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Im Sattel durch Zentralasien

V. KAPITEL. Kansus Steppen.

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Ich ging am 26. Februar morgens ganz früh schon zum Hoang Ho und stellte mit großer Freude fest, daß das Eis noch stand. Die neue Karre war unterdessen, leidlich bespannt, eingetroffen, der Treiber war ein uralter Mann mit einer Riesenbrille, durch die er nichts sah. Ich beobachtete nämlich mehrfach, daß er sie abnahm, wenn er etwas genauer sehen wollte, aber die Brille gibt ein gelehrtes Aussehen. Nach üblichem Zank mit dem Wirt wegen des Bezahlens fuhren wir zuerst zur Mission. Wir kauften unterwegs noch Fleisch und Früchte für die nächsten Tage ein. An der Mission erhielt ich ein Briefpaket für den Missionar in Liang tschau fu, das ich versprochen hatte, mitzunehmen, ferner eine Büchse mit gutem Tee, der hier schon recht teuer ist, sowie einen Kuchen europäischer Herkunft geschenkt, alles sehr willkommene Beigaben. Der alte Mister Hunter, der mir die Sachen übergab, gefiel mir sehr, er ist ein einfacher Mann, der in seinem selbstgewählten Berufe aufgeht und sich nicht um Politik kümmert, er hat übrigens seinerzeit Sven Hedin bei seiner Durchreise begrüßt. Wir ritten weiter zum Nordtor, an dem ich heute ungefähr zum zwanzigsten Male nach woher und wohin, Stand und Visitenkarte gefragt wurde: "Ob ich nicht Missionar wäre?" "Nein." "Dann also Kaufmann?" "Auch das nicht." Daß ich Offizier sei, begriffen sie nicht; ein solcher muß mit großem Troß reisen, sonst kann es kein richtiger sein. Da sind wir Chinesen doch ganz andere Menschen, dachte sicherlich der weißbärtige Torwächter, milde und überlegend lächelnd.

Wir kamen glücklich über den gefrorenen Hoang Ho. Ganz dicht oberhalb war schon eine breite Rinne eisfrei; hier konnte es auch nur noch Tage dauern, bis der Fluß offen war. Von der anderen Seite, am Fuße des von vielen Tempelchen gekrönten Pei-ta-schan macht sich Lantschau Fu sehr hübsch. Man sieht hier erst, wie groß es mit allen seinen Vorstädten eigentlich ist. Südwestlich, auf einem Berge, einen halben Kilometer vor der Stadt, liegen vier mächtige quadratische Wachttürme, auf dem nächsten Berge die stark befestigte Mandschustadt; die Türme haben wahrscheinlich einst mandschurische Banner-Truppen beherbergt, die Chinesenstadt beobachtend. Lantschau Fu mit seinen vorgeschobenen Befestigungen sperrt das Hoang Ho-Tal vollkommen nach Westen zu ab. Wir durchschritten ein Tor, bei dem die Felsberge dicht an den Strom herantreten, dann erweitert sich das Tal, in dem Tabak- und Obstplantagen liegen, die mittels Schöpfräder vom Hoang Ho aus bewässert werden. Weiterhin geht es rechts ab in felsige Berge mit rötlicher Grundfarbe, die teils ganz merkwürdige Formationen zeigen. Kegelförmige Kuppen fallen in einem Teil ihres Abhanges ringsum senkrecht ab, so daß sie unersteigbar sind; mehrfach liegen Befestigungen längs des Weges. Am Abend kamen wir nach Yü-dia-wan in dem der "Dau"[3] Erbsen, mit denen man hier die Pferde füttert, über 3½ Taels kostet, ein geradezu unverschämter Preis. Der Himmel sah den ganzen Tag nach Schneefall aus, das Wetter hielt sich aber noch. Der Mafu verlor zum ungefähr zehnten Male den Anbindestrick für den dicken Pony. Ich drohte ihm an, von jetzt ab das Geld dafür von seinem Lohn abzuziehen.

In der ganzen hiesigen Gegend bis Ping fan war seit vollen zwei Jahren kein Tropfen Regen gefallen, dementsprechend die enormen Preise, da alles angefahren werden mußte. Es waren viele Leute gestorben, viele ausgewandert, mit einem Worte, es herrschte Hungersnot; doch davon hatten die Missionare in Lantschau Fu keine Ahnung. Man sah viele Felder brach liegen: was ich zuerst von weitem für Schnee hielt, entpuppte sich als Salpeter, auch wird in hiesiger Gegend Salz gewonnen. Selbst in den tief eingeschnittenen Schluchten war kein Wasser mehr vorhanden, das wenige ganz bittere verweigerten sogar die Pferde. Unser Koch- und Trinkwasser wurde meilenweit vom Hoang Ho hergetragen; ich mußte für die Kanne Teewasser 30 Cash zahlen. Mein Mafu benutzte die Gelegenheit, um das Waschen gänzlich ausfallen zu lassen. Das Land blieb auch weiterhin bergig; man sah zuweilen Ziegen- und Schafherden; letztere sind Fettschwanzschafe, ganz weiß bis auf wenige schwarze Flecken. Die Ziegen findet man in allen Farbenschattierungen. Der Boden zeigte große Sprünge vor Trockenheit; Staub lag auf den Wegen mehr als fußhoch, man konnte sich gar nicht davor schützen. Der Verkehr war gering, nur wenige Reisende, ab und zu ein Karren mit Getreide, das war alles.

Zuweilen lag auf einem der Gipfel ein einzelnes Gehöft, wie eine Burg; es sind Mohammedaner, die sich da oben so absondern. In einem Nest, durch das wir kamen, wurde immer noch Neujahr gefeiert, beinahe so, wie bei uns zu Fastnacht. Da tanzten vier als Nachen kostümierte Leute eine Quadrille, einer mit einem Mond als Maske dirigierte mit einem Stock, je zwei Violinspieler und Trompetenbläser, Pauken, Becken und Trommeln bildeten die Musik. Der Tanz war höchst graziös und dabei doch hochkomisch. Auf einer andern Stelle tanzten zwei als Mädchen verkleidete, mit einem als "alten Mann" kostümierten eine sehr niedliche Pantomime und man sah noch viele andere hübsche Gruppen. Durch mich ließen sie sich gar nicht stören, nur meine Pferde wollten nicht vorbei; schließlich bildete die ganze Gesellschaft einen langen Zug, zog in den Ort und machte bei jedem Kaufmann solange Katzenmusik, bis dieser eine Flüssigkeit, welche der Chinese Wein nennt, herausrückte.

Abends in Tschun-tschönn-pu kamen wir in einem sauberen, hübschen Gasthof sehr gut unter. Gegen 7½ Uhr war auch hier zur Neujahrsfeier große Illumination; ich ahnte hinten in meinem Zimmer gar nichts davon, bis mich der Mafu herausrief. Der Anblick war wirklich wunderhübsch, alle Straßen waren beleuchtet, vor jedem Hause hingen in vier Felder geteilte lange Laternen, und zwar über die Straßen hinweg von Haus zu Haus, bei den Wohlhabenderen aus weißer, bemalter Seide, bei Ärmeren aus bunt bemaltem Papier. Die Tempel waren mit offen brennenden, Kreise, Zickzacklinien und chinesische Schriftzeichen darstellenden Lämpchen erleuchtet, ebenso der Mittelbau der Stadt, die hohen Stadttore und der daran stoßende Teil der Mauer. Kein Haus hatte sich ausgeschlossen. Ich habe selten eine so vollkommene Beleuchtung gesehen. Ich wanderte in Hausschuhen und Lederjacke durch die Straßen; es berührte sehr angenehm, daß man keine betrunkenen oder skandalmachenden Menschen unter der auf- und abwogenden Menge sah; jeder war vergnügt und lustig, ohne Radau zu machen. Die Kinder waren meist in Begleitung der Eltern oder vielmehr der Väter, die sie an der Hand führten. Überall wurde mir höflich Platz gemacht, und als ich einer mit Musik herumziehenden maskierten Gesellschaft aus freien Stücken einige Cash als Trinkgeld opferte, war allgemeiner Jubel. Man sieht hier so recht, was für ein friedfertiger und harmloser Mensch der Chinese ist, wenn er nicht aufgestachelt und verhetzt wird. Spät am Abend war noch großes Feuerwerk, in dem die Chinesen ja bekanntlich Meister sind.

Entlang dem Ping fan Ho ging es am nächsten Tage weiter; es ist staubig und die Gegend ziemlich flach. In der Ferne sah man hohe, schneebedeckte Berge erscheinen, es werden wohl die Berge zwischen Ping fan und Liang tschau fu gewesen sein. Beim Abreiten rissen die Stute und der Dicke aus; ich ließ nämlich in der letzten Zeit immer diejenigen beiden Pferde, die nicht geritten wurden, lose nebenher laufen, was sie bis dahin auch ganz gut getan hatten. Der Mafu konnte seines verletzten Knies halber immer noch nicht reiten oder gab es wohl nur vor, da es ihm bequemer war, auf der Karre zu fahren. Wir hatten die Pferde bald wieder, waren jedoch kaum 8 Kilometer von dem Ort entfernt, als sie in voller Karriere in den Ort, der ihnen unbedingt sehr gut gefallen haben mußte, zurückliefen. Ich ritt eiligst hinterher und fand sie, nachdem ich ungefähr eine Stunde gesucht hatte, wieder, aber der Dicke wollte nicht mit. Da Umsatteln mit den drei Tieren an der Hand nicht möglich war und die Chinesen nicht helfen wollten, setzte ich mich kurz entschlossen auf den blanken Pony und ritt in schlankem Galopp zurück. Halbwegs zur Karre traf ich den Mafu, der nun den ungesattelten Pony weiter reiten mußte, was ihm sehr wenig Spaß machte. Unterdessen hatte sich Staubsturm aufgemacht, so daß wir völlig unkenntlich um 4 Uhr in Ping fan, einem kleinen Ackerbürgerstädtchen, anlangten. Die Leute hatten gehört, daß ich einen Pony verkaufen wollte; sie kamen in mein Gasthaus und boten mir für Nepomuk 10 Taels, was mir zu wenig war. Der Mandarin schickte mir Essen, außerdem gab es wieder einmal Milch, die allerdings stark verdünnt war. Ich kaufte dann noch für die nächsten Tage, da es im Gebirge voraussichtlich nichts gab, Hafer ein.

Am 1. März morgens mußte ich erst den Karren, mit dessen Inhaber ich akkordiert hatte, durch Leute vom Yamen holen lassen; schließlich stellte sich ein offener, mit zwei wie Mastschweine fetten Ponies bespannter Karren ein. Sie stöhnten schon beim Anziehen, bewährten sich aber schließlich ganz gut. Um 9 Uhr kamen wir glücklich weg und marschierten dem Ping fan Ho entlang. Auffallend waren hier die unzählig vielen Wildtauben. In Wu-tschang-yi machten wir kurze Rast; in unserer Herberge waren zwei entsetzlich schmutzige, wandernde Lamas, die aus Lhassa kamen. Sie hatten zwei von den entzückenden "Peking-Hündchen" mit sich, die sie an mich verkaufen wollten; ich hätte sie auch ganz gern genommen, konnte mich aber jetzt mit solchen verwöhnten Tierchen nicht einlassen. Weiterhin nahm die Gegend einen steppenartigen Charakter an. Unten am Flusse waren sehr viele Fasanen, von denen ich einmal einen schoß. Auf den Berghängen weideten starke Schaf-, Ziegen-, Rindvieh- und Pferdeherden, meist alles durcheinander gemischt. Gegen 5 Uhr nachmittags fingen die großen Steppenmäuse an zu pfeifen; ich wußte zuerst gar nicht, was das eigentlich war und dachte, die Laute kämen von irgend einer Vogelart, bis ich die Tiere laufen sah. Auch hier lagen alle Dörfer in Trümmern, in denen nur die Hirten hausten; man sah kaum noch einen Acker, alles wurde allmählich wieder zur Weide. Der Sonnenuntergang war wunderschön, die mit Schnee bedeckten Berge im Westen waren ganz purpurn, dann lila, bis sie schließlich in der Dunkelheit verschwanden. Von fern hörte man die tiefen Töne der Kamelglocken und das Klingeln der Pferdeglocken, was einen feierlichen Eindruck machte. Man merkte, daß man in ein ganz anderes Land gekommen war, "die Steppe".

Am Dorftheater

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Gegen Abend, es war schon vollkommen dunkel, waren wir in Za koyi. Wir suchten in allen Häusern und fanden kein Unterkommen, überall waren Mongolen mit ihren Pferden und Karren. Am kommenden Tage sollte hier Theater und großer Pferdemarkt sein; außerdem besorgten sie ihre Frühlingseinkäufe hier; ich war also gerade zur rechten Zeit gekommen. Schließlich räumte mir ein liebenswürdiger Schanguida sein eigenes Zimmer ein, so daß ich wenigstens ein Unterkommen hatte; es stieß an den großen allgemeinen Raum. Ich verhing gleich die Tür mit einem Woylach, denn auf dem allgemeinen Kang lagen mindestens fünfzehn Opium rauchende Kaufleute, und ich habe den süßlichen Geruch der Opiumpfeife nie vertragen können. In einer anderen Ecke des Hofes waren die Mongolen um ein großes offenes Feuer, mit brodelnden Kesseln darüber, versammelt. Ich wurde wie ein Wundertier angestaunt; jedoch sind auch die Mongolen freundliche Menschen. Ich bekam einen Pferdestall, etwas Stroh, Tee und zwei alte Brötchen, mehr war nicht aufzutreiben, nicht einmal ein Licht gab es. Trotz Gestank und ewigem Radau schlief ich recht gut und wurde morgens nach meiner Toilette durch die liebenswürdige Gabe einer Flasche guter Milch vom Oberlama der Mongolen überrascht. Da ich seit 24 Stunden nichts Ordentliches bekommen hatte, kann man sich denken, wie mir die Milch schmeckte.

