verlieren, weiter mitnehmen mußte. Dann fehlten meine Photographien. Ich setzte sofort Himmel und Erde in Bewegung; der Yamen hatte bereits Reiter gestellt, die nach dem letzten Quartier zurückreiten sollten, um nachzufragen, als sie sich doch noch fanden und der ganze Lärm umsonst gewesen war.

Blick aus Aksu

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Der Yamen schickte, wie üblich, alles zum Leben Notwendige. Ich wollte mich bald dort melden und befahl meinen Leuten, sich zu beeilen. Aber wenn ein Chinese Toilette macht, so dauert das meist länger als bei einer unserer verwöhntesten Damen in Deutschland. Erst gingen sie essen, denn ohne etwas im Magen ist der Chinese unbrauchbar, dann mußten sie Schuhe kaufen, dann ließen sie sich den Kopf rasieren und den Zopf neu machen, kurzum, es dauerte volle vier Stunden, bis sie glücklich bereit dastanden, um zum Yamen zu wandern. Ich engagierte in der Zwischenzeit auf Empfehlung des Aksakals hin, den Sven Hedin in seinem Buche im Bilde verewigt hat, noch einen Schantu, der sich mir anbot, so daß mein Hofstaat nun auf drei Diener angewachsen war. Ich nahm den Mann nur, da er neben seiner Muttersprache, dem Türkischen, auch noch Chinesisch vollkommen beherrschte und mir so weiterhin von Nutzen sein konnte. Wir ritten nun zuerst zum Taotai, einem jovialen alten Herrn mit rotem Rangknopf. Er war sehr liebenswürdig; mir fiel auf, daß er merkwürdig familiär mit seinen Untergebenen umging. Zum Besuche war, wahrscheinlich als Dolmetscher, der Beamte der hiesigen Telegraphenstation geholt worden. Außer "how do you do" konnte er aber nichts, so daß wir uns bald wieder chinesisch unterhielten. Der alte Herr begleitete uns zum Abschied aus dem Hause hinaus.

Wir ritten weiter zum Amban, wo ich einen großen Volkshaufen in ungeheurer Aufregung vorfand. Im Hofe bildete bis zum Haupttor Infanterie Spalier, die mit ihrer altertümlichen Bewaffnung einen höchst spaßigen Eindruck machte. Als ich durchritt und mit meiner etwas hohen Stimme mehrfach "Platz!" rief, wurde ich von allen Seiten verspottet und nachgeahmt. Ich erfuhr nun endlich auch, was eigentlich vorging. Ein Mann sollte hingerichtet werden, und das Volk war darüber vor Erregung wie toll. Ich ließ mich beim Amban anmelden und wurde sofort gebeten, näherzutreten. Er ist ein geborener Ningpoer; ich verabschiedete mich bald wieder, da auch der alte Herr von der Hinrichtung ganz hingenommen schien und mit seinen Gedanken gar nicht bei der Sache war. Beim Herausreiten aus dem Yamen benahmen sich die Soldaten frech gegen mich, so daß ich zurückritt und mir den ersten Bedienten des Beamten kommen ließ, der sofort mit Knüppeln energisch für mich Platz schaffen ließ.

Ich wollte den Scharfrichter photographieren, wobei er den Kopf des Verbrechers fallen ließ

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Kaum hatte ich den Yamen verlassen, so fuhr eine Karre in den Hof. Der Deliquent, ein Chinese, erschien und wurde unter dem Geheul der Menge von vier bis fünf Yamenleuten auf die Karre geladen. Die beiden Trompeter bliesen Fanfaren, und der Zug mit der Infanterie an der Spitze ging los. Es folgte die Karre mit dem Deliquenten, dann kam der Kommandeur des hiesigen Infanterie-Bataillons im scharlachroten Mantel mit einigen andern Offizieren und Mafus dahinter. Der Marsch ging nach dem ganz nahen Westtor. Die Menge tobte und brüllte ohne Unterlaß: "Scha! scha!" (töte ihn! töte ihn!) Ich ritt ganz hinten und konnte von der Stute aus alles übersehen. Als der Wagen am Tor war, konnte die Menge es nicht mehr erwarten, alles griff zu und im Laufschritt wurde die Karre vorwärts gestoßen. Am Richtplatz wurde der Deliquent heruntergerissen, in die Knie gedrückt, und schon rollte der Kopf im Sande unter allgemeinem "Ah" der Menge. Einer der mich umstehenden Chinesen meinte zu mir: "Das ist doch noch schöner, als das Theater." Die Trompeter bliesen nach der Exekution langgezogene Fanfaren, es klang beinahe wie zum Halali. Die Menge drängte sich um den Körper, der Kopf wurde sofort weggetragen, wobei sich die damit beauftragten Soldaten den Scherz machten, ihn so am Zopf zu schlenkern, daß alle Umstehenden mit Blut bespritzt wurden, dann kam der Kopf in das übliche Kästchen, um an seinem Heimatsorte zur Warnung aufgehängt zu werden.

