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Gespräche im Zwielicht

»Mir scheint, Sie weiden sich an meiner Todesqual –«

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Illustration from Gespräche im Zwielicht

Wir haben uns gezankt und sitzen uns nun gegenüber wie Kinder, die beide ihre Heftigkeit bereuen und doch zu eigensinnig sind, das erste gute Wort zu sprechen. Wir sehen einander nicht an, aber ich merke, daß seine Hand, die die Zigarette hält, ein bißchen zittert, und wieder einmal, wie nach jedem Streit mit Herbert Arndt, steigt in mir das Mitleid auf.

Vielleicht habe ich ihm doch unrecht getan, als ich ihn oberflächlich genannt, denke ich, und weiß doch zugleich, daß der scheinbar tiefe Eindruck, den der Wortwechsel auf ihn gemacht hat, wie der Eindruck ist, den man einem Gummiball beibringen kann. Sobald du den Finger zurückziehst, ist alles, wie es war.

Und dieses Wissen um Herbert Arndts stets veränderliche Unveränderlichkeit ist es vielleicht, was mich ihm gegenüber oft zu einer Heftigkeit hinreißt, die mir sonst ganz fremd ist und die mich im Augenblick weit über den zufälligen Anlaß hinaus erbittert.

Was konnte es mich zum Beispiel kümmern, daß Herbert Arndt heute fast verächtlich von einem Menschen sprach, den er vor kurzem voll Begeisterung einen bedeutenden Mann von seltener geistiger Anmut genannt, und für dessen vornehm künstlerische Lebensgestaltung er eine andachtvolle Bewunderung gezeigt hatte.

Heute entsann er sich dessen kaum und nannte das Wesen des vor ein paar Tagen so hoch Gepriesenen unmännlich und affektiert, im Gegensatz zu der kraftvollen und knorrigen Einfachheit, mit der alle wirklich Großen ihr Leben geführt. Und ich wurde gereizt und nannte es Haltlosigkeit, nie bei einer Empfindung und einem Urteil beharren zu können und, wie die Snobs, immerfort seine Geschmacksrichtung zu ändern, sobald von den Obersnobs eine neue Parole ausgegeben wird. Und er nannte es Sentimentalität oder Indolenz, an alten Erinnerungen und alten Wertschätzungen zu kleben, und wir steigerten uns in immer größeren Zorn, und plötzlich schwiegen wir beide, weil wir fühlten, daß wir nicht weitergehen durften.

Und jetzt sitzen wir da und möchten uns versöhnen und wissen nicht wie. Endlich steht Herbert auf und sagt mit etwas rauher Stimme, der man noch die Erregung anhört:

»Ich will Sie lieber jetzt von meiner Gegenwart befreien. Ich kann mir denken, wie peinlich Ihnen der Anblick eines so charakterlosen und minderwertigen Menschen ist.«

Nun muß ich doch lachen. »Ich finde, Ihre Zerknirschung geht zu weit.« Er verzieht den Mund: »Ich habe mich augenblicklich nur mit Ihren Augen gesehen.«

»Ich habe diese Worte nicht gebraucht,« antworte ich, »und Sie wissen sehr gut, daß ich mit einem Menschen, den ich für charakterlos und minderwertig halte, nicht fünf Minuten lang sprechen, wieviel weniger mich in einen Streit einlassen würde.«

»Ach so,« bemerkt er, »dann habe ich es vielleicht als Ehre aufzufassen, daß Sie sich die Mühe nahmen, mich einen Snob und einen Menschen ohne inneren Halt zu nennen.«

»Mindestens als einen Beweis sehr herzlicher Freundschaftsgefühle,« antworte ich und sehe, wie ihm wider Willen ein Lächeln um die Mundwinkel zuckt. Und ich sage:

»Seien Sie kein Frosch, Herbert Arndt, und setzen Sie sich noch mal hin, denn gewöhnlich machen Sie's doch wie Wotan im letzten Akt der Walküre und nehmen stundenlang Abschied. Und in der Zeit kann man ebensogut vernünftig reden.«

Er setzt sich zögernd, denn trotz des Lächelns ist sein Ärger noch nicht überwunden, und ich schiebe ihm seine Tasse und den Kuchen näher, weil ich finde, daß es fast nichts auf der Welt gibt, das nicht gleich ein bißchen weniger schlimm aussieht, sobald man Kaffee und Kuchen vor sich hat.

