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Gespräche im Zwielicht

Eine Einleitung, die eigentlich das letzte Gespräch ist und deshalb am Anfang und am Schluß gelesen werden kann

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Illustration from Gespräche im Zwielicht

Die Leute, die Kurt Georgi nicht näher kennen und ihm seine tadellose Erscheinung mißgönnen, werfen gerne die nachlässige Bemerkung hin, daß er doch in der Hauptsache nur dekorativ wirke und eine fatale Ähnlichkeit mit den unsäglich vornehmen Dandys habe, wie sie die englischen Familienblätter und die Plakate unserer Zigarettenfirmen schmücken.

Ja, ich darf nicht verschweigen, daß eine junge Dame, die ihn in einem Konzert mit verschränkten Armen an einer Säule lehnen sah, in den erstaunten Ruf ausbrach: »Also den gibt es wirklich!«

Aber ich darf auch nicht verschweigen, daß Kurt Georgi, als ich ihm diese frohbewegten Worte hinterbrachte, mit einem gar nicht dandyhaften, sondern sehr herzlichen und lauten Lachen den Kopf im Sessel hintenüberwarf und ein übers andere Mal »Reizend!« rief.

Denn er ist in Wirklichkeit gar kein Dandy.

Alles dies gehört natürlich durchaus nicht hierher, es soll nur einen Eindruck von dem jungen Manne geben, der, soeben zu mir ins Zimmer tretend, mir mit etwas übertriebener Feierlichkeit das Manuskript der Gespräche im Zwielicht überreicht, das ich ihm zur Durchsicht geliehen hatte.

Die Feierlichkeit hält nicht lange stand, er streift mit einem spitzbübischen Blick den kleinen Tisch, auf dem Kuchen und Zigaretten aufgebaut sind und fragt mit einer leisen, aber betonten Ängstlichkeit in der Stimme:

»Soll ich am Ende auch unter die Zwielichtfreunde in dem Buch eingereiht werden?«

»Keine Sorge,« antworte ich, »der Kreis ist geschlossen. Sie müssen zugeben, elf Freunde sind genug, das Publikum könnte die Geduld verlieren.«

»Und was schlimmer ist,« setzt er hinzu, »es könnte zwölf als ein Dutzend auffassen.«

Ich nicke. »Aber nicht wegen dieser furchtbaren Möglichkeit allein sind Sie ausgeschaltet worden. Es mußte ja auch einer außerhalb bleiben, um unbefangen urteilen zu können und mir dann –«

Georgi prallt einen Schritt zurück und hebt die Hände mit einer entsetzten Abwehrgeste hoch. Aber ich fahre unbeirrt fort: »Sie wissen doch, was vom Merker geschrieben steht: Er werde so bestellt, daß weder Haß noch Lieben das Urteil trüben, das er fällt. – Und ich dachte, Ihre wohltuend kühle Sachlichkeit –«

»Sachlichkeit!« wiederholt er empört, »für dieses harte und ungerechte Wort will ich mich bösartig rächen, und zwar am liebsten auf der Stelle durch eine peinlich sachliche Kritik.«

»Erst Kaffee trinken,« bitte ich, und er setzt schnell hinzu, während er zufrieden den Tisch überblickt: »Wobei ich nur nebenbei bemerken möchte, daß ich jeder Art von Bestechung zugänglich bin.«

»Ich weiß,« antworte ich, »und habe deshalb Ihre Lieblingskeks backen lassen, die ganz dünnen, die hauchzarten und zerbrechlichen, mit einem Wort, die Ästheten unter den Keks.«

»Reizend!« lacht Kurt Georgi, und seine länglich geschnittenen Augen werden ganz schmal vor Vergnügen:

»Diese Erzeugnisse einer überraffinierten Kultur sind gewiß so bekömmlich, daß selbst die zarteste Dame ein Dutzend davon verschlingen kann.«

»Nur elf, wie Sie wissen,« berichtige ich, »und außerdem – verschlingen, wie vulgär! Genießen sagt man, oder auf der Zunge zergehen lassen, wenn es sich um etwas so Ästhetisches und Delikates handelt.«

»Wie um Ihre Gespräche hier zum Beispiel,« bemerkt er mit einer Bewegung nach dem Manuskript hin. »Die haben entschieden etwas, was auf der Zunge zergeht, und außerdem –«

»O weh,« unterbreche ich ihn, »wir kommen nicht drum herum, Sie müssen erst Ihre Kritik loswerden, vorher schmeckt's Ihnen nicht. Aber hüten Sie sich, wer weiß, ob Sie nachher noch etwas bekommen.«

»Ich werde nicht zu ehrlich sein,« versichert er schnell.