Scharfrichter, Schwert in der rechten Hand

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Ich hatte unterdessen den Gegenbesuch des Taotais verfehlt, den ich unterwegs in seiner Karre, von meinem Hause zurückkehrend, traf. Bald darauf kam auch der Amban zum Besuch. Abends machte mir Dscho, der sich in seiner Dummheit noch immer nicht über das gestohlene Geld beruhigen konnte, eine Szene, erklärte, daß er nach Karaschar zurück wolle, und forderte im unverschämtesten Tone Geld. Ich setzte ihn etwas unsanft hinaus, nahm ihm seine Sachen weg, damit er nicht fortlaufen konnte und erklärte ihm, daß wir unsere Angelegenheiten morgen auf dem Yamen vor dem Amban ordnen würden. Ich war recht müde, da man mich den ganzen Tag belagert hatte, und schlief wie ein Toter. Frühmorgens am 25. Mai kam Dschang, um für seinen Kameraden zu bitten, der natürlich Angst vor den Prügeln hatte, die ihm bei der Klarheit des Falles mit Sicherheit auf dem Yamenhofe bevorstanden. Meine drei Pferde waren so sauber wie noch nie, das Essen ganz besonders gut hergerichtet. Dscho hatte sich die äußerste Mühe gegeben, obwohl er auch sonst nicht faul war. Vorläufig ließ ich ihn noch etwas zappeln, was ihm nur dienlich sein konnte.

Um 10 Uhr machte ich mich auf den Weg nach dem alten Aksu, das ungefähr 50 Kilometer nördlich gelegen ist. Wir durchritten die umwallte Stadt und die nördliche Vorstadt, in der der Hauptverkehr und Handel sich abspielt, dann ging es entlang dem Aksu darga, dessen Tal reich angebaut ist. Die Talwände steigen in senkrechten, hohen Lehmmauern zu einer staubigen, lehmigen Ebene auf, durch die eine Zeit lang der Weg führt. Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz denken, als dieses reich angebaute Tal und die öde Ebene. Der Boden im Tale ist hier sehr wertvoll, die Begräbnisstätten liegen daher alle oben im schlechten Boden. Wir ritten eine ganze Zeit lang zwischen Kirchhöfen mit ihren kleinen Kuppelbauten und ihren unzähligen würfelförmigen Gräbern, genau wie man sie in Konstantinopel sieht. Unten im Tale wird ein sehr guter Reis angebaut, die überschwemmten Felder ließen dies schon von weither erkennen. Beim Eintritt in die Stadt fiel sofort an hoher Stange im Käfig der Kopf des gestern Hingerichteten auf, zu dem noch immer viele Neugierige strömten. Wir ritten durch viele, lange, wundervoll kühle Bazarstraßen, die so gut oben eingedeckt sind, daß es fast dunkel darin ist, zum Yamen des Wangtsy[4] Hadyr. Er war nicht zu Hause, sondern erwartete uns in seinem Garten außerhalb der Stadt. Trotzdem mich einer der Beamten vom chinesischen Yamen schon vorher angemeldet hatte, kam in voller Fahrt ein Diener angeritten, um uns zu führen.