Am Dorftheater

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Wir marschierten weiter, und zwar an einem Teil der großen Mauer entlang, die sich im Grunde des Flusses dahinzieht. Sie ist hier aus Lehm, 3½ Meter hoch, nicht sehr breit und gänzlich im Zerfall; große Stücke fehlen gänzlich, die Wachttürme sind alle eingefallen; man erkennt noch von Kilometer zu Kilometer die alten befestigten Soldatenlager. Die Chinesen sagen, die Mohammedaner hätten die Mauer zerstört, letztere behaupten das Gegenteil. Ich persönlich glaube, daß keiner von beiden der Täter ist, sondern daß der Zahn der Zeit auch hier seine Macht gezeigt hat. Der Fluß bildet jetzt die Scheidegrenze; drüben, also nördlich, wohnen die Mohammedaner. Za koyi war vor dem großen Aufstand mohammedanisch, jetzt ist es ganz chinesisch. Die Mohammedaner sind damals hinausgeworfen worden, wie mir die Chinesen schadenfroh erzählten. Merkwürdig ist es eigentlich, daß zwischen Mohammedanern und Konfuzianern sich derartig scharfe Unterschiede herausgebildet haben; im Aussehen sind sie überhaupt nicht auseinanderzuhalten.

Heute strömte alles zum Theater, meist reitend, und in was für einem Tempo! Hier konnte man allerdings Paßtraber sehen, bei denen ein galoppierendes Pferd, um mitzukommen, schon guten Mittelgalopp laufen müßte. Die meisten Pferde waren sehr hübsch aufgeputzt, mit Schleifen in Mähne und Schweif, mit Silberbeschlag am Sattel und am Zaumzeug, bei manchen waren die Schweife in einen dicken Zopf geflochten, die Mähne in viele kleine Zöpfe. Die Weiber der Mongolen, wie die Männer reitend, tragen das Haar gescheitelt, in der Mitte und zu beiden Seiten in viele kleine Zöpfchen geflochten und in diese auf beiden Seiten einen 15 Zentimeter breiten, bis zu den Füßen reichenden Behang mit verschiedenen Querverbindungen eingeflochten. Letzterer ist teils mit kleinen Muscheln, teils mit Messingzieraten, selbst mit Korallen und Silber reich bestickt. Wie die Männer tragen sie Mützen aus Fuchspelz, hinten mit zwei langen, fliegenden Bändern, außerdem hohe, lederne Stiefel; das Ganze sieht sehr hübsch aus, nur sind sie zu schmutzig. Sie hatten gar keine Scheu vor mir, nur das Photographieren litten sie nicht, während sich die Männer dazu drängten.

Gefährliche Passage im Wu schy ling schan

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Ich sah unterwegs Pferde einbrechen. Erst wurden sie gefesselt, nachdem sie aus der Herde eingefangen waren; dann wurde ihnen die Trense aufgelegt; man hielt ihnen dazu das Gebiß so lange vor die Lippen, bis sie danach bissen, dann hatten sie die Trense sicher im Maul. Nun kam ein Junge darauf, der wie eine Klette festhing; zwei Leute führten das Pferd und longierten es an einem langen Strick, bis es müde war, dann ritt es der Junge ohne Longe weiter. Die meisten Pferde benahmen sich hierbei sehr vernünftig.

Wir hatten scharfen Nordwest, so daß man trotz 25 Grad Wärme in der Sonne fror. Mittagsrast machten wir in Tsing-hsiang-pu, wo es wieder prachtvolle Milch gab, dann mußten wir über den Fluß, was bei jedem der verschiedenen Arme desselben einen Auftritt mit dem Pony gab, welcher in der Karre als Têtenpferd zog. Ich ritt schließlich immer vorn weg, der Führer den Pony im Geschirr hinter mir her, während der Mafu auf der Karre die Peitsche handhabte. Der Weg ging dann, den Fluß verlassend, in die Berge. Das Tal sperrt auf jeder Flußseite eine Befestigung; die nördliche ist mit achtzig Soldaten besetzt. Auch die große Mauer kreuzt den Fluß und geht ebenso wie der Weg in die Berge. Schon als wir noch im Tal waren, kam von Nordwesten ein weißer, dichter Nebelschleier über die hohen Bergspitzen, und im Begriff, den steilen Paßweg zu ersteigen, war der Staubsturm da, einer von denen, die den Sand schon in der Luft mitbringen und nicht erst aufwirbeln. Die Sonne verschwand bald und wurde nur zeitweilig wie ein roter, glanzloser Ball sichtbar. Übrigens ist die hiesige Gegend wegen ihrer auffallenden Temperaturschwankungen und Staubstürme berüchtigt. Das Thermometer fiel sofort bis 0°C und hielt sich darauf. Mir war höchst unbehaglich zu Mute, die Milch war zu kalt gewesen und wirkte reißend. Weder für die Fasanen noch für Steinhühner hatte ich Augen, dafür aber scheußliche Bauchschmerzen. Gegen 3¾ Uhr waren wir oben; ein Tempel krönte auch hier den Paß. Leute kamen uns mit einem mächtigen toten Wolfe entgegen, der in der letzten Nacht im Dorfe jenseits des Passes erschlagen worden war.

Gefährliche Passage im Wu schy ling schan

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Bergab ging es nun schneller, aber wir hatten den Wind gerade von vorn. Die Bäche waren alle aus den Ufern getreten und ganz gefroren; sie sahen aus wie Gletscher und waren beim Überschreiten recht unangenehm. Am Abend langten wir in dem von hohen Bergen eingefaßten Lung-go-pu an. Nördlich liegt der Ho-di-wan-schan, südlich der Scha-tsui-tai-schan, der Paß, den wir hinter uns hatten, heißt der Wu schy ling. Die steilen Abhänge zeigten rötliche Farbe, vereinzelt sah man kleine Waldparzellen. Der Lung-go-pu-ho, der in das Liang-tschau-sui fließt, war offen und hatte ziemlich viel Wasser; unterwegs trieb er viele Mühlen. Das Unterkommen machte wiederum große Schwierigkeiten, da alle Gasthäuser besetzt waren; schließlich mußten wir sämtlich mit einem kleinen Zimmer vorlieb nehmen. Der Wirt hatte einen europäischen Nachttischleuchter, den er auch gleich herbeibrachte; wie mag dieser nur hierher gekommen sein! Nachdem ich einen Riesentopf voll Reis gegessen hatte, wurde mir abends wohler, so daß ich noch die größte Lust hatte, auf Wolfsjagd zu gehen, jedoch war kein Chinese zu bewegen, sogar für Geld, als Führer mitzukommen.

Der Wind hatte am Morgen des 3. März aufgehört, der Himmel war noch halb bedeckt und es herrschte eine Kälte von minus 9 Grad. Es ging im Tal weiter abwärts, und da der Fluß unterhalb noch teilweise gefroren war, mußte man beim Überschreiten sehr vorsichtig sein, um nicht in eines der Löcher zu fallen. Dort, wo die kleinen Nebenflüsse mündeten, war der Übergang über das Eis sehr schwierig. Ich sah einen Maultierkarren dabei ins Rutschen kommen und gleich fünfzig Schritte abwärts sausen; wir kamen überall glatt hinüber. Die Mauer begleitete uns rechts über die Berge. Mitten am Wege steht ein kolossaler Felsblock, auf den die meisten Vorübergehenden mit Steinen anschlagen, so daß der Stein über und über von den kleinen Anschlagstellen weiß ist, es soll gegen Krankheit helfen. Der Stein weist auch mehrfach alte, fast verlöschte Inschriften auf. Gegen Mittag wandte sich das Tal nach Norden zu und man hatte einen Einblick in die unermeßliche Ebene; das Tal wird von einer Sperrfestung, Gulang Hsien, abgeschlossen, bis wohin unsere Karre verpflichtet war.

Gegen 11 Uhr vormittags langten wir dort an. Ich sandte meinen Mafu mit Visitenkarte und Paß zum Yamen, wo man ihn ungefähr zwei Stunden warten ließ und mit dem Bescheide zurückschickte, der Yamen gäbe heute keine Karren. Ich versuchte nun selbst eine solche zu mieten, fand aber nur Ochsenkarren. Daher schickte ich den Mafu nochmals zum Yamen, um unter Hinweis auf den Paß und unter der Erklärung, daß ich keinen Karren bekommen könnte, ihn zu bitten, mir beim Mieten eines solchen behilflich zu sein. Man ließ den Mafu wiederum 1½ Stunden warten, dann kam er in Begleitung eines Schreibers zurück, der nicht gerade sehr höflich war und mir erklärte, der Yamen gäbe keine Karren, sein Herr wünschte jedoch meine Photographie zu haben. Ich wies das Ansuchen und den Mann zurück, der mich vollkommen als seinesgleichen behandelte, obwohl er meinen Paß gesehen hatte. Ich sandte den Mafu nun zum dritten Male zum Yamen und ließ ihn um die Visitenkarte des Beamten ersuchen; man hatte mir dieselbe nicht mitgesandt. Die Leute in der Stadt hatten mittlerweile gehört, daß die hohe Obrigkeit mich schlecht behandelte, und jetzt weigerten sich selbst die Ochsenkarrenführer, zu fahren. Ich verfügte mich nun selbst zum Yamen, meinen Mafu mit meiner Visitenkarte vorausschickend, um mich anzumelden. Da es mir zu lange dauerte, bis er zurückkam — der Mafu hatte augenscheinlich Angst vor dem chinesischen Beamten —, ging ich selbst hinein, wo ich eine Gerichtssitzung vorfand. Die Diener wollten mich sofort hinausweisen; da ich durchaus nicht beabsichtigte, die Gerichtssitzung zu stören, ging ich in einen Nebenraum rechter Hand. Dort schrien mich sofort Schreiber und Bediente auf die unverschämteste Weise an. Nachdem ich mir dieses sehr energisch verbeten hatte, legte ich noch einmal meinen Wunsch klar; man antwortete mir, ich solle warten, bis der Beamte mich empfangen würde. Da dies wahrscheinlich mehrere Tage gedauert hätte, antwortete ich, daß ich nicht eher den Yamen verlassen würde, als bis man mir das Mieten einer Karre ermöglicht hätte. Nun merkten die Leute, daß ich Ernst machte und gaben mir daraufhin zwei Diener mit, die den ersten des Weges kommenden, Dünger fahrenden, mit einem elenden Pony bespannten Karren zwangen, in den Hof meines Absteigequartiers mitzukommen. Der Führer spannte dort sofort aus und war nur durch doppelte landesübliche Bezahlung im voraus zu bewegen, zu fahren. Um überhaupt vorwärts zu kommen, war ich gezwungen, später Nepomuk in die Karre einzuspannen. Da mir das Benehmen des Beamten doch zu unverschämt erschienen war, sandte ich über dieses Erlebnis einen Bericht an die kaiserliche deutsche Gesandtschaft nach Peking; außerdem schrieb ich es meinem Freunde Goo-ta-jen nach Hsi Ngan Fu. Ich glaube, daß besonders der letzte Brief seine Wirkung nicht verfehlt haben wird, da Goo-ta-jen mir sehr wohlgesinnt war und genug Einfluß hat, um die schlechte Behandlung eines mit Regierungspaß reisenden fremden Offiziers zu sühnen. Ich war schließlich so in Wut gebracht, daß ich am liebsten einen verhauen hätte. Die Chinesen amüsierten sich über meinen Ärger ungemein.

Es war natürlich sehr spät geworden, bis wir unser beabsichtigtes Nachtquartier Schan-ta-tschwang erreichten; denn in dem ungastlichen Gu lang Hsien wollte ich keinesfalls bleiben. Wieder einmal gab es nichts zu essen, und auch am 4. März morgens mußten wir hungrig abziehen, da ich sehr früh aufbrach, um zeitig nach Liang tschau fu zu kommen. Der Weg war mehr als schlecht, die Felder lagen brach und die Dörfer waren zerstört. Unterwegs trafen wir den Liang tschau fuer Taotai, der mit großem Gefolge nach Lantschau Fu reiste, um dem Vizekönig dort seine Aufwartung zu machen. In Liang tschau fu angekommen, versuchten wir erst, im Innern Unterkunft zu finden; wir fanden jedoch kein großes Gasthaus, mußten umkehren und kamen dann außerhalb, dicht am Osttor, das Sven Hedin in seinem Werk abgezeichnet hat, ganz gut unter. Ich nahm die übliche große Reinigung mit mir vor und ging dann zur Mission, um mein Paket und die Briefe abzugeben. Ich wurde dort auf das Liebenswürdigste empfangen und blieb ungefähr eine Stunde. Liang tschau fu ist recht groß und hat ganz chinesische Bevölkerung, ohne Mohammedaner; Mongolen sieht man hier nicht. Die Mandschustadt liegt 2½ Kilometer außerhalb, abgesondert für sich; dort führen die Mandschus ihr faules Dasein, nichtstuend und noch vom Staate unterstützt. Ich packte am Abend mein gesamtes Zeug um und hielt Generalrevue über die Vorräte ab, um die für die Wüstenreise nötigen Einkäufe zu machen. Mein Mafu mußte dann Kochtöpfe, Lichte, Reis, Mehl, Zucker, Salz, Brot etc. etc. besorgen. Der Betrieb in den Straßen war sehr lebhaft.

