Warum der kleine Dichter einen Nasenstüber bekam –
Reading edition

»Der kleine Dichter« hieß er im Sanatorium, wo ich ihn kennenlernte, zur Unterscheidung von dem großen, der ihn sowohl an Körperlänge, als an Berühmtheit überragte. Aber hier in Hamburg, wo er nicht im Schatten seines größeren Kollegen lebt, nennen wir ihn den Dichter schlechthin, und wenn mir doch mal das Beiwort entschlüpft, dann hat es nichts mit einer Wertung zu tun, sondern ist ein Kosewort, und er läßt sich's behaglich schnurrend wie eine Katze gefallen.
Er hat mich gelehrt, daß ein Genie es unsagbar schwer im Leben hat und unter tausend Qualen leidet, von denen wir anderen nichts ahnen, und daß es daher unsere Pflicht ist, die Genies auf jede erdenkliche Art zu verwöhnen und ihnen so die Last ihrer Sendung zu erleichtern. Und ich habe damit angefangen, daß ich eine eierschalendünne Tasse gekauft habe, die er als seine Stammtasse betrachtet und aus der er ungeahnte Fluten von Kaffee schlürft, denn er bedarf starker Stimulanzen.
Auch Kuchen und Zigaretten sind Stimulanzen, deren er in hohem Maße bedarf.
Heute ist sein schmales Gesicht von Wind und Kälte gerötet, wie er bei mir eintritt. Er reibt sich heftig die auffallend schönen Hände, so daß das schmale goldene Armband ein wenig sichtbar wird, und dehnt sich dann behaglich im Sessel.
»Geradezu niederschmetternd ist es draußen,« berichtet er, »und ich weiß wirklich nicht, ob wir es uns gefallen lassen müssen, daß man uns unausgesetzt von oben herab mit kaltem Wasser begießt.«
»Ganz und gar nicht,« antworte ich und reiche ihm seine Tasse. »Sie haben ja auch Ihre Gegenmaßregel schon getroffen, die einzig wirksame, die es gibt.«
»Ja, ich bin hierhergeflüchtet,« sagt er, »übrigens nicht nur vor dem Regen, denn ich habe ja auch zu Hause gewissermaßen ein Dach über dem Kopf. Aber dies hier ist kein Dach, es ist eine Art Baldachin, eine Tempelwölbung, wenn Sie wollen, und nach so etwas sehnt man sich von Zeit zu Zeit geradezu elementar.«
Ich blicke ihn prüfend an und entdecke, daß er müde aussieht und daß sein schöngeschnittenes Gesicht noch etwas hagerer als sonst erscheint.
»Sie haben zu viel gearbeitet,« sage ich. – »Ja,« antwortet er seufzend, »ich habe mich geschunden und abgerackert, hundert Pferdekräfte habe ich vorgespannt, weil ich es zwingen wollte. Äh, lassen wir's jetzt! Hier ist es schön, und der Gedanke an Arbeit liegt in nebelhafter Ferne. – Denn sehen Sie,« fährt er lebhaft fort, »trotzdem Sie oft über meinen irrsinnigen Fleiß schelten, und trotzdem ich manchmal arbeite wie ein Tier, im Grund meines Wesens bin ich faul, – ohne jede Beschönigung, schlechthin faul.«
»Ich weiß,« antworte ich, »und kann Sie mir sehr gut als leidenschaftlichen Anhänger meines Lieblingsgottes vorstellen, des göttlichsten Gottes, der das absolute Nichtstun lehrt und das süße Versinken in sich selbst.«
»Ja,« antwortet Robert Helström mit einer großen Geste, »und hier ist der Tempel des Gottes Tao und seine fanatischste Priesterin. Und mir ist fast so, als kennten wir einander von Urzeiten her, und unsere Lotosblumen hätten einmal nahe beieinander geblüht. Ja wahrhaftig,« er stützt den Kopf in die Hand und betrachtet mich aufmerksam, »wenn ich mich recht besinne, gnädige Frau, Sie haben sich in den letzten zweitausend Jahren nicht im geringsten verändert.«
»Kleiner Dichter,« sage ich und sehe ihm in die necklustigen Augen. »Was wollen Sie eigentlich heute von mir? Ihre Redensarten sind so süß und glupschig wie Pralinés und haben auch das mit Pralinés gemein, daß man nicht recht weiß, was darin steckt. Also sagen Sie's gleich: muß ich wieder bei der Abfassung eines knifflichen Briefes an Ihren Verleger helfen, der so ungefähr haarscharf an einer Injurienklage vorbeiführt? Oder habe ich Sie heute mit eigener Lebensgefahr aus einer verzwickten Liebesaffäre zu erretten? Oder was ist es sonst?«
Aber in Robert Helströms Kopf scheint nur ein Wort haften geblieben zu sein, er macht einen langen Hals und blickt suchend auf dem Tisch umher.
