»Hat sie wirklich so schöne Schultern?«
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»Gnädige Frau,« sagt der sehr hübsche junge Mann, »ich möchte Ihnen für mein Leben gerne etwas sagen. Es quält mich, seit ich hier sitze und Sie ansehe, aber ich wage es nicht.«
»Ist es etwas so Schlimmes?« frage ich, »dann verschweigen Sie es lieber. Sie wissen, ich lasse mir meine Kaffeestunde nicht gerne stören.«
»Es ist nichts Schlimmes,« antwortete er, »aber es brennt mir auf der Zunge.«
»Dann hoffe ich, daß es eine brennend pikante Geschichte ist. Aber ich warne Sie, je amüsanter sie ist, um so schwerer werde ich sie für mich behalten können. Verschwiegenheit gehört nun einmal nicht zu den Tugenden, die ich von mir verlange, denn man muß auch sich selbst gegenüber in seinen Ansprüchen maßvoll sein.«
Georg Wendringer lacht: »Zum Glück beansprucht das, was ich Ihnen sagen will, keine Diskretion. Es ist nicht einmal neu, und eigentlich ist es nur ein Satz: – Gnädige Frau, Sie sind unglaublich schön.«
Ich muß hell herauslachen. »Ist das alles?«
»Ja,« sagte er, »das ist alles, und es ist eine wundervolle Befreiung, es gesagt zu haben. Und Sie sind nicht böse?«
»Ich weiß noch nicht,« antworte ich. »Es liegt natürlich eine Beleidigung darin, besonders in dem ›unglaublich‹, das eine böse Nebenbedeutung haben kann. Aber diesmal will ich's nicht so nehmen und Ihnen sogar gestehen, daß es für eine Frau nichts Wohltuenderes und Erwärmenderes gibt, als das Bewußtsein, schön gefunden zu werden. Alle Bewunderung für unsere Tugenden, ja sogar für unsere Liebenswürdigkeit und unseren Geist läßt uns kalt, denn sie ist nicht das Primäre.«
»Ich sehe, Sie sind nicht böse,« sagt er vergnügt, »dann darf ich mehr sagen.«
»Davon möchte ich abraten,« antworte ich, »jedes Mehr müßte den guten Eindruck stören, den Sie bis jetzt gemacht haben.« –
»So finden Sie also wirklich, daß für eine Frau Schönheit das Höchste und Begehrenswerteste ist?« fragt er kopfschüttelnd, »von Ihnen hätte ich das nicht gedacht.«
»Warum nicht von mir?« frage ich ein wenig erstaunt.
»Nun,« erklärt er mir, indem er versucht, seine langen Glieder in eine etwas bequemere Lage zu bringen, »ich hatte bis jetzt immer gefunden, daß nur die mehr klugen als schönen Frauen dieser Ansicht waren, während umgekehrt die mehr schönen lieber für klug –.« Hier lache ich so herzlich, daß er erschrocken innehält.
»Und da komme ich nun, mehr dumm als häßlich und doch immer noch klug genug, nicht klug sein zu wollen und werfe Ihr ganzes schönes Schema über den Haufen.«
»Habe ich wirklich so was Dummes gesagt?« fragte er kleinlaut.