Ich erkundigte mich über die Mission, oder vielmehr es kamen Chinesen zu mir, die sich bei mir über die Mission unterrichten wollten. Sie erzählten mir, daß die protestantischen Missionare so gut wie gar keinen Erfolg haben, während die katholischen, die außerhalb wohnen, eine feste Stellung besitzen und zu ihrer Gemeinde Chinesen gehören, die schon in der fünften Generation sich zum christlichen Glauben bekennen. Die Missionare verschiedener Bekenntnisse verkehren gar nicht untereinander, und die Chinesen fragten mich nun: "Sage einmal, wer hat von den beiden recht? Der katholische Missionar sagt: dasjenige, was der protestantische Missionar predigt, sei falsch, und der protestantische in der Stadt behauptet wieder das Gegenteil." Ich mußte ihnen die Antwort darauf schuldig bleiben. Am 5. März, 8 Uhr, war ich zum Frühstück in der Mission eingeladen und mußte der Andacht der Missionare und schließlich noch der Andacht mit drei Chinesen beiwohnen, die bestimmt sind, dereinst Christen zu werden. Es waren Bediente aus der Mission, die wahrscheinlich, sobald sie diese verlassen, gar nicht daran denken, Christen zu werden oder zu bleiben, sondern jetzt nur heucheln. Die Andacht wurde im englischen Stil abgehalten und reihum ein Kapitel aus der Bibel gelesen. Da jeder sich natürlich seinen Absatz vorbereitend ansah, um nachher beim Vorlesen keine Fehler zu machen, fehlte die Andacht vollkommen. Darauf hielt einer der Missionare eine kurze Predigt über das Gelesene, und der Schluß war ein von einem der Chinesen gesprochenes endloses Gebet, bei dem man knien mußte. Die Mission besitzt hier einen schönen Yamen mit reichlich genügendem Raum, darunter zwei Betsäle und Wohnräume. Die Räume sind einfach und geschmackvoll eingerichtet, nur die Christen fehlen.

Ich hatte meinen Mafu wieder einmal ausgeschickt, um Nepomuk, dessen Widerristdruck aufgegangen war, zu verkaufen. Er fand einen Chinesen, mit dem ich nach einiger Zeit für zwölf Taels handelseinig wurde. Jetzt sollte also der gute Nepomuk nach Hsi Ngan Fu zurückwandern; seinen neuen Besitzer biß er als erste Begrüßung gleich in den Arm. Später brachte mir der Mafu anstatt der zwölf Taels Verkaufsgeld für den Pony nur zwei Taels in bar und für zehn Taels Arzneien; er behauptete, daß der Käufer kein Geld hätte. Ich wollte ihm sofort auf die Bude rücken, mittlerweile war aber das Tor geschlossen worden und der Kerl natürlich längst entwischt; alles Schimpfen half nichts; der Mafu begriff mich übrigens nicht und behauptete, wir würden später 60 bis 80 pCt. an den Latwergen verdienen. Da mein Mafu immer noch nicht reiten konnte oder wollte, schaffte ich vorläufig keinen neuen Pony an und sparte dadurch eine Menge Futterkosten.

Nepomuk in Liang tschau

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Abends besuchten mich Chinesen, die auch nach Tsin-Tsiang reisten; sie kamen aus Hunan bzw. Hupeh und gingen nach Maralbaschi, welches ich später auch zu berühren gedachte. Mein Mafu war mit der neuen Reisegesellschaft sofort sehr einverstanden, während ich vermutete, daß die Chinesen sich meiner nur als Beschützer in den unsicheren Gegenden versichern wollten. Der Yamen hier riß sich die Beine für mich aus. Der Mandarin war von meinem Vorfall in Gu lang Hsien unterrichtet worden, hatte denselben sehr bedauert und war nun doppelt entgegenkommend und liebenswürdig gegen mich. Schließlich kaufte ich noch einen Sack Kartoffeln und ein großes Stück Butter mongolischen Ursprungs, das mir in einem Kuhmagen angebracht wurde.

Alles ging am 6. März morgens ausnahmsweise glatt von statten. Der Karren war zur Zeit da, der Geschäftsführer war mit seinem Gelde zufrieden und ich hatte sehr gut geschlafen. Wir zogen erst mit einem Gefolge von ungefähr zehn Yamenmenschen, nach chinesischer Sitte immer einer hinter dem andern reitend, ich in der Mitte, was sich sehr prunkend ausnahm, durch die ganze Stadt. Als wir zum Westtor kamen, hatten sich aber alle, bis auf einen einzigen, verkrümelt; es fand sich schließlich noch ein berittener Beamter ein, der mich sofort nach meinem alten Rennfreunde, Felix Boos, fragte. Er hatte ihn vor Jahren in dieser Gegend begleitet. Zuerst ging es durch unendliche Gräberfelder, jedes Grab ein kleiner Steinhügel, dann durch die langweilige, über und über mit Steinen bedeckte Ebene, bei weitem der schlechteste und für Mann und Pferd ermüdendste Teil der ganzen bisherigen Reise. Man kam nur sehr langsam vorwärts, und meinen armen Tieren taten die Beine sehr weh, was sich in Se-sche-li-pu während der Mittagsrast dadurch äußerte, daß sie beim Füttern fortwährend hin- und hertraten. Abends in Fung lo pu trafen auch unsere neuen Freunde von gestern Abend ein, für die der Mafu schon ein Zimmer reserviert hatte. Er hatte ein auffallendes Interesse an diesen Leuten.

Weiter am 7. März durch öde, steinige Gegend; links lagen hohe Berge; wir mußten schon nach 15 Kilometern rasten, da es auf dem ganzen ferneren Weg kein Gasthaus gab; der Ort hieß Baba. Es war trotz der 30 Grad Celsius in der Sonne kalt und man fror. Die Berge südlich verschwanden allmählich in einer dicken schwarzen Wolkenwand. Auch die Sonne verschwand, nur nördlich war noch ganz klarer blauer Himmel. Allmählich wurden rechts und vor uns Hügelreihen sichtbar; wir marschierten wieder im Steppengelände mit dicken Grasbüscheln. Der Weg war immer noch schlecht, auf der Karre schlief alles, alle paar Minuten mußte ich die Gesellschaft anrufen, sonst wären wir überhaupt nicht mehr von der Stelle gekommen. Die einzeln liegenden Höfe waren auch hier festungsartiger als früher, mit an den Ecken vorspringenden Türmchen und einem getrennt liegenden, mehrstöckigen, hohen, zur Verteidigung bestimmten Wartturm.

Gegen 4½ Uhr langten wir in Yung chang Hsien an. Gleich hinter den Toren rief mir ein Mann ein paarmal "Yang quetze!" (fremder Teufel) nach. Ich stieg ab, ging hin und verwies es ihm, woraufhin er mich mit der Faust vor die Brust schlug. Leider war er an den Falschen gekommen, denn ich boxte ihm sofort einige Abfuhren ins Gesicht, so daß er unter dem Gelächter der sich allmählich versammelnden Leute blutend abzog und den Mund hielt; wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Wir kamen in einem Gasthaus unter, in dem für irgend ein erwartetes hohes Tier mehrere Zimmer tadellos hergerichtet waren. Der Mandarin des Ortes schickte sofort Lichte und Tee, und versprach auch Essen zu schicken, leider kam nichts. Man hatte zuerst angenommen, die erwartete Exzellenz wäre angekommen, was aber nicht der Fall war, auch der Tee und die Lichte waren für die hohe Persönlichkeit bestimmt gewesen, ebenso die schöne Einrichtung der Zimmer. Als die Yamenleute nun merkten, daß nicht der Mandarin, sondern ein Europäer gekommen wäre, schnitten sie mich gänzlich. Ich sandte den Mafu zum Yamen mit der Aufforderung, den Mann, der mich beschimpft hätte, zu bestrafen, im gegenteiligen Falle würde ich den Vorfall sofort nach Peking melden. Wie ich später hörte, hat der Bambus an demselben Abend noch nützliche Arbeit getan.

Bei sturmartigem Nordost ging es am 8. März weiter. Der Himmel sah nach Schnee aus. Um 9 Uhr fing es an zu schneien, erst wenig, dann schärfer, der Wind nahm zu, kam aber, Gott sei Dank, von rückwärts; es war schließlich ein richtiger Schneesturm. Wie der uns begleitende Mann vom Yamen den Weg in der Steppe fand, ist mir unklar. Gegen 2 Uhr wurde der Wind schwächer, der Schnee blieb liegen, denn es schneite erheblich stärker. Gegen 3 Uhr waren wir am Ziel, und es war gänzliche Windstille eingetreten.

Im Schneesturm zogen große Mengen von Wildgänsen südwestwärts. Im Liang-Tale pirschte ich mich vergeblich an Enten heran, des Schneetreibens wegen war mir der Schuß zu unsicher. Es soll hier schon viele Antilopen geben, aber trotzdem ich den Leuten für die Führung ein ganz ansehnliches Trinkgeld bot, wollte mich keiner begleiten; der Chinese ist eben gänzlich ohne Passion für die Jagd. Unterwegs sahen wir zweimal Füchse. In unserm Gasthause trafen wir anscheinend wohlhabende Kaufleute aus Hami; zuerst taten sie sehr vornehm und zurückhaltend, aber sowie mein Thermometer draußen hing, war alle Vornehmheit wie weggeblasen, und die chinesische Neugierde überwog alle Selbstbeherrschung. Am 9. März war herrlicher, klarer Himmel und draußen eine große Schneefläche, aus welcher nur die Spitzen der hohen Steppengrasbüschel vorguckten. Die andern Fuhrleute wollten nicht fahren, nur der meinige kannte mich schon so weit, daß er meinem Befehl, abzurücken, nicht zu widersprechen wagte. Es ist mir stets geglückt, meine Chinesen schnell an unbedingten Gehorsam zu gewöhnen. Hatte mein Mafu einmal einen Befehl von mir erhalten, so wußte er schon, dann gab es keine andere Möglichkeit, als zu gehorchen. Der Schnee lag ungefähr dreiviertel Meter hoch und ging bis an die Achsen. Zuerst streikten die Tiere; manchmal blieben wir auch stecken, oder eines der Räder fiel in ein tiefes Loch, aber es ging doch. Der Weg war natürlich nicht zu erkennen, man fuhr eben einfach den hohen, weithin sichtbaren Meilensteinen entlang. Ich fror schauderhaft an den Füßen und kroch auf die Karre, um mich in den Decken etwas zu erwärmen.

Der Dicke benutzte die Gelegenheit, um sich gesattelt, samt Mauserpistole, im hohen Schnee zu wälzen. Wir waren gerade damit beschäftigt, den Pony möglichst eindringlich auszuschimpfen, was ihn nebenbei gar nicht rührte, denn er trottete abseits und wälzte sich auf der andern Seite, wo das Jagdmesser hing, als der Karrenführer in aller Gemütsruhe sagte: "Lauye, chuang yang!" (Herr, Antilopen). "Wo?" Ich war wie elektrisiert, sah aber in der angegebenen Richtung zuerst nichts. Diese Kerle haben eben Falkenaugen. Ich ließ den Zeiß auspacken und entdeckte nun vielleicht 3000 Meter entfernt sechs Antilopen, gegen welche ich sofort losziehen wollte, aber der Karrenführer meinte, vor uns wären noch sehr viel mehr, also Ruhe und weiter. Unterdessen wurden Karabiner und Munition ausgepackt, und bald wurden links von uns wieder sechs Antilopen sichtbar. Ich ging nun los, mich wie ein Indianer in dem offenen, sehr wenig Deckung bietenden Gelände heranpirschend. Die Sonne war schon hoch und ich schwitzte wie ein Reserveoffizier bei der Sommerübung; meine hohen Filzstiefel waren mit Schnee gefüllt und ebenso die Ärmel, infolge des Herunterrutschens über die Abhänge, die ich einfach sitzend auf meinen lederbesetzten Reithosen nahm. Wir mußten schon dicht heran sein, als links von uns ein Rudel, das wir nicht bemerkt hatten, in voller Flucht abging, leider mit der Wirkung, daß das unsrige auch absprang; ich zählte 22 Stück. Als sie auf fünfhundert Meter in einem dichten Haufen standen, hielt ich einmal hin; es war aber zwecklos, denn ich fehlte natürlich. Nun ging es wieder zur Karre, wobei ich zu meinem Schaden die Beobachtung machte, daß das Gelände doch nicht so offen war, wie es von weitem aussah. Eine nordsüdlich laufende Schlucht folgte der andern, alles schneeverweht. Ich war ziemlich erschöpft, sah aber meinen Mafu schon von weitem, aufgeregt winkend, auf der Karre stehen. Auf der andern Wegseite, vielleicht 1500 Meter entfernt, stand nämlich ein Rudel von mindestens 100 Köpfen. Ich kostümierte mich schnell leichter, indem ich den Rock abwarf, bestieg einen Pony und ließ mich erst einmal von einem der Soldaten bis an die große, hier meist in Trümmern liegende Mauer führen. Dort legte sich der Pony mit mir in ein tiefes Schneeloch, was mir einige blaue Flecke eintrug und dem Karabiner nicht sehr dienlich war. Auch hier war das Heranpirschen äußerst schwierig, da das ganze Rudel auf freiem Felde stand und alle Deckung bietenden Gräben in diesem Tale nordsüdlich zu verlaufen schienen, so daß man sehr schwer herankommen konnte. Ich arbeitete mich vorwärts, solange es ging, dann schätzte ich die Entfernung über freies Feld immer noch auf 600 Schritt. Mir war der Schuß zu schwer, außerdem hatten die Antilopen mich auch schon eräugt und flüchteten, lange, schwarze Streifen im Schnee zurücklassend. Es sah aus, als ob eine Schwadron über das Feld gezogen wäre, so viele waren es.