Am Garten, der noch im Entstehen begriffen ist, erwartete mich außerhalb der Prinz, ein Mann im besten Alter mit Schnurrbart und rasiertem Kinn, in der Kleidung eines vornehmen Chinesen. Er könnte jederzeit für einen Chinesen besseren Standes gelten. Ich wurde zu einem nach allen Seiten offenen Pavillon geführt, dessen Fußboden mit Teppichen belegt war. Wir setzten uns auf Feldstühle, und es wurde Tee und russisches Zuckerwerk gereicht. Die Unterhaltung drehte sich um die üblichen Fragen. Das Plätzchen ist hier sehr angenehm, auf zwei Seiten rieselt ein Kühlung spendender Bach; fünf Musikanten führten Musik auf einer derselben sang dazu. Ich bekam dann noch Schlagsahne, eine Art Kalbfrikassee und Rührei mit Früchten darin vorgesetzt. Man brachte zuerst den Teller mit dem Fleisch, auf dem ein kleiner hölzerner Löffel lag. Da man mir keine Eßstäbchen gab, fing ich an, mit dem Löffel zu essen, nicht ahnend, daß ich damit einen groben faux pas beging, denn es war der Vorlegelöffel. Nach dem Essen fragte man mich, ob ich nicht noch den Aksakal besuchen wollte, der sehr weit entfernt wohnte, offenbar ein Wink mit dem Zaunpfahl, mich zu empfehlen, dem ich schleunigst Folge leistete. Natürlich wurde beim Abschied die nach chinesischen Begriffen schwanzlose Stute gebührend bewundert, nicht ohne den üblichen erstaunten Seitenblick, daß ich eine Stute reite.

Türkischer Prinz in Aksu-Hadyr

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Wir ritten nun zum Aksakal, der nicht zu Hause war; dann versuchte ich im Bazar mehrfach, kupferne Krüge zu erstehen; es war aber infolge unverschämter Forderung nicht möglich. Weiter führte mich ein gewandter Chinese nach dem Serail der Chotaner Teppichhändler. Hier bekam ich sehr schöne, mit der Hand geknüpfte Kamelhaarteppiche zu sehen. Wir handelten lange; der Verkäufer, ein junger Mann aus Chotan, war eigensinnig und wollte mit dem Preise von 10 Taels das Stück nicht heruntergehen, obwohl ich ganz genau wußte, daß er zu hoch war. Schließlich kam der Älteste des Serails herzu. Mein Chinese und der Alte steckten sich gegenseitig die rechte Hand in den langen weiten Ärmel, um nun mit einem sehr geschickten, gegenseitigen Fingerspiel den Preis zu bestimmen. Sie einigten sich auf 15½ Taels für zwei Stück. Der Alte erklärte dem Jungen, der noch immer nicht einwilligte, daß er noch ein Kind sei, im übrigen wurde er gar nicht weiter gefragt und der Kauf war abgeschlossen. Bei einem andern Verkäufer in demselben Hofe kaufte ich zu demselben Preise noch zwei andere sehr hübsche Teppiche, dann ritten wir zurück. Der vermittelnde Chinese erhielt einen Tael Trinkgeld. Ich wollte eigentlich die ganze Gesellschaft mit einem Stück Silber auszahlen, jedoch belehrte mich mein Führer, daß dies eine Torheit wäre, da der chinesische Bankier auf je ein Zehntaelstück Silber, das man bei ihm wechselt, ungefähr 1/3 Tael in Kupfermünzen zugibt. Ich ließ daher erst bei dem Bankier die Gesamtsumme in Kupfer wechseln und bezahlte die Teppichhändler in Kupfer. Auf diese Weise sparte ich ungefähr einen Tael.

Später kaufte ich noch kleine Jetsachen sowie chinesische Schuhe und Strümpfe, da ich es in meinen schweren Schnürstiefeln mit den wollenen Strümpfen nicht mehr aushalten konnte. Doch bewährten sich die Strümpfe nicht, denn da sie aus Leinen sind, sind sie noch weniger durchlässig als wollene. Der Scharfrichter, den ich photographiert hatte, stellte sich ein und quälte mich um sein Bild. Natürlich konnte ich es ihm nicht geben, da mir alles zum Entwickeln der Films fehlte, was die Leute niemals begreifen konnten. Sie dachten immer, wenn man sie photographierte, müßten sie auch immer gleich ihr Bild zu sehen bekommen. Es hatte sich herumgesprochen, daß ich Teppiche gekauft hatte, und nun wurde ich den ganzen Tag über von Leuten bestürmt, die mir den verschiedenartigsten Schund aufhängen wollten. Der europäische Geldbeutel gilt eben als unergründlich. Mein neuer Diener Nasr bat um ein Darlehn von 2 Taels, da er seine Sachen im Pfandhause habe; anscheinend bei diesen Leuten ein chronischer Zustand. Ich gab sie ihm infolge schlechter Erfahrungen ungern, ließ mich aber schließlich erweichen, da er nichts Ordentliches zum Anziehen hatte. Nach und nach brachte er mir einen Teil des Geldes zurück, den er sich wahrscheinlich von seiner Freundschaft zusammengeborgt hatte.