»Ach nein,« beruhige ich ihn, »wenn ich von dem zweifelhaften Kompliment für mich absehe, war es sogar eine sehr feine Beobachtung; Sie dürfen sie aber nicht jeder Frau verraten, denn sie ist ein Messer, das auf beiden Seiten schneidet. Wahr ist es übrigens schon, die Frauen, die sich ihrer Schönheit bewußt sind, wollen für klug gelten, denn zwei Vorzüge sind mehr als einer, und man überschätzt bekanntlich den Wert dessen, was man nicht hat. Die Klugen sind klüger und wollen gern schön sein, denn sie wissen, was das bedeutet und welche Macht darin liegen kann. Kann – sage ich, denn es gibt sehr viel Schönheit, die ungenutzt verlorengeht.«
»Ja,« antwortet er nachdenklich, »ich kenne zum Beispiel eine junge Frau, die jeden Abend, wenn sie vorm Spiegel steht und ihr Haar bürstet, ›Schade, schade!‹ sagt.«
»Ich will nicht indiskret sein,« versichere ich, »welche Bemerkung man übrigens immer voraus schickt, wenn man eine große Indiskretion beabsichtigt, aber ich möchte mir doch die Frage gestatten: Hat die junge Frau Ihnen das selbst erzählt?«
»Ich muß mit Oskar Wilde antworten,« sagt Georg Wendringer, »eine Frage ist niemals indiskret, nur die Antwort kann es sein.«
»Gut geantwortet, Georg Wendringer und Oskar Wilde,« sage ich. »Und da das Fragen nicht indiskret sein kann, so frage ich also getrost weiter: Hat sie wirklich so schöne Schultern?«
»Ich glaube, ja,« antwortet Georg mit seinem verschmitzten Lächeln und setzt, plötzlich ernst werdend, hinzu: »Übrigens sind wir nur sehr gut befreundet ohne jeden erotischen Beigeschmack.«
Ich muß ein wenig ungläubig dreingeschaut haben, denn er fragt schnell: »Aber Sie glauben vielleicht nicht an Freundschaft zwischen Mann und Frau?«
»O Gott!« seufze ich, »seit meinem sechzehnten Jahr quält man mich mit dieser Doktorfrage.«
»So haben Sie gewiß genügend darüber nachgedacht und können mir das Resultat mitteilen.«
»Nein,« sage ich, »das werde ich nicht tun, denn ich habe mir geschworen, auf diese Frage nicht mehr einzugehen, seitdem ein vorlauter Jüngling mir auf meine Antwort hin die noch heiklere Frage gestellt hat: Und was ist es also, was zwischen uns beiden besteht?«
Georg lacht: »Ich hatte nicht die Absicht, Sie in eine solche Falle zu locken, aber ich möchte für mein Leben gern wissen, welche Antwort der naseweise junge Mann bekam.«
»Die Antwort, die ich allen jungen Männern gebe, sobald sie anfangen, naseweis zu werden. Ich habe gelacht, ihm die Zigaretten gereicht und gefragt, ob er sich nicht zum Abschied noch bedienen wolle.«
»Das war hart,« sagt Georg, »denn seine Frage lag so nah, die Gelegenheit war so günstig.«
»Was wäre denn Takt,« antworte ich, »wenn es nicht die Fähigkeit und der Wille wäre, gute Gelegenheiten ungenützt zu lassen.«
Georg seufzt: »Schweigen ist aber oft sehr schwer!« und sieht so bekümmert aus, daß ich lachen muß. – »Ja, es muß sehr schwer sein. Allein wenn ich bedenke, wie früh man sprechen lernt und wie spät erst schweigen.«
Georg schüttelt den Kopf: »Das stimmt nicht ganz, so hübsch es klingt. Denn es kann sich ja nur um das richtige Sprechen und das richtige Schweigen handeln, und das lernt sich wohl gleich schwer und ist im Grunde genommen dasselbe, denn eins ohne das andere ist wertlos und eben nicht das Rechte.«
»Natürlich,« stimme ich bei, »Ihre Gründlichkeit hat wieder mal recht, und ich muß es zugeben, trotzdem Sie mir damit meine schöne Sentenz einfach totgeschlagen haben. Es muß auch das rechte Schweigen sein, denn es gibt Menschen, die nur darum für verschlossen und abgründig tief gelten, weil sie einfach nichts zu sagen haben, und weil man sich gar nicht vorzustellen vermag, daß jemand wirklich so gar nichts zu sagen haben kann. Ihre ganze Klugheit besteht darin, zu verbergen, daß sie nichts zu verbergen haben, und es kann lange dauern, bis man dahinter kommt, daß nichts dahinter ist, und daß sie durch und durch oberflächliche Geschöpfe sind. Denn, so paradox es klingen mag, es gibt wirklich Menschen, die durch und durch oberflächlich sind.«