Ich ging zum Pony zurück und dann zur Karre, wo der alte chinesische Führer meinte, zu Pferde oder zu Fuß würde ich nie eine Antilope zu Schuß bekommen. So gehe es allen, die es auf diese Weise versuchten. Die Mongolen führen in einem kleinen Ochsenwagen heran und schössen dann aus der Karre, aber so lange der hohe Schnee läge, käme man überhaupt nicht heran. Warum, leuchtete mir zwar nicht ein, wahrscheinlich nur, weil bei Schneewetter bekanntlich kein Chinese ohne Not die Nase zur Tür hinaussteckt.

Einmarsch in ein Dorf in Kansu

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Wir fuhren weiter und kauften in einem elenden Nest einige Eier zum Frühstück. Es gab hier nicht einmal Wasser zum Tee, dieses mußte erst von weither geholt werden; jetzt schmolzen sie den Schnee zu Wasser und kochten damit. Je weiter nordwestlich wir kamen, desto geringer wurde der Schnee. Über Mittag hatten sich die Berge mit einem dichten weißen Wolkenschleier auf halber Höhe bedeckt, was höchst merkwürdig aussah. Als wir gegen drei Uhr das Gebirge vor Dsia kau yi durchschritten, waren die Berge rechts und links fast schneefrei, während die schneebedeckten Spitzen hinter uns blieben. Gegen vier Uhr waren wir im Dorfe. Mein Gewehrputzen lockte eine große Volksmenge zusammen; ich machte dabei die unangenehme Entdeckung, daß das Gewehröl ausgelaufen war, Schweinefett mußte aushelfen. Meine Reisebegleitung aus Liang tschau fu hatte heute einen großen Zank im Hause, in dessen Verlauf man eine Mustersammlung chinesischer Schimpfworte zu hören bekam. Ich dachte: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich; morgen werden sie wohl alle wieder gut Freund sein. Vielleicht kam die schlechte Laune daher, daß das Antilopenfleisch, auf das man sich schon gespitzt hatte, ausgefallen war. Mir ging es ebenso, ich hätte auch anstatt des ewigen Reis ganz gern einmal Antilopenfilet gegessen, doch was nicht ist, kann ja noch werden.

Ich ging mit einem Soldaten am 10. März früh weg, um auf Antilopen zu pirschen, sah jedoch nichts, bis der Wagen uns einholte. Dieser fuhr heute so schnell, daß ich mich lieber anschloß, denn was die Augen des Soldaten entdeckten, das sahen mein Mafu und der Karrenführer schon lange. Leider zeigte sich nichts. Hier war der Schnee schon ganz verschwunden, die Schneewasser kamen in kleinen Bächen von den Bergen; an jeder der schmalen, tief eingeschnittenen Rinnen gab es einen Kampf mit dem Dicken, der stets Versuche machte, zu streiken. Wir kamen in eine Gegend, wo Reis angebaut wurde und die Bauern gerade dabei waren, ihre Felder zu überschwemmen. Daß sie dabei den Weg mitbewässern, scheint ihnen ganz gleichgültig zu sein.

Heute war ein ereignisreicher Tag. Wir waren nach der Mittagspause in einem breiten steinigen Tale nach Nordwesten weitergeritten, stets Schneewasser führende Rinnen kreuzend. Links von uns sah ich plötzlich bei einer großen Schafherde ein Gewühl von Körpern, welches ich anfangs für eine große Hundeschlacht hielt. Erst beim Näherkommen entdeckten wir, daß fünf Hunde sich mit elf großen Wölfen um ein Schaf bissen, scheinbar zum Nachteil der in der Minderheit befindlichen Hunde. Und das am hellichten Tage, eigentlich direkt an der Landstraße. Die drei Schafhirten hatten vorsichtshalber die Herde zwischen sich und die Wölfe gebracht. Ich zog sofort meinen schweren Rock aus und machte den Karabiner fertig. Die Wölfe waren durch das Halten der Karre stutzig geworden und trabten im Rudel ab, das Schaf war tot, die Köter bellten hinterher. Mir war die Entfernung schon zu weit zum Schuß; ich ließ daher schleunigst die Stute satteln und galoppierte in Rennpace los. Die Witwe ging prachtvoll und nahm die vielen kleinen Gräben und Feldereingrenzungen, als ob es ein richtiges Hindernisrennen wäre. In weniger als einer halben Minute hatte ich die Wölfe in Sicht, sie drehten sich von Zeit zu Zeit um, um zu sehen, was da so schnell angesaust kam. Ich konnte das Pferd, das sehr passioniert ging, mit der dünnen Trense nicht so schnell bremsen und war plötzlich mitten zwischen den erstaunt stehenbleibenden Wölfen. Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, würde ich es nicht glauben. Die Witwe stand, spreizte alle Viere von sich und schnob die ebenso erschrockenen Tiere an. Ich war wie der Wind herunter, und im nächsten Augenblick wälzte sich, nicht zehn Schritt entfernt, ein Wolf mit Blattschuß am Boden; die andern teilten sich in zwei Parteien und galoppierten ab. Ich saß auf, hatte sie nach tausend Meter wieder eingeholt und schoß einen waidwund. Er lag und ich wollte ihm nun den Fang geben. Die Witwe hatte es vorgezogen, mit meinem großen Jagdmesser am Sattel wegzulaufen; ich hatte also nur einen kurzen Nicker bei mir, und jedesmal, wenn ich die wütend um sich schlagende Bestie abfangen wollte, schnappte sie derartig nach mir, daß ich es lieber unterließ. Einen festen Biß über den rechten Ärmel und über die rechte Hand hatte ich aber doch weg. Ich ging nun zurück und sah bald, in vollster Fahrt durchgehend, meinen Mafu am Horizont erscheinen. Er konnte die gute Australierin, die in der letzten Zeit nichts getan hatte, nicht halten; ein so edles Pferd ist doch ein anderes Tier als ein Pony. Schließlich geriet er in meiner Nähe in ein tiefes Reisfeld und konnte das Pferd stoppen. Ich ritt nochmals zum ersten geschossenen Wolf und sagte herbeieilenden Hirten, ihn nach der großen Straße zur Karre, die man am Horizont herankommen sah, zu bringen. Den zweiten Wolf fand ich nicht wieder, er mußte sich in eine der unzähligen tiefen Wasserrinnen verkrochen haben.

Ich ging nun, schräg abschneidend, auf Schan tan Hsien zu nach der großen Straße oder nach dem, was man hier große Straße nennt, und wartete auf die Karre, die bald heranrollte. Von Westen her kam Staubsturm auf, die Sonne verschwand und es wurde bitter kalt. Schon von weitem rief mir der Führer zu: "Lauye, dein Rock ist weg!" und richtig hatte die Gesellschaft meinen schönen schweren Winterrock verloren, der meinen Füllfederhalter, Bleistifte, mein Notizbuch mit einer Unmasse wichtiger Notizen, kleiner Karte, Grundriß- und Ansichtszeichnungen, Visitenkarten, Patronen, Taschenbuch usw. enthielt. Ich sandte sofort alle zur Verfügung stehenden Leute zurück. Sie hatten entsetzliche Angst, da sie annahmen, ich würde sie nun totschießen, und machten, einschließlich der beiden Kavalleristen, unter Beteuerung ihrer Unschuld, fortwährend Kotau. Dann galoppierte ich selbst bis zu dem Dorfe zurück, wo wir gefuttert hatten, unterwegs jeden Karren, jeden Menschen anhaltend und ausfragend; nichts war wiederzufinden. Leute erzählten mir, daß ein des Weges kommender Reiter den Rock aufgenommen hätte und eiligst nach Süden, auf die Berge zu abbiegend, fortgaloppiert wäre. Meine beiden Kavalleristen schickte ich nach Dsia kau yi zurück, um dort zu suchen; natürlich sind sie nie hingeritten.

Als ich, zurückkommend, kurz vor der Karre anlangte, brach die arme Stute unter mir zusammen mit allen Zeichen einer schweren Kolik; das war ausgerechnet das, was mir noch fehlte. Der Tag verdiente einen roten Strich im Kalender. Ich saß sofort ab, brachte das Pferd noch glücklich bis zur Karre und tat dann alles, was irgend möglich war; das arme Tier warf sich mit solcher Gewalt, daß es gar nicht zu hindern war; ich setzte nicht mehr viel Hoffnung auf sein Wiederaufkommen. Nach und nach stellten sich, bis auf den Karrenführer, alle wieder, ohne den Rock, ein und taten derartig dumm und ängstlich vor dem sich vor Schmerzen krümmenden Tiere, daß ich vollends die Laune verlor. Um 3½ Uhr setzte sich der trübselige Zug in Bewegung. Erst beim Abmarsch bemerkte ich, daß die Chinesen die allgemeine Aufregung benutzt hatten, um den Wolf, der neben der Karre gelegen hatte, auch zu stehlen. Trotz meiner recht traurigen Stimmung mußte ich doch über die freche Gesellschaft lachen. So gings weiter, voran die Karre, dann ich, das Pferd führend, und dahinter der Mafu mit einer langen Peitsche, um das Werfen zu verhindern. So gelangten wir allmählich um 6 Uhr, gegen den Staubsturm ankämpfend, nach Schan tan Hsien. Als wir eintrafen, hatten sich die Schmerzanfälle gemindert, das Tier erleichterte sich und ich schöpfte wieder Hoffnung. Schließlich fraß es etwas und nahm Wasser; ab und zu kam noch ein Anfall, dann legte es sich um 8½ Uhr hin und war, soweit ich die Lage beurteilen konnte, gerettet. Mir war es schon lieber, meinen Rock und die übrigen Sachen zu verlieren, als die gute Witwe Bolte, die mir doch sehr ans Herz gewachsen war. Ich saß traurig neben dem Tier in der steinernen Krippe, fror dabei scheußlich und hatte Hunger. Den Mafu hatte ich, um nichts unversucht zu lassen, nach dem Yamen geschickt, um Unterstützung zu erbitten. Der Mandarin schickte sofort seine 30 Kavalleristen aus und versprach, alles zu tun, leider gänzlich ohne Erfolg, woran ich nie gezweifelt hatte. Um neun Uhr kam der Mandarin selbst angeritten; ich mußte auch noch den Liebenswürdigen spielen, opferte eine Schachtel Schokolade, die ganz verschwand und hörte dazu — recht widerwillig — die guten Ratschläge des übrigens sehr freundlichen Chinesen an, der mich trösten wollte. Später stellte sich auch noch der gänzlich verängstigte Karrenführer ein; natürlich ohne den Rock. Er machte einen Kotau nach dem andern unter entsetzlichem Geheul, da er annahm, daß es jetzt Prügel setzen würde. Schließlich brachte er mir als Ersatz seinen alten Lausepelz angeschleppt, den ich dankend ablehnte. Um 10½ Uhr nahm der Beamte Abschied, mit der recht deutlichen Anspielung, daß ihm eine Taschenuhr als Geschenk nicht unangenehm sein würde; ich versprach ihm meine zweite, kurz vorher zerbrochene Nickeluhr, falls ich meine Sachen wiedererhielte.