Um fünf Uhr nachmittags marschierten wir ab. Wir waren noch nicht zehn Li weit, als ein abscheulicher Staubsturm losbrach. In dem sandigen Tale des Aksu darga reitend, kreuzten wir zwei oder drei Arme desselben, die ungefähr einen Meter tief, und, da man nicht die Hand vor Augen sehen konnte, recht unangenehm zu durchschreiten waren. Schließlich gelangten wir an den Hauptarm, dessen gelbe, reißende, sich südwärts wälzende Flut mittels Fähre überschritten wird. Die Fähre lag am rechten Ufer etwa 10 Meter von diesem entfernt. Man ritt durch das Wasser heran und balanzierte vom Pferd aus hinein; die Tiere mußten dann über den einen Meter hohen Bord hineinspringen. Ich sah die meinigen schon mit gebrochenen Knochen bei dem lebensgefährlichen Manöver. Aber es ging besser als man dachte; die Stute und der Schimmel sprangen glatt hinein, nur der Dicke streikte, und wenn der einmal nicht will, ist nichts mit ihm anzufangen. Ich ließ nun aus einigen Bohlen eine Art Laufsteg ins Wasser bauen, redete meinem guten Dicken gut zu, und siehe da, er kletterte gutwillig hinein. Als wir glücklich alle darin waren, erklärten die Fährleute, wir müßten noch einige Stunden warten, bis der Sturm sich gelegt hätte. Natürlich allgemeine Entrüstung. Auf meine Frage, warum sie uns das nicht gleich gesagt hätten, erwiderten sie, wir hätten sie ja gar nicht gefragt, sondern wären gleich in die Fähre gestiegen. Ich ließ mir das nicht gefallen und befahl, loszufahren, aber ich hätte es mir sparen können. Sechzehn Mann arbeiteten mit dem dazu gehörigen Geschrei, ohne das Boot weiter als bis in die Mitte des gar nicht sehr breiten Flusses bringen zu können. Der gewaltige Sturm drückte derartig gegen, daß wir nicht vorwärts kamen, dabei trieb uns die sehr starke Strömung fortwährend flußabwärts. Schließlich saßen wir auf einer Sandbank fest. Nach vieler Mühe kamen wir wieder los und landeten zuletzt an demselben Ufer an einer Flußwindung, ungefähr zwei Kilometer vom Ausgangspunkt. Der Sturm nahm eher zu als ab. Ich ließ daher ausladen und beschloß, zurückzureiten.

Zuerst ging es zur Karre, um meine Leute zu benachrichtigen, dann führten uns die Kavalleristen zu einem nicht sehr weit entfernten Dorf, bei dessen Ortsvorsteher wir uns einquartierten und recht gut unterkamen. Die Pferde hatten einen sehr guten Stall, und ich bekam etwas zu essen. Das beste Zimmer war von einem Opium rauchenden Mandarinen, dem es ebenso wie uns gegangen war, besetzt. Ich sollte die eine Hälfte bekommen, verzichtete aber lieber, da der Opiumgeruch der einzige Geruch ist, an den ich mich in China nicht gewöhnt habe. Ich nahm mit einem kleinen, aber sauberen Raume vorlieb. Unser Nachtquartier hieß Tschochtan.

Über Nacht legte sich der Sturm. Am 27. Mai morgens hatten wir an der Fähre wieder dasselbe Theater wie gestern. Der Dicke streikte heute gänzlich, und ich war schon drauf und dran, mich auszuziehen und ins Wasser zu steigen, als mir zum Glück noch ein alter Trick einfiel, mit dem wir unsere Pferde in die Eisenbahn besorgen, nämlich, sie einfach mittels hinten angespannten Obergurts hineinzuziehen. Ich ließ einen Strick hinten anlegen und an beiden Seiten Leute ziehen, worauf mein Dicker ganz willig hineinspazierte. Die Überfahrt an das andere, einen Meter hohe Ufer mit steiler Böschung ging glatt von statten; die Pferde sprangen direkt ans Land, und wir trabten bald lustig auf Humpasch zu. Der Weg verschlechterte sich zusehends; da es im Gebirge stark geregnet hatte, standen lange Strecken ganz unter Wasser. Viele der kleinen Brücken waren weggerissen, so daß wir uns oft gezwungen sahen, große Umwege durch das seichte Wasser zu machen. Einmal fingen wir einen fast meterlangen Fisch, der im seichten Wasser nicht vorwärts konnte. Er bildete eine sehr angenehme Abwechslung der Speisenkarte. Um 2 Uhr waren wir in Ajikur, wo wir gut unterkamen. Bald nach uns langte eine Karre mit einer Halbweltdame an, die mir sofort in die Stube lief. Inzwischen entwischte ihr der bereits bezahlte Karrenführer, und es gab draußen eine Szene, bei der man eine Sammlung der gemeinsten Schimpfworte zu hören bekam. Merkwürdig und recht bezeichnend für die nicht allzu hohe Sittlichkeit des Volkes ist es, daß die verheirateten Frauen mit dieser Sorte Weiber wie mit ihresgleichen verkehren. Den ganzen Abend spielten sie draußen auf dem Kang Karten, was schließlich auch mit einem Streit endigte.