Wir schweigen einen Augenblick, dann sagt Herbert: »Was mich am meisten beleidigt, ist ja gar nicht, daß Sie meine Art, die Dinge zu sehen, verachten. Ich kann Ihnen das nicht verwehren, denn jeder schätzt im Grunde genommen nur seine eigene Lebensanschauung, und wenn wir von jemandem sagen, daß er vernünftige Ansichten habe, dann hat er sicherlich die gleichen Ansichten wie wir. Was mich beleidigt, ist, daß Sie an meine Art, die Dinge zu sehen, überhaupt nicht glauben, daß Sie annehmen, ich rede nur so oder so, um mich interessant zu machen, oder aus Affektiertheit oder aus irgendeiner anderen Verlogenheit heraus.«

»Nein,« unterbreche ich ihn, »das ist ganz gewiß nicht der Fall. Und das ist eigentlich das Traurige an der Sache, das Hoffnungslose, möchte ich sagen, daß Sie immer ehrlich sind.«

»Und gerade deshalb ist der Fall hoffnungslos?« fragt er. »Wie soll ich das verstehen?«

»Es ist ganz einfach,« antworte ich, »und ich will's Ihnen erklären, selbst auf die Gefahr hin, Sie noch einmal zu beleidigen und auf die Gewißheit hin, daß es nichts nützt, denn ein Mensch, der sich immerfort ändert, der kann sich niemals ändern.«

Herbert hebt erstaunt den Kopf. »Und ich ändere mich immerfort,« fragt er.

»Und Sie wissen das gar nicht?« frage ich dagegen. »Sie wissen es gar nicht, daß bei Ihnen immerfort ein Eindruck den anderen verwischt und auslöscht, und daß Sie immerfort wie auf einem dünnen Seil gehen, nichts rechts, nichts links, so daß man ordentlich schwindelig wird, wenn man Ihnen zusieht.« – »Ich verstehe das nicht,« sagt Herbert schroff.

»Nun also,« antworte ich, »dann will ich Ihnen aus der leider übergroßen Fülle der Beispiele nur eines nennen: Waren Sie nicht vor kurzem noch ganz berauscht von den Versen Stefan Georges, den Sie nach Goethe den einzigen deutschen Dichter nannten? Und sprachen Sie nicht ein paar Tage darauf sehr abfällig von seiner hypermodernen Pathetik, die doch im Grunde genommen hohl sei, wenn man einen einzigen Mörikeschen Vers damit vergleicht? Und war nicht wieder ein paar Tage darauf Mörike spießbürgerlich und deutsch-borniert und veraltet, weil Sie gerade bei irgendeinem dekadenten französischen Absinthlyriker angelangt waren? – Und ist es nicht so auf jedem Gebiet? Die fanatische Ausschließlichkeit, mit der Sie jeden Tag eine andere Sache anbeten und jeden Tag mit der gleichen überzeugenden Ehrlichkeit, als gäbe es nur die eine auf der Welt, die macht mich müde und ungeduldig zugleich.«

Herbert schüttelt den Kopf. »Ich verstehe nicht, was Sie mir vorwerfen. Gefühl ist doch nichts, was ein für allemal feststeht, Empfindungen, selbst die wärmstem schwanken auf und ab. Und wären wir Menschen, wenn wir nicht Stimmungen unterworfen wären?«