»Darum möchte ich auch energisch bitten,« sage ich, »denn Sie wissen, ich gehöre zu den seltenen Menschen, die ehrlich genug sind, einzugestehen, daß ihnen Ehrlichkeit in den Tod verhaßt ist.«

»Wundervoll, wie Sie mir die Aufgabe erleichtern,« antwortet Georgi. »Aber ich hätte mir auch im anderen Fall kein Gewissen aus meiner Unehrlichkeit gemacht. Denn es ist doch wahrhaftig ganz und gar gleichgültig, was man in solchen Fällen sagt. Die Kritik kann noch so verneinend sein, der andere hört von allem nur das Ja. Noch dazu, wenn der andere eine Frau ist.«

»Der Anfang ist verheißungsvoll,« sage ich, und decke die Mütze über die Kaffeekanne, »kommen Sie also zur Sache!«

»Also,« holt Kurt Georgi aus, bequem zurückgelehnt und mit beiden Händen die Lehnen des Sessels umspannend, »fürs erste: Ich finde die Idee des Buches nett und originell. In elf zwanglosen Plaudereien sind elf junge Männer geschildert, die nur durch die Freundschaft zu einer Frau, also sozusagen durch eine Art Personalunion, miteinander verbunden sind.«

Ich nicke dankbar und er fährt fort: »Vor allem bewundere ich dabei, wie geschickt und zartfühlend Sie es verstanden haben, in diesen Gesprächen jede allzu prägnante Charakterschilderung der Freunde zu vermeiden. Das Buch hätte im anderen Fall leicht die Art eines Schlüsselromans, wenigstens für Ihren Kreis, annehmen können, und das wäre natürlich höchst unfair gewesen.«

Da ich diesmal kein Zeichen des Einverständnisses gebe, setzt er mit einem schnellen Blick nach den Keks und einer kleinen Neigung des Kopfes hinzu: »Wie gesagt, ich achte Ihre Zurückhaltung.«

»Sehr fein,« lobe ich. »Reden Sie nur weiter. Es ist geradezu ein exquisites Vergnügen, von Ihnen massakriert zu werden.«

Kurt Georgi lehnt den Kopf im Sessel hintenüber und schaut einen Augenblick sinnend zur Stubendecke hinauf. Dann spricht er vorsichtig, beinah tastend weiter:

»Nun könnte man ja auch sagen, und der intelligente Leser wird es zweifellos tun und damit das Verdienst Ihrer Zurückhaltung schmälern, man könnte sagen, daß Sie die Freunde nicht schärfer charakterisieren konnten. Zum Teil schon deshalb nicht, weil Sie sich darauf kapriziert haben, sie fast ohne jede Beziehung zur Außenwelt zu zeigen und alle in der gleichen Atmosphäre und vom gleichen Gesichtswinkel aus gesehen. Dieser Umstand hat unbedingt etwas, nun ja, sagen wir etwas Nivellierendes, und die jungen Männer, so verschiedenartig sie sein mögen, erscheinen daher alle wie Glieder einer –« Georgi deutet mit einer seiner überlebensgroßen Gesten einen weiten Kreis an – »wie Glieder einer großen Familie.«

»Die sie ja in einer gewissen geistigen Art auch wirklich sind,« werfe ich ein, doch er achtet nicht darauf und spricht lebhaft weiter, den Zeigefinger hebend:

»Nun kommt aber eine merkwürdige Erscheinung: Zwischen all diesen Köpfen schaut wie im Vexierbild ein Kopf hindurch; das eine Porträt wird sichtbar, das Sie wahrscheinlich nicht zu zeichnen beabsichtigten, und das nun, ich sage beileibe nicht ›deshalb‹, das nun das einzige von zwingender Ähnlichkeit geworden ist: das Porträt der Frau.«