Türkin aus Chotan

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Vom Amban in Aksu hatte der mich begleitende Yamenbeamte ein Begleitschreiben mitbekommen, wonach die Ortsvorsteher uns Pferdefutter, welches sich die Reisenden im allgemeinen mitzubringen pflegen, zu liefern hatten. Der hiesige Ortsvorsteher verstand sich jedoch erst dazu, nachdem die Kavalleristen eine längere Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatten. Ich persönlich habe übrigens niemals daran gedacht, etwas zu fordern: lieferten die Leute etwas, so nahm ich es dankbar an und vergalt es mit einem Geldgeschenk, gaben sie nichts, so mußte ich eben kaufen, was ich gebrauchte. Da es am 28. Mai wieder sehr heiß war, beschloß ich, über Nacht zu marschieren und rastete noch bis zum Nachmittag. Gegen 4 Uhr ritten wir ab. Im nächsten Dorfe entstand ein Streit zwischen einem meiner Kavalleristen, meinem Yamenbeamten und dem Ortsältesten. Da ich die Türkisch sprechenden Leute nicht verstand, ließ sich nicht feststellen, um was es sich handelte, doch konnte ich den Verdacht nicht unterdrücken, daß die Gesellschaft hinter meinem Rücken meinen Namen zu Erpressungen benutzte. Es ging weiterhin durch knietiefen Sand, einen im Bau befindlichen Kanal entlang, der das überflüssige Wasser des Aksu darga ableiten soll, um einerseits neue Strecken urbar zu machen und andrerseits Überschwemmungen vorzubeugen. Am Ende war ein Riesenbiwak von ungefähr 3000 Arbeitern, überall lohten die Feuer, anstatt des Pferdegewiehers hörte man den klangvollen Schrei des Esels. Die Arbeiter waren beim Kochen des Abendessens, es herrschte ein lebhaftes Treiben im Lager. Von weitem konnte man sich einbilden, an ein deutsches Manöver-Biwak heranzureiten.

Gegen 1 Uhr nachts kamen wir nach einer einsamen Posthalterei; die Pferde waren sehr müde und infolge des knietiefen Sandes warm geworden. Bis der Wagen kam, warteten wir, dann marschierten wir noch bis zur nächsten Posthalterei an einer salzhaltigen Quelle. Man sagte uns, es gäbe bis Kaschgar kein gutes Wasser mehr. In der Tat schmeckte das Wasser schauderhaft bitter, und selbst die Pferde wollten es nicht saufen. Der Ort hieß Tschyrchuduch. Das Frauenzimmer von gestern fuhr mit ihrer Karre beständig hinter der meinigen her. Sie hatte natürlich gehofft, an mir einen guten Fang zu tun, und mag recht enttäuscht gewesen sein, denn ich ließ einfach das Haupttor sperren, so daß sie draußen bleiben mußte. Über Nacht kam Staubsturm aus Nordwesten auf; es war morgens so ungemütlich, daß ich bis 2 Uhr nachmittags wartete, zu welcher Zeit sich der Staubsturm etwas gelegt hatte. Auch als wir abmarschierten, war es noch immer drückend schwül. Der Weg führte wie gestern durch Wüste mit vereinzelten Kamischbüscheln. Gegen 4 Uhr kam es aus Osten bei kaltem Winde wie eine schwarze Wand angesaust, es war ein neuer Staubsturm, der bedeutend stärker war als der erste; er brachte Abkühlung, und da er von hinten kam, wirkte er nicht unangenehm.

Notes in this chapter

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