»Ja,« nicke ich, »oft denke ich, Sie haben gar keine Empfindungen, sondern nur Stimmungen, oder besser gesagt: Anwandlungen, und Anwandlungen kommen nicht aus dem Gemüt, sondern aus den Nerven und der Phantasie.« – »Und was ist Gefühl denn anderes als Betätigung der Nerven und der Phantasie?« fragt Herbert lebhaft und schnell. »Können wir irgend etwas empfinden, Liebe, Haß, Mitleid, Begeisterung, Freude oder Schrecken, ohne daß unsere Nerven zucken und unsere Phantasie die Flügel hebt? Der phantasieloseste Mensch ist der gefühlloseste zugleich, und – so paradox es klingen mag – die Verstandsmenschen sind die dümmsten von allen.«

Ich nicke ihm langsam zu: »Es ist wahr, wir sind alle nur bauernschlau, solange es uns nicht gegeben ist, weise zu sein. Und auch das andere, was Sie sagten, ist wahr: Es gibt kein wertvolles Gefühl ohne Phantasie. Aber die Phantasie muß in unserem Gemüt ihren Ursprung haben, sonst ist der Mensch wie ein Ofen, der von außen erwärmt wird statt von innen, der heiß, vielleicht sogar überheizt erscheint, aber niemals Wärme abgibt und verströmt.«

»Ein sinnfälliger Vergleich!« sagt Herbert, und sein Mund verzieht sich spöttisch. »Ich gebe allerdings zu, daß ich wenig Talent zum traulich wärmenden Ofen habe, und offen gesagt, mein Ehrgeiz geht nicht dahin. – Ich gebe auch zu,« fährt er nach einem kurzen Schweigen fort, »daß ich leicht von diesem oder jenem Eindruck überwältigt werde und leicht alles andere darüber vergesse, aber ich schäme mich dessen nicht, im Gegenteil, ich bin froh und glücklich darüber, denn ich selbst liebe nur Menschen, die impulsiv und warm und stark empfindend sind.«

»Ach, lieber Freund,« sage ich, »heute! Heute lieben Sie die Impulsiven, vielleicht weil heute morgen oder gestern abend ein liebes Mädel in schöner Impulsivität Ihnen die Hand hingestreckt und etwas Herzliches gesagt hat. Und morgen lernen Sie eine interessante Frau kennen, die kühl und geheimnisvoll und verschlossen ist, und dann erzählen Sie mir, daß alles Impulsive doch eigentlich recht vulgär sei, und daß der wahre Reiz eines Menschen in seiner geheimnisvollen Verschlossenheit läge.«

»Ja,« antwortet Herbert, »und Sie erzählen mir dann, was ich Ihnen gestern erzählt habe, und werfen mir meine Treulosigkeit gegen das liebe Mädel vor. Aber der Reiz des Lebens liegt doch gerade darin, daß ich heute die Impulsiven lieben darf und morgen die Verschlossenen.«

»Ach, lassen wir's,« sage ich ein bißchen müde, »ich merke schon, wir reden aneinander vorbei und werden uns nicht verstehen.«

»Das ist weibliche Kriegstaktik,« antwortet Herbert, »sobald sie nichts zu antworten wissen, ziehen sie sich hinter die männliche Begriffsstutzigkeit zurück. Aber ich möchte jetzt meine Sache bis zu Ende verfechten und erbitte mir Antwort darauf, weshalb es ein, – nun sagen wir, ein verächtlicher Zug sein soll, jeder Art und Gattung Geschmack abgewinnen zu können.« – »Das ist's ja nicht,« sage ich seufzend, »und ich möchte Ihnen gerne noch einmal antworten, aber ich fürchte, die Anklagerede wird lang.«

»Wenn ich als Delinquent einen letzten Wunsch äußern darf,« sagt Herbert, »dann möchte ich mir noch ein Stück Kuchen erbitten.«

»Gewährt,« antworte ich, »und möge Ihnen das letzte Stück Kuchen leicht werden!« – »So leicht wie Ihnen mein Todesurteil,« erwidert er mit einer höflichen Verbeugung und zieht sich den Teller mit Kuchen näher heran.