»Lieber Freund,« sage ich, »wie ist das möglich? Nicht ein einziges Wort spricht die Frau in dem Buch über sich und ihre Empfindungen. Sie schweigt sich und ihr Leben ja geradezu tot, und mir scheint es jetzt sehr bezeichnend für das Wesen der Freundschaft zu sein, daß keiner der Freunde je diese Verschwiegenheit bemerkt.«

»Drollig,« lächelt Kurt Georgi und streift die Asche vorsichtig von seiner Zigarette, »drollig, daß wir oft am Schluß Tiefen in unseren Werken finden, von denen wir selbst nichts geahnt haben. – Aber hoffentlich ist Ihnen diese unvermutete Tiefe nicht peinlich, gnädige Frau, denn es ist ja sonst in dem Buch jede Spur von Gründlichkeit aufs Sorgsamste vermieden. Alle Dinge sind nur im Flug berührt, alle Fragen nur mit den Fingerspitzen angefaßt, alles schwebt sozusagen in der Luft. In einer sehr angenehmen, wohltemperierten, nur wenig parfümierten Luft, in der nicht gelacht und nicht geschrien wird, in der man nur lächelt und plaudert. – Und dann, gnädige Frau –«

Er setzt sich plötzlich im Sessel aufrecht und streckt mir mit einer verzweifelt flehenden Gebärde die Hände entgegen: »Was haben Sie sich um Gottes willen dabei gedacht, nicht eine Spur von Pikanterie in diese Gespräche zu mischen! Wie in aller Welt glauben Sie, ein Publikum zu finden, wenn Sie die erotischen Probleme mit einer so geradezu minutiösen Sauberkeit behandeln? Mein Gott, der Titel verpflichtet doch schon beinah! Ja, wenn Sie schon berühmt, oder wenigstens auf irgendeine sensationelle Art gestorben wären! – Man liest ja schließlich auch die Droste und Eichendorf und Hölderlin, und neuerdings ist bei den Obersnobs Klopstock wieder modern geworden und wird bald so bedeutend sein wie Goethe – aber lebend und unberühmt und weder pikant noch pervers! – Unmöglich!«

Und Kurt Georgi macht eine abschließende Handbewegung, die mich erledigt, und lehnt sich mit allen Zeichen der empörten Hoffnungslosigkeit im Sessel zurück.

»Vielleicht lockt der Titel,« versuche ich einzuwenden. »Oder wenn man einen himmelschreiend neuartigen Buchdeckel machte –«

»Nein, nein,« wehrt er ab, »uns bleibt nur zu hoffen, daß der eine oder der andere Ihrer eventuellen Leser in dem Umgehen jeder erotischen Pikanterie eine besonders prickelnde Nuance entdeckt. Ja, sehen Sie,« setzt er wie neubelebt durch diesen Hoffnungsstrahl hinzu, »das halte ich noch nicht für ganz ausgeschlossen.«

»Diesem verständnisvollen Leser möchte ich schon im voraus dankbar die Hand drücken,« sage ich lachend, »und ihn unter meine Freunde einreihen, denn er hat richtig erkannt, daß die ungesprochenen Worte meist die bedeutungsvolleren sind, daß sie noch wahrer zu reden verstehen und –« Ich stocke, denn Kurt Georgi blickt mir, den Kopf in die Hand gestützt, mit einem forschenden Blick in die Augen.

»Und noch feiner zu lügen,« setzt er langsam hinzu.