Georg lacht: »Sie haben heute Ihren paradoxen Tag, aber es klingt wieder sehr hübsch, und ich werde mich diesmal hüten, Ihre schönen Sentenzen zu zerstören, so leicht und verlockend es wäre.«
»Ich kenne aber noch eine andere Art von falschen Schweigsamen,« fahre ich fort, »das sind die, die in Gesellschaft mürrisch und verschlossen sind und selten den Mund auftun, außer zum Gähnen, weil es nur ein einziges Thema für sie gibt, und das ist ihre eigene Person. Wie gesprächig werden sie aber, wenn sie auf dies Thema kommen! Es ist ihnen gleichgültig, wer zuhört, es liegt ihnen auch nichts daran, sich in ein besonders gutes Licht zu setzen, ja, sie verleumden sich lieber, ehe sie eine Gelegenheit vorbeigehen lassen, von sich zu sprechen, und sie können in einer Viertelstunde mehr von sich preisgeben, als andere gerne plaudernde Menschen in Jahren.«
Georg zieht nachdenklich den Rauch seiner Zigarette ein, bläst ein paar Ringe und fragt dann: »Steckt nicht in den meisten von uns etwas von dieser Leidenschaft? Und bedeutet sie nicht eigentlich nur eine übergroße Ehrlichkeit?«
»Nun ja,« sage ich, »insoweit ein gewisser Mangel an Schamgefühl Ehrlichkeit bedeutet.« – »So meinte ich's nicht,« unterbricht er mich, »ich meinte die Ehrlichkeit, die darin liegt, kein Interesse heucheln zu wollen. Und ist es nicht fast immer Heuchelei, wenn wir vorgeben, es könne uns irgend etwas auf der Welt mehr interessieren als unsere eigene Person?«
Ich muß lachen, »eine Unterhaltung zwischen mehreren solcher Ehrlichkeitsfanatiker stelle ich mir sehr reizvoll vor. Übrigens müssen sie doch bedenken, daß wir mit jedem Wort, das wir sprechen, von unserer eigenen Person ausgehen und deshalb, streng genommen, immer nur von uns reden. – Das sollte selbst dem unersättlichsten auf diesem Gebiet genügen.«
Wir schweigen eine Weile, und ich sehe, daß Georg, trotzdem er scheinbar seine Rauchringe aufmerksam verfolgt, mit einem Entschluß kämpft. Plötzlich blickt er auf und sagt: »Verzeihen Sie, daß ich so zerstreut bin – aber – ich habe eine Bitte.«
»Zerstreutheit ist bekanntlich immer der höchste Grad von Aufmerksamkeit, nämlich für eine andere Sache,« antworte ich, »und deshalb dachte ich mir's gleich, daß Sie etwas auf dem Herzen haben. Also – herunter damit.«
»Ja,« sagt er ein bißchen stockend, »es ist vielleicht eine sonderbare Bitte, aber Sie werden mich nicht mißverstehen: Ich möchte Sie für mein Leben gern mit meiner Freundin bekannt machen.«
Ich schweige einen Augenblick und frage dann, um Zeit zu gewinnen: »Ist es die junge Frau mit den schönen Schultern?«
Er nickt und seine blauen Augen blicken mich treuherzig ernsthaft an.
»Lieber Freund,« sage ich und drücke mein Zigarettenstümpfchen langsam aus, »was versprechen Sie sich für Ihre Freundin und mich davon?«
»Oh, sehr viel,« antwortet er lebhaft, »vor allem für Lilly. Sehen Sie, sie hat nicht den richtigen Verkehr, – wenigstens ich finde das, sie ist ja leider ganz zufrieden damit, aber ich hoffe, wenn sie Sie kennenlernt –«
»Hat sie denn den Wunsch geäußert?« frage ich und sehe, wie eine kleine Verlegenheit über sein ehrliches Gesicht schleicht.
»Das nun gerade nicht,« sagt er, »es ist eigentlich mehr ein Wunsch von mir. Aber ich bin sicher –«
»Ganz gewiß,« antworte ich, »aber wenn die junge Frau mit ihrem Verkehr zufrieden ist –«
»Aber ich sage Ihnen ja, ihr Verkehr ist nicht der richtige,« unterbricht mich Georg erregt. –
»Der Verkehr, mit dem man zufrieden ist, ist eigentlich immer der richtige,« antworte ich, »und vielleicht wäre ich ganz und gar der unrichtige. Sie überschätzen mich sicher, trotzdem Sie mir vor ein paar Minuten den Verstand so ziemlich abgesprochen haben.« – »Das habe ich nicht getan,« verteidigt er sich, »Sie wissen es recht gut, und was Sie jetzt sagen, entspringt wieder Ihrer übergroßen Bescheidenheit!«
»Bescheidenheit ist ein Ding, das ich überhaupt nicht kenne, weder bei mir noch bei anderen,« antworte ich, »und ich behaupte, es ist ein Wort, dessen Inhalt nicht existiert.«
»Das ist eine kuriose Behauptung,« kopfschüttelt Georg.