Der Stute ging es am 11. März morgens gut, sie hatte sich wieder ganz erholt, war aber natürlich sehr abgefallen. Ich schrieb im Laufe des Vormittags Briefe an die Missionare im Lantschau Fu, Hsi Ngan Fu und Liang tschau fu, um sie von dem Verluste des Rockes in Kenntnis zu setzen, da ich es nicht für ausgeschlossen hielt, daß er an einem dieser Plätze zum Verkauf angeboten werden würde. Um 12 Uhr kam die mit nur einem Pony bespannte Karre; das andere Pferd sollte an einem Hause am Wege stehen, was mir merkwürdig vorkam. Der Mandarin erschien auch wieder, natürlich nur wegen der Uhr; da aber der Rock nicht wieder eingetroffen war, gab es auch keine Uhr. Mitten auf der Straße im Ort ließ uns der Karrenführer stehen und war sofort in der Menge verschwunden; der Mandarin drückte sich hinten weg, da er voraussah, daß es nur Zank geben würde. Ich ließ den Mafu sich einige Zeit mit der Gesellschaft herumzanken, dann griff ich ein, stellte fest, wo das Pferd sein sollte, und holte es aus dem Misthofe, in dem es stand, heraus. Es ging nur auf drei Beinen, aber das genügt ja beim chinesischen Pony. Ich ließ anspannen, immer noch ohne Karrenführer. Die Menge um mich herum lachte mich aus, da sie jedenfalls erwartete, mich bald hilflos dastehen zu sehen. Ich aber fragte gar nicht mehr viel, sondern fuhr einfach mit dem Mafu los und hatte sofort die Lacher auf meiner Seite. Der neue Führer kam nun schleunigst zum Vorschein. Er hatte, wie mir der Mafu hinterher erzählte, erst um die Höhe des Trinkgeldes mit den Yamenleuten gehandelt, nicht ahnend, daß ich für die unverschämte Gesellschaft nicht einen Cash gebe, was ich ihm jetzt mit dem Bemerken eröffnete, daß er außerdem; falls er etwa jetzt noch fortzulaufen beabsichtigte, fürchterliche Prügel bekommen würde. Mein Mafu gab ihm die Erläuterungen dazu; diese müssen sehr überzeugend gewirkt haben, denn er fuhr späterhin sehr gut.

Witwe Bolte nach schwerer Kolik in Schan tan Hsien

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Zur Strafe warf ich sämtliche Yamenleute, die es sich auf der Karre bequem gemacht hatten, aus dieser hinaus und ließ sie laufen, was ihnen sehr peinlich war. Vorbei an dem auf hohem Berg liegenden Tempel Fa-ta-tse, durch ein gut angebautes Tal gelangten wir nach Dung-lo-hsien. Der dortige Beamte ließ mir gleich sagen, er könne keinen Karrenführer schicken, denn derselbe würde sicher Karre und Tier unterwegs verkaufen und ausrücken. Angenehme Zustände!

Am 12. März kam der Mafu schon um 4 Uhr morgens, um mich zu wecken. Ich träumte gerade von dem schönen Diner, das ich nicht bekommen hatte, und kroch aus meinem Schlafsack, um draußen einen schauderhaften kalten Ostwind, der durch Mark und Bein pfiff, vorzufinden, aber sonst keinen Menschen. Alles schlief noch; außer dem meinigen war kein Pferd gefüttert. Der Karrenführer hatte das ganze vorausbezahlte Geld für die Fahrt, einschließlich Futtergeld für die Tiere, in Opium angelegt und lag nun irgendwo im Dusel. Die Yamenleute hatten das ganz genau gewußt, sie rauchten aber sämtlich auch Opium und hatten daher ein Auge zugedrückt. Hier huldigte überhaupt alles, einschließlich der Weiber, diesem schrecklichen, nervenzerrüttenden Laster. Die Leute rannten nun die Straße herauf und herunter, laut den Namen des Treibers schreiend, um die Kneipe ausfindig zu machen, in der er seinen Rausch ausschlief. Nichts meldete sich; ich ließ den Pferden daher etwas Stroh geben und dann anspannen.

Meine Pferde in Schan tan Hsien, rechts der Bruder des Mandarins von Schan tan Hsien

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Ein Soldat, der Mitleid mit mir hatte — ich fror nämlich stark —, brachte mir Tee und einige der kleinen, in Blattumhüllungen befindlichen Pakete Reis mit Pflaumen darin; sie schmeckten mir heute besonders gut.

Unterdessen war aus einer andern Opiumhöhle ein Yamenmann herausgeholt worden, der aussah wie ein Strolch von der Landstraße, ungewaschen — hier waschen sich von zehn Leuten überhaupt höchstens zwei —, zerlumpt, noch halb im Dusel. So zogen wir denn mit dem Kerl um 5½ Uhr im Schritt los, denn zum Trab waren die Tiere nicht zu bewegen. Unterwegs fanden wir eine neue Futterschwinge, die ich annektierte. Einmal ging der Karrentreiber nach einer der kleinen, am Wege befindlichen elenden Lehmhütten, in denen Tee ausgeschenkt wird. Zu meinem Leidwesen tun dies alle Treiber, nur machte dieser den Unterschied, daß er einfach nicht wiederkam. Ich ritt nach einiger Zeit zurück und fand ihn sanft ruhend auf dem Kang. Ich weckte ihn ebenso unsanft mit einem Guß kalten Wassers auf; dann ging es im Trabe der Karre nach, die mittlerweile wohl vier Kilometer weiter war. Der Kerl hatte eine so heillose Angst vor mir, daß er wie besessen lief und schweißüberströmt die Karre erreichte.

Chinesische Kavallerie-Eskorte vom Leichenzuge Djau-ta-jens

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Die Gegend war öde und sandig, der Wind sprang um 8 Uhr nach Westen um, und bald hatten wir den schönsten Staubsturm, den stärksten von allen solchen bisher, ausgenommen den am 5. Januar. Auf der Straße kamen uns im rasendsten Tempo Yamenreiter entgegen. Sie gehörten zu dem Leichenzug Djau-ta-jens, des ehemaligen Futais von Tsin-tsian, der vor einem Jahre gestorben war und jetzt als Leiche mit großem Gefolge nach Peking zurückgebracht wurde. Die ersten waren die Quartiermacher, denn der mitgeführte Troß ging wohl in die Hunderte.

Die Gegend nahm immer mehr einen wüstenähnlichen Charakter an. Sanddünen wechselten mit steinigen, weiten Flächen ab. Ich mußte die Staubbrille und den Kopfschutz herauskramen, um mich wenigstens einigermaßen gegen den alles durchdringenden Staub zu schützen. Man sah die hohen Sanddünen ordentlich wandern, derartig wird der Sand weitergeweht.

Der großartige Leichenzug nahte. Ganz bunte Kavallerie eskortierte ihn; voran ritten einige Mandarinen in Staatsgewändern, dann folgte, befestigt an einer langen Stange mit ausgeschnitzten, bunt gemalten, erhobenen Drachenköpfen an den Enden, der Sarg, von vielleicht dreißig Trägern an schweren hölzernen Querstangen getragen. Auf dem Deckel saß in einem kleinen Käfig der übliche, ganz weiße Hahn, dann kam in Karren, deren ich 58 zählte, das Gefolge, darunter eine Menge Weiber, deren Gefährte wie kleine Häuser mit Türen und Fenstern versehen sind. Alle beguckten natürlich sehr neugierig den fremden Teufel, von dem allerdings in der Vermummung nicht viel zu sehen war, und lachten, wie immer, wenn der Chinese nicht weiß, was er sagen soll.

Der Staubsturm wurde unterdessen immer toller, die Pferde fingen an zu streiken und wollten sich mit der Kruppe gegen den Wind stellen. In einem Bachbett mit schmaler Ein- und Ausfahrt und steilen Ufern saß ein Karren fest, wir mußten unsere Tiere als Vorspann geben, sonst hätten wir nicht weitergekonnt, da die Ausfahrt gesperrt war. Endlich tauchten Bäume auf, es war Örr-sche-li-pu, das als Schutz gegen den Staub und zur Befestigung des wandernden Sandes rings von Bäumen umgeben ist. Wir futterten schnell auf der Straße ab, dann ging es weiter durch sumpfiges Gelände mit vielen offenen, moorigen Löchern.

Missionar Weiys in Kan tschau fu

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Gegen 3 Uhr kam Kan tschau fu in Sicht; der Sturm ließ nach. Wir fuhren durch ein Tor in ein weites Gräberfeld mit einem sogleich in die Augen fallenden Grabhügel in der typischen Sargform, von ganz kolossalen Dimensionen. Die Vorstadt durchreisend, gelangten wir durch das Südtor in die eigentliche Stadt, die viele kleine sumpfige Plätze hat. Leute über 60 Jahre gibt es hier nicht, das Klima ist zu ungesund. Alle Mauern stürzen bald wieder ein und man sieht sofort an den größeren Tempelbauten, daß der Untergrund schlecht sein muß, denn die Gebäude haben kaum einen ordentlichen rechten Winkel aufzuweisen. Vorbei an der halb europäisch, halb chinesisch gebauten Kirche der katholischen Mission, gelangten wir endlich in ein schönes, großes Gasthaus. Die große Säuberung vollzog sich vor einer durch alle verfügbaren Öffnungen guckenden Zuschauermenge. Dann ging der Mafu zum Yamen, ich zur Mission. Sie hat schon seit 20 Jahren eine Kirche am Ort, die aber auch infolge des sumpfigen Untergrundes Abweichungen zeigt, sonst ist sie wie eine katholische Kapelle in Deutschland gehalten. Die Mission unterhält noch eine Schule, ein Waisenhaus und betreibt in geringem Umfange Gartenbau und Landwirtschaft. In Pater L. Weiys, einem liebenswürdigen Holländer, fand ich einen Deutsch sprechenden, sehr natürlichen Menschen, der mir gut gefiel. Er war allein hier; sein Kamerad, Pater Kissels, war vor einem halben Jahr an Wassersucht gestorben, als ein Opfer des hiesigen Klimas, nachdem er, Kissels, über 20 Jahre auf seinem Posten gewesen war. Der jetzige Missionar war zufrieden mit seinem Beruf und seinen Erfolgen; man sah es ihm auch sofort an. Er hat gegen 600 Christen unter sich, die Gemeinde in Su tschau fu eingeschlossen. Auch hier scheint mir die katholische Mission mit viel mehr Erfolg zu arbeiten als die protestantische. Ich bekam selbstgekelterten, sehr guten Wein vorgesetzt. Die Katholiken sind vernünftigerweise nicht derartig strenge Abstinenzler wie die englischen Missionare, die ich bis jetzt gesehen habe. Der Wein schmeckte mir sehr gut, ungefähr wie leichter spanischer Wein; ebensogut war das mir angebotene Abendbrot, das natürlich, der Fastenzeit entsprechend, keine Fleischgerichte enthielt. Draußen in der Kapelle hörte man die Christen ihre Abendgebete laut absingen, und ich fühlte mich eigentlich hier mehr zu Hause als bei den Engländern, trotzdem ich Protestant bin und im allgemeinen die Engländer sehr gern habe.

Alter Tempel in Kan tschau fu, aus der mongolischen Dynastie stammend

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Gegen 8½ Uhr suchte ich mein hartes Lager auf und schlief wie ein Toter, wahrscheinlich infolge des ungewohnten Weingenusses. Der 13. März war ein Ruhetag; der Schneider kam, um mir einen chinesischen Rock für den gestohlenen anzufertigen. Die Sachen wurden gesonnt und der Lebensmittelvorrat für die nächsten Tage ergänzt. Um 12 Uhr ging ich wieder zur Mission, wo ich vom Pater Weiys ein für hiesige Verhältnisse gutes Essen vorgesetzt bekam. Dann ritten wir auf seinen Ponies zu einem alten Tempel, der noch aus der Zeit der mongolischen Herrscherdynastie stammt und in dem besonders ein mächtiger schlafender Buddha in recht unverhältnismäßiger Darstellung auffällt. Am Ende des Tempels befindet sich eine der hohen, flaschenförmigen Pagoden. Von dort ging es zum Garten der Mission, drei Li südwestlich der Stadt. In diesem wird hauptsächlich Obst- und Weinbau betrieben; ferner liegt in ihm das provisorische Grab des hier verstorbenen Paters Kissels.

Katholische Mission in Kan tschau fu

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Der Pater Weiys erklärte mir, daß er Gemeindeglieder habe, die bereits in der fünften Generation christlich wären. Seine Stellung zu dem Mandarin ist eine recht gute, aber durchaus unabhängige. Er befaßt sich weniger mit der Belehrung der Heiden, als mit der Seelsorge in der bereits vorhandenen christlichen Gemeinde. Im übrigen klagte er sehr über das Opiumrauchen und besonders über das Opiumessen der Weiber. Der Hauptgrund für letzteres sei darin zu suchen, daß sie zu früh heiraten und ihre Männer vor der Hochzeit nicht kennen lernen. Die Folge sei dann oft eine herbe Enttäuschung, welche die junge Frau zum Selbstmord treibe. Dann werde der Missionar zu Hilfe gerufen, und unter den wenigen ärztlichen Instrumenten in den Missionen könne man stets eine Magenpumpe für den vorgenannten Zweck finden. Er erzählte noch außerdem, er habe sehr damit zu kämpfen, daß z. B. neu bekehrte Eheleute Kinder hätten, die infolge der leidigen Unsitte des frühen Verlobens schon an Heiden vergeben seien, was natürlich zu großen Unzuträglichkeiten führe. Ich empfahl mich bei dem liebenswürdigen Missionar, nicht ohne noch einen besseren Jahrgang des selbstgekelterten Weines gekostet zu haben.