Mein Ärger ist längst verflogen, und ich muß lachen.

»Mir scheint, Sie weiden sich an meiner Todesqual?« fragt er kauend, »oder hat meine sieghafte Liebenswürdigkeit so schnell die Wolken von Ihrer Stirne verjagt? – Es wäre eigentlich schade,« setzt er hinzu, »denn ich hatte mein ganzes Wesen schon auf Bußfertigkeit eingeschaltet, und außerdem war es von jeher meine Leidenschaft, zuzuhören, wenn von mir die Rede war.« – »Ja,« sage ich, »es ist die einzige Leidenschaft, der Sie bis jetzt treu geblieben sind.«

Er sieht mich einen Augenblick schweigend an und sagt dann: »Über diesen Punkt dürften Sie besser orientiert sein.«

»Ich weiß,« antworte ich nach einer kleinen Pause, »aber ich finde immer, das erotische Gebiet, denn darauf spielen Sie ja an, liegt so abseits, daß es nicht in Betracht kommen kann, wenn von dem Charakter eines Menschen die Rede ist. Und selbst wenn jemand hartnäckig an seiner ersten Liebe hängen sollte –«

»Erste Liebe,« unterbricht er mich lächelnd.

»Oder an seiner dritten oder vierten,« antworte ich, »denn eine erste Liebe gibt es ja eigentlich nicht, weil immer schon eine vorher dagewesen ist. Aber es handelt sich jetzt gar nicht um die Treue gegen andere, sondern um die Treue, die wir uns selbst schuldig sind.«

»Uns selbst, uns selbst,« sagt Herbert ungeduldig, »wie einfach klingt das! Aber wer von uns kennt sich und wertet sich richtig? Wir sind doch viel zu sehr in uns selbst gefangen, um unbefangene Richter über uns zu sein.«

»Aber lieber Freund,« sage ich, »was hat die Treue mit der Erkenntnis zu tun, da sie doch nichts Bewußtes ist, sondern so selbstverständlich wie das Atemholen, und da sie aufhört zu existieren, sobald sie bewußt und ein Willensakt geworden ist. Und wer wir selbst sind, fragen Sie? Nun, wir sind nicht nur die, die jetzt hier sitzen und reden. Zu uns gehört alles, was wir vor Jahren und Monaten, und was wir gestern und heute erlebt und gefühlt haben. Und wenn wir das täglich und stündlich von uns werfen können wie alte Kleider, dann werfen wir uns täglich und stündlich selber weg. Wie ein Mensch ohne Schatten sind wir dann, und ich begreife jetzt, was ich als Kind nie verstanden habe, weshalb Chamisso es als so traurig und als so schmachvoll hinstellt, keinen Schatten zu haben.«

Herbert ist blaß geworden. »Traurig und schmachvoll,« wiederholt er, während er mit nervöser Hand seine Zigarette in der Schale zerdrückt.

Dann hebt er den Kopf, und seine Augen haben den eigensinnig fanatischen Blick, den ich kenne.

»Vielleicht haben Sie Chamisso doch falsch verstanden,« sagt er leise, »vielleicht war es nur deshalb so traurig und schmachvoll, keinen Schatten zu haben, weil alle Welt einen Schatten hat, und weil alle Welt die haßt und verachtet, die anders sind als alle Welt.

Und jetzt will ich gehen,« sagt er aufstehend, und setzt mit einem sonderbaren, etwas hilflosen Lächeln hinzu: »Diesmal nicht wie Wotan.«

»Und doch wie Wotan,« sage ich und strecke ihm die Hand hin, die er einen Augenblick sehr fest in seiner hält. »Leben Sie wohl, einäugiger Wanderer!«

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