»Sehr einfach,« erkläre ich ihm, »entweder ein Mensch kennt seine Vorzüge nicht, dann ist seine Bescheidenheit nicht Bescheidenheit, sondern die selbstverständliche Folge seiner Selbsteinschätzung. Oder ein Mensch kennt seine Vorzüge, dann kann seine Bescheidenheit nichts anderes sein, als Heuchelei, im besten Falle Anstandsgefühl oder Rücksichtnahme auf Schwächere, alles, nur keine Bescheidenheit.«
»Auf diese Weise läßt sich alles aus der Welt wegdisputieren,« sagt Georg verstimmt, »aber ich bin optimistisch genug zu behaupten, –« – »Ich muß Sie noch weiter ärgern,« unterbreche ich ihn lachend, »und behaupte, daß es mit dem Optimismus fast dieselbe Sache ist. So sicher Sie nämlich in dem Moment unbescheiden sind, in dem Sie sich Ihrer Bescheidenheit bewußt werden, so sicher sind Sie nicht mehr optimistisch in dem Augenblick, in dem Sie sich so nennen. – Ich will das erst beweisen,« fahre ich fort, da er versucht, Einwendungen zu machen.
»Optimistisch sind Sie, solange Sie die Welt schöner und besser sehen, als sie ist. Sobald Sie aber wissen, daß Sie die Welt besser sehen, als sie ist, wissen Sie auch, daß sie eigentlich schlechter ist, als Sie sie sehen, und mit diesem Wissen stehen Sie schon auf der anderen Seite der Weltanschauung und können fast für einen Pessimisten durchgehen. – Und jetzt dürfen Sie antworten.«
Aber Georg ist verdrießlich: »Daß ich kein Pessimist bin, weiß ich, trotz Ihrer philosophischen Purzelbäume, und ich verwahre mich entschieden dagegen.«
»Weshalb denn?« frage ich, »mir sind die Pessimisten sehr viel lieber als die frischfröhlichen ›Lebensbejaher‹, wie es jetzt modern aber etwas unklar heißt. Nur über eins habe ich manchmal nachgegrübelt und weiß es nicht: Ist es das traurige oder das tröstliche Moment im Leben der Pessimisten und Skeptiker, daß Sie zum Schluß immer recht behalten?«
Georg sieht mich einen Augenblick schweigend an, dann sagt er:
»Sie haben mir noch keine endgültige Antwort auf meine Bitte gegeben, und ich müßte dümmer sein als ich bin, wenn ich nicht gemerkt hätte, daß all Ihr Philosophieren nur den Zweck hatte, mich davon abzulenken. Aber ich bestehe darauf, daß Sie –«
»Lieber Herr Wendringer,« sage ich ein wenig gedehnt und greife nach dem Zigarettenetui, das ich ihm langsam hinüberreiche, »wollen Sie nicht –.«
Georg ist rot geworden, er springt auf.
»Jawohl – zum Abschied, ich verstehe.«
Aber schon im nächsten Augenblick geht ein spitzbübisches Lächeln über sein Gesicht. »Liebe gnädige Frau, ich war naseweis; aber ich hoffe, Sie machen mir das nicht zum Vorwurf, denn da bekanntlich die Bescheidenheit ins Reich der Fabel gehört, wäre es doch unbescheiden, zu verlangen, daß gerade ich –« – »Jawohl,« sage ich lachend, »und ich werde bis zu Ihrem nächsten Besuch darüber nachgrübeln, wie es kommt, daß es zwar keine Bescheidenheit gibt, daß sich aber an Dreistigkeit vorerst noch kein Mangel fühlbar gemacht hat.«
»Wann darf ich annehmen, daß Sie die Frage gelöst haben?« erkundigt sich Georg.
»Das kommt darauf an, wie hoch Sie meinen Verstand einschätzen,« antworte ich, und er verbeugt sich tief und sagt galant:
»Fast so hoch wie Ihre Schönheit.«