Grab des Pater Kissels im Garten der Mission zu Kan tschau fu

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Auf dem Rückwege zu meinem Gasthause sah ich vor demselben eine große Menschenmenge auf der Straße; ich ging hin und fand die öffentliche Leichenschau eines Ermordeten. Die Leiche, mit einem Stich unterhalb des Herzens, lag gänzlich nackt auf einem Brett mitten auf der Straße. Auf einer Seite war ein Mattenverschlag, in dem Yamenbeamte, scharlachrot kostümiert, ein Protokoll aufnahmen, während ein anderer Beamter an der Leiche herummaß und den im Verschlag befindlichen Kollegen Angaben zurief, die diese in das Protokoll notierten. Rings umher sowie auf allen Dächern war eine neugierige Menge versammelt, die nur mit Not von den Yamendienern zurückgehalten werden konnte. Zehn Schritte davon, in einem nach vorn zu offenen Hause, lärmte eine vergnügte, trinkende Hochzeitsgesellschaft. Man kann sich wohl kaum schärfere Gegensätze denken.

Der Schneider kam am 14. März etwas zu spät; trotzdem ist es eigentlich zu verwundern, daß er so schnell gearbeitet hatte. Der Rock war natürlich um die Brust, um den Hals und in den Ärmeln etwas eng, da wir Europäer doch anders gebaut sind als der Durchschnitts-Chinese. Die ärmellose Überziehweste, Kandjörr, saß dagegen recht gut. Der Preis für den Stoff betrug 2500 Cash, der Arbeitslohn 500 Cash, alles in allem ungefähr 7,20 Mark, also wirklich recht wenig.

Verbrecher in Kan tschau fu

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Es schneite ziemlich stark, und der Geschäftsführer wollte mich überreden, noch zu bleiben. Ich konnte es aber nicht, da jeder Tag für mich von Wert war. Um dem Übervorteilen seitens der Leute, bei denen ich Lebensmittel usw. kaufte, zu entgehen, hatte ich dem Geschäftsführer eine bestimmte Summe in Silber eingehändigt; davon bezahlte er jeden, der eine Forderung an mich hatte. Ich vermied dadurch den ewigen Zank wegen guten und schlechten Geldes, kam sicher billiger weg und der Geschäftsführer machte zugleich sein Geschäft, da er natürlich jedem Händler Prozente abzog. Er muß sich dabei ganz gut gestanden haben, denn er war zufrieden und beklagte sich nicht, wie alle andern seinesgleichen, über zu geringe Bezahlung. Auch die Yamenleute benahmen sich anständig. Draußen, mitten auf der Straße, stand immer noch der Sarg mit dem Ermordeten.

Es ging durch Heide, die vielfach moorig und von vielen kleinen Wasseradern durchzogen war, in denen sich eine unendliche Menge von Wasser- und Sumpfvögeln tummelte. Nach Durchschneiden einiger ganz wüstenartiger Striche kamen wir am Abend nach Scha Ho, wo wir gute Unterkunft fanden. Eine alte Frau mußte die Fehler, die der Schneider in Kan tschau gemacht hatte, verbessern, da mich der Rock doch etwas drückte. Auch am 15. März durchzogen wir eine wüstenähnliche Gegend. Die Dünen laufen von Nordost nach Südwest, westliche Winde schienen vorzuherrschen, da die Abhänge nach dieser Himmelsrichtung flach, diejenigen nach Osten zu steil und sehr schwer passierbar sind. Die Karre mit den zwei Meter hohen Rädern kam nur in mehreren Absätzen hinauf; die Tiere keuchten schwer und sanken tief im Sande ein. Um 11¼ Uhr erreichten wir Fu-ji-ting, bis wohin meine Karre gemietet war. Im ganzen Ort ließ sich kein neues Gefährt auftreiben, aber der Beamte war so liebenswürdig, mir seine eigene, nur mit einem Pony bespannte Karre zu geben, so daß ich wenigstens fortkommen konnte. Die Gegend blieb weiterhin wechselnd; wüstenartige Strecken folgten unmittelbar auf fleißig bewirtschaftete Ländereien, jedoch war der angebaute Strich stets nur sehr schmal und ging mit den Flußläufen. Überall sah man Hecken und Wälle, die dem Versanden wehren sollten.

Karre bei Su tschau

Illustration from Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Wir befanden uns gegen 3 Uhr in einer weiten Sandfläche, als links in den Dünen Antilopen auftauchten. Ich ließ die Stute satteln, mit der Absicht, mich in vollster Fahrt zu nähern und so vielleicht eine derselben zu Schuß zu bekommen. Es klappte ganz gut; ich kam an die ruhig stehenbleibenden Antilopen bis 150 Meter heran, als ich kurz vor mir einen breiten Graben sah. Getreu meinem alten Prinzip, lieber das Genick gebrochen, als gekniffen, ging ich, was ich konnte, gegen und — lag prompt drinnen, oder vielmehr samt Pferd drüben im hohen, weichen Sande. Die Mauserpistole fiel in einen Grasbüschel, sonst war nichts passiert. Ich saß wieder auf und ritt hinter den abspringenden Antilopen her, jedoch war ihr Vorsprung zu groß; ich kam nochmals bis etwa 150 Meter heran, dann versagte die Stute. Ich saß daher ab und führte sie zurück, als links vor mir drei Wölfe auftauchten. Mein Tier war zu müde und die Entfernung für die Mauserpistole zu weit, daher ließ ich heute Isegrim laufen, was er sehr langsam, oft stehenbleibend, denn auch tat. Der Wildreichtum in dieser Gegend ist einfach verblüffend. Besonders sind Wasser- und Sumpfvögel in großen Massen vorhanden; unter diesen schwarze Störche, weiße Reiher, unsere Wildenten, große, rostbraune Enten, Krickenten, Gänse und viele kleine Wat- und Schwimmvögel. Die Chinesen schießen die Tiere nicht; sie sind daher ganz vertraut, und besonders die großen Enten kann man häufig in den kleinen Gräben unmittelbar am Wege finden.

Unser Ziel, Gau tai Hsien, war noch 20 Li entfernt. Der Abend war herrlich, kein Lüftchen regte sich, und der Verkehr war schwach. Die Bauern pflügten noch überall auf den Feldern, vom Fluß her tönte der Schrei des Storches und der Gänse, ab und zu hörte man die Weihe, die ungestört, meist mitten im Dorfe, auf irgend einem hohen Baume nisten. Allmählich wurde es dunkel, nur noch vereinzelte Krähen zogen ostwärts. Da sah man am Horizont helle Punkte am Himmel auftauchen; es waren erleuchtete kleine Drachen, die die Kinder aufsteigen lassen, also konnte die Stadt nicht mehr fern sein. Bald befanden wir uns zwischen den Häusern der Vorstadt und die Stadtmauer lag vor uns. Eine barsche Stimme fragt: "Wer ist da?" damit ist der Pflicht genügt, es ist die Torwache. Einige vorsichtige Geschäftsführer von Gasthöfen waren nicht zu bewegen, das große Tor aufzumachen. Die Gegend ist unsicher, und wer so spät am Abend noch reist, der kann nichts Ordentliches sein. Endlich fanden wir doch noch ein Unterkommen. Der viel geplagte Mafu wanderte zum Yamen und erhielt das Versprechen, daß die Karre pünktlich erscheinen werde; dann gab es das karge Abendessen, und bald konnte man das müde Haupt auf dem harten Kang zur Ruhe legen. Nebenan störte ein chinesischer Sänger, der tausendmal dieselbe Melodie sang; aber auch dieser bekam die Sache satt. Drei Böller kündeten, daß das Stadtoberhaupt zur Ruhe gegangen sei, nur ein vereinzelter Eselsschrei noch in der Ferne, dann trat Ruhe ein und man träumte vom schönen Vaterlande im fernen Westen.

Natürlich kam am 16. März morgens keine Karre. Zweimal mußte ich zum Yamen schicken, ehe wir alles beisammen hatten. Unterwegs futterten wir in Scheziang yi, wo der Führer in seinem Vaterhause durchaus alles mögliche abgeben wollte. Ich hatte den Verdacht, daß er sich zu drücken beabsichtigte und ließ ihn daher, bevor er ging, seine Sachen als Pfand deponieren. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, bis ich einfach die Sachen wegnahm. Nunmehr erschien auch der zugehörige Vater und versicherte überlegen, daß, wenn sein Sohn versprochen habe, wiederzukommen, er sicher auf die Minute da sein würde. Leider war ich, trotz reichlicher Erfahrung, so dumm, ihn fortzulassen, denn wer natürlich nicht wiederkam, war der Schelm, so daß ich, zu meinem Verdruß, in dem Loche übernachten mußte. Den Abend ging ich dafür auf Entenjagd und schoß eine, die aber so tranig war, daß man sie nicht essen konnte.

Am folgenden Tage marschierten wir gegen sechs Uhr bei sieben Grad Kälte in die Wüste ab. Wir sahen links in den Dünen mehrfach Antilopen und ich ritt näher heran, um mich zu überzeugen, wie viele es wären. Beim Absteigen blieb ich mit dem linken Fuß im Bügel hängen und mein guter Dicker ging sofort pleine chasse mit mir durch, mich schleifend. Ich fühlte noch Hufschläge am linken Schienbein, am rechten Spann, am rechten Ellenbogen und am Kopfe, dann vergingen mir die Sinne und ich kam erst zu mir, als mich mein Mafu auf richtete. Gottlob war der Sand knietief und kein Steinchen darin. Der Pony hatte den Karrenführer, der ihn aufhalten wollte, überrannt und dabei eine kurze Wendung gemacht, wobei mein Fuß aus dem Bügel ging und ich liegen blieb. Der tiefe Sand, der wattierte chinesische Rock sowie die dicke Pelzmütze hatten die Hufschläge gemildert, so daß ich mit einigen Hautabschürfungen und leicht gezerrten Muskeln davonkam. Merkwürdigerweise stellten sich auch gar keine Kopfschmerzen ein, und nachdem ich einige 100 Schritt am Stock gewandert war, konnte ich schon wieder glatt gehen, wenn auch mit Schmerzen. Die Strecke, die der Pony mich geschleift hatte, betrug gegen 400 Meter. Die Bewußtlosigkeit kann kaum zwei Minuten gedauert haben. Der Pony und die Chinesen hatten einen viel größeren Schreck bekommen, als ich selbst. Sie erzählten mir hinterher, daß sie mich anfangs für tot gehalten hätten und waren sehr um mich besorgt, was mich einigermaßen rührte, denn im allgemeinen kennt der Chinese kein Mitleid.

Bald hatten wir wieder Antilopen vor uns. Ich pirschte nochmals heran, sie sprangen aber zu früh ab, so daß ich nicht zum Schuß kam. Nach weiteren fünf Kilometern war ein zweiter Sprung vor uns, den Weg langsam kreuzend. Ich blieb ruhig bei der Karre und wartete, bis wir in gleicher Höhe waren, dann schoß ich auf die nächste, vielleicht 130 Schritt entfernte, ein vorzügliches Ziel bildende Antilope. Das Tier zeichnete und brach im Feuer zusammen, begleitet vom Freudengeheul meiner Chinesen. Es war die erste Antilope, die ich erlegte. Ich eilte mit meinem Jagdmesser hin, um das Tier abzunicken, als es aufsprang und flüchtig wurde; ich nahm zu Pony die Verfolgung auf, verlor aber bald die Fährte und stand zu meinem nicht geringen Ärger wiederum vor einem Mißerfolg. Wir suchten noch eine gute halbe Stunde, da das Tier mit diesem Schuß unmöglich weit gelaufen sein konnte, aber vergeblich. Es fehlte eben der Hund, und aller Eifer meiner Chinesen konnte eine gute Nase nicht ersetzen.

Abends gelangten wir dann in einem kleinen Heidedorf inmitten von Salzsümpfen an. Yan tsche ist nur eine Station an der großen Straße. Das ganze Dorf besteht nur aus einigen Gasthäusern und wenigen Handwerkern, die vom Durchgangsverkehr leben. Daß der Europäer als willkommenes Objekt betrachtet wurde, ist klar; man bot mir Essen zu unmöglichen Preisen an, so daß ich schließlich gar nichts kaufte, sondern Konserven kochte. Doch bekam mir das europäische Essen nicht gut, da ich am 18. März, nach einer fast schlaflosen Nacht, mit Kopfschmerzen erwachte. Nachdem uns der Pony durch Weglaufen ungefähr eine halbe Stunde aufgehalten hatte, kamen wir glücklich durch die Wüste gegen Mittag nach Fang-Hsia, wo mich ein Mensch um Hilfe anbettelte, der letzte Nacht in unserm Dorfe vollkommen ausgeplündert worden war und mit einem anscheinend stumpfen Instrument einen schweren Hieb über das Schienbein erhalten hatte. Ich verband unter Assistenz des ganzen Dorfes die übel aussehende Wunde. Wie der Mensch mit einer derartigen Verletzung noch weiter marschieren konnte, ist mir unklar, das kann eben nur ein Chinese. Bei scharfem Nordwestwinde und bedecktem Himmel hatten wir einen recht unangenehmen Weitermarsch. Der Wind ging schließlich durch alles durch und wechselte merkwürdig oft zwischen West und Nord, so daß man fortwährend im Staube war, wenn man hinter der Karre Schutz suchen wollte. In der Ebene konnte man zeitweise 40 bis 50 Windhosen zugleich beobachten. Kam man in eine solche, so war sofort alles fingerdick mit Staub bedeckt. Dazwischen wieder war die Luft so klar, daß man auffallend weit sehen konnte. Dabei rückten die entferntesten Gegenstände ganz nah heran. Schon gegen Mittag lag unser heutiges Ziel, das noch etwa 30 Kilometer entfernt war, in greifbarer Nähe.