»Nein, nein,« winke ich ein bißchen nervös ab, »ehrlich werden ist gegen die Abrede und in dieser Atmosphäre so wenig angebracht wie Schreien oder große Worte machen in diesem Buch. Die Frau hier und dort ist nun einmal nicht für die großen Worte geschaffen, ebensowenig wie für die großen Erlebnisse.«

»Das weiß Gott,« nickt Georgi elegisch. »Dazu ist sie leider nicht trivial genug. Sie sitzt lieber wie die besonders kostbaren und zerbrechlichen Kunstwerke in den Museen unter einer Glasglocke oder von einer roten Schnur umgeben, die sie kaum bemerkbar, aber unüberwindlich von der Welt abschließt. Und da sie gewohnt ist, jede Arbeit im Leben von anderen für sich verrichten zu lassen, so läßt sie natürlich auch die anderen für sich erleben. – Was übrigens sicher der höchste Grad von Vornehmheit ist.«

»Lieber Georgi,« sage ich, »was heißt denn erleben? Müssen wir denn immer leibhaftig mitagieren und die Bombenrolle in dem Stück spielen? Muß es nicht auch Zuschauer geben, die entzückt oder schaudernd miterleben, was sich auf der Bühne begiebt?«

»Nein,« antwortet er, »auch der Zuschauer da unten muß ein eigenes Leben haben, wie könnte er sonst Schauer und Entzücken fühlen? Nur die Wonnen, die in unserem eigenen Empfindungsbereich liegen, können uns erregen, und nur der Schmerz, der unserem eigenen verwandt ist, rührt uns zu Tränen.«

»Und so weint im Grunde genommen jeder nur um sich selbst.«

»Und wenn ich eine Minute lang ehrlich sein darf,« fährt Georgi fort, »ich glaube auch gar nicht an dies vollkommen selbstaufgegebene Miterleben und an die lächelnde Gleichmäßigkeit der Frau in Ihrem Buch. Viel eher glaube ich, daß sie in diesen Gesprächen eine schwere Enttäuschung nicht totschweigt, wie Sie meinten, sondern totplaudert, was ja manchmal dasselbe bedeutet. Und noch eher glaube ich, und sage es, selbst auf die Gefahr hin, bei der Verteilung der Ästhetenkeks leer auszugehen, noch eher glaube ich, daß sie ein ganz raffinierter kleiner Racker ist. – Ja, ich würde vorschlagen,« und Kurt Georgi deutet das Folgende in seiner lebhaften Gebärdensprache an, »ich würde vorschlagen, an der roten Schnur in Manneshöhe eine Warnungstafel für geistreiche und gemütvolle junge Leute anzubringen: ›Hier liegen Fußangeln‹ –«

»Scht! Scht!« winke ich erschrocken ab, und er setzt schnell hinzu: »Es war natürlich von der Frau in dem Buch die Rede.«

»Das versteht sich,« antworte ich, »und ich bin glücklich über Ihr Urteil, so hart es ist. Denn daß diese Frau es vermocht hat, Furcht und Mitleid in Ihnen zu erregen, genau nach der altgriechischen Vorschrift für Kunstwerke, das spricht doch ungeheuer für mich und mein Buch. Es ist der kleine süße Kern, den ich aus Ihrer bitteren Kritik herausschäle, das Ja, daß ich trotz aller Verneinung höre. – Und nun sollen Sie doch unter die Freunde hier aufgenommen werden, und zwar nicht als letzter, sondern als erster im Dutzend. Ich will unser heutiges Gespräch als Einleitung in das Buch setzen, denn nach einem Vorwort habe ich schon lange verzweifelt gesucht. Da weiß der Leser doch gleich, woran er ist, und die Sache hat noch das Gute, daß die Einleitung zugleich als Schlußwort gelten kann.«

»Gott bewahre,« sagt Kurt Georgi entsetzt, »auf so etwas hätte man doch wenigstens vorbereitet sein müssen. – Aber,« setzt er nachdenklich hinzu, »wenn ich auf die ökonomische Ausschlachtung meiner geistigen Arbeit eingehe, welche Belohnung haben Sie mir zugedacht?«

Ich sehe ihm in die vor Schelmerei ganz schmal gewordenen Augen und muß unwillkürlich lächeln.

»Ja, ja,« nickt er, »hier wäre die beste Gelegenheit, eine Pikanterie anzubringen, wenn ich Ihnen diesen literarischen Rat erteilen darf.«

»Unmöglich!« sage ich und schiebe den kleinen Tisch mit Kaffee und Kuchen zwischen uns. »Was sollte der Leser von uns denken!«

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