»Apropos Praliné?« murmelt er.
Ich zeige ihm meine geöffneten Hände. »Alle,« antworte ich.
»Unerhört,« sagt er und lehnt sich entrüstet im Sessel zurück. »Ich werde mich beschweren!«
»Tun Sie das,« nicke ich. »Wer sich beschwert, erleichtert sich merkwürdigerweise, und das ist auch meist der einzige Erfolg, den er dabei aufzuweisen hat.«
»Gut,« sagt Robert Hellström, »diesen Splitter aus dem Auge Ihrer Nächsten sollten Sie den Fliegenden Blättern übersenden und für den Erlös neue Pralinés kaufen. – Übrigens ist doch sicher nur Marke zwei und drei ausgegangen, während Nummer eins noch beinahe unangetastet im Schokoladenschrank ruht.«
»Selbstverständlich,« antworte ich. »Nummer eins ist streng persönlich und unübertragbar. Nur zur Aufheiterung meiner einsamen Stunden bestimmt und hie und da im Theater zur geistigen Anregung.«
Robert Helström schweigt empört, aber die tausend Qualen, die ein Genie zu erdulden hat, stehen so deutlich auf seinem Gesicht geschrieben, daß ich gerührt aufstehe und zum Schokoladenschrank gehe. Er bemerkt es scheinbar nicht, sondern blickt schweigend nach der Stubendecke. Erst wie ich mit der kleinen Schachtel an den Tisch zurückkomme, sagt er lebhaft:
»Wir wollen sie ausschütten, der besseren Übersicht halber,« und leert die Schachtel vorsichtig auf einen Glasteller. Dann sitzen wir ein paar Minuten still und einträchtig zusammen, wie Kinder, die auf die angenehmste Art beschäftigt sind.
Endlich sage ich: »Etwas muß auch für das nächste Mal bleiben,« und stelle den Teller aus seiner Reichweite.
»Mir fällt übrigens ein, daß wir uns lange nicht gesehen haben.«
»Vier Wochen fast,« antwortet er, »und es spricht weder für Sie noch für mich, daß Ihnen das jetzt erst einfällt. Ich will zu Ihrer Entschuldigung annehmen, daß Sie von anderer Seite genügend mit geistiger Kost versehen wurden.«
»Es muß wohl ausreichend gewesen sein,« antworte ich. »Meine Freunde haben ja alle viel Zeit, und so kommt es –«
»Ja, ja,« macht er nachdenklich und fährt dann lebhaft und mit etwas affektierter Leichtigkeit fort:
»Ja, das wäre doch interessant zu wissen, gnädige Frau, und ich hoffe, Sie antworten mir ehrlich: Ist Ihnen noch nie der eine oder der andere Ihrer Freunde gefährlich geworden? Es läge doch so nahe –«
Ich kann's nicht ändern, ich muß dem kleinen Dichter einmal mit der Hand übers Gesicht streichen und ihm dann einen Nasenstüber versetzen.
»Einer?« sage ich. »Oder der andere? Was denken Sie eigentlich? Jeder einzelne ist mir schon gefährlich gewesen, der eine auf Tage, der andere auf Stunden und manchmal waren's auch nur Minuten, aber zum Glück hat immer einer den anderen wieder aufgehoben, so daß die Sache hübsch im Gleichgewicht blieb, – balance of power nennt man so etwas, glaube ich.«
Der kleine Dichter sieht unzufrieden aus, und ich beuge mich ein wenig zu ihm hinüber und frage:
»Also weshalb habe ich Sie solange nicht gesehen?«
Er weicht meinem Blick aus: »Ich wollte arbeiten, ich sagte es ja.«
»Früher war das ein Grund mehr, zu kommen.«
»Ja, früher!« antwortet er rätselhaft und fragt dann, unbeweglich in den blauen Rauch starrend, der seiner Zigarette entsteigt:
»Kennen Sie das, was einen nicht arbeiten und nicht ausruhen läßt, nicht wachen und nicht schlafen, die Qual, die einen auffrißt bei lebendigem Leib?«
»Wer kennt das nicht?« antworte ich, und dann ist's eine Weile still im Zimmer.