Gegen 7 Uhr hatten wir die Wüste hinter uns, wir kamen wieder in steppenartiges Gelände, und bald sah man auch angebaute Stellen. Ich war froh, denn ich hatte etwas Fieber und litt stark an Durchfall, der wahrscheinlich von dem hiesigen sumpfigen Wasser herrührte, denn auch meinen Leuten ging es so. In Ling fi nahm ich abends den ersten Kognak während der ganzen Reise und trank keinen Tee, sondern aß nur Reis. Ich war so erschöpft, daß ich sofort, als ich mich hinlegte, einschlief. Ich glaube, man hätte das ganze Zimmer ausräumen können, ohne daß ich es gemerkt hätte. Am nächsten Morgen kamen sechs Mohammedaner zu mir, die nach Tsin-Tsiang wollten. Sie machten Kotau und redeten mich mit "Tajen" an, so daß ich sofort erriet, was sie wollten. Ich sollte ihnen bei Dzia yü kwan durchkommen helfen, indem ich sie für meine Leute ausgab. Ich erklärte ihnen, daß ich, als Europäer, mich niemals darauf einlassen würde, die chinesischen Behörden zu betrügen, worauf sie betrübt wieder abzogen. Die chinesische Regierung läßt nämlich Mohammedaner ohne Paß nicht die große Mauer überschreiten, da sie ein recht unruhiges Element der Bevölkerung darstellen und überall Unruhen stiften.

Händler mit Jettwaren

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Mir ging es heute bedeutend besser, und da die Sonne wieder schien, fühlte ich mich, trotz der 14 Grad Kälte, recht wohl. Wir hatten nur kurzen Marsch, 40 Li, bis nach Su tschau fu, das wir, dem Laufe des Pei-lung-sui folgend, um 11 Uhr erreichten: Su tschau fu ist zur Zeit des Mohammedaneraufstandes gänzlich heruntergebrannt worden. Noch jetzt sieht man viele Trümmer; im übrigen sieht es genau wie die anderen Städte aus. Zuerst suchten wir innerhalb der Mauer nach einem guten Gasthause, da es aber keins gab, ließ ich, zum Schmerz meiner Begleitung, wieder umdrehen und außerhalb derselben einkehren. Nachmittags erschien ein reisender Chinese, den ich bereits früher getroffen und der mit seiner gesamten Dienerschaft hier auf mich gewartet hatte. Die Gegend galt für unsicher und die Karrenführer wollten tatsächlich nicht einzeln fahren, weshalb er mich bat, auch für ihn beim Yamen eine Karre zu fordern, was ich zusagte. Merkwürdig war es, daß viele Leute kamen, um sich zu erkundigen, ob ich Mausergewehre hätte. Wie mag dieser Name hier bekannt geworden sein? Ein Mandarin besuchte mich im Laufe des Nachmittags und erkundigte sich, wann Su tschau fu Eisenbahn bekäme. Leider war mir der Zeitpunkt augenblicklich unbekannt; ich vertröstete ihn also auf das nächste Jahr, alsdann würde er sicher Eisenbahn haben. Nach meinem Gasthaus fand eine reine Völkerwanderung statt; das Volk war harmlos, freundlich und neugierig dabei. Im übrigen wird der Europäer hier als höherstehendes Wesen betrachtet. Mir fiel entgegen früheren Berichten auf, daß sie ihre Sachen von vornherein als schlecht und alle europäischen Waren als gut bezeichneten. Hier ist eine lebhafte Industrie in Jetsachen. Ich kaufte denn auch für recht wenig Geld verschiedene Kleinigkeiten.

Am nächsten Morgen erschien die Karre erst um 11 Uhr, der Treiber war der Einfachheit halber weggelaufen, so daß einer der Yamenleute fahren mußte. Mit der Karre stellte sich noch unser Yamenmann von Gau tai Hsien ein. Er behauptete, kein Trinkgeld bekommen zu haben und bettelte in unverschämter Weise, indem er versprach, das Opiumrauchen von nun an zu lassen. Mir machte der zwanzigjährige Mensch Spaß, selten habe ich so viel Gutmütigkeit und Leichtsinn vereinigt gesehen. Er redete so lange, bis er ein Trinkgeld bekommen hatte, das er sofort in der nächsten Bude in Näschereien anlegte, um dann, vergnügt singend und mit den Straßenjungen Unfug treibend, die Straße entlang zu schlendern. Wir packten auf, hielten aber in der Stadt noch mindestens zehnmal, um den Karrenführer alle seine Geschäfte erledigen zu lassen, und kamen dann glücklich durch das Nordtor und, durch die nördliche Vorstadt nach Westen abbiegend, in eine von vielen Flußarmen durchzogene, ganz glatte, mit Steingeröll bedeckte Ebene.

Wir waren noch nicht 200 Meter von der Stadt entfernt, als rechts ein mächtiger Wolf stand. Er beobachtete eine Hammelherde, wurde von dem Hunde wütend angekläfft und von dem Hirten durch Zurufe zu verscheuchen gesucht. Ich ritt heran, saß ab, kniete hin und schoß ihn in aller Gemütsruhe auf noch nicht 35 Schritte Entfernung; er hatte gar nicht daran gedacht, auszukneifen. Es war wiederum eine Szene, die ich nicht glauben würde, wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte. Leider war er im Fell nicht sehr gut, so daß ich ihn den mich begleitenden Soldaten überließ.

Es war heute reichlich warm, 30 Grad Celsius, die Sonne blendete auf dem endlosen Steinfelde recht unangenehm; dieser Glanz wirkte geradezu einschläfernd, so daß mir auf dem Pony mehrfach die Augen zufielen und ich deshalb lieber zu Fuß wanderte. Wir sahen noch mehrfach Antilopen und einmal einen jagenden Wolf, jedoch in ziemlicher Entfernung. Erst um 7½ Uhr kamen mächtige Mauern auf einer Anhöhe vor uns in Sicht, es war Dzia yü kwan an der großen Mauer, das Ausgangstor des eigentlichen China nach Westen. Gegen 10 Uhr überschritten wir einige Flußarme, dann ging es die Anhöhe hinauf und durch zwei Tore in die Vorstadt, in der das Gasthaus liegt. Nach einer schlecht verbrachten Nacht marschierten wir am 21. März bei leicht bedecktem Himmel und der stets den Staubsturm ankündenden Schwüle weiter.

Reisender Sarg (nach der Heimat), Kansu

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Es ging zuerst durch die nach chinesischen Begriffen äußerst stark befestigte Stadt; die Steinhaufen auf den Mauern zeigen an, daß man gegen etwaigen Überfall durch die Mohammedaner mit Wurfgeschossen versehen ist. Die große Mauer, die wir hier überschritten, ist nur ein elender Lehmwall und wohl mehr Grenz- als Verteidigungsmauer. Der Weg führte durch eine ebensolche Steinwüste wie gestern, nur daß die Gegend heute etwas hügelig war. Ich versuchte mehrfach, an Antilopen heranzukommen, aber das Gelände war zu offen. Als wir in Chui-Chui-pu eintrafen, brach gerade der Sandsturm los. Das Dorf ist eine kleine Oase in der Wüste, von kaum fünf Menschen bewohnt. Außer altem Brot und frischem Wasser gab es auch nichts zu beißen und zu brechen. Am 22. März hatte der Staubsturm noch nicht nachgelassen. Es ging weiter durch Steppen, zuweilen an einzelnen zerstörten Häusern, den Überbleibseln früherer Ansiedelungen, vorbei. Das Gelände wurde steiniger, die Bergformen schroffer, und bald sahen wir uns inmitten von Felswänden. Nach 60 Kilometern Marsch langten wir abends in Tschy-Djin-Hsia an. Nachts wurde ich durch anhaltendes Schnauben der Stute aufmerksam und fand in ihrer Krippe eine große Ziege, die die Stute außerdem noch mit den Hörnern angriff, was dieser doch wohl etwas zu viel war.

Der Wind sprang in der Nacht zum 23. März nach Norden um, und der Staubsturm nahm noch zu. Die 50 Kilometer Wüste, die wir heute bis Yü Mönn Hsien zurücklegen mußten, kamen mir endlos vor. Um 3 Uhr hatten wir einen zugefrorenen Fluß, mit einer einen Meter breiten Eisspalte in der Mitte, vor uns. Die Karren mußten weit ausbiegen, um einen Übergang zu finden. Ich ritt voraus und suchte Quartier. In sämtlichen Gasthäusern innerhalb der Stadt war kein Plätzchen frei; wir kamen außerhalb unter. Die Türen fehlten zwar, aber es war immer noch besser als biwakieren. Die mitreisenden Chinesen setzten mir ein Diner vor, für mich das Zeichen, daß ich ihnen wieder einen Karren besorgen sollte. Merkwürdig ist es doch, daß hier im Innern der Europäer mehr erreicht, als der Chinese selbst. In unserm Gasthaus logierte auch ein nach der Heimat im Osten reisender Sarg mit dem in einem Käfig befindlichen weißen Hahn darauf.

Man erzählte mir, es herrsche hier fünf Monate lang täglich derselbe Wind; eine angenehme Gegend! Die armen Pferde froren in den offenen Ställen sehr; man mußte ihnen das Futter in ganz kleinen Portionen geben, da es der Wind sonst sofort wieder aus der Krippe hinwegfegte. Bei noch stärkerem Staubsturm warteten wir am 24. März bis Mittag; es war nicht möglich, die Nase nur aus der Tür hinauszustecken. Gegen Mittag kam die Karre, doch fiel beim Umdrehen das eine Rad ganz auseinander; wir saßen also wieder fest. Dazu hatte der Mafu Leibschmerzen und kam alle fünf Minuten, um mir sein Leid zu klagen, verweigerte aber das Kalomel, das ich ihm verordnete, und nahm statt dessen irgendeine unbestimmbare chinesische Arznei, wonach die Schmerzen nicht besser, sondern schlimmer wurden. Meine Reisebegleitung fütterte mich hier mit den schönsten Sachen, deren Zubereitung ausgezeichnet war, wenn man die mehr als dürftigen Hilfsmittel zum Kochen bedenkt. Jeder Reisende kochte sich sein Essen selbst, und zwar an einem mitten in der Stube auf der Erde angemachten Feuer. Feuergefährlich sind diese Räume allerdings nicht, da auch nicht das geringste Stück Möbel sich darin befindet und man überall nur die kahlen Lehmwände sieht. Um 2 Uhr kam die Nachricht, es könne kein Karrenführer aufgetrieben werden. Wie üblich, war der Karrenführer weggelaufen, weil es ihm nicht paßte, zu fahren. Vor dem nächsten Tage war also nichts zu machen.

Da der Staubsturm inzwischen ein wenig nachgelassen hatte, zog ich in südlicher Richtung auf die Antilopenjagd und hatte auch bald einen Sprung von 13 Stück nicht weit von der Stadtmauer aufgetrieben. Die Tiere ließen mich höchstens 800 Meter herankommen, trotzdem ich, ohne Mütze, wie ein Indianer auf dem Bauche kroch, um in den das Gelände durchziehenden Rinnen vorwärts zu kommen. Wir bewegten uns eigentlich fortwährend im Kreise. Schließlich schoß ich auf 400 Meter und zerschoß einer Antilope den linken Vorderlauf, trotzdem entkam mir das Tier auf drei Läufen. Ich ritt hinterher, fand es aber nicht mehr vor. Mit Antilopen habe ich jedenfalls kein Jagdglück.

Beim Rückwege fing es an zu schneien, und als sich gegen 7 Uhr abends der Wind legte, blieb der Schnee liegen. Ich beschäftigte mich am Abend damit, einem jungen Chinesen meiner Reisebegleitung zur allgemeinen Freude deutsche Freiübungen beizubringen. Bis jetzt hatten die andern meinen allabendlichen Gewehr Übungen mit Kopf schütteln zugesehen. Am 25. März um 8 Uhr langten glücklich die beiden Karren an, so daß wir endlich fortkamen. Morgens war mein Thermometer verschwunden, fand sich aber in einem zusammengekehrten Schneehaufen wieder. Die Gegend war unverändert, teils steinige, weite Flächen, teils Steppe. Der Schnee blendete derartig, daß wir unsere schwarzen Schutzbrillen heraussuchen mußten. Der Mafu klagte noch immer über Leibschmerzen, wollte nichts essen und war schlechter Laune. Ein Chinese, der einmal nichts gegessen hat, versagt sofort vollkommen; von irgend welcher Selbstbeherrschung ist nicht die Rede.

