Von Seelenmalerei und einer geschwollenen Backe
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Man hat mir so lange vorgeredet, ich müsse mich malen lassen, bis ich selber von ungeduldigem Verlangen nach meinem Bildnis erfaßt wurde und die Sache mit Karl Gerhard besprach. Von dem naheliegenden Gedanken, daß er der Maler des Bildes werden solle, haben wir schnell abgesehen, denn unsere Freundschaft ist uns zu heilig, um sie leichtsinnigerweise einer so harten Probe auszusetzen.
Er hat mir aber einen jungen Künstler aus seinem Bekanntenkreis empfohlen, der sich schon mit viel Glück im Porträtieren versucht habe, ganz modern und ein Werdender sei. Von jeher waren mir die Werdenden interessanter als die Gewordenen, und als mir Gerhard noch erzählte, daß Artur Vollmer es besonders gut verstehe, die Seele seines Modells zu versinnbildlichen, da war mein Entschluß gefaßt.
Wie wird er meine Seele malen? Diese Frage hat mich tagelang aufs angenehmste beschäftigt.
Auch jetzt, während ich zur Besprechung in Artur Vollmers Atelier bin, verläßt sie mich nicht, sie hat aber inzwischen etwas leicht Beängstigendes angenommen.
Wir haben ein paar nebensächliche Fragen bereits erledigt, er hat mir eine Zigarette gereicht, und ich habe versucht, mit ihm zu plaudern, da ich mir einrede, daß er bei dieser Gelegenheit meine Seele kennenlernen will. Vorerst scheint es ihm noch nicht sehr darum zu tun zu sein, denn er hat bis jetzt jedes meiner Worte nur mit einem leisen Lächeln quittiert, das genau die Mitte zwischen Höflichkeit und Unverschämtheit innehält. Ich ziehe es daher vor, schweigend die Bilder zu betrachten, die bunt und wirr an den Wänden hängen, und mein Blick bleibt an einem kauernden, etwas unproportionierten Mädchen haften, das so angestrengt bemüht ist, sich ein Strumpfband ums Bein zu binden, daß ihm die Haare wild übers Gesicht hängen.
Und ich kann die Frage nicht unterdrücken, warum dieses junge Mädchen sich so leidenschaftlich um sein Strumpfband bemüht, da es doch weder Strümpfe noch sonst etwas an Kleidung Erinnerndes auf dem Leibe hat.
»Es ist eine Studie,« beantwortet Vollmer meine unkünstlerische Frage, und ich bin zufrieden.
»Dies Ding ist übrigens eines der ersten, die ich gemacht habe,« spricht er zu meinem Erstaunen weiter, sich mit einem schwermütigen Lächeln zu mir wendend. »Es stammt noch aus der Zeit, als ich ein junger Springinsfeld war und mir wer weiß was vom Leben versprach.«
Er spricht langsam und in einem sehr weichen Dialekt eigner Erfindung und erzählt nun, einmal in Gang gekommen, ausführlich von den Enttäuschungen des Künstlerlebens, den Intrigen der stümpernden Kollegen, der Parteilichkeit der Ausstellungsdirektoren und der Verlogenheit der Kunsthändler. – Ich höre schweigend zu, und während sein sanft sonores Organ mich weich umspült, gerate ich langsam in jenen fast hypnotischen Zustand, der mich jedesmal überkommt, wenn die Maniküre die Fingerspitzen meiner einen Hand sanft streichelt, während die der anderen im lauwarmen Seifenwasser ruhen.
»Ja,« schließt er jetzt sein Gespräch, »wenn man nicht als Künstler geboren wäre! Lieber hätte man in seiner Jugend Holzhacken lernen sollen, es wäre damit besser für das Alter gesorgt.«
Ich schüttle den hypnotischen Bann so gut es geht von mir und sage, noch ein wenig benommen: »Es ist gewiß sehr traurig, daß so viele Menschen die erste Hälfte ihres Lebens dazu benutzen, die zweite unglücklich zu machen.«
Vielleicht, daß dieser sonst gute Ausspruch nicht hierhin paßt, vielleicht auch, daß Vollmer die Abstecher ins Allgemeine nicht liebt, jedenfalls geht er mit einem leisen, etwas unbehaglichen Räuspern darüber hinweg, und ich setze schnell hinzu:
»Aber die Kämpfe, die Sie mir geschildert haben, sind ja kein Unglück zu nennen und sie bleiben wohl keinem erspart, der seine Persönlichkeit durchsetzen will.« – »Gewiß,« bestätigt Vollmer, »und je neuartiger und origineller die Persönlichkeit sich äußert, um so härter sind heutzutage die Kämpfe mit der Lauheit und der Bequemlichkeit des Publikums.«
»Man sagt das allgemein,« antworte ich und sehe mit Schrecken, daß wieder ein leises Unbehagen über seine etwas verschwommenen Züge geht, »aber ich finde, gerade das Gegenteil ist heute der Fall. Noch zu keiner Zeit lief eine neue und eigenartige Begabung so wenig Gefahr, übersehen oder verlacht zu werden, wie heutzutage. Wir verehren und lobhudeln ja alles Schrullenhafte, und je absurder sich ein Künstler in seinen Werken gebärdet, um so eifrigere Anhänger und Förderer wird er finden. Gefahr, übersehen zu werden, laufen eigentlich nur die Stillen im Land, die einfach schaffen, wie sie können und müssen, ohne sich um Richtungen und Moden zu kümmern, die unliterarischen, möchte ich sagen.«
»Die Langweiligen mit einem Wort,« lächelt Vollmer.