Und dann frage ich: »Wissen Sie denn so genau, daß sie einen anderen liebt?«
»Sie ist verheiratet,« sagt er leise, und da ich ihn schweigend ansehe, fährt er hastig fort: »Ich weiß, was Sie sagen wollen. Aber er ist der Mann, und er hat das Recht, und ich kann den Gedanken nicht ertragen –«
Er steht so heftig auf, daß der kleine Tisch ins Schwanken gerät, und die eierschalendünne Tasse klirrt.
»Und er, der Ehemann?« frage ich. »Hat er nicht mehr Grund zur Eifersucht als Sie?«
»Der?« lacht er. »Weshalb denn? Er ist ja seiner Sache sicher; sie ist vernünftig, denkt er, sie wird mir schon keine Dummheiten machen. Und darin hat er recht, Gott sei's geklagt!«
Ich schweige, und es geht mir durch den Kopf, daß hier ein fundamentaler Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Empfinden sein muß. Mag sie lieben, wen sie will, denkt der Normalmann, wenn sie mir nur keine Dummheiten macht! Mag er Dummheiten machen, wenn er will, denkt die Normalfrau, wenn er nur keine andere so liebt wie mich!
Und ich will schon ein bißchen stolz auf mein eigenes Geschlecht werden, denn unser Standpunkt scheint mir der geistigere und vornehmere zu sein, aber ehe ich dazu komme, fallen mir schon wieder hundert Für und Wider ein, und aus diesen Erwägungen heraus frage ich Robert Helström, der mit langen Schritten das Muster meines Teppichs auf und ab schreitet und dabei gewisse Ornamente ängstlich zu vermeiden scheint:
»Weshalb sagt man eigentlich, ein Mann sinkt und eine Frau fällt?«
Er steht still und sieht mich einen Augenblick zerstreut an, dann sagt er: »Das ist doch sehr einfach. Wir Männer sind schon unten, wir leben sozusagen im Sumpf und können nur noch tiefer sinken und versumpfen, langsam und allmählich. Die Frau steht auf einer stolzen Höhe, aber ein Schritt zur Seite stürzt sie in den Abgrund.«
»Kinder!« sage ich, »warum habt ihr uns nur auf ein so gräßlich gefährliches Postament gestellt? Hat eine von uns vielleicht jemals nach dieser schwindelnden Höhe verlangt?«
Der kleine Dichter lacht. »Meiner bescheidenen Erfahrung nach nicht. Aber Sie haben recht, wir haben die Frau auf das ehrenvolle Piedestal erhoben. Im Manne ist eine Sehnsucht nach Reinheit, eine Andacht und Ehrfurcht vor der Unbeflecktheit des Weibes, die ihn trotz allem der Frau gegenüber zu dem ethisch höherstehenden Wesen macht. Bedenken Sie nur, daß selbst guterzogene und gut veranlagte Mädchen den berüchtigten Don Juan dem Tugendhelden vorziehen, während wir, trotz aller Verirrungen, das reine, das jungfräuliche Weib am meisten lieben.«
»Ja, ja,« sage ich nachdenklich, »aber wie läßt sich diese rätselhafte, höchst widerspruchsvolle Tatsache erklären, denn mit einer höheren ethischen Veranlagung des Mannes hat sie sicher nichts zu tun.«
»Ich finde das unrecht,« schmollt er, »nicht mal das bißchen höhere Ethik gönnen Sie uns, doch sicher einer der am wenigsten begehrten menschlichen Vorzüge. Oder halten Sie es vielleicht für ein Vergnügen, moralisch zu empfinden?«
»Sicher nicht,« antworte ich. »Ihr würdet euch sonst stärker damit belasten. Aber ich glaube, ich habe des Rätsels Lösung gefunden: Aus Egoismus liebt der Mann das jungfräuliche Weib, nicht aus Ehrfurcht vor ihrer Reinheit, sondern aus dem rohen Verlangen heraus, der Erste zu sein, der diese Reinheit besitzt und der sie zugleich zerstört. Und aus tief ethischem Empfinden liebt die Frau den gesunkenen Mann, aus Opfer- und Schmerzbereitschaft und aus dem Trieb heraus, ihn zu heben und zu erlösen –«
Ich sehe den kleinen Dichter stolz an, aber der schüttelt baß verwundert den Kopf.