Gegen 2 Uhr erreichten wir einen ziemlich großen Ort, namens San-tan-gu, an einem augenblicklich ziemlich wasserreichen Flusse gleichen Namens. Mit uns zugleich kam von der anderen Seite ein großer Pferdetransport aus Turfan an. Die Tiere gefielen mir nicht, sie waren hochbeinig, ohne Gurtentiefe, mit kurzer Schulterlinie und in den Sprunggelenken wenig schön; alle hatten Ramsnasen, es war das berühmte turkestanische Pferd. Die Leute aus Turfan erzählten, daß sie 27 Tage geritten wären, danach brauchte ich nach Kaschgar mindestens noch 70 Tage. Dem Mafu ging es heute besser; er hatte gestern abend infolge seiner Krankheit weder gefuttert noch geputzt, hingegen sich den Bauch massieren lassen. Meiner chinesischen Reisebegleitung war der Karrentreiber mit einem Maultier ausgerückt. Einen nahm ich mit, einer fuhr die Karre mit nur einem Tier, die andern gingen zu Fuß, was ihnen, meiner Meinung nach, nur dienlich sein konnte, da sie sich zu wenig Bewegung machten und für zwei aßen. Es ging heute den ganzen Tag durch Steppe, durchzogen von mehreren Bächen, die augenblicklich ziemlich viel Wasser führten. Mehrfach waren lange Strecken sumpfig. Ich sah Fasanen, sonst nichts an Wild. Der Abend war angenehm milde; wir rasteten unter hohen, schönen Bäumen an einer Quelle, in den Ruinen einer Ansiedlung.

Etwas nach Mitternacht traf der ausgerissene Karrenführer per Esel ein, und zwar mit einem solchen Lärm, daß ich davon erwachte. Kaum war Ruhe eingetreten, als der neue Esel zu singen anfing, und zwar ohne Zwischenpause. Ich stand auf, holte mir den Besitzer und ließ ihn sein Tier wegbringen, alles in etwas beschleunigtem Tempo. Gutes deutsches Zureden verfehlt auch in China seinen Eindruck nicht. Der Esel fand Kameraden und war ruhig. Dafür machte sich Staubsturm auf, und bald war man in Sandwolken eingehüllt. Ich klappte meinen Kopfschutz im Schlafsack hoch und schlief sogleich, trotz Eselsgeschrei und Staubsturm, fest ein.

Ngan Hsi Tschau — Packtiere für den Wüstenritt

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Wir passierten am 27. März Po lung Hsia, und waren am Abend in Hsiau-wang-pu, wo nur ein großer, gemeinsamer Raum zu haben war, den ich mit vielen Chinesen teilen mußte. Bei ganz bedecktem Himmel kam von Zeit zu Zeit ein Schneeschauer; hin und wieder war südlich das Nan Schan-Gebirge sichtbar, von dem die Chinesen sagen, daß es sich bis nach Kaschgar hin erstrecke, womit sie nicht unrecht haben, da sowohl das Humboldt-Gebirge, wie der Altyn Tagh und Kwen-Lun als Fortsetzung des Nan Schan angesprochen werden können. Um frühzeitig in Ngan Hsi Tschau zu sein, wurde am 28. März schon um 5½ Uhr abmarschiert; wie gestern, ging es durch Steppe unter einem endlich einmal wolkenlosen Himmel. Als wir in die Stadt kamen, sah man, daß südlich eine zweite, jetzt gänzlich verlassene Stadt liegt. Sie war infolge des sumpfigen Untergrundes zu ungesund, daher haben sich die Bewohner nördlich neu angebaut. Der Ostwind hat den Sand so an die Stadtmauer herangeworfen, daß er an einzelnen Stellen bis an den oberen Rand liegt und sogar auf der inneren Seite noch eine Art Rampe bildet, die Stadt selbst, vollkommen chinesisch, bietet nichts Interessantes. Wir konnten wieder einmal keine Karre bekommen, Kamele waren überhaupt nicht zu haben, und die Packponies, die mir angeboten wurden, sahen derartig elend aus, daß ich nicht wagte, mit ihnen die jetzt vor uns liegende Wüste zu kreuzen. Ich mußte mich also in Geduld fassen und Ruhetage machen. Meine Reisebegleitung spendete wieder einmal, wahrscheinlich infolge des Karrenwechsels, ein Diner; ich hatte aber genug von der Sache und schlug ihnen rundweg ab, mich noch weiter um ihre Karren zu bemühen.

Ngan Hsi Tschau

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Am Morgen des 29. März zog ich mit einem Begleiter zum Südtor hinaus auf die Antilopenjagd. Vorher gab es noch einen kleinen Auftritt. Ich hatte meine sämtlichen Decken im Freien aufgehängt, um sie zu sonnen, als ein Quartier machender Mafu hereingeritten kam und sie einfach in den Schmutz riß. Ich versetzte ihm sofort eine Züchtigung und zwang ihn, alle Decken wieder fein säuberlich zu reinigen und aufzuhängen. Das umstehende Volk nahm gegen mich Partei, und nur dem gerade zur Jagd umgehängten Karabiner hatte ich es zu verdanken, daß es nicht einen größeren Skandal gab. — Wir zogen zum Südtor hinaus, nach Süden zu, sahen aber lange nichts, bis wir hinter einer Sandhügelreihe ein Rudel von elf Antilopen aufstöberten, welche sofort absprangen. Nun ging es wieder wie gewöhnlich; ich kroch stundenlang hinter den einen halben Meter hohen Sanddünen herum, ohne näher als 400 Meter an die Tiere herankommen zu können. Einmal schoß ich unterwegs mit dem Erfolg, daß der ganze Sprung wieder flüchtig wurde und verschwand. Erst nach einer Weile hatte ich sie mit dem Zeiß wiedergefunden, doch sehr weit entfernt. Es bot sich aber eine ausgezeichnete Gelegenheit zum Anpirschen durch ein ausgetrockenetes Bachbett, in dem ich in gebückter Haltung, über Schlamm, Gestrüpp und gefallene Bäume, manchmal auf allen Vieren kriechend, schnell vorwärts kam. Von Zeit zu Zeit vergewisserte ich mich, ob sie noch da wären; sie zogen ganz langsam, ruhig äsend, weiter. Nach ungefähr drei Viertelstunden war ich heran; die Tiere hatten mich nicht bemerkt. Vorher hatte ich schon Zeiß, Pelzmütze und Patronengürtel meinem Begleiter abgegeben. Nun schob ich mich sachte an der steilen Böschung in die Höhe, aber schon hatte mich der Leitbock erblickt. Die Tiere schlossen zusammen und äugten nach mir hin; ich war wieder untergetaucht. Dann von neuem hinübersehend, nahm ich mir das nächste Tier aufs Ziel und schoß. Es lag im Feuer, und als ich hinkam, — die Entfernung betrug 148 Schritt — waren außer ihm noch zwei zur Strecke die ersten beiden hatten Blattschuß, das dritte Halsschuß; ich nickte es ab, der Rest war flüchtig, alle drei waren Böcke. Natürlich war große Freude über den schon so lange ersehnten Erfolg. In der Nähe weidete eine Kamelherde, deren Hirten jedoch um kein Geld zu bewegen waren, ihre Herde zu verlassen und die Jagdbeute in die Stadt zu bringen. Mein Begleiter lief daher nach Ngan Hsi Tschau zurück, um eine Karre zu holen, nachdem der Versuch, die gekoppelten Tiere am Karabiner zu tragen, wegen ihrer Schwere mißglückt war. Nach zwei Stunden langem Warten erschien am Horizont ein Ochsenkarren, auf dem wir die drei Tiere glücklich heimtransportierten. Auf dem Rückwege sahen wir noch zweimal Füchse und Antilopen. In der Stadt war helle Aufregung, als wir mit den drei Antilopen ankamen, eine reine Völkerwanderung flutete nach meinem Gasthause, und jeder wollte das Gewehr näher besichtigen, mit dem ich den glücklichen Schuß getan hatte. Ich machte Strecke, photographierte meinen Begleiter mit den Tieren und schenkte ihm eine Antilope, eine schickte ich dem Yamen und eine behielt ich selbst nebst allen drei Gehörnen. Wir waren nun wenigstens für die nächsten Tage mit Fleisch versorgt. Abends gab es Antilopen-Gulasch, von der wieder ganz versöhnten chinesischen Freundschaft sehr gut zubereitet.

Eine hübsche Chinesin

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Irgend ein Mandarin war mit großem Gefolge aus Hami eingetroffen, darunter zwei hübsche, junge Frauen; sie wohnten neben mir und benutzten jede Spalte und Ritze, mich zu beobachten. Ganz besonderen Spaß schienen ihnen meine eingehenden Waschungen zu machen; der Chinese kennt so etwas nicht. Sie kamen aus dem Kichern und dem "Nican, nican!" (sieh nur, sieh nur) nicht heraus. Abends schickte mir der Yamen Nachricht, daß er noch keinen Karren hätte auftreiben können und Kamele bis Hami unter 15 Taels pro Stück nicht zu haben wären. Das war mir zu teuer, besonders wenn man bedenkt, daß ein gut bespannter Karren für dieselbe Strecke nur 18 Taels kostet. Dies war der Dank für die geschenkte Antilope! Es blieb mir also nichts weiter übrig, als am nächsten Tage wieder die Antilopen zu ängstigen. Beim Schlafengehen bemerkte ich, daß mein großer Pelz fehlte, der draußen gesonnt worden war und den mein Mafu vergessen hatte, hereinzubringen. Alles wurde sofort alarmiert; ich drohte bereits mit Abzügen vom Gehalt und Prügel vom Yamen, als er sich endlich in einem der Karren des Herrn aus Hami wiederfand. Einer der fremden Mafus hatte ihn bereits als willkommenes Beutestück annektiert.

Ngan Hsi Tschau — Antilopenstrecke

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Über Nacht setzte aus Osten ein kolossaler Staubsturm ein, der stärkste, den wir bisher gehabt hatten. Ganze Wolken von Sand, mit Streu und kleinen Steinen gemischt, flogen mir ins Gesicht, so daß ich davon erwachte. An eine Weiterreise war, auch wenn die Karre pünktlich gekommen wäre, gar nicht zu denken. Die Chinesen rührten sich nicht aus ihren Zimmern und hockten überall auf den Kangs, frierend und faulenzend oder rauchend. Einige von ihnen vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen, was ich zu ihrem großen Vergnügen als recht schlechte Unterhaltung brandmarkte. Außerdem sprachen sie den ganzen Tag von nichts anderm als von Weibern und von den Freuden, die ihrer in Hami warteten, was ich zu ihrer noch größeren Belustigung als völlig verwerflich bezeichnete. Meine schöne Nachbarschaft rauchte Opium, eines der Weiber stillte dabei einen Säugling, und das alles bei offener Tür. Wir kochten uns Antilopenfleisch, dessen wundervolle Bouillon der Mafu den Schweinen geben wollte, die Chinesen mögen sie nicht; er begriff gar nicht, daß ich mir eine große Schüssel davon zurückstellen ließ und mir auch die Gehörne zurückbehielt. Mehr als einmal bat mich einer der Chinesen um ein Gehörn mit der Bemerkung, daß es ja für mich wertlos sei. Der zu überschreitende Su lei ho war durch den Sturm angestaut und weit aus den Ufern getreten, so daß Mongolen, die ihn am Abend mit ihren Kamelen überschreiten wollten, zurückkehren mußten. Am nächsten Tage hielt der Staubsturm, wenn auch nicht mehr ganz so stark, doch noch an, es war aber noch mehr Staub in der Luft, so daß man nicht quer über den Hof sehen konnte. Der Karren kam selbstverständlich wieder nicht; dafür war niemand ausgefahren und das Gasthaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Zum Entsetzen des Mafu beschloß ich, selbst zum Yamen zu gehen; er wußte schon, daß ich mit dem Yamengesindel kurzen Prozeß zu machen pflegte, und fürchtete, daß seine eigene Schwäche der Gesellschaft gegenüber herauskommen würde. Im Yamen angekommen, griff ich mir sofort den Unverschämtesten im Dienerschaftszimmer heraus und sagte ihm, daß ich ihn nicht eher loslassen würde, als bis er mir die Karre gezeigt hätte, die ich bekommen sollte. Er wollte anfangs nicht hören; als ich ihn aber, ohne ein Wort zu sagen, ruhig festhielt, wurde er doch gefügig, und richtig bekam ich in einem ziemlich entfernten Gehöft die für mich bestimmte Karre zu sehen, vorläufig noch ohne Räder; letztere sollten beim Stellmacher und noch in Arbeit sein; also weiter, dorthin. Die Räder waren seit vierzehn Tagen fertig, nur hatte kein Mensch danach gefragt oder sie abgeholt. Ich ließ sofort die Räder zur Karre bringen und diese zusammensetzen, dann wurde der Yamenmann entlassen; er war sehr höflich geworden, nachdem ich ihm mit der Peitsche gedroht hatte, falls er mich nicht mit "Lauye" (Herr) anrede, was er vorher nicht für nötig gehalten habe.

Karrenreparatur in der Wüste Gobi

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Nun hatte ich zwar meine Karre, an Ausrücken war aber nicht zu denken. Gegen 1 Uhr versuchte ich einmal mit der Büchse zum Südtor hinauszugehen, mußte indessen bald wieder umkehren, da man nicht zehn Schritt weit sehen konnte und es ganz aussichtslos war, an Antilopen heranzukommen.

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Durch die Wüste Gobi zum Thien Schan 11 Marschtage = 525 Kilometer. Durchschnittsmarschleistung 47,7 Kilometer

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Notes in this chapter

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