»Nun ja,« antworte ich lachend, »zur Gesellschaft sind mir auch die anderen lieber, die vielseitig Interessierten, die lebhaft Bewegten, die eigenartig Schillernden. Aber ich glaube bestimmt, die wirklichen Künstler kommen aus der anderen Sphäre, aus der Sphäre der Einseitigen und Schwerfälligen, die darum in Gesellschaft langweilig sind, weil sie in ihrer Seele zuviel Kunst haben und zuwenig Literatur.«
Vollmer schweigt ein paar Sekunden. »Ja, ja, die Seele,« bemerkt er dann sinnend, und mir fällt plötzlich wieder der Zweck meines Besuches ein.
»Sie sollen ja ein ganz besonders feiner Forscher auf diesem Gebiet sein,« sage ich, »wenigstens hat man mir berichtet, daß Ihre Bilder wahre Seelenporträts seien, und ich muß sagen, ich bin gespannt –.«
Artur Vollmer lächelt zurückhaltend und weist mit der Hand auf ein großes Bild, das gleich beim Eintritt meinen Blick auf sich gelenkt hat und das ich jetzt aufmerksam betrachte. »Porträt von H. K.« steht darunter, und es stellt einen sorgsam und elegant gekleideten jungen Mann von phantastischer Häßlichkeit dar, der in einer romantischen Landschaft im Profil steht und einen Apfel, den er zwischen Daumen und Zeigefinger hält, entsetzt betrachtet.
»Sehr eigenartig,« sage ich höflich und überzeugt. »Ist es wirklich ein Porträt?«
»Sie kennen das Modell,« antwortet er und setzt nachlässig hinzu: »Auf die äußere Ähnlichkeit haben wir allerdings verzichtet, aber Sie müßten ihn schon an der Art erkennen, wie er den Apfel hält.«
Ich will schon bedauernd den Kopf schütteln, denn mir fällt keiner meiner Bekannten ein, der die Gewohnheit hat, einen Apfel mit zwei Fingern zu halten, doch da kommt mir der rettende Gedanke: – Seelenmalerei! Und ich sage stolz und glücklich: »Vielleicht ist es einer, der alle Dinge im Leben sehr vorsichtig anfaßt?« – »Ja,« nickt Artur Vollmer, »mit einem gewissen Abscheu sogar. Betrachten Sie den Ausdruck von Ekel in seinem Gesicht.«
»Nun ja,« sage ich etwas zaghaft, »aber genügt dieser eine Zug, um das Bild Porträt zu nennen? Und warum, wenn Sie H. K. schon malen wollten, haben Sie so vollkommen auf die Ähnlichkeit verzichtet?«
Vollmer schweigt einen Augenblick und sagt dann mit einem zerstreuten Blick aus dem Fenster: »Ähnlichkeit bekommen Sie für zwanzig Mark das Dutzend beim Photographen.«
Und so stark ist die Suggestionskraft seiner Worte, daß mir in diesem Augenblick die Photographen als eine durchaus minderwertige Menschengattung erscheinen. Aber dann erwacht mein besseres und mutiges Selbst und ich riskiere die Schreckensfrage, die Banausenfrage, die Frage, mit der man jungen Malern das Gruseln beibringt:
»Kann ein Porträt nicht künstlerisch und doch ähnlich sein?«
Und Artur Vollmer antwortet denn auch mit einem leisen Klang von Gereiztheit in seiner milden Stimme: »Sie sprechen immer von Ähnlichkeit, gnädige Frau, und das ist in der Kunst ein so ganz verfehlter Standpunkt. Die Hauptsache, daß das Bild ein Kunstwerk ist. Wer fragt in den Galerien und Museen heute danach, ob die Porträts von Dürer und Rembrandt und Van Dyk dem Modell auch ähnlich waren. Es sind Kunstwerke, und sie bleiben bestehen, während die Ähnlichkeit von heute schon morgen nicht mehr wahr ist.«
»Das ist sehr richtig,« antworte ich, »nur ist es dann nicht nötig, sich selbst malen zu lassen. Ich kann mir statt dessen irgendein berühmtes Bild eines berühmten Meisters kaufen, dessen Wert anerkannt ist, während es doch bei aller Hochachtung vor Ihrer Kunst noch nicht völlig sicher ist –«
»Daß ich Rembrandt oder Van Dyk erreiche,« unterbricht er mich, und die Stimme umspült mich wieder sanft wie Seifenwasser. »Nein, gnädige Frau, das ist sogar sehr unsicher, aber Sie vergessen, daß es noch eine andere Ähnlichkeit gibt, als die rein äußerliche, von der Sie reden. Die Ähnlichkeit, die vielleicht nur der Künstler sieht. – Kennen Sie den hier?«
Und er nimmt ein Bild vom Boden, das bis jetzt mit dem Gesicht nach der Wand gestanden hat, und stellt es auf eine Staffelei.
»Mein Gott!« sage ich entsetzt, »Frank Meinert.«
Es ist wirklich Frank Meinert, der mir aus einem blutigroten Hintergrund entgegenstarrt. Frank Meinert mit einer blutigroten Krawatte, die eine Backe geschwollen, die Züge nicht ganz unähnlich, aber ins brutal Verbrecherische verzerrt, und mit dem bösartig lauernden Ausdruck, mit dem die Shakespeareschen Meuchelmörder über die Bühne zu schleichen pflegen.
»Mein Gott!« wiederhole ich nur, aber in meinem Innern setze ich hinzu: Was wird er aus meiner Seele machen? Gott sei meiner armen Seele gnädig!
Und nach diesem Stoßgebet frage ich gefaßt:
»Sie sind befreundet mit Frank Meinert?«
»Ja,« sagt er, »wir treffen uns oft des Abends im Café und auch sonst –«
»Und so erscheint Ihnen seine Seele?«
»So sehe ich ihn,« antwortet er einfach.
»Nun,« sage ich, »dann bewundere ich aufrichtig Ihren Mut. Fürchten Sie denn gar nicht, daß er Ihnen eines Abends Strichnin oder Zyankali in den Kaffee schüttet, oder daß er Sie auf dem Heimweg mit einem Schlagring überfällt?«
Vollmer lächelt melancholisch. »Nein,« sagt er, »was Sie da auf dem Bild sehen, ruht ja ungewußt und ungehoben in den tiefsten Gründen seines Wesens. Es wird nie zutage kommen.«
»Das wollen wir zu Gott hoffen!« antworte ich inbrünstig. »Lebenslängliches Zuchthaus wäre das wenigste. – Übrigens maße ich mir kein Urteil darüber an, ob nicht wirklich brutale Triebe in Franks Seele schlummern. Er deutet selbst gern so etwas an, aber das ist kein Grund dafür, es nicht zu glauben. Kein Mensch kann dem anderen bis auf den Grund der Seele blicken, schon darum nicht, weil die Seele keinen Grund hat. Es geht immer noch tiefer und tiefer. Und wahrscheinlich könnten Sie jeden von uns mit dem gleichen Recht zum Verbrecher stempeln. – Zum mindesten freundschaftlich kann ich das Bild nicht finden.«
»Und wie würden Sie an meiner Stelle Frank gemalt haben?« fragt Vollmer lächelnd, indem er das Gemälde, diesmal richtig herum, an die Wand lehnt.
»Nun,« sage ich, »da Sie die Bilderrätsel lieben, hätten Sie ihn für mein Gefühl am besten als Narziß gemalt, schwermütig am Bach ruhend, verliebt und versunken in sein Spiegelbild. – Darf ich mir aber noch die Frage erlauben, welche Bedeutung die geschwollene Backe auf dem Bild hat?«
»Da ist doch keine geschwollene Backe,« widerspricht er zum erstenmal wirklich gereizt und holt das Bild wieder herbei. »Ich bitte Sie, das scheint doch nur so durch die Haltung und die Beleuchtung.« – »Ach so,« sage ich, froh, daß keine Beziehung zwischen Franks Seele und dieser Schwellung besteht.
»Und wie denken Sie sich mein Bild?« frage ich dann etwas ängstlich und setze mich vorsichtshalber.
»Tja,« sagt er, mich nachdenklich betrachtend, »ich dachte zuerst, als ich Sie sah, an die Franzosen. Renoir oder so etwas. Aber ich bin davon abgekommen. Ich möchte Sie jetzt am liebsten als Daphne malen.« – »Daphne?« wiederhole ich und wühle verzweifelt in den Untergründen meiner mythologischen Erinnerungen. Leider umsonst. »Es wird nur seine Schwierigkeiten haben,« fährt er fort, »wegen der Bekleidung und auch sonst.«
Ich blicke unwillkürlich zu dem Mädchen mit dem Strumpfband hinüber und bitte dann etwas verschüchtert um Aufklärung über Daphne.
»Daphne,« erklärt er, auf der Tischkante sitzend, mit weicher Stimme, »war die Tochter der Gäa, zu deutsch Erde, und des arkadischen Flußgottes Ladon. Andere behaupten zwar, daß Amyklas ihr Vater war und noch andere nennen Pennios, aber –« – »Lassen wir die Frage offen,« schlage ich vor, »Sie wissen La recherche de la paternité –« Er lächelt und fährt fort:
»Apollo liebte Daphne, aber er hatte einen Nebenbuhler an Leukippos, der ihr als Jungfrau verkleidet folgte und auf Apollos Veranlassung hin von den Nymphen getötet würde. Nun floh Daphne auch vor Apollo, sie wurde von ihrer Mutter aufgenommen und in einen immergrünen Lorbeerbaum verwandelt.«
Ich sitze ein paar Sekunden lang still, fasse mich aber allmählich und sage: »Also alles in allem ein Mädchen von Charakter. – Nun gestatten Sie mir aber bitte noch ein paar Fragen: Zuerst, in welchem Stadium ihres ereignisreichen Lebens wollen Sie Daphne malen? Zweitens, woran soll man mich als Daphne erkennen? Und drittens und letztens, warum überhaupt Daphne?«
»Ich sagte es ja schon,« antwortet Artur Vollmer, »die Sache wird ihre Schwierigkeiten haben. Aber die Idee wird mir lieb und lieber, je mehr ich darüber nachdenke. Es liegt eine tiefe Symbolik darin: Die Frau, die sich, vor dem Geliebten fliehend, in Lorbeer verwandelt. Man müßte natürlich diesen Moment festhalten, noch halb Weib, halb schon Baum –.«
Ich habe plötzlich das Gefühl, als ob ich schon halb zum Baum erstarrt wäre und mache heimlich ein paar schlenkernde Bewegungen mit den Beinen, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Dann stehe ich auf und sage:
»Ihre Idee ist wirklich sehr interessant und sogar geistreich wie alle Ihre Bilder. Aber ich weiß doch nicht, ob ich mich dazu entschließen kann, Ihnen als Daphne zu sitzen. Ich glaube, daß mein tiefstes Wesen in Ihrem Daphnebild nicht zum Ausdruck käme. Ich mache Ihnen daher einen anderen Vorschlag: Malen Sie mich ganz einfach hier im Sessel sitzend, möglichst bequem, das entspricht am besten einem Grundzug meines Wesens. Und machen Sie das Bild so ähnlich wie möglich, dann wird ganz gewiß auch etwas von meiner Seele in Ihre Farben fließen, denn ich bilde mir ein, daß meine Seele meinem Gesicht gar nicht so unähnlich ist. – Und wann wollen wir anfangen?«
Wir bestimmen die Zeit, und ich verabschiede mich von dem etwas frostig gewordenen Künstler, und dann sitze ich im Auto und überlege mir den Fall.
Und je mehr ich darüber nachdenke, über die ausgeklügelt geistreichen Bilder und über das unproportionierte Mädchen mit dem Strumpfband und über Frank Meinerts geschwollene Backe, um so deutlicher steigt ein schwarzer Verdacht in mir heraus, der sich nach und nach zur Gewißheit verdichtet.
Und ich nehme mir vor, morgen zu Karl Gerhard zu sagen: »Lieber Freund, Ihr Protegé ist ein interessanter junger Mann, wenigstens versteht er mit herzlich wenig Unkosten darauf zu posieren. Er hat eine einschmeichelnde Stimme und sehr gepflegte Hände. Er ist in der Mythologie erstaunlich gut bewandert und hat die eigenartigsten symbolischen Ideen. Er versteht, sehr nüanciert zu lächeln, und ich bin überzeugt, daß er auch sonst noch allerlei kann. Nur ein einziges kann er ganz bestimmt nicht, und das ist eigentlich sehr schade: er kann nicht malen.«