»Ei du liebes Herrgöttle!« sagt er, »seit wann sind Sie denn so begeistert weiblich gesinnt? Und wer sagt denn, daß wir partout eure Reinheit zerstören wollen? Daß wir's tun, ist eine bedauerliche Nebenerscheinung, aber doch nicht Zweck und Ziel. Im Gegenteil, es stimmt uns traurig und läßt uns immer von neuem nach neuer Reinheit und Unberührtheit suchen. Daher der Typ des Don Juan, der rastlos sucht und der erst zur Ruhe kommen kann, wenn er das Ideal gefunden hat, die Frau, deren Reinheit unzerstörbar ist, Mutter und Jungfrau zugleich. Denn das ist nicht allein das Ideal der katholischen Kirche, der Madonnenkult lebt in jedem Mann.«
»Nun,« antworte ich, »ich bin sicher, sämtliche Lebejünglinge und -greise werden Ihnen Dank wissen, daß Sie aus ihrer Unersättlichkeit die Sehnsucht nach einem Ideal, sozusagen also aus ihrer Not eine Tugend gemacht haben. Wie auch alle abenteuerlustigen Backfische mir dankbar die Hand küssen sollten, wenn ich ihre Sensationsgier in Opferfreudigkeit umdichte. – Denn man kann bekanntlich alle Dinge so und anders sehen, das Gegenteil ist meistens ebenso richtig.«
Der kleine Dichter hat sich wieder an den Tisch gesetzt und raucht mit Hingebung seine Zigarette.
»Die Weisheit der Temperamentlosen,« bemerkt er und fährt plötzlich mit nervöser Gereiztheit fort: »Sie sollten sich nicht zu ihr bekennen. Wer alles so und anders sehen kann, der mag sehr weise sein, aber er kann nichts hassen und nichts lieben. Er liebt einmal hier und einmal da, und vielleicht gibt es sogar Menschen, die hier und da zugleich lieben können. Wer weiß es?«
»Ja, wer weiß es?« wiederhole ich und zünde mir eine Zigarette an. Und dann, in unseren gewohnten Neckton verfallend, füge ich lächelnd hinzu: »Kleine Dichter müssen nicht so viel fragen. Sie kennen ja bekanntlich die Welt durch Antizipation und brauchen unsere Weisheit nicht.«
Aber er fährt in seinem heftigen Tone fort, und seine Augen blitzen mich böse an:
»Beneidenswerte Leute, die so weise sind, daß sie über alles lächeln können. Verspielte Leute, die das Leben zwischen ihren schmalen Händen und spitzen Fingern halten wie ein drolliges und seltsames Spielzeug und es hin und her drehen und lächelnd betrachten. Leute, denen alles zum Spielzeug wird, Worte und Empfindungen und Dinge und Menschen. – Ja, Menschen auch!«
Er schweigt, und ich nehme seine Hand und streichle sie leise.
»Nicht schelten,« sage ich. »Lassen Sie uns spielen! Und lassen Sie uns die Augen wegwenden von dem Abgrund, der überall neben uns klafft, wo wir gehen und stehen, und in den wir versinken müssen, wenn wir hinunterschauen. Lassen Sie uns am Rand spielen, wie Kinder, die von nichts wissen.«
Wir schweigen einen Augenblick, dann sagt er leise, seine Wange an meine Hand gelehnt:
»Wissende Kinder sind es, die die Augen vor dem Abgrund verschließen und mit ihrem eigenen Herzen spielen wie mit der ganzen Welt. – Aber vielleicht ist es doch wahr, daß nichts auf Erden uns so nötig ist wie ein Frauenlächeln, und daß nichts im Leben so ernst und so heilig ist wie das Spiel.«
»Lieber kleiner Dichter,« sage ich und reiche ihm den Rest der Pralinés hinüber, »weise oder nicht, für mich sind Sie ein großer